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5 Weitere zentrale Botschaften in:

Andreas Lienkamp

Aufstand für das Leben, page 397 - 496

"Die Bremer Stadtmusikanten" und "Der Hauptmann von Köpenick" - Zum 200. Geburtstag des Grimm'schen und zum 90. des Zuckmayer'schen Märchens

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4383-7, ISBN online: 978-3-8288-7367-4, https://doi.org/10.5771/9783828873674-397

Tectum, Baden-Baden
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397 5 Weitere zentrale Botschaften Wenn Märchen, bezogen auf das jeweils herrschende System, das ja auch in dem besten aller Staaten immer noch unendlich weit von einer perfekten Welt entfernt ist, entweder affirmativ oder subversiv wirken können (vgl. Neuhaus 2017, 32), dann ist es keine Frage, zu welcher Kategorie unsere beiden Geschichten zählen. Lothar Bluhm meint: „So gehören zur Moderne-Entwicklung mit der ihr eigenen Doppelgesichtigkeit und den sie prägenden Widersprüchen schon von Beginn an Kompensationserscheinungen, Salvierungsprogramme und Eskapismen. Sie haben eine nicht zu unterschätzende Stabilisierungsfunktion im gesellschaftlichen wie individuellen Leben. Zu diesen Ausgleichserscheinungen der Moderne gehört die Karriere des Märchens. In ihr suchte und schuf zu Beginn der Moderne im späten 18. und im frühen 19. Jahrhundert eine verunsicherte Gesellschaft sich – wie in anderen Kompensationserscheinungen auch – ein Ausgleichsmoment. […] Die Welt des Wunderbaren, die im Märchen präsent ist, fungiert als Rückzugsraum und Gegenwelt zur Realität. In der Wunscherfüllung und im Happy-end lässt es die Fiktion einer geordneten und gerechten Welt für den Augenblick des Lesens wahr werden.“ (Bluhm 2012, o. S.) Wunsch, Gegenwelt, Gerechtigkeit? Ja. Kompensation, Eskapismus, Rückzug? Auf keinen Fall. Unsere beiden Märchen erlauben, entgegen Blums Einschätzung, keine Flucht aus der Wirklichkeit, keine „eskapistische Lektüre […] außerhalb der als unbefriedigend empfundenen Realität“. Ihre subversiven Botschaften ermöglichen vielmehr „Erkenntnisse […], die nach der Lektüre weiterwirken“ (Neuhaus 2017, 48) – wenn man sich darauf einlässt. Einige wichtige Botschaften der beiden Erzählungen wurden bereits aufgezeigt. Einige weitere, bisher nur angedeutete, werden nun ver- 398 Lienkamp: Aufstand für das Leben tieft. Aufgrund des deutlich größeren Textumfangs und einiger zusätzlicher, nahe an die Gegenwart heranreichender Themen, steht in diesem Kapitel Zuckmayers Märchen etwas im Vordergrund, ohne jedoch in irgendeiner Weise die ältere Erzählung zu verdecken oder gar zu verdrängen. Ganz im Gegenteil verstehe ich den ‚Hauptmann von Köpenick‘ als eine Fortschreibung der ‚Bremer Stadtmusikanten‘. Gründe dafür sind die zentrale Bedeutung der von Zuckmayer verwendeten Märchenzitate, die Ähnlichkeiten ihrer Grundthematik wie ihrer Struktur, die Seelenverwandtschaft der Hauptpersonen und die inhaltliche Nähe ihrer Schicksale, die Vergleichbarkeit der zugrundliegenden sozialen Konflikte, die Identität des beiden Geschichten eingeschriebenen Ethos’ sowie die in den Texten durchscheinende weitgehende Übereinstimmung hinsichtlich der Überzeugungen seiner Autoren. Deshalb schwingt die Grimm’sche Erzählung im Folgenden immer auch in den Passagen mit, in denen nicht ausdrücklich auf sie Bezug genommen wird. 5.1 Die Stärke kooperierender ‚Schwacher‘, oder: Vorrang von Moralität vor Legalität Wie die Brüder Grimm in der ‚Einleitung‘ zum ersten Band der zweiten Auflage ihrer KHM von 1819 schreiben, gehört der Kampf des Guten mit dem Bösen, „in vielfachen Verschlingungen und Wendungen dargestellt“, zu den Charakteristika der von ihnen gesammelten Erzählungen (KHM 21819, Bd. 1, XLIV). In diesen Konflikten verhält es sich dabei in aller Regel so, dass „das Gute und Reine“ schließlich als „das allein Wahre und Bestehende“ hervortritt und das Böse besiegt. „Und in wie viel schönen Zügen ist dabei das Menschliche eingeflochten!“ (ebd.) Die direkte Verbindung zu den utopischen Vorstellungen der sozial Unterprivilegierten liegt auf der Hand, wird doch hier der Sieg der Kleinen über die Großen „gegen die Wahrscheinlichkeiten der gesellschaftlichen Normalität […] ins Werk“ gesetzt (Richter 2010, 1300). Taylor, der Übersetzer der ersten englischen Ausgabe der KHM aus dem Jahr 1823, schreibt in seinen Anmerkungen zu unserem Märchentyp: „Die moralische Tendenz dieser entzückenden Fabeln ist fast ausnahmslos vorbildlich; sie belohnen immer Tugend und Menschlichkeit und schützen die schwächeren, aber liebenswürdigeren Tiere vor ihren durchtriebenen oder gewalttätigen Angreifern.“ (Grimm, J./Grimm, W./Taylor 1823, 220; eigene Übers., A. L.) 399 Weitere zentrale Botschaften Diese Besonderheiten, die mit Einschränkungen auch im ‚Köpenick‘ zu finden sind, haben zur großen Popularität unserer beiden Märchen sicher erheblich beigetragen. Sie scheinen einem weitverbreiteten Wunsch entgegenzukommen, den auch Zuckmayer teilt. Einem Doktoranden schreibt er auf Anfrage, dass er das Böse und das Gute in der menschlichen Natur überall sehe, aber er wolle „das Bessere über das Gemeine obsiegen sehen“ (Zuckmayer 19651982, 53). So ist bestimmt auch ein Grund für die ungebrochene Beliebtheit der ‚Bremer Stadtmusikanten‘ und des ‚Hauptmann von Köpenick‘, dass hier die ‚Kleinen‘ gegen die ‚Großen‘ beziehungsweise die Guten gegen die Bösen gewinnen398. Vier ‚Tiere‘ sowie ein Mann und eine Uniform, die als ‚Ausschuss‘ definiert werden, scheuen „keine Gefahr“, vollbringen „die schwersten Aufgaben“ (KHM 21819, Bd. 1, XLIV) und tragen den Erfolg davon. Wenn Donald Haase über die ‚Bremer‘ spricht, so trifft manches davon auch auf den ‚Köpenicker‘ zu, wie beispielsweise die Entschiedenheit im Kampf für das Leben: „[…] die Geschichte schildert den Triumph der Schwachen durch Entschlossenheit und Zusammenarbeit. Indem sie einen gemeinsamen Aktionsplan entwickeln und ihre natürlichen Talente (iahen, bellen, miauen und krähen) orchestrieren, befähigen sie sich selbst als Gruppe [im Original: they empower themselves as a group; Hervorhebung von mir, A. L.], erschrecken die Räuber, die von anderen leben, und fordern das Leben für sich zurück.“ (Haase 2002, 61; eigene Übers., A. L.) Neben der Zusammenarbeit als Bedingung des Triumphs der Schwachen treten hier deutlich die Momente von Willensstärke sowie Empowerment als Selbstbefähigung hervor (vgl. Herriger 2014). Oder, wie die Brüder Grimm in ihrem Anmerkungsband von 1822 schreiben: Hier werden „die stärkern, wilden, mächtigen getäuscht“ und wird demonstriert, wie vier altersschwache ‚Tiere‘ die Verbrecher überlisten – wie „Zwerge […] die Riesen“ (KHM 21822, Bd. 3, 57)399. Oder, wie Bloch schreibt: „Die Macht der 398 Anhand der „Thiermärchen“ veranschaulichen die Brüder Grimm das wiederkehrende Schema vom „Sieg der Kleinen über die Großen“ (KHM 21819, Bd. 1, XLIX). 399 „Die Kontrastierung im M.[ärchen] von Gut und Böse, Tugend und Laster, Sieg und Niederlage macht es auch für rechtsphil.[osophische] Zugänge wertvoll.“ (Schempf 2016, o. Sp.) 400 Lienkamp: Aufstand für das Leben Riesen wird als eine mit einem Loch gemalt, durch das der Schwache siegreich hindurch kann.“ (Bloch 19591980, 412) Auch Voigt wirkt gegenüber dem mächtigen Apparat, den er überlistet, wie ein David, der es mit Goliath aufnimmt. Seine Täuschung klappt dennoch perfekt. So schreibt Zuckmayer in seinen Altersmemoiren, dass Voigt es schließlich geschafft habe, den „Teufel auf den Leim“ zu bannen (Zuckmayer 19662013, 58; vgl. ders. 1954, 103), das heißt das zum System verfestigte Böse hereinzulegen und zu narren. Das ‚deutsche Märchen‘ habe „schließlich die Menschen weit und breit belustigt“, da es von einem „frechen Schlag gegen ein System“ erzählt, „das den kleinen Mann unterdrückte“ (Stewart 2006, 180; eigene Übers., A. L.). Echte Zuneigung zu diesen sog. ‚kleinen‘ Leuten, den Mühseligen und Beladenen (vgl. Matthäus 11,28), scheint bei den Brüdern Grimm und bei Zuckmayer immer wieder durch. „Wir sehen“, schreibt Andrej Sinjawskij (* 1925 † 1997), „daß die Moral des Märchens sich gelegentlich mit der christlichen Moral deckt, aber auf eine ganz eigene Art. Das Gute triumphiert nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden, und zwar in der Regel mit Hilfe der Magie.“ (Sinjawskij, zit. nach Neuhaus 2017, 8) Wobei die Magie in unseren beiden Erzählungen, wie wir sahen, keine wirkliche ist, sondern nur eine, die von den anderen, den ‚Räubern‘ und Uniformhörigen, als solche wahrgenommen wird, was in der Wirkung aber auf das Gleiche herauskommt. Zuckmayer lässt den wohlhabenden, überangepassten, sich den Kunden und Offizieren anbiedernden jüdischen Uniformhändler Wormser nicht besonders sympathisch erscheinen, wohl aber den ärmeren jüdischen Kleiderhändler Krakauer, der anders als Wormser, aber ähnlich wie Voigt die Uniformgläubigkeit der Bevölkerung durchschaut (vgl. HvK 15. Sz., 93) und zudem die Omnipräsenz des Militärs satirisch kommentiert400. Vergleicht man die beiden Geschäftsleute hinsichtlich ihrer inneren Haltung, aber auch ihrer Ladenlokale samt deren Lage, Ware und Kundschaft, so könnte der Kontrast kaum größer ausfallen. Der Gegensatz zeigt sich jedoch vor allem in ihrer Einstellung zum Protagonisten. Als Wormser am Ende des ersten Aktes von der Verhaftung Voigts und Kalles nach ihrem Einbruch in das Potsdamer Polizeirevier liest, freut er sich, dass die beiden auf fri- 400 In Potsdam werde Voigt mehr Offiziere zu Gesicht bekommen als er „ungefrihstickt vertragen“ könne (HvK 15. Sz., 94). 401 Weitere zentrale Botschaften scher Tat ertappt wurden: „sie hamse wenigstens erwischt“, kommentiert er (HvK 7. Sz., 48). Später, nach Voigts Köpenickiade, wird sich hingegen Krakauer zwar an seinen Kunden erinnern, die Aushänge der Polizei jedoch ignorieren, mit denen sie den Verkäufer der Uniform als Zeugen sucht (vgl. HvK 21. Sz., 127). Er hätte sich leicht eine Belohnung verdienen können, unterlässt es aber, trotz seiner vermutlich eher bescheidenen Lebensverhältnisse, Voigt zu denunzieren. Nicht aus Vergesslichkeit oder Bequemlichkeit, sondern aus Verbundenheit, obwohl er seinen Kunden nur von der einen Begegnung her kennt. Vermutlich hat er aber wie die allermeisten von dessen Köpenickiade gehört oder gelesen. Schon in der 15. Szene, in der Krakauer Voigt die lädierte Uniform verkauft, scheint er zu ahnen, dass dieser sie nicht, wie er vorgibt, für einen Maskenball braucht: „Ihre Sache, mein Herr, Ihre Sache! Bei uns in de Grenadierstraße kennse alles haben, da fragtse keiner wozu.“ (HvK 15. Sz., 93) Er unternimmt noch ein paar zaghafte Versuche, den Schuster von seinem (scheinbar irgendwie erahnten) Plan abzubringen, verkauft ihm die Hauptmannsuniform dann aber doch. „Der eine Außenseiter“, so Frizen, „durchschaut die kriminellen Absichten des anderen, praktiziert aber die Solidarität des Schweigens.“ (Frizen 2000, 27) Dadurch und durch den Verkauf der Uniform wird er zu Voigts Verbündetem im Kampf gegen das unmenschliche System. Der Vorwurf, Zuckmayer würde mit der Zeichnung der in seinem Stück auftretenden Juden antisemitische Klischees bedienen, ist deshalb meines Erachtens völlig unberechtigt, zumal auch Wormsers Sohn Willy und der Bukarester jüdische Schuhfabrikant Wonkrowitz, bei dem es Voigt gut ergangen ist, positiv gezeichnet werden (vgl. HvK 2. Sz., 14). Der Autor greift zwar Klischees auf, um dann aber unübersehbar Kritik an der antisemitischen Diskriminierung zu üben, die Jüdinnen und Juden sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik im öffentlichen Raum erfahren müssen401. So lässt Zuckmayer den Händler Krakauer von seinem jüngsten Erlebnis in Potsdam erzählen. Zusammen mit seinem Sohn Sally und 401 Einen sehr lesenswerten Überblick gibt ein Artikel von Max Heilgemayr, verantwortlicher Redakteur der ‚Abwehr-Blätter‘: „Niemals in diesem Zeitraum [1891 bis 1931; A. L.] nicht einmal damals [1890; A. L.], als hochgemute Patrioten und Christen zur Verteidigung der Ideale der Humanität und Toleranz gegen den tobenden und widerlichen Ansturm der Judenhetzer den Verein [zur Abwehr des Antisemitismus; A. L.] gründeten, erschien seine Existenz notwendiger, der Kreis seiner Pflichten und Aufgaben größer als heute.“ (Heilgemayr 1931, 1). Die „Bar- 402 Lienkamp: Aufstand für das Leben dessen Braut Lea wollte er das Potsdamer Schloss besichtigen. „[…] sagt der Goy am Eingang: Se kennen nicht rein, da sin Offiziere drin, da störnse, de Herren wollen so was nich sehn.“ (HvK 15. Sz., 94) Obwohl sie Menschen wie Du und ich sind, werden sie von der gesellschaftlichen ‚Elite‘ bzw. ihren Schranzen verdinglicht, zu einer Sache, zu „so was“ degradiert. Die Bereiche sans souci, ohne Sorge, sind für hohe Militärs reserviert. Der Anblick von Jüdinnen und Juden aus der Unterschicht würde diese Sorglosigkeit offenbar stören; sie haben in dieser Gesellschaft kein Anrecht auf ein sorgenfreies Leben. „Nebbich“402, denkt sich Krakauer, wenn er bei den ‚Großen‘ unerwünscht ist, wendet er sich eben den ‚Kleinen‘ zu. „Hab ich mer die historische Windmühle angesehn, is auch scheen.“ (HvK 15. Sz., 95) Die Legende, die sich um dieses Gebäude rankt, besagt, dass der ‚kleine‘ Müller von Sanssouci seinem König Friedrich II. von Preußen (* 1712 † 1786), genannt ‚der Große‘, Widerstand geleistet und gewonnen hat. Der ‚Alte Fritz‘ wollte unbedingt das Grundstück kaufen, auf dem die Mühle steht. Als der Müller sich weigert, droht ihm der Herrscher mit Enteignung. Sein Untertan zwingt ihn aber mit einem Hinweis auf das Berliner Kammergericht, also auf die unabhängige Justiz, dazu, von seinem Plan abzulassen. So erheben sich noch heute „die Flügel der Mühle über das königliche Schloß, die Unterwerfung des Königs unter das Gesetz bezeugend“ (Kugler 1856, 221) – und darüber hinaus seine herbe Niederlage gegen den couragierten Müller. Dies ist – im Stück ein wenig versteckt und vielleicht nur dem Berliner (oder aus der Umgebung einschließlich Potsdam stammenden) Publikum als Anspielung unmittelbar erkennbar – zumindest eine kleine Köpenickiade, oder vielleicht besser: Potsdamiade, kurz vor der großen Köpenickiade eines anderen mutigen Handwerkers. Als die Städtischen Bühnen der Stadt Frankfurt am Main 1960 eine Neuinszenierung des ‚Hauptmann‘ ins Programm nehmen, kommt erneut die Frage auf, „ob man, nach allem was geschehen ist […], die Gestalt des jüdischen Kleiderhändlers Krakauer und des kgl. preußischen Uniformschneiders Wormser unverändert so spielen soll, wie sie im Buch stehen und in damaligen Zeit gelebt haben.“ (Zuckmayer 1960b, 20) Darauf rebarei“, die einst zur Gründung des Vereins geführt habe, greife gegenwärtig „erneut in breiten Volksschichten um sich“ (ebd. 2). 402 Hier sind zwei Bedeutungen möglich: ‚Nun, wenn schon‘ oder ‚[Du] unbedeutender Mensch‘. 403 Weitere zentrale Botschaften agiert Zuckmayer in einem Beitrag, der sowohl im Programmheft als auch in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ vom 3. Mai 1960 erscheint. Was Jüdinnen und Juden durch Deutsche in der Zeit des Terrors geschehen sei sowie die „Kollektivscham“, die alle darüber erfüllen müsse, „schafft man nicht aus der Welt, indem man aus einem Gesamtbild des früheren Deutschland, denn etwas Aehnliches versuchte mein ‚Deutsches Märchen‘, die Juden ‚wegläßt‘, und so tut, als wären sie gar nicht dagewesen. Sie waren da – sie bevölkerten, wie mein Jude Krakauer in der Grenadierstra- ße, zum Teil aus östlichen Bezirken zugewandert, gewisse Gegenden Berlins, sie gehörten zum Bild des Volkslebens, zur Folklore, und (wie der Erste Weltkrieg bewies) durchaus zur Nation, sie bildeten darin ein bedeutsames, ja lebenswichtiges Element, sie liebten und pflegten ihr Deutschtum, sie nahmen keinem Christen sein Brot weg, sondern erwarben und vermehrten das ihre, und wurden dadurch gerade in Berlin zu einem Ferment des kulturellen und geistigen Lebens, dessen Fehlen sich heute schmerzlich bemerkbar macht. Sie waren da, und sie sind nicht mehr da. Diese grausame Tatsache durch ihr ‚Weglassen‘ zu vernebeln, käme mir wie eine Feigheit vor, als wolle man davor kneifen.“ (ebd.) Im Grimm’schen Märchen werden die ‚Kleinen‘ im Gegensatz zu den ‚Räubern‘ als klug und mutig beschrieben. Durch Zusammenhalt schaffen sie das nicht mehr für möglich Gehaltene: einen Ausweg aus einer schier ausweglos erscheinenden Situation. Sie nehmen ihr Leben selbstbewusst in die Hand, enteignen kurzerhand die unrechtmäßigen Hausbesitzer und können endlich ein Leben in Würde führen. Ein Tagtraum wohl aller Marginalisierten. Die Tiere verwirklichen damit die Ideen der Französischen Revolution, welche 30 Jahre vor der Erstpublikation des Märchens die bereits besprochene, auch in deutschen Landen wirkmächtige, Losung „Liberté, Égalité, Fraternité“ ausgab (siehe Abschnitt 4.1.5) und die ‚Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers‘ verabschiedete. Am Ende der Geschichte leben sie diese Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Die Ereignisse von 1789 haben ganz Europa geprägt und das Entstehen von Freiheitsideen und -bewegungen begünstigt, so auch in den Gegenden um den Vierwaldstättersee. Friedrich Schiller hat seinen 1804 abgeschlossenen und uraufgeführten ‚Wilhelm Tell‘ vor dieser politischen Kulisse verfasst. In der dritten Szene des ersten Aufzugs will Werner Stauffacher, Landmann aus Schwyz, den aus Uri stammenden Wilhelm Tell dafür gewinnen, der 404 Lienkamp: Aufstand für das Leben Tyrannei der Habsburger Widerstand zu leisten. Obwohl Tell hinsichtlich seiner Gesinnung bereits Andeutungen gemacht hat – „Was Hände bauten, können Hände stürzen. […] Das Haus der Freiheit hat uns Gott gegründet.“ (Schiller 18041976, 1. Akt, 3. Sz., 18) –, scheint er sich gegen eine Zusammenarbeit zu sperren. Doch Stauffacher lässt nicht locker: „Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.“ (ebd. 19) Erneut hält Tell dagegen. Aber der Schwyzer erwidert mit dem berühmten, sowohl auf die ‚Bremer Stadtmusikanten‘ wie auf Voigt und seine lädierte Uniform passenden Zitat: „Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.“ (ebd.) So reicht Tell Stauffacher schließlich die Hand: „Bedürft ihr meiner zu bestimmter Tat, / Dann ruft den Tell, es soll an mir nicht fehlen.“ (ebd. 20) Aber heiligt der Zweck die Mittel? Hausfriedensbruch403, Sachbeschädigung404, Gebrauchsanmaßung und Diebstahl405 – wie kann man aus diesen Handlungen der ‚Tiere‘ eine Wahrheit bilden, die belehren kann (und soll)? Wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen? Der recht freie Umgang mit dem geltenden Recht habe den Märchen sogar den „Ruf einer amoralischen Gattung“ eingebracht: „Rechtsvergehen werden höchst unterschiedlich bewertet, je nachdem, ob es sich um den Helden oder um dessen Gegenspieler handelt. Nie wird bei offensichtlichen Rechtsverletzungen der Held, sondern stets nur der böse Widersacher bestraft“ (Schempf 2016, o. Sp.). Auch für unser Grimm’sches Märchen „werden die Vertreiber [also Esel, Hund, Katze und Hahn; A. L.], die selbst schuldlos vertrieben wor- 403 Hausfrieden bedeutet hier „das Recht eines Hauseigentümers bzw. einer Hausgemeinschaft auf Frieden gegen Störungen von außerhalb“ (Kannowski 2012, o. Sp.). Hausfriedensbruch galt folglich, z. B. nach dem ‚Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten‘, als Verbrechen, das mit Geld oder Freiheitsstrafe geahndet wurde (vgl. ebd.). Eine Hausbesetzung liegt in unserem Fall nicht vor, da er sich bei dem ‚Räuberhaus‘ nicht um ein leerstehendes Gebäude handelt. 404 „[…] indem stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirrend niederfielen“ (KHM 21819, Bd. 1, 143). 405 Diebstahl wird definiert als „bewusste, heimliche Wegnahme u. Aneignung einer fremden bewegl.[ichen] Sache“ (Lieberwirth 2008, o. Sp.). Der Tatbestand kann sich im vorliegenden Fall also allenfalls auf das Essen, nicht aber auf das Haus selbst beziehen, da dies keine bewegliche Sache ist. Bezüglich des Inventars liegt Diebstahl erst dann vor, wenn Gegenstände aus dem Haus geschafft werden (aber warum sollten die ‚Tiere‘ das tun?). Werden diese Dinge nur genutzt, handelt es sich wohl eher um eine Gebrauchsanmaßung (furtum usus), die aber ebenfalls eine rechtswidrige Eigentumsverletzung darstellt. 405 Weitere zentrale Botschaften den sind, nicht zu Schuldigen. Vielmehr wird ihr Tun legitimiert“ (Neumann 2010, 590), dadurch dass sie Menschen verjagen, die sich selbst asozial verhalten haben (vgl. ebd.), die anderen gewaltsam oder unter Androhung von Gewalt Eigentum widerrechtlich entwendet haben (was Räuber eben von Dieben unterscheidet). „Einer ungerechten Vertreibung der Tiere aus ihrem angestammten Domizil steht die nach Ansicht des [Märchen-] Bearbeiters zu Recht erfolgte Vertreibung der negativ geschilderten Figuren gegenüber.“ (Uther 2013, 70) Dass die tierlichen Wesen aus unserem Märchen zu den Guten gehören, steht also außer Frage406. Sie werden zu gefeierten ‚one night social bandits‘. Kann das auch von dem Berliner Schuster gesagt werden, der mehrere Straftaten begangen hat? Wenn man sich die Motive für seine Vergehen anschaut – bis auf die erste Tat sind dies ausschließlich (illegale) Versuche, an einen Pass zu kommen –, so sind diese allesamt nachvollziehbar. „Voigt, dessen Ahnherr Eulenspiegel heißt“ ist „keineswegs ein Hochstapler und Krimineller, sondern ein melancholisch-verschmitzter Unglücksrabe […], den eine unmenschlich geahndete Jugendsünde zwingt407, die preu- ßische Obrigkeit mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.“ (Nölle 2019, o. S.) Auf ehrliche Art und Weise, so Ulrich Stahr, sei der Teufelskreis – ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit kein Pass – nicht zu durchbrechen (vgl. Stahr 2006, 159). Entgegen seinen inneren Wünschen, so auch Hans Gehrke, bleibe dem Schuster „nur der Umweg über die Gesetzesverletzung, um endlich den Gesetzen entsprechend leben zu können“ (Gehrke 1998, 42). Der Kommentator sieht darin einen ironischen Konflikt von Brecht’schem Zuschnitt (vgl. ebd.). Für Mews ist Voigts Handeln ein Akt der Selbstverteidigung „gegen das ihm angetane Unrecht“ (Mews 1992, 56). In der Schlussszene erklärt der Schuster gegenüber dem Kommissar, der ihm unterstellt, er habe die Hauptmannsuniform gestohlen: „Mein lieber Herr, ick hab in 406 Vgl. dazu auch die folgende Einschätzung von Tomkowiak und Marzolph: Da es sich bei den verjagten Hausbewohnern „um Räuber, also gegen die Gesellschaft agierende Personen handelt, erscheint das eigentlich gesetzwidrige Verhalten der Tiere als rechtmäßig, zumal sie ja zunächst als gesellschaftliche Verlierer vorgestellt wurden.“ (Tomkowiak/Marzolph 1996, Bd. 2, 45) 407 Bei Alfred Polgar (1873–1955) ist es der Apparat der bürgerlichen Ordnung, die den Schuster „hartnäckig“ zwinge, „sich wider sie zu vergehen“ (Polgar 1931, 397). 406 Lienkamp: Aufstand für das Leben mein Leben noch keinen Mitmenschen wat wechjenommen. Ick habe immer nur mit der Behörde jekämpft.“ (HvK 21. Sz., 127) Obwohl Voigt der kriminellen Laufbahn abgeschworen hat und darum nicht mehr als Verbrecher bezeichnet werden sollte, trifft die Formulierung von Frizen in ihrer Pointierung die Sachlage sehr gut: „Der Verbrecher wird zum Moralvertreter, weil die Moralvertreter zu Verbrechern geworden sind“ (Frizen 2000, 37), genauer: zu Repräsentanten struktureller Gewalt. Sowohl im Märchen von den ‚Bremer Stadtmusikanten‘ als auch in dem vom Köpenicker ‚Hauptmann‘ steht (eine humanistische beziehungsweise christliche) Moralität gegen (die faktisch geltende) Legalität. Immer dann, wenn die höher stehenden Menschenrechte einerseits und bestehende Gesetze andererseits sich widersprechen, verstoßen die Vertreter der herrschenden Schicht, der Obrigkeit beziehungsweise des Staates gegen die Gerechtigkeit, wenn sie „den Buchstaben des Gesetzes exekutieren“ (ebd. 38). Umgekehrt dient Voigt der Gerechtigkeit, wenn er durch seine Köpenickiade Gesetze des preußisch-deutschen Staates verletzt, die einer Verwirklichung der Menschenrechte entgegenstehen. Hier gibt es eine deutliche Entsprechung zur Gutsbesetzung durch die vier ‚Tiere‘ sowie zum Ungehorsam der ‚Göttinger Sieben‘ gegen den König von Hannover. Auch die Professoren sind ihrem Gewissen gefolgt, haben zusammengewirkt und eine an der Gerechtigkeit orientierte Moral über königliche Patente und geltende Gesetze gestellt. Dasselbe gilt für Zuckmayers Ungehorsam gegenüber dem nationalsozialistischen Unrechtsregime, dem er sich nicht ausliefert, sondern davonläuft, und das er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. 5.2 Der Primat des Menschen vor dem Profit Die Herrinnen und Herren, die zu Beginn des Grimm’schen Märchens ihre unternehmerischen Kosten reduzieren wollen, indem sie treue, aber nicht mehr rentable Angestellte vor die Tür setzen oder sogar ermorden, sind skrupellose Geschäftsleute, die buchstäblich über Leichen gehen. Die ‚Tiere‘ durchkreuzen jedoch durch ihre Flucht die entsprechenden hinterhältigen Vorhaben. Die ‚Herrschaften‘ müssen jetzt zwar nicht mehr für deren Unterhalt aufkommen, können aber auch keinen Nutzen mehr aus ihnen ziehen, was beim Esel vielleicht, beim Hahn sicher der Plan war. Der 407 Weitere zentrale Botschaften dreimalige Sieg der ‚Tiere‘ über das Böse unterstützt insofern die Lehre des Märchens, dass das Prinzip der Gewinnmaximierung sich nicht durchsetzen muss und auch nicht durchsetzen darf, dass diesem vielmehr etwas entgegengesetzt werden sollte, nämlich die solidarische Bekämpfung des Unrechts, die trotz vermeintlicher Unterlegenheit doch Erfolg haben kann. In ihrer wechselseitigen Anerkennung als Gleiche bestätigt jedes Mitglied des Quartetts gleichzeitig sich selbst und den anderen den Besitz unantastbarer Würde, einer Würde, die bislang nur Missachtung erfahren hat. Vom überragenden Wert des Menschen spricht, wie wir sahen, auch das Motto aus dem anderen Grimm’schen Märchen, dem ‚Rumpelstilzchen‘, das dem ‚Köpenick‘ vorangestellt ist und untermauert, dass „etwas lebendes“ mehr wert ist „als alle Schätze der Welt“ (KHM 71857, Bd. 1, 283). „Dass Jacob und Wilhelm selbst eine gesellschaftspolitische Absicht mit den Märchen verbanden, ist nicht überliefert. […] allenfalls das Märchenmotiv der Gerechtigkeit könnte die Brüder auch über die reine Sprachforschung hinaus angesprochen haben. Denn gegen Ungerechtigkeit waren sie empfindlich.“ (Gaede 2017, o. S.) Die von Peter-Matthias Gaede vorgetragene Idee („allenfalls“, „könnte“) lässt sich durchaus offensiver formulieren. Jacob etwa macht deutlich, dass Dichtung gegenüber einer ungerechten Praxis und Politik der Mächtigen nicht gleichgültig ist, vielmehr für die Gerechtigkeit Partei ergreift: „Auch die Poesie, der Geschichte Widerschein“, so Jacob, „unterläßt es nicht, Handlungen der Fürsten nach der Gerechtigkeit zu wägen.“ (Grimm, J. 1838, 28) Immerhin ein weiser Satz kommt aus Friedrich Hoprechts Mund: „Der Mensch kann immer wieder ganz von vorne anfangen, da is man nie zu alt für.“ (HvK 9. Sz., 62) Das Wörtchen „nie“ muss natürlich mit Einschränkungen versehen werden, aber grundsätzlich ist ihm zuzustimmen. Voigt, dem der Zuspruch gilt, will ja auch selbst „janz von vorne“ anfangen (HvK 6. Sz., 41; vgl. 2. Sz., 15). Zuckmayer vertritt ebenfalls diese Haltung: „Für mich gibt es kein ‚letzten Endes‘ und kein ‚ein für allemal‘. Es kann alles immer wieder anders werden. Leben […] besteht in einem dauernden Fluß der Übergänge und der Entwicklungen.“ (Zuckmayer 19761977, 10) Aus diesen Gründen wendet sich Jakob Grimm gegen Jugendkult und die Abwertung des Alters (vgl. Martus 2017, 505 f.). Für Zuckmayer ist „Altwerden“ sogar „ein Verdienst!“ Auch „Reifen ist ein Verdienst!“ (Zuckmayer 1932, 408 Lienkamp: Aufstand für das Leben in: ders. 1995, 181) Beides resultiert nicht nur aus Zufall, Schicksal oder irgendeinem Automatismus, sondern auch aus einer anzuerkennenden Lebensleistung. Die hohe Wertschätzung der Bibel für das Alter (vgl. u. a. Sirach 3,1–16, 8,7, 25,6; Lukas 2,25, 2,37) und das im Kontext des Gebotes der Nächsten- und Fremdenliebe (vgl. Levitikus 19,18.33 f.) stehende Gebot der Ehrfurcht vor dem alten Menschen (vgl. Levitikus 18,32) werden in unseren beiden Märchen ebenso missachtet wie die „hohe soziale Stellung der Gerontes“, die als antike Überzeugung seit dem Humanismus bekannt ist (Schenda 1977, 373 ff.). Das sog. Elterngebot des Dekalogs lautet in wörtlicher Übersetzung: „Dein Vater und deine Mutter sollen für dich Würde ( , ) haben“ (Exodus 20,12; Deuteronomium 5,16). Die Begründung liefert unter anderem Psalm 8, der Gott direkt anredet und über alle Menschen, das heißt auch über die älteren und alten unter ihnen spricht: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind ( , ), dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn [den Menschen, d. h. alle Menschen; A. L.] nur wenig geringer gemacht als ein Gottwesen ( , ), du hast ihn [den Menschen, d. h. alle Menschen; A. L.] gekrönt mit Würde ( , ) und Herrlichkeit.“ (Psalm 8,5 f.; EÜ, geändert)408 Das Gebot fordert die Achtung dieser Würde und dementsprechend eine Versorgung der alten Eltern durch die erwachsenen Nachkommen, und nicht Gehorsam, weder von Kindern und Jugendlichen gegenüber ihren Eltern noch von ‚Untertanen‘ gegenüber der ‚Obrigkeit‘, wie Luther fälschlicherweise meinte (vgl. Huber 2013, 6). Missachtet wird auch, was Jacob Grimm herausarbeitet, dass nämlich bei „den meisten völkern […] das alter in ehren“ stand, was darin zum Ausdruck kam, dass alte Menschen Gesetze entwarfen und Recht sprachen, ihnen im Gericht und in Versammlungen der Vorsitz gebührte, sie Weisheit lehrten und man sich bei ihnen Rat holte (Grimm, J. 18601879, 208). In beiden so unterschiedlichen ökonomischen und politischen Systemen, die im Hintergrund des Bremer und Köpenicker Märchens stehen, spielt 408 Die EÜ übersetzt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ (Die geänderten Stellen sind hier kursiv gesetzt.) 