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6. Das Hintergrundgespräch in:

Florian Beißwanger

Hintergrundgespräche, page 57 - 134

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem des digitalen Zeitalters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4378-3, ISBN online: 978-3-8288-7362-9, https://doi.org/10.5771/9783828873629-57

Tectum, Baden-Baden
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Das Hintergrundgespräch Hintergrundgespräche sind fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Ihr informeller Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten, sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Im Gegensatz zu Pressekonferenzen oder im Vergleich zu Interviews, die vor laufender Kamera stattfinden, sind Hintergrundgespräche nicht vom klassischen Frage- und Antwortspiel gekennzeichnet. Zugleich machen Hintergrundgespräche nicht die Elitenkommunikation zwischen Politikern und Journalisten selbst zum Gegenstand der Berichterstattung, wie dies beim Format des politischen Interviews der Fall ist.253 Vielmehr sind Hintergrundgespräche als eine vertrauliche Konversation zu verstehen, wo zwei Interessengruppen ein Gespräch miteinander führen. Neben dem Austausch von Insiderwissen können in Hintergrundgesprächen auch die eigenen Standpunkte und Gedanken der jeweiligen Interessengruppe mitgeteilt werden. Zu Hintergrundgesprächen können beide Gruppen einladen, auf der politischen Seite sind dies unter anderem Politiker, Staatssekretäre, Pressesprecher, Berater, Parteien oder Regierungsbehörden, auf der medialen Seite sind dies üblicherweise Journalisten, Redaktionen oder die von Journalisten geführten Hintergrundkreise. Der Vollständigkeit halber gilt darauf zu verweisen, dass bspw. auch Organisationen, Vereine, Unternehmen, Verbände sowie Privatpersonen zu Hintergrundgesprächen laden bzw. eingeladen werden können. Hintergrundgespräche lassen sich im Bereich der informellen Kommunikationskultur verorten und finden sich in den Aufgabenfeldern der PR wie Personality PR, Issues Management oder Lobbying wieder.254 In Bezug auf den vertraulichen Austausch von Hintergrundwissen zwischen politischen Akteuren und Journalisten sind sie ein 6. 253 Vgl. Hoffmann, Inszenierung, S. 261. 254 Vgl. Jarren, Otfried / Donges, Patrick, Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine Einführung, Wiesbaden 2002, S. 256. 57 Bestandteil der informellen politischen Kommunikationskultur. Lesmeister definiert die informelle politische Kommunikationskultur „als ein Set von Orientierungen der politischen und journalistischen Akteure, die die informelle politische Kommunikation zwischen den Akteuren bestimmen, wobei die Aufrechterhaltung der informellen Kommunikation zur Leistungssteigerung des jeweiligen Systems in der politischen Kommunikation dient.“255 „Die strukturell-funktionale Systemtheorie [von Niklas Luhmann] hilft zu verstehen, warum in Organisationen unterschiedliche Ordnungen wie formale und informale nebeneinander existieren. So ist die Regierungstätigkeit zum einen durch formale Vorgaben für Strukturen, Zuständigkeiten und Prozesse gekennzeichnet, die in Rechtsvorschriften festgelegt sind. Jedoch weiß jeder, dass formale Instrumente nicht immer optimale Lösungen der Managementprobleme liefern, dass sie lückenhaft, mehrdeutig oder gar widersprüchlich sein können. In solchen Situationen wählen Organisationsmitglieder alternative, informale Instrumente, deren Einsatz ihnen eine bessere Lösung der genannten Probleme verspricht. Damit treten formale und informale Instrumente als austauschbar gegenüber, je nachdem, welches von diesen die gegebene Problemsituation angemessener zu lösen vermag.“256 Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs Unter zwei und unter drei: Regeln der informellen Kommunikation „Die Intention des Hintergrundgesprächs bestimmt die Form.“257 „Bei Hintergrundgesprächen müssen sich alle Leute, die daran beteiligt sind, über den Charakter der Veranstaltung klar sein. Wenn das nicht feststeht, ist das kein Hintergrundgespräch.“258 Um Ärger zu vermei- 6.1. 6.1.1 255 Lesmeister, Kommunikationskultur, S. 71. 256 Potapova, Katerina, Zur Kritik des Konzepts ‚Informellen Regierens‘, in: Bröchler, Stephan / Grunden, Timo, Informelle Politik. Konzepte, Akteure und Prozesse, Wiesbaden 2011, S. 113. UND Vgl. Luhmann, Niklas, Funktionen und Folgen formaler Organisationen. Mit einem Epilog, Berlin 1995, S. 19f. 257 Franck, Norbert, Praxiswissen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Wiesbaden 2012, S. 178. 258 ExI. Politischer Akteur. 6. Das Hintergrundgespräch 58 den, ist es folglich wichtig, „offen [abzuklären], unter welchen Bedingungen […] Informationen publiziert werden dürfen.“259 Der jeweilige Status in der Verwendung von Hintergrundinformationen ist in der Satzung der Bundespressekonferenz in Paragraf 16 verankert. Darin heißt es: „(1) Die Mitteilungen auf den Pressekonferenzen erfolgen: unter 1. zu beliebiger Verwendung oder unter 2. zur Verwertung ohne Quelle und ohne Nennung des Auskunftsgebenden oder unter 3. vertraulich.“260 Zugleich ist im selben Paragrafen festgeschrieben, was Journalisten droht, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. „(2) Die Auskunftsgebenden können erklären, wie ihre Mitteilungen behandelt werden sollen. Die Mitglieder des Vereins und die Teilnehmer der Konferenz sind an diese Erklärung über die Verwertung dieser Mitteilungen gebunden. Wird keine Erklärung abgegeben, so gilt das Material als beliebig verwendbar. Eine Verletzung dieser Regeln über die Verwertung der Mitteilungen kann den Ausschluss aus dem Verein oder die Rücknahme der Zulassung als ständiger Gast zur Folge haben.“261 Den Status von Hintergrundgesprächen haben Elter und Raue in einer Grafik dargestellt, die auf Seite 165 im Anhang abgebildet ist. Die folgenden Beispiele sollen zusätzlich den jeweiligen Grad von Hintergrundgesprächen verdeutlichen: Unter 1: Interview der Rheinischen Post mit dem damaligen Bundespräsident Joachim Gauck vom 19. September 2014: Rheinische Post: „Wie gefällt Ihnen der neue Papst?“262 Gauck: „Papst Franziskus ist es gelungen, den Eindruck eines gro- ßen Aufwachens zu schaffen. Das ist für die Kirche deswegen so wichtig, weil ein Teil ihrer Anhänger Sorge hat, dass sie sich einigelt. Als ich den Vorgänger, Papst Benedikt, besucht habe, habe ich mit ihm über den Wert eines lebendigen Glaubens in vielen Ge- 259 Elter/Raue, Basiswissen. Politik, S. 15. 260 Bundespressekonferenz: Satzung, ‹http://www.bundespressekonferenz.de/verein/ satzung› am 27.02.2015. 261 Ebd. 262 Rheinische Post, „Es wird eine demokratische Lösung in der Ukraine geben, ‹http://www.rp-online.de/politik/deutschland/es-wird-eine-diplomatischeloesung-in-der-ukraine-geben-aid-1.4538182?mobile=0› am 27.02.2015. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 59 meinden und Orden gesprochen – und über die Frage, ob es nicht dieser lebendige Glaube ist, der die Zukunft der Kirche eher garantiert. Ich habe das Gefühl, dass Papst Franziskus einer Öffnung der Kirche durchaus zugänglich ist.“263 Unter 2: Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in einer Online-Vorabmeldung zur Ausgabe vom 14. Juli 2014: „Merkel-Umfeld geht von freiwilligem Rücktritt der Kanzlerin aus Nach Einschätzung mehrerer Kabinettsmitglieder und hochrangiger Unionspolitiker ist Bundeskanzlerin Angela Merkel entschlossen, als erste deutsche Regierungschefin seit 1949 freiwillig aus dem Amt zu scheiden und nicht auf eine Wahlniederlage oder eine parteiinterne Ablösung zu warten. Das berichtet der SPIEGEL unter Berufung auf Partei- und Regierungskreise. ‚Das reizt sie wirklich sehr‘, zitiert das Magazin stellvertretend ein Mitglied von Merkels Regierungsmannschaft.“264* Unter 3: Das Magazin Stern zum Rücktritt von Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und der Ansicht der Kanzlerin, wie sie eigentlich über die gefälschte Doktorarbeit des Barons dachte. „Angela Merkel, selbst promoviert und mit einem nobelpreiswürdigen Wissenschaftler verheiratet, dachte ganz anders, das darf als sicher gelten.“265 263 Rheinische Post, Lösung. 264 Spiegel Online, Merkel-Umfeld geht von freiwilligem Rücktritt aus, ‹http:// www.spiegel.de/spiegel/vorab/merkel-umfeld-geht-von-freiwilligem-ruecktrittder-kanzlerin-aus-a-980713.html› am 28.02.2015. * Anmerkung: kursive Schrift steht für den Hinweis „unter 2“ 265 Jörges, Hans-Ulrich, Am Ende: Chapeau!, Stern, 03.03.2011, H. 10, S. 47. 6. Das Hintergrundgespräch 60 Inhaltsanalyse der Experteninterviews zum Grad der Verschwiegenheit Im Experteninterview erklärt ein Journalist, dass die Regel „unter zwei“ als eine Art „Zwischenform der öffentlichen Erklärung und des vertraulichen Hintergrunds“266 zu verstehen sei. Unter zwei dient als ein Instrument zur Steuerung und Lenkung von Informationen, ohne dabei den Informanten öffentlich zu benennen.267 In diesem Fall geht es ausschließlich um die Veröffentlichung der Information und folglich nur um den Inhalt. Um dies für den Nachrichtenkonsument (Leser, Zuschauer, Hörer etc.) kenntlich zu machen, dass die Informationen des Berichts nicht erfunden sind, wird in Form von entsprechenden Hinweisen die Richtung der Quelle genannt. Die Verschleierung erfolgt jedoch so unscharf, dass letztlich nur Vermutungen des Nachrichtenkonsumenten erfolgen können, wer der Informant gewesen sein könnte.268 „Die Journalisten können dann schreiben und lassen es dann aus Regierungskreisen verlauten, obwohl es nur eine Person ist, von der man es hat. Es wird auch selten gegengecheckt.“269 Die entsprechenden Hinweise zur Bedeutung des/der jeweiligen Quellengeber/s sind hilfreich für den Nachrichtenkonsumenten, den Grad der jeweiligen Information besser einschätzen zu können, so wie das Beispiel zum möglichen Rücktritt von Bundeskanzlerin Merkel verdeutlicht. Ein politischer Akteur sieht die Regel „unter zwei" zugleich als eine Art Lockstoff, der dem Leser Exklusivität vermittelt.270 Die unter drei von Politikern an Journalisten herangetragenen Informationen fallen der Verschwiegenheit zum Opfer, über sie darf nicht berichtet werden. In der Praxis wird der Umgang mit Informationen unter drei sehr unterschiedlich gehandhabt. In der Regel dient hierbei „das […] Gesagte nur dem Journalisten zur Orientierung und Einordnung der politischen Prozesse.“271 Offenbart ein Journalist der 6.1.2. 266 ExI. Journalist. 267 Vgl. ebd. 268 Vgl. ExI. Journalist. 269 Ebd. 270 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 271 Elter/Raue, Basiswissen. Politik, S. 133. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 61 Öffentlichkeit Informationen, die ihm unter drei gesagt wurden, und somit gegen den Willen des politischen Akteurs, droht ihm die Ächtung.272 Was heißt, dass er nicht mehr zu Hintergrundgesprächen eingeladen wird, zugleich werden die politischen Akteure vorsichtiger in Hintergrundgesprächen was ihre Mitteilungsbereitschaft betrifft.273 Gibt es letztlich zu viele Regelverstöße, so verliert das Hintergrundgespräch an Bedeutung.274 Exkurs: Unter eins, zwei, drei in den Artikeln nach der Wahl 2005 Inwiefern sich die jeweiligen drei Regeln in journalistischen Texten widerspiegeln, ist sehr anschaulich an der Berichterstattung der Nachrichtenmagazine „Der Spiegel“ und „Focus“ eine Woche nach der Bundestagswahl vom 18.09.2005 zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht fest, dass Angela Merkel zur ersten Kanzlerin am 22.11.2005 vom Deutschen Bundestag gewählt wird. Das Wahlergebnis war derart knapp ausgefallen, CDU/CSU 35,2%, SPD 34,2%,275 dass Tage nach der Wahl noch nicht feststand, welche Koalition in der Bundesrepublik regiert und welcher Politiker somit zukünftig Kanzler sein wird. Was folgte, war ein Gerangel um die Macht, was theatralischer kaum sein konnte. Die Lektüre der Textausschnitte „Duell im Schatten“ (Spiegel) und „Kanzleramt oder Gesichtsverlust“ (Focus) vermittelt dem Leser sehr anschaulich, wie Hintergrundinformationen in den Medien verwendet und gestreut werden. Zugleich machen die Textpassagen deutlich, in welchem Wettkampf die Medien um die aktuellsten Hintergrundinformationen standen. Die Symbole ①, ②, ③ verdeutlichen den jeweiligen Status der Information, folglich steht ① für unter eins, ② für unter zwei für und ③ für unter drei. Die Hinweise auf Hintergrundinformationen wie bspw. „aus Regierungskreisen“ wurden zur Verdeutlichung kursiv gekennzeichnet. Da es sich hierbei um einen Exkurs handelt, der zur Verdeutlichung dient, können die hierzu folgenden Seiten auch übersprungen werden. Es gilt darauf zu verweisen, dass die jeweilige Zuteilung der Symbole im Rahmen einer Analyse vorgenommen wurde. Nicht auszuschließen ist daher, dass eventuell unter drei gegebene Hintergrundinformationen auch als unter zwei ausgegeben wurden und somit folglich unter Nennung der Quelle. Es gilt darauf zu verweisen, dass die Analyse unter Annahme der Einhaltung der Regel unter eins, zwei, drei vorgenommen wurde. Mit den Redakteuren, die die jeweiligen Artikel verfassten, wurde nicht gesprochen. 6.1.3. 272 Vgl. ExI. Spreng. 273 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 274 Vgl. ebd. 275 BpB: Verteilung der Zweitstimmen 2005, ‹http://www.bpb.de/nachschlagen/ zahlen-und-fakten/wahlen-in-deutschland/55617/zweitstimmen› am 28.02.2015. 6. Das Hintergrundgespräch 62 Analyse: „Berlin verrückt. Weil Schröder entgegen demokratischer Tradition nicht als Wahlverlierer seinen Platz räumt, ist die deutsche Politik völlig aus dem Tritt geraten. Intrigen, Mobbing und Gerüchte verbinden sich mit dem Gerangel um die Deutungshoheit über das Wahlergebnis – und natürlich um die Frage, wer künftig regiert. ② […] Schwarze erzählen, was Sozis ihnen zugeraunt haben wollen: ‚Der Machtstolz Schröders erträgt es nicht, dass eine Frau ihn verdrängt.‘“276 ② „Linke streuen, für eine Übergangszeit könnten Ex-CDU-Vorsitzender Wolfgang Schäuble und SPD-Noch-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement eine große Koalition führen.“277 „Es geht zu wie im Boxring. ①‚Jetzt kommt es darauf an, wer die besseren Nerven hat. Einer muss das Handtuch schmeißen, wenn es eine große Koalition geben soll’, urteilt der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder. ② Fast wortgleich räumt ein SPD-Linker ein: „Jeder muss jetzt Selbstbewusstsein demonstrieren, es ist ein Pokerspiel.“278 ② „Linke wie rechte Genossen spekulieren deshalb unter vorgehaltener Hand, dass am Ende beide auf der Strecke bleiben könnten. ‚Wenn Schröder geht, nimmt er Merkel mit‘, ist oft zu hören. Wenn er dabei auf das Amt verzichte, ‚wird ihn die Partei heilig sprechen‘. ① Die weitere Kanzlerschaft hatten zuerst die Schröder-fernen Bürgermeister Klaus Wowereit (Berlin) und Henning Scherf (Bremen) in Frage gestellt.“279 ① „Als Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit vergangene Woche gegenüber einem Radiosender zu erkennen gab, dass er sich eine Zukunft ohne Schröder zumindest vorstellen könnte (‚unter Umständen, ja‘), wurde er von den eigenen Leuten niedergemacht. ‚Wowereit ist ein Dampfplauderer‘, tobte Fraktionsvize Ludwig Stiegler, ‚er sollte lieber das Maul halten. ‘“280 ② „Zumal den SPD-Spitzen nicht verborgen geblieben ist, dass allzu aggressive Attacken den politischen Gegner derzeit nicht spalten, sondern eher zusammenschweißen. ① ‚Der bisherige Kurs war richtig, aber man muss die Warnlampe beachten‘, mahnt der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck. ② ‚Wir haben Merkel in die Arme der CDU getrieben‘, monierte am Freitag ein Spitzenmann. ‚Wir haben bei denen nur Solidarisierung. Hätten wir mit mehr Übersicht und Zurückhaltung agiert, wäre Merkel die Verliererin der Woche gewesen.‘“281 ① „Jetzt rückt im Focus-Interview mit Kurt Beck erstmals ein stellvertretender SPD-Vorsitzender von der Bedingung ab, ohne Schröder als Regierungschef sei eine Koalition undenkbar. ‚Wenn es in irgendeiner Konstellation genügend Schnittmengen gibt, kann auch über Personal geredet werden‘, so der Parteivize. Inhalte gingen vor Personen.“282 276 Kanzleramt oder Gesichtsverlust, in: Focus, H. 39, 26.09.2005, S. 23. 277 Ebd. 278 Ebd., S. 25. 279 Focus, Kanzleramt, S. 26. 280 Spiegel, Duell im Schatten, in: Der Spiegel, H. 39, 26.09.2005, S. 36. 281 Ebd., S. 38. 282 Focus, Kanzleramt, S. 26. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 63 ③ „Schröder setzt weiter darauf, dass sich die Union gegen Merkel erhebt. Kleinere Leuchtfeuer sind – zu seiner Freude – durchaus zu erkennen. Vor allem die Vertreter der bayerischen Schwesterpartei erwiesen sich bisher als Schröders treueste Gehilfen.“283 „Nie zuvor hatte eine Bundesregierung der Opposition eine derart gute Ausgangslage geliefert. Trotzdem gelang es Merkel nicht, das Wahlvolk zum Wechsel zu motivieren. ② ‚Immer wenn es ernst wird, machen wir ein Eigentor‘, bringt ein CDU-Präside die Stimmung auf den Punkt. ② Zu herzlos, zu zahlenlastig, zu spröde sei der Wahlkampf gewesen, begründen hochrangige Unionspolitiker das magere Resultat der CDU/CSU. ① ‚Ohne soziale Symmetrie kann man keine Wahl gewinnen‘, monierte Sozialexperte Horst Seehofer in der CSU-Vorstandssitzung vergangenen Montag. Es sei ein Fehler gewesen, sich nur auf die Schwächen von Rot-Grün zu konzentrieren, hatte Niedersachsens Ministerpräsident Wulff bereits in der Telefonschaltkonferenz der CDU-Spitze am Sonntagnachmittag bemängelt. ‚Wir haben nicht ausreichend um Wählerstimmen gekämpft‘, bekräftigte er öffentlich.“284 [Anm.: vermutlich durchgestochene Information] ③ „Stoiber saß neben Landesgruppenchef Glos und blickte betroffen in die Runde. Nur zu gern würde er die Schuld für das Debakel der großen Schwesterpartei anhängen, wie es CSU-Vorsitzende in vergleichbarer Lage immer getan haben. Doch am Wahlprogramm waren seine Leute maßgeblich beteiligt. Stoiber fühlt sich Merkel gegenüber deshalb zur Loyalität verpflichtet – noch.“285 ② „Wettlauf mit der Zeit. ‚Schnauze halten – mindestens vier Wochen, bis Merkel eine Regierung gebildet hat‘, haben die CDU-Granden als Parole ausgegeben. ③ Schafft die CDU-Chefin das allerdings nicht, ist sie reif für den Opferaltar. Ihr strategischer Hoffnungswert: Die möglichen Nachfolger – Stoiber, Koch, Wulff – blockieren sich gegenseitig.“286 ① oder ②, je nachdem ob Wulff oder Vertraute die Quelle waren: „Der Aussichtsreichste wiegelt ab. Als Mitte vergangener Woche in Hannover bereits über den möglichen Nachfolger von Christan Wulff als niedersächsischer Ministerpräsident orakelt wurde, platzte dem Regierungschef der Kragen. ‚Ich habe Null Bock auf Berlin‘, stellte Wulff vor Vertrauten in der Staatskanzlei klar. Von der Debatte sei er ‚total genervt‘, weil ihm offenbar kaum jemand glaube, dass er wirklich nicht nach der Kanzlerschaft schiele. ‚Auf mich kann sich Merkel verlassen.‘ Den sichtlich überraschten Parteifreunden in Hannover teilte Wulff mit, er werde sich stärker aus der Bundespolitik zurückziehen, wenn er den Eindruck gewänne, dass gegen ihn in Berlin intrigiert würde.“287 ① „‚Im Moment ist Merkel völlig ungefährdet‘, glaubt auch CSU-Vize-Seehofer.“288 283 Spiegel, Duell, S. 39. 284 Focus, Kanzleramt, S. 26. 285 Spiegel, Duell, S. 40. 286 Focus, Kanzleramt, S. 28. 287 Ebd. 288 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 64 ① oder ②, je nachdem, ob Merkel oder eine andere Person aus ihrer Partei der Quellengeber war: „Über kurz oder lang werde die SPD einsehen, dass die Union als stärkste Kraft im Bundestag das Recht habe, den Kanzler zu stellen. ‚So etwas kann man sich von Schröder doch nicht bieten lassen‘, trommelte Merkel.“289 ① „Eine große Koalition sei auch ohne Merkel denkbar, wagte vergangene Woche als Erster der CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler den Tabubruch. Die Union solle die ‚innere Kraft‘ zu einer Koalition unter Schröders Führung bringen: ‚Leisten wir uns den Schröder!‘ ① Den Abweichler stutzte CSU-Landesgruppenchef Michael Glos zurecht: ‚Wir leisten uns Gauweiler.‘“290 ② Die Grünen, sieben Jahre lang braver Partner der SPD, setzen sich ab, lästern über ‚Pattex- Schröder‘. […] Auch Außenminister Joschka Fischer ließ sich nicht noch einmal vor Schröders Karren spannen. […] Beim Gespräch der beiden tags darauf machte Fischer dem Kanzler klar, dass er von Bord geht.“291 „Je länger es dauert, desto größer wird der Druck, der auf ihnen lastet. ② In der Unionsfraktion zirkuliert ein Vermerk mit dem Titel ‚Kanzlerwahl, Geschäftsführende Regierung, Neuwahlen.‘ Er listet alle rechtlichen Möglichkeiten der Kanzlerwahl auf, falls es zu keiner tragfähigen Koalition kommt. Sowohl ‚Merkel als auch Schröder können eine (relative) Mehrheit erhalten und als Kanzler (zunächst) in einer Minderheitenkoalition amtieren‘, heißt es in dem Papier.“292 ③ „Beide Seiten haben längst Pläne für eine große Koalition ohne ihre bisherigen Spitzenleute in petto. ② […] der ehemalige NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück hält sich nur aus Rücksicht auf Schröder zurück. Er hatte der Parteiführung vor Wochen versprochen: ‚Wenn ihr mich braucht, ich bin da.‘“293 ② „in der CSU gilt seit längerem als ausgemachte Sache, dass Parteichef Edmund Stoiber in einer großen Koalition zumindest in ein Ministeramt wechseln würde. […] In der bayerischen Regierungszentrale am Franz-Josef-Strauß-Ring ist aber auch ein anderer Traum noch nicht ganz ausgeträumt: Stoiber als Kanzler. ③ Daran könnte auch der SPD gelegen sein – als eine Möglichkeit, den beliebten Niedersachsen Wulff zunächst im Kanzleramt zu verhindern.“294 Exkurs-Ende Funktion des symbiotischen Gespräches „Das Mittel Hintergrundgespräch sollte [von politischen Akteuren] nur dann gewählt werden, wenn auch tatsächlich Hintergrundinfor- 6.1.4. 