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3 Analyserahmen in:

Jonas Jacholke

Zwischen Notwendigkeit und Unmöglichkeit, page 32 - 55

Analyse der Strategiebildung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik im Umgang mit Kontingenz

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4379-0, ISBN online: 978-3-8288-7361-2, https://doi.org/10.5771/9783828873612-32

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 85

Tectum, Baden-Baden
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ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 32 3 Analyserahmen 3.1 Methodologische Besonderheiten bei kontingenzsensibler Forschung Die methodologischen Besonderheiten einer kontingenzsensiblen Forschung offenbaren sich auf zwei Ebenen. So herrscht zum einen über die Frage des politischen wie auch wissenschaftlichen Umgangs mit Kontingenz Dissens, der sich in zwei fundamental entgegenstehenden Positionen ausdrückt: Einerseits ist die Position des amerikanischen Pragmatisten John Dewey zu nennen, der einen hoffnungsvollen und positiven Umgang mit Kontingenz in seiner 1929 erschienenen Arbeit ‚The Quest for Certainty‘ (vgl. Dewey 1998 [1929]) darlegte. Dewey kann als „Referenzautor“ (Knöbl 2012: 67) für kontingenzsensible Forschung bezeichnet werden, da er sich frühzeitig in einer systematischen Weise der Kontingenzthematik angenähert hat. Darin schloss er gar eine ‚Bewältigung‘ mithilfe wissenschaftlicher Praxis nicht gänzlich aus (vgl. Joas 2012: 34). Zugleich kritisierte Dewey das Kausalitätsverständnis moderner Wissenschaften. Dieses sei Dewey zufolge zwar nicht per se problematisch, um Unbestimmtheiten und Mehrdeutigkeiten zu lösen, es führt indes in die Irre, wenn versucht würde, die Probleme allein durch Kausalitäten und Gesetzmäßigkeiten zu bestimmen (vgl. Knöbl 2012: 68). Der Umgang mit Kontingenz müsse vielmehr an den Spezifika menschlichen Handelns ausgerichtet werden. Menschliches Handeln ist stets mit Ungewissheit und Unbestimmtheit behaftet, da es letztendlich stets in „individuellen und einzigartigen Situationen“ (Dewey 1998 [1929]: 10) stattfindet und diese „niemals exakt wiederholbar sind und hinsichtlich derer dementsprechend keine vollständige Sicherheit [Anm.: für die Wissenschaft] möglich ist“ (ebd.). Daraus leitet Dewey die Erkenntnis ab, dass ‚Wandel‘ reziprok mit praktischem ‚Handeln‘ zu denken sei, wobei Wandel dann im Rückschluss auch immer kontingent gedacht werden muss: „Er [Anm.: der Wandel] hat ein Element des Zufalls in sich, das nicht eliminiert werden kann“ (ebd.: 23). Daraus resümiert der Autor, dass unter Berücksichtigung der Aspekte menschlichen Handelns und Wandels die Kontingenzthematik auch methodisch vollständig bewältigt werden könnte. Dafür müssen Veränderungen als Ereignisse verstanden werden, die grundsätzlich (nach-)erzählt werden können: „Da jede Veränderung, die erforscht wird, ein Kreis oder Zyklus von Ereignissen ist, dessen Anfang und Ende durch die unbestimmte Situation, die eine Klärung erfährt, bestimmt [und infolgedessen nicht absolut] ist, kann jede gegebene Veränderung in Begriffen einer unbestimmten Vielfalt von eingeschlossenen kleineren Ereignissen als Zufälligkeiten, Episoden oder Geschehnissen erzählt werden“ (Dewey 2002 [1935]: 263). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 33 Andererseits steht Niklas Luhmann als Vertreter einer Forschung, die für einen pessimistischen Umgang mit Kontingenz bekannt ist. So fasst er seine hoffnungslose Sicht mittels einer überspitzten Analogie mit dem Regentanz der Hopi-Indianer wie folgt zusammen: „Die Situation gleicht derjenigen der Hopi-Indianer beim Ausbleiben von Regen. Was dann hilft, ist ein Regentanz in dem Glauben, daß das hilft“ (Luhmann 1995: 579). Luhmann betont im Gegensatz zu Dewey die negativen paradoxen Konsequenzen, die sich aus seiner Sicht aus der Zunahme der Handlungsoptionen infolge der funktionalen Differenzierung ergeben. Demnach führen jegliche Versuche, mit Kontingenz umzugehen, zu Folgeproblemen, die genau das Gegenteil bewirken, indem sie „geradezu zu einer Restriktion faktischer Handlungsmöglichkeiten der Individuen führen“ (Joas 2012: 34). So wird „[i]n dieser Sichtweise […] jede Hoffnung auf ein kollektives Handeln, das die individuellen Spielräume schützt und paradoxe Konsequenzen verhindert, für hoffnungslos obsolet erklärt“ (Joas 2012: 34). Die Konsequenz für Luhmann ist letztlich, so betont Hans Joas, dass Steuerung nicht möglich sei, da sowieso „alles immer kontingenter werde, aber nicht zu ändern sei, weil sich die Logik der funktionalen Differenzierung […] ohnehin immer durchsetze“ (Joas 2012: 34-35). So soll in der vorliegenden Studie ein ‚Mittelweg‘ beider Positionen gefunden werden. Aus diesem Grund ist die Bearbeitung der Kontingenzthematik in dieser Studie insofern charakterisiert, als dass sich Kontingenz weder im Dewey’schen Sinne bewältigen lassen könnte, sodass sie damit ‚aus der Welt‘ geschafft ist, noch, dass der Forschende einen ‚weiten Bogen‘ um die Thematik machen sollte, wie es Luhmanns pessimistische Perspektive rät. Vielmehr soll die Bearbeitung von Kontingenz als forschungspraktische Rekonstruktion verstanden sein, die mittels Nacherzählung der Ereignisse den problematischen Umgang mit Kontingenz zum Gegenstand hat und nicht einen Versuch der ‚Steuerung‘ bemüht. Daraus sollten sich zahlreiche produktive Rückschlüsse für die Praxis ziehen lassen, die mittels geläufiger Kausalitätsunterstellungen nicht identifizierbar wären. Das Unkalkulierbare und Irrationale der Kontingenz soll hier zugleich auch für die Forschung als positiver Möglichkeitsraum verstanden sein, deren Betonung auf „Zugewinn an menschlicher Freiheit und Autonomie“ (Geis 2012: 144) liegt. Darüber hinaus zeigt sich das grundlegende Problem kontingenztheoretischer Forschung, dass sich Kontingenz bei der Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen der unmittelbaren empirischen Untersuchung entzieht. Denn so stellen Katrin Toens und Ulrich Willems fest , dass ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 34 „eine sozialwissenschaftliche Methode, mit der sich präzise bestimmen ließe, ob eine gegebene historische Situation notwendig aus einer vorhergehenden Konstellation entstanden ist oder nicht, gibt es nicht“ (Toens/Willems 2012: 13). Eine Konsequenz dieser methodologischen Besonderheit für das weitere Vorgehen ergibt sich daraus, dass es demzufolge einer historischen Rekonstruktion bedarf. Allein diese erfüllt das notwendige Erfordernis, mittels Kontrastierung die Veränderungen der möglichen Thematisierungen und Konzeptualisierungen von Kontingenz abzubilden (vgl. Toens/Willems 2012: 13). Daraus ergibt sich schlussendlich für die vorliegende Studie, dass der Zugang zu Kontingenz und ihrer Erfahrung der strategischen Grundlagendokumente deutscher Außenpolitik primär über die Rekonstruktion des vorfindlichen Kontingenzbewusstseins sowie über die politikfeldübergreifende Erfahrung von Kommunikation der Bundesregierung über Kontingenz gefunden werden muss. Dafür wird auf der ersten Ebene zunächst eine Kontrastierung zweier divergierender Phasen des Umbruchs bemüht, die eine Vergleichsfolie liefern soll. Diesbezüglich sei angemerkt, dass Veränderungen vor allem dann sichtbar werden, wenn sich Gesellschaften in gewissen Umbrüchen befinden, da die Erwartung der Fortsetzung einer Politik durch die Möglichkeit von Abbruch, Richtungsänderungen oder alternativen Pfadentscheidungen weitaus geringer ist als zu ‚normalen‘ Zeiten. Überdies hat Wolfgang Knöbl vier methodologische Kriterien kontingenzsensibler Forschung vorgeschlagen, deren Anwendung sich auch für die vorliegende Studie als sinnvoll erweisen. Dementsprechend werden diese in aller Kürze dargelegt, da sie die Forschung mit anleiten. So betont Knöbl erstens, dass narrative Verfahren ernst genommen werden sollten, da Kontingenz methodisch nicht zu greifen ist. Dabei ist es zugleich relevant, dass die Erzählung einen festen Anfang und ein Ende mit einer festen, vom Forschenden erdachten pfadabhängigen Entwicklung beinhaltet, die dem untersuchten Prozess und seinem ‚Turning Point‘ (Stichwort: sog. ‚Münchener Konsens‘ [vgl. Kap. 4.1.]) zugrunde liegt. David Maines fasst diesen Punkt mithilfe von drei Elementen zusammen: „The first element is that events must be selected from the past for purposes of focus and commentary. Second, those events must be transformed into story elements. This is done through the use of plot, setting, and characterization that confer structure, meaning, and context on the events selected. Third, a temporal ordering of events must be created so that questions of how and why events happened can be established and the narrative elements can acquire features of tempo, duration, and pace“ (Maines 1993: 21, zit. nach Knöbl 2012: 85). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 35 Zweitens betont Knöbl, dass die Analyse von Kontingenz sowie kontingenten Ereignissen und ihren Folgeprozessen nicht allein auf den Startpunkt der Entwicklung fokussieren dürfen, da sonst die Gefahr droht, dass die Analyse letztlich nur diesen begründet. Daneben ist zudem das Ende, aber auch das, was ‚dazwischen‘ passiert, von Bedeutung. Der Forschende sollte mithin die eigene erzählerische Konstruktion von Kontingenz und Pfadabhängigkeiten kontinuierlich hinterfragen, um dann ggf. ganz andere Anfangs- und Endpunkte in Betracht zu ziehen (vgl. Knöbl 2012: 86-87). Drittens kann die erzählerische Konstruktion von Analysen der Pfadabhängigkeit keinen Wahrheitsgehalt für sich erheben, da sie vom Forschenden gewissermaßen ‚erdacht‘ ist und selbst der Kontingenz unterliegt. Der Wahrheitsgehalt lässt sich hier nicht begründen, sondern lediglich die Argumente, die die Behauptung eines Vorliegens einer Pfadabhängigkeit plausibler und überzeugender machen. Dabei sind die Begründungen und Argumente nicht als willkürlich zu betrachten, da sich die Stärke aus ihrer Plausibilität gegenüber allen anderen denkbaren Konstruktionen heraus ergibt. An dieser Stelle können ebenfalls kontrafaktische Erzählungen mit ‚Was wäre gewesen, wenn‘-Fragen helfen, um die pfadabhängigen Konstruktionen zu plausibilisieren. Ihr Wert liegt zugleich darin, dass sich mit ihnen deterministische Aussagen über vergangene Kausalitäten relativieren lassen (vgl. Knöbl 2012: 87-89). Viertens ist für die Analyse von Kontingenz notwendigerweise zu beachten, den Faktor der Temporalität zu berücksichtigen. Die Annahme über eine konstante Relevanz sozialer Faktoren und einer kausalen Stabilität ist unter kontingenzsensiblen Prämissen zu verwerfen. Statistische Verfahren ignorieren diesen Umstand meist fortwährend, sodass die spezifische Zeitlichkeit von Prozessen und die Besonderheit eines jeden Ereignisses im Sozialen außer Acht gelassen wird. Aus diesem Grund ist unter kontingenzsensiblen Prämissen auch davon abzusehen, die Ergebnisse, die innerhalb einer pfadabhängigen Entwicklung gefunden wurden, zu verallgemeinern: „Wer immer also die Kontingenz sozialer Prozesse und deren kontextgebundene Temporalität anerkennt, der wird Schwierigkeiten haben, die Verallgemeinerungsbedürfnisse der ‚traditionellen‘ Sozialwissenschaften zu erfüllen. Er/Sie wird auf einen vergleichsweise steinigen Pfad geführt, auf dem sich herkömmliche Methoden kaum oder nur mit äußerster Vorsicht anwenden lassen“ (Knöbl 2012: 90). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 36 3.2 Forschungsleitende Grundannahmen des Pragmatismus „There are no words, to tell the truth.“ (Bob Dylan, Gates of Eden) Das Ziel der vorliegenden Studie die Rekonstruktion der Überzeugungen und Vorstellungen der gegenwärtigen deutschen Außen- und Sicherheitspolitik im Umgang mit Kontingenz folgt hier grundsätzlich einem Primat der Praxis statt einer epistemologischen Herangehensweise. Das heißt, dass das Vorgehen in dieser Abhandlung nicht durch Anleitung theoretischer Modelle bestimmt ist. Dafür werden die erkenntnis- und sozialtheoretischen Grundannahmen des Pragmatismus in Verbindung einer rekonstruktionslogischen Forschung herangezogen. Als Forschungsstil findet eine Grounded Theory Verwendung – eine explizit pragmatistisch inspirierte Forschungspraxis. Der Pragmatismus als ‚Theorie‘ des menschlichen Denkens und Handelns Der Pragmatismus versteht sich als eine anti-essentialistische ‚Theorie‘ des menschlichen Denkens und Handelns. Ausgangspunkt am Ende des 19. Jahrhunderts waren dabei grundsätzliche Fragen, wie Menschen zur „Festlegung einer Überzeugung“ (Peirce 1997, zit. nach Hellmann 2010: 149) gelangen, wie sich „die Psychologie des menschlichen Meinens“ (James 1948 [1896]: 90, zit. nach Hellmann 2010 ebd.) konstituiert oder „wie wir denken“ (Dewey 1991 [1938], zit. nach Hellmann 2010: ebd.). Der Pragmatismus geht zur Beantwortung dieser Hier sei angemerkt, dass aufgrund der doch recht beschränkten Platzmenge die Einführung des Pragmatismus und seiner Grundannahmen auf ein nötiges Maß beschränkt bleibt. Eine ausführliche Darstellung des Pragmatismus in den IB im Allgemeinen und Außenpolitikanalyse im Besonderen, der auch hier weitestgehend gefolgt wird, liefert Gunther Hellmann (vgl. Hellmann 2010). Die hier angewendete Grounded Theory soll hier nach Jörg Strübing weniger als eine Methode oder Methodologie, sondern als ein Forschungsstil oder eine Forschungspraxis verstanden werden (vgl. Strübing 2018: 28). Aus diesem Verständnis muss auch die Verwendung des Substantivs mit einem unbestimmten Artikel, die aus sprachästhetischen Gründen irritierend wirken mag, verstanden werden. Strübing konstatiert hierzu: „Der Grund dafür liegt in der substantivischen und damit objektivierenden Form des Labels ‚Grounded Theory‘, das seine Doppeldeutigkeit daraus bezieht, dass es die zentrale Qualität der mit dem Verfahren zu erarbeitenden Theorien zugleich auch zum Name für das Verfahren selbst erhebt“ (ebd.). Theorie soll hier in einem breiten Verständnis übersetzt werden mit einer „etablierte Lehrmeinung“ (Hellmann 2010: 150), „Maxime“ (Putnam 1995: 219, zit. nach Hellmann 2010 ebd.) oder „Doktrin“ (Rorty 1982: 165, zit. nach Hellmann 2010 ebd.). Charakteristisch an ihr ist, dass sie „zwar [wie jede andere Überzeugung auch] grundsätzlich revisionsfähig ist, die wir aber aufgrund vielfältiger Erfahrung für so weitgehend bestätigt erachten können, dass wir uns [zumindest bis auf Weiteres] nicht weiter mit ihrer Revisionsbedürftigkeit aufhalten müssen“ (Hellmann 2010 ebd., Hervorhebung aus dem Original). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 37 Fragen davon aus, dass jedwede menschliche Handlung an konkrete soziale Situationen gebunden ist. Die ontologische Prämisse des Pragmatismus lautet dabei, dass das Denken und Handeln sich stets wechselseitig bedingen und nicht voneinander getrennt gedacht werden können – er schwächt mithin die dualistische Trennung des Denkens und Handelns. Ausgangspunkt allen pragmatistischen Denkens ist zugleich das Primat der Praxis – also die Verankerung allen menschlichen Handelns in sozialen Situationen (vgl. Hellmann 2010: 150). Nach Hillary Putnam kann der Vorrang der Praxis als relevantestes Prinzip des Pragmatismus gewertet werden. Hellmann spitzt dies, Charles Sanders Pierce folgend, zu: „Wir denken, weil wir handeln müssen, nicht umgekehrt [wenn man denn überhaupt eine starke Unterscheidung zwischen Denken und Handeln bzw. eine prozessuale Abfolge zwischen beiden einführen will […]“ (Hellmann 2010: 150). Für den Forschungsprozess bedeutet dies zunächst, dass die Unterscheidung zwischen Erkenntnistheorie auf der einen Seite und Handlungstheorie auf der anderen Seite nur schwerlich aufrechterhalten werden kann. Damit wird der klassische Dualismus der westlichen Philosophie aus Theorie einerseits und Praxis andererseits als irreführend verworfen, da sie letztlich, wie Hellmann es formuliert, „zwei Seiten ein und derselben Medaille [sind]“ (Hellmann 2010: 152). Kopplung von Zweifel und Überzeugungen Ein weiteres zentrales Begriffspaar im Rahmen des pragmatistischen Forschungsprozesses sind Zweifel und Überzeugungen (vgl. Hellmann 2010: 150). Charles Sanders Pierce zufolge sei der Beginn jedes Forschungsvorhabens immer der Zweifel – demzufolge er auch den Ausgangspunkt jeder Handlung markiert. Der Zweifel dient als „einziges unmittelbares Motiv, sich auf die Anstrengung einzulassen, sich eine Überzeugung zu bilden“ (Peirce 1997 [1877], zit. nach Hellmann 2010: 150). Überzeugungen hingegen schaffen Handlungsregeln – oder auch Gewohnheiten , da sie zum einen etwas sind, das dem Menschen bewusst ist. Zum anderen aber stillen sie gleichsam die Irritation des Zweifels. Dieses Stadium der Überzeugung kann zugleich stets nur vorläufig sein, da durch die neu ausgelösten Handlungen der Überzeugungen immer auch früher oder später neue Zweifel entstehen müssen (vgl. Hellmann 2010: 151). Aus den beiden Begriffspaaren von Zweifel und Überzeugungen auf der einen Seite sowie Denken und Handeln auf der anderen Seite ergibt sich eine „doppelte und unauflösliche Koppelung“ (Hellmann 2010: 151). Ob dabei die Überzeugungen richtig oder falsch sind, ist für die eigentliche Handlung zunächst weniger relevant, da das Handeln und Denken notwendigerweise Überzeugungen benötigen, die sich wiederum in Routinen abbilden. Dies ist als ein ständiger, sich wechselseitig beeinflussender Prozess zu denken, oder wie Hellmann diese Implikation übersetzt: „Unser Handeln ist dabei ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 38 schon deshalb zu einem großen Teil routinisiert bzw. ‚habitualisiert‘, weil ein Leben im ständigen Zweifel schwer vorstellbar wäre“ (Hellmann 2010: 151). Analog dazu lässt sich das Begriffspaar der Zweifel und Überzeugungen auf zwei Arten von Handlungskontexten übertragen: Routinesituationen und problematische Situationen. Dewey zufolge sind Routinesituationen dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen auf ein Repertoire und Überzeugungen, d. h. Handlungsregeln und Gewohnheiten, zurückgreifen können, die in der menschlichen Wahrnehmung „a closed […] ‚universe of experience‘“ (Dewey 1981 [1938]: 227, zit. nach Hellmann 2010: 151) repräsentieren. Diese Situationen sind dem Menschen insofern vertraut, als dass sie auf frühere Handlungen zurückgreifen können, die starke Ähnlichkeiten aufweisen. Hellmann führt zur Verdeutlichung als Beispiel eine rote Ampel an, vor der jedermann routinemäßig hält. Die Situation ist insofern nicht problematisch, als dass eine neue Lösung für die Situation erdacht werden müsste, obwohl möglicherweise vor dieser spezifischen Ampel das erste Mal Halt gemacht wird (vgl. Hellmann 2010: 151). Demgegenüber stellen problematische Situationen jene dar, die mit der Routine brechen, da die Lösung nicht mit dem routinehaften Repertoire erzielt werden könnte (vgl. Hellmann 2010: 151). Aus diesem Grund nimmt der Mensch die Situationen als problematisch wahr, da die Neuartigkeit der Situationen eine kreative Leistung voraussetzt. Genau hier setzt der pragmatistische Forschungsprozess ein, da der Forschende dazu angehalten wird, sich eine neue Überzeugung zu bilden, die das Forschungsproblem zu lösen vermag (vgl. Hellmann 2010: 152). An dieser Stelle erklärt Dewey auch das Primat der Praxis beim Pragmatismus insofern, als dass dem Menschen als dem „entscheidenden Träger kreativen Denkens [...] anstelle einer epistemologischen eine praktische Funktion“ (Dewey 1981 [1922]: 56, zit. nach Hellmann 2010: 152) zukommt. Das Handeln des Forschenden mit dem Zweifel als Ausgangspunkt ist dabei mit den Worten von Hans Joas als „situiertes, genuin kreatives Handeln“ (Hellmann 2010: 152) zu denken, das etwas Neues entstehen lässt. Bestenfalls bedingt das Handeln des Forschenden neue Handlungsregeln, die wiederum neue Forschungsprobleme evozieren (vgl. Hellmann 2010: 152- 153). Sprachabhängigkeit von Beobachtungen und Weltbild-Relativität Der Pragmatismus rückt als einer seiner zentralen Implikationen die Relativität von Weltbildern sowie die Sprachabhängigkeit von Beobachtungen in den Fokus (vgl. Hellmann 2010: 154). Von zentraler Bedeutung ist bei Letzterem Richard Rortys Erkenntnis, dass die Beobachtungen, die ein Forschender machen kann, An dieser Stelle sei nochmals betont, dass alle Annahmen, die dem Pragmatismus innewohnen, nicht ausschließlich für den dargestellten Untersuchungsgegenstand und die Analyse gelten, sondern zugleich auch für den Forschenden und die Erkenntnisgenese. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 39 stets von der Sprache abhängen. Als zentrale Konsequenz für den Forschenden ergibt sich daraus, dass das Wissen nicht gefunden, sondern vielmehr erfunden wird (vgl. Hellmann 2010: 154). Damit befreit sich das pragmatistische Verständnis von der Idee, dass es die eine Wahrheit ‚da draußen‘ gäbe, die es in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung lediglich zu finden gilt. Richard Rorty wertet vielmehr sinnbildlich die Position der Dichtung gegenüber der Theorie auf: „Wahrheit werde gemacht, nicht gefunden“ (Rorty 2016 [1992]: 98). Rorty folgt dabei den sprachphilosophischen Arbeiten von Ludwig Wittgenstein und Donald Davidson, die Sprache weniger als ein Medium ansehen, „das allmählich die wahre Form der wahren Welt oder des wahren Selbst annimmt“ (ebd.: 94), sondern Sprache als historisch kontingent betrachten. So muss beispielsweise die eingangs erzählte Hinführung über das Anti-ISIS-Mandat als eine kontingente Setzung des Autors verstanden werden, die auch aus einer anderen Perspektive aufgrund der „unbegrenzten Pluralität der Ausgangspunkte“ (ebd.: 95) hätte ‚erzählt‘ werden können. Sprache kommt dabei der Funktion zu, Bedeutung nicht nur zu transportieren, sondern sie zugleich auch zu konstituieren. Durch die menschlichen Zuschreibungen erhalten die Dinge, die wahrgenommen werden, erst ihren Sinn, da sie vom Menschen sprachlich erfunden werden (vgl. Hellmann 2010: 154). Auf diese Weise lassen sich Veränderungen oder Fortschritte im Verhalten der Bundesregierung „als die Übernahme ausgewählter Metaphern in den allgemeinen Sprachgebrauch“ (Rorty 2016 [1992]: 84) erkennen, die rekonstruiert werden können. Welche Metaphern (oder auch ‚Sprachspiele‘) die Bundesregierung heranzieht, um ihren Umgang mit Kontingenz zu beschreiben, ist für diese Studie von zentraler Bedeutung, da sie demnach zeigen dürften, welche Überzeugungen bei der Bundesregierung inhärent wirken. Auch die Beschreibung der Welt durch den Forschenden erfolgt durch die Verwendung eines bestimmten Vokabulars. Dieses muss hier aber verstanden sein als „sinnhaft miteinander verknüpfte Begrifflichkeiten und Wortkombinationen und nicht als einzelne Sätze oder gar einzelne Wörter“ (Hellmann 2010: 155). Aus diesem Verständnis soll diese Abhandlung nicht als eine Begründung, warum die Bundesregierung sich (richtig Rorty übt dabei explizit Kritik an der abendländischen Philosophie der Aufklärung. Unter Bezug auf Kant, Hegel, Nietzsche und Heidegger wirft er ihnen einen irreführenden Anspruch von absoluter Wahrheit und Allgemeingültigkeit vor. So kritisiert Rorty: „Aber sie hielten an der Vorstellung fest, daß Geist, Vernunft, die Tiefen des menschlichen Selbst, eine immanente Natur haben – eine Natur, die für eine Art nicht-empirischer Überwissenschaft namens Philosophie erkennbar sei“ (Rorty 2016: 23). So darf bspw. das Waltz’sche Vokabular der neorealistischen Denktradition in den IB als sprachliche Erfindung gedacht werden, als eine Neubeschreibung eines spezifischen Ausschnitts von Welt, deren Sprache Bedeutung in einem jeweiligen Überzeugungssystem erlangt (vgl. Hellmann 2010: 155). Vgl. als Beispiel für die Bedeutung von Sprache in der Außen- und Sicherheitspolitik Hellmann, Gunther et al. (2008): Die Semantik der neuen deutschen Außenpolitik. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 40 oder falsch) verhält, sondern als Neu- oder Fortschreibung eines Narratives, wie sich die Bundesregierung verhält, verstanden werden (vgl. Rorty 2016 [1992]: 85). Aus pragmatistischer Sicht ist es dabei nicht entscheidend, das ‚beste‘ oder ‚genaueste‘ Vokabular zur Beschreibung der Welt zu finden, sondern der Aspekt, ob das verwendete Vokabular den Forschenden in die Lage versetzt, „mit und in der Welt [besser] zurecht zu kommen“ (Hellmann 2010: 155). Die zweite weitreichende Implikation des Pragmatismus die Weltbild-Relativität rückt das Zusammenspiel der Überzeugungen in den Mittelpunkt. Rorty zufolge sind Überzeugungen im Pragmatismus relativ und kontingent, da sie sich nicht auf eine Instanz jenseits des Zeit-Raum-Bereichs zurückbeziehen können (vgl. Rorty 2016 [1992]: 94). Rorty umschreibt dabei ein Bild eines Netzes aus Überzeugungen, das sich in einem ständigen Prozess der Bearbeitung befindet, sodass es kontinuierlich ‚umgewoben‘ wird. Dabei wird das Netz jedoch nicht von einer höheren Instanz umgewoben, sondern es webt sich vielmehr selbst um, indem es neue Überzeugungen annimmt (vgl. Hellmann 2010: 155). Rorty spricht dabei vom „Prozeß der Entgötterung“ (Rorty 2016 [2012]: 85-86). Ludwig Wittgenstein führt in diesem Zusammenhang den Begriff des Weltbildes ein, das als „Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Systems von Überzeugungen“ (Hellmann 2010: 156) verstanden werden kann, auf „dessen Grundlage wir zwischen wahr und falsch unterscheiden“ (ebd.). Rekonstruktionslogische Forschung Im konkreten rekonstruktionslogischen Vorgehen soll hier folglich gelten, dass die Untersuchung nicht mithilfe vorher bestimmter Konzepte oder Theoriegebäude erfolgt. Im Gegensatz zu einer