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5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite in:

Florian Beißwanger

Hintergrundgespräche, page 37 - 56

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem des digitalen Zeitalters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4378-3, ISBN online: 978-3-8288-7362-9, https://doi.org/10.5771/9783828873629-37

Tectum, Baden-Baden
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Das Beziehungsgeflecht der politischpublizistischen Elite Die Versuche der Einflussnahme politischer Akteure auf die Medien, ohne dabei die Pressefreiheit zu umgehen, sind tägliches Spiel im Kampf um Deutungsmacht. Bei diesem Kampf um Meinungshoheit und die richtige Auslegung von politischen Ereignissen oder Entscheidungen sind die Medien ein Profiteur des politischen Systems der Demokratie. So liefern sich Regierung und Opposition überwiegend einen politischen Disput, etwa über Gesetzesvorhaben, der wiederum den Journalisten Orientierungspunkte bei der Nachrichtenauswahl gibt.139 Zugleich sind die verschiedenen Standpunkte von Seiten der Politik für die journalistische Einschätzung und Meinungsbildung sehr dienlich. Neue Themen können in Anlehnung an die jeweilige Debatte folgen. „Jarren* und Sarcinelli** sprechen von einem Interaktions- und Handlungszusammenhang zwischen Medien und Politik, der sich mit den Begriffen ‚Interdependenz‘, ‚Partnerschaft‘ oder ‚Symbiose‘ umschreiben lässt.“140 Der Begriff Symbiose, der ursprünglich aus der Biologie stammt und den gegenseitigen Nutzen des Zusammenlebens von verschiedenen Arten verdeutlicht,141 dient hierbei als Paradigma. 5. 139 Vgl. Burgert, Beziehungsgeflechte, S. 37. * Jarren, Otfried, Politik und Medien im Wandel: Autonomie, Interdependenz oder Symbiose? Anmerkungen zur Theoriedebatte in der politischen Kommunikation, Publizistik, 1988, 33, S. 619-632. S. 628. ** Sarcinelli, Ulrich, Politische Kommunikation in Deutschland. Zur Politikvermittlung im demokratischen System, Wiesbaden 2005, S. 111. 140 Lesmeister, Christiane, Informelle politische Kommunikationskultur. Hinter den Kulissen politisch-medialer Kommunikation, Wiesbaden 2008, S. 18. 141 Vgl. Duden Online, Symbiose, ‹http://www.duden.de/rechtschreibung/Symbiose› am 10.02.2015. 37 Medien sind auf möglichst exklusive Informationen angewiesen und die Politik wiederum auf deren jeweilige Veröffentlichung.142 Innerhalb des Mediensystems entsteht „ein Handlungssystem, das aus Interaktion und Tauschbeziehungen zwischen den Akteuren besteht.“143 Hierbei erfolgt die Orientierung an den Strukturen des politischen Kommunikationssystems mit Normen und Regeln und einer spezifischen Kommunikationskultur,144 worin sich auch das Hintergrundgespräch verorten lässt. Gerne wird im Rahmen des Paradigmas der politisch-journalistischen Symbiose von dem Modell der Tauschbeziehung gesprochen. Nach Plasser ist „das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen Politik und Journalismus […] in einer Mediendemokratie noch spannungs- und konfliktanfälliger geworden, obwohl und gerade weil beide Seiten voneinander wechselseitig abhängig sind.“145 Insbesondere lässt sich zwischen Medien und Staat eine Diskrepanz zwischen Sicherheitsfragen feststellen. „[…] professionelle Neugier und der Rechercheehrgeiz [der Journalisten korreliert] mit dem staatlichen Geheimschutz und dem Willen zur Abschirmung zentraler Entscheidungsbereiche […].“146 Hierbei kann es jedoch zwischen Staat und Medien zu Übereinkünften kommen. Es steht außer Frage, dass zwischen Politik und Medien ein Beziehungsgeflecht existiert, das auch als Netzwerk bezeichnet werden kann.147 „Drei Merkmale beschreiben die Struktur von Netzwerken: Diese bestehen (1) aus einem Set von Objekten, den so genannten Knoten des Netzwerks, d. h. den individuellen oder kollektiven Akteuren, (2) einem Set von Beziehungen bzw. Verbindungen zwischen die- 142 Vgl. Lesmeister, Kommunikationskultur, S. 18. 143 Ebd. →Hinweis: Inhaltlich angelehnt an: Jarren, Otfried / Donges, Patrick, Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine Einführung. Band 2: Akteure, Prozesse und Inhalte, Wiesbaden 2002, S. 127. 144 Vgl. Lesmeister, Kommunikationskultur, S. 18. / UND Blumler, Jay / Gurevitch, Michael, The Crisis of Public Communication, London 1995, S. 11–24. 145 Plasser, Fritz, Politische Kommunikation in medienzentrierten Demokratien: Einleitung, in: Plasser, F. (Hrsg.), Politische Kommunikation in Österreich. Ein praxisnahes Handbuch, Wien 2004, S. 22. 146 Basiswissen Politik, S. 56. 147 Vgl. Burgert, Beziehungsgeflechte, S. 42. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 38 sen Objekten und (3) einer oft erst ex post bestimmbaren Grenze.“148 Die Akteure dieses Beziehungsgeflechts bzw. Netzwerkes agieren auf mehreren Bühnen. In Anlehnung an den Soziologen Erving Goffman kann dabei von dem Modell der Vorder- und Hinterbühne gesprochen werden.149 Das Modell, welches in Anlehnung an die Selbstdarstellung des Individuums in sozialen Kontexten entwickelt wurde,150 dient auch besonderen Beziehungskonstellationen zwischen Politikern und Journalisten, wovon die Öffentlichkeit in der Regel nur den Teil der Vorderbühne mitbekommt. Zwischen Vorder- und Hinterbühne – Das Goffman‘sche Modell Für Goffman ist „jeder Ort, der durch feste Wahrnehmungsschranken abgegrenzt ist und an dem eine bestimmte Art von Tätigkeiten regelmäßig ausgeübt wird, […] eine gesellschaftliche Einrichtung.“151 Um die Interaktion des Individuums in sozialen Kontexten sinnbildlich zu beschreiben, wählt Goffman die Metapher des Theaters. So findet sich „innerhalb der Grenzen der gesellschaftlichen Einrichtung […] ein Ensemble von Darstellern, die zusammenarbeiten, um vor einem Publikum eine gegebene Situation darzustellen.