„Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ in:

Michael Stefan Pietschmann

Hanns Anselm Perten - Ein Leben für das Theater, page 1 - 20

Eine Künstlerbiografie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4381-3, ISBN online: 978-3-8288-7364-3, https://doi.org/10.5771/9783828873643-1

Tectum, Baden-Baden
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„Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ Hanns Anselm Perten wurde am 12. August 1917 als Johannes Franz Piotrowski in Schleusenau, Kreis Bromberg, geboren. Die Eltern waren Gastwirte und selbständig. 1940 gelang es dem Vater, Franz Simon Piotrowski, eine Namensänderung bei der Staatsverwaltung der Hansestadt Hamburg zu erwirken. Diese Verfahrensweise war nicht unüblich, zumal der Name „Piotrowski“ 1940 zu Interpretationsmöglichkeiten Anlass gab, da dieser doch polnischen Ursprungs ist. Diese Namensänderung führte auch nach 1945 für Hanns Anselm Perten immer wieder zu Schwierigkeiten. Der Vater, Franz Simon Piotrowski, war schon frühzeitig in der Arbeiterbewegung organisiert und bis 1935 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und des „Reichsbanner“. Nach 1945 trat er wieder der SPD bei und wurde durch die Vereinigung von SPD und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Dieser Vater prägte den Sohn – vor allem in politischer Hinsicht – am entscheidendsten. Hartnäckigkeit und der bei Hanns Anselm Perten (zuvor Piotrowski) noch stärker vorhandene Ehrgeiz waren bei ihm schon früh herausragende Charaktereigenschaften. Ebenfalls legte der Sohn noch lange Wert darauf, aus einem katholischen Elternhaus zu kommen. Später kokettierte Perten gern und oft damit, dass er auf einer Jesuitenschule war und bezeichnete sich manches Mal als Jesuiten. Jörg Kaehler – lange Zeit Schauspieler und Regisseur am Volkstheater – beschreibt Perten in diesem Zusammenhang in seinen lesenswerten – oft aber bissigen – Erinnerungen „Darf ich noch ein bißchen bleiben?“ folgendermaßen: „Die Stilmöbel. Echt, wie zu vermuten war. Die vielen Bücher, Porzellan und manche anderen edlen Dinge. Der gute Geschmack der Gattin. Niederer Adel, wie man sich erzählte. Ideale Ergänzung zum Gatten, aus neuerem Adel. Proletarierkind aus Hamburg, 1 Autodidakt, Jesuitenschüler, wie man wußte, jedoch nicht zu wispern wagte.“ Und als später Perten in Rostock Generalintendant wurde, schreibt Kaehler, dass „[…] das Genre, das Netrep aus weltanschaulichen Gründen eigentlich hätte abschaffen müssen, konnte er schon deshalb nicht verschwinden lassen, weil ihm sonst sein Publikum davongelaufen wäre. Um sich als Intendant in der Stadt etablieren und gleichzeitig nicht auf sein Privatvergnügen verzichten zu müssen, griff er zu einem Jesuitentrick: Er löste sein Operettenensemble nicht nur nicht auf, er engagierte noch ein zweites hinzu.“ Die Eltern übersiedelten 1919 nach Hamburg. Nach anfänglicher Tätigkeit bei der „Deutschen Reichsbahn“ übernahm der Vater in Hamburg eine Gastwirtschaft, die bis 1935 Parteilokal der SPD und des „Reichsbanner“ war. Nach der Einschulung 1924 in die Volksschule Hamburg wechselte Hanns Anselm Perten 1928 auf das „Katholische Gymnasium“ in Hamburg und schloss dieses mit dem Zeugnis der Obersekundarreife 1934 ab. Vor allem in der englischen und französischen Sprache erwarb er sich hervorragende Kenntnisse. Das Interesse für Fremdsprachen blieb bei Perten ein Leben lang bestehen. In einem Lebenslauf vom 27. Mai 1951 gab Perten an, dass ab 1934 „durch meine Erziehung an einer katholischen Schule […] ich zu einer religiösen Weltanschauung gelangt [war] und lehnte aus diesem Grunde das Naziregime ab und betätigte mich niemals dafür. Ich hielt bis zu meiner Verhaftung enge Verbindung mit den katholischen Gruppen in Hamburg, die aus religiöser Einstellung antifaschistische Aufklärungsarbeit leisteten.“ 1935 wurde Perten als Lehrling bei der „Hanseatischen Verlagsanstalt“ in Hamburg eingestellt. Er begann dort eine Lehre als Schriftsetzer. Auch hier betonte Perten später, dass er „in Berührung mit antifaschistischen Arbeitern [kam], die mein Denken wesentlich beeinflussten.“ Und weiterhin: „Ich weigerte mich, den Werkscharen der Deutschen Arbeitsfront (DAF) beizutreten und veranlasste die Lehrlinge 1938 geschlossen ihre Teilnahme am Reichsberufswettbewerb zu verweigern.“ Ab 1936 besuchte Perten Abendkurse auf der Kunstgewerbeschule in Hamburg-Lerchenfeld, war daneben auch Gasthörer in Zeitungskunde, Kunst- und Literaturgeschichte an der Universität in Hamburg. „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 2 Erste Zeichnungen sind in dieser Zeit entstanden. Ebenfalls sind in den 1930er Jahren eine große Anzahl Gedichte von Perten verfasst worden, auch später beschäftigte er sich immer wieder mit der Lyrik. Drei dieser vielen Gedichte waren für den damals circa 20-jährigen – neben jugendlicher Schwelgerei – teilweise von erstaunlicher Reife: Valse melancolique Wirklichkeiten gehen zur Neige, von Deiner holden Nähe berührt. Leb ich nur, wenn ich Dir zeige, wie meine Seele die Deine erspürt? Fühltest Du, wie die Stunde verrann? Schmerzlicher Taumel, beseeligtes Schweben, nahe dem Abgrund. O sage mir wann beginnt und wann endet dies Leben? Warum geht dieser Walzer zu Ende, unsere Schwingung wird traurig und matt. Alles versinkt und nur Deine Hände fühle ich sanft wie ein Teerosen-Blatt. Bleibe nur auf ein kurzes Erlauschen, meertief versenkt im zärtlichen Blick. Laß