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7. Reflexion und Fazit der vorliegenden Forschungsarbeit in:

Sarah Dregger

Wirkung durch Dokumentationen visualisieren, page 97 - 102

Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4382-0, ISBN online: 978-3-8288-7366-7, https://doi.org/10.5771/9783828873667-97

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
97 7. Reflexion und Fazit der vorliegenden Forschungsarbeit Werden ausschließlich die aus der Forschung hervorgehenden Herausforderungen der Dokumentation betrachtet, ergibt sich für den ersten Teil der Fragestellung (Inwiefern sind Dokumentationen des Sozialen Dienstes einer stationären Altenpflegeeinrichtung geeignet, um die Wirkung der Sozialen Arbeit innerhalb dieses Handlungsfeldes sichtbar zu machen?) eine negative Antwort in Bezug auf die Eignung zur Visualisierung von Wirkungen der Sozialen Arbeit. Zu groß scheint der Interpretationsspielraum und das daraus resultierende Verständigungsdefizit, dass durch die – insbesondere in diesem Handlungsfeld – geringe Verfügbarkeit der Ressource ‚Zeit‘ noch verstärkt wird. Die Risiken reichen von unreflektierten Bewertungen gegenüber den Bewohner*innen bis hin zu einer dadurch entstehenden, wenn auch nicht unbedingt bewussten Macht, die den Schreibenden der Dokumentation in Bezug auf den Eingriff in die Wirklichkeit der Bewohner*innen als ‚Gegenstand‘ der Verschriftlichungen zukommt. Die Kombination aus einem nicht vorhandenen, einheitlichen Begriffssystem und dem von beiden Interviewten angegebenen Kriterium des Gefühls als ausschlaggebend für die Wahrnehmung von Wirkung lässt ebenso Zweifel daran zu, ob es überhaupt möglich ist, Wirkung im Rahmen von Dokumentationen wiederzugeben. Doch obwohl diese Defizite und somit die Antwort auf die leitende Fragestellung so klar und endgültig erscheinen, wird durch diese Forschungsstudie deutlich, dass die Rolle der Dokumentation in Bezug auf die Visualisierung von Wirkung nicht zu unterschätzen ist. Ebenjene formalen Standards des Dokumentationssystems bauen zwar auf einer Kürze der Eintragungen, bringen dadurch jedoch auch die Chance auf Übersichtlichkeit, Regelgeleitetheit und Nachvollziehbarkeit mit sich. Durch die Forderung beider Interviewten nach Objektivität und einer damit einhergehenden klaren Ausdrucksweise, wird zudem deutlich, dass einem wachsenden Interpretationsspielraum bewusst entgegengesteuert wird und die Relevanz, sich an die Wirklichkeit anzunähern, erkannt wurde. Einzig die Schwierigkeit, eine auf Gefühlen basierende Wirkungswahrnehmung durch Dokumentationen wiederzugeben, scheint unlösbar. In Teilen ist dieser Schluss – zumindest in Bezug auf die Ergebnisse der vorliegenden Forschung – vertretbar. Gefühle zu standardisieren und in Maßeinheiten wiederzugeben, ist schwer vorstellbar. Doch eine Annäherung ist möglich. Die Interviewten 98 benennen selbst den direkten Kontakt zu den Bewohner*innen als zentral für die Soziale Arbeit in der stationären Altenpflegeeinrichtung. Frau S. erwähnt spürbare Rückwirkungen ihrer Arbeit auf sich selbst und definiert zudem sichtbare Kriterien, die auf die positive Wirkung ihrer Arbeit und ihren Erfolg hindeuten. Nonverbale und verbale Äußerungen als Kriterien für Wirkung können nur an und mit den Bewohner*innen selbst wahrgenommen werden. In der Kommunikation mit diesen selbst liegt demnach der Schlüssel für die Erkenntnis der Wirkung der Sozialen Arbeit in diesem Handlungsfeld. Für die Eignung der Dokumentation als Instrument der Wirkungsvisualisierung bedeutet dies zweierlei: 1. Die möglichst objektive Beschreibung von Wirkungswahrnehmungen in schriftlicher Form ist ein erster Schritt. Um Wirkung in der Art und Weise, wie sie in einer konkreten Situation stattgefunden hat, zu definieren, sind Dokumentationen jedoch nicht ausreichend. Vielmehr sind sie Ausgangspunkt für einen Aushandlungsprozess dessen, was Wirkung meint. 2. Dieser Aushandlungsprozess ist nicht ausschließlich in Bezug auf die Bewohner*innen zu denken. Ebenso bedeutsam ist der direkte, verbale kommunikative Austausch zwischen Mitarbeiter*innen, um Handlungsweisen zu evaluieren und zu reflektieren, aber auch, um existierende Kriterien für Wirkung und Erfolg, die, wie aus der Forschung hervorgeht, auch eine fachübergreifende, gemeinsame Basis haben, spezifisch zu definieren. Anhand solcher Definitionsversuche ließen sich Aspekte und Kriterien herausarbeiten, die im Rahmen der Dokumentation genutzt werden könnten. Die Attribution von Wirkungen auf die spezifische Arbeit des Sozialen Dienstes ist durch diese bereichsübergreifende Zusammenarbeit, die – wie aus der Forschung hervorgeht – zudem auf ähnlichen Zielsetzungen baut, zwar erschwert. Das Vorgehen im Rahmen des aktuellen Dokumentationssystems, in dem Teile der Zuständigkeiten des Sozialen Dienstes von denen der Pflege abgegrenzt werden, könnte im Sinne der Differenzierung nützlich sein. Um sich als Profession in dem Handlungsfeld der stationären Altenhilfe zu etablieren, scheint hier jedoch eine noch klarere Differenzierung nötig. Ob diese im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung der Bewohner*innen und der übergreifenden Zusammenhänge der Bereiche sinnvoll ist, ist jedoch fraglich. Vielmehr ist es für die Profession von Relevanz, sich zu profilieren. Die Möglichkeiten dazu schlummern bereits in der Sozialen Arbeit. Aus der 99 Forschung geht eine Profession hervor, die von einem modernen Altersbild geprägt ist und