289 Ebd. 290 Focus, Kanzleramt, S. 28. 291 Ebd. 292 Spiegel, Duell, S. 40. 293 Focus, Kanzleramt, S. 31. 294 Ebd. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 65 mationen geboten werden können.“295 Letztlich dient ein Hintergrundgespräch dazu, „Journalistinnen und Journalisten mit Informationen zu versorgen, die über die Tagesaktualität hinausgehen und ihnen einen besseren Einblick“296 in das politische Geschehen ermöglichen. „Politiker nutzen solche Gespräche gerne, um Medien auf Themen vorzubereiten, die sie demnächst in die öffentliche Debatte bringen wollen, oder über Kandidaten (oder eigene Kandidaturen) für anstehende Wahlen zu sprechen.“297 Die Motive, unter welchen Aspekten politische Akteure das Instrument Hintergrundgespräch nutzen, sind dabei sehr vielfältig. So dienen sie als Mittel der Versorgung von Hintergrundinformationen über: – „langfristige Projekte & Vorhaben“298 – Kooperationen & Verfahren – Meinungen, Standpunkte & Argumente – „wichtige Personalentscheidungen“299 – Personenkonstellationen und Verbündelungen300 – private Angelegenheiten (bspw. Krankheit) Im Experteninterview erklärt ein politischer Akteur die Funktion von Hintergrundgesprächen aus seiner Sichtweise folgendermaßen: „Hintergrundgespräche haben die Funktion, auf bestimmte Entwicklungen vorbeugend hinzuweisen, die eine politische Rolle spielen können. Das ist das Interesse der Regierenden an solchen Gesprächen. Etwa im Zusammenhang in der Auseinandersetzung um die Frage, wie auf die Finanzkrise weltweit und in Europa reagiert werden muss.“301 Michael H. Spreng antwortet im Experteninterview, angesprochen auf die Inhalte von Hintergrundgesprächen: „Man erklärt eben, welche politischen Vorhaben anstehen, was dem Politiker wichtig ist, wie er etwas managen will, um es durchzusetzen, wo er die Widerstände sieht zu 295 Franck, Praxiswissen, S. 178. 296 Ebd. 297 Steinke, Lorenz, Kommunizieren in der Krise. Nachhaltige PR-Werkzeuge für schwierige Zeiten, Wiesbaden 2014, S. 145. 298 Franck, Praxiswissen, S. 178. 299 Ebd. 300 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 301 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 66 der eigenen Partei und wie er die überwinden will usw. und das sind alles ganz wichtige Informationen, um zu verstehen, wie Politik funktioniert.“302 Folglich ist „das Hintergrundgespräch […] ein gutes Werkzeug, um Inhalte einzuordnen und neue Themen vorzubereiten.“303 Zugleich dienen sie „als Resonanzboden für Ideen oder Begriffe von Spitzenpolitikern […].“304 Franck zufolge sind Hintergrundgespräche „für eine kontinuierliche Pressearbeit sehr nützlich.“305 Er verweist darauf, dass sich das Zusammentreffen im Hinterzimmer nicht unmittelbar auszahlen würde, sondern vielmehr auf langfristige Sicht Früchte tragen würde.306 So sind Hintergrundgespräche auch ein Mittel: – „Kontakte mit Journalistinnen und Journalisten zu vertiefen, – Anstöße für eine Berichterstattung zu geben und – Verständnis für ihre Arbeit zu wecken bzw. – Missverständnisse […] auszuräumen“307 Im Zusammenhang der Berichterstattung über die Außenpolitik eines Landes sind Hintergrundgespräche zudem von zentraler Bedeutung. Im Experteninterview erklärt Spreng: „Eine wichtige Funktion haben sie in der Außenpolitik, weil es da möglich ist, dem Journalisten Hintergründe zu vermitteln, die aus diplomatischen Rücksichten öffentlich nicht ausgesprochen werden können. Hintergründe über Länder, über Politik anderer Staatsmänner, das kann öffentlich nicht erörtert werden, aber in einem Hintergrundgespräch. Ich glaube, in der Außenpolitik ist das Hintergrundgespräch ein äußerst wichtiges Instrument.“308 Das aus dem Hintergrundgespräch gewonnene Wissen ist für die journalistische Arbeit nach Ansicht des Experten wichtig: „Um hinterher die Politik eines anderen Landes oder die gemeinsame Politik und den Besuch eines Außenministers besser einschätzen zu können. Wer die Hintergründe besser kennt, kann auch sachkundiger schreiben.“309 Ein 302 ExI. Spreng. 303 Steinke, Krise, S. 145. 304 Tina Pannes.Martin Florack Reg. Zentralen. Organisation etc., S. 127. 305 Franck, Praxiswissen, S. 177. 306 Vgl. Franck, Praxiswissen, S. 177. 307 Leitfadenpressearbeit Norbert Franck. 308 ExI. Journalist Spreng. 309 ExI. Politischer Akteur / Journalist Spreng. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 67 politischer Akteur verweist im Experteninterview darauf, dass gerade „die Journalisten, die die Außenpolitik machen, sehr viel stärker mit Hintergrundinformationen ausgestattet werden als die andern. Da geht es immer um zwei, den eigenen Staat und den anderen Staat oder eine Staatengemeinschaft.“310 Die jeweiligen Hintergrundgespräche können sowohl vorbereitend zu Auslandsreisen stattfinden als auch währenddessen oder unmittelbar danach. Gerade in Hintergrundgesprächen kann ein Politiker zu heiklen Fragen der Außenpolitik oder des jeweiligen Gastgebers (Staatspräsidenten, Regierungschef, Minister etc.) eine „Einschätzung seiner Gesprächspartner geben, was er öffentlich nicht kann.“311 Besonders in der Außenpolitik ist auf die kulturellen Unterschiede des jeweiligen Landes zu verweisen sowie auf die jeweilige Staatsform. Mit Kritik kann infolgedessen durchaus weniger konstruktiv umgegangen werden. Klare, deutliche Worte werden in der Sprache der Diplomatie meist umschrieben – und dies zugleich in abgeschwächter Form. Da es zwischen Ländern schnell zu diplomatischen Verstimmungen kommen kann, ist auf der Vorderbühne für die Öffentlichkeit nicht immer ersichtlich, welche genaue Position bzw. Verhältnis etwa die Bundesregierung gegenüber einem Land einnimmt. Die Journalisten können in ihren Beiträgen Hintergrundinformationen einfließen lassen oder zumindest in Form von Andeutungen dezent darauf verweisen. Hierzu erklärt ein Journalist im Experteninterview bzgl. der Außenpolitik eines Landes: „[…] Über bestimmte Dinge, über die redet man zwar, aber über die wird nicht geschrieben, aber sie dienen eben zum besseren Verständnis. Wie etwa, Putin ist besonders sensibel an dieser Stelle – Stolz – Psychologie. Das sage ich Ihnen, um bestimmte Entscheidungen oder bestimmte Handlungen, um Wladimir Putin besser zu verstehen, aber das haben sie nicht von mir. Das dürfen sie auch nicht als Zitat schreiben, das behalten sie jetzt einfach mal für den Hinterkopf. Unter drei, das ist jetzt ein ziemlich banales Beispiel. Und dann steht am nächsten Tag in der Zeitung, aus vielen Gesprächen weiß die Kanzlerin, dass Putin besonders verletzlich ist usw.“312 310 ExI. Politischer Akteur. 311 ExI. Politischer Akteur / Journalist Spreng. 312 ExI. Journalist. 6. Das Hintergrundgespräch 68 Der Nachrichtenkonsument kann sich dadurch eine objektivere Meinung bilden aufgrund dessen, dass der Journalist an Hintergrundgesprächen teilnahm und folglich über Insiderwissen verfügt. Vor allem im Bereich der Sicherheitspolitik sind Hintergrundgespräche zwischen Journalisten und Regierenden manchmal die einzige Möglichkeit, Informationen zu erhalten. Gerade jene besprochenen Inhalte unterliegen strenger Geheimhaltung, können jedoch dezent Anklang in der Berichterstattung finden. Baugut und Grundler schreiben hierzu: „Mit der Auswahl von Journalisten für sicherheitspolitische Hintergrundgespräche, bei denen auf anderem Weg kaum erhältliche Informationen gegeben werden, besteht also auf politischer Seite die Versuchung, indirekt Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen. In einem anderen Fall wird von einem Hintergrundgespräch für ausgewählte Journalisten im Bundeskanzleramt berichtet, bei dem jene die exklusive Information erhielten, dass mit Hilfe heimlicher Online- Durchsuchungen ausländischer Nachrichtendienste die Verhaftung von Terroristen in Deutschland gelungen sei. Unabhängig davon, dass diese Informationen gezielt lanciert wurden, um für Online-Durchsuchungen auch in Deutschland zu werben, zeigt dieses Beispiel, dass für die Informationen zur nationalen Sicherheit Hintergrundrunden gewählt werden, die dem Bedürfnis der politischen Akteure nach Kontrolle der Vergabe heikler Informationen Rechnung tragen.“313 Letztlich profitieren beide Akteure, der Politiker sowie der Journalist, von Hintergrundgesprächen. Der Journalist kann anhand der erhaltenen exklusiven Informationen den inhaltlichen Mehrwert seines journalistischen Beitrags (in Form von Artikeln, Kommentaren etc.) steigern und somit zugleich die Verkäufe der Medien bzw. die Quote bzw. Klickzahlen erhöhen, der Politiker erhofft sich durch das preisgegebene Insiderwissen die Berichterstattung zu lenken oder kann damit schon zufrieden sein, dass die gegebene Information ihre Veröffentlichung findet. „[…] Politiker und Politjournalisten [arbeiten] sehr eng zusammen – räumlich wie inhaltlich. Politiker brauchen Journalisten zur Herstellung von Öffentlichkeit, ebenso wie Journalisten Politiker als primäre Informationsquellen benötigen. Das Zusammenspiel zwi- 313 Baugut, Philip / Grundler, Maria-Theresa, Politische (Nicht-)Öffentlichkeit in der Mediendemokratie. Eine Analyse der Beziehungen zwischen Politikern und Journalisten in Berlin, Baden-Baden 2009, S. 257. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 69 schen Politikern und Journalisten zeigt sich zum Beispiel dann, wenn die Opposition bestimmte Informationen aus dem Parlament oder aus Ausschüssen an Journalisten weitergibt, um diese damit zu weiteren Recherchen zu bewegen. Umgekehrt können Nachfragen oder Hinweise von Journalisten zu sogenannten ‚kleinen oder großen Anfragen‘ im Parlament führen.“314 Hintergrundgespräche liegen letztlich einem symbiotischen Verhältnis zugrunde, von dem sowohl der politische Akteur als auch die Medien profitieren. Es steht außer Frage, dass Hintergrundgespräche wert- und interessengebunden sind.315 „Wert- und Interessengebundenheit bedeutet, dass die Akteure [wie soeben beschrieben] im Umfeld der Organisation eigenständige Ziele verfolgen.“316 Weniger eignet sich das Instrument Hintergrundgespräch, „um Krisen zu verheimlichen“317, da „Journalisten […] die benötigten Informationen über […] Krisen früher oder später auch aus anderen Quellen erhalten [werden].“318 Vorbereitung & Planung zum Hintergrundgespräch In den Experteninterviews gaben alle befragten Medienvertreter* an, dass sie sich nicht sonderlich auf Hintergrundgespräche vorbereiten müssten. Die täglich intensive Nachrichtenlektüre und weiteres Insiderwissen würden vollkommen ausreichen, um gut vorbereitet in ein Hintergrundgespräch zu gehen.319 Nicht ausgeschlossen sei dabei, dass man für das Hintergrundgespräch ein paar Themen bzw. Fragen vorab zurechtlege.320 Eine Art Drehbuch, wie das Gespräch verlaufen soll, gerade in größerer Runde, gebe es zudem nicht.321 So auch keine Abspra- 6.1.5. 314 Elter/Raue, Basiswissen. Politik, S. 58. 315 Vgl. Braune, Paul / Alberternst, Christiane, Führen im öffentlichen Bereich und in Non-Profit-Organisationen. Handeln zwischen Politik und Verwaltung – Instrumente und Arbeitsfelder, Wiesbaden 2013, S. 67. 316 Ebd. 317 Steinke, Krise, S. 145. 318 Ebd. * Synonym für Journalisten. 319 Vgl. ExI. Alle Journalisten. 320 Vgl. ExI. Journalist. 321 Vgl. ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 70 chen, welcher Journalist welches Thema anspricht.322 Lädt ein politischer Akteur zu einem bestimmten Thema, ist nicht ausgeschlossen, dass zudem weitere Themen besprochen werden. Letztlich muss auch der politische Akteur immer sehr gut über das politische, aber auch mediale Geschehen informiert sein. „Wer sich nicht blamieren möchte, sollte unbedingt sicher sein, dass die Geschichte oder der Hintergrundbericht, den man anbietet, nicht in den letzten Wochen schon zu lesen, zu sehen oder zu hören war: Journalisten sind verstimmt, wenn man ihr Medium nicht aufmerksam wahrnimmt.“323 Pressebeobachtungen und Presseauswertungen sind eine wichtige Grundlage einer soliden Vorbereitung.324 Exkurs: Fähigkeiten eines Pressesprechers Die Aussage eines politischen Akteurs, was ein Pressesprecher an Fähigkeiten mitbringen muss, macht sehr deutlich, wie intensiv eine Vorbereitung sein kann, bevor es zum eigentlichen Treffen mit den Journalisten kommt. (Dem hohen Gehalt der Aussage über die Arbeit eines Pressesprechers geschuldet, wird das Zitat in voller Länge aufgeführt.) „Also die erste Fähigkeit bzw. Eigenschaft, die er mitbringen muss: Er muss bereit sein, sehr viel zu arbeiten, das heißt, er muss die Kraft mitbringen, jeden Auftritt sehr gut vorzubereiten, durchzuspielen. Wenn er morgens zum Beispiel vor die Bundespressekonferenz tritt, dann sollte er sich sonntagabends zwei, drei Stunden hingesetzt haben und sich seine Themen vergegenwärtigt haben, Fragen, die kommen könnten, antizipieren und sozusagen den Dialog, der entstehen könnte, den muss er durchgespielt haben, da sind sie vorbereitet, denn sprechen und antworten, fragen und sprechen und fragen und antworten – das ist eine Auseinandersetzung. Das ist die erste Voraussetzung. Die zweite ist ganz zweifellos, für den, den er spricht, bei dem muss er ein absolutes Vertrauen haben. Wenn die Vertrauensbasis nicht da ist, dann kannst du aufhören. Drittens, er muss den Laden, für den er arbeitet, kennen und er muss eine Masse an Hintergrundwissen haben, so auch die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. So, wenn er das alles kann und nicht auf den Mund gefallen ist und sich nicht einschüchtern lässt, dann kann das was werden.“325 Exkurs-Ende Ein anderer politischer Akteur verweist im Experteninterview darauf, wie sich ein politischer Akteur während des Hintergrundgesprächs verhalten sollte: „Ich glaube, entscheidend ist, dass das, was man vertritt an Haltung, an Meinung, an Argumenten offenbart, dass das über- 6.1.6. 322 Vgl. ebd. 323 Franck, Praxiswissen, S. 182. 324 Vgl. ebd. 325 ExI. Politischer Akteur. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 71 zeugend ist, das muss man nicht teilen, das ist nicht der Punkt, es muss überzeugend sein, man muss dazu stehen und zugleich das Abbild der Debatten wiedergeben, das innerhalb der Regierung dazu geführt wird, und ich sage ihnen, das journalistische Korps weiß sofort, ob das alles nur Schaumschlägerei ist oder ob das Müll ist. Die haben alle ihre einzelnen Quellen und fragen die natürlich auch, habe ich gehört und so und wenn sie dann herausbekommen, das ist alles nur für den Moment gewesen, dann hat man als politischer Akteur keinen guten Stand.“326 Journalisten, die lange den politischen Betrieb kennen, wissen sehr genau um die Motive der politischen Elite in Hintergrundgesprächen. Hierbei lassen sich Politiker in verschiedene Typen kategorisieren. Eine klare Unterscheidung ist hierbei nicht immer möglich, wie ein Journalist im Experteninterview konstatiert: „[…] es gibt Inhaltspolitiker, die wollen tatsächlich etwas bewegen, die wollen irgendwie die Welt besser machen, es gibt Gesinnungspolitiker, die wollen irgendeine bestimmte Richtung und es gibt im Wesentlichen Aufstiegspolitiker, die wollen einfach eine Stufe höher kommen. So, und all diese Typen sind nie so richtig klar zu trennen, jeder hat von allem etwas. Naja gut, und dann gibt es eben die reinen Öffentlichkeitspolitiker, die einfach nur in der Zeitung sein wollen, und von diesen Motivationen gibt es Kombinationen. […] Das muss man wissen und das sollte man nicht aus persönlicher Sympathie oder Nähe verwechseln.“327 Folgende genannte Politikertypen werden hier nochmals zusammenfassend aufgeführt: – Inhaltspolitiker – Gesinnungspolitiker – Aufstiegspolitiker – Öffentlichkeitspolitiker Die Journalistenauswahl Bei der Auswahl der Journalisten, die mit Hintergrundinformationen versorgt werden sollen, spielt für den politischen Akteur die politische 6.1.7. 326 ExI. Politischer Akteur. 327 ExI. Journalist. 6. Das Hintergrundgespräch 72 Richtung der jeweiligen Medien eine wichtige Rolle. Zwar ist die politische Färbung der Medien, wie anfangs erwähnt, nicht mehr so stark ausgeprägt wie in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik, dennoch sind grobe Einordnungen auch innerhalb der verschiedenen Ressorts der Medien möglich. Der Einschätzung eines politischen Akteurs im Experteninterview nach sind „die ersten zehn konservativen Seiten in der FAZ […] anders als die im Feuilleton und das gilt hin und wieder [auch] für Die Welt.“328 Elter und Raue stellen in ihrem Handbuch Basiswissen Politik fest: „Wer präzise Informationen über die Machtspiele hinter den Kulissen der Unionsparteien erhalten möchte, kommt um die Berichte und Kommentare in der FAZ nicht herum. Die taz hat traditionell gute Kontakte zu den Grünen und manche ostmitteldeutsche Regionalzeitung ist in enger Tuchfühlung mit der Linken. Der Spiegel hat seine Zuträger aus der SPD, der Focus eher aus FDP und Union. Und dies gilt, obwohl die Zeiten der Parteimedien (oder auch nur der parteilichen Medien) lange vorüber scheinen.“329 Ein Journalist weist reflektiert im Experteninterview darauf hin: „Zu glauben, ich werde einmal im Jahr zum Hintergrundgespräch eingeladen und bin dann aber ganz weit oben auf der Liste bei Politikern, da gibt es auf jeden Fall eine klare Nutzenskala. Will ich etwas schnell und laut loswerden, muss ich immer überlegen, will ich dpa, will ich Spiegel Online, will ich Bild oder gebe ich es dem, dem ich am sympathischsten gesonnen bin. Und so baut sich das jeder nach der jeweiligen Information zusammen. Oder der ist ein Arsch, der kriegt jetzt erst einmal nichts.“330 Die Aussage eines politischen Akteurs im Experteninterview bestätigt die Erfahrung des Journalisten. Im Bezug auf Hintergrundtreffen mit gleich mehreren Journalisten stellt dieser klar: „Naja, Sie kennen ja Ihre Pappenheimer, das ist ja nicht so, dass es jeweils Fremde sind, die da sitzen, denn Sie begegnen sich jeden Tag. [….] Also von daher, es gibt da so eine Liaison der durchaus eine Selbstbindung, die man bestärken und verstärken kann und jedenfalls nicht von Vornherein als nicht gegeben darstellen soll.“ 328 ExI. Politischer Akteur. 329 Elter/Raue, Basiswissen. Politik, S. 131. 330 ExI. Journalist. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 73 Schlüsselrolle Vertrauen Die im Experteninterview angesprochene Nutzenskala ist gerade im politisch-medialen Beziehungsgeflecht hoch, wenn ein politischer Akteur mit einem Journalisten ein sehr konstruktives Arbeitsverhältnis pflegt. Gerade das gegenseitige Vertrauen spielt hierbei eine enorm wichtige Rolle, gerade wenn es um Informationen unter zwei und drei geht. Hoffmann stellt hierzu fest: „Am höchsten ist der Exklusivitätsgrad zwischen Politikern und Vertrauensjournalisten.“331 Die Bezeichnung des Vertrauensjournalisten fällt im Rahmen eines Experteninterviews Hoffmanns, der den Begriff wie folgt näher erläutert: „Die Bezeichnung Vertrauensjournalist ist geeignet, um diejenigen Medienakteure zu charakterisieren, welche für Spitzenpolitiker als Adressaten von Indiskretionen in Frage kommen. Mit dem Begriff Vertrauen wird deutlich, dass nicht nur professionelle und ideologische, sondern auch soziale Faktoren in solchen Interaktionen wirksam werden.“332 Für Luhmann ist das Vertrauen „eine Haltung, die risikobereite Entscheidungen zulässt.“333 Gerade bei der Offenbarung brisanter Informationen in einem Hintergrundgespräch muss der Politiker sich auf die Fähigkeit des/der Journalisten verlassen können, Dinge für sich zu behalten. Vertrauen bildet die Grundlage für Hintergrundgespräche. Baier definiert das Vertrauen folgendermaßen: „Wenn ich einer anderen Person vertraue, dann bin ich von dem Wohlwollen abhängig, das sie mir entgegenbringt. […] Hängt man vom Wohlwollen eines anderen ab, dann ist man notwendigerweise verletzbar mit Blick auf die Grenzen dieses Wohlwollens. Vertraut man anderen, dann räumt man ihnen die Gelegenheit zur Verletzung ein und zeigt sich sogleich zuversichtlich, dass sie diese Gelegenheit nicht nutzen werden. In dieser ersten Annäherung steht das Vertrauen also für die akzeptierte Verletzbarkeit durch die möglichen, aber nicht erwarteten schlechten Ab- 6.1.8 331 Hoffmann, Inszenierung, S. 276. 332 Hoffmann, Inszenierung, S. 270. 333 Luhmann, Niklas, Vertrautheit, Zuversicht, Vertrauen: Probleme und Alternativen, in: Hartmann, Martin / Offe, Claus, Vertrauen. Die Grundlage des sozialen Zusammenhalts, Frankfurt am Main 2011, S. 156. 6. Das Hintergrundgespräch 74 sichten (oder die Absichten wohlwollender Absichten), deren Ziel man ist.“334 Ein politischer Akteur erklärt in Hoffmanns Experteninterview, dass Spitzenpolitiker fünf bis sieben Vertrauensjournalisten haben. Eine solche Anzahl an Vertrauensjournalisten ist sehr ratsam, da gerade die Medienwelt sehr schnelllebig ist. Journalisten können befördert werden und zukünftig plötzlich anderen Aufgaben nachgehen oder aufgrund von Redaktionsschließungen, wie bspw. im Falle der Financial Times Deutschland, ihren Job verlieren – private Gründe wie etwa Schwangerschaft oder Krankheit können zudem dazu führen, dass der Vertrauensjournalist nicht mehr über das politische Treiben in der Hauptstadt berichtet. Auf der anderen Seite kann wiederum der Vertrauensjournalist auch einen seiner Vertrauenspolitiker verlieren, wenn dieser etwa aus seinem Amt ausscheidet. Ein Zerwürfnis zwischen beiden kann zudem ein Grund zur Beendigung dieses speziellen Verhältnisses sein. Im Falle Jörges kann man sagen, dass dieser ein Vertrauensjournalist von Christian Wulff war. Er hielt in der Krise von Bundespräsident Wulff als einer der letzten renommierten Journalisten zum Staatsoberhaupt, während andere Journalisten bereits dessen Rücktritt forderten. Kurz vor Wulffs Auszug aus Schloss Bellevue wandte sich jedoch Jörges öffentlich von ihm ab. Auch wenn sich Vertrauenspolitiker und Vertrauensjournalist über Jahre sehr gut kennen, kann das gute Verhältnis sehr schnell belastet sein. Das Vertrauen resultiert wiederum überwiegend aus Hintergrundgesprächen. 