“152 Die Darbietung spielt auf der Vorderbühne. Auf ihr befindet sich das Bühnenbild mit all den dazugehörigen Requisiten, die für die Darstellung benötigt werden.153 Die Darstellung auf der Vorderbühne ist nach Goffman als eine Fassade jedes Einzelnen zu verstehen.154 Zu ihr gehört „das standardisierte Ausdrucksrepertoire, das der Einzelne im Verlauf seiner Vorstellung bewusst oder unbewusst anwendet.“155 Hierbei wird jeder Darsteller von Normen geleitet, die sich in Höflichkeitsregeln und Anstand kate- 5.1. 148 Ebd., S. 34. 149 Vgl. Goffman, Erving, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 2003, S. 99–128. 150 Vgl. ebd., Hinweis: Klappentext des Buchcovers. 151 Ebd., S. 217. 152 Ebd. 153 Vgl. ebd., S. 23. 154 Vgl. ebd., S. 100. 155 Goffman, Theater, S. 23. 5.1. Zwischen Vorder- und Hinterbühne – Das Goffman‘sche Modell 39 gorisieren lassen.156 Unter die Kategorie der Höflichkeitsregel fällt die direkte Art, wie der Darsteller sein Publikum behandelt (Austausch mittels Form der Sprache, Gesten).157 Die Kategorie des Anstands bezieht sich auf das Verhalten der Ensemblemitglieder.158 Die Darsteller befinden sich „im Gesichtskreis oder Hörbereich des Publikums“159, unterhalten sich jedoch nicht mit ihm.160 Die Normenkategorie des Anstands untergliedert sich in einen moralischen und einen instrumentellen Teil.161 Der Anstand ist nach Einschätzung Goffmans im „ökologischen Sinne durchdringender […] als die Forderung der Höflichkeit“162. Die Vorderbühne steht unter der ständigen Kontrolle des Publikums, eine Unterhaltung der Darsteller mit den Zuschauern ist hierbei nicht unbedingt nötig. Kommt es dennoch dazu, werden Höflichkeiten demonstriert.163 Doch was passiert jenseits des Bühnenbildes, auf der sogenannten Hinterbühne? Kerstin Thummes fasst Goffmans Gedanken zur Hinterbühne folgendermaßen zusammen: „Die Hinterbühne dient der Vorbereitung, Auswertung und Korrektur der Vorstellung durch die Darsteller. Sie haben im Verborgenen Gelegenheit, ihre Rollen abzulegen und Handlungen auszuführen, die auf der Vorderbühne im Zuge der Eindrucksmanipulation unterdrückt werden. Um den Eindruck der Darstellung zu bewahren, ist dem Publikum der Zugang zur Hinterbühne verwehrt. Da einzelne Darsteller vor unterschiedlichen Zuschauern verschiedene Rollen übernehmen, muss auch der Zugang zur Vorderbühne überwacht werden, damit ein Zuschauer nicht unterschiedliche Vorstellungen eines Darstellers sieht und Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit zu hegen beginnt. Die Atmosphäre auf der Hinterbühne ist durch eine entspannte Vertraulichkeit gekennzeichnet, die alle Ensemblemitglieder verbindet und sich zum Beispiel in einer besonders zwanglosen Sprache widerspiegelt.“164 156 Vgl. ebd., S. 100. 157 Vgl. ebd. 158 Vgl. ebd. 159 Ebd. 160 Vgl. ebd. 161 Vgl. ebd. 162 Ebd., S. 101. 163 Vgl. ebd. 164 Thummes, Kerstin, Täuschung in der strategischen Kommunikation. Eine kommunikationswissenschaftliche Analyse, Wiesbaden 2013, S. 76f. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 40 Jarren und Donges nehmen das Bühnenmodell Goffmans zum Anlass, die formelle und informelle Interaktion von Politikern und Journalisten zu verorten, und „sprechen im Zusammenhang mit Formalität und Informalität von zwei Bühnen, auf denen Politiker und Journalisten miteinander interagieren und auf denen sie [sich] unterschiedlich verhalten können, weil jeweils andere Regeln gelten.“165 Dabei ist zu beachten, dass die Begriffe Formalität und Informalität in Bezug auf das politische Regieren nicht antithetisch zu begreifen sind.166 Nach Christiane Lesmeister und Göttrik Wewer könne keine Praxis rein formell noch durchgängig informell sein.167 Vielmehr ist die Interaktion zwischen Vorder- und Hinterbühne ein Zusammenspiel der jeweiligen Akteure. Sarcinelli konstatiert angesichts einer Studie168 des Instituts für Politikwissenschaft am Campus Landau, dass sich das politischjournalistische Verhältnis am besten anhand des Bühnenmodells Goffmans beschreiben lässt.169 „Auf der Vorderbühne werden Rollen gespielt, welche zu der normativ gebotenen Autonomie von Politik und Journalismus passen. Es gehört eben zu den Berufsnormen von Journalisten, dass sie gegenüber der Politik unabhängig sind, sich als kontrollierendes Gegenüber zur Politik begreifen und sich auch so darstellen. Ebenfalls erwartet man – normativ – eine gewisse Distanz politischer Akteure zum Journalismus. Soweit es um Fragen zum Verhalten auf der ‚Vorderbühne‘ geht, werden diese Rollenmuster weitgehend bestätigt.“170 165 Jarren, Otfried / Donges, Patrick, Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine Einführung, Wiesbaden 2011, S. 243. 166 Vgl. Lesmeister, Kommunikationskultur, S. 40. 167 Vgl. ebd. / Wewer, Göttrik, Spielregeln, Netzwerke, Entscheidungen, in: Hartwich, Hans H. / Wewer, Göttrik, Regieren in der Bundesrepublik, Formale und informale Komponenten des Regierens in den Bereichen Führung, Entscheidung, Personal und Organisation, Bd. 2, Opladen 1991, S. 10. (S. 9–26). 168 Im Rahmen der Projektstudie „Politische Inszenierung als symbiotische Interaktion. Eine Untersuchung zum Beziehungsgeflecht von Politik und Medien“ wurde an der Universität Koblenz-Landau in den Jahren 1998 bis 2002 mit 122 Akteuren der politischen-journalistischen Elite qualitative Leitfadeninterviews geführt. 169 Sarcinelli, Ulrich, Politische Kommunikation in Deutschland, Wiesbaden 2011, S. 83f. 170 Ebd. 5.1. Zwischen Vorder- und Hinterbühne – Das Goffman‘sche Modell 41 Nach Hoffmann streben Politiker und Journalisten auf der Vorderbühne das jeweilig „eigene, kulturell legitimierte Selbstverständnis“171 an, welches sich bei den politischen Akteuren aus Werten wie Gemeinwohlorientierung und Repräsentation entwickelt.172 Legitime Situationsdefinitionen vor dem Publikum bzw. der Öffentlichkeit, speisen sich nach Hoffman bei Politikjournalisten aus den klassischen Funktionen „Information, Kritik und Kontrolle.