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1. Wirkung – viele Bezeichnungen, eine Bedeutung? in:

Sarah Dregger

Wirkung durch Dokumentationen visualisieren, page 9 - 16

Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4382-0, ISBN online: 978-3-8288-7366-7, https://doi.org/10.5771/9783828873667-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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9 1. Wirkung – viele Bezeichnungen, eine Bedeutung? Wo immer, wann immer Soziale Arbeit ansetzt: Ihr Ziel ist es, bestehende (soziale) Umstände zu verändern, zu verbessern. Genauer gesagt: Etwas zu bewirken. Wirkung ist demnach die Basis aller sozialarbeiterischen Handlungsgründe, unabhängig davon, an welchem der zahlreichen Handlungsfelder diese angeknüpft werden. Die Wirkung Sozialer Arbeit wird jedoch nicht immer explizit als solche benannt. Vielmehr existiert eine Vielzahl von (teils scheinbaren) Synonymen für den Wirkungsbegriff (vgl. Albus et al. 2010, S. 14f.). Diese horizontale Bandbreite der gebräuchlichsten Bezeichnungen wird im Folgenden dargestellt, bevor der Wirkungsbegriff im Kontext der vertikalen Ebenen der Sozialen Arbeit als Funktionssystem behandelt wird. 1.1 Einordnung des Wirkungsbegriffes in die Komplexität der (vermeintlichen) Synonyme Wirkung ist „ein Geschehen, das ohne ein anderes Geschehen, die Ursache, nicht stattfände“ (Brockhaus Enzyklopädie Online o. J.a). Im Duden wird Wirkung zudem mit den Begriffen „Effektivität, Erfolg, […] [d. V.: und] Effizienz“ (Dudenredaktion o. J.) umschrieben und somit gleich mit mehreren Synonymen versehen. Diesbezügliche Termini sind jedoch insbesondere im Hinblick auf die Soziale Arbeit voneinander zu differenzieren. Dass eine solche Differenzierung nicht umstandslos möglich ist, liegt vor allem in dem Mangel an allgemeingültigen Definitionsmöglichkeiten begründet. Unbestreitbar ist, dass der Erfolgsbegriff eines Wirtschaftsunternehmens auf Grund der divergenten Zielsetzungen nicht den Ansprüchen der Sozialen Arbeit genügen kann und sollte. Ein solch klarer Unterschied im Umgang mit diesem Terminus findet sich in der Sozialen Arbeit selbst nicht. Dennoch existiert (bisher) keine über die Grenzen der Handlungsfelder Sozialer Arbeit hinausgehende, allgemeingültige Definition von Erfolg. Eine solche zu erarbeiten, scheint innerhalb eines einzelnen Handlungsfeldes zwar greifbarer. Doch selbst im Kontext dieser detaillierten Betrachtungsweise stößt sich eine Generalisierung an einem Grundsatz der Sozialen Arbeit: Der Individualität des Falles. Der Erfolg der Sozialen Arbeit hängt stets von den spezifischen, auf die Klient*innen bezogenen bzw. mit diesen erarbeiteten Zielsetzungen ab. So divergent diese sind, so verschieden sind auch die Indikatoren für eine 10 erfolgreiche Soziale Arbeit (vgl. Boecker 2015, S. 56). Dennoch oder gerade aus diesem Grunde lassen sich im Kontext des Erfolgsbegriffes Merkmale für eine einheitliche Definitionsbasis finden. Einige davon seien, ohne dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, im Folgenden genannt: Die Entwicklung von Kriterien zur Bestimmung und somit zur Definition von Erfolg baut auf Erwartungen und Zielsetzungen. Diese werden einerseits von dem strukturgebenden Umfeld Sozialer Arbeit, den Kostentragenden, den Entscheidungstragenden der Politik und der Gesellschaft an diese herangetragen. Gleichzeitig sind für die Definition von Erfolg subjektive Erwartungshaltungen