409 Weitere zentrale Botschaften das Individuum als Träger von Würde und Rechten keine Rolle, wenn es den sozialen und wirtschaftlichen Erwartungen nicht entspricht. Was dann geschieht, beschreiben Max Horkheimer (* 1895 † 1973) und Theodor W. Ador no (* 1903 † 1969) in ihrem Werk ‚Dialektik der Aufklärung‘: „Für die Herrschenden aber werden die Menschen zum Material wie die gesamte Natur für die Gesellschaft“ (Horkheimer/Adorno 19471984, 79). Das Zitat gehört zum Exkurs II ‚Juliette oder Aufklärung und Moral‘, das unter anderem über den Marquis de Sade (* 1740 † 1814) handelt, den Autor der ‚120 Tage von Sodom‘ (vgl. ebd. 79 f.). Pier Paolo Pasolini (* 1922 † 1975), der das Werk in einer kaum zu ertragenden realistischen Weise verfilmt, die Handlung aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts in die faschistische Republik von Salò am Ende des Zweiten Weltkriegs verlegt sowie die Gewalt und Brutalität der Herrschenden schonungslos offenbart hat, liegt – von rühmlichen Ausnahmen abgesehen – wohl richtig: „Die Mächtigen sind immer Sadisten, und wer Macht erdulden muß, dessen Körper wird zur Sache, zur Ware.“409 Die Befreiung, so Horkheimer und Adorno, welche die humanen Urheber der westlichen Aufklärung anzielten, reichte weiter, als ihnen in den Sinn kam. Sie führte im Bereich der Ökonomie zu einer ‚Befreiung‘ von staatlicher Kontrolle und gesetzlichen Vorgaben, führte zu Vermachtung und Regellosigkeit, die als Manchester-Kapitalismus in Ideologie und Praxis keineswegs überwunden ist. „Die entfesselte Marktwirtschaft war zugleich die aktuelle Gestalt der Vernunft und die Macht, an der Vernunft zuschanden wurde.“ (ebd. 82) Auch diese Janusköpfigkeit ist Ausdruck der Dialektik der Aufklärung. Die Verdinglichung des Menschen im frühen und entfalteten Kapitalismus, seine Behandlung als blo- ße Arbeitskraft, als reiner Produktions- beziehungsweise Kostenfaktor, ist das, was den ‚Tieren‘ widerfährt. Für die Herrschenden sind sie keine Lebewesen mit innewohnender Würde und inhärenten Rechten, sondern entsprechend der Systemlogik ausschließlich Material, Sache, Ware. In der unmenschlichen ‚Ordnung‘, geprägt durch Befehl und Gehorsam, Über- und Unterordnung, Herr- und Knechtsein, wie sie Zuckmayers Drama anprangert, einer ‚Ordnung‘, die auf Unfreiheit, Militarismus und Bürokratismus basiert, die ihr unliebsame Menschen wie Müll aussondert oder allenfalls als Opfer duldet, regiert ein ähnlicher Geist wie in dem sozialen Gefüge, in dem die ‚Bremer Stadtmusikanten‘ nur mit größter Anstrengung überleben konnten. 409 Das Zitat findet sich auf dem Filmplakat zu Pasolini [Regisseur] 1975. 410 Lienkamp: Aufstand für das Leben Die Verschärfung der Sozialen Frage im Zuge des aufkommenden Kapitalismus ist schon Jacob Grimm ein Gräuel, der im Unterschied zu manchen zeitgenössischen Autoren nicht das Bürgertum oder ‚den‘ abstrakten Menschen im Blick hat. Er hat vielmehr, so Martus, seine Aufmerksamkeit „gerade auch den unteren sozialen Schichten“ gewidmet und konkret auf das Detail gezielt (Martus 2017, 317). Auch wenn der ältere Grimm die sozialen Probleme des Mittelalters möglicherweise zu unkritisch zeichnet und selbstverständlich nicht die Wiedereinführung der früheren Verhältnisse empfiehlt (vgl. Zuckmayer 1948, in: ders. 1995, 257), so geben seine Ausführungen über den sozialen Wandel doch zu denken, wenn er mit Blick auf das Rechtsverhältnis schreibt: „die hörigkeit und knechtschaft der Vergangenheit war in vielem leichter und liebreicher, als das gedrückte dasein unserer bauern und fabriktagelöhner; die heutige erschwerung der ehe für den armen und den angestellten diener grenzt an leibeigenschaft; […] statt der zinshüner und fastnachtseier kommt der pfänder namenlose abgaben in jeder jahreszeit zu erpressen.“ (Grimm, J. 1828, XV f Anm. **) Auch Zuckmayers Sympathie gilt den proletarisierten, unterdrückten, marginalisierten und vom System ausgespuckten Menschen. Ihnen setzt er mit dem ‚Hauptmann von Köpenick‘ ein Mahn- und Denkmal. Ihnen gilt seine dichterische Liebe. Zuckmayer will deshalb die bisherigen ideologischen Widersprüche ‚aufheben‘: „Wenn wir sagen: Kapitalismus und Sozialismus, so meinen wir ‚Gegensätze‘. Sagen wir: Wechselwirkung von freier Initiative und gemeinnütziger Kooperation – dann sehen wir den Weg zur Synthese, der den unfruchtbaren Begriff des ‚Kapitalismus‘ von selber ausschaltet oder verwandelt. Individualismus und Kollektivismus erscheinen als Gegensätze. Persönlichkeit und Gemeinschaft keineswegs. Die Gefahr liegt dort, wo das Ich sich verkapselt statt ausstrahlend zu wirken. Die Gefahr liegt dort, wo angehäuftes Geld toter Besitz, unfruchtbar wird und giftige Dämpfe hervorbringt. Die Gefahr liegt überall dort, wo sich das Einzelne abschließt statt produktiv ins Ganze, ins Lebendige zu wirken.“ (Zuckmayer 19402014, 190) Chronologisch betrachtet zwischen den beiden Erzählungen hat Karl Marx seinen strukturell ansetzenden, gleichermaßen materialen (nicht bloß formalen) und dennoch räumlich und zeitlich universal geltenden, eben Kategorischen Imperativ formuliert, der sich als nach wie vor hochaktuelle 411 Weitere zentrale Botschaften Schlussfolgerung aus beiden Märchen ergibt und der die ökonomischen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen anvisiert: Es gelte, so der vielfach verkannte Humanist aus Trier, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1, 385). 5.3 Die Kritik der herrschenden ‚Ordnung‘ In seiner Einführung für das Theaterpublikum der Berliner Uraufführungsspielzeit erläutert Zuckmayer das Programm seines ‚Köpenick‘. Das Schauspiel wolle „nicht mit den Leuten rechten, die die Verhältnisse gemacht haben, noch mit den Verhältnissen, aus denen die Leute wurden“ (Zuckmayer 1931a, 3). Damit scheint er Marx’ eben zitiertem Imperativ exakt zu widersprechen. Was den vorderen Satzteil angeht, so könnte man der Aussage vielleicht noch zustimmen, wenn diese Personen ehrliche Reue zeigen, auf Dauer umkehren, alle Konsequenzen ihres Handelns tragen und angemessene Wiedergutmachung leisten. Den zweiten Satzteil kann man nur mit aller Deutlichkeit zurückweisen. Er überrascht auch. Denn Zuckmayer zeichnet seinen Voigt doch gerade darum so anders, so unschuldig, so uneigennützig, so sympathisch im Vergleich zu dem historischen Schuster, um zu demonstrieren, dass, was seine Lage und seine ‚Vergehen‘ betrifft, die Schuldfrage eindeutig zu Lasten des Systems beantwortet werden muss. Aber vielleicht ist Zuckmayers Satz ja gar nicht im Wortsinn, sondern strategisch gemeint. Auch Gunther Nickel und Ulrike Weiß gehen davon aus, dass Zuckmayer „die politischen Dimensionen, die in dem Stoff lagen“, herunterspiele (Nickel/Weiß 1996, 190). Er konnte damit rechnen, dass dieser im Original gesperrt gedruckte Passus nicht nur aufmerksam vom Publikum vor beziehungsweise nach der Aufführung, sondern auch von der Kritik gelesen und in Rezensionen aufgegriffen und dann von der Öffentlichkeit beachtet würde. So waren die Leute, die in der damaligen, extrem aufgeheizten politischen Situation ins ‚Deutsche Theater‘ kamen, gegen das Stück möglicherweise weniger voreingenommen; eventuell sind auch einige gekommen, die sonst weggeblieben wären. In seiner Altersautobiografie schreibt Zuckmayer, dass ihm klar gewesen sei, dass er den Stoff nur 412 Lienkamp: Aufstand für das Leben auf seine Art „bewältigen konnte, nicht ‚die Geißel schwingend‘410, sondern das Menschenbild beschwörend“ (Zuckmayer 19662013, 513). Eine andere Möglichkeit ist, dass Zuckmayer es insgeheim mit Ferdinand Lassalle (* 1825 † 1864) und Rosa Luxemburg hält. Unter Bezugnahme auf seinen Referenzphilosophen Fichte spricht Lassalle 1862 in einer Rede über die Macht, die darin liege, dass man schlicht sagt, was der Fall ist: „Es ist das gewaltigste politische Mittel! […] Alle politische Action besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit.“ (Lassalle 18621863, 35) Luxemburg knüpft 1906 in einer (ursprünglich in polnischer Sprache geschriebenen) Broschüre paraphrasierend daran an: „Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer ‚das laut zu sagen, was ist‘.“ (Luxemburg 19061972, 36) Zuckmayer sagt es laut beziehungsweise lässt es sein Ensemble öffentlich vernehmbar auf der Bühne äußern. Eine zusätzliche Moral von der Geschicht‘ ist da ebenso wenig nötig wie in der Erzählung von den ‚Stadtmusikanten‘. Natürlich ist Zuckmayers Werk keine Dokumentation. Vielmehr wählt er bewusst das Medium des märchenhaften Dramas. Übrigens erinnert das von Lassalle und Luxemburg empfohlene Vorgehen, das Zuckmayer in seinem ‚Köpenick‘ anwendet, an ein anderes wunderbares Märchen, dass mein theologischer Lehrer Johann Baptist Metz in seiner fundamentaltheologischen Vorlesung gern als Beispiel für gelungene Ideologiekritik zitierte: ‚Des Kaisers neue Kleider‘ von Hans Christian Andersen (* 1805 † 1875). Hier ist es ein kleines, unschuldiges Kind, das sich von der staatlichen Propaganda und dem sozialen Druck nicht blenden lässt und die gefürchtete Wahrheit in einfache Worte fasst. Es sagt, was sich sonst keiner zu äußern traut, da alle fürchten, auf diese Weise ihre Dummheit und Amtsuntauglichkeit öffentlich zu machen. „‚Aber er hat ja nichts an!‘ sagte endlich ein kleines Kind. ‚Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!‘ sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.“ (Andersen 18371850, 27) In diesem Sinne offenbart auch Voigt, der die kluge kindliche Naivität bewahrt hat, dass etwas faul ist im Staate Preußen-Deutschland, um Shakespeares ‚Hamlet‘ zu paraphrasieren. Wir 410 Vgl. dagegen Johannes 2,15 f.: Jesus „machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ 413 Weitere zentrale Botschaften sahen, dass Jacob Grimm diese Weisheit schon 1814 zum Ausdruck bringt, als er sich wünscht, dass „ordentlich die Stimme eines unschuldigen Kinds auftreten und das Rechte aussprechen sollte“, „was klar da liegt“ (Grimm, J., in: Rölleke [Hrsg.] 2001, 366; siehe Abschnitt 4.1.1). Zuckmayers kritische Bloßstellung, so Wagener, sei jedoch „nicht auf die einzelnen Menschen gerichtet, auch wenn sie als Vertreter militaristischen Denkens erscheinen“, sehr wohl aber „auf das System selbst, das so von dem falschen Prinzip der im Militärischen verankerten Ordnung besessen ist, daß es das Wohl des einzelnen darüber vergißt.“ (Wagener 1988, 232) Angesichts des Todes, am Grabe ‚seines‘ Mädchens, verwandelt sich Voigt „vom resignierenden Ausgestoßenen zum Ankläger jener Ordnung“, der sein Schwager Hoprecht „dient und gehorcht“ (Hein 1977, 283). So lässt der Autor seinen Protagonisten (im Sinne eines sozial-strukturellen Ansatzes) eine neue Rahmenordnung fordern, in der den Menschen der ihnen zukommende Vorrang vor dem System in der gesellschaftlichen Praxis endlich eingeräumt wird: „Erst der Mensch“, so der Schuster, „und dann de Menschenordnung!“ (HvK 14. Sz., 89) Voigt, schreibt Mews, „sieht jeden Menschen als ein von Gott geschaffenes Wesen von eigenem Wert“ (Mews 1992, 65) und verteidigt dessen Rechte gegenüber dem Staat und der Gesellschaft (vgl. Mews 1978, 24). Der Schuster plädiert darum für eine „andere Ordnung, die der aufgeklärten Vernunft […], die dem Menschen als Zweck an sich den Primat zugesteht.“ (Frizen 2000, 68) „Zweck an sich“ ist eine Formulierung von Kant, die er zum Beispiel in der ‚Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘ von 1785 verwendet und die dem Begriff der Menschenwürde entspricht: „Der Mensch […] ist keine Sache, mithin nicht etwas, das bloß als Mittel gebraucht werden kann, sondern muß bei allen seinen Handlungen jederzeit als Zweck an sich selbst betrachtet werden.“ (Kant 1785, 429) Voigt hat das Anliegen Kants und seines Kategorischen Imperativs verstanden (ob das auch für Marx und dessen Imperativ gilt, werden wir noch sehen). Sein Schwager Hoprecht hingegen verficht einen diametral entgegenstehenden, gefährlichen utilitaristischen Gedanken: „Wat is denn schon einer, gegens Ganze jenommen?!“ (HvK 14. Sz., 90). In dieser servil-konservativen Haltung, so Wagener, kündige sich bereits die ideologische Phrase der Nazis an: „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ (Wagener 1988, 233), die später unter anderem über den Eingängen der ‚HJ-Heime‘ zu lesen ist. Voigt, 414 Lienkamp: Aufstand für das Leben so auch Frizen, bringe durch seine klar positionierte Argumentation Denkmuster seines Schwagers zum Vorschein, „die präfaschistisch genannt werden können“ (Frizen 2000, 49). Voigt hält es dagegen mit Gotthold Ephraim Lessing (* 1729 † 1781). In dessen Werk ‚Ernst und Falk‘ aus dem Jahr 1778 führen die beiden den folgenden antiutilitaristischen Dialog, der Zuckmayer inspiriert haben könnte: „Falk. Glaubst du, daß die Menschen für die Staaten erschaffen werden? Oder daß die Staaten für die Menschen sind? Ernst. Jenes scheinen einige behaupten zu wollen. Dieses aber mag wohl das Wahrere seyn. Falk. So denke ich auch. – Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Theil von Glückseligkeit desto besser und sichrer geniessen könne. – Das Totale der einzeln Glückseligkeiten aller Glieder, ist die Glückseligkeit des Staats. Ausser dieser giebt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bey welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyranney. Anders nichts!“ (Lessing 1778, 41 f.) Im Jahr 1938 erscheint in Stockholm, wohin der Bermann-Fischer Verlag nach der Annexion Österreichs emigrieren musste, Zuckmayers Romans ‚Herr über Leben und Tod‘, in dem der englische Chirurg Sir Norbert Stanhope Vater eines schwerstmehrfach behinderten kleinen Jungen ist. Kurz nach der Geburt will er ihn gegen den Willen seiner Frau Lucile in seinem Kinderbett (schmerzlos) töten, was er, der Arzt, nicht als Mord, sondern als Befreiung empfunden hätte (vgl. HLT 51). Sie ertappt ihn zufällig bei dem Vorhaben und kann ihn noch gerade daran hindern, dem Sohn die tödliche Spritze zu setzen. Später, auf dem medizinischen Weltkongress in London, kommt Sir Norbert mit dem russischen Kollegen Professor Ryschow über dessen Erfolge bei geistig beeinträchtigten Kindern ins Gespräch: „‚Ich meinerseits‘, sagte Norbert plötzlich, mit einer Schärfe, die ihm selbst überraschend und unbeabsichtigt war, – bin für Vertilgung. – Allerdings entsprechen unsere Gesetze in diesem Punkt leider noch den Vorurteilen einer längst überwundenen, falschen Humanität.‘ Der russische Arzt […] warf ihm […] einen befremdeten Blick zu. 415 Weitere zentrale Botschaften ‚Humanität‘, sagte er langsam und nachdenklich, als wolle er sein eignes Votum überprüfen, – ‚gehört zu jenen Begriffen, die man allzuleicht oder gern mit dem Adjektivum ›falsch‹ verbindet. So weit sie die Heiligkeit des Lebens betrifft, – ich meine nicht eines Kollektivlebens, – sondern jeden einzelnen Lebens, auch des geringsten, auf dieser Welt, – dürfte sie wohl niemals ganz überwunden sein. Vertilgen ist leichter als Bewahren.‘“ (HLT 76 f.) Zuckmayer lässt hier gegen den Utilitaristen Stanhope seine Überzeugung von der Heiligkeit eines jeden einzelnen Lebens durch einen russischen Humanisten vertreten411. Allerdings ist der (im vorletzten Satz verwendete) Begriff des „Geringsten“ – genau wie in Matthäus 25,40 und 45412 proble ma tisch. Es müsste richtig heißen: Jedes Leben ist heilig, auch das Leben derjenigen Menschen, die – unter Missachtung ihrer gleichen Menschenwürde – von anderen geringgeschätzt oder sogar als die Geringsten angesehen werden. 411 Auch Glade unterstreicht Zuckmayers Glauben „an die Güte und Heiligkeit des Lebens, die sich aus seinem göttlichen Ursprung erklärt“ (Glade 1980, 94). 412 „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) – „Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (ebd. 25,45) Abbildung 73: Gedenktafel für Carl Zuckmayer, der sieben Jahre in der Fritz- Elsas-Straße 18, Ecke Hewaldstraße, Berlin-Schöneberg, gewohnt hatte (das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt) (eigenes Foto) Abbildung 74: Berliner Gedenktafel für Friedrich Wilhelm Voigt, den historischen ‚Hauptmann‘, am Rathaus von Köpenick (eigenes Foto) 416 Lienkamp: Aufstand für das Leben Ein Mann mit Namen Klawonn, der den ‚Vorwärts‘, das ‚Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands‘, liest und sich stolz als dessen Abonnent zu erkennen gibt, stellt bezüglich der Behörde eine rhetorische Frage, die dem Ausruf Voigts – „Erst der Mensch […] und dann de Menschenordnung!“ – auffällig nahesteht: „Is son Amt für die Menschen da – oder die Menschen fürs Amt?!“ (HvK 11. Sz., 70) Damit greift der Sozialdemokrat implizit ein Wort Jesu auf: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Markus 2,27) An anderer Stelle lässt Zuckmayer Voigt mit kritischem Unterton sagen: „’n Papier, det ist doch mehr wert als de janze menschliche Konstitution, det brauch ick doch neetijer als det tägliche Brot!“ (HvK 2. Sz., 17; vgl. 14. Sz., 86). Dass Zuckmayer damit auf die liturgische Fassung des Vaterunser mit der Bitte um das tägliche Brot anspielt, ist unüberhörbar413. Erst der Mensch, dann die Ordnung, das Amt, die Papiere, auch wenn es ohne den Pass extrem schwer ist, das Überleben zu sichern. Für Voigts Weiterentwicklung kommt dem ausführlichen Gespräch mit seinem Schwager in der 14. Szene, einer der beiden Schlüsselszenen, gro- ße Bedeutung zu. Hoprecht wird ungewollt zum „Katalysator, der den Entscheidungszwiespalt des Helden zum Ausbruch bringt und im Dialog mit ihm die Gegenposition einnimmt, an deren Argumenten sich die Entscheidung herauskristallisiert und die Sicherheit gewinnt, die das Handeln trägt.“ (Frizen 2000, 48) Voigt stellt ihm die ideologiekritische Frage schlechthin: „Und det Janze? Det Janze, Friedrich, für wem is det?“ (HvK 14. Sz., 91) Das ist seine Fassung der klassischen Formulierungen: Cui prodest? Cui bono? Wem nützt es? Wem zugute? Das heißt, wem nützt das System? Wer profitiert von der gegenwärtigen ‚Ordnung‘? Wenn man auf die alten, kranken, erwerbsarbeits- und wohnungslosen sowie strafentlassenen Menschen des Stücks schaut und diese vergleicht mit den arrivierten bürgerlichen und militärischen Kreisen, so muss man nicht lange nach einer Antwort suchen. Das System dient nicht dem Menschen, sondern schließt diejenigen, die gegen die verabsolutierten Konventionen verstoßen, aus und „zer- 413 „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ (GL 3,2) Die EÜ von 2016 übersetzt Matthäus 6,11: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!“ und Lukas 11,3: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!“ Zuckmayers Tragödie ‚Des Teufels General‘ endet mit diesem Gebet, das Oderbruch und Hartmann gemeinsam sprechen (vgl. TG 3. Akt, 156). 417 Weitere zentrale Botschaften malmt“ sie (Wagener 1988, 235). Zuckmayer skizziert und kritisiert im ‚Köpenick‘ die Klassengesellschaft des deutschen Kaiserreichs, die in der Weimarer Republik fortdauert, wie Zuckmayer mit Blick auf seinen ‚Hauptmann‘ verdeutlicht: „Wenn man das Lachen und die Zustimmung des Publikums in den immer ausverkauften Häusern hörte, konnte man fast vergessen, was [1931/32; A. L.] draußen auf der Straße vorging und was sich im Reich zusammenbraute. Dort gab es nichts mehr zu lachen. Wer durch Berlin fuhr, sah in jedem Bezirk, besonders in den nördlichen und östlichen Stadtteilen, lange Schlangen von Männern anstehen, die elend aussahen, in abgerissener Kleidung, die Gesichter fahl und gedunsen, ungesund, unterernährt. Das waren die ‚Stempelbrüder‘, deren Schar mit der Zeit immer größer, deren Anblick immer erbärmlicher wurde.“ (Zuckmayer 19662013, 519 f.) Die Ordnung der Gesellschaft, so Wilhelm Voigt, muss „richtig sein […], det isse nich“ (HvK 14. Sz., 89). Ganz offensichtlich nicht. Richtig wird eine Ordnung nicht schon dadurch, dass sie existiert und Geltung beansprucht. Vielmehr ist sie erst dann richtig, wenn „sie dem Wohl des Menschen dient“ (Freund-Spork 2005, 38; vgl. ebd. 42). Gerechtigkeit wird in diesem ungerechten System jedoch einfach umdefiniert. Der preußische Wahlspruch414, so der wohnungslose Zeck, laute: „suhm kwickwe“ (suum cuique), „det heißt uff deitsch: jedem det Seine, mir det mehrste“ (HvK 6. Sz., 39). Im Schwagergespräch der 14. Szene wird diese Definition wieder aufgegriffen, allerdings ohne den verfälschenden, egoistischen Zusatz. Hoprecht behauptet, dass in dem herrschenden System, „bei uns“, immer noch „jeder zu Seinem“ komme (HvK 14. Sz., 87)415. Doch Voigt hat das Spiel längst durch- 414 Der Spruch steht auf dem von König Friedrich I. gestifteten Schwarzen Adlerorden, dem höchsten Orden Preußens. „Der ‚Endzweck Unseres Reiches und Ordens‘, lässt Friedrich I. im Januar 1701 in den Ordensstatuten verlauten, ist es, ‚Recht und Gerechtigkeit zu üben, und jedweden [sic] das Seine zu geben‘. Zu diesem Zweck habe man im Orden über den Kopf des Adlers ‚Unsern gewöhnlichen Wahlspruch: Suum Cuique zur Ueberschrift verordnet‘.“ (Brunssen 2010, 16) 415 In der 2. Szene rechtfertigte der Potsdamer Oberwachtmeister das völlig unverhältnismäßige Strafmaß von 15 Jahren Zuchthaus für einen Postbetrug im Wert von insgesamt 300,- RM mit dem Satz: „Das Strafmaß entspricht immer ganz genau der Schwere des Delikts.“ (HvK 2. Sz., 14) M. a. W.: Jedem das Seine. In der 9. Szene hatte Hoprecht seinem Schwager bereits erklärt, er könne, wolle und 418 Lienkamp: Aufstand für das Leben schaut. So quittiert er die Floskel seines Verwandten nur mit einem ironisch gemeinten „Amen“ (HvK 14. Sz., 87). Der Pastor habe auf dem Friedhof „janz was Ähnliches jewußt“ (HvK 14. Sz., 88). Vermutlich hat er Lieskens frühen Tod mit diesem Spruch gerechtfertigt oder sogar für normal erklärt – oder schlimmer noch: ihn als Gottes Wille und Fügung ausgegeben. Beamter und Pfarrer, Staat und Kirche sind sich offenbar einig, wie man die Empörung der Armen eindämmt und stillstellt. Sein Schwager, dessen anstehende Beförderung Sparzwängen zum Opfer fiel, fühlt sich zwar auch ungerecht behandelt: „[…] ich war an der Reihe, von Rechts wegen. Ich hätte nun unbedingt rankommen müssen.“ (HvK 14. Sz., 85). Aber als vorbildlicher Untertan beruhigt er sich rasch und begehrt nicht auf. Es gehe halt immer „nach Bestimmungen […], nachm Papier, und nicht nachm Verdienst, nachm Menschen“ (HvK 14. Sz., 86; vgl. 2. Sz., 17). So sei es nun einmal. Da hat er Recht, so geht es zu im realen Leben. „Voigt dagegen macht deutlich, daß die unmenschliche Ordnung des Staates längst die Menschen überwuchert, Recht und Gerechtigkeit pervertiert hat“ (Hein 1977, 283). Für Hoprecht ist Recht, was Gesetz ist. Und dieses positive, das heißt gesetzte, aufgestellte Recht des Kaiserreiches geht ihm über alles. „Auch übern Menschen […]. Übern Menschen, mit Leib und mit Seele! Da jeht et rüber, und denn steht er nich mehr uff “, stellt Voigt fest – weil dieses ‚Recht‘ ihn buchstäblich ‚übergangen‘ und auf dieses Weise mit Füßen getreten hat (HvK 14. Sz., 90 f.). Nicht Epikie, also der verantwortliche Umgang mit Normen, die wohlwollende Auslegung der Gesetze im Sinne der Bürgerinnen und Bürger, ist staatliche Devise, sondern allein der Buchstabe des Gesetzes zählt416. In diesem System sind „menschliche Ausnahmefälle nicht vorgesehen“ (Mews 1992, 31). Schon im antiken Rom wusste man jedoch: Summum ius – summa iniuria: Die exakte Verfolgung des Gesetzesstandpunktes kann zum größten Unrecht werden. Schon gar nicht käme Hoprecht oder eine andere der ‚staatstragenden‘ Figuren des Stücks auf die Idee, die Gerechtigkeit der geltenden Gesetze oder gar des ganzen Rechtssystems anzuzweifeln. Wer das wagt, wie unser Schuster, der stellt aus Sicht der Herrschenden und Angepassten nicht nur die gesellschaftliche, sondürfe bei den Behörden nichts für ihn tun, aber das sei auch gar nicht nötig: „[…] was dir zusteht, das kriegste, dafür sind wir in Preußen.“ (HvK 9. Sz., 65) 416 Schon in der ersten Szene sahen wir bei Hauptmann von Schlettow, dass ihm – als Repräsentanten des Systems – „nur die buchstabengetreue Erfüllung aller Vorschriften“ genügen kann (Mews 1992, 29). 419 Weitere zentrale Botschaften dern „de Weltordnung“ in Frage (HvK 14. Sz., 92). Schon für Domitius Ulpianus († 223/228) war aber klar, dass sich das ius nach der iustitia zu richten hat, nicht umgekehrt: „Das Recht ist […] nach der Gerechtigkeit, iustitia, benannt. Wie nämlich Celsus treffend definiert, ist das Recht die Kunst des Guten und Gerechten.“ (Ulpian, in: Behrends u. a. [Hrsg.] 1995, 91). Unter Anspielung auf die eigene Ausweisung zeigt der arbeitslose Schuster dem verhinderten Vizefeldwebel Hoprecht auf, wie ungerecht die Dinge wirklich stehen: „Dir hamse nich befördert – mir befördernse. Jedem dat seine. Nich?“ (HvK 14. Sz., 88) Intuitiv weiß Voigt, dass die Gerechtigkeitsdefinition ‚Jedem das Seine‘ – auf diese drei Worte reduziert – falsch ist und dass sie häufig dazu missbraucht wird, eine der Ständeordnung Preußens entsprechende ungerechte Ungleichbehandlung zu rechtfertigen. Eine weitere Verballhornung der Kurzformel liefert der Polizist im Rixdorfer Einwohnermeldeamt mit dem Satz: „Hier kommt jeder dran, wenn er dran is.“ (HvK 11. Sz., 71) Diese Feststellung ist nur scheinbar tautologisch, denn der Mann, der eigentlich an der Reihe ist, wird gerade nicht hineingelassen. Anders in der sechsten Szene, in welcher der ‚Herbergsvater‘ den vor dem Nachtasyl Stehenden zuruft: „Wer am längsten wartet, kommt rin […]. Nich drängeln, immer mit de Ruhe, wer an de Reihe is, kommt rin!“ Diese allgemeinen Fairness-Regeln sind bei der staatlichen Behörde außer Kraft gesetzt. „Dran“ ist man als Bürgerin oder Bürger nur, wenn nicht gerade ein uniformierter Beamter oder Leutnant kommt, der ‚selbstverständlich‘ vor den Wartenden Zutritt erhält. ‚Jedem das Seine‘ heißt also hier: dem Zivilisten das Warten in der Reihe, dem Uniformierten das jederzeit mögliche ‚Drankommen‘. Die eben zitierte Aussage des Polizisten ist die Reaktion auf einen Mann, der mehrfach versucht, sein Recht auf Gleichbehandlung geltend zu machen: „Ich war doch dran.“ (HvK 11. Sz., 70)417 Der Umgang mit diesem Anspruch des Wartenden wird, so Grenville, zum „Prüfstein für die Fairness und Unparteilichkeit des Systems“, dafür, ob er „Bürger und Mitglieder von Elitegruppen gleich und ohne Diskriminierung“ behandelt. Doch „in diesem Staat werden die herrschenden Eliten bevorzugt behandelt, während gewöhnlichen Menschen wie Voigt ihre Rechte verweigert werden“ (Grenville 1996, 645; eigene Übers., A. L.). Zuckmayer kann nicht ahnen, dass die Nazis wenig später den Schriftzug ‚Jedem 417 Die gleiche Reaktion zeigt Hoprecht, wie wir sahen, nach der ausgebliebenen militärischen Beförderung (HvK 14. Sz., 85). 420 Lienkamp: Aufstand für das Leben das Seine‘ auf dem Tor des Konzentrationslagers Buchenwald anbringen und damit die ursprünglich humane Idee in zynischer Weise missbrauchen. Von außen nur in Spiegelschrift zu lesen, ist die Absicht ganz offensichtlich die Verhöhnung der Gefangenen418. „[…] richtig, richtig soll’s zugehn. Was richtig is, ick meine, wat Recht is, det sollt auch recht sein! Nich!?“ (HvK 14. Sz., 87) In dieser Forderung Voigts scheint die ursprüngliche Begriffsbestimmung Ulpians aus dem ‚Ersten Buch der Rechtsregeln‘ auf, wie er in die ‚Digesten‘ (I,I,10) des Kaisers Justinian I. (* um 482 † 565) Eingang gefunden hat: „Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi.“ (Ulpian, in: Behrends u. a. [Hrsg.] 1995, 94) Das bedeutet: Gerechtigkeit ist der beständige und allgemein gültige Wille, jedem sein Recht zukommen zu lassen419. Ulpian erläutert: „luris praecepta sunt haec: honeste vivere, alterum non laedere, suum cuique tribuere.“ (ebd.) – „Die Gebote des Rechts sind folgende: Ehrenhaft leben, niemanden verletzen, jedem das Seine gewähren.“ (ebd.) Man könnte den ersten Aspekt, ehrenhaft zu leben, – analog zur Neuübertragung des Camus’schen Wortes ‚honnêteté‘ durch Aumüller – auch übersetzen mit ‚anständig leben‘. Was Mews über Voigt ausführt, trifft exakt auf Esel, Hund, Katze und Hahn zu. Sie sind ebenso wenig wie der Schuster bereit, das ihnen von einem ungerechten System zugewiesene ‚Schicksal‘ zu akzeptieren. Wie er zeigen sie Entschlossenheit, für die eigenen Rechte zu kämpfen: Das muss „unausweichlich zum Konflikt mit der herrschenden sozialen Ordnung führen. Diese Tatsache stempelt ihn zum echten Außenseiter des Dramas, denn er ist der Einzige, der die ihm von der Gesellschaft zugewiesene Stellung nicht als endgültig betrachtet und schließlich sogar die Grundlagen der gesellschaftlichen Hierarchie in Frage stellt. Seine Entschlossen- 418 Vgl. das Foto der Torinschrift von Alfred Stüber (1904–1981) aus dem Jahr 1945, aufgenommen nach der Befreiung des KZ Buchenwald, unter https://www.dhm. de/lemo/bestand/objekt/jedemdas. Das Torgebäude diente als Folterstätte. 419 Eigene Übers., Hervorhebung von mir, A. L. Behrends u. a. übersetzen die Stelle so: „Gerechtigkeit ist der unwandelbare und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zu gewähren.