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4. Das deutsche Mediensystem in:

Florian Beißwanger

Hintergrundgespräche, page 27 - 36

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem des digitalen Zeitalters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4378-3, ISBN online: 978-3-8288-7362-9, https://doi.org/10.5771/9783828873629-27

Tectum, Baden-Baden
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Das deutsche Mediensystem Das Internet bietet für Journalisten eine große Chance, auch in nichtdemokratischen Staaten regierungskritische Tweets und Artikel – sei es aus dem Land selbst oder aus dem Ausland – zu veröffentlichen. Der Medienwissenschaftler Roger Blum schreibt hierzu: „Im Internet zirkulieren die Informationen weltweit ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen und Hindernisse wie Gebirgszüge und Weltmeere. […] Der Globus scheint ein einziges Mediensystem zu sein. Und da sich immer mehr Länder dem Gesetz der Marktwirtschaft unterwerfen, müsste eigentlich erwartet werden, dass parallel zum ökonomischen Gesamtmarkt auch ein weltweites Mediensystem heranwächst. Doch der Eindruck täuscht. Auch wenn der ‚free flow communication‘ nahezu Realität zu sein scheint, sind doch die Rahmenbedingungen sowohl der Medienveranstalter als auch der Mediennutzer je nach Land und Lage ganz unterschiedlich.“101 Bestes Beispiel ist das demokratische EU-Mitgliedsland Ungarn. Im Juni 2014 beschloss die national-konservative Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán eine Sondersteuer für Medien.102 Neben den anfallenden Steuern müssen seitdem zusätzlich „Werbeeinnahmen von Medienunternehmen progressiv und zum Teil drastisch besteuert werden.“103 Dies trifft gerade kleinere, unabhängige Fernseh- und Radiosender. Sie geraten immer mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Für den regierungsnahen Sender TV 2 wurde hingegen extra ein Steuerschlupfloch geschaffen. Für das Mediensystem des Landes ist dies ein 4. 101 Blum, Roger, Lautsprecher und Widersprecher. Ein Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme, Köln 2014, S. 13f. 102 Vgl. Verseck, Keno, Erneuter Angriff auf die Pressefreiheit in Ungarn, ‹http:// www.dw.de/erneuter-angriff-auf-die-pressefreiheit-in-ungarn/a-17702289› am 11.02.2015. 103 Ebd. 27 gravierender Einschnitt in die Unabhängigkeit des Journalismus und beeinträchtigt die demokratische Grundordnung.104 Auch die Türkei beschränkt die Pressefreiheit. „Über Hunderte Themen darf nicht berichtet werden, Konzerne kaufen sich Medien, um sich der Regierung anzudienen.“105 Im Dezember 2014 wurden zahlreiche regierungskritische Journalisten verhaftet.106 Im April 2014 veranlasste der türkische Premier Erdoğan die Sperrung des Nachrichtendiensts Twitter, die das Verfassungsgericht allerdings wieder aufhob.107 Genau ein Jahr später wird wieder der Nachrichtendienst wie auch die Videoplattform YouTube gesperrt, weil dort Fotos von einem entführten und getöteten Juristen kursierten.108 Seit dem misslungenen Putschversuch im Jahr 2016 wurden regierungskritische Zeitungen gar geschlossen und einige Journalisten, darunter auch der deutsche Journalist Deniz Yücel, inhaftiert. Diese Beispiele verdeutlichen, dass im digitalen Zeitalter keineswegs von einem globalen Mediensystem gesprochen werden kann, auch nicht innerhalb von Staatengemeinschaften und deren potenziellen Bewerbern wie der Türkei. Der Rahmen des Mediensystems: Ein allgemeiner Definitionsansatz Nach Blum werden Mediensysteme „[…] von politischen Akteuren durch Medienpolitik und anhaltende politische Kommunikationsprozesse geschaffen. Bei der Medienregulierung werden Spielräume in der öffentlichen Kommunikation durch Regeln eingeschränkt, die durch 4.1. 