subsumtionslogischen Forschung sind bei der rekonstruktionslogischen Vorgehensweise „Theorie, Methodologie und Methode den Gegenstand [nicht] äußerlich“ (Herborth 2015: 262-263). Vielmehr beginnt die rekonstruktionslogische Forschung mit dem Untersuchungsgegenstand selbst (hier den strategischen Grundlagendokumenten), bevor jedwede Annahmen auf sie projiziert werden. Damit ist der Forschende auch stets Teil des Untersuchungsgegenstandes – ein ‚objektiver‘ Wissenserwerb durch einen ‚außerhalb‘ stehenden Forschenden scheint aus dieser Perspektive illusorisch, da letztlich nur mittels Sprache und Interaktionen Erkenntnisse gesammelt werden können (vgl. Um dem eingangs beschriebenen ‚Primat der Praxis‘ und dem Fokus auf den Untersuchungsgegenstand in dieser Studie gerecht zu werden, soll hier nicht der Ort für eine fachinterne Diskussion der Disziplin der Internationalen Beziehungen (IB) sein. Dennoch sei hier kurz angemerkt, dass rekonstruktionslogische Vorgehensweisen grundsätzlich als Kritik an den subsumtionslogischen Theorieparadigmen der IB gewertet werden dürfen. Benjamin Herborth fasst wie folgt zusammen: „Die konsequente Kritik des Paradigmatismus bildet daher die übergreifende Klammer der unterschiedlichen Dimensionen rekonstruktiver Sozialforschung“ (Herborth 2015: 278). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 41 Panetta 2013: 35). Die rekonstruktiv verfahrende Forschung in den Sozialwissenschaften drückt sich laut Ulrich Franke und Ulrich Roos in einer „ergebnisoffenen Grundhaltung“ (Franke/Roos 2010: 285) aus. Diese tritt insofern zutage, als „dass der Forschungsprozess an einen konkreten Untersuchungsgegenstand gebunden und in dem Sinne offen ist, dass die Forscher im Rahmen der Analyse ihres Materials stets dazu bereit bleiben, sich von den Ergebnissen der Interpretation überraschen zu lassen – und so zu neuen, gegebenenfalls irritierenden Ergebnissen gelangen“ (Franke/Roos 2010: 285). 3.3 Forschungsstil Grounded Theory 3.3.1 Theorieverständnis „Theory building is a process of going from raw data, thinking about that raw data, delineating concepts to stand for raw data, then making statements of relationship about those concepts linking them all together into a theoretical whole, and at every step along the way recording that analysis in memos“ (Corbin/Strauss 2008: 16). Anwendbarkeit und Qualitätssicherung Die Forschungspraxis dieser Abhandlung verpflichtet sich dem vom Pragmatismus inspirierten Forschungsstil Grounded Theory (GT). Der Forschungsstil einer GT als in „Daten begründete Erklärung“ (Franke/Roos 2015: 293) verwehrt sich der Logik des Theorientests, indem die Genese neuer theoretischer Annahmen in den Mittelpunkt gerückt wird – wie es das Eingangszitat dieses Kapitels veranschaulicht. Auf diese Weise steht nicht der Test der großen Theorieparadigmen der IB auf ihren ‚Wahrheitsgehalt‘ im Mittelpunkt, sondern der Untersuchungsgegenstand selbst. So soll im Verständnis einer GT nach den Urvätern Barney Glaser und Anselm Strauss eine möglichst große Ergebnisoffenheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand gesichert werden, wobei die Ergebnisse lediglich angemessen aus dem Arbeitsprozess zu verstehen sind (vgl. Strübing 2018: 28). Hierbei wird sich um einen „Dialog mit den Texten“ (Panetta 2013: 45) bei gleichzeitiger kontinuierlicher Auseinandersetzung mit dem theoretischen und praktischen Vorwissen bemüht. Der Forschungsstil der GT hat dabei seine Ursprünge in der Erforschung organisationaler Praktiken in den 1960er-Jahren und ist seitdem in vielen Felder der empirischen forschenden Sozialwissenschaften angewendet worden. Sie ist also eine dezidiert interdisziplinär anwendbare Forschungspraxis, die durch ihre hohe Offenheit und Adaptierbarkeit gekennzeichnet ist, da sie in den unterschiedlichsten Forschungszusammenhängen mit ihren jeweiligen spezialisierten Erkenntnisinteressen fruchtbar in Kombination gebracht werden kann (vgl. Strübing 2018: ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 42 29). Gerade dies darf auch in der vorliegenden Studie als Argument für die Anwendung einer GT gewertet werden, da es sich hier ebenfalls um die Kombination verschiedener Forschungszusammenhänge handelt. Zum einen wird hier die Strategiebildung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik zum Untersuchungsgegenstand gemacht – ein Untersuchungsgegenstand, der sich in den vergangenen Jahren fortan in der Debatte der Community weiterentwickelt hat. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass es in der ‚Berliner Debatte‘ gewissermaßen zum ,Ritual‘ wurde, alle Jahre wieder die Rufe nach mehr Strategie erklingen zu lassen (vgl. exemplarisch für die Debatte die Policy Briefe von 2009 und 2011 der Stiftung Neue Verantwortung). Zum anderen wird dieser Untersuchungsgegenstand in Verbindung mit einer kontingenzsensiblen Forschung gebracht, die in der deutschen Politikwissenschaft im Allgemeinen sowie in den IB im Besonderen nach wie vor ein Schattendasein fristet, obwohl mittlerweile ein fruchtbares Gedeihen mit systematischen und interdisziplinär angelegten Ansätzen in anderen Fachbereichen wie in der Soziologie herrscht (vgl. exemplarisch für die Vielfalt Toens/Willems 2012: 11). Dass gerade die Subdisziplin der IB sich derart davor scheut, sich dem Thema der Kontingenz theoretisch anzunähern, obwohl doch gerade hier mit der fortschreitenden Interdependenz der globalisierten Welt und der damit einhergehenden Komplexitätszunahme die Kontingenz politischer Entscheidungsprozesse zugenommen hat, ist mehr als verwunderlich und bestärkt zugleich ausdrücklich dieses Forschungsvorhaben. Theorieverständnis um Induktion, Deduktion und Abduktion Das Ziel dieser Studie besteht darin, mittels Grounded Theory die „Überzeugungsstrukturen“ (Franke/Roos 2015: 296) der Bundesregierung im Umgang mit Kontingenz zu rekonstruieren. So darf hier der positivistischen Vorstellung widersprochen werden, die Sozialwissenschaft müsse stets der Aufgabe nachkommen, Komplexität zu reduzieren. Im Sinne einer kontingenzsensiblen Forschung sollte sie vielmehr den Anspruch erheben, das Verständnis und die Kompetenzen im Umgang mit Komplexität zu verbessern (vgl. Panetta 2013: 40). Ein wesentlicher Aspekt bei der Anwendung einer GT ist dabei, dass weder rein deduktiv noch induktiv vorgegangen wird, sondern ein iterativ-zyklisches Wechselspiel aus induktiven, deduktiven und abduktiven Vorgängen des logischen Schließens vorangetrieben wird (vgl. Strübing 2018: 32-33). Dieses Schließverfahren lässt sich primär damit begründen, dass ein rein deduktives Vorgehen (das Schließen vom Allgemeinen [Theorieparadigmen] auf den Einzelfall [empirische Phänomen]) nicht der Aufgabe nachkäme, das Problem zu lösen. ‚Echte‘ ungelöste Probleme zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie sich schlicht und ergreifend nicht durch das Anwenden bekannter Regeln und Gesetze lösen ließen. Gleiches gilt auch für das induktive Vorgehen, d. h. das Schließen vom Einzelfall auf das Allgemeine. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 43 Das empirische Phänomen selbst kann in der Regel nicht seine eigene Lösung bereitstellen (vgl. Strübing 2018: 32). Stattdessen tritt mit der Abduktion eine dritte, dezidiert pragmatistisch inspirierte Variante des logischen Schließens hinzu. Abduktion kann laut Strübing, der diesbezüglich Charles Sanders Peirce folgt, als „unwillkürlicher Akt der tentativen Zuordnung von unbekannten Wahrnehmungsinhalten zu kognitiven Strukturen, die diese rahmen, zuordnen und so begrifflich verfügbar machen“ (ebd.: 32), verstanden werden. Abduktion als ‚kreativer Kern’ einer GT Die Grundidee der Abduktion lautet, dass der im Pragmatismus vorherrschende Wechsel aus Zweifel und Gewissheit in ihr seinen Ausdruck findet, indem permanent hypothetisch geschlussfolgert wird. Das bedeutendste verbindende Element von Grounded Theory und Pragmatismus stellt nach Dewey die Auffassung dar, dass Handeln und Forschen als Problemlösungsprozess begriffen werden müssten (vgl. Strübing 2018: 32). So versteht sich auch der Forschungsprozess der Arbeit selbst, bei denen die routinierten Situationen und ihre handlungsleitenden Überzeugungen immer wieder aufs Neue erforscht und hinterfragt werden (vgl. Franke/Roos 2015: 297). Durch den Schritt der Abduktion gewonnene Problemlösungen werden sodann auf ihre Plausibilität überprüft und erprobt. Sollte es sich als für die Lösung des Problems dienlich erweisen, da die Handlung unterstützt wird, sedimentiert es sich und Zweifel wird Überzeugung. Im anderen Fall beginnt der Problemlösungsprozess mit den neu gewonnenen Informationen von vorne (vgl. Abbildung 1). Der Schritt Abduktion bei GT stellt insofern den Kern des Wissensfortschritts dar, da „in jenem kreativen Moment der Abduktion, in dem spontan, wenngleich nicht zufällig, mögliche Lösungen zur Integration zuvor disparater Wahrnehmungen und Wissensbestände aufscheinen“ (Strübing 2018: 33). Gewissermaßen bedeutet diese Vorgehensweise eine Absage zu der (weitverbreiteten) Haltung, dass Erkenntnisse allein auf der Basis formallogischer Schlüsse begründet sein müssen. Zugleich heißt es aber auch, dass die gewonnenen Daten mit dem Instrumentarium der Formallogik nicht abgesichert werden können und damit mitunter Legitimitätsdefizite beinhalten, die erst durch die Bewährung im praktischen Handeln gelöst werden können (vgl. Strübing 2018: 33). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 44 Abbildung 1: Iterativ-zyklische Sequenz von Problembestimmungs- und -lösungsprozessen (aus Strübing 2018: 33). Abschließend sei zum Theorieverständnis betont, dass GT nicht als eine Anything-goes-Praxis verstanden werden darf, sondern in Anlehnung an Pierce als Praxis, die die Qualität wissenschaftlicher Erkenntnisse anhand ihrer Plausibilität einstuft. Auch methodologische Prinzipien und Regeln können keine Garantie dafür sein, eine ‚gute‘ Forschung zu betreiben, die automatisch durchbrechende Ergebnisse liefert. Dabei merkt Jörg Strübing zugleich treffend an, dass das Problem weniger in der reinen Qualität der Studie liege, sondern „vielmehr in der Möglichkeit einer verlässlichen externen Überprüfung dieser Qualität durch die wissenschaftliche Öffentlichkeit“ (Strübing 2018: 30). Die Qualität der Arbeit misst sich letztlich an der Zustimmung der ‚Community of Scientists‘ (vgl. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 45 Franke/Roos 2015: 297). Aus diesem Grund sind neben der in der GT integrierten Vielzahl an qualitätssichernden Maßnahmen (Sampling, iterativ-zyklische Hypothesentest, kontrastive Vergleichsheuristik etc.) auch umfassende Dokumentationen über die konkrete Umsetzung nötig – zusätzlich zur reinen Darstellung der Ergebnisse. Dafür muss der Forschungsprozess kontinuierlich und intensiv mittels Memos dokumentiert werden, die den Weg zu den Ergebnissen darlegen. Auf diese Weise kann eine externe Gütebeurteilung der Studie erfolgen (vgl. Strübing 2018: 30). 3.3.2 Leitprinzipien beim praktischen Vorgehen In Anbetracht des Aspekts, dass sich GT durch ihre Offenheit auszeichnet und ein „flexibel anzupassendes Gerüst von Verfahrensvorschlägen“ (Strauss 1991: 33) verkörpert, sind die Arbeitsprinzipien, die Strauss formuliert, von besonderer Bedeutung. Diese dienen auch in der vorliegenden Abhandlung als Orientierung, um daraus situative Interpretationen anzuleiten. Bei den folgenden methodischen Vorgaben handelt es sich nicht um starre, zwingend durchführbare Regeln, sondern um flexibel anzupassende Leitlinien, die ‚Orientierung‘ bei der Forschungspraxis bieten sollen (vgl. Strübing 2018: 41). So ist nach Strauss erstens das Forschen des Forschenden als Arbeit aufzufassen, bei der es gewissermaßen darum geht, eine Reihe von Arbeiten zu tätigen, um die Aufgabe letztlich ‚erfolgreich‘ zu absolvieren (Stichwort: Forschen als Arbeiten) (vgl. Strauss 1991: 33). Dabei stechen in der Beschreibung von Strauss zwei Merkmale besonders heraus: zum einen die Parallelisierung der Arbeitsschritte und zum anderen die Sequenzierung des Samplings (vgl. Strübing 2018: 37). Bei der Parallelisierung der Arbeitsschritte muss die sonst voneinander getrennt gedachte Trias der Arbeitsschritte aus Datengewinnung, Datenanalyse und Theoriebildung eine parallel betriebene Modi der Forschung repräsentieren, die sich auf positive Weise gegenseitig beeinflussen können. Als Sequenzierung des Samplings ist wiederum zu verstehen, dass die ausgewählten Daten auf den Prozess der Datengewinnung selbst einwirken – statt lediglich auf die Theoriegenese. Auf diese Weise ist es während des Forschungsprozesses denkbar, andere Datentypen einzusetzen oder die Auswahl der Fälle (Stichwort: Sampling) durch die entstehende Theorie zu steuern (vgl. Strübing 2018: 37). Hier sei kurz angemerkt, dass die Zustimmung der IB-Community als Qualitätsmerkmal wissenschaftlicher Arbeit einer besonderen Problematik innewohnt. Gerade bei einem theoriefreien Ansatz, der in den IB als äußerst exotisch zu beschreiben ist, kann es sich als schwierig erweisen, überzeugend in einem Feld zu sein, das von Großtheorien dominiert wird. Aus diesem Grund gilt für das Vorgehen äußerste handwerkliche Sorgfaltspflicht bei gleichzeitiger Übersetzungsleistung des Forschungsprozesses und der Ergebnisse für die deutschsprachige IB- Community. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 46 Zum anderen bedeutet die Parallelisierung aus dem ersten Schritt zugleich, dass die Analyse bereits mit dem ersten Fall beginnt, d. h., dass bereits hier erste theoretische Aussagen erfolgen können. Die Forschungspraxis bei Anwendung einer GT versteht sich daher als ein „einzelfallanalytisches Verfahren“ (Strübing 2018: 37; Hervorhebung im Original) qualitativ-interpretativer Sozialforschung. Zugleich bedeutet es aber auch für das weitere Vorgehen, dass der erste Fall mit Bedacht gewählt und entsprechend ausführlich begründet werden muss. Strauss und Corbin betonen ferner, dass die Arbeit mit einer GT Kreativität vom Forschenden abverlangt (vgl. Strauss/Corbin 1996: 11). Kreativität darf dabei allerdings nicht mit einer Art künstlerischen Freiheit verwechselt, sondern sollte vielmehr als „unabdingbare subjektive Eigenleistung der Forschenden im zielorientierten, kontrollierten Prozess der empirischen Untersuchung“ (Strauss/Corbin 1996: 27) verstanden sein. Doch gerade aufgrund der Tatsache, dass „Daten nicht sprechen und Theorie nicht aus Daten emergiert“ (Strübing 2018: 38), ist es unabdingbar, kreative Eigenleistung in den Forschungsprozess einzubringen. 3.3.3 Theoretisches Sampling und Heuristiken des Vergleichs Bei der praktischen Umsetzung in einer Arbeit mit einer GT sind zwei zentrale Modi von besonderer Relevanz, die in der Praxis eng miteinander verbunden sind: zum einen das theoretische Sampling (engl.: ‚theoretical Sampling‘), das eine ständige Zufuhr von neuem Datenmaterial zur Auswahlgesamtheit meint, und zum anderen die Heuristiken des Vergleichens, die die „fortgesetzte Iteration zweier einander abwechselnder Vergleichsmodi“ (Strübing 2018: 39) umschreibt. Die Heuristik des ständigen Vergleichens setzt gewissermaßen an einer schlichten Alltagserfahrung an. Mithilfe der (unterschiedlichen) Fähigkeit der Menschen, Dinge zu vergleichen, wird in vielen Bereichen der Alltag organsiert. Ähnlich verhält es sich mit der wissenschaftlichen Arbeit, da auch hier die Logik des Vergleichs Anwendung finden. Auf allen Ebenen einer GT kommen Vergleichslogiken vor. So soll während der minimalen Kontrastierung, d. h. während des Vergleichs von Daten, die dem ersten Materialstück in inhaltlicher Dimension möglichst ähnlich ist, der Kern des theoretischen Modells durch Homogenisierung erarbeitet werden (vgl. Strübing 2018: 40). Sollten während des Forschungspro- Hier sei angemerkt, dass Strauss die Forschung zudem viertens als kollektiven Prozess versteht (vgl. Strauss 1991: 68). Dies bedeutet für ihn, dass die Forschung als ein Gemeinschaftsprojekt am Material betrachtet werden sollte, an dem mehrere Forschende teilnehmen. Indem die Forschenden ins Gespräch treten, können sie zum gegenseitigen ‚Korrektiv‘ ihrer Arbeiten werden. Da es sich bei der vorliegenden Studie um ein Einzelprojekt des Forschenden mit einem recht knapp bemessenen Zeitrahmen handelt, war es allerdings nicht möglich, hier entsprechende Arbeitsgruppen zu organisieren. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 47 zesses die homogenen Fälle keine weiteren Eigenschaften für das theoretische Modell liefern, gilt dieser Theoretisierungsschritt als gesättigt (Stichwort: theoretische Sättigung). Der weitere Einbezug homogener Fälle würden den Erkenntnisgewinn nicht weiter fördern (vgl. ebd.). In der Folge werden gezielt andere Fälle vom Forschenden gesucht, die sich gerade durch ihre Differenz auszeichnen, um diese an den ersten Vergleichsschritt heranzutragen. Auf diese Weise lässt sich das vorläufige Modell auf seine „konzeptuelle Repräsentativität“ (Strübing 2018: 40) testen, da Abweichungen und Veränderungen sichtbar werden. Bei der Heuristik des Vergleichs ist es gleichwohl relevant, zu beachten, dass die Dinge nicht ‚an sich‘ Unterschiedlichkeiten oder Ähnlichkeiten aufweisen, da das Unterscheidungsvermögen beim Akteur selbst angelegt ist (vgl. Strübing 2018: 39). Jörg Strübing zieht dafür das Beispiel unterschiedlicher Kassenschlangen im Supermarkt heran, um die Unterschiedlichkeiten der Relevanzstrukturen und Vergleichskriterien zu verbildlichen: „Wer oft einkauft, wird über feinere Kriterien zum Vergleich von Kassenschlangen verfügen. Und wer eher schüchtern ist, wird eher zögern, eine Körperhaltung seiner Gegenüber als Gesprächseinladung aufzufassen“ (Strübing 2018: 39). So ist es auch für die vorliegende Abhandlung von Bedeutung, dass das Forschungsproblem selbst sowie das Vorwissen, die Interessen und Erfahrungen des Forschenden in diesem Vergleichsmodus einen gewichteten Stellenwert einnehmen und während der Forschungspraxis stets reflektiert werden. Als ‚theoretisches Sampling‘ bezeichnen Glaser und Strauss die forschungspraktische Strategie, eine größtmögliche Anzahl an Perspektiven in die Forschung einzubringen (vgl. Panetta 2013: 55). Als Fluchtpunkt zur Rekonstruktion der Überzeugungsstrukturen der Bundesregierung dienen in der vorliegenden Studie zunächst die Leitlinien von 2017 und das Weißbuch von 2016 als Repräsentanten der gegenwärtigen Außen- und Sicherheitspolitik. Als ‚Fluchtpunkt‘ gelten diese insofern, als dass im Rahmen des offenen und axialen Kodierens ausdrücklich die Möglichkeit offengehalten werden soll, neues Datenmaterial während der konkreten Forschungspraxis einzubeziehen, um die Kategorien weiter auszudifferenzieren (Stichwort: Offenheit der Forschungspraxis). Werden die Fälle in der Praxis miteinander auf ihre Homogenität verglichen, müssen Jörg Strübing zufolge beim theoretischen Sampling die folgenden beiden Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Dies ist zum einen die Sicherstellung, dass überhaupt homogene Fälle im Datenmaterial vorhanden sind. Zum anderen müssen die Kriterien für die Wahl, ob es sich um homogene oder heterogene Fälle handelt, offen dargestellt werden, damit die Relevanz der Vergleiche und Kontrastierungen transparent ist. Die Bildung der Kriterien kann nur während – und nicht vor – dem Theoriebildungsprozess stattfinden, da vorab die Kriterien zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen sind (vgl. Strübing 2018: 41). Ein weiterer bedeutender Aspekt beim theoretischen Sampling ist im Gegensatz zur ‚traditionellen‘ empirischen Sozialforschung, dass das Wechselspiel aus ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 48 minimaler und maximaler Kontrastierung kontinuierlich, parallel und auf verschiedenen analytischen Ebenen erfolgt. So können und sollten hier auch Fälle mit Phänomenen verglichen werden, oder wie Jörg Strübing das Vergleichsverfahren treffend zusammenfasst: „Geschult an traditionellen Verfahren der empirischen Sozialforschung, in denen ein Fall eine ‚Erhebungseinheit‘ ist, wird auch das Theoretische Sampling oft so verstanden, als ginge es ausschließlich um die Auswahl von ‚Erhebungseinheiten‘. Doch die Unterscheidung von Fällen und Phänomenen erweist sich hier als im Grunde obsolet, denn es geht beim Begriff des Falls immer um eine relationale Bestimmung: Wofür ist etwas ein Fall? Welche im Material gefundenen oder neu erhobenen Daten sind als Fälle für welches Phänomen und welches theoretische Konzept des Phänomens zu betrachten? Was ein Fall ist, kann im Verlauf eines Forschungsprojektes immer wieder variieren. Das bedeutet für die analytische Arbeit, dass wir fortwährend und auf unterschiedlichen Ebenen im Material Auswahlen treffen, um Konzepte sowie deren Variationen und Reichweiten zu erarbeiten“ (Strübing 2018: 41; Hervorhebung aus dem Original). 3.3.4 Kodierprozess Offenes Kodieren Die Praxis einer GT nach Strauss besteht aus einem dreistufigen Kodierverfahren, das auf eine kontinuierliche Erhöhung der theoretischen Komplexität abzielt. So soll im ersten Schritt beim offenen Kodieren das Datenmaterial mittels kontinuierlicher Bildung von Arbeitshypothesen ‚aufgebrochen‘ werden, um daraus die Bildung erster provisorischer Kategorien zu ermöglichen (vgl. Strauss 1991: 57). Das Aufbrechen des Datenmaterials geschieht zunächst über die Auswahl relevanter Materialstücke, die thematische Zugänge für das weitere Vorgehen liefern sollen. Dabei kommt es zu einer Form ‚mikroskopischer Analyse‘ (vgl. Strauss 2004), indem Zeile für Zeile ein Textstück betrachtet wird. Die kleinschrittig-sequenzielle Betrachtungsweise ermöglicht es, auch Sinndimensionen zu erkennen, die vermeintlich als selbstverständlich wahrgenommen werden. Dabei wird gewisserma- ßen unter die oberflächlichen Sinnstrukturen eines Textes ,abgetaucht‘ und auf diese Weise der Text aufgebrochen. In diesem Kontext werden die Sätze nicht als Ganzes gelesen, sondern in einzelnen Textabschnitten und Worten, die gezielt dem Forschungsproblem folgend befragt werden (vgl. Strübing 2018: 42). Die Corbin und Strauss differenzierten zwischen den Begriffen ‚Kategorie‘ und ‚Konzept‘, wobei „Konzepte, die sich als dem gleichen Phänomen zugehörig erweisen, [...] so gruppiert [werden], dass sie Kategorien bilden“ (Corbin/Strauss 1990: 420). Hier soll aus Gründen der Abstrahierung der Begriff ‚Konzept‘ mit dem der ‚Kategorie‘ synonym verwendet werden, da die semantische Trennung der Begrifflichkeiten keinen Einfluss auf das Forschungsvorhaben hat. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 49 Handlungsregeln der Bundesregierung und das identifizierte Problem werden auf diese Weise rekonstruiert und flexibel inventarisiert (vgl. Franke/Roos 2015: 298). Dies wird mittels generativer W-Fragen (Was, Wer, Wo etc.) an die Leitlinien geschehen, die sich aus der Fragestellung und Problemhinführung ableiten (vgl. Panetta 2013: 46). Auf diese Weise werden die Daten ,zum Sprechen gebracht‘ (vgl. Strübing 2018: 42). Konkret sind es die folgenden Teil-Fragestellungen, die die eingangs offen formulierte Fragestellung unterstützen sollen: (a) Wie beschreibt die Bundesregierung Situationen, denen (hohe) Kontingenz unterliegt (wie eingangs in der Problemstellung beispielhaft anhand des Anti-ISIS-Mandats dargestellt)? Welche Metaphern/Sprachspiele nutzt sie dabei, die möglicherweise in den „allgemeinen Sprachgebrauch“ (Rorty 2016: 84) übergegangen sind? (b) Skizziert die Bundesregierung im Umgang mit Kontingenz Problemlösungsmechanismen, die auf ein Bewusstsein für Kontingenz hindeuten? Und wenn ja, auf welche Weise geschieht dies? Welche Rolle spielt dabei ein kontingenzsensibles Bewusstsein über eine „kognitive Ungewissheit“ (Geis 2012: 154)? Und/Oder lässt sich ein spielerischer Umgang mit Kontingenz rekonstruieren, der sich auf das Unkalkulierbare und Irrationale der Kontingenz einlässt, um kreativ Gelegenheiten, Chancen und überraschende Momente zu nutzen (vgl. Rüb 2012: 124)? Exkurs: Memoarbeit während des frühen Forschungsprozesses beim offenen Kodieren Im Folgenden soll ein früh entstandenes Memo beispielhaft veranschaulichen, welche Fragen an den Text gerichtet werden können, noch weit bevor das theoretische Modell als theoretisch gesättigt zu bezeichnen wäre. Die folgenden Beobachtungen wurden zum Großteil verworfen oder haben sich in dergestalt weiterentwickelt, dass sie mit dem finalen Modell nur noch wenig gemein haben. Hierbei handelte es sich um die ersten Beobachtungen der Überschriften des Inhaltsverzeichnisses im Weißbuch von 2016, die mit dem Ziel gemacht wurden, das Datenmaterial aufzubrechen. Konkret befasste sich das Memo mit dem semantischen Abstraktionsgrad der Überschriften und erste Überlegungen zum Narrativ ‚Verantwortung übernehmen’ und ‚früher – entschiedener – substanzieller’, nachdem bereits das Inhaltsverzeichnis der Leitlinien von 2017 ‚aufgebrochen’ wurde: „Der erste Eindruck beim Blick in das Inhaltsverzeichnis des Weißbuchs von 2016 ist, dass die Über- und Teilüberschriften im Gegensatz zu den Leitlinien ein sprachlich höheres Abstraktionsniveau aufzuweisen scheinen. Das Weißbuch verzichtet bei den Kapitelüberschriften gänzlich auf Adjektive mit starker ‚Assoziationskraft‘ wie früher – entschiedener– substanzieller oder Verant- ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 50 wortung übernehmen in schwierigen Zeiten und verfolgt eher einen ‚zurückhaltenden‘ Ton. Eine erste Deutung für das hohe Abstraktionsniveau ist, dass das Dokument durch seine abstrakteren Semantiken möglicherweise nicht so