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6. Diskussion der Ergebnisse vor dem theoretischen Hintergrund dieser Arbeit in:

Sarah Dregger

Wirkung durch Dokumentationen visualisieren, page 89 - 96

Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4382-0, ISBN online: 978-3-8288-7366-7, https://doi.org/10.5771/9783828873667-89

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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89 6. Diskussion der Ergebnisse vor dem theoretischen Hintergrund dieser Arbeit Die Bedeutung der bereichsübergreifenden Zusammenarbeit lässt sich als ein Kern der Forschungsergebnisse herausstellen. Dies leitet sich aus dem Vorhandensein von nach der HK und den zugehörigen SK codierten Segmenten Bereichsübergreifende Beziehungen in jeder weiteren HK des Kategoriensystems ab. Mit 23 von 41 Codings macht der informative und kommunikative Austausch mehr als die Hälfte der Codings aus und kann somit als zentral für die Zusammenarbeit über die Bereiche hinweg angesehen werden. Insbesondere im Hinblick auf die Visualisierung von Wirkung durch Dokumentationen und somit für die Beantwortung der leitenden Fragestellung nimmt diese SK eine prägnante Stellung ein. Dokumentationen sind Instrumente der Macht. Die besondere Bedeutung der Dokumentation als Medium schriftlicher Kommunikation und als Protokoll sozialer Wirklichkeit, wie sie in Kapitel 2.2 dieser Arbeit in Bezug auf die objektive Hermeneutik aufgegriffen wurde (vgl. Wernet 2009, S. 12), spiegelt sich in den Ergebnissen der Forschung wider. Dass durch die fehlende Face-to-Face-Kommunikation ein weitgreifender Interpretationsspielraum entsteht, der sich auf die Wirklichkeit der Bewohner*innen auswirken kann, bestätigt sich vor dem Hintergrund des Symbolischen Interaktionismus und Schultz von Thuns Kommunikationsmodell auf theoretischer Ebene (vgl. Abels 2010, S. 44ff.; vgl. Reichmann 2016, S. 13). Dokumentationen gehen aus dieser Forschung nicht als alleinstehende Basis für die Darstellung der Realität hervor. Diesem Anspruch steht insbesondere die ökonomische Ebene im Sinne fehlender Zeit der Mitarbeiter*innen zum Verfassen und Lesen langer Dokumentationstexte entgegen (vgl. S S17, Z496–499). Dass ohne eine gewisse Regelgeleitetheit aus einer Dokumentation – ob bewusst oder unbewusst – ein Instrument der Macht werden kann, nehmen beide Interviewte wahr (vgl. P S19, Z547– 552; vgl. S S25, Z737–746). Ebendiese Regelgeleitetheit in Form von Standardisierungen ging bereits aus dem theoretischen Teil dieser Arbeit als Grundlage für die möglichst genaue Abbildung von Realität und auch Wirkung durch Dokumentationen hervor (siehe Kapitel 2.2.3 dieser Arbeit). Der Aspekt findet Anklang in dem Lösungsweg hin zu einem geringeren Interpretationsspielraum und zu einer klareren Aussagekraft von Texten, der von beiden Interviewten geschildert wird. Zentral ist dabei die inhaltliche Standardsetzung, bzw. das Gütekriterium der 90 Objektivität (vgl. P S20, Z578–580) und die Nutzung der wörtlichen Rede (vgl. S S15, Z426–429). Zwar bleibt die Dokumentation stets mit einer Macht der Dokumentierenden in Bezug auf die Wirklichkeit der Bewohner*innen als ‚Objekte‘ dieser Dokumentation verbunden. Sich diese Macht bewusst zu machen – und dies tun die interviewten Fachkräfte – ist jedoch ein Schritt, der für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Dokumentationen und den bewohner*innenbezogenen Daten hinführend ist. Aus der von Frau S. geschilderten Gefahr, dass das, was in einer