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1. Einleitung in:

Florian Beißwanger

Hintergrundgespräche, page 1 - 4

Konsensuales Geheimnis-Management im Mediensystem des digitalen Zeitalters

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4378-3, ISBN online: 978-3-8288-7362-9, https://doi.org/10.5771/9783828873629-1

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Hinführung „Das Staatsgeheimnis des Staates kann und darf nicht das Staatsgeheimnis des Journalisten sein“16, erklärt der Snowden-Vertraute und ehemalige Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo. Dennoch ist auch er im Schweigen geübt, wenn es darum geht, aus vertraulichen Gesprächsinhalten mit Politikern nicht zu berichten. Längst tragen „erfahrene und angesehene Korrespondenten […] jede Menge kleiner und großer Geheimnisse mit sich herum, die ihnen ‚unter 3‘ gesteckt wurden und die sie niemals preisgeben würden.“17 Der ehemalige FAZ-Journalist und erfahrene Hintergrundgesprächs-Teilnehmer Günter Bannas beteuert in einem Interview, dass „bei solchen Treffen […] keine Partei- oder Staatsgeheimnisse lanciert“18 werden, sondern es hierbei „um Einschätzungen und Hintergründe geht.“19 Kritiker solcher Hintergrundtreffen sehen darin einen Beleg, dass sich Journalisten von Politikern instrumentalisieren lassen. In den 1950er Jahren gab bereits Konrad Adenauer zu, dass das Hintergrundgespräch mit Journalisten das wohl wichtigste Instrument einer modernen Staatsführung sei.20 Hintergrundgesprächskreise im bundesrepublikanischen Beziehungsgeflecht von Politik und Medien haben eine lange Tradition und erfreuen sich bis heute unter Hauptstadtjournalisten großer Beliebtheit. 1. 16 Im Zweifel sind wir vogelfrei, in: Der Journalist (2014), H. 1, S. 41. 17 Elter, Andreas / Raue, Stefan, Politik. Basiswissen für die Medienpraxis, Köln 2013. 18 Die Distanz bleibt gewahrt, in: Medium. Magazin für Journalisten. Berlin intern (2014), H. 2, S. 11. 19 Ebd. 20 Vgl. Kramp, Leif / Weichert, Stefan, Gefährliche Nähe zwischen Politik und Medien, ‹http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-05/politik-medien-hintergrund/ seite-3› am 02.11.2014. 1 Forschungsfrage und inhaltlicher Aufbau der Arbeit Doch gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem Einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage: Welche Relevanz hat das Hintergrundgespräch im Mediensystem des digitalen Zeitalters? Relevanz des Themas und Stand der Forschungsliteratur Die Relevanz des Themas liegt gleich in mehreren Punkten begründet. In der deutschen Literatur gibt es bis heute kein Standardwerk zum Thema Hintergrundgespräch. Trotz alledem vergeht keine Nachrichtenwoche, in der das Wort „Hintergrundgespräch“ nicht in den zahlreichen Print- und Online-Medien sowie politischen Fernsehformaten erwähnt wird. Die Eigenschaften und die Funktion des Hintergrundgesprächs werden nicht erklärt. Gerade in Zeiten, wo die Medien als „Lügenpresse“ beschimpft werden und die Kritik an der journalistischen Arbeit populär ist, ist die Relevanz kaum zu überbieten. Wie bereits erwähnt, gibt es kein Standardwerk zum Thema Hintergrundgespräch. In der Fachliteratur der Public Relations oder in Medienhandbüchern finden sich meist recht überschaubare Unterkapitel über Hintergrundgespräche. Von einer intensiven Thematisierung kann jedoch keine Rede sein. Lediglich die Studie von Jochen Hoffmann Inszenierung und Interpenetration. Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus aus dem Jahr 2002 (veröffentlicht 2003) und die Studie von Christiane Lesmeister Informelle politische Kommunikationskultur. Hinter den Kulissen politisch medialer Kommunikation aus dem Jahr 2006 (veröffentlicht 2008) kommen einem Standardwerk über Hintergrundgespräche nahe. Inhaltlicher Aufbau der Arbeit Um diese Forschungsfrage zu beantworten, gilt es einleitend zu erklären, inwiefern die digitale Revolution den Qualitätsjournalismus her- 1. Einleitung 2 ausfordert. Mit der digitalen Revolution ist der gravierende Transformationsprozess durch das Internet gemeint, der mit den immer neueren technischen Entwicklungen in Form von Geräten und Programmen einhergeht. Gerade die Qualitätsmedien, deren Geschäft es ist, unter anderem Hintergrundinformationen weiter zu verarbeiten, befinden sich angesichts der digitalen Umwälzungen vor großen Herausforderungen. Jene werden in Kapitel 3 ausführlich beschrieben. Dieses Vorverständnis wie auch das Wissen darüber, was die Merkmale eines Mediensystems sind (Kapitel 4), sind wichtig, um die Relevanz von Hintergrundgesprächen kontextuell zu verstehen. Inwiefern Politik und Medien miteinander auf der Vorder- und Hinterbühne interagieren, wird in Kapitel 5 mittels des Bühnenmodells des Sozialwissenschaftlers Erving Goffman näher erklärt. So lässt sich das Hintergrundgespräch, wie der Name schon herleiten lässt, auf der Hinterbühne verorten. Das Spiel des konsensualen Geheimnismanagements, das letztlich als ein Synonym für Hintergrundgespräche im weitesten Sinne verstanden werden kann, findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Welche Strategien und Methoden hierbei politische Akteure und Journalisten anwenden, wird in Kapitel 6 anhand zahlreicher Beispiele beschrieben. Generell werden einige Beispiele und zahlreiche Schilderungen von Experten und Akteuren aus Politik und Medien angeführt, um dem Leser ein umfangreiches und anschauliches Verständnis zu vermitteln. Längere Textausschnitte aus Literatur und Interviews werden bewusst zitiert, um dem Leser einen Einblick in die Denkweise der Akteure zu ermöglichen. Neben den Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs wird in dem genannten Kapitel einleitend die Funktion von Hintergrundgesprächen aufgezeigt. Wie sich die Akteure am besten auf Hintergrundgespräche vorbereiten, wird ebenfalls thematisiert, so auch deren Funktion. Die Geschichte der Hintergrundkreise und wie welcher deutsche Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzte, ist zudem Bestandteil dieser Arbeit. Abschließend zum Hauptkapitel wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung der Hintergrundgespräche als amtierende Bundeskanzlerin darstellt. All diese Erkenntnisse tragen einmal mehr dazu bei, die Forschungsfrage im Fazit zu beantworten. Überleitend wird nach dem Fazit ein kurzer Ausblick zur Zukunft des Hintergrundgesprächs gegeben. 1. Einleitung 3 Ein herzlicher Dank gilt allen Experten, die für ein Interview zur Verfügung standen und diese Forschungsarbeit durch ihre sehr offen getätigten Aussagen um Erhebliches bereicherten. Das offenbarte Wissen aller Befragten und das entgegengebrachte Vertrauen im Umgang damit weiß der Autor dieser Arbeit sehr zu schätzen. Ein weiterer herzlicher Dank gilt Herrn Prof. Volker Riegger und Herrn Prof. Dr. Thomas Düllo, die die Arbeit gemeinsam betreuten. 1. Einleitung 4