104 Vgl. ebd. 105 Akyol, Çiğdem, Ein Land unter Nachrichtensperre, ‹http://www.zeit.de/politik/ ausland/2014-12/tuerkei-zensur-pressefreiheit› am 11.02.2015. 106 Vgl. Zeit Online, EU verurteilt Festnahmen von Regierungskritikern, ‹http:// www.zeit.de/politik/ausland/2014-12/tuerkei-razzia-zaman-guelen› am 11.02.2015. 107 Vgl. Spiegel Online, Nach Gerichtsurteil: Türkei hebt Twitter-Verbot auf, ‹http:// www.spiegel.de/netzwelt/web/internet-in-der-tuerkei-regierung-hebt-das-twitterverbot-auf-a-962453.html› am 11.02.2015. 108 Vgl. Tagesschau.de, Türkei ohne Twitter und YouTube, ‹ h t t p : / / w w w . tagesschau.de/ausland/tuerkei-163.html› am 06.04.2015. 4. Das deutsche Mediensystem 28 verbindliche Entscheidungen autorisierter Instanzen gesetzt werden. Politische Akteure bewegen sich damit in Strukturen, die sie selbst mitgeprägt haben, und entwerfen Spielregeln für eine Arena, in der sie selbst die aktivsten Mitspieler sind.“109 Demzufolge versteht Blum weiter „unter Mediensystemen […] die Gesamtheit öffentlicher und aktueller Medien mit ihren Strukturen, ihrer rechtlichen und ökonomischen Verfasstheit, ihren Freiheiten und Schranken, ihrer Kultur und ihren Traditionen in einem definierten Gebiet. In der Regel beschreibt man Mediensysteme von Staaten, man kann aber auch Mediensysteme von Teilstaaten (Bundesländern, Provinzen, Kantonen, Regionen), von Städten oder von Kontinenten definieren.“110 Letzter Punkt (bzgl. der Kontinente) ist jedoch sehr schwer umsetzbar und fast utopisch, aber mit Blick auf die Globalisierung nicht ganz auszuschließen. „Zur Beschreibung eines Mediensystems gehört beispielsweise der Grad der Pressefreiheit, die Art der Medienregulierung, die Frage, wem die Medien gehören und wer sie finanziert, die Ausprägung des Journalismus (besitzt er hohe ethnische Standards, gibt es eine Selbstregulierung, ist die Ausbildung professionalisiert, gibt es eine Kultur der investigativen Recherche?), der Stellenwert des Public Service, der Grad der Kommerzialisierung der Medien, das Verhältnis von Fernsehkultur und Lesekultur usw.“111 Dem Politik- und Medienwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber zufolge beschreibe der Begriff Mediensystem „die Gesamtheit von Ordnungen oder Strukturen, die Medien in einem definierten Raum – zumindest ein Staat – charakterisieren.“112 Im vorherigen Kapitel wurde allgemein beschrieben, vor welchen Herausforderungen der Qualitätsjournalismus bezüglich der digitalen Revolution steht. Gerade die Vereinigten Staaten nehmen eine Vorreiterrolle in der Entwicklung und Anwendung digitaler Innovationen 109 Burgert, Denise, Politisch-mediale Beziehungsgeflechte. Ein Vergleich politikspezifischer Kommunikationskulturen in Deutschland und Frankreich, Berlin 2010, S. 52. 110 Blum, Lautsprecher, S. 18. 111 Blum, Lautsprecher, S. 18. 112 Kleinsteuber, Hans J., Mediensysteme, in: Weichenberg, Siegfried / Kleinsteuber, Hans J. / Pörksen, Bernhard (Hrsg.), Handbuch Journalismus und Medien, Konstanz 2005, S. 275. 