einzubeziehen. Diese können sowohl von Klient*innen an Fachkräfte und umgekehrt als auch von Klient*innen und Fachkräften jeweils an die eigene Person bestehen (vgl. Boecker 2015, S. 118f.). Die Feststellung von Erfolg ist perspektivenabhängig (vgl. Otto 2007, S. 69). Die jeweiligen Erwartungstragenden konstruieren den Erfolgsbegriff jeweils nach ihren eigenen Vorstellungen und Voreinstellungen. Soziale Arbeit steht demnach vor der Herausforderung, sich dort, „wo kein Fall dem anderen gleicht, obwohl vielleicht jeder derselben programmatischen Zielgruppendefinition angehört […] mit den kontingenten Wirklichkeiten ihrer Klienten auseinanderzusetzen“ (Kleve 2009, S. 32). Die Klärung und gegenseitige Transparenzmachung der jeweiligen Vorstellungen über den Erfolgsbegriff sind demnach für dessen Feststellung elementar. Ein Erfolg für Klient*innen und Fachkräfte kann nur durch das beiderseitige Zusammenwirken generiert werden. Das ‚Produkt‘ Sozialer Arbeit wird häufig mit der Begrifflichkeit der sozialen Dienstleistung umschrieben. Dass dies der Praxis der Sozialen Arbeit nicht vollständig entspricht, wird insbesondere an den immer weiter in den Fokus rückenden, die Klient*innen als Hauptpersonen des Fachkraft-Klient*innen-Verhältnisses definierenden Ansätzen wie dem Empowerment deutlich. „Seine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen […] und den Wert selbsterarbeiteter Lösungen schätzen zu lernen“ (Pohlmann 2011, S. 204f.) ist ein Grundsatz des Konzeptes. An diesem lässt sich beispielhaft festmachen, dass Soziale Arbeit nicht schlicht die Produktion einer 11 sozialen Dienstleistung auf Seiten der Fachkraft und der Konsum dieser Dienstleistungen auf Seiten der Klient*innen darstellt. Das hiermit tangierte Prinzip des uno-actu ist vor allem im Hinblick auf die Grundbedingungen zur Erreichung von Erfolg um die in nahezu jedem sozialarbeiterischen Prozess bestehende Notwendigkeit einer Koproduktion zwischen Klient*innen und Fachkräften zu ergänzen. Ohne diese ist ein beidseitiger Erfolg nicht möglich (vgl. Merchel 2003, S. 7). Bei all den unterschiedlichen, subjektiv konstruierten Erwartungen und Zielsetzungen und den vielseitigen Ansprüchen an den Erfolg Sozialer Arbeit blieb eine (zu) selbstverständliche definitorische Grundgemeinsamkeit bisher unausgesprochen: Der Erfolgsbegriff ist – unerheblich in welchem Kontext er gebraucht wird – positiv konnotiert. Daraus ist keinesfalls zu induzieren, dass der Erfolg des Einen nicht den Misserfolg des Anderen zur Folge haben kann. Dennoch lässt sich der Erfolgsbegriff auf dieser Ebene klar von einem weiteren Synonym für den Wirkungsterminus abgrenzen. Die Rede ist von der Effektivität. Einen Effekt zu haben, impliziert zunächst weder ein positives noch ein negatives Resultat. Effektive Soziale Arbeit bedeutet demnach lediglich, dass durch ihre Ausübung ein beispielsweise gesellschaftlicher, politischer, sozialer oder persönlicher Anstoß gegeben wurde. Eine Aussage über die Effektivität einer Maßnahme zu treffen, bedeutet demnach nicht, die Frage ‚Was wurde mit welchen Mitteln erreicht?‘ zu klären, sondern ‚Inwieweit wurde etwas von der Maßnahme beeinflusst?