„Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ in:

Michael Stefan Pietschmann

Hanns Anselm Perten - Ein Leben für das Theater, page 165 - 194

Eine Künstlerbiografie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4381-3, ISBN online: 978-3-8288-7364-3, https://doi.org/10.5771/9783828873643-165

Tectum, Baden-Baden
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„Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ Die nächste kulturpolitische Zäsur, nach Hanns Anselm Pertens Rückkehr 1972, war die Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976. Am 13. November 1976 gab Wolf Biermann in Köln ein Konzert, welches Auftakt einer Tournee durch die Bundesrepublik war. Der in Ansätzen durchaus vorhandene Liberalisierungsprozess, der durch den Wechsel an der Spitze der SED von Ulbricht zu Honecker vollzogen wurde, war durch die Ausbürgerung von Biermann am 16. November 1976 beendet. Diese wurde vom Politbüro der SED angewiesen und im „Neuen Deutschland“ begründet. Biermann, der sich als Kommunist sah und in den 1950er Jahren von der Bundesrepublik in die DDR gegangen war, übte zwar scharfe Kritik an der DDR-Führung, doch sah er die DDR als besseren deutschen Staat an und verteidigte sie vehement. Und da diese Ausbürgerung nicht spontan erfolgte, sondern lange vorher von der SED-Führung geplant wurde, war dieses Ereignis eher als Versuch zu werten, die, für die SED, verworrene Lage auf dem Feld der Kunst wieder einmal zu korrigieren. Diese Ausbürgerung von 1976 war ohne Zweifel eine Zäsur und markierte neben den Jahreszahlen 1953, 1961, 1968 und 1989 Verfallsdaten einer sozialistischen Utopie. Und das Jahr 1985, in dem Michail Gorbatschow neuer Generalsekretär der KPdSU wurde, läutete nicht nur eine neue innen- wie außenpolitische Kursänderung der Sowjetunion, sondern letztlich auch das Ende der DDR ein. Womit die DDR-Führung allerdings nicht rechnete, war der breite Widerspruch und Protest gerade in Künstlerkreisen, die Zivilcourage zeigten und sich mit dem Sänger und Dichter Biermann solidarisierten. Sie empfanden die Maßnahme der SED-Führung nicht nur als ungerecht, sondern als Anmaßung. Viele Menschen, die zuvor die DDR unterstützt oder zumindest toleriert hatten, rückten von der SED-Kulturpolitik und letztlich auch von der DDR ab oder begegneten ihr in Zukunft nur noch mit Misstrauen. So schrieben zwölf promi- 165 nente Künstler einen öffentlichen Protest, dem sich binnen weniger Tage mehr als 100 Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler, Maler, Komponisten und Zeichner anschlossen. Unter den Künstlern, die den Protestbrief unterschrieben, waren Sarah Kirsch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Günter Kunert, Heiner Müller, Jurek Becker, Jutta Hoffmann, Katharina Thalbach, Manfred Krug, Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, B. K. Tragelehn, Käthe Reichel, Nina Hagen, Eva-Maria Hagen, Jürgen Fuchs, Sibylle Havemann, Angelica Domröse, Hilmar Thate, Eberhard Esche, Thomas Langhoff, Horst Sagert, Günter de Bruyn, Jutta Wachowiak, Adolf Dresen, Hans Bunge, Armin Mueller-Stahl, Matthias Langhoff, Frank Beyer und andere. Viele von diesen Unterzeichnern – aber auch andere Künstler – hatten in der Folgezeit des verschärften kulturpolitischen Klimas mit Repressalien zu rechnen und reisten deshalb ebenfalls aus der DDR aus. Einige Künstler erklärten sich aber auch solidarisch mit der Entscheidung, Biermann auszubürgern. Unter diesen befand sich unter anderem, neben Erwin Geschonneck, Horst Drinda, Otto und Eberhard Mellies, Anna Seghers, Rainer Kerndl, Helmut Baierl, Claus Hammel, Hans Lucke, Konrad Wolf, Ernst Busch, Fritz Cremer, Erik Neutsch, Helmut Sakowski und Wolfgang Heinz auch Hanns Anselm Perten. Die SED-Führung, die zu keinem Dialog mit den Künstlern bereit und wohl auch fähig war, verschärfte durch dieses verhärtete Vorgehen in den 1970er und 1980er Jahren das Klima in der DDR. Dabei hatten in der Kulturadministration Kurt Hager, Chefideologe der SED, Hans- Joachim Hoffmann, ZK-Mitglied und Kulturminister der DDR und Künstlerverbände, an deren Spitze ebenfalls ZK-Mitglieder oder zumindest sehr zuverlässige Präsidenten/Vorsitzende wachten, den größten Anteil. Dennoch verödete die Kunst in der DDR keinesfalls. Wie nach vielen Zäsuren in der DDR-Kulturpolitik kam es zu einigen Kulturereignissen und größeren Produktionen, und zwar auf allen Gebieten der Kultur. Besonders groß waren nach der Biermann-Ausbürgerung der Exodus und die personelle Auszehrung der DDR-Theaterszene. So gingen nacheinander Matthias Langhoff, Manfred Karge, Angelica Domröse, Katharina Thalbach, Benno Besson, Hilmar Thate, Jutta Hoffmann, B. K. Tragelehn, Einar Schleef, Achim Freyer, Uta Birnbaum, Armin Mu- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 166 eller-Stahl und andere in den Westen. Deshalb war die Ausweisung von Biermann auch für das Theater der DDR eine entscheidende Zäsur und dies gleichfalls noch aus einem anderem Grund: Neben anderen, neuen und bisher unbekannten Autoren (wie zum Beispiel Christoph Hein und Uwe Saeger) kamen nun Regisseure in den Vordergrund – zum Beispiel Christoph Schroth, Wolfgang Engel, Peter Konwitschny, Herbert König, Alexander Lang, Jo Fabian und Frank Castorf – die bisher kaum in Erscheinung getreten waren. Diese außerordentlichen Begabungen etablierten sich trotz zahlreicher Widerstände recht bald und liefen alten Regisseuren wie Wolfgang Heinz, Hans Dieter Mäde, Karl Kayser und auch Hanns Anselm Perten den Rang ab, da sie mit ihren teilweise frechen, respektlosen und dementsprechend kontrovers geführten Inszenierungen und der Auswahl von oft kritischen Stücken nicht nur mehr Mut bewiesen, sondern eher die Veränderungen der Zeit aufnahmen und reflektierten. Dies gab für das Theater in der DDR gleichfalls neue und spannende Impulse. Die 1970er und frühen 1980er Jahre waren einerseits wieder durch eine Erbe-Diskussion, die durch Aufführungen verschiedener klassischer Werke ausgelöst wurde, gekennzeichnet (Werke von Kleist, Büchner, Goethe, Schiller und Lessing) – stand doch die deutsche Klassik seit Gründung der DDR im Zentrum der Konzeption des Theaters. Mit ihr sollte Identität gestiftet und der Anschluss an eine neue und bessere Geschichte geschaffen werden. Zum anderen standen zunehmend Werke der wichtigsten DDR-Dramatiker (Volker Braun, Heiner Müller und Peter Hacks), mit zum Teil heftig geführten Auseinandersetzungen und Diskussionen, auf den Spielplänen der Theater in der DDR. Auch dies war wiederum ein Beweis dafür, dass trotz kulturpolitischer Zäsuren, wie beispielsweise dem 11. Plenum des ZK der SED („Kahlschlagplenum“) oder der Ausbürgerung von Wolf Biermann, Theater in der DDR spannend und aufregend sein konnte und dies auch in den meisten Fällen war. Hanns Anselm Perten, der nie ein Geheimnis daraus gemacht hat, dass er nur sehr ungern 1970 nach Berlin wechselte, um die dortige Intendanz des „Deutschen Theaters“ zu übernehmen, war 1972 von den Querelen und Intrigen, die gegen ihn liefen, zermürbt und deprimiert. Seine Berliner Zeit sah auch er selbst als gescheitert an. Einige Künstler freuten sich über Pertens Einbruch in Berlin, galt er vielen – so auch „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 167 dem Schauspieler Kurt Böwe – als „Diktator von Rostock“, der „unliebsam, dogmatisch und herrschsüchtig“ war. Erstaunlich bleibt, dass seine Intendanz, die durchaus Erfolge zu verzeichnen hatte, in keiner offiziellen Publikation des „Deutschen Theaters“ in der DDR angemessen vorkommt. Dieses Scheitern wurde auch dadurch provoziert, dass Perten nicht die Fähigkeit besaß, auf veränderte kulturpolitische Ereignisse – wie zum Beispiel beim Wechsel von Ulbricht zu Honecker – schnell und auch in seinen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten zu reagieren. Auf wechselnde Strömungen antwortete er im Gegenteil oft recht trotzig oder sogar mit großer Ablehnung – wie dies auch im Fall der Ausbürgerung von Biermann war. Dementsprechend war auch sein Verhalten beim Wechsel nach Rostock. Nach 1972 waren seine politischen Äußerungen oft verhärtet und sehr viel ideologischer. Auch in sehr vielen Reden (zum Beispiel zur Jugendweihe, wo er den Festvortrag hielt, oder Auswertungen zu verschiedenen Parteitagen der SED) verstärkt sich der Eindruck, dass Hanns Anselm Perten in den 1970er Jahren sich zunehmend mehr als Ideologe gab – allerdings oft mit Phrasen garniert, auf die er bei offiziellen Reden nicht selten zurückgriff. Seine jetzt oftmals überzogenen politischen Artikel sind aber teilweise auch dadurch erklärlich, dass Perten nach der Biermann- Ausbürgerung 1976 bis eigentlich zu seinem Tod 1985 unter enormem wie auch beruflichem und damit auch politischem Druck stand: Ihn sah man 1972 nicht ohne Häme als gescheitert an und nachdem viele Ensemble-Mitglieder sowohl bei den Gastspielreisen (für diese war das Rostocker Theater berühmt und hatte im Republikmaßstab durch die hohe Anzahl eine Spitzenposition) als auch bei anderen Anlässen die Möglichkeit