mich Dein Herz mit meinem vertauschen, beweine mit mir das dunkle Geschick. Zuflucht Im verlassenen Atelier eines Maler-Bohemien hab ich eine Klause eingerichtet, ähnlich jenen Räumen im Quartier Latin, wo man träumt, singt, malt und dichtet: Wände voller farbenfroher Fresken eines italienischen Frühlings und grotesken Linien eines Tänzers, laubumsäumt, mit grazilen Mädchen, zärtlich hingeträumt. An den freien Flächen in Regalen, Bücher, Bücher mit den breiten oder schmalen Rücken: rote, blaue, braune-goldgeprägt und sehr unscheinbare, deren Innen doppelt wägt. „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 3 Der malvenfarbene Diwan für Ruh und Schlaf, das Mahagonipult, das ich beim Trödler traf, ein Biedermeier-Tisch, zwei tiefe Sessel. Im offenen Kamine hängt ein Kupferkessel. Durch das große Fenster eine weite Sicht, tags der Sonne nah und nachts dem Sternenlicht. Unter mir manch‘ altes Dach sich neigt, fern aus dunstigem Blau ein Kirchturm steigt. Schweigend steh ich nachts im stillen Raum, wenn durchs schräge Glas der Himmel blinkt. Wenn das Leid der lauten Welt versinkt, streift mich Gottes sanfter Mandelsaum. Das Bleibende Wenn fremde Gewalten uns dunkel bedrängen, ist das geistige Zuflucht mit erfüllten Gesängen. Unverloren sind uns die Gärten goethischer Stille. Aus Quellen reinster Erkenntnis steigt tröstend göttlicher Wille. Unvergänglich erfüllt Musik die hoffenden Seelen, führt zu Strenge empor und Klarheit attischer Stelen. Unzerstörbar ragen die Dome empfindsamer Herzen, die Säulen der Treue, die Ornamente der Schmerzen. Unverbraucht ist des Schöpfers ewige Kraft, der aus heiligem Schoße das Künftige schafft. Perten nahm auch in dieser Zeit regelmäßig Schauspielunterricht. „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 4 Eine fristlose Entlassung durch die „Hanseatische Verlagsanstalt“ wegen Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“ erfolgte im Februar 1938. Im März wurde er daraufhin im Konzentrationslager Hamburg- Fuhlsbüttel inhaftiert, als Minderjähriger – das heißt als noch nicht 21-jähriger – nach einigen Wochen aber amnestiert. Nach seiner Entlassung wurde Perten erst zum Arbeitsdienst, anschließend zur Wehrmacht eingezogen und 1939 bei Brest-Litowsk schwer verwundet. Nach einem Lazarettaufenthalt kam er nach Stettin, wurde aber diesmal beim stellvertretenden Generalkommando als Schreiber eingesetzt. Wie jede Garnison- und Hafenstadt hatte Stettin Kneipen, Lokale, Nachtbars, aber auch gepflegte Restaurants. Der „Preußenhof “ in der Louisenstraße war ein solch gepflegtes Restaurant. Ab und zu ging Henny Wilke, eine junge attraktive Stettinerin, mit ihrer Freundin hierher. Hier konnten die Gäste im Freien sitzen, eine gute Kapelle spielte die Schlager, die in damaliger Zeit beliebt waren. Zwei junge Mädchen tranken Eiskaffee und ab und zu tanzten sie, wenn ein Tänzer, der ihnen gefiel, sie aufforderte. Am 5. August 1939 – einem wunderschönen Sommertag – lernten sich Johannes Franz Piotrowski (später Hanns Anselm Perten) und Henny Wilke kennen. Er stand plötzlich vor Henny Wilke und forderte sie auf, mit ihm zu tanzen. Er war ein einfacher Soldat, Füsilier, groß, schlank, in Extrauniform. Beim Tanzen sprachen sie belangloses Zeug; das, was man redet, wenn man sich kennenlernt. Die beiden tanzten einige Male, dann erklärte ihm das Mädchen, dass sie sich verabschieden müsse, da es auf den Zug angewiesen sei und bei ihren Eltern wohne, zwei Stationen von Stettin entfernt. Man verabredete sich für den nächsten Tag. Nun trafen sie sich öfter, fanden Gefallen aneinander. Das Infanterieregiment, zu dem Johannes Franz Piotrowski gehörte, war in einer Kaserne in der Körnerstraße stationiert. Das war nicht weit vom Bahnhof entfernt. So konnte er das Mädchen, das sein Herz im Sturme erobert hatte, vom Zug abholen oder zum Zug bringen. Er erzählte von Hamburg, von seinen Eltern, von seinem Leben und seinem Freund Roland Sefrin, dass er Schriftsetzer gelernt hatte und sein Traumberuf Journalist sei. Man bummelte über den Paradeplatz durch die Stadt, ging ins Theater, unternahm Spaziergänge am Westensee. Noch mehr als bisher erkannte Johannes Franz Piotrowski, dass Stettin eine wunderschöne Stadt war. Es gab sehr viele Sehenswürdigkeiten: das Rathaus mit dem „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 5 Manzelbrunnen, das Berliner und das Königstor, Theater, die Hakenterrassen mit dem Schloss und dem Regierungsgebäude, die herrlichen Kirchen. Weniger interessant erschien dem Hamburger der Hafen und der Anblick, wenn Schiffe ein- oder ausliefen. Kaum kannten sich die beiden vierzehn Tage, da wurde das Regiment, in dem Johannes Franz Piotrowski diente, nach Braunsfelde zusammengezogen. Die Soldaten durften den Stadtteil nicht mehr verlassen. Und bald lagen sie in Alarmbereitschaft und hatten Ausgangssperre. 