4.1. Der Rahmen des Mediensystems: Ein allgemeiner Definitionsansatz 29 ein und sind meist als Erste davon betroffen, wie etwa in der Verwendung von Bots bei der Nachrichtengenerierung. Angesichts der genannten Komplexität der jeweiligen Einflussfaktoren des Mediensystems ist es sinnvoll, sich auf ein Land zu fokussieren, um die Relevanz von Hintergrundgesprächen im Mediensystem des digitalen Zeitalters zu untersuchen. Hierbei fiel die Wahl auf die Bundesrepublik Deutschland. Parallelen in Bezug auf die Anwendung von Hintergrundgesprächen in anderen demokratischen Staaten und folglich des jeweilig verankerten Mediensystems sind keineswegs ausgeschlossen. Im folgenden Absatz soll das deutsche Mediensystem kurz beschrieben werden. Die DNA des deutschen Mediensystems „Deutschland gilt als ‚Ursprungsland der Zeitung‘“113 und ist trotz digitaler Revolution und rückläufiger Auflagen eine Zeitungs- und Zeitschriftenlesenation.114 Angesichts der „Vielfalt privater Druckerzeugnisse (Tageszeitungen, Wochenzeitungen u. a.) einerseits und der begrenzten Zahl öffentlich-rechtlicher Rundfunk- und Fernsehanstalten sowie privater Rundfunkmedien andererseits“115 lässt sich in der Medienlandschaft der Bundesrepublik eine Aufspaltung in zwei unterschiedliche Bereiche erkennen. „Damit unterscheidet sich das deutsche Mediensystem sowohl von liberal-privatwirtschaftlichen Mediensystemen (USA, Großbritannien, Kanada, Irland) wie von polarisiertpluralistischen Systemen mit staatlich kontrolliertem Rundfunkwesen und politisch engagierten Zeitungen (Frankreich, Südeuropa).“116 Das Pressewesen der Bundesrepublik wurde maßgeblich nach dem Zweiten Weltkrieg von den westlichen Besatzungsmächten (USA, Großbritannien und Frankreich) geprägt.117 „ […] die amerikanische Besatzungsmacht ließ nur Zeitungen mit politisch gemischten Herausgeberkrei- 4.2. 113 Rudzio, Wolfgang, Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2015, S. 456. 114 Vgl. Schulz-Bruhdoel, Norbert, Pressearbeit: Gute Geschäfte auf Gegenseitigkeit, in: Piwinger, Manfred / Zerfass, Ansgar (Hrsg.), Handbuch Unternehmenskommunikation, Wiesbaden 2007, S. 401ff. 115 Rudzio, Politisches System, S. 456. 116 Rudzio, Politisches System, S. 456. 117 Vgl. ebd. 4. Das deutsche Mediensystem 30 sen zu, die Briten zwar mehrheitlich ‚Parteirichtungszeitungen‘, vertrauten diese jedoch nicht Parteien, sondern Einzelpersonen an.“118 Bis heute lassen sich die größten Zeitungen und Magazine der Bundesrepublik einer politischen Richtung zuordnen. Aus heutiger Sicht ist im Vergleich vergangener Jahrzehnte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diese Zuordnung jedoch nicht mehr so eindeutig. Viele Medien orientieren sich verstärkt an der politischen Mitte, wo sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts die Volksparteien CDU und SPD immer mehr ansiedeln und sich folglich auch der Wähler und Leser politisch stärker einordnet. Angesichts von drei Großen Koalitionen innerhalb weniger Jahre (2005–2009 und 2013–2017 sowie 2018 bis heute) ist dies zudem wenig verwunderlich, da sich die beiden Volksparteien größtenteils einem politischen Konsens innerhalb der Regierung verpflichteten. Der Professionalisierungsgrad der Journalisten in Deutschland ist angesichts renommierter Journalistenschulen, wie etwa der Deutschen Journalistenschule in München und der Henri-Nannen- Schule in Hamburg, sowie der angebotenen Volontariate der Qualitätsmedien sehr hoch. Grenzfälle politischer Einflussnahmen & neue Herausforderungen „Da der Politikjournalismus nicht nur im Mediensystem selbst eine besondere Stellung einnimmt, sondern auch im demokratischen System, verwundert es kaum, dass andere gesellschaftliche Akteure – im Wesentlichen Politiker, Wirtschaftsbosse oder Lobbyisten – Einfluss auf die politische Berichterstattung zu nehmen suchen.