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3. Soziale Altenarbeit in der Stationären Altenhilfe in:

Sarah Dregger

Wirkung durch Dokumentationen visualisieren, page 39 - 56

Aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4382-0, ISBN online: 978-3-8288-7366-7, https://doi.org/10.5771/9783828873667-39

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 4

Tectum, Baden-Baden
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39 3. Soziale Altenarbeit in der Stationären Altenhilfe Als Begründung für die wachsende Relevanz der Etablierung Sozialer Arbeit in der Altenhilfe führt kein Weg an der Thematisierung des demographischen Wandels vorbei. Steigende Lebenserwartungen, die insbesondere durch den epidemiologischen Wandel begünstigt werden, führen bei gleichzeitig sinkender Geburtenrate zu einem wachsenden Anteil älterer Menschen gegenüber immer weniger jüngeren Nachkommen und somit langfristig zu einem generellen Rückgang der Bevölkerungszahlen in Deutschland, was mit dem Bild der ‚Bevölkerungs-Zwiebel‘ ausgedrückt werden kann (vgl. Pohlmann 2011, S. 24ff.). Die Soziale Arbeit gewinnt jedoch nicht allein deshalb an Bedeutung in der klassischen Altenhilfe, weil auf Grund vermehrter Hochaltrigkeit die Größe der Zielgruppe dieser ansteigt und somit betreuendes Personal benötigt wird. Vielmehr rückt hierbei der soziale Wandel der Gesellschaft, vor allem in Bezug auf die vermehrte Pluralität von Altersbildern und -prozessen, in den Fokus. Mit der Abkehr von der Definition des Alters als eine homogene Phase der Abbauprozesse und der Öffnung für die Entdeckung individueller Problemlagen, Bedürfnisse und Ressourcen ist die klassische Altenhilfe vor eine Herausforderung gestellt, der sich mit bestehenden und neu anzupassenden Methoden der Sozialen Arbeit angenähert werden kann (vgl. Falkenroth 2011, S. 347ff.). Inwiefern dies von der Vergangenheit bis heute bereits geschah, wird im folgenden Kapitel thematisiert, bevor spezifisch auf den aktuellen Stand der Etablierung der Sozialen Altenarbeit in der stationären Altenhilfe und auf die Dokumentationspraxis des Sozialen Dienstes eingegangen wird. Mit der Überlegung, den Capability Approach in die Wirkungsermittlung des Sozialen Dienstes einfließen zu lassen, wird zudem ein möglicher Ansatz für die Zukunft der Sozialen Altenarbeit erörtert. 3.1 Diversität des Alter(n)s – Chancen und Hindernisse im Hinblick auf einen gelingenden Altersprozess Die Problemlagen der Lebensverläufe älterer Menschen unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von solchen, denen sich Soziale Arbeit in ihren vielzähligen Handlungsfeldern gegenübergestellt sieht. Eine spezifische Altenarbeit konsequent von dieser abzugrenzen, entspricht demnach nicht der praktischen Realität. Vielmehr zeigt sich eine Notwendigkeit darin, bestehende Problemlagen, die in Theorie und 40 Praxis der Sozialen Arbeit behandelt werden, aufzugreifen und um die Perspektive des Alter(n)s und aus dieser hervortretenden Herausforderungen zu erweitern (vgl. Pohlmann 2011, S. 142ff.). Die Entdeckung der Vielfalt des Alter(n)s führte – angestoßen durch den Paradigmenwechsel von einer Defizit- zur Ressourcenorientierung – zu einer Neudefinition des Begriffes Alter an sich. Die Beantwortung der Frage ‚Ab wann ist ein Mensch alt?‘ wird statt durch die ausschließliche Betrachtung der kalendarischen Altersangabe auf Basis mehrebiger Altersbilder vollzogen. Dabei lassen sich die Ebenen des sozialen, des biologischen und des psychischen Alters in Bezug auf die in ihnen liegenden Herausforderungen und Chancen anhand des Biopsychosozialen Krankheitsmodells von Bertalanffy und Weiss aufgreifen und in Zusammenhang zu einander stellen. Dieses umschreibt in Anlehnung an die Systemtheorie das Ineinandergreifen und -wirken von Gesundheits- bzw. Krankheitsfaktoren, die über einen einfachen psychosomatischen Wirkungszusammenhang hinausgehen, die Unterteilung in psychosomatische und nicht-psychosomatische Krankheits- und Gesundheitsstatus sogar als ungültig verwerfen. Gesundheit meint in diesem Zusammenhang die Funktionsfähigkeit der sich auf verschiedenen Ebenen befindenden einzelnen Teilsysteme, während Krankheit auf eine Dysfunktion eines oder mehrerer Teilsysteme hinweist, die sich auf die Funktionsfähigkeit anderer Teilsysteme und somit auf das gesamte System auswirken kann (vgl. Egger 2005, S. 4ff.). Diese Sichtweise ist ebenso mit Aaron Antonovskys Modell der Salutogenese zu vereinbaren und bezeugt somit sowohl die Notwendigkeit der Abwendung von einer Defizit- und Hinwendung zu einer Ressourcen- und Kompetenzorientierung als auch die Bedeutung der Erkenntnis, dass Probleme, insbesondere solche des Alter(n)s in vielschichtiger Art und Weise betrachtet werden müssen (vgl. Franke 2012, S. 170ff.). Das biologische Alter ist dabei die wohl markanteste, da scheinbar am ehesten von außen überprüfbare Klassifikation. Zur Einschätzung dessen werden auf medizinischer Ebene körperliche Funktionsfähigkeiten herangezogen. Mit steigendem Alter nimmt auch die Auftrittswahrscheinlichkeit alterskorrelierter Erkrankungen wie Arthrose, Diabetes mellitus oder Parkinson zu (vgl. Pohlmann 2011, S. 129f.). Eine medizinische Diagnose kann dabei das Vorliegen bzw. den Grad einer Erkrankung einordnen; ob einem Menschen jedoch auf dieser Grundlage sein genaues biologisches Alter zugeschreiben werden kann, ist auf Grund der unbestimmten Kategorisierbarkeit, welcher Funktionsgrad 41 für welches kalendarische Alter überhaupt angemessen ist bzw. welche Funktionen in welchem Lebensabschnitt normalerweise vorhanden sein ‚müssen‘, kritisch zu hinterfragen (vgl. Pohlmann 2011, S. 108). Sichtbare pathologische Rückentwicklungen wie das Zittern der Hände als Symptom für Parkinson