334 Baier, Anette, Vertrauen und seine Grenzen, in: Hartmann, Martin / Offe, Claus (Hrsg.), Vertrauen. Die Grundlagen des sozialen Zusammenhalts, Frankfurt am Main 2011, S. 101f. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 75 Exkurs: Beispiel − Vertrauensjournalist Michael H. Spreng Der Politikberater Michael H. Spreng, der zuvor als Chefredakteur der Bild am Sonntag tätig war, macht im Experteninterview deutlich, wie sich das Instrument des Hintergrundgesprächs eignet, um Politiker kennenzulernen. In seinem Fall war er Vertrauensjournalist von Gerhard Schröder und Edmund Stoiber, die im Jahr 2002 um das Amt des Bundeskanzlers im Wahlkampf duellierten. Stoiber gelang es überraschend, Spreng als Wahlkampfberater zu gewinnen. Über das Verhältnis der beiden erzählt Spreng: „Ich habe mit Edmund Stoiber das erste Hintergrundgespräch geführt, als er noch [bayerischer] Innenminister war, was ihm durchaus geschmeichelt hat, dass da ein Chefredakteur aus Hamburg [nach München] kam, um mit ihm als Innenminister solch ein Gespräch zu führen. Diese Gespräche haben wir dann zwei-, dreimal im Jahr kontinuierlich fortgeführt, auch zu seiner Zeit als Ministerpräsident. Das waren immer sehr offene Gespräche, wo wir aber auch sehr hart und politisch kontrovers diskutiert haben. Und er hat auch immer wechselnde Pressesprecher mitgebracht, zum Beispiel um diese in solchen Gesprächen anzulernen, und daraus entstand ein Vertrauensverhältnis. Was dann dazu geführt hat, dass er auf die Idee kam, mich anzurufen und mir diese Position anzubieten.“335 Exkurs-Ende Wie eben deutlich wurde, sind gerade Hintergrundgespräche ein geeignetes Mittel, um den politischen Akteur bzw. den Journalisten kennenzulernen. Nach Luhmann hängt „die Entwicklung des Vertrauens und Misstrauens vom lokalen Umfeld und persönlicher Erfahrung ab.“336 Die Philosophin Sissela Bok konstatiert: „Was immer dem Menschen wichtig ist, es gedeiht in einer Atmosphäre des Vertrauens.“337 Doch wo gedeiht die Atmosphäre des Vertrauens am besten? Orte des Neuen Die Mehrheit der Befragten gab an, dass sich ein gemeinsames Essen für ein Hintergrundgespräch am besten eigne, Geselligkeit herzustellen. „Bei den größeren Hintergrundgesprächen, wenn der Kanzler zum Beispiel einlädt oder im Ausland ein Hintergrundgespräch stattfindet, dann ist das eher geschäftsmäßig. Aber die Hintergrundgespräche in ganz kleiner Besetzung, da ist natürlich die Atmosphäre ganz wichtig. Insofern ist es sinnvoll, dies mit einem ganz guten Essen und einem 6.1.9. 6.1.10. 335 ExI. Journalist / Politischer Akteur Spreng. 336 Luhmann, Vertrauen, S. 156/157. 337 Bok, Sissela, Lying, New York 1978, S. 31. / Entnommen und Übersetzung aus: Vertrauen und seine Grenzen, in: S. 37. 6. Das Hintergrundgespräch 76 guten Tropfen zu verbinden und Zeit zu haben.“338 Spreng erklärt im Experteninterview, dass man im Einvernehmen mit dem Politiker einen Ort des Treffens vereinbart.339 Es ist von Vorteil, die Vorlieben der Gesprächspartner zu kennen, „ob sie lieber Italienisch, Asiatisch essen oder lieber deftig deutsch mögen.“340 Ein anderer Journalist gibt an, dass er auch Politiker aus der niederen Charge „mit irgendeinem Sternetempel beeindrucken [kann], solange das mein Redaktionsetat hergibt, Klammer auf – die Zeiten sind auch vorbei –, also das ist auch eine Form von Korruption. Funktioniert aber erfahrungsgemäß auch nicht immer.“341 Das Büro als Ort für ein Hintergrundgespräch zu wählen, ist atmosphärisch etwas anderes als im Restaurant, Café oder in der Kneipe.342 Auf der anderen Seite gibt es dem politischen Akteur Sicherheit, dass keine Gesprächsinhalte von der Außenwelt, wie im Restaurant etwa vom Nachbartisch, mitgehört werden können. Ein Journalist erklärt hierzu: „Wenn man zu zweit redet, da habe ich sie [die Politiker] im Büro aufgesucht, da fühlten sie sich auch sicher und ruhig und entspannt und haben auch gern etwas erzählt. Aber andererseits sind sie im Büro zurückhaltender, wegen der dienstlichen Atmosphäre. Ich habe sie sehr gerne zum Essen getroffen, weil da die Gespräche ganz gut laufen. Am meisten hängt es davon ab, wie gut man sich kennt, und wichtig ist, wie sehr man sich untereinander vertraut. Das ist der eigentliche Rohstoff.“343 Ein politischer Akteur teilt diese Ansicht und gibt zu, dass es im Ministerium/Büro schwieriger sei, eine entspannte Atmosphäre herzustellen.344 „Mir ist lieber, ich gehe auf einen neutralen Boden, im Restaurant, in einem Hinterzimmer, und mache das da. Das ist so auch meistens gewesen.“345 Kennen sich der Journalist und der Politiker ganz gut, so ist nicht ausgeschlossen, dass „einer der beiden kocht und man sich privat trifft.“346 Wichtig ist, sich vor einem Hintergrundgespräch klarzumachen, wo sich das Gegen- 338 ExI. Journalist / Politischer Akteur Spreng. 339 Vgl. ebd. 340 Ebd. 341 ExI. Journalist. 342 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 343 ExI. Journalist. 344 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 345 Ebd. 346 ExI. Journalist. 6.1. Die Besonderheiten des Hintergrundgesprächs 77 über und man sich selbst am wohlsten fühlt. Der Aspekt der kurzen Anfahrtswege zum Hintergrundgespräch sollte ebenfalls bedacht werden, da gerade bei politischen Entscheidungsträgern sowie Journalisten Zeit ein knappes Gut ist.347 Trifft man sich im Café oder Restaurant, so sollten jene Orte gewählt werden, die im Regierungsviertel liegen oder in der Nähe des Zuhauses des Politikers bzw. Journalisten. Sich in der Mitte beider Wohnorte zu treffen, ist ein guter Kompromiss.348 Letztlich muss jeder der Teilnehmer sich im Klaren sein, ob man in der Öffentlichkeit gemeinsam gesehen werden möchte: „Wenn ich der Welt zeigen will, was ich für tolle Kontakte habe, dann gehe ich ins Borchert oder ins Café Einstein Unter den Linden, wenn ich es ernst meine, dann habe ich das Hintergrundgespräch in irgendeiner Kneipe und da gibt es alle möglichen Varianten. Es gibt auch das Kamingespräch mit diesen üblichen Rotweinschmatzern, was dann diese Ü60- Generation so repräsentiert.“349 Um den Vorwurf der Korruption nicht aufkommen zu lassen, bezahlt in der Regel der Journalist, ausgenommen davon sind unter anderem die Hintergrundgespräche im Kanzleramt mit mehreren Journalisten.350 Wie bereits erwähnt, ist der Exklusivitätsgrad in Hintergrundgesprächen am höchsten, wenn ein (Vertrauens-)Journalist von einem politischen Akteur eine bedeutsame Information alleine erhält.351 Zwar können politische Akteure auch exklusive Informationen in einem sogenannten Hintergrundkreis erfahren, da jedoch gleich mehreren Journalisten jene Informationen offenbart werden, verfügt ein Journalist nicht mehr alleine über das Insiderwissen. Der Radius der Mitwisser ist erweitert, was den Informationsvorteil zur Konkurrenz erheblich mindert. Doch warum sind Hintergrundkreise dennoch unter Journalisten und politischen Akteuren so beliebt? 347 Vgl. ebd. 348 Vgl. ebd. 349 Ebd. 350 Vgl. ExI. Journalist / Politischer Akteur Spreng. 351 Hoffmann, Inszenierung, S. 276. 6. Das Hintergrundgespräch 78 Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise Hintergrundkreise bieten gerade für angehende Hauptstadtkorrespondenten bzw. politische Newcomer die Möglichkeit, in Ruhe die politische bzw. journalistische Elite eines Landes kennenzulernen und Vertrauen zueinander aufzubauen. Bevor es zu einem Hintergrundgespräch unter vier Augen kommt, haben meist mehrere Gespräche in Hintergrundkreisen stattgefunden. Dort können sich die jeweiligen politischen Akteure und Journalisten näher kennenlernen und feststellen, ob man sich gegenseitig sympathisch ist. Ist von Hintergrundkreisen die Rede, so sind in der Regel jene Kreise gemeint, die unter der Leitung von Journalisten stehen und dementsprechend einen politischen Akteur zu einem Hintergrundgespräch einladen. Hintergrundkreise „können sich aufgrund persönlicher Beziehungen, fachlicher Interessen oder ideologischer Gemeinsamkeiten herausbilden.“352 Einladungen zu Hintergrundkreisen können jedoch auch politische Akteure den Journalisten aussprechen. So informieren etwa „die parlamentarischen Geschäftsführer bzw. [Partei- und Fraktions-] Vorsitzenden in jeder Parlamentswoche einen festen Journalistenkreis“353. Der Kanzler und dessen Minister können auch zu Hintergrundgesprächen Journalisten einladen, so auch deren Ministerien, Berater und Pressesprecher. Es ist allerdings ein Trugschluss zu denken, nur eine Partei lade alleine zum Hintergrundkreis ein. Der sozialpolitische Hintergrundkreis in Berlin wird zum Beispiel gemeinsam von SPD und CSU ausgerichtet.354 Überwiegend geht es bei solchen Kreisen, die von zwei bzw. mehr Parteien ausgerichtet werden, um Verständnis-Hintergrundinformationen.355 Hierzu erklärt der SPD-Politiker Karl Lauterbach, der zusammen mit Horst Seehofer den Kreis im Jahr 2006 leitete: „Das Ziel ist im Prinzip, Missverständnisse zu vermeiden, das Verständnis von Seiten der Journalisten zu verbessern und zwar – also 6.2. 352 Jarren/Donges, Mediengesellschaft, S. 172. 353 Baugut/Grundler, (Nicht-)Öffentlichkeit, S. 256. 354 Vgl. TV-Doku, Strippenzieher. 355 Vgl. ebd. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 79 Fragen so diskutieren zu können, dass nicht jede unvorsichtige Äußerung, die das Verständnis verbessert, in der Zeitung zu lesen ist.“356 Generell muss bedacht werden, dass es gerade bei Hintergrundgesprächen in der Runde „ein Unterschied [ist], ob der Politiker Gastgeber ist und sich im Zweifel die geladenen Journalisten selbst aussucht, oder ob Journalisten das Ruder in die Hand nehmen.“357 Laden Politiker ein, so stehen diese vor der Herausforderung, wen und wie viele Journalisten sie zum Hintergrundgespräch bitten, ohne dabei jemanden zu vergessen. Erfolgt keine Einladung und der Journalist erfährt dies, kann dies negativen Einfluss auf die Berichterstattung haben. Die Akteure aus Politik und Medien sind von Eitelkeiten getrieben. Ein politischer Akteur ist der Auffassung, dass sich die Zahl eitler Journalisten erhöht.358 Jene Journalisten, die „furchtbar eitel [sind], das sind diejenigen, die am liebsten Politiker werden würden.“359 Werden Politiker wiederum zu keinen Hintergrundgesprächen eingeladen, sagt dies meist etwas über den Stand der beruflichen Position und Bedeutung aus. In der Regel werden Hinterbänkler nicht zu Hintergrundgesprächen eingeladen.360 Die Anzahl der Mitglieder der Hintergrundkreise, die von Journalisten geleitet werden, kann nur vage bestimmt werden. Manche Hintergrundkreise sind so geheim, dass sie öffentlich gar nicht existieren. Allgemein kann gesagt werden, dass es Hintergrundkreise gibt, die weniger als zehn Journalisten zählen, anderen „gehören [wiederum] 40 Personen und mehr an.“361 Die Häufigkeit der Treffen ist ebenfalls je nach Kreis verschieden. „[…] die meisten [Hintergrundkreise treffen sich] wöchentlich oder ein- bis zweimal im Monat.“362 Es ist nicht ausgeschlossen, dass manche Hintergrundkreise nur einmal im Jahr zusammenfinden. Die Gefahr der Auflösung bzw. Versandung eines Kreises erhöht sich, wenn Unregelmäßigkeiten und sehr wenige Tref- 356 TV-Doku, Strippenzieher. 357 Simon, Ulrike, Die Hintergrundzirkel der Macht, Medium Magazin. Beilage Berlin intern, Februar/März 2014, S. 7. 358 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 359 Ebd. 360 Vgl. ExI. Journalist. 361 Hoffmann, Inszenierung, S. 263. 362 Simon, Hintergrundzirkel, S. 10. 6. Das Hintergrundgespräch 80 fen im Jahr zustande kommen.363 Für einen langen Fortbestand der Hintergrundkreise sind regelmäßige Treffen im Jahr, eine gute Atmosphäre zwischen den Mitgliedern sowie das Einhalten der vereinbarten Regeln eine wichtige Voraussetzung. „Die Zugangskriterien […können unterschiedlich sein […, so können diese in der Abhängigkeit der] Zusammensetzung nach Mediengattungen (z.B. Vertreter von Regionalzeitungen, Fernsehjournalisten) oder Politikfeldern (z.B. Gesundheitspolitik, Verteidigungspolitik) […stehen]].“364 Zugleich gibt es Kreise, die auf Merkmale wie Geschlecht, Herkunft oder die politische Richtung der jeweiligen Mitglieder Wert legen. Soziale Faktoren sind ebenfalls für die Aufnahme im Hintergrundkreis nicht zu unterschätzen: „Ein Journalist, der ungeachtet seiner ideologischen Tendenz und der Bedeutung der Medienorganisation, die er vertritt, von Kollegen respektiert wird und Vertrauen zu vielen Politikern aufbauen kann, hat einen leichteren Zugang zu Hintergrundkreisen als andere Akteure.“365 Eine Zugangsvoraussetzung, die in der Satzung des Deutschen Presseclubs unter Paragraf 4.1 zu finden ist, scheint in den Hintergrundkreisen – bis auf die Ausnahme Bonner Korrespondenten – überall dieselbe zu sein. Dort steht geschrieben: Mitglied können nur „in Berlin oder Bonn hauptberuflich tätige Korrespondenten von Zeitungen, politischen Zeitschriften, elektronischen Medien oder Nachrichtenagenturen mit Sitz in der Bundesrepublik Deutschland sein, die ständig über die Bundespolitik berichten. Den Korrespondenten gleichgestellt sind Redakteure/Redakteurinnen der in Berlin ansässigen Zentralredaktionen dieser Medien, sofern sie ebenfalls ständig über die Bundespolitik berichten.“366 Der Deutsche Presseclub (DPC) ist, wie der Name schon sagt, viel eher ein Club als ein Hintergrundkreis − was seiner Größe geschuldet ist. Der Club hat 120 ordentliche Mitglieder, 60 Gastmitglieder sowie 363 Vgl. ebd. 364 Hoffmann, Inszenierung, S. 263. 365 Ebd. 366 Deutscher Presseclub, Satzung, ‹http://www.deutscherpresseclub.de/satzung .html› am 08.03.2015. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 81 20 korrespondierende.367 Einmal im Monat findet ein Hintergrundgespräch statt. Auf dessen Homepage werden die eingeladenen politischen Akteure der letzten Jahre sogar aufgelistet.368 Einmal im Jahr ist die Bundeskanzlerin Gast des Clubs. Die Regeln sind auch beim DPC dieselben wie sie in der Satzung der Bundespressekonferenz in Paragraf 16 verankert sind. Wird gegen die Regeln verstoßen, so kann dies zum Rauswurf aus dem Club führen.369 Von Adenauer bis Schröder – vom Deutschen Presseclub & der Gelben Karte Der Deutsche Presseclub entstammt einer Zeit, in der Journalisten viel enger mit politischen Akteuren zusammenarbeiteten als heute. Damals waren die Zeitungen und Wochenmagazine politisch gefärbter. Gerade in der Kanzler-Ära Konrad Adenauers verstanden sich einige Journalisten als eine Art Kooperationspartner der Regierung, um die noch sehr junge Demokratie in den 1950er Jahren zu festigen. Adenauer lud regelmäßig einen ausgesuchten Kreis von zehn bis 15 Bonner Hauptstadtjournalisten und gelegentlich die Auslandspresse zu sogenannten Teegesprächen in den kleinen Kabinettssaal des Palais Schaumburg ein.370 „Nicht allein Vertreter der CDU nahestehenden Zeitungen, sondern politisch unabhängige oder der Opposition zuneigende Pressevertreter suchte er [Anm.: Adenauer] zu gewinnen.“371 Die Auswahl der Journalisten, die nur gelegentlich an den Teegesprächen teilnehmen durften, erfolgte nach den Kriterien: „Auflagenstärke der Zeitung, Bedeutung des Blattes, die politische Ausrichtung, regionale Verbreitung, soziale Gruppierung der Leserschaft, aber auch regionale Ausgewogenheiten der Zeitungen und schließlich die persönlichen Bezie- 6.2.1. 367 Vgl. Deutscher Presseclub, ‹http://www.deutscherpresseclub.de/index.html› am 08.03.2015. 368 Vgl. Deutscher Presseclub, Hintergrundgespräche ‹http://www.deutscherpresseclub.de/hintergrund.html› am 12.03.2015. 369 Vgl. Deutscher Presseclub, Satzung. 370 Vgl. Morsey, Rudolf / Schwarz, Hans-Peter, Adenauer. Teegespräche 1950–1954, S. 9 u. 16. 371 Ebd., S. 9. 6. Das Hintergrundgespräch 82 hungen zum Presseamt […]“372 Die Intention des ersten Bundeskanzlers bzgl. der Teegespräche war die Pflege guter Beziehungen zur Presse wie auch Journalisten an den politischen Absichten und Zielen teilhaben zu lassen.373 „Innenpolitisch, um der jungen Demokratie in der Bundesrepublik einen stärkeren Rückhalt zu verleihen, außenpolitisch, weil Interviews oftmals der einzige Weg waren, die Öffentlichkeit im Ausland gezielt über deutsche Vorstellungen, Interessen und Wünsche zu informieren.“ Gerade in den Anfängen der Besatzungszeit war die betriebene Öffentlichkeitsarbeit, die auch als Interviewpolitik bezeichnet wurde, ein wichtiges Instrument. Mittels der Medien gelang es Adenauer mal mehr, mal weniger erfolgreich, die Aufmerksamkeit der Regierungen der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs auf sich und seine Vorhaben zu lenken. So diente die „Interviewpolitik […, zu der gerade die Hintergrundgespräche zählten,] in der Anfangszeit zugleich als Ersatz für die fehlenden diplomatischen Kanäle des noch unter Besatzungsstatut stehenden Staates“374, der bis 1955 nicht souverän war. Das Hintergrundgespräch erwies sich für Adenauer gerade zu Beginn der Bundesrepublik als „wichtigstes Instrument moderner Staatsführung“.375 Nach großem Unmut vieler Journalisten, die nicht zu den Hintergrundgesprächen ins Palais eingeladen wurden, erweiterte das Bundespresseamt die Runde auf 30, im Jahr 1953 auf 50 bis 60 Teilnehmer.376 Gleich zu Beginn eines Hintergrundgesprächs in solch großer Besetzung stellte Adenauer fest: „Ich bin gar nicht darauf gefaßt, so viel[e] Köpfe hier zu sehen … so hat die Sache natürlich einen ganz anderen Charakter. Es hat mir sehr viel daran gelegen, in einem kleinen Kreis einmal mich auszusprechen, in einem so großen Kreis muß ich mich natürlich sehr vorsichtig ausdrücken. Wenn ich Sie dabei enttäusche, ich bin nicht schuld, sondern das Arrangement.“377 372 Ebd. 373 Vgl. ebd., S. 13. 374 Ebd. 375 Kramp/Weichert, Nähe. 376 Vgl. ebd., S. 15. 377 Kramp/Weichert, Nähe, S. 16. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 83 „Vorbereitet wurden die Teegespräche im Presseamt durch den Regierungssprecher in Absprache mit dem Chef des Bundeskanzleramtes.“378 Der Termin war abhängig vom Terminkalender des Bundeskanzlers. Das angestrebte Ziel war ein wöchentliches Hintergrundgespräch.379 Adenauer genehmigte, dass die daran teilnehmenden Journalisten ihren Chefredakteuren über die vertraulichen Inhalte der Hintergrundgespräche berichten dürfen. Der Kanzler behielt sich jedoch vor, Journalisten aus dem Hintergrundkreis auszuschließen bei Bruch der Verschwiegenheit oder wenn die Medienvertreter Kommentare schrieben, die „erwartete Resonanz vermissen ließen“.380 Um überprüfen zu können, ob die Journalisten gegen die vertraulichen Äußerungen in den Hintergrundgesprächen verstießen, wurden die Gespräche stenografisch ab dem Jahr 1951 festgehalten.381 Die Journalisten erhielten in der Regel keine Stenografie der Gespräche, lediglich unter der Hand, wenn sie gute Beziehungen ins Presseamt pflegten. Die hohe Teilnehmerzahl an Journalisten war mitunter ein Grund für das Ruhen der Gespräche, so auch der hohe Wahlsieg der CDU im Jahr 1953 und die Erlangung der Souveränität der Bundesrepublik im Jahr 1955.382 Erst ab 1959 traf Adenauer – bis ans Ende seiner Kanzlerschaft 1963 – wieder regelmäßig zehn Journalisten im Hintergrundkreis zum Gedankenaustausch.383 Seine Nachfolger Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger führten die mittlerweile etablierten Hintergrundgespräche fort, so auch die Opposition. Das Ende der Großen Koalition im Jahr 1969 und der Beginn der sozial-liberalen Ära stellte nach Einschätzung des ehemaligen Zeit- Journalisten Gunter Hofmann für die Hintergrundkreise eine Zäsur dar.384 Die zahlreichen CDU-nahen Hintergrundkreise, die unter anderem in Bonner Kneipen zusammenkamen, konnten nicht mehr vom Insiderwissen der Regierung profitieren. Der politische Einfluss der CDU-nahen Kreise auf Teilhabe an politischen Entscheidungen und 378 Morsey/Schwarz, Adenauer. Teegespräche, S. 16. 379 Vgl. ebd. 380 Ebd., S. 18. 381 Vgl. ebd., S. 20. 382 Vgl. ebd., S. 16 u. 18. 383 Vgl. ebd., S. 18. 384 Vgl. ExI. Journalist Gunter Hofmann. 6. Das Hintergrundgespräch 84 Hintergrundwissen war versiegt. Mit der zunehmenden Politisierung der 1968er kam zugleich eine Journalistengeneration in die Redaktionen, die die Arbeit ihrer älteren Kollegen weitaus kritischer betrachteten. So hatten viele damals ältere Journalisten bereits zu Zeiten der Weimarer Republik geschrieben.385 Als Willy Brandt 1969 Kanzler wurde, traf er mit seiner Politik den Nerv der Bevölkerung. „Mehr Demokratie wagen“ hieß für ihn zugleich mehr Diskurs wagen. Nach Hofmann rückten in der Geschichte der Bundesrepublik Staat und Gesellschaft so eng zusammen wie niemals zuvor und danach [Anm.: Stand 2015].386 Kontroversen und Konflikte zu politischen Themen wurden öffentlich exzessiv ausgetragen, was auch der knappen Mehrheit der Koalition geschuldet war. Brandt war ein absoluter Gesprächspolitiker, der sich Journalisten kollegial eng verbunden fühlte, hatte er doch früher selbst journalistisch gearbeitet.387 In Hintergrundgesprächen tauschte er sich gerne mit den Hauptstadtkorrespondenten deutscher Verlagshäuser aus, so auch mit einigen Journalisten der Auslandspresse, deren Ansichten und Gedanken er als Repräsentanten ihres Landes schätzte.388 Trotz des politischen Umbruchs Ende der 1960er Jahre hatten die jungen Bonner Hauptstadtkorrespondenten es sehr schwer, in Hintergrundkreise aufgenommen zu werden. Viele ältere Kollegen sahen die jungen Journalisten, die meist lange Haare trugen, politisch links und progressiv waren, kritisch. Einige wurden von den Hintergrundkreisen abgelehnt, andere versuchten erst gar nicht, in die Kreise zu kommen, da diese ihnen zu sehr politisch gefärbt waren. Diese Umstände führten dazu, dass sie selbst Hintergrundkreise gründeten. Einer dieser Hintergrundkreise wurde im Jahr 1971 ins Leben gerufen und erhielt einige Zeit später den Namen „Gelbe Karte“.389 Der Kreis „formierte sich 1971 als Kontra-Bewegung zu konservativen Kreisen rund um Willy Brandts ehemaligen Pressereferenten und [späteren Regierungssprecher Gerhard Schröders…], Uwe-Karsten Heye, und Helmut Hohrmann, den Bonner Korrespondenten der mittlerweile eingestell- 385 VGL. ExI. Journalist Hofmann. 