Dokumentation niedergeschrieben ist, als Realität angenommen wird und sich auf diese auswirkt (vgl. S S25, Z730–734), geht gleichzeitig eine Hauptfunktion der Dokumentation im Sinne der Wirkungsvisualisierung hervor. Im Gegensatz zu ausschließlich verbal erfolgter Kommunikation ist das geschriebene Wort ein manifestes Protokoll sozialer Wirklichkeit (vgl. Wernet 2009, S. 12) und ist somit für die Evaluation als inhaltstragendes Objekt nutzbar. Diese wiederum funktioniert nicht ohne einen verbalen Austausch untereinander. In diesem Kontext gehen demnach aus der Forschung beide Aspekte – schriftliche und verbale Kommunikation – als unabdingbare Teile eines Ganzen hervor. Wirkung ist durch Dokumentationen visualisierbar – solange verbale Evaluations- und Aushandlungsprozesse gegeben sind. Die geringe definitorische Trennschärfe zwischen den beiden Begriffen Wirkung und Erfolg in der Sozialen Arbeit wurde bereits in Kapitel 1.1 dieser Arbeit diskutiert. Während im Duden Wirkung und Erfolg als Synonyme füreinander angegeben werden (vgl. Dudenredaktion o. J.), findet sich im Brockhaus zwar eine neutralere Definition des Wirkungsbegriffes wieder (vgl. Brockhaus Enzyklopädie Online o. J.a). Im Rahmen der Definition von Erfolg als „positives Ergebnis einer Bemühung, das Eintreten einer erstrebten Wirkung“ (Brockhaus Enzyklopädie Online o. J.b) wird jedoch ebendas deutlich, was aus der Auswertung der Forschung hervorgeht: Wirkung und Erfolg sind zwar begrifflich in Bezug auf den bedingenden Faktor der Positivität von Erfolg voneinander trennbar, ähneln sich jedoch in ihrer alltäglichen, sprachlichen Anwendung und somit auch in ihrer Definition. Vielmehr noch: Wirkung scheint eine Bedingung für Erfolg zu sein und Erfolg der erkennbare, nachvollziehbare Teil der Wirkung. Im Kontext der Forschung verschmelzen beide Begriffe zusehend zu einem: Dem ‚Wirkungserfolg‘, der durch die positiven Auswirkungen einer Handlung im Sinne eines Erfolges definiert ist. 91 Dieser schließt sich an die immateriellen Zielsetzungen wie die Erhaltung und/oder Gewinnung der Selbstbestimmung, des Wohlbefindens und der Lebensqualität an. Zusätzlich zu dieser Immaterialität, die in Bezug auf die Dokumentation zu Schwierigkeiten führt (vgl. S S18– 19, Z499–502), deuten die Ergebnisse der Forschung auf die Herausforderung des Technologiedefizites (zu Immaterialität und Technologiedefizit siehe Kapitel 2 dieser Arbeit) im Sinne unvorhersehbarer Entwicklungen in Bezug auf die Maßnahmenplanung des Sozialen Dienstes hin (vgl. S S2–3, Z22–32). Der Maßnahmenplan ist zwar als Instrument des Vorher-Nachher-Abgleiches anzusehen, ist jedoch in sich offen und beinhaltet die Möglichkeit der Anpassung auf veränderte Anforderungen und Zielsetzungen. Somit ist er kein starres Instrument zuvor festgelegter Zielsetzungen, sondern ein Abbild von Variabilität (vgl. P S17, Z477–480). Doch gerade diese Variabilität und Flexibilität ist in Bezug auf die Visualisierung der Wirkung Sozialer Arbeit im Kontext individueller Fälle hinführend. Relevant ist dabei eine geltende Rahmung. Diese Rahmung geben zum einen formale Standards, die sich auf die Reihenfolge des Ausfüllens der einzelnen Dokumente, die Zuständigkeiten für die jeweiligen Dokumentationsbereiche und die Form der Dokumente (bspw. den teilstandardisierten Aufbau des Formulars zur Auswertung der Eingewöhnungsphase) beziehen, zum anderen die inhaltliche Standardsetzung in Bezug auf bereits erwähnte Objektivität der Dokumentation. Ebenjene Standards ziehen sich neben