Content

2 Geschichten von Exklusion in:

Andreas Lienkamp

Aufstand für das Leben, page 153 - 168

"Die Bremer Stadtmusikanten" und "Der Hauptmann von Köpenick" - Zum 200. Geburtstag des Grimm'schen und zum 90. des Zuckmayer'schen Märchens

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4383-7, ISBN online: 978-3-8288-7367-4, https://doi.org/10.5771/9783828873674-153

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
153 2 Geschichten von Exklusion Menschen sind nicht nur politische oder soziale Wesen, wie schon Aristoteles (* 384 † 322) und Thomas von Aquin feststellten. Sie verspüren auch ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung durch andere, der eine existenzielle Bedeutung für das Individuum zukommt. „Der Mensch ist ein in seinen innersten neurobiologischen Antrieben und Motivationen auf soziale Akzeptanz ausgerichtetes Wesen […] Soziale Ausgrenzung oder Demütigung wird vom menschlichen Gehirn ähnlich wie körperlich zugefügter Schmerz erlebt – und wird daher – ähnlich wie zugefügter Schmerz – mit Aggression (oder Depression) beantwortet.“ (Bauer 2008, 28) Wir werden noch sehen, dass unter den Hauptpersonen, den vier ‚Tieren‘ und Wilhelm Voigt, beide Reaktionen vorkommen, dass schließlich aber – glücklicherweise – die Aggression die Oberhand gewinnt. Dazuzugehören ist zudem eine wichtige Bedingung, die erfüllt sein muss, um innerhalb einer Gemeinschaft Rechte zu haben und einfordern zu können. Zugehörigkeit ist also nicht nur „ein zentrales seelisches Grundbedürfnis des Menschen“. In einer ausdifferenzierten Gesellschaft stellt sie in der Regel auch eine notwendige Voraussetzung „zur Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse dar“ (Sickinger 2012, 10). Ausschluss gehört somit zu den schwerwiegendsten und folgenreichsten Taten, die eine Mehrheit an einer Minderheit, die die Herrschenden an den Beherrschten, eine Gesellschaft an einer Gruppe oder eine Gruppe an einem Mitglied begehen kann. Hinzu kommt, dass „für die Gesellschaft […] ‚der draußen‘ immer der Feind“ ist (Zuckmayer 1959, in: ders. 1997, 25). Ein Feind, vor dem man auf der Hut sein muss, den man nicht integrieren will, den man vielmehr auf Distanz hält und gegebenenfalls, wenn er trotz aller Demütigung und Schwächung weiter hartnäckig versucht, in den inner circle zu gelangen, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln daran hindert. 154 Lienkamp: Aufstand für das Leben Zu den Exkludierten gehören häufig auch die Alten, die, wie Rudolf Schenda auf der Grundlage sozialhistorischer Untersuchungen ausführt, „in der Neuzeit, und insbesondere seit der industriellen Revolution, in ein Außenseiterdasein gedrängt wurden, das vor allem in den Unterschichten durch gemindertes Prestige und eingeschränkte Rechte gekennzeichnet war“ (Schenda 1977, 373). So hätten die Alten im 18. und 19. Jahrhundert „kein allgemein akzeptiertes Recht auf das Altwerden und Altsein“ gehabt (ebd. 374). Hiervon sind besonders die vier ‚Tiere‘ betroffen. Aber auch Wilhelm Voigt gilt mit seinen 56 Jahren (im 2. und 3. Akt) in der damaligen Gesellschaft schon als alt. Männliche Säuglinge, die zwischen 1871 und 1881 geboren wurden (also noch später als unser Schuster), hatten bei der Geburt eine Lebenserwartung von lediglich 35,6 Jahren. Nur fünf Prozent der damaligen Bevölkerung erreichten um 1900/10 das bei 70 Jahren festgelegte Rentenalter. 2.1 ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘ Alle vier ‚Tiere‘, nicht nur der Hund, sind Underdogs. Sie sind unmittelbar vom Tod bedroht, und zwar durch diejenigen, für die sie vermutlich schon seit langem geschuftet haben. Sie sollen nicht nur aus dem Arbeitsleben, sondern aus der Gemeinschaft, ja aus dem Leben überhaupt ausgesondert werden: Der ‚Besitzer‘ des Esels will diesen „aus dem Futter schaffen“ (KHM 21819, Bd. 1, 141), der Hund soll totgeschlagen, die Katze ersäuft werden und dem Hahn soll der Kopf abgeschlagen werden190. Die selbsternannten Herrinnen und Herren haben kein Erbarmen mit ihren Bediensteten. Der Gedanke, dass sie nach all den Jahren, in denen die ‚Tiere‘ loyal für sie tätig waren, ihnen nun etwas zurückgeben sollten, kommt ihnen gar nicht. Nicht mehr fit?191 Weg damit! Ein gleichermaßen gängiges wie schäbiges soziales Muster. Die Motive für dieses unternehmerische Handeln sind in allen vier Betrieben sehr ähnlich. 190 Ob „aus dem Futter schaffen“ in der den Grimms zugespielten Fassung des Märchens als Euphemismus für das Töten gemeint ist, kann nicht geklärt werden. Vielleicht sollte der Esel ausgesetzt, vielleicht aber an einen Schlachter verkauft werden, was im ersten Fall vermutlich recht bald, im zweiten sehr schnell zum Tod führen würde. 