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7 Forschungspraktische Reflexion in:

Jonas Jacholke

Zwischen Notwendigkeit und Unmöglichkeit, page 122 - 124

Analyse der Strategiebildung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik im Umgang mit Kontingenz

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4379-0, ISBN online: 978-3-8288-7361-2, https://doi.org/10.5771/9783828873612-122

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 85

Tectum, Baden-Baden
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ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 122 7 Forschungspraktische Reflexion Da der in dieser Studie verwendete Forschungsstil einer Grounded Theory theoriebildend arbeitet und eine daraus abgeleitete Konsequenz ist, dass das subjektive Moment innerhalb des Forschungsprozesses wesentlich bedeutender wird, kann die intersubjektive Nachvollziehbarkeit als das wichtigste Qualitätskriterium der eigenen Theorieleistung betrachtet werden. Um diese zu gewährleisten, wurden während des Kodierprozesses unzählige Memos erstellt, die den Denk- und Handlungsprozess des Forschenden dokumentieren. Da es aufgrund der begrenzten Platzmenge einer jeden GT-Studie schlicht und ergreifend nicht möglich und sinnvoll wäre, alle Memos, die während des Kodierprozesses entstanden sind, abzubilden, kommt der forschungspraktischen Reflexion hier eine besondere Rolle zu. Diese soll die intersubjektive Nachvollziehbarkeit neben der eigentlichen Argumentation in der Studie unterstützen. Zunächst soll hier erwähnt werden, dass ein Großteil der Zeit zur Erstellung dieser Studie mit der Anfertigung von Memos verbracht wurde. Die Memos wurden dabei Großteils mittels klassischer Textverarbeitungssoftware erstellt und mitunter durch handschriftliche Notizen aber vor allem auch Skizzen und Schaubilder ergänzt. Hier muss betont werden, dass vor allem mithilfe der selbsterstellten Schaubilder und Skizzen das schwierig zu greifende Thema der Kontingenz sinnvoll visualisiert werden konnte. Auf diese Weise konnte, so hat sich recht früh herausgestellt, bestmöglich die Kreativität und Freiheit der Forschungspraxis entfaltet werden. Die digital aufbereiten Schaubilder in der Studie repräsentieren gewissermaßen