“ (Behrends u. a. [Hrsg.] 1995, 94) 421 Weitere zentrale Botschaften heit, für seine Rechte zu kämpfen, ist die bewegende Kraft des Stücks“ (Mews 1992, 52 f.). Nicht nur das Prinzip der Gerechtigkeit, auch der Kategorische Imperativ Kants, der doch die Totalinstrumentalisierung des Menschen verbietet420 und die strenge Prüfung aller Maximen auf ihre Universalisierbarkeit verlangt, verkommt bei der staatstragenden Schicht zu einem Imperativ der bloßen, unbedingten Pflichterfüllung, ja des Gehorsams gegenüber den Vorgesetzten und der Obrigkeit, wenn er in der Rede des Geschäftsmannes Wormser zwischen den „alte[n] Fritz“ und das „Exerzierreglement“ eingezwängt wird (HvK 1. Sz., 10)421. Das kommentiert Block 1906 unter dem Eindruck der historischen Köpenickiade folgendermaßen: „Kants kategorischer Imperativ der Pflicht, wie Wilhelm der Zweite sich bei der Hochzeit im Hause Krupp etwas unkantisch ausdrückte, sollte doch eigentlich hellen Jungen aus unseren Garderegimentern nicht in der Weise klar gemacht werden, daß sie einfach vor jeder Offiziersuniform stramm zu stehen haben, gleichviel wer darin steckt!“ (Block 1906, 1) Eine Gesellschaftsordnung, die systematisch gegen das Verbot der Totalinstrumentalisierung verstößt, in der eine Behandlung von Menschen, welche deren Würde und Rechte missachtet, sanktionslos möglich, ja geradezu fester Bestandteil ist, ist keine Ordnung, sondern ein „gewalttätig usurpatorisches System des Inhumanen“ (Schmitz 2000, 385). Das trifft nicht nur auf unseren beiden Märchen und die ihnen zugrundeliegenden gesellschaftspolitischen Organisationsformen zu, sondern auf alle in dieser Weise verfahrenden real existierenden ‚Ordnungen‘ auf unserem Globus: „Der einzelne Mensch steht […] einer Ordnung gegenüber, die sich als ungerecht bewiesen hat, die sich bis zu dem Grade verabsolutiert hat, daß der einzelne und seine gerechten Ansprüche dadurch zermalmt werden, wäh- 420 „Der Mensch […] will sich nicht als Mittel, sondern als Zweck des Staates betrachtet wissen.“ (Mews 1992, 46) 421 Wormser hängt noch – offensichtlich ohne genau zu wissen, was er da sagt – „die Klassiker“ an (HvK 1. Sz., 10). Dazu erläutert Mews: „[…] ‚die Klassiker‘ messen den Menschen an seiner Menschlichkeit, einer Haltung, die nur im Inneren durch Einsicht, Selbstüberwindung und Liebe erworben werden kann“ (Mews 1992, 63). 422 Lienkamp: Aufstand für das Leben rend für Zuckmayer, im Einklang mit dem Zitat aus den Bremer Stadtmusikanten, der Mensch den höchsten Wert darstellt. Eine Ordnung, sagt uns Zuckmayer damit, die dem einzelnen Menschen und seinen Bedürfnissen nicht gerecht wird, die ihm keinen Raum zur Selbstverwirklichung einräumt, einen auch nur bescheidenen individuellen Freiraum, ist falsch.“ (Wagener 1988, 232 f.) Das System, so auch Schmitz, lasse dem Menschen keinen solchen Raum, sondern sei wie eine Uniform, die allzu stramm sitze (vgl. Schmitz 2000, 384). Im Schwagergespräch verwendet Voigt dieselbe Metapher: „Wennse [die menschliche Ordnung; A. L.] man nur nich so stramm sitzt, daß de Nähte platzen!“ (HvK 14. Sz., 89) Irgendwann, so die darin enthaltene Feststellung, die aber wie eine Warnung klingt, wird sich der menschliche Freiheitsdrang Raum verschaffen, und dann reißt die Zwangsjacke auseinander. Voigt will von Hoprecht wissen, was hinter dem Ganzen steht, „’n Gott oder ’n Teufel?!“422 Was der Schuster denkt, liegt auf der Hand. Nur zwei Jahre später steht mit Adolf Hitler tatsächlich ein diabolischer Mensch hinter dem Ganzen. Für Zuckmayer ist er der Teufel, wie der Titel seines NS- Kriegsdramas ‚Des Teufels General‘ aus dem Jahr 1942 (abgeschlossen im Juli 1945) verrät: „[…] ich kenne den Teufel. Den hab ich gesehen – Aug in Auge. Drum weiß ich, daß es Gott geben muß.“ (TG 3. Akt, 141; vgl. ebd. 155). Frizen, Große und andere Kommentatoren meinen jedoch, dass Voigt trotz allem kein Revolutionär sei (vgl. Frizen 2000, 39; Große 2007, 52). Dagegen spricht allerdings die Prophezeiung, die ein Mann von der Straße äu- ßert, dass nämlich der falsche ‚Hauptmann von Köpenick‘ „noch die janze Welt uffn Kopp“ stellen werde (HvK 20. Sz., 119). „Voigt […] erkennt die Welt, in der er lebt, als eine verkehrte Welt, in der die Werte auf den Kopf gestellt sind […], und es muss sich jemand finden, der sie wieder auf die Füße zurückstellt.“ (Freund-Spork 2005, 64) Da die Welt also bereits Kopf steht, könnte der Schuster derjenige sein, der sie wieder auf die Füße stellt, ganz ähnlich wie Marx und Engels mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel 422 Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat diese Alternative so formuliert: der Gott des Lebens oder die Götzen des Todes. Barbara Glauert spricht mit Blick auf den ‚Hauptmann von Köpenick‘ vom „Kampf ursprünglichen Lebens mit den Götzen“ (zit. nach Gehrke 1998, 64). 423 Weitere zentrale Botschaften (* 1770 † 1831) verfuhren, als sie beanspruchten, „die Hegelsche Dialektik […] vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt“ zu haben, vom „Kopf “ der Begriffe auf die „Füße“ der wirklichen Welt (MEW 21, 293). Voigt, so Sandner-von Dehn, rebelliere gegen „den unmenschlichen Bürokratismus und die Idolisierung des Militärischen“ (Sandner-von Dehn 1978, 27 f.). Auch für Pfister ist der Schuster ein Rebell, der den Staat und dessen ‚Ordnung‘ in Frage stelle (vgl. Pfister, E. 2011, o. S.), auch wenn ihm natürlich klar ist, dass er als einzelner die Weltordnung nicht aus den Angeln heben kann: „Det könnt ick ja nich, da bin ick viel zu alleine für …“ (HvK 14. Sz., 92) Erwägungen wie die, sich dazu mit anderen zusammenzuschlie- ßen, in einer funktionierenden, starken Gewerkschaft oder Partei, die sich für eine wirklich humane, gerechte und demokratische Ordnung einsetzt, aktiv mitzuarbeiten, sind für jemanden, der kurz vor seiner Abschiebung steht, erst einmal nicht naheliegend. Aber allein schon das In-Frage-Stellen macht ihn in den Augen des kleinbürgerlichen Untertanen Hoprecht zu einer Bedrohung für das System: „Der Mensch – der Mensch is ja gefährlich!!“ (HvK 14. Sz., 92). Und in der Tat: Dieser Wilhelm Voigt, so Zuckmayer 1931, „ist nicht der armen Teufel, der Mitleid erwecken möchte, er hat irgendetwas in sich, daß den Käfig der bürgerlichen Ordnung zu sprengen sucht, der Mann ist irgendwie ‚gefährlich‘.“ (Zuckmayer 1931c, 13)423 Tatsächlich schafft es ja der Mann aus Klein- Pinchow, die Machtverhältnisse für kurze Zeit umzukehren (vgl. Hein 1977, 276). Bartl meint sogar, dass es Voigt gelungen sei, „ein ganzes politisches System von innen heraus in seinen Grundfesten“ zu erschüttern (Bartl 2009, 216). Die Reaktion des Kaisers auf die Köpenickiade zeigt jedoch, dass es deutlich mehr braucht, um das herrschende System zu überwinden (vgl. Wagener 1988, 235). „An den im Blitzlicht der Satire erscheinenden Mißständen der Gesellschaft ändert sich ebensowenig wie die systemgläubigen und intoleranten oder opportunistischen Menschen gebessert werden.“ (Hein 1977, 283) So pessimistisch das klingen mag, Hein liegt damit richtig. Wenn 423 Hervorhebung von mir, A. L. Diese Auffassung der Rolle Voigts decke sich mit seiner, so Zuckmayer. Werner Krauß habe den Schuster in der Berliner Aufführung im ‚Deutschen Theater‘ so gespielt – „unsentimental, trocken und markig“ (Zuckmayer 1931c, 13). 424 Lienkamp: Aufstand für das Leben durch diese Erkenntnis bei Teilen des Publikums Unbehagen oder vielleicht sogar Empörung ausgelöst wird und sich dieses Befinden in den Willen umsetzt, politisch aktiv zu werden und sich für mehr Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, wäre dennoch viel erreicht. Eine genaue Vorstellung davon, wie denn solch eine humane Ordnung aussehen könnte, vermittelt das Drama nicht. Wer das erwartet, verlangt das Falsche. Aber hier und da scheinen Bauelemente einer menschlicheren Gesellschaft auf, die angesichts der Vorherrschaft des Systems, das sich unter den Nazis zum Totalitarismus steigern wird, utopischen Charakter besitzen (vgl. Schmitz 2000, 410 f.). Interessanterweise gilt der Esel, Voigts Alter Ego aus dem Grimm’schen Märchen, als Symbol einer „verkehrten Welt“ (Schild 2008, o. Sp.). Eine dem vorausgehende Umwälzung der Verhältnisse wäre im Wortsinn eine Revolution. Die ‚Tiere‘ kehren ja tatsächlich das ‚Unterste zuoberst‘424: Mussten sie zu Beginn der Erzählung fliehen und den ersten Teil der Nacht ohne Essen und Obdach im Wald kampieren, so sind es jetzt die ‚Räuber‘, die die Flucht ergreifen, ein immer noch recht üppiges Mahl zurücklassen und die Nacht im Wald verbringen müssen, während Hahn, Katze, Hund und Esel am reich gedeckten Tisch Platz nehmen. „Diese verkehrte Ordnung war es, die das Märchen so beliebt gemacht hat. Denn Märchen erzählte man sich hauptsächlich unter den einfachen Leuten, von denen es manchem ähnlich ergangen sein mag wie den vier Tieren in der Geschichte.“ (Bremen Marketing GmbH 2003, 4) Der Staatsanwalt wirft dem historischen Voigt während des Gerichtsverfahrens vor, er habe „die ganze Staatsordnung in Trümmern geschlagen“ (zit. nach Freund-Spork 2005, 5). Vermutlich weil von nun an das blinde Vertrauen in ein zentrales staatliches Symbol, der Glaube an die Uniform, erschüttert ist. Tatsächlich fand der falsche ‚Hauptmann‘ ja auch einige Nachahmer425. Welchem Uniformierten kann man fortan noch glauben? 424 In Heyms Roman ‚Ahasver‘ sagt dieser zu Rabbi ‚Reb‘ Joshua (d. i. Jesus von Nazareth): „Ich […] zeigte dir die Reiche der Welt und wie in jedem von ihnen ein andres Unrecht hauste, und sprach zu dir, du solltest’s in die Hand nehmen und das Unterste zuoberst kehren, denn die Zeit sei gekommen, das wahre Reich GOttes [sic] zu errichten.“ (Heym 19811985, 172) 425 Zum Beispiel am 21.12.1907 in Wien (vgl. Allgemeine Zeitung [München] Nr. 595 vom 23.12.1907, 5). 425 Weitere zentrale Botschaften Ist dem Militär und der Bürokratie noch zu trauen? Dem Staat, der darauf basiert? Voigt hat mit seiner rebellischen Kritik an der herrschenden ‚Ordnung‘ diese zwar nicht umgestülpt, aber immerhin ein kleines, lang nachwirkendes Erdbeben ausgelöst. 5.4 Für eine politische Dichtung In der überaus vielfältigen Theaterlandschaft der Weimarer Republik „mit ihrem enormen Reichtum an theatralischen Erlebnissen und an lebendiger Theaterkunst“ (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 117)426 gibt es verschiedenste Möglichkeiten, sozialkritische und politische Aussagen zu vermitteln. Zuckmayer hat dabei offenbar eine glückliche Hand. Er komme dem Publikum „gottlob weder mit aschgrauen Theorien noch mit aufdringlichem Pathos und billigem Theaterdonner“, notiert etwa Felix Hollaender (* 1867 † 1931) (Hollaender 1932, 322). Ihm sei „ein Bühnenwerk gelungen, das die Luft unserer Zeit einfängt, das angreift und Klarheit schafft, ohne nüchtern, lehrhaft oder verbohrt zu werden“, kommentiert Monty Jacobs für die ‚Vossische Zeitung‘ die Uraufführung des ‚Hauptmanns‘ (Jacobs 1931, 3). Er erreiche das Publikum, weil er „nicht, mit rot angelaufenem Kopf, Schlagworte ins Parkett“ zetere, und wirke viel stärker für eine gute Sache, weil er es vermeide, die Gesichtszüge seiner Figuren zu verzerren (ebd.). Schließlich schreibt Max Hochdorf über die Premiere des ‚Hauptmanns‘ im ‚Vorwärts‘: „Und all das uniformierte, mit Reputierlichkeit, Streberei und ähnlichen Tugenden und Lastern ausgestattete Bürgergesindel entlarvt sich in seiner Lächerlichkeit[,] ohne daß der dramatische Bilderbogenzeichner die Feder zu vergiften braucht. In dem Märchenstück ist etwas Gesundes. Es ist ein Tendenzstück und doch wieder ohne Tendenz. Es ist ein Gleichnis, das seinen Wert behält, ohne daß die Moral faustdick aufgetragen wird.“ (Hochdorf 1931, 2) 426 Für Zuckmayer ist in der Vor-Hitler-Zeit das Theater in Deutschland, wenn man Experimentierfreudigkeit, darstellerische Intensität, Ausbreitung, Tiefenwirkung, und allgemeine Bedeutung zusammennehme, „das beste Theater der Welt“ (Zuckmayer 1947, in: ders. 1997, 82; vgl. dazu auch ders. 1955, in: ders. 1997, 128 ff.). 426 Lienkamp: Aufstand für das Leben Ingeborg Drewitz (* 1923 † 1986) behauptet, dass Zuckmayer „von Anfang an kein gesellschaftskritischer Autor“ gewesen sei (Drewitz 1986, 16), womit ihr „Versuch eines Porträts“ in diesem Punkt völlig danebenliegt. Natürlich sei das Drama über den ‚Hauptmann von Köpenick‘ politisch, schreibt Gerhard Schüler und hat Recht damit. Dessen Autor, der in seiner Kritik niemals gehässig werde, sehe das Stück selbst so. „Nur: Zuckmayer versagt es sich, ein Tendenz- und Thesenstück zu schreiben, blindwütige Diffamierung und agitatorische Propaganda sind nicht seine Sache.“ (Schüler 1978, 29) Gerhart Hauptmann, so sagt unser Dichter im Jahr 1922, habe „alles Direkt-Erzieherische, alles Tendenziös-Agitatorische“ ferngelegen (Zuckmayer 1922, in: ders. 1997, 145). Das trifft auch auf ihn selbst zu. Und was Zuckmayer an ‚seinem‘ Regisseur Hilpert hervorhebt, ist auch ihm ein Anliegen: Er will das Theater weder zur Schulstube degradieren noch mit einer Propaganda-Bühne verwechseln427. „Nie hatte ich eine Neigung, Dichtung mit Ideologie zu verschweißen. Nie wollte ich die Freiheit aufgeben, Dichtung ‚um ihrer selbst willen‘ wachsen zu lassen, aber keineswegs als ‚l’art pour l’art‘, sondern als ‚l’art pour I’homme‘“ (Zuckmayer 1960a, VII). Eine solche Kunst für den Menschen wird zwangsläufig politisch. Er will schließlich eine Dichtung hervorbringen, „die, ohne im ideologischen Sinn Partei zu ergreifen, dennoch in ihrer Gegenwart wurzelt und sich bemüht, zeitklärend zu wirken“ (ebd.). Den Theaterbesucherinnen und -besuchern sollen darum keine gefärbten Brillen aufgesetzt, sondern die Augenklappen gelöst werden (Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 99). „Die Beschränkung auf eine rein prädikante, didaktische Lehrwirkung, die Verengung des Theaters zur Schulstube oder zum Abendkurs, lehnen wir ab. Hingegen wünschen und vertreten wir eine unmittelbare, heftige und mitverantwortliche Teilnahme an den elementaren Vorgängen unserer Welt- und Lebensstunde, wobei wir keineswegs der Täuschung erliegen, daß wir vom Theater aus Umstände und Menschen in direktem Sinn ändern, bessern oder reformieren könnten. Jedoch glauben wir an unsere Macht, durch die Hochfrequenz künstlerischer Ausstrahlung das geistig-seelische Klima einer Zeit mitbeeinflussen oder vorbereiten zu können. ‚Tua res agitur‘, – Dich geht es an, was hier gespielt wird, – das ist die Voraussetzung 427 Vgl. Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 111; ders. 1955, in: ders. 1997, 136; ders. 1960, in: ders. 1995, 156; ders. 19662013, 518. 427 Weitere zentrale Botschaften für jede wahrhafte Breiten- und Tiefenwirkung des Theaters“ (Zuckmayer 1955, in: ders. 1997, 136 f.). Als Beispiel für die politischen Möglichkeiten des Theaters verweist Zuckmayer – sechs Jahre nach Hiroshima und Nagasaki – auf die Debatte um Nuklearwaffen: „Wir haben von der Bühne herunter kaum die Möglichkeit, direkten Einfluß darauf zu nehmen, ob jene Atombombe fällt, und wann und wo. Jedoch ist unser Einfluß grenzenlos im Hinblick auf die innere Haltung der Menschen, auf das seelische Klima der Generationen“ (Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 106). „Ins Herz zu treffen“, sei darum das strengste Gebot der „Werkschaffenden der Schaubühne“, nicht um das Publikum zu verletzen, sondern um in ihm Schönheit, Wahrheit und Menschlichkeit zu entzünden (Zuckmayer 1955, in: ders. 1997, 137). Wo ein solches Feuer entfacht wird, herrschen nicht Ruhe und Zufriedenheit. Dass Zuckmayer anno 1931 das Theaterpublikum nicht mit einem guten Gefühl nach Hause entlassen will, ist also mehr als angemessen: „Der offene Schluss betont den ungelösten Konflikt und verweigert das harmonisierende Happyend, die erwartete Unterhaltung weicht der beunruhigenden Erkenntnis gesellschaftlicher Missstände.“ (Freund- Spork 2005, 77) Insofern kann das Theater, als Ort der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Spiegelbild, als „ein sittlicher Hebelarm“ wirken, jedoch tiefer gehend als nur im Sinn der „sentenziösen Belehrung“ (Zuckmayer 1947, in: ders. 1997, 88). Denn es genügt Zuckmayer nicht, von der Bühne herab soziales Unrecht aufzudecken. „Wir haben gelernt, daß mit der Aenderung der Verhältnisse nichts getan ist, wenn nicht der Mensch sich ändert und daß es ein Nacheinander nicht gibt.“ (Zuckmayer 1953, 7) Beides muss also gleichzeitig in Angriff genommen werden. Ein Dramatiker solle darum nicht bloß als Chirurg fungieren, „der ein Geschwür aufschneidet, wenn er darüber hinaus nicht ein Heiler ist“ (ebd.). Er könne und solle zwar keine Antworten geben oder Lösungen unterbreiten, „im Sinne der gebrauchsfertigen Nutzanwendung“ (Zuckmayer 1947, in: ders. 1997, 89). Vielmehr liege die ‚Lösung‘, die das Drama zu geben berufen sei, „immer im Bereich des Metaphysischen.“ (ebd.) Was Zuckmayer damit meint, wird in folgendem Zitat 428 Lienkamp: Aufstand für das Leben von Paul Auster deutlich: „Die metaphysische Dimension ist wesentlich. Warum sollte ein Autor ein Werk verfassen, wenn er kein Interesse an Metaphysik hat; eine tiefe und umfassende Neugier dem Leben und all den großen Fragen gegenüber?“ (Auster 1996, in: Auster/Cortanze 1999, 160) Anschaulich umschreibt Auster diese Dimension in seinem bereits erwähnten Roman ‚Mr Vertigo‘: Es gehe um „Fragen von Leben und Tod […], diese großen beängstigenden Fragen, die einem im Kopf herumspuken, wenn man von nichts anderem abgelenkt wird. Warum bin ich hier? Wohin gehe ich? Was wird aus mir, wenn ich den letzten Schnaufer getan habe?“ (Auster 1996, 228; vgl. Lienkamp 2002) Was dem Dramatiker darüber hinaus obliege, sei „das Erwecken, das Erregen und Anziehen der Heilkräfte“ (Zuckmayer 1953, 7). Man darf von ihm nicht erwarten, dass er die Heilung selbst vollbringt, aber er kann und soll sie mit vorbereiten, indem er Einfluss auf das Innere der Menschen, ihre Seelen nimmt. Zuckmayer teilt ganz die Auffassung Goethes: „Ein großer dramatischer Dichter […], wenn er zugleich produktiv ist und ihm eine mächtige, edle Gesinnung beiwohnt, die alle seine Werke durchdringt, kann erreichen, daß die Seele seiner Stücke zur Seele des Volkes wird. Ich dächte, das wäre etwas, das wohl der Mühe wert wäre.“ (Goethe, zit. nach Zuckmayer 1962, in: ders. 1997, 171) Zuckmayer und andere Autorinnen und Autoren dieses Formats haben sich in der Republik von Weimar dieser Mühe mit viel Engagement und Herzblut unterzogen, konnten aber den Nationalsozialismus dennoch nicht aus der „Seele des Volkes“ heraushalten oder -drängen. Ob man angesichts dessen noch an die Wirksamkeit des Wortes glauben könne, so fragt Friedrich Luft (* 1911 † 1990) den Schriftsteller Remarque, der wie andere andauernd Menetekel an die Wand male, die aber offenbar nicht gesehen würden, oder, wenn doch, dann nicht eingesehen würden. Ob ihn diese Erkenntnis nicht am Ende vom Schreiben abhalten könnte. So wie Remarque reagiert, hätte vermutlich auch Zuckmayer geantwortet: „Niemals.“ Ja, es habe einen neuen, den Zweiten Weltkrieg gegeben, aber das gerade sei ein Grund, trotzdem daran zu glauben, dass die eigene Arbeit einen Sinn habe. „Denn was bleibt, wenn wir nicht daran glauben, daß ein Fortschritt möglich ist, was bleibt? Es ist manchmal sehr schwer, daran zu glauben, das gebe ich zu, aber man muß daran glauben, und man muß auch dafür arbeiten.“ (Remarque 1963, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 133) Wenn es gelinge, „auch nur einen Funken von Liebe, nur den Wunsch nach Liebe“ zu schüren, so wäre bereits eine erste Hilfe geleistet im Kampf ge- 429 Weitere zentrale Botschaften gen den Alp der gegenwärtigen Weltlage, „gegen die Schatten, die unser Blut saufen und unsere Seele vernichten wollen“ (Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 107). Man darf dabei nicht vergessen, was ‚Liebe‘ für Zuckmayer hier bedeutet: Sie ist für ihn, bezogen auf sein Theaterschaffen, nicht ein romantisches Gefühl, sondern „die höchste Seelenkraft, auch die stärkste Gestaltungsmacht, in unserer Welt.“ (Zuckmayer 19662013, 211) Das soziale Drama, „im Sinn der Aufweckung, Aufrüttelung des mitmenschlichen Bewußtseins“, habe wohl Gerhart Hauptmann in seinen ‚Webern‘ „endgültig geschaffen, vollendet und gleichzeitig überwunden“ (Zuckmayer 1953, 7). Das ist für Zuckmayer aber nicht das Ende, sondern der Anfang. Da wo Hauptmanns letzter Akt schloss, könne „heute vielleicht ein soziales Drama beginnen: denn sein Schluß ist, in einem sehr weiten, sehr umfassenden Sinne – religiös.“ (ebd.) Das bedeutet für unseren Dramatiker aber nicht, das Diesseits durch ein Jenseits zu ersetzen, sondern die soziale und politische Dimension um die metaphysische zu erweitern. Wie politisch ist aber der ‚Hauptmann von Köpenick‘? In der Kommentarliteratur taucht, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit dem fiktiven Wilhelm Voigt des Bühnenstücks mehrfach der Begriff des ‚Hochstaplers‘ auf. Das würde bedeuten, Voigt wäre ein Betrüger, jemand, der andere täuscht, Vertrauen missbraucht, um seinen eigenen Vorteil zu suchen. Das würde ihn mit einem Kriminellen gleichsetzen. Voigt selbst kommt sich aufgrund der Behandlung durch andere vor wie eine der Fußmatten, die er im Gefängnis geflochten hat. Auf ihm, der in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten gelandet ist, seien „alle druff rumjetrampelt“ (HvK 14. Sz., 91). Zu dieser Missachtung von oben passt eine Mentalität, die der bereits erwähnte ‚Vorwärts‘-Leser mit Blick auf einen Polizisten treffend beschreibt: „Det is ’n Radfahrer, det is ’n richtiger Radfahrer, der. Nach unten tritt er – nach oben macht er ’n Puckel.“ (HvK 11. Sz., 72) Oder, wie es der aus der Aachener Gegend stammende Bergmann Jupp in der ‚Herberge zur Heimat‘ so schön plastisch ausdrückt: Sein ehemaliger „Obersteijer“, der ihn ständig schickaniert habe, sei „so ne fiese Möpp“ gewesen, „immer ’n Herrn Inschenier und ’n Herrn Direktor int Blasrohr jekrochen und ’n Kumpel aufn Kopp jespuckt, so einer war dat.“ (HvK 6. Sz., 41 f.) Die Haltung, die hier exemplarisch an den Personen eines uniformtragenden Beamten und eines leitenden Angestellten kritisiert wird, kann man sehr gut auch an Diederich Heßling aus dem Roman ‚Der Untertan‘ studieren, den Heinrich Mann 1914 kurz vor Kriegsbeginn fertigstellt, der aber erst 1918 430 Lienkamp: Aufstand für das Leben als Buch herauskommt. Im ‚Hauptmann‘ stehen für diesen Typus unter anderem der Geschäftsmann Adolf Wormser und der Köpenicker Stadtschutzmann Kilian. Für Große ist der Protagonist des ‚Köpenick‘ unpolitisch, weder ein bekennender Sozialdemokrat noch überhaupt politisch interessiert (vgl. Große 2007, 52). Aber stimmt das? Ein Chauffeur sagt anerkennend über den gesuchten ‚Hauptmann‘: „Det is’n janz heller Junge, det is ’n Jelehrter is det oder mindestens ’n Politischer“ (HvK 20. Sz., 119). Die Soldaten, die Voigt rekrutiert hat, beordert er in das Amtszimmer des Köpenicker Bürgermeisters. Dort übernimmt der Schuster die lokale politische Macht. Das Ludwig XIV. zugeschriebene Wort „L’État c’est moi“ überträgt Voigt mit einer sehr energischen Feststellung auf sich: „Die Verwaltung der Stadt Köpenick bin ich!“ (HvK 19. Sz., 108). Er ist – ein bisschen wie der Bauer im Märchen – König für einen Tag (AaTh/ATU 1531; vgl. Hein 1977, 269). Für den „Zuchthäusler“ wird „ein wilhelminisches Märchen wahr: als übel malträtierter Untertan über Amtsgewalt zu verfügen; König für einen Tag zu sein“ (Dimter 2009, 15). Das Motiv vom „plötzlich-wundersame[n] Aufstieg aus tiefster Armut zu höchsten Ehren“ begegnet laut Rölleke „in allen Epochen und allen Kulturregionen“ (Rölleke 2016, 65). Allerdings gehört dazu auch „die ernüchternde Rückkehr zum Ausgangspunkt“, die Voigt in ‚Aschingers Bierquelle‘ in Szene 20 erlebt. Mit Gerhart Hauptmanns Komödie ‚Schluck und Jau‘ aus dem Jahr 1900 über die beiden gleichnamigen ‚Landstreicher‘ hat Zuckmayers ‚Hauptmann‘ die Kritik an der „Inhumanität und Verantwortungslosigkeit […] der herrschenden Schicht“ gemeinsam (Frenzel 1977, 1345). Von Fürst Jon Rand wird Jau, der dem Alkohol ergeben ist, vorgegaukelt, er sei nun der Fürst (vgl. Hauptmann 1900, 40–43). Der hellere Schluck wird anschlie- ßend ‚überzeugt‘, dessen Gemahlin, also die Fürstin zu geben (vgl. ebd. 84 ff.). Bei Jau, der das Spiel nicht durchschaut, wächst im krassen Unterschied zu Voigt die „Genuß- und Herrschgier […] bis zum Größenwahn“. Jau, der seine Position nicht freiwillig räumen will, muss schließlich mit einem Spezialtrunk in den Schlaf versetzt und aus dem Schloss entfernt werden (vgl. ebd. 152). Voigt belässt es dabei, ‚König für einen Tag‘ zu sein – ein Amt, das für ihn, im Unterschied zu Jau, nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck der Passbeschaffung ist. Zuckmayers Vorbild für sein Bühnenstück, so auch Hollaender, sei Gerhart Hauptmann: 431 Weitere zentrale Botschaften „Wie dieser möchte er eine verschüttete, mit Ängsten und Sorgen belastete Schicht an das Tageslicht fördern. Man denke an die ‚Weber‘ und den ‚Florian Geyer‘. Und gleich seinem großen Vorbilde will auch er auf die […] Hüter der Ordnung, des Gesetzes, des Staates die Lauge seiner Satire schütten. Der ‚Biberpelz‘428 ist für ihn nicht umsonst geschrieben.“ (Hollaender 1932, 321) Schon für Heine seien die schlesische Weber „das Symbol für alle Hungerleider, Entrechteten und Ausgestoßnen des Reichs und der Erde“ gewesen (Zuckmayer 1922, in: ders. 1997, 142). In seinem Weberdrama, das im Mittelpunkt seines jungen Schaffens stehe, halte Hauptmann den Klassenkampf „zum ersten Mal in einer deutschen Dichtung groß und erschütternd“ fest (ebd.). Der Dichter stelle hier nicht nur „die unerbittliche, eiserne Notwendigkeit der modernen Wirtschaft“, sondern ebenfalls „zum ersten Mal die proletarische Welt auf die Bühne“ (ebd.). ‚Florian Geyer‘ ist für Zuckmayer aber „das Gipfelwerk in Hauptmanns Dichtung“. Der Ritter werde zum „Anführer der Bauern in ihrem Verzweiflungskampf “. Er sei „die einzige heldenhafte Gestalt, die neuere deutsche Dichtung geschaffen hat. Grade weil er keinerlei Heroenzüge trägt, weil er schlicht ist und nur tut, was er muß […] als ein Mensch unter Menschen“ – wie Wilhelm Voigt im ‚Hauptmann von Köpenick‘. Dieses „erschütterndste[ ], aufrüttelndste[ ] Gesamtbild einer Zeit“, dieses Stück mit seiner „politisch-kämpferischen Handlung“ fasse „uns an mit der Gewalt eines gegenwärtigen, eines unmittelbar uns angehenden Geschehens.“ (ebd. 144) Auch das trifft auf den ‚Köpenick‘ zu. Gerhart Hauptmann, der um „das Leiden der Kreatur“ wisse und sich „zu den großen brüderlichen Gedanken der Menschheit“ bekenne, so Zuckmayer 1932429, sei für ihn wie für die jüngeren Literaturschaffenden überhaupt, „der Mutterboden, in dem unsere Wurzeln ruhn, die Vatersonne, die unser Wachstum bestrahlt.“ (Zuckmayer 1932, in: ders. 1995, 179 f.) Zuckmayer selbst sagt 1962, zu Hauptmanns einhundertstem Geburtstag, über ‚Die Weber‘ – und indirekt über sein ‚deutsches Märchen‘: „Das We- 428 Zuckmayer nennt die Komödie ‚Biberpelz‘ „eines der wenigen klassischen Lustspiele deutscher Sprache“ (Zuckmayer 1962, in: ders. 1997, 160). 429 In seinen Altersmemoiren nennt Zuckmayer Hauptmann ganz ähnlich den „Künder des sozialen Mitleids und der Menschlichkeit“ (Zuckmayer 19662013, 237 f.). 432 Lienkamp: Aufstand für das Leben berstück steht für alles Menschenelend, für alles Menschenrecht, für alle leidenschaftliche Erhebung der Kreatur gegen ihre Knechtung, aber auch – und darin zeigt sich seine poetische Größe – für die innere Erhebung der einfachen Seele im Glauben an eine höhere, göttliche Gerechtigkeit.“ (Zuckmayer 1962, in: ders. 1997, 163) Wenn Hauptmann aber von Gott spreche, so sei das „keine Flucht in vergangene Tröstungen“. Der Mensch werde „nicht der Verantwortung für sein irdisches Schicksal“ enthoben, diese werde ihm vielmehr „erst wahrhaft auferlegt“ (ebd. 177 f.). Ganz so wie Bruno Schüller festhält: „Die Entscheidung für Gott ist in eins die Entscheidung für die je bessere Welt.“ (Schüller 1980, 150) Diese Haltung findet man auch im ‚Köpenick‘, wobei sich Voigt der göttlichen Gerechtigkeit gegenüber ebenfalls nicht tatenlos abwartend verhält, sondern in ihrem Sinn das Heft in die Hand nimmt. Zuckmayer, das scheint hier auf, glaubt eben „an eine übergeordnete Macht, der wir dienen, wenn wir unser eigenes Gesetz erfüllen.“ (Zuckmayer 19301986, 31; Hervorhebung von mir, A. L.) In seinem Schauspiel ‚Schinderhannes‘, das am 13. Oktober 1927 im Berliner Lessingtheater seine Uraufführung erlebt, wird die Hauptfigur Johann Bückler gegen Ende des Stückes von einem Stabsoffizier verhaftet. Dessen Adjutant erklärt Bückler, dass er auch dann, wenn er seine Taten auf der Franzosenseite begangen habe, „vors Kriegsgericht!!“ gehöre. „Vergessen Sie nicht, daß sie politischer Verbrecher sind.“ (S 3. Akt, 149) Als sich sein ebenfalls gefesselter Kamerad Benedum auf den übergelaufenen früheren Mitstreiter Benzel stürzen will, hält ihn der Schinderhannes zurück: „Laß den Mann ruhig gehen! Der hat uns e sauber Licht uffgesteckt, sonst nix! Jetzt wisse mir doch endlich, was politisch is.“ (S 3. Akt, 149) Auch Bückler ist ‚helle‘ geworden. Am 22. Oktober 1927, also kurz nach der Premiere, veröffentlich Zuckmayer in der ‚Mainzer Warte‘ einen erläuternden Beitrag, in dem er mit den Vorurteilen aufräumt, der historische Bückler habe eine antisemitische, franzosenfeindliche Einstellung und letztlich bürgerliche Anwandlungen gehabt (vgl. Zuckmayer 1927, in: ders. 2004, 174). In Wirklichkeit sei sein Protagonist jedoch ein Mann, „der sich nichts gefallen läßt, der nimmt, was er findet, der hergibt, was er hat, der die Bedrücker hart angeht und gut Freund ist mit allem Volk“ (ebd. 172), wobei mit „Volk“ hier die Masse der Armen gemeint ist. Zudem trage der Schinderhannes „die wahren Züge des Volkshelden aller Nationen: echtes Rebellentum, unbedingtes Festhalten am natürlichen Menschenrecht, verzweifelten Widerstand gegen alle schlechten gesellschaftlichen Unrechte.