sowohl von der Pflegedienstleitung als auch – wie durch das Gespräch mit der Sozialdienstleitung erfahren werden konnte – von der Einrichtungsleitung als elementar angesehen wird. Ein Dokumentationssystem, in das die Soziale Arbeit nicht als Zusatz, sondern als fest etabliertes Kernstück der Arbeit unter differierenden Arbeitsweisen, aber teils ähnlichen Zielsetzungen eingebunden ist, wäre ein Schritt. Um den Drahtseilakt zwischen der Eigenständigkeit der Profession und der bereichsübergreifenden Zusammenarbeit zu schaffen, kann eine spezifischere Definition der Wirkung Sozialer Arbeit ein Ausgangspunkt sein. Die Aushandlung dessen führt in jeder Weise auf eine Zentralität zurück: Die Kommunikation. In Bezug auf die Anforderung, einen Einblick in das Forschungsfeld aus den Perspektiven zweier Fachkräfte unterschiedlicher Arbeitsbereiche zu erhalten, hat sich der methodische Vorgang, der im Rahmen dieser Forschung angewandt wurde, bewährt. Wenngleich in Bezug auf die Validität der Ergebnisse qualitativer Forschungen mögliche Herausforderungen wie bewusste oder unbewusste Verzerrungen der Wirklichkeiten durch die Interviewten und/oder das Einwirken der Interviewenden niemals gänzlich ausgeschlossen werden können (vgl. Flick 2017, S. 494), bot die im Rahmen dieser Forschung angewandte Form des Leitfadeninterviews eine Basis für die Sicherung des Gütekriteriums. Eine Kontrolliertheit der Interviewdurchführung wurde dabei insbesondere durch die übersichtliche Gestaltung des Leitfadens und die zuvor aus der Theorie gewonnenen Fragestellungen ermöglicht. Dennoch blieb die Gesprächsführung offen für nicht vorhersehbare Wendungen und Gesprächsinhalte, wie zum Beispiel die von Frau S. zum Ende des Interviews angebrachte Herausforderung im Umgang mit der Dokumentation, die zu einer Einbindung des Machtbegriffes in den weiteren Verlauf des Interviews und der Forschung insgesamt führte. Durch die Vorstrukturierung des Leitfadens und die Regelgeleitetheit der Transkriptions- und Auswertungsmethoden wird zudem die Nachvollziehbarkeit und somit die Reliabilität der Forschung gesichert. Die Ergebnisse, die sich aus der Forschung ergeben, lassen Raum für weiterführende Forschungsmöglichkeiten. Die Zentralität der Kommunikation – sowohl bereichsintern und bereichsübergreifend als auch vor dem Hintergrund der (Wirkungs-)Evaluation mit den Bewohner*innen – wäre ein Ausgangspunkt für eine weiterführende Fragestellung, der sich beispielsweise mit einem Methodenmix aus qualitativer, 100 ethnographischer Feldforschung und Gruppen- sowie Einzelinterviews angenähert werden könnte. Um den Ergebnissen, die sich insbesondere auf den Vergleich der Selbst- und Fremdansichten und somit spezifisch auf die Definitionen der Kriterien für Wirkung und Erfolg durch die beiden Interviewten beziehen, eine repräsentative Basis zu verschaffen, wäre zudem die Durchführung einer Studie mit einer ausufernderen Samplingstruktur im Sinne von zahlreicheren Interviewten der beiden Arbeitsbereiche, aber auch im Sinne einer Durchführung der Forschung in verschiedenen Einrichtungen des Handlungsfeldes in Kombination mit einer quantitativen Studie denkbar. Die im Rahmen der vorliegenden Forschung interviewte Fachkraft der Pflege hatte als Pflegedienstleitung sowohl Erfahrungen in der praktischen Arbeit als Pflegefachkraft als auch aus ihrer aktuellen Position resultierendes Wissen über die Struktur und Koordination der stationären Altenpflegeeinrichtung inne. Im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit war dies insbesondere im Hinblick auf die zwei unterschiedlichen Blickwinkel, die Frau P. dadurch auf die Dokumentation und die Diskussion um den Wirkungsbegriff einnehmen konnte, ein Vorteil. Ein Nachteil, der im Zuge weiterführender Studien beachtet und dementsprechend ausgeglichen werden sollte, ist jedoch, dass Frau P. nicht regelmäßig im Rahmen der Ausübung der Pflege mit bzw. an den Bewohner*innen arbeitet. Insbesondere um Genaueres über die Zusammenarbeit und die Wirkungsbeziehungen zwischen Mitarbeiter*innen der Pflege und des Sozialen Dienstes zu erfahren, sollten neben Pflegedienstleitungen auch jene Fachkräfte befragt werden, die alltäglich in der praktischen Ausübung der Pflege tätig sind. Um im Hinblick auf die komplexe Fragestellung dieser Arbeit nach der Eignung von Dokumentation in Bezug auf die Visualisierung von Wirkung tiefergehende Einblicke zu erlangen, ist eine Durchführung der zuvor geplanten Triangulation sinnvoll und notwendig. Dokumentationen sind nur in ihrer Gänze zu erfassen, wenn nicht ausschließlich die Perspektiven der Schreibenden erfragt, sondern die Schriftstücke inklusive der Inhalte dieser für sich selbst genommen analysiert werden. Ähnlich verhält es sich mit der näheren Definition des Wirkungsbegriffes. Einige Kriterien für diesen konnten im Rahmen dieser Forschung in Bezug auf die beiden Interviewten herausgestellt werden. Dennoch wäre zur allgemeineren Bestimmung, was die Wirkung der Sozialen Arbeit im Handlungsfeld stationärer Altenpflegeeinrichtungen ausmacht und wie sich diese von Erfolg differenzieren lässt, zum einen eine einzig auf eine solche Fragestellung gelenkte Forschung sinnvoll. Zum 101 anderen ist es für einen ganzheitlichen Zugang zu ebendiesem Wirkungsbegriff unabdingbar, diejenigen in eine Forschungsstudie einzubeziehen, die im Zentrum sozialarbeiterischer Wirkung stehen: Die Klientinnen und Klienten – hier genauer: Die Bewohnerinnen und Bewohner.

