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5. Ergebnisse der empirischen Forschung in:

Sarah Dregger

Wirkung durch Dokumentationen visualisieren, page 69 - 88

Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4382-0, ISBN online: 978-3-8288-7366-7, https://doi.org/10.5771/9783828873667-69

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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69 5. Ergebnisse der empirischen Forschung Nach einem ersten Kontakt, der mit der Sozialarbeiterin zunächst persönlich, schließlich zur endgültigen Terminierung der Interviewdurchführung telefonisch, mit der Pflegefachkraft ausschließlich telefonisch stattfand, wird das Gespräch – noch ohne das Tonband einzuschalten – eröffnet. An dieser Stelle wird erneut auf die Thematik des Forschungsvorhabens und die Verfahrensweisen des Interviews inklusive der Anonymität personenbezogener Daten hingewiesen und im Rahmen der Unterzeichnung der Einwilligungserklärung die Möglichkeit zur Klärung eventueller weiterer Fragen der Interviewten eröffnet. Weitere Besonderheiten, die vor, während oder nach dem Interview beobachtet wurden, wurden in Postskripten12 festgehalten. 5.1 Die ersten Fallzusammenfassungen basierend auf den jeweiligen Expert*inneninterviews Die interviewte Sozialarbeiterin (im weiteren Verlauf Frau S.) nennt als zentrale Zielsetzung ihrer Arbeit die Befriedigung der Bedürfnisse und den Erhalt der Selbstbestimmung der Bewohner*innen. Sowohl in Bezug auf die Kriterien für die Wirkung als auch für den Erfolg ihrer Arbeit weist sie Emotionen eine übergeordnete Rolle zu. Ein Gespür dafür zu bekommen, wie es den Bewohner*innen geht, fuße auch auf der Dauer der Beziehung zu diesen. Skalen oder Maßstäbe für die Einordnung der Wirkung zu nutzen, ist in ihren Augen schwierig. Vielmehr betont Frau S. die Bedeutung der Kommunikation, insbesondere im Rahmen des von ihr geschilderten spezifischen Falles. Einerseits sei diese für die Zusammenarbeit der Mitarbeiter*innen aller Bereiche untereinander von Belang, andererseits für die verbale und – hier hebt sie mimische und gestische Äußerungen hervor – nonverbale Rückmeldung durch die Bewohner*innen und somit die Einschätzung der Wirkung und des Erfolges ihrer Arbeit. Den Aspekt der (Meta-)Kommunikation greift sie im Zusammenhang mit der von Dokumentationen ausgehenden Macht der oder des Dokumentierenden über die von der Dokumentation betroffenen Bewohner*innen auf. Sie beschreibt die Dokumentation als elementar, um sicherzustellen, dass alle Bewohner*innen betreut werden. Als Herausforderung bringt sie sowohl den Faktor Zeit an, deren Knappheit sie 12 Post- und Transkripte sowie einrichtungsinterne Formulare, die d. V. für ihre Forschung zur Ansicht zur Verfügung gestellt wurden, werden aus Datenschutzgründen nicht veröffentlicht. 70 daran hindert, in den Dokumentationen lange Texte zu schreiben oder zu lesen als auch die Gefühlsebene schriftlich zu erfassen. Eine Priorität setzt Frau S. vor dem Hintergrund der möglichst exakten Wiedergabe der Realität bei der Nutzung der wörtlichen Rede. Die interviewte Pflegefachkraft (im weiteren Verlauf Frau P.) ist sowohl als praktisch tätige Pflegefachkraft als auch als Wohnbereichsleitung tätig gewesen und nimmt aktuell die Funktion der Pflegedienstleitung ein. Somit sind sowohl ihre Aufgaben als auch ihre Kriterien für ihren Arbeitserfolg von organisatorischen Aspekten geprägt. Als Erfolg ihrer Arbeit beschreibt sie, wenn ihre Mitarbeiter*innen zufrieden sind, aber auch, dass sie bei sich selbst eine Entwicklung im Umgang mit konfliktbehafteten Gesprächen mit Angehörigen feststellen kann. Den Erfolg des Sozialen Dienstes verortet Frau P. darin, dass die Bewohner*innen gemäß ihren Bedürfnissen betreut werden. Sie beschreibt das Verhältnis zwischen den Bewohner*innen und den Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes als ein von Nähe geprägtes, während sie das der Pflegemitarbeiter*innen zu den Bewohner*innen als distanzierter einschätzt. Um das Wohlbefinden bzw. die Zufriedenheit der Bewohner*innen festzustellen, bringt sie Gespräche als zentrale Handlungsweisen an. Der Begriff der Zufriedenheit wird von Frau P. auch im Zusammenhang mit dem Wirkungsbegriff aufgegriffen. Sie äußert, dass sie durch ihre Arbeit Zufriedenheit bei Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen bewirken möchte. Ob sie diese Wirkung erreicht, spiegelt sich für sie vor allem in verbalen Rückmeldungen von Mitarbeiter*innen der Pflege und der Bewohner*innen oder im Rahmen der Kommunikation mit den Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes wider. Als Zielsetzungen ihrer Arbeit nennt Frau P. das Wohlbefinden und den Erhalt der Selbstbestimmung der Bewohner*innen, für deren Erreichung sie zum einen die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen zum anderen den Austausch mit Kolleg*innen der unterschiedlichen Bereiche der Einrichtung als Grundlage nennt. Einen direkten Einfluss der Maßnahmen der Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes, die laut Frau P. über mehr Sensibilität im Umgang mit den Bewohner*innen verfügen, auf die Arbeit der Pflege, die vielmehr ihrem bestehenden Ablauf folgt, beschreibt sie als nicht auffallend. Die Zusammenarbeit zwischen der Pflege und dem Sozialen Dienst umschreibt sie jedoch in Form einer wechselseitigen Beziehung der Unterstützung als wichtig. Die Aussagekraft von Dokumentationen beschreibt sie zum einen als gebunden an ein objektives Schreiben zum anderen an die 71 Kommunikation mit den Bewohner*innen selbst. Sich für diese Zeit zu nehmen, sei dabei wichtig. In der Funktion des Festhaltens von Ergebnissen benennt sie den Maßnahmenplan in Bezug auf pflegerische Tätigkeiten als zentral, nennt jedoch das Beispiel eines einst zurückgezogenen Bewohners, der nun in die Gemeinschaft integriert ist, als einen Erfolg, der nicht zu messen, sondern emotional zu spüren ist. 5.2 