“173 Da die Darsteller auf der Bühne zwei unterschiedlichen Akteursgruppen angehören, der journalistischen und der politischen, sind hierbei explizit die Versuche der Einflussnahme auf das Bühnenbild von beiden Seiten zu erwähnen. Dieser Aspekt wird in der Fachliteratur nicht näher thematisiert. Das von Jarren und Donges beschriebene Medienschemata als Handlungsvoraussetzung für politische Akteure174 wird leider nicht mit dem Bühnenmodell Goffmans in Verbindung gebracht. Jedoch ist der im nachfolgenden Satz erwähnte Aspekt diesem Modell zuzuordnen: „Politische Parteien, Fraktionen oder die Regierung richten für die elektronischen Medien entsprechend ausgestattete Räume ein (Positionen für Kameras etc.) und bestimmen über deren Ausstattung (bspw. Farbenwahl, Hintergrunddarstellungen, Flaggenschmuck).“175 Themenspezifisch wird versucht, ein passendes „Bühnenbild“ mit in Szene zu setzen. Als Beispiele können das legendäre Familienfoto der G8-Staats- und Regierungschefs im Jahr 2007 in einem Strandkorb vor der Tagungsanlage an der Ostsee genannt werden oder die Rede von George W. Bush auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln in Kampfpilotenmontur sechs Wochen nach den amerikanisch-britischen Kampfhandlungen im Irak. Nach Jarren und Donges „gilt [auf der Vorderbühne] die normative Grunderwartung nach Distanz und formalisierten Beziehungen, während auf der Hinterbühne Absprachen stattfinden, man sich auch persönlich kennt und schätzt und vielerlei Geschäfte miteinander tä- 171 Hoffmann, Jochen, Inszenierung und Interpenetration. Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus, Wiesbaden 2003, S. 90. 172 Vgl. ebd. 173 Ebd. 174 Vgl. Jarren/Donges, Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft, Wiesbaden 2006, S. 335. 175 Ebd., S. 336 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 42 tigt.“176 Doch auch bezüglich des informellen Verhaltens auf der Hinterbühne sind Regeln allgegenwärtig. In Bezug auf das Bühnenmodell Goffmans stellt Hoffmann folgende These auf, die auch im Aufsatz „Politicians and the Press: An Essay in Role Relationships“ von Jay Blumler und Michael Gurevitch, jedoch ohne theatralen Bezug, ähnlich beschrieben wird: „Die Akteure präsentieren die jeweils eigene normkonforme Vorderbühne und kritisieren über die Heranziehung nicht normkonformer Frames ein Hinterbühnenhandeln des Gegen- übers.“177 Das Modell der Selbst- und Fremdinszenierung durch Politiker und Journalisten hielt Hoffmann in einer Grafik fest, siehe Anhang Seite 164. In einem weiteren Modell verweist er auf die besondere Stellung der Interaktionen zwischen Politikern und Journalisten auf der Vorder- und Hinterbühne. Hierbei schließen sich auf der Hinterbühne die politischen und journalistischen Akteure zu Ensembles netzwerkartig zusammen.178 Die Ensembles können sich je nach Situationsdefinition und Themen überlappen oder gegenseitig ausschließen.179 In welchem Kontext sich die jeweiligen Akteure näher stehen ist auf der Vorderbühne und somit für die Öffentlichkeit nicht bzw. sehr schwer einzuordnen. So nimmt der Journalist auf der Vorderbühne die Rolle des Vertreters des Publikums ein, um „die Vorderbühne der Politik zu durchschauen und einen Einblick auf die Hinterbühnen der Macht zu gewinnen.“180 Doch dieser Eindruck täuscht. „Weil Journalisten und Politiker in einem sozialen System kommunizieren und damit stets über konstruktive wie destruktive Informationen verfügen […] sind auch Journalisten ‚vollwertige‘ Darsteller.“181 Angesichts beider Modelle verweist Hoffmann in Anlehnung an Goffman, auf die Beobachtung zweiter Ordnung: „die Beschreibung des Schauspiels des Schauspiels bzw. die Analyse der Inszenierung der Inszenierung“182. Er macht somit deutlich, dass eine strikte Trennung 176 Ebd., S. 335. 177 Hoffmann, Inszenierung, S. 90. 178 Vgl. ebd., S. 92. 179 Vgl. ebd., S. 93. 180 Hoffmann, Inszenierung, S. 94. 181 Ebd., S. 95. 182 Ebd., S. 96. 5.1. Zwischen Vorder- und Hinterbühne – Das Goffman‘sche Modell 43 zwischen Kundgabezwang & Handlungsfolge auf der Vorderbühne und Interpenetrationszwang & Handlungsursache auf der Hinterbühne nicht möglich ist.183 Folglich schließt er daraus, „dass die Inszenierung der Inszenierung von Realität vor allem auf der Vorderbühne stattfindet und die ‚bloße‘ Inszenierung von Realität zwecks Konstruktion eines Authentizitätsgefälles […] eher auf der Hinterbühne anzutreffen [ist].“184 Diese zentrale Erkenntnis muss im Zusammenhang des Bühnenmodells berücksichtigt werden, wenn die Vorderbühne als Scheinwelt und die Hinterbühne zur „‚eigentlichen‘ Wirklichkeit“185 erklärt wird.186 Die Rolle des jeweiligen Darstellers kann nach Tenscher als „eine Selbstzuschreibung [verstanden werden], die sich aus der Summe aller in realiter erfahrenen Austauschprozesse auf den ‚Vorder-‘ und ‚Hinterbühnen‘ der Arena politischer Öffentlichkeit ergibt.“187 Für Burgert entsteht „erst durch die wechselseitige Orientierung, Anpassung und Ausrichtung an der wahrgenommenen eigenen Rolle und den wahrgenommenen Rollen der Interaktionspartner […] die politische Kommunikationskultur, die das politisch-mediale Beziehungsgeflecht stabilisiert und auf Dauer stellt.“188 Dieses politisch-mediale Beziehungsgeflecht ist ein einziges Unterfangen zwischen Nähe und Distanz. „Ein Indikator für Nähe oder Distanz in den Beziehungen stellen auch die der Interaktion zugrundeliegenden Normen dar.