191 Englische Märchenausgaben übersetzen das auf den Esel gemünzte „immer untauglicher“ mit ”more and more unfit“. 155 Geschichten von Exklusion In mindestens zwei Fällen muss es sich um besondere Höfe handeln. Das zeigt zum einen unser Hund an, der als Jagdhund vorgestellt wird (vgl. ebd.). Das Jagen wird ab dem 12. bis 13. Jahrhundert zum Privileg vor allem der Grundbesitzer aus dem Stand der Fürsten und Herren, ab dem 16. Jahrhundert dann zum Vorrecht der Landesfürsten. Gleichzeitig wird den Bauern verboten, Hunde zu halten und Jagdwaffen zu führen (vgl. Kohl, G. 2012, o. Sp.). Im Falle des Hahnes wird der Wohlstand des Hauses durch die Beschäftigung einer Köchin angedeutet. Die Tatsache, dass alle vier Betriebe erwachsenes Gesinde beschäftigen, wie unsere altgewordenen ‚Tiere‘, könnte ebenfalls darauf hindeuten, dass wir es mit Adelshöfen zu tun haben: „Beim G.[esinde] handelte es sich überwiegend um junge Arbeitskräfte. Auf dem Land, wo es auch G.[esinde]zwangsdienste gab, dienten normalerweise die Kinder der umliegenden Bauern auf dem Gutshof. Das gilt nicht durchgehend, wenn etwa eine fürstliche Hofhaltung eine Vielzahl von Dienern, vom Pferdeknecht über die Köche bis zum Kammerdiener, hat, so waren das erwachsene Personen.“ (Schröder 2012, o. Sp.) Unsere vier Arbeitskräfte geben zwar noch ihr Bestes, erbringen aber rein wirtschaftlich betrachtet nicht mehr die gewünschte Leistung, so dass sie im Sinne einer (früh)kapitalistischen Verwertungslogik unrentabel geworden sind, inzwischen mehr kosten als nutzen beziehungsweise – im Falle des Hahns, der zu Suppe verarbeitet werden soll – tot nützlicher erscheinen als lebendig. „Zentrales Thema [des Märchens; A. L.] ist die Undankbarkeit und Verantwortungslosigkeit des Menschen, die sich gegen seinesgleichen, gegen die Natur oder, wie hier, gegen Tiere richtet; der Mensch behandelt die Tiere nicht mit der erforderlichen Achtsamkeit. Seine Einstellung zur Umwelt ist einzig an der Arbeits- und Leistungsfähigkeit orientiert.“ (Uther 2013, 69; vgl. ebd. 112) Wo in den Tiermärchen „die Menschen mit den Thieren zusammenkommen“, so Wilhelm und Jacob, seien die Menschen „gewöhnlich hart und ungerecht“ (KHM 21819, Bd. 1, L). Auch in KHM 27 treffen wir auf „das von den Brüdern Grimm häufig verwendete Eingangsmotiv von der Undankbarkeit der Herrschaft“ (Uther 2013, 140) sowie der „Mißachtung der 156 Lienkamp: Aufstand für das Leben cura humanitatis gegenüber den Haus- und Jagdtieren oder dem Gesinde“ (ebd. 112)192. Dem korrespondiert das alte Sprichwort ‚Undank ist die linke Hand der Selbstsucht‘ oder – deutlich geläufiger: ‚Undank ist der Welt Lohn‘ (Wander 1876, 1422 f.). Ludwig Bechstein (* 1801 † 1860), der ebenfalls Märchen sammelte und herausgab, hat mit dem letzten Sinnspruch eine seiner 1856 veröffentlichten Erzählungen überschrieben, die auf unserem deutlich älteren Märchen aufbaut (vgl. Bechstein 1856, 240–249)193. Die ‚Tiere‘ erhalten noch nicht einmal das ‚Gnadenbrot‘, also den „einem aus dem dienst geschiedenen aus gnade für den lebensabend gewährte[n] unterhalt“ (DWB 8, 569). Richtiger wäre hier allerdings der Begriff ‚Gerechtigkeitsbrot‘, denn eine Versorgung im Alter ist keine Sache von Gnade oder Mitleid, sondern eine moralisch geschuldete, nur zeitlich versetzte Gegenleistung. Und selbst wenn keine wirtschaftlich verwertbare, in Geldein hei ten messbare Leistung erbracht wurde, besitzen die Alten völlig unabhängig davon die gleiche Menschenwürde und die gleichen Menschenrechte wie die Jüngeren, so dass ihre hinreichende Alimentierung das Mindestmaß dessen ist, was die Jüngeren ihnen aufgrund ihrer Würde schulden. Im Märchen von den ‚Bremer Stadtmusikanten‘ spiegelt sich – wie in einer ganzen Reihe thematisch ähnlicher Erzählungen – die Exklusion der Alten, denen sogar noch das nackte Leben genommen werden soll: „Die Geschichten von der Altentötung deuten […] auf eine dahinterliegende Unsicherheit gegenüber dem Lebenswert der Greise. […] Alter, mit Häßlichkeit, Bosheit und Wertlosigkeit gleichgesetzt, wird, wie der Tod, tabuiert; das in alten Leuten personifizierte Tabu wird sozial abgeschoben oder physisch vernichtet. […] Das funktionslose menschliche Wesen darf ungestraft durch Erwürgen, Ersticken, Ersäufen aus dem Wege geräumt werden.“ (Schenda 1977, 377 f.) 192 „Das Motiv von alten und arbeitsuntauglichen Haustieren, denen ihre Besitzer das Gnadenbrot verweigern und die deshalb das Weite suchen, ist in vielen Teilen der Welt bekannt.“ (Uther 1993, 18) 193 Als Quelle gibt Bechstein an: „Mündlich, aus dem obern Saalthale. Dasselbe Märchenelement, was in dem K. M. 27. ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘ enthalten ist, nur das dort der Hauptträger des meinigen, der Bäckergeselle fehlt, und die Füchse Räuber sind.