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3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck in:

Florian Beißwanger

Hintergrundgespräche, page 13 - 26

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem des digitalen Zeitalters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4378-3, ISBN online: 978-3-8288-7362-9, https://doi.org/10.5771/9783828873629-13

Tectum, Baden-Baden
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Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck „Der Wechsel auf den Samstag ist ein Bekenntnis: Wir glauben an die Zukunft des Lesens, wir glauben daran, dass es wichtig ist, sich Zeit für das Wesentliche zu nehmen.“43 So rechtfertigte Deutschlands meistgelesenes Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in einer Hausmitteilung an seine Leser die Vorverlegung seines Erscheinungstermins. Seit Anfang 2015 ist das Nachrichtenmagazin nicht mehr montags, sondern bereits zu Beginn des Wochenendes zu erwerben. Auch das Konkurrenzmagazin Focus erscheint nun immer samstags und nicht mehr zu Beginn der Woche – wie einst schon die Wirtschaftswoche, die bereits am Freitag am Kiosk erhältlich ist. „Der mit Hoffnungen überladene Wochenendleser gerät aus allen Richtungen deutlich schärfer ins Visier.“44 Für mehr als die Hälfte der Spiegelleser,45 die bereits vor der Umstellung des Erscheinungstermins das Magazin generell am Wochenende lasen, scheint dies von schlüssiger Konsequenz zu sein. Unter der Woche haben viele Leser weniger Zeit, sich der intensiven Zeitschriftenlektüre zu widmen. Verstärkt konzentriert sich auch der Zeitungsmarkt immer mehr auf das Wochenendgeschäft, da die Wochenendausgaben der Verlage einen höheren Absatz als die unter der Woche erscheinenden Tageszeitungen erzielen.46 „Von taz bis Süddeutsche Zeitung – der Umbau von der Tageszeitung zur täglichen Wochenzeitung ist in vollem Gang.“47 Der Grund hierfür ist das sich rapide ändernde Nachrichtennutzungsverhalten. „Menschen konsumieren reine Nachrichten als Infor- 3. 43 Hausmitteilung. Betr. Der Spiegel, in: Der Spiegel vom 10.01.2015, H. 3, S. 3. 44 Feldmer, Simon, Endlich Wochenende, in: Der Journalist, Januar 2015, H. 1, S. 12. 45 Vgl. ebd., S. 18. 46 Vgl. Feldmer, Simon, Endlich Wochenende, in: Der Journalist, Januar 2015, H. 1, S. 18. 47 Ebd., S. 12. 13 mation nicht mehr morgens mit einer Zeitung aus Papier, sondern elektronisch via PC, Tablet oder Smartphone. Diese Menschen verzichten nicht auf Information an sich, aber sehr wohl auf den veralteten Kanal.“48 Gerade für die Gruppe der 14- bis 29-Jährigen, die gerne als Generation Y bezeichnet wird, ist das Internet das zentrale Medium.49 Ihr Umgang mit den aktuellsten Nachrichten lässt sich mit permanenten „grazing, scanning, snacking and zapping“50 beschreiben. „Das berühmteste Zitat zu diesem Thema stammt aus einem Artikel der New York Times.“51 Sehr treffend beschreibt es den Wandel des Mediennutzungsverhaltens junger Leute: „If the news is that important, it will find me.”52 Musste man vor der digitalen Revolution und während der Anfänge des Internets noch aktiv nach Nachrichten suchen und Tageszeitungen erwerben oder die Radio- und Fernsehnachrichten einschalten, so kommt für die Generation Y eine wirklich wichtige Nachricht einfach zu ihnen.53 Einer Studie des Media Management Centers der Northwestern University zufolge will die Generation Y Folgendes: „[…] to become informed, but they don’t want to follow the news. […] Becoming informed means learning enough to understand something, to decide what you think about it and perhaps be able to talk about (or least understand what others are talking about).”54 Soziale Netzwerke wie Facebook oder Nachrichtendienste wie Twitter, die Informationen filtern und in Form von Posts und Tweets mit wenig Zeichen verbreiten, sind ein Beschleuniger dieses Nachrichtenverhaltens. Zweifelsohne hat die ständige Informationsbeschallung, überwiegend durch das Smartphone, bereits heute gravierende Auswirkungen auf unser Leben. Der Ansicht des Psychologen Stephan Grünewald halten wir „es nicht mal mehr zwei, drei Stunden aus, dass etwas pas- 48 Väth, Markus, Cool down. Die Zukunft der Arbeit und wie wir sie meistern, Offenbach 2013, S. 133. 