386 Vgl. ExI. GH. Anm.: Abkürzung für Gunter Hofmann 387 Vgl. ebd. 388 Vgl. ebd. 389 VGL. ExI. Journalist. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 85 ten US-amerikanischen Rundfunkanstalt RIAS in Berlin, sowie den Agenturjournalisten Holger Quiring von der dpa.“390 Die Gelbe Karte versteht sich als linksliberal und ist mittlerweile einer der ältesten Hintergrundkreise der Berliner Republik. Seinen Namen verdankt der Kreis einem Zufall.391 „Auf Parteitagen, egal ob CDU, FDP oder SPD, wurden immer längliche gelbe Karten ausgeteilt, wo der Name des jeweiligen Journalisten oberhalb draufstand. Die Karte steckte man sich dann [in die Hemdentasche], weil es damals noch keine Namensschilder gab.“392 Als ein Mitglied des Hintergrundkreises aus Spaß jemandem die Gelbe Karte in Schiedsrichterpose zeigte, prägte sich dieses Bild so sehr ein, dass sich schnell die Bezeichnung „Gelbe Karte“ für den Hintergrundkreis einbürgerte.393 Auch wenn Anfang der 1970er der Kreis keine engen Kontakte zur politischen Elite des Landes unterhielt, profitierte der Hintergrundkreis von anderen Beziehungen. „Wir waren damals ziemlich bestens vertraut mit dem Juso-Bundesvorstand, der in Bonn tagte, von dem haben wir also viele Hintergrundinformationen erhalten. Die haben uns erzählt, was in der Partei los war, also wir waren ziemlich gut informiert.“394 Als Brandt vom Amt des Bundeskanzlers zurücktrat und Helmut Schmidt sein Nachfolger wurde, stieg die Gelbe Karte zum Hintergrundkreis mit den exklusivsten Hintergrundinformationen der Regierung auf. Es war Schmidts Pressesprecher Klaus Bölling, der als „Erster das Potenzial erkannte, was in diesem Kreis steckte“395. Mit Bölling trafen sich die Mitglieder der Gelben Karte immer zu Wochenbeginn zum Mittagessen. Bölling, der zuvor unter anderem als Journalist bei der ARD tätig war, erzählte dem Hintergrundkreis, „was Schmidt und der inner circle des Kanzleramts sich für diese Woche vorgenommen hatten.“396 Da Bölling viele Hintergrundinformationen unter zwei den Journalisten der Gelben Karte gab, konnten die Mitglieder ihre Infor- 390 Kramp/Weichert, Gefährliche Nähe zwischen Politik und Medien, ‹http:// www.zeit.de/politik/deutschland/2010-05/politik-medien-hintergrund› am 09.03.2015. 391 Vgl. ExI. Journalist. 392 Vgl. ExI. Journalist. 393 Vgl. ebd. 394 Ebd. 395 Ebd. 396 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 86 mationen in Artikeln unter Angabe „aus Regierungskreisen“ verlauten lassen, was die Exklusivität der Nachricht immens steigerte. Jene Hauptstadtkorrespondenten, die nicht über die Hintergrundinformationen der Gelben Karte verfügten, bekamen „Zunder von ihren Chefredaktionen“397. Der Hintergrundkreis Gelbe Karte war „eine zeitlang […] wirklich führend im Setzen von solchen Nachrichten.“398 Aufgrund des neuen Umgangs der Regierung Schmidt mit den Medien gab es nach Einschätzung Gunter Hofmanns „den ersten neuen Wandel, vielleicht auch neuen Verlust von den Hintergrundkreisen.“399 War Brandt ein „Diskurskanzler“400 und fühlte sich den Journalisten eng verbunden, so war Schmidt gegenüber Journalisten durchaus skeptischer eingestellt.401 Den größten Respekt erhielten Journalisten, die über Sachverstand verfügten und mit ihm auf intellektueller Augenhöhe waren.402 Schmidt verstand die Hintergrundkreise vielmehr als Instrument, die Journalisten von seinem Handeln zu überzeugen.403 Schmidts Grundgedanke war laut Hofmann, die Journalisten an sich zu binden „und gar nicht so sehr in diese Kreise, die sich selbstständig und autonom fühlten, hineinzukommen.“404 Schmidts Team war mehr als Werber für den Kanzler und dessen Vorhaben in den Hintergrundkreisen unterwegs als Brandt, der den inhaltlichen Diskurs pflegte und Journalisten mehr als Gleichgesinnte ansah.405 Letztlich hatten die Vertrauensjournalisten von Brandt einen höheren Grad an Einfluss und Macht auf das Denken des Kanzlers als später auf Schmidt. Trotz alledem war Schmidts Umgang mit den Journalisten ein anderer als ihn Adenauer praktizierte,406 was auch mitunter daran lag, dass die Presse in den 1970ern und Anfang der 1980er mutiger war als in den 1950er und 1960er Jahren. Letztlich kann die Zeit der Hintergrundkreise unter Schmidt als jene angesehen werden, die das 397 Ebd. 398 Ebd. 399 ExI. Journalist Gunter Hofmann. 400 Vgl. ebd. 401 Vgl. ebd. 402 Vgl. ExI. 403 Vgl. ExI. Journalist Gunter Hofmann. 404 Ebd. 405 Vgl. ebd. 406 Vgl. ebd. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 87 Instrument des Hintergrundgesprächs professionalisierte – insbesondere im strategischen Bereich. Unterdessen verschaffte sich die Gelbe Karte durch ihre guten Beziehungen zum Führungsteam Schmidt einen guten Ruf in der deutschen Politikszene, der bis heute anhält. Trotz der linksliberalen Haltung des Hintergrundkreises konnte die Gelbe Karte die Regierungszeit Helmut Kohls überstehen, da sie bereits gut vernetzt war, obwohl der Kanzler viele Medien, insbesondere die „Hamburger Blätter“ (u.a. Spiegel, Zeit, Stern) boykottierte, indem er ihnen keine Interviews gab.407 Kohl verstand dennoch die Wichtigkeit von Hintergrundgesprächen. Auch wenn er selbst keine mit seinen verhassten Blättern führte, untersagte Kohl seinen Mitarbeitern diese Treffen nicht. Klug nutzte Kohl wie einst Adenauer die ausländischen Pressekorrespondenten in Deutschland, um die Berichterstattung im Ausland zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Gerade in der Verfolgung des politischen Ziels einer deutschen Wiedervereinigung war dies sehr wichtig. Zugleich kamen immer mehr internationale Medienvertreter nach Bonn, um über die Zeit nach dem Mauerfall in Deutschland zu berichten. „Der Regierungschef des größten und wohl wichtigsten Landes des Kontinents erklärte [in Hintergrundgesprächen vor] Journalisten die Welt – von China über Russland bis Amerika. Er redete über Währungsunion und Sparpaket, plauderte Ratschläge seiner Mutter aus, mokierte sich über die Wehleidigkeit mancher Deutscher und schilderte, wie er Deutschland fit fürs nächste Jahrtausend machen wollte.“408 Nicht viele Hintergrundkreise schafften es, über Jahrzehnte zu bestehen. Viele ehrwürdige Kreise aus der Bonner Zeit sind bereits aufgelöst, andere schafften es trotz des Regierungsumzugs und der vielen Veränderungen in Berlin fortzubestehen. Einige langjährige Hintergrundgesprächsteilnehmer sahen die Zeit der Kreise in Berlin für beendet an, was wohl auch daran lag, dass viele Mitglieder mittlerweile so gut vernetzt waren, dass sie unter vier Augen Hintergrundinformationen erhielten.409 407 Vgl. ebd. 408 König, Ewald, Kohls Einheit unter drei. Weitere deutsch-deutsche Notizen eines Wiener Korrespondenten, Halle (Saale) 2014, S. unbekannt. 409 VGL. ExI. Journalist. 6. Das Hintergrundgespräch 88 Die exklusiven Hintergrundkreise des politischen Berlins In Berlin stieg die Anzahl der akkreditierten deutschen Journalisten plötzlich um das Vierfache, bei den ausländischen Journalisten sogar um das Zehnfache.410 Es war „eben doch ein Unterschied […] zwischen dem vereinten oder wiedervereinten Deutschland und der Berliner Republik und der Tatsache, dass wirklich hier im Zentrum Europas zugleich der wichtigste Spieler sitzt. […] Das heißt also, Berlin ist für alle interessant geworden. Was zur Folge hatte, dass die in Bonn üblichen Einladungen an die Büroleiter des Pressekorps in Berlin nicht mehr möglich waren, weil da auf einmal 60 Leute saßen. Es gibt kein Hintergrundgespräch, das man mit 60 Leuten führen kann.“411 Letztlich standen Schröder und sein Team vor demselben Problem wie einst Adenauer. Jeder der Journalisten wollte Zugang zu Hintergrundinformationen, was den Exklusivgrad um Beachtliches mindert. Im Gegensatz zu Adenauer versiegten die Hintergrundgespräche bei Schröder mit rund 60 teilnehmenden Journalisten nicht, zu denen auch seine Nachfolgerin Angela Merkel noch heute zweimal jährlich ins Kanzleramt lädt. Doch der Mehrwert an Informationen ist gering, nicht nur aufgrund der hohen Zahl der Journalisten oder der Zurückhaltung eines Kanzlers, nein, auch aufgrund der verschiedenen Charaktere des Kreises. Die Journalisten beobachten einen Teil ihrer Kollegen in der Runde durchaus kritisch. Hierzu ein Journalist: „Und wenn man dann hört, es gibt da so Hintergrundkreise, die Kanzlerin lädt da zwei Duzend innenpolitische Journalisten zum Abendessen ins Kanzleramt ein, ja herzlichen Glückwunsch. Also da kann ich viel eher DSDS [Anm.: Abkürzungen für die TV-Show Deutschland sucht den Superstar] gucken, weil irgendein Wichtigtuer [Anm.: gemeint ist ein Journalist], wenn der noch überhaupt eingeladen wird, elend lange Monologe hält, wie er die Weltlage sieht, man denkt dann: Hey, halt einfach mal das Maul, ich bin nicht deinetwegen hier. Naja, Soziopathen halt. Insofern ist das Eins-zu-eins-Hintergrundgespräch oder das im kleinen Kreis 6.2.2. 410 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 411 Ebd. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 89 schon echt was für sich. Je größer der Kreis, desto imagiger ist das Ganze und wertloser.“412 Es zeigt sich einmal mehr, dass, wenn ein Hintergrundgespräch in einem Kreis von Journalisten stattfindet, die Anzahl sehr überschaubar sein muss. Zugleich sollten sich alle Mitglieder des Kreises gut verstehen. In einen bestehenden Hintergrundkreis als Journalist aufgenommen zu werden, ist nicht einfach. Neben der begrenzten Größe an Plätzen, müssen so zumindest bei der „Gelben Karte“ alle Mitglieder dem Aufnahmegesuch des Bewerbers zustimmen.413 Hat ein Mitglied Bedenken, so kann es seine Einwände im Kreis öffentlich ansprechen. Ist dies dem Mitglied unangenehm, besteht die Möglichkeit, die beiden Vorsitzenden darüber in Kenntnis zu setzen. Die anderen Mitglieder erfahren dann nicht, wer gegen die Neuaufnahme des Journalisten war. Der Grund wird mittels des „Beichtstuhlverfahrens“414, wie es von Mitgliedern der Gelben Karte bezeichnet wird, ebenfalls nicht genannt. Allgemein kann gesagt werden, dass es noch heute junge Journalisten im Alter um die 30 schwer haben, in bestehende Hintergrundkreise der Hauptstadtpresse aufgenommen zu werden.415 Nach wie vor ist ihnen zu empfehlen, einen eigenen Hintergrundkreis mit gleichaltrigen Kollegen zu gründen.416 Klare Regeln im Hintergrundkreis sind wichtig, um Konflikten vorzubeugen. Bei jeder Gründung ist es daher gut, diese in einer Satzung zu verankern. Die Gelbe Karte hat neben der Bedingung, die auch der DPC festgeschrieben hat, die Regel vereinbart, dass nur redaktionell festangestellte Hauptstadtkorrespondenten mit Wohnsitz Berlin Mitglieder des Kreises sein dürfen.417 Eine Ergänzung in ihrer Satzung lautet: Die Mitglieder der Gelben Karte dürfen nur einer Redaktion angehören, für die die anderen Mitglieder nicht arbeiten.418 Die Online-Redaktion und die Print-Redaktion werden als separat angesehen. So waren bereits sowohl Florian Gathmann von Spiegel Online als auch Gordon Repinski (damals) vom Magazin 412 ExI. Journalist. 413 Vgl. ExI. Journalist. 414 Ebd. 415 Vgl. Simon, Hintergrundzirkel, S. 71. 416 Vgl. ebd. 417 Vgl. ebd. 418 Vgl. ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 90 Der Spiegel Mitglieder.419 Auch durch diese Regelung werden Konflikte innerhalb der Gelben Karte vermieden. Fehlt ein Mitglied der Gelben Karte zweimal hintereinander bei einem Hintergrundgespräch, so gehört es nicht mehr dem Kreis an. Verstößt ein Mitglied gegen die Hintergrundgesprächsregeln, so muss es auf die Strafbank und darf ein Jahr lang nicht an den Treffen teilnehmen. Hierbei gibt es jedoch auch Abweichungen, je nach Schweregrad der Regelverletzung. Die Gelbe Karte richtet wie einst in Bonn auch in Berlin einmal wöchentlich ein Hintergrundgespräch mit dem Regierungssprecher aus, woran seit einigen Jahren der stellvertretende Regierungssprecher teilnimmt. Momentan findet das Treffen immer montags statt. Der stellvertretende Regierungssprecher berichtet dann, was die Vorhaben, Themen und Haltungen des Kabinetts sind, und versorgt den Kreis zugleich mit Hintergrundinformationen. Treffpunkt ist ein Restaurant um das Regierungsviertel oder die Hamburger Landesvertretung, wo zu Mittag gespeist wird. Bei den Treffen mit dem Regierungssprecher kommt es immer darauf an, in welchem Verhältnis dieser zum Regierungschef steht und inwieweit ein Sprecher in politische Abläufe involviert ist. So bestimmt jeder Kanzler selbst, wie viel Einblicke ein Regierungssprecher und sein Stellvertreter in interne Abläufe erhalten. So hatte zum Beispiel ein stellvertretender Regierungssprecher der FDP im Kabinett Merkel II sehr viel weniger bis keine Hintergrundinformationen anzubieten als etwa seine Vorgänger. Auch dies stellt eine kleine Bewährungsprobe für den Kreis dar, da das spezielle Ritual mit dem stellvertretenden Regierungssprecher abhängig von einer Person und deren Verhältnis zum Regierungschef ist.420 Einmal im Monat treffen die Mitglieder der Gelben Karte einen politischen Akteur zu einem abendlichen Hintergrundgespräch in einem Berliner Lokal. Die Treffen organisieren die Vorsitzenden. Speisen und Getränke des Gastes werden von dem Konto der Gelben Karte bezahlt, in das jedes Mitglied einen Jahresbeitrag in Höhe von 100 Euro überweist.421 419 Vgl. Simon, Sieben Hintergrundkreise und ihre Anführer, in: Medium Magazin. Beilage Berlin intern, Februar/März 2015, S. 6. 420 VGL. ExI. Journalist. 421 VGL. ebd. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 91 Weitere Hintergrundkreise sind: – Die Bühne, der junge „Hauptstadtjournalisten im Alter unter (inzwischen eher um die) 30 angehören“422 – Provinz, der ausschließlich Redakteure regionaler Medien angehören423 – Thesenreiter, die „diskursiv, abseits der Tagespolitik ausgerichtet“424 sind – Mainau-Runde, der ausschließlich Frauen angehören und zu Bonner Zeiten „Lila Karte“ hieß, später sich als „Rotes Tuch“ bezeichnete425 – U4, der Journalisten im Alter unter 40 Jahren angehören, mittlerweile aber älter sind426 – Der Wohnzimmerkreis, der den Politiker in die Privatwohnung eines Journalisten einlädt.427 Gerade der Wohnzimmerkreis ist einer der exklusivsten Hintergrundkreise der Hauptstadt, da seine Zahl an Mitgliedern auf zehn begrenzt ist.428 Bei den an Abenden stattfindenden Hintergrundgesprächen bekocht jeweils ein Journalist die Runde und lädt diese in seine Privatwohnung ein.429 Gewechselt wird der Reihe nach, so dass jeder Journalist gleich oft Gastgeber ist.430 „Hineinzukommen ist schwierig, raus muss jedoch, wer nicht mehr dauerhaft in Berlin arbeitet, wie seinerzeit Thomas Roth – der später die ‚Tagesthemen’ moderierte – oder nicht mehr im Journalismus ist.“431 Wie die Gelbe Karte entstammt der Wohnzimmerkreis der Bonner Zeit. Einst gründeten junge Hauptstadtkorrespondenten den Kreis, der anfangs Wespennestkreis hieß und im Jahre 1997 im Format der Wohnzimmerhintergrundgespräche aufging und demnach umbenannt 422 Simon, Hintergrundkreise und ihre Anführer, S. 7. 423 Vgl. ebd. 424 Ebd. 425 Simon, Hintergrundzirkel, S. 7. 426 Vgl. Simon, Hintergrundkreise und ihre Anführer, S. 7. 427 Vgl. ebd., S. 6. 428 Vgl. ebd., S. 8. 429 Vgl. ebd. 430 Vgl. Simon, Hintergrundkreise und ihre Anführer, S. 8. 431 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 92 wurde. Der Wohnzimmerkreis wurde über Jahre von dem FAZ-Journalisten Günter Bannas geführt.432 Seiner Ansicht nach bleibe der Kreis wegen des sehr privaten Umfeldes „eine berufliche Veranstaltung“433, bei der „die Distanz zwischen Gast und Gastgeber, also zwischen dem Politiker und den Mitgliedern des Kreises“434, gewahrt werden solle. Doch dies scheint insbesondere im Format des Wohnzimmerkreises eine große Herausforderung zu sein, da nicht nur räumlich der Politiker Einblick in die Privatsphäre des Journalisten erhält. In der Privatwohnung des Journalisten lernen die jeweiligen Politiker die Familienmitglieder des Gastgebers im häuslichen Kontext kennen. Auf die Freunde und Bekannte der Journalisten haben Hintergrundgespräche eine anziehende Wirkung.435 Die ehemalige Journalistin und einstiges Mitglied des Wohnzimmerkreises Tissy Bruns, die 2013 verstarb, gestand in einem Interview: „Wenn ich zu Hause erzähle, dass ich letzte Woche zum Hintergrundgespräch mit der Bundeskanzlerin eingeladen war, gibt es aus dem Familien- und Bekanntenkreis immer ganz ehrfürchtige Reaktionen. Dann merke ich immer, dass das eine Sache ist, die andere Leute beeindruckt, aber auf mich selbst wirkt sie eben auch.“436 So ist das Hintergrundgespräch mindestens in diesem Fall eine Art „Bauchpinselei“ für das journalistische Ego. 432 VGL. Simon, Hintergrundzirkel, S. 8. 433 Distanz bleibt gewahrt, in: Medium Magazin, Beilage Berlin intern, Februar/März 2014, S. 11. 434 Ebd. 435 Vgl. TV-Doku, Strippenzieher. 436 Ebd. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 93 Exkurs: Formen des Hintergrundgesprächs in anderen Ländern Wer dabei denkt, dass Hintergrundgespräche nur ein deutsches Phänomen seien, der irrt. Gerade die sehr intimen Wohnzimmerkreise sind in Japan keine Seltenheit. In sogenannten „Kisha Clubs“ bilden „Journalisten mit den Berichterstattungsobjekten eine geschlossene Gesellschaft […], quasi eine Redaktion ausserhalb [sic!] der Redaktion. Sie gehen in den Privathäusern der Politiker ein und aus und bewegen sich dort oft wie Familienmitglieder. Abends nehmen sie einen Drink mit dem Hausherrn und erfahren, wenn dann die Atmosphäre besonders entspannt ist, alles Berichtenswerte über die aktuellen Vorgänge im Regierungsapparat.“437 Bestandteil der „Kisha Clubs“ im Land der höchsten Zeitungsdichte sind „direkte Stillhalteabkommen und sogar Konsensvereinbarungen zwischen Politikern und Journalisten.“438 Die japanischen Clubs sind jedoch mit deutschen Hintergrundkreisen nicht identisch. Sie haben einen „völlig anderen kulturellen und sozialen Hintergrund als Vorbild“439. „In einem solchen System politischer Kommunikation verstehen sich die Journalisten nicht als Kontrolleure, sondern als Mitbeteiligte an der Herstellung einer volonté générale. Kollektive Entscheidungsfindung rangiert vor dem Prinzip der Beobachtung politischer Legitimität durch die Medien.“440 Adenauer lud bewusst zu Hintergrundgesprächen in der neugegründeten Bundesrepublik ein, um sich Gehör bei den Alliierten zu verschaffen und mit den Medien die junge Demokratie zu stärken. In Japan hingegen waren die Clubs Mittel, um den „individuellen und manchmal aggressiven Journalismus aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich zu domestizieren.“441 Die Annahme, dass sich nur in den „Täter-Ländern“ des Zweiten Weltkriegs Hintergrundkreise entwickelten, ist nicht zutreffend. Auch in anderen Ländern treffen sich Politiker und Journalisten zum privaten Gespräch. Frankreich pflegt seit Jahrhunderten die Salonkultur, wo Intellektuelle aus den verschiedensten Bereichen zusammenkommen. In den USA gibt es eine Vielzahl an politischen Clubs, zu denen Journalisten und Lobbyisten geladen werden, doch diese sind nicht mit den in Deutschland betriebenen Hintergrundkreisen zu vergleichen. Vielmehr ähneln diese Clubs abendlichen Empfängen, die von den Medien und Firmen, aber auch Parteien und Ministerien veranstaltet werden, wie etwa Sommerfeste. Offiziell bestreiten die großen Medienverlage der USA, dass sie Hintergrundgespräche betreiben. Im Experteninterview erklärt jedoch ein erfahrener Politjournalist, dass selbst die New York Times Hintergrundgespräche442 – jenseits geheimdienstlicher Informationen, wie im Falle Snowden – betreibt. „Back Channeling“ ist hierfür der fachspezifische Ausdruck in den USA. Die Journalisten in den USA nutzen, wie in Deutschland, bei solch gegebenen Informationen zwei Ausdrucksformen, die den Grad der Nachricht hervorheben. In Deutschland verwenden Journalisten bei unter zwei gegebenen Informationen unter anderem die Angabe „aus Regierungskreisen“, wie sie etwa die Gelbe Karte in der Regel verwendet. Die Journalisten in den USA verwenden, wie ein Journalist im Experteninterview verrät, gerne den Ausdruck „Freunde des Präsidenten / friends of the president“.443 „Meister dieser Geschichten war in Amerika Lyndon Johnson, der hatte damals so ein richtiges System entwickelt, da wurde damals eine Sprachregelung erfunden.“444 Das Hintergrundgespräch ist in jedem Mediensystem unterschiedlich ausgeprägt und unterliegt einem anderen Verständnis, das kulturell wie auch soziologisch geprägt ist. Die Geschichte des Landes spielt hierbei eine nicht zu unterschätzende Rolle. 6.2.3. 