“189 Diese werden zwischen sozialen und professionellen Normen unterschieden, die als zentrale Normen-Dimensionen im politisch-medialen Austauschverhältnis verstanden werden können.190 „Soziale Normen, wie Vertrauen, Ehrlichkeit oder Fairness, beziehen sich auf andere Menschen und den Umgang miteinander, professionelle Normen, wie Objektivität oder Qualität der Berichterstattung, auf das Berufs- 183 Vgl. ebd. 184 Ebd. 185 Ebd. 186 Vgl. ebd. 187 Tenscher, Jens, Professionalisierung der Politikvermittlung? Politikvermittlungsexperten im Spannungsfeld von Politik und Journalismus, Opladen 2003, S. 215. 188 Burgert, Beziehungsgeflechte, S. 63. 189 Ebd., S. 67. 190 Vgl. Burgert, Beziehungsgeflechte, S. 67. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 44 feld. Beziehen sich die Akteure stärker auf soziale Normen, so spricht dies für ein Verhältnis, das durch Nähe zwischen den Akteuren gekennzeichnet ist, sowie für eine Kommunikationskultur, die stärker auf soziale Kooperation orientiert ist. Beziehen sich die Akteure demgegenüber stärker auf professionelle Normen oder unterscheiden sich die Akteure in ihrem Normenverständnis, so kann darin ein Indikator für ein stärker distanziertes Verhältnis gesehen werden. Einen weiteren Indikator für die Nähe oder Distanz im Verhältnis kann auch die Beschreibung des Verhältnisses durch die Akteure darstellen.“191 Die hier beschriebenen sozialen Normen können in Bezug auf die Interaktion zwischen politischen Akteuren und Journalisten auf der von Goffman beschriebenen Hinterbühne lokalisiert werden. Eine Zuordnung der sozialen Normen zu Goffmans Normenkategorien des moralischen Anstands ist im weitesten Sinne möglich. In der Wissenschaft wird von vielen Experten die These vertreten, dass die Moral im Zusammenhang der Evolution steht.192 Der Biologe Jürgen Bereiter-Hahn von der Goethe-Universität Frankfurt am Main erklärt, dass „die Menschen immer sozial gelebt [haben], und soziales Leben bedeutet Leben nach Regeln, […] darin sehe ich den Ursprung der Moral – sie kann unmittelbar einen Evolutionsvorteil schaffen.“193 Die professionellen Normen lassen sich auf der Vorderbühne nach der Beschreibung von Burgert verankern, da sich diese auf den Kontext der „Objektivität oder Qualität der Berichterstattung“ beziehen und zugleich von Distanz geprägt sind. Dass es auf der Hinterbühne durchaus professionell zugehen kann, ist keineswegs bestritten. So untergliedert Goffman die Normenkategorie des Anstands in zwei Untergruppen: die moralische und die instrumentale.194 Letztere bezieht sich nach Goffman „vermutlich auf Pflichten, wie sie zum Beispiel ein Arbeitgeber von seinen Angestellten erwarten kann“195. 191 Ebd. 192 Vgl. Dambeck, Holger, Ursprung des Guten. Die Moral als Endprodukt der Evolution, ‹http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/ursprung-des-guten-diemoral-als-nebenprodukt-der-evolution-a-692653.html› am15.02.2015. 193 Dambeck, Ursprung des Guten. 194 Vgl. Goffman, Theater, S. 100. 195 Ebd. 5.1. Zwischen Vorder- und Hinterbühne – Das Goffman‘sche Modell 45 Die Gefahr der Kumpanei: Das Nähe-und-Distanz-Problem Es ist gerade für Journalisten eine schmale Gratwanderung, das richtige Maß zwischen angebrachter Nähe und geforderter Distanz zu halten. Nähe ist nötig, um überhaupt Vertrauen aufbauen zu können. Ist dies gegeben, so ist das Gegenüber auskunftsbereiter, Geheimnisse zu offenbaren. Auf der anderen Seite ist zu viel Nähe gefährlich, da die Unabhängigkeit des Journalisten schnell infrage gestellt werden kann. Zu viel Nähe von Seiten der Journalisten zur Politik erfolgt meist schleichend. Die Überprüfung der Überschreitung des richtigen Maßes zwischen Nähe und Distanz unterliegt dem Journalisten selbst. Die Bewertung fällt somit unterschiedlich aus. Im Rahmen der in dieser Forschungsarbeit geführten Leitfadeninterviews gab es recht unterschiedliche Antworten, wo die Grenze der Überschreitung von zu viel Nähe liegt. Einer der befragten Journalisten schloss für sich kategorisch aus, Politiker zu duzen.196 Wohingegen ein anderer erfahrener Politjournalist der Meinung war, dass es kein Problem sei, einen Kanzler mit Du anzusprechen.197 Die Frage, mit dem Kanzler per Du sein zu dürfen, ist für den befragten Journalisten vielmehr eine „künstliche Fragestellung in dem künstlichen, politischjournalistischen Biotop.“198 So kannte er bereits den Kanzler, als dieser noch ein junger Hinterbänkler in der Politik war und er selbst ein „kleiner Journalist.“199 Zugleich gibt derselbe Befragte an, dass es „schon Sachen [gibt], wo man […] aufpassen muss, dass man nicht benutzt wird.“200 Da sich Journalisten und Politiker in einer symbiotischen Beziehung gegenseitig benutzen, stellt der Befragte klar, dass der Journalist nicht so benutzt werden dürfe, dass er nicht mehr selbst Herr des Verfahrens sei.201 Ausgeschlossen ist das jedoch nie. „Distanz und Nähe – das waren die Prinzipien von Jürgen Leinemanns journalistischer Arbeit. Dieses Gegensatzpaar kennzeichnet 5.2. 196 Vgl. ExI. Politischer Akteur / Journalist Michael Spreng. 197 Vgl. ExI. Journalist. 198 Ebd. 199 ExI. Journalist. 200 Ebd. 201 Vgl. ExI. Journalist. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 46 ebenso unser persönliches Verhältnis über mehr als drei Jahrzehnte.“202 Mit diesen Sätzen beginnt der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Nachruf auf den von ihm sehr geschätzten Spiegel-Redakteur. Schröder bewunderte Leinemann für dessen „sicheren Instinkt“203 und die „Fähigkeit, Grenzen zu erkennen, die sein berufliches Selbstverständnis ihm setzte.