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9. Ausblick in:

Florian Beißwanger

Hintergrundgespräche, page 147 - 150

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem des digitalen Zeitalters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4378-3, ISBN online: 978-3-8288-7362-9, https://doi.org/10.5771/9783828873629-147

Tectum, Baden-Baden
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Ausblick Die Beschleunigung des Informationsflusses durch das Internet hat den Beruf des Journalisten stark verändert − in vielen Aspekten zum Negativen − so auch das Hintergrundgespräch. Ein erfahrener Journalist bringt es im Experteninterview deutlich auf den Punkt: „Man erfährt im Hintergrundkreis manchmal nur einen Zipfel von irgendetwas. Das Wichtigste ist dann, was man daraus macht. Das Wichtige ist, dass man daran weiterzieht. Meine Sorge ist, dass dazu heutzutage zu wenig Zeit in Berlin dafür ist. Man schreibt nur über Zipfel, aber nicht über das, was hintendran war.“653 Dies ist ein Plädoyer, sich für die journalistische Arbeit einmal mehr intensiv Zeit für Recherchen und Artikel einzuräumen. Es kommt nicht darauf an, wie viele Artikel erscheinen, sondern, welche Qualität diese haben. Dies muss der bewusste Nachrichtenkonsument schätzen, der bereit sein sollte, für Inhalte zu bezahlen. Mehr Mut bei der Umsetzung neuer Finanzierungsmodelle, wie etwa Paywalls, stärkt den Qualitätsjournalismus. Hierbei sind gemeinsam vereinbarte Finanzierungsregelungen unter den Verlagen sehr sinnvoll. Der Trend, Hintergrundgespräche am Morgen, in sogenannten Pressefrühstücken, zu veranstalten, ist weniger gewinnbringend für Politik und Medien. Der gemeinsame Austausch am Morgen laufe der Ansicht eines politischen Akteurs nach sehr viel nüchterner und professioneller ab als am Abend. Das Gewand des Abends ist gerade für Hintergrundgespräche sehr wichtig. Die Stimmung am Ende eines Arbeitstages ist meist entspannter und geselliger. „Der Abend ist eine Zeit der Kontemplation.“654 Das Hintergrundgespräch als Instrument von Politik und Medien wird auch zukünftig von Angesicht zu Angesicht und somit analog geführt werden. Videoschalten per Internet oder Konversationen per Te- 9. 653 ExI. Journalist. 654 Grill, Heinz, Die geistige Berechnung des Schlafes, Soyen 1999, S. 62. 147 lefon, SMS, Chat oder E-Mail sind kein gleichwertiger Ersatz für das Hintergrundgespräch im klassischen Sinne. Die Akteure profitieren vom analogen Gebrauch des Hintergrundgesprächs, da sich hierbei gerade zu Beginn des Kennenlernens gegenseitige Sympathien bzw. Antipathien besser feststellen lassen. Per Telefon, Chat, Mail oder Videoschalte lässt sich Vertrauen schwer aufbauen, allein der zu Beginn des Gesprächs gepflegte Small Talk ist in der Regel sehr verkürzt oder kommt gar nicht zustande.655 Die Ankommens- und Anfangsphase der Akteure des Hintergrundgesprächs ist nicht zu unterschätzen, denn gerade hierbei werden erste Gesten untereinander ausgetauscht, private Konversationen geführt. Im Experteninterview verweist ein politischer Akteur darauf, dass es gerade dabei auf die kleinen Gesten ankomme.656 Ein guter Politiker, der in ein Hintergrundgespräch gehe, der hat sich vorab bei seinem Pressesprecher über private Dinge von Journalisten erkundigt.657 „Dort erfährt er, dass sich Max Müller vor einem halben Jahr geschieden und Helene Langes Tochter ein Kind bekommen hat. In einem Hintergrundgespräch geht man dann auf den Max Müller zu, umarmt den und fragt: ‚Geht es dir gut?‘ – ‚Schön, freut mich.‘ Helene Lange wird gefragt: ‚Wie geht es denn Ihrer Tochter?‘ Das ist wichtig, da braucht man nicht viel Empathie, man muss denen signalisieren, ihr gehört gewissermaßen zur weiteren Familie. Das ist das Geheimnis.“658 Bei Videoschalten fällt überwiegend diese emotional geprägte Phase weg, die Person auf dem Bildschirm ist weniger greifbar. Das klassische Hintergrundgespräch jenseits digitaler Hilfsmittel ist, auch wenn sich die Akteure sehr gut kennen, immer der analogen Form vorzuziehen. Wie in dieser Forschungsarbeit deutlich wurde, legen die Akteure selbst in Hintergrundgesprächen sehr selten alle Karten auf den Tisch. Die vollständige Wahrnehmung der verbalen und paraverbalen sowie der nonverbalen und extraverbalen Kommunikation des politischen Akteurs im direkten Gespräch ermöglicht es den Journalisten jedoch, 655 Vgl. Universitätsfolien: Strohschneider, Stefan, Interkulturelle Teamarbeit, Part 6 Virtuelle Teamarbeit, WS 2011/2012, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Folie 8. 656 Vgl. ExI. Politischer Akteur. 657 Vgl. ebd. 658 Ebd. 9. Ausblick 148 gezielter nachzufragen. Ein Mangel an sozialen Kontexthinweisen (Lack of social context cues) sowie ein erschwertes Erkennen von Rückmeldungssignalen (Back-Channeling: u. a. Nicken, Schmunzeln) und Sprecherwechseln (Turn-Taking) wird hierbei umgangen.659 Das Hintergrundgespräch ist jedoch weit mehr als ein Deutungsinstrument für Journalisten. Es ist ein Multitool, sich der Wahrheit anzunähern. Der Journalist arbeitet nicht nur mit verbal geäußerten Informationen, sondern hat die Möglichkeit, sein Bild über das Gesagte u. a. durch die Mimik, Gestik und die Stimmlage des politischen Akteurs zu vervollständigen, indem er auf sie reagiert. Gerade in Zeiten wilder Verschwörungstheorien und der Manipulation von Meinungen im Internet – teils in Auftrag gegeben durch Staaten – müssen Journalisten als unabhängige Aufklärer die Bevölkerung objektiv informieren. Wenn Politiker nicht öffentlich die Wahrheit sagen können, ihnen aber daran liegt, diese in den Medien zu verbreiten, sollten sie das Instrument Hintergrundgespräch auf alle Fälle nutzen. Die bewusste Mitteilung falscher Hintergrundinformationen ist definitiv nicht zu empfehlen, meist kommt es früher oder später heraus. Sonst ist die Glaubwürdigkeit beschädigt, das Vertrauen ist dahin. Hintergrundgespräche wird es auch in Zukunft geben, es müssen jedoch Politiker und Journalisten beidseitig daran interessiert sein. 659 Vgl. Universitätsfolien: Strohschneider, Stefan, Interkulturelle Teamarbeit, Folie 8. 9. Ausblick 149

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Zusammenfassung

Hintergrundgespräche sind längst ein fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Der informelle Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Das Hintergrundgespräch unterliegt klaren Regeln, an die sich alle Teilnehmer halten müssen. Doch weil es im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, steht es in der Kritik. Der Vorwurf: Politik und Medien stecken unter einer Decke.

Gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage nach der Relevanz von Hintergrundgesprächen.

In diesem Buch werden die Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs aufgezeigt, die Geschichte der Hintergrundkreise erzählt und wie die deutschen Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzten. Abschließend wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung als Bundeskanzlerin darstellt. Zugleich wird der Bedeutung im Mediensystem des digitalen Zeitalters nachgegangen.