49 Vgl. Wolf, Armin, Wozu brauchen wir noch Journalisten?, Wien 2013, S. 37. 50 Vgl. ebd., S. 37. / Ursprungsquelle: Palfrey / Gasser, Born Digital. Understanding the first Generation of Digital Natives, New York 2008. 51 Ebd., S. 39. 52 Ebd. / Ursprungsquelle: Stelter, Brain: Finding Political News, 27.03.2008, http:// is.gd/YzHToM. 53 Vgl. ebd. 54 Ebd., S. 40. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 14 sieren könnte, von dem wir nicht sofort erfahren. Oft führen wir durch die digitalen Geräte nur unsere innere Unruhe ab.“55 Grünewald nennt bereits das Smartphone „die Zigarette der Moderne, die uns vorübergehend in einen vermeintlich stabilen Zustand versetzt.“56 Die aktuellsten Informationshappen, die mittels des Smartphones fast überall zu empfangen sind, scheinen Momente der Langeweile und Einsamkeit für kurze Zeit vergessen zu machen. Doch bei einem zu ausgeprägten Konsum, der in eine Abhängigkeit münden kann, wird der Mensch immer zerstreuter. „Das Internet und die sich immer beschleunigende Lebenswelt überfordern unsere Aufmerksamkeitsressourcen und erschöpfen bestimmte Teile unseres Selbstmodells.“57 Zukünftig werden „immer mehr Informationen auf uns einströmen, als wir verarbeiten können.“58 Dem Menschen bleibt gar nichts anderes übrig als zum „Informationsmanager“ von Nachrichten zu werden. „Ein guter Informationsmanager ist jemand, der gekonnt auf den Wellen der Informationen surft und von Zeit zu Zeit gewollt in einzelne Wellen hinabtaucht – nachdem er sich bewusst dafür entschieden hat.“59 Doch gerade „im Internet ist es schwer, Fakten von Gerüchten zu trennen, zwischen Meinungen und ‚Breaking News‘ und Nachrichtensplittern das Entscheidende zu erkennen.“60 Gerade hier ist der Qualitätsjournalismus gefragt, der dem Leser in der gigantischen Informationsflut Orientierung gibt und Nachrichten verständlich in den Kontext setzt. Die Kriterien für Qualitätsjournalismus sind: „Aktualität, Relevanz, Vielfalt, Ausgewogenheit & Unabhängigkeit, Richtigkeit, Transparenz, Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit.“61 Qualitätsjournalismus hilft dem Bürger, sich zu einem Thema eine Meinung zu bilden, und ermöglicht die Herstellung einer 55 Peters, Rolf-Herbert, Zigarette der Moderne, in: Stern, H. 10, 27.02.2014, S. 62. 56 Ebd. 57 Wie abgelenkt sind wir, Herr Metzinger, in: Philosophie heute, Nr. 2, Februar/März 2014, S. 59. 58 Väth, Cool down, S. 37. 59 Ebd., S. 52. 60 Hausmitteilung. Betr. Der Spiegel, in: Der Spiegel vom 10.01.2015, H. 3, S. 3. 61 Schröder, Michael, Journalismus als Kulturgut – Kriterien für Qualität in Zeiten der Krise, in: Schröder, Michael / Schwanbeck, Axel (Hrsg.), Qualität unter Druck. Journalismus im Internetzeitalter, Baden-Baden 2011, S. 21. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 15 demokratischen Öffentlichkeit.62 Die Kontrollfunktion von freien und unabhängigen Medien ist darin beinhaltet. „Im Alltagsdiskurs wird Qualitätsjournalismus zumeist mit Qualitätszeitungen – als solche gelten in Deutschland fünf bis sechs überregionale Blätter – gleichgesetzt.“63 Die heimtückische Versuchung: Blogger und Bots Doch Qualität lässt sich kaum pauschal an das Medium binden. So stellen renommierte Zeitungsverlage ihre Print-Artikel früher oder später auf ihrer Homepage online zur Verfügung. Dennoch gilt es darauf zu verweisen: „Im Netz ist bereits die trennscharfe Unterscheidung zwischen journalistisch-professioneller und nicht-journalistischer Laienkommunikation angesichts partizipativer und kollaborativer Kommunikationsmöglichkeiten nur eingeschränkt möglich.