1939 rückte das Infanterieregiment aus in Richtung Osten. Da das Elternhaus der Familie Wilke an der Hauptverkehrsstraße lag, mussten die Truppen an ihm vorbeikommen. Die Einwohner des Ortes bildeten Spalier und winkten den Soldaten begeistert zu. Johannes Franz Piotrowski saß im Beiwagen eines Krades in Mantel und Stahlhelm. Auf Hitlers Befehl marschierten die deutschen Truppen am 1. September 1939 in Polen ein. Das Unfassbare war geschehen: Es war Krieg. Eine Sondermeldung jagte die andere. Euphorisch überschlugen sich die Siegesmeldungen. Blitzkrieg. In drei Wochen war Polen besiegt. Das Regiment, in dem Johannes Franz Piotrowski diente, kam im September zurück. Wieder standen Einwohner des Ortes Spalier, um den heimkehrenden Soldaten einen Empfang zu bereiten. Aber es fehlten die, die verwundet oder gefallen waren. Henny Wilke wartete und wartete. Die letzten Fahrzeuge waren längst vorbei. Johannes Franz Piotrowski war nicht unter den Heimkehrenden. Es musste irgendetwas geschehen sein. Sie war äußerst besorgt. Lustlos ging sie ihrer Arbeit nach und große Sorgen quälten sie. Was war mit ihrem Soldaten geschehen? Gehörte er zu den Gefallenen oder Verwundeten? Einige Tage später erreichte sie ein Anruf, am Apparat war ein Oberfeldwebel, von dem Johannes Franz Piotrowski ihr erzählt hatte, ein typischer Nazifeldwebel, der die Soldaten schikanierte. Er bat um ein Treffen mit Henny Wilke, da er Grüße zu überbringen hätte. Als man sich traf, trug er stolz einen Orden. Johannes Franz Piotrowski hatte ihn darum gebeten, seinem Mädchen Grüße zu bestellen und ihr zu sagen, dass er verwundet sei. Er stellte die Verwundung so dar, dass er kaum eine Chance hätte, die Verwundung beider Beine sei zu schwer. Henny Wilke war erschüttert, aber das Wichtigste für sie war, dass ihr Soldat lebte. In ihrer Dienststelle rief man zur Mitarbeit beim Roten Kreuz auf. Sie meldete sich und wollte helfen. Alle, die helfen wollten, wurden vom „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 6 Betrieb für acht Wochen freigestellt. Henny Wilke wurde einem Reservelazarett zugeteilt. Die Oberin, die für die Schwestern verantwortlich war, achtete ganz besonders auf eine gepflegte äußere Erscheinung. Das grau-weiß gestreifte Trachtenkleid musste eine bestimmte Länge haben, die Strümpfe durften nur grau und die Schuhe schwarz sein und unter der Haube durfte keine Locke hervorkommen. Im Oktober erhielt sie von Johannes Franz Piotrowski einen Brief, in dem er ihr schrieb, dass er in der nächsten Zeit mit dem Lazarettschiff „Stuttgart“ nach Stettin gebracht werde. Das Mädchen reagierte überglücklich darauf und hoffte auf ein baldiges Wiedersehen. Nach sieben Monaten Lazarettaufenthalt war seine Gesundheit so weit hergestellt, dass man ihn verwendungsfähig für die Heimat, aber nicht mehr kriegsverwendungsfähig einstufte. Es folgte sein Einsatz im Generalkommando in Stettin. Seine Dienststelle und die von Henny Wilke lagen nur wenige Minuten voneinander entfernt. Nun sah man sich täglich. Es war Krieg, trotzdem nutzten Sie die Zeit, unternahmen Spaziergänge durch Quistorp-Aue hinunter zum Westendsee, bummelten durch die Stadt, gingen ins Kino oder ins Theater, manchmal auch tanzen. Nun lernten sie sich richtig kennen. Bald musste Johannes Franz Piotrowski jedoch wieder fort. Er schickte aus Bukarest Kleiderstoffe, darunter auch weiße Seide fürs Brautkleid, da im Krieg Kleidung nur auf Bezugsschein ausgegeben wurde. Karl Wilke, ehemals „Zwölfender“, lehnte eine Verbindung seiner Tochter mit Johannes Franz Piotrowski ab. Eines seiner Argumente: Seine Tochter sollte keinen Mann mit einem polnischen Namen heiraten. Darüber sprach Johannes Piotrowski während eines Fronturlaubs mit seinen Eltern. Piotrowskis Vater – die Entscheidung fiel ihm nicht leicht – äußerte den Vorschlag, eine Namensänderung zu beantragen. Als neuen Familiennamen dachte er sich aus mehreren Varianten „Perten“ aus. Er erzählte, dass ihn immer die Möbelwagen der Hamburger Firma „Pertenreiter“ beeindruckt hatten. Von diesem Namen entlehnte er den ersten Teil. Und später waren er und sein Sohn stolz auf den neuen Namen und benutzten ihn fast kulthaft. An der Namensänderung konnte Karl Wilke ersehen, wie ernst es dem jungen Hamburger Soldaten um eine feste Verbindung mit seiner Tochter Henny sei und dass dessen Eltern ihn dabei unterstützten, obwohl sie Henny noch nicht kannten. „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 7 Anfang Dezember 1941 heirateten beide. Mit einer schwarzen Droschke fuhren sie, Johannes Perten in Extrauniform, zur Katholischen Kirche in Hamburg-Hamm und ließen sich dort trauen. Henny Wilke gehörte der Evangelischen Kirche an. Doch Johannes Franz Perten und seinen Eltern zuliebe waren die Wilkes mit einer katholischen Eheschließung einverstanden. Dabei lernten sich die Eltern der Brautleute kennen. Anfang 1942 kam Perten wieder nach Stettin zum Generalkommando zurück und die jungen Leute suchten eine Wohnung. Außerhalb von Stettin, in Greifenhagen, fanden sie eine, die ihnen gefiel. Ein Käsefabrikant hatte das Haus gekauft, um die Wochenenden außerhalb Stettins zu verleben. Er bewohnte nur drei Zimmer, und eine Mansardenwohnung darüber war freigeblieben. Bei Heirat bekamen die Eheleute einen Bezugsschein für die Möbel eines Zimmers. Dafür kauften sie sich ein Esszimmer. Damals war ein englisches Buffet mit Aufsatz und Glasvitrine modern. Dazu einen Ausziehtisch mit sechs Stühlen. Und sie hatten Glück: Man hatte Schlafzimmer aus Italien importiert, die um einiges teurer waren, aber für sie brauchte man keinen Bezugsschein. Nur Küchenmöbel fehlten ihnen noch. Bevor diese Möbel kamen, renovierten die beiden die Wohnung, tapezierten und strichen die Fußböden. Hanns hatte sich Kameraden mitgebracht, die ihm halfen. Im Oktober 1942 wurde der Sohn Hanns-Rainer im katholischen Carolusstift in Stettin geboren. Das Glück der jungen Eheleute schien vollkommen, hätte der Krieg sich nicht immer mehr ausgeweitet. Spürbar wurde er auch in der Heimat. Vieles wurde