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4. Wirkungsvisualisierung durch Dokumentationen – Eine einblickgebende Studie in:

Sarah Dregger

Wirkung durch Dokumentationen visualisieren, page 57 - 68

Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4382-0, ISBN online: 978-3-8288-7366-7, https://doi.org/10.5771/9783828873667-57

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
57 4. Wirkungsvisualisierung durch Dokumentationen – Eine einblickgebende Studie Im Kontext der evidenzbasierten Wirkungsforschung nimmt das im Folgenden dargestellte Forschungsvorgehen ein geringes Evidenzlevel ein (siehe Kapitel 2.3 dieser Arbeit). Die durchgeführte Einzelfallstudie hat weder einen repräsentativen Charakter noch können durch die erhobenen Daten Aussagen über die Auftrittswahrscheinlichkeit spezifischer, durch ausgewählte Tätigkeiten ausgelöste Wirkungen gemacht werden. Dieser Anspruch wurde im Rahmen der vorliegenden Arbeit jedoch von Beginn an nicht erhoben. Ziel dieser Studie ist es vielmehr, einen tiefergehenden Einblick in die Perspektiven von Fachkräften unterschiedlicher, aber in einem Handlungsfeld anzufindender Arbeitsbereiche zu erlangen und sich somit der eingangs eingeführten Fragestellung (Inwiefern sind Dokumentationen des Sozialen Dienstes einer stationären Altenpflegeeinrichtung geeignet, um die Wirkung der Sozialen Arbeit innerhalb dieses Handlungsfeldes sichtbar zu machen? Welche Kriterien für die Wirkung der Sozialen Arbeit sind dabei einerseits aus der Perspektive dieser selbst und andererseits vom Standpunkt der Pflege aus maßgebend?) anzunähern. Auf dieser Basis wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, das zwar auf bestehenden Theorien fußt, jedoch „die Befragten in ihren eigenen Worten und Nuancierungen sprechen“ (Kuckartz 2012, S. 114f.) lässt, um einen tieferen, individuellen Einblick in die Wirkungsthematik zu erlangen (siehe Kapitel 4.3 dieser Arbeit). 4.1 Der Zugang zum Feld, die Struktur des Samplings und damit verbundene Herausforderungen Die aktive Suche nach einem Zugang zum Forschungsfeld begann bereits im Dezember 2017 mit der Kontaktaufnahme zu mehreren Einrichtungen der stationären Altenpflege in Nordrhein-Westfalen (auf eine namentliche Nennung der Städte und Einrichtungen, in denen der Feldzugang vorrangig gesucht wurde, wird an dieser Stelle aus datenschutzrechtlichen Gründen verzichtet). Zunächst war eine trianguläre Forschungsstudie angedacht.7 Der Fall einer Bewohnerin oder eines Bewohners einer stationären Altenpflegeeinrichtung sollte dabei im Zentrum eines Expert*inneninterviews mit einer sozialarbeiterischen Fachkraft, einem narrativen Interview mit einer Bewohnerin oder einem 7 Zur Triangulation vgl. Flick 2017, S. 519f. 58 Bewohner und der Analyse der über diese oder diesen von der interviewten Fachkraft angefertigten Dokumentationen stehen. Einige der zuvor kontaktierten Einrichtungen fielen aus dem Grund aus der Auswahl, dass sie innerhalb des Sozialen Dienstes keine Sozialarbeiter*innen, sondern Fachkräfte anderer Berufsgruppen mit somit divergenten Ausbildungshintergründen beschäftigten. Für die vorliegende Arbeit ist es jedoch im Hinblick auf die leitende Fragestellung, die insbesondere in einem professionsbezogenen Kontext steht, von Bedeutung, explizit eine Fachkraft der Sozialen Arbeit in die Forschung einzubeziehen. Ende Dezember 2017 fand sich schließlich eine Einrichtung, die diesen Anspruch erfüllte und zudem Interesse an der Forschungsteilnahme zeigte. Auf ein persönliches Treffen mit der Leiterin des Sozialen Dienstes