“204 So legte Leinemann laut Schröder großen Wert darauf, dass er überall dabei war, aber nie dazugehören wollte. Ein politischer Weggefährte Schröders, der zugleich mit Leinemann befreundet war, betont im Rahmen dieser Forschungsarbeit, dass die beiden Männer „keine tiefe persönliche Freundschaft, aber eine große Hochachtung voreinander“205 pflegten. In „fast allen Fällen [haben sie] miteinander gestritten“,206 doch Schröders große, positive „Eigenschaften [waren,] offen für Argumente zu sein und auch für Veränderungen seines eigenen Bildes auf bestimmte Dinge. Das ist oft in Streitgesprächen zwischen ihm und Leinemann offen zu Tage getreten. Es war ein Teil dessen, was jeweils Achtung für den anderen gebracht hat.“207 Im Gespräch über Leinemann und Schröder mit dem Interviewexperten wird deutlich, dass Journalisten durchaus Einfluss auf Politiker haben können. Schröder achtete sehr darauf, „was wohl das Argument Leinemanns gegenüber eines bestimmten Kontextes ist, und dachte darüber verschärft nach.“208 Die im Gespräch geäußerten Argumente Leinemanns fanden bei Schröder Gehör und hatten mal mehr, mal weniger Einfluss auf dessen Handeln.209 Gewicht hatten sie allemal.210 Leinemann interessierten die Menschen mehr als die Politik, wie ein Bekannter im Experteninterview erzählt.211 Er hatte „fast schon dämonische Ausstrahlung auf einen bestimmten Typus von Politiker […], die dann den Kontakt mit ihm suchten und fanden und ihn fast als Psychotherapeuten gebrauchten, 202 Schröder, Gerhard, Viel zu nah, in: Der Spiegel, H. 47, 18.11.2013, S. 146. 203 Ebd., S. 147. 204 Ebd. 205 ExI. Politischer Akteur. 206 Ebd. 207 Ebd. 208 ExI. Politischer Akteur. 209 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 210 Vgl. ebd. 211 Vgl. ExI. Journalist. 5.2. Die Gefahr der Kumpanei: Das Nähe-und-Distanz-Problem 47 um fast zu sagen, missbrauchten. Da ging es nicht darum, ihn zu informieren, sie wollten ihn, die hatten sich ihm so aufgetan. Er hatte diese Art, sich in die Leute hineinzuversetzen, sich in sie hineinzuverwandeln, dass er sie so zum Quatschen brachte, dass aus ihnen Sachen herauskamen, […] er hatte einiges daraus immer wieder verwertet, manche sind bei ihm in Ungnade gefallen im Gespräch, die hatte er dann total vorgeführt. Da kannte er dann nichts.“212 Die Aussage dieses Interviewexperten zeigt, dass zu viel Nähe auch im Umkehrschluss für Politiker gefährlich, gar schädlich sein kann. Eine gewisse Distanz ist durchaus von Vorteil. Die Edelfeder des Spiegels Jürgen Leinemann mit seinem psychologischen Drang, den Menschen zu verstehen, war eine Seltenheit in der Bonner und später in der jungen Berliner Republik. Für die ehemalige stern-Reporterin Birgit Lahann, die eine Freundschaft mit Leinemann verband, war er ein „Analytiker unter den politischen Journalisten, [der …] immer nach den psychologischen Schlüsselerlebnissen“213 suchte. Anstatt selbst Fragen zu stellen, ließ er sie erzählen, kreiste sie für einen gewissen Zeitraum ein. „Ja, sagte Joschka Fischer, und am Ende liegt man auf der Couch.“214 In einer TV-Dokumentation erzählt der ehemalige Journalist Richard Meng, dass etwa Joschka Fischer „wie ein Schwamm das aufgenommen hat, was wir [Anm.: Journalisten] gefragt haben in solchen Gesprächen. Er war schon interessiert daran, was uns interessiert, er hat sich oft darüber geärgert, aber er wollte das wissen, um ein bisschen zu riechen, wohin läuft das in der deutschen Medienlandschaft, und die Politiker sind jedenfalls sehr, sehr medienfixiert, jedenfalls die, die wichtig sind oder wichtig werden wollen, die spiegeln sich in den Medien und sie leben im Grunde von ihrem eigenen Medienbild. Wenn sie nicht vorkommen, haben sie ein Problem mit sich selber, das ist natürlich ein Geschäft der Eitelkeiten, was da stattfindet.“215 212 ExI. Journalist. 213 Lahann, Birgit, In Öl, in: Der Spiegel, H. 47, 18.11.2013, S. 147. 214 Lahann, Birgit, In Öl, in: Der Spiegel, H. 47, 18.11.2013, S. 147. 215 TV-Dokumentation: Leif, Thomas / Salden, Julia, Strippenzieher und Hinterzimmer – Meinungsmacher im Berliner Medienzirkus, SWR/NDR, Erstausstrahlung 06.03.2006. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 48 In einem Gastbeitrag für die Online-Seite des Magazins für politische Kultur Cicero schrieb Leinemann im Jahr 2005, im Zusammenhang mit dem Zitat seines Kollegen Peter Zudeick, der damals vor dem „‚Schmiergeld namens Nähe‘“216 gewarnt hatte: „Wer in dieser engen Beziehung wessen Parasit ist, entscheidet sich von Fall zu Fall. Für beide Seiten gilt die schöne amerikanische Faustregel: ‚If you can not beat them – join them.‘“217 Der stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges überträgt das politische Verhältnis von Politik und Medien auf die Tierwelt wie folgt: „Wenn wir die Politiker als eine grasende Tierherde betrachten, dann sind die Journalisten in mehreren Rollen zu beobachten: Meistens sind sie Vögel, die zum Teil im offenen Gebiss von Raubtieren sitzen und die Maden oder Fleischreste herauspicken. Die betroffenen Tiere, Flusspferde und Krokodile, lassen das gelegentlich zu, weil es ja der Säuberung des Gebisses dient. Es gibt andere ‚Journalisten-Tiere‘, die leben in einer Lebensgemeinschaft mit den ‚Politiker-Tieren‘, indem sie ihnen auf dem Buckel sitzen oder mit ihnen mitlaufen und ihnen gelegentlich die Würmer aus den Exkrementen picken. Und dann gibt es ‚Journalisten-Tiere‘, die sich die Schwachen aus der ‚Politiker-Herde‘ herauspicken und über sie herfallen.“218 Jörges selbst versteht sich nicht als jemand, der Beute jagt, vielmehr folge er der Herde in einem gewissen Abstand. Immer wieder bewege er sich auch in der Herde mittendrin – für ihn ist das eine Art wechselndes Spiel.219 Doch was macht ein Journalist, wenn er einem Politiker zu nahe kommt? Im Nachruf schreibt Schröder, dass Leinemann der Meinung war, dass er ihm in den 1980er Jahren menschlich viel zu nahe gekommen 216 Leinemann, Jürgen, „Wir jagen sie“, ‹http://www.cicero.de/kapital/wir-jagen-sie/3 6981› am 20.02.2015. 