zur Republikflucht nutzten, kam Ende der 1970er Jahre eine Kündigungswelle, die wieder einmal auch durch den autoritären und zunehmend cholerischen Führungsstil Pertens ausgelöst wurde, auf das Theater und damit letztlich auch auf Perten zu. Und Perten wurde dieses als politisches Versagen von der SED angelastet. Pertens schon bekannter Verfolgungswahn war allerdings nicht immer ganz unbegründet, da er in dieser Zeit einige Drohbriefe bekam, die ihn auffallend zermürbten und depressiv machten. Zum anderen gab es ernsthafte Versuche, Perten als Intendant abzulösen und auch andere Intrigen gegen seine Person. Alle diese Dinge trugen dazu bei, dass Hanns Anselm Perten am Ende seines Lebens resignierte. „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 168 In Programmheften und vor allem zu Theaterproblemen sprach Perten oft differenzierter und sachlicher – wenn auch hin und wieder der Agitator durchscheint, der mit deftigen Worten auf eventuell vorhandene Probleme aufmerksam machen will. Dabei war sich Hanns Anselm Perten durchaus seines Rufes bewusst, nämlich als „parteilicher Intendant“ und Regisseur Möglichkeiten zu erhalten, den reichsten Spielplan mit für die SED nicht unproblematischen Stücken zu haben – zumindest bis in die Mitte der 1970er Jahre hinein. Im Juli 1972 wurde Hanns Anselm Perten durch das Kulturministerium der DDR wieder zum Generalintendanten des Theaters in Rostock berufen. Unter den Mitgliedern des Ensembles gab es viele Gegner, die sich gegen eine Rückkehr Pertens aussprachen. Die Parteileitung der SED des Kreises und des Bezirkes wie auch der Rat des Bezirkes Rostock stellten deshalb Bedingungen auf, unter denen Pertens kommende Intendanz akzeptiert wurde. Auch Hanns Anselm Pertens neuer Vertrag mit dem Rat des Bezirkes, Abteilung Kultur, war vor allem in finanzieller Hinsicht eine deutliche Verschlechterung, und zwar nicht nur im Vergleich zu seinem Berliner Vertrag, sondern auch mit seinem Vertrag in Rostock, der bis 1970 galt. Hatte Perten hier neben seinem für DDR-Verhältnisse stattlichen Gehalt auch für jede Regieleistung zusätzlich 5000,- Mark erhalten, sah dies der neue Vertrag nicht mehr vor. Er erhielt sein Gehalt und in diesem waren die Honorare für die Inszenierungen erhalten. Dies war schon ein ungewöhnlicher und auch an anderen vergleichbaren DDR-Theatern mit Sonderstatus unüblicher Kontrakt. Neben den Bedingungen, die Perten bei seiner neuerlichen Funktion als Generalintendant gestellt wurden, kann man diesen Vertrag letztlich schon als Demütigung und Zurücksetzung werten. Die Übergabe der Amtsgeschäfte erfolgte dann erstaunlich reibungslos zum September 1972 – also mit der neuen Spielzeit. Auch in den offiziellen Publikationen des Theaters knüpfte Hanns Anselm Perten nahtlos an seine Intendanz von 1970 an. Der Wechsel wurde weder angekündigt noch kommentiert. Und verschiedene Dramatiker, wie zum Beispiel Peter Weiss, freuten sich auf die neuerliche Zusammenarbeit („…hoffe auf erneuerung unserer frueheren fruchtbaren zusammenarbeit“). „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 169 Bei der Spielplangestaltung des Theaters in Rostock setzte Perten in den 1970er und 1980er Jahren auf Altbewährtes. Das „Volkstheater Rostock“ war in der DDR und darüber hinaus vor allem für seine Förderung zeitgenössischer Autoren und Stücke bekannt, die Perten hier ur- und erstaufführte. Dieses Klima schätzten viele Dramatiker, wie zum Beispiel Claus Hammel. Er fühlte sich wohl und sah die Zusammenarbeit dadurch als sehr produktiv an. Und Hanns Anselm Perten bekannte sich immer wieder und nachdrücklich zum „Autoren-Theater”: „Ich meine zu beobachten und stelle das durchaus als einen persönlichen Standpunkt dar, der der Streitbarkeit ausgesetzt ist, dass sich viele Regisseure auf das Gebiet der Klassik begeben, weil sie dort gewisse notwendige oder nicht notwendige Modernismen ausprobieren können, während wir uns ja einen Ruf erworben haben, der so bis nach Lateinamerika geht. Ich habe jetzt auch gerade wieder in Moskau erfahren – ich war vorige Woche mehrere Tage in Moskau -, dass wir ein Theater der Autoren sind. Ich bin kein Anhänger des Begriffs 'Regie-Theater', sondern ein Anhänger des Begriffs 'Autoren-Theater', und der Regisseur hat den Autoren zu verwirklichen. Dass er dabei sich selber mitverwirklicht, hat eine große Bedeutung, aber der Autor ist nicht zum Verhackstücken oder für falsche Experimente – es gibt auch viele richtige, das will ich unterstellen – dafür sind die Autoren nicht da und darauf hat sich eigentlich der Ruf des Hauses begründet Die Autoren wissen: Hier sehen sie ihr Stück, und sie kommen auch zu den letzten Proben und arbeiten noch mit. Ich lasse kein Stück heraus, das nicht die Zustimmung des Autors hat.“ Mit diesem Bekenntnis war der Schwerpunkt der 1970er und frühen 1980er Jahre gesetzt: Klassiker und andere Dramen und Stücke, die vor 1945 entstanden, wurden zwar aufgeführt, Perten selbst inszenierte diese aber nicht. Mit Shakespeare oder Schiller zum Beispiel hatte er sich doch aber gerade in den 1950er und 1960er Jahren großes Renommee erworben. Es wurden aber dennoch in Rostock Werke von Goethe, Heine, Hauptmann, Shakespeare, Lessing, Kleist, Shaw, Ibsen, Moliere, Sternheim, Kästner, Hasenclever, Kraus, Wedekind und anderen aufgeführt. Russisch-sowjetische Autoren standen im Mittelpunkt des Repertoires, so Katajew, Gorki, Schwarz, Wischnewski, Rachmanow, Pogodin, Sofronow, Arbusow, Aitmatow, Gelman, Agranowski, Schukschin und natürlich Tschechow, Gogol und andere. Lateinamerikanische Dramatiker hat- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 170 ten seit den 1950er Jahren immer einen festen Platz im Spielplan. Durch politische Ereignisse – wie zum Beispiel in Chile – wurde die Zusammenarbeit noch intensiviert. So befanden sich Stücke von Vallejo, Lenero, Quintero, Figueiredo, Cerdas, Carvajals, Sands, Neruda und anderen fast durchgehend im Spielplan. „Hauptsäule“ des Spielplans in diesen Jahren waren aber letztlich Produktionen zeitgenössischer Dramatik, dabei deutschsprachige Autoren aus der Bundesrepublik oder der Schweiz (Hochhuth, Weiss, Dürrenmatt, Forte, Kroetz, Hildesheimer und zunehmend Musikwerke von Henze), Dramatiker aus anderen nicht-sozialistischen Ländern wie Valmy, De Filipo, Williams, Kilty, Wycherley, Priestley, Pagnol, Patrick, Albee, Simon, O'Neill, Hare, Durbridge, Fo, Camus, Wilder, Marivaux, Williamson, Cocteau, Cobum, Whitehead und andere bereicherten den Spielplan. DDR-Autoren waren für Perten als Intendant und Regisseur aber Markenzeichen Rostocker Theaterpolitik; sie und ihre Stücke standen stets im Zentrum des Interesses, unter ihnen Hammel, Wolf, Brecht, Kuba, Schreyer, Schumacher, Foellbach, Voss, Lucke, Kerndl, Neumann, Stein, Pitschmann, Fischer und andere. Opern-Aufführungen waren im Spielplan abwechslungsreich vertreten, wenn es auch am „Volkstheater Rostock“ eindeutig einen Schwerpunkt zugunsten des Schauspiels in dieser Zeit gab. Mit verschiedenen Musicals kam man gerade beim Rostocker Publikum an und die Kritik begann sich vor allem für die Werke des Komponisten Hans Werner Henze zu interessieren. Das Ballett erhielt eine bisher nicht dagewesene Förderung und wurde bald republikweit ernstgenommen. Bei aller Pflege der DDR-Dramatik in Rostock wurde aber eines sichtbar: Werke von Peter Hacks, Volker Braun und Heiner Müller fehlten auffallend. Hier hat Perten als Regisseur und Intendant sein jahrelanges Gespür für die aktuelle Zeitdramatik verloren, gehörten doch alle drei zu den wichtigsten Autoren jener Zeit, signalisierten Umbrüche mit und in ihren Werken und haben letztlich auch durch die Aufführung ihrer Stücke Theatergeschichte geschrieben. Es bleibt erstaunlich, dass Hanns Anselm Perten auf diese künstlerischen Auseinandersetzungen, die in Theaterkreisen teilweise heftig diskutiert wurden, in keiner Weise reagierte und diese Dramatiker und ihre Werke vollständig ignorierte. Allerdings waren die Werke dieser Autoren schon oft für die Uraufführung vergeben, bevor sie herauskamen. Und „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 171 Perten hatte nun einmal größtes Interesse daran, Stücke von DDR- Dramatikern in Rostock uraufzuführen. Andere Theater und ihre Intendanten oder Regisseure in der DDR erkannten diese Strömungen nicht nur schneller, sondern setzten diese Dramatiker auf die Spielpläne ihrer Häuser. Und das bisher nicht Vorstellbare begann: Galt das „Volkstheater Rostock“ mit seinem Intendanten und Regisseur als Hort und Garant (und verfügte dementsprechend über einen großen Bekanntheitsgrad im In- und Ausland) vor allem zeitgenössischer Dramatik, verpasste nicht nur Perten, sondern das Theater insgesamt den Anschluss. Diese Tatsache stellte nicht nur Georg Lichtenstein, lange Regisseur und Schauspieler am Theater, fest: „Ich sehe sehr wohl das in vielem Kritikwürdige dieses Theaters und seines Chefs, auch dass der Glanzzeit des Schauspiels eine Zeit des Niedergangs folgte. In meiner Sicht war die Inszenierung von Peter Weiss' 'Der Prozess' nach Kafka 1978 eine letzte Glanzleistung Pertens, mit weniger Anspruch auch noch 'Die Preußen kommen' 1981.