437 Weichenberg, Siegfried, Enthüllungsjournalismus. Politische Notwendigkeit und ethische Problematik, in: Armingeon, Klaus / Blum, Roger, Das öffentliche Theater. Politik und Medien in der Demokratie, Bern 1995, S. 116. (S. 111–130) 438 Ebd. 439 Ebd. 440 Weichenberg, Siegfried, Enthüllungsjournalismus, S. 116. (S. 111–130) 441 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 94 Exkurs: Weimarer Republik und Hintergrundgespräche Abschließend zu diesem Unterkapitel ist darauf zu verweisen, dass auch vor Gründung der Bundesrepublik Hintergrundgespräche stattgefunden haben. In der Weimarer Republik kam etwa Reichskanzler Gustav Stresemann zu Hintergrundgesprächen mit Pressevertretern zusammen. Der amerikanische AP-Auslandskorrespondent Louis P. Lochner schreibt in seinem Erinnerungsband „Stets das Unerwartete“ über seine Zeit (1921–1953) als Journalist in Deutschland über Stresemann: „Von allen Männern der Öffentlichkeit, die mir je in Deutschland begegnet sind, besaß keiner eine so glückliche Hand in der Behandlung der Presse. An jedem Freitagnachmittag widmete er der ausländischen Presse zu einer Aussprache bei einer Tasse Kaffee im Palais Prinz Friedrich Leopold unter dem Protokoll der Presseabteilung der Reichsregierung eine Stunde und mehr. Sein nächster Untergebener, der Staatssekretär Carl von Schubert, sagte einmal zu mir im Klageton: ‚Sobald es Freitagnachmittag wird, ist der Chef für nichts zu haben. Da können Akten von größter Dringlichkeit auf seine Unterschrift warten und Botschafter von hohem Einfluß darauf bestehen, daß ihr Anliegen keine Verzögerung duldet, der Chef schiebt alles mit der Erklärung beiseite: ›Das alles hat Zeit, jetzt muß ich mich erst mal mit der ausländischen Presse zusammensetzen!‹ Und schon ist er auf und davon.‘ Wir unsererseits sahen der Freitags-Konferenz stets mit beträchtlicher Spannung entgegen. Jede Frage war erlaubt. Und auf jede Frage wußte Stresemann eine Antwort. Natürlich konnte sie nicht immer vollständig oder direkt sein, über so manche Pläne müssen Staatsmänner schweigen. Der ausländische Korrespondent versteht das und weiß, wann er schwerlich eine befriedigende Antwort erhalten wird. Aber es ist sein Beruf, Fragen zu stellen. Sobald eine besonders heikle Sache angeschnitten wurde, griff Stresemann erst mal nach seiner dicken schwarzen Zigarre und sog nachdenklich an der langen Spitze. Plötzlich erschien dann ein Zwinkern in seinen Augen und ein vielsagendes Lächeln zwischen seinen Lippen. Dann kam eine ausweichende Antwort, die aber so geistreich, oft auch so witzig gefaßt war, daß wir alle unsere Freude daran hatten. Er verstand meisterhaft, unter den Nachrichtenleuten von rund fünfundzwanzig Ländern Freunde zu gewinnen.“445 Lochner gelang es selbst in der Nazi-Diktatur, an Hintergrundinformationen zu gelangen, auch wenn ihm das einige Raffinesse abverlangte. So schildert er in seinem Buch, wie seine Frau Hilde Lochner während eines Essens in der finnischen Botschaft Berlins dem Chef von Hitlers Präsidialkanzlei, Dr. Otto Meißner, ein Staatsgeheimnis entlockte, das von amtlicher Seite bestritten wurde.446 „Etwa ein Jahr vor dem Zweiten Weltkrieg wurde in Berlin ein Geheimnis herumgeflüstert, demzufolge Hitler sich auf dem Kehlstein in den bayrischen Alpen ein Teehaus hätte einrichten lassen. In dieses ‚Adlernest’ sollte er sich zurückziehen, so oft er etwas Neues ausbrüten wollte.“447 6.2.4. 442 Vgl. ExI. Journalist. 443 ExI. Journalist. 444 Ebd. 445 Lochner, Louis P., Stets das Unerwartete, Darmstadt 1955, S. 147f. 446 Vgl. ebd., S. 143f. 447 Lochner, Unerwartete, S. 143f. 6.2. Zirkel der Vertraulichkeit: Die Hintergrundkreise 95 Da Lochner wusste, dass seine Frau neben Meißner zu Tisch sitzen werde, bat er sie, die Bestätigung dieses Gerüchts einzuholen. Dass Hilde Lochner aus Lothringen stammte und Meißner aus dem Elsaß, begünstigte die Situation, da der Chef der Präsidialkanzlei wieder etwas Französisch sprechen konnte. Nach dem gemeinsamen Essen in der finnischen Botschaft erzählte Hilde Lochner ihrem Mann, wie sie strategisch vorging, das Staatsgeheimnis zu lüften, um zugleich an weitere Hintergrundinformationen zu gelangen.448 „‚Nun, eine unmittelbare Frage hätte er mir natürlich nicht beantwortet. So pirschte ich mich auf einen Umweg an die Sache heran. Ich sagte, daß man drunten in Bayern behauptet, Hitler hätte sich auf dem Kehlstein ein Retiro gebaut, das auf einer Drehscheibe steht, so daß er von früh bis spät Sonne hat, da das Haus die Erdumdrehung mitmacht. Damit hatte ich ihn. Er verlor völlig die Geistesgegenwart und vergaß, daß das Teehaus ein Staatsgeheimnis war, so besessen war er von dem Gedanken, die verrückte Geschichte mit der Drehscheibe mir gegenüber richtig zu stellen. Er meinte, daß die Behauptung wahrscheinlich dadurch zustande gekommen sei, daß das geräumige Teezimmer – das übrigens nur einen Teil des ansehnlichen Bergsitzes ausmachte – kreisförmig sei und nach allen Seiten, ausgenommen nach Norden, Fenster besäße, so daß der Führer den ganzen Tag hindurch Sonne hätte. Nachdem er mich über die Drehscheibe aufgeklärt hatte, ließ er eine genaue Beschreibung des ganzen ›Adlernestes‹ folgen.‘“449 Exkurs-Ende Über die Strategie, das Gespräch und das Geheimnis Hilde Lochners raffinierte Art, das bereits erzählte Gerücht mit bewusst falschen Behauptungen zu lancieren, war ein voller Erfolg. Auch wenn die Konstellation (politischer Akteur & Ehefrau eines Journalisten) und auch der Rahmen (diplomatische Zusammenkunft in der Botschaft mit verschiedenen Vertretern) des soeben genannten Beispiels mit dem klassischen Hintergrundgespräch nicht eindeutig übereinstimmen, so verdeutlicht diese Anekdote sehr gut, dass manchmal Strategien angewandt werden müssen, um an Hintergrundinformationen zu gelangen. Den Politikwissenschaftlern Raschke und Tils zufolge sind Strategien „erfolgsorientierte Konstrukte, die auf situationsübergreifenden Ziel-Mittel-Umwelt-Kalkulationen beruhen. Erfolgsorientierte Konstrukte werden auf wirksame Zielverfolgung gerichtete, praxissteuernde Handlungsanleitungen verstanden. Ziel-Mittel-Umwelt- Kalkulationen bezeichnen auf gewünschte Zustände (Ziele) gerichtete, systematisierende und berechnende Denkoperationen (Kalkulationen) 6.3. 448 VGL. ebd., S. 144. 449 Ebd., S. 145. 6. Das Hintergrundgespräch 96 für zielführende Handlungsmöglichkeiten (Mittel), mit Blick auf den situationsübergreifend relevanten Kontext (Umwelt).“450 Dem Gespräch kommt in Bezug auf die Ziel-Mittel-Umwelt-Kalkulationen eine entscheidende Rolle zu. Der Journalist kann den politischen Akteur bei einem Face-to-Face-Gespräch besser einschätzen, da direkter Augenkontakt sowie die Wahrnehmung von Gestik und Mimik ermöglicht werden – das sind beste Voraussetzungen, den passenden Zeitpunkt wählen zu können, um seinem Gegenüber Informationen zu entlocken. Der erfahrene Journalist Gero von Boehm, der seit Jahren mit zahlreichen berühmten Persönlichkeiten intensive Gespräche führt, erklärt über die Kunst des Gesprächs: „Es kommt darauf an, wann und wie weit der Gesprächspartner das Türchen aufmacht und ich dann immer weiter die Tür öffne, aber die Frage, ob er durchgeht, das ist seine Entscheidung. Es gibt eigentlich nichts, was ich nicht fragen würde, es ergibt sich eigentlich aus der Situation. […] Es gibt solche Pausen im Gespräch, wo du merkst, aha, der denkt jetzt, soll er weiter oder soll er nicht. Das sind die besten Momente.“451 Stresemann nutzte den Zug seiner Zigarre als kleine Unterbrechung des Gesprächs mit den Journalisten. Er konnte kurz innehalten und sich eine Antwort überlegen. Auch Helmut Schmidts Züge an der Zigarette führten zu kleinen Pausen, die ihm dazu nutzten, kurz nachzudenken. Wie kein anderer verstand Schmidt die Bedeutung von Pausen in Gesprächen, die ihm, aber auch seinem Gegenüber, ermöglichten nachzudenken. Auch „seine öffentlichen Redebeiträge sind geprägt von Kunstpausen. Denn richtig gesetztes Schweigen verstärkt das Gesagte. […] In Helmut Schmidts Pausen passt ein langsam gesprochenes ‚eins, zwei, drei‘ hinein.“452 Der früher gezielte Einsatz der Kunstpause Schmidts ist eines seiner Markenzeichen in Gesprächen jeglicher Art. Kleine Strategien und Rituale verschiedenster Art können Gespräche beeinflussen. Anhand der Intonation eines politischen Akteurs kann der Journalist zudem das Gesagte besser einordnen und interpretieren. 450 Raschke, Joachim / Tils, Ralf, Politische Strategie. Eine Grundlage, Wiesbaden 2007, S. 252. 451 Markus Lanz, ZDF-Talkshow, Sendedatum, 09.12.2014. 452 Gloger, Axel, Das Erfolgsgeheimnis der Methode, ‹http://www.welt.de/wirtschaft/ karriere/leadership/article13536567/Das-Erfolgsgeheimnis-der-Methode- Schmidt.html› am 17.03.2015. 6.3. Über die Strategie, das Gespräch und das Geheimnis 97 Das Lesen von Emotionen ist ein wichtiger Bestandteil in Hintergrundgesprächen, um eine Person und ihr Anliegen besser einschätzen zu können. Dem Soziologen Thomas Luckmann gemäß verstehen wir unter Gesprächen eine „zeichengebundene und im Normalfall sprachliche wie außersprachliche Kommunikation unter der Bedingung hochgradiger Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit bei provisorischer, historisch wandelbarer ‚Gleichheit‘.“453 Der Begriff der Gleichheit ist nach Luckmann schwer fassbar, da er „geschichtlich wandelbar und ganz unterschiedlichen sozialen, religiösen und ‚theoretischen‘ Deutungen unterworfen“454 ist. Als Beispiele führt er „Macht und Ohnmacht, Überlegenheit und Unterlegenheit [an, die] nicht nur von außen, von der sozialen Schichtung und den Institutionen – ‚der Gesellschaft‘ – in das Gespräch gebracht werden, sondern in ihm selbst, nämlich im konkreten Handeln selbst – intersubjektiv – entstehen können.“455 So gelingt einem politischen Akteur in Hintergrundgesprächen mal mehr, mal weniger sein jeweiliges journalistisches Gegenüber zu beeinflussen bzw. zu lenken, um am Ende den größten Nutzen aus dem Gespräch mitzunehmen. In der Regel sind Hintergrundgespräche von „intellektueller Gleichheit“. Politische Akteure und Journalisten profitieren symbiotisch von Hintergrundgesprächen, zugleich verfolgen sie jedoch unterschiedliche Ziele. Das Hintergrundgespräch ist letztlich auch ein Spiel um den eigenen politischen bzw. journalistischen Mehrwert wie Einfluss, Macht, Status und Gewinn von Wählern/Anhängern (Politik) bzw. Käufern/Konsumenten (Medien). Journalisten und politische Akteure sind trotz des Aufeinander- Angewiesenseins mitunter Konkurrenten ihrer eigenen Interessenlage, was mit dem Nähe-und-Distanz-Verhältnis einhergeht. Im Experteninterview verwendet ein Journalist die Metapher des Pokerspiels, da in Hintergrundgesprächen ständig abgewägt werden müsse, welche Information man herausrücke. „[…] immer zeigen, was habe ich an Karten, was haben die anderen an Karten. So richtig die Hosen runterlas- 453 Luckmann, Thomas, Das Gespräch, in: Stierle, Karlheinz / Warning, Rainer, Das Gespräch, München 1996, S. 58. (S. 49–63) 454 Ebd. 455 Luckmann, Gespräch, S. 58. 6. Das Hintergrundgespräch 98 sen [passiert dort] irgendwie nie.“456 Zu dieser Aussage muss jedoch angemerkt werden, dass es keineswegs ausgeschlossen ist, dass ein Akteur, um in der Metapherform zu bleiben, alle Karten bei einem Hintergrundgespräch auf den Tisch legen kann und unter Umständen ein Geheimnis vollständig offenbart. „Die persönliche Geheimnissphäre ist der vom Inhalt her eng mit einem Menschen verbundene geistige Bereich, der die Summe all dessen darstellt, was der Kenntnis jener Dritten entzogen ist, die nach dem Willen oder (…) nach dem objektiv zu ermittelnden Geheimnisinteresse dieses Menschen von der Kenntnisnahme ausgeschlossen sein sollen.“457 Der Begriff „geheim“ entstammt aus dem 15. Jahrhundert und stand für „vertraut“ oder „zum Hause gehörig“.458 „Die semantische Nähe von Geheimnis und Heim ist bis heute in der Möglichkeit erhalten geblieben, beide Begriffe als Aspekt der Privatsphäre zu verwenden, einer juristisch wichtigen Kategorie.“459 Nach Westerbarkey sind folgende vier Geheimniskriterien systemtheoretisch verwendbar: – „eine Mitteilungserwartung, – die Negation der Mitteilung, – die Beziehungsrelevanz dieser Negation – und die Veränderung des jeweiligen Handlungszusammenhangs durch sie“460. Westerbarkey verweist darauf, dass die genannten Kriterien sich gut eignen, verschiedene Phänomene beobachtend zu vergleichen.461 Hierzu führt er weiter aus: „Notwendige Geheimniskriterien sind mithin beziehungswichtige Inhalte, eine einseitige Mitteilungserwartung und die Negation einer Mitteilung, also eine Unstimmigkeit zwischen kommunikativen Verhaltenserwartungen und Kommunikationsverhalten: Geheimhaltung ist Nicht-In- 456 ExI. Journalist. 457 Meiss, Reinhard W., Die persönliche Geheimnissphäre und deren Schutz im prozessualen Verfahren, Dissenhofen 1975, S. 60. 458 Westerbarkey, Joachim, Das Geheimnis. Zur funktionalen Ambivalenz von Kommunikationsstrukturen, Opladen 1991, S. 21. 459 Ebd. 460 Westerbarkey, Das Geheimnis. Faszination des Verborgenen, Berlin 2000, S. 19. 461 Vgl. ebd. 6.3. Über die Strategie, das Gespräch und das Geheimnis 99 formation wider Erwarten. Diese Definition verdeutlicht einerseits, daß Geheimnisinhalte nicht Tatsachen oder Ereignisse allein betreffen, sondern immer auch zwischenmenschliche Beziehungen. Außerdem wird deutlich, daß Geheimnisse nicht von der Zahl jeweils Nichtwissender abhängen, sondern allein von der erfolgreichen Verhinderung spezifischen Nachrichtenempfangs: Bleibt auch nur ein einziger in Unkenntnis, der etwas nicht wissen soll oder will, das ihn betrifft, so ist ein Geheimnis (zumindest ihm gegenüber) gewahrt.“462 Als ein sehr offener Gesprächspartner erwies sich in Hintergrundgesprächen während des Wahlkampfes 2017 der damalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Dieser offenbarte vor Journalisten in einem Hintergrundgespräch, dass er auf die Wahlkampfsommertour eigentlich gar keine Lust habe. Zu seinen Beratern sagte er, dass er bei der Reise den Journalisten erzählen wolle, was er will, da er sich nicht verstellen könne. Die teilnehmenden Journalisten waren über Schulz‘ Offenheit in den Hintergrundgesprächen geradezu erschrocken.463 „Selbst erfahrene Korrespondenten sagen hinterher, dass sie ein vergleichbares Hintergrundgespräch noch nicht erlebt hätten. Einige sind angetan von dieser Transparenz. Viele nehmen aber etwas anderes aus dem Abend mit. Sie fragen sich, wie man so offenherzig sein könne, vor Journalisten so freimütig eigene Fehler einzugestehen und Selbstzweifel zu offenbaren.“464 In einem SPD-Papier über die Lehren des misslungenen SPD-Wahlkampfes des Martin Schulz wurde festgehalten, dass Berater in Hintergrundgesprächen einschreiten sollen, wenn der Kandidat zu offenherzig mit Journalisten spricht. Dort heißt es: „Ein wacher Kommunikationschef oder eine versierte Kommunikationschefin (plus Begleitung) schirmt den Kandidaten vor lästigen Kameras und FotografInnen ab, limitiert deren Zeit, achtet auf die Bildsprache, gibt energische Hinweise, wenn sich der Kandidat in Hintergrundgesprächen um Kopf und Kragen redet, und beendet JournalistInnengespräche, wenn 462 Ebd. 463 Vgl. Feldenkirchen, Markus, Die Schulz-Story. Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz, München 2018, S. 146. 464 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 100 der Kandidat Anzeichen von Erschöpfung und mangelhafter Konzentration zeigt. All das fand im Wahlkampf 2017 nicht statt.“465 Im Falle von gegebenen Hintergrundinformationen sind Journalisten Türöffner für die Bevölkerung zur Wahrheitsfindung und besseren Meinungsbildung. Geheime Informationen, die „unter drei“ gegebenen wurden, können unter anderem indirekt in Artikeln oder Kommentaren angedeutet werden, was jedoch nicht immer der Fall sein muss. Sowohl während wie auch nach dem Hintergrundgespräch müssen die Eingeweihten, ob Journalisten oder politische Akteure, gute Geheimnismanager sein. Im Hintergrundgespräch müssen Journalisten darauf achten, Informationen und ihre Quellen aus anderen Hintergrundgesprächen nicht zu verraten. Die politischen Akteure müssen wiederum gezielt abwägen, wie viel geheime Hintergrundinformationen sie offenbaren und vor allem, wem sie diese anvertrauen. Nach dem Hintergrundgespräch müssen politische Akteure darauf achten, sich nicht selbst als Informationsgeber zu verraten. Die Journalisten müssen ihre Informanten wiederum schützen und Hintergrundinformationen so managen, dass für die Öffentlichkeit der Informationsgeber unbekannt bleibt. Mögliche Herleitungen der exakten Quelle sollten unmöglich sein. Politische Akteure und Journalisten betreiben somit in vielerlei Hinsicht konsensuales Geheimnismanagement. Von beiden Akteuren wird zugleich in vielerlei Hinsicht eine Strategiekompetenz abverlangt. Den Politikwissenschaftlern Joachim Raschke und Ralf Tils zufolge ist Strategiekompetenz: „[…] die Fähigkeit, Anforderungen an strategisch handelnde Kollektivakteure entsprechen zu können. [… Sie] umfasst die Bestandteile von Wissen und Managerfertigkeiten. Wissen enthalten die in der Praxis aufgebauten strategischen Kenntnisse sowie das professionelle Strategiewissen. Managerfertigkeiten zeigen sich in ausdifferenzierten Kompetenzfeldern, die eine systematischere Verfolgung strategischer Ziele ermöglichen.“466 465 Aus Fehlern lernen. Eine Analyse der Bundestagswahl 2017. in: ‹https:// www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Sonstiges/Evaluierung_SPD__BTW2017 .pdf› am 30.04.2019. 466 Raschke, Joachim / Tils, Ralf, Politik braucht Strategie – Taktik hat sie genug, Frankfurt am Main 2011, S. 254. 6.3. Über die Strategie, das Gespräch und das Geheimnis 101 Doch welche Strategien wenden politische Akteure und Journalisten an, um sich gegenseitig zu beeinflussen oder gar zu unterwandern, und wie gehen die jeweiligen Akteure mit Hintergrundinformationen um? Hierzu ist anzumerken, dass auch Journalisten Hintergrundinformationen an politische Akteure weitergeben. Das politische Kalkül: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme Das Vereinnahmungsspiel mit den Journalisten „Politiker instrumentalisieren die Medien, indem sie diese mit Presseerklärungen und Hintergrundgesprächen füttern.“467 Hierbei müssen sie wie ein guter Manager agieren468 und „die Handlungsebene zwischen formal und informal geschickt […] wechseln […].“469 Wie bereits erwähnt, nutzen politische Akteure „Hintergrundgespräche mit Hauptstadtkorrespondenten, um inhaltliche Positionen und Argumentationsmuster zu testen. Wer es besonders geschickt anstellt, vermittelt den Journalisten das Gefühl, sie könnten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen.“470 Der Ansicht des ehemaligen Regierungssprechers Klaus Bölling zufolge ist für Politiker „das beste Mittel, sich Journalisten gefügig zu machen, […] sie zu umgarnen, sie an ihrem Herrschaftswissen teilhaben zu lassen, sie zu Mitwissern und damit zu Komplizen zu machen.“471 Dem ehemaligen Journalisten Hartmut Palmer (schrieb u. a. für SZ, Spiegel, Cicero) zufolge war Bölling „ein 6.4. 6.4.1. 467 Winands, Günter, Ist Wissen Macht? – Wert und Unwert des Staatsgeheimnisses. Erfahrungen aus dem Leitungsbereich des Bundeskanzleramtes, in: Depenheuer, Otto (Hrsg.), Öffentlichkeit und Vertraulichkeit. Theorie und Praxis der politischen Kommunikation, Wiesbaden 2001, S. 121. 468 Vgl. Potapova, Katerina, Zur Kritik des Konzepts ‚Informelles Regieren‘, in: Bröchler, Stephan / Grunden, Timo, Informelle Politik. Konzepte, Akteure und Prozesse, Wiesbaden 2014, S. 114. 469 Ebd. 470 Grunden, Timo, Unterstützer mobilisieren, Gegner bekämpfen: Politische Praktiken des Machterwerbs und Machterhalts, in: Eckert, Georg / Novy, Leonard / Schwickert, Dominic (Hrsg.), Zwischen Macht und Ohnmacht, Wiesbaden 2013, S. 282. (S. 279–290) 471 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 102 Meister der gezielten Diskretion“472. In einem Nachruf auf den einstigen Regierungssprecher Helmut Schmidts, der im November 2014 verstarb, lüftete Palmer auf der Online-Seite des Magazins Cicero ein Geheimnis, welches Bölling ihm in einem Hintergrundgespräch offenbarte. Palmer beschreibt in dem Nachruf seine damalige Gefühlslage. Sehr anschaulich vermittelt er dabei seinen inneren Konflikt als Journalist, über ein hoch brisantes Geheimnis mit weitreichender Dimension schweigen zu müssen. Aufgrund der genannten Gründe wird die dazugehörige Textpassage vollständig zitiert. Zugleich vermittelt sie sehr deutlich, wie eng Bölling Palmer vertraute und zugleich einnahm – so musste Palmer seinen journalistischen Ehrgeiz einer exklusiven Veröffentlichung stark unterdrücken. Beginn der Textstelle „ […] Anfang Mai des Jahres 1982 klingelte es an einem Sonntagvormittag in meiner Bonner Wohnung. Als ich die Tür öffnete, stand vor mir Klaus Bölling, seinerzeit noch als Leiter der Ständigen Vertretung Bonns ‚Botschafter‘ in Ost-Berlin. Ich war völlig perplex: Bölling in Bonn? Noch vor einem halben Jahr hatte er uns Journalisten stolz seine Residenz in Ost-Berlin gezeigt. Er weidete sich an meiner Überraschung, nahm, noch im Mantel, an meinem Küchentisch Platz und kam zur Sache. Die Koalition mit der FDP sei im Grunde zu Ende. Bundeskanzler Helmut Schmidt mache sich keine Illusionen mehr. Spätestens in einem halben Jahr werde die FDP die Seite wechseln und Helmut Kohl zum neuen Kanzler wählen. Hans-Dietrich Genscher (‚Der Hallenser‘) suche nur noch nach einem Vorwand, um dies ins Werk zu setzen. ‚Anlässe dazu, das muss ich Ihnen nicht erklären, wird er finden.‘ Damals tobte die Nachrüstungsdebatte in der SPD. Die Genossen wollten auch in der Wirtschaftspolitik nicht ständig von den Liberalen als ‚unsichere Kantonisten‘ vorgeführt werden. Er jedenfalls, sagte Bölling, werde auf Wunsch des Kanzlers jetzt nach Bonn zurückkehren. ‚Ich will‘, schloss der ehemalige und demnächst wieder amtierende Regierungssprecher, ‚dieses Staatsbegräbnis wenigstens festlich illuminieren.