“ (Bechstein 1856, XIII, Anm. zu Märchen Nr. 35) Uther sieht in Bechsteins Variante eine „besonders hübsche Bearbeitung in Anlehnung an ältere Vorlagen“ (Uther 2013, 72; vgl. auch ders. 1993, 23 f.). 157 Geschichten von Exklusion Richter weist mit Blick auf den Typ AaTh/ATU 130, zu dem auch unser Märchen gehört, ausdrücklich darauf hin, dass die „Figur des scheinbar Unterlegenen“ nicht nur „in Gestalt eines in der alten Gesellschaft sozial Unterprivilegierten“ auftauchen könne, sondern auch in Gestalt von Tieren, die „stellvertretend auf soziale Konflikte hinweisen“ könnten (Richter 2010, 1301). Aus dem Gesamtzusammenhang des Märchens, das ja in diesem Sinn als fabelähnliche Geschichte nicht Tier, sondern Menschenschicksale zur Sprache bringen will, lässt sich ableiten, dass es sich bei den vieren um geflüchtete Servi handelt, die als Hörige „in einem herrschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis“ (Werkmüller 2012, o. Sp.) und damit auf der untersten gesellschaftlichen Stufe standen. Sie könnten die „zum Hausgesinde gehörenden Knechte und Mägde“ verkörpern, „die am Tisch des Dienstherrn aßen, keinen eigenen Herd und Rauch hatten, täglichen Dienst leisteten.“ (Strahm 1955, 106 f.) Das ‚Gesinde‘ ist rein zahlenmäßig betrachtet eine relative große gesellschaftliche Gruppe. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehören etwa zehn Prozent der Bevölkerung dazu. Rechtlich verbriefte Fürsorgepflichten der ‚Herrschaft‘ gegenüber dem ‚Gesinde‘ gab es zur Entstehungszeit des Märchens noch nicht (vgl. Schröder 2012, o. Sp.). Dass hier domestizierte ‚Tiere‘ betroffen sind, passt gut zu unserer Erzählung, wenn man das Adjektiv mit ‚gefügig gemacht‘ übersetzt. Dem entspricht die gesellschaftliche Stellung des Domestiken, des Dieners, hier der Hausdienerschaft beziehungsweise des Hausgesindes. Der Fall des Zwangsgesindes in grundherrschaftlichen Verhältnissen entspricht der Leibeigenschaft, also „einer ganz auf den Leib, d. h. personal bezogenen Abhängigkeit“ (Andermann 2016, o. Sp.). Der Aufklärung mit ihrem Plädoyer für das selbstbestimmte Subjekt gilt sie als „Inbegriff von Willkürherrschaft und Menschenverachtung“ (ebd.) sowie – aufgrund vermehrter Dienstforderungen (Frondienst), erhöhter Abgaben und zahlreicher sonstiger Beschränkungen – als „Inbegriff bäuerlicher Unfreiheit“ (ebd.). Im Norden habe die Leibeigenschaft in der frühen Neuzeit vor allem der mediate, gutsherrliche Adel „ganz gezielt zum Zweck der Herrschaftsintensivierung und der Steigerung wirtschaftlicher Erträge instrumentalisiert“ (ebd.). Besonders grausam war es dann, wenn die arbeitenden Menschen nach Jahren der Ausbeutung dem Tod überlassen oder aktiv umgebracht werden sollten, wie es unseren vier ‚Tieren‘ bevorstand, weil sie vermeintlich zu nichts mehr Nutze waren und deshalb als wertlos erachtet wurden. Diesen „harten Fakten lang tradierter Vorur- 158 Lienkamp: Aufstand für das Leben teile und diskriminierender Handlungen gegen alte Menschen“ (Schenda 1977, 379) begegnet das Grimm’sche Märchen mit harscher Kritik und einer bemerkenswerten Alternative. 2.2 ‚Der Hauptmann von Köpenick‘ Thomas Ayck fasst die sozioökonomische Situation Ende der 1920er Jahre und damit den historischen Hintergrund des deutschen Märchens treffend zusammen: „Schwerindustrie, Großlandwirtschaft und Militär hatten ihre Vormachtstellung aus der Monarchie in der Demokratie behalten. Im Herbst 1929, mit dem Börsenkrach in New York, wurde die Schwäche dieser Demokratie deutlich. Die sozialen Spannungen nahmen zu. Das Land war von Krediten des Auslands und vom Export abhängig. Die Zahl der Arbeitslosen wuchs auf zwei Millionen. Während der mit Notverordnungen operierenden Regierungszeit des konservativen Katholiken Heinrich Brüning schwoll die Arbeitslosenzahl im Winter 1931 auf sechs bis sieben Millionen an. In dieser Zeit des Übergangs vom liberaldemokratischen Staat zur faschistischen Diktatur schrieb Carl Zuckmayer sein Schauspiel über einen modernen Eulenspiegel nieder.“ (Ayck 2002, 89) In der dritten Szene stellt Kalle sich und seinen Kumpel „Willem“ als „zwee unjlickliche ausjestoßene Jlieder der menschlichen Jesellschaft“ vor (HvK 3. Sz., 26). Auch wenn er damit eigentlich bloß Mitleid schinden will, sagt er doch die Wahrheit, wobei es dem nun vollständig auf Ehrlichkeit setzenden Schuster noch schlechter geht als dem gewieften Kalle, der seine kriminelle Laufbahn nicht verlassen will. Zwar ist Voigt nicht unmittelbar vom Tod bedroht, aber er befindet sich wie das Grimm’sche Quartett in einer äußerst prekären Situation. Er wird als schmächtig und mager beschrieben (vgl. HvK 1. Sz., 10). Offenbar hat er genauso wenig zu essen, wie Esel, Hund, Katze und Hahn. Auf den schon erwähnten Vorwurf des Potsdamer Oberwachtmeisters, er sei ja „’n ganz schwerer Junge“, erwidert er mit bitterem Witz: „Ick weeß nich, Herr Kommissär, ick werde in letzter Zeit immer leichter.