schnell veraltet, als es vielleicht seine Vorgänger oder vergleichbare Dokumente tun (würden). Eine Kontrastierung mit älteren Dokumenten dürfte hier aufschlussreich sein, da sich hier zeigen dürfte, ob der abstrakte Charakter charakteristisch für den Dokumententyp Weißbuch ist. Erste Überlegungen zur Semantik um Verantwortung lauten wie folgt: Das Verantwortungsnarrativ wird anhand der Überschriften nicht entfaltet – im Gegensatz zu den Leitlinien. Ob dies bedeutet, dass es eine weniger dominante Rolle als die später erschienenen Leitlinien einnimmt, lässt sich an dieser Stelle nur vermuten. Dennoch wird auch hier das Narrativ um eine Umbruchphase bemüht [Stichwort: Krisennarrativ], also eine Phase hoher Kontingenz, die sich hier als internationale Ordnung im Umbruch semantisch ausdrückt [zum Vergleich mit den Leitlinien: Weltordnung im Umbruch: Verantwortung übernehmen in schwierigen Zeiten]. Die konkrete Handlungsoption in Form der abstrakten Verantwortungssemantik wird hier indes nicht direkt bemüht. Lediglich in Kapitel 4 „Sicherheitspolitische Gestaltungsfelder Deutschlands“ [ebd.] wird unter 4.1 „Nationale Gestaltungsfelder“ (ebd.) das Unterkapitel „Verantwortung für Stabilität und Sicherheit des internationalen Umfelds übernehmen“ (ebd.) aufgemacht. Da es sich hierbei um ein konkretes „Gestaltungsfeld“ (ebd.) handelt, ist die Semantik um die Übernahme von Verantwortung durchaus als übergeordnete Handlungsanweisung oder -orientierung zu verstehen, die als eine Reaktion auf Bedingungen erhöhter Kontingenz zurückzuführen sein könnte – einen Eindruck, den auch die Leitlinien von 2017 hinterließen“ (Memo in der frühen Phase des Kodierprozesses). Axiales Kodieren Infolge des fortschreitenden offenen Kodierens sollten sich die rekonstruierten Handlungsregeln verdichten. Beim axialen Kodieren kommt es dann darauf an, die vorliegenden Aufzeichnungen mit neuen angefertigten Interpretationen der Kategorien zu vergleichen. Dabei werden die Daten „,um die Achse‘ einer zentralen Kategorie herum“ (Strübing 2018: 45) kodiert, indem zunehmend Fragen nach Ursachen, Umständen und Konsequenzen in den Vordergrund treten. Verbindungen zwischen den Kategorien werden bei diesem Kodierschritt weiter „ausformuliert, geschärft, überprüft oder [...] [bei mangelnder Relevanz] verworfen“ (Panetta 2013: 49-50). Dieses Vorgehen impliziert, dass der Forschende Entscheidungen treffen muss, welche Kategorien einer weiteren Analyse bedürfen, um diese zu (provisorischen) Kernkategorien auszudifferenzieren. Der Schritt kann als Versuch umschrieben werden, ein „datenbasiertes, phänomenbezogenes und zu- ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 51 gleich kohärentes Zusammenhangmodell“ (ebd.) auszuarbeiten, das die jeweils fokussierte Kategorie möglichst umfassend erklären kann. Das axiale Kodieren zielt darauf ab, „erklärende Bedeutungsnetzwerke“ (Strübing 2018: 45) um die Kategorie herzustellen. Zur intersubjektiven Nachvollziehbarkeit müssen diese Interpretationsschritte stets verschriftlicht werden (vgl. Franke/Roos 2015: 299). Im Gegensatz zum selektiven Kodieren geht es beim axialen Kodieren indes nicht um die Beantwortung der umfassenden Forschungsfrage, sondern um die Zuwendung auf explizit einzelne Vorkommnisse (vgl. Strübing 2018: 46). Dabei entstehen im Prozess „Theorie-Miniaturen“ (ebd.), die jeweils im Kern eine begrenzte Erklärungskraft um ein Phänomen aufweisen, die allerdings noch nicht so weit integriert sind, als dass sie die Forschungsfrage in einem befriedigenden Sinne beantworten können. Selektives Kodieren Am Ende des Forschungsprozesses wird mittel selektiven Kodierens die Analyse auf die konkrete Forschungsfrage orientiert werden, indem „systematisch und konzentriert nach der Schlüsselkategorie kodiert wird“ (Strauss 1991: 58). Ziel bei diesem ergänzenden Kodierschritt ist es, die „Konsistenz des theoretischen Zusammenhangsmodells“ (Panetta 2013: 52) zu erhöhen, indem die vorherigen Kategorien abermals überprüft werden. So können als Schlüsselkategorien jene dienen, die die vorher gebildeten am ehesten zusammenhalten, d. h., den höchsten „Integrationswert“ (ebd.) hinsichtlich des zu erklärenden Phänomens aufweisen, um ein größtmögliches Erklärungspotenzial zu offerieren. Die Entscheidung für eine Kernkategorie ist demnach maßgeblich für die Betrachtungs- und Interpretationsweise dieser Arbeit verantwortlich. Diese interpretative Leistung gilt es vom Forschenden begründet zu dokumentieren, denn von dieser spannt sich der „rote Faden des theoretischen Modells entlang der übrigen [...] Ergebnisse“ (ebd.). Dementsprechend soll mithilfe der Schlüsselkategorien ermöglicht werden, dass die im Laufe der Forschung als besonders grundlegend erwiesenen Elemente der Interpretation Ausgangspunkte für die Zusammenfassung der Befunde darstellen können, die als Grundlage zur Beantwortung der Forschungsfrage dienen (vgl. Franke/Roos 2015: 299-300). Dieser Schritt entspringt dabei weniger den vorher angewandten Verfahren nach den Kodierregeln oder logischen Schlussverfahren, sondern einer ‚guten‘ Idee, die den Zusammenhang des Modells gewissermaßen ‚entdeckt‘ (vgl. Strübing 2018: 46). Durch diesen letzten Kodierschritt werden die gesamten Kategorien und Beziehungen der Analyse in einen konsistenten Theorieentwurf überführt, bei dem die Kernkategorien als „Richtschnur für theoretisches Sampling und Datenerhebung“ (Strauss 1991: 63) fungieren. Dafür muss zugleich das gesamte gesammelte Material an Konzepten und Beziehungen noch einmal betrachtet und hinsichtlich der Schlüssel- oder Kernkategorie beleuchtet werden. Das alte Kodiermaterial ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 52 wird überarbeitet, indem die Schlüssel- oder Kernkategoire neu justiert wird (vgl. Strübing 2018: 46-47). Grundsätzlich gilt aber bei Verwendung einer GT, dass auch mit Abschluss des selektiven Kodierens das Ergebnis im Sinne eines „prozessuale[n] Verständnis[ses] von Theorie“ (vgl. Strübing 2018: 47) als offen und nicht abgeschlossen zu bewerten ist – und dass es sich nicht in Denkkategorien wie richtig oder falsch verorten lässt. Vielmehr soll allerdings die theoretische Konsistenz gegenüber der Forschungsfrage erhöht werden, um die Erkenntnisse letztlich zur Bewältigung praktischer Probleme im Sinne der forschungsleitenden Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit des Pragmatismus zu steigern (vgl. ebd.). 3.3.5 Umgang mit (kontingenztheoretischem) Vorwissen Das Vorwissen hinsichtlich der vorliegenden Studie ist insofern von Relevanz, als dass in der Grounded Theory-Community unterschiedliche Ansichten vertreten werden, die weitreichende Auswirkungen auf den Forschungsprozess haben. So soll theoretisches und praktisches Vorwissen in der vorliegenden Abhandlung und dabei Corbin und Strauss folgend als hilfreiches und produktives Element verstanden werden – im Gegensatz zu einem von Glaser favorisierten rein induktiven Tabula-rasa-Ansatz. Die Begründung dafür liegt primär in zwei Aspekten, die im Folgenden kurz dargestellt werden. Zum einen erscheint die grundsätzlich Annahme illusorisch, dass das Vorwissen eines Forschenden eindeutig vom Untersuchungsgegenstand zu trennen ist. Hier wird dem Forschenden eine gewisse übernatürliche Objektivität eingeräumt, die er so wohl nicht in der Forschungspraxis halten kann. Jörg Strübing vertritt die Ansicht, dass jedwede Tabula-rasa-Modelle bereits an der „Theoriegeladenheit der Sprache“ (Strübing 2018: 48) scheitern müssen. Zum anderen soll Vorwissen hier als etwas Nützliches verstanden werden, das den Forschungsprozess nicht behindert, sondern vielmehr die Interpretationen in der qualitativen Sozialforschung positiv unterstützen kann (vgl. Panetta 2013: 59). So gäbe es auch Strübing zufolge ein ganz pragmatisches Argument, weshalb das Vorwissen für die Forschung mittels GT nicht ignoriert werden sollte: „Forscherinnen und Forscher verfügen per se über einschlägiges Wissen in ihrem Forschungsgebiet. Überdies bietet dieses Wissen ein großes Anregungspotential für die Forschung […]“ (Strübing 2018: 48). Zu diesem Schluss gelangt auch Ulrich Roos in einer GT-Studie, der bei Nichteinbezug seines Vorwissens befürchtet, dass „der Forscher so auf ein unschätzbares Potential von Interpretationsimpulsen und Vergleichsfolien verzichten würde“ (Roos 2010: 85). Diese Ansichten sollen auch in der vorliegenden Studie gelten. Dabei muss indes zugleich der Modus des Bezugs vom Vorwissen des Forschenden unterschieden werden. Dementsprechend sind