der Darstellung der Wirklichkeit an sich durch die Möglichkeit der spezifischeren Abbildung der Wirkung von sozialarbeiterischen Handlungen auf die Bewohner*innen. Bereits in Kapitel 2.2.2 wurde auf die von Reichmann erwähnte Notwendigkeit der Ausrichtung von Dokumentationen an Partizipationsmöglichkeiten für die Bewohner*innen (vgl. 2016, S. 70) eingegangen. Neben der indirekten Einbindung der Aussagen dieser in Form der durch Fachkräfte dokumentierten wörtlichen Rede geht eine direkte Befragung der Bewohner*innen und ein gemeinsames Ausfüllen eines Formulars der Dokumentation als zentral für die Planung weiterer, sozialarbeiterischer Handlungen hervor. Das von Frau S. beschriebene Formular zur Auswertung der Eingewöhnungsphase ergibt gemeinsam mit dem Berichteblatt die Grundlage für weiterführende Evaluationen. Insbesondere im Hinblick auf den in Kapitel 2.1 beschriebenen PDCA-Kreislauf im Zusammenhang mit den von Frau S. und Frau P. aufgeführten Abläufen von Dokumentation, Maßnahmenplanung und 92 Evaluation (vgl. S S10–14, Z238–392; vgl. P S16–18, Z456–592) wird die Eingebundenheit der Abbildung von Wirkung in diesen größeren Zusammenhang deutlich. Wirkung wird demnach nicht allein durch die Verschriftlichung von Arbeitsschritten, sondern durch Evaluation sichtbar. Die Kommunikation über die Dokumentationen hinaus steht dabei im Zentrum dessen, wie bisherige Maßnahmen gewirkt haben und angepasst werden können. Insbesondere bei Bewohner*innen, die neu in der Einrichtung aufgenommen werden, geht die Kommunikation mit ebendiesen und ggf. deren Angehörigen als Basis für einen ersten Maßnahmenplan hervor. Vor dem Hintergrund der EBP Sozialer Arbeit (siehe Kapitel 2.3 dieser Arbeit) kann dieser Prozess als Versuch der Annäherung an Wirkungswahrscheinlichkeiten gedeutet werden. Im Gegensatz zur klassischen EBP ergeben sich aus der Forschung heraus die in der Praxis angewandten Vorzüge der Klient*innenorientierung und der Zentralität der Evaluation. Am spezifischen Fall der Bewohnerin werden ebendiese Aspekte im Hinblick auf die Feststellung und Visualisierung der Wirkungstragweite besonders deutlich. Einerseits können laut Frau S. Ver- änderungen und Entwicklungen des Falles anhand der Berichteblätter nachvollzogen werden (vgl. S S21, Z612–615). Um diese jedoch überhaupt dokumentieren zu können, ist der direkte Kontakt mit der Bewohnerin erforderlich. Über die Beobachtung dieser hinaus wird im Rahmen von Gesprächen zwischen Frau S. und der Bewohnerin vergangenes Verhalten reflektiert und der aktuelle Stand evaluiert (vgl. S S21, Z593–596). Ob und wenn ja welche Handlungsweisen der Sozialarbeiterin zu welchen Faktoren der Entwicklung beitrugen, ist auf Grund der im folgenden Kapitel in die Diskussion eingebundenen Attributionsproblematik jedoch nicht einfach zu differenzieren. Neben der Einbindung der Bewohner*innen in evaluative Maßnahmen liegt eine Relevanz dafür, dass die Visualisierung im Sinne geschriebener Worte überhaupt bewusst möglich und als solche erkennbar ist, in kommunikativen Aushandlungsprozessen zwischen den Mitarbeiter*innen. Die Fallgespräche zwischen denen der Pflege und des Sozialen Dienstes rücken dabei in den Fokus (vgl. S S13, Z368–369; vgl. P S18, Z507–514). In diesem Rahmen sind Aushandlungsprozesse über die schriftliche Dokumentation hinaus möglich. Werden Evaluationen nicht nur fallbezogen, sondern auch auf einer metakommunikativen Ebene geführt, bietet sich eine Chance, sowohl eine Basis für Verständigungsprozesse im Rahmen von Dokumentationen