“64 Das beste Beispiel hierfür ist die Internetseite der Huffington Post. Das Konzept der Huffington Post ist es, so viele Nachrichten wie möglich online zu veröffentlichen. Es ist nicht übertrieben, von einer Nachrichtenflut zu sprechen. So erscheint etwa auf der amerikanischen Seite der Online-Zeitung alle 56 Sekunden ein neuer Artikel, was sich am Tag auf 1600 Veröffentlichungen beläuft.65 Um diese Vielzahl an Artikeln überhaupt zu ermöglichen, schreiben nicht nur festangestellte Journalisten für die Seite. Die meisten Artikel stammen von Bloggern, die im Gegensatz zu den Journalisten für ihre Arbeit nicht entlohnt werden. Für hohe Resonanz sorgen vor allem die Gastbeiträge prominenter Persönlichkeiten, wie Minister und Konzernchefs. Der ehemalige Mitarbeiter Peter Goodman konstatiert in seinem öffentlichen Kündigungsschreiben im März 2014, dass „die HuffPost nicht mehr an origineller Berichterstattung interessiert ist und dass in einem weitgehend von Klickraten 3.1. 62 Vgl. Branahl, Udo / Donges, Patrick, Warum Medien wichtig sind: Funktionen in der Demokratie, ‹http://www.bpb.de/izpb/7492/warum-medien-wichtig-sindfunktionen-in-der-demokratie?p=all› am 10.01.2015. 63 Lünenborg, Margreth, Qualität in der Krise, in: APuZ (2008), B 29–3, S. 5. 64 Ebd., S. 6. 65 Vgl. Hamann, Götz, Alle 56 Sekunden was Neues, in: Die Zeit, Nr. 41, 02.10.2013, S. 24. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 16 bestimmten System Hintergrundberichte und Qualitätsjournalismus als nicht produktiv gewertet werden.“66 Der deutsche Ableger der Huffington Post konnte sich nicht im hart umkämpften Nachrichtengeschäft behaupten, in Amerika hatte die Online-Seite jedoch bereits mehr Besucher als die jeweiligen Konkurrenten Washington Post und New York Times.67 Der Qualitätsjournalismus steht aufgrund der digitalen Veränderungen vor seiner größten Herausforderung. Denn nicht nur Blogger produzieren kostenlos Informationen auf ihren immer beliebter werdenden Blogs, auch digitale Bots (autonome [vollautomatisierte] Computerprogramme für spezifische Aufgaben“68) bringen allmählich den Qualitätsjournalismus in Bredouille. Mittels der digitalen Möglichkeiten und der Vielzahl großer Datenmengen (Big Data) filtern die Algorithmen der Computer das Internet nach Informationen und Aktualität ab. Wird eine Meldung als wichtig erkannt, so schreibt der Bot einen Artikel mit den vorhandenen Informationen und veröffentlicht diese auf der jeweiligen Nachrichtenseite.69 Der Journalist wird durch die neueste digitale Errungenschaft mehr und mehr ersetzt. Vor allem an den Börsen, wo Informationen in Millisekunden über Verlust und Gewinn entscheiden, spielt die Beschleunigung der Information eine entscheidende Rolle. Der Turbokapitalismus scheint Triebfeder eines ungeheuren Beschleunigungs- und Wachstumszwangs zu sein, dessen Rhythmus einst widerstandsfähige Bereiche wie Kultur, Medien, Gesundheitswesen immer weniger standhalten können.70 Doch die Systeme sind sehr verwundbar. Bestes Beispiel hierfür ist die Schreckensnachricht des 24. Aprils 2013: „Zwei Explosionen im 66 Pompeo, Joe, The Huffington Post, Nine Years on, in: Capital New York, ‹http:// www.capitalnewyork.com/article/media/2014/05/8545018/huffington-post-nineyears› am 05.02.2015. 67 Vgl. Hamann, Alle 56 Sekunden was Neues, S. 24. 68 Lexikon. Aktuelle Fachbegriffe aus Informatik und Telekommunikation, Zürich 2007, S. 32. UND Afanasjew, Nik, Copy & Paste fürs russische Vaterland, ‹http:// www.zeit.de/politik/2014-05/deutsche-medien-internet-trolle-bots-pro-russland› am 05.01.2015. 69 Vgl. Gastvortrag von Frank Schirrmacher an der Universität der Künste (UdK) am 12.07.2013 zum Thema „Grenzen des Kapitalismus“. 70 Vgl. Eppler, Eberhard, Alles muss immer schneller gehen. Warum?, in: Süddeutsche Zeitung, 03.06.2004, S. 17. 