Zusammenstellung und Vergleich der Ergebnisse aus den Interviews mit der Fachkraft des Sozialen Dienstes und der Pflegefachkraft Spezifischer Fall An dieser Stelle werden zunächst die Aussagen von Frau S. und Frau P. bezüglich des von beiden beschriebenen, spezifischen Falles zusammengefasst und verglichen. Da innerhalb der HK Spezifischer Fall ebenso Segmente mit den Codes der weiteren HK und SK des gesamten Kategoriensystems versehen wurden, werden die jeweiligen Codings ggf. erneut in den untenstehenden Ausführungen dieser erwähnt. Frau S. und Frau P. beschreiben die Ausgangssituation und Problemstellung des spezifischen Falles weitestgehend deckungsgleich. Als die Bewohnerin – aus dem Krankenhaus kommend – in der Einrichtung einzog, sei sie aufgebracht gewesen und habe direkt damit begonnen, Forderungen und Ansprüche zu stellen (vgl. S S18, Z515–521; vgl. P S11, Z288–295). Gemeinsam sei versucht worden, zunächst das „Fernsehproblem zu lösen“ (S S18, Z525). Die Annahme von Frau S., dass es schwierig sei, den Hintergrund für das herrische Verhalten von der spezifischen Bewohnerin – einer ehemaligen Ehefrau eines Unternehmers – insbesondere in Form der Dokumentation zu kommunizieren (vgl. S S18–19, Z526–543) bestätigt sich durch die Aussage von Frau P. „[…] zu Anfang war es (.) halt problematisch, weil die Mitarbeiter der Pflege hatten sich so sehr äh darauf eingeschossen, was ganz gefährlich ist, wenn die Mitarbeiter dann äh schon in so einem Brass drinnen sind […]“ (P S13, Z371–374). Beide betonen die Relevanz von organisatorischen Absprachen zwischen den Mitarbeiter*innen der Pflege und denen des Sozialen Dienstes (vgl. S S18, Z529; vgl. P S12, Z325–328). Zudem nennen sowohl Frau S. als auch Frau P. die Gespräche mit der Bewohnerin als zentrale 72 Maßnahmen, um diese mit den Regeln der Einrichtung vertraut zu machen (vgl. S S20, Z567–70; vgl. P S11–12, Z307–320). Sowohl Frau S. als auch Frau P. benennen in Bezug auf die Entwicklung und den aktuellen Stand der Bewohnerin, dass diese eine Einschränkung habe. Während Frau S. die Fähigkeit der Selbstständigkeit der Bewohnerin auch als „abhängig […] von ihrer körperlichen Befindlichkeit“ (S S24, Z704–705) umschreibt, stellt Frau P. keinen negativen Zusammenhang zwischen dem „Vergessen“ (P S15, Z415) und den Ressourcen der Bewohnerin her. Vielmehr sei diese eine Frau, die „sich nicht unterkriegen lässt“ (P S15, Z415), sich selbst organisieren kann und somit nicht auf den von Beginn des Falles an von diesem ausgeschlossenen Sohn angewiesen ist (vgl. P S14, Z409–10). Frau S. hebt in Bezug auf die Entwicklung und den aktuellen Stand hervor, dass die Bewohnerin in die Gemeinschaft integriert sei und sie als Fachkraft das Gefühl habe, die Bewohnerin sei „angekommen“ (S S21, Z609) und habe ihre Situation für sich angenommen (vgl. S S22, Z632–633). Mittlerweile sei sie „gerne hier“ (S S20, Z591) und bewege sich selbstständig durch das Haus (vgl. S S20, Z576). Der darin liegende Entwicklungsprozess wird insbesondere durch die von Frau P. über die Ausgangssituation und Problemstellung gemachte Aussage, die Bewohnerin habe sich zu Beginn, obwohl sie am Rollator hätte gehen können, im Rollstuhl transportieren lassen (vgl. P S11, Z299–302), deutlich. Frau S. betont, dass auch aktuell Gespräche im Zentrum der Maßnahmen mit der Bewohnerin stehen (vgl. S S22, Z641–643). In diesen habe die Bewohnerin bereits ihr Verhalten aus der Zeit ihres Einzuges reflektiert (vgl. S S21, Z593–594). Sie wisse nun, dass sie „Hilfestellung braucht“ und fühle sich laut Frau S. in der Einrichtung „ernst genommen“ (S S22, Z636–641). Sowohl Frau S. als auch Frau P. beschreiben die Entwicklung des Falles als positiv. Frau P. betont dennoch, dass weiterhin eine achtsame Beobachtung notwendig ist, um auf Rückschläge angemessen reagieren zu können (vgl. P S12, Z354–351). Faktenaussagen Frau S. macht über sich selbst als die Fachkraft und ihre Position die Aussage, dass sie bereits seit zehn Jahren als Sozialarbeiterin in der stationären Altenpflegeeinrichtung, in der die Erhebung der Interviewdaten stattfand, arbeitet. Ihre Teilzeitstelle begeht sie im Rahmen einer Fünf- Tage-Woche, wobei die Verteilung der Arbeitsstunden inklusive der 73 Arbeit an den Wochenenden im Rahmen eines Systems aus Vor- und Nachmittagsschichten variiert (vgl. S S2, Z4–12). Frau S. macht insofern Angaben über die Organisation und Struktur der Einrichtung, als dass sie berichtet, dass in der Einrichtung 74 Bewohner*innen verteilt auf drei Wohnbereiche leben (vgl. S S2, Z16–19). Dem Sozialen Dienst gehörten neben der Sozialdienstleitung und ihr selbst ein Ergotherapeut und sieben Betreuungsassistent*innen an (vgl. S S3, Z53–54). Durch die insgesamt zehn Mitarbeiter*innen könne meist jeder Wohnbereich in der Vormittags- und Nachmittagsschicht abgedeckt werden (vgl. S S5, Z114–16). Aus der Aussage von Frau S. sticht hervor, dass die Arbeit der Betreuungsassistent*innen durch den MDK extern vorgegeben werde, um den Anspruch der Bewohner*innen auf die tägliche Betreuung zu gewährsleisten, während der Soziale Dienst seine Angebote „ein Stück drum rum“ (vgl. S S5, Z122) plane. Frau P. arbeitet mit Jahren13 vergleichbar lange in der Einrichtung wie Frau S. Pflegefachkraft ist sie insgesamt seit 14 Jahren. Nach ihrer Einstellung in der Einrichtung als Pflegefachkraft wechselte sie zweimal zwischen der Stelle der Wohnbereichsleitung und der Pflegfachkraft, bevor sie Pflegedienstleitung wurde. Sie hat somit sowohl die Perspektive der praktisch tätigen Fachkraft als auch der planend/koordinierend tätigen inne (vgl. P S2, Z6–21). Die Maßnahmen und Aufgabenbereiche, für die sich Frau S. als zuständig beschreibt, sind zum einen solche, die den Aspekt der Planung und Steuerung innehaben. Dazu zählen beispielsweise die Erstellung des Wochenplanes im Zusammenhang mit der Koordinierung externer und der Integration interner, also vom Sozialen Dienst ausgehender