als auch für die Aushandlung begrifflicher Trennschärfen und Kriterien für Erfolg und 93 Wirkung zu schaffen. Um Wirkung tatsächlich bewusst zu visualisieren und zu evaluieren ist eine weitestgehende definitorische Klarheit notwendig. Aus den Ergebnissen der Auswertung der Interviews geht hervor, dass Emotionen zentrale Kriterien der Erfolgs- und Wirkungskontrolle sind, die im Hinblick auf die Dauer der Beziehung zu einzelnen Bewohner*innen an Geltung gewinnen (vgl. S S7, Z169–172). Gefühle in eine objektivierte Dokumentation zu fassen, ist eine Herausforderung (vgl. S S18–19, Z499–502). Diese aus diesem Grunde nicht zu beachten, würde dem ganzheitlichen Anspruch, der durch die Präsenz der HK Bereichsübergreifende Beziehungen und der zugehörigen SK und die – sich teils überschneidenden – Zielsetzungen der Interviewten in Bezug auf die Bedürfnisse der Bewohner*innen deutlich wird, nicht genügen. Neben der Einbindung ‚sichtbarer‘ Kriterien in die Dokumentation existiert eine weitere Möglichkeit, auch ‚unsichtbare‘ Kriterien zu definieren und somit in die Darstellung von Wirkung einfließen zu lassen: Der Rückgriff auf handlungsfeldbezogenes Wissen. Handlungsfeldbezogenes Wissen kann als Basis für eine Aushandlung des Wirkungsbegriffes dienen. Frau S.s Beschreibung der Bedürfnisse und Ressourcen der Bewohner*innen und deren Einbindung in ihre Arbeit lassen Rückschlüsse auf Haltungen und Wissensbestände zu, die an die theoretischen Vorüberlegungen dieser Arbeit anknüpfen. Die Bedürfnisse der Bewohner*innen stehen im Kontext der Ergebnisse in einem engen Kontakt zur Definition des Erfolgsbegriffes in der Sozialen Arbeit in stationären Altenpflegeeinrichtungen. Frau P.s Definition, Erfolg in der Sozialen Arbeit sei die Betreuung der Bewohner*innen nach deren individuellen Bedürfnissen, sei hier als Beispiel herausgegriffen (vgl. P S9, Z236–239). Daher liegt es nahe, erwähntes handlungsfeldspezifisches Wissen als Basis für die Definition und somit auch für die Differenzierung des Erfolgs- und Wirkungsbegriffes zu nutzen. Frau S. bezieht sich in ihren Aussagen nicht direkt auf bestimmte Theorien. Dennoch lassen sich diese wie folgt zuordnen. Frau S. Beschreibungen lassen sich sowohl im Sinne eines durch ihre Arbeit akzeptierten Rückzuges der Bewohner*innen der Disengagement-Theorie und im Sinne einer Einbindung ebendieser in die Gemeinschaft der Aktivitätstheorie (vgl. Pohlmann 2011, S. 80) zuordnen (siehe Kapitel 3.1 dieser Arbeit) als auch Hannah Arendts Unterscheidung von Einsamkeit, Isolation und Verlassenheit (vgl. Arendt 2006, S. 81ff.). Zudem 94 beschreibt sie ihre Arbeit im Kontext eines produktiven Altersbildes, indem sie Selbstständigkeit und Eigeninitiative der Bewohner*innen als förderungswürdig darlegt (vgl. S S5, Z96–99). In diesem Zusammenhang können ebenso Parallelen zu den von Ryff aufgeführten sechs Dimensionen (vgl. Pohlmann 2011, S. 88f) und den Central Capabilities nach Nussbaum (vgl. Nussbaum 2012, S. 360f.) gezogen werden16. Autonomie und Umweltkontrolle nach Ryff (vgl. S S5, Z96–99) sowie Life (vgl. S S3, Z58–60), Emotions (vgl. S S23, Z656–660) und Senses, Imagination and Thought (vgl. S S6, Z134–142) nach Nussbaum lassen sich unter anderem an den angegebenen Stellen der Niederschrift des Interviews mit Frau S. wiederfinden. Aus dem Interview mit Frau P. gehen insbesondere die Capabilities Bodily Health (vgl. P S22, Z644–649) und Bodily Integrity hervor, wobei sie Letzteres in der Vergangenheit durch eine fremdbestimmende Haltung der