‘ Und alles, was er prophezeite, trat genau so ein: ein halbes Jahr später – am 1. Oktober 1982 – war Kohl Kanzler. Für mich, damals Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, war das alles ein absoluter Hammer. Es war so, als wenn heute die Büroleiterin der Kanzlerin, Beate Baumann, an einem Sonntag einem Berliner Journalisten in dessen Küche eröffnete, dass Angela Merkel in einem halben Jahr nicht mehr regieren werde. Eigentlich hätte ich mich sofort hinsetzen und – Zeit genug war noch – für die Montagsausgabe den Aufmacher schreiben müssen. Zwei dicke News auf einmal. Erstens: Der Bundeskanzler gibt seiner Koalition keine Zukunft mehr. Zweitens: Klaus Bölling gibt seinen DDR-Posten auf und kehrt an die Seite des Kanzlers zurück. 472 Palmer, Hartmut, Der beste Regierungssprecher aller Zeiten, ‹http://www.cicero.de/berliner-republik/klaus-boelling-der-beste-regierungssprecher-aller-zeiten/ 58423› am 20.03.2015. 6.4. Das politische Kalkül: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 103 Bölling aber bat mich um Stillschweigen. Er brauche noch Zeit. Ich sei der Erste, mit dem er darüber rede. Das Ganze sei noch top secret. Weder wisse Kurt Becker, der seit Januar 1981 als sein Nachfolger Regierungssprecher war, dass er seinen Posten verliert. Noch wisse der Koalitionspartner etwas über den Wechsel des Ständigen Vertreters nach Bonn. Erst Ende der kommenden Woche dürfe die Sache publik werden. Er rechne mit meiner Verschwiegenheit. Vertrauen gegen Vertrauen – das funktionierte im kleinen Bonn eher als heute im großen und geschwätzigen Berlin, wo eine solche politische Sensation innerhalb von Stunden auf dem Markt wäre. Ich hätte es natürlich gleich aufschreiben und an die Glocke hängen können. Dann aber wäre diese Informationsquelle für immer versiegt gewesen. So aber war ich eingeweiht und konnte mich auf das, was alle Kollegen Tage später überraschen würde, in Ruhe vorbereiten. Klaus Bölling wusste das. Er zog uns Journalisten ins Vertrauen und belohnte uns für unsere Verschwiegenheit mit erstklassigen Informationen. Kein anderer Regierungssprecher vor ihm und nach ihm hat auf der Klaviatur des vertraulichen Hintergrundgesprächs so brillant gespielt wie er.“473 Ende der Textstelle Die Offenbarung Böllings gegenüber Palmer war, wie in den Schilderungen des erfahrenen Journalisten deutlich wurde, auch eine große Entlastung für den alten bzw. neuen Regierungssprecher in spe. Bölling wollte sich aussprechen und suchte Palmer bewusst aus, da sich die beiden Männer sehr schätzten und gegenseitig vertrauten. Es bleibt Spekulation, was Bölling sich von dem Treffen mit Palmer – neben der Aussprache – erhoffte. Bölling war bewusst, dass die kommenden Monate in der sozial-liberalen Koalition keine einfachen werden würden. Der Solidarität des Journalisten, die brisante Hintergrundinformation für sich zu behalten, konnte sich Bölling sicher sein. Der neue Regierungssprecher in spe war für Palmer eine so bedeutende Quelle gewesen, die ihm Vorteile gegenüber anderen Journalisten verschaffte und keineswegs enttäuscht werden konnte. Ein Verrat des Journalisten hätte den Bruch mit Bölling bedeutet und somit das Ende des Erhalts von Hintergrundinformationen − und dies gerade in einer so politisch spannenden Zeit.474 Musste Palmer in dem genannten Beispiel um das nahe Koalitionsaus und die Rückkehr Böllings als Regierungssprecher schweigen, da die Informationen unter drei abgegeben wurden, so wollen gerade politische Akteure bei unter zwei gegebenen Informationen, dass diese ihre Veröffentlichung finden. Im Experteninterview erzählt hierzu ein Journalist, dass es nicht schadet zu wissen, „zu wessen Knecht man 473 Palmer, Hartmut, Der beste Regierungssprecher aller Zeiten. 474 VGL. Palmer, Regierungssprecher. 6. Das Hintergrundgespräch 104 sich macht, indem man irgendetwas veröffentlicht. Ich glaube, das habe ich in meinem politischen Leben nicht immer durchblickt.“475 So legten laut dem Experten gerade Machtpolitiker sehr häufig Wert darauf, „erst mal dem nächsten Konkurrenten eins mitzugeben.“476 Zugleich lauere der größte Feind nicht in der anderen, sondern in der eigenen Partei.477 Auf die Frage, warum der Experte nicht immer bemerkt habe, zu wessen „Knecht“ er sich machte, antwortete dieser: „Weil ich zu doof war. Es gibt diese ganzen Säusler und Sänger, die sagen, ‚ich habe neulich von Ihnen gelesen, also ganz großartig, ganz toll‘. Also diese ganzen Schleimbolzen und gerade als jüngerer Kollege, der sich natürlich als unfehlbar hält, glaubt man den Scheiß dann auch, aber in Wirklichkeit wollen die Hunde ja nur, dass man ihnen etwas in ihrem Sinne schreibt. Das lernt man dann auch so mit der Zeit.“478 Dem Politikwissenschaftler Timo Grunden zufolge „[…] durchschauen die meisten Journalisten derartige Manipulationsversuche irgendwann. Sie lassen sich aber trotzdem darauf ein, weil sie auch etwas dafür bekommen: exklusive Geschichten, Einblick hinter die Kulissen und die Möglichkeit, durch ihre Berichterstattung in innerparteilichen Auseinandersetzungen mitmischen zu können. Oft teilen sie auch die politischen Überzeugungen eines aufstrebenden Politikers und sind deshalb bereit, ihn zu unterstützen. Und schließlich wissen Journalisten nur zu gut, wie sehr dieser auf sie angewiesen ist.“479 Das langsame Vorglühen von Informationen Das beste strategische Vorgehen in Hintergrundgesprächen, um etwas zu initiieren oder durchsetzen zu wollen, sei das sogenannte Vorglühen, erklärt ein erfahrener politischer Akteur.480 Wenn man etwas vorglühen möchte, dann nehme man den Journalisten, den man am bes- 6.4.2. 475 ExI. Journalist. 476 Ebd. 477 Vgl. ebd. 478 ExI. Journalist. 479 Grunden, Timo, Unterstützer mobilisieren, Gegner bekämpfen, S. 282. 480 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 6.4. Das politische Kalkül: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 105 ten aus Hintergrundgesprächen kenne, und rufe diesen an.481 „Dem sagst du, ‚du hättest was, aber ich brauche da jemand, der es anschiebt’, dann fragt er, ‚um was geht es denn?‘ Dann erklär ich ihm das, dann schiebt er das im Hintergrund an, dass ich in der Situation, in der ich bin, entscheiden kann, wie weit ich gehe.“482 Das Anschieben eines Themas im Hintergrundgespräch hat die Funktion, dass dem politischen Gegner der Intrigant unbekannt bleibt bzw. dieser erst gar nicht vermutet, dass ein politischer Akteur der Initiator ist.483 Aufgrund der gegebenen Hintergrundinformationen kann der Vertrauensjournalist bei dem politischen Gegner gezielt nachfragen. Antwortet der politische Gegner, dass er hierzu nichts sagen wolle, folgt eine weitere Frage, die eine weitere Hintergrundinfo enthält. Diese Hintergrundinformation signalisiert ihm, dass die Presse mehr über das Thema weiß.484 Durch das gezielte Nachfragen des Journalisten, der exklusive Hintergrundinformationen besitzt, sieht sich der politische Gegner (ob aus der eigenen Partei oder einer anderen) gezwungen, aus der Deckung zukommen. Ob es einen politischen Initiator gab oder die Medien zum Beispiel in Form von Recherchen gar zufällig auf die Thematik aufmerksam wurden, kann zunächst oder für immer dem politischen Kontrahenten unklar bleiben. Der politische Akteur – somit der Initiator des angeschobenen Themas – kann dann sein Ziel weiterverfolgen, das sowohl inhaltlicher als auch personeller Natur sein kann. Das scheibchenweise Anschieben eines Themas in Hintergrundgesprächen trifft die erwähnte Metapher des Pokerspielens sehr gut. So gesteht ein politischer Akteur im Experteninterview, dass in Hintergrundgesprächen ein Politiker bewusst ein Stück zurückhalte, das exklusiv für den Vertrauensjournalist bestimmt sei, um weiter agieren zu können.485 Ein weiteres Stück bekommt der Journalist je nach Situationslage, alle Stücke gibt es jedoch sehr selten.486 481 Vgl. ebd. 482 Ebd. 483 Vgl. ebd. 484 Vgl. ebd. 485 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 486 Vgl. ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 106 Um Geleitschutz bitten Teilen Journalisten gemeinsam mit einem politischen Akteur die Notwendigkeit eines politischen Themas, kann der Politiker vorab die Medienvertreter in Hintergrundgesprächen um Unterstützung bitten. Traut sich der politische Akteur nicht selbst, ein für ihn politisch relevantes Thema bzw. Vorhaben anzusprechen, da es z. B. unpopulär ist, so kann er die Journalisten darum bitten, es in den Medien vorab zu besprechen. Die Bevölkerung, aber auch die Parteien, werden aufgrund der ausführlichen Medienberichterstattung für das Thema sensibilisiert. Dies hat den Effekt, dass darüber ausführlich diskutiert wird, bevor der politische Akteur sein politisches Vorhaben verkündet. Die Diskussion der Medien ermöglicht der Bevölkerung eine bessere Einschätzung des Themas und trägt zugleich zur besseren Meinungsbildung bei. Anhand von Umfragen kann der politische Akteur dann beobachten, wie die Stimmung sich zu dem jeweiligen Thema verändert hat. Selbstverständlich müssen die Medien nicht unbedingt der Bitte des politischen Akteurs einer Thematisierung vorab entsprechen und können das Thema erst behandeln, wenn der politische Akteur es anspricht, wie das Beispiel Gerhard Schröders im Zusammenhang der Zuwanderungsdebatte in den Jahren 2001/2002 zeigt. „Die Presse habe die ‚ungeheure wichtige Aufgabe, den notwendigen gesellschaftlichen Dialog zu organisieren‘, sagt er – mehr hoffend als wissend. In der Praxis meint er damit nicht selten, dass die Medien für ihn die Kastanien aus dem Feuer holen sollen. Lange scheute er sich zum Beispiel, die dringend anstehende Debatte um Zuwanderung zu führen. Doch er wollte kein Einwanderungsgesetz vorlegen. Zum einen fürchtete er, in das offene Messer der Opposition zu rennen, die natürlich auf mutige, umstrittene Vorstöße wartet, um sich in der Kritik daran zu profilieren. ‚Das müsst ihr machen‘, fordert er in Hintergrundgesprächen von Journalisten, sonst werde aus der notwendigen Debatte doch nur wieder das ritualisierte, ermüdende Gemetzel zwischen Regierung und Opposition. Das folgte tatsächlich. […] Über seine ‚Green-Card‘-Initiative, mit der er hoch qualifizierte Ausländer als dringend benötigte Arbeitskräfte ins Land holte, nahm er der tendenziell ausländerfeindlichen Gegenposition die Spitze. Die anschließende Debatte, die breit in der Presse geführt wurde, bewirkte schließlich ein 6.4.3. 6.4. Das politische Kalkül: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 107 Gesetz, das er hoffte, im Konsens verabschieden zu können. Sein Plan ging jedoch nicht auf. Die Union wollte die Debatte in den Wahlkampf ziehen.“487 Der kalkulierte, offene Weg Die bewusste Zurückhaltung von Teilinformationen muss jedoch nicht immer der Gegenstand von Hintergrundgesprächen sein. Es gibt auch Situationen, wo „alle Karten auf den Tisch“488 gelegt werden, wie im Fall der Kinderporno-Affäre um den damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy. Ein Tag bevor die Öffentlichkeit von dem Fall erfuhr, war der SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann zu einem Hintergrundgespräch in einem Gesprächskreis geladen.489 Dort erzählte er den anwesenden Journalisten im Detail von jenem Skandal.490 Neben der Affäre der bestellten Kinderpornos Edathys hatte der Fall zugleich eine weitere Brisanz. Der CDU-Politiker Hans-Peter Friedrich brach in den Koalitionsverhandlungen mit der SPD seine Schweigepflicht, als er dem damaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel von dem Fall seines Abgeordneten erzählte. Friedrich, der noch kommissarischer Innenminister während der Koalitionsverhandlungen war, musste Wochen später in der neuen Koalition von seinem neuen Amt als Agrarminister zurücktreten, weil bekannt wurde, dass er gegen seine Schweigepflicht verstieß. Im Zusammenhang der Affäre wurde bekannt, dass Gabriel Oppermann von dem Fall erzählte, der wiederum sich bei dem damaligen BKA-Chef Jörg Ziercke erkundigte, ob die Informationen Friedrichs stimmten. Oppermann brachte Ziercke in Versuchung, seine Schweigepflicht zu brechen. Bis heute konnte nicht eindeutig aufgeklärt werden, wie Ziercke gegenüber Oppermann reagierte. Ein Untersuchungsausschuss versuchte dies zu klären. Als Edathy vermutlich aus SPD-Kreisen von den Ermittlungen erfuhr, war der Skandal komplett. Zugleich verschwand im selben Zeit- 6.4.4. 487 Hogrefe, Jürgen, Gerhard Schröder. Ein Porträt, Berlin 2002, S. 78f. 488 ExI. Journalist. 489 Vgl. ebd. 490 Vgl. ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 108 raum ein wichtiges Beweisstück Edathys, der Laptop, mit dem er die Kinderpornos herunterlud. Nach Informationen Edathys wurde ihm der Laptop in der Bahn entwendet.491 Ein Journalist erinnert sich, als er in einem von Journalisten ausgerichteten Hintergrundkreis von Oppermann zum ersten Mal von dem Fall erfuhr: „Das war schon ein Hammer. Durch einen Hintergrundkreis, wo der Politiker von sich aus freimütig erzählt hat, wie das war, das war ein Tag, bevor es sowieso öffentlich wurde, so dass die Kollegen in der Nacht noch schreiben konnten, was da kommt. Das war so ein Fall, das wäre in die Hose gegangen für den Oppermann, der wurde natürlich auch beschädigt und der Friedrich, der musste zurücktreten.“492 Folglich konnte sich Oppermann durch die im Hintergrundkreis getätigten Schilderungen und Rechtfertigungen eine Art Vorteil verschaffen, als Erster die Medienvertreter von seiner Darstellung zu überzeugen. In der anschließenden Nacht (nach dem Treffen mit Oppermann) konnten die Journalisten des Hintergrundkreises ihre Artikel für den nächsten Tag vorbereiten.493 Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund Politische Akteure initiieren Intrigen überwiegend im Hintergrundgespräch mit einem ihrer Vertrauensjournalisten.494 Die Intrige ist für politische Akteure ein Mittel, einem Konkurrenten zu schaden, der Journalist profitiert davon, exklusiv die Information in seinem Medium platzieren zu dürfen. Für Hoffmann sind Indiskretionen „keine Hintergrundinformationen“495 und „verweisen nicht auf generelle Strategien, personelle Konstellationen oder politische Zukunftspläne, die das gegenwärtige Vorderbühnenverhalten politischer Akteure erklären könnten.“496 Seiner 6.5. 491 VGL. Felke, Catharina u. a., Verrat und Intrige, in: Stern, H. 52, 17.12.2014, S. 38– 44. 492 ExI. Journalist. 493 Vgl. ebd. 494 Vgl. Hoffmann, Inszenierung, S. 270. 495 Ebd., S. 268. 496 Ebd. 6.5. Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund 109 Auffassung nach sind Indiskretionen „vielmehr spezifische, situationsgebundene Informationen von der politischen Hinterbühne, die durch ihre Publizierung eine ebenso spezifische wie unmittelbare Wirkung entfalten können.“497 Zugleich verweist Hoffmann darauf, dass die Wirkung von beiden Parteien (politischer Akteur / Journalist) durchaus überschätzt werden könne.498 Im Zusammenhang der BSE-Krise im Jahr 2001 erklärte die damalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Bündnis 90/Die Grüne) vor der Bundespressekonferenz, dass sie aus eigenem Willen von ihrem Amt als Ministerin zurücktritt. Elf Jahre später offenbart Fischer in der ARD-Dokumentation „Schlachtfeld Politik“, dass sie selbstverständlich nicht freiwillig zurückgetreten sei.499 Die Parteispitze der Grünen (u. a. Joschka Fischer, Fritz Kuhn, Jürgen Trittin), die sie einst in das Amt holten, wollten sie unter dem Vorwand der BSE- Krise loswerden. Ihr Ziel: Das unbeliebte Gesundheitsministerium mit dem Verbraucherschutzministeriums des Koalitionspartners (SPD) zu tauschen.500 Andrea Fischer vergaß, wie sie in der Dokumentation einräumt, ihre „Truppen“ bei den Grünen auf ihrer Seite zu versammeln, und ihr blieb nichts anderes übrig, als dem Drängen der Parteispitze unter massivem Druck nachzugeben und zurückzutreten.501 Die interessanteste Stelle im Interview mit Andrea Fischer in der TV-Dokumentation wurde bis heute nach eigenen Recherchen nicht – weder in der Fachliteratur noch von den Medien – aufgegriffen. Der Ausschnitt gibt tiefe Einblicke in die Zusammenarbeit von Politik und Medien und wie in Parteien intrigiert werden kann. Bewusst wird der Interviewauszug der brisanten Aussage Andrea Fischers zitiert, sodass sich der Leser dieser Arbeit ein unabhängiges Bild über den Inhalt der Kommentierung der ehemaligen Ministerin machen kann. 497 Ebd., S. 268f. 498 Vgl. Hoffmann, Inszenierung, S. 269. 499 Vgl. TV-Dokumentation: Lamby, Stephan, Schlachtfeld Politik. Die finstere Seite der Macht, ARD, 19.03.2012. 500 Vgl. Eckert, Georg u. a., Zwischen Macht und Ohnmacht, S. 283. 501 Vgl. TV-Doku, Schlachtfeld. 6. Das Hintergrundgespräch 110 Beginn des Interviewauszugs: Stephan Lamby, Schlachtfeldpolitik. Die finstere Seite der Macht, ARD, 19.03.2012. (Zeitabschnitt: 00:22:19–00:22:58) Interviewer ARD: „Ihr Rücktritt erfolgte am 09. Januar 2001.“502 Andrea Fischer: „Ja.“503 Interviewer ARD: „Tage vorher erscheinen Fotos von Joschka Fischer.“ [Anm.: Es wird im Film der Spiegel-Titel „Joschkas wilde Jahre. Wie gewalttätig war der Außenminister?“504 gezeigt. Fischer hat als Student in Frankfurt einen Polizisten geprügelt, was zuvor der Öffentlichkeit nicht bekannt war.) Andrea Fischer: „Mmh.“505 Interviewer ARD: „Und Joschka Fischer ist in der Klemme. Frau Fischer, gab es einen Zusammenhang?“506 Andrea Fischer: „Das haben Sie gesagt.“507 (schmunzelt) Interviewer ARD: „Gefragt.“508 Andrea Fischer: „Nein, es, hm (kurze Pause)… Es gibt niemanden, der dies in diesem Zusammenhang mir gegenüber behauptet hat. Ich, (kurze Pause), halte es durchaus für denkbar, dass es da einen Zusammenhang gegeben hat.“509 (kratzt sich an der Nase) Ende des Interviewauszuges Andrea Fischer hat nicht ausgeschlossen, dass es zwischen der Veröffentlichung der Bilder und ihr einen Zusammenhang gab. Somit ist nicht ausgeschlossen, dass sie eventuell als Intrigantin des Skandals fungierte. Außenminister Joschka Fischer kostete die Veröffentlichung der Bilder fast das Amt. Sollte Andrea Fischer es gewesen sein, so wäre ihr Motiv Rache gewesen. 502 Ebd. 503 Ebd. 504 Ebd. 505 Ebd. 506 TV-Doku, Schlachtfeld. 507 Ebd. 508 Ebd. 509 Ebd. 6.5. Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund 111 Die Platzierung der Intrige Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass die Informationen der Indiskretion „gerade nicht irgendwo in Kommentaren oder Hintergrundstücken ‚versteckt‘, sondern eben ‚hinausposaunt‘ werden“510 und „eine Folge politikinterner Konflikte“511 sind. In Hoffmanns Analyse zur Intrige führt ein politischer Akteur das Beispiel im Zeitraum der Nominierung bis zur Wahl Johannes Raus zum Bundespräsidenten auf.512 In diesem Zeitabschnitt tauchten plötzlich „Informationen über seinen Gesundheitszustand bis ins Detail“513 auf, „dass er [Anm.: Rau] gelegentlich Alterserscheinungen zeigt im ganz konkreten Umgang.“514 Der Befragte glaube hierzu „nicht, dass das in erster Linie journalistische Eigenleistungen waren, sondern dass dort Kollegen etwas gehört, etwas zugesteckt bekommen und transportiert haben. Sich in dem Sinne also auch haben instrumentalisieren lassen.“515 In der journalistischen Umgangssprache wird hierbei vom „Durchstechen“ von Informationen gesprochen. Keineswegs müssen diese Dolchstoß-Informationen der Wahrheit entsprechen. Bestes Beispiel ist hierfür der Fall der ehemaligen First Lady Bettina Wulff, der eine Rotlicht-Vergangenheit nachgesagt wurde. Die Behauptung soll in einem Hintergrundgespräch gefallen sein.516 Die Information, dass Bettina Wulff eine Rotlicht-Milieu-Vergangenheit gehabt habe, erwies sich jedoch als unwahr.517 6.5.1. 510 Hoffmann, S. 269. 511 Ebd., S. 273. 512 Vgl. ebd., S. 272. 513 Hoffmann, S. 272. 514 Ebd. 515 Ebd., S. 273. 516 Vgl. Polit-Talkshow Günther Jauch, Der Problempräsident – wie glaubwürdig ist Christian Wulff?, ARD 08.01.2012. 517 Vgl. Die Zeit / DAPD, Jauch beugt sich Bettina Wulff, Google nicht, ‹http:// www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-09/bettina-wulff-klage› am 22.03.2015. 6. Das Hintergrundgespräch 112 Auszug aus einem Spiegel-Interview mit Christian Wulff am 21.07.2014, wenige Wochen nach dessen Freispruch: „Wulff: […] ‚Stattdessen ist auch der Spiegel in Hannover herumgelaufen und hat einer angeblichen Rotlichtvergangenheit meiner Frau hinterherrecherchiert.’“518 „Spiegel: ‚Über die angebliche Rotlichtvergangenheit Ihrer Frau finden Sie im Spiegel kein Wort. Solche Gerüchte beflügelten eher die Fantasie Ihrer Parteifreunde in Niedersachsen …’“519 „Wulff: ‚Schön, das auch einmal aus Ihrem Munde zu hören. Bisher haben Journalisten unter Hinweis auf Quellenschutz ja immer geleugnet, dass es Durchstechereien sowohl aus der Staatskanzlei in Hannover als auch aus den Reihen der niedersächsischen Justiz gab. Leute wie der ehemalige Justizminister Bernd Busemann kommen jetzt in Erklärungsnot, und das ist auch richtig so.’“520 „Spiegel: ‚Wir haben mit Ihnen in der Vergangenheit nicht über unsere Quellen geredet und tun dies jetzt auch nicht. […]’“521 Elter und Raue stellen in ihrem Handbuch „Politik. Basiswissen für die Medienpraxis“ fest: „In politischen Krisenzeiten muss der Korrespondent bei Hintergrundgesprächen oder im Bierzelt also schon die Ohren sehr fest verschließen, um den Klatsch und Tratsch [von Politikern] über die eigene Parteiprominenz nicht zu hören.“522 Zugleich verweisen die beiden Politikwissenschaftler darauf, dass den Politikern hierbei durchaus bewusst sei, dass Journalisten mithörten.523 Folglich kommen die beiden Wissenschaftler zu der Erkenntnis: „Bisweilen werden Journalisten auf diese Weise gezielt instrumentalisiert. […] große und umfassende Recherchen beginnen häufig mit kleinen und fast nichtigen Indiskretionen. Der Journalist wird sozusagen auf die Fährte gesetzt und spürt ihr nach.