rationiert, es gab Lebensmittelkarten, Bezugsscheine für Bekleidung, Schuhe und Möbel. Immer weitere Jahrgänge wurden zur Front eingezogen und Frauen dienstverpflichtet für den Einsatz in Munitionsbetrieben. Als die Alliierten dann zur Gegenoffensive ansetzten, begannen sie auch deutsche Städte zu bombardieren. Die Bevölkerung musste für die Verdunklung der Wohnungen sorgen. Wenn Bombenalarm gegeben wurde, mussten alle Menschen sofort in die Luftschutzkeller, die inzwischen gebaut worden waren. Die Bombengeschwader kamen von Westen her über Braunschweig, Magdeburg, Berlin auch nach Stettin, denn in der Nähe von Stettin wurde an der Wunderwaffe – der V2 – gearbeitet. Johannes Perten wurde abkommandiert nach Rumänien, später nach Rowno, und kam immer wieder zum Generalkommando nach Stettin zurück. „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 8 1943 wurde Hamburg durch anglo-amerikanische Langstreckenbomber angegriffen, die große Schäden hinterließen. Als Franz Simon Perten und seine Frau Helene am Morgen des 28. Juli aus dem Bunker kamen, brannte um sie herum alles und ihr Geschäft und ihre Wohnung waren ein einziger Trümmerhaufen. Die ausgebombten Pertens fanden einen vorläufigen Unterschlupf bei den Wilkes in Stettin. Jeder hatte nur einen Koffer mit dem Nötigsten dabei. Ein Vierteljahr hielt Vater Perten es in Stettin aus, doch dann wurde er unruhig und konnte nicht mehr untätig herumsitzen. Er wollte beruflich wieder etwas anfangen. So gingen sie nach Reinfeld, mieteten sich dort ein und Franz Simon Perten versuchte beruflich wieder Fuß zu fassen. Er mietete in Hamburg, Raboisen 19, in der Nähe des Hauptbahnhofes, einen Gewerberaum und bot dort Mittagstisch an. Hier verpflegten sie Berufstätige in der Mittagspause. Es dauerte nicht lange und das Geschäft wurde wieder ausgebombt. Nun saßen sie in Reinfeld und überlegten, was zu tun sei. Franz Simon Perten schrieb zwei Bewerbungen zur Übernahme einer Bahnhofsgaststätte. Eine war in Gütersloh, eine andere in Boizenburg an der Elbe frei. Im September 1944 sollte die Gaststätte eröffnet werden. Seine Schwiegertochter Henny reiste mit dem Kind nach Boizenburg, um beim Aufbau der Gaststätte zu helfen, zumal Johannes Perten wiederum in Rowno eingesetzt war. Inzwischen hatte auch Stettin eine Reihe von schweren Bombenangriffen erhalten. Doch da die Wohnung der jungen Eheleute außerhalb Stettins lag, waren sie von den Bombenangriffen bisher verschont geblieben. Aber wenn die Bomber Luftminen abwarfen, hatten die Einwohner von Greifenhagen Angst. Meistens kamen die Bomber nachts. Der Russe drängte immer weiter vor. Johannes Perten kam aus Rowno zurück. Das Generalkommando zog sich von Stettin nach Neustrelitz zurück. Neustrelitz war, bis die Front näher rückte, ansonsten ein ruhiges Residenzstädtchen. Bei immer mehr Menschen, auch Soldaten der Wehrmacht, schwand der verordnete Glaube an den Endsieg. Zweifel nahmen zu. Doch kaum jemand traute sich, diese auch auszusprechen. Auch Johannes Perten verbarg seine Meinung. Doch dann gab es ein schreckliches Vorkommnis. Ein Kamerad, der ihm in der Schreibstube gegen- übersaß, war von der Gestapo verhaftet worden und die Kameraden mussten mit ansehen, wie er standrechtlich erschossen wurde. Die Ka- „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 9 meraden hatten Mädchen zum Tanz eingeladen und waren ausgelassen. Der Kamerad aus der Schreibstube äußerte einem Mädchen gegen- über: „Der Krieg ist nicht mehr zu gewinnen.“ Dieses Mädchen war BDM-Mitglied. Sie zeigte den Kameraden wegen dieser Äußerung an. Es war schon April 1945. Johannes Perten hatte die Erschießung des Kameraden ein Leben lang mitgenommen. Während der Kriegsjahre schloss sich Vater Perten in sein Kontor ein und hörte mit seinem Blaupunktgerät die Sendungen der BBC London. Er ist als Sozialdemokrat gegen das Hitler-Regime eingestellt. Mit seinem Vater konnte Hanns Anselm Perten sich während des Heimaturlaubs unter vier Augen über den Krieg und seinen sich abzeichnenden Verlauf unterhalten. Aus seinen Erfahrungen als Soldat während des Ersten Weltkrieges vermittelte der Vater dem Sohn immer wieder Überlebensregeln. Er trichterte ihm ein, dass das Wichtigste für ihn sein müsste, den Willen und die Klugheit aufzubringen, überleben zu wollen. Mit Beginn des Russlandfeldzuges im Juli 1941 ging Vater Perten davon aus, dass Hitler sich mit diesem Vorhaben übernommen habe und Deutschland diesen Krieg nie gewinnen könne. Seinem Sohn gab er wieder und wieder Verhaltensregeln, mit denen er ihm einhämmerte, niemandem zu trauen, niemandem seine wahre Gesinnung anzuvertrauen und sich jeder gegen Hitler, den Nationalsozialismus und den Krieg gerichteten Äußerung zu enthalten. Hanns Anselm Perten wird sich in schwierigen Situationen im Feld und später in der Etappe an die Worte des Vaters erinnern. Und das ist gut für ihn. Die Zeit in der deutschen Wehrmacht hatte Perten sehr geprägt, so stellte er in seinem am 27. Mai 1951 geschriebenen Lebenslauf fest, das „die Jahre als Soldat […] in mir weitere politische Erkenntnisse reifen [liessen] und insbesondere veränderte sich meine Einstellung zur Kirche grundlegend, als ich feststellen musste, dass die katholischen Feldgeistlichen die Greuel des Faschismus und des Krieges unterstützten…“ Und weiter: „Der notwendige Ausgang des Krieges wurde mir klar und ich sah, dass ich ohne Beruf und Existenz dastehen würde. Ich bildete mich durch Lesen und Selbststudium weiter…“. Auch nahm Perten in den 1940er Jahren Schauspielunterricht bei seinem späteren Schwiegervater Joseph van Santen in Neustrelitz. Ob er tatsächlich seine endgültige Berufung im und am Theater sah, ist höchst zweifelhaft. Zumal er auch noch nach 1945 auf verschiede- „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 10 nen künstlerischen Gebieten tätig war. Vermutlich sah er den Beruf des Schauspielers – neben seinen früh nachweisbaren Interessen hierfür – als Möglichkeit, nicht zuletzt auch Geld zu verdienen und in der Zeit des Nationalsozialismus überhaupt künstlerisch wirken und überleben zu können. 