“119 Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht aufgrund seiner Staatsnähe gelegentlich gerne im Fokus der politischen Einflussnahme auf Nachrichteninhalte. Zwar dürfen „Funk und Fernsehen weder einer Regierung noch einer gesellschaftlichen Gruppe [aufgrund der verfassungsrechtlichen Forderung] allein überantwortet werden, [… weswegen] sich die Aufsichtsgremien der Rundfunkanstalten und des ZDF aus politischen Repräsentanten (Regierungs-, Fraktions- und Parteivertreter) und Vertretern 4.3. 118 Ebd., S. 457. 119 Elter/Raue, Politik. Basiswissen, S. 55. 4.3. Grenzfälle politischer Einflussnahmen & neue Herausforderungen 31 gesellschaftlicher Gruppen“120 zusammensetzen. Trotz alledem versuchen Politiker aus der ersten Reihe und deren Umfeld gezielt, die Berichterstattung zu beeinflussen. So unternahm etwa Hans Michael Strepp, als Pressesprecher des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU), im Oktober 2012 den Versuch, einen Bericht der ZDF heute-Sendung über den SPD-Landesparteitag und die Nominierung des SPD-Spitzenkandidaten anlässlich der bevorstehenden bayerischen Landtagswahl zu verhindern.121 Der politisch-mediale Druck angesichts des vom ZDF publik gemachten Anrufs Strepps beim Sender verlagerte sich immer mehr auf den damaligen Ministerpräsident Seehofer, der sich letztlich von seinem Pressesprecher trennte und die Kritik, er habe Strepp dazu angestiftet, zurückwies.122 13 Monate nach dem Vorfall meldete sich Seehofer persönlich bei ZDF-Intendant Thomas Bellut per SMS und beklagte sich über die ZDF heute-journal- Moderatorin Marietta Slomka.123 Seehofer missfiel das Verhalten der Moderatorin, da sie den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel mit ihrer Frage zum SPD-Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag im Bund zwischen SPD, CDU & CSU zu hart anging.124 Slomka hatte lediglich wissen wollen, ob der Mitgliederentscheid verfassungskonform sei, und hakte mehrmals nach. „Im Spiegel zitierte Seehofer den Wortlaut seiner SMS an Bellut: ‚Lieber Herr Bellut, für Auftritt von Frau Slomka gegenüber Gabriel kann man sich nur wundern. Wir entscheiden als CSU heute Nachmittag mit ca. 100 Leuten über Koalitionsvertrag. Verfassungswidrig? Ihr HS aus Bayern.‘“125 Das ZDF sah diese SMS als Bedrohung der Pressefreiheit an.126 In einem Brief an den Intendanten 120 Rudzio, Politisches System, S. 462. 121 Vgl. Spiegel Online, Anruf-Affäre: CSU-Sprecher Strepp tritt zurück, ‹http:// www.spiegel.de/politik/deutschland/csu-sprecher-strepp-tritt-nach-zdf-affaerezurueck-a-863356.html› am 07.02.2015. 122 Vgl. Spiegel Online, Anruf-Affäre. 123 Vgl. FAZ.de: Seehofer beschwert sich über Slomkas Fragen, ‹http://www.faz.net/ aktuell/politik/interview-mit-gabriel-seehofer-beschwert-sich-ueber-slomkas-fragen-12687644.html› am 07.02.2015. 124 Vgl. ebd. 125 Zeit Online, Seehofer beklagt Qualitätsverlust in den Medien, ‹http://www.zeit.de/ politik/deutschland/2013-12/seehofer-kritik-medien› am 07.02.2015. 126 Vgl. ebd. 4. Das deutsche Mediensystem 32 sprach der Ministerpräsident von einer falschen Auslegung des Inhalts seiner Textnachricht.127 Aufgrund ihrer besonderen Stellung im System versuchen gelegentlich Politiker, die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu beeinflussen. Im März 2014 erklärte das Bundesverfassungsgericht, dass angesichts des zu hohen Anteils von Politikern und staatsnahen Personen in den Gremien der Staatsvertrag des ZDF in Teilen verfassungswidrig sei.128 „Nach Ansicht der Richter gibt die Zusammensetzung der Sender-Gremien Staat und Politik zu gro- ßen Einfluss auf den Sender.