sind dabei nicht nur in Bezug auf eine Diagnostik im Rahmen des biologischen Alters von Bedeutung. Neben dem äußerlichen Erscheinungsbild werden Alterszuschreibungen auf der Ebene des sozialen Alters auf Grundlage von bestehenden, aber auch „in Abhängigkeit kultureller und historischer Gegebenheiten oder auch meinungsbildender Prozesse innerhalb der Gesellschaft“ (Pohlmann 2011, S. 107) veränderbaren Normen getätigt. Problemlagen wie die Konfrontation mit Vorurteilen oder sozialer Isolation generieren sich insbesondere auf dieser Ebene durch stereotype Einstellungen und Erwartungen an die sozialen Rollen älterer Menschen. Wie eine solche Isolation älterer Menschen zu bewerten ist, wird aus verschiedensten, fachlichen Perspektiven diskutiert. Cumming und Henry verfolgen mit ihrer Disengagement-Theorie die These, dass sozialer Rückzug im Alter ein intrinsisch-motivierter Prozess ist, der zur Steigerung der Lebenszufriedenheit der jeweiligen Person führt. Havighurst, Neugarten und Tobin vertreten mit ihrer Aktivitätstheorie einen divergenten Ansatz, der ebendiese Lebenszufriedenheit in der „Aufrechterhaltung sozialer Interaktionen auf einem bestimmten Niveau“ (Pohlmann 2011, S. 80) begründet. Unter Hinzunahme der philosophischen Auseinandersetzung Hannah Arendts mit dem Theorem des Alleinseins können beide Ansätze sowohl falsifiziert als auch verifiziert werden – je nach Perspektive. Einsamkeit ist als eine Form des Alleinseins nach Arendt positiv besetzt und umfasst ein Zusammen-Alleinsein einer Person mit sich selbst. Dieser Zustand ist erforderlich, um sich in Konzentration und Ruhe den eigenen Gedanken widmen zu können und setzt die „Fähigkeit eines anwesenheitsumhüllten Beisichseins, d. h. ein sich zurückziehen können, ohne dass die Identifikation mit dem verlorengeht, wovon man sich zurückzieht“ [Hervorhebung im Original] (Peters 2011, S. 52) voraus. In diesem Sinne ist die Disengagement-Theorie zu bestätigen. Einsamkeit ist jedoch von der Verlassenheit und der negativen Form der Isoliertheit abzugrenzen. Diese Formen des Alleinseins sind im Gegensatz zur Einsamkeit selten aktiv gewählte Zustände. Es handelt sich bei Ersterem um ein Alleinsein in Gesellschaft von anderen Menschen, die der oder die Einzelne jedoch nicht erreichen kann, bei Letzterem um eine Abkapselung von ebendieser Gesellschaft. Verlassenheit und Isoliertheit 42 sind demnach im Sinne sozialer Desintegration zu verstehen und stellen als solche entscheidende Faktoren im Hinblick auf die psychische Situation älterer Menschen dar (vgl. Arendt 2006, S. 81ff.). Neben dem sozialen Umfeld und dem körperlichen Empfinden ist bei der Klassifikation des psychischen Alters insbesondere das jeweilige subjektive, teilweise situations- oder tagesabhängige Empfinden von Belang, welches sich innerhalb eines rückwirkenden Zusammenhanges zu genannten Faktoren befindet. Erikson beschreibt in seiner Stufenlehre der Identitätsentwicklung zwei für diese Altersklassifikation relevante Phasen. Etwa im Alter zwischen 40 und 65 Jahren setzt sich ein Individuum laut Erikson mit dem Konflikt zwischen Generativität und Stagnation auseinander. Während die gelingende Lösung dieses Konfliktes in der über eigene Interessen hinausgehenden Orientierung an Familie und Gesellschaft liegt, besteht mit einer nicht angemessenen Lösung des Konfliktes das Risiko einer Sinnkrise, in welcher das eigene Leben als vergeudet angesehen wird. Die Frage nach dem Sinn des Lebens zieht sich weiter in die nächste Stufe, die die Krise zwischen Ich- Integrität und Verzweiflung beinhaltet. Während der eine Mensch zufrieden auf sein Leben zurückblickt und sich selbst als Einheit erlebt, leidet der andere unter Unzufriedenheit und Angst vor dem Ende des falsch- oder ungenutzten Lebens (vgl. Zimmermann 2006, S. 28). Dass eine solche, defizitäre Entwicklung nicht alle älteren Menschen betrifft, liegt insbesondere in ihren individuellen Ressourcen begründet. Insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe wird für solche Rücklagen, die zur Bewältigung von Krisen befähigen, der Begriff Resilienz gebraucht (vgl. Bucher 2011, S. 187ff.). Entgegen dem noch heute verbreiteten Bild der bei älteren Menschen vorherrschenden Rückentwicklungsprozesse existieren einige Ressourcen, die sich erst im Laufe des Lebens, also mit dem Alter entwickeln. Auf psychischer Ebene wird insbesondere die Zunahme der kristallinen Intelligenz im Zuge der Steigerung von Erfahrungs- und Allgemeinwissen, auf sozialer Ebene ebenjene kristalline Intelligenz in Form eines routinierteren Umganges mit Krisensituationen oder in Bezug auf zwischenmenschliches Verhalten hervorgehoben. Insbesondere in der Arbeitswelt gewinnt die Entdeckung eines solchen, positiven Kompetenzwandels zunehmend an Bedeutung (vgl. Esslinger/Braun 2007, S. 128). Eine weitere Ressource älterer Menschen ist die hinzugewonnene Zeit durch den Austritt aus der Erwerbsarbeit. Insbesondere im Hinblick auf den Terminus des produktiven Alterns gewinnt diese an Bedeutung. Freiwilliges Engagement „bietet älteren Menschen Möglichkeiten 43 zur Mitgestaltung“ (Vogel/Kausmann/Hagen 2017, S. 10) – ein Ziel, dass innerhalb der Sozialen Arbeit insbesondere mit dem Empowermentansatz verfolgt wird. „Altern ist ein Entwicklungsprozess, der hohe Anforderungen an das Anpassungsvermögen stellt“ (Dech 2009, S. 25). Copingstrategien älterer Menschen wie eben genannte Produktivität oder eine optimistische Grundhaltung in Bezug auf das Leben basieren auf bestehenden Ressourcen und bedingen gleichzeitig die Aufrechterhaltung bzw. Entwicklung positiver Selbstwirksamkeitserwartungen (vgl. Pohlmann 2011, S. 87). Die Gesamtheit von Lebenssituation, Ressourcen und deren Einsatz ist somit grundlegend für die Lebensqualität