Angebote. Auch an dieser Stelle erläutert Frau S., dass externe Angebote mit feststehenden Terminen wie z. B. Gottesdienste in den Wochenplan aufgenommen und erst daraufhin die internen Angebote angegliedert werden (vgl. S S5–6, Z122–130). Neben der Planung übergreifender Angebote nennt Frau S. die individuelle Planung des Betreuungsverlaufes für die einzelnen Bewohner*innen und die Begutachtung der Arbeit der Betreuungsassitsent*innen als ihre Aufgabenbereiche (vgl. S S2, Z25–30; vgl. S S2, Z22– 25). Zudem findet im Rahmen der von ihr durchgeführten Maßnahmen ein Direkter Kontakt zu Bewohner*innen statt, der durch Einzelkontakte und die Durchführung von Gruppenangeboten geprägt 13 Die Anzahl der Jahre, die die Pflegefachkraft in der Einrichtung arbeitet, wurde anonymisiert, um durch die von der Pflegefachkraft im Interview erwähnte Dauer der Existenz der Einrichtung nicht auf Namen oder Standort der Einrichtung schließen zu können. 74 ist. Während die Betreuungsassistent*innen laut Frau S. vermehrt die niedrigschwelligen Angebote durchführen, liegt ihre Verantwortungsdimension darin, mit ihren Angeboten die orientierten Bewohner*innen anzusprechen (vgl. S S6, Z128–129). Insgesamt sei sie für zwei von drei Wohnbereichen und somit für etwa 52 Bewohner*innen zuständig (vgl. S S2, Z19– 20). Frau P.s Aufgaben sind geprägt von Planung und Steuerung. In ihrer Zuständigkeit für den gesamten Pflegebereich sieht sie sich insbesondere für die Personalplanung, die Prüfung von Dienstplänen und die Risikobewertung der Einrichtung verantwortlich. Ein direkter Kontakt zu Bewohner*innen findet vor allem in den Pflegevisiten, aber auch durch ihre gelegentliche Aushilfe als Pflegefachkraft auf den Wohnbereichen statt (vgl. P S3–4, Z38–65). Das Augenmerk von Frau P. in Bezug auf ihre Aufgaben liegt vor allem auf der indirekten Arbeit für die Bewohner*innen. Sie umschreibt als Grundlage für die Zufriedenheit der Bewohner*innen eine gelingende Personalplanung und -kommunikation (vgl. P S4, Z81–86). Auch Frau S. plant und strukturiert ihre Arbeit, ihr Fokus liegt jedoch auf dem direkten Kontakt zu den Bewohner*innen. Dies deutet sich durch die Anzahl der Textstellen an, die den jeweiligen SK zugeordnet wurden. Während die SK Direkter Kontakt zu Bewohner*innen bei Frau S. fünfmal codiert wurde, war dies bei Frau P. dreimal der Fall. Bei der SK Planung und Steuerung liegt die geringfügige Differenz zwischen vier Codings bei Frau P. und drei Codings bei Frau S. Zielsetzungen der Arbeit Als zentrale Persönliche und Fachliche Zielsetzung setzt sich Frau S. zum einen „[…] den Bewohner hier zu begleiten, die letzte Phase seines Lebens, um ihm das dabei so angenehm […] wie möglich zu machen und ihn so zu belassen, also weniger mit dem Ziel, was verändern zu wollen […]“ (S S3, Z58–61), zum anderen betont sie das Ziel, die individuellen Bewohner*innen im Zusammenhang zur Gesamtgruppe der Bewohner*innen zu betrachten. Die Selbstständigkeit und vor allem die Selbstbestimmung der Bewohner*innen werden von ihr darüber hinaus als zentrale Zielsetzungen ihrer Arbeit genannt (vgl. S S4, Z74–87). Frau S. beschreibt als ihre Strategien zur Zielerreichung, dass sie sowohl Möglichkeiten für die Bedürfnisbefriedigung der Bewohner*innen auf 75 individueller als auch auf der Gruppenebene zu finden versucht. Den engen Kontakt der Betreuungsassistent*innen zu den Bewohner*innen wertet sie als hilfreich, um daraus Schlüsse für ebendiese Bedarfe der Bewohner*innen zu ziehen (vgl. S S4, Z90–94). Die Persönlichen und fachlichen Zielsetzungen von Frau P. weisen Gemeinsamkeiten zu den von Frau S. genannten auf. Frau P. zielt darauf ab, die Bewohner*innen in den Fokus zu rücken und jeder oder jedem Einzelnen von ihnen „größtmögliches Wohlbefinden“ (P S4, Z70) und „Selbstbestimmtheit“ (P S4, Z81) zu ermöglichen. Letzterer Begriff rückt insofern besonders in den Fokus, da er ebenfalls von Frau S. als Zielsetzung genannt wird. Frau P. orientiert sich darüber hinaus an dem Leitspruch des Zuhauseseins in der Einrichtung. Sie distanziert sich damit von einer Durchführung der Pflege, bei der die Bedürfnisse der Bewohner*innen nicht geachtet werden (vgl. P S4, Z69–86). Als Strategien zur Zielerreichung gibt sie hauptsächlich solche auf kommunikativer Ebene an. Absprachen mit Mitarbeiter*innen in Übergaben der Pflege und darüber hinaus hebt sie ebenso hervor wie den Austausch mit Mitarbeiter*innen der Bereiche außerhalb der Pflege (vgl. P S5, Z94–108). Bedürfnisse der Bewohner*innen Die HK Bedürfnisse der Bewohner*innen wurde im Transkript des Interviews mit Frau S. vierzehnmal und somit um sechs Codings häufiger vergeben als im Transkript des Interviews mit Frau P. Mit neun Codings fallen auf die SK Anpassungen an Bedarfe die meisten Codings in Bezug auf das Interview mit Frau S. In dieser SK finden sich einige Redundanzen im Verlaufe des Textes, was jedoch nicht ausschließlich als Einschränkung der Bedeutung der Häufigkeit, sondern viel mehr als Betonung der Relevanz der Thematik anzusehen ist. Frau S. erwähnt mehrmals die Abstimmung der Angebotsplanung und der Bedürfnisse der Gesamtgruppe auf die individuellen Bedarfe der Bewohner*innen. In diesem Zusammenhang nennt sie sowohl die Anpassung der gesamten Angebotsstruktur an die aktuellen Interessen und Möglichkeiten der Bewohner*innen im allgemeinen als auch die Planung der Betreuung im Sinne eines Abgleiches der Bedürfnisse mit den Möglichkeiten der Befriedigung dieser im individuellen Kontext (vgl. S S4–5, Z95–100; vgl. S S4, Z65–67). Frau P. beschreibt im Hinblick auf die Arbeit des Sozialen Dienstes ebendiese Anpassung insofern, als dass die Betreuung der Bewohner*innen in der von ihnen gewünschten Form stattfinden sollte (vgl. 76 P S9, Z236–238). Im Unterschied zu einer Anpassung der Maßnahmen an die Bewohner*innen zeigt sie jedoch auch auf, dass ebenso eine umgekehrte Anpassung der Bewohner*innen an die Regeln des Hauses von