das kontingenztheoretische Wissen sowie die Annahmen über Strategiebildung und der gegenwärtigen ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 53 deutschen Außenpolitik mit den Worten von Herbert Blumer als ein ‚sensibilisierendes‘ Wissen einzustufen. Relevant ist zugleich die Voraussetzung im Umgang damit, dass die Forschenden mit diesem Vorwissen „sich darauf nicht in der Suche nach Antworten, sondern nach Fragen [beziehen]“ (Strübing 2018: 48). Es handelt sich hier folglich mit den Worten von Ulrich Roos im Unterschied zu „einem ausschließlich subsumtionslogisch orientierten Ansatz“ (Roos 2010: 85; Hervorhebungen im Original) um eine „aufschließende rekonstruktionslogische Vorgehensweise“ (ebd.; Hervorhebungen im Original). Diese Forschungsweise zeichnet sich primär dadurch aus, dass sich der Forschende durch die Ergebnisse seiner Beobachtung überraschen lässt. Aus diesem Grund bedeutet dies für das weitere Vorgehen, dass die Voraussetzung für einen produktiven Umgang mit dem Vorwissen eine permanente Hinterfragung bei gleichzeitiger bewusster und kreativer Handhabung dessen verkörpert. Das Datenmaterial muss demzufolge jederzeit offengelegt und als Deutungsangebot betrachtet werden, da es lediglich eine mögliche Interpretationsform unter vielen darstellt. Das heißt, dass die Konzepte und Theorien um Kontingenz nicht etwa als realitätsabbildend betrachtet werden dürfen, sondern vom Forschenden ständig hinterfragt und sensibilisiert in den Interpretationsprozess eingebunden werden (vgl. Panetta 2013: 59). 3.3.6 Ergebnisdarstellung: Die jüngste Erzählung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik als Rahmen- und Binnenerzählung Grundsätzlich gilt bei dem Forschungsstil einer GT, dass sich die Darstellungsform der Ergebnisse nach den zu rekonstruierenden Kategorien richtet (vgl. Panetta 2013: 65). Als eine Herausforderung muss dabei der Spagat gezählt werden, das eigene Vorgehen einerseits intersubjektiv nachvollziehbar offenzulegen und zugleich die Ergebnisse sinnvoll und übersichtlich zu präsentieren. Die Vielzahl entstandener Memos und ihre (inter-)textuellen Verästelungen während des Kodierens lassen eine vollständige Darstellung auch in der vorliegenden Studie aufgrund des begrenzten Raums schlicht nicht zu. Aus diesem Grund soll im Sinne von Strauss und Corbin hier eine beispielhafte Darstellung einzelner Analyseschritte stattfinden (vgl. Corbin/Strauss 2008, zit. nach Panetta 2013: 65-66). Das rekonstruierte Modell teilt sich in eine ‚Rahmen- und Binnenerzählung‘ auf. Die sprachliche Anlehnung an die literarische Technik geschieht nicht ohne Die Beschreibung des rekonstruierten Modells als narrative Konstruktion folgt den sprachphilosophischen Überlegungen Rortys. Ein außen- und sicherheitspolitisches Narrativ kann dabei wie folgt verstanden werden: „Gesellschaftliche Sinnkonstruktion ist ein sprachlicher Prozess, der sich in öffentlichen Diskursen vollzieht. Kollektive Identitäten, wie die außenpolitische Identität eines Landes, entwickeln sich in öffentlichen Auseinandersetzungen. Die im Diskurs artikulierten und sich aufeinander beziehenden Aussagen und Behauptungen etwa über die Vergangenheit, die Aufgaben oder die Ziele eines Staates verdichten sich zu [inhaltlich] kohärenten Narrativen“ (Hellmann et al. 2008: 22). ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 54 Grund, denn während des Kodierprozesses hat sich früh herausgestellt, dass die Bundesregierung ihr Narrativ mehrschichtig, mindestens aber auf zwei Ebenen entfaltet. Die erste Narrativebene (der Rahmen) umgibt dabei gewissermaßen die zweite Ebene der Binnenerzählung und ist ihr strukturell sowie inhaltlich übergeordnet. Die Unterscheidung beider Ebenen kann anhand des Grads des Abstraktionsniveaus des verwendeten Vokabulars erfolgen. Dabei kann die Rahmenerzählung zusammengefasst werden als Verantwortung übernehmen , verkörpert sie doch das dominante Narrativ, das die strategischen Grundlagendokumente rahmt. Das dabei verwendete Vokabular weist einen hohen Grad der Abstraktion auf, sodass sich Veränderungen bestmöglich im diachronen Vergleich, d. h. mittels Kontrastierung älterer Dokumente, ermitteln lässt. Die Semantik , die dabei zum Vorschein kommt, kann als Grundüberzeugungen verstanden werden, die mitunter als essentiell für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik kommuniziert werden. Bereits kleinere Veränderungen innerhalb der Semantik im diachronen Vergleich dürfen dabei als weitreichende Veränderungen der Überzeugungsstrukturen deutscher Außen- und Sicherheitspolitik gedeutet werden. Aus diesem Grund fokussierte sich der Rekonstruktionsprozess auf das Leitbild der Leitlinien von 2017 (Kap. 2) und das sicherheitspolitische Selbstverständnis im Weißbuch von 2016 (Kap. 1). Eben hier werden die abstrakten Semantiken deutscher Au- ßen- und Sicherheitspolitik sichtbar, da sie das Selbstverständnis der Bundesregierung anleiten. Hier sei zur Schreibweise angemerkt, dass die untersuchte Sprache des Untersuchungsgegenstands nach gängiger sprachwissenschaftlicher Praxis kursiv veranschaulicht wird (vgl. Kessel/Reimann 2012: 1). In diesem Beispiel ist die Semantik um Verantwortung übernehmen Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung und wird entsprechend kursiv gesetzt. In Abgrenzung dazu werden die Überzeugungsstrukturen, (Denk-)Kategorien, Eigenbegriffe oder sonstige sprachliche Betonungen in einfache Anführungszeichen gesetzt. Direkte Zitate werden wie üblich in doppelte Anführungszeichen gesetzt. Die Unterscheidung der Schreibweisen ist insofern sinnvoll, als dass diese Arbeit einen starken sprachanalytischen Zugriff hat, der wiederum die Überzeugungsstrukturen der Kommunizierenden erklären soll. Auf diese Weise wird die Trennung zwischen den Ebenen gewährleistet. Die ‚Semantik‘ ist ein Teilbereich der Linguistik, der sich mit „den Bedeutungen und mit der Klärung von Bedeutungsbeziehungen“ (Kessel/Reimann 2012: 153) von Wörtern und Zeichen beschäftigt. ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 55 Demgegenüber beschäftigt sich die Binnenerzählung um die drei Adjektive im Komparativ früh(er), entschieden(er), substanziell(er)26 mit den konkreten Maßnahmen und Instrumenten auf der Ebene der Handlungsoptionen. Das Vokabular hier weist im Gegensatz zur Rahmenerzählung ein deutlich geringeres Abstraktionsniveau auf, soll es doch zeigen, wie die Grundüberzeugen konkret in die Praxis umgesetzt werden (sollen). Im Kontrastierungsverfahren offenbaren sich Ver- änderungen vor allem dadurch, dass das Instrumentarium erweitert, ersetzt oder gänzlich neu ist. Dabei ist zugleich auch stets die Rückkoppelung mit der Rahmenerzählung Verantwortung übernehmen relevant, da sie von ihr angeleitet wird. Abbildung 2: Zusammenfassende Darstellung der Rahmenerzählung um ,Verantwortung übernehmen‘ und der Binnenerzählung um ,früh(er) entschieden(er) substanziell(er)‘ im jüngsten Narrativ bundesdeutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Die Begründung, weshalb das deklinierende Suffix in Klammerschreibweise gesetzt ist, wird in Kap. 5.1. weiter ausgeführt. 2. Binnenerzählung: Narrativ ‚früh(er) entschieden(er) substanziell(er)‘ zwischen Sicherheitsvorsorge als notwendiges, aber unmögliches Sicherheitsversprechen und Resilienz, Kreativität sowie Dialog als gelebtes Kontingenzbewusstsein 1. Rahmenerzählung: Narrativ ‚Verantwortung übernehmen‘ zwischen Wiedergutmachung und Verantwortungsbeauftragung

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Zusammenfassung

Echte Krisen und Konflikte zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Regel nicht vorhersehbar sind. Vice versa bedeutet dies eine Aufwertung des Unbekannten und Andersartigen. Die vorliegende Studie geht der Frage nach, wie sich der Umgang mit Kontingenz in den gegenwärtigen strategischen Grundlagendokumenten deutscher Außen- und Sicherheitspolitik gestaltet. Kontingenz, verstanden als „etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist“ (Luhmann 1975), wird dabei als eine zunehmend größer werdende Herausforderung für die Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten identifiziert, die bei der Strategiebildung berücksichtigt werden muss.

Der von Jonas Jacholke vorgeschlagene Ansatz, mit den entscheidungserschwerenden Negativa umzugehen, ist, dass sich die Politik ein Stück weit auf die kontingente Andersartigkeit einlässt, ein Bewusstsein für sie entwickelt und so einen spielerischeren, kreativeren und konfrontativeren Umgang mit ihr sucht.