“ Galt Rostock mit seinem Theater bis dahin als führend in der DDR (im Bezirk Rostock sowieso), bekam es nun Konkurrenz. An der Anklamer Bühne experimentierten und probierten unter anderem Peter Konwitschny und Frank Castorf neue Regiekonzepte aus. Noch mehr sorgte aber die Schweriner Bühne mit seinen „Spektakeln“ für Aufsehen. Diese Theaterfeste, bei denen viele Inszenierungen und Aufführungen mehrere Tage lang – oft nebenund nacheinander – zur Diskussion gestellt wurden, erlangten eine bis dahin nicht gekannte Popularität: „Vor allem das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin profilierte sich unter seinem Schauspieldirektor und Hauptregisseur Christoph Schroth (zehn Jahre vorher war er Assistent bei Besson gewesen, danach hatte er als Regisseur in Halle gearbeitet) von August 1974 ab zum herausragenden Beispiel für Volkstheater. Die Theaterfeste hießen in Schwerin 'Entdeckungen' und hatten meist thematische Schwerpunkte. So gab es 1977 'Jugendentdeckungen', 1978 'Brecht-Entdeckungen' und 1979 'DDR-Entdeckungen'. Diese Titel bedeuteten keine allzu große Einschränkung; am ersten Abend der 'DDR-Entdeckungen' zeigte man beispielsweise beide Teile des 'Faust'. Diese Inszenierung zog – weitergespielt ohne die anderen 'DDR-Entdeckungen' – viele Jahre Besucher aus dem ganzen Land an und wurde am Ostersamstag 1981 im DDR-Fernsehen gesendet. Die Schweriner Theaterleute stellten ihre 'Faust'-Inszenierung ausdrück- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 172 lich in die Tradition von Brechts und Monks 'Urfaust' von 1952/53 und von Dresens 'Faust'-Inszenierung von 1968 und damit in die Tradition der renitenten Gegenentwürfe. Die Schweriner zogen viele ehrfurchtslose Register, die früher kaum durchzusetzen gewesen wären. Lore Tappe, eine Frau (!), spielte den Mephisto, vier Faust-Darsteller wechselten sich ab, das Religionsgespräch war ein Bettgeflüster, Homunculus sprach aus dem Kofferfernseher, in der Hexenküche fand eine Transvestitenschau statt, und der alte Faust war kein ideales Vorbild, sondern ein blinder Kapitalist. Ihren großen Erfolg hatte die Inszenierung aber nicht wegen ihrer Renitenz, sondern als unorthodoxes und buntes Spektakel.“ Spannendes, aufregendes und viel diskutiertes Theater fand im Norden nun nicht ausschließlich mehr in Rostock statt, sondern an bisher unscheinbaren kleinen oder zumindest bisher nicht in Erscheinung getretenen Bühnen. Und durch die Aufführungen der Werke von Peter Hacks, Volker Braun, Heinar Kipphardt, Heiner Müller und Bert Brecht bewies Christoph Schroth in Schwerin eine größere Neugierde und Aktualität. Dennoch ist die Liste der Ur- und Erstaufführungen (ab den 1970er Jahren wurde nicht mehr zwischen DDR- und Deutscher Erstaufführung unterschieden, es galt nur noch „DDR-Erstaufführung“), die in den verbleibenden dreizehn Jahren der Intendanz von Perten stattfanden, imposant. Von 1952 bis 1977 hatte Perten insgesamt 250 Ur- und Erstaufführungen herausgebracht. 1972/73 gab es am „Volkstheater Rostock“ – nur das Schauspiel und nicht die Oper, das Ballett und anderes betreffend – fünf (am „Deutschen Theater“ in Berlin eine), 1973/74 am „Volkstheater Rostock“ elf (am „Deutschen Theater“ in Berlin eine), 1974/75 in Rostock 14 (in Berlin eine), 1977/78 in Rostock elf (in Berlin sechs), 1979 in Rostock sieben (in Berlin zwei) und 1983 in Rostock 15 (in Berlin eine) Urund Erstaufführungen. Nicht nur im Vergleich zum „Deutschen Theater“ in Berlin, sondern auch im Vergleich zu anderen Theatern der DDR behielt die Rostocker Bühne einen Spitzenplatz, allerdings befand sich unter den Stücken in Rostock neben wichtigen und herausragenden Werken auch oft Banales. Aber auch in diesem Punkt gab es keinen großen Unterschied zu anderen Theatern der DDR. Nachdem Hanns Anselm Perten im Juli 1972 wieder zum Generalintendanten in Rostock berufen wurde, setzte er seine erfolgreiche Arbeit und Zusammenarbeit mit Hammel, Dürrenmatt, Kroetz und vor „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 173 allem mit Rolf Hochhuth und Peter Weiss fort. Letzterer gratulierte ihm enthusiastisch zur Wiedereinführung in Rostock. Peter Weiss‘ „Hölderlin” inszenierte Perten dann auch gleich 1973. Dies war nicht unbedingt selbstverständlich, da sich die DDR mit dem Dichter Hölderlin und seinem Werk – ähnlich wie bei Georg Büchner – lange Zeit schwertat. Dieser DDR-Erstaufführung gingen von Seiten Pertens umfangreiche Studien wie auch Gespräche mit Peter Weiss und seiner Frau Gunilla in Stockholm voraus. Dieses Werk als eine Mischung zwischen dokumentarischem Stück und Geschichtsdrama war eine neue Ausdrucksmöglichkeit und Ergebnis jahrelanger Beschäftigung des Dramatikers Peter Weiss mit dem Dichter Hölderlin. Jener bot Weiss durch den Zustand seiner geistigen Umnachtung, seiner höchsten Sensibilität und seinem starken revolutionären Wollen fruchtbare Grundlagen für ein Stück. Und Hölderlin, der von den Idealen des Jakobinismus erfüllt war und sich als revolutionärer Citoyen sah, zerbrach an persönlichem Leid, an wirtschaftlichem Mangel wie an dem Widerspruch zwischen den Zielen menschlicher Freiheit und Gerechtigkeit und deutscher Realität. Peter Weiss benutzte in diesem Stück ganz andere Methoden als zum Beispiel im „Marat“ oder in der „Ermittlung“ mit der Rekonstruktion großer historischer Abläufe und Bewegung von Massen. Der „Hölderlin“, als dramatische Formung des Einzelnen, war auch durch die psychologischen Elemente nicht nur eine Herausforderung für den Dramatiker, sondern auch eine Weiterentwicklung. Der Anteil von Hanns Anselm Perten ist im Vorfeld bei der Entstehung des Stückes und bei Änderungen nicht hoch genug einzuschätzen, da Perten den Dichter Hölderlin sehr bewunderte. In einem Interview stellte Perten dann auch fest: „Ich würde sagen, es war nicht so schwierig, Weiss zu Änderungen an seinem 'Hölderlin'-Drama zu bewegen, das ja durch die 2 ½-jährige, natürlich durch längere Phasen unterbrochene Diskussion an Dimension gewonnen hat. Nicht die Frage ist kompliziert gewesen, ihn zu einer anderen Einsicht zu veranlassen, sondern das Komplizierte des dichterischen Werks besteht doch zweifelsohne darin, die in Gesprächen mit Freunden gewonnene Einsicht auch poetisch zu verarbeiten. Es hat große Entwicklungen gegeben. Wir haben unmittelbar nach der Uraufführung in Stuttgart mit ihm gesprochen und haben in einer freundschaftlichen und kameradschaftlichen Art unsere Meinung gesagt zu gewissen Fehlleistungen, „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 174 die unserer Auffassung nach im Verhältnis zu den großen Figuren von, sagen wir einmal Hegel als Beispiel, vorhanden sind, um ihm das zu verdeutlichen, und wir haben dann einen Etappenprozess der Klärung gehabt, und ganz entscheidend war dann, dass in der Phase der Vorbereitung auch aufgrund der Erfahrungen, die er gesammelt hatte mit der Stockholmer Inszenierung, ich noch einmal in Stockholm mit ihm ein, fast könnte ich sagen, dreitägiges Gespräch hatte und dann mit der völligen Übereinstimmung der konzeptionellen Ansichten an die Arbeit gehen konnte, weil ich immer der Meinung bin, es darf der Regisseur den Autor nicht, wie so ein Jargon sagt, changen. Er darf ihn nicht biegen, sondern der Autor muss pur gespielt werden. Es müssen die Ansichten des Autors deutlich werden, und ich bin bei der Inszenierung lebender Autoren immer davon ausgegangen, werkgetreu zu sein, allerdings von der maximalen Annäherung der Standpunkte. Erst dann beginne ich mit der Inszenierungsarbeit. Dann war es sehr fruchtbringend, dass Peter Weiss hier die letzten Proben noch mitgemacht hat, wo wir noch einige Diskussionen und gemeinsame Ansichten auch mit Wissenschaftlern der Universität, mit dem ganzen Ensemble ausgetauscht haben, so dass man heute sagen kann, diese Rostocker Inszenierung ist der letzte Stand des dichterischen Werkes, der Realisierung der Ideen von Weiss über die Figur Hölderlins selber. Einen ähnlichen Prozess hat es gegeben, wenn Sie sich erinnern werden, in der Frage des 'Marat-Sade'-Stückes, wo ja, ich glaube in der dritten oder vierten Ausgabe des Stückes, ungefähr fünfundvierzig Änderungen übernommen wurden durch den Suhrkamp-Verlag, die in der gemeinsamen Zusammenarbeit in Rostock entstanden sind.“ Auch der Kritik fielen nicht nur plausible Veränderungen des Stückes, sondern auch der Einfluss auf die Werke von Peter Weiss und den Autor grundsätzlich auf: „Peter Weiss hat die Rostocker Aufführung sinngemäß ein Korrektiv genannt, an dem er seinen Stücktext überprüfen konnte. Ich sehe die korrigierende Wirkung vor allem in dreierlei Hinsicht: In einigen wohltuenden Milderungen der Konfrontation Hölderlins mit den Weimarern Klassikern, im Erweitern der Aspekte beim Zusammentreffen Marx-Hölderlin, und im stärkeren Einbetten der Protagonisten-Handlung in die Bewegung der Volksgestalten. Offenbar gab der über längere Zeit hinweg von Hanns Anselm Perten und den Rostocker Wissenschaftlern, Professor Dr. Hans Joa- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 175 chim Bernhard und Dr. Manfred Haiduk, mit Peter Weiss geführte Dialog dem Autor neue Denkanstöße, deren Wirkung möglicherweise noch gar nicht ganz überschaubar ist. Vielleicht hat Peter Weiss da Positionen des hinter ihm liegenden Stücks heute schon überschritten.