Bedeutung ist. Im Beispiel der Bewohnerin des spezifischen Falles deutet sie diese Regeln als Bedürfnis der Bewohnerin selbst (vgl. P S23, Z317–323). Sowohl Frau S. als auch Frau P. machen Aussagen über die Werte und Emotionen, die sie den Bewohner*innen bzw. einzelnen Bewohner*innen zuschreiben. Von Frau S. benannte Emotionen sind zum einen negativ konnotierte wie Hilflosigkeit, Angst, Wut und Verletztheit (vgl. S S8, Z191; vgl. S S23, Z675). In Bezug auf den spezifischen Fall schildert sie zudem Aufgebrachtheit (vgl. S S18, Z516). Im Gegensatz dazu erläutert sie anhand des Beispiels einer an Demenz erkrankten Person eine Art des Ruhens in sich selbst. „[…] ich finde es immer schön, wenn ich das Gefühl habe, der Mensch ist rund in sich (I: Ja). Egal, ob dement oder nicht, es gibt auch durchaus, haben wir einige, die wohnen in der Demenz, die finde ich aber in sich rund, wo ich denke ,Ja, die sind in einer völlig anderen Welt, aber wo immer die da sind, geht es ihnen da im Moment auch gut‘ “ (S S8, Z193–198). Ein zentraler Wert, der von Frau S. genannt wird, ist die Selbstbestimmung (vgl. S S4, Z74). Auch Frau P. greift diesen Begriff auf. Diesen verbindet sie mit dem Beispiel einer Bewohnerin, die gegen ihren Willen auf Wunsch der Angehörigen Nahrung aufnehmen sollte. Statt des Prinzips „satt und sauber“ (P S4, Z73) schlägt Frau P. in einem fortgeschrittenen Abschnitt des Interviews die aktive Einbindung der Bewohner*innen und ihrer Grundbedürfnisse14, aber auch ihrer Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Einsamkeit vor (vgl. P S18, Z523–527). Als Bedürfnisse letzteren Kontextes nennt Frau S. sowohl die Einbindung der einzelnen Bewohner*innen in die Gesamtgruppe als auch die Notwendigkeit der Gesprächsführung zwischen Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes, insbesondere in dem spezifischen Fall (vgl. S S4, Z77; vgl. S S22, Z641–643). Zudem macht sie jedoch auch Aussagen darüber, dass ebenso das Recht auf ein Alleinsein 14 Unter diese Subkategorie fallen die Grundbedürfnisse Essen und Schlafen, die von Rieke neben den Bedürfnissen des Trinkens und der Elternbindung als die „frühen Grundbedürfnisse des Menschen“ (2015, S. 47) angenommen werden. 77 bei einigen Bewohner*innen als Bedürfnis im Zentrum steht (vgl.S S13, Z643–648). Wirkung „[…] für mich persönlich bedeutet Wirkung eigentlich, wenn ich ähm (.) nach Hause gehe und das Gefühl, ich bin zumindest irgendjemandem, bei irgendjemandem habe ich was erreicht und bin dem nahe gekommen. (I: Mhm) Ähm (.) Man kriegt ja hier definitiv ganz viel zurück. Das ist einfach so. Gerade im Sozialbereich kriegt man schon ganz viel zurück“ (S S6, Z153–157). Diese Aussage von Frau S. beinhaltet zum einen ihre Definition des Wirkungsbegriffes, zum anderen bildet sie einen für das gesamte Interview zentralen Wortstamm ab. Der Wortstamm ‚fühl‘ wird von Frau S. siebzehnmal genutzt, vierzehnmal davon durch die Verwendung des Wortes ‚Gefühl‘. Insbesondere ihre Beschreibungen der Feststellung von Wirkung bei dementen Bewohner*innen lassen sich in die SK ‚unsichtbare‘ Wirkungskriterien (vgl. S S7, Z165–167) einordnen. Um eine Wirkung durch ein Gefühl feststellen zu können, hebt Frau S. die Dauer der Beziehung zu den jeweiligen Bewohner*innen und die darauf beruhende Kenntnis über diese hervor. ‚Sichtbare‘ Wirkungskriterien sind für sie sowohl die visuell wahrnehmbare Relevanz, die das spezifische Angebot ‚Bingo‘ für die Bewohner*innen hat als auch verbale und nonverbale Äußerungen der Bewohner*innen (vgl. S S7, Z158–179). Das obenstehende Zitat lässt zudem eine Einordnung in die SK Wirkungsbeziehung und Wirkungsart zu. Frau S. beschreibt sich nicht nur selbst als Wirkende, sondern auch als Wirkungsempfangende (vgl. S S6, Z156– 157). Frau P. benennt als Wirkungsbeziehung und Wirkungsart des Sozialen Dienstes, dass die Mitarbeiter*innen dessen in Situationen greifen, wenn den Mitarbeiter*innen der Pflege die Zeit fehlt, um auf Bewohner*innen intensiv eingehen zu können (vgl. P S7, Z164–174). Entgegen vorheriger Erwartungen nimmt Frau P. außer strukturellen Veränderungen wie der Notwendigkeit des Transportes bestimmter Bewohner*innen durch die Pflege zu den Angeboten des Sozialen Dienstes keinen weiteren direkten Einfluss dieser auf die Tätigkeit in der Pflege wahr (vgl. P S10, Z251–257). Frau P. äußert, mit ihrer Arbeit Zufriedenheit bei ihren Mitarbeiter*innen und den Bewohner*innen bewirken zu wollen. ‚Sichtbare‘ Wirkungskriterien lassen sich in ihren Ausführungen durch verbale Rückmeldungen auf der Mitarbeiter*innenebene, aber auch auf der Ebene der Einrichtung wiederfinden. Ein Abgleich mit 78 anderen Einrichtungen fußt hier auf Gesprächen mit Mitarbeiter*innen von Zeitarbeitsfirmen sowie mit Bewerber*innen (vgl. P S6, Z113– 142). Die Relevanz von Gesprächen hebt Frau P. ebenso in Bezug auf die Bewohner*innen hervor. Neben spontanen, nicht regelgeleiteten Gesprächen zieht sie insbesondere Erkenntnisse aus den Pflegevisiten zur Beurteilung der Wirkung heran (vgl. P S6–7, Z151–158). Ebenso wie Frau S. beruft sich Frau P. auf ihr Gefühl, um die Wirkung der Arbeit des Sozialen Dienstes zu beschreiben. „Wenn die gut gelaunt und gut gestimmt, ne, also die Angebote wie jetzt, gerade wenn so Singen oder so also es ist immer viel mit (.) mit Spaß verbunden (I: Mhm), habe ich immer das Gefühl, wenn ich mal so vorbeigehe und da gerade ein Angebot ist“ (P S10, Z267–270). Erfolg Codesystem Frau S. Frau P. ∑ Summe HK 5 Erfolg 2 4 6 SK 5.1 Erfolgsbegriff 0 2 2 SK 5.2 ‚Sichtbare‘ Erfolgs(anti-)kriterien 2 7 9 SK 5.3 ‚Unsichtbare‘ Erfolgs(anti-)kriterien 4 1 5 SK 5.4 Sonstiges Erfolg 1 0 1 Summe 9 14 23 Abb. 4 Code-Matrix zur HK Erfolg und den zugehörigen SK (eigene Darstellung) Anhand von Abbildung 4 wird die Verteilung der Codings für die HK Erfolg und die einzelnen SK veranschaulicht. Auffallend ist dabei, dass bei Frau P. mit sieben Codings in der SK ‚Sichtbare‘ Erfolgs(anti-)kriterien