“524 Zugleich kann u. a. das Instrument Hintergrundgespräch von den Mitarbeitern eines politischen Akteurs eingesetzt werden, um von medialer Seite auf den politischen Akteur Druck auszuüben, um ihn zur 518 „Diese Häme bringt uns nicht weiter“, in: Der Spiegel, H. 30, 21.07.2014, S. 19. 519 Häme, Spiegel, S. 19. 520 Häme, Spiegel, S. 19. 521 Ebd. 522 Elter, Andreas / Raue, Stefan, Politik. Basiswissen für die Medienpraxis, Köln 2013, S. 64. 523 Vgl. Elter, Andreas / Raue, Stefan, Politik. Basiswissen für die Medienpraxis, S. 64. 524 Elter/Raue, Basiswissen, S. 64. 6.5. Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund 113 Vernunft zu bringen, sollten sie bei ihrem Vorgesetzten bei bestimmten Themen kein Gehör mehr finden.525 Der Ansicht eines politischen Akteurs nach gibt es generell zwei Typen von Hintergrundgesprächen, entweder es werden dort Informationen offenbart, die eine neue Sachlage vorbereiten526 oder es werde dort „die politische Konkurrenz madig“527 gemacht. Dieses Urteil klingt sehr pauschal und stark heruntergebrochen. Hierbei wird nicht beachtet, dass Hintergrundgespräche als ein Mittel des gegenseitigen Kennenlernens genutzt werden. Zugleich erweist sich das Hintergrundgespräch als ein Instrument, die Stimmungs- und Gefühlslage eines politischen Akteurs besser einschätzen zu können, was nicht unbedeutend für die Berichterstattung ist. Werden geäußerte Abfälligkeiten eines politischen Akteurs für Nicht-Teilnehmer des Hintergrundgesprächs, aus welchen Gründen auch immer, erfahrbar, so muss hierbei unterschieden werden. „Entweder sie [Anm.: die Abfälligkeiten] verbreiten sich, ohne dass es in den Zeitungen kommt, das ist eine eigene Form von Gift, eine eigene Form von Wirkung. Wenn es dann umgekehrt empfindlich wird [Anm.: es wird in den Medien davon berichtet], dann kann man es am ehesten entschärfen.“528 Folglich kann von dem Betroffenen, über den gelästert wurde, ein Dementi folgen. Doch ob ein Dementi Schaden begrenzen kann, ist nicht sicher. Vom richtigen Umgang mit Intrigen & Lästereien Im Experteninterview erzählt ein politischer Akteur, wie eine Ministerin in einem Hintergrundgespräch von einer namhaften Parteikollegin hintergangen wurde. Vor Journalisten äußerte die Parteikollegin Bedenken, dass sie der Ministerin Reformverhandlungen mit dem Koalitionspartner nicht zutraue. Die von der Parteikollegin getätigten Äu- 6.5.2. 525 Vgl. ExI. Journalist. 526 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 527 Ebd. 528 ExI. Journalist. 6. Das Hintergrundgespräch 114 ßerungen im Hintergrundgespräch waren ein „enormer Überfaktor für ein oder zwei Tage bei diesen Verhandlungen.“529 Zugleich verweist der Experte darauf, dass das Instrument Hintergrundgespräch umgekehrt auch ein Mittel sei, diese gehegten Zweifel auszuräumen und die Journalisten für sich zu gewinnen. Sollte der Intrigant bekannt sein, was in diesem genannten Fall in Hintergrundgesprächen wiederum herausgefunden wurde, können der politische Akteur und dessen Team die Parteikollegin zur Rede stellen.530 Wird man allgemein von einem politischen Kontrahenten, etwa aus der eigenen Partei oder der Koalition angegriffen, ob im Hintergrund oder auf der Vorderbühne, so können der politische Akteur und dessen Team unter anderem im Hintergrundgespräch zum Gegenangriff starten. Im Hintergrundgespräch kann dann über die Politik des Konkurrenten „vom Leder gezogen werden“531 in Form von: „ […] der hat das nicht begriffen, das ist immer so, die Hälfte kriegt er nicht mit, die Hälfte hat er nicht verstanden.“532 Diese Methode ist sehr entschärfend und verwirrt zugleich den Journalisten, da dieser zwischen den jeweiligen Einschätzungen der Kontrahenten steht. Der Journalist muss dann den Wahrheitsgehalt der Aussagen überprüfen, was keine leichte Aufgabe ist.533 Gerade in einer noch sehr jungen Partei, die bereits einige Wahlerfolge feiern konnte, erhöht sich die Zahl an potenziellen Bewerbern um lukrative Spitzenämter immens. Generell kann gesagt werden, egal wie lange schon eine Partei besteht: „Wenn Sie in einer Partei, in einer Fraktion viele junge Leute haben, Frauen und Männer, die etwas werden wollen, die nutzen [das Mittel Hintergrundgespräch] exzessiv [, um zu intrigieren]. Da werden Forderungen gestellt, da werden auch Zusammenhänge hergestellt, die nicht immer koscher sind.“534 Die Chance, in führender politischer Position gestalten zu können, zieht viele Mitstreiter an. Vor allem bei recht jungen Parteien ist für 529 ExI. Politischer Akteur. 530 VGL ebd. 531 Ebd. 532 Ebd. 533 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 534 Ebd. 6.5. Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund 115 Journalisten nicht immer zu durchschauen, wer mit wem verbündet ist. Hintergrundgespräche helfen, um dies aufzuklären.535 Ein politischer Akteur erklärt sich die Beweggründe, warum in Hintergrundgesprächen gerade bei jungen Parteien so viel gelästert wird, folgendermaßen: „Also einmal ist das für viele erst einmal Dampf ablassen und politischer Wettbewerb, du willst eben bestimmte Leute diskreditieren, weil die besser dastehen als du oder weil die deiner Partei in deinen Augen großen Schaden zufügen oder weil die einfach gar nicht gehen, einfach weg sollten.“536 Auf die Nachfrage, ob politische Akteure auch zu zweit (oder mehreren) gegen die Personen vorgegangen seien, damit sich der Druck erhöhe, bejaht der politische Akteur.537 Abschließend kann aber gesagt werden, dass es nie für einen politischen Akteur von Vorteil ist, über Parteikollegen zu lästern. Gerade das Beispiel Christian Wulff bekräftigt dies. Michael H. Spreng erklärt im Experteninterview: „Christian Wulff war dafür bekannt, dass er in Hintergrundgesprächen gegenüber jedem anderen Spitzenpolitiker in der CDU gelästert hat, und das ist natürlich rausgekommen, das hat natürlich die Kanzlerin erfahren, das haben andere erfahren, was Wulff da sagt. Als er dann selbst in Bedrängnis war, hat es ihm natürlich geschadet und es sind ihm weniger beigesprungen.“538 Andreas Hoidn-Borchers schreibt im Stern aufgrund von Hintergrundinformationen hierzu: „Angela Merkel war immer klar, was sie an Wulff hat: einen Mann, auf den sie sich im Zweifel nicht verlassen kann. Sie ist ja nicht blöd. Oder blind. Natürlich hat sie immer gewusst, dass er in vertraulichen Gesprächen oder in SMS über sie lästerte; dass sein Schwiegersohn-Image nur eine schöne Fassade war. Deshalb schätzt sie Roland Koch. Der galt in der Öffentlichkeit als böser Bube und Politschurke, dem alles zuzutrauen ist. Aber wenn es darauf ankam, konnte sie auf ihn zählen. Bei Wulff war es eher umgekehrt.“539 535 Vgl. ebd. 536 Ebd. 537 Vgl. ebd. 538 ExI. Politischer Akteur / Journalist Spreng. 539 Hoidn-Borchers, Andreas, Falscher Mann am falschen Platz, ‹http://www.stern.de/ politik/deutschland/bundespraesident-wulff-falscher-mann-am-falschen-platz-1 777917.html› am 23.03.2015. 6. Das Hintergrundgespräch 116 Über die Belohnung für die Information „Die Beobachtung, dass ‚das Meiste einvernehmlich verläuft‘, lässt sich mit dem Tauschverhältnis Information gegen Publizität erklären“540, wie Hoffmann bezüglich der Indiskretion verweist. Hierbei unterscheidet er zwischen „‚alltäglichen‘ Indiskretionen, die dem Journalisten nützen, Quotes aus öffentlich abgeschirmten Räumen wie etwa einer Kabinettssitzung“541 herauszuholen, oder „aber auch ein echter ‚Aufreger‘, ein sogenannter Scoop.“542 Wie zwei Journalisten im Experteninterview bestätigen, sei eine gute Berichterstattung für den Intriganten in Form eines positiven Berichts oder Kommentars Teil des Geschäfts.543 Hoffmann stellt hierzu in seiner Analyse fest, dass eine „freundliche Berichterstattung“544 als Form einer Belohnung „zu einem späteren Zeitpunkt und in einem anderen thematische[n] Kontext“545 durchaus möglich sei, weiter stellt er fest, dass manch ein politischer Akteur allein schon die reine Veröffentlichung des „Aufregers“ oder „Scoops“ befriedige.546 Hinweise auf den Informanten einer Intrige Initiiert bzw. teilt ein politischer Akteur einem Journalisten (mehrere sind eher unwahrscheinlich) einen sogenannten „Aufreger“ mit, so kann der Informant in der Regel durchaus als Gegenleistung mit einer positiven Berichterstattung rechnen.547 Im Experteninterview erklärt hierzu ein Journalist, dass es völlig normal sei, dass eine Hand die andere wasche und ein regelrechtes Dealen stattfinde.548 Weiter führt der Journalist aus, dass es etwas für Feinschmecker sei, herauszulesen, wer 6.5.3. 6.5.4. 540 Hoffmann, Inszenierung, S. 271. 541 Ebd. 542 Ebd. 543 Vgl. ExI. Journalist. 544 Hoffmann, Inszenierung, S. 271. 545 Ebd. 546 Vgl. ebd. 547 Vgl. ebd. 548 Vgl. ExI. Journalist. 6.5. Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund 117 der Informant war.549 In Hoffmanns Experteninterviews erzählt ein Politiker: „Im Grunde genommen gilt doch der alte Grundsatz: Wer bei dem Journalisten gar nicht oder jedenfalls in einem zeitlichen Abstand von 8 bis 14 Tagen zu einem kritischen Thema freundlich erwähnt wird, […] der war der Informant.“550 Ein im Rahmen dieser Forschungsarbeit befragter Journalist merkt bezüglich der Informationshinweise auf den Informanten an: „Entweder steht der direkt im Text drinnen, dann aber nicht weiter vorne, weil das wäre zu auffällig, sondern im letzten Drittel: Kritisch äußerte sich auch der Experte, Wehrexperte XY oder aber der kriegt dann Wochen oder Monate später so irgendeine völlig unvorbereitete Hommage: Der Macher im Hintergrund, der Mann den niemand kennt, er hat das Ohr des Verteidigungsministers. So ein Scheiß eben, dann weiß man gleich, aha, da guck mal an, da schreiben wir uns gerade eine Quelle warm.“551 Wer folglich die Methoden und Vorgehensweise der Journalisten kennt, kann den Kreis der potenziellen Informanten möglicherweise verringern und gezieltere Vermutungen anstellen. Trotz alledem bleibt es dennoch Spekulation, wer die Quelle gewesen ist. Eine Ausnahme wäre, wenn jemand die Quelle verraten würde bzw. sich selbst verrät. Von der Lüge zur Nachricht Eine weitere Methode ist, als Journalist selbst eine Intrige zu initiieren. In einem Hintergrundgespräch, etwa mit einem Minister, kann der Journalist behaupten, dass eine Ministerin aus der eigenen Koalition über ihn schlecht geredet hat. Obwohl dies nicht der Tatsache entspricht, erhofft sich der Journalist von dem Minister als Reaktion eine abfällige Bemerkung, erhält er diese, kann der Journalist wiederum in einem Hintergrundgespräch der Ministerin die Äußerung des Ministers offenbaren. Äußert sich die Ministerin ebenfalls negativ über den Minister, kann der Journalist von einem Streit innerhalb der Koalition berichten, den er selbst initiierte.552 6.5.5. 549 Vgl. ExI. Journalist. 550 ExI. Journalist. 551 Ebd. 552 VGL. ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 118 Am besten ist es als Politiker, sich nicht auf das Niveau der Lästereien zu begeben. Eine sehr abgeschwächte Kommentierung in Form eines „das ist aber nicht sehr nett von Person XY“ lässt solche Versuche abperlen und selbst wenn die negativ geäußerten Sätze des politischen Akteurs stimmen sollten, so ist man gut beraten, nicht gleich zum Gegenangriff auszuholen. Journalisten merken sich genau, wie der politische Akteur im Hintergrundgespräch auf jene Situation reagiert. Ruhe bewahren ist sicherlich eine angebrachte Form als Reaktion. Wie man raffiniert auf den Spott eines Kollegen reagiert, bewies die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im September 2014. In einer SPD-Fraktionssitzung hatte der damalige Vizekanzler Sigmar Gabriel über die CDU-Politikerin gesagt: „selbst wenn von der Leyen im Kopierraum des Verteidigungsministeriums stehe, schaue sie in die Ferne und lasse sich fotografieren […]. Er spielte damit auf Fotos an, die von der Leyen zuletzt den Vorwurf eingetragen hatten, sich übertrieben in Szene zu setzen. Unter dem Gelächter der Abgeordneten fuhr Gabriel demnach fort: ‚Wenn ich am Kopierer stehe, guck ich runter auf das, was ich kopiere‘.“553 Die Aussagen Gabriels wurden an die SZ von Teilnehmern der Sitzung sinngemäß unter zwei herangetragen.554 Als von der Leyen um ein persönliches Statement gebeten wird, antwortet sie darauf sehr nüchtern: „Mir fällt bei Sigmar Gabriel auf, dass er keine inhaltliche Kritik hat. Und wenn er auf diese Ebene geht, dann wird das seinen Grund haben.“555 Welchen Grund Gabriel ihrer Meinung hat, nennt sie jedoch nicht. Im politischen Berlin wurde von der Leyen lange als potenzielle Nachfolgerin Merkels gehandelt. Fragen in einem Hintergrundkreis auf ihre potenziellen Kanzleroptionen widersprach von der Leyen vehement.556 Ein Teilnehmer eines Hintergrundkreises, bei dem von der Leyen zu 553 Hickmann, Christoph, Gabriel und Seehofer kritisieren von der Leyen, ‹http:// www.sueddeutsche.de/politik/waffenlieferung-in-den-nordirak-gabriel-undseehofer-kritisieren-von-der-leyen-1.2113529› am 29.03.2015. 554 Vgl. ebd. 555 SZ: Wenn er sich auf diese Ebene begibt, dann wird das seinen Grund haben, ‹http://www.sueddeutsche.de/politik/ursula-von-der-leyens-reaktion-aufsigmar-gabriel-wenn-er-auf-diese-ebene-geht-wird-das-seinen-grund-haben-1.2 115821› am 29.03.2015. 556 Vgl. ExI. Journalist. 6.5. Die Intrige: Ein listiges Manöver im Hintergrund 119 Gast war, sei kritisch in das Hintergrundgespräch mit von der Leyen gegangen, doch die damalige Ministerin überzeugte: „Die hat in einer Weite ehrlich über sich geredet, da war ich platt, da dachte ich, das traut die sich?“557 Auf die Nachfrage, ob sie über sich auch negativ etwas erwähnt habe, verneint der Journalist.558 Sie sei einfach sehr offen gewesen und „auf eine Weise, die weiß genau, wenn man diese Offenheit rühmt, rühmt man sie gleichzeitig.“559 Der Meinung des Journalisten nach ging die damalige Ministerin positiv aus diesem Gespräch heraus.560 Politische Akteure müssen wachsam sein und gut überlegen, was sie in Hintergrundgesprächen erzählen, und dies zu jeder Tageszeit. Eine hundertprozentige Sicherheit für die Verschwiegenheit der Journalisten gibt es nicht. Ein Jahr vor der Bundestagswahl deutete der SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier in einem Hintergrundgespräch zu später Stunde vor mehreren Journalisten seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 2013 an.561 Über Wochen spekulierten die Medien, wer der Herausforderer von Merkel werde. Parteiintern war die Entscheidung bereits gefallen, dass Peer Steinbrück für die SPD antritt, doch genaue Details sollten hierzu noch besprochen werden.562 „Über Nacht von einem Donnerstag auf einen Freitag raste die Lawine zu Tal“563, wie rückwirkend zwei Jahre später Peer Steinbrück im Interview mit dem Spiegel jene Nacht beschreibt, als die Informationen von den Journalisten aus dem Hintergrundgespräch verbreitet wurden. In einer Talkshow wenige Tage nach dem Spiegel-Interview vom 7. März 2015 kritisiert Steinbrück die „politische Inkontinenz“564 der Berliner Journalisten und erklärt, dass „Hintergrundgespräche [mittlerweile] eine Haltbarkeitsdauer von höchs- 557 Ebd. 558 Vgl. ebd. 559 Ebd. 560 Vgl. ebd. 561 Vgl. „Mein Fehler“, in: Der Spiegel, H. 11, 07.03.2015, S. 28. & Kurbjuweit, Dirk, Alternativlos, Merkel, die Deutschen und das Ende der Politik, München 2014, S. 66. 562 Vgl. ebd. 563 Mein Fehler, Spiegel, S. 28. 564 Talkshow, 3 nach 9, Radio Bremen vom 27.03.2015, ‹http://www.radiobremen.de/ fernsehen/3_nach_9/index160.html› am 29.03.2015. 6. Das Hintergrundgespräch 120 tens zwei zehntel Sekunden haben.“565 Es war ein sehr unglücklicher Start für Steinbrück, der von einer Pannenserie den ganzen Wahlkampf hindurch verfolgt wurde. Letztlich erhielt die SPD nur 25,7 Prozent an Wählerstimmen.566 Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme Gerade bei Hintergrundgesprächen mit mehreren Teilnehmern, wo brisante Inhalte von politischen Akteuren zur Sprache kommen, die veröffentlicht werden dürfen, ist es wichtig, dass sich die Journalisten über den Erscheinungstermin (inklusive Uhrzeit) einigen. Ein Mitglied eines Hintergrundkreises erklärt, warum diese gemeinsame Abstimmung wichtig ist: „Normalerweise macht man das dann so, wenn das freigegeben ist, dann warten die Online-Kollegen bis zum Redaktionsschluss der anderen Kollegen [Anm.: der Printjournalisten der Tageszeitungen]. Also dann warten sie bis zum Nachmittag des nächsten Tages, so dass die anderen auch die Chance haben, vor ihren Chefredaktionen zu glänzen – und sagen können, das und das haben wir, und diese Nachricht kommt dann zeitgleich. Also, wenn sie ihre Texte für die Zeitung am nächsten Tag abliefern, dann lief das online auch.“567 Kollegen einweihen oder nicht Gerade bei Hintergrundgesprächen mit mehreren Teilnehmern von Konkurrenzmedien müssen Journalisten darauf achten, welche Fragen sie dort stellen. Recherchiert etwa ein Journalist gerade an einer exklusiven Geschichte, so wird er nicht vor den Medienvertretern der Konkurrenz sein Wissen offenbaren. Zurückhaltung ist in diesem Fall an- 6.6. 6.6.1. 565 Talkshow, 3 nach 9. 566 Vgl. Der Bundeswahlleiter, Titel, ‹http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_13/presse/w13034_Endgueltiges_amtliches_Ergebnis.html› am 29.03.2015. 567 ExI. Journalist HP * Journalisten anderer Verlage, Fernseh- bzw. Radiosender, Online-Medien. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 121 gebracht. Der Journalist sucht in diesem Fall bewusst das Gespräch unter vier Augen und erhofft sich dabei neue Informationen bzw. Reaktionen. Wie sich in den Experteninterviews herausstellte, handhaben Journalisten den Umgang mit Informationen aus Hintergrundgesprächen gegenüber ihren eigenen Kollegen unterschiedlich. Ein Journalist erklärt, dass er Informationen aus einem Vier-Augen-Hintergrundgespräch mit dem Kanzler für sich behielt. Musste er sich in der Redaktion für Informationen in einem seiner Artikel rechtfertigen, so konnte er sagen, dass er einfach wisse, wie der Kanzler denke, ohne weitere Angaben zu machen. Ob man aus einem Vier-Augen-Hintergrundgespräch als Journalist die unter drei herangetragenen Informationen von einem politischen Akteur mit seinen Redaktionskollegen austauscht, ist abhängig von vier Punkten: – der generellen Haltung der Redaktion im Umgang mit Hintergrundinformationen, – der beruflichen Position des jeweiligen Journalisten: Chefredakteur, Redaktionsleiter, Büroleiter, Redakteur – meist wissen diejenigen mehr, die eine hohe berufliche Stellung als Journalist haben – eine bedeutende Anerkennung gehört auch dazu, – der jeweiligen Brisanz der mitgeteilten Information und – schließlich, das ist das Wichtigste, der eigenen Haltung des Journalisten, er kann auch zu allem schweigen, obwohl er etwas weiß, wie etwa Hartmut Palmer beim Spiegel, als er von Bölling die Sensation erfuhr. Ein Journalist merkt bezüglich des Nicht-in-Kenntnis-Setzens seiner eigenen Kollegen über Hintergrundinformationen kritisch an: „Ist doch bescheuert, wenn ich meinen eigenen Kollegen etwas vorenthalte an Herrschaftswissen. Entweder ich kann es gebrauchen, dann muss ich es eh schreiben, oder ich kann es nicht gebrauchen, dann ist es nicht wichtig. Es wäre doch bescheuert, okay, ja gut, es gibt so welche, die ihre eigenen Kollegen als ihre schärfsten Konkurrenten betrachten, ich halte es für unschlau.“568 Auf Nachfrage, wie der Umgang als Jour- 568 ExI. Journalist. 6. Das Hintergrundgespräch 122 nalist mit Hintergrundinformationen gehandhabt wurde, verweist dieser zugleich auf das Redaktionsgeheimnis.569 Hierzu stellt er vorab fest: „Also ich finde es etwas gespenstisch, wenn ich nicht einmal meinen eigenen Kollegen vertrauen kann. Also ich halte große Stücke auf das Redaktionsgeheimnis und das gilt für alles, was in der Redaktion besprochen wird, nicht nur untereinander, sondern auch über Informanten, auch über Dritte usw., sonst kann ich ja gar nicht arbeiten. Ich bin beim Spiegel sehr, sehr teamorientiert sozialisiert worden und wenn wir dann im letzten Moment große Titelgeschichten, also wenn es Donnerstagabend hieß, bis Freitagmorgen liegt eine große Titelgeschichte, ›Kohl kaputt‹ oder was wir da schreiben mussten, dann lief das so, dass jeder Kollege, drei, vier Seiten geschrieben hat, was er gehört hatte. Und das eine kam aus Washington, das andere von der deutschen Botschaft in den USA, irgendetwas über das Auswärtige Amt, Genscher, Koalition, Kinkel oder weiß der Geier was, der andere wusste etwas über die CSU oder sonst irgendwen, und die Landesbüros über Hessen, so und wenn ich derjenige war, der diese Titelgeschichte zusammenschreiben musste, dann hatte ich da einen Berg von 20 Zulieferungen aus der ganzen Welt, von ganz klein, von ich sag mal, damals gab es, glaube ich, auch ein Redaktionsbüro in Mainz und da fuhr dann einer abends sogar um den Kanzlerbungalow rum und guckte, ob Licht brannte oder die Limousine vorgefahren war, damit man wusste, war Kohl in Bonn oder sonst irgendwo. Wir reden jetzt nicht von Spionagetätigkeit, sondern von ganz stinknormaler Recherche und da wurde alles zusammengeworfen auf einen Haufen und das gab dann eine Titelgeschichte. So habe ich das gelernt! Wenn die Kollegen ihre kleinen Wissenskrümel für sich behalten hätten, wie will man da für sich eine Geschichte schreiben? Dann kann man eine Sammlung von 30, 40 Kurzmeldungen haben, die alle extrem irrelevant sind. Gut. Oh Gott, wie bin ich froh, dass ich das damals erleben durfte.“570 Die soeben genannte Schilderung des Journalisten macht sehr deutlich, dass der Umgang mit Hintergrundinformationen dem Verständnis der Zusammenarbeit einer Redaktion geschuldet ist und ob 569 Vgl. ebd. 570 ExI. Journalist. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 123 Artikel und Berichte gemeinsam im Team verfasst werden oder von einem Journalisten als alleiniger Autor. Um als Journalist so viele Hintergrundinformationen wie möglich zu erhalten, sind einige Medienvertreter mehreren Hintergrundkreisen angehörig. Ein Journalist kritisiert die Geschwätzigkeit einiger Journalisten im Experteninterview: „[…] Natürlich heißt unter drei an und für sich, wir zitieren nicht daraus und wir reden es auch nicht rum. Wir erzählen es nicht weiter. Es gibt schon die, die das so handhaben, wir schreiben nicht darüber, aber wir quatschen es überall rum, aber das ist nicht die Idee, da wird dann gegen die Regel verstoßen.“571 Fast alle Befragten merken an, wie bereits Hartmut Palmer in seinem Nachruf über Klaus Bölling schrieb, dass – im Gegensatz zu Bonn – in Berlin die Journalisten geschwätziger seien und weniger für sich behalten können.572 Ein politischer Akteur verweist darauf, wenn die Regel der Information unter drei gebrochen wird, dass er beim nächsten Mal automatisch weniger erzähle.573 Ein anderer Journalist ist jedoch der Meinung, dass die politischen Akteure es bereits gewohnt seien und wissen würden, dass die Informationen aus dem Hintergrundkreis herumerzählt werden.574 Eine Methode, die Regel unter drei zu umgehen, ist, einfach einen Kollegen über jene Informationen berichten zu lassen, der nicht am Hintergrundgespräch mit mehreren Journalisten teilgenommen hat.575 Stammt der Kollege von der eigenen Redaktion, so kann man dem politischen Akteur als Rechtfertigung sagen, dass der Kollege in einem Gespräch über das weitere Vorgehen der Berichterstattung vergessen hatte, dass die Information unter drei gegeben wurde. Eine weitere Option, wie ein Journalist im Experteninterview erzählt, sei auch, wenn man einfach einen Praktikanten die Sache schreiben lasse, „die hauen alles raus“.576 571 Ebd. 572 Vgl. Palmer, Der beste Regierungssprecher aller Zeiten. 573 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 574 Vgl. ExI. Journalist. 575 Vgl. ebd. 576 ExI. Journalist. 6. Das Hintergrundgespräch 124 Wenn die Quelle plötzlich der Journalist wird Nach Hoffmann entsteht eine „kaum legitimierbare Intransparenz […] dagegen im Quellenumgang.“577 Der Journalist schützt seine Quelle, „indem er sich selbst zum Vater des Gedanken erklärt.“578 Hierzu beschreibt ein Journalist im Experteninterview mit Hoffmann, dass das dann im Kommentar die Information bzw. Meinung des politischen Akteurs, die des Journalisten werde.579 Für die Öffentlichkeit ist der eigentliche Ursprung des Gedankens der Meinung nicht erkennbar. Hoffmann führt weiter aus: „Der Journalist wird zu seiner eigenen Quelle und kann auf diese Weise politisch-analytischen Sachverstand inszenieren. Dadurch wird ausgerechnet diejenige Darstellungsform, welche wie keine andere Freiheit und Unabhängigkeit der Medien symbolisiert, zum Produkt einer dissimulierten Nähe zwischen Politik und Journalismus. Dementsprechend liegt es nahe, die Kommunikationsstruktur von Hintergrundkreisen als politische Vereinnahmung zu deuten.“580 Zum letzten genannten Punkt muss angemerkt werden, dass nicht nur in Hintergrundkreisen eine konsensuale Vereinnahmung stattfindet, sondern auch in den Hintergrundgesprächen, die in keinem Kreis geführt werden. Mit der Opposition über Bande spielen – Geheime Absprachen „Das Zusammenspiel zwischen Politikern und Journalisten zeigt sich zum Beispiel dann, wenn die Opposition bestimmte Informationen aus dem Parlament oder Ausschüssen an Journalisten weitergibt, um sie damit zu weiteren Recherchen zu bewegen.“581 Elter und Raue weisen darauf hin, dass auch Journalisten aufgrund von „Nachfragen oder Hinweisen […] ‚kleine oder große Anfragen‘ im Parlament“582 initiieren können. Diese Methode ist eine Möglichkeit, die Regierung den- 6.6.2. 6.6.3. 577 Hoffmann, Inszenierung und Interpenetration, S. 265. 578 Ebd. 579 Vgl. ebd. 580 Ebd., S. 265f. 581 Elter/Raue, Politik. Basiswissen, S. 58. 582 Ebd., S. 58f. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 125 noch zu einer Erklärung zu bewegen, da sie aufgrund der Kontrollfunktion des Parlaments verpflichtet ist, Antworten auf die jeweiligen Anfragen zu geben. Der Austausch und die Absprachen der Journalisten gemeinsam mit der Opposition finden überwiegend in Hintergrundgesprächen statt, dort wird die Sachlage besprochen und das Vorgehen abgestimmt. „Das Zusammenspiel zwischen Opposition und Journalisten“* haben Elter und Raue in einer Grafik verdeutlicht, die im Anhang auf Seite 166 abgebildet ist. Von der Herausforderung des richtigen Umgangs mit Hintergrundinformationen Der Umgang mit unter zwei und drei gegebenen Hintergrundinformationen ist für Journalisten mit einem Drahtseilakt zu vergleichen. Einerseits will der Journalist aus den erhaltenen Informationen den größten Nutzen für seine Arbeit ziehen und so viel wie möglich an Inhalten in seinen Bericht einfließen lassen, auf der anderen Seite will er seinen Informanten nicht hintergehen und kann dadurch nicht allzu konkrete Angaben machen. Trotz bester Absicht und eines guten Vertrauensverhältnisses zwischen einem politischen Akteur und einem Journalisten kann es durchaus vorkommen, dass der Journalist mehr an Inhalten aus einem Hintergrundgespräch veröffentlicht als dem politischen Akteur lieb ist. Zugleich kann es vorkommen, dass sich der Politiker der Tragweite seiner in einem Hintergrundgespräch getätigten Äußerung gar nicht bewusst ist. Diese Mischung sowie eine Gesprächsführung ohne die Verwendung des klaren Benennens der Regel unter zwei und unter drei brachten Willy Brandt Mitte der 1980er schwer in Bedrängnis. Der ehemalige Zeit-Journalist Gunter Hofmann erzählt im Experteninterview, wie er während des Wahlkampfes im Jahr 1986 den SPD- Parteivorsitzenden Brandt in dessen Feriendomizil in Südfrankreich besuchte. Brandt und Hofmann pflegten seit Jahren ein sehr vertrauensvolles Verhältnis und tauschten sich regelmäßig aus. Hierbei war Brandt stets sehr offen und ließ an seiner Gefühlslage den Journalisten 6.6.4. * Titel der Grafik von Elter und Raue 6. Das Hintergrundgespräch 126 teilhaben. Einmal offenbarte Brandt Hofmann, dass er es als eine Bürde empfand, als Parteivorsitzender ständig in das SPD-Parteihaus zu müssen. Während der Treffen machte sich Hofmann unter Zustimmung seines Gegenübers immer Gesprächsnotizen. Im Gespräch verfolgte er die Methode zu deuten, was seine Gesprächspartner ihm vertraulich mitteilten und aus welchen Gesprächsinhalten er zitieren darf. Das Ankündigen der Regeln unter zwei und drei wurden in den Gesprächen, die Hofmann führte, nicht angewandt. Zur Absicherung, welche Aussage er lieber nicht zitiert, vergegenwärtigte sich Hofmann. Im Gespräch mit Hofmann im Sommer 1986 sinnierte Brandt über das Wahlziel des SPD-Kanzlerkandidaten Johannes Rau. Öffentlich strebte Rau die absolute Mehrheit seiner Partei an, was nach Ansicht der Bonner Journalisten und Demoskopen utopisch war. Hofmann wollte von Brandt erfahren, wie er darüber dachte, war doch innerhalb der SPD Raus angestrebtes Wahlziel umstritten. In Südfrankreich sagte Brandt, dass 43 Prozent für die SPD doch auch ein ausgesprochen schönes Wahlergebnis sei. Zurück in Deutschland schrieb Hofmann jenen Artikel, über dessen Inhalt Rau bis zu seinem Tod verärgert war.583 Im Experteninterview erklärt Hofmann seinen Umgang mit den erhaltenen Informationen Brandts: „Ich habe in dem Stück aufgeschrieben, wie ich es immer gemacht hatte: in indirekter Wiedergabe des Gesprächs mit den Gesamtthemen und direkter Wiedergabe, wo ich manches in Quotes [Anm.: Anführungszeichen] setzte, eigentlich nur, um klar zu machen, dass ich mir das nicht alles aus den Fingern sauge. Dann habe ich das so wiedergegeben und dann gab es eben einen riesen Wirbel.“584 Hofmann zitierte indirekt die Aussage Brandts in der Wochenzeitung „Die Zeit“ folgendermaßen: „Auch 43 Prozent für seine Partei, so hört man bei Willy Brandt heraus, wären bei der Ausgangslage (1983: 38,2 Prozent) ein schöner Erfolg.“585 Nachdem der Artikel in der Zeit veröffentlicht wurde, führte Brandts Bemerkung zu einer großen Diskussion innerhalb der SPD. Als direkt nach der Veröffentlichung Hofmann auf dem SPD-Parteitag in Nürnberg Brandt im Lobbybereich trifft, sagt der SPD-Vorsitzende zu ihm: „Herr Hofmann, ich muss Ihnen 583 VGL. ExI. Journalist Hofmann. 584 ExI. Journalist Hofmann. 585 Hofmann, Gunter, Mit fröhlicher Entschlossenheit, in: Die Zeit, Nr. 31, 25.07.1986. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 127 sagen, ich musste das dementieren. Ich hoffe, Sie können damit leben, ja? Es ging nicht anders.“586 Hofmann, der durch Brandt direkt vom Dementi erfuhr, sagte: „Ich muss erst lesen, wie Sie dementiert haben.“587 Brandt rechtfertigte sein Handeln gegenüber Hofmann: „[…] der Johannes, ich wusste gar nicht, wie der reagiert, der betrachtet das offenbar als Dolchstoß, dabei wollte ich ihm ja nur helfen.“588 Hofmann erklärt hierzu im Experteninterview: „Also Brandt fiel aus allen Wolken [Anm.: bzgl. Raus Verärgerung] und er hat dann in der Öffentlichkeit irgendeine Formel benutzt, mit der ich in der Tat leben konnte. Es hätte auch Formeln gegeben, wo ich gesagt hätte: So nicht. Ich war ja dem Brandt nicht verpflichtet, er hat eine Formel genutzt, die sinngemäß lautete, das ist eine missverständliche Äußerung, die bei uns im Gespräch zwischen uns entstanden ist, aber vertraulich bleiben sollte, aber das war alles Quatsch. Später hat Brandt in einem Erinnerungsbuch, das ist auch typisch Brandt, das dann ehrlich geschrieben.“589 Das Dementi Brandts zeigte jedoch keine Wirkung. Die Journalisten anderer Medien glaubten den Inhalten in Hofmanns Artikel, zugleich verbreitete Rau die Legende eines Dolchstoßes Brandts.590 Hätte Rau das Dementi angenommen, so hätte Brandts Relativierung mehr Gewicht gehabt. Doch Raus gezielte Verbreitung des vermuteten Dolchstoßes befeuerte die Debatte über das angestrebte Wahlergebnis. Negativer Nebeneffekt war zugleich die Diskussion über das zerrüttete Verhältnis zwischen Brandt und Rau. Wann immer Rau in Bonn und später in Berlin als Bundespräsident Hofmann begegnete, begrüßte er den Journalisten mit „Mr. 43 Prozent“.591 Bei der Bundestagswahl, die am 25. Januar 1987 stattfand, erhielt die SPD lediglich 37 Prozent.592 Bis zuletzt war Rau der Auffassung, dass die Aussage Brandts zum Wahl-Debakel erheblich beitrug und Kohl schließlich die Wiederwahl bescherte. 586 ExI. Journalist Hofmann. 587 Ebd. 588 Ebd. 589 Ebd. 590 Vgl. ebd. 591 Vgl. ExI. Journalist Hofmann. 592 Vgl. Der Bundeswahlleiter, ‹http://www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/fruehere_bundestagswahlen/btw1987.html› am 29.03.2015. 6. Das Hintergrundgespräch 128 Dieses Beispiel zeigt sehr gut, welche große Verantwortung Journalisten gegenüber der Verwertung von Informationen aus Gesprächen haben, die sehr offen geführt werden und bei denen nicht eindeutig die Regeln unter zwei und drei verwendet werden. Gerade durch die bewusste Nicht-Anwendung der Regeln während des Gesprächs verschaffte sich Hofmann die Lage, unabhängiger über das Gesagte seines Gesprächspartners schreiben zu können. Brandt hatte sich zu wenig Gedanken über die Dimension seiner abgegebenen Einschätzung gemacht, die zu großem Missmut innerhalb der SPD führten. Hätte Brandt Hofmann lediglich gesagt, dass das Wahlziel Raus sehr ambitioniert sei, oder Hofmann von sich aus die Aussage über die 43 Prozent in seinem Artikel abgeschwächt zum Ausdruck gebracht, wäre die Verärgerung Raus sicherlich milder ausgefallen. Nicht selten sind politische Akteure über Berichte, denen ein Hintergrundgespräch mit einem Journalisten vorausging, verstimmt. Gerhard Schröder antwortete in einem Hintergrundgespräch auf die Frage, ob die Agenda 2010 zu wenig erklärt werde: „Hört doch mal auf, ihr mit eurem Edition-Suhrkamp-Denken, man kann nicht alles hoch und runter erklären, das muss gemacht werden, basta!“593 Folglich schrieben einige Journalisten, dass Schröder es nicht für notwendig halte, seine Agenda zu erklären, und Forderungen danach als intellektuelles Geschwafel abtue.594 Nach den Berichten war Schröder beleidigt, da er der Auffassung war, dass die Journalisten diese geäußerte Reaktion von ihm im Gespräch nicht hätten schreiben müssen.595 In Schwierigkeiten kam Bundeskanzler Helmut Kohl, als er in einem Hintergrundkreis der Aussage des CSU-Abgeordneten und innenpolitischen Sprechers Hermann Fellner zustimmte,596 dass „[…] ‚die Juden sich zu schnell meldeten, wenn irgendwo in deutschen Kassen Geld klimpere […].‘“597 Über die Bemerkung Fellners, die im Zusammenhang israelischer Entschädigungsforderungen für jüdische 593 ExI. Journalist. 594 Vgl. ebd. 595 Vgl. ebd. 596 ExI. Journalist. 597 Bergmann, Werner, Antisemitismus in öffentlichen Konflikten. Kollektives Lernen in der politischen Kultur der Bundesrepublik 1949–1989, Frankfurt am Main 1997, S. 441. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 129 Zwangsarbeiter fiel, da die Rüstungsfirma Flick einen Millionenauftrag mit dem Iran abschloss, entbrannte eine heftige Kontroverse.598 Journalisten des Magazins der Spiegel, die nicht am Hintergrundgespräch mit Kohl teilnahmen, erfuhren von den unter drei verlauteten Aussagen des Kanzlers und veröffentlichten sie in ihrem Blatt.599 Hierzu ein Artikel aus der SZ vom 28.01.1986: „Laut SPIEGEL soll Kohl gesagt haben, wie Fellner denke die überwiegende Mehrheit der Deutschen. Darüber solle sich bloß niemand täuschen, Antisemitismus sei das aber nicht. Außerdem soll Kohl zu Fellner gesagt haben: ‚Bitte formulieren Sie nicht so“, eine Äußerung, die ihm in den Medien viel Kritik einbrachte.‘ “600 Kohls Regierungssprecher Friedhelm Ost dementierte den Spiegel-Bericht als „falsch und frei erfunden“.601 Im Experteninterview entgegnet dem Dementi ein Journalist: „Der Kohl hat dann in einem Hintergrundgespräch gesagt, ‚die Mehrheit der Deutschen denkt so.‘ Der findet das ganz gut, dass er [Fellner] das gesagt hat. Das wurde dann von irgendjemanden [vom Spiegel] zitiert, riesen Aufregung, als würde er [Kohl] sagen, da kann man nichts machen, die Deutschen denken so – aber das war nicht so. Das hat Kohl dementiert, dass er das jemals gesagt hatte. Ich weiß, dass er das gesagt hatte, eine Reihe von Leuten wusste das. Dann kam das Dementi, Ende, Schluss.“602 Direkt nach Motiv und Ziel fragen Um Missverständnisse zu umgehen, erklärt ein Journalist im Experteninterview, „[…] hilft es durchaus, auch mal im offenen Gespräch zu fragen, was kann ich davon verwenden oder was ist Ihre Motivlage? Niemand von ihnen verlangt ja, dass man das immer nur auf dem Wege des Gestenlesens herausfinden muss, wenn sie jetzt von einer Partei sind, was ist, was kann ich Ihnen Gutes tun, was wollen Sie erreichen 6.6.5. 598 Vgl. Entnommen aus: Bergmann, Antisemitismus, S. 144. 599 Vgl. ExI. Journalist. 600 Entnommen aus: Bergmann, Antisemitismus, S. 144. / Ursprungsquelle: SZ vom 28.01.1986. 601 Bergmann, Antisemitismus, S. 144. 602 Ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 130 oder ganz nass kann man vorsichtig sagen, und wenn jetzt Sie einen Artikel schreiben würden, was würde denn da drinstehen? Das heißt ja nicht, dass ich das dann mache, aber ich kann mir dann zumindest mal ein Motivationsbild des anderen zusammenreimen.“603 Durch die geäußerten Reflexionen des Politikers, der sich für kurze Zeit in den Journalisten hineinversetzt, muss der Journalist weniger aus den Gesprächsinhalten interpretieren, da die Motive klar benannt werden. Selbstverständlich kommt es auch darauf an, wie offen der politische Akteur ist. Sicherlich ist diese Form der Methode ein raffinierter Zug, die Motive des politischen Akteurs zu offenbaren. Doch wie geht ein Journalist am besten mit Gesprächsinhalten um, wenn ein politischer Akteur eine Situation völlig falsch einschätzt und aufgrund seines Alters bereits Zeichen von Senilität aufweist? Einem Journalisten, der im Rahmen eines Buchprojekts mit einem ehemaligen Politiker intensive Gespräche führte, erging dies so. Als der Politiker wenige Zeit später vor der Beendigung des Buches verstarb, konnte der Journalist sich nicht mehr absichern, welche kritischen Stellen lieber nicht erscheinen sollen. Um mit bestem Gewissen zu handeln, versuchte sich der Journalist in den politischen Akteur hineinzuversetzen, wie dieser wohl das Buch autorisieren würde. Bei der Autorisierung achtete der Journalist dabei darauf, ob jene Textstellen wirklich im Sinne des Politikers seien – jenseits der damaligen vorhandenen Alterssenilität während der Gespräche. Der Einschätzung des Journalisten im Experteninterview zufolge sei die Autorisierung eine Gratwanderung im Graubereich gewesen, da er etwas zu sehr zu Gunsten des Politikers autorisierte und brisante Passagen teils entschärfte.604 Die Methode, sich in seinen Gesprächspartner hineinzuversetzen und sich in ihm zu spiegeln, ist ein gutes Mittel, sich die Beweggründe und Ambitionen des politischen Akteurs zu vergegenwärtigen. Zugleich verschafft diese Methode auch ein besseres Verständnis für die jeweilige Situation des anderen. Es steht außer Frage, je mehr ein Journalist über einen politischen Akteur weiß und daneben über viele Hin- 603 ExI. Journalist. 604 Vgl. ExI. Journalist. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 131 tergrundinformationen verfügt, umso besser kann der Journalist dessen Handeln nachvollziehen. Vorbeugende Maßnahmen – Abrechnungshandhabung Bei Hintergrundgesprächen im Restaurant oder im Café sollten politische Akteure gerade, wenn es um Geheimdienstinformationen geht, den Journalisten bitten, sich nicht auf die Rechnung schreiben zu lassen. In der Regel müssen nämlich Journalisten auf ihrem Abrechnungsformular für Speisen und Getränke, das sie der Finanzstelle ihrer Redaktion zukommen lassen, den jeweiligen eingeladenen Gast sowie den Grund des Treffens benennen. Erst nach der Einreichung und Nennung aller Angaben erhält der Journalist sein ausgelegtes Geld zurück. Dieser der Transparenz geschuldete Schritt, dem Missbrauch falscher Abrechnungen vorbeugen zu wollen, erweist sich jedoch als Schwierigkeit in Sachen Quellenschutz für den Journalisten. Im Experteninterview gibt ein Journalist zu, folglich in der Rechnung andere Angaben gemacht zu haben.605 Die Sicherheit seiner Quelle war ihm in diesem Falle wichtiger als potenzieller Ärger wegen falsch ausgefüllter Rechnungen mit der Finanzstelle.606 Dieser Schritt ist angesichts der Tragweite verständlich, sonst könnten Geheimdienste gezielt Recherchen nach dem Quellengeber anstellen. Die Rechnung mit dem Namen des Informanten sowie der Grund des Gesprächs könnten im Rahmen einer Durchsuchung gefunden werden. Der Schutz der Presse ist, wie etwa die zerstörten Festplatten des Guardian durch britische Agenten im Rahmen der Snowden-Affäre oder die Durchsuchungen der Redaktionsräume des Cicero im Zusammenhang eines Berichts über geheimdienstliche Informationen über einen Al-Qaida-Terroristen, auch nicht immer gewährleistet. Akute Vorsicht ist daher einmal mehr nötig. Journalisten müssen sich zugleich sehr gut überlegen, welche vertraulichen Informationen sie einem politischen Akteur im Hintergrundgespräch mitteilen. Nicht nur Journalisten können unter drei ge- 6.6.6. 605 Vgl. ebd. 606 Vgl. ebd. 6. Das Hintergrundgespräch 132 gebene Informationen weitertragen, nein, auch Politiker. Gerade bei Themen von großer politischer Brisanz fällt es auch politischen Akteuren schwer, sich an die Bitte von Journalisten zu halten und über für sie neue vertrauliche Inhalte aus einem Hintergrundgespärch zu schweigen. So erging es auch dem damaligen CDU-Generalsekretär Volker Rühe, als er im Jahr 1990 kurz vor der ersten freien Wahl der DDR-Volkskammer von einem Journalisten in einem Hintergrundgespräch eine brisante Information erfuhr.607 Der Journalist erzählte Rühe im Vertrauen, dass der Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs, Wolfgang Schnur, ein IM der Staatssicherheit war.608 Rühe reagierte entsetzt und schlug die Bitte des Journalisten mit folgenden Worten aus: „Ha, für mich behalten, drei Tage vor der Wahl“.609 Unverzüglich informierte Rühe Bundeskanzler Helmut Kohl, der schließlich den Berliner CDU-Politiker Eberhard Diepgen darüber in Kenntnis setzte.610 Diepgen forderte offiziell den Rücktritt Schnurs, der letztlich erfolgte.611 607 Vgl. Osang, Alexander, Im nächsten Leben. Reportagen und Porträts, Frankfurt am Main 2012, S. 66. 608 Vgl. ebd. 609 Ebd. 610 Vgl. ebd. 611 Vgl. ebd., S. 66f. 6.6. Die journalistische Gratwanderung: Strategien und Taktiken zur Einflussnahme 133

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Zusammenfassung

Hintergrundgespräche sind längst ein fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Der informelle Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Das Hintergrundgespräch unterliegt klaren Regeln, an die sich alle Teilnehmer halten müssen. Doch weil es im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, steht es in der Kritik. Der Vorwurf: Politik und Medien stecken unter einer Decke.

Gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage nach der Relevanz von Hintergrundgesprächen.

In diesem Buch werden die Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs aufgezeigt, die Geschichte der Hintergrundkreise erzählt und wie die deutschen Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzten. Abschließend wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung als Bundeskanzlerin darstellt. Zugleich wird der Bedeutung im Mediensystem des digitalen Zeitalters nachgegangen.