“ (ebd. 433 Weitere zentrale Botschaften 173) Das also ist für Zuckmayer politisch. Und davon hat er seinem Voigt einiges mitgegeben. In seiner Jugend, besonders nach dem Ersten Weltkrieg, so merkt er an, sei er „natürlich“ politisch „äußerst radikal“ gewesen (Zuckmayer 19761977, 5). Am deutlichsten zeigt sich das in dem ‚Aufruf der Antinationalen Sozialistischen Partei (A. S. P.) Gruppe Deutschland‘, der während der Novemberrevolution 1918 erscheint und in dem der Kapitalismus als Ursache des Ersten Weltkriegs festgemacht wird. Zu den Unterzeichnern gehört neben Franz Pfemfert (* 1879 † 1954), dem Herausgeber der Zeitschrift ‚Die Aktion‘, auch deren junger Mitarbeiter Carl Zuckmayer: „Wir wissen, ihr werdet mit euren Kriegshetzern und Ausbeutern abrechnen. Zögert nicht eine Stunde! […] Nieder mit den Vaterländern! Nieder mit der völkerschlachtenden, völkerexpropriierenden Diktatur des Kapitalismus! Es lebe der revolutionäre, antinationale Sozialismus! Es lebe das grenzpfahllose Land der arbeitenden Menschheit! Hoch die sozialistische Weltrevolution!“ (A. S. P., zit. nach Nickel/Weiß 1996, 39) Er, Zuckmayer, und seine Freunde seien aus der festgefügten Gesellschaft der Wilhelminischen Ordnung in den Ersten Weltkrieg gezogen. Was sie danach vorgefunden hätten, sei zunächst einmal nichts gewesen, alles hätte sich erst bilden müssen (vgl. Zuckmayer 19761977, 5). Sie bekannten sich dazu, beim Aufbau einer „wirkliche neue[n], freie[n] Gesellschaft“ in Deutschland mitzuwirken. „[…] wir versuchten der neuen deutschen Republik und Demokratie zu dienen und zu helfen, auch da, wo wir sie bekämpften“ (ebd. 6). Nach dem Krieg wird Zuckmayer Mitglied des Mainzer Arbeiter- und Soldatenrates und anschließend des ‚Revolutionären Studentenrates‘ an der Universität Frankfurt am Main. Während der dortigen Semester lädt ihn Mierendorff zur Mitarbeit an der von ihm herausgegebenen „radikalen Revolutionszeitschrift, ‚Das Tribunal‘ genannt‘“, ein, die Zuckmayer, wie er sagt, „natürlich schon verschlungen hatte“ (Zuckmayer 1944, in: ders. 1995, 44). So kommt es zur ersten Begegnung mit Mierendorff, mit dem ihn dann eine lebenslange Freundschaft verbindet, bis dieser bei einem Bombenangriff der ‚Royal Air Force‘ auf Leipzig im Dezember 1943 zu Tode kommt. 434 Lienkamp: Aufstand für das Leben Die Politik sei nun sein Schicksal geworden, schreibt Zuckmayer, wie vier Jahre zuvor der Krieg, und sie habe ihn seitdem zeitlebens nicht mehr losgelassen, sondern seinen Lebensweg in vielerlei Hinsicht geprägt. „Als ich […] dann anfing, mich wirklich mit den politischen Verhältnissen in meinem eigenen Land zu beschäftigen, habe ich sehr rasch die einseitig radikale Richtung aufgegeben und wurde – was ich auch heute noch bin – ein Liberaler.“ (Zuckmayer 19761977, 5) Das sagt Zuckmayer gut drei Wochen vor seinem Tod. Allerdings plädiert er für eine neue Art des Liberalismus. Seine Liberalität, die so ganz anders als der heutige Neoliberalismus ist, sei eine, die auch die Sozialität einschließe (vgl. ebd.). Von seinen radikal-sozialistischen Anfängen an haben ihn die Themen Freiheit und Gerechtigkeit nicht mehr losgelassen, wie er in einem (später auch publizierten) Vortrag unterstreicht, den er vermutlich im Jahr 1951 an der Universität Göttingen gehalten hat: „Unverändert bleiben politische Freiheit und soziale Gerechtigkeit die Grundforderungen für ein erträgliches Zusammenleben der Völker. Unverändert bleibt die Erkenntnis, daß das eine ohne das andere, nämlich politische Freiheit ohne soziale Gerechtigkeit nicht zu erkämpfen und nicht zu erhalten ist.“ (Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 98 f.) An dem politischen Konzept seiner Jugend, „daß Freiheit und Recht nur auf der Basis eines neuen contrat social, eines Ausgleichs zwischen Arbeitsleistung und Arbeitsertrag zu erkämpfen sei“, halte er ebenfalls fest (ebd. 99). Wie die Grimms die parteiliche Erzählstimme in ihrem Märchen eindeutig auf der Seite der vier ‚Tiere‘ platzieren, so ist auch Zuckmayer „Partei und wirkt durch seine Parteilichkeit didaktisch“ (Frizen 2000, 37). Es wäre eine völlige Verkennung der Aufgabe oder Verantwortung des Dramatikers, würde man ihn „der Stellungnahme im geistigen, im ethischen und sittlichen Betracht entheben und seine Haltung […] auf die einer sammelnden, betrachtenden und reportierenden Indifferenz beschränken“ (Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 103). Zuckmayer ist kein standpunktloser Unbeteiligter. Drewitz liegt somit falsch. Es gebe, so sein Freund Remarque „die eine große Passion, die die Objektivität nicht trübt: die des Menschen für den leidenden Mitmenschen, die Passion für Gerechtigkeit“ (Remarque 1962, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 109). In diesem Sinne definiert Zuckmayer in seiner Rede aus dem Jahr 1951 den Begriff ‚Dramatik‘: Sie sei für ihn „nichts anderes als ein permanentes Gebet um Gerechtigkeit. Um den Widerschein einer geheimen göttlichen Gerechtigkeit auf Erden“ (Zuckmay- 435 Weitere zentrale Botschaften er 1951, in: ders. 1997, 103). Dieses ‚Beten‘ ist aber kein passives Abwarten und Sich-Verlassen auf ein göttliches Eingreifen von außen. Gerade im Theater, wie Zuckmayer sechs Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes und des von Hitler-Deutschland ausgelösten Völkerkrieges sagt, „dem naiven Spielraum […], wo die Phantasie tropisch zu wuchern und zu blühen vermag […], mag die Überwindung des Hasses, der Niedertracht, der dumpfblinden Menschenverfeindung ihren ersten Sieg gewinnen, indem sie einen positiven Stromkreis der Liebe schafft“ (ebd.). Naivität versteht Zuckmayer hier positiv als die Schwingen verleihende „echte Naivität, im Goetheschen Sinne, die Ursprünglichkeit des Herzens und der Phantasie“ (Zuckmayer 1961, in: ders. 1997, 228). Trotz klarer Parteilichkeit bekennt Zuckmayer allerdings schon früh, dass er „parteipolitisch nicht festgelegt“ sei (Zuckmayer 1930, 2). Grenville bescheinigt dessen ‚Hauptmann‘ jedoch, dass der dem Werk wesentliche lebensbejahende Optimismus im Kontext der frühen 1930er Jahre als eine robuste, wenn auch begrenzte Verteidigung des demokratischen Humanismus und (angesichts der Vermassungstendenzen) des Individualismus angesehen werden könne (vgl. Grenville 1996, 635): „In der nach 1930 in Deutschland herrschenden kritischen Situation war ein allgemeiner Appell an die Menschlichkeit wohl das Höchste, das Dramatiker zur Unterstützung der Weimarer Republik anbringen konnten.“ (ebd. 636; eigene Übers., A. L.) Als dann diese Republik in noch größere Gefahr gerät, tritt er allerdings doch einer politischen Organisation bei, der 1931 gegründeten, links stehenden ‚Eisernen Front‘ (vgl. Zuckmayer 19662013, 526), der „Abwehrformation gegen die Nazis“ (ebd. 87). Sie ist eine Vereinigung von SPD, ‚Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold‘, ‚Allgemeinem Deutschen Gewerkschaftsbund‘, ‚Allgemeinem freien Angestelltenbund‘ und dem ‚Arbeiter-Turn- und Sportbund‘ mit dem Ziel der Verteidigung der Republik gegen die in der ‚Harzburger Abbildung 75: Handzettel der ‚Eisernen Front‘ zu den Reichstagswahlen im Juli 1932431 436 Lienkamp: Aufstand für das Leben Front‘ organisierten antidemokratischen, nationalistischen und rechtsextremistischen Kräfte. Die Geheime Staatspolizei Salzburg schickt der Zentrale in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße am 5. November 1938 ein Schreiben in Sachen „Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit gem. § 2 des Gesetzes vom 14. Juli 1933“ für Carl, Alice und Maria Zuckmayer. „In politischer Hinsicht“, heißt es darin, „konnte nicht festgestellt werden, ob Zuckmayer oder seine Ehefrau einer Partei oder einer Untergliederung angehörten.“ (Gestapo Salzburg, zit. nach Strasser 1996, 253)431 Seine Mitgliedschaft in der ‚Eisernen Front‘ ist der Gestapo also offenbar verborgen geblieben. Aus beiliegenden Briefen, die Carl, „kath., jüd. Mischling I. Grades“ (ebd. 252) an Albrecht Joseph geschrieben hat, so die Gestapo, gehe „jedoch einwandfrei hervor, dass er Marxist war und mit Leuten, die volksverhetzende Wahlpropagandaverse verfassten und nach dem Umbruch im Reich als Hochverräter festgenommen wurden, eng befreundet war.“ (ebd. 253) So sehen ihn also die Nazis. Er betrachtet sich anders, wie er in seinem Brief an Joseph vom 18. September 1941 mit einer interessanten Formulierung unterstreicht: Er sei ein „Nicht-Marxist“, der allerdings auch „keiner antimarxistischen Ideologie anhängt“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 291). Marx selbst ist für ihn ein Humanist: „Der Mitverfasser des Kommunistischen Manifests, der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, kam aus dem Schoß des humanistisch gebildeten Bürgertums […]. Was Karl Marx zu seinem Forschen und seiner Lehre antrieb, war im Urgrund utopischen, ja chiliastischen Charakters, […] der Drang zur Verwirklichung einer humaneren Welt, statt zur Idealisierung der bestehenden.“ (Zuckmayer 19621981a, 202)432 430 Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, Bund aktiver Demokraten: Kampf um die Republik, https://reichsbanner.de/reichsbanner-geschichte/kampf-um-die-repu blik/. 431 Der Brief (wohl ohne den Schluss) ist abgedruckt in Strasser 1996, 252 f. 432 „Erst die Erstarrung dieser Lehre im totalitären Dogmatismus hat sie dem humanen und dem humanistischen Gedanken entfremdet.“ (Zuckmayer 19621981a, 202) Vgl. zum Ganzen meine Dissertation Lienkamp 2000. 437 Weitere zentrale Botschaften Der Sozialismus erscheint Zuckmayer „als notwendiger Weg zur Neuordnung und Rechtsetzung der menschlichen Verhältnisse, – doch niemals zur Klärung der menschlichen Problematik und zur Erkenntnis (und damit Aktivierung) der Seelenkräfte.“ (Zuckmayer 1960a, VII) Als ihn Wieland Herzfelde (* 1896 † 1988) anfragt, ob er dem Gründungsausschuss des in New York ansässigen Autorenverlags ‚Aurora‘ beitreten wolle, dem unter anderem Ernst Bloch, Bertolt Brecht und Heinrich Mann angehören, antwortet Zuckmayer am 17. Februar 1944, dass sie und er ein gemeinsames Ziel verfolgten: „Sozialismus – und Freiheit des produktiven Schaffens“ (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 297), dass er aber durchaus Differenzen sehe, etwa in der Beziehung zu religiösen Fragen oder in der Auffassung von ‚Propaganda‘. Die Gruppierung sei ihm weder zu radikal, noch wolle er sich isolieren, vielmehr aktiv mitarbeiten, wo immer es nützlich erscheine. Nur wolle er sich nicht ideologisch festlegen lassen, da es für ihn noch zu viele ungelöste Fragen gebe, mit denen er sich nur von seinem eigenen Standpunkt aus ‚herumschlagen‘ könne (vgl. ebd.). Zuckmayers Situation war nicht ganz einfach, wie Marcel Reich-Ranicki (* 1920 † 2013) hervorhebt: „Für die Kritik galt er oft als zu volkstümlich und für das Volk bisweilen als zu kritisch. Die Linken hielten ihn für konservativ und die Konservativen für allzu links. So saß er oft zwischen allen Stühlen. Das jedoch ist für einen Schriftsteller kein schlechter Platz.“ (Reich- Ranicki 2006, 28)433 Bei der Mainzer ‚Dichtertagung‘ im März 1932 appelliert er an seine Kolleginnen und Kollegen: „Fort mit den Schlagworten aus der Papiermühle der Meinungsmacher. Dichtet, ihr Dichter, und pfeift drauf […]. Es gibt keine ‚Richtung‘, nach der man sich zu richten hat.“ (Zuckmayer, zit. nach Schmitz 2000, 410) Das entspricht ganz dem Motto, das Karl Marx aus Dante Alighieris (* 1265 † 1321) ‚Göttliche[r] Komödie‘ abgeleitet hat und mit dem er die Einleitung zum Ersten Band des ‚Kapi- 433 Auf die Frage nach der Gegenwartsbedeutung Zuckmayers antwortet Reich-Ranicki, dass dieser heute seiner Meinung nach unterschätzt werde (vgl. Reich-Ranicki 2006, 28): „[…] er, dem wir eine der besten deutschen Komödien, nämlich den ‚Hauptmann von Köpenick‘, verdanken und auch noch das meisterhafte Drama ‚Des Teufels General‘, […] der, was heute offenbar kaum jemand weiß, zugleich ein glänzender Erzähler war, dessen Band ‚Ein Bauer aus dem Taunus‘ erschütternde zeitkritische Geschichten enthält, er, Carl Zuckmayer aus Nackenheim am Rhein, ist ein ganzer Kerl, dessen Platz – und das spricht für ihn – oft zwischen allen Stühlen war.“ (ders. 1976, 20) 438 Lienkamp: Aufstand für das Leben tal‘ beschließt, um deutlich zu machen, was er von den „Vorurteilen der sog. öffentlichen Meinung“ hält, der er nie Konzessionen gemacht habe: „Segui il tuo corso, e lascia dir le genti!“ – „Geh deinen Weg, und laß die Leute reden!“ (MEW 23, 17 und 846 Anm. 5) In seiner Rechtfertigungsschrift ‚über seine Entlassung‘ schreibt Jacob Grimm ganz ähnlich: „Weder nach Beifall gelüstet hat mir, noch vor Tadel gebangt, als ich so handelte, wie ich mußte“ (Grimm, J. 1838, 3). Und er musste, nicht weil es ihm ein anderer befahl, sondern weil es ihm sein eigenes Gewissen eingab. Man dürfe sich „nicht erst lange umblicken, was Hundertausende thun oder nicht thun“, so seine Devise (vgl. ebd. 7). Schon in dem auf Epiktet (* um 50 † um 138) zurückgehenden ‚ἐγχειρίδιον‘, ‚encheirídion‘, oder ‚Handbüchlein der stoischen Moral‘ findet sich, von dessen Schüler Arrian (* um 85–90 † nach 145/146) zusammengefasst, ein dieser Einstellung weitestgehend entsprechender Abschnitt unter der Überschrift „Thue recht, scheue niemand“ (Kapitel XXXV): „Wenn du etwas thust, wovon du dich überzeugt hast, dass es gethan werden muss, so vermeide es nie, gesehen zu werden, während du es thust, auch wenn der große Haufe anderer Meinung darüber sein sollte. Denn, ist es unrecht, was du thust, so meide die That selbst: ist es aber recht, was fürchtest du dich vor denen, die es unrecht schelten wollen?“ (Epiktet 1864, 45) Dieser Gedanke hat sich in den Worten der Überschrift über die Jahrhunderte gehalten und findet sich zum Beispiel auf einer Tafel von 1824, die ehemals an der Hauswand des Siegelhauses der Bramscher Tuchmachergilde befestigt war und sich jetzt im ‚Tuchmacher Museum Bramsche‘ befindet (siehe Abbildung 76). 439 Weitere zentrale Botschaften Abbildung 76: „Thue recht, scheue Niemand“; darunter steht aus den Sprüchen Salomos in der Übersetzung Luthers: „Wer wahrhaftig ist, der sagt freij was recht ist“; ehemals an der Hauswand befestigtes Schild des 1824 erbauten Siegelhauses der Bramscher Tuchmachergilde, jetzt im Tuchmacher Museum Bramsche (eigenes Foto) Als Zuckmayer 1934 von Österreich aus versucht, noch eigene Stücke oder Bearbeitungen wie die des Stück ‚What Price Glory‘ von Maxwell Anderson (* 1888 † 1959) und Laurence Stallings (* 1894 † 1968) unter dem Titel ‚Rivalen‘ auf deutschen Theater spielen zu lassen, muss er dazu bei den offiziellen Stellen des NS-Staates anfragen. So gern er in Deutschland aufgeführt würde, so wenig ist er aber gegenüber den Nazis zu irgendeinem Kompromiss bereit, wie er in einem Brief an seinen Freund Josef Halperin (* 1891 † 1963) vom 18. Mai 1934 verdeutlicht: „Meinen Standpunkt habe ich anläßlich Rivalen dem Prop. Min. [Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda; A. L.] und anderen Stellen gegenüber sehr deutlich präzisiert: ich lasse mich lieber gar nicht als ‚getarnt‘ spielen, ich will auch weder meine mütterliche Abstammung verleugnen noch von irgendeinem Wort, das ich je geschrieben habe, abrücken.“ (Zuckmayer, zit. nach Albrecht 1995, 15) Dazu passend schreibt er dem Freund am 11. Januar 1935, dass er sich bemühe, seine „eigne, unabhängige Haltung und die Unabhängigkeit [s]ei- 440 Lienkamp: Aufstand für das Leben nes Denkens und Handelns auf anständige Weise zu bewahren“ (ebd.). Er will eben genau das: anständig bleiben. Zuckmayers Handeln in den ersten Jahren des NS-Regimes sieht Albrecht jedoch kritisch. Von einem widerständigen Opponenten weit entfernt, sei seine Haltung „der später so genannten ‚inneren Emigration‘ […] im Kern nahe“ (Albrecht 1995, 16). Seine politisch kämpferisch veranlagten Freunde hätten ihm sogar „Standpunktlosigkeit“ vorgeworfen (Strasser 1996, 185). Ein Grund könnte sein, dass Zuckmayer, so Karl Schönböck (* 1909 † 2001), allzu optimistisch davon ausgegangen sei, dass das ‚Dritte Reich‘ keinen langen Bestand haben werde. „Er hat die Geschehnisse, so meine ich, nicht sehr ernst genommen.“ (Schönböck, in: ebd. 72) Er „schwankte zwischen Rebellion und Anpassung, Widerstand und Anbiederung, zwischen den Rufen der Exilierten, sich im Kampf gegen das Reich zu engagieren, und seinen einflußreichen Freunden in Deutschland, die ihm die Hoffnung auf Rückkehr und Wiederaufnahme der Karriere vorgaukelten, sodaß Zuckmayer in dieser Zeit“ tatsächlich „ohne festen Standpunkt und Orientierung war.“ (Strasser 1996, 92) So hat er sich nach außen zunächst zurückgehalten, wohl auch um „Deutschland als den wichtigsten Absatzmarkt seiner Schriften zu erhalten“ (ebd. 185). Erst nach und nach habe er sich von dieser Position gelöst und politisiert (vgl. Albrecht 1995, 16), die „Zeit der Zögerlichkeit“ überwunden und „das öffentliche politische Schweigen gebrochen“ (ebd. 28). Als politischer Publizist habe er zu seinem früheren öffentlichen Engagement vor der Besetzung Deutschlands durch die Nationalsozialisten zurückgefunden und die „direkte Wirksamkeit innerhalb der deutschen antifaschistischen Emigration“ gesucht (ebd.). Im Jahr 1940 schreibt er angesichts der braunen Diktatur: „Politik heißt nichts anderes als Zügelung roher Gewalt um der Polis, um des Gemeinwesens willen. Darum ist Gewalt-Politik eine sinnlose und frevelhafte Aufhebung jeder politischen Idee und hat von der Erde zu verschwinden.“ (Zuckmayer 19402014, 190 f.) Bei der Untersuchung, die Inspektor MacGregor vom ‚United States Immigration and Naturalization Service‘ am 17. Juni 1943 durchführt, stellt er Zuckmayer die Frage, ob dieser sich in Deutschland oder Österreich politisch betätigt habe. Darauf erwidert er: “The only thing that you could call political was my antagonism towards the Nazi Party.” (Zuckmayer 19431995, 542) Nach den Organi- 441 Weitere zentrale Botschaften sationen gefragt, denen er im letzten Jahrzehnt angehört habe, nennt er unter anderem die Verbände P.E.N., ‚Coordinated Council for Democracy‘ und ‚German-American Congress for Democracy‘ (ebd. 544). Ein Künstler müsse seinen Weg gehen (also Dantes „Segui il tuo corso“ umsetzen), das könne man auch von Gerhart Hauptmann lernen, „unbekümmert um Rechts oder Links, unbeirrt vom Hoch- oder Niederschreien, das Auge nur auf sein Werk gerichtet und nur verantwortlich dem Gesetze seiner Kunst, das er in sich selber trägt.“ (Zuckmayer 1932, in: ders. 1995, 180) In dem erwähnten offenen Brief an Erika Mann aus dem Jahr 1944 unterstreicht Zuckmayer seine Auffassung „von der ausserparteilichen und unabhängigen Stellung künstlerischen Schaffens“ (Zuckmayer 1944, 7). Die meisten Menschen würden jedoch immer noch politisch und parteipolitisch verwechseln. „Da ich in den vielen Jahren meines Lebens immer irgendwie bestrebt war, über den Tagesdingen zu stehen, und keine einseitige parteipolitische Stellung bezogen habe, hält man mich für ‚unpolitisch‘. […] Und trotzdem bin ich ein politischer Autor! Alle meine Stücke sind politisch“ (Zuckmayer 19761977, 4). Zu Recht fordert Günter Scholdt darum zu einem „Umdenken über den angeblich politisch so unbedarften Folklore-Autor“ auf (Scholdt 2005, 7). Das politische Theater, das die Befreiung des Menschen „von Druck und Zwang unwürdiger, der Menschenwürde unerträglicher Gewalten“ auf seine Fahnen schrieb (Zuckmayer 1951, in: ders. 1997, 98), müsse das Gesamt-Menschliche in den Blick nehmen. Wird diese Bedingung erfüllt, dann steht er dahinter: „Von Aristophanes über Schiller bis Bertolt Brecht hat es immer großes Theater im Sinne der moralischen Anstalt, im erzieherischen Betracht gegeben, von Aischylos über Shakespeare bis Gerhart Hauptmann gab es immer gro- ßes Theater als Schicksalsbeschwörung oder als Kampf mit den Engeln oder Dämonen. Beides kann im edelsten Sinne, in dem der heiligen Wahrheitsliebe, umstürzlerisch, aufreißend und angreifend, erschütternd und revolutionär sein.“ (ebd. 100) 442 Lienkamp: Aufstand für das Leben 5.5 Überwindung von Militarismus, Autoritarismus und Uniformfetischismus Zuckmayer erwähnt in einem Brief vom 15. August 1931 gegenüber Joseph die in seinem ‚Köpenick‘ greifbare „Atmosphäre der Uniform-und Militärherrschaft“ (Zuckmayer, zit. nach Asper 2008, 19). In der Tat ist der Raum „durchmilitarisiert“ (Große 2007, 50). Sämtliche Lebensbereiche sind erfasst: „Unter dem halbautokratischen System des Wilhelminischen Reiches besaß die Armee das höchste Ansehen, sodass sie ihr Wertesystem, Denken und Verhalten in der Gesellschaft verbreiten konnte. Die Art und Weise, wie vom Militär abgeleitete Gewohnheiten von Befehl und Gehorsam die deutsche Gesellschaft durchdringen, spiegelt sich in Zuckmayers Stück wider.“ (Grenville 1996, 637; eigene Übers., A. L.) Interessanterweise verwendet Grenville in seinem englischsprachigen Artikel einige deutsche Wörter, für die es wohl in seiner Sprache keine passenden Begriffe gibt, unter anderem „Obrigkeitsstaat“ und „Untertanengeist“, welche die von ihm erwähnte Struktur von Befehl und Gehorsam, von Herr und Knecht widerspiegeln (ebd. 637 f.). Für beide Begriffe steht Luthers Übertragung des von Paulus verfassten Römerbriefs aus dem Jahr 1545 Pate. Im ersten Vers des dreizehnten Kapitels übersetzt er: „Iederman sey vnterthan der Oberkeit/ die gewalt vber jn [über ihn] hat. Denn es ist keine Oberkeit/ on [ohne] von Gott [zu sein]/ Wo aber Oberkeit ist/ die ist von Gott verordnet.“ (Römer 13,1)434 434 Die Zusätze in eckigen Klammern stammen von mir, A. L. Die Verse Römer 13,1– 3 lauten in der Übersetzung der Luther Bibel von 2017: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten.“ Zur Auslegung vgl. z. B. Theobald 1993, 80–97. 443 Weitere zentrale Botschaften Abbildung 77: Die Epistel S. Pauli an die Römer, Kapitel XIII, Vers 1 bis 3 in der Übersetzung Martin Luthers von 1545 (Luther 1545) Liebknecht, „Opponent gegen die Kriegskredite und [Fürsprecher; A. L.] für die Internationale“ (Zuckmayer 19662013, 240), identifiziert drei Bereiche, in denen der Militarismus wirkt: erstens die Armee selbst, zweitens das über diese hinausreichende „System der Umklammerung der ganzen Gesellschaft durch ein Netz militaristischer und halbmilitaristischer Einrichtungen“ und drittens ein „System der Durchtränkung unsres ganzen öffentlichen und privaten Volkslebens mit militaristischem Geiste“, einschließlich Kirche, Schule, Presse, Kunst und Literatur (Liebknecht 1907, 35)435. Keine Institution sei allerdings stärker von militärischem, autoritärem Denken infiziert gewesen als die öffentliche Bürokratie, welche die hierarchische Kommandostruktur der Armee offen nachgeahmt habe. Im Gegensatz zu Letzterer habe sie den Ersten Weltkrieg und die Revolution von 1918 weitgehend unbeschadet überstanden und ihre alten Werte aus dem Kaiserreich in die Weimarer Republik hinübergerettet. Die Ehrerbietung der Bürger gegenüber dem Amt tat das Ihrige. Sie habe die Autoritätsanma- ßung der Beamten noch gefördert und auf beiden Seiten des Schalters ein Muster von sich gegenseitig verstärkenden autoritären Einstellungen etabliert (vgl. Grenville 1996, 644 f.). Selbst in einer Schuhfabrik, so erfahren wir im ‚Köpenick‘, die für den zivilen Sektor produziert, herrschen militärische Umgangsformen. So grüßt etwa der eintretende Bürodiener, indem er die Hand an die Mütze legt. Anschließend, so sagt Zuckmayers Regie- 435 Auch Hein spricht von der „unentwirrbaren Vermischung von bürgerlicher und militärischer Sphäre“ (Hein 1977, 278). Erst als Obermüller seine neue Reserveoffiziersuniform trägt, wird er auch als kommunale Leitung akzeptiert. So lässt Zuckmayer das Dienstmädchen sagen: „Nu sieht der Herr Bürjermeister aber janz echt aus. Wie ’n Offizier.“ (HvK 10. Sz., 69) 444 Lienkamp: Aufstand für das Leben anweisung, verharrt er „in strammer Haltung“ (HvK 4. Sz., 32). Um eine Stelle zu bekommen, ist es nicht wichtig, was man kann, sondern ob man ‚gedient‘ hat. Als sich Voigt dort um Arbeit bemüht, erfasst er diese Tatsache sehr schnell. Dem Prokuristen Knell entgegnet er schlagfertig: „Ick hab jedacht, hier wär ne Fabrik. Ick hab nich jewußt, daß det hier ne Kaserne is.“ (HvK 4. Sz., 33) Möglicherweise greift Zuckmayer hier die erste Strophe eines Gedichtes von Erich Kästner auf, das dieser 1928 in seiner Sammlung ‚Herz auf Taille‘ veröffentlichte: „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen! Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn in den Büros, als wären es Kasernen.“ (Kästner 19281983, 60) Und in der letzten Strophe schreibt Kästner über Deutschland: „Was man auch baut – es werden stets Kasernen.“ (ebd. 61) Nicht nur die Unternehmen sind kontaminiert, auch die Polizei ist erfasst: Polizisten und Soldaten ähneln sich allein schon aufgrund ihrer ‚Pickelhauben‘. Militärisch überformt ist auch der Strafvollzug: Im Zuchthaus spielen die Insassen am Sedantag Kriegsszenen nach, während sie in ihrer freien Zeit „immer de Felddienstordnung […] und det Exerzierreglement“ zu lesen bekommen, wie Voigt später berichtet (HvK 8. Sz., 57 f.; 21. Sz., 126). Die Parallelisierung von Zuchthaus (als der verschärften Form von Gefängnis), Kaserne, Polizei und Personalbüro gestaltet Zuckmayer besonders pointiert. Hinzu kommen die Bilder des allzeit uniformierten Staatsoberhauptes. Die Regieanweisungen in Szene 1 – „An der Wand ein Bildnis der kaiserlichen Familie und die Photos höherer Offiziere mit Unterschrift“ – und 2 – „An der Wand Kaiserbild, Verordnungstafeln, Gendarmeriesäbel und Pickelhauben an Kleiderhaken“ – deuten darauf hin, dass Wilhelm II. in Gestalt seines uniformierten Konterfeis in nahezu allen öffentlichen, gewerblichen und vermutlich vielen privaten Räumlichkeiten präsent ist. Auch im Stadtbild dominiert das Preußisch-Militärische. Es beginnt schon mit den Namen der Orte und Straßen der Handlung: die Potsdamer Garnisonskirche (implizit in der 2. Szene), das Café National (3. Sz.), die Friedrichstraße, benannt nach König Friedrich I. (* 1657 † 1713) (3. Sz.), die Kanonier- beziehungsweise Grenadierstraße (Szenenfolge bzw. 15. Sz.) sowie die Neue Friedrichstraße, benannt nach König Friedrich II. (20. Sz.). 445 Weitere zentrale Botschaften Voigt fährt in die Garnisonsstadt Potsdam, um dort sein im Zuchthaus erworbenes theoretische Militärwissen lebenspraktisch zu erweitern. Hier, im Park von Sanssouci, will er vor seinem ersten Einsatz als Hauptmann noch Feldstudien an lebenden ‚Objekten‘ betreiben. Diese 16. Szene beginnt sehr idyllisch und friedlich, ist aber in Wahrheit ein Rückblick auf den Krieg von 1870/71 und ein Vorausblick auf den von 1914/18. Darüber hinaus findet hier, im Schlossgarten, wie Gehrke anmerkt, „eine De mons trati on preußischen Wesens quer durch alle Generationen“ statt (Gehrke 1998, 35): vom greisenhaften Oberst, der demnächst ‚abzukratzen‘ gedenkt, bis hin zu sehr kleinen Knaben, die schon in bunte Offiziersuniformen gesteckt und so verkleidet im Park ausgeführt werden. Auch diese Idee könnte von einer Strophe aus Kästners Gedicht ‚Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?‘ inspiriert sein: „Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen / und mit gezognem Scheitel auf die Welt. / Dort wird man nicht als Zivilist geboren.“ (Kästner 19281983, 61; Strophe 4) Der eine der Jungen, ein Kürassier, schlägt „mit einem Kindersäbel Zweige von den Büschen“ während der andere, ein Husar, einen Passanten (nämlich Voigt) mit Kastanien „bombardiert“ (!). Sie exerzieren schon einmal auf eigene Faust. Der Husar heißt Walthari, was ‚Gewaltherr‘ bedeutet. Das kleine Wesen im Kinderwagen hört auf den Namen Fredegundis, was mit ‚Schutzkampf ‘ übersetzt werden kann. Nicht nur die Vornamen der Kinder sind martialisch, auch die Erziehungsmethoden. Eines der Kindermädchen warnt den kleinen ‚Gewaltherren‘: „Gleich setzt’s ne Backpfeife.“ Doch der streckt ihr nur die Zunge heraus. Daraufhin wird die Gewaltandrohung auf eine höhere Ebene gehoben: „Warte nur, ich sag’s Vatern, denn gibt’s mit de Reitpeitsche.“ (HvK 16. Sz., 97) Es bleibt aber nicht bei Verwarnungen. Als Waltha ri dem anderen kleinen ‚Offizier‘ ein Bein stellt, dieser in den Dreck fällt und brüllt, „dreschen“ die Kindermädchen unter demütigenden Beschimpfungen auf die Jungen ein (HvK 16. Sz., 98). Der ideologische und institutionalisierte Autoritarismus ist eben überall, hat Familie, Gesellschaft und Staat fest im Griff. Das Fortleben dieser Ideologie ist es, neben anderer zerstörerischen Faktoren, die ihren „bösartigen Einfluss“ auf die fragile Weimarer Republik entfaltet: „das Stück unterstreicht die Gefahren, die autoritäre Einstellungen für das gesunde Funktionieren eines demokratischen politischen Systems mit sich bringen“ (Grenville 1996, 635; eigene Übersetzungen, A. L.). 446 Lienkamp: Aufstand für das Leben Die Potsdamer Parkszene ist aber auch eine Demonstration preußischen Wesens quer durch die Geschlechter. Von den männlichen Greisen und den uniformierten Knaben haben wir schon gehört. Hinzu kommen drei junge Offiziere, die bereits die beste Vorbereitung für den „Ernstfall“ diskutieren (HvK 16. Sz., 97). Darüber hinaus begegnen wir in der Szene zwei nicht uniformierten jungen Männern, vielleicht älteren Schülern, die die langen geraden Alleen bewundern, wohl weil sie sich so prächtig zum Exerzieren eignen. Gleichzeitig wird sinnfällig: „Auch die Natur ist dem Strammstehen unterworfen.“ – „Sie ist gestaltgewordener preußischer Pflichtbegriff “ (Frizen 2000, 62). Zudem erscheinen zwei ältere uniformierte Offiziere, die über Weltpolitik debattieren, und ein humpelnder Kriegsinvalide von 1870/71, der sein Ordensband präsentiert und dem Publikum „demonstriert, was am Ende von Preußens Gloria stehen wird“ (ebd. 54). Als ein heftig hustender Oberst (der, welcher bald ‚abzukratzen‘ gedenkt) einem Bekannten, einem alten Geheimrat, begegnet, bietet ihm der Zivilist ein Lakritz an. Darauf entgegnet der Soldat: „Nee, danke. Süßes Zeug zum Kotzen. Ich nehme Emser Pastillen.