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Zusammenfassung

Hintergrundgespräche sind längst ein fester Bestandteil der politisch-medialen Arbeit. Der informelle Charakter ermöglicht Politikern und Journalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit sich gegenseitig Hintergrundinformationen mitzuteilen. Das Hintergrundgespräch unterliegt klaren Regeln, an die sich alle Teilnehmer halten müssen. Doch weil es im Verborgenen und nicht in der Öffentlichkeit stattfindet, steht es in der Kritik. Der Vorwurf: Politik und Medien stecken unter einer Decke.

Gerade in Zeiten der Vertrauenskrise in Politik und Medien, der damit einhergehenden Forderung der Öffentlichkeit nach mehr politischer Transparenz und Partizipation sowie der digitalen Beteiligungsmöglichkeiten des Internets, die es jedem einzelnen ermöglichen, eine weitreichende Debatte zu initiieren, stellt sich einmal mehr die Frage nach der Relevanz von Hintergrundgesprächen.

In diesem Buch werden die Strategien und Methoden der Akteure des Hintergrundgesprächs aufgezeigt, die Geschichte der Hintergrundkreise erzählt und wie die deutschen Kanzler das Instrument Hintergrundgespräch nutzten. Abschließend wird beschrieben, welche Zäsur Angela Merkel in der Anwendung als Bundeskanzlerin darstellt. Zugleich wird der Bedeutung im Mediensystem des digitalen Zeitalters nachgegangen.