‘. Effektivität ist also weniger das Produkt, das am Ende eines Prozesses steht, als vielmehr „die Beantwortung der Frage, ob die Leistungserstellung zielorientiert und nach professionellen Maßstäben erfolgt“ (Merchel 2003, S. 10). Die Ressourcen, die innerhalb dieses Prozesses aufgewendet werden mussten, sind hierbei nicht relevant. Eine die notwendigen Mittel unbeachtet lassende Arbeitsweise kann sich jedoch weder ein Wirtschaftsunternehmen noch eine Einrichtung der Sozialen Arbeit leisten. An dieser Stelle rückt der Begriff der Effizienz in den Fokus. Dieser umschreibt das Verhältnis von Input und Output (vgl. Merchel 2003, S. 10ff.). Das aus dem (Projekt-)Management stammende Begriffspaar findet im Sinne des Sozialmanagements zunehmend Einzug in die Praxis Sozialer Arbeit. Unter Input sind dabei jegliche zum Zwecke der Zielerreichung genutzten finanziellen, personellen, organisationalen oder räumlichen Ressourcen zu verstehen. Damit lässt sich der Terminus auf die Ebene der Strukturqualität, also der organisationalen 12 Gegebenheiten Sozialer Arbeit verorten. Mit Output ist hingegen das Ergebnis sozialarbeiterischer Maßnahmen gemeint, weshalb sich der Begriff auf ebendieser Qualitätsebene wiederfindet (vgl. Repp 2013, S. 24). Die Ergebnisqualität Sozialer Arbeit ist jedoch nicht gleichzusetzen mit dem vor allem im Projektmanagement gebräuchlichen Begriff der Produktqualität. Am Ende eines Prozesses im Rahmen der Sozialen Arbeit entsteht kein Produkt im Sinne eines Objektes. Diskutabel ist zudem auch, ob der Abschluss einer sozialarbeiterischen Maßnahme mit dem Ende von dessen Wirkung gleichzusetzen und somit zu diesem Zeitpunkt überhaupt ein endgültiger Output festzustellen ist. Um sich von dieser Starre des Input-Output-Begriffspaares zu lösen und somit über die Vorstellung eines Endergebnisses hinauszugehen, etablierten sich insbesondere im Zuge der Fundierung des Social Entrepreneurship die über den Output hinausgehenden Termini Outcome und Impact. Das soziale Unternehmertum zielt damit darauf ab, wirtschaftliche Methoden des Managements mit der Schwierigkeit der Wirkungsdefinition und -messung sozialorientierter Maßnahmen zu verbinden. Grundlegend ist hierbei die sogenannte Impact Value Chain. Durch diese werden Input und Output in ein Verhältnis zu Outcome und Impact gesetzt. Outputs sind dabei eher numerisch messbare, auf die wirtschaftliche Effizienz bezogene Ergebnisse, während mit Outcomes die gesellschaftlichen und somit in ihrer Messbarkeit komplexeren Veränderungen gemeint sind, die eine Maßnahme zur Folge hat. Impact meint schließlich eine langfristige Veränderung, die ausschließlich aus der jeweiligen Intervention hervorgerufen wird und sich somit abzüglich von weiteren, beispielsweise persönlichen oder gesellschaftlichen Einflüssen versteht – die sogenannte Nettowirkung (vgl. Repp 2013, S. 24). In Bezug auf den Wirkungsbegriff ist Impact insofern vom Effekt Sozialer Arbeit abzugrenzen, als dass letzterer die „ersichtliche und nachweisbare Wirkung für einzelne Stakeholder“, ersterer die „subjektiv erlebte Wirkung eines Stakeholders“ (Schneider 2011, S. 17) umfasst. Die Vielfalt der mit dem Wirkungsbegriff in engem Zusammenhang stehenden Termini impliziert neben ihrer breiten Fächerung eine ebenso zu betrachtende Tiefe. Es genügt nicht, das Ergebnis eines sozialarbeiterischen Prozesses nach quantitativem Auftreten vorher festgelegter Indikatoren der Zielerreichung aufzuschlüsseln. Vielmehr ist es von grundlegender Bedeutung, alle weiteren, den Prozess und das Ergebnis einer Intervention beeinflussenden Faktoren zu extrahieren, um den inneren Kern der Wirkung Sozialer Arbeit ausfindig zu machen. 