eine höhere Anzahl an Codings zugeordnet werden konnte als bei 79 Frau S., während sich das umgekehrte Verhältnis in Bezug auf die SK ‚Unsichtbare‘ Erfolgs(anti-)kriterien abbildet. Frau S. äußert zunächst, dass sie Erfolg bzw. Misserfolg in Bezug auf die Gefühlsebene festmacht und bezeichnet auf dieser Grundlage eine Spezifizierung weiterer Erfolgskriterien als schwierig. Schließlich nennt sie jedoch als ‚Sichtbare‘ Erfolgskriterien nonverbale und verbale Äu- ßerungen von Bewohner*innen (vgl. S S8, Z204–212). Sie vergleicht die Möglichkeiten der Pflege und des Sozialen Dienstes, ihre jeweiligen Erfolge anhand von Skalen und Dokumentationen festzuhalten. Die Anwendbarkeit einer Art „Zufriedenheitsskala“ (S S9, Z224) – in Anlehnung an die Schmerzskala aus dem Pflegebereich – zweifelt sie als Messinstrument für den Erfolg der Arbeit des Sozialen Dienstes an. Aus den Dokumentationen über die Häufigkeit, mit der die Bewohner*innen bestimmte Angebote besuchen, wäre laut Frau S. höchstens die Erkenntnis über einen „Einheitswert“ (S S8, Z214) möglich. Dennoch bezeichnet Frau S. die Entwicklung persönlicher Kriterien für den Arbeitserfolg als wichtig (vgl. S S9, Z228–231). Frau P. beschreibt als Erfolgsbegriff des Sozialen Dienstes eine Betreuung der jeweiligen Bewohner*innen gemäß deren persönlichen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen (vgl. P S9, Z236–239). Als Beispiel für einen Erfolg nennt sie zudem die Integration eines zurückgezogenen Bewohners. Auch Frau P. gibt hier ‚unsichtbare‘ Erfolgskriterien an und lehnt die Bewertung des Erfolges anhand von Daten ab. „[…] das wäre ja auch ein Erfolg, den man irgendwo messen kann (I: Mhm). Jetzt nicht anhand von Daten, aber äh so emotional ist das ja dann auch schon ein Erfolg […]“ (P S22, Z655–657). Im Gegensatz dazu nennt sie die Maßnahmenplanungen der Pflegemitarbeiter*innen, die bspw. auf den Erfolg der Gewichtszunahme einer Bewohnerin abzielen, im Zuge nachprüfbarer Daten als der Bestimmung von Erfolg dienliche Instrumente (vgl. P S22, Z644–657). In die SK ‚Sichtbare‘ Erfolgs(anti-)kriterien lässt sich zudem Frau P.s Aussage über Gespräche als Mittel der Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes zur Feststellung der (Un-)Zufriedenheit der Bewohner*innen und somit des Erfolges bzw. Misserfolges dieser einordnen (vgl. P S9, Z236–243). Sie selbst macht ihren Erfolg darüber hinaus an den Fortschritten der Mitarbeiter*innen im Umgang mit einer objektiven Dokumentation fest (vgl. P S20, Z60–603). 80 Dokumentation In Bezug auf die SK Standardisierungsgrade, Gütekriterien und Abläufe können sowohl Frau S.s als auch Frau P.s Aussagen über das Schreiben der SIS® zu Beginn eines neuen Falles bzw. zum Zeitpunkt des Einzuges einer neuen Bewohnerin oder eines neuen Bewohners als Ausgangspunkt der Dokumentation (vgl. S S11, Z285; vgl. P S17, Z474–475) eingeordnet werden. Frau P. weist zudem darauf hin, dass dem Sozialen Dienst das Themenfeld Leben in sozialen Beziehungen zukommt. Sie äußert, dass dieses zwar eigenständig von den Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes ausgefüllt wird, der zuständigen Pflegefachkraft jedoch stets die Kontrolle und der Abgleich der Inhalte der einzelnen Dokumentations- bzw. Themenfelder obliegt (vgl. P S16, Z465–466). Das Berichteblatt, auf welchem laut Frau P. tagesaktuell das Befinden der Bewohner*innen dokumentiert wird, wird von Frau S. als gemeinsames Formular der Pflege und des Sozialen Dienstes beschrieben (vgl. S S21, Z612–615; vgl. P S16, Z465–466). Beide Interviewte geben an, dass die Form der Dokumentation auf dem Berichteblatt auf die Verschriftlichung von Besonderheiten und Abweichungen abzielt (vgl. P S16, Z445–447; vgl. S S15, Z438–439). Ebenso nennen Frau S. und Frau P. den Maßnahmenplan als auf den durch die Erstellung der SIS® und das Berichteblatt gewonnenen Erkenntnissen über die jeweiligen Bewohner*innen basierendes Formular. Beide betonen zudem die Offenheit des Maßnahmenplanes für an die jeweiligen Bewohner*innen angepassten Veränderungen (vgl. P S17, Z477–480; vgl. S S11, Z290–294). Die Relevanz der Belange der Bewohner*innen spiegelt sich auch in der von Frau S. beschriebenen Befragung anhand des Formulars zur Auswertung der Eingewöhnungsphase, welches sechs Wochen nach dem Einzug gemeinsam mit der oder dem jeweiligen Bewohner*in ausgefüllt werde, wider (vgl. S S11, Z303–308). Frau S. erwähnt eine Standardisierung der Dokumentation in der Form, dass der MDK eine erkennbare Abgrenzung der Maßnahmen des Sozialen Dienst und der Betreuungsassistent*innen auf dem Leistungsnachweis15 verlange (vgl. S S5, Z103). Entgegen der vorherigen Erwartung d. V. existieren laut Frau S. zwar standardisierte Kurzformen zur Beschreibung der Bewohner*innen-Aktivität, ein System aus festgelegten Begrifflichkeiten werde 15 Der Leistungsnachweis ist ein Dokument, auf dem die Mitarbeiter*innen durch ihr jeweiliges Handzeichen die Durchführung einer Maßnahme – insbesondere der Maßnahmen, die im Maßnahmenplan festgehalten sind – dokumentieren. 