217 Ebd. 218 Burgard, Jan Philipp / Schröder, Moritz-Marco, Interview: Der Hauptstadtkorrespondent – Hans-Ulrich Jörges. „Keine Angst vor großen Tieren“, in: Burgard, Jan Philipp / Schröder, Moritz-Marco, Wege in den Traumberuf Journalismus. Deutschlands Top-Journalisten verraten Erfolgsgeheimnisse, Münster 2012, S. 126. 219 VGL. Burgard, Jan Philipp / Schröder, Moritz-Marco, Interview: Der Hauptstadtkorrespondent – Hans-Ulrich Jörges. „Keine Angst vor großen Tieren“, in: Burgard, Jan Philipp / Schröder, Moritz-Marco, Wege in den Traumberuf Journalismus. Deutschlands Top-Journalisten verraten Erfolgsgeheimnisse, Münster 2012, S. 127. 5.2. Die Gefahr der Kumpanei: Das Nähe-und-Distanz-Problem 49 sei.220 Aufgrund dessen versuchte Leinemann, den Sicherheitsabstand wiederherzustellen,221 und verfasste erst einmal zehn Jahre keinen Artikel über Schröder.222 Das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten kann über Jahrzehnte gereift sein. Es ist keine Seltenheit, dass sich bewusst junge Journalisten gerade mit gleichaltrigen Politikern treffen, die ebenfalls am Anfang ihrer Karriere stehen. Steigt ein Politiker in seinen Ämtern weiter auf, so kann der Journalist von dem gegenseitig lang gepflegten Verhältnis profitieren. Nicht nur der Marktwert des Politikers erhöht sich, nein, auch der des Journalisten.223 Ein politischer Akteur erzählt im Experteninterview, dass er meist mit gleichaltrigen Journalisten beruflich zu tun hatte. Als der politische Akteur häufig von Seiten einiger Medien, aber auch parteiintern, zunehmend in der Kritik stand, gab es auch Journalisten, die ihm Mut zusprachen. So erzählt er, dass er „vor allem auf Twitter und vor allem auch per DN, Direktnachricht, so Sachen wie ‚Kopf hoch, ich finde toll, was Sie machen‘, ‚ich finde gut, dass Sie das und das vertreten‘“224 erhielt. Zugleich erzählt er, dass er trotz des Ausscheidens aus dem Amt und der Partei noch immer Kontakt zu manchen Journalisten habe. Auf die Frage, dass hinter solchen Mitteilungen journalistisches Kalkül stecke, um etwa ein weiteres Interview zu bekommen, antwortet er: „Bis zu einem gewissen Grad bestimmt, aber davon profitiere ich ja gegebenenfalls auch, weil das heißt ja, dass sie mich ernst nehmen, das bedeutet, dass sie offensichtlich glauben, dass ich jemand bin, den sie glauben, nochmals zu interviewen, das ist ja erst mal positiv.“225 Ein renommierter Journalist erzählt im Experteninterview, dass gesendete Kurzmitteilungen an Politiker durchaus von Vorteil sein können. Weitere Kontaktaufnahmen und der Erhalt neuer Informationen können hieraus resultieren: „Es hat auch mit einem ganz normalen menschlichen Verhalten zu tun. Ich mag zum Beispiel jemanden, 220 Vgl. Schröder, Viel zu nah, S. 146. 221 Vgl. ebd. 222 Vgl. ebd. 223 Vgl. ExI. Journalist. 224 ExI. Politischer Akteur. 225 Ebd. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 50 kann ja vorkommen, ich schätze einfach, wenn ich einen Politiker halt sympathisch finde und ihn für einen sehr guten Politiker halte oder sogar finde oder Respekt vor seiner Vita habe oder weiß der Geier was, dann tritt der irgendwo im Fernsehen auf, in irgendeiner schwierigen Talkshow oder so und dann schicke ich ihm vielleicht auch mal eine SMS und schreibe, ‚wow, gut geschlagen‘ oder ‚der XY war aber auch ein ziemlich harter Brocken‘, so und dann schreibt der oder die zurück, ‚oh vielen Dank, war auch ganz schön schwierig, der Moderator oder die Moderatorin ist ja auch ein ganz schöner Kotzbrocken‘. So, und dann fragt man zurück: ‚und wie geht es im Bundesland oder Landesverband oder Ministerium‘, und dann sagt er: ‚nö‘, oder man ruft sich dann schnell mal an, das hat auch was mit ganz normalen kommunikativen Fähigkeiten zu tun, indem man sich einigermaßen kommunikativ benimmt, Kontakte pflegt.“226 Ein intensiver Kontakt von Seiten des Journalisten lässt sich auch in Form von Buchprojekten wie bspw. Autobiografien herstellen. Ein Journalist, der mehrere Biografien über politische Akteure verfasste, antwortet im Experteninterview zur Aussage, dass im Falle einer möglichen Regierungsverantwortlichkeit der Biograf durchaus vom engen Kontakt profitieren kann: „Sagen wir mal so, das war ein Kollateralnutzen gewesen, der stand bestimmt nicht im Zentrum meiner Arbeit, aber natürlich schreibt man ja nicht über Politiker, die jetzt keine Chancen haben, wenn da jetzt einer ist, von dem man weiß, der wird bestimmt nie irgendwas, […] also über den würde ich niemals eine Biografie schreiben […].“227 Angesprochen auf das motivierte Interesse in Abhängigkeit des Marktwertes des Politikers, merkt der Experte weiter an: „Naja, entschuldige, das hat auch etwas mit meinem Interesse und meiner Selbstachtung zu tun, man kriecht da ja ein halbes Jahr in so einen Menschen rein, beschäftigt sich mit dem, was soll ich mich mit so einer Pflaume abgeben, wenn der Name schon im Tiefschlaf sinkt. Ich muss mich dafür ja auch irgendwie begeistern können. Und [dieser politische Akteur] war in dem Fall spannend, weil den fanden alle spooky. Es dachten alle, boah, der frisst bestimmt kleine Hunde ungegrillt in seinem Hobbykeller, dafür habe ich keine Belege finden 226 ExI. Journalist. 227 Ebd. 5.2. Die Gefahr der Kumpanei: Das Nähe-und-Distanz-Problem 51 können. Das Interessante ist ja, dass Menschen, die nach außen hin komisch wirken, nach innen – oder je näher man ihnen kommt – vernünftiger wirken, was auch wiederum – das finde ich auch interessant – viel mehr über die Arbeit der Medienberater oder Imagedesigner sagt, die zum Teil richtige Pfeifen sind. Ich denke dann immer, hey, wie kann man einen Politiker so dermaßen vercoachen, wie kann sich dieser Politiker so etwas gefallen lassen?