“129 Der Grad an staatlicher Kontrolle lässt sich nach Jay Blumler und Michael Gurevitch „anhand von drei Kriterien operationalisieren: (1) Kontrolle über die Ernennung des Medienpersonals, (2) Kontrolle über die Finanzierung von Medienunternehmen und (3) Kontrolle über den Inhalt von Medien.“130 Gerade der Punkt zur Kontrolle der Ernennung bzw. Abberufung des Medienpersonals gab Anlass zur Klage. Im Jahr 2009 wurde der Vertrag des unter Journalistenkollegen sehr geschätzten damaligen ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender nicht verlängert.131 Die unionsnahe Mehrheit im Verwaltungsrat sprach sich gegen eine Vertragsverlängerung aus – ein Vorgang, den der damalige hessische Ministerpräsident Roland Koch initiierte.132 Immer wieder muss sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk anhand seiner besonderen 127 Vgl. ebd. 128 Vgl. Tagesspiegel Online, Verfassungsgericht: Politik hat zu viel Einfluss auf öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ‹http://www.tagesspiegel.de/medien/urteil-zumzdf-staatsvertrag-verfassungsgericht-politik-hat-zu-viel-einfluss-auf-oeffentlichrechtlichen-rundfunk/9663170.html› am 08.02.2015. 129 SZ-Online: ZDF-Staatsvertrag ist verfassungswidrig, ‹ h t t p : / / w w w . sueddeutsche.de/medien/zu-grosser-einfluss-von-staat-und-politik-zdf-staatsvertrag-istverfassungswidrig-1.1921195› 08.02.2015. 130 Burgert, Beziehungsgeflechte, S. 55. / Vgl. Blumler, Jay / Gurevitch, Michael, Politicians and the Press: An Essay on Role Relationship, in: Nimmo, Dan D. / Sanders, Keith R. (Hrsg.), Handbook of political communication, New York 1995, S. 62f. 131 Vgl. Handelsblatt Online: Brender ist Journalist des Jahres, ‹http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/geschasster-zdf-chefredakteur-brender-istjournalist-des-jahres/3322316.html› am 08.02.2015. 132 Vgl. SZ-Online, ZDF-Staatsvertrag. 4.3. Grenzfälle politischer Einflussnahmen & neue Herausforderungen 33 Stellung im Mediensystem gegenüber politischem Einfluss in Bezug auf die Berichterstattung behaupten. Da die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland mittels einer Rundfunkgebühr finanziert werden, die gesetzlich geregelt ist, ist der Grad der politischen Kontrolle höher als etwa bei renommierten Zeitungen wie beispielsweise der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Verhältnis zwischen den Öffentlich-Rechtlichen auf der einen Seite und den Verlagen auf der anderen hat sich im Mediensystem des digitalen Zeitalters gravierend verändert. Standen die Öffentlich-Rechtlichen und die Verlage vor dem Auftritt des Internets weniger im Konkurrenzkampf, da jeder sich auf sein Medium (Öffentlich-Rechtliche: Fernsehen & Radio; Verlage: Print) beschränkte, so waren nun alle Inhalte (Artikel, Videos, Audios) in einem Medium abrufbar. Da die Öffentlich-Rechtlichen neben Videos journalistische Artikel auf ihren Internetseiten veröffentlichten, klagten die Verlage wegen Wettbewerbsverzerrung, da sie schließlich keine gesetzlich geregelten Gebühren beziehen. In einer außergerichtlichen Einigung im Jahr 2012 kamen ARD und ZDF den Verlagen entgegen und verpflichteten sich auf einen Kompromiss, der vorsah, weniger journalistische Texte für Smartphones und Tablet-PCs bereitzustellen. Immer wieder müssen sich die Medien auf technische Neuerungen und Regelungen einstellen, was auf die Rahmenbedingungen des Mediensystems erheblichen Einfluss haben kann. Gerade das gescheiterte Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU hätte zur Liberalisierung des Medienmarktes führen können133 und