81 jedoch nicht verwendet. Vielmehr entwickele jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter ihren bzw. seinen eigenen Schreibstil. Auch die Verwendung der direkten, wörtlichen Zitate hebt sie hervor (vgl. S S15, Z421– 437). Dies geht konform mit den von Frau P. benannten Gütekriterien der objektiven Schreibweise und des Schreibens der Dokumentation während bzw. nach einem direkten Gespräch mit den Bewohner*innen. Ihr Anspruch an die Mitarbeiter*innen, „[…] sich wirklich mal die Zeit zu nehmen (I: Mhm) und sich eine Viertelstunde, das reicht schon völlig aus, sich einfach mal zu dem Bewohner hinzusetzen und dem zuzuhören […]“ (P S22, Z622– 624) steht ebenso im Kontrast zu den aus beiden Interviews gewonnenen Aussagen zur SK Dokumentationsökonomie wie Frau S.s Angabe kaum existierender Standardisierungsmaßnahmen. Es fehlt laut Frau S. sowohl die Zeit zum Verfassen als auch zum Lesen langer Texte (vgl. S S9, Z248–251). Im Kontext des Arbeitsfeldes der Pflege sei eine schnelle Erfassung der Textinhalte relevant. Frau S. fasst dies unter der Äußerung: „Es ist Pflege, es ist ganz kurz und ganz knackig“ (S S17, Z476–477), zusammen. Ebendiese Schnelligkeit und Knappheit scheinen in Zusammenhang mit den die Dokumentationen betreffenden Herausforderungen zu stehen. Frau S. äußert, dass im Rahmen der Dokumentation lediglich Ausschnitte der Realität wiedergegeben werden können (vgl. S S9, Z232–234). Die Vielschichtigkeit „zwischenmenschlicher Gefühlsebenen“ (S S17–18, Z501–502) wiederzugeben sei in Textform nicht möglich. Über direkte Kommunikation sieht sie dagegen die Möglichkeit gegeben, „mehr Text“ (S S17, Z497) unterzukriegen. Kritisch betrachtet sie zudem die direkte Bewertung des Zustandes der Bewohner*innen bei deren Einzug. Sie äußert, dass diese zu diesem Zeitpunkt teilweise überfordert sind und eine Einschätzung der Bewohner*innen nicht vorschnell getroffen werden sollte, um Fehlurteile zu vermeiden (vgl. S S10, Z254–269). Eine korrekte Wiedergabe der Hintergründe des Verhaltens von Bewohner*innen durch eine schriftliche Dokumentation betrachtet sie ebenso als Schwierigkeit wie die unreflektierte Annahme biographischer Informationen über Bewohner*innen, die von außen an sie herangetragen werden (vgl. S S19, Z540–543; vgl. S S24, Z689–694). Besonders hervorstechend und von der 82 Interviewten eigeninitiativ am Ende des Interviews angesprochen ist der Machtaspekt, der laut Frau S. in der Dokumentation liegt. „Also ich finde, das, was man geschrieben hat, das steht da ja auch erst einmal und das lesen auch ganz viele andere (I: Ja) Menschen. (.) Ja? Und gerade im Sozialen Dienst erfahren Sie auch oft Sachen, die schon sehr privat sind (I: Mhm), ne, bei näheren Beziehungen oder es sind ja auch sowieso sehr gefühlslastige Geschichten (.) […] Ist der eine Punkt, möchten (..) (I: Mhm) die Betreuten vielleicht alle, dass es jeder weiß?“ (S S25, Z737–744). In der SK Sonstiges Dokumentation wird die Aussage Frau S.s eingeordnet, dass sie besonders private Äußerungen, die sie für nicht dokumentierungspflichtig hält, nicht dokumentiert (vgl. S S26, Z755–758). Auch Frau P. beschreibt den Machtaspekt auf Nachfrage hin ähnlich. Eine zu wertende Schreibweise birgt laut ihr die Gefahr der vorschnellen Urteilsbildung über einen Menschen (vgl. P S19, Z548–550). Trotz dieser Herausforderungen benennen beide Interviewte Sinn und Funktionen der Dokumentation. Frau P. äußert sich positiv darüber, dass die Bewohner*innen im Zentrum der Dokumentation stehen (vgl. P S21, Z630–631). Frau S. fügt hinzu, dass durch Dokumentationen au- ßerdem gesichert werden kann, dass allen Bewohner*innen Betreuung zukommt (vgl. S S16, Z441–443). Zudem umschreibt sie mit der Aussage „es nutzt ja nicht nur das Schreiben“ (S S15, Z434) die kommunikative Funktion der Dokumentation und bezieht sich auf das Formular zur Auswertung der Eingewöhnungsphase, wenn sie die Funktion der Dokumentation als Evaluationsbasis erläutert. Insbesondere bei dem spezifischen Fall seien Entwicklungen durch die Berichteblätter nachzuvollziehen (vgl. S S21, Z610–614). Evaluation Die Interne Evaluation zwischen/durch interne Mitarbeiter*innen geht aus den Aussagen von Frau S. zum einen in Bezug auf die Beschreibung einer von ihr allein durchgeführten Auswertung der Dokumentationen über die von den jeweiligen Bewohner*innen besuchten Angebote und deren Gefallen daran hervor. Zum anderen betont sie die Relevanz von Gesprächen mit den Betreuungsassistent*innen, den Mitarbeiter*innen der Pflege und der Hauswirtschaft (vgl. S S10, Z276–282; vgl. S S13, Z360– 365). Ebenso wie Frau P. weist sie in diesem Zusammenhang auf die anlassbezogenen Fallgespräche zwischen der Pflege und dem Sozialen Dienst hin (vgl. S S13, Z368–369; vgl. P S18, Z507–514). 83 Frau P. beschreibt als von den Mitarbeiter*innen der Pflege positiv wahrgenommen, dass an pflegeinternen Teamsitzungen gelegentlich auch Mitarbeiter*innen des Sozialen Dienstes teilnehmen (vgl. P S18, Z514–517). Ebenso wie Frau S. zieht sie zu einem Vorher-Nachher-Abgleich einer bestimmten Maßnahme den Maßnahmenplan heran. Im Gegensatz zu Frau P., die Maßnahmen wie die Änderung des Gewichtes durch diesen für nachvollziehbar hält (vgl. P S22, Z647–651), wertet Frau S. die Abbildung einer Verhaltensänderung durch den Maßnahmenplan als Schwierigkeit (vgl. S S14, Z385–392). Diese Ansicht unterstützt Frau P. dadurch, dass sie Veränderungen auf der Verhaltens- bzw. der Gefühlsebene als nicht durch Daten messbar bezeichnet (vgl. P S21, Z651–657). Sowohl Frau P. als auch Frau S. legen Wert auf eine Interne Evaluation mit Beteiligung der Bewohner*innen. Dabei stehen sowohl bei Frau S. als auch bei Frau P. regelgeleitete Gespräche im Rahmen des Formulars zur Auswertung der Eingewöhnungsphase einerseits (vgl. S S12, Z320– 322) und der Pflegevisiten (vgl. P S6, Z151–153) andererseits im Fokus. Frau P. grenzt diese Regelgeleitetheit klar von den offenen Gesprächen im Alltag der Bewohner*innen ab (vgl. P S7, Z151–158). Eine Evaluation mit externer Beteiligung findet laut Frau S. durch den MDK statt (vgl. S S15, Z430–432). Bereichsübergreifende Beziehungen Die HK Bereichsübergreifende Beziehungen ist mit insgesamt 32 Codings die am häufigsten vergebene. 23 dieser Codings fallen in die SK Informativer und kommunikativer Austausch. Die Aussagen von Frau P. und Frau S., die dieser SK zugehörig sind, zentrieren sich um den verbalen und/oder schriftlichen Austausch zwischen Mitarbeiter*innen des eigenen Arbeits-, aber unterschiedlichen Verantwortungsbereiches oder zwischen Mitarbeiter*innen verschiedener Arbeitsbereiche. Insbesondere diese arbeitsbereichsübergreifende Form des Austausches wird von beiden mehrfach genannt und sticht somit heraus (vgl. S S16, Z464–467; vgl. P S18, Z520–523). Sowohl Frau S. als auch Frau P. benennen das Berichteblatt als Kommunikationsmedium zwischen der Pflege und dem Sozialen Dienst (vgl. S S21, Z612–615; vgl. P S16, Z465–466). Doch auch die verbale Kommunikation wird in Bezug auf organisatorische Absprachen im spezifischen Fall und Fallbesprechungen im Allgemeinen sowie die gegenseitige Unterstützung im Umgang mit Bewohner*innen von beiden in den Fokus gerückt (vgl. S S3, Z42–45;vgl. P S8, Z188–189). 