1943 verschlechterte sich Pertens Gesundheitszustand aufgrund der Folgen seiner schweren Verwundung auf dem Polenfeldzug und einer Malariaerkrankung, die er sich in Rumänien zuzog. Er wurde im März 1943 nach Stettin entlassen und als Schreiber im Range eines Oberwachtmeisters bei der Unteroffiziers-Annahmestelle 2 Stettin- Neustrelitz eingesetzt. Wie in Stettin gehörte nach Dienstschluss Pertens Herz ganz dem Theater. Wenn es sein Dienst zuließ, saß er abends in den Vorstellungen. In mehreren Aufführungen erlebte er den Schauspieler und Regisseur Josef van Santen, der seit 1936 in Neustrelitz engagiert war. In Josef van Santen lernte er einen Vollblutmimen kennen, für den das Theater der Lebenssinn war und für den es zwischen Spiel und Wirklichkeit kaum eine Grenze gab. Auch in den bedrückenden Kriegsjahren verlor er seine Freundlichkeit und das Herzliche im Umgang mit Menschen und den Dingen des alltäglichen Lebens nicht; immer zu einem Spaß, einer Pointe aufgelegt. Sportlich, stets braungebrannt, ein Naturbursche, blondes gelocktes kräftiges Haar – ein Frauenschwarm und die leibhaftige Inkarnation des germanischen Siegfried. Perten passte ihn eines Abends nach einer Vorstellung am Theatereingang ab und trug ihm, wie viele andere theaterbesessene junge Leute, seinen Wunsch vor, Schauspieler werden zu wollen. Josef van Santen konnte zwischen bloßer Schwärmerei und Ernsthaftigkeit im Streben, die Bretter, die angeblich die Welt bedeuten, erobern zu wollen, differenzieren. Er musterte mit den kritischen Augen des Schauspielers und Regisseurs den jungen Mann vor ihm, der schlank, groß gewachsen, mit einem ausdrucksvollen Gesicht, aufgeworfenen kräftigen Lippen, blauen wachen Augen, großen Ohren und schwarzem gepflegtem Haar, das er zu einem „Poposcheitel“ gekämmt trug, da vor ihm stand. Irgendetwas war dran an diesem jungen Mann. Der erfahrene Schauspieler und Regisseur zeigte sich beeindruckt von der stattlichen Statur, der angenehmen variablen Stimme und der Begeisterung für das Theater. An einem vorstellungsfreien Abend lud er den jungen Mann „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 11 zu sich nach Hause in seine Wohnung in der Hohenzieritzer Straße 2 ein. In der geräumigen Wohnung der van Santens/von Orellis umfing Hanns Anselm Perten großbürgerliche Behaglichkeit, Stil und Wärme. Seiner Natur gemäß ließ Josef van Santen auch diesem Unbekannten gegenüber keine Distanz aufkommen. Er stellte ihm seine Ehefrau, die Schauspielerin Anni von Orelli, vor, die er ebenfalls auf der Bühne erlebt hatte. Eine Dame, von Statur groß, von eher unauffälliger Eleganz, von sympathischer, warmherziger Ausstrahlung. Aber sie konnte auch resolut auftreten, führte zu Hause das Zepter, was ihrem Ehemann nicht unangenehm schien. In Anni von Orelli erlebte der stark auf seine Mutter geprägte Hanns Anselm Perten eine wirklich außergewöhnliche Dame. Als sie 78jährig in Rostock verstarb, hatte sie eine lange Bühnenkarriere, die über Freiburg, Meiningen, Halle, Hamburg bis nach Leipzig führte, hinter sich. Unter der Direktion Max von Martersteigs spielte sie vor allem Heldinnen und Salondamen. Die Einweihung des Leipziger „Völkerschlachtdenkmals“ wurde 1913 mit einer festlichen Premiere von Heinrich von Kleists „Hermannschlacht“ er- öffnet, in der Anni von Orelli die Thusnelda spielte. Schließlich wurde sie von Josef Stauder nach Berlin geholt. Hier spielte sie unter anderem mit großem Erfolg in der Berliner Erstaufführung von Bertolt Brechts „Die Geschichte der Simone Machard“ die Madame Soupeau. Ihre letzte Bühnenrolle hatte sie am „Deutschen Theater“ in Berlin unter Wolfgang Langhoff in „Schau heimwärts Engel“ von Thomas Wolfes. In zahlreichen Fernsehrollen und DEFA-Filmen wurde sie auch einem breiten Publikum bekannt. Als Schauspiel-Pädagogin hatte Anni von Orelli sogar einen legendären Ruf. Perten beeindruckte in der Folge, dass sie neben Esperanto fünf Sprachen beherrschte, eine ausgeprägte humanistische Bildung besaß, die in der Güte und Toleranz sich zu paaren schienen, mit einer recht freiheitlichen Gesinnung, wie sie wohl nur Schweizern zu eigen ist. Angezogen fühlte er sich auch von ihrem „Schwizerdütsch“, welches sie gelegentlich sprach und das gemütlich klang. Josef van Santen schöpfte aus dem Reichtum und den Erfahrungen seines bisherigen Schauspielerlebens. Er hatte die Schauspielakademie Feldern-Förster in München absolviert, an der Universität München Vorlesungen besucht und auch bei Arthur Kutscher gelernt. Seine ersten Rollen spielte er als 21jähriger Anfänger auf der Bühne der Mün- „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 12 chener Kammerspiele, die von Otto Falkenberg geleitet wurde. Als jugendlicher Held und Liebhaber verpflichtete man ihn an das Nationaltheater Karlsruhe. Als weitere Stationen