der Einrichtung und einer Mitarbeiterin ebendessen folgten weitere Absprachen per E-Mail und Telefon. Die Kommunikation mit der Einrichtungsleitung und somit die Vermittlung mit dieser tätigte die Leiterin des Sozialen Dienstes. In dieser Form wurde die Einrichtungsleitung auch einbezogen, als die Absegnung der Einwilligungs- und Verpflichtungserklärungen, welche die Interviews und die Einsicht in die Dokumentationen betrafen, bevorstand. Aus dem Umstand heraus, dass die Einrichtung eigene, im Rahmen des Forschungsvorgehens nicht einhaltbare Datenschutzrichtlinien verfolgt und die der Forschung zugrundeliegenden Datenschutzrichtlinien wiederrum nicht ohne vorherige rechtliche Prüfung annehmen konnte, entwickelte sich eine Herausforderung. Die Empfehlung des Forschungsvorhabens an eine Bewohnerin oder einen Bewohner und somit die Beteiligung dieser Bewohnerin oder dieses Bewohners an einem Interview und der Offenlegung der Dokumentationen über diese oder diesen war aus Sicht der Zuständigen der Einrichtung im Rahmen der forschungsinternen Erklärungen nicht tragbar. Um schließlich eine Lösung für diese Herausforderung zu finden, wurde ein alternatives Forschungsdesign entwickelt, das sowohl mit der Zielführung dieser Arbeit als auch den Grundsätzen der Einrichtung übereinstimmte. Als beispielhaft zu beschreibender Fall war stets der einer Bewohnerin oder eines Bewohners der Einrichtung angedacht. Das Interview mit der Fachkraft der Sozialen Arbeit als Vertreter*in ihrer Fallgruppe blieb ebenfalls bestehen. Während jedoch von dem Interview und der Analyse der Dokumentationen über die Bewohnerin oder den Bewohner abgesehen wurde, erfolgte die Einbindung einer neuen Fallgruppe in das Forschungsvorgehen: Neben dem 59 Expert*inneninterview mit der Fachkraft der Sozialen Arbeit war es ein Ziel, durch die Hinzunahme eines Expert*inneninterviews mit einer Pflegefachkraft den bereits im für das Interview mit der Fachkraft der Sozialen Arbeit konzipierten Leitfaden aufgeführten Aspekt der bereichsübergreifenden Zusammenarbeit fokussierter aufzugreifen und somit einen mehrperspektivischen Blick auf den konkreten Fall zu erlangen. Die leitende Fragestellung wurde im Hinblick auf diese Änderungen des Forschungsvorgehens hin um die Frage, welche Kriterien für die Wirkung der Sozialen Arbeit aus der Sicht dieser selbst und vom Standpunkt der Pflege aus maßgebend sind, erweitert. Das Forschungsdesign einer Einzelfallstudie blieb bestehen, wurde jedoch um den Aspekt des Vergleiches „[s]pezifische[r] Inhalte des Expertenwissens mehrerer Personen“ (Flick 2017, S. 179) erweitert. Sowohl die Auswahl der Fallgruppe der Pflegefachkräfte als auch die der Fachkräfte der Sozialen Arbeit wurde als „Repräsentant eines spezifischen institutionellen Kontextes, […] einer spezifischen Professionalisierung […] [d. V.: und] als Repräsentant ausgebildeter Subjektivität“ [Hervorhebung im Original] (Flick 2017, S. 168f.) ausgewählt. Kurzbeschreibung der als Forschungsfeld ausgewählten stationären Altenpflegeeinrichtung und ihres Leitbildes:8 Den institutionellen Kontext dieser Forschung bildet eine stationäre Altenpflegeeinrichtung unter der Trägerschaft eines freien Wohlfahrtsverbandes. Vor dem Hintergrund, dass im Jahre 2016 51 % der stationären Pflegeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen gemeinnützigen Trägerschaften unterstanden, stellt die ausgewählte Einrichtung ein typisches Feld für die angestrebte Forschung im Sinne der Abbildung der praktischen Umstände des Handlungsfeldes dar. Mit etwas über 70 Zimmern, die