3.1. Die heimtückische Versuchung: Blogger und Bots 17 Weißen Haus und Präsident Barack Obama ist verletzt.“71 Elf Wörter genügten, um innerhalb von zwei Minuten einen 200 Milliarden Dollar Kurssturz auszulösen.72 Wie sich herausstellte war die Nachricht, die zwei Millionen Twitter-Follower der Nachrichtenagentur AP (Associated Press) erhielten, einem Hackerangriff einer Gruppe regierungstreuer Syrer geschuldet.73 In der Diskussion danach wurde überwiegend über die Sicherheitsmängel von Twitter gesprochen. Dabei vergaß man, wie der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem Gastvortrag an der Universität der Künste Berlin im Juni 2013 referierte, dass auch der beliebte Finanz- und Wirtschaftssender Bloomberg die Falschmeldung über seinen Nachrichtenticker laufen ließ. Ein Anruf an den Washingtoner Korrespondenten des TV-Senders hätte genügt, um die Nachricht auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, doch dieser blieb bekanntlich aus. Wäre zu diesem Zeitpunkt die neueste Technik der nachrichtenschreibenden Bots bei den zahlreichen Online-Diensten etablierter gewesen, so ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass der Kurssturz an der Börse durchaus höher gewesen wäre. Doch bei aller Kritik an den Bots: In Notfällen können sie auch wahrliche Lebensretter sein, wie etwa das Tsunami-Frühwarnsystem zeigt. „Das Tsunami Alarm System informiert [anhand der erhobenen Erdbebendaten] per SMS über drohende Tsunami-Gefahren, weltweit“74 und sendet jedem registrierten Nutzer eine automatische Gefahrenprognose in Form einer Nachricht.75 Ein Fehlalarm hätte weit weniger Folgen als das vorherige Beispiel. Finanzierung: Der fatale Fehler der Anfangszeit Auch wenn die digitalen Möglichkeiten des Internets mittlerweile sehr fortgeschritten sind und große Herausforderungen an den Qualitäts- 3.2. 71 Koch, Moritz, Kurssturz per Kurznachricht, in: Süddeutsche Zeitung, 25.04.2013, S. 1. 72 Vgl. Koch, Kurssturz per Kurznachricht, S. 1. 73 Vgl. Schrecksekunde an der Wall Street, 25.04.2013, S. 17. 74 Tsunami Alarm System, ‹http://www.tsunami-alarm-system.com/› am 12.01.2015. 75 Vgl. ebd. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 18 journalismus stellen, so ist die Krise der Medienbranche zu Teilen selbst verschuldet. Gleich zu Beginn der Internet-Ära hätten die Medienverlage für ihre Online-Angebote eine Bezahlung einfordern müssen. Durch dieses Versäumnis gewöhnten sich die Online-Leser an das kostenlose Nachrichtenangebot, das sich unter seinen Nutzern großer Beliebtheit erfreut und den Verlagen zum Teil hohe Klickzahlen beschert. Mittlerweile haben die Verlage Angst, einen Großteil ihrer Online-Leser zu verlieren, wenn sie eine flächendeckende Bezahlschranke für ihre Medieninhalte einführen. Ihre Befürchtung: Die Leser könnten verstärkt nur noch die Online-Nachrichtenangebote von ARD und ZDF nutzen, die wiederum mittels des verpflichtenden Rundfunkbeitrages finanziert werden.76 Doch Massenentlassungen können nicht die Lösung sein. Auf dem Verlegerkongress 2013 warnte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck: „Wo zu kräftig gespart wird, kommt es zu einer personellen Auszehrung, die früher oder später auf die Qualität durchschlägt. Das merken die Leser.“77 Längst ist es eine Herausforderung geworden, als Journalist seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. „Manche Journalisten bestreiten ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Schichten in einer Nachrichtenredaktion. Das reicht, um die Miete zu zahlen. Ein weiteres Drittel ihrer Zeit arbeiten sie an Buchprojekten und ein restliches Drittel an Magazingeschichten.“78 Wichtiger als je zuvor wird für Journalisten der Aufbau und die Pflege eines Netzwerks, die Selbstvermarktung rückt dabei immer mehr in den Fokus.79 Das Risiko Investor: Erlöser oder Saboteur Doch die Selbstvermarktung nutzt immer weniger, wenn Zeitungen wegen finanzieller Probleme zusammengelegt werden oder gleich Insolvenz beantragen. Gerade jenseits der großen bis mittelgroßen Städte, 3.3. 