84 Im Kontext der Praktischen Zusammenarbeit beschreibt Frau P. es als „wichtig, dass man dann auch direkt Hand-in-Hand arbeitet“ (P S10, Z275–276). Dies beschreibt sie sowohl in Bezug die Hilfestellungen, die die Mitarbeiter*innen der Pflege denen des Sozialen Dienstes leisten können als auch im Hinblick darauf, dass Letztere eingreifen, wenn die Mitarbeiter*innen „der Pflege das in dem gar nicht so können“ (P S7, Z166–167). Hier bezieht sie sich auf das Beispiel der Betreuung palliativersorgter Bewohner*innen, deren Begleitung im Rahmen der Pflege nicht möglich sei. Dass die Mitarbeiter*innen der Pflege eher „stur nach System“ (P S10, Z258) arbeiten und im Gegensatz zum Sozialen Dienst ein geringeres Maß an Feingefühl (vgl. P S10, Z259) aufweisen, lässt Frau P. als ihre Sichtweisen in Bezug auf die Pflege und den Sozialen Dienst erkennen. Sie widerruft das Vorurteil der Einfachheit der Arbeit des Sozialen Dienstes und äußert stattdessen eine Nähe der Mitarbeiter*innen dessen zu den Bewohner*innen (vgl. P S9, Z228–232). In Bezug auf diese Nähe beschreibt sie sowohl die Vorteile eines breiteren Wissens über die Bewohner*innen generell als auch die Schwierigkeit der emotionalen Involviertheit von Frau S. im spezifischen Fall (vgl. P S9, Z222–236; vgl. P S14, Z386–391). Frau S. schreibt den Mitarbeiter*innen der Pflege, entgegen der Aussage von Frau P., jedoch ebenfalls eine enge Beziehung zu den Bewohner*innen zu, die durch die Kenntnis über alltägliche Belange dieser bestehe (vgl. S S23, Z662–664). Mit der Regelgeleitetheit der pflegerischen Abläufe, die Frau P. beschreibt, gehen die Aussagen von Frau S. konform. Sie beschreibt die Pflege im Gegensatz zur Arbeit des Sozialen Dienstes als anlassbezogener und anhand von Skalen in Messgrößen einfacher darstellbarer sowie eingrenzbarer in ihrer Thematik und somit auch in der Dokumentation (vgl. S S14, Z400–403; vgl. S S9, Z223– 228; vgl. S S16, Z456–457). Ganzheitliche Betrachtung Mit zwölf Codings fallen über die Hälfte der insgesamt im Rahmen der HK Ganzheitliche Betrachtung und den dieser zugehörigen SK vergebenen mit Codings der HK Spezifischer Fall uns dieser zugehörigen SK zusammen. Davon finden sich vier in dem codierten Text des mit Frau P. geführten Interviews, acht in dem des mit Frau S. geführten. In diesem Zusammenhang benennt Frau S. die Angehörigenbeteiligung, genauer die des Sohnes als schwierig, die Mutter wolle ihren Sohn nicht involvieren (vgl. S S23, Z670–671). 85 Frau S. deutet dies jedoch als Persönliche Ressource der Bewohnerin um und schreibt ihr Selbstständigkeit und Strukturiertheit zu, macht diese Ressourcen jedoch auch abhängig vom gesundheitlichen Zustand der Bewohnerin (vgl. S S24, Z702–712). Frau P. äußert sich sowohl im Hinblick auf die Beziehung der Bewohnerin zu ihrem Sohn als auch auf ihre Persönlichen Ressourcen ähnlich wie Frau S. Die Bewohnerin sei „halt schon alleine“ (P S14, Z410), sei jedoch eine „starke Frau“ (P S15, Z417), die im Gespräch Durchsetzungsvermögen beweise (vgl. P S15, Z419–427). Die Defizite der Bewohnerin, die Frau P. nicht weiter ausführt, wertet diese als „nicht unbedingt immer negativ“ (P S15, Z416). Als Beispiel für die Angehörigenbeteiligung der sonstigen Bewohner*innen nennt Frau P. das einer fordernden Ehefrau eines Bewohners, mit welcher Frau P. zunächst ein konfliktbehaftetes Verhältnis gehabt habe, bevor sie ihr vermittelt habe, dass beide die Zielsetzung des Wohlbefindens des Bewohners verfolgen. Auch Frau S. umschreibt ihre „Mittlerfunktion“ (S S23, Z673), die sie zwischen Bewohner*innen und deren Angehörigen einnehme, als schwierig und warnt davor, sich in Konflikten auf eine Seite zu schlagen. Sie betont die Angehörigenbeteiligung als wichtig für ihre Arbeit, insbesondere im Umgang mit nicht orientierten und/oder dementen Bewohner*innen. In diesen Fällen habe sie „deutlich mehr Kontakte zu Angehörigen“ (S S22–23, Z665–666), was ihr insbesondere in Bezug auf Hintergrundwissen zu Biographien der jeweiligen Bewohner*innen helfe. „[…] die Angehörigen ähm, die gibt natürlich viele, die sehr häufig kommen, das ist für uns auch immer toll. Also gerade da, wo es ein gutes Verhältnis gibt (I: Ja). Ist, das ist natürlich wunderbar, das ist für die Bewohner toll, das ist für uns schön (Mhm). […] die Angehörigen spielen natürlich eine (.) entscheidende Rolle, gerade auch ähm bei dementen Bewohnern überhaupt was von der Vorgeschichte zu wissen.“ (S S23, Z656–666). Im Umgang mit biographischen Angaben und/oder solchen über die Vorlieben der Bewohner*innen, die von Angehörigen gemacht werden, sei jedoch stets Sensibilität notwendig, um den aktuellen Stand der jeweiligen Bewohner*innen nicht durch ggf. nicht (mehr) gültige Informationen in den Hintergrund zu rücken (vgl. S S24, Z813–824). 