hauptsächlich Einzelzimmer sind, liegt die Einrichtung unter dem durchschnittlichen Platzangebot gemeinnütziger Träger von etwa 84 Plätzen im Jahr 2016 (vgl. Meißner 2016). Die stationäre Altenpflegeeinrichtung liegt nahe dem Zentrum einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen und ist an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. In der Umgebung finden sich sowohl Einkaufsund Einkehrmöglichkeiten als auch Gotteshäuser evangelischer und 8 Hinweis: Die folgenden Informationen inklusive der zentralen Aspekte des Leitbildes wurden der Website der stationären Altenpflegeeinrichtung bzw. des Wohlfahrtsverbandes, dem diese angehört, entnommen. Um die Anonymität der stationären Altenpflegeeinrichtung und der Interviewpartnerinnen zu wahren, wird an dieser Stelle – ebenso wie im Literaturverzeichnis – auf die Angabe der Online- Quelle verzichtet. 60 katholischer Konfession. In der Einrichtung selbst werden Gottesdienste in der hauseigenen Kapelle ermöglicht. Neben dem anliegenden Garten stehen sowohl ein Restaurant als auch ein Friseur zur Verfügung. Den einzelnen Wohnbereichen – von welchen einer ein Wohnbereich speziell für an Demenz erkrankte Bewohner*innen ist – gehört jeweils eine Küche inklusive Esszimmer, ein Wohnzimmer und ein Bade-/Wellesszimmer an. Zudem finden sich in der Einrichtung Räumlichkeiten für Gruppenaktivitäten. Im Fokus des Leitbildes der Einrichtung stehen neben Wertschätzung, Würde und Respekt gegenüber den Bewohner*innen und zwischen den Mitarbeiter*innen Offenheit und Transparenz. Ein Führungsstil, der auf der kooperativen Zusammenarbeit zwischen Mitarbeiter*innen und Leitungspersonen baut, ist zudem Teil des übergeordneten Leitbildes des Wohlfahrtsverbandes. Die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Bewohner*innen werden von der Einrichtung als höchstes Ziel eingestuft, welches durch eine ganzheitliche Betreuung und einen personenorientierten Ansatz erreicht werden soll. Auf diesen aufbauend werden zudem die räumliche Ausstattung sowie die Qualität der alltäglichen Bedarfsdeckung in Form von Verköstigung und Wäscheservice als notwendige Bedingung für das Wohlbefinden der Bewohner*innen genannt. Im Rahmen des Qualitätsmanagements des gesamten Wohlfahrtsverbandes wird auf der Website auf die Durchführung von Audits, Mitarbeiter*innen- und Kundenbefragungen, das Angebot von Fortbildungen und regelmäßige Fachtreffen für die Leitungspersonen der einzelnen Dienste (beispielsweise Pflegedienstleitung und Sozialdienstleitung) hingewiesen. Die Professionalisierungsdebatte, die im Hinblick auf die wachsende Legitimationsnotwendigkeit der Sozialen Arbeit generell, aber auch im Handlungsfeld speziell an Bedeutung gewinnt, wurde bereits thematisiert. Durch das Forschungsdesign in Form der Wahl zweier Interviewpartner*innen unterschiedlicher Arbeitsbereiche wird hier an diesem Diskurs angeknüpft. Das Vorgehen bildet zudem die Basis für einen Einblick in mit dem professionellen Hintergrund verknüpfte, aber auch über diesen hinausgehende, persönliche „Wissensvorräte und d[ie] Ausbildung spezifischer Handlungs- und Erfahrungsweisen“ (Flick 2017, S. 169). Im Rahmen des Kerns dieser Forschung – den Expert*inneninterviews – sollen die genannte Aspekte Beachtung finden. Im Folgenden werden die Wahl und die Umsetzung der Erhebungsmethode und die daran anknüpfende Struktur der Leitfäden erläutert. 