folgten die Stadttheater Eisenach, Freiburg im Breisgau, Heidelberg, Meiningen, Bochum und Dortmund. Die beruflich prägenden Jahre erlebte er in seinem Engagement von 1930 bis 1933 am Stadttheater Bochum bei Prof. Saladin Schmitt, einem Vetter des bedeutenden Dichters und außergewöhnlichen Sprachästheten Stefan George. Saladin Schmitt war ein überragender Theaterleiter und Regisseur, der Theatergeschichte geschrieben hat. Josef van Santen war ein Vollblutkomödiant, ausgestattet mit dem Temperament eines Abraham a Sancta Clara, der auch oft selbst Regie führte. Unter Prof. Wolfgang Langhoff spielte er unvergessen den Falstaff in Shakespeares „Heinrich IV“ und wurde 11 Jahre Stütze des „Deutschen Theaters“ in Berlin. Auch in zahlreichen Fernsehaufführungen und DEFA-Filmen, so in „Der Ermordete greift ein“ und „Die Liebe und der Co-Pilot“ fesselte er durch seine vielseitige Spielfreudigkeit sein Publikum. Er war bemüht, dem jungen Perten so viel wie möglich zu vermitteln. Im Jahre 1955 bezeichnete er sich als „Lehrer für Schauspiel und Sprechtechnik“. Er betonte immer wieder, dass zwei Dinge den guten Schauspieler auszeichnen würden: die gediegene Sprechtechnik und umfassende Kenntnis der Psychologie. Und Psychologie war eines seiner Hobbies. Tägliches körperliches Training setzte er voraus, stieß dabei bei Perten nicht unbedingt auf Gegenliebe. Josef van Santen liebte, wenn es der Spielplan zuließ, ausgedehnte Spaziergänge in die Umgebung von Neustrelitz. Auf diese nahm er zunehmend gern seinen „Famulus“ mit. Er wusste, wenn er diesen jungen Mann zur Bühnenreife führen wollte, müsse er jede sich nur bietende Gelegenheit nutzen, um ihn zu unterweisen und auszubilden. Auch Josef van Santen schloss sich nachts in sein Arbeitszimmer ein und hörte wie Franz Simon Perten die Nachrichtensendungen der BBC. Vieles deutete auf ein nicht mehr fernes Kriegsende hin. Aber was würde sich diese tollwütige Kriegsmaschinerie noch einfallen lassen, den Untergang des Reiches aufhalten zu wollen? Das Hitler-Regime lehnten Josef van Santen und Anni von Orelli ab. Von 1934 bis 1936 emigrierten sie nach Spanien und in die Schweiz. Weil Josef van Santen es abgelehnt hatte, für die SA zu inszenieren, bekam er Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten. Beide blieben ohne Enga- „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 13 gement. Als sie 1936 nach Deutschland zurückkamen, wussten sie, dass der Neustrelitzer Intendant Gernot Burrow sie engagieren würde, unabhängig von einem Mitgliedsbuch der NSDAP. Doch bevor Josef van Santen das Engagement am Landestheater Neustrelitz antreten konnte, musste er seine Schauspielerprüfung erneut ablegen. Das empfand er als eine nationalsozialistische Anmaßung, die sein Verhältnis zu den Nazis noch zuspitzte. Am Landestheater Neustrelitz konnten die van Santen/von Orellis den Krieg überstehen. Gernot Burrow half vielen Künstlern, die politisch nicht auf der Seite der Nazis waren, durch Engagements. Während des Krieges forderte er als Ersatz für die eingezogenen männlichen Beschäftigten stets Kriegsgefangene an, in der Regel Franzosen, die unter menschenwürdigen Verhältnissen am Theater arbeiten konnten. Anni von Orelli äußerte des Öfteren, dass ein solcher Scharlatan wie Hitler in der freiheitlichen Schweiz niemals an die Macht gekommen wäre. Dieses sei ein typisch deutsches Phänomen, Ausdruck preu- ßischen Untertanengeistes. Besonders Anni von Orelli ließ sich in ihren Meinungsäußerungen kaum einengen. Von niemandem. Sie war eine couragierte Frau. Sie fühlte sich stets als Schweizerin und sagte offen und direkt, was sie dachte. Wie Hanns Anselm Perten später erfuhr, stammte Anni von Orelli von italienischen Geschlechtern ab, den von Muralt und von Orelli. Beide Familien gehörten in Locarno zum alten Adel, zu den sogenannten Capitanei, die schon zu Zeiten Barbarossas Geschichte machten. Am 12. Mai 1455 mussten sie aus Glaubensgründen ihre Heimat verlassen und fanden in Zürich Aufnahme. Anni von Orellis Vater, General der Artillerie, Conrad von Orelli, war von 1893 bis zu seinem Tode im Jahre 1904 Chef der technischen Abteilung der Kriegsmaterialverwaltung der Schweizer Armee in Thun und verstarb in Aufopferung für sein Schweizer Vaterland. Als Anni von Orelli und Josef van Santen 1930 heirateten, wurde sie durch den Familienrat der von Orellis enterbt. Mit dieser Heirat erlosch ihr Zweig im Stammbaum der von Orelli. Der letzte Eintrag in diesem Zweig des Jahrhunderte alten Stammbaumes ist die Anzeige, dass die Tochter, Christine van Santen, am 26. September 1931 in Bochum geboren wurde. Als sie Hanns Anselm Perten vorgestellt wurde, war diese noch keine 13 Jahre, selbstbewusst und schon damals auch „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 14 für Perten von faszinierender Schönheit. Wenn er sich jetzt an van Santen wandte, dann tat er es auch, weil er spürte, dass der Krieg bald zu Ende sein würde. Und nach dem Kriege wollte er beruflich nicht mit leeren Händen dastehen. Im April 1944 erhielt Perten die Berufszulassung der Reichstheaterkammer als Schauspieler und wurde am Theater Neustrelitz engagiert. Dort blieb er bis zur Schließung des Landestheaters Neustrelitz, die im Rahmen des von Goebbels erklärten „totalen Krieges“ erfolgte. Für die Abschiedsvorstellung am 31. August 1944 schrieb Perten Abschiedsverse. In diesen Versen heißt es: „Die Musen schweigen, der Vorhang hat für lange sich geschlossen, wo sonst der Leidenschaften Reigen lebte, lachte, wo Tränen flossen, webt bald Stille und Vergessen, es sinkt dahin, was wir besessen! Freunde, erfaßt den Sinn der schicksalsvollen Stunde! Das Leitwort stammt aus eines Dichters Munde: Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahrt sie, sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.