13 Einem solchen Vorhaben kann sich nur angenähert werden, indem zuvor eine Ergründung der Wirkungsebenen und Wirkungsweisen erfolgt. 1.2 Wer wirkt wie wodurch worauf? Die verschiedenen Ebenen der Wirkung Sozialer Arbeit Albus et al. heben drei Ebenen der Wirkung hervor, die sich an dem bereits erwähnten Modell der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität anlehnen. Auf erster Ebene finden sich „organisatorisch-institutionelle Strukturen der Hilfeträger und Erbringer ihrer Rahmenbedingungen“ (Albus et al. 2010, S. 15) wieder. Wirkung kann sich dort in Form von Anpassung der sozialarbeiterischen Maßnahmen, „der Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarungen oder […] der sozialen Infrastruktur“ (Albus et al. 2010, S. 15) zeigen. Auf der Prozessebene bezieht sich Wirkung auf die Praxis der Sozialen Arbeit im Kontext des Dreiecksverhältnisses zwischen Kosten- und Leistungstragenden und Leistungsempfangenden (vgl. Boecker 2015, S. 48ff.). Die Wirkungen auf der Ergebnisebene zeigen sich dagegen bezogen auf die Adressat*innen dieser Praxis. Das Modell dieser drei Wirkungsebenen wird von Albus et al. auf ein Modellprojekt der Jugendarbeit angewandt und begrenzt sich daher auf die daran anknüpfenden Wirkungsmöglichkeiten (vgl. Albus et al. 2010, S. 15f.). Das Wirkungspotenzial Sozialer Arbeit ist mit dieser Umschreibung jedoch nicht vollends wiedergegeben. Interventionen Sozialer Arbeit finden innerhalb eines Netzwerkes von Wirkungsprozessen statt (vgl. Boecker 2015, S. 131f.). Zu diesem Netzwerk gehören sowohl die der Sozialen Arbeit direkt angehörenden Organisationen und Institutionen und die im Rahmen dieser tätigen Fachkräfte als auch die Gesellschaft, die Politik und die Klient*innen selbst. Innerhalb dieses Netzwerkes geht Wirkung nicht ausschließlich von Sozialer Arbeit aus, sondern auch auf diese zurück. Im Kontext der Luhmannschen Theorie sozialer Systeme stellt Soziale Arbeit dabei ein Funktionssystem dar (vgl. Merten 2005, S. 46ff.). Dies impliziert eine Differenz zwischen dem System an sich und dessen Umwelt. Eine solche Differenz entsteht durch einen dem System eigenen Code, also dessen Funktionsinhalt. Die Gesellschaft bildet dabei das Gesamtsystem ab, in dem alle Teil- bzw. Funktionssysteme in interdependenter Wiese miteinander verbunden sind (vgl. Kleve 2009, S. 27f.). Am Beispiel der Sozialen Arbeit lässt sich diese Interdependenz wie folgt verdeutlichen: Das Funktionssystem der Sozialen Arbeit beinhaltet sowohl eine interne Struktur aus Organisationen und 14 Institutionen, die spezifischer betrachtet aus den Fachkräften als Individuen bestehen, als auch eine externe, gesellschaftspolitische Ausrichtung. Als eine Interdependenz zwischen der Gesellschaft als Gesamtund der Politik als Teilsystem lässt sich zunächst das Image Sozialer Arbeit nennen, das mitunter aus dieser selbst heraus gesteuert, aber auch von außen auf sie übertragen wird. Die Gesellschaft als Öffentlichkeit und die Politik wirken dabei sowohl als Steuerungsorgane als auch als Wirkungsobjekte. Zum einen wird Soziale Arbeit an gesellschaftliche Problemstellungen angepasst, bzw. findet ihren Existenzgrund in diesen. Die Gesellschaft hat demnach einen erheblichen Einfluss auf die Angebote und die Struktur Sozialer Arbeit. Diese wird außerdem im Wesentlichen von (sozial-)politischen Entscheidungen wie beispielsweise Gesetzesänderungen oder solchen über die Verteilung von Geldern bestimmt (vgl. Merchel 2017, S. 285f.). Das Machtverhältnis von