“ (HvK 2. Sz., 13) Mehrfach muss er die Nacht im Freien verbringen, wie die ‚Tiere‘ im Wald. Wenn er nicht verscheucht wird, kann er auch einmal im Bahnhofswartesaal oder in einer Gaststätte nächtigen. Zwar 159 Geschichten von Exklusion gibt es Notunterkünfte wie die „Herberge zur Heimat“ – “housing the displaced, dispossessed and downtrodden from all over the Reich” (Stewart 2006, 186) –, in der auch Voigt in Szene 6 kurzzeitig Unterschlupf findet194. Diese Nachtquartiere haben jedoch nur eine begrenzte Aufnahmekapazität und kosten zudem Gebühren: „’n Sechser for de Bettmarke, und ’n Jroschen“ für Suppe und Brot am Morgen (HvK 6. Sz., 36). Das warme Frühstück kann sich der Schuster nicht leisten. So ist er auf die Barmherzigkeit des Herbergsvaters angewiesen, der ihm eine „Eßmarke […] uff Pump“ gibt (HvK 6. Sz., 37). Eine Heimat ist dieses schäbige Nachtquartier trotz seines Namens dennoch nicht. Mit der landsmännischen Zusammensetzung der „Tippelkunden“ (HvK 6. Sz., 45) weist Zuckmayer darauf hin, dass Armut und Wohnungslosigkeit keine spezifisch preußischen, sondern gesamtdeutsche Probleme sind (vgl. Gehrke 1998, 28): von den bayrischen Alpen bis nach Hamburg, vom Elsass bis nach Berlin sammelt sich hier „das Lumpenproletariat aller deutschen Länder“ (Frizen 2000, 50), allerdings ohne sich zu vereinigen; ganz im Gegenteil. Von Solidarität kann hier keine Rede sein. Der jugendliche Deserteur Louis Gebweiler wird nicht vor der Patrouil le versteckt, sondern denunziert (vgl. HvK 6. Sz., 45). Karl Korn beschreibt treffend die Spaltung in diejenigen, die zur Gesellschaft gehören, und die, welche ausgeschlossen werden: „Während jeder Schutzmann und jeder Briefträger ein prächtig uniformierter Hoheitsträger sein darf und seine Untertanenseele am Glanz des neuen Reiches erlaben kann […], existiert unerkannt und verdrängt von der blitzblanken Ordnung einer totalen Bürokratie das Lumpenproletariat der Asylbewohner, der stellungslosen, der verdächtigen Subjekte als Bodensatz der Gesellschaft. Wer nicht in der Maschine drin ist, gilt dem System als suspekt und kriminell. Es lebt sich wundervoll subaltern und zufrieden in der Ordnung, aber wehe dem, den es einmal hinausgewirbelt hat!“ (Korn 1956, 10) Als Voigt endlich seine Scham überwindet und sich traut, seine Schwester und seinen Schwager in Berlin-Rixdorf aufzusuchen, gewähren diese ihm 194 „Um die Mitte des 19. Jh.s entstanden ‚H.[erbergen] zur Heimat‘ für mittellose Reisende, die vor allem Friedrich v. Bodelschwingh förderte und die während der wirtschaftlichen Depression in Deutschland Ende der 1920er Jahre ihre weiteste Verbreitung fanden (340 H.[erbergen]).“ (Sievers 2012, o. Sp.) 160 Lienkamp: Aufstand für das Leben vorübergehend Kost und Logis, die Schwester allerdings eher widerwillig. Eine dauerhafte Heimat zu finden sowie finanziell auf eigenen Füßen zu stehen, wird ihm allerdings versagt. Alles dreht sich für ihn um die Aufenthaltserlaubnis, die ihm die Anwesenheit in einem festumrissenen Gebiet, zum Beispiel einem Berliner Bezirk gestatten würde. Eine Alternative wäre der Pass, weil er damit Preußen und das Deutsche Reich verlassen könnte. Das eine oder das andere ist auf jeden Fall unabdingbare Voraussetzung, um irgendwo eingestellt zu werden. Tabelle 7 dokumentiert das vergebliche Ringen des Schusters um Papiere und Arbeit: Aufenthaltserlaubnis Pass (1) Heimatbehörde: Voigt ersucht um einen Pass (vgl. HvK 2. Sz., 16); Resultat: der Versuch misslingt, er sei dort bereits vor zwanzig Jahren aus den Akten gestrichen worden (vgl. HvK 2. Sz., 16) (2) Polizeibüro in Potsdam: erneute Nachfrage um Aufenthaltserlaubnis (vgl. HvK 2. Sz., 12, 13, 15, 16); Resultat: wird verweigert (vgl. HvK 2. Sz., 16) (3) Polizeibüro in Potsdam: bittet nach Verweigerung der Aufenthaltserlaubnis um „Paß mit ’n Grenzvisum, det ick rieber kann“ (HvK 2. Sz., 16, 17); Resultat: dafür sei man in Potsdam nicht zuständig, er solle sich an seine Heimatbehörde wenden; siehe (1) (vgl. HvK 2. Sz., 16) (4) Polizeibüro in Potsdam: Resultat: Oberwachtmeister will Gesuch um Aufenthaltserlaubnis weitergeben, ohne allerdings deren Ausstellung zu befürworten (vgl. HvK 2. Sz., 17) (5) Polizeibüro in Potsdam: „Jebense mir lieber ’n Paß! Ick will ja wieder raus.