“ In den letzten Kriegstagen 1945 wurde Perten zunächst noch einmal zur Artillerie eingezogen und kam im Mai 1945 bei Tangermünde in amerikanische, später in englische Kriegsgefangenschaft in Otterndorf/Elbe. Sein katastrophaler Gesundheitszustand bewirkte, dass er am 27. August 1945 entlassen wurde. Aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen, war Perten voller Hoffnung und Zuversicht. Sein Traum vom eigenständigen Leben als Schauspieler war nun über zahlreiche Hindernisse, die er überwinden musste, näher gerückt. Nun wollte er sich ausprobieren, wollte den Erfolg. Er war auf den Tag genau 28 Jahre alt, als er am 12. August 1945 entlassen wurde, und er stand wie viele seiner Kameraden, die den Krieg überlebten, vor dem Aufbau einer eigenen Existenz im Nachkriegsdeutschland. Er wurde in den amerikanischen Sektor entlassen. Mit dem Gedanken, zu seinen Eltern nach Boizenburg zu gehen, spielte er auch. Aber zunächst lockte seine Heimatstadt Hamburg, die Stadt der Theater. Er glaubte, dass der Wiederaufbau auch zu einer Wiederbelebung der Theaterlandschaft führen werde. Eine bescheidene Unterkunft fand er bei einer Tante. In „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 15 seiner Heimatstadt Hamburg, in der er bereits als Kind Bühnenerfahrungen sammelte, einer Stadt der Theater wie sonst nur noch Berlin, suchte er wie viele andere Theaterleute ein Engagement. Er wollte vorsprechen, wollte als Kriegsheimkehrer einen blendenden Eindruck erwecken. Sein Vater hatte ihm oft genug eingetrichtert, wie wichtig gepflegte Kleidung ist. Zuerst musste also ein Anzug her. Ohne einen Anzug keine Karriere. Sein Onkel Breguier, ein exzellenter Schneidermeister, von dem er auch später noch schwärmte, musste ihm einen Anzug schneidern. Er suchte diesen auf und trug ihm sein Begehren vor. Der Onkel hatte Kontakte und wusste, wie er an englisches Tuch herankommt. So genannte Friedensware. Doch auch in der Verwandtschaft hat ein Anzug seinen Preis. Wovon zahlen? Schließlich wurde man sich einig. Perten besaß ein komplettes Schlafzimmermöbel. Diese überlebten die entsetzlichen Bombardements auf Hamburg unbeschadet. Der Onkel wusste das. Und er spekulierte auf dieses einzigartige Schlafzimmer. Perten wusste, wenn Richard III. ein Königreich für ein Pferd geboten hatte, dann ist er noch preiswert zu einem Maßanzug gekommen. Perten versuchte sein Glück bei der „Komödie“ in Altona. Ein kleines Theater mit 270 Plätzen, das gerade neu errichtet wurde und am 30. Dezember 1945 seiner Eröffnung entgegensah. Eigentümer war der Guttempler-Orden, geleitet wurde es von Hans Wölffer und Heinrich van Hooven. Mit seinem Vorsprechen hatte er Erfolg und wurde nacheinander für mehrere Rollen verpflichtet. Doch das ist es nicht, worauf Perten gehofft hat. Seine Vorbilder sind Schauspieler wie Ralph Arthur Roberts und Heinrich George. Eine erfolgreiche Karriere als Schauspieler blieb zunächst aus. Im Februar 1946 schied er aus dem Ensemble der „Komödie“ und sprach beim „Hamburger Volkstheater“ vor. Am Hamburger Volkstheater (Direktor Franz Felix und Alexander Richter) fand er ein Engagement als Schauspieler. Hier begegnete er in Gestalt Xandy Richters einem Chef, Regisseur und Schauspieler, zu dem er – ähnlich wie zu Josef van Santen – über die künstlerische Tätigkeit ein freundschaftliches Verhältnis aufbaute. Den legendären Ruf der Familiendynastie Richter kannte er noch aus der Vorkriegszeit. 1917 kamen Vater Carl Richter und Sohn Xandy Richter nach Hamburg und ließen die Volksoper in St. Pauli zu einer Stätte glanzvoller Auftritte großartiger Musik- und „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 16 Operettenstars werden. Manch einer Operette und manchem Komponisten verhalfen sie an ihrem Hause zum Durchbruch. Im Kriege wurde die Volksoper zerstört. Nach dem Kriege fing Alexander Richter mit dem Hamburger Volkstheater, das er gemeinsam mit Dr. Franz Felix leitete, wieder klein an. Alexander Richter war ein ausgesprochenes Theaterblut. Er musste nicht Theaterdirektor werden. Er war es. Der Spielplan des Hamburger Volkstheaters war auf Schauspiel, Oper und Operette ausgerichtet. Die Einsätze der Künstler beschränkten sich nicht nur auf eine Sparte. Hier war Vielseitigkeit verlangt. Ein Plus für Perten. Das Hamburger Volkstheater war zugleich auch ein reges Gastspieltheater, das zu Abstechern in Städte wie Braunschweig, Bremen, Cuxhaven, Düsseldorf, Lübeck, Oberhausen und Oldenburg fuhr. Bei der regen Gastspieltätigkeit war die Truppe des Theaters mit Bussen unterwegs, man spielte unter wechselnden Bedingungen und vor einem fremden Publikum. Jeder musste Hand anlegen, wenn es um Bühnenauf- und -abbau ging. Alles musste geplant und organisiert sein. Wenn Alexander Richter, der väterliche Freund, der vieles gemeinsam hatte mit Pertens Schauspiellehrer Josef van Santen, Regie führte, schaute er sich so manches ab. Perten interessierte, wie Richter auf Proben mit den Schauspielern umging, wie er sie führte oder sich anbieten ließ, was diese selbst beizubringen hatten. Bevor Perten nach Schwerin umsiedelte und sich dort kulturpolitisch betätigte, leitete er eine Schauspieltournee durch Schleswig-Holstein. Hier trat er auch erstmalig als Regisseur in Erscheinung. In diese Zeit fiel ebenfalls sein Eintritt in die KPD und die Gründung des Schauspielkollektivs der KPD-Wasserkante „Die Laternenanzünder“. Für dieses Ensemble verfasste er verschiedene Programme und führte auch wiederholt Regie. Das Motto dieser Theatergruppe lautete „Die Laternenanzünder machen Licht.