“228 Auf die Frage, ob man dann als Journalist seine Meinung hierzu äußert, antwortet der Journalist: „Naja, ich habe ja mit denen allen zu tun, ich habe auch mit den Pressesprechern und den Imagedesignern zu tun, das wäre etwas kontraproduktiv, denen zu sagen, dass sie nur Scheiße bauen, wenn sie mich fragen, passt das oder ist das schlüssig, also dann sag ich meine Meinung. Sich selber aber proaktiv Türen zuzuschlagen, kann man machen, ist jedoch eine interessante Strategie, da diese zu relativer Einsamkeit führt.“229 Zu viel Kritik von Seiten der Journalisten kann politischen Akteuren zum exzessiven Meiden des jeweiligen Mediums bzw. Journalisten führen. Ein Journalist erzählt im Interview, dass er von einem Kanzler bewusst gemieden worden sei, weil ihm ein kritischer Artikel nicht passte.230 Der Entzug der Nähe führte so weit, dass der Journalist als Berichterstatter des Bundestagswahlkampfes informationstechnisch nicht mehr die bedeutende Rolle für das Blatt spielte wie einst.231 Zugleich merkt ein anderer Journalist an: „Einem Politiker, dem man einen Rücktritt nahe legt, findet das nie lustig. So, und dann ist für mich immer die Schwierigkeit, aus einer gewissen Nähe, vielleicht auch aus einer gewissen Sympathie, dann wieder zurückzutreten aus einer professionellen Rolle. Das zeigt aber auch, es gibt keine Freundschaft bzw. klar gibt es irgendwelche Freundschaften, wenn das jetzt der Hofberichterstatter ist, ist aber nicht meine Rolle. Ich bin nun auch Politikwissenschaftler, bestimmte Dinge sieht man einfach dann auch mit der Erfahrung der Zeit. Als Journalist ist es echt unredlich da so Durchhalteparolen zu schreiben, wenn man weiß, es ist vorbei.“232 228 Ebd. 229 ExI. Journalist. 230 Vgl. ebd. 231 Vgl. ebd. 232 Ebd. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 52 Die ehemalige stern-Journalistin Laura Himmelreich und ihr damaliger Arbeitgeber mussten im Jahr 2013 miterleben, dass sie von einer ganzen Fraktion für mehrere Wochen gemieden wurden. So entfachte sie mit ihrem Artikel „Der Herrenwitz“233 einen Aufschrei über Sexismus in der Gesellschaft. Im Stern schrieb Himmelreich von einer Begegnung nachts an einer Hotelbar mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle, der mit Blick auf deren Brüste zu der Journalistin sagte: „Sie können auch ein Dirndl ausfüllen.“234 Ob Alkohol im Spiel war, als Brüderle diese Aussage tätigte, ist nicht bekannt, doch diesen braucht es nicht unbedingt, um sich gegenseitig zu berauschen. Im Zusammenhang des großen Hypes um die politische Figur des fränkischen Barons und CSU-Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg (einst Wirtschafts- und Verteidigungsminister) fragte sich ein Journalist nach der großen Ernüchterung über ihn – nach dem Bekanntwerden seiner gefälschten Doktorarbeit: „Waren alle [Anm.: Medien] irgendwie besoffen? Im Guttenberg-Rausch?“235 Auch wenn die Springer-Presse lang ihren einstigen Zeitungspraktikanten zu Guttenberg medial in dieser schwierigen Zeit unterstützte, trat er aufgrund der Aberkennung seines Doktortitels und des medialen Drucks der anderen Medien zurück. Den damaligen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und zu Guttenberg verbindet weiterhin eine enge Freundschaft. Ganz zu schweigen von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, der als Ministerpräsident Niedersachsens noch von Bild hofiert wurde. Pflegte Wulff als niedersächsischer Landesvater zu den Springer-Journalisten ein enges, fast exklusives Verhältnis, so stellte er dieses als Bundespräsident ein. Der Rest der Geschichte ist bekannt, vom Drohanruf auf Diekmanns Mailbox und den vermeintlichen Vorwurf der Korruption, von dem er im Februar 2014 freigesprochen wurde.236 Im Zusammenhang mit der Wulff-Debatte wurde vor allem ein Satz zwischen dem Verhältnis von Politikern und der Bild-Zeitung sehr oft 233 Himmelreich, Laura, Der Herrenwitz, ‹http://www.stern.de/politik/deutschland/ stern-portraet-ueber-rainer-bruederle-der-herrenwitz-1964668.html› am 21.02.2015. 234 Himmelreich, Herrenwitz. 235 Gutsch, Jochen-Martin, Die Wunder von Berlin, in: Der Spiegel, H. 38, 17.09.2015. 236 Vgl. Spiegel Online, Korruptions-Prozess: Freispruch für Christian Wulff, ‹http:// www.spiegel.de/politik/deutschland/christian-wulff-freispruch-im-prozess-umkorruption-a-955932.html› am 25.02.2015. 5.2. Die Gefahr der Kumpanei: Das Nähe-und-Distanz-Problem 53 zitiert. Er stammt von dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, Matthias Döpfner, und lautet: „Wer mit der Bild-Zeitung im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“237 Von Wulffs kurzer Amtszeit als Bundespräsident blieb der Bevölkerung vor allem ein Satz in Erinnerung, den er in der Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 sagte: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“238 Das Presseecho über das Zitat Wulffs war durchaus unterschiedlich. Konservative Medien, wie die FAZ oder die Bild-Zeitung waren nicht sonderlich begeistert von Wulffs Aussage, so auch einige Abgeordnete von dessen eigener Partei, CDU – inklusive CSU.239 Interessant am Wulff-Zitat ist dessen Entstehungsgeschichte. Einen Blick hierbei auf die Hinterbühne zu werfen, zeigt sehr beispielhaft, wie Journalisten versuchen, auf den jeweiligen Politiker Einfluss in Form von Ratschlägen zu üben. Nachdem Joachim Gauck als Bundespräsident und somit als Nachfolger Wulffs gewählt worden war, offenbarte der Journalist Jörges in seinem bekannten Zwischenruf im Stern240, wie er das Bundespräsidialamt erst auf die Aussage der Islam gehört zu Deutschland aufmerksam machte.241 Alles begann drei Wochen vor Wulffs Rede am Tag der Deutschen Einheit 2010, als Jörges von Wulff ins Schloss Bellevue zu einem Gespräch eingeladen wurde.242 Für Jörges war die Einladung eine gute Gelegenheit, um zu erfahren, wie der Bundespräsident über die Thesen in Thilo Sarrazins Bestseller Deutschland schafft sich ab denkt.243 Über Wochen bestimmten die Aussagen Sarrazins die politische Debatte zum Islam. Wie Jörges in seinem rückblickenden Zwischenruf schreibt, „trieb [Wulff] die These von der angeblichen Erb- 237 Kleiß, Meike, Wulff dir deine Meinung, ‹http://www.tagesspiegel.de/meinung/ andere-meinung/gastkommentar-wer-mit-der-bild-im-aufzug-nach-oben-faehrtfaehrt-mit-ihr-auch-wieder-nach-unten-/6023974-2.html› 25.02.2015. 