“ Bei dieser immensen Vorbereitung war es nicht verwunderlich, dass diese Aufführung zu einem vollen Erfolg wurde und Perten gleichzeitig seine „Berliner Scharte“ vergessen machen konnte. Christine van Santen, Egon Brennecke und andere überzeugten durchgehend durch ihre Leistungen. Durch die umfangreiche Beschäftigung mit dem Hölderlin-Stoff brachte Perten im selben Jahr auch ein eigenes Stück („Report“), welches er auch selbst inszenierte und uraufführte, auf die Rostocker Bühne. Auch die Beschäftigung mit US-amerikanischen Autoren wurde von Hanns Anselm Perten fortgesetzt. In den letzten Jahren schien sich das Interesse sogar noch zu steigern, da er diese Autoren häufiger inszenierte. „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ von Eugene O'Neill als DDR-Erstaufführung wurde erfolgreich gegeben („ausgezeichnet, bestechend, überzeugend“). Vor allem wurde wieder einmal vom Kritiker eine Eigenschaft in der Inszenierungsweise Pertens hervorgehoben, die diesem oft von seinen Gegnern abgesprochen wurde, nämlich die der psychologischen Personenführung. Manches traf auch auf Pertens Inszenierung von Tennessee Williams' „Süßer Vogel Jugend“ als DDR- Erstaufführung zu. Allerdings legte Perten in der Regie größeren Wert auf politische und soziale Aspekte des Stückes. Nach dem gewaltsamen Umsturz in Chile gründete Perten, seit je ein Anhänger und Förderer lateinamerikanischer Autoren, für diese und die exilierten chilenischen Schauspieler das „Teatro Lautaro“ – welches in das Ensemble des „Volkstheaters Rostock“ integriert wurde. Zwei Inszenierungen Pertens fanden – auch wegen des Putsches in Chile – in der DDR Beifall und Anerkennung, und zwar Hector Quinteros „Der magere Preis“ (DDR- Erstaufführung) und Antonio Buero Vallejos „Der Traum der Vernunft“. In beiden Inszenierungen legte Perten besonderes Gewicht auf die gesellschaftliche Relevanz der Stücke und formulierte dementsprechend kräftige politische Aussagen. Gleichfalls setzte er nach seiner Rückkehr aus Berlin die Zusammenarbeit mit Rolf Hochhuth fort, besuchte diesen zu Arbeitsgesprächen viele Male in der Schweiz und führte 1973 dessen Komödie „Die Hebamme“ als DDR-Erstauffüh- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 176 rung auf. Die anschließende Inszenierung des aktuellen politischen Stückes „Lysistrate und die Nato“ (DDR-Erstaufführung) in Anwesenheit des Autors fand in der Theaterlandschaft der DDR und darüber hinaus große Beachtung. Das Stück enthält eine zwar originelle Geschichte (Aristophanes‘ Ehestreik wird in dem von den Obristen bedrohten Griechenland mit seiner drohenden Verwandlung zum Nato- Land eingebunden), aber viele oft altkluge Anmerkungen, bleierne Dialoge und überflüssige Nebenhandlungen, so dass eine Aufführung für das Theater eine Herausforderung war und auch weiterhin bleibt. In den Regiebüchern Pertens, die sich im Nachlass befinden, ist manche theatergerechte Konzentration des Regisseurs zu entdecken – nicht selten zum Vorteil dieser Komödie. Die Probleme in der Konzeption des Stückes wurden auch von der Kritik erkannt. Gerade deshalb sah man die Regie Pertens mit seinen Eingriffen in das Stück als einen überzeugenden Versuch an. Mitte der 1970er Jahre lernte Hanns Anselm Perten den damals noch unbekannten und sehr umstrittenen Komponisten Hans Werner Henze kennen und schätzen. In der Folgezeit begann Perten dessen Werke massiv zu fördern. Perten inszenierte dann auch bald dessen nicht einfaches Werk „El Cimarron“ als DDR-Erstaufführung sehr erfolgreich. Erstaunlicherweise fand auch das Publikum an diesem „Rezital für vier Musiker“ sehr großen Gefallen. In einer Rede verteidigte Perten den westdeutschen Künstler Henze und seine Werke, um auch Aufführungen in Rostock zu ermöglichen. Dabei hob Perten Henzes politische Aktivitäten und sein Engagement für „linke“ Parteien hervor und fasste zusammen: „Wir spielen Henze, weil er uns etwas zu sagen hat, das uns reicher macht, wir spielen ihn, weil die hohe ästhetische Reizsamkeit seiner Musik sich uns mitteilt, und wir spielen ihn, weil er bei einem in allen Genres reichen und dem künstlerischen wie dem gesellschaftlichen Fortschritt verschworenen Spielplan einfach dazugehört. Denn uns paßt dieser Mann.“ Claus Hammel wurde unter den DDR-Autoren insgesamt von Perten am meisten gefördert und gespielt, dies lag zu einem guten Teil daran, dass Hammel als Chefdramaturg am „Volkstheater Rostock“ tätig war. So inszenierte er dessen zeitgenössische Komödie „Rom oder Die zweite Erschaffung der Welt“ mit sehr großem Erfolg. Zunehmend wurde für Hanns Anselm Perten auch die Arbeit mit dem Bühnenbild- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 177 ner Falk von Wangelin durch dessen außergewöhnliche Begabung und Kreativität bedeutend, so gleichfalls in dieser Inszenierung. Das „Gespann” Perten/Wangelin sorgte bei den meisten noch folgenden Inszenierungen zumindest für Beachtung, oft sogar für große Erfolge. 1976 fand in der DDR seine Regie von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf…?“ größte Beachtung, war der US-amerikanische Autor Albee (letztlich auch Virginia Woolf) doch nicht unumstritten. „Theater der Zeit“ schrieb: „Hanns Anselm Perten betont in seiner Inszenierung von ‘Wer hat Angst vor Virginia Woolf?‘ den psychologischen Reichtum und die Fülle theatralischer Effekte. […] Dabei baut er in starkem Maße auf das Atmosphärische. Falk von Wangelin hat mit durchscheinenden und zugleich spiegelnden Glasflächen, provozierenden Farbkombinationen des Mobiliars und einer raffinierten Ausleuchtung einen reizvollen und in seiner Künstlichkeit zugleich befremdlichen Raum geschaffen und die Bühne zum Zuschauerraum hin mit durchsichtig wehenden Schleier-Bahnen abgeschlossen: Nur in wenigen signifikanten Situationen wird diese ‘Wand‘ von den Darstellern ‘durchbrochen‘ und in der Auseinandersetzung zwischen George und Martha am Schluß des Stücks, in der sie die Illusion von der Existenz ihres Sohnes zerstören, symbolisch teilweise heruntergerissen. Perten hat seine Schauspieler dazu inspiriert, ihre Gestalten aus der psychologischen Fülle und unter Ausschöpfung aller theatralischen Möglichkeiten aufzubauen. Dabei tendiert seine Inszenierung durchgängig zu einem leichten Konversationston, der in den entscheidenden ‘Augenblicken der Wahrheit‘ durchbrochen werden kann; eine konzeptionelle Entscheidung, die wirkungsvolle Umbrüche von engagierter Anteilnahme zu heiter-überlegener Distanz ermöglicht.“ Zu größeren Ereignissen wurden aber 1977 zwei andere Inszenierungen Pertens. Die Regie von Peter Weiss‘ Stück „Wie dem Herrn Mockinpott das Leiden ausgetrieben wird“ fand großen Zuspruch bei der Kritik, „Theater der Zeit“ schrieb: „Hanns Anselm Perten hat bei dieser DDR-Erstaufführung nicht an Originalität gespart […] Bei einer Fülle von Einfällen, mitunter bis ins Absurde zugespitzt, hat die Regie doch niemals die Stoßrichtung ihrer Kritik verloren: Kritik an einer Gesellschaftsordnung, die den Menschen sich selbst entfremdet. Das Überzeugendste an dieser Inszenierung ist, bei allem Moritatenlärm, die fröhliche, aber tiefempfundene Solidarität mit dem armen Mann „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 178 Mockinpott, die, bei aller Distanz zu ihm, aufkommt: Es ist der berührende humane Ausklang, der Narrengeschichten eignet und der hier betont im Sinne des Autors deutlich wird. Da ist Weltsicht zur Weltanschauung geworden in einem Ensemble, das hochgestimmt ist von Mockinpott bis zu den beiden Chorengeln, die teutonisch mit Blechflügeln klappern, zwei Schauspieler, die Pertens Intentionen und ihr starkes komödiantisches Vermögen geschickt zu einer artistischen Meisterleistung verschmelzen.