“ (HvK 2. Sz., 17); Resultat: kein Pass, man sei nicht zuständig (vgl. HvK 2. Sz., 17) (6) Schuhfabrik ‚Axolotl’: Prokurist Knell verlangt für eine Einstellung Voigts eine „polizeiliche Anmeldung […] oder einen Paß“ (HvK 4. Sz., 33); Resultat: keine Einstellung (vgl. HvK 4. Sz., 33) – so wie dort sei es bisher überall gewesen: „Iberall wollense Meldepapiere sehn“ (HvK 2. Sz., 16) (7) Privatim: Anfrage an seinen Schwager Hoprecht, ob dieser „aufn Magistrat“, wo er arbeitet, behilflich sein könne, „wenn de Papiere kommen“ (HvK 9. Sz., 64); Resultat: Hoprecht verweigert Mithilfe: „Hintenrum, das wär ein Delikt!“ (HvK 9. Sz., 65) Tabelle 7: Voigts vergebliches Ringen um Papiere und Arbeit 161 Geschichten von Exklusion Bei städtischen Behörden und bei potenziellen Arbeitgebern beißt Voigt immer wieder auf Granit. Walter Dimter spricht insbesondere mit Blick auf Szene 11 (vgl. HvK 11. Sz., 71) zutreffend von einem „Woyzeck’sche[n] Gehetztsein im täglichen Behördenkampf “ (Dimter 2009, 21). Die Polizei, bei der er um Papiere nachfragt, weist ihn ebenso zurück, wie Knell, der Prokurist einer Schuhfabrik, bei der sich Voigt nach einem Gefängnisaufenthalt um eine Stelle bewirbt: Knell: „Sie müssen ihre polizeiliche Anmeldung vorweisen, oder einen Paß.“ Voigt: „Det jebense mir nich auf de Polizei, solang ich keene Arbeit habe.“ Knell: „Ohne ordentliche Papiere kann ich Sie nicht einstellen. Wo käm man denn da hin. Hier herrscht Ordnung!“ (HvK 4. Sz., 33) Auch im Unternehmenskontor schlägt ihm also „unmenschliche Starrheit“ entgegen (Mews 1992, 32). Die Ausgrenzung wird sinnfällig durch das Bühnenbild. Sowohl im Potsdamer Polizeibüro (vgl. HvK 2. Sz., 12) als auch im Kontor der Schuhfabrik (vgl. HvK 4. Sz., 31) wird Voigt durch eine unüberwindliche Holzschranke oder – wie im Einwohnermeldeamt des Rixdorfer Polizeireviers (vgl. HvK 11. Sz., 73) – durch eine geschlossene Bürotür ausgesperrt. Ohne Papiere erlebt er genau das, was Zuckmayers langjähriger Freund Brecht195 zehn Jahre später in seinen um 1940/41 im Exil verfassten ‚Flüchtlingsgesprächen‘ in folgende bekannte Worte fasst: 195 Zuckmayer und Brecht lernen sich im Herbst 1923 in München kennen und schließen Freundschaft. 1924 holt Erich Engel (1891–1966) die beiden in die Hauptstadt (vgl. Nickel 2003b, 236). „Wir waren ja zusammen in Berlin bei Reinhardt damals als Dramaturgen engagiert, obwohl wir sehr wenig Gebrauch von der Dramaturgie gemacht haben. Wir hatten uns vorher in München kennengelernt. Gesprochen haben wir aber eigentlich mehr über Lyrik. Als wir uns kennenlernten, haben wir uns oft gegenseitig unsere Gedichte aufgesagt oder auch mit der Gitarre, die der Brecht wunderbar spielte, uns sehr oft vorgesungen. […] Was das Theater anlangt, so hat uns bald die Theorie getrennt, die für Brecht so wichtig war, die er brauchte zum Aufbau seines doch sehr viel dramatischeren Lebenswerkes. Für mich war das ganz anders. Mit der Zeit, das empfinde ich wenigstens, wird das Trennende immer geringer, das Gemeinsame aus der frühen Zeit kommt wieder stärker heraus, so verschieden Naturell und Methode und alles andere sein mögen. Für mich bleibt Brecht der genialste Dichter und Szeniker unserer Generation. Der Dialektiker, das ist mir nicht so bedeutsam.“ (Zuckmayer 19621976, 214 f.) 162 Lienkamp: Aufstand für das Leben „Der Paß ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Paß niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“ (Brecht 1997, 9) Abbildung 22: Zitate von Bertolt Brecht am Berliner ‚Theater am Schiffbauerdamm‘ 2015 (eigenes Foto) Ein „richtiges Leben“, weiß auch Voigt, gibt es nur mit einem Pass (HvK 21. Sz., 124). Er kann sich noch so sehr anstrengen: als Mensch, als Handwerker. In diesem System bekommt er keine Chance, so wie die Menschen, von denen der Abgeordnete Veit im ‚Deutschen Bundestag‘ gesprochen hat (siehe Hinführung). Der Schuster ist Leidtragender einer typischen ‚Catch-22‘-Situation (vgl. Stewart 2006, 180), benannt nach dem 1961 erschienenen gleichnamigen Roman von Joseph Heller (* 1923 † 1999), einer Antikriegssatire: Darin kann man nur aus dem Kriegsdienst ausscheiden, wenn man geisteskrank ist. Dazu muss ein Antrag gestellt werden. Ein solcher wird aber als Anzeichen dafür gedeutet, dass man geistig gesund ist. Folglich gibt es keine Möglichkeit, dem Dienst zu entkommen – eine Zwickmühle, oder wie Voigt sagt: „Nee, nee, det is nu ’n Karussell, det is nu ne 163 Geschichten von Exklusion Kaffeemihle. Wenn ick nich jemeldet bin, krieg ick keene Arbeet, und wenn ick keene Arbeet habe, da darf ick mir nich melden.