76 Vgl. ExI. Journalist. 77 Simon, Ulrike, Die Zeitung hat eine Zukunft, in: Berliner Zeitung, 18.09.2013, S. 25. 78 Nur 30 Prozent mit fester Stelle, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.04.2013, S. C2. 79 Vgl. ebd. 3.3. Das Risiko Investor: Erlöser oder Saboteur 19 wo Nachrichtenangebote über die Region knapp sind, ist dies nicht nur für die Journalisten wegen des Verlusts ihres Arbeitsplatzes fatal. So haben die Medien auch im regionalen Bereich die Aufgabe, eine demokratische Öffentlichkeit herzustellen und ihre Kontrollfunktion auszuüben. Selbst die renommierte Washington Post hatte große finanzielle Schwierigkeiten, bis der Gründer des amerikanischen Online-Versandhandels Amazon, Jeff Bezos, die Zeitung im Jahr 2013 für 250 Millionen Dollar erwarb. Die Angst, dass Bezos auf die Redaktionsarbeit Einfluss nehme, hat sich bisher nicht bewahrheitet. Der ehemalige FAZ-Feuilleton-Chefkorrespondent in New York, Patrick Bahners, schreibt, dass sich Bezos als „Zeitungseigner auf der Höhe der Zeit“80 präsentiere. Bezos wolle „an der Qualität der Inhalte nichts ändern […] und [erkenne] den Schlüssel für die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Zeitung im Vertrieb, in der Befreiung aus der Abhängigkeit vom Papier. Regionalzeitungen bietet die Washington Post […] einen Mantel nationaler Berichte und Kommentare an.“81 Doch nicht nur auf dieser Ebene erweiterte Bezos die Leserschaft der Washington Post. Er nutzt auch seine Marktmacht bei den elektronischen Lesegeräten. Alle Kindle-Besitzer, deren Lesegeräte von Amazon stammen und somit zum Unternehmen Bezos‘ gehören, erhalten seit Ende 2014 kostenlosen Zugang zur Digitalausgabe der Washington Post. „Bezos‘ Logik heißt: Wenn die Post erst mal in das Leben von Millionen Amerikanern eingedrungen ist, dann fließt der Gewinn irgendwann von alleine.“82 Bezos scheint ein Segen für die Washington Post zu sein. Selbst interne Kritiker der Übernahme sind mittlerweile auf seiner Seite. Doch was ist mit den Regionalzeitungen, die bis jetzt kostenlos den Mantelteil der Washington Post beziehen? Gerade gewöhnen sich die Leser der Regionalzeitungen an das zusätzliche Angebot, doch die schleichende Abhängigkeit könnte sich für die Kleinverlage rächen. Gelder für den Mantelteil der Washington Post könnten zukünftig ver- 80 Bahners, Patrick, Ein neuer Startplatz für die Zeitung, ‹http://www.faz.net/aktuell/ feuilleton/medien/jeff-bezos-und-die-washington-post-13196906.html› am 13.01.2015. 81 Ebd. 82 Hülsen, Isabell, Der Halbgott und die Posties, in: Der Spiegel, H. 51, 15.12.2014, S. 142. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 20 langt werden oder es könnte gar zur Verlagsübernahme kommen. Schon einmal gab Bezos die Devise an seine Mitarbeiter: „die Kleinverlage [in Bezug auf Rabatt- und Zahlungsvorgaben für deren Verkauf ihrer Publikationen auf Amazon] zu jagen wie ein Gepard eine kranke Gazelle.“83 Auf die redaktionellen Inhalte der Washington Post nahm Bezos nach Redaktionsangabe bisher keinen Einfluss,84 doch dies ist bei Investoren niemals ausgeschlossen wie das Beispiel der Basler Zeitung zeigt. Das einstige traditionell-liberale Blatt wurde im Jahr 2010 „an zwei Investoren verkauft […], von denen man vermutete, dass sie der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) nahestehen.“85 Der Verdacht bestätigte sich, als „SVP-Kopf Christoph Blocher nach der Übernahme einen Beratervertrag vom Verlag [erhielt] und wenig später […] Markus Somm als neuen Chefredakteur verpflichtet[e], der bis dahin bei der streng konservativen ‚Weltwoche‘ gearbeitet hatte.