“ Die zweite Inszenierung, die 1977 für Aufsehen sorgte, war die von Rolf Hochhuths Monodram „Tod eines Jägers“, die als DDR-Erstaufführung zu den „Berliner Festtagen“ im „Berliner Ensemble“ als Gastspiel aufgeführt wurde. Dieses Ein-Personen-Stück (mit einem fulminanten Gerd Micheel) schildert die letzten Stunden des müden und lebensüberdrüssigen Hemingway vor dessen Freitod. Hemingway als weltbekannter und erfolgreicher Schriftsteller wird hier in seinen Brüchen, in seinen Widersprüchen geschildert und die über Jahrzehnte mit Ruhm und Ehre bedachte Autorengestalt in die Epoche eingeordnet. Dabei verwendete Hochhuth für dieses Stück Bücher, Briefe und Äußerungen Hemingways, interpretierte diese sehr überzeugend und entwickelte verschiedene Denkvorgänge und Empfindungen angesichts des Endes. Dieses Stück von Hochhuth hat auch heute noch durch die Subtilität und die klugen Monologe Bestand für die Theaterbühne. Hanns Anselm Perten – selbst ein großer Bewunderer Hemingways – nahm auch in diesem Stück manche Änderung vor, um eine bessere Spielbarkeit für die Theaterbühne zu erhalten. So strich er mehrere Passagen, straffte einige Monologe und führte auch mehrere Absätze hinzu, die vor allem das Denken Hemingways betreffen. Es erscheint bei den Zusätzen der Eindruck, dass sich Perten sehr oft mit dem Schriftsteller identifizierte. Rolf Hochhuth meinte in einem Interview mit der „Ostseezeitung“ nach der Aufführung: „Die Rostocker Aufführung hat mich überzeugt, die Strichfassung, die Interpretation, das Bühnenbild, das ja eine andere Lösung bietet als vorgeschlagen, die Musik, die Arbeit mit Ton und Licht. […] Es gibt in dieser Inszenierung auch keine einseitige Verlagerung zugunsten der politischen Fragen oder des privaten Hemingway – beide Seiten sind da. […] Auch aus den Angriffen gegen mich spricht die Abneigung gegen das politische Theater. Nach dem Tode Piscators hat sich im deutschsprachigen „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 179 Raum der westlichen Länder kein Nachfolger gefunden, der das politische Theater auf diese Weise fördert. Aber Gott sei Dank gibt es in der DDR Perten, und die Zusammenarbeit mit diesem Theatermann ist für mich außerordentlich anregend. Er hat mich sofort bestärkt, als ich ihm von meinem Hemingway-Vorhaben erzählte. Ihm verdanke ich zum Beispiel den für das Stück sehr wichtigen Hinweis auf die zentrale Stellung von 'Haben und Nichthaben', Hemingways großer Sozialanklage. Ich hoffe, mein Stück ist mit Pertens Inszenierung rehabilitiert.“ Auch die Kritik bewunderte die Inszenierung Pertens, die wieder in der glücklichen Kombination mit dem Bühnenbildner Falk von Wangelin zum Erfolg wurde. Seine Inszenierung von Eugene O'Neills „Fast ein Poet“ (1978 als DDR-Erstaufführung) fand vor allem durch die Schauspieler Hermann Wagemann, Peter Zille und Christine van Santen Freude beim Publikum und bei der Kritik. Franz Kafka, neben Büchner und Hölderlin in der DDR lange verfemt, bildete in den 1970er Jahren einen Schwerpunkt des Interesses von Peter Weiss. Ähnlich der Person und dem Werk Hölderlins interessierte sich Weiss für die gebrochene Gestalt in einer widersprüchlichen Zeit. Aus dieser Beschäftigung heraus entstand das Stück „Der Prozess“ nach dem gleichnamigen Roman von Kafka. Peter Weiss schrieb an Perten: „Wenn ich nun seit langem an einem Roman sitze, so überkommt mich oft der Wunsch, doch sofort wieder an ein Stück zu gehen, nur um zu sehen, wie dies dann auf Deiner Bühne Leben annimmt. Nun, im Winter hoffe ich, teilzunehmen an der Aufgabe, die Du Dir gestellt hast, den schwierigen 'Prozess' zu inszenieren.“ Entsprechend groß war auch deshalb der Erwartungsdruck, der in der DDR an Hanns Anselm Perten mit diesem Stück gestellt wurde. So sprachen die Kritiker von einer „Entmystifizierung“, die sowohl von Weiss als auch von Perten vorgenommen sei. Trotz der Ambivalenz zur Thematik war sich die Kritik darüber einig, dass es sich bei Stück und Inszenierung um ein Theaterereignis handelte. Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Frist“ und die DDR-Erstaufführung durch Perten 1979 wurden sehr begrüßt („Pertens Inszenierung besitzt großen Schauwert…“) – dies vor allem wegen überzeugender Leistungen der Schauspieler (Gerd Micheel, Christine van Santen, Joachim Uhlitzsch und andere). „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 180 Im selben Jahr fuhr Hanns Anselm Perten wieder zu Rolf Hochhuth zu einem Arbeitstreffen, um mit diesem Konzeptionen für dessen neues Theaterstück „Juristen“, welches gerade geschrieben wurde, zu besprechen. Hochhuth schrieb dann an Perten unmittelbar nach dessen Besuch unter anderem: „…melde gehorsamst, daß meine drei Akte für fünf Spieler: Juristen gestern fertig geschrieben wurden und soeben getippt werden.“ Pertens Inszenierung mit Peter Radestock, Siegfried Kellermann, Armin Rode und anderen fand dementsprechend wieder einmal große Beachtung. Die „Norddeutsche Neueste Nachrichten“ schrieb: „In Rostock war es dieses Jahr ‘Juristen‘ als DDR-Erstaufführung in Anwesenheit des vom Publikum stürmisch bedankten Autors Rolf Hochhuth. Ähnlich wie bei den vier vorangegangenen Stücken des BRD-Schriftstellers, die in Rostock erfolgreich ur- und erstaufgeführt wurden, die den Zuschauer stets zu leidenschaftlicher Stellungnahme und Identifikation herausfordern und unvergessen in ihm nachklingen, erhebt Hochhuth in ‘Juristen‘ schonungslos Anklage… […] Der Regisseur Prof. Hanns Anselm Perten sagte vor Pressevertretern: ‘Wenn man über die Literatur dieser Zeit in Jahrzehnten schreiben wird, dann werden Hochhuths Stücke immer dabei sein.‘ Hier muss hinzugefügt werden, dass ‘Juristen‘ in enger Partnerschaft zwischen Hochhuth und Perten entstanden ist. Ursache dafür ist sicher nicht nur die Freundschaft und Achtung dieser beiden Großen der gegenwärtigen, in die Klassenauseinandersetzungen integrierten Kulturepoche zueinander und voneinander. Ursache sind auch und vor allem die Erfahrung und die Standhaftigkeit des Schriftstellers und des Theatermannes, die ein Werk reifen ließen, das seinesgleichen kaum hat. Was die tiefgreifende, unter die Haut gehende Wirksamkeit des Stückes ausmacht, ist, dass sich Regisseur und Schauspieler streng an das Buch des Autors halten, dass es vor allem Prof. Perten mit inszenatorischer Meisterschaft gelang, erschütternde Rückblenden ohne Überhöhung an den richtigen Stellen einzusetzen. Das ist so stark, dass einem der Atem stockt angesichts der Brutalität, die die Älteren in den Jahren der Nazibarberei selbst erlebten.“ Neben der DDR-Erstaufführung von Eugene O'Neills „Trauer muss Elektra tragen“ und der zunehmenden Beschäftigung mit Niederdeutschen Stücken („Stratenmusik“ – Komödie von Paul Schurek) in der Regie Pertens waren vor allem zwei andere Auseinandersetzun- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 181 gen mit Kunstwerken 1981 auf der Theaterbühne für die Theatergeschichte bedeutsam. Im Zusammenhang mit der neuen und positiveren Bewertung der Geschichte Preußens in der DDR entstand von Claus Hammel die Komödie „Die Preußen kommen“, die von Hanns Anselm Perten sehr erfolgreich uraufgeführt wurde. Diese Inszenierung blieb in Rostock lange Zeit der „Renner“. Perten schrieb zu diesem Stück einen Prolog und übernahm die letzte Schauspielrolle in seinem Leben, welche – süffisanter- und bezeichnenderweise – die Rolle des Direktors und die „Stimme des Herrn“ war. Stück und Inszenierung wurden nicht nur wegen der Thematik „Preußen“, sondern mancher Kritik an gesellschaftlichen und politischen Zuständen als problematisch eingeschätzt. „Theater der Zeit“ sprach von einer „Komödie mit Sprengstoff “. Und zur Regie von Perten wurde angemerkt: „Hanns Anselm Perten vertraut bei der Uraufführungsinszenierung der Produktivität dieses problemgeladenen Stücks voll und ganz. Statt kleinlicher Vorsicht praktiziert er verantwortungsvolle Kühnheit. Mit vollem Mut zum Komödischen kehrt er nichts an Brisanz, die Stoff und Stück aufweisen, unter den Tisch. Allerdings hat sich das Rostocker Theater in langer, kontinuierlicher Arbeit auch ein für solche Experimente hervorragend geeignetes waches und aufgeschlossenes Publikum gebildet, das nicht auf irgendwelche Sensationen, sondern auf Verständigung über politische und geistige Probleme der Zeit aus ist.“ Zur Uraufführung von Claus Hammels Komödie „Die Preußen kommen“ erschienen nicht nur Kulturminister Hoffmann und Kurt Hager, hofiert von Ernst Timm, dem Ersten Sekretär der Bezirksleitung Rostock, die in der ersten Reihe Platz nahmen, sondern auch weitere Mitglieder der Bezirksleitung Rostock, wie der Ideologiesekretär und die Verantwortliche für Theaterfragen der Bezirksleitung. Die Genossen traf wie so oft, wenn sie Theateraufführungen, vor allem auch sogenannte „DDR- Stücke“ im Volkstheater erlebten, ein schwerer Auftrag. Während die Berliner Genossen, die sogenannte „Parteispitze“ oder auch die führenden Repräsentanten genannt, sich bei diesen Gelegenheiten mitunter köstlich und ausgelassen amüsierten, wenn der herrschende Dogmatismus bei der Betrachtung von Leistungen historischer Persönlichkeiten am Beispiel des „Alten Fritz“ und Martin Luthers „auf die Schippe genommen“ wurde, saßen die anwesenden Genossen der Bezirksleitung der SED und weiterer kultureller Nachfolgeeinrichtungen „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 182 mit versteinertem Gesicht auf ihren Plätzen und ließen Szene für Szene, Publikumslacher für Publikumslacher an sich vorbeigehen. Claus Hammel war mit „Preußen“, das zeichnete sich jedoch bei der ersten auszugsweisen Lesung zu den „Werkstatttagen sozialistischer Dramatik“ im Theatercafe noch nicht ab, ein großer Wurf gelungen. Hammel ging von den Verwirrungen aus, die die Veröffentlichung der „Lutherthesen“ zum Lutherjahr 1983, die „Friedrich“-Biografie von Ingrid Mittenzwei sowie die Wiederaufstellung des Friedrich-Denkmals von Christian Daniel Rauch „Unter den Linden“ bei Genossen und der weiteren Bevölkerung