eines (älteren) Menschen, insbesondere im Hinblick auf ein erfolgreiches und gelingendes Altern. Zur Definition von Erfolg und Gelingen in diesem Zusammenhang finden sich in der Literatur verschiedene Annäherungen. Ein von Ryff stammender Ansatz greift sechs Dimensionen auf, die sich auf bereits erwähnte Ansätze wie das Empowerment (entspräche Ryffs Dimensionen Autonomie, Umweltkontrolle und persönliches Wachstum) und die Lösung der Krisen zwischen Generativität (positive Beziehungen zu anderen) und Stagnation und Ich-Integrität (Selbstakzeptanz und Lebenssinn) und Verzweiflung nach Eriksons Stufenmodell beziehen lassen (vgl. Pohlmann 2011, S. 88f.). Eine generelle Definition für das gelungene und erfolgreiche Altern aufzustellen, ist in Bezug auf die bereits erörterten, individuellen Lebensverläufen und somit spezifisch zu betrachtenden Herausforderungen und Ressourcen nicht möglich. Festzuhalten ist jedoch, dass in die Ressourcenentdeckung bzw. -bestimmung neben einer bloßen Einschätzung der Funktionsfähigkeit eines Menschen diesen beeinflussende „Umstände […], die sich durch äußere Kräfte oder individuelle Verhaltensweisen auf das Alter auswirken“ (Pohlmann 2011, S. 110.) einzubeziehen sind. Somit ist im Sinne des induzierten Alters ein vollständiger, ganzheitlicher und umfassender Überblick über die Lebenswelt der betroffenen Person und besonders die Perspektive des Menschen selbst grundlegend für die Bestimmung dessen, was Erfolg und Gelingen im Sinne der Lebensqualität und -zufriedenheit meint (vgl. Pohlmann 2011, S. 110ff.). Aus der Pluralität von Herausforderungen, Ressourcen und sich verändernden Altersbildern und -prozessen wachsen die Anforderungen an die Soziale Arbeit, sich im Handlungsfeld der Altenhilfe zu etablieren und über die bloße Übertragung ihrer Methoden in diese hinaus zu gehen. Eine solche Etablierung war und ist jedoch noch heute in 44 einem hauptsächlich durch medizinisch-pflegerische Berufe geprägten Handlungsfeld nicht konfliktlos möglich. Wie sich Soziale Arbeit bis heute unter dem Namen der Sozialen Altenarbeit innerhalb und außerhalb der klassischen Altenhilfe entwickelte und entwickelt, ist Thema des folgenden Kapitels. 3.2 Soziale Altenarbeit – Etablierung zwischen Daseinsnotwendigkeit und Profilierungsdefizit Die Sozialen Altenarbeit existiert nicht. Vielmehr entwickelte sich die Soziale Arbeit in historischer Perspektive in das Handlungsfeld der klassischen Altenhilfe hinein und weist auch heute noch einen Mangel an professionseigenen Profilierungskriterien auf. Einige der Gründe für dieses Definitionsdefizit finden sich im Hinblick auf den historischen Hintergrund des Handlungsfeldes, andere in der Betrachtung der aktuellen Perspektive wieder (vgl. Neubert 2011, S. 282). Eine Entwicklung der Sozialen Arbeit als Soziale Altenarbeit lässt sich zunächst als von der klassischen Altenhilfe abzugrenzendes Gegenstück dieser, schließlich als mit selbiger inhaltlich verschwimmendes Handlungsfeld nachvollziehen. Die klassische Altenhilfe war hauptsächlich einem defizitorientierten Altersbild nach „auf den Unterstützung- und Fürsorgeaspekt“ (Pohlmann 2011, S. 15) begrenzt, während die Soziale Arbeit in Bezug auf die Interventionen für und vor allem mit älteren Menschen „auf die aktive Auseinandersetzung mit der Rolle und Gestaltung des Alters, der Bildungs- und Kulturarbeit, der Unterstützung von Engagement, aber auch der Förderung von Solidarität zwischen Jung und Alt“ (Pohlmann 2011, S. 15) zielte. Ein Paradigmenwechsel in den 1970er Jahren hin zu ebendiesem Bild des aktiven und produktiven Alter(n)s und somit die Abwendung von dem klassischen, defizitorientierten und homogenen Altersbild, gaben den Anstoß, die klassische Altenhilfe mit Methoden der Sozialen Arbeit anzureichern. In diesem Zusammenhang waren und sind noch heute insbesondere das professionsdefinierende Zusammenspiel von wissenschaftlichem Wissen und Handlungswissen und die darin begründeten, forschungsbasierenden und praxisorientierten Konzepte der Sozialen Arbeit von Bedeutung (vgl. Aner 2013, S. 304f.). Lebenswelt-, Ressourcen- und Biographieorientierung sollten eine Antwort auf die vermehrt ganzheitlichere Wahrnehmung von Lebens- und Bedarfslagen sein. Durch diese Entwicklung wurden die Grenzen zwischen Sozialer Arbeit und der einstigen klassischen Altenhilfe fließend; von einer vollwertigen und eigenständigen Etablierung einer Soziale Altenarbeit 45 konnte dennoch nicht die Rede sein. Trotz einer beginnenden Neuausrichtung blieb die Altenarbeit stets ein hauptsächlich von medizinischpflegenden Berufen geprägtes Handlungsfeld. Mit der klaren Verortung des Arbeitsfeldes Pflege in das Gesundheitswesen durch das Pflegeversicherungsgesetz geriet die Soziale Arbeit in den 1990er Jahren weiter in den Hintergrund (vgl. Aner 2017, S. 430). Obwohl bereits 1962 die gesetzliche Basis für die Integration und Förderung einer sozialen Altenhilfe gelegt wurde, bleibt der Standpunkt der Sozialen Arbeit in diesem Handlungsfeld per Gesetz (heute § 71 SGB XII) bis heute unbestimmt. Der Begriff der Sozialen Altenarbeit lässt sich vielmehr aus der Handlungspraxis dieser ableiten, welche diverse Zielsetzungen der lebensweltorientierten Hilfeleistung bei problematischen Angelegenheiten des Alter(n)s in ebenso diversen Arbeitsfeldern umschließt (vgl. Neubert 2011, S. 283). Als Teil der kommunalen Daseinsvorsorge hatten und haben Fachkräfte der Sozialen Arbeit administrative Tätigkeiten inne, etablieren sich aber auch als Mitarbeiter*innen in konkreter Praxis. Neue oder neu wahrgenommene Bedarfslagen bieten die Grundlage für über die Handlungsfelder der klassischen Altenarbeit hinausgehende Maßnahmen, die beispielsweise in Form der Netzwerkarbeit sowohl in Angeboten der offenen und ambulanten als auch (teil-)stationären Altenarbeit Fuß fassen konnten bzw. sich aktuell in einem Etablierungs- und Legitimierungsprozess befinden (vgl. Aner 2013, S. 305f.; vgl. Klie/Schmidt 1998, S. 301). Ein solcher Prozess scheint in Feldern der offenen Altenarbeit zu gelingen. Wenn auch die Ausübung der in diesem Rahmen stattfindenden Arbeit nicht einzig und allein den Fachkräften der Sozialen Arbeit zugeschrieben wird, so sind die Ansätze der Profession hier bereits hinreichend vertreten. Beispielgebend sind die Kölner Seniorennetzwerke. Diese zielen auf Selbstbestimmung und Teilhabe von Senior*innen und bauen auf Konzepten des Empowerments, der Ressourcenorientierung und der Selbsthilfebefähigung (vgl. SeniorenNetzwerke Köln 2008, S. 3). Zudem findet das mittlerweile auf über 40 Stadtteile Kölns ausgeweitete Programm Anklang an die aus der Sozialen Arbeit hervorgegangene Quartiersarbeit (vgl. Liga AG Senioren o. J.). Eine ähnliche Strategie wird vermehrt auch für den Themenbereich des Zusammenhanges von Pflegebedarf und Autonomie und somit für ambulante und teilstationäre Angebote diskutiert (vgl. Kümpers/Heusinger 2012, S. 7ff.). Die Notwendigkeit einer sozialen Betreuung im Hinblick auf Empowerment steht jedoch hinter der als elementar bewerteten, medizinisch-pflegerischen Versorgung zurück. Auf der Sozialen Altenarbeit 46 lastet durch ihre Verortung als nicht notwendiger und zu hohe Kosten verursachender Dienst bereits in ambulanten, aber vor allem in teilstationären und stationären Angeboten ein handlungsfeldinterner Legitimationsdruck. Sich als Notwendigkeit hervorzutun und zu profilieren, ist eine Königsaufgabe der Profession innerhalb der stationären Altenhilfe, die sich selbst wachsender gesellschaftlicher Kritik und finanziellem Druck gegenübergestellt sieht (vgl. Hirt 2008, S. 230). 3.3 Aufgaben und Interventionen des Sozialen Dienstes – Wirkungsfelder der Sozialen Altenarbeit Über die Soziale Altenarbeit innerhalb der stationären Altenpflege existiert bisher ein eher geringer Anteil aktueller Literatur. Und das, obwohl der Umzug in eine Pflegeeinrichtung und der Verbleib in dieser als Wendepunkt im Leben eines Menschen mit vielfältigen Herausforderungen besetzt sein kann und somit hervorstechende Anknüpfungspunkte und Handlungsnotwendigkeiten an die Soziale Arbeit bereithält (vgl. Peters 2011, S. 99). Nach Falkenroth haben „Angebote der sozialen Betreuung […] das Ziel, zur Befriedigung der geistigen, seelischen, sozialen und körperlichen Bedürfnisse beizutragen“ (Falkenroth 2011, S. 348). Daraus ergeben sich Aufgaben verschiedener Kategorien. Bezogen auf die Klient*innen – hier: Bewohner*innen – sind Fachkräfte insbesondere für die Aufnahme und somit den Übergang in die stationäre Einrichtung zuständig, beraten diese in rechtlichen Angelegenheiten und sorgen für die Planung und Durchführung verschiedener Einzel- oder Gruppenangebote. Ein weiteres Aufgabenfeld ist die Arbeit mit Angehörigen beispielsweise in Form von psychosozialer Beratung und Unterstützung in Krisensituationen. Als dritte Aufgabenkategorie ist die Vertretung der Einrichtung nach außen durch Öffentlichkeits- und Gemeinwesenarbeit zu nennen. Die daran anknüpfende Förderung von Engagement schließt den Kreis der von Falkenroth aufgezeigten Aufgabenfelder im Hinblick auf die Einbindung von Ehrenamtlichen in die alltägliche Arbeit innerhalb der jeweiligen Einrichtung (vgl. 2011, S. 348f.). Die Autorin spezifiziert die Ausführung dieser Aufgaben mit Nennung zweier Beispiele für den Einsatz von Care- und Case Management als Ansätze der Sozialen Arbeit. Während Care Management auf Ebene der Strukturqualität ansetzt und somit „die fallübergreifende Systemund Versorgungssteuerung“ [Hervorhebung im Original] (Remmel- Faßbender 2011, S. 146) umfasst, dient das Case Management als konzeptionelle, koordinierende Hilfeplanung auf Basis der individuellen 47 Lebenswelt der Bewohner*innen unter Achtung von deren Autonomie und dem Grundgedanken der Partizipation. Ziel ist es dabei, „passgenaue Hilfen für konkrete Bedarfslagen ausfindig und zugänglich zu machen“ (Zierer 2017, S. 75). Durch den systematischen Aufbau des in Phasen strukturierten Verfahrens bietet das Case Management zudem eine Grundlage für die Einbringung und Erfassung von Effizienz und Effektivität. Ob die im Rahmen des Case Managements eingesetzten Hilfen in Bezug auf die zuvor festgelegten Zielvereinbarungen hinführend sind und somit die erwünschte Wirkung erzielen, wird während des Durchführungsprozesses stetig von der Fachkraft überprüft und anhand von Evaluationen bewertet. Neben der Steigerung der Effizienz und Effektivität von Hilfeplanungen für die und mit den Klient*innen kann das Case Management ein Vorteil auf institutioneller Ebene im Sinne einer wirtschaftlichen Koordination des Einsatzes von Leistungen durch die Vernetzung von Schnittstellen verschiedener Versorgungsträger sein. Zudem lassen sich aus dem Case Management hervorgehende Evaluationen zur Legitimation von Maßnahmen nutzen (vgl. Remmel-Faßbender 2011, S. 139ff.; vgl. Schulz/Kunisch 2011, S. 302). Dass sich eine so komplexe Form des Case Managements innerhalb der Sozialen Dienste stationärer Altenpflegeeinrichtungen wiederfindet, ist jedoch keinesfalls alltäglich. Am Beispiel des Konzeptes für den Sozialen Dienst einer Bamberger Einrichtung wird zwar eine vermehrte Orientierung an der Förderung von Aktivität, Teilhabe und Lebensqualität durch den Einsatz von Konzepten wie dem Sozialtraining und der Biographiearbeit deutlich – Ansätze, mit denen auch Methoden der Sozialen Arbeit aufgegriffen werden. Dennoch ist weder definiert, von welcher Berufsgruppe genau welche dieser Methoden ausgeübt werden noch wie dies geschehen soll. Die Auflistung der für die Umsetzung vorgesehenen Aktivitäten beinhaltet zudem weniger von Beratungsoder Therapieansätzen geprägte Vorschläge als vielmehr Ideen zur Beschäftigung der Bewohner*innen und des Trainings der selbstständigen Körperpflege. Der Soziale Dienst ist dabei sowohl im Rahmen seiner praktischen Arbeit als auch im Zuge der Dokumentation in die Pflege eingebettet (vgl. Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg e.V. 2008, S. 2f.)3. Eine Verschriftlichung der Tätigkeiten des Sozialen Dienstes findet in der Bamberger Einrichtung durch die Eintragungen in das 3 Zu beachten ist hier, dass das Konzept der Einrichtung bis heute durchaus Überarbeitungen erfahren haben kann, die für d. V. zum Zeitpunkt der Verschriftlichung dieser Arbeit nicht einsehbar waren. 48 nach dem AEDL-Konzept4 funktionierenden Dokumentationssystem statt. Im Rahmen einer Entbürokratisierungsmaßnahme wurde im Jahre 2015 ein neues Konzept der Dokumentation veröffentlicht. Die Strukturierte Informationssammlung (im weiteren Verlauf SIS®5) ist eine aktuelle Form der Verschriftlichung, die in ein vierphasiges Strukturmodell eingebettet ist. Seit 2015 hat im Zuge der „bundesweite[n] Implementierungsstrategie […] vielerorts […] die Umstellung der Pflegedokumentation begonnen“ [Hervorhebung im Original] (Arbeitsgruppe technischer Implementierungsleitfaden/FINSOZ e.V./Projektbüro Ein-STEP/DVMD e.V. 2017, S. 5). 3.3.1 Aktenführung im Sozialen Dienst – Neue Formen des Dokumentierens und der Qualitätsprüfung Systematisierter, nachvollziehbarer und somit effizienter und evaluierbarer: Diese Zielsetzungen sollen sowohl durch die Nutzung neuer Dokumentationssysteme im Sinne weiterentwickelter Verschriftlichungsstrategien als auch durch eine Novellierung des technischen Rahmens dieser erreicht werden (vgl. Gerber/Muck/Brüggemann/Fleer/Labouvie/Slomka/Butzke/Ernst/Coners/Wollschläger 2016, S. 8f.; vgl. Arbeitsgruppe technischer Implementierungsleitfaden et al. 2017, S. 5). Da im Vorgespräch mit den Verantwortlichen des Sozialen Dienstes, in dessen Rahmen die in diese Arbeit eingebettete Forschung durchgeführt wurde, die SIS® als grundlegend für die in der Einrichtung geführten Dokumentationen angegeben wurde, wird diese im Folgenden als Beispiel herausgegriffen. Auf eine „Initiative des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung zur Neuausrichtung der Pflegedokumentation in der ambulanten 4 Eine Übersicht über das AEDL (Aktivitäten und Existenzielle Erfahrungen des Lebens)-Modell und weitere Pflegemodelle bieten Kuntsche und Börchers (2017, S. 321f.). 5 Im Anforderungsprofil der Arbeitsgruppe technischer Implementierungsleitfaden wird explizit darauf hingewiesen, dass im Rahmen von Dokumentationen ‚SIS®‘ als Schreibweise zu verwenden ist. Die Begründung dafür ist, dass „der Begriff SIS® […] seit September 2016 eine beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragene Wortmarke für die Klassen 35 (Organisationsberatung etc. im Gesundheitsbereich) und 44 (Beratungsdienste zur Pflegedokumentation) [d. V.: ist]. Inhaber der Marke: Bundesrepublik Deutschland. Die Schutzdauer läuft am 30. Juni 2026 ab“ (Arbeitsgruppe technischer Implementierungsleitfaden/FINSOZ e.V./Projektbüro Ein-STEP/DVMD e.V. 2017, S. 14). Auf Basis dieser Begründung wird sich im Rahmen dieser Arbeit an die von der Arbeitsgruppe vorgesehene Schreibweise angepasst. 49 und stationären Langzeitpflege“ (Arbeitsgruppe technischer Implementierungsleitfaden et al. 2017, S. 5) hin entstand im Jahre 2015 eine sich dieser Thematik widmende Arbeitsgemeinschaft. Bestehend aus dem zuvor beauftragten Projektbüro Ein-STEP, ausgewählten Anbieter*innen von Dokumentationssystemen und Leistungstragenden von Pflegeinstitutionen oblag dieser die Generierung von Ideen zur Umsetzung und Realisierung des die SIS® umfassenden Strukturmodells. Die SIS® ist in dieses vierphasige Modell in Form eines SIS®-Bogens eingebettet. Dieser besteht aus den vier Oberkategorien A, B, C1und C2. Während A die Stammdaten der Bewohnerin bzw. des Bewohners und Informationen über das erste Gespräch enthält, wird an B der personenzentrierte Ansatz des Strukturmodells deutlich. In einem Freitextfeld ist Platz für die narrative Beschreibung der Situation der Bewohnerin bzw. des Bewohners aus ihrer bzw. seiner eigenen Sicht. An dieser Stelle wird besonders darauf wertgelegt, dass durch die Dokumentation diese Innenansicht nicht unter Nutzung von Fachbegriffen, sondern orientiert an der Wortwahl der Person selbst wiedergegeben wird. Es folgt die Kategorie C1, welche wiederrum in sechs Themenfelder untergliedert ist. In diesen wird die Situation der Bewohnerin bzw. des Bewohners sowohl in Bezug auf deren bzw. dessen Problemlagen als auch auf bestehende Ressourcen aus der Perspektive der Pflegefachkraft eingeschätzt. Das „Themenfeld 5 – Leben in sozialen Beziehungen“ (Beikirch/Schulz/Fährmann/Hindrichs/Rösen/Triftshäuser/Umlandt-Korsch/Braeseke/Deckenbach/Nolting 2017, S. 40) ist dabei ein Anknüpfungspunkt für die Soziale Arbeit. Im Kontext dieses Themenfeldes werden sowohl Herausforderungen als auch Gestaltungsmöglichkeiten des Alltags und der sozialen Beziehungen thematisiert und erwünschte Leistungen der Betreuung mit der Bewohnerin bzw. dem Bewohner angesprochen. Welche Maßnahmen explizit angewandt werden, ist Inhalt des auf den SIS®-Bogen, welcher mit einer medizinischen Risikoeinschätzung (C2) durch die Pflegefachkraft endet, folgenden Maßnahmenplanes. Auch dieser trägt den Grundsatz der Personenzentrierung statt absoluter Standardisierung, indem die geplanten Maßnahmen hauptsächlich nicht durch Begriffe aus Maßnahmenkatalogen, sondern individuell auf die jeweilige pflegebedürftige Person beschrieben werden. Ebenso leiten sich die Maßnahmen einerseits aus der zuvor verschriftlichten SIS®, andererseits aus den Wünschen und Zielsetzungen der betroffenen Person ab (vgl. Beikirch et al. 2017, S. 60f.). 50 Die ganzheitliche Betrachtungsweise soll in der Maßnahmenplanung durch den Einbezug der Wissensbestände und Ressourcen eines „interprofessionell zusammengesetztes Pflege- und Betreuungsteam[s] […] und […] ehrenamtlicher Helfer, zusätzlicher Betreuungskräfte und Familienangehörige[r]“ (Beikirch et al. 2017, S. 21) sichergestellt werden – eine Grundhaltung, die sich auch im Rahmen des Berichteblattes wiederfindet, in dem Eintragungen aller an der Pflege und Betreuung beteiligten bzw. von dieser betroffenen Personen vorgesehen sind (vgl. Beikirch et al. 2017, S. 72).6 Eine detaillierte Beschreibung regelmäßig umzusetzender Maßnahmen erfolgt nur einmal, jede weitere Durchführung der beschriebenen Maßnahmen wird lediglich in den Dokumentationen abgezeichnet. Die Durchführung und Wirkung von Maßnahmen werden jedoch in der vierten Phase des Strukturmodells evaluiert und können demnach immer wieder angepasst werden. Im Rahmen der Maßnahmenplanung werden Termine zur Evaluation festgelegt, es wird jedoch auch zusätzlich Raum für solche Evaluationen gelassen, die auf Grund eines akuten Anlasses notwendig sind. Bei Betrachtung dieses Gesamtablaufes des Strukturmodells können Parallelen zum bereits in Kapitel 2.1 dieser Arbeit thematisierten PDCA-Kreislauf gezogen werden. Maßnahmen werden auch hier zunächst – angepasst an die individuellen Bedürfnisse – geplant (Plan), schließlich durchgeführt (Do), evaluiert (Check) und ggf. angepasst (Act) (siehe Abbildung 3). 6 Im weiteren Verlauf der Forschung ergab sich, dass in der stationären Altenpflegeeinrichtung, in deren Rahmen diese stattfand, das Berichteblatt ausschließlich von dem betreuenden und pflegenden Personal der Einrichtung geführt wird. 51 Abb. 3 „4-phasiger und sechsphasiger Pflegeprozess“ [Formatanpassungen der Grafik durch d. V.] (Beikirch et al. 2017, S. 62) Um einen so standardisiert wirkenden Regelkreis für die unterschiedlichsten Anbieter*innen im Pflegesektor nutzbar zu machen, wurde ein Anforderungsprofil erstellt, das sowohl ambulante und stationäre Angebote als auch solche der Tages- und Kurzzeitpflege in Bezug auf die papier- oder IT-gestützte Dokumentation aufgreift. Ein Kategoriensystem gibt dabei einerseits die Eignung der Anforderungen für die jeweiligen Angebotsformen an, andererseits werden Verfahrensweisen ihrem Verpflichtungsgrad nach in Muss- (Kategorie A), Soll- (Kategorie B) und Kann-Kategorien (Kategorie C) eingestuft (vgl. Arbeitsgruppe technischer Implementierungsleitfaden et al. 2017, S. 12). Der zuständigen Pflegefachkraft obliegt sowohl die Kontrolle über korrekte, klare und auf nachvollziehbare Informationen reduzierte Dokumentationen als auch die Koordinierung der durch alle an der Pflege 52 und Betreuung beteiligten Personen herangetragenen Informationen im Sinne der pflegebedürftigen Person – Aufgaben, die auf Parallelen zum Case Management schließen lassen (vgl. Beikirch et al. 2017, S. 24). Die Soziale Arbeit scheint in dieser Form der Dokumentation eher gering vertreten. Jedoch sind bereits „einige Pflegeeinrichtungen […] dazu übergegangen, gerade das Gespräch mit der pflegebedürftigen Person […] bei dem Einzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung zusammen mit dem Mitarbeiter des Sozialen Dienste[sic] oder der Betreuung zu führen, um von Anfang an, [sic] angemessene und individuelle Angebote der Pflege und Betreuung gemeinsam zu planen“ (Beikirch et al. 2017, S. 30). Da die Umsetzung des Strukturmodells angepasst auf die jeweiligen Einrichtungen geschieht und somit vom spezifischen, internen Pflege- und Qualitätsmanagement abhängig ist, kann über die tatsächliche Einbindung der Fachkräfte der Sozialen Arbeit in die Dokumentation keine generelle Aussage gemacht werden; es wird jedoch im Rahmen der in dieser Arbeit enthaltenen Forschungsergebnisse darauf abgezielt, sich dieser Thematik anzunähern. Denn Dokumentationen sind insbesondere im Hinblick auf die Transparenz der Leistungsqualität bedeutsam. Auf eine solche Transparenz zielt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (im weiteren Verlauf MDK) mit seinen bundesweit einheitlichen Qualitätsprüfungen stationärer Altenpflegeeinrichtungen. In den basisgebenden Prüfungsrichtlinien werden Befragungen von Bewohner*innen und Auswertungen von Dokumentationen in die Bewertung der Leistungen einbezogen. Die Betreuung stellt hier im Vergleich zu pflegebezogenen Kriterien einen relativ geringen Anteil dar. Inwiefern „Verantwortungsbereiche/Aufgaben für die Betreuung [d. V.: als] geregelt“ (GKV-Spitzenverband/Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen/Prüfdienst des Verbandes der Privaten Krankenversicherung e. V. 2017, S. 12, Teil 2, stationäre Pflege, Anlage 2) anzusehen sind, wird ebenso wenig berücksichtigt wie die nach dem MDK erforderliche Qualifikation nach § 4 der Betreuungskräfte-Richtlinien eine genaue Berufsbezeichnung definiert wird. Lediglich im Rahmen der Beschreibung der beruflichen Qualifikation des Betreuungspersonals werden Sozialarbeiter*innen und -pädagog*innen neben Ergotherapeut*innen und zusätzlichen Betreuungskräften explizit erwähnt. Dennoch wird im Rahmen der Prüfungskriterien Wert auf die Integration von Betreuungsmaßnahmen in die Pflegeplanung gelegt. Bedeutsam scheint hier demnach weniger zu sein, von wem die Betreuung durchgeführt wird, als vielmehr, dass bestimmte Formen der Betreuung stattfinden 53 und wie diese den Bewohner*innen zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden. Diese These stützt die explizite Abfrage des Vorhandenseins gruppen- und gemeinwesenbezogener Angebote (vgl. GKV-Spitzenverband et al. 2017, S. 13, Teil 2, stationäre Pflege, Anlage 1). Weiterhin wird die Existenz solcher Maßnahmen der Eingewöhnungs- und Wohnlichkeitsförderung sowie die Möglichkeit demenziell erkrankter Bewohner*innen zur Selbstbestimmung einbezogen (vgl. GKV-Spitzenverband et al. 2017, S. 15ff., Teil 2, stationäre Pflege, Anlage 1). Ebensolche Kriterien, die mit Zielsetzungen der Sozialen Arbeit vereinbar sind – auch wenn diese selbst dabei nicht benannt wird – finden sich auch in weiteren Instrumenten der Qualitätsprüfung. Eines dieser Instrumente wurde an der Hochschule München erstellt und zielt auf die Prüfung der Qualität auf den Ebenen „Zweckmäßigkeit […], […] Wohnlichkeit […], […] Personal […], […] Gesundheitliche Versorgung […], […] Verpflegung […], […] Selbstbestimmung […], […] Soziale Betreuung […] [und] Miteinander“ (Pohlmann 2011, S. 200f.). Die Ergebnisse dieser Prüfung werden in einem Onlinetool transparent dargestellt. Dies ermöglicht eine Übersicht darüber, welche Einrichtung die erwünschten Kriterien im Sinne der pflegebedürftigen Person bzw. deren Betreuer*innen und/oder Angehörigen erfüllt (vgl. Pohlmann 2011, S. 201). Ein sowohl den Kriterien des Münchener Instruments der Qualitätsprüfung als auch denen des Prüfkataloges des MDK ähnlich erscheinender Ansatz ist der Capability Approach. Dieses an Diskurse sozialer Ungleichheit und die Möglichkeiten eines Individuums zur Befähigung seiner selbst anknüpfende Modell wird im Folgenden in Bezug auf die Perspektive seiner Anwendung im Rahmen der Sozialen Arbeit in stationären Altenpflegeeinrichtungen und die darauf bezogene Auswertung von Dokumentationen diskutiert. 3.3.2 Der Capability Approach als ein auf die Arbeit des Sozialen Dienstes übertragbarer Ansatz der Wirkungsevaluation Was wie dokumentiert wird und welche Schlüsse aus einer Verschriftlichung von Leistungen in Bezug auf die Wirkung dieser gezogen werden, ist sowohl von der in Kapitel 2.2.3 dieser Arbeit erörterten Standardisierungsnotwendigkeit als auch von handlungsfeldspezifischen Kriterien abhängig. Im Handlungsfeld der stationären Altenhilfe sind dabei insbesondere die ebenfalls bereits aufgegriffenen Aspekte eines gelingenden Alterns wie Integrität, Lebenszufriedenheit und -qualität von Bedeutung (siehe Kapitel 3.1 dieser Arbeit). 54 Sen und Nussbaum greifen im Rahmen des Capability-Ansatzes unter anderem ebendiese Thematiken auf und betten sie ein in eine Perspektive der Aktivierung hin zur Realisierung klient*innenbezogener Möglichkeiten. Der Ansatz geht in gewisser Weise über die Erschließung persönlicher Ressourcen hinaus, indem durch eine „Verknüpfung von Befähigungen, Infrastrukturen und Berechtigungen“ (Ziegler et al. 2012, S. 304) tatsächliche Verwirklichungsräume bestimmter Lebenskonzepte erfasst werden sollen. Im Zusammenhang mit Theorien und Modellen des aktiven und produktiven Alterns wird die gewinnbringende Perspektive einer Integration des Capability-Ansatzes in die stationäre Altenhilfe deutlich. Statt mit fremder, unter anderem staatlicher Hilfe auszugleichende Defizite in den Fokus zu rücken und somit Bewohner*innen in einer passiven Rolle zu verorten, werden die „mit Blick auf menschliche Bedürfnisse begründeten Capabilities als Rechte (‚fundamental entitlements‘) von Individuen formuliert“ [Hervorhebung im Original] (Ziegler et al. 2012, S. 305). Dadurch erfährt die Benennung von und das Einstehen für individuelle Bedürfnisse eine Aufwertung und das Recht auf Selbstbestimmung des eigenen Lebens bis ins hohe Alter eine Betonung – eine Parallele zum Empowermentansatz der Sozialen Arbeit. Martha Nussbaum bildet die Basisbedingungen für ein solches, selbstbestimmtes und gelingendes Leben im Rahmen einer Liste der zehn sogenannten Central Capabilities ab. Sie betont dabei gleichzeitig die Priorität dieser von ihr erläuterten Aspekte und ihre Flexibilität in Bezug auf die Anpassungsnotwendigkeit auf individuelle Fälle und Umstände (vgl. Otto 2007, S. 81). In Bezug auf das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit in der stationären Altenhilfe können die Central Capabilities wie folgt kategorisiert werden: Life, Bodily Health und Bodily Integrity bilden in diesem Kontext eine Einheit. Mit dem Grundprinzip des Life greift Nussbaum – wenn auch nicht bewusst – die Existenzbegründung der stationären Altenhilfe auf. „Being able to live to the end of a human life of normal length“ (Nussbaum 2012, S. 360) ist im Hinblick auf die durch den demographischen Wandel bedingte, wachsende Notwendigkeit der Beschäftigung mit einer Schaffung der Struktur der Möglichkeiten für eine alternde Gesellschaft zentral. Die Grundbedingungen Bodily Health und Bodily Integrity rücken die Relevanz der Pflege und – insbesondere bezogen auf die Bewegungsfreiheit eines Individuums – rechtlicher bzw. ethischer Diskurse über fremdbewirkte Mobilitätseinschränkungen, aber auch deren medizinische Hintergründe in den Fokus. 55 Anknüpfungspunkte für die Soziale Arbeit finden sich in nahezu allen folgenden Central Capabilities wieder. Aus der Perspektive der von Falkenroth beschriebenen Aufgabenfelder des Sozialen Dienstes, bzw. der Sozialen Arbeit in stationären Altenpflegeeinrichtungen ergeben sich folgende Zuordnungen: Der Terminus Practical Reason umfasst die Chance, den Verlauf des eigenen Lebens planen zu können. Dies geschieht nach Falkenroth im Zuge der Bewohner*innenberatung und der Gestaltung der Freizeit selbiger und stellt beispielsweise im Kontext des Case Managements die Maßnahmenplanung dar (vgl. Falkenroth 2011, S. 348; vgl. Remmel-Fassbender 2011, S. 140). Diese wird aus pflegender Perspektive ebenso im Rahmen des die SIS® umfassenden Strukturmodells aufgegriffen (vgl. Beikirch et al. 2017, S. 21). Die von Falkenroth aufgeführte Aufgabe der Bewohner*innenberatung und der Freizeitgestaltung umfassen jedoch noch vielmehr. Die Central Capabilities Affiliation, Emotions und Play können von Fachkräften der Sozialen Arbeit durch „individuelle und gemeinschaftliche Freizeitangebote“ (Falkenroth 2011, S. 348) und Beratungsgespräche gestärkt werden. In Bezug auf die SIS® kann hier zudem eine Parallele zu „Themenfeld 5 Leben in sozialen Beziehungen“ (Beikirch et al. 2017, S. 40) gezogen werden. Die Grundbedingung Senses, Imagination and Thought, die die Möglichkeit der Teilnahme an „events of one’s own choice, religious, literary, musical, and so forth“ (Nussbaum 2012, S. 360) beinhaltet, kann einerseits ebenso in die Kategorie der Freizeitgestaltung eingeordnet werden. Andererseits geht aus Nussbaums Beschreibung dieser Bedingung die Notwendigkeit der freien Meinungsäußerung hervor, die bei Falkenroth in Form der Förderung der Beiräte und des Austausches der Bewohner*innen über bestimmte Themen unter die Kategorie der Milieugestaltung fällt. Unter diese kann ebenso der Kontakt zu Tieren und Pflanzen (Other Species) gezählt werden. Mit der zuvor genannten Capability Senses, Imagination an Thought eng verbunden ist der Aspekt Control over one’s Environment. Dieser umfasst nicht nur die materielle Sicherung eines Individuums, die im Kontext einer stationären Altenpflegeeinrichtung im Rahmen der Milieugestaltung oder Beratung zu „materiellen Hilfen und Nachteilsausgleichen“ (Falkenroth 2011, S. 348) gefördert werden können, sondern auch ein Recht auf politische Teilhabe. Dieser Aspekt kann zum einen intern durch die Bereitstellung der oben aufgeführten Möglichkeit von Beiräten und Bewohner*innensitzungen zum anderen extern durch 56 die Gemeinwesenarbeit der Fachkräfte in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden angegangen werden. Inwieweit eine weitergehende, direkte politische Beteiligung, beispielsweise in Form eines offiziellen Amtes, in diesem Rahmen möglich ist oder ermöglicht wird, ist nicht Hauptthema dieser Arbeit und wird somit keiner weiteren Ergründung unterzogen. Bedeutsamer ist in diesem Zusammenhang die Anwendung des Capability-Ansatzes auf das Modell eines gelingenden Alterns. In Bezug auf Erikson hebt sich an dieser Stelle der Aspekt Affiliation besonders hervor. Ein von Integrität und Generativität geprägtes Alter wird über Nussbaum und Erikson hinaus bereits in weiteren Konzepten des selbstbestimmten Alterns hervorgehoben. Ein Beispiel dafür ist das Lebensqualitätsmodell des Kuratoriums Deutsche Altershilfe, das in diesem Kontext besonders die Relevanz der Möglichkeit, einen Sinn im Leben zu sehen und soziale Kontakte zu knüpfen bzw. beizubehalten, verdeutlicht (vgl. Michell- Auli 2012, S. 4). Der Ansatz des Capability Approach ist demnach bereits – wenn auch nicht unter seinem ursprünglichen Namen – in der Altenarbeit angekommen. Die besondere Bedeutung der Erschließung von Capabilities geht über ihren Anwendungsgehalt in der Praxis der Sozialen Altenarbeit durch ihre Eröffnung von Möglichkeiten in der Wirkungsevaluation und -forschung hinaus. Zum einen können durch die Evaluation der klient*innen- bzw. bewohner*innenbezogenen Verwirklichungschancen Maßnahmen individuell angepasst werden. Zum anderen rückt die Wirkungsforschung einen Schritt näher an die Erfassung der Wirkung der Sozialen Arbeit abzüglich der von den Klient*innen selbst ausgehenden Wirkung (vgl. Otto 2007, S. 76ff.). Im Rahmen der in dieser Arbeit inbegriffenen Forschung ist der Capability-Ansatz daher von besonderem Interesse. Der Fragestellung, inwiefern sich die Grundzüge des Ansatzes tatsächlich in den Forschungsergebnissen wiederfinden und welche Rolle diese dabei in Bezug auf die Wirkungsthematik innehaben, wird sich durch den Rückgriff auf die in diesem Kapitel dargestellten Capabilities angenähert.

Chapter Preview

References

Abstract

“Ask your social worker about risks and side effects.“ Few social welfare institutions would take such a slogan on. The answers to questions about measurability, attribution or - quite fundamentally - the definition of effect in social work seem to be too vague and too numerous. Nevertheless just in view of the increasing need for the legitimisation of the professional status of social work a further scientific foundation of the effectiveness debate is indispensable. This book contains both an overview of the current state of impact research as well as a transfer of the topic into the field of action of social work for the elderly. The results of the qualitative research based on this open the debate on the impact to the core element of the profession: Co-production as a negotiation process between the actors involved.

Zusammenfassung

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Sozialarbeiterin oder Ihren Sozialarbeiter.“ Einen solchen Slogan würden sich wohl die wenigsten Einrichtungen des Sozialwesens auf die Fahne schreiben. Zu vage und zu zahlreich scheinen Antworten auf Fragen nach der Messbarkeit, der Attribution oder – ganz grundlegend – der Definition von Wirkung in der Sozialen Arbeit. Doch gerade im Hinblick auf die zunehmende Notwendigkeit der Legitimation des Professionsstatus der Sozialen Arbeit kann auf eine weitergehende wissenschaftliche Fundierung der Wirkungsdebatte nicht verzichtet werden. Dieses Buch beinhaltet sowohl einen Überblick über den aktuellen Stand der Wirkungsforschung als auch eine Übertragung der Thematik in das Handlungsfeld der Sozialen Altenarbeit. Die Ergebnisse der darauf basierenden qualitativen Forschung öffnen die Wirkungsdebatte für das Kernelement der Profession: Die Ko-Produktion als Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Akteur*innen.