folglich das deutsche, aber auch Mediensysteme anderer Staaten in der EU erheblich verändern können. Die USA und große amerikanische Konzerne wie Apple oder Netflix drängten schon im Vorfeld auf die Öffnung des Marktes, was nach Ansicht der Grünen-Europaabgeordneten Helga Trüpel der Abschied von der Regelungs- und Förderpolitik, wie diese 133 Vgl. Fernsehbericht: Kalle, Janina, Durch die Hintertür. Betrifft TTIP die Medien?, NDR-Magazin ZAPP, Erstausstrahlung im NDR am 04.02.2015. Hinweis: auch unter folgendem Link abrufbar: ‹http://www.ardmediathek.de/tv/Zapp/ Durch-die-Hintert%C3%BCr-Betrifft-TTIP-die-M/NDR-Fernsehen/Video?docu mentId=26299684&bcastId=3714742›. 4. Das deutsche Mediensystem 34 in der Europäischen Union betrieben wird, wäre.134 Zukünftig könnten also digitale Fernsehanbieter wie Apple TV oder Netflix für Nachrichtensendungen sowie Serien und Filme von ARD und ZDF einen Teil der Rundfunkgebühren verlangen, da die Angebote der Öffentlich-Rechtlichen als digitale Produkte mittels des Auswahlrepertoires von Netflix & Co. angeschaut werden können.135 Anzustellende Parallelen zur „Methode Bezos“ in Bezug auf den Umgang mit den Kleinverlagen sind dabei durchaus berechtigt. All diese Beispiele zeigen einmal mehr, in welcher Dynamik sich das Mediensystem im digitalen Zeitalter aufgrund der vielen damit einhergehenden Veränderungen befindet. Politische Akteure richten ihr Handeln in demokratischen Staaten nicht nur an den Gegebenheiten des politischen Systems aus, sondern orientieren sich auch an dem bestehenden Mediensystem.136 Gezielt nutzen sie mal mehr, mal weniger erfolgreich die Rationalitäten des Systems aus, um politische Botschaften zu lancieren und die Gunst der öffentlichen Meinung zu gewinnen.137 Am besten gelingt es Politikern dabei, größtmögliche Aufmerksamkeit zu erlangen, wenn sie sich „bei der Selektion und Verarbeitung von Informationen an bestimmten Nachrichtenwerten orientieren.“138 Die vorab genannten Beispiele bzgl. der Einflussnahme von Seiten der CSU bilden hierbei einen Bruch der Regeln des Systems. Gegen die Grundlage des Mediensystems, Artikel 5 des Grundgesetzes, in dem die Pressefreiheit verankert ist, wurde hierbei verstoßen. Im folgenden Kapitel soll nun näher auf die symbiotische Beziehung zwischen Politik und Medien eingegangen werden. Dabei ist vor allem ein Blick hinter die Kulissen sehr aufschlussreich. 134 Vgl. ebd. 135 Vgl. ebd. 136 Vgl. Burgert, Beziehungsgeflechte, S. 36. 137 Vgl. ebd., S. 36f. 138 Ebd., S. 37. 4.3. Grenzfälle politischer Einflussnahmen & neue Herausforderungen 35

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Zusammenfassung

Hintergrundgespräche sind längst ein fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Der informelle Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Das Hintergrundgespräch unterliegt klaren Regeln, an die sich alle Teilnehmer halten müssen. Doch weil es im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, steht es in der Kritik. Der Vorwurf: Politik und Medien stecken unter einer Decke.

Gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage nach der Relevanz von Hintergrundgesprächen.

In diesem Buch werden die Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs aufgezeigt, die Geschichte der Hintergrundkreise erzählt und wie die deutschen Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzten. Abschließend wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung als Bundeskanzlerin darstellt. Zugleich wird der Bedeutung im Mediensystem des digitalen Zeitalters nachgegangen.