“ (HvK 16. Sz., 96) Das ist keine Schleichwerbung, wie man vielleicht denken könnte, sondern eine doppelte politische Anspielung. Napoleon Bonaparte trug nach Auskunft seines Kammerdieners immer eine Dose mit Lakritz bei sich (vgl. Kreische 2017, 211). Das heißt, der Vertreter der Zivilgesellschaft möchte den Repräsentanten des Militärs offenbar zum Süßholzraspeln, also zum Friedensschluss mit dem vermeintlichen ‚Erbfeind‘ Frankreich, bewegen436. Der Stabsoffizier weist dies schroff zurück. ‚Süßen‘ Frieden findet er nur „zum Kotzen“. Stattdessen setzt er auf „Emser“, womit Zuckmayer auf die ‚Emser Depesche‘ anspielt, ein regierungsinternes Telegramm vom 13. Juli 1870. Frankreich verlangte von König Wilhelm I. (* 1797 † 1888) (dem späteren Kaiser) den definitiven Verzicht des Hauses Hohenzollern auf die Krone Spaniens. Der preußische König wies das entsprechende Ansinnen des französischen Botschafters bei einem Treffen in Bad Ems jedoch zurück und übermittelte das Ergebnis an Otto von Bismarck (* 1815 † 1898). Als dieser den Inhalt des Telegramms in extrem verkürzter Form veröffentlichte, provozierte er damit, aufgrund des schon länger angespannten Verhältnisses zwischen den beiden Staaten, die französische Kriegserklärung gegenüber Preußen, aufgrund der Bündnisverträge Preußens mit den süd- 436 Jacob Grimm nennt Frankreich in einer Rede von 1860 „unsern nachbarn über dem Rhein“ (Grimm, J. 18601879, 205). 447 Weitere zentrale Botschaften deutschen Staaten damit zugleich den Deutsch-Französischen Krieg437. Das vom Militär beherrschte Deutsche Reich, das seine Gründung und Identität ganz entscheidend dem Sieg im Krieg gegen Frankreich in den Jahren 1870/71 ‚verdankt‘, setzt also weiterhin auf ein konfrontatives, kriegerisches Verhältnis zum westlichen Nachbarn. Dieser Krieg wird auch in der achten Szene ausführlich thematisiert. Darin behauptet der Zuchthausdirektor, dass der Sieg „auf blutiger Walstatt“ die Deutschen „erst zu dem gemacht“ habe, was sie sind (HvK 8. Sz., 55): „Aus dieser Walstatt des Todes konnte freilich Lebendiges nicht entstehen, sondern eben nur ein System des ‚Todes‘, das seine ‚Ordnung‘ repetiert, Veränderung in der Zeit – also Geschichte – nicht zuläßt, sondern […] auf den Ursprungsmoment des Krieges als sein einziges Ziel fixiert bleibt.“ (Schmitz 2000, 395)438 Soweit zu den Männern. Aber auch die Frauen lassen sich von den Uniformen blenden, denn sie wurden ebenfalls von klein auf in das System hinein so zialisiert: angefangen von der erwähnten Fredegundis, über die Kindermädchen, welche die drei jungen Offiziere, besonders einen Burschenschaftler mit Mensurnarbe, anhimmeln, bis hin zu zwei älteren Damen, die an Voigt, der auf einer Parkbank für sie Platz macht, die alte militärische Schule rühmen. Im ‚Café National‘ ist es die Prostituierte Plörösenmieze, welche die Zivilisten sofort sitzen lässt, als ein zwar betrunkener und prahlerischer, dafür aber uniformierter Grenadier das Etablissement betritt. Bedeutsamer für die militärisch dominierte Verschmelzung von soldatischem und zivilem Leben sind aber die Reservisten vom Leutnant aufwärts, die wichtige gesellschaftliche Positionen besetzen: „Der wichtigste Träger dieser sozialen Militarisierung war der Reserveoffizier [z. B. Obermüller und Rosencrantz; A. L.]; mit ihm war das Besitz- und Bildungsbürgertum fest in die militärischen Traditionen und damit in ein besonderes Treueverhältnis zum Monarchen eingebunden. Vor allem Kai- 437 Letztlich fußte die Reichsgründung auf drei ihr dienlichen Kriegen, „die nach Bismarcks Willen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich geführt wurden“ (Grass 2015, 282; vgl. ebd. 259). 438 „Entstanden aus einem Krieg, ist es auf Krieg hin orientiert.“ (Schmitz 2000, 385). An einer anderen Stelle spricht Schmitz von der „Inklination des preußischen Militarismus zum Krieg“ (ebd. 397). 448 Lienkamp: Aufstand für das Leben ser Wilhelm II. verhalf durch seine Vorliebe für militärische Schauspiele jeder Art, durch die Bevorzugung militärischer Umgangsformen, durch sein persönliches Auftreten in der Öffentlichkeit in immer wieder neuen Uniformen[ ] dem Soldatenstand zu einer Spitzenstellung in der Rangordnung der Nation, die ihresgleichen in der Welt nicht hatte. Der Militärdienst wurde zur Schule der Nation aufgewertet. Wer ‚gedient‘ hatte, galt mehr in der Gesellschaft, wer in seiner beruflichen Laufbahn vorankommen wollte, musste natürlich Reserveoffizier sein.“ (Große 2007, 79)439 Ein Beispiel dafür liefert Wormser, der dem frisch ernannten Leutnant der Reserve, Dr. Obermüller, zu der Zeit noch Kommunalbeamter und Mitglied des Köpenicker Stadtmagistrats, später dann Bürgermeister, darlegt, worauf es ankommt, wenn man Karriere machen will: „Na, zum Reserveleutnant hamse’s ja schon gebracht, das is die Hauptsache, das muß man sein heutzutage – gesellschaftlich – beruflich – in jeder Beziehung! Der Doktor ist die Visitenkarte, der Reserveoffizier ist die offene Tür, das sin die Grundlagen, das is mal so!“ (HvK 7. Sz., 50) Das Ganze wird nicht nur auf der Bühne sichtbar, sondern zudem noch akustisch flankiert. Noch bevor sich der Vorhang zum ersten Mal hebt, erklingt, von einer marschierenden Militärkapelle gespielt, „der Armeemarsch Nr. 9 – mächtig anschwellend, dann allmählich mit dem Taktschritt der abziehenden Truppe verklingend“ (HvK 1. Sz., 7). Die komplette erste Szene wird von dieser Militärmusik untermalt, dem Lieblingsmarsch Wilhelms II. (vgl. Frizen 2000, 62). Die zweite Szene beginnt mit dem Glockenspiel der Potsdamer Garnisonskirche, bei dem damals vermutlich kaum jemand an Wolfgang Amadeus Mozarts (* 1756 † 1791) ‚Ein Mädchen oder Weibchen‘ aus der ‚Zauberflöte‘ denkt. Die meisten werden dessen Vertonung des Gedichts ‚Der alte Landmann an seinen Sohn‘ von Ludwig Hölty (* 1748 † 1776) im Ohr haben: „Üb immer Treu und Redlichkeit“, das als typisch preußisch gilt. In die sechste Szene hinein dröhnt das Kasernensignal: „Zu Bett!“ (HvK 6. Sz., 41). Auch die siebte Szene, die wie die erste ebenfalls in 439 Vgl. dazu die Kritik des ‚Vorwärts‘ aus dem Jahr 1906: „Das Beispiel bestätigt aufs neue, daß Reserveoffiziere zur Leitung wichtiger städtischer Aemter nicht geeignet sind.“ Ihnen fehle die nötige „Selbständigkeit und Freiheit zu energischer Wahrung der Selbstverwaltungsinteressen ihres Gemeinwesens“ (Vorwärts 1906, 2). Das gilt natürlich nicht nur auf kommunaler Ebene. 449 Weitere zentrale Botschaften Wormsers Uniformladen spielt, wird von Militärmusik, von Trommeln und Pfeifen, dann von einem näherkommenden Militärmarsch untermalt (vgl. HvK 7. Sz., 47). In Szene 13 schließlich trägt die uniformierte Auguste Wormser beim Kaisermanöverball unter Begleitung eines Klaviers und einer Musikkapelle ein militärisches Fest-Couplet vor (vgl. HvK 13. Sz., 79). Die Struktur des Militärs ist streng hierarchisch, autoritär und sanktionsbewehrt. Für Zuckmayer ist das „Autoritäre“, wie es sich im deutschen Militarismus ausgelebt habe, „eine Art des ‚rituellen Verhaltens‘“ (Zuckmayer 19651982, 50). Befehle sind von Untergebenen unhinterfragt und bedingungslos zu befolgen. Nur so konnte die Köpenickiade gelingen. Diese Haltung wird nicht umsonst als Kadavergehorsam bezeichnet440, denn dieser Terminus demonstriert die „Perversion des uniformierten Geistes“ (Frizen 2000, 18) am besten. Der Begriff leitet sich von der Ordensregel des Igna ti us von Loyola (* 1491 † 1556) ab. Danach sollen sich die Jesuiten von Gott und den Vorgesetzten leiten lassen „perinde ac si cadaver essent“, als seien sie ein Leichnam, also ein willenloser Körper, mit dem man alles machen kann (Constitutiones 4,1, zit. nach Kunkel u. a. 2017b, 313). So sollen es auch die preußischen Soldaten halten. Sie müssten, so das ‚Berliner Tageblatt‘, selbst die Befehle irrsinniger Vorgesetzter ausführen, wie etwa mit gepacktem Tornister einen reißenden Fluss zu durchschwimmen, was durchaus zum Tod durch Ertrinken führen kann. Seit Wilhelm I. habe sich an dieser Position nichts geändert. Der willenlose Gehorsam werde der Armee unter Wilhelm II. immer noch genauso eingeprägt wie unter dessen Großvater (vgl. Berliner Tageblatt 1906, 1). Die Vorgaben des ‚Militär- Strafgesetzbuch[s] für das Deutsche Reich‘ vom 20. Juni 1872 sind entsprechend streng: „§ 94 Wer den Gehorsam ausdrücklich verweigert oder seinen Ungehorsam sonst durch Worte, Geberden oder andere Handlungen zu erkennen gibt, ingleichen wer den Vorgesetzten über einen von ihm erhaltenen Dienstbefehl 440 „Mit allen Mitteln zum Kadavergehorsam gedrillt, ordneten sich, sobald der ‚Herr Hauptmann‘ an sie mit einer gefälschten kaiserlichen Kabinettsorder herantrat, die Soldaten naturgemäß dem Befehl ihres vermeintlichen Vorgesetzten blindlings unter.“ (ebd.) 450 Lienkamp: Aufstand für das Leben oder Verweis zur Rede stellt, oder auf wiederholt erhaltenen Befehl in Dienstsachen im Ungehorsam beharrt, wird mit strengem Arrest nicht unter vierzehn Tagen oder mit Gefängniß oder Festungshaft bis zu drei Jahren bestraft. § 95 Wird eine der in dem §. 94 bezeichneten Handlungen vor versammelter Mannschaft oder gegen den Befehl, unter das Gewehr zu treten, oder unter dem Gewehr begangen, so tritt Gefängniß oder Festungshaft bis zu fünf Jahren, im Felde Gefängniß oder Festungshaft nicht unter Einem Jahre ein. Ist eine solche Handlung vor dem Feinde begangen, so tritt Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren ein. Besteht die Handlung darin, daß der Gehorsam gegen einen vor dem Feinde ertheilten Befehl durch Wort oder That ausdrücklich verweigert wird, so tritt Todesstrafe, in minder schweren Fällen Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren oder lebenslängliche Freiheitsstrafe ein.“441 Selbst wenn das Gewissen oder die Religion dem Soldaten den Gehorsam verbieten, so hat er dem Befehl des Vorgesetzten dennoch unbedingt Folge zu leisten: § 48 „Die Strafbarkeit einer Handlung oder Unterlassung ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß der Thäter nach seinem Gewissen oder den Vorschriften seiner Religion sein Verhalten für geboten erachtet hat.“442 Eigener Wille und eigenständiges Denken sind nicht gefragt (vgl. Vorwärts 1906, 2). Das von Zuckmayer gewählte geniale Symbol dafür sind die kopflosen Holzpuppen, auf denen, laut Regieanweisung zur ersten Szene, in Wormsers Uniformladen komplette Offiziersuniformen im Schaufenster stehen (vgl. HvK 1. Sz., 7). Einen dieser Torsi hat der Autor deshalb wohl 441 Militär-Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich, in: Deutsches Reichsgesetzblatt, Bd. 1872, Nr. 18, 174–204, hier 191, sowie Bd. 1873, Nr. 15, 138 (mit der Korrektur einer Auslassung). 442 Ebd. Bd. 1872, Nr. 18, 174–204, hier 182. 451 Weitere zentrale Botschaften auch auf dem Programmheft (siehe Abbildung 90) sowie auf dem Umschlag der Buchpublikation (siehe Abbildung 13) abdrucken lassen. Bei Kästner heißt es über Deutschland, „das Land, wo die Kanonen blühn“, in der zweiten Strophe: „Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.“ (Kästner 19281983, 60) Die dritte Strophe führt den Gedanken weiter aus: „Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will – und es ist sein Beruf etwas zu wollen – steht der Verstand erst stramm und zweitens still. Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!“ (ebd.) In diesem Land werde befördert, „wer die Schnauze hält“ (ebd. 61). Der äu- ßeren entspricht die innere Gleichmacherei, die Zuckmayer mindestens genauso scharf verurteilt: „[…] zum Teufel mit jeder geistigen Uniformierung“ (Zuckmayer 1930, 2). Die „Vorliebe für militärisches Gepränge und Gepräge“ stecke „jedem Preußen im Blute“, schreibt Block 1906 (Block 1906, 1). Insofern ist auch der Schuster keine Ausnahme: Voigt, so der Zuchthaus di rek tor, erfasse die (nachgestellte) militärische Situation, als sei er selbst dabei gewesen. Auf die Frage, woher er das nur habe, antwortet der Schuster – ähnlich wie Block: „Det hat ’n Preuße im Blut, Herr Direktor.“ (HvK 8. Sz., 57) Zu den quasi-genetischen Automatismen gehört, jedem, der eine Uniform (mit höherrangigen Abzeichen) trägt, zu folgen: „[…] es ist nun einmal eine Tatsache, daß in Preußen die Uniform herrscht und regiert. Vor der Uniform liegen alle auf dem Bauch, die sogenannte ‚Gesellschaft‘, die Behörden vom Minister bis zum letzten Nachtwächter, das Bürgertum und die Masse des Volkes auch443. Das kann man in den freien Volksstaaten des Westens nicht begreifen, das versteht man auch in Süddeutschland nicht, aber in Preußen ist es so. Wer die Uniform trägt, der siegt, nicht weil er besser oder klüger oder weitsichtiger wäre als die anderen, sondern weil er uniformiert ist. Trotzdem hätte der Gauner [der historische Voigt; A. L.] sein Ziel nicht erreichen können, wenn den preußischen Soldaten nicht systematisch das Denken abgewöhnt würde.“ (Berliner Tageblatt 1906, 1) 443 Vgl. Jacobs’ Rezension in der Vossischen Zeitung vom 6.3.1931: Zuckmayer lache „über ein Bürgertum, das sich vor dem blauroten Popanz auf den Bauch wirft.“ (Jacobs 1931, 2) 452 Lienkamp: Aufstand für das Leben Weitsichtig macht 1906 die ‚Königlich privilegierte Berlinische Zeitung‘ darauf aufmerksam, „wie gefährlich die gesetzlich angeordnete Ohnmacht der Polizei und des Publikums gegenüber dem Träger der Uniform für die öffentliche Sicherheit und Ordnung“ sei (zit. nach Hein 1977, 271). Aber die Mahner haben es schwer, denn in der Huldigung durch die Masse nimmt das sogenannte ‚Ehrenkleid der Nation‘ geradezu ikonischen Charakter an. Liebknecht beobachtet eine „wahrhaftige Heiligsprechung des Offiziersrocks durch die ganze bürgerliche Gesellschaft“ (Liebknecht 1907, 35). Kein heiliger Rock von Trier (siehe Abbildung 41) habe je so viel gläubige Verehrung gefunden wie die Uniform des unsterblichen Hauptmanns von Köpenick (vgl. Liebknecht 1907, 35)444. Kein Wunder, ist doch die Uniform „sakrales Symbol eines aus dem Militär entstandenen Staates“ (Korn 1956, 10). Voigt, der in der ersten Szene noch „wie erstaunt“ vor dem bunten militärischen Warenzauber erstarrt (HvK 1. Sz., 10), erzählt Kalle wenig später mit kritischem Unterton von dem Potsdamer „Klamottentempel“ (HvK 3. Sz., 20) – womit er andeutet, dass dort die Ware so betrachtet wird wie in einem Gotteshaus das Heilige. Das untertänige Sich-auf-den-Boden-Werfen oder Auf-dem- Boden-Liegen vor der Uniform entspricht der Ehrerbietung vor ihrem bereits erwähnten Fetischcharakter. Ein Fetisch, das ist ein toter Gegenstand, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, ein Götzenbild, das verehrt wird445. „Zuckmayers ergötzliche Komödie“, so der Wortspieler Polgar am 17. März 1931 in der ‚Weltbühne‘, „widerspiegelt […] den Fetisch-Zauber, 444 „Die bedingungslose Verehrung der Uniform“ war das „Axiom“ im Wilhelminischen Reich (Mews 1978, 23). 445 „Das Idol [hier im Sinne von Gott oder Götze; A. L.] dieses fast die gesamte Öffentlichkeit durchdringenden Militarismus aber ist stets die Uniform.“ (Dimter 2009, 11) Abbildung 78: Unbekannt: „Gott Uniform“ – Karikatur aus der Beilage zu Nr. 43 der ‚Königsberger Illustrierten Zeitung‘ aus dem Jahr 1906 (in: Brinitzer [Hrsg.] 1906, 29) 453 Weitere zentrale Botschaften der vom militärischen Kleide ausging“ (Polgar 1931, 396). „Die Anbetung unbeseelter Dinge, des goldenen Kalbes, des Geldes, der technischen Erzeugnisse“ sei immer nur „ein Ersatz für die Erkenntnis und Verehrung eines schöpferischen Wesens.“ (Zuckmayer 19402014, 189) An die Stelle des lebendigen Gottes werden somit tote Dinge gesetzt, von denen mitunter tödliche Gefahren ausgehen oder die auch selbst tödliche Wirkung entfalten können. Die ‚Königsberger Il lus trier te Zeitung‘ bringt 1906 die in Abbildung 78 gezeigte wunderbar bissige Karikatur mit dem Titel „Gott Uniform“. Nicht nur, dass sich die Menschen tief vor ihr verneigen, sie bringen ihr auch großzügige Opfergaben dar. Selbst die Kirche, die Natur und der Meilenstein können offenbar nicht anders, als vor diesem Popanz zu buckeln. Die Anspielung des unbekannten Karikaturisten auf den berühmten Gesslerhut ist unverkennbar. In Schillers Drama ‚Wilhelm Tell‘ ist der tyrannische Reichsvogt Hermann Gessler ein hoher habsburgischer Staatsbeamter. In der dritten Szene des ersten Akts gibt ein Ausrufer „in des Kaisers Namen“ Folgendes bekannt: „Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri! / Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule, / Mitten in Altdorf, an dem höchsten Ort, / Und dieses ist des Landvogts Will’ und Meinung: / Dem Hut soll gleiche Ehre wie ihm selbst geschehn, / Man soll ihn mit gebognem Knie und mit / Entblößtem Haupt verehren – Daran will / Der König die Gehorsamen erkennen. / Verfallen ist mit seinem Leib und Gut / Dem Könige, wer das Gebot verachtet.“ (Schiller 18041976, 1. Akt, 3. Sz., 18) Die erste Antwort des Volkes ist ein lautes Auflachen. In Preußen-Deutschland wäre eine solche Reaktion undenkbar. Nicht nur selbstständiges Denken ist im militärischen Alltag dort unerwünscht446, auch Dinge zu hinterfragen oder dem ‚Höhergestellten‘ etwas entgegenzuhalten, wie es etwa Wabschkes Art ist. Im zivilen Leben möge das vielleicht noch durchgehen, aber im soldatischen werde das nicht geduldet, wie ihm Hauptmann von Schlettow klarmacht: „Sehnse, Wabschke, bei Ihnen merkt man auf Schritt und Tritt, daß Se nich gedient haben. Wennse beim Kommiß so viel wi- 446 Der Köpenicker Stadtschutzmann Kilian raunzt eine junge Wäscherin an: „Jedacht!! Sie haben nich zu denken, merkense sich das!“ (HvK 18. Sz., 103) 454 Lienkamp: Aufstand für das Leben dersprechen, denn kommense ausm Kasten gar nich raus.“ (HvK 1. Sz., 8)447 Als Mensch fehle Wabschke „der Schliff, der Schnick, der Benimm, die ganze bessere Haltung“ (HvK 1. Sz., 8). Disziplin ist es, was zählt, nicht Menschlichkeit. Strammstehen, die Knochen zusammenreißen, „Jawohl, Herr Hauptmann!“: Darauf kommt es an. Uniform hat immer Vorrang vor Zivil, wie der ‚Vorwärts‘-Leser feststellen muss: „Fürs Militär, da hamse nemlich Zeit, da hat ’n Staatsbürjer keine Existenz gegen.“ (HvK 11. Sz., 72)448 Selbst wenn ein echter Hauptmann in Zivil auftritt und beteuert, Hauptmann zu sein, kann er gegen einen Soldaten in Uniform, unabhängig von dessen Dienstgrad und auch dann, wenn dieser betrunken ist, nichts ausrichten, wie von Schlettow in Szene 3 erfahren muss. Und umgekehrt kann ein Zivilist, wie Voigt beweist, allein dadurch, dass er „des Kaisers Rock“ (HvK 3. Sz., 20) anzieht, und sei das Tuch noch so alt und abgetragen, Bahnbeamte, Militär, Polizei und Bürgermeister strammstehen lassen. Die Uniform triumphiert, die Zivilkleidung kapituliert – in beiden Fällen. Im Jahr 1931 konnte man darüber vielleicht noch lachen, zwei Jahre später schon nicht mehr, wie Erpenbeck in seiner Theaterbesprechung vom 2. September 1947 verdeutlicht: „Was zur Zeit seiner Entstehung von vielen irrtümlicherweise als gutmütig spottend, lustspielhaft oder gar possenhaft karikierend gewertet wurde, das erweist sich für jeden, an dem die Jahre des Hitlerismus nicht spurlos vo rüber ge gangen sind, als bittere Satire, als unheimliche Prophetie. In dieser Volkskomödie werden […] die Wurzeln jenes ‚Wesens‘ bloßgelegt, an dem ‚die Welt genesen‘ sollte: des deutschen Untertanengeistes, des preußischmilitaristischen Kadavergehorsams, des furchtbaren ‚Befehl ist Befehl!‘“ (Erpenbeck 1949, 259) Die Deutschen hätten die folgende dringende Empfehlung Blocks beherzigen sollen: „[…] mit der Lust am Kommandieren und der Gewohnheit, ohne Bedenken zu gehorchen, sollten die deutschen Bürger jedes Standes und Lebensalters für einige Zeit aufhören“ (Block 1906, 1). Block hätte sei- 447 Auch das hat Voigt gelernt. So ermahnt er den Köpenicker Bürgermeister und Oberleutnant der Reserve Obermüller: „[…] keine Widerrede!“ (HvK 19. Sz., 113) Vgl. dazu Unterkapitel 5.5. 448 „[…] bei den berühmten Galavorstellungen im [Berliner; A. L.] Opernhause rangiert der jüngste Leutnant vor dem ältesten Professor.“ (Block 1906, 1) 455 Weitere zentrale Botschaften nen guten Rat allerdings noch weiter fassen müssen: nicht nur für einige Zeit, sondern für immer sollte ein bedenkenloser Gehorsam passé sein, um „die deutsche Nationalgefahr Nummer Eins“ (Korn 1956, 10) endgültig zu bannen! Das ganze in diesem Unterkapitel beschriebene Konglomerat kann in dem schon verwendeten Begriff ‚Militarismus‘ zusammengefasst werden: Dieser „steht zum einen für Haltungen und Mentalitäten, die dem Soldatischen und Kämpferischen in der Skala der Werte einen höheren Rang einräumen als dem Zivilen und Friedfertigen, zum anderen für Gesellschaftssysteme, die von militärischen Interessen und Strukturen überwuchert und beherrscht werden. Nach einer Formulierung des Historikers Hans Herzfeld dokumentiert sich darin eine ‚Übersteigerung des Militärischen‘, die das ‚kriegerische Element zum Selbstzweck‘ erhebt. Militarismus ist dabei nicht notwendig an den Umfang der Rüstungen, die Schlagkraft und Stärke der Armee gebunden. Vielmehr spiegelt sich darin, wie 1927 der Journalist Franz Carl Endres betonte, die ‚Geistesverfassung der Nichtmilitärs‘, die im Offizier das alles verpflichtende Leitbild sieht, politische, wirtschaftliche, soziale und pädagogische Fragen ‚nicht nach dem Kriterium der Volkswohlfahrt, sondern nach dem der Heereswohlfahrt und der militärischen Macht- äu ße rung‘ beurteilt.“ (Große 2007, 78) In der Weimarer Republik gibt es mehrere Versuche deutschnationaler Kräfte, an das Kaiserreich und seinen Militarismus anzuknüpfen. Hier sei nur erinnert an die zweimalige Wahl des ‚Ersatzkaisers‘ Hindenburg zum Reichspräsidenten (1925, 1932), obwohl er in den letzten beiden Weltkriegsjahren die OHL führte und mit ihr militärdiktatorisch regierte. Diese Wahl verrät bereits eine „Tendenz der bürgerlichen Wählerschaft zu einer starken autoritären Führungspersönlichkeit“ (Grenville 1996, 646; eigene Übers., A. L.). Als er zum ersten Mal 1925 als Vertreter des antirepublikanischen ‚Reichsblocks‘ gewählt wird, und unter dem Jubel der Menge im offenen Wagen Richtung Berliner Innenstadt rollt, stehen die damals befreundeten Zuckmayer und Brecht in der Nähe der Siegesallee, an der Straße zum Großen Stern. Brecht habe zu ihm gesagt: „‚Am Ende des ersten Viertels im zwanzigsten Jahrhundert der Christenheit holten sie einen Mann in die Stadt und erwiesen ihm höchste Ehren, weil er noch nie ein Buch gelesen hatte.‘“ (Brecht, zit. nach Zuckmayer 19662013, 465) Erinnert sei weiterhin 456 Lienkamp: Aufstand für das Leben an die Durchsetzung der kaiserlichen schwarz-weiß-roten Fahne als Reichskriegsflagge gegen die offizielle Flagge der Republik sowie an den 1931 eingeführten (inoffiziellen) Feiertag zur Reichsgründung, der jedoch paradoxerweise nicht an dem Tag selbst (1. Januar), sondern am Tag der Kaiserproklamation im Schloss von Versailles (18. Januar 1871) begangen wurde, einem Tag, an dem es von Uniformen wimmelte und an dem der siegreiche Militärstaat seine Macht demonstrierte. Noch Ende der 1920er Jahre zeigte sich – nach immerhin zehn Jahren Demokratie – bei vielen „eine ungebrochene Sehnsucht nach der verlorenen Monarchie“ (Nickel/Weiß 1996, 181): „Die deutsche Filmindustrie schürte sie mit zahlreichen nationalistischen Filmen. Ein Musterbeispiel ist der Ufa-Streifen ‚Das Flötenkonzert von Sanssouci‘, der im Dezember 1930 in die deutschen Kinos kam. Er endet mit einer Parade preußischer Grenadiere vor Friedrich II., die bei der Uraufführung lautstarken und langanhaltenden Beifall der Zuschauer auslöste.“ (ebd.) Schmitz beschreibt diesen Habitus und das entsprechende Handeln als „Anachronismus der Reaktion“, die die Geschichte nachgespielt und einen „Kult der Vergangenheit“ betrieben habe (Schmitz 2000, 414). Zuckmayer gibt darauf mit seiner „Persiflage auf das Wiederaufleben des Umformkults“ (Nickel/Weiß 1996, 181) die passende Antwort. Ihm geht es dabei nicht primär um die Auseinandersetzung mit der Kaiserreich-Nostalgie, sondern um die „marschierender SA-Truppen, die 1931 zum Straßenbild gehörten“, und die sein Bühnenwerk „unweigerlich zu einem politischen Zeitstück“ werden ließen (ebd. 197), wohlgemerkt: zu einem antimilitaristischen Zeitstück. „Zuckmayer zeigt anhand der Geschichte von Voigt, dass individuelle Freiheiten und Bürgerrechte Vorrang vor den Ansprüchen eines autoritären Staates haben müssen; dass Vernunft, Menschlichkeit und natürliche Gerechtigkeit, die Grundwerte eines demokratischen Systems, den kollektivistischen Werten von Disziplin und Gehorsam vorgezogen werden müssen; dass den Individuen gestattet sein muss, sich frei am Prozess der Regierung zu beteiligen, da dieser ihr Leben beeinflusst, ferner, den Staat und seine Institutionen einer rationalen Prüfung und Kritik zu unterziehen und sich nicht blind seinen Diktaten zu unterwerfen.” (Grenville 1996, 635; eigene Übers., A. L.) 457 Weitere zentrale Botschaften So sehr sich Zuckmayer mit seinem Bühnenwerk für die Republik, für Demokratie und Menschenrechte, für Gerechtigkeit und Freiheit stark macht, so gering war doch sein damaliger Erfolg. Nach Grenvilles Einschätzung ist der ‚Hauptmann‘ dennoch eine rechtzeitige Warnung vor der um sich greifenden illiberalen, antidemokratischen Haltung: „Zuckmayers entscheidende Erkenntnis ist, dass trotz des Zerfalls des Kaiserreichs und der kaiserlichen Armee im Jahr 1918 die Übertragung militärischer Ordnungsmodelle auf die Zivilgesellschaft und die Gewohnheit, ihnen zu gehorchen, auf die politische Sphäre der Weimarer Republik übergegangen war – zum schwerwiegenden Nachteil ihrer politischen Gesundheit.“ (ebd. 642; eigene Übers., A. L.) Letztlich überlebte der preußische Militarismus die Weltkriegsniederlage und die Weimarer Republik und fand seine Fortsetzung und drastische Steigerung in der faschistischen Diktatur des Nationalsozialismus. Aber war Zuckmayers Drama nicht, wie manche meinen, „zu zahm, ja sogar feige und blind bezüglich der Richtung, welche die Uniformverehrung letztendlich nehmen würde – ‚der Dienstweg führte nach Auschwitz‘“ (Stewart 2006, 191; eigene Übers., A. L.)?449 Stewart hält dieser Kritik entgegen, dass man fair bleiben müsse, denn die Tragödie, welche die Nazis dadurch auslösten, dass sie die Macht der Uniform in neuem Gewand etablierten, sei seinerzeit noch nicht absehbar gewesen (vgl. ebd. 192). Es wäre tatsächlich historisch völlig unseriös, vom Standpunkt heutigen Wissens dem Ende 1930 fertiggestelltem Bühnenwerk Zuckmayers Verharmlosung und ihm selbst Feigheit oder Blindheit vorzuwerfen. Zu fragen ist allerdings, ob Zuckmayer mit seiner späteren Tragödie ‚Des Teufels General‘ hinter seinen ‚Hauptmann‘ zurückgefallen ist. Nach der Lektüre kann man durchaus den Eindruck bekommen, dass der trotz seiner Schwächen sympathisch wirkende General Harras für die vermeintlich ‚gute‘, im Grunde ‚antifaschistische‘ Wehrmacht stehe, die als ‚Mitläufer‘ ja nur ihre ‚Pflicht‘ erfüllt habe. Zuckmayer betrachtet seinen Protagonisten jedoch sehr kritisch: In einem Interview gegenüber der deutschen 449 Das Zitat im Zitat ist im englischen Original auf Deutsch. Stewart zitiert hier Friedrich Luft: Stimme der Kritik. Berliner Theater 1945–1965, Frankfurt/M. 1982, 483. 458 Lienkamp: Aufstand für das Leben Exilzeitung ‚Aufbau/Reconstruction‘ führt er Anfang Dezember 1945 aus, dass der leidenschaftliche Flieger Harras „von dem äusseren Glanz des Naziregimes, das ihm in der Luftwaffe eine der höchsten Stellungen einräumt, berauscht“ sei. Er trete zwar nicht der Partei bei, mache aber mit, unterstütze das Regime und werde so – gegen sein Gewissen handelnd – zum General des Teufels. „Als der Flieger erkennt, was mit seinem Volk geschehen ist, wird er gewahr, dass er zum Werkzeug des Bösen geworden ist.“ (Zuckmayer 1945, 6) Er, der gegen die Nazis ist, dient ihnen, „bis er an seinem eignen Zwiespalt zugrunde“ geht (Zuckmayer 1948b, 332). Mit dieser Handlungsweise seiner Hauptfigur habe er, Zuckmayer, sich nie abfinden können (vgl. ebd.). Auch wenn er Udet nachempfunden ist, stellt Harras keine einmalige historische Figur dar. „Immer wieder geschieht es, daß jemand um seiner Profession oder um des Geldes willen oder aus irgendeinem anderen Grund, einem Regime dient, das er eigentlich haßt oder verabscheut, sich aber gezwungen fühlt, auszuharren und mehr oder weniger nachgibt, bis er sich eines Tages in die Lage versetzt sieht, sich selbst verachten zu müssen.