61 4.2 Das Expert*inneninterview als Erhebungsmethode einer bereichsübergreifenden Studie Ebenso wie die Struktur des Samplings und die damit verbundene Auswahl des konkreten Falles ist die Wahl der Forschungsmethodik auf die Beantwortung der Fragestellung ausgerichtet. Zudem generierten sich im Laufe der Entwicklung dieser Arbeit weitere, spezifische Forschungsfragestellungen, die durch die Leitfäden für die Expert*inneninterviews aufgegriffen wurden. Wie bereits im vorherigen Kapitel zum Feldzugang und zum Sampling erwähnt, wurden als Interviewpartnerinnen zwei Vertreterinnen ihres jeweiligen Arbeitsbereiches ausgewählt. Das Hauptinteresse liegt hierbei in den fachlichen Perspektiven auf die Wirkungsprozesse und -ergebnisse der Sozialen Arbeit. Zu diesem Zwecke erklärten sich zwei weibliche Fachkräfte – eine Pflegefachkraft und eine Sozialarbeiterin – zu einem Interview bereit. Zwar beinhaltet die Interviewführung – insbesondere im Zuge der Fallbeschreibung, ausgehend von der jeweiligen Interviewten – einen narrativen Aspekt. Zudem ist es nicht auszuschließen, dass sich – insbesondere bei Fragen nach Zielsetzungen und Erfolgskriterien – fachliche und subjektive Ansichten vermischen. Dennoch begründen die Relevanz des fachlichen Hintergrundes der Interviewten und das Ziel, spezifische Kernbereiche der Wirkungsthematik innerhalb eines vergleichenden, professionellen Kontextes zu erforschen, sowohl die Wahl eines freien, aber vorstrukturierten Leitfadeninterviews als auch tiefergehend die des Expert*inneninterviews (vgl. Gläser/Laudel 2010, S. 42). Die Erstellung der Leitfäden für ebendiese Interviews wurde an dem von Helfferich aufgeführten SPSS-Prinzip orientiert. Auf eine Sammlung jeglicher, forschungsbezogener Fragestellungen in Anlehnung an Literatur oder auch aus persönlichen Erfahrungen und Interessen heraus folgte eine Prüfung der Eignung dieser Fragen für das Forschungsvorhaben. Laut Helfferich sind in diesem Sinne solche Fragen zu streichen, die lediglich der Überprüfung von Vorannahmen und Faktenwissen dienen und somit offene, von der oder dem Interviewten ausgehende Erzählungen verhindern (vgl. Helfferich 2011, S. 182f.). In Bezug auf die Leitfäden der vorliegenden Forschungsarbeit wurden Faktenfragen zur Person zum Einstieg in das Interview beibehalten und als Übergang in Fragestrukturen über den Alltag der jeweiligen Expertin genutzt. Auf Grund dieser Einstiegsfragen entfällt zudem der soziodemographische Fragebogen, den Helfferich alternativ vorschlägt. 62 Im Anschluss an die Prüfung der jeweiligen Fragen ist der dritte Schritt nach Helfferich die Sortierung dieser, der vierte die Subsumtion (vgl. Helfferich 2011, S. 185). Im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit sind diese Schritte jedoch in umgekehrter Reihenfolge angewandt worden. Nach der Prüfung der jeweiligen Fragen fanden zunächst Reformulierungen und Zusammenfassungen dieser einzelne Themenkomplexe umfassenden Fragestellungen statt. Diese Themenkomplexe sind eine Basis für die Bildung des Kategoriensystems der nachfolgend erläuterten Auswertungsmethode. Sowohl der Leitfaden für das Interview mit der Sozialarbeiterin (siehe Anhang 1) als auch jener für das Interview mit der Pflegefachkraft (siehe Anhang 2) ist zum Zwecke der Übersichtlichkeit in drei Spalten gegliedert9. Spalte 1 beinhaltet die jeweilige (offene) Leitfrage bzw. den Erzählimpuls, der die in Spalte 2 aufgeführten, konkreten Fragen umfasst. Spalte 2 dient zudem als Checkliste, ob alle für das Forschungsinteresse relevanten Fragen angesprochen wurden. Die 3. Spalte beinhaltet sowohl Anregungen zur Aufrechterhaltung des Gesprächsverlaufes als auch Platz für Notizen während der Interviewführung. Um eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen, werden die zentralen Themenkomplexe sowohl durch die Leitfragen im Leitfaden für das Interview mit der Sozialarbeiterin als auch durch die Leitfragen im Leitfaden für das Interview mit der Pflegefachkraft aufgegriffen. Diese Kernelemente sind wie folgt benannt (ausgenommen werden an dieser Stelle der Gesprächseinstieg und -abschluss): Zielsetzungen, Wirkung, Erfolg, Spezifischer Fall, Entwicklung und fallspezifischer Erfolg, Bewertung/Evaluation und Professioneller Zusammenhang/Ganzheitliche Betrachtung. An dieser Stelle hervorzuheben ist, dass die Beschreibung eines spezifischen Falles auf Basis einer Einigung der Sozialarbeiterin und der Pflegefachkraft auf einen Fall, für den beide Interviewte zuständig sind bzw. waren, stattfand. Die betroffene Person, die Inhalt dieser Fallbeschreibung ist, blieb und bleibt vor der Interviewerin anonym. Die spezifischen, auf die oben erwähnten Elemente bezogenen Fragestellungen unterscheiden sich zum Teil dadurch bedingt, dass der Fokus des Interviews mit der Sozialarbeiterin vermehrt auf der Selbsteinschätzung ihrer Arbeit, das mit der Pflegefachkraft neben dem Aufgreifen subjektiver Erfahrungen auf der Fremdeinschätzung der Sozialarbeiterin liegt. Aus diesem Grunde beinhaltet der Leitfaden des Interviews mit der Pflegefachkraft sowohl Fragen zu persönlichen Kriterien 9 In Anlehnung an Helfferich 2011, S. 186 63 für Wirkung und Erfolg als auch die Berücksichtigung der Außenperspektive auf ebenjene Kriterien in Bezug auf die Soziale Arbeit. Der Leitfaden des Interviews mit der Sozialarbeiterin beinhaltet zudem zusätzlich die Themenkomplexe Standardsetzungen und Dokumentationen. Ersteres Element wird im Leitfaden für das Interview mit der Pflegefachkraft deshalb nicht explizit aufgegriffen, weil nicht von einem Fachwissen der Pflegefachkraft über sozialarbeiterische Standards ausgegangen werden kann. Letzteres Element tritt zwar zunächst dadurch in den Hintergrund, dass der Kern dieser Forschung sozialarbeiterische und nicht pflegende (Dokumentations-)Praxis bleibt. Da durch die Anwendung des SIS® in der Einrichtung jedoch Mitarbeiter*innen beider Bereiche auf ein Dokumentationssystem zugreifen, wird im Rahmen des Leitfadens das Interesse des Zusammenhanges der jeweiligen Dokumentationen aufgegriffen. In der Gesamtheit ergeben sich (inklusive des Gesprächseinstieges und -abschlusses) für das Interview mit der Sozialarbeiterin zehn, für das mit der Pflegefachkraft elf Leitfragen. Die Reihenfolge, in welcher diese auf dem Leitfaden angegeben sind, ergibt sich einerseits aus der inhaltlichen Steuerung, andererseits aus dem Versuch, einen möglichst natürlichen Gesprächsverlauf zu schaffen. Beide Leitfäden beginnen mit allgemeinen Fragen zur Person und zu alltäglichen Arbeitsabläufen, umreißen daraufhin in genereller Form Themenkomplexe wie Zielsetzungen, Wirkung und Erfolg und münden schließlich in der spezifischen Fallbeschreibung und der Anwendung der zuvor beschriebenen, generellen Aspekte, bevor eine Frage zum Gesprächsabschluss zum Ende des Interviews hinführen soll. Die unterschiedliche Einordnung von Themenkomplexen wie Bewertung/Evaluation ist durch die inhaltliche Angliederung dieser an die teilweise variierenden Fragestellungen der einzelnen Leitfäden bedingt, folgt jedoch der soeben beschriebenen, übergreifenden Struktur. Um die durch die Durchführung der Interviews gewonnen Daten auswerten zu können, ist zunächst eine Aufbereitung dieser notwendig. Zu diesem Zwecke wurde ein System der Transkription entwickelt, das darauf ausgelegt ist, sowohl eine Übersichtlichkeit als auch eine angemessene Wiedergabe des Gesprächsverlaufes und der Gesprächsinhalte zu gewährleisten. Es basiert auf den von Kuckartz aufgeführten „Transkriptionsregeln für die computergestützte Auswertung“ (Kuckartz 2012, S. 136f.) und Ausschnitten aus dem Werk von Fuß und Karbach (vgl. Fuß/Karbach 2014, S. 27ff.). 