Gesellschaft und Politik zur Sozialen Arbeit scheint in dieser Ansichtsweise ein asymmetrisches zu sein. Dass dem nicht so ist, wird bei genauerer Betrachtung des Nutzens der Sozialen Arbeit für die beiden Teile des Wirkungsnetzwerkes deutlich. Soziale Arbeit ist für die Politik ein notwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung des sozialen Friedens. Ein Staat, der den Anspruch auf einen Sozialstaat erhebt, muss dafür Sorge tragen, dass er diesem auch in der Praxis gerecht wird. Das politische und staatliche Teilsystem ist demnach auch von der Funktion der Sozialen Arbeit abhängig (vgl. Klassen 2009, S. 92; vgl. Merten 2005, S. 49). Durch diese Interdependenz entstehen wiederum auf Seiten der Sozialen Arbeit Möglichkeiten, sowohl auf die Gesellschaft einzuwirken als auch Ver- änderungen in der politisch begründeten, sozialen Infrastruktur zu initiieren. Diese Funktion der Sozialen Arbeit spielt insbesondere in der Beziehung zwischen den Fachkräften und den Klient*innen eine bedeutende Rolle. Fachkräfte können in dieser Vermittler*innen sein zwischen Politik und Klient*innen einerseits und Klient*innen und der allgemeinen Gesellschaft andererseits. Die Wahrnehmung dieser Funktion und überhaupt einer individuenbezogenen Prioritätensetzung macht eine der deutlichsten Differenzen zwischen der Praxis Sozialer Arbeit und der Theorie der sozialen Systeme Luhmanns aus und ist für die Profession grundlegend (vgl. Klassen 2009, S. 92f.). In Bezug auf die Politik nimmt die Soziale Arbeit dadurch eine seismographische Funktion ein, dass Fachkräfte die Auswirkungen dieser dort evaluieren können, wo sie wirken – bei den Klient*innen. 15 Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind demnach auch Vertreter*innen. Diese Rolle kommt ihnen nicht nur in Bezug auf den Anstoß politischer Veränderungsprozesse zu Gute, sondern auch in Bezug darauf, einen Ausgleich zu schaffen zwischen der Angleichung bzw. Normierung einzelner an die Gesellschaft um deren Funktion Willen und zur Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen zum Schutz eines jeden Individuums (vgl. Kleve 2009, S. 24ff.). Der direkte Kontakt mit den Klient*innen beschreibt gleichzeitig eine Wirkungsmöglichkeit auf den minimalsten Teil eines Systems und auf dessen Basis: Dem einzelnen Menschen. Im Rahmen der Systemtheorie wird jedoch auch deutlich, dass Soziale Arbeit nicht den alleinigen Wirkungsanspruch auf ihre Klient*innen erheben kann. Denn diese sind nicht nur in das Funktionssystem der Sozialen Arbeit, sondern zumeist in mehrere weitere Teilsysteme, beispielsweise in das der Familie eingebunden (vgl. Klassen 2009, S. 88ff.). Deren Einfluss auf die klient*innenbezogenen Wirkungsfelder Sozialer Arbeit auszuschließen, lässt sich im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtungsweise nicht rechtfertigen. Sowohl in der praktischen Arbeit als auch in der Reflexion dieser sind diese Faktoren zu beachten. Die Existenz und der Einsatz von Reflexion und Evaluation weisen auf eine weitere Wirkungsebene Sozialer Arbeit hin: Die selbstreferenzielle (vgl. Merten 2005, S. 47). Soziale Arbeit ist nicht nur außenstehenden Erwartungstragenden wie Politik, Gesellschaft und Klient*innen, sondern auch sich selbst und ihrem professionellen Verständnis gegenüber zur ständigen Reflexion, Modifikation und Optimierung ihrer Leistungen verpflichtet. Zur Einhaltung dessen ist jedoch nicht nur ein ständiges, auf sich selbst