238 Bundespräsident: Rede zum 20. Jahrestag Tag der Deutschen Einheit. 239 Vgl. Götschenberg, Michael, Der böse Wulff? Die Geschichte hinter der Geschichte und die Rolle der Medien, Klumbach 2013, S. 109f. UND Das Parlament, Pressestimmen „Integrations-Präsident“, ‹https://www.das-parlament.de/2010/41 _42/Kehrseite/31782965/310154› am 25.02.2015. 240 Vgl. Jörges, Hans-Ulrich, Gauck oder der Tod, in: Stern, H. 9, 23.02.2012, S. 56f. 241 Vgl. Jörges, Hans-Ulrich, Gauck oder der Tod, in: Stern, H. 9, 23.02.2012, S. 57. 242 Vgl. ebd. 243 Vgl. ebd. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 54 dummheit der Muslime um. […] Nun wollte er Sarrazin öffentlich entgegentreten, ein starkes Signal setzen.“244 Wulff wollte die Rede zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung nutzen, um zu verdeutlichen, „dass auch Integration zur Einheit gehöre“245. Häufig tauschte er sich mit intellektuellen Muslimen in vertraulichen Gesprächen aus, hörte viel zu und stellte ihnen Fragen.246 Das Thema Integration war eine Herzensangelegenheit für ihn. Als Ministerpräsident Niedersachsens ernannte er als erster Landesvater eine Landesministerin mit muslimischer Religionszugehörigkeit. Doch inwiefern konnte er mit seiner Rede ein starkes Zeichen gegen Sarrazin setzen? Wenige Tage nach dem Hintergrundgespräch zwischen Wulff und Jörges traf der stern-Journalist zufällig auf einem Berliner Wochenmarkt seinen Kollegen Walid Nakschbandi. Der aus Afghanistan stammende Nakschbandi, der u. a. für die Süddeutsche und den Tagesspiegel schreibt und an der Universität der Künste Berlin lehrt, äußerte sein Missfallen gegenüber der Sarrazin-Debatte, die ihn verletzte. Aufgrund der anti-muslimischen Haltung in Teilen der Bevölkerung überlegte er gar zu emigrieren.247 Im Gespräch mit Jörges sagte er ihm: „Wulff solle den befreienden Satz wagen: ‚Der Islam gehört zu Deutschland.‘“248 Als Jörges von sich aus anbot, mit Wulff darüber zu sprechen, und ihm offenbarte, dass er kürzlich bei einem Gespräch beim Bundespräsidenten war, lehnte Nakschbandi ab.249 Doch Jörges trieben die Aussage und die Sorgen Nakschbandis um, und so erzählte er am 29. September 2010 bei einem Bankett im Schloss Bellevue, zu dem er geladen war, dem Pressesprecher Wulffs, Olaf Glaeseker, von diesem Satz.250 „Am Morgen des 30. September waren der Bild-Chef Kai Diekmann und seine Frau zum Frühstück ins Schloss Bellevue gekommen. Auch Bettina Wulff und Olaf Glaeseker waren dabei. Sie diskutierten zunächst eher all- 244 Ebd. 245 Ebd. 246 Vgl. Ata, Mehmet, Auf einmal war dieser Satz, ‹http://www.faz.net/aktuell/politik /welcher-satz-mit-christian-wulff-verbunden-bleibt-12911532-p3.html› am 26.02.2015. 247 VGL. Jörges, Tod, S. 57. 248 Ebd. 249 Vgl. ebd. 250 Vgl. Jörges, Tod, S. 57. 5.2. Die Gefahr der Kumpanei: Das Nähe-und-Distanz-Problem 55 gemeine Fragen. Wie oft sich ein Bundespräsident in den Medien zu Wort melden sollte, zum Beispiel. Dann erzählte Wulff von dem Satz. Er wollte von Diekmann wissen, mit welchen Reaktionen er in den Medien rechnen müsse. Der Bild-Chef sagte ihm Kontroversen voraus. Zudem äußerte er Zweifel, ob der Tag der Deutschen Einheit der richtige Anlass für diesen Satz sei. Diekmann hatte den Eindruck, dass Wulff fest entschlossen zu dem Satz war.“251 Sein Eindruck täuschte nicht. Glaeseker meldete sich bei Nakschbandi, den er bat, seine Gedanken aufzuschreiben. In einem drei Seiten langen Text schrieb der Journalist über „‚Ängste‘ und ‚Befürchtungen‘, über ‚Pauschalurteile‘ und ‚Verletzungen‘“252. Wulff war so sehr von dem Text bewegt, dass er Teile daraus für seine Rede mit Zustimmung Nakschbandis verwenden durfte. Was folgte, war eine weitere Diskussion über den Islam und Deutschland, doch diesmal nicht auf der Hinterbühne, sondern auf der Vorderbühne. Wulff wusste, was ihn erwartete – zu viele Hintergrundgespräche hatte er bereits geführt. 251 Ata, Satz, ‹http://www.faz.net/aktuell/politik/welcher-satz-mit-christian-wulffverbunden-bleibt-12911532-p3.html› 26.02.2015. 252 Ata, Satz, ‹http://www.faz.net/aktuell/politik/welcher-satz-mit-christian-wulffverbunden-bleibt-12911532-p2.html› 26.02.2015. 5. Das Beziehungsgeflecht der politisch-publizistischen Elite 56

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Zusammenfassung

Hintergrundgespräche sind längst ein fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Der informelle Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Das Hintergrundgespräch unterliegt klaren Regeln, an die sich alle Teilnehmer halten müssen. Doch weil es im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, steht es in der Kritik. Der Vorwurf: Politik und Medien stecken unter einer Decke.

Gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage nach der Relevanz von Hintergrundgesprächen.

In diesem Buch werden die Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs aufgezeigt, die Geschichte der Hintergrundkreise erzählt und wie die deutschen Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzten. Abschließend wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung als Bundeskanzlerin darstellt. Zugleich wird der Bedeutung im Mediensystem des digitalen Zeitalters nachgegangen.