“86 Letztlich gründeten daraufhin ehemalige Journalisten der Basler Zeitung als Gegenredaktion mit finanzieller Hilfe der Roche-Erbin Beatrice Oeri die Basler Tageswoche,87 die wöchentlich im Printformat erschien und online mit tagesaktuellen Nachrichten aufwartete, unabhängig berichtete und deren Devise „online first“ war. Das unkalkulierbare Konnektiv „Fünfte Macht“ Gerade durch die partizipativen Möglichkeiten des Internets ist es möglich, Artikel auf einigen Nachrichten-Websites zu kommentieren. Zwischen der Redaktion und ihren Lesern besteht somit die Möglichkeit eines Dialogs, der sehr oft auch unter den Nutzern geführt wird. „Waren die primären öffentlichkeitsbildenden Massenmedien des zwanzigsten Jahrhunderts strukturell immer nur als Verbreitungsme- 3.4. 83 Stone, Brad, The Everything Store: Jeff Bezos and the Age of Amazon, New York 2013, S. 243. / entnommen aus: Keen, Andrew, Das digitale Debakel, München 2015, S. 65. 84 Vgl. Hülsen, Halbgott, S. 145. 85 Hubschmid, Maris, Doppelt hält besser, in: Der Tagesspiegel, 22.10.2011, S. 11. 86 Ebd. 87 Vgl. Doppelt hält besser, in: Der Tagesspiegel vom 22.10.2011, S. 11. 3.4. Das unkalkulierbare Konnektiv „Fünfte Macht“ 21 dien von Meinungen und Argumenten institutionalisiert, sind die digitalen Netzgemeinden der Gegenwart immer schon Verbreitungs- und Kommunikationsmedien zugleich. Der grundlegendste Unterschied ist die Tatsache, dass Medien damit nicht länger auf die Rolle der Vermittlung von Teilöffentlichkeiten (klassisch zum Beispiel: der Presse und ihren Rezipienten) festgelegt bleiben, sondern zur prinzipiell allen Beteiligten offenstehenden Arena der diskursiven Reflektion werden können.“88 Der damalige Chefredakteur von Spiegel Online, Florian Harms, ist der Meinung, dass die Medien kein Informationsmonopol mehr haben und „jeder Journalist seine Leser als gleichberechtigte Partner akzeptieren [muss]“.89 Auch der ehemalige FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher konstatiert, angesichts der verstärkten Kritik an den Medien: „Es mag der Zug der Zeit sein, dass man mit den Lesern mehr kommunizieren muss.“90 Gerade wo der Journalismus als „Lügenpresse“ denunziert wird – eine Bezeichnung, welche zu Recht als das Unwort des Jahres 2014 von der Gesellschaft für deutsche Sprache gewählt worden ist –, müssen Redaktionen fähig zur Eigenkritik sein. Fehler der eigenen Berichterstattung müssen von den Medien im digitalen Zeitalter nicht nur erwähnt, sondern auch mehr thematisiert werden. Gerade in Zeiten der Fake-News-Problematik. Geschieht dies nicht, sind sogenannte Shitstorms und Vorwürfe wegen Nachrichtenmanipulation die Folge. Ein Beispiel ist der Trauermarsch der Staatsund Regierungschefs zum Gedenken an die Terroropfer von Paris im Januar 2015. Einige Medien, darunter die ARD Tagesschau um 20 Uhr, erklärten, dass die Politiker den Trauermarsch, zu dem Millionen kamen, angeführt hätten, und zeigten hierzu Nahaufnahmen der Staatsund Regierungschefs, die untergehakt miteinander voranschritten. Wenige Tage nach dem Marsch erschienen Bilder im Internet, die belegten, dass die Politiker eine abgeschirmte Menge bildeten und nicht direkt den Marsch von Millionen Parisern, wie vom Zuschauer vermu- 88 Münch, Merlin, Interview mit Stefan Münker: Was ist das Neue an den neuen „Öffentlichkeiten“?, ‹https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/173082/interview-mitstefan-muenker-was-ist-das-neue-an-den-neuen-oeffentlichkeiten› am 13.01.2015. 89 Die Sicht der Redaktionen, in: Medium Magazin, H. 11, November 2014, S. 15. 90 Das Schlimmste sind naive Journalisten, in: Medium Magazin, H. 11, November 2014, S. 21. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 22 tet, anführten. Das Gerücht, dass die Politiker sich in einer Seitenstra- ße der eigentlichen Demonstrationsroute fotografieren und filmen lie- ßen, bestätigte sich in der hitzigen Debatte nicht, dennoch blieb die Kritik an jenen Berichten, die nicht auf den immensen Sicherheitsabstand verwiesen. Einmal mehr zeigt diese Diskussion, dass nicht nur die Medien sich gegenseitig kontrollieren. „Galt die Presse in modernen Demokratien gemeinhin als vierte Gewalt im Staat, welche unter anderem die parlamentarische Macht der Legislative kritisch zu kommentieren hat, so entstehen in den entsprechenden Blogs des Web 2.0 Korrektive der vierten Gewalt; mithin will man die Nomenklatura behalten, eine fünfte Gewalt.“91 Mit Hilfe der digitalen Plattformen kann die Meinung jedes Individuums große Aufmerksamkeit erfahren – anders als Leserbriefe in Zeitungen oder Zeitschriften, denen allein schon wegen dortigen Platzmangels die Kürzung oder Nicht-Veröffentlichung droht. Die Kritik des Nachrichtenkonsumenten kann manchmal sehr berechtigt sein, andere Male wiederum nicht, vor allem wenn es sich dabei um Verschwörungstheorien und falsche Behauptungen handelt. „Jeder Versuch, die fünfte Gewalt als einheitliches Kollektiv zu fassen, sie prinzipiell zu verdammen oder aber grundsätzlich zu glorifizieren, führt in die Irre. Ihre große Gemeinsamkeit ist allein der Modus vernetzter Organisation. Ideologisch und weltanschaulich schillert sie allein in allen Varianten und Variationen. Die fünfte Gewalt ist nicht fremdorganisiert, sondern selbstorganisiert. Sie zeigt sich – im Unterschied zu einem hierarchisch geprägten Kollektiv – als ein Konnektiv, als eine Organisation ohne Organisation.“92 „Die fünfte Gewalt mag als Ausdruck eines autonomen Publikumswillen erscheinen, als direkte Verkörperung von Volkes Stimme, aber das stimmt längst nicht immer. Die neue Macht ist selbst manipulierbar und korrumpierbar, sie wirkt unabhängig, aber das muss sie nicht sein.“93 Gerade im Netz können Informationen leicht manipuliert werden. Churchills wohl meist zitierter Satz: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, die ursprünglich vom Propagandachef des 91 Münker, Stefan, Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die sozialen Medien im Web 2.0, Frankfurt am Main 2009, S. 127. 92 Pörksen, Bernhard, Fünfte Gewalt, in: Cicero, H. 1, Januar 2015, S. 42. 93 Ebd., S. 46. 3.4. Das unkalkulierbare Konnektiv „Fünfte Macht“ 23 Dritten Reiches Hermann Goebbels stammen soll,94 ist aktueller denn je. Auch Despoten machen sich die neuesten digitalen Errungenschaften zu Nutze, um ihre Propaganda zu verbreiten. So setzt der russische Präsident Wladimir Putin auf Astroturfing im Ukrainekonflikt. „Astroturfing ist ein in den USA verwendeter Kunstrasen [und wird im Netz als Metapher dafür verwendet, um zu beschreiben], dass man entsprechende instruierte Graswurzelbewegungen und Netzkommentatoren gezielt zur Manipulation der digitalen Öffentlichkeit einsetzt.“95 Durch die initiierte Verbreitung der russischen Sichtweise in sozialen Netzwerken und Blogs westlicher Medien wird versucht, Einfluss auf die politische Meinung im jeweiligen Land zu nehmen. Das gleiche Prinzip verfolgten auch Israel und die Hamas während ihres Krieges im Juli 2014. „ […] beide Seiten [beauftragten] beträchtliche Teams, um auf Twitter, Facebook und YouTube ihre hochgradig subjektiven Darstellungen der Auseinandersetzung zu verwalten. Israel beschäftigte 400 Studenten, die fünf Facebook-Seiten in fünf Sprachen pflegten, um seine Sicht der Dinge zu verbreiten. Währenddessen ver- öffentlichte al-Qassm, der militärische Arm der Hamas, für seine mehr als 12 000 Anhänger auf Twitter arabische, englische und hebräische Tweets über den vermeintlichen ‚Völkermord‘ durch die Israelis und die ‚Märtyrer‘ auf palästinischer Seite.