“ (HvK 2. Sz., 16) So wird er Opfer eines halsstarrigen und unbarmherzigen Systems, an dessen Mauern er einfach abprallt, und das ihn als unbrauchbar ausgesondert196. Die Träger des Ganzen, die Beamten, die seinen ‚Fall‘ routinemä- ßig erledigen, funktionierten dabei wie Zahnräder „einer ungeheuren bürokratischen Maschinerie“ (Mews 1992, 57). Dieser seelenlose Apparat, ein „Staat im Staate“ (Frizen 2000, 55), unterbindet systematisch und „ohne zwingende Gründe“ (Bartl 2009, 216) eine Rückkehr des Outlaws in die bürgerliche Gesellschaft und versagt ihm so letztlich jede Chance auf eine menschenwürdige Daseinsgestaltung (vgl. Kicherer 1998, 85 f.): Der „Wunsch nach einem Neuanfang (Existenzgründung) wird ihm […] vom Staat durch die Behörden (Polizei, Justiz) verweigert; damit produziert dieser Staat seine Verbrecher selbst mit, indem er sie in dem Teufelskreis von Täterschaft – erneuter Täterschaft beläßt und eine Resozialisierung bewußt verhindert.“ (ebd. 90; vgl. Mews 1992, 31, 57; Freund-Spork 2005, 61) Wiederholt scheitern die Versuche des Schusters, „sich gesellschaftlich zu integrieren“ (Frizen 2000, 18). Er wird als hoffnungsloser Fall abgestempelt, zu „den unverbesserlichen Gewohnheitsverbrechern“, den „Hangtätern“ gezählt (Rosenau 2010, 291) – nach dem Motto: „Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät –“ (HvK 2. Sz., 14). Doch Voigt dreht die Verantwortlichkeiten um: Nicht er hat sich auf diese Bahn begeben, sondern er wurde wie eine Laus „uff ne Glasscheibe“ gesetzt (HvK 2. Sz., 14). „Da kannse nu krabbeln und krabbeln un rutscht ejal immer wieder runter.“ (HvK 2. Sz., 14) „Erst dadurch wird sie zum Opfer, das sich in sinnloser Aktivität erschöpft.“ (Frizen 2000, 80) Von Handel, Behörden, Polizei und Industrie, die sich im Recht glauben, die keine Argumente (mehr) haben oder meinen, ihm gegenüber keine Be- 196 Voigt „ist zwei Akte hindurch das Opfer der preußischen Unrechtsverhältnisse.“ (Freund-Spork 2005, 45) „Er bleibt das Opfer der Verhältnisse, die offensichtlich nicht für den lebendigen Menschen, sondern um einer leblosen Ordnung willen gemacht sind.“ (ebd. 62) 164 Lienkamp: Aufstand für das Leben gründung schuldig zu sein, wird er immer wieder schikaniert und „mit dem bekannten Gestus des Autoritären“ (ebd. 17) hinausgeworfen: • aus der Uniformschneiderei „A. Wormser, Kgl. Preuß. Hoflieferant“, in Potsdam: „Raus!! Hier wird nich gebettelt!! […] Die Kerle sind heutzutage so frech, so frech wie die Schmeißfliegen.“ (HvK 1. Sz., 11), • von seiner Heimatbehörde: „Da haben se mir rausjeflammt.“ (HvK 2. Sz., 16), • durch den Oberwachtmeister des Potsdamer Polizeibüros: „Raus!! Jetzt wird er auch noch frech! Scherense sich raus!!“ (HvK 2. Sz., 17), • von dem eben erwähnten Prokuristen Knell in der Berliner Engros-Schuhfabrik ‚Axolotl‘197: „Raus! Frecher Mensch!!“ (HvK 4. Sz., 33), • durch die unmissverständliche Geste eines Polizisten im Rixdorfer Polizeirevier, der Voigt und die anderen Wartenden im Einwohnermeldeamt zum Ausgang weist und die Tür hart hinter sich zuschlägt, sodass dem Schuster nur der Blick von außen durchs Schlüsselloch bleibt (vgl. HvK 11. Sz., 72 f.), und – mit den weitreichendsten Folgen – • durch ein Einschreiben des Rixdorfer Polizeireviers: „Ausweisung“ (HvK 12. Sz., 77 f.) – “not from life, but still from his own beloved homeland” (Stewart 2006, 187). Von Behörden und der Gesellschaft wird er abfällig als „Pennbruder“, „Penner“ oder „Penne“ tituliert, als „Oller“ beziehungsweise „oller Doofkopp“ oder „dummer Kerl“, der „Luft im Kopp“ habe (HvK 2. Sz., 13; 3. Sz., 17; 6. Sz., 36; 20. Sz., 117, 119). Der Kriminalinspektor hält ihn sogar für einen „Geisteskranken“ (HvK 21. Sz., 126). Wormser setzt ihn zweimal, ohne ihn 197 Eine Anspielung auf das damals auch in Berlin produzierende Unternehmen ‚Salamander‘. 165 Geschichten von Exklusion überhaupt zu kennen, mit einer lästigen „Schmeißfliege[ ]“ gleich (HvK 1. Sz., 11, und 7. Sz., 48), die sich bekanntlich gern auf Aas oder Exkrementen aufhält. Noch verächtlicher äußert sich ein Kellner gegenüber der „Scheuerfrau“ einer Gaststätte, in der Voigt vor Erschöpfung eingeschlafen ist. „Dem kannste in Müll schippen. Dem Penner. […] Ick wer’m ’n Bierrest in de Fresse kippen.“ (HvK 20. Sz., 117) Voigt wird wortwörtlich zu Abfall degradiert, den man entsorgen muss. So wie Papst Franziskus es in seinem Apostolischen Schreiben ‚Evangelii gaudium‘ formuliert: „Mit der Ausschließung ist die Zugehörigkeit zu der Gesellschaft, in der man lebt, an ihrer Wurzel getroffen, denn durch sie befindet man sich nicht in der Unterschicht, am Rande oder gehört zu den Machtlosen, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“ (Franziskus 2013, Nr. 53) Für seine Heimatbehörde ist Voigt eine ‚Nicht-Existenz‘: „Du bist bei uns abjehängt, habense jesacht. Hier kenn wa dich nich mehr, seit zwanzig Jahren biste jestrichen.