86 Aus der Zusammenstellung und dem Vergleich der Texte, deren Grundlage die Interviews mit Frau S. und Frau P. sind, gehen insbesondere die im Folgenden zusammengefassten Ergebnisse hervor: Der Spezifische Fall wird sowohl in Bezug auf die Ausgangssituation und Problemstellung als auch die Entwicklung und den aktuellen Stand von beiden Interviewten ähnlich beschrieben. Obwohl oder gerade weil Frau S. und Frau P. für unterschiedliche Maßnahmen und Aufgabenbereiche zuständig sind, betonen beide den Wert der Bereichsübergreifenden Beziehungen in Form von schriftlicher Kommunikation – beispielsweise durch das Berichteblatt – und einem verbalen Austausch untereinander – insbesondere in Bezug auf gemeinsame Fallbesprechungen. Die Zielsetzungen der Arbeit von Frau P. beziehen sich zwar zunächst auf ihre Aufgabe der Personalkoordination, decken sich schließlich aber mit Frau S. s Ansicht, dass das Wohlbefinden der Bewohner*innen im Zentrum steht. Als Strategien zur Zielerreichung nennen beide den Austausch zwischen den Mitarbeiter*innen. Der aus der Auswertung der Interviews mit Frau S. und Frau P. als eines der Bedürfnisse der Bewohner*innen besonders hervorgehende Begriff der Selbstbestimmung findet sich unter anderem auch in der Definition des Erfolgsbegriffes für die Soziale Arbeit, speziell für den Sozialen Dienst der stationären Altenpflegeeinrichtung durch Frau P. wieder. Ebenso wie Frau S. beschreibt sie den Erfolg einer Verhaltensänderung durch die Arbeit des Sozialen Dienstes als weniger durch Daten als vielmehr durch Emotionen nachvollziehbar. In Bezug auf die HK Wirkung und Erfolg steht neben diesen ‚unsichtbaren‘ Erfolgs(anti)kriterien und Wirkungskriterien bei beiden Interviewten der direkte Kontakt mit den Bewohner*innen als ‚sichtbares‘ Erfolgs(anti)kriterium bzw. Wirkungskriterium im Fokus. Frau S. ergänzt neben der verbalen Ebene dieser Kriterien die nonverbale Verhaltensebene als maßgebend. Ebendieses Bild der Relevanz von Gesprächen, insbesondere auch zwischen den Arbeitsbereichen, zieht sich durch die HK Evaluation. Als Grundlage dieser werden jedoch von Frau S. und Frau P. auch Teile der Dokumentation wie z. B. der Maßnahmenplan genannt. Dieser wiederum basiert laut Frau P. auf den im Rahmen des Berichteblattes tagesaktuell erfassten Erkenntnissen. Sowohl Frau S. als auch Frau P. nennen neben Herausforderungen der Dokumentation – wie der Macht über die Person, die Inhalt der 87 Dokumentation ist und der Wertung durch nicht objektive Verschriftlichungen – ebenso Gütekriterien. Dass von Frau P. genannte Gütekriterium der detaillierten, objektiven Beschreibungen fällt ebenso wie Frau S.s Forderung nach der Verwendung der wörtlichen Rede in den Kontext des Versuches, der Realität mit der Dokumentation möglichst nahe zu kommen. Aus dieser kurzen Zusammenfassung geht insbesondere die Zentralität der verbalen und nonverbalen Kommunikation hervor. Dass ein Austausch über die Arbeitsbereiche hinweg dabei in einem besonderen Fokus steht, macht Abbildung 5 deutlich. Aus einer Code-Relations-Matrix hervorgehende Überschneidungen aller HK und SK wurden die sechs auffallendsten HK ausgewählt und in einem Code-Überschneidungs-Modell dargestellt. Die Stärke der Verbindungslinien deutet hierbei die Häufigkeit der jeweiligen Überschneidungen der HK in den Textsegmenten an. Besonders hervorstechend sind mit 15 Überschneidungen der Zusammenhang zwischen Dokumentation und Bereichsübergreifende Beziehungen sowie mit sechs Überschneidungen die HK Bereichsübergreifende Beziehungen und Evaluation. Auch die Relevanz der Dokumentation für die Erfassung des Erfolges und die Evaluation ist aus dieser Ansicht heraus nachvollziehbar. Dass ein Erfolg von der Ganzheitlichen Betrachtung geprägt ist, macht die Verbindung der Kategorien miteinander deutlich. Auffallend ist zudem, dass die HK Wirkung weder mit der HK Erfolg noch mit der HK Dokumentation verbunden ist. Ersteres ergibt sich daraus, dass Wirkung und Erfolg begrifflich in den Fragen der Interviews voneinander getrennt und somit auch getrennt codiert wurden. Dennoch fällt auf, dass sich die Beschreibungen und Definitionen von Wirkung und Erfolg teils ähneln, da beide Interviewte Wirkung ebenso wie Erfolg mit positiven Veränderungen konnotieren (vgl. P S5, Z112– 117; vgl. P S9, Z236–241 und S S6, Z153–156; vgl. S S8, Z204–206). 88 Abb. 5 Code-Überschneidungs-Modell (eigene Darstellung mithilfe von MAXQDA Analytics Pro 2018) Wie diese Zusammenhänge und die obigen, aus der Auswertung gewonnenen zentralen Ergebnisse in den Hintergrund bestehender Theorie und im Hinblick auf die Beantwortung der leitenden Fragstellung dieser Arbeit einzuordnen sind, wird im Folgenden anhand aus der Forschung generierter Thesen diskutiert.

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References

Abstract

“Ask your social worker about risks and side effects.“ Few social welfare institutions would take such a slogan on. The answers to questions about measurability, attribution or - quite fundamentally - the definition of effect in social work seem to be too vague and too numerous. Nevertheless just in view of the increasing need for the legitimisation of the professional status of social work a further scientific foundation of the effectiveness debate is indispensable. This book contains both an overview of the current state of impact research as well as a transfer of the topic into the field of action of social work for the elderly. The results of the qualitative research based on this open the debate on the impact to the core element of the profession: Co-production as a negotiation process between the actors involved.

Zusammenfassung

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sozialarbeiterin oder Ihren Sozialarbeiter.“ Einen solchen Slogan würden sich wohl die wenigsten Einrichtungen des Sozialwesens auf die Fahne schreiben. Zu vage und zu zahlreich scheinen Antworten auf Fragen nach der Messbarkeit, der Attribution oder – ganz grundlegend – der Definition von Wirkung in der Sozialen Arbeit. Doch gerade im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit der Legitimation des Professionsstatus der Sozialen Arbeit kann auf eine weitergehende wissenschaftliche Fundierung der Wirkungsdebatte nicht verzichtet werden. Dieses Buch beinhaltet sowohl einen Überblick über den aktuellen Stand der Wirkungsforschung als auch eine Übertragung der Thematik in das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der darauf basierenden qualitativen Forschung öffnen die Wirkungsdebatte für das Kernelement der Profession: Die Ko-Produktion als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteur*innen.