hervorgerufen hatte. Frau Professor Ingrid Mittenzwei wurde bei Hammel zum Vorbild der Protagonistin, die in der „Kommission zur Reintegration historischer Persönlichkeiten“ wirkt und mit dem über Jahrzehnte staatlich verordneten Geschichtsdogmatismus aufräumte, indem sie Luther, Friedrich II. und am Schluss der Komödie gar noch Bismarck als „Ahnherren“ der DDR-Entwicklung „reintegrieren“ sollte. Die Professorin, Tina van Santen, ließ für sich daraus eine Frau Doktor machen, weil sie wohl meinte, für eine Frau Professor wäre sie zu jung. Sie packt in der „Prüfungsanstalt“ die bewussten historischen Persönlichkeiten aus Holzkisten aus und diese erfahren, wie Luther beispielweise aus den Thesen, wer sie sind und was sie zu ihrer Zeit geleistet haben. Auch auf die beiden Gallionsfiguren des Sozialismus Marx und Lenin wird Bezug genommen, ihre Köpfe sind als Gipsabgüsse präsent und werden mitunter der Lächerlichkeit preisgegeben. Dass diejenigen, die mit ihrer Kurzatmigkeit und Engstirnigkeit gemeint waren, nicht gern von der Bühne aus der Lächerlichkeit preisgegeben werden wollten, versteht sich. Von Rostock aus gingen die „Preußen“ durch etliche Theater der DDR. Die Rostocker Inszenierung wurde vom DDR-Fernsehen aufgezeichnet und fand auch bei Zuschauern in der Bundesrepublik Anklang. Zur 50. Vorstellung der „Preußen“ am Volkstheater schrieb Claus Hammel 1983 in einer Buchausgabe folgende Widmung: „Lieber Hanns, Du hast in Deinem Leben für das Theater unserer Republik mehrmals die Schallmauer des Üblichen durchbrochen – ich glaube, auch mit diesem Stück, „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 183 das wie alle Theaterstücke erst dadurch zu existieren anfing, dass es auf die Bühne kam. Es kam auf die Bühne unseres Rostocker Volkstheaters, und Du bist der Regisseur ich danke Dir. Dein Claus In Moskau war man unter dem Nachfolger Andropows, dem kranken Tschernenkow, der alle Hoffnung auf eine Veränderung in der DDR bei einigen Künstlern und Funktionären begrub, argwöhnisch geworden über Entwicklungstendenzen, die mit der Neubewertung Friedrich des Großen und des Preußentums, Luthers und der Reformation sowie Bismarcks zusammenhingen. Zu dieser Zeit reisten Dozenten aus Moskau beispielweise auch im Bezirk Rostock herum und suchten Kontakte zu SED-Genossen der verschiedensten Ebenen und forschten sie über ihre Meinungen zu dieser Entwicklung, die sie als eine starke Annäherung der DDR zur BRD und zur Politik Helmut Kohls deuteten, aus. Die Aufstellung des Denkmals Friedrich II. Unter den Linden – Honecker hatte in einem Interview mit dem Verleger Maxwell „der Große“ gesagt -, führte nicht nur unter SED-Genossen zu einer heillosen Aufregung und zu völligem Unverständnis. Dass die SED-Führung vor ihren eigenen Genossen und vor der Bevölkerung Angst hatte, belegt die verlogene Argumentation, dass es aufgestellt worden sei, weil es ein bedeutendes künstlerisches Werk Christian Daniel Rauchs sei. Man besaß nicht einmal den Mut, nach dem Erscheinen der „Friedrich“-Biografie von Ingrid Mittenzwei, den Genossen und den Bürgern reinen Wein einzuschenken. Die erste Auflage wurde nicht in der DDR verkauft. Das zweite Theaterereignis 1981 in Rostock war wieder einmal eine DDR-Erstaufführung eines Stückes von Rolf Hochhuth. „Ärztinnen“ thematisiert Konflikte um eine Mutter und eine Tochter, die in Pharmazieskandale und in klinische Versuche am Menschen verstrickt sind. Hanns Anselm Pertens Inszenierung wie auch das radikale Stück selbst waren in der DDR nicht unumstritten, gab es doch Möglichkeiten, DDR-Praktiken auf diesem Gebiet zu hinterfragen und dann zu verurteilen. Dementsprechend fielen auch manche Kritiken aus. Hanns Anselm Perten selbst griff teilweise radikal in den Text ein, indem er diesen kürzte oder Passagen einführte. Durch diese Straffung „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 184 des Textes wurden manche „Botschaften“ präzisiert und Handlungen sichtbarer gemacht. Nach verschiedenen Inszenierungen mit dem Ausstatter und Bühnenbildner Falk von Wangelin (DDR-Erstaufführung von Emil Braginskis Komödie „Spiel der Phantasie“, DDR-Erstaufführung von Emil Braginskis Stück „Herzoperation“, DDR-Erstaufführung von Jean Giraudouxs „Die Irre von Chaillot“ und die Uraufführung von Claus Hammels „Ein Yankee an König Artus Hof “) setzte Perten 1982 die Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze fort. So führte er Regie bei dessen „La Cubana“ als DDR-Erstaufführung in Anwesenheit des Komponisten und des Autoren Hans Magnus Enzensberger. Falk von Wangelin war auch hierbei wieder Ausstatter der Inszenierung. Von Wangelin entwickelte sich in der Folgezeit und nach Pertens Tod 1985 zu einem der wichtigsten Bühnenbildner in der DDR. Henze war sich dieser massiven Förderung seiner Werke durch Hanns Anselm Perten bewusst und dementsprechend auch dankbar. Zwar hatte er zu Perten nicht ein so enges freundschaftliches Verhältnis wie Peter Weiss und Rolf Hochhuth, trotzdem arbeitete dieser Komponist gern mit Perten zusammen und bewunderte diesen Regisseur. Zu Pertens 65. Geburtstag schrieb er: „Das Leben nennt der Derwisch eine Reise. Ich möchte, der Genauigkeit halber zufügen: Eine Studien- und Forschungsreise. Alles ist in Bewegung, und wenn es nicht so wäre, könnten und möchten wir alle nicht leben. Auf meiner Reise nach Rostock im Mai erfuhr ich, dass Peter Weiss von uns gegangen ist. Dieser Mann, dem Sie so viel bedeutet haben, unser gemeinsamer Freund Peter hatte uns verlassen. Meine Theaterpläne mit ihm würden sich nicht mehr verwirklichen lassen, und keine seiner Rostocker Premieren würde mehr in seiner liebenswürdigen, bezaubernden Anwesenheit stattfinden. Ich spreche, anlässlich Ihres 65., von Peter Weiss, weil er es ist, der uns indirekt zusammengebracht hat, weil er es ist, der uns verbindet, lieber Herr Perten. Noch bevor wir uns am 11. Mai kennenlernten, wußte ich durch Peters Berichte von Ihnen und Ihrer Arbeit, und ich kam mit großen Erwartungen nach Rostock, lernte Sie kennen, sah drei Ihrer Inszenierungen und war überzeugt. Es steckt in Ihnen so viel kämpferischer Geist, so viel Energie, so viel Wissen und politischer Scharfsinn, daß man sich als Autor nichts Besseres wünschen kann als daß Sie sich seiner Arbeit annehmen. Sie wird analysiert, es wird ein Darstellungs- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 185 stil für sie gefunden, es wird gedacht und es wird ernsthaft Kunst betrieben. Ideen werden vertieft, verdeutlicht herausgestellt, mit den Mitteln des Theaters plastisch und deutlich und verständlich. Ich habe selten einen Theatermann gesehen, der einen solchen Besitz in so vernünftiger und umsichtiger Weise für die Belange des Menschen zum Einsatz bringt…“. Wie absurd teilweise die kulturpolitischen Forderungen, letztlich aber auch die Ängste der SED waren, kann man an einem anderen Stück und dessen DDR-Erstaufführung durch Hanns Anselm Perten sehen. Bekam seine Regie des Stückes „Martin Luther & Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“ des jungen westdeutschen Schriftstellers Dieter Forte gute Kritiken, so wurde – ähnlich wie bei Stücken von Claus Hammel – die Thematik und ihre Verarbeitung mit Argusaugen beobachtet. Dabei interessierte sich auch das Ministerium für Staatssicherheit für diese Aufführung, witterte man doch einen Skandal, Unruhen oder sogar Unmutsäußerungen (die aber letztlich nicht aus dem Stück herrühren konnten). Ein Mitarbeiter des MfS interessierte sich vor allem für den Applaus, für „gegen den Staat gerichtete Provokationen“, Gruppenbildungen und religiös motivierte Äußerungen. Die Neubewertung Luthers in den „Luther-Thesen“ führte zu kontroversen Diskussionen in Parteiversammlungen, da Genossen mit einer Relativierung der historischen Leistung eines Thomas Münzer nicht einverstanden waren. Münzer gehörte zur Ahnengalerie von Revolutionären, die die DDR bisher für sich okkupiert hatte. Auch die Tatsache, dass die „Luther-Thesen“ im „Marx“-Jahr 1983 vor den „Marx“-Thesen erschienen, führte zu Beunruhigungen. Die Ironie der Geschichte war, dass sich Honecker lauthals zum Vorsitzenden des „Luther-Komitees“ wählen ließ, was Kopfschütteln und Unverständnis auslöste. Perten amüsierte sich und formulierte: „Wenn Honecker sich zum Vorsitzenden des Lutherkomitees wählen lässt, dann kann der liebe Gott nur noch den Vorsitz des Marx-Komitees übernehmen.