“ (HvK 2. Sz., 16) Obwohl Voigt – Station für Station – alle möglichen legalen Anstrengungen unternimmt, kommt er nicht mehr in das System hinein, da dieses seinerseits kein Interesse an einer Wiedereingliederung hat: „Ick hab ja keen Aufenthalt, für mir gibt’s ja keen Platz uff de Erde“ (HvK 14. Sz., 89). Der Schuster – „schon außerhalb des Systems stehend“ – entdecke „bei seinen Bemühungen um Resozialisierung die Asozialität des Staates“ (Hein 1977, 278). Was der ‚Spiegel‘ über das Theaterstück schreibt, trifft genauso auf die fabelähnliche Erzählung der ‚Bremer Stadtmusikanten‘ zu: Beide bringen den „kreatürlichen Protest einer gequälten Seele“ zum Ausdruck (Der Spiegel 1955, 44). Und richtig ist ebenfalls, dass Voigt der „ausgestoßene arme Hund“ ist (ebd.), wie auch der Bolle-Fahrer bezüglich der Beschreibung im Steckbrief unter tollem Gelächter der Anwesenden anmerkt: „Kinder, det paßt auf mein vastorbenen Ziehhund – bis uff de Pfoten!“ (HvK 20. Sz., 120) Beide Märchen sind also Geschichten von Exklusion. So heißt es treffend zur Neuinszenierung des ‚Hauptmann von Köpenick‘ von 2017 durch Jan Bosse im ‚Deutschen Theater Berlin‘, also am Ort der Uraufführung, dass es sich bei dem Stück um „eine Geschichte vom Mensch drau- ßen“ handele (Deutsches Theater Berlin 2018, o. S.). Freund-Spork nennt wichtige Gründe für diese Exklusion: 166 Lienkamp: Aufstand für das Leben „Vorgeführt wird eine Gesellschaft ohne Kraft und Willen zur Integration der sozial Schwachen, ausschließlich dem Schein verpflichtet und das Sein mit Füßen tretend, oberflächlich und gleichgültig gegen moralische […] Werte und stumpf gegen soziale Not und Ungerechtigkeit. An Aktualität fehlt es dieser Komödie nicht.“ (Freund-Spork 2005, 67) Dabei sind Voigts Wünsche doch alles andere als unverschämt: „ein Leben in bürgerlicher Ordnung: Irgendwo hinzugehören, wo man seine Sprache spricht, Arbeit zu haben, Geld auf ehrliche Weise zu verdienen“ (ebd. 37; vgl. Wagener 1988, 233), eine Heimat, ein Zuhause zu besitzen, dazuzugehören zu einem Kiez, einem Bezirk, einer Stadt, einer Gesellschaft und einem Land. Es sind jedoch mehr als Wünsche, es geht um elementare Rechte. Ja, das Stück als Ganzes ist „ein Plädoyer für die Menschenrechte“ (Schüler 1978, 29): „Voigt beansprucht nicht mehr als die einfachen Grundrechte des Menschen. Der Mensch braucht einen festen Wohnsitz, Arbeit und freundlichen Umgang mit Menschen, mit denen er in seiner Muttersprache als unverlierbarem Besitz […] kommuniziert. Um diese Grundrechte sieht er sich durch einen Staat betrogen, der nicht den Menschen dient, sondern dem die Menschen als Untertanen dienen“ (Hein 1977, 282). Von Hein nicht explizit genannt, aber mitgemeint, gehören dazu auch das Recht auf Heimat und als fundamentalstes Recht, als Bedingung der Möglichkeit für die Wahrnehmung aller anderen Rechte, das Recht auf Leben, wobei das Leben ein konditionales oder (im Sinne Kants) ein transzendentales Gut darstellt. Das heißt, wenn ich nicht über das Gut des Lebens verfüge, also nicht lebe, nützt mir auch kein Recht auf Arbeit. Für Zuckmayer heißt im ‚Köpenick‘ das Grundthema, „auf das alles bezogen ist und das sich in jeder Situation abwandelt, ‚Recht und Ordnung‘ […], das einfache Menschenrecht im Kampf gegen das Un-Recht einer falschen Ordnung“, wie er an Kurt Hirschfeld (* 1902 † 1964) mit Brief vom 24. Juli 1948 schreibt (Zuckmayer, zit. nach Nickel/Weiß 1996, 374). Während ein Mensch, Voigt, verdinglicht wird, wird ein Ding, die Uniform, vermenschlicht. „Wie in expressionistischen Stücken und auch wie im Märchen erhalten die Gegenstände unheimliche Lebendigkeit […], wohingegen der Mensch durch eine durchrationalisierte Gesellschaftshierarchie 167 Geschichten von Exklusion zum Objekt degradiert wird“ (Bartl 2009, 218). Auch Bartl hält, wie Freund- Spork, unser Drama deshalb für zeitgemäß: Voigt „kämpft um ein selbstbestimmtes Leben, um ganzheitliche Identität, um Menschenwürde und Respekt […]. Das macht ihn als Figur auch nach Ende des Wilhelminismus so interessant. Sein kreativer Kampf gegen das Verdinglicht- und Verwaltet-Werden und sein Plädoyer für unbürokratische Menschlichkeit sind zeitlos aktuell.“ (ebd.) Nachdem der Schuster immer wieder erfolglos versucht hat, wie ein Don Quijote gegen die übermächtigen Windmühlen der Bürokratie in Staat und Wirtschaft anzurennen, bleibt ihm nur noch der Schritt in die Illegalität, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden. Für unsere beiden Märchen lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass „systematische Ausgrenzung aus lebenswichtigen Gemeinschaften“, wie sie sowohl die Bremer Stadtmusikanten als auch Wilhelm Voigt erfahren müssen, eine Menschenrechtsverletzung darstellt und als „zentrales soziales Problem thematisiert und bearbeitet werden (muss), wo immer sie erlitten und erkennbar wird“ (Sickinger 2012, 10).