64 Die aus der Transkription hervorgehenden Daten sind das Kernarbeitsstück für die Auswertung der Forschung. Im Rahmen dieser Arbeit wird als Auswertungsmethode die qualitative Inhaltsanalyse genutzt und im Folgenden in ihrer für die vorliegende Arbeit verwendeten Anwendungsweise erläutert und begründet. 4.3 Erläuterung und Begründung der qualitativen Inhaltsanalyse als Auswertungsmethode der vorliegenden Forschungsarbeit In ihrer ursprünglichen Form ist die Inhaltsanalyse ein quantitatives Verfahren im Spektrum der qualitativen Forschungsmethoden. Ein vorab festgelegtes Kategoriensystem dient im Rahmen der quantitativen Inhaltsanalyse der effizienten Bestimmung und Analyse von Häufigkeiten ebendieser Kategorien. Um über eine solche, den inhaltlichen Zusammenhang unbeachtet lassende und die Offenheit einer individuellen Anpassung der Kategorien einschränkende Textverarbeitungsweise hinauszugehen, entwickelte Philipp Mayring einen Ablauf für eine Erweiterung der klassischen Inhaltsanalyse: Die qualitative Inhaltsanalyse. Durch eine Abgrenzung der zusammenfassenden, strukturierenden und explizierenden Form der qualitativen Inhaltsanalyse setzt Mayring induktive, deduktive und kontextbetreffende Schwerpunkte. Ziel ist es dabei nicht, stringent an einer der drei Verfahrensweisen festzuhalten – auch eine Kombination ist möglich (vgl. Gläser/Laudel 2010, S. 197f.; vgl. Flick 2016, S. 150ff.). Gläser und Laudel bewerten Mayrings Verfahren auf Grund der „Anwendung eines geschlossenen Kategoriensystems und d[er] darin enthaltene[n] Standardisierung für Häufigkeitsanalysen“ (2010, S. 199) als unzureichend in Bezug auf die Besonderheiten des jeweiligen Falles. Sie schlagen – aufbauend auf in der von „Mayring vorgeschlagenen Technik der Strukturierung liegende[n] Ideen“ (Gläser/Laudel 2010, S. 199) ein Verfahren vor, dass sich der Extraktion von Informationen aus dem Text bedient. Diese Extraktionen basieren zwar auf einem theoriegeleiteten Kategoriensystem. Dieses ist jedoch insofern flexibel als dass es an die aus der Extraktion hervorgehenden Informationen – im Unterschied zu Mayring – bei Bedarf „im gesamten Verlauf der Auswertung an die Besonderheiten des Materials angepasst werden kann“ (Gläser/Laudel 2010, S. 201), die Definition der jeweiligen Merkmalsausprägung eingeschlossen. Dieser Gedanke eines offenen Kategoriensystems wird auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit aufgegriffen. Anhand der 65 theoretischen Grundlagen (siehe Kapitel 1 bis 3 dieser Arbeit) wurden bereits die Leitfäden für die der Forschung zugrundeliegenden Expert*inneninterviews konzipiert. Um eine Einordnung der durch diese erhobenen Daten in die bestehende Theorie zu schaffen, wird das Kategoriensystem auf den im Leitfaden verwendeten Begrifflichkeiten aufgebaut. Die deduktiv an den transkribierten Text der beiden Interviews, die im Rahmen dieser Forschung in ihrer Gesamtheit sowohl die Auswahl- als auch die Analyseeinheit ausmachen, herangetragenen Kategorien werden als Hauptkategorien (im weiteren Verlauf HK) benannt. Die Ausdifferenzierung dieser HK und die Bildung von Subkategorien (im weiteren Verlauf SK) erfolgt im weiteren Verlauf in induktiver Form am jeweiligen Text. Ein solches Vorgehen wird von Kuckartz unter dem Begriff Inhaltlich strukturierende qualitative Inhaltsanalyse beschriebe. Bevor das Kategoriensystem definiert wird, besteht der erste Schritt aus dem Durchgang des Materials, wobei sämtliche Einfälle und Eindrücke, die während des Lesens entstehen, durch Randnotizen, Memos o.