“ (Zuckmayer 19761977, 8) Doch irgendwie erscheint Harras dennoch als ‚Held‘, als er am Schluss durch seinen Suizid mit einem manipulierten Militärflugzeug den Widerstandskämpfer Oderbruch vor der Enttarnung schützt, indem er die ganze Verantwortung für die Sabotage auf sich nimmt. Warum Harras nicht noch versucht, seine Maschine in die Reichskanzlei abstürzen zu lassen, bleibt offen (vgl. TG 1. Akt, 37). Bei aller Ambivalenz des Generals, die im Stück sichtbar wird, hätte Zuckmayer allerdings eines deutlicher machen können und müssen, dass nämlich die deutsche Wehrmacht und ihre Offiziere, die nicht zugunsten von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit putschten, sich fast ausnahmslos in den Dienst des verbrecherischen NS-Regimes stellten und damit ein für Hitler unentbehrlicher Teil des Terrorsystems wurden. Der Rezensent des Zürcher ‚Tages-Anzeigers‘, der mit w. p. zeichnet, ist besorgt, dass junge Leute sich an den im Stück präsentierten Uniformen und Orden begeistern und „so in der noch längst nicht überwundenen Verehrung des Militarismus bestärkt“ würden (w. p., zit. nach Nickel/Weiß 1996, 338). Ihering befürchtet, „mindere[ ] Geister“ könnten das Stück ausnutzen „und wir würden wieder überschwemmt mit wackeren Haudegen und 459 Weitere zentrale Botschaften treudeutschen Draufgängern“. Biedermänner und Naziprovokateure versuchten, das Stück zu „verfälschen und ihre Ideologie ihm an[zu]hängen“, was täglich geschehe (Ihering, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 342). Zuckmayer antwortet Ihering am 12. August 1948, dass er selbst mit Sorge den ersten Aufführungen entgegengesehen habe, weil er Missverständnisse fürchtete. Wenn das Stück Militärs, Reaktionären oder Nazis als Rechtfertigung oder Entlastung in die Hände gespielt hätte, wäre er sofort bereit gewesen, weitere Aufführungen abzusetzen. Seine Befürchtungen hätten sich jedoch nicht bestätigt. Von den Unterstützern des NS-Regimes werde das Bühnenwerk rundweg abgelehnt. General Harras gelte ihnen als vaterlandsloser Geselle, der Widerstandskämpfer Oderbruch als Verbrecher, der noch junge, am Krieg und der Naziideologie zweifelnde Fliegeroffizier Hartmann als Schlappschwanz und Dr. Schmidt-Lausitz aus dem Propagandaministerium als eine diffamierte Figur (vgl. Zuckmayer, in: Nickel/Weiß 1996, 342 f.). „Die Unverbesserlichen sind durch ein Stück weder zu verbessern noch zu verschlechtern, und wer heut noch in dieser finsteren Ecke steht, dem kann nur mit dem Dampfhammer geholfen werden. Bei der großen Menge der innerlich Unentschiedenen aber, der vielen, die schon etwas ‚gespürt‘ haben, aber noch auf einen Anstoß warten, hat das Stück gerade umgekehrt gewirkt wie Sie glauben, nämlich durchaus im Sinn des positiven Anstoßes. … Von den rechtskatholischen bayerischen Jugendkreisen bis zur Arbeiterjugend – und gerade bei der – habe ich diese Wirkung erlebt, deren Konsequenz immer war: fort mit dem alten Krempel, heraus aus den Vorurteilen, und vorwärts zu einer sozialen, freiheitlichen, menschlichen Gesellschaft. Und das war für mich das kaum erwartete und erstaunliche Ergebnis, daß im großen und ganzen und in der Konsequenz dieses so ‚unradikale‘ Stück radikaler wirkt als viele ‚radikalere‘. Ich glaube wirklich nicht, daß ich mich da einer Selbsttäuschung hingebe.“ (ebd. 343) Zuckmayer hat diese Erkenntnisse nicht am Schreibtisch gewonnen, sondern in zahlreichen Diskussionen, die er vor allem mit jungen Leuten über sein Drama geführt hat. Nach einer, von vielen hundert überwiegend jungen Menschen besuchten Veranstaltung im Münchener Rathaus schreibt Zuckmayer am 10. März 1948 an Jakob Welti, dass das Stück, in seinem Kern, richtig verstanden wurde, wovon er immer überzeugt gewesen sei. „[…] es denkt kein Mensch daran in Deutschland, etwa eine ‚Verherrlichung‘ 460 Lienkamp: Aufstand für das Leben der Generäle oder gar ein Lob der Uniform (ausgerechnet vom Autor des ‚Köpenick‘!), darin zu finden“ (Zuckmayer, in: Nickel/Weiß 1996, 348; vgl. ebd. 344–347). Wenn man sich beispielsweise die „bis ins Groteske und Surrealistische gesteigerten[ ] Gestikulationen britischen, schottischen, kolonialen Parade- und Exerzier-Reglements“ anschaue – „dagegen wird der preußische ‚Stech-Schritt‘, der ‚goose step‘, das kniesteife ‚Beine-vom-Arsch‘, wie wirs im Jahr 1914 vor dem Versinken im Schlamm der Schützengräben noch üben mußten […] zu einem Kinderspiel.“ (Zuckmayer 19651982, 50) Woran liegt es dann aber, fragt Zuckmayer, dass trotzdem „der quasi ‚harmlose‘ Stechschritt Seiner Majestät mit dem hochgezwirbelten Schnurrbart (und dann Seiner Inferiorität mit dem Schnurrbärtchen) für die Welt zum Symbol des ‚Autoritären‘ und damit des Aggressiven an sich geworden[ ] ist?“ Zuckmayer vermutet den Grund darin, dass in Deutschland diese Äußerlichkeiten „symbolbeschwert“, „zur Weltanschauung abstrahiert“ und „mit einem gefährlichen Inhalt belastet“ wurden, einem menschenfeindlichen Inhalt (ebd. 51). Und wenn sich die Deutschen zu etwas entschlossen hätten, würden „sie es in ihrer Gründlichkeit darin bis zum Exzeß treiben“ (ebd.). Ein Mangel an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sei mitverantwortlich. Würden diese gestärkt und wachsen, in aller Selbstbescheidung, ohne in nationalen Hochmut, Überheblichkeit oder Überhitzung zu kippen, so könnten eine Selbstverständlichkeit des Zugehörens, Stolz auf das eigene Land sowie die Bereitschaft zum Opfer, wie im deutschen Widerstand, entstehen sowie Autoritätswahn und blinder Gehorsam überwunden werden (vgl. Zuckmayer 1959, in: ders. 1997, 78; ders. 19651982, 52). „Wir Deutsche könnten, ja wir müssen ein Volk werden, das mit sich selbst im Einklang ist und in Harmonie mit der Welt zu leben vermag. Dann wäre es, mit seinen großen Gaben, ein We l t v o l k .“ (Zuckmayer 19651982, 52) Voraussetzung dafür aber ist „die Vernichtung des Militarismus“, wie Zuckmayers Freund Remarque so überaus treffend schreibt (Remarque 1944, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 71). 5.6 Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! Auch wenn sich die Brüder Grimm in der Zeit der französischen Besatzung und der Zersplitterung Deutschlands für die Märchen als Teil der 461 Weitere zentrale Botschaften deutschen Kultur und Identität stark gemacht haben, so haben sie doch immer die europäischen, ja weit über Europa hinausreichenden Gemeinsamkeiten mit anderen Traditionen gesehen und erforscht. Ihnen war selbstverständlich, „dass Märchen nichts exklusiv Nationales sind, dass man auf ihnen also kein xenophobes kulturelles Selbstbewusstsein bauen kann“ (Neuhaus 2017, 33). Im ‚Hauptmann von Köpenick‘ kommen der deutsche Kolonialismus und Imperialismus nicht explizit zur Sprache, wohl aber im ‚Fröhlichen Weinberg‘, wo er durch Chinajokkel, Stopski und Ulaneschorsch, drei versoffene, reaktionäre, chauvinistische, antisemitische Veteranen, repräsentiert wird, die in „China, Südwest[afrika], Kiautschau“ (FW 1. Akt, 22) als Soldaten in der kaiserlichen Armee ‚gedient‘ haben. Chinajokkel brüstet sich damit, „dene Schinnöser die Zöpp abgeschnitte“ zu haben und wird dafür von seinem Gesinnungsgenossen Bruchmüller angehimmelt: „Ein Held!! Ein echter Held!“ (FW 2. Akt, 37). Auch Stopski, der einen Zeh, den ihm angeblich die Engländer abgeschossen hätten, für seinen Kaiser geopfert habe, wird gepriesen: „Der Mann hat fürs Vaterland geblutet.“ (FW 2. Akt, 41) Möglicherweise wollte Zuckmayer seinen ‚Hauptmann‘ nicht überfrachten und hat deshalb auf die erneute Thematisierung verzichtet. Ein weiterer Grund könnte sein, dass Deutschland gemäß dem ‚Friedensvertrag von Versailles‘ (1919) alle früheren Kolonien abtreten musste, die daraufhin zunächst dem Völkerbund unterstellt wurden. Zuckmayer datiert die Köpenickiade seines Voigt um vier Jahre vor, vom Jahr 1906 auf das Jahr 1910, rückt das Ereignis also ganz gezielt noch näher an den Ersten Weltkrieg heran. Schmitz hat aber Recht, dass es auch ohne diese Änderung leicht erkennbar ist, dass das Bühnenwerk in einer Vorkriegszeit angesiedelt ist (vgl. Schmitz 2000, 398). Der ‚Hauptmann von Köpenick‘ kann nicht nur als Plädoyer gegen den Militarismus, sondern auch als klares Votum gegen den Krieg gelesen werden. Das Stück erscheint in einer Zeit, in der viele den letzten Krieg schon verdrängt haben und friedensmüde geworden sind und in der die NSDAP in ihrem ‚Völkischen Beobachter‘ unter anderem massiv gegen Polen und den Völkerbund hetzt. Wie 1910 scheint der Krieg auch 1931 wieder von nationalistischen Kreisen herbeigesehnt zu werden. Im militarisierten Frieden des Dramas, so Schmitz, sei der Krieg allgegenwärtig (vgl. Schmitz 2000, 385). In der Spezial-Nummer 33 des ‚Simplicissimus‘ vom 12. Novem- 462 Lienkamp: Aufstand für das Leben ber 1906 erfasst Thomas Theodor Heine (* 1867 † 1948) in seiner Karikatur mit dem Titel ‚Dem Verdienste seine Krone‘ den Zusammenhang von Militarismus und Krieg einerseits sowie Antimilitarismus und Frieden andererseits. Der Text lautet: „Der König von Norwegen überreicht dem Hauptmann von Köpenick den Friedenspreis der Nobelstiftung, weil es ihm in unübertrefflicher Weise gelungen ist, den Militarismus lächerlich zu machen.“ (Abbildung 79) Für die Friedens- beziehungsweise Antikriegsposition des Dramas können mehrere Passagen angeführt werden. Die erste versinnbildlicht zugleich die enge Allianz von Thron und Altar, von Borussismus und Protestantismus, die schon den Grimms in der Behauptung der damaligen Könige entgegentrat, sie seien Regenten „von Gottes Gnaden“ (Ernst August I. 1837, 1). Der Direktor des preußischen Zuchthauses Sonnenburg hält in der Kapelle (!) anstelle der Predigt (!!) im Rahmen eines Gottesdienstes (!!!) „vaterländischen Unterricht“ ab, der allerdings nicht Bildungs- sondern Propagandazwecken dient. Er lässt die Gefangenen erst „auf militärische Weise abzählen“ (HvK 8. Sz., 54) und dann Krieg ‚spielen‘. Anlass, so der Anstaltsgeistliche, der für den Direktor gern das Podium räumt, sei die „Feier des vierzigsten Jahrestages unseres großen Sieges bei Sedan“ (HvK 8. Sz., 53). Zuvor hat der Pastor die Insassen noch den Choral „Bis hierher hat uns Gott geführt / In seiner großen Güte“ singen lassen. Der Text stammt von Æmilie Juliane Gräfin von Schwarzburg-Rudolstadt (* 1637 † 1706), greift zurück auf 1 Samuel 7,12 und lautet eigentlich: „Bis hieher hat mich Gott gebracht / durch seine große Güte“450. Die Verse könnten ernst oder spöttisch gemeint sein: Tatsächlich verwendet man „das Zitat scherzhaft oder ironisch, wenn man sich an einem Ort oder in einer Situation befindet, die man nicht als 450 So z. B. in Gesangbuch für die evangelisch-lutherische Landeskirche Sachsens, Leipzig-Dresden 1925, Nr. 522. Abbildung 79: Th. Th. Heine: ‚Dem Verdienste seine Krone‘ (in: Simplicissimus 1906, 1) 463 Weitere zentrale Botschaften positiv ansieht“ (Kunkel u. a. 2017a, 86), was sicher für die meisten Gefangenen zutrifft. Andererseits wird das Lied aber auch gern zum Jahreswechsels gesungen oder dann, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Auch das passt, denn Voigt soll am folgenden Tag nach zehnjähriger Haft aus dem Zuchthaus entlassen werden. Der Direktor verfolgt die Absicht, den Häftlingen etwas mitzugeben, was ihnen „im späteren Leben einmal von Nutzen sein wird“ (HvK 8. Sz., 56). Dazu gehört auch seine Sicht des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 und insbesondere der sogenannten ‚Schlacht von Sedan‘, die am 1. und 2. September 1870 stattfand. Die Rhetorik der gleichermaßen pathetischen wie hohlen Rede des Direktors, mit der er „die autoritären Strukturen und die Unfreiheit im preußischen Militärstaat“ verschleiert (Freund-Spork 2005, 44), zielt auf eine retrospektive Kriegsverharmlosung und -verherrlichung, die auch zukünftige Kriege in einem ‚glanzvollen‘ Licht erscheinen lässt: „Sechzig Millionen deutsche Herzen schlagen höher bei dem Gedanken, daß heute vor vierzig Jahren unser glorreiches Heer auf blutiger Walstatt den entscheidenden Sieg errang, der uns erst zu dem gemacht hat, was wir sind.“ (HvK 8. Sz., 55) Das ist natürlich die Unwahrheit, denn die deutsche Arbeiterschaft hat dem Sedantag keine oder nur wenig Beachtung geschenkt. Weiterhin unterschlägt der Anstaltsleiter, dass in dem von ihm und vielen anderen so bejubelten Krieg über einhundertachtzigtausend Menschen ermordet und über zweihundertdreißigtausend verwundet wurden, eine Information, die den blanken Zynismus seiner Rede und des zugrunde liegenden Denkens offenbart. Jede und jeder halbwegs Aufgeweckte muss sich damals im Klaren sein, welche Kreise Zuckmayer hier attackiert. „Im Reden eine neue Realität zu schaffen: das war das Kunststück, das noch die Nazis bei Kaiser Wilhelm gelernt haben.“ (Frizen 2000, 72) Bei US-Präsident Donald Trump sowie bei rechtspopulistischen Parteien lässt es sich wieder beobachten, wo auch immer sie es gelernt haben. Beim Kaisermanöverball, der im Namen der Potsdamer Bürgerschaft von Uniformschneider Wormser ausgerichtet wird und welcher der „staatstragenden Allianz“ von Kommerz und Militär Ausdruck verleiht (Frizen 2000, 24), gibt es in einem eleganten Festsaal ein Stelldichein der Hautevolee der Garnisonsstadt. Seine Tochter trägt, gekleidet in die Hauptmannsuniform (die vorher von Schlettow und Obermüller gehörte), ein selbstgedichtetes Couplet vor, mit dem sie die ‚feine‘ Gesellschaft im Sturm erobert. Ange- 464 Lienkamp: Aufstand für das Leben trunken von Champagner und Sekt verliert sie ihre Hemmungen und gewährt Einblicke in ihr Innerstes: „Ach, Kinder, ich bin in einer Stimmung, ich möchte […] ’n Krieg anfangen!!“ (HvK 13. Sz., 83) Sicher nicht zufällig trägt die Sängerin die Vornamen ‚Auguste Viktoria‘, genau wie die Kaiserin. Das heißt im übertragenen Sinne, dass man an allerhöchster Stelle wieder einmal mit dem Gedanken an einen Krieg spielt – als wäre er eine harmlose Freizeitbeschäftigung. Der Kontrast zur vorausgehenden Szene könnte kaum größer sein. Hier die dralle Auguste, dort die schwindsüchtige Liesken, hier der prunkvolle Festsaal, dort das karge Sterbezimmer zum Hinterhof, hier knallen Champagnerkorken (vgl. HvK 13. Sz., 79, und 15. Sz., 94), dort freut man sich schon über „ne trockene Schrippe“ (HvK 12. Sz., 73). „In schriller Dissonanz zur verhaltenen Unmittelbarkeit der Märchenszene ist hier alles falsch und veräußerlicht.“ (Frizen 2000, 24) Auch ein in Szene 16 auftretender Feldwebel scheint sich nach einem Krieg und dessen menschenverachtenden Strafen zu sehnen. Als er mit seiner Patrouille in dem Nachtasyl, in dem sich auch Voigt einquartiert hat, den desertierten Elsässer Louis Gebweiler aufgreift, entdeckt er, dass dieser Junge („is ja noch ’n Kind“) eine Uniformhose trägt: „Diebstahl von Heeresgut, das verschärft die Sache. Im Krieg wird so einer glatt an die Wand gestellt.“ (HvK 6. Sz., 46 f.) Damit offenbart er die ganze Unmenschlichkeit des Systems. Auch an dieser Stelle verarbeitet Zuckmayer offenbar eine persönliche Erfahrung. Elsass-Lothringen habe man, vermutlich aufgrund seiner wechselhaften Geschichte, für unzuverlässig gehalten, weshalb man die aus diesem Reichsland stammenden Soldaten aus ihrer Heimat fortbrachte und Truppenteilen in anderen Gebieten Deutschlands zuwies. „Sie fühlten sich in der Fremde, vor allem aber wurden sie vom Ausbildungspersonal als Menschen zweiter Klasse betrachtet, wegen ihres mit französischen Worten durchsetzten Dialekts verspottet, als ‚Wagges‘ oder ‚Chaibe‘ bezeichnet, beides für sie ein Schimpfwort, zu jeder Dreckarbeit kommandiert und nach Kräften geschunden.“ (Zuckmayer 19662013, 248) Für den militärversessenen Direktor des Zuchthauses, in dem Voigt seine zehnjährige Haftstrafe wegen eines Einbruchs ins Potsdamer Polizeirevier verbüßt, wäre eine Desertion, wie die Gebweilers, völlig undenkbar. Für ihn ist es das „höchste Glück, einen Krieg fürs Vaterland mitzumachen“, ein Glück, das – aus seiner Sicht – bedauerlicherweise nicht jeder Genera- 465 Weitere zentrale Botschaften tion beschieden sei (HvK 8. Sz., 55). Voigt hingegen warnt mit Nachdruck vor einem Krieg, der doch wieder nur zu Lasten der ‚einfachen Leute‘ gehen würde. Nachdem er die erste Enttäuschung über seine ausgesetzte Beförderung verarbeitet hat, rechtfertigt Friedrich Hoprecht diese Zurücksetzung damit, dass das so eingesparte Geld ja für etwas Wichtigeres gebraucht werde: Hoprecht: „[…] Wat is denn schon einer, gegens Ganze genommen?! Für det Geld, wat se an Löhnung sparen, da wird vielleicht ne Kanone jebaut!“ Voigt: „Und denn jeht se los – un denn trifft et wieder dich! Bumbum, da liechste!“ Hoprecht: „Jawohl, da liech ick, wenn’s man losjeht! Und denn weiß ick auch, wofür! Fürs Vaterland, und für de Heimat.“ (HvK 14. Sz., 90)451 Das, was Zuckmayer über seinen guten Freund, den Sozialisten und Widerstandskämpfer Carlo Mierendorff, sagt, gilt auch für ihn selbst und für seinen Protagonisten: „[…] er haßte jeden Krieg, denn er wußte, daß er sich immer gegen die Schwachen und Wehrlosen richtet und immer von denen durchkämpft und durchlitten werden muß, die ihn nicht gewollt und gemacht haben.“ (Zuckmayer 19761995, 47) Aufschlussreich ist der Dialog im Park des Schlosses ‚Sanssouci‘, den zwei ältere Offiziere führen, die den letzten Krieg als junge Soldaten mitgemacht haben könnten: Der Erste: „Nein, Herr Kamerad, die Marokkokrise, und der Balkan, das ewige Pulverfaß. – Wenn’s mal hochgeht […]“ Der Zweite: „Verzeihung, Herr Kamerad, Sie unken, seit ich Sie kenne. Ist ja ganz ausgeschlossen, denkt doch in Europa heutzutage kein Mensch ernsthaft an Krieg.“ 451 In seinem Roman ‚Tyll‘ schreibt Daniel Kehlmann über die Wirkung von Kanonen auf Soldaten: „[…] so mancher von ihnen würde von gegossenen Stahlklumpen getroffen werden, die so schnell flogen, dass sie Köpfe abrissen, Glieder zerschmetterten, Bäuche durchschlugen. Und Hunderte Eimer Blut, das noch in diesen Männern floss, würde bald nicht mehr in ihnen sein, es würde verspritzen, verrinnen, schließlich versickern“ (Kehlmann 2017, 265). 466 Lienkamp: Aufstand für das Leben Der Erste: „Das is ja das Unglück, Herr Kamerad, daß keiner ernsthaft dran denkt! Man sollte daran denken – um es zu verhüten!“ Der Zweite: „Ausgeschlossen, Krieg is Wahnsinn. […] Wilhelm bleibt Friedenskaiser.“452 Der Erste: „Ich traue dem Frieden nicht, Herr Kamerad. Ich höre öfters donnern. Hören Sie nichts? Es liegt was in der Luft.“ (HvK 16. Sz., 98) Auch der Schuster und sein Schwager scheinen damit zu rechnen, dass es bald zu einem Krieg kommen wird: „Wenn’s denn mal losjeht“, sagt Voigt voller Sorge (HvK 9. Sz., 64), „[…] wenn’s man losjeht“, äußert auch Hoprecht, allerdings so, als wäre das der normale Lauf der Dinge oder sogar eine wünschenswerte Entwicklung (HvK 14. Sz., 90). Tatsächlich blieb Wilhelm II. nicht der Friedenskaiser, für den ihn viele hielten. Das wissen natürlich alle, die 1931 und später die Theatervorstellung besuchen. Sie wissen, auch wenn sie es nicht wahr haben wollen, dass er zumindest eine bedeutende Mitverantwortung für den Beginn des Ersten Weltkriegs trägt. Nach dessen Ende betrachten ihn die Entente-Mächte als Kriegsverbrecher und fordern seine Auslieferung. Zu dieser Auslieferung ist es nicht gekommen. Wilhelm II. setzte sich bekanntlich in die Niederlande ab. Von ihm war es nicht weit bis zu Hitler. Über den letzten deutschen Kaiser schreibt Volker Ullrich: „Mit seiner Geringschätzung alles Zivilen, seiner Verachtung der Slawen, seinem Hass auf die Juden, seinen ausufernden Weltmachtfantasien vertrat er Haltungen und Ideen, die von den Nationalsozialisten aufgegriffen, radikalisiert und in die Tat umgesetzt wurden. Insofern ist es durchaus berechtigt, ihn als einen Vorboten Hitlers zu bezeichnen.“ (Ullrich 2008, o. S.) Der obige Dialog aus dem ‚Hauptmann‘ soll vermutlich die ewiggestrigen Monarchisten und Kaisertreuen treffen, die in den frühen 1930er Jahren zu den Gruppen gehörten, die die Weimarer Republik von rechts bekämpften. Zuckmayers Botschaft lautet: Krieg ist Wahnsinn und sollte unbedingt 452 Dies ist Zuckmayer noch kurz vor Kriegsbeginn so vermittelt worden: „Wilhelm der Zweite, so hieß es, […] sei und bleibe ‚Friedenskaiser‘. […] ‚Ein Krieg in unserer Zeit‘, sagte mein Vater, ‚ist ein Wahnsinn, ein Atavismus. Das würde ja die ganze Welt ins Verderben stürzen. Dazu entschließt sich keiner.‘“ (Zuckmayer 19662013, 223 f.). 467 Weitere zentrale Botschaften verhindert werden. Der gut zehnjährige Friede nach 1918 ist aber in Gefahr. „Es könnt ja auch mal Krieg kommen, da muß man vielleicht ganz wech“, so Friedrich Hoprecht nach der Rückkehr aus dem erwähnten Kaisermanöver (HvK 14. Sz., 86). Aufgrund der militärtechnischen Entwicklung werde ein kommender Krieg viel verheerender sein, so der zweite der beiden bereits zitierten altersweisen Offiziere: „Denkense mal an die neuen weittragenden Dinger. Da wäre ja in vierzehn Tagen alles futsch.“ (HvK 16. Sz., 98) Das Auftreten eines mit Ordensband dekorierten, humpelnden Invaliden ist ein weiterer Hinweis auf die zerstörerische Wirkung des Krieges. Schon 1944 denkt Zuckmayer über die Gefahren weiterer Kriege nach. In seinem offenen Brief an Erika Mann sieht er „im Kampf gegen den Faschismus“ den „Schlüssel zur Verhütung eines dritten Weltkrieges“ (Zuckmayer 1944, 7). Faschismus sei ein Phänomen, das „sich nicht auf einzelne Völker oder Nationen beschränkt, wenn er auch bei einigen, und vor allem leider beim deutschen, zur schlimmsten Entfaltung und Herrschaft gekommen ist“ (ebd.). Ziemlich genau ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa konnte Zuckmayer noch nicht ahnen, dass er sich bezüglich des Kriegszieles und seiner Erreichbarkeit getäuscht hat: „[…] wozu, um Himmels willen, würde dieser Krieg geführt, mit allen seinen furchtbaren Opfern und seinen unausdenklichen Leiden, wenn nicht zur Ausrottung des Faschismus in allen Völkern?“ (ebd.)453 Selbst wenn er ‚nur‘ den Faschismus als System gemeint haben sollte, so ist der Erfolg doch auch hier ausgeblieben, wenn man nur etwa an die faschistischen Militärdiktaturen in Lateinamerika und Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts denkt. Und heute greifen von Neonazis und Rechtsextremen durchsetzte rechtspopulistische Parteien in vielen Ländern wieder nach der Macht oder haben diese bereits errungen. Sie sitzen im Europaparlament, im Deutschen Bundestag, in den Landtagen und in Stadträten. Der Faschismus in den Köpfen feiert fröhliche Urständ. Mit seinem Nationalismus, Chauvi- 453 Während und nach dem Zweiten Weltkrieg betrauert Zuckmayer seine toten Freunde und verwendet auch hier den Begriff ‚Faschismus‘ für den deutschen Nationalsozialismus: „In den Reihen der unbeugsamen Kämpfer gegen die nationale Überhebung, die neue Militarisierung und den Faschismus in Deutschland gehörten Haubach und Mierendorff zu den kühnsten und fähigsten.“ (Zuckmayer 1946, 105) 468 Lienkamp: Aufstand für das Leben nismus und Rassismus ist er, wie Zuckmayer zu Recht herausgestellt hat, eine der wesentlichen Ursachen von Kriegen und muss deshalb mit allen Mitteln, die dem Rechtsstaat und der Zivilgesellschaft zur Verfügung stehen, bekämpft werden. Im Anschluss an Gerhard Kluge bescheinigt Bartl dem Dramatiker Zuckmayer, dass er in seinem Volksstück ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, ähnlich wie schon in ‚Der fröhliche Weinberg‘, „ein Psychogramm des Kaiserreichs und der Weimarer Republik“ gezeichnet habe, „dessen Hauptaspekte faschistische Strukturen der 1930er-Jahre“ vorweggenommen hätten (Bartl 2009, 219). Dass Zuckmayer einmal schrieb, dass er nicht hassen könne, bedeute aber überhaupt nicht, „daß er nicht genau und kompromißlos gewußt hätte, auf welcher Seite sich die Unholde, die Verbrecher, die Mörder befanden. Er hat sie immer identifiziert und sich sofort für die andere Seite entschieden.“ (Podack 1996, 21) Als 1914 ein Krieg droht, steht Zuckmayer als Gymnasiast kurz vor dem Abitur454. Nichts spürt er „von irgendwelcher Ergriffenheit oder vaterländischer Empfindung, nichts als Grauen und Abscheu vor dem Unbegreiflichen, dem sinnlos Motorischen dieses Abgleitens der vernünftigen Welt ins Wahnwitzige“ (Zuckmayer 19662013, 244). Noch ist er nicht von der „nationalen Erregung“ überwältigt (ebd. 225). Während sich Carl mit seiner Familie im niederländischen Feriendomizil befindet, wird am 30. Juli 1914 in Deutschland der Zustand erhöhter Kriegsgefahr ausgerufen. Als ihn die Hotelière besorgt fragt, ob er denn als Siebzehnjähriger auch schon Soldat werden müsse, antwortet er entschieden: „‚Nie! […] Nie gehe ich in einen Krieg, um auf andere Menschen zu schießen. Da laß ich mich lieber einsperren.‘“ (ebd. 226) Doch dann, auf der Rückfahrt, mit jedem Kilometer Eisenbahnfahrt durch Deutschland, erfasst ihn auf rätselhafte Weise die allgemeine Kriegsbegeisterung, die alle seine vorherigen Bedenken hinwegfegt (vgl. ebd. 228–231). Wie viele, auch in anderen Staaten, glaubt er, dass sein Land in seiner Existenz bedroht sei und dass es von dieser Gefahr befreit werden müsse. Macht oder Gebietsansprüche stehen nicht auf seiner Agenda (vgl. ebd. 235). Zuckmayer will wie viele seiner Freunde nur eines: „rasch ‚ins Feld‘“, bevor der Krieg schon wieder zu Ende ist. Sein Ka- 454 Zuckmayer schreibt selbst, er sei von frühauf ein „liederlicher, aufsässiger Schüler“ gewesen (Zuckmayer 19662013, 178). 469 Weitere zentrale Botschaften merad Ludwig Berger habe buchstäblich geheult, als man ihn ‚dauernd militäruntauglich‘ schrieb. „So wenig ahnten wir damals, was Krieg und Front bedeutet. Vier Jahre später wußte ich es.“ (Zuckmayer 1954, in: ders. 1997, 186) „In den Rekrutendepots und Ausbildungslagern der Kriegsfreiwilligen war damals, im wahrsten Sinn, die Blüte einer Nation versammelt – und sie ist hingemäht worden.“ (Zuckmayer 1937, in: ders. 1995, 130) Zu Beginn weht unter den jungen Freiwilligen kein militaristischer, sondern ein revolutionärer Geist, für den sich Zuckmayer besonders empfänglich zeigt: „Bei uns im Südwesten Deutschlands lebte wohl das Gedankengut der Revolution von 1848 und der Frankfurter Paulskirche noch stärker fort als anderwärts“ (Zuckmayer 19662013, 236; siehe Abschnitt 4.1.5). Er erinnert sich an den August 1914, wie sie, „Schüler, Studenten, Arbeiten, Rekruten aus allen Ständen und Schichten“, nachts auf den Strohsäcken der Ausbildungsbaracke ein Stück von Hauptmann, sein ‚Festspiel in deutschen Reimen‘ von 1913, mit verteilten Rollen gelesen hätten „und uns die darin verkündete Erweckung Deutschlands zur wahren, inneren Freiheit als Ziel der vaterländischen Erhebung vorstellten, die uns ohne Unterschied begeisterte“ (Zuckmayer 1962, in: ders. 1997, 167). In diesem Werk Hauptmanns „Zur Erinnerung an den Geist der Freiheitskriege der Jahre achtzehnhunderunddreizehn, -vierzehn und -fünfzehn – Aufgeführt bei der Jahrhundertfeier in Breslau 1913“ (Hauptmann 1913, 7) standen ursprünglich Sätze wie dieser: „Schwerter sind – entartete Pflüge, Soldaten – entartete Bauern.“455 Grund genug für den Kronprinzen Friedrich Wilhelm 455 Hauptmann knüpft hier an einen Vers aus dem Buch Jesaja an: Der Herr „wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Jesaja 2,4; vgl. Micha 4,3) Die entsprechende Stelle des Festspiels fällt einer Streichung zum Opfer. Hauptmann kommentiert dies später wie folgt: „Wie ich es hasse – das Kriegshandwerk, das Kriegsgeschreie. Schon im Festspiel von 1913 hatte ich die Worte geschrieben, die ich später freilich strich: Schwerter sind – entartete Pflüge, Soldaten – entartete Bauern. Wer hätte mich damals verstanden, wer versteht mich heute …?“ (Hauptmann, in: Pohl 1953, 30) Dazu schreibt Max Rychner (1897–1965): Hauptmanns Gleichsetzungen seien „zwar auch eine schreckliche Vereinfachung, aber eine lebensfreundlichere als die offizielle, die mit klirrenden Phrasen von schimmernder Wehr usw. das Land in die Niederlage 1918, die Dynastie in den Untergang trieb.“ (Rychner 1962, o. S.) 470 Lienkamp: Aufstand für das Leben (* 1882 † 1951) „im Verein mit aufbrausenden Kriegervereinen die Absetzung“ vom Theaterspielplan durchzusetzen (Rychner 1962, o. S.). Zuckmayers „Kriegsziel“ ist zu diesem Zeitpunkt, und damit ist er gar nicht so weit von den Grimms entfernt, „eine reformierte, konstitutionelle Monarchie, deren eigentliche Regierungsform demokratisch sei.“ (Zuckmayer 19662013, 237) Nachdem das Kaiserreich faktisch eine konstitutionelle Monar chie war, muss Zuckmayers Vorstellung von der neuen Staatsverfassung konstitutionelle Monarchie geschrieben werden, wobei angesichts der demokratischen Regierungsform des zukünftigen Systems der Königin beziehungsweise dem König in seinen Augen wohl nur Repräsentationsaufgaben zugedacht würden. Ein Grund, warum sich Zuckmayer überhaupt als Kriegsfreiwilliger gemeldet hat, ist vermutlich der, das ihm in Deutschland Vorbilder wie der Franzose Romain Rolland (* 1866 † 1944) fehlten, der „zu einer Internationale des Geistes über die nationalen Gegensätze hinweg“ aufruft (ebd. 238). Deutsche Intellektuelle, die seine Ideale hätten sein können, wie Hauptmann, Kerr, Klabund oder Thomas Mann schreiben teilweise Kriegsliteratur oder stellen sich explizit auf die Seite des nationalen Krieges (vgl. ebd. 237 f.). Wie konnte es dazu kommen? „[…] sie waren zutiefst unpolitisch, auch jene, deren Werk von sozialem Empfinden inspiriert war, sie hatten vielleicht gesellschaftskritisch denken gelernt, aber kritische Verantwortung für Zeit- und Weltpolitik lag ihnen fern und gehörte nicht zum kulturellen Metier. Dadurch wurden auch sie von der Hochstimmung, der ekstatischen Gläubigkeit des vaterländischen Rauschs, des patriotischen Ethos blindlings überwältigt. Wie hätten wir, die Exponenten des geistigen Mittelstandes, und noch dazu die jungen, nie zu politischem Denken angehaltenen Kreise, kritischer oder besonnener sein sollen?“ (ebd. 238; vgl. Zuckmayer 1962, in: ders. 1997, 167) Mit Kriegsbeginn ist nicht nur Zuckmayers Schulzeit, sondern sind auch seine Kindheit und Jugend „abrupt und unwiederbringlich“ zu Ende (Zuckmayer 19662013, 371). In der Unterprima steht er „wegen ‚fortgesetzter Unbotmäßigkeit‘ und offenem Widerstand gegen die Lehrgewalt“ (Zuckmayer 3.4.1927, 1. Beiblatt) kurz vor einem Schulverweis. Als Kriegsfreiwilliger wird er jedoch nach den Sommerferien von seinem Truppenteil für einen halben Tag beurlaubt, um das Notabitur abzulegen, das ihm – als wäre 471 Weitere zentrale Botschaften nichts gewesen – fast geschenkt wird: „Niemals hätte ich die Reifeprüfung […] bestanden, ohne diese schlecht sitzende Feldartilleristenuniform um meine kriegsfreiwilligen Glieder. […] (Zum Schießen, dachten die Leute, und zum Erschossenwerden braucht man keine Mathematik. […])“ (Zuckmayer 3.4.1927, 1. Beiblatt). Und später, in seinen Alterserinnerungen, schreibt er: „Wir waren heilfroh und fühlten uns von einer großen Lebensangst befreit. […] Die Todesangst hatten wir erst zu lernen. In unsren Schulfächern war sie nicht vorgekommen.