bezogenes Hinterfragen von Haltung und Handlung der einzelnen Fachkräfte, sondern der gesamten Profession notwendig. Eine solche Selbstreferenzialität reicht jedoch noch immer nicht aus. Soll sich eine Profession wie die Soziale Arbeit klient*innenorientiert weiterentwickeln, so muss sie mit ihrer Evaluation auch dort ansetzen, wo sie wirken möchte: Bei den Menschen selbst (vgl. Kleve 2009, S. 38f.). Im Sinne dieser Selbstreferenzialität wird deutlich, dass Messgrößen für die Wirkung Sozialer Arbeit ausschließlich aus der Profession heraus in Bezug auf ihre Umwelt entwickelt werden müssen und „nicht dem Markt und sekundären Interessen überlassen werden“ (Schneider 2011, S. 28) dürfen. Diese Maßstäbe jedoch tatsächlich anzuwenden und somit den Kern der Wirkung Sozialer Arbeit zu fassen zu bekommen, gestaltet sich nicht einfach. Denn Wirkung lässt sich ebenso wenig rein numerisch erfassen, wie sich ein Mensch eichen lässt. Dennoch wird in 16 dieser Arbeit der Versuch gewagt, die Messungsmöglichkeiten der Wirkung Sozialer Arbeit auf der Ebene ihrer Ergebnisqualität zu beleuchten und zu hinterfragen. Das nächste Kapitel ist ebendieser Debatte um den Begriff der Messbarkeit im Zusammenhang mit sozialarbeiterischen Wirkungsprozessen gewidmet. Eingebettet in den begrifflichen Diskurs um die Messbarkeit sozialarbeiterischer Wirkung und die Bezugnahme auf die Evidenzhierarchie der Wirkungsforschung ist die Darstellung der Verwendung von Dokumentationen als Mittel zur Abbildung der Wirkungsprozesse und -ergebnisse Sozialer Arbeit.

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Abstract

“Ask your social worker about risks and side effects.“ Few social welfare institutions would take such a slogan on. The answers to questions about measurability, attribution or - quite fundamentally - the definition of effect in social work seem to be too vague and too numerous. Nevertheless just in view of the increasing need for the legitimisation of the professional status of social work a further scientific foundation of the effectiveness debate is indispensable. This book contains both an overview of the current state of impact research as well as a transfer of the topic into the field of action of social work for the elderly. The results of the qualitative research based on this open the debate on the impact to the core element of the profession: Co-production as a negotiation process between the actors involved.

Zusammenfassung

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sozialarbeiterin oder Ihren Sozialarbeiter.“ Einen solchen Slogan würden sich wohl die wenigsten Einrichtungen des Sozialwesens auf die Fahne schreiben. Zu vage und zu zahlreich scheinen Antworten auf Fragen nach der Messbarkeit, der Attribution oder – ganz grundlegend – der Definition von Wirkung in der Sozialen Arbeit. Doch gerade im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit der Legitimation des Professionsstatus der Sozialen Arbeit kann auf eine weitergehende wissenschaftliche Fundierung der Wirkungsdebatte nicht verzichtet werden. Dieses Buch beinhaltet sowohl einen Überblick über den aktuellen Stand der Wirkungsforschung als auch eine Übertragung der Thematik in das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der darauf basierenden qualitativen Forschung öffnen die Wirkungsdebatte für das Kernelement der Profession: Die Ko-Produktion als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteur*innen.