ä. festgehalten werden. Letztendlich ist dieser Schritt die Basis für eine erste Fallzusammenfassung. Im zweiten Schritt werden die aus der Theorie abgeleiteten und die ggf. durch die Lektüre der Texte an Relevanz gewonnenen, thematischen HK für den nächsten Schritt – den ersten Codierprozesses – bestimmt und in Form eines ersten Probedurchlaufes an einem Teil des Materials getestet. Der erste Codierdurchlauf erfolgt ausschließlich durch die Zuweisung der HK auf Basis des ersten Systems der Hauptkategorien an die Textstellen im Rahmen der Codier- bzw. Kontexteinheit.10 In der vierten Phase werden schließlich die HK am Text ausdifferenziert und mithilfe von Text-Retrievals die Textstellen, die den jeweiligen HK zugehörig sind, gruppiert. In der fünften Phase wird eine HK nach der anderen ausgewählt, um am Text die SK zu bilden. Dieser Vorgang erfolgt sequenziell im Rahmen des gesamten Textes.11 10 Für die vorliegende Arbeit wurde als Codiereinheit als minimalste Einheit einer zu codierenden Textstelle ein Teilsatz, sofern dieser für sich stehend den Sinn der Aussage wiedergibt, als maximalste Einheit bzw. Kontexteinheit ein Sinnabschnitt, der auch mehrere Absätze umfassen kann, festgelegt. Mehrere Textstellen können dabei mit der gleichen Kategorie belegt werden. Zielführend ist in der gesamten Phase, dass „die Textstelle ohne den sie umgebenden Text für sich allein ausreichend verständlich ist“ (Kuckartz 2012, S. 82). 11 Eine solche induktive Kategorienbildung ist für die vorliegende Arbeit insofern zielführend, als dass dadurch neben der Untersuchung der fachlichen Perspektiven auf die Wirkungsthematik im Kontext der Sozialen Arbeit ein Vergleich der subjektiv-fachlichen Sichtweisen vollzogen werden kann. Um dieses Anliegen zu unterstützen, wird ein erhöhtes Abstraktionslevel bei der Bildung der SK genutzt. 66 Nachdem die SK für alle HK gebildet, definiert und in das erste, gesamte Kategoriensystem – das darauf basiert, „dass die Merkmalsausprägungen frei verbal beschrieben“ (Gläser/Laudel 2010, S. 201) werden – eingefügt wurden, wird in einem zweiten Codierprozess das Material unter Hinzunahme dieses Systems durchlaufen. Dabei werden die Textstellen der jeweiligen HK mit den gebildeten SK codiert (vgl. Kuckartz 2012, S. 77ff.). In jedem der erwähnten Schritte wird zunächst das Transkript des Interviews mit der Sozialarbeiterin zur Analyse herangezogen, bevor sich dem Transkript des Interviews mit der Pflegefachkraft gewidmet wird, gemäß dem Fokus der leitenden Fragestellung dieser Arbeit. Das Kategoriensystem bleibt während der einzelnen Codierprozesse offen. Im Rahmen der dieser Arbeit zugrunde liegenden Forschung wurden sowohl Haupt- als auch Subkategorien ggf. in ihrer Benennung und/oder ihrer Definition an die Gegebenheiten der Texte angepasst. Daran anknüpfend wurde das erste gesamte, d.h. alle HK und SK enthaltende Kategoriensystem weiterentwickelt. Durch diesen Prozess entstand schließlich das finale gesamte Kategoriensystem (siehe Anhang 3). Nach der Durchführung ebensolcher Anpassungen wurde das gesamte Material erneut durchgegangen, um die korrekte Zuordnung zu den Kategorien zu sichern. Die nachfolgende Präsentation der Ergebnisse baut auf dem