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Abstract

“Ask your social worker about risks and side effects.“ Few social welfare institutions would take such a slogan on. The answers to questions about measurability, attribution or - quite fundamentally - the definition of effect in social work seem to be too vague and too numerous. Nevertheless just in view of the increasing need for the legitimisation of the professional status of social work a further scientific foundation of the effectiveness debate is indispensable. This book contains both an overview of the current state of impact research as well as a transfer of the topic into the field of action of social work for the elderly. The results of the qualitative research based on this open the debate on the impact to the core element of the profession: Co-production as a negotiation process between the actors involved.

Zusammenfassung

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sozialarbeiterin oder Ihren Sozialarbeiter.“ Einen solchen Slogan würden sich wohl die wenigsten Einrichtungen des Sozialwesens auf die Fahne schreiben. Zu vage und zu zahlreich scheinen Antworten auf Fragen nach der Messbarkeit, der Attribution oder – ganz grundlegend – der Definition von Wirkung in der Sozialen Arbeit. Doch gerade im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit der Legitimation des Professionsstatus der Sozialen Arbeit kann auf eine weitergehende wissenschaftliche Fundierung der Wirkungsdebatte nicht verzichtet werden. Dieses Buch beinhaltet sowohl einen Überblick über den aktuellen Stand der Wirkungsforschung als auch eine Übertragung der Thematik in das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der darauf basierenden qualitativen Forschung öffnen die Wirkungsdebatte für das Kernelement der Profession: Die Ko-Produktion als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteur*innen.