Pflegemitarbeiter*innen gegenüber den Bewohner*innen als nicht gegeben ansieht. In der Einrichtung, in der sie aktuell arbeitet, beurteilt sie die Bodily Integrity jedoch als gewährleistet und benennt den Wert der Selbstbestimmung der Bewohner*innen (vgl. P S4, Z70– 82). Diese Selbstbestimmung ist auch für Frau S. (vgl. S S4, Z74–75) zentral und kann in das Central Capability Practical Reason eingeordnet werden. Zudem erwähnen beide Interviewte die Relevanz von menschlichen Beziehungen und Emotionen der Bewohner*innen und heben die Bedeutung des Spieles hervor – Hinweise auf die Capabilities Affiliation (vgl. S S4, Z75–77; vgl. P S18, Z525–529) und Play (vgl. S S7, Z160–163; vgl. P S10, Z267–270). Die Central Capabilities in einer Einrichtung aufrecht zu erhalten, deren Bewohner*innen nicht nur an Ressourcen gewinnen, sondern – wie im spezifischen Fall – auch insbesondere krankheitsbedingt eingeschränkt sind, ist kein einfaches Anliegen (vgl. S S21, Z596–599). Dennoch findet sich die Aufrechterhaltung der Selbstbestimmung als Kern aller Capabilities in den Zielsetzungen der beiden Interviewten wieder (vgl. S S4, Z74–75; vgl. P S4, Z81–82). Sowohl in Bezug auf den aktuellen Stand des spezifischen Falles als auch im Hinblick auf die weiteren Bewohner*innen greifen beide auf Formulierungen wie die „Lage […] akzeptiert“ (S S22, Z632–633), „rund in sich“ sein (S S8, Z194) und „Zufriedenheit“ (P S5, Z115–117) zurück, die sowohl in die Theorie eines erfolgreichen bzw. gelingenden Alterns als auch in Eriksons Lösung des Konfliktes zwischen Ich- 16 Zur Zuordnung der folgenden Textstellen zu den jeweiligen Dimensionen bzw. Capabilities siehe Anhang 4. 95 Integrität und Verzweiflung einzuordnen sind (siehe Kapitel 3.1 dieser Arbeit). Neben diesen Gemeinsamkeiten sind es jedoch vor allem die Unterschiede, die durch die Zuordnung der Aussagen von Frau S.und Frau P. zu den einzelnen Capabilities in Bezug auf die Aushandlung eines Wirkungsbegriffes von Bedeutung sein können. Durch die sichtbar gewordenen Überschneidungen von Zielsetzungen, Maßnahmen und Zuständigkeiten in der alltäglichen Praxis und in der Dokumentation der Interviewten bzw. der Bereiche, die diese vertreten, rückt die Attributionsproblematik (siehe Kapitel 2 dieser Arbeit) in den Fokus. Soziale Arbeit oder hier der Soziale Dienst handelt in einem System aus (Rück-)Wirkungen (vgl. S S6, Z156–157; vgl. Merten 2005, S. 46ff.). Für eine Verbesserung der Qualität auf Struktur- und Prozessebene zur Förderung der Ergebnisqualität ist die Erkenntnis über Wirkungszusammenhänge von Bedeutung. Dass der ‚Wirkungserfolg‘ sowohl aus der Selbsteinschätzung durch Frau S. als auch aus der Fremdeinschätzung durch Frau P. heraus eine, über die Individualität des Falles greifende, diese jedoch einschließende Definitionsbasis besitzt, ist in diesem Zusammenhang eine Chance. Erfolge können vor diesem Hintergrund definiert und somit als nachvollziehbare Nachweise für eine positive Wirkung genutzt werden. Dies ist sowohl im Hinblick auf die Wirkung einzelner Maßnahmen als auch auf das professionelle Verständnis Sozialer Arbeit in einem multiprofessionellen Kontext von Bedeutung. Soziale Arbeit in der stationären Altenhilfe ist eine Profession, die Profilierung benötigt. Im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung ist Multiprofessionalität eine Bereicherung, die für das Handlungsfeld der stationären Altenhilfe eine Grundbedingung ist. Die Soziale Arbeit ist jedoch auch aktuell noch nicht genügend in diesem etabliert. Dies