Durchlauf des zuvor beschriebenen Verfahrens und wird daher in einer kategorienzentrierenden Form vollzogen. Nach der Darstellung der ersten, noch vor der Codierung erfolgten Fallzusammenfassungen werden die Aussagen der Fachkraft der Sozialen Arbeit und der Pflegefachkraft auf die jeweiligen HK und SK (in Kursivdruck dargestellt) bezogen zusammengestellt und verglichen. Die Zitation von Ankerbeispielen aus den Texten heraus basiert auf folgendem Schema: An erster Stelle der Angabe wird – je nachdem, welchem Text das Zitat entstammt – ein S (Textgrundlage ist die Transkription des Interviews mit der Sozialarbeiterin) oder ein P (Textgrundlage ist die Transkription des Interviews mit der Pflegefachkraft) gesetzt. Danach folgt ein weiteres S (für Seitenangabe), woran sich Um die Prinzipien der Sparsamkeit und Nachvollziehbarkeit zu wahren und au- ßerdem die Möglichkeit einer Vergleichbarkeit beizubehalten, werden inhaltsähnliche/-gleiche Kategorien zusammengefasst – immer unter der Beachtung der Besonderheit der jeweiligen Textstellen. Die SK Sonstiges unter jeder HK schließt aus, dass Textstellen, die in keine der SK eingeordnet werden können, aus der Auswertung fallen. 67 direkt die Nummer der Seite anschließt, auf der das Zitat zu finden ist. Durch ein Komma getrennt steht ein Z (für Zeilenangabe), dem direkt die Angabe der Zeile(n) folgt, dem das Zitat entstammt. Die Auswertung schließt mit einer Zusammenfassung der zentralsten Ergebnisse und einer Analyse der daraufhin ausgewählten, zentralen HK im Rahmen eines Code-Überschneidungs-Modells. Im Zuge der Auswertung wurde das Programm MAXQDA Analytics Pro 2018 verwendet.

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References

Abstract

“Ask your social worker about risks and side effects.“ Few social welfare institutions would take such a slogan on. The answers to questions about measurability, attribution or - quite fundamentally - the definition of effect in social work seem to be too vague and too numerous. Nevertheless just in view of the increasing need for the legitimisation of the professional status of social work a further scientific foundation of the effectiveness debate is indispensable. This book contains both an overview of the current state of impact research as well as a transfer of the topic into the field of action of social work for the elderly. The results of the qualitative research based on this open the debate on the impact to the core element of the profession: Co-production as a negotiation process between the actors involved.

Zusammenfassung

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sozialarbeiterin oder Ihren Sozialarbeiter.“ Einen solchen Slogan würden sich wohl die wenigsten Einrichtungen des Sozialwesens auf die Fahne schreiben. Zu vage und zu zahlreich scheinen Antworten auf Fragen nach der Messbarkeit, der Attribution oder – ganz grundlegend – der Definition von Wirkung in der Sozialen Arbeit. Doch gerade im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit der Legitimation des Professionsstatus der Sozialen Arbeit kann auf eine weitergehende wissenschaftliche Fundierung der Wirkungsdebatte nicht verzichtet werden. Dieses Buch beinhaltet sowohl einen Überblick über den aktuellen Stand der Wirkungsforschung als auch eine Übertragung der Thematik in das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der darauf basierenden qualitativen Forschung öffnen die Wirkungsdebatte für das Kernelement der Profession: Die Ko-Produktion als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteur*innen.