“ Perten schrieb auch hierfür ein Gedicht, welches als thematische Ergänzung zum Inhalt bewertet werden kann. Im Vergleich zu seinen anderen lyrischen Versuchen ist dieser Text jetzt auch deutlich politischer: „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 17 „Verse auf die Zeit Laßt uns nicht im Dunkeln tasten zündet an das Lebenslicht! Nackter Hunger ist kein Fasten, blickt der Welt ins Angesicht. Vorwärts strebt der Menschengeist, doch das Elend macht ihn matt! Jeder neue Tag beweist: Atombomben machen keinen satt. Wenn wir in feuchten Kellern wohnen und trotz der Kälte barfuß gehen, da helfen keine Diskussionen, laßt uns an die Arbeit gehen. Seht, wie die Maschinen rosten, weil kein Kohlenfeuer brennt – doch jeden Tag auf unsere Kosten: ein neuer Ministerpräsident! Hungertuch und Bettelkleid, der Amtsschimmel rast im Galopp. Um uns rast der ‚Zirkus Zeit‘. Armer Mitmensch! Alles hopp. Die Wahrheit trägt ein Narrenkleid, dann ist sie ungeniert. Heut sehen Sie den ‚Zirkus Zeit‘. Hereinspaziert, hereinspaziert“ Im Hamburg wurde Hanns Anselm Perten mit Ilse Weintraut bekannt. Isle Weintraut, 1906 in Düsseldorf geboren, erhielt ihre künstlerische Ausbildung bei dem namhaften Hamburger Schauspieler Albert Bozenhard. 1929 ging sie zum Film und lernte dort den berühmten russischen Filmregisseur Pudowkin kennen, der sie für die Ziele der Arbeiterbewegung gewann. 1930 ist die Weintraut organisatorische Leiterin des Zeittheaters „Kollektiv Hamburger Schauspieler“, bis diese Tätigkeit nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durch Auftrittsverbot beendet wird. Ilse Weintraut reihte sich in den Widerstand gegen die Hitlerdiktatur ein und nahm Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Frauengefängnis auf sich. Nach dem Ende des Nationalsozialismus gehörte Ilse Weintraut zu denen, die ein neues demokrati- „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 18 sches Deutschland wollten. Gemeinsam mit Hanns Anselm Perten gründete sie im Nachkriegs-Hamburg ein Schauspielerkollektiv und in dem Zeitkabarett „Die Laternenanzünder“ geißelte man die Haltung derer, die trotz Krieg und millionenfachen Todes noch immer nichts begriffen haben. In Ilse Weintraut fand Perten eine Künstlerin mit einer antifaschistischen Überzeugung, die den Nerv Pertens traf. Auf den jungen Perten, der den Krieg von seiner furchtbarsten und grausamsten Seite kennenlernte, fast selbst durch seine schwerste Verwundung beim Polenfeldzug ein Krüppel geworden wäre, nahmen sie und der Hamburger Kommunist Heinz Pries Einfluss. Die Weintraut, in diesen Jahren mit einem Reemtsma-Manager liiert, sorgte dafür, dass Perten mit zu Empfängen kam, die sie in der Villa ihres Partners, gab. Hier begegnete er weiteren Linksintellektuellen und einem ihn beeindruckenden Wohlstand, den er in diesen Maßen so aus seinem Elternhaus nicht kannte. Das Kabarett „Die Laternenanzünder“ bot Perten den Spielraum, um seine verschiedensten Fähigkeiten zu entwickeln: Er ist Autor, Schauspieler und Regisseur. An vielen Programmen des Kabaretts wirkte Perten mit. Man tourte durch die britische Zone. Erfolgreich. Durch die Bezirksleitung der „KPD Wasserkante“ erhielten sie Lob und Anerkennung. Nach Eintritt in die KPD wurde Perten gleichfalls Mitglied in der „Liga für den demokratischen Aufbau“, einen für die Geschichte Mecklenburgs sehr wichtigen Vorläufer des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Dieser wurde in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zum einflussreichsten Gremium in kulturpolitischen Fragen. Perten rezitierte auf Veranstaltungen der KPD und wurde Delegierter der 1. Kulturkonferenz der KPD in Neumünster. Als Mitglied im Zonenbeirat der britischen Militärregierung vertrat er die KPD im „Ausschuss für staatsbürgerliche Bildungsstellen“, arbeitete aber auch freischaffend als Kritiker für das KPD-Parteiorgan „Hamburger Volkszeitung“. „Die sich von Anfang an pflegen, sind anderen überlegen.“ 19

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References

Zusammenfassung

Prof. Hanns Anselm Perten war in der DDR eine der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Theaterpersönlichkeiten. Der Spielplan des Rostocker Volkstheaters ist einer der abwechslungsreichsten aller Bühnen in der DDR gewesen. Rostocks Bühne wurde zu dem Reisetheater außerhalb der DDR. Und in Rostock wurden Stücke aufgeführt, die in der DDR als unspielbar galten oder verboten waren. Perten ging mit seinem Engagement ein hohes Risiko ein: So umgab er sich gern mit Parteigrößen und wurde auch bald nach 1945 in die Strukturen der SED eingebunden. Zum Ende seines Lebens brach er mit „seiner“ Partei – die ihn immer kritisch gesehen und ihm oft große Probleme bereitet hatte. Mythen und Legenden ranken sich um die genauen Todesumstände dieser schillernden Künstlerpersönlichkeit. Diese Biografie beschreibt das Leben eines Theatermannes in der DDR über nahezu die gesamte Zeit des Bestehens dieses Staates.