“ Gott tat es nicht. Aber Perten versuchte sich gegen den „Luther-Schwenk“ zu stellen und inszenierte, worum er sich etwa zehn Jahre bemüht hatte, Fortes „Luther & Münzer oder die Einführung der Buchhaltung“. In Vorbereitung der „Luther & Münzer“-Inszenierung betrieb er umfangreiche historische Studien. Mitarbeiter fertigten Personenanalysen an und waren angehalten, auch historische Porträts der Handelnden zu „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 186 recherchieren. Eine der kompliziertesten Tätigkeiten in Hinblick auf die Inszenierung war das Einstreichen des umfangreichen Stückes von Forte von 8 auf 3¼ Stunden als für das Rostocker Publikum zumutbares Maximum. Die Ausstattung, das Bühnenbild und Kostüme von Falk von Wangelin waren von großer Wirkung und drückten auf moderne Weise den Zeitgeist der Reformation aus. Zu den Proben lud Perten Dieter Forte ein, der jedoch aus gesundheitlichen Gründen absagte. Perten besuchte ihn im Herbst 1982 in Basel, wo er mit Christine van Santen zu einem Arbeitsbesuch bei Rolf und Dana Hochhuth weilte. Es kamen zahlreiche Besuchergruppen aus der Bundesrepublik, auch aus Kirchenkreisen, die im Anschluss an die Aufführung eine Diskussion wünschten. Perten stellte sich diesen Diskussionsrunden mit regem Interesse. Anfang der 1980er Jahre erkrankte Hanns Anselm Pertens Frau, die Schauspielerin Christine van Santen, schwer an Krebs und musste sich vielen Operationen unterziehen. Trotz dieser unheilbaren Krankheit hatte sie den Wunsch, zusammen mit Jörg Kaehler in der Komödie von Barbara Noack „Kann ich noch ein bisschen bleiben?“ mitzuspielen. Perten inszenierte 1983 diese DDR-Erstaufführung. Für die hervorragende Schauspielerin Christine van Santen, die in Rostock Schauspielgeschichte schrieb und nahezu immer gute Kritiken wegen ihrer überzeugenden Arbeit in den Rollen auf der Bühne und in DEFA- Filmen erhielt, war dies die letzte Arbeit. Rolf Hochhuth und seine Frau Dana weilten in Rostock und pflegten die Schwerkranke. 1984 starb die Schauspielerin erst 53jährig. Perten selbst hat sich letztlich bis zu seinem Tod 1985 nicht mehr von diesem Verlust erholt. Für größeres Aufsehen bei Kritik und beim Publikum in Rostock sorgten 1984 zwei Inszenierungen von Perten. So wurde Claus Hammels Komödie „Die Lokomotive im Spargelbeet“ in Rostock sehr erfolgreich uraufgeführt. Der zweite größere Erfolg war die Inszenierung von Hans Werner Henzes Kinderoper „Pollicino“ (als DDR-Erstaufführung). Diese Oper hielt sich lange im Rostocker Spielplan und war beim Publikum sehr beliebt. Auch die Kritik begeisterte sich sowohl am Stück als auch an der Inszenierung von Perten. Nachdem Perten mehrere Male mit Rolf Hochhuth zu Arbeitsgesprächen zusammentraf, um zukünftige Pläne für verschiedene Stücke und Inszenierungen zu besprechen, schrieb Hochhuth 1983 an Perten: „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 187 „Lieber Herr Professor Perten, so gewinnbringend für mich in Rostock unsere Gespräche über mein 'Judith-Stück' auch gewesen sind, so wäre es mir doch eine sehr große Hilfe, wenn wir jetzt, da ich ungefähr auf halber Strecke mit der Arbeit bin, einmal eine ganze Woche oder auch länger darüber konferieren könnten, anhand des Manuskripts und auch meiner vielen Studien und Materialien dazu. […] Ganz abgesehen davon, dass es ja nur mein Vorteil ist, wenn […] Sie mir zur Fertigstellung des Stücks Ihre Hilfe zuteil werden lassen, was telefonisch wie brieflich nicht immer zu machen ist. Wir sind immer in Basel und Zürich, außer einer Abwesenheit während der Schulferien Ende Juli Anfang August. Sie können also selber nach Massgabe Ihrer Rostocker Arbeit den Termin bestimmen, wann Sie zu uns kommen wollen. Je eher, je besser, wenn ich das egoistischerweise wegen meiner Arbeit sagen darf.“ 1985 führte Perten dann Regie in Rolf Hochhuths dramaturgisch gut durchgearbeitetem Stück „Judith“ (DDR-Erstaufführung), an welchem er konzeptionell mitgearbeitet hatte. Dies war Pertens siebte Inszenierung eines Stückes von Hochhuth und zugleich – ein schöner Abschluss seines Künstlerlebens – seine letzte Regiearbeit nicht nur in Rostock, sondern überhaupt, da er im November 1985 verstarb. Mit diesem letzten Engagement für ein Werk des Dramatikers Hochhuth erhielt Perten wiederum Anerkennung in der Inszenierung. Kurz vor seinem Tod 1985 fasste Hanns Anselm Perten sein künstlerisches Wirken als Vermächtnis zusammen und hob hervor: „Ich denke gern zurück an Kubas 'Danton'-Bearbeitung. Es war eine Arbeit, die mir außerordentlich viel Freude gemacht hat, dann an die Möglichkeit, dass ich 59–61 'Störtebeker' machen konnte und dann noch mal 80 und 81, und dann war ein's entscheidend, denn Kuba, der auf meinem Lebensweg auch einen ungeheuren Einfluss genommen hat, ein Mensch, den ich niemals vergessen werde, die Begegnung mit Peter Weiß. Ich denke an 'Marat-Sade', eine Regiearbeit von mir, die ja – ich glaube – in 30 westdeutschen Städten gezeigt wurde, außerdem noch in Städten der DDR, auch während der Berliner Festtage, die ich gemacht habe. Dann die Begegnung mit Rolf Hochhuth, die Arbeit an ‘Lysistrate und die Nato‘, ein Stück das heute an Aktualität nur gewonnen hat. Ich erinnere mich sehr gerne an ‘Ärztinnen‘ und eine ganze Anzahl kleinerer sowjetischer Stücke, die ich gemacht habe. In der Klassik war ich nie sehr stark zu Hause. Ich habe zwar den ‘Wallen- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 188 stein‘ gemacht und den ‘Hamlet‘, keine schlechten Arbeiten, aber meine Neigung ist, dem Zeitgenossen nicht Rezept, sondern Antwort zu geben auf zeitgenössische Fragen und sei es im historischen Gewand. Mit großem Spaß habe ich Hammels ‘Preußen‘ inszeniert, ja, wie ich überhaupt Hammels Stücke – leider ist das nicht bei vielen Intendanten ausgeprägt – weitaus mehr schätze als ihm Gerechtigkeit widerfährt.“ Als Intendant war Perten nach seiner Rückkehr aus Berlin 1972 voller Energie und fiel durch viele neue Ideen und Projekte auf. Als erstes kamen erneut einige andere Spielstätten und Theater zu den schon vorhandenen hinzu. 1974 öffnete das Theater das „Studio 74“ in der Kunsthalle, 1975 das „Atelier-Theater“ am Kehrwieder und 1976 eine neue Spielstätte in der Warnowallee im Stadtteil Lütten Klein. 1975/76 wurde das „Große Haus“ umfangreich saniert und umgebaut, so dass diese Spielstätte nun auch für große Inszenierungen – vor allem in technischer Hinsicht – geeignet war. Hier wurden mit dem „Ateliertheater“ und dem „Theatercafe“ neue Möglichkeiten für spezielle Theateraufführungen genutzt. Als in den 1970er Jahren auch noch der Innenhof des Klosters, die Sport- und Kongresshalle und der „Barocksaal“ als neue Spielstätten hinzukamen, war Rostock mit Theatern geradezu übersät und glich einem „Theaternetz“. Waren die Bedürfnisse des Publikums in den 1970er Jahren nicht nur gestiegen, nahm die Einwohner- und Touristenzahl gleichfalls zu, gab es noch andere Gründe für Perten bei diesen Initiativen. Als Regisseur wollte er für jedes ganz individuelle Stück mit seinem ganz unterschiedlichen Charakter spezielle Ausdrucksmöglichkeiten verwirklichen. Auch auf anderen Gebieten zeigte Hanns Anselm Perten in seinen letzten Jahren seiner Intendanz große Aktivitäten. So wurde ein „Theaterjugendclub“ gegründet, um Jugendliche eher und längerfristig an das „Volkstheater Rostock“ zu binden. Pädagogenseminare wurden organisiert, um Lehrer mit Theaterthemen zu konfrontieren und möglichst weiterzubilden. Internationale Theaterkurse zu unterschiedlichen Themen fanden statt. An diesen nahmen viele Autoren und Künstler (1981 aus zehn Ländern) aus dem Theaterbereich teil. In der DDR-Presse fanden diese Aktivitäten größere Beachtung. „Festtage der sowjetischen Theaterkunst“ und verschiedene Gedenkveranstaltungen, zum Beispiel zu Kubas 70. Geburtstag 1984, wurden organisiert. Um vor allem die zeitge- „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 189 nössische DDR-Dramatik zu fördern, richtete Perten immer wieder Autorentage ein. Hier wurden neue Konzepte und Strukturen entwickelt, gleichzeitig auch neue Stücke von DDR-Autoren vorgelesen und kritisch diskutiert. In den letzten Lebensjahren war dieses Projekt von Perten besonders gestützt und gepflegt worden. 1980 geschah etwas, womit Perten und andere bis dahin nicht mehr gerechnet hatten: Nach 19 Jahren gab es eine Wiederbelebung der Festspiele in Ralswiek auf Rügen. Dem waren Verhandlungen vorausgegangen, um diese Massenspiele im Rahmen der „Arbeiterfestspiele“ aufführen zu können. Und wie schon Jahre zuvor gab es auch 1980 wieder begeisterte Kritiken, und zwar zum Text von Kuba, zur Musik von Günter Kochan und vor allem zur Regie von Perten. Jedenfalls entstanden die Rügenfestspiele plötzlich wie Phönix aus der Asche. Welch ein Wunder. Und es ist schon makaber, wenn ausgerechnet Ulbrichts Arbeiterfestspiele dazu herhalten mussten, dass die Rügenfestspiele wiederaufleben konnten. Der Bezirk Rostock wurde 1980 Austragungsort der Arbeiterfestspiele. Zur Eröffnung der Arbeiterfestspiele musste ein Festprogramm her. Spezialist für Festprogramme im Bezirk Rostock war Perten. Gemeinsam mit Perten kam man darauf, anstelle eines festlichen Nummernprogramms, wie es so üblich war, den „Störtebeker“ wiederaufzuführen. Spielort sollte zunächst das Ufer der Warnow in Schmarl werden. Perten war bereit, den „Störtebeker“ erneut zu inszenieren, aber nur in Ralswiek auf Rügen. Unter Einsatz großer Mittel und vieler auch ehrenamtlicher Kräfte wurden Bühne und Zuschauerbereich sowie Nebenbauten geschaffen. In Rekordzeit von vierzehn Tagen inszenierte er Kubas dramatische Ballade. Eine Neuinszenierung war ihm auch eine Verpflichtung, die er