geht insbesondere aus der Unbestimmtheit der Stellendefinition für die Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes hervor, die sich durch eine Textstelle des Interviews mit Frau S. bestätigt (vgl. S S3, Z51–54). Zudem ist die Soziale Arbeit zwar in dem aktuellen Dokumentationssystem durch eigene Zuständigkeiten vertreten, untersteht jedoch der Kontrolle durch die Pflegefachkräfte (vgl. P S16, Z460–466). Der Wunsch nach tiefergehender Profilierung der Sozialen Arbeit in diesem Handlungsfeld geht insbesondere aus dem Gespräch nach dem eigentlichen Interview mit Frau S. hervor. Um diese Profilierung 96 zu erreichen, wäre eine Spezifizierung der Methodik der Sozialen Arbeit, eine Aushandlung bzw. ein Festhalten von Wirkungs- und Erfolgskriterien und eine eigenständige Dokumentation, die jedoch stets im Sinne eines ganzheitlichen Handlungskonzeptes in die Dokumentation der Pflege integriert ist und auf einem gemeinsamen, kommunikativen Austausch baut, notwendig. Im Hinblick auf eine gefestigtere Methodik bietet sich das in Kapitel 3.3 beschriebene Case Management an, während die Spezifizierung des Erfolgs- und Wirkungsbegriffes insbesondere unter Rückbezug auf bestehende Theorien und Ansätze wie dem Capability Approach (siehe Kapitel 3.3.2 dieser Arbeit) erfolgen kann. Relevant ist an dieser Stelle jedoch nicht, wie dieser Prozess exakt gestaltet werden kann, sondern dass es einen Prozess in diese Richtung gibt bzw. geben wird. Denn um Wirkung bewusst anhand von Dokumentationen visualisieren zu können, ist es von grundlegender Bedeutung zu wissen, was diese definiert.

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References

Abstract

“Ask your social worker about risks and side effects.“ Few social welfare institutions would take such a slogan on. The answers to questions about measurability, attribution or - quite fundamentally - the definition of effect in social work seem to be too vague and too numerous. Nevertheless just in view of the increasing need for the legitimisation of the professional status of social work a further scientific foundation of the effectiveness debate is indispensable. This book contains both an overview of the current state of impact research as well as a transfer of the topic into the field of action of social work for the elderly. The results of the qualitative research based on this open the debate on the impact to the core element of the profession: Co-production as a negotiation process between the actors involved.

Zusammenfassung

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sozialarbeiterin oder Ihren Sozialarbeiter.“ Einen solchen Slogan würden sich wohl die wenigsten Einrichtungen des Sozialwesens auf die Fahne schreiben. Zu vage und zu zahlreich scheinen Antworten auf Fragen nach der Messbarkeit, der Attribution oder – ganz grundlegend – der Definition von Wirkung in der Sozialen Arbeit. Doch gerade im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit der Legitimation des Professionsstatus der Sozialen Arbeit kann auf eine weitergehende wissenschaftliche Fundierung der Wirkungsdebatte nicht verzichtet werden. Dieses Buch beinhaltet sowohl einen Überblick über den aktuellen Stand der Wirkungsforschung als auch eine Übertragung der Thematik in das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der darauf basierenden qualitativen Forschung öffnen die Wirkungsdebatte für das Kernelement der Profession: Die Ko-Produktion als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteur*innen.