“ (Zuckmayer 19662013, 241) Die europäischen Staaten seien damals in einen verhängnisvollen Krieg gezogen, „der ihren Ländern fruchtlose Zerstörung brachte.“ (Zuckmayer 1937, in: ders. 1995, 131) Mit zunehmender Dauer, als die Fronten nahezu regungslos verharren, der Kampf in einen Materialkrieg und „ein allgemeines, systematisches Massenschlachten“ eskaliert, greifen Propaganda und Presse Hand in Hand, schüren Hass und extremen Nationalismus (Zuckmayer 19662013, 243 f.). Von denen, die schon eine Weile im Feld sind, „die den Militärbetrieb kannten, und vom Krieg schon längst die Nase voll hatten“ (ebd. 258), werden die neuankommenden Freiwilligen verachtet. „Für diese ‚Leute aus dem Volk‘ […] war das Leben der Güter höchstes. Wer das leichtsinnig aufs Spiel setzte, indem er sich ‚freiwillig‘ in Gefahr begab, ohne aufgerufen zu sein, war für sie – zunächst einmal – ein Hasardeur. Ein Spieler, ein zweifelhafter Charakter. Denn ein anständiger Junge wird zu Hause gebraucht, oder er bereitet sich auf seinen Beruf vor, er geht nicht Soldatenspielen, wenn er nicht muß“ (ebd. 258 f.) Im Nachhinein sagt er selbst, dass er „verrückt“ war, sich freiwillig zu melden (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 119). Wie schnell es in diesem Krieg mit dem Leben vorbei sein kann, muss er schon bald aus nächster Nähe mitansehen: „Ich erlebte an diesem Tag zum ersten Mal, wie einem Mann neben mir eine Schrapnell-Ladung durchs Gesicht klatschte, und das Gesicht verwandelte sich in einen blutigen Brei, aus dem es ohne Unterlaß schrie. Ich hatte das Schreien […] im Ohr, die Blutspritzer auf dem Waffenrock, den brandigen Geruch der Pikrinsäure im Gaumen.“ (Zuckmayer 19662013, 261) 472 Lienkamp: Aufstand für das Leben Es ist noch ein Minderjähriger von 17, vielleicht gerade 18 Jahren, als er Augenzeuge dieses furchtbaren Geschehens wird: Als sie aus dem Krieg zurückkamen, schreibt Zuckmayer, hatten er und seine Freunde „mehr Tod gesehen, als viele Generationen“ zuvor (Zuckmayer 1937, in: ders. 1995, 131). Er selbst wird verwundet, über dem linken Auge getroffen: „Wäre der Granatsplitter ein wenig anders geflogen, dann hätte die Welt ohne mich weiterexistieren müssen“ (Zuckmayer 19651986, 33). Nach dem Krieg fließen Tränen, „aus tiefstem, erschüttertstem Herzen“ (Zuckmayer 1937, in: ders. 1995, 134), aber um weiterleben zu können, muss er verdrängen. „Doch die Erinnerung lebt.“ (Zuckmayer 19662013, 252) Die Last eines „kaum erträglichen, nicht mitteilbaren Wissens“ verschwindet nicht (ebd. 268). Nach Jahren „in der Front, in einem Krieg, an dessen Notwendigkeit und Recht man immer mehr zweifelte und der in ein immer furchtbareres Schlachten ausartete“ (ebd. 267), empfindet er sich selbst, als jemand, „der täglich am allgemeinen Morden teilnahm und dem Sterben zuschaute, wie einen Aussätzigen, Ausgestoßenen, der in die Gesellschaft friedlich lebender Menschen nicht mehr paßt.“ (ebd. 268) Jetzt erst hört der ausländische Soldat auf, ein Feind zu sein, den man hasst. „Der Feind, für uns alle, war der Krieg, nicht der Soldat in Stahlblau oder Khaki, der dasselbe durchmachen mußte wie wir.“ (ebd. 271) Im Sommer 1917 beginnt für Zuckmayer die Zeit des Erwachens: „Mein Kopf wurde hell und klar. Ich begann zu denken, scharf, logisch, nüchtern, ohne Illusion, ohne Hoffnung, ohne Selbstbetrug. […] Dieser Krieg war kein ‚Schicksal‘ aus den Wolken. Er war das Versagen einer Welt, unserer Welt, der ‚Nationenwelt‘ von zweihundert Jahren. Er war der Selbstmord einer Welt. Das Ende einer Welt.“ (ebd. 283) Er wird „helle“, wie sein Schuster Voigt. Seine gleichaltrigen Freude von damals, die sich ebenfalls freiwillig gemeldet hatten, „sind alle tot, kriegsgefallen“ (ebd. 231). Es gibt auch nicht das erhoffte wirtschaftliche Aufblühen Deutschlands durch den Krieg, sondern nur „ein Welken“ (ebd. 233). „Wir schwiegen, als wir – nur wenige Überlebende von damals – vier Jahre später an einem nebligen Novembertag zurückkehrten.“ (ebd. 214) Welch ein Kontrast zum Jahr 1914. Für sich und seinen Freundeskreis, insbesondere Mierendorff sprechend, sagt Zuckmayer: 473 Weitere zentrale Botschaften „Wir kamen damals fast alle aus den Reihen der begeisterten Kriegsfreiwilligen von 1914, wir waren keine Kriegsdienstverweigerer, keine gelernten Revolutionäre. Keiner von uns hatte eine politische, demokratische Tradition oder gar eine ‚Parteierziehung‘. Die meisten waren im Krieg Offiziere und Träger höherer Auszeichnungen geworden, aber wir waren alle, in den verschiedensten Schattierungen, doch auf dem gleichen Gesinnungsgrund, überzeugte Anhänger der deutschen Revolution, militante Pazifisten und gläubige Europäer.“ (Zuckmayer 1944, in: ders. 1995, 48) Zuckmayer gebraucht hier 1944 zur Selbstcharakterisierung übrigens denselben Begriff, ‚militanter Pazifist‘, den Remarque 1962 als Beschreibung seiner Position verwendet (siehe Abschnitt 4.2.2). Noch während des Krieges, im Jahr 1917, erscheinen Zuckmayers erste Beiträge, zwei Gedichte, – und zwar in dem von Pfemfert herausgegebenen Blatt ‚Die Aktion‘, „die radikalste Wochenschrift, die vielleicht je in Berlin publiziert worden ist, die Heimstätte aller Kriegsgegner, Rebellen und kompromißlosen Poeten“ (Zuckmayer 19662013, 286). Pfemfert ermutigt ihn, in seiner Gesinnung, „die durchaus auf die Beendigung des Krieges und aller Kriege, auf die Versöhnung aller Völker gerichtet sein müsse“, standhaft zu bleiben (ebd. 288). Zuckmayer ist jedoch gezwungen, ein Doppelleben zu führen. Einerseits verrichtet er noch seinen ‚Dienst‘ als Soldat, seinen „Kriegsdienst“, anderseits sind seine Gedanken, sein Empfinden, sein Glaube und seine Hoffnung „bei der ‚Internationale aller befreiten Völker‘, wie sie in der ‚Aktion‘ gepredigt wurde“ (ebd.). Auch wenn er sich den konkreten Vorgang eines Umsturzes – trotz der Lektüre des ‚Kommunistischen Manifestes‘, der ‚Politischen Ökonomie‘ und des ‚Kapital‘ –, wie Zuckmayer einräumt, nicht vorstellen kann, ist ihm klar, dass eine Revolution notwendig kommen muss, da das jetzige System das Völkermorden erst verursacht hat. Die Welt muss deshalb in seinen Augen grundlegend geändert werden, „damit ein solches Verbrechen am Leben, an der Natur, an aller Humanität und Menschenwürde nicht mehr geschehen“ kann (ebd. 289). Zuckmayer ist beseelt von „dem revolutionären Impuls einer neu gewonnenen Freiheit, unsres neu geschenkten Lebens.“ (Zuckmayer 1960a, VI). „Auf dem Trümmerfeld des Zugrundegegangenen hofften wir, das Neue ohne Keimzeit und Aufräumung mit unseren unbewehrten Händen hervorzaubern zu können.“ (Zuckmayer 1937, in: ders. 1995, 132) Die Wirklichkeit nach seiner Rückkehr sieht anders aus. Dennoch sagt er von sich und seiner Generation: 474 Lienkamp: Aufstand für das Leben „[…] unser aller Leben beginnt erst mit 1918. […] Wir hatten genug vom Tod. Nun gilt ein Leben lang das Lebendige.“ (Zuckmayer 19301986, 30 f.) Der im Krieg gewachsene militante Pazifismus Zuckmayers (vgl. Zuckmayer 19662013, 323)456 kommt anschaulich zum Ausdruck, als er aus ‚Kriegsbriefen gefallener Studenten‘ zitiert, die 1918 erscheinen457. Seine Auswahl ist sicher nicht vom Zufall bestimmt. So spricht ihm Franz Blumenfeld, ermordet am 18. Dezember 1914 im Alter von 23 Jahren, sicher aus dem Herzen: „Ich finde den Krieg etwas so Fürchterliches, Menschen-Unwürdiges, Törichtes, Überlebtes, in jeder Weise Verderbliches, daß ich mir fest vorgenommen habe, wenn ich aus dem Krieg heimkehre, mit aller Kraft alles zu tun, was ich kann, damit es in Zukunft so etwas nicht mehr geben wird.“ (Franz Blumenfeld, zit. nach ebd. 267) Zuckmayer schließt sich 1927 in einem kurzen Beitrag für das ‚Berliner Tageblatt‘ unter dem Titel ‚Notabitur‘ diesem Zitat mit einigen Wünschen für diejenigen an, die so alt sind, wie er bei Kriegsbeginn: „Ich wünsche allen siebzehnjährigen Kameraden eine ebenso rasche, radikale, umschmeißende Veränderung ihres bürgerlichen Daseins […]. Aber um Gottes Willen, keinen Weltkrieg, keine Uniform, und etwas weniger Heldentum!“ (Zuckmayer 3.4.1927, 1. Beiblatt) Denn: „Krieg is Wahnsinn“, wie es im ‚Hauptmann von Köpenick‘ heißt (HvK 16. Sz., 98). Deshalb macht sich Zuckmayer die Losung zu eigen, mit welcher der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen sei: „Nie wieder Krieg“! (Zuckmayer 19761977, 10) Prägnanter und eindeutiger kann man sich nicht positionieren. Zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist für ihn dann das entscheidende Ziel ein doppeltes, nämlich „die ‚deutsche Gefahr‘ zu bannen und ein innerlich gesundes, produktives Deutschland in eine zukünftige Friedenswelt einzugliedern“ (Zuckmayer 1947, in: ders. 1997, 85). Damit dies von Dauer ist, muss, so sein 456 Zu Zuckmayers mutigem Einsatz gegen eine Hetzrede des Rektors der Frankfurter Universität und für die streikenden Arbeiter vgl. Zuckmayer 19662013, 330. 457 Wenn mir als Kind von meiner Großmutter mit düsterer Miene erzählt wurde, dieser oder jener Verwandte wäre im Krieg ‚gefallen‘, konnte ich anfangs nicht verstehen, warum das so schlimm sein sollte, bis mir klar wurde, dass ‚N. N. ist gefallen‘ ein Euphemismus für ‚N. N. wurde im Krieg getötet‘ war. 475 Weitere zentrale Botschaften Freund Remarque, zuerst der Nationalsozialismus zerstört werden. „Und zwar bis auf die Wurzeln.“ (Remarque 1944, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 67) Zuckmayers Erzählung ‚Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus‘, die erstmals 1927 erscheint und gegen Ende des Ersten Weltkriegs spielt, handelt von Schorsch Philipp Seuffert, der als Soldat im Feld steht, den sein Bürgermeister aber im Frühling 1918 für den Einsatz in der Landwirtschaft anfordert. Als Schorsch merkt, dass seine Frau Anna Barbara schwanger ist, zieht er die Uniform an, verabschiedet sich von ihr und verschwindet ohne Erklärung aus dem Dorf. Zufällig gerät er im Frankfurter Hauptbahnhof an seine alte Einheit, die sich auf dem Weg an die Westfront befindet und ihn mit sich fortreißt. Sie kommen mitten in die Hölle des Krieges, die Zuckmayer in ihrer ganzen Brutalität schildert. Schorsch überlebt unverletzt, wird aber gefangen genommen. Er kann sogar aus dem französischen Lager entkommen und schlägt sich durch, quer durch das von Kämpfen gepeinigte Europa bis in ein kleines russisches Dorf, wo er eine Frau, deren Namen er kaum mehr aussprechen kann, und ein gemeinsames Kind zurückgelassen hat. Als er sein Ziel erreicht, haben die deutschen Truppen die Häuser in Brand gesteckt, die Frau liegt tot auf dem Boden der Hütte. Genickschuss. Er rettet das kleine Kind vor dem sicheren Tod und flieht mit ihm in die Wälder, obwohl ihm ein Soldat zuruft: „Wirf den Balg fort, lauf, sie sind uns auf den Fersen!“ (GBT 323) Mit allergrößter Anstrengung schafft er es, das Kind, das der andere nur als Ballast ansieht, durch den Winter zu bringen und den Weg nach Westen anzutreten, wo er nach einiger Zeit auf zunächst feindlich gesonnene Kosaken trifft. Unter ihnen ist ein kleiner, weißbärtiger Mann, der von allen respektiert wird. Er, „der einstmals Rabbiner in einer kleinen südöstlichen Gemeinde war, die bei einem der Pogrome zu Anfang des Krieges zugrunde gegangen war, lebte als Arzt, Pfleger und Dolmetsch bei den Reiterscharen des [russischen; A. L.] Volksheeres. Er hatte einen großen Einfluß auf die Führer der Soldatenräte und auf die einzelnen Männer dieses Heerbanns.“ (GBT 330) Er lässt sich von Schorsch dessen Geschichte erzählen, ruft für den Abend den Soldatenrat des Lagers zusammen und erzählt den Leuten „von dem Mann ‚der alles verlassen hatte und durch das kriegsdröhnende Land gegangen war, unberührt von den Gewalten der Vernichtung, um ein kleines Lebenslicht […] vor dem Verlöschen zu retten.‘ Und daß dieser bärti- 476 Lienkamp: Aufstand für das Leben ge, hellblickende Mann wie ein Heiliger sei“ (GBT 330). Schorsch und sein Kind bekommen Essen und Papiere für sicheres Geleit. Trotz des Hungers, des Durstes und der Kälte, die sie auf der langen Reise immer wieder durchleiden müssen, bringt er das Kleine heil nach Hause, wo er seine Frau mit dem gemeinsamen Spross antrifft. „Als er sehr nah gekommen war, setzte sie zuerst ihr Kind sorgsam in den Wagen, bevor sie mit beiden Armen, offenen Händen, ihn und das neue Kind empfing.“ (GBT 332) Im Talmud gibt es eine viel zitierte Passage, der das Handeln von Schorsch und die Deutung durch den Rabbi entspricht: „Deshalb wurde der Mensch als einzelner in der Welt erschaffen, daß man (= Gott) es auf jeden, der eine Person vernichtet, bringt, als ob er die ganze Welt vernichtet hätte. Und auf jeden, der eine Person erhält, bringt man (= Gott) es, als ob er die ganze Welt erhalten hätte“ (Sanhedrin 4,12, in: Talmud Yerushalmi 1981, 121). Vielen ist dieser Satz durch Steven Spielbergs Schwarz-Weiß-Film ‚Schindlers Liste‘ von 1993 bekannt geworden458. Darin wird gezeigt, wie einige der von Schindler geretteten Jüdinnen und Juden nach der Befreiung von den Nazis ihrem Wohltäter zum Abschied einen Ring schenken, für den ein Arbeiter einen Goldzahn hergegeben hat und in den in hebräischer Schrift eingraviert wurde: kol ha’mekajem nefesch achat, ke’ilu kijem olam male!, „Wer nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt!“ (Spielberg [Regisseur] 1993, 02:57:50) Der Rabbi in Zuckmayers Erzählung sagt über Schorsch etwas Ähnliches: Er habe wie ein Heiliger gehandelt, als er quer durch vom Krieg beherrschte Gegenden gezogen sei, um das Leben eines einzigen Kindes zu retten (vgl. GBT 330). Die volle Bedeutung des Talmud-Satzes wird erst in der, in hoffnungsfroher Farbe gedrehten Schlussszene deutlich, die in der ‚Jetztzeit‘, kurz vor der Fertigstellung des Films, spielt und in der gezeigt wird, wie zahlreiche Menschen kleine Steine auf Oskar Schindlers (* 1908 † 1974) Grab in Jerusalem legen: Es handelt sich um viele der damals noch lebenden ‚Schindlerjuden‘, ihre Kinder und Enkel. In einer Einblendung ist zu lesen, dass es (1993) mehr als sechstausend Nachkommen der etwa tau- 458 Vorlage für den Film ist Thomas Keneallys 1982 erschienener Roman ‚Schindler’s Ark‘. Die Arche ist eines der bekanntesten Symbole der Rettung. 477 Weitere zentrale Botschaften sendeinhundert Menschen gab, die gerettet wurden. Das, was Itzhak Stern, der Buchhalter Schindlers, in Spielbergs Film nach der Ringübergabe prophezeit, ist also tatsächlich eingetreten: „Es werden neue Generationen entstehen, wegen allem, was Sie getan haben.“ (Spielberg [Regisseur] 1993, 02:59:22) Am Vorabend des Ersten Weltkriegs formuliert Leo Baeck (* 1873 † 1956) eine gelungene Deutung der besprochenen Talmudstelle: „Jeder Frevel gegen einen ist ein Verbrechen gegen alle Menschen, und jedes Bedürfen des einzelnen an alle eine Forderung.“ (Baeck 1914, 13). Grundlage einer solchen Haltung sind das Gefühl der Verbundenheit und Empathie, die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, mit anderen mitzufühlen. Und diese anderen sind, wie wir aus unseren beiden Märchen lernen können, insbesondere die Armen, Ausgegrenzten und Unterdrückten. Was ihnen widerfährt, darf uns nicht gleichgültig sein; ganz im Gegenteil: Es geht uns alle an. Die Bekämpfung und Überwindung von Faschismus und Krieg ist eine der zentralen Voraussetzungen für die Überwindung allen antihumanen Frevels und für die Befriedigung ungestillter menschlicher Bedürfnisse. Alle sind aufgefordert, dabei mitzuwirken. Abbildung 80: Türklinke am Osnabrücker Rathaus des Westfälischen Friedens (eigenes Foto) 478 Lienkamp: Aufstand für das Leben 5.7 Die Notwendigkeit rechtzeitigen Widerstands und einer streitbaren Demokratie Zuckmayer blickt in seinen Altersmemoiren selbstkritisch auf seine Rede gegen die politische Zwangszensur vom 19. Dezember 1930 zurück, die er nur wenige Monate vor der Uraufführung seines ‚Hauptmann von Köpenick‘ gehalten hat: „Ich griff Goebbels mit dem Spott an, den er selbst für seine Gegner bereit hatte, und zog für eine halbe Stunde die Lacher auf meine Seite. Es war zu spät und zu wenig.“ (Zuckmayer 19662013, 526) „Too little and too late“ (ebd. 525) ist der Cantus firmus, der sich durch seine mitunter sehr scharfe Kritik zieht, die er sowohl an seinen Zeitgenossinnen und -genossen als auch an sich selbst übt. Man habe sich viel zu lange damit begnügt, über den ‚Anstreicher‘ Hitler zu lachen und zu witzeln. Zuckmayer schließt eine Frage an, die er gleich selbst beantwortet: „Haben wir in der Zeit, bevor uns die Macht dazu genommen wurde, genug getan, um das Schicksal zu wenden? Ich glaube nicht.“ (ebd.) Zu wenig und zu spät sei das gewesen, was die deutschen Intellektuellen, von Ausnahmen abgesehen, unternommen hätten. „Wir haben versäumt, als unsere Zeit und unsere Stunde war, ihnen“, den Nationalsozialisten, Deutschnationalen und dem ‚Stahlhelm‘-Bund, „zuvorzukommen.“ (ebd. 525 f.) „Wir, die wir berufen gewesen wären, dem rechtzeitig entgegenzuwirken, haben zu lange gezögert, uns mit dem profanen Odium der Tagespolitik zu belasten, wir lebten zu sehr in der ‚splendid isolation‘ des Geistes und der Künste: und so tragen wir, auch wenn wir dann zu Opfern der Gewalt oder zu Heimatvertriebenen wurden, genauso wie alle Deutschen an jener Kollektiv-Scham, die Theodor Heuss dem sinnlosen Anathema einer ‚Kollektiv-Schuld‘ entgegengesetzt hat.“ (ebd. 528)459 Grenville entlastet jedoch den Dramatiker. Sein ‚Hauptmann‘ habe “as a timely warning”, als eine rechtzeitige Warnung vor den um 1930 in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung verbreiteten illiberalen, antidemokratischen Einstellungen gewirkt. Autor und Stück vertreten die Überzeugung, dass eine politische Bewegung, welche einen Staat in seiner Existenz bedrohe, kein Wetter ist, dass man wie ein ‚Schicksal‘ über sich ergehen las- 459 „[…] auch jemand wie ich, der in jener Zeit nicht da war, trägt diese Scham mit“ (Zuckmayer 1970, in: ders. 1995, 116). 479 Weitere zentrale Botschaften sen müsse. „Sie wird von Menschen gemacht und kann von Menschen bekämpft werden.“ (ebd. 525) Im Jahr 1976 schreibt William O. Douglas (* 1898 † 1980), Demokrat und über 36 Jahre lang Richter am ‚Supreme Court of the United States‘: „Wie die Nacht nicht plötzlich einbricht, so auch Unterdrückung nicht. In beiden Fällen gibt es eine Phase des Zwielichts, in der sich scheinbar nichts verändert. In solchem Zwielicht müssen wir wachsam sein für Veränderungen, wie unscheinbar sie auch sein mögen, sonst werden wir zu Opfern der Dunkelheit.“ (Douglas, zit. nach Leavitt 2004, o. S.; eigene Übers., A. L.) Wachsamkeit ist somit eine entscheidende Voraussetzung, um die Gefahr abzuwenden. Aber es braucht noch mehr, wie Kästner auf der Hamburger PEN-Tagung am 10. Mai 1958 anlässlich des 25-jährigen Gedenkens an die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz sagte, bei der er Zeuge der Vernichtung auch seiner eigenen Bücher wurde. Notwendig ist die „rechtzeitige Verhütung“ der Verbrechen (Kästner 19581998, 639): „Kein Volk und keine Elite darf die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen, daß im Ernstfall, im ernstesten Falle, genügend Helden zur Stelle sein werden. Und auch wenn sie sich zu Worte und zur Tat meldeten, die Einzelhelden zu Tausenden – sie kämen zu spät. Im modernen undemokratischen Staat wird der Held zum Anachronismus. Der Held ohne Mikrophone und ohne Zeitungsecho wird zum tragischen Hanswurst. Seine menschliche Größe, so unbezweifelbar sie sein mag, hat keine politischen Folgen. Er wird zum Märtyrer. Er stirbt offiziell an Lungenentzündung. Er wird zur namenlosen Todesanzeige. * Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf460. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich 460 Harras stellt in ‚Des Teufels General‘ die rhetorische Frage: „Kann ich sie aufhalten? Ihre Richtung ändern? Meine Schultern gegen eine Lawine stemmen? Eine Sturmflut wenden – mit meiner Hand?“ (TG 3. Akt, 144) 480 Lienkamp: Aufstand für das Leben begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr. […] Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus. Als Ovid sein ‚Principiis obsta!‘ niederschrieb, als er ausrief: ‚Bekämpfe den Beginn!‘, dachte er an freundlichere Gegenstände. Und auch als er fortfuhr: ‚Sero medicina paratur!‘, also etwa ‚Später helfen keine Salben!‘, dachte er nicht an Politik und Diktatur. Trotzdem gilt seine Mahnung in jedem und auch in unserem Falle. Trotzdem gilt sie auch hier und heute. Trotzdem gilt sie immer und überall.“ (ebd. 646 f.) “Be Vigilant!“, „Seid wachsam!“ ruft auch Remarque den Menschen in Großbritannien und den USA zu, aber er ruft es auch uns zu: „Die Nazis waren nicht von einem fremden Planeten gekommen und hatten Deutschland versklavt – sie waren in Deutschland selbst gewachsen, und es war nicht allein die Krise, die Arbeitslosigkeit, die ihnen die Massen zugetrieben und bis zur Selbstvernichtung für sie hatte kämpfen lassen, – es war noch etwas anderes. Es war die jahrhundertealte Erziehung zum unbedingten Gehorsam, die in Deutschland ein besonders fruchtbares Feld gefunden hatte. Es war ein bequemes Wort, – man brauchte nicht zu denken, man brauchte nichts selbst zu entscheiden, – man hatte vor allen Dingen keine eigene Verantwortung, wenn man ihm folgte. Es züchtete den ‚Kadavergehorsam‘, den blinden Gehorsam ohne moralische, ethische, religiöse, menschliche Bedenken, – und es tötete die Zivilcourage, den Mut zu eigener Überzeugung. Es war ein Wort für Knechte. Es war ein Wort, das moralische Feigheit zudeckte. Es war ironischerweise, das Lieblingswort der neugegründeten Herrenrasse. Es war das Wort, mit dem sich die Mörder in Abbildung 81: Daily Express vom 30.4.1956; Stellwand in der Ausstellung des ‚Erich Maria Remarque Friedenszentrum‘ (eigenes Foto) 481 Weitere zentrale Botschaften Kon zen tra ti onslagern rechtfertigten, – und es war, zum entsetzten Staunen der Welt, das Wort, mit dem sich auch Marschälle und Generäle in Nürnberg zu rechtfertigen suchten, weil sie in vollem Ernst glaubten, das sei genug, um Geiselerschießungen, Verstößen gegen das Völkerrecht, Morden an Zivilisten Straffreiheit zuzusichern. Vom Gewissen sprach niemand. Das Gewissen war tot, – gemordet durch dieses Wort, das Wort aller Diktaturen.“ (Remarque 1956, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 97 f.) Der Großteil der Deutschen in der Bundesrepublik wolle Frieden und Demokratie und habe genug von Hitler und seinen Verbündeten, schreibt Remarque, „aber die Reaktion ist trotzdem nicht tot. Sie wühlt und arbeitet, und wartet auf Gelegenheiten. Und sie besteht nicht nur aus früheren Nazis; sie besteht ebenso aus den Kreisen, die ihnen geholfen haben, an die Macht zu kommen; die nichts taten, um sie zu verhindern, also sie noch zu stoppen waren; die einen falschen Patriotismus über den Begriff der Persönlichkeit und der Verantwortung stellten und mit den Nazis zusammenarbeiteten für ihre eigenen Zwecke461. Hoffen wir zu Gott, daß sie nie wieder an die Macht kommen! Aber Hoffen allein ist nicht genug. Wichtiger ist eine Erziehung zu tätiger Demokratie. Zwölf Jahre Erziehung zu Intoleranz und ein paar hundert Jahre Schulung zu blindem Gehorsam sind nicht ohne weiteres abzuwerfen. Deshalb heißt es, wachsam zu sein. Und es ist besser, zu früh wachsam zu sein als zu spät; das sollten die Ereignisse von 1914 bis jetzt gelehrt haben.“ (ebd. 100) Das Versagen der Weimarer Republik und der sie tragenden Parteien sollte uns eine ernste Lehre sein. Wehret den Anfängen! Grenville kon zen triert sich in seinem Artikel deshalb auf die liberalen und gemäßigten linken Kräfte in Zuckmayers Drama, die sich eigentlich an die Spitze des Kampfes zur Verteidigung der Bürgerrechte, der politischen Freiheiten und des demokratischen Systems gegen autoritäre Übergriffe setzen sollten. Für sie 461 Wie schreibt doch Heinrich Böll (1917–1985) so passend zu Beginn seines Romans ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘ (hier leicht abgewandelt): „Sollten sich bei der Schilderung gewisser […] Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken“ rechtpopulistischer politischer Parteien „ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidbar.“ (Böll 1982, 5) 482 Lienkamp: Aufstand für das Leben stehen in Zuckmayers Stück (1) der liberale Politiker und Köpenicker Bürgermeister Obermüller sowie (2) der Berliner Sozialdemokrat und ‚Vorwärts‘- Leser Klawonn (vgl. Grenville 1996, 637). (1) Der promovierte Obermüller gehört zum gebildeten und fortschrittlichen Bürgertum, der Hauptgruppe, die den Liberalismus in Deutschland unterstützt. Er ist Mitglied der ‚Fortschrittliche Volkspartei‘, der Partei des linksliberalen Liberalismus, und ein beherzten Verteidiger der verfassungsmäßigen Regierung (vgl. ebd.)462. Und wie reagiert er auf die Entmachtung durch das Militär? Als Oberleutnant der Reserve knickt er vor einem ranghöheren Offizier ein und lehnt ab sofort „jede Verantwortung“ ab (HvK 19. Sz., 111), obwohl er der gewählte Bürgermeister ist. „Ich lasse mich hier nicht einfach –“, mehr bekommt er nicht heraus. „Der emotionale Ausbruch wird zurückgenommen, bevor das Prädikat […] ausgesprochen ist.“ (Frizen 2000, 50) Voigt muss ihn nur kurz daran erinnern, dass er, als Gedienter, ja wisse, „daß jeder Widerstand nutzlos ist“ (HvK 19. Sz., 107). Schon verstummt er. Schweiß tritt ihm auf die Stirn. Anders seine Frau: Sie versucht, „gesunden Menschenverstand gegen die militärische Logik zu setzen und die Legitimation des falschen Hauptmanns zu erforschen“ (Frizen 2000, 28). Aber sie scheitert an der Willfährigkeit ihres Mannes gegenüber den militärischen Befehlen und am Bajonett des wachhabenden Soldaten. „Der komische Punkt des Stücks wie auch seine ernste Botschaft liegen gerade in seiner Darstellung der rückgratlosen Art und Weise, in der die demokratisch gewählten Vertreter der Bevölkerung von Köpenick kapitulieren, angesichts einer unverhohlen verfassungswidrigen Handlung, die nur vom Bajonett und durch die bestechende Aura der Autorität unterstützt wurde, die die kaiserliche militärische Kommandogewalt dem ‚Hauptmann‘ verlieh. Zuckmayer greift hier die Verseuchung der demokratischen Werte liberaler Politik in der Zivilgesellschaft durch militarisierte Einstellungen und autoritäre, hierarchische Werte an“ (Grenville 1996, 637; eigene Übers., A. L.). 462 Obermüller erwähnt zweimal die ‚Fortschrittliche Volkspartei‘ (FVP), einmal in Szene 7 (vgl. HvK 7. Sz., 50), die im Jahr 1900 spielt, und einmal in Szene 19 (vgl. HvK 19. Sz., 109), die zehn Jahre später angesiedelt ist. Tatsächlich wurde die FVP aber erst am 6.3.1910 gegründet. 483 Weitere zentrale Botschaften Die militärisch dominierte soziale Hierarchie habe ein Minderwertigkeitsgefühl unter den Zivilisten, vor allem im Bürgertum, hervorbracht, das sich deutlich in der bitteren Kapitulation Obermüllers zeige (vgl. ebd.). Er erliege der Täuschung durch den falschen ‚Hauptmann‘ nicht aufgrund einer persönlichen Schwäche oder Eigenart, sondern weil die für seine Klasse übliche soziale und politische Konditionierung seine Reaktion auf eine Autorität in Militäruniform vorherbestimmt habe (vgl. ebd. 638). Wie gesagt, Obermüller handelt typisch und deshalb mit seiner instinktiven Unterwerfung unter das Militär völlig vorhersagbar (vgl. ebd. 642). Seine zum Ausdruck gebrachte Liberalität ist zudem nur Schein, hinter dem sich eine illiberale und antidemokratische Mentalität verbirgt, auch wenn er einmal volksnah auftritt, als er die Forderung zurückweist, sozial Privilegierten Steuervorteile zu gewähren (vgl. HvK 18. Sz., 103). Vielleicht glaubt er aber auch wirklich, was er sagt, was er allerdings bei genauerem Hinsehen selbst als falsch erkennen müsste: „Das System ist monarchisch – aber wir leben – angewandte Demokratie! Das ist meine Überzeugung!“ (HvK 7. Sz., 51) Von einer gelebten Demokratie kann in Deutschland zwischen 1871 und 1918 keine Rede sein. Pathos ersetzt die Analyse der sozialen Verhältnisse (vgl. Frizen 2000, 45). Wormser versucht, Obermüller zu schmeicheln: „[…] vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus. Aber der Mensch, der Mensch fängt erst beim Leutnant an“ (HvK 7. Sz., 49), woraufhin der frisch ernannte Leutnant der Reserve lediglich dem zweiten Teil der Behauptung und auch dem nur zaghaft widerspricht. Grenville erklärt dies damit, dass selbst der ‚liberale‘ Obermüller „von Rang, Autorität und Hierarchie“ besessen sei (Grenville 1996, 639; eigene Übers., A. L.). Dabei vertritt Wormser ein extrem gefährliches Menschen- und Gesellschaftsbild: „Dieses barbarische hierarchische Modell der menschlichen Gesellschaft ist ausdrücklich an der Rangstruktur des Militärs orientiert; ebenso offensichtlich ist es von genau der schädlichen Art des popularisierten Sozialdarwinismus inspiriert, der Versuche rechter, antidemokratischer Parteien, einschließlich der Nazis, unterstützte, die egalitäre Demokratie in Verruf zu bringen, indem sie die Menschheit in herrschende Eliten, gehorsame Gefolgsleute und untermenschliche ausgestoßene Gruppen einteilte.“ (ebd.; eigene Übers., A. L.) Dem stellt sich Zuckmayer entgegen. „Niemals, nie in der Welt“ dürfe das Barbarische „erlaubt, geduldet oder gezüchtet werden, wo es um die Ge- 484 Lienkamp: Aufstand für das Leben staltung des menschlichen Zusammenlebens, um Staat, Gesetz, Gesittung, Recht, Ethos und Völkerfrühling geht.