seinem toten Freund Kuba gegenüber verspürte, einem Dichter, der für viele bereits vergessen schien. An Pertens Seite halfen bei der Inszenierung zahlreiche Mitstreiter, die bereits 1959 bis 1961 dabei waren, wie Georg Lichtenstein, der in Inszenierungsfragen sehr oft als rechte Hand agierte und Proben leitete, wenn Perten einmal verhindert war. Die Wiederaufführung, so hatte man errechnet, würde sich finanziell tragen. Jedoch war vorgesehen, nicht nur „Störtebeker“ aufzuführen, sondern auch andere Stücke, die in die Landschaft der Ralswieker Bühne passten. So plante Perten für das Jahr 1982, was nur wenige Insider wussten, einen Natur-„Faust“. Der Potsdamer Germanist Dr. Knut Kiesant „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 190 erarbeitete Perten bereits eine spielbare Fassung von Goethes Meisterwerk für einen Abend. Perten hatte seinem Rostocker Publikum mehrmals eine Inszenierung des „Faust“ angekündigt. Doch es blieb bei den Versprechungen. Sollte die Ralswieker Faustfassung Pertens Antwort auf die Schweriner „Faust“-Inszenierung werden, zu der Zuschauer aus der ganzen DDR hinwallfahrteten und auf die er – ungerechterweise – nicht gut zu sprechen war? Und erneut, nachdem „der Mohr seine Schuldigkeit getan“ hatte, mischte sich die Politik ein. Diesmal war es nicht Berlin, sondern die unterste Ebene, mit der Perten seit 1980 auf Kriegsfuß stand: die Kreisleitung Bergen. Mit Genossen dieser Kreisleitung gab es in Vorbereitung der Rügenfestspiele 1980 und im Folgejahr 1981 eine Menge Ärger. Viele Funktionäre, für die Vorbereitung mitverantwortlich, waren total überfordert. Ihr provinzieller Blick aus der Perspektive dieser recht kleinen Kreisleitung ließ sie oft nicht über den Tellerrand Rügens hinaussehen. Am liebsten hatten sie – so schien es – ihre Ruhe. Doch Perten war Synonym für Unruhe und Ärger. Sie konnten auch nicht mit seinem intensiven und korrekten Leitungsstil umgehen. Sein spezieller Rügener „Freund“ war der Erste Sekretär der Kreisleitung Edwin Kasper. Um mit ihm zusammenzuarbeiten, musste Perten sich bis aufs äußerste zusammenreißen. Wenn er von Edwin Kasper und der Kreisleitung Rügen sprach, dann formulierte er: „Diese Kreisleitung muss man jedes Jahr erst aus dem Winterschlaf reißen“. Doch die Pläne und Vorbereitungen für die Spiele 1982 wurden plötzlich gestoppt. Und wieder hatte man eine Begründung: Die DDR, die etwa siebzig Prozent ihres Exports mit der UdSSR abwickelte, war in einem hohen Maße beim Transport dieser Produkte auf Schienenund Straßenwege durch Volkspolen angewiesen. Die Ereignisse in Polen Anfang der 80er Jahre führten zu einer Verunsicherung dieser Transitwege. Einige LKW-Fahrer von Ostseetrans, die mit ihren Fahrzeugen durch Polen in Richtung UdSSR unterwegs waren, verschwanden mysteriös. Man hörte von ihnen nie wieder etwas. Die SED-Führung ersann das Projekt des Baues des Fährhafens Mukran und der Fährverbindung nach Klaipeda. Dieses Vorhaben erhielt makabererweise den Namen „Brücke der Freundschaft.“ Nun hatte die Kreisleitung Rügen endlich ihr Alibi gefunden. Mitten in die „Faust“-Vorbereitungen hinein platzte Edwin Kasper mit dem Argument, das die „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 191 Spiele abwürgen sollte: „Beides, die Rügenfestspiele und den Bau des Fährhafens Mukran, das schafft die Kreisleitung nicht.“ Als hätte die Kreisleitung die Spiele zu organisieren und durchzuführen. Und so starben die Rügenfestspiele ein weiteres Mal. Doch dass sie erneut starben, drang diesmal nicht bis zur SED-Führung vor. Ein, zwei Jahre später soll Erich Honecker sich erkundigt haben, warum es die Rügenfestspiele nicht mehr gäbe. Unbekannt blieb, welche Antwort er erhielt. Viele Schauspieler und andere Mitwirkende, auch technische Kräfte, waren über das jähe Ende der Spiele entsetzt. Sie konnten nicht begreifen, warum sie erneut sterben mussten. Denn man wusste im Ensemble, dass sich im dritten Jahr (vorausgesetzt, dass „Faust“ ebenso ein Renner geworden wäre wie „Störtebeker“) die Rügenfestspiele selbst getragen hätten. Heute, Jahre nach der Wende zeigt sich, wie recht Perten 1960 hatte, als er den Gedanken äußerte, dass man mit einem westdeutschen Reiseveranstalter wie „Neckermann Reisen“ eine GmbH bilden müsse, um über dieses Publikum aus der Bundesrepublik nach Rügen zu holen. Die Gäste sollten in den Schlössern Rügens untergebracht werden, nachdem man sie auf den in der Bundesrepublik üblichen Standard von Hotels gebracht hätte. Höhepunkt der Reise sollte der Besuch der „Rügenfestspiele“ sein. Es war eine der großen Ideen des weltoffenen und wirtschaftlich denkenden Hanseaten Perten. Nur die Zeit und das ökonomische Denken in der „sozialistischen DDR“ waren dafür nicht reif. Für viele in der DDR waren diese „Rügenfestspiele” weitaus mehr, sie verbanden dieses kulturelle Ereignis oft mit einem Urlaub oder zumindest Ausflug in einer der reizvollsten Landschaften der kleinen Republik. Das „Volkstheater Rostock“, das seit den 1960er Jahren zu dem Reisetheater der DDR wurde, setzte diese Tradition des „kulturellen Aushängeschildes“ auch in den 1970er und 1980er Jahren fort. So gastierte man bis 1982 in fast allen Ländern des Ostblocks, aber auch in Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Portugal, Finnland, Norwegen, Syrien, dem Irak, Libanon, Spanien, Frankreich, Angola, Venezuela, Kuba, Mexiko und Italien. Hauptschwerpunkt dieser Aufführungen blieben aber die Städte der Bundesrepublik Deutschland. Einschließlich West-Berlins trat man bis 1982 in 52 Städten auf. Und umgekehrt war Rostock in diesen letzten 13 Jahren der Intendanz von Hanns Anselm Perten für seine vielen Gäste bekannt, die an den jetzt etlichen „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 192 Bühnen Rostocks Aufführungen gaben, so die Ensemble aus nahezu allen Ländern Osteuropas, aus Frankreich, Finnland, Griechenland, Kuba, Japan, Mexiko, Belgien, Argentinien und auch hier vor allem aus Westdeutschland. Hanns Anselm Pertens Regieaktivitäten waren in seinen letzten Jahren fast ausschließlich auf die verschiedenen Bühnen Rostocks beschränkt – bis auf eine Ausnahme: 1982 wurde er vom „Theater in der Malaja Bronnaja“ in Moskau gebeten, dort Hochhuths „Ärztinnen“ zu inszenieren. Diese Einladung nahm er als einzige an und verhalf Hochhuth damit auch zum Durchbruch in der Sowjetunion, da es das erste Stück dieses Dramatikers war, welches dort gegeben wurde. Diese Aufführung fand in der Regie von Perten in Moskau große Zustimmung, auch „Theater der Zeit“ berichtete von diesem erfolgreichen Gastspiel. Für Perten wurde diese Inszenierung auch aus einem anderen Grund entscheidend. Nachdem er nach Jahren wieder die Sowjetunion für eine längere Zeit bereiste, stieß er bei diesem Besuch auf Vetternwirtschaft und Korruption (auch am Theater), war durch diese für ihn neue Realität ernüchtert und erschüttert. Als Reaktion dessen erlitt er einen Zusammenbruch und wurde in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert. Seine Frau, Christine van Santen, selbst schwerkrank, flog nach Moskau, um Perten nach Rostock verlegen zu lassen. 1980 erhielt Perten – nun zum dritten Mal – einen Nationalpreis für seine künstlerischen Verdienste um die Kultur in der DDR, jetzt allerdings erster Klasse. Neben verschiedenen anderen hohen Auszeichnungen der DDR, die in erster Linie auf dem Sektor der Kultur („Hans- Otto-Medaille“, verschiedene Preise für Hörspiele und Fernsehproduktionen und anderes), aber auch für andere Verdienste („Vaterländischer Verdienstorden“, „Held der Arbeit“ und anderes) vergeben wurden, gab es in seinen letzten Lebensjahren viele Ehrungen, die sein Engagement für die polnische Kultur und die Aussöhnung mit diesem Nachbarn würdigten („Orden für Verdienste um die polnische Kultur“ und anderes). Zu seiner Mitgliedschaft in den „Akademien der Künste“ von Hamburg, Frankfurt/Main und Berlin kam in den 1970er Jahren die der „Mexikanischen Akademie der Künste“ hinzu. „Zeigt dem Perten keinen größeren Raum, sonst macht er ein Theater daraus!“ 193

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Zusammenfassung

Prof. Hanns Anselm Perten war in der DDR eine der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Theaterpersönlichkeiten. Der Spielplan des Rostocker Volkstheaters ist einer der abwechslungsreichsten aller Bühnen in der DDR gewesen. Rostocks Bühne wurde zu dem Reisetheater außerhalb der DDR. Und in Rostock wurden Stücke aufgeführt, die in der DDR als unspielbar galten oder verboten waren. Perten ging mit seinem Engagement ein hohes Risiko ein: So umgab er sich gern mit Parteigrößen und wurde auch bald nach 1945 in die Strukturen der SED eingebunden. Zum Ende seines Lebens brach er mit „seiner“ Partei – die ihn immer kritisch gesehen und ihm oft große Probleme bereitet hatte. Mythen und Legenden ranken sich um die genauen Todesumstände dieser schillernden Künstlerpersönlichkeit. Diese Biografie beschreibt das Leben eines Theatermannes in der DDR über nahezu die gesamte Zeit des Bestehens dieses Staates.