“96 Einmal mehr ist Qualitätsjournalismus wichtiger denn je, um sich eine objektive Meinung zu bilden. Ganz zu schweigen von Donald Trump und seinen „alternativen Fakten“. Die Suche nach der Wahrheit ist gerade in Zeiten der digitalen Revolution nicht leichter geworden. Das Beziehungsgeflecht zwischen Politikern und Journalisten bröckelt angesichts der Schnelligkeit der Nachrichtengenerierung allmählich. Längst steht nicht nur der Qualitätsjournalismus durch die digitalen Möglichkeiten des Internets vor gewaltigen Veränderungen, nein, auch die Politik. So schafft eine digital beschleunigte, komplexe Demokratie mit einer hohen Ereignisdichte der Informationen einen neuen Rhythmus des Entscheidens und Kommunizierens für politische Ak- 94 Vgl. Klein, Timo, Politisch (in)korrekt. Klartext der schweigenden Mehrheit, Norderstedt 2013, S. 136. 95 Pörksen, Bernhard, Fünfte Gewalt, in: Cicero, H. 1, Januar 2015, S. 46f. 96 Keen, Andrew, Das digitale Debakel, München 2015, S. 184. 3. Die digitale Zerreißprobe – Qualitätsjournalismus unter Druck 24 teure.97 „Die neue formative Phase des politischen Entscheidens steht unter dem permanenten Druck wachsender Komplexität, zunehmender Unsicherheit, potenziell steigendem Nicht-Wissen, dynamischen Zeitbeschleunigungen und exponentiellen Risikoerwartungen.“98 Insbesondere jetzt ist es wichtig, den Qualitätsjournalismus zu stärken und mit ihm konstruktiv zusammenzuarbeiten, jenseits von Tweets, Podcasts und Posts, die direkt aus erster Hand von den politischen Akteuren die Netzgemeinde erreichen. Die Wahrung der Unabhängigkeit des Qualitätsjournalismus bildet die Grundlage seiner Legitimität, ebenso die Transparenz seiner Methoden für die Öffentlichkeit zur Wahrheitsfindung. Die folgenden Kapitel sollen ein Beitrag dazu sein, wieder Verständnis und Vertrauen zu den Qualitätsmedien aufzubauen, sie aber zugleich kritisch zu hinterfragen. Edward Snowden erkannte bei aller Kritik und Verärgerung über die etablierten Medien, in seinem Falle insbesondere an der New York Times, dass eine Zusammenarbeit unausweichlich scheint. Letztlich war er auf eine verlässliche Instanz angewiesen, die ihn bei aller Kritik von politischer Seite verteidigt und eine konstruktive öffentliche Diskussion begleitet. Zudem war er darauf angewiesen, dass den politischen Eliten sowie Geheimdiensten kritische Fragen, ganz im Sinne ihrer Kontrollfunktion, gestellt werden. Bis heute machen dies die New York Times, der Guardian und der Spiegel, die bereits einen Teil der Snowden-Dokumente exklusiv veröffentlichten. In seiner Hausmitteilung zur Neuausrichtung teilte der Spiegel angesichts der digitalen Revolution mit, „noch mehr Kompass und Filter [zu] sein“99, um dem Leser in der gigantischen Informationsflut Orientierung zu geben. Eines ist jedoch gewiss: „Nicht die Zeitungen sind wichtig für die Demokratie, der Journalismus ist es.“100 97 Korte, Karl-Rudolph, Beschleunigte Demokratie: Entscheidungsstress als Regelfall, in: APuZ (2012), B. 7, S. 22. 98 Ebd., S. 26. 99 Der Spiegel, Hausmitteilung, S. 3. 100 Jaris, Jeff, Die Leser wissen mehr als die Journalisten, in: Süddeutsche Zeitung, 07.05.2009. 3.4. Das unkalkulierbare Konnektiv „Fünfte Macht“ 25

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References

Zusammenfassung

Hintergrundgespräche sind längst ein fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Der informelle Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Das Hintergrundgespräch unterliegt klaren Regeln, an die sich alle Teilnehmer halten müssen. Doch weil es im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, steht es in der Kritik. Der Vorwurf: Politik und Medien stecken unter einer Decke.

Gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage nach der Relevanz von Hintergrundgesprächen.

In diesem Buch werden die Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs aufgezeigt, die Geschichte der Hintergrundkreise erzählt und wie die deutschen Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzten. Abschließend wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung als Bundeskanzlerin darstellt. Zugleich wird der Bedeutung im Mediensystem des digitalen Zeitalters nachgegangen.