“ (Zuckmayer 19402014, 190) Obermüllers Ideal einer Gesellschaftsordnung, so Grenville, komme Wormsers „elitärem Geschwätz“ beängstigend nahe und basiere wie dieses auf antidemokratischen Voraussetzungen, die die Mehrheit der Bevölkerung aus dem politischen Prozess ausschlössen (vgl. Grenville 1996, 640). Als das Militär in Gestalt von Wilhelm Voigt in Köpenick ‚putscht‘, fällt auf, dass sich die zur Passivität verurteilte Bürgerschaft auch damit kleinlaut abfindet (vgl. ebd. 642). (2) Die andere Figur, mit der sich Grenville beschäftigt, ist der Sozialdemokrat Klawonn. Dieser denkt immer noch zuerst in staatsbürgerlichen Pflichten, statt in Rechten (vgl. HvK 11. Sz., 71 f.), womit Zuckmayer demonstriert, „dass selbst sozialistische Kritiker des Wilhelminischen Reiches von seinem autoritären Denken befallen waren“ (Grenville 1996, 645; eigene Übers., A. L.). Der Preuße in ihm ist stärker als der Linke. Was die ‚Tiere‘ und der Schuster intuitiv wissen, nämlich dass sie Rechte haben, müssen Sozialdemokraten wie der zeitunglesende, politisch interessierte Klawonn erst noch verinnerlichen. „Denn wenn der Vorwärts-Leser auf das entscheidende Grundprinzip gleicher Rechte für alle zu sprechen kommt, zeigt sich seine instinktive Achtung der Autorität auf unbewusster Ebene. Seine Absicht ist es, sein ‚staatsbürgerliches Recht‘ zu fordern, aber ein zweimal wiederholter Versprecher macht dies zu einer Bitte um seine ‚staatsbürgerliche Pflicht‘.“ (ebd.; eigene Übers., A. L.) Mithilfe eines Freud’schen Versprechers lege der Dichter eine ganze politische Mentalität offen, die auch nach 1918 unter der Decke der formalen Demokratie der Weimarer Republik weit verbreitet blieb (vgl. ebd. 646). Von der SPD-feindlichen Polizei, der Klawonn als vaterlandsloser Geselle gilt, lässt dieser sich so sehr einschüchtern463, dass aus seinem anfänglichen renitenten Verhalten nur noch ein kleinlautes „denken kann ick, wat ick will“ übrigbleibt – womit Zuckmayer an das bekannte Lied ‚Die Gedanken 463 „Die Repressionen gegen die Sozialdemokratie durch die Sozialistengesetze sind zu dieser Zeit zwar nicht mehr wirksam, die Sozialdemokraten gehören aber immer noch zu den Feindstereotypen der Staatsvertreter.“ (Frizen 2000, 57) 485 Weitere zentrale Botschaften sind frei‘ erinnert (HvK 11. Sz., 72). Freie Gedanken an sich sind jedoch harmlos. Sie können dem System erst dann gefährlich werden, wenn sie in Taten münden und wirklich „Schranken und Mauern entzwei“ reißen, wie es in der dritten Strophe heißt (Schlesische Volkslieder 1842, 307). Am Schluss der Szene verlässt der Budiker unverrichteter Dinge die Behörde und rät auch Voigt zur Aufgabe (vgl. HvK 11. Sz., 73). So steht der ‚Vorwärts‘-Leser Klawonn stellvertretend für die von Zuckmayer kritisierte enttäuschende „schwächliche Haltung, mit der die Führer des neuen Staates sich in ihrer endlich erreichten Freiheit bewegten. Sie hatten die tappende Unsicherheit von Menschen, die lange im Dunkeln gelebt haben und erst lernen müssen, im vollen Licht zu gehen.“ (Zuckmayer 19662013, 359) Das Versagen speziell der SPD verdeutlicht Zuckmayer am Beispiel des Reichswehrministers Gustav Noske (* 1868 † 1946), dem er einmal persönlich begegnet ist: „Man wußte, daß er, obwohl Sozialdemokrat, der willigste Handlanger seines republikfeindlichen Militärs war, beglückt und geschmeichelt, wenn ein General ihm herablassend auf die Schulter klopfte.“ (ebd. 379)464 Zuckmayer ergänzt an anderer Stelle noch einen wichtigen Aspekt, der die gemeinsame Schlagkraft gegen Rechts vor 1933 entscheidend geschwächt hat: „den selbs[t]mörderischen Hader der Linksparteien“ (Zuckmayer 1946, 105), die sich aus ideologischen Gründen gegenseitig bekämpften, anstatt diese Energie gemeinsam auf den wirklichen Feind zu richten. Der autoritäre Charakter findet sich nicht nur im Kaiserreich, sondern, wie an Obermüller und Klawonn exemplarisch deutlich wurde, auch in der ihm nachfolgenden ersten deutschen Republik. Ehrerbietung gegenüber ‚Autoritäten‘, Neigung zu autoritären Einstellungen, bereitwillige Ein- und Unterordnung in einer Hierarchie, Ergebenheit in ein System, das von einer echten Demokratie und demokratischen Werten noch weit entfernt ist, ein Widerstreben, das eigene politische Schicksal als freie Akteurinnen und 464 „Die Sozialdemokraten bildeten die Regierung nach dem Ersten Krieg. Diese gro- ße Partei hatte sehr fähige und brauchbare Parteimitglieder, aber die schwächsten Führer, die wenige Wochen nach der Übernahme der Regierung in tödlicher Furcht vor den Kommunisten das ehemalige deutsche Offizierskorps aufforderten (Kriegsminister Noske), den Kampf zu organisieren und damit sofort den Wolf zurückholten.“ (Remarque 1944, in: Schneider [Hrsg.] 1994, 66 f.) 486 Lienkamp: Aufstand für das Leben Akteure im politischen Prozess selbst zu steuern: Das sind Einstellungen, so Grenville, die vom Kaiserreich in die Weimarer Republik übergingen, die Mittelschicht für die sirenenhaften Anreize der autoritären Rechten anfällig machten und schließlich dazu führten, dass ihre Mitglieder millionenfach für die Nazis stimmten (vgl. Grenville 1996, 637). Beispielhaft für diese Schicht steht Voigts Schwager: „Hoprecht […] ist der Untertan, für den Gehorsam gegenüber Autorität und die bedingungslose Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv die höchste Pflicht ist, dessen Passivität und Ehrerbietung jedoch den Weg für die schlimmsten Machtmissbräuche durch autoritäre oder sogar totalitäre Regime freimacht. Der gute Beamte Hoprecht, gefangen in seinem Glauben, dass die Autorität des Staates außer Frage steht, und dabei soweit geht, alle demokratischen Freiheiten und bürgerlichen Rechte abzulehnen, erweist sich als potenzielles Kanonenfutter für eine zukünftige rechte Diktatur.“ (ebd. 641; eigene Übers., A. L.) Grenville betrachtet die Stadt Köpenick als einen Mikrokosmos, an dem Zuckmayer etwas äußerst Beunruhigendes verdeutliche, nämlich wie leicht sich eine Demokratie durch einen militärischen oder militärisch flankierten Staatsstreich beseitigen lässt. Zuckmayer wusste vermutlich um den Ausspruch des konservativen Politikers Elard von Oldenburg-Januschau (* 1855 † 1937), der in den frühen 1930er Jahren ein einflussreiches Mitglied der rechten Clique um den senilen Reichspräsidenten Hindenburg wurde. Am 29. Januar 1910 sagte der Abgeordnete vor dem Deutschen Reichstag einen Satz, der für viel Aufsehen sorgte: „Der König von Preußen und der Deutsche Kaiser muß jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag!“ (Verhandlungen des Reichstages 1910, 898) In dieser Tradition steht auch der sogenannte ‚Preußenschlag‘ vom 20. Juli 1932, mit dem durch eine erste Notverordnung Hindenburgs die legitime SPD-geführte preußische Regierung unter Otto Braun (* 1872 † 1955) entmachtet und alle Befugnisse auf Reichskanzler Franz von Papen (* 1879 † 1969) übertragen wurden, den späteren Vizekanzler im Kabinett Hitler. Durch die Ausschaltung des mit Abstand größten deutschen Staates wurde die Opposition gegen Rechts massiv geschwächt und letztlich der Weg zur völligen Beseitigung der Demokratie und für die Errichtung der Diktatur Hitlers bereitet (vgl. Grenville 1996, 644). 487 Weitere zentrale Botschaften Preußens Innenminister Severing „übernahm die Rolle von Obermüller; seine Proteste gegen eine eklatant verfassungswidrige Handlung blieben auf einer rein verbalen und rhetorischen Ebene und waren völlig wirkungslos. Er verließ sein Büro ohne Widerstand. Die SPD als Ganze leistete ebenfalls keinen Widerstand gegen den coup de main von Papens, abgesehen von einer vergeblichen Berufung beim Obersten Verfassungsgericht in Leipzig. Die preußische Regierung wurde nie wieder eingesetzt, und das Muster mangelnden Widerstands gegen Gewaltakte oder verfassungswidrige Handlungen der rechten Regierungen wiederholte sich in der Passivität der SPD und der demokratischen Parteien nach der Machtergreifung vom Januar 1933.“ (ebd.; eigene Übers.). In seinem Bühnenwerk sei es Zuckmayer gelungen, eine Modellkonstellation autoritärer Kräfte in Deutschland zu rekonstruieren, derjenigen Einstellungen, mit deren Hilfe sie gedeihen konnten, und ihrer aggressiven Taktik gegen Organe der Verfassung und Demokratie. Das Theaterstück mache auf die Gefahren aufmerksam, die in einer Huldigung politisch verantwortungsloser militärischer Autorität liege. Denn diese sei durch rechte Kräfte manipulierbar, die wiederum einen machtfixierten Nationalismus, systematische Diskriminierung und die bedingungslose Unterordnung der ihrer Freiheit beraubten Bürgerinnen und Bürger unter ein streng diszipliniertes Kollektiv betrieben. Es sei dieser institutionalisierte Autoritarismus, der im Großen und Ganzen den Kern der ‚Tragikkomödie‘ ausmache. Zuckmayer entdecke die grundlegende Schwäche in der politischen Kultur und Mentalität deutscher Liberaler und Demokraten und ihre nachteiligen Auswirkungen auf das Gefüge der Weimarer Demokratie. Das Stück vermittle einen Sensus für die Gefahren, die in solchen Entwicklungen verborgen liegen, Gefahren, die am Ende des Theaterabends durch die heilende Kraft des Lachens gebannt werden können, nicht aber in der politischen Wirklichkeit (vgl. ebd. 646). Auch die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2019 ist einer Gefahr von Rechts ausgesetzt, bei der die sogenannte ‚Alternative für Deutschland‘ (AfD) eine äußerst bedenkliche Rolle spielt. Aus christlicher Sicht ist dazu zu sagen, dass jede Form rechtsextremen Gedankenguts und entsprechend motivierter Handlungen im denkbar krassen Widerspruch zu den Werten des Humanismus und des Christentums stehen. Wer mit solchen Kräften zusammenarbeitet macht sich des Verrats an diesen Werten schuldig, die 488 Lienkamp: Aufstand für das Leben die Grundlage unserer freiheitlichen und demokratischen Grundordnung, das Fundament des Grundgesetzes sind. Widerstand gegen solche Positionen und Parteien ist darum eine Christenpflicht (vgl. Kurzke-Maasmeier/Lienkamp/Lob-Hüdepohl 2009; Lienkamp 2009). Die AfD, so der Präsident des ‚Zentralkomitees der deutschen Katholiken‘ Thomas Sternberg, sei von Anfang an eine „Sammlungsbewegung rechter Kräfte“ gewesen, „aber in jüngster Zeit hat sie sich eindeutig radikalisiert“. Sie bediene eine rechtsradikale Klientel und sei selbst „eine rechtsradikale Partei“. Die entscheidende Frage ist, wie der demokratische Staat verhindern könne, dass sich die Geschichte von Weimar wiederhole und eine rechtsradikale Partei aufsteige. Sternberg sieht Parallelen zwischen der AfD und der damals in den Parlamenten sitzenden und provozierenden NSDAP. Er ruft deshalb „zum übergreifenden Widerstand aller freiheitlich-demokratischen Kräfte“ auf (Sternberg 2018, 3)465. In der AfD, so auch der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford- Strohm, gebe es neben Konservativen auch solche Menschen, „die rechtsradikale Auffassungen vertreten und damit in diametralem Gegensatz zu christlichen Grundüberzeugungen stehen.“ (Bedford-Strohm 2019, 4) Auf die Frage, ob man gleichzeitig Mitglied der AfD und gläubiger Christ sein könne, antwortet er: „Man kann nicht Christ sein und Grundüberzeugungen vertreten, die ganze Menschengruppen diffamieren, antisemitische und rassistische Einstellungen vertreten und Angst verbreiten.“ Fatal sei es, wenn die konservativen Kräfte in der Partei „denen Deckung geben, die rechtsextreme Einstellungen vertreten.“ (ebd.) Dass die AfD anders als die anderen Parteien im Deutschen Bundestag beim jüngsten Evangelischen Kirchentag nicht zu den Podien eingeladen wurde, begründet er damit, dass sie sich bislang nicht klar von rechts ex tre men Positionen abgegrenzt habe (vgl. Bedford-Strohm 2019, 4). Frühzeitig aufstehen und dem Menschen- und Lebensfeindlichen solidarisch widerstehen, lautet das Manifest, das die beiden Märchen der Brüder Grimm und Carl Zuckmayers uns über die zwei Jahrhunderte beziehungsweise neun Jahrzehnte zukommen lassen. Anfang 1987 gibt das Bremer Landesparlament, die Bürgerschaft, den Anstoß für den ‚Bremer Solidari- 465 Vgl. dazu auch Akademie CPH (Hrsg.) 2018 sowie Migrationskommission und Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz/Deutsche Kommission Justitia et Pax 2019. 489 Weitere zentrale Botschaften tätspreis‘: „Wir wollen Zeichen der Ermutigung für jene setzen, die sich mit Ungerechtigkeit und Unterdrückung nicht abfinden, die aufbegehren und sich zur Wehr setzen.“ (Senat der Freien Hansestadt Bremen 1988, Vorspann) Die Stiftung durch den Bremer Senat erfolgt am 10. November 1987. Mit dem Preis „werden Personen oder Gruppen gewürdigt, deren Engagement sich gegen Kolonialismus und Rassismus richtet, die sich für Freiheit und Selbstbestimmung einsetzen“ (Wedemeier 1988, 4) und „gegen staatliche Willkür“ kämpfen (ders. 1990, 4). Zudem bekundet der Senat der Hansestadt mit der Anerkennung „seine Solidarität mit den Preisträgern und ihrer Arbeit“ (Senat der Freien Hansestadt Bremen 1988, Vorspann). Oder, wie es Bürgermeister Wedemeier ausdrückt: „Der Bremer Solidaritätspreis soll zeigen, daß wir an der Seite derer stehen, die sich auflehnen gegen Unfreiheit, Ausbeutung und Erniedrigung.“ (Wedemeier 1988, 6) Sinnbild des Preises sind die Bremer Stadtmusikanten. Der Senat der Hansestadt verleiht die Auszeichnung erstmals am 24. Februar 1988 an Winnie und Nelson Mandela, „Symbolfiguren für den Widerstand der schwarzen Bevölkerung gegen Unterdrückung und Entrechtung durch das südafrikanische Apartheids-Regime“ (Senat der Freien Hansestadt Bremen 1988, Vorspann). Den alle zwei Jahre geehrten Preisträgerinnen und Preisträgern wird eine vom Bremer Bildhauer Bernd Altenstein geschaffene Skulptur überreicht, die eine Interpretation des Grimm’schen Märchens zeigt: „Unterhalb der plastisch hervorgehobenen Tiermasken beginnt die Geschichte mit einem Fußtritt. Stürzende und sich aufraffende Menschen nehmen die Gestalt einer bewegten Gruppe hinter Tiermasken an. ‚Nicht der Schilderung der Demütigungen und Brutalitäten‘ sei seine Plastik gewidmet, sagt der Bildhauer, ‚sondern der Einmündung dieses Schicksals in den kreativen Widerstand.‘“ (ebd.)466 5.8 Märchen als befreiende Sozialutopien Die häufig zu hörende Behauptung „Alles ist schon einmal dagewesen“ sei, so Zuckmayer, eindeutig falsch. Nichts ist schon einmal dagewesen. Und das ist gut so. Diese Erkenntnis hat für ihn 466 Siehe dazu die Website der Freien Hansestadt Bremen: https://www.senats pressestelle.bremen.de/sixcms/detail.php? gsid=bremen146.c.313846.de. 490 Lienkamp: Aufstand für das Leben „etwas Befreiendes und ungemein Befeuerndes […]. Ich wüßte kaum einen anderen Satz, der uns trotz allem, was heute in der Welt geschieht, und sogar ohne sozialanthropologischen Hintergrund Anlaß gibt zu einem ‚Prinzip Hoffnung‘. Denn er meint ja, daß der Strom der Entwicklungen unablässig, und zwar nach vorne unübersehbar weiterfließt, und daß, unter anderem, einmal eintreten könne, was noch niemals dagewesen ist: daß der Mensch vom Menschen lernt, sich mit seinen Mitmenschen zu verständigen, um mit allen gemeinsam, als ein Teil der gesamten Naturwelt, auf der Erde leben zu können.“ (Zuckmayer 1973, in: ders. 1995, 330) Für Bloch, den Autor des ‚Prinzip Hoffnung‘, gehören Hoffen und der alte Traum vom besseren Leben zusammen467. „Solange der Mensch im Argen liegt, sind privates wie öffentliches Dasein von Tagträumen durchzogen; von Träumen eines besseren Lebens“ (Bloch 19591980, 3). Solche Tagträume können zwar auch Flucht vor der Realität sein, „aber ein anderer Teil reizt auf, läßt mit dem schlecht Vorhandenen sich nicht abfinden“ (ebd. 1). In diesen Träumen stecke als Kern das Hoffen. Sie müssten allerdings um einen nüchternen Blick ergänzt werden, im Sinn des Hellwerdens und des Anschluss-Findens an die Realität und den Lauf der Dinge (vgl. ebd. 1 f.), ganz so wie die Stadtmusikanten und der Schuster helle geworden sind. „Die Fiktion vermag nur den Weg zu weisen, das Ziel liegt in der Wirklichkeit, wo das Nirgendwo und Nirgendwann des Märchens in Raum und Zeit konkrete Gestalt annehmen muss.“ (Freund-Spork 2005, 67) Tagtraum und Denken müssen dazu zusammenfinden. Dafür sind die vier ‚Tiere‘ und Wilhelm Voigt ein Beispiel. Nach Bloch wohnt nicht nur jenem, sondern auch diesem eine transzendierende Kraft inne: „Denken heißt überschreiten. So jedoch, daß Vorhandenes nicht unterschlagen, nicht überschlagen wird. Weder in seiner Not, noch gar in der Bewegung aus ihr heraus. Weder in den Ursachen der Not, noch gar im Ansatz der Wende, der darin heranreift.“ (Bloch 19591980, 2) Das menschliche Bewusstsein verfügt über die entscheidende Fähigkeit zu antizipieren, Noch-Nicht-Gewordenes vorwegzunehmen (vgl. ebd. 10). Die Brüder Grimm wünschen uns: „[…] es gewähre jeder Tag Minuten, wo der Mensch alles falsche abschüttele und aus sich selbst he raus bli cke“, „wo die menschliche Gestalt frei hervortritt, 467 Sein Buch handele von nichts anderem „als vom Hoffen über den gewordenen Tag hinaus“. Das Thema der fünf Teile (geschrieben 1938–47, durchgesehen 1953 und 1959) seien die „Träume vom besseren Leben“ (Bloch 19591980, 9). 491 Weitere zentrale Botschaften als könne uns keine Gewalt ganz einhüllen“ (KHM 1812, Bd. 1, XII). Dabei können Märchen helfen. Bloch betrachtet Hoffnung weniger als Affekt (im Gegensatz zur Furcht), sondern wesentlicher als einen zukunftsorientierten „Richtungsakt kognitiver Art“ (im Gegenüber zur vergangenheitsorientierten Erinnerung) (Bloch 19591980, 10 f.). Zur Hoffnung, die hier nichts mit bloßer Inwendigkeit oder Jenseitsvertröstung gemein hat, gehört somit Kritik, nicht ein blo- ßes Nörgeln, sondern eine „kundige[ ] Unzufriedenheit“, die wie die Hoffnung „aus dem Nein zum Mangel“ entspringt (ebd. 3). Wir sahen, dass die bittere Erfahrung des Mangels am Beginn unserer beiden Erzählungen steht, gegen den die Hauptfiguren dann mutig den Aufstand wagen. Das positive Korrelat der Hoffnung sei die noch unabgeschlossene Daseinsbestimmtheit (vgl. ebd. 4): Die Zukunft ist offen! Wie die Utopie ist die Hoffnung „Funktionär des nie Gewesenen, des möglich Neuen“ (ebd. 5). Docta spes, gebildete, geschulte oder begriffene Hoffnung samt ihren menschenwürdigen Inhalten ist somit für Bloch als utopisch-prinzipieller Begriff schlechthin zentral, denn als „Intention auf noch ungewordene Möglichkeit“ sei sie ein Grundzug des menschlichen Bewusstseins (ebd.). Die Vorstellung und Gedanken dieser Zukunftsintention seien utopisch – im Sinn des „Traums nach vorwärts, der Antizipation überhaupt“ (ebd. 11). Utopisch Gewolltes sei schon der Kern der „Exodus- und messianischen Partien der Bibel“ und habe darüber hinaus sämtliche Freiheitsbewegungen geleitet (ebd. 6). Bloch erinnert auch an den Mythos vom Goldenen Zeitalter, den so viele unterdrückte Klassen und Völker „im messianischen Bewußtsein“ aus der Vergangenheit in die Zukunft verlegt hätten (ebd. 8). Diese noch ungewordene, noch ungelungene Heimat, das Noch-Nicht, wie es im Kampf des Neuen mit dem schlechten Alten sich herausbilde oder vielleicht besser: herausbilden möge, sei Grundthema des Denkens, Grundthema auch der Philosophie. Es ist auch das Grundthema unserer Märchen und ihrer Autoren. Diesem auf Veränderung der Welt zielenden Denken komme dabei die Aufgabe zu, das Verändernwollen zu informieren (vgl. ebd. 6). Erst Marx habe das „Pathos des Veränderns“ als den Beginn einer Theorie gesetzt, „die sich nicht auf Schauung [altgriech. ἡ θεωρία, hē theoría; A. L.] und Auslegung resigniert.“ (ebd. 7) Bloch spielt damit auf die elfte Marx-These ‚ad Feuerbach‘ an: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ (MEW 492 Lienkamp: Aufstand für das Leben 3, 7) Hoffen verlangt darum Menschen, „die sich ins Werdende tätig hineinwerfen“ (Bloch 19591980, 1). Der Traum, der den Menschen in die Lage versetzt, mit Hilfe der Phantasie bereits ein vollendetes Bild des Werkes zu zeichnen, das noch ganz am Anfang oder im Entstehen ist, kann, so Bloch, im Anschluss an Dmitri Iwanowitsch Pissarew (* 1840 † 1868), die dazu erforderliche Tatkraft stärken (vgl. Pissarew, zit. nach ebd. 9). Die Differenz zwischen dem Schon des bereits Erreichten und dem Noch-Nicht des Ausstehenden muss kein Problem sein, wie Bloch mit einem Zitat aus Pissarews Schrift ‚Fehlgriffe eines unausgereiften Denkens‘ betont: „Der Zwiespalt zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht schädlich, wenn nur der Träumende ernstlich an seinen Traum glaubt, wenn er das Leben aufmerksam beobachtet, seine Beobachtungen mit seinen Luftschlössern vergleicht und überhaupt gewissenhaft an der Realisierung seines Traumgebildes arbeitet. Gibt es nur irgendeinen Berührungspunkt zwischen Traum und Leben, dann ist alles in bester Ordnung.“ (ebd.) Märchen bieten solche Luftschlösser, ja sie „sind Luftschloß par excellence, doch eines in guter Luft, und, soweit das bei bloßem Wunschwerk überhaupt zutreffen kann: das Luftschloß ist richtig. Es stammt zu guter Letzt aus dem goldenen Zeitalter und möchte wieder in einem stehen, im Glück, das von Nacht zu Licht dringt. Derart schließlich, daß dem Bourgeois das Lachen vergeht und dem Riesen, der heute Großbank heißt, der Unglaube an die Kraft des Armen.“ (Bloch 19591980, 428) Vom utopischen Ziel her ist eine kritische Sicht auf die Gegenwart erst möglich. „Mit anderen Worten: man braucht das stärkste Fernrohr, das des geschliffenen utopischen Bewußtseins, um gerade die nächste Nähe zu durchdringen“ (ebd. 11), um diese dann – siehe Marx – zu verändern. Daran knüpft Jürgen Ebach an: „[…] so wie es ist, muss es nicht immer bleiben. Das ist die kritische Kraft der Utopie.“ (Ebach 2010, 9) Gegen ein weit verbreitetes Missverständnis hält er fest: Utopie ist „nicht unwirklich, sondern sie bestreitet den Fakten, allein wirklich zu sein, sie erweitert die Realität um die Möglichkeit. Das, was ist, ist nicht alles. Und weil [das], was ist, nicht alles ist, kann das, was ist, sich ändern.“ (ebd.). Damit bezieht er sich im- 493 Weitere zentrale Botschaften plizit auf Theodor W. Adornos Ausspruch in seinem 1966 veröffentlichten Werk ‚Negative Dialektik‘: „Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles.“ (Adorno 19661982, 391) Papst Franziskus geht in seinem Meisterwerk, dem Sozial- und Umweltrundschreiben ‚Laudato si’ aus dem Jahr 2015, sogar hoffnungsvoll davon aus, dass es nicht so bleiben muss: „Wir wissen, dass sich die Dinge ändern können“ (Franziskus 2015, Nr. 13); „das Unrecht (ist) nicht unbesiegbar“ (ebd. Nr. 74; vgl. Lienkamp 2016). Bei den Wunschbildern braucht es die Gabe der Unterscheidung, um nicht darauf hereinzufallen, „wie die herrschende Klasse das von den Schwachen Gewünschte wünscht“ (Bloch 19591980, 12). Die wirklichen Wünsche des Volkes würden uns in gereinigter Gestalt „ganz sichtbar und wunderbar im Märchen“ begegnen (ebd.). Kunst, auch Dichtkunst, vermittelt auf der Bühne oder im Erzählen beziehungsweise Vorlesen, zeige einen Vor-Schein, der wiederum einem Laboratorium gleiche, worin Vorgänge und Figuren bis „zu einem Abgrund oder einer Seligkeit“ getrieben würden, zu einem schrecklichen oder glücklichen Ende (ebd. 14). Auch in der Kunst werde, und das ist das Utopische, „die Möglichkeit über der bereits vorhandenen Wirklichkeit“ vorausgesetzt: „Hier überall zielen prospektive Akte und Imaginationen, ziehen subjektive, doch gegebenenfalls auch objektive Traumstraßen aus dem Gewordenen zu dem Gelungenen, zur symbolhaft umkreisten Gelungenheit.“ (ebd. 14 f.) Was Bloch über den utopischen Willen des Menschen sagt, gilt somit auch für Wilhelm Voigt und die vier ‚Tiere‘: „Der Mensch will endlich als er selber in das Jetzt und Hier, will ohne Aufschub und Ferne in sein volles Leben.“ (ebd. 15) Dessen Gegensatz, der Tod, sei jedoch der härteste „Gegenschlag zur Utopie“ (ebd.): der Tod, dem Esel, Hund, Katze und Hahn schon ins Auge geschaut haben, der Tod, der Voigt aus dem tiefen Erdloch auf dem Gottesacker angestarrt hat. Aber dieser ärgste Gegenspieler ist, so Bloch, zugleich der unvergessbare „Erwecker“ der Utopie (ebd.), wie sich in beiden Märchen eindrucksvoll zeigt. Die Welt ist eben alles andere als statisch oder abgeschlossen. Sie ist „vielmehr voll Anlage zu etwas, Tendenz auf etwas, Latenz von etwas, und das so intendierte Etwas heißt Erfüllung des Intendierten. Heißt eine uns adäquatere Welt, ohne unwürdige Schmerzen, Angst, Selbstentfremdung, Nichts“ (ebd. 17), ohne das Elend der „gemeinen Not“ (ebd. 16): 494 Lienkamp: Aufstand für das Leben „[…] seit mehr als zweitausend Jahren ist in Utopien die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft. Sozialutopien kontrastierten die Welt des Lichts gegen die Nacht, malten ihr Lichtland breit aus, mit dem gerecht gewordenen Glanz, worin der Unterdrückte sich erhoben, der Entbehrende sich zufrieden fühlt.“ (ebd. 550 f.)468 In seinem Versepos ‚Deutschland – Ein Wintermährchen‘ interpretiert Heinrich Heine Märchen, wie das der Gänsemagd (KHM 89), als „Ausdruck einer geheimen Befreiungsutopie: Sie verkörperte ihm das um seine Rechte betrogene Volk“ (Uther 2004, 27*; vgl. Heine 1844, Caput XIV), das aber in Gestalt der gewaltsam erniedrigten Magd am Ende der Erzählung die ihr gebührende Achtung erfährt. „Auch im Märchen ist Leid, doch es wendet sich, und zwar auf immer. […] Das Märchen wird zuletzt immer golden, genug Glück ist da. Gerade die kleinen Helden und Armen gelangen hier dorthin, wo das Leben gut geworden ist.“ (Bloch 19591980, 410 f.) Diese Botschaft liegt auch der Geschichte von den ‚Bremer Stadtmusikanten‘ zugrunde, in der Fetscher eine „utopische Hoffnungsbotschaft“ vernimmt (Fetscher 1990, 126). So erklärt sich auch die Einordnung des Grimm’schen Märchens als „sozialutopische[ ] Gesindeerzählung“, denn sie spielt nicht nur in diesem Milieu, ihr Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem Sieg der Unterdrückten durch konzertiertes Handeln (Tomkowiak/ Marzolph 1996, Bd. 2, 45): „Mit den Figuren der im Dienst der Herrschaft alt gewordenen, abgearbeiteten und schließlich ‚nutzlos‘ gewordenen Dienstboten ist ihr ‚Sitz im Leben‘ recht klar markiert. Und mit ihrer Botschaft – dem gemeinsamen Aufbruch der vier Abgehalfterten in ein neues Leben, der Überlistung der Räuber und der Aneignung des Hofes – bringt dieses Märchen so deutlich wie nur wenige andere der Grimmschen Sammlung die sozialutopischen Wünsche der Unterschichten der bürgerlichen Gesellschaft zum Ausdruck. Man hat sich die Geschichte in der Gesindestube oder in der Austragkammer erzählt vorzustellen, und in den Ohren der Herrschaft mag sie wenig schmeichelhaft geklungen haben.“ (Richter 1990, 27) 468 Zu Thomas Morus (1478–1535) und seinem begriffsbildenden Werk ‚De optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia‘, deutsch: ‚Von der besten Verfassung des Staates und von der neuen Insel Utopia‘ aus dem Jahr 1516 vgl. Lienkamp 2005. 495 Weitere zentrale Botschaften Wie der Widerstand eine Frage des Terminkalenders ist, so benötigen Utopien „ihren Fahrplan. Selbst die kühnsten sind in unmittelbaren Vorwegnahmen an ihn gebunden“ (Bloch 19591980, 556), in dem, was als nächstes zu tun ist. So sind etwa Beratschlagen und Planen, Spähen und Lernen, Verwendung natürlicher oder künstlicher ‚Instrumente‘ bzw. ‚Waffen‘ Stationen der Roadmap unserer Märchen. Selbst wenn die sozialen Wachträume noch nicht die bedeutsamsten oder tiefsinnigsten utopischen Hervorbringungen seien, so bilde sich in ihnen doch „Utopisches an seiner gesellschaftlichen Basis“ (ebd. 557). Es handelt sich nicht um Utopien von oben, sondern von unten. Sie gehörten, so Bloch, zu den verbreitetsten und praktischsten Erscheinungen menschlicher Wunschlandschaft und seien zudem eine stolze: „[…] denn Sozialutopien, selbst in ihren tastenden Anfängen, waren stets imstande, zum Niederträchtigen nein zu sagen, auch wenn es das Mächtige, selbst wenn es das Gewohnte war. Letzteres ist ja subjektiv meist noch hemmender als das Mächtige, indem es sich unaufhörlicher und darum weniger pathetisch darstellt; indem es das Bewußtsein des Widerspruchs betäubt, den Anlaß zum Mut herabsetzt. Aber Sozialutopie ist fast allemal im Unterschied von dieser Betäubung entstanden, im Unterschied von jener Art von Gewohnheit […]. Sozialutopie arbeitete als ein Teil der Kraft, sich zu verwundern und das Gegebene so wenig selbstverständlich zu finden, daß nur seine Veränderung einzuleuchten vermag. Als Veränderung zu einem Zustand der Gesellschaft, der, wie Marx sagt, nicht bloß die Isolierung vom politischen Gemeinwesen beendet, sondern die Isolierung vom menschlichen Wesen.“ (ebd. 557 f.)

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Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation

References

Zusammenfassung

Vor 200 Jahren veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm das Märchen ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘, die weltweit beliebte Erzählung über das rebellische Quartett aus dem Norden. Sie erscheint erstmals im November 1819 in ihrer Sammlung der ‚Kinder- und Haus-Märchen‘ – neben der Lutherbibel das bekannteste Werk der deutschen Kulturgeschichte.

Carl Zuckmayer ist zeitlebens ein Verehrer der gelehrten Brüder. Im Jahr 2020 jährt sich zum 90. Mal die Fertigstellung seiner berühmten Tragikomödie ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, die 1931 in Berlin uraufgeführt wird und immer wieder bemerkenswerte Neuinszenierungen erlebt. Für den Dramatiker ist es ‚Ein deutsches Märchen‘.

Wie die beiden zeitlos aktuellen, politisch brisanten Geschichten zusammenhängen und was darüber hinaus ihre Autoren untereinander und mit den beiden Texten verbindet, darüber gibt der vorliegende Band Auskunft, der wie die vier tapferen Tiere und der couragierte Hauptmann zu einem Aufstand für das Leben ermutigen und motivieren will.

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Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation