„Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ in:

Michael Stefan Pietschmann

Hanns Anselm Perten - Ein Leben für das Theater, page 195 - 202

Eine Künstlerbiografie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4381-3, ISBN online: 978-3-8288-7364-3, https://doi.org/10.5771/9783828873643-195

Tectum, Baden-Baden
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„Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ Im Frühjahr 1981, Hanns Anselm Perten geht auf die 65 Jahre zu, ist er äußerst beunruhigt über die Höhe seiner künftigen Rente. Perten besaß einen Einzelvertrag und erhielt eine Police über eine „Intelligenzrente.“ In ökonomischen Sachverhalten wenig erfahren – ihn hatte über Jahrzehnte nicht interessiert, wie hoch seine Rente einmal ausfallen wird – lässt er sich von seiner Sekretärin die im Verlaufe seines Berufslebens abgeschlossenen Verträge abschreiben und beschäftigt sich mit dem Inhalt dieser. Während der Theaterferien im Sommer 1981 in Ahrenshoop zieht er seinen Sohn ins Vertrauen und rechnet ihm vor, was er im Ruhestand an Zuwendungen erhalten wird. Er kommt auf 800 Mark Intelligenzrente und 287 Mark Rente von der Sozialversicherung. Er ist zutiefst betroffen, verbittert darüber, was ihm als Rente zusteht. Mit dieser Summe, das war ihm bewusst geworden, konnte er seinen, für DDR-Verhältnisse überdurchschnittlichen Lebensstandard, nicht aufrechterhalten. Er sah seinen Sohn sorgenvoll an und äußerte: „Davon kann ich nicht einmal meinen Whisky bezahlen.“ Eine Flasche Medley-Bourbon, von DDR-Seeleuten von Bord ihrer Schiffe geschmuggelt, kostete Hanns Anselm Perten, der lieber auch besseren Whisky getrunken hätte, 80 Papiermark der DDR. Er schwieg. Eine sehr lange Pause entstand. Dann, nicht theatralisch, todernst: „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen.“ Der Sohn versuchte ihn zu beruhigen. Doch er hatte keine Argumente. Die Renten in der DDR, auch für die Intelligenz, waren eine einzige Katastrophe. Dem Sohn gegenüber hatte er des Öfteren geäußert, dass er die Bereitschaft Hemingways und dessen Konsequenz, Selbstmord zu begehen, wenn es nicht weiterging, bewundere. Die offiziellen Auffassungen von „Marxisten“ zu Sterben und Tod und die zahlreichen weißen Flecken in Bezug auf diese existentiellen Fragen genügten dem einst gläubigen Katholiken nicht. Diese Berührungsängste und Unterlassungen kritisierte er des Öfteren scharf. Der zu Tag und Stunde von Hemingway selbst gewählte Tod mit dessen Jagdgewehr übte auf Perten 195 nicht nur eine Faszination aus, sondern er deutete dies auch als Ausdruck einer Charakterstärke. Auch solche Äußerungen gehörten in den 60er und 70er Jahren zu Perten: „Es gibt Situationen im Leben, in denen sollte man, wenn man sich klar darüber geworden ist sich geirrt zu haben, auch die letzte Konsequenz ziehen und sich erschießen.“ Auch fast 20 Jahre nach dem Tod ranken sich Mythen um die genauen Todesumstände des Künstlers Hanns Anselm Perten, für viele sind diese bis heute nicht gänzlich geklärt. Es gibt mehr Fragen als Antworten. Gleichfalls empfanden einige diesen Tod als völlig überraschend und unvorhergesehen. So teilte der Sohn mit: „Zur angeblichen Todeszeit hatte man mich zum Wehrkreiskommando bestellt. Erst am Nachmittag des 29.11.1985 rief mich in meiner Schule der Bezirksleitungssekretär Horstmann an und teilte mir mit, dass mein Vater verstorben sei und er dieses tun müsse, da um 15.00 Uhr die Medien diese Nachricht verbreiten würden. […] Als ich im Hause erschien, war der Leichnam meines Vaters bereits fortgeschafft, die Ehebetten abgezogen, die Fenster weit aufgerissen. Einer Forderung meinerseits nach einer Obduktion wurde nicht nachgekommen. Einer Forderung, die wichtigsten Räume im Hause zu versiegeln, kamen die dafür zuständigen Organe nicht nach. […] Ich bin der Meinung, dass der Tod meines Vaters durch äußere Umstände herbeigeführt wurde und man sich dabei des Rechtsanwaltes […] als Werkzeug bediente, der zudem eine Krankenpflegerausbildung besaß und somit über ausreichende Kenntnisse verfügte, den Tod meines Vaters zu einem für seine Machenschaften und die Staatssicherheit u. a. günstigen Zeitpunkt herbeizuführen. Ich erinnere nur an das Plädoyer meines Rechtsanwaltes, Dr. Friedrich Wolf, dass die Umstände des Todes von Prof. Perten recht mysteriös seien. Dem habe ich auch heute nichts mehr hinzuzufügen.“ Teilweise spektakulär blieben die Auseinandersetzungen um das Erbe von Hanns Anselm Perten, so wurde der Sohn zuerst enterbt und durch einen Anwalt, den Perten erst kurz vor seinem Tod kennenlernte, ersetzt und zum Alleinerben erklärt. Dazu kamen mehrere Verfügungen und Testamente, die noch unmittelbar vor Pertens Tod erstellt wurden – teilweise bis zu 3 Stück an einem Tag. Ein Schriftstück wurde sogar als Fälschung identifiziert. Neben Mitgliedern der SED-Bezirksleitung (wie Ernst Timm als 1. Sekretär) zeigten auffallend viele Inoffizielle Mitarbeiter des MfS großes Interesse an diesen Vorgängen. Und „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 196 schließlich wurde die letztgeschriebene Verfügung von Perten und der eingesetzte Haupterbe von der SED-Bezirksleitung anerkannt und der Nachlass aufgeteilt, ohne dass das Testament offiziell eröffnet und der nahende Rechtsstreit abgewartet wurde. Der Sohn klagte erfolgreich und wurde ein Jahr nach dem Tod des Vaters zum Alleinerben erklärt. Allerdings waren jetzt Teile des Nachlasses nicht mehr auffindbar. So fehlten von dem für DDR-Verhältnisse nicht unvermögenden Hanns Anselm Perten beträchtliche Geldbeträge, Tausende Mark in Forumschecks verschwanden und sein Schweizer Konto blieb bis heute unauffindbar. Alles in allem gelingt es auch heute nicht vollständig, durch dieses Dickicht von Intrigen, Halbwahrheiten und Lügen die wahren Umstände sowohl des Todes als auch die genauen Vorgänge um das Erbe korrekt zu beleuchten. Als gesichert hingegen gilt, dass Hanns Anselm Perten die letzten Jahre seines Lebens resignierte und von Depressionen befallen war. Der Schauspieler Georg Lichtenstein fand einen Grund hierfür: „Das Rostocker Publikum hat Perten nicht in erforderlichem Umfang in seiner Breite und über einen großen Zeitraum erreicht. Nach meiner festen Überzeugung ist er an diesem Fehlschlag psychisch zugrunde gegangen; vor allem weil ihm ‘die Arbeiterklasse‘ die Gefolgschaft versagte. Sie kam nicht ins Theater. Die ‘toten‘ Seelen wurden zur Dauererscheinung. Man nannte die verkauften, aber leergebliebenen Theaterplätze so. Blieben ganze Reihen leer, fragte die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in den Betrieben nach, an die die betreffenden Karten geschickt worden waren. Nicht selten sagte dann ein Gewerkschaftsfunktionär: ‘Entschuldigung, das habe ich glatt vergessen. Die Karten liegen noch in meinem Schreibtisch. Aber keine Sorge! Die 2.50 Mark pro Karte zahlen wir locker aus unserem Kulturfonds.“ Der zunehmend fehlende Enthusiasmus der Theaterzuschauer und die nicht immer vorhandene Freude bei Pertens Spielplangestaltung haben sicher zum Teil zur Resignation und zur Vereinsamung Pertens geführt. Andere Gründe waren aber letztlich ausschlaggebender: Zum einen hatte sich Hanns Anselm Perten nie ganz von dem Verlust seiner Frau, der Schauspielerin Christine van Santen, die ein Jahr zuvor an Krebs verstarb, erholt. Andererseits kam Perten von seiner Gastinszenierung in Moskau völlig deprimiert zurück, zuvor hatte er dort einen Zusammenbruch erlitten. Nachdem er für einen längeren Zeitraum nicht die von ihm bis dahin verehrte Sowjetunion besucht „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 197 hatte und nun die Realität sah, mit Korruption und anderen Missständen konfrontiert wurde, brach in ihm eine Hoffnung zusammen. Bei diesem Aufenthalt 1982 hatte Perten offensichtlich mehrere Illusionen verloren. Seinem Sohn gegenüber wiederholte er mehrere Male nach diesem Aufenthalt: „Der Wettbewerb der Systeme ist verloren. Wir haben den Wettbewerb mit dem kapitalistischen System längst verloren. Wir hinken der Entwicklung hoffnungslos hinterher.“ Des Weiteren gab es Probleme am „Volkstheater Rostock“, die aus einer Flucht- und Ausreisewelle resultierten. Sie griffen zusätzlich seinen psychischen Gesundheitszustand an. Und nachdem gegen ihn gerichtete Drohbriefe geschrieben wurden, es wieder Versuche von der SED-Bezirksleitung in Rostock gab, ihn aus seinem Amt als Generalintendant zu drängen, er sich damit von Parteiseite ausgegrenzt fühlte, kühlte sich auch das Verhältnis Pertens zu seiner eigenen Partei noch mehr ab. Vor allem war Perten über Ernst Timm (1. Sekretär der SED-Bezirksleitung) sehr verbittert. Ihm unterstellte er, Drahtzieher verschiedener Intrigen, die gegen ihn gerichtet waren, zu sein. So hatte Timm die Absetzung mehrerer Inszenierungen, die am Theater in Rostock liefen, gefordert. In dieser Zeit nahm auch die Beobachtung durch verschiedene Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit auffallend zu. Christine van Santen war immer der Meinung gewesen, dass für ihr Rollenfach Salondame in der DDR-Dramatik, die zum einen so reich nicht gesät und zum anderen vordergründig „sozialistisch-realistisch“ ausgerichtet wurde, kaum Bedarf bestand und sich ihr somit kaum Rollen boten, in denen sie sich entwickeln könne. Weder hätte sie die „breitarschige Traktoristin“, noch die durchreißerische Genossenschaftsbäuerin, geschweige die kleinbürgerlich-spießige nd dogmatische Funktionärin spielen können. Sie war bis zum Ende ihres Lebens der Auffassung, dass gerade Hanns Anselm Perten, wie kein anderer durch seine Phantasie und sein Durchsetzungsvermögen ein Organisationsgenie par excellance, es „drüben“ zu weitaus mehr gebracht hätte. Der Sohn erwiderte ihr, dass er es nie verstanden habe, dass sie – jedes Westgastspiel bot eine Möglichkeit – nicht in der Bundesrepublik geblieben sind. Sie hätten weniger gegen Unverstand und Kunstfeindlichkeit bzw. einen stets durchschaubaren Kulturpragmatismus angehen müssen. Zumal sie so bedeutende Freunde wie Rolf Hochhuth, Pe- „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 198 ter Weiss, Hans Werner Henze, Dieter Forte oder Hans Magnus Enzensberger hatten, die ihnen beim Start zur Seite gestanden hätten. Hanns Anselm Perten starb am 29. November 1985. Und viele empfanden, was Jörg Kaehler – lange als Regisseur und Schauspieler am „Volkstheater Rostock“ beschäftigt – formulierte: „Welch ein Jammer, […] daß ein so reich begabter Mensch immer wieder über die Hürden seines in ihm angelegten Charakters [stolperte].“ In dem als gültig anerkannten Testament waren mehrere Bestimmungen enthalten. So gab es zwar einen Haupterben, aber auch andere Personen wurden bedacht. Claus Hammel erhielt unter anderem beispielsweise den Lehnstuhl Willi Bredels, den Schreibtisch von Kuba, viele Dinge aus dem Umfeld von Peter Weiss, Dokumente von literartur-historischem Wert und vieles mehr. Andere bekamen großzügige und beträchtliche Geldbeträge. Plakate, Requisiten vieler Ur- und Erstaufführungen, und gleichfalls viele Porträt-Bilder Christine van Santens und Hanns Anselm Pertens wechselten den Besitzer. Zur Beisetzung selbst verfügte Perten: „Ich bestimme, dass ich auf dem Schifferfriedhof in Ahrenshoop mittels Erdbestattung neben meiner Frau beigesetzt werde. Der Sarg ist so zu stellen, dass der Blick auf die Ostsee gerichtet ist. […] Dem Sarg ist eine Kassette mit den Eheringen und den Fotografien von mir und meiner Frau (Fotos Barbara Meffert) beizugeben und mir auf die Brust zu legen. Dem Sarg ist weiter beizugeben die kleine Buddha-Halbfigur aus Elfenbein, das Bild ‘Liebespaar‘ von Picasso, eine kleine Vase (Kobaltblau) mit einer Rose sowie die Uhr ‘Ruhla Chronograph‘.“ Festgelegt wurde des Weiteren, wer an der Beerdigung teilnehmen durfte. Unter anderem sollte nach dem letzten Willen Hanns Anselm Pertens kein Mitglied der SED-Kreisleitung und der SED-Bezirksleitung anwesend sein. Ausdrücklich verfügte Perten: „Eine öffentliche Bekanntmachung darf nicht erfolgen. Eine Trauerfeier des Volkstheaters Rostock hat nicht zu erfolgen, auch nicht außerhalb der Beisetzung. Es sollen keinerlei Reden oder Ansprachen gehalten werden.“ Dieser Wunsch wurde ähnlich wie bei Brecht, Becher, Dessau oder Eisler nicht respektiert, im Gegenteil: Nachdem verschiedene Beileidsbekundungen des Ministerrates, des Ministers für Kultur, der SED-Bezirksleitung Rostock und verschiedene Artikel zum Leben und Wirken Pertens ausführlich besprochen und veröffentlicht wurden, folgte eine bombastische Trauerfeier im „Volkstheater Rostock“. „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 199 Neben dem Bild des Verstorbenen wurden seine Orden gelegt und die rote Fahne wie auch die DDR-Fahne platziert. Die „Internationale“ wurde gesungen und beendete diese Veranstaltung. Viele Mitglieder der Partei- und Staatsführung nahmen an der Trauerfeier teil. Ernst Timm, Mitglied des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, hielt die Trauerrede, die nicht weniger bombastisch war. In ihr wurde kein Zweifel daran gelassen, dass Hanns Anselm Perten aufs Engste mit der Partei verbunden war und er sich als reiner Künstler im Klassenkampf sah. Timm führte aus: „Es fehlte nicht an feindlichen Versuchen, bei Gastspielen im kapitalistischen Ausland und in anderen Situationen Einfluss zu gewinnen. Doch unser Genosse Perten wusste immer, auf welche Seite der Barrikade er gehörte. Seine Gegner scheiterten stets an diesem Meister der offensiven Polemik, an seiner leidenschaftlichen Parteinahme und den Haltungen Rostocker Theaterleute. […] Als Kommunist nahm er das Privileg in Anspruch, stets mit den schwersten Aufgaben betraut zu werden und über Brücken zu gehen, bevor deren Festigkeit geprüft war. Wir verneigen uns tief vor einem Genossen, dessen Leben Kampf war, der stets offensiv unsere Sache vertrat. […] Neue Kämpfe für den Triumph des Friedens und der Menschlichkeit stehen vor uns. In den Siegen, die wir erringen, werden Dein Name und Deine Tat lebendig bleiben.“ Diese Veranstaltung war durchaus beeindruckend, hinterließ sie doch bei Teilnehmern und auch bei der Bevölkerung wiederum den Eindruck des „roten Perten“, des Parteiideologen und Scharfmachers. Vergessen wurde hingegen, dass diese Zusammenkunft gegen seinen Willen stattfand. Streckenweise war diese Trauerfeier auch ein Missbrauch der Person Hanns Anselm Perten. Rolf Hochhuth hatte vor, eine Rede, die er offensichtlich auch auf der Trauerfeier halten wollte, später zu veröffentlichen, was auch in der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ geschah. Zum Leben Pertens fand er viel treffendere Worte als offizielle Vertreter der Partei- und Staatsführung der DDR, so führte der Dramatiker aus: „Wer wird Hanns Anselm Perten, den Freund der Autoren beider deutscher Staaten und einiger Staaten anderer Sprachen, je ersetzen? Denn sein Tod ist für die bundesdeutsche, die österreichische und Schweizer Szene nicht weniger verfrüht und tragisch wie für die der Deutschen Demokratischen Republik. Theaterleiter gibt es viele. Hier war einer, und ich habe Grund zu der Befürchtung, „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 200 er war der letzte, der es wie die ganz selten gewordenen, sehr guten Verleger hielt: Er nahm sich nicht nur einzelner Stücke an, sondern der ganzen Arbeit eines Autors. […] Und wir Autoren wussten – doch bei wem heute wissen wir das noch? -, dass dieser Intendant uns helfen werde, aus einem Entwurf ein Stück zu machen, aus einem Stück – denn das ist keineswegs dasselbe – einen großen Theaterabend. Fortschrittlich oder Reaktionär: Für Perten war das nur eine Bildungsfrage, welche der zwei Positionen jemand einnahm. Ich habe – kein Superlativ – keinen anderen Intendanten getroffen, keinen, der auch nur annähernd so belesen war in der Literatur aller Zeiten und Völker. Perten hat sein Wissen nie zur Schau gestellt. Nur wer seine Wohnung betrat, der sah, dass sie als Ganzes eine Bibliothek ist. […] Für Perten gab es überhaupt keine politische Kategorie, die nicht zugleich auch eine qualitative gewesen wäre. Er wusste: Form, Sprache, Architektur eines Dramas sind nicht alles – aber ohne sie ist jedes Drama nichts. […] Hierzulande war Perten seit dem Tode Brechts der bahnbrechende Anreger für alle jene Theaterautoren, die sich – wie unzulänglich immer – Shakespeares Forderung zu stellen bemühen, begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht. Und seit dem Tode Piscators, auch schon zwanzig Jahre her in diesen Tagen, war Perten überhaupt im Raum unserer deutschen Sprache der Wegweiser und Repräsentant des politischen Theaters, das – ähnlich dem Roman – von erzgescheiten Feuilletonisten alle zehn Jahre für mausetot erklärt wird, um sich dann ebenso wie der große Roman mit einer überraschenden Neuerscheinung jeweils verjüngt wieder durchzusetzen. […] Bei Perten – ich übertreibe nicht, wenn ich hinzusetze: Bei Perten fast allein – wussten wir noch, wo wir dran sind. […] Die Frau, die ihm zur Seite stand und die ihm vorangetragen wurde ins Grab in Ahrenshoop, hat Pertens Bindungen an Literatur der Gegenwart geteilt. Welches Ehepaar sonst, hierzulande oder drüben, bei uns oder in der Schweiz, ist so vielen Bühnenschriftstellern zum Förderer, zum Freund geworden – um nur einen Namen zu nennen: Peter Weiss. Hatte er auch seine Bühnen-Triumphe bis hin nach London. Seine geistige Heimatstadt ist Rostock gewesen, weil es Pertens Rostock war. Regisseure hatte Weiss wie wir alle viele. Intendanten auch. Freunde aber hatte er unter ihnen nur zwei: Ingmar Bergmann und Hanns Perten… […] Unvorstellbar: dieser Mann als Rentner. Er sagte mir einmal, wie sehr er dieses Wort hasse – so legte „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 201 ich es meinem Hemingway in den Mund. Unvorstellbar dieser Mann ohne das Volkstheater Rostock, das er nun niemals verlassen musste. Denn wenn wir Perten jetzt auch hinaustragen ins Grab am Strand, den er so geliebt hat – doch geliebt auch ihn nicht als Müßiggänger, sondern um dort am Meer die jeweils nächste Spielzeit vorzubereiten, unermüdlich bei der Lektüre und im geistigen und politischen Gespräch -, wenn jetzt Hanns Anselms Sarg dort zu dem Friedhofs-Hügel gebracht wird: Perten selber, seine Persönlichkeit bleibt ja in diesem Theater, bleibt wenn sie sich nur weiterhin zu seinem Geist bekennen und zu dem, was er wollte und wirkte – bei ihnen, seinen Schauspielern und Bühnen-Arbeitern, seinen Technikern und Bühnenbildnern und Sekretärinnen und auch bei uns Autoren.“ Als Prof. Hanns Anselm Perten 2003 exhumiert wurde – viele Gerüchte um den Tod waren vorausgegangen – sollten die sterblichen Überreste auf chemische Stoffe untersucht werden. In einem toxikologischen Befund 2004 war man noch von einer Medikamentenvergiftung ausgegangen. Im Abschlussbericht 2005 fand sich diese These allerdings nicht mehr. Vermutlich konnte man dieses auch nach 20 Jahren nicht mehr bestätigen. Bis zum heutigen Tag halten sich viele Gerüchte um die genauen Todesumstände, die wohl niemals abschlie- ßend geklärt werden können. Auch hierbei wird Prof. Hanns Anselm Perten – eine Verbindung von bürgerlicher Geistesart und proletarischer Erfindung – eine Legende bleiben. Gerade an dieser außergewöhnlichen Künstlergestalt wird ersichtlich, wie vielschichtig und gebrochen das 20. Jahrhundert war. Und wie schwierig es bleiben wird, einen Menschen – einen Künstler zumal – für die Nachwelt gerecht beurteilen zu wollen. „Mir bleibt nur noch ins Wasser zu gehen!“ 202

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Zusammenfassung

Prof. Hanns Anselm Perten war in der DDR eine der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Theaterpersönlichkeiten. Der Spielplan des Rostocker Volkstheaters ist einer der abwechslungsreichsten aller Bühnen in der DDR gewesen. Rostocks Bühne wurde zu dem Reisetheater außerhalb der DDR. Und in Rostock wurden Stücke aufgeführt, die in der DDR als unspielbar galten oder verboten waren. Perten ging mit seinem Engagement ein hohes Risiko ein: So umgab er sich gern mit Parteigrößen und wurde auch bald nach 1945 in die Strukturen der SED eingebunden. Zum Ende seines Lebens brach er mit „seiner“ Partei – die ihn immer kritisch gesehen und ihm oft große Probleme bereitet hatte. Mythen und Legenden ranken sich um die genauen Todesumstände dieser schillernden Künstlerpersönlichkeit. Diese Biografie beschreibt das Leben eines Theatermannes in der DDR über nahezu die gesamte Zeit des Bestehens dieses Staates.