Chapter Preview

Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation

References

Zusammenfassung

Vor 200 Jahren veröffentlichten Jacob und Wilhelm Grimm das Märchen ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘, die weltweit beliebte Erzählung über das rebellische Quartett aus dem Norden. Sie erscheint erstmals im November 1819 in ihrer Sammlung der ‚Kinder- und Haus-Märchen‘ – neben der Lutherbibel das bekannteste Werk der deutschen Kulturgeschichte.

Carl Zuckmayer ist zeitlebens ein Verehrer der gelehrten Brüder. Im Jahr 2020 jährt sich zum 90. Mal die Fertigstellung seiner berühmten Tragikomödie ‚Der Hauptmann von Köpenick‘, die 1931 in Berlin uraufgeführt wird und immer wieder bemerkenswerte Neuinszenierungen erlebt. Für den Dramatiker ist es ‚Ein deutsches Märchen‘.

Wie die beiden zeitlos aktuellen, politisch brisanten Geschichten zusammenhängen und was darüber hinaus ihre Autoren untereinander und mit den beiden Texten verbindet, darüber gibt der vorliegende Band Auskunft, der wie die vier tapferen Tiere und der couragierte Hauptmann zu einem Aufstand für das Leben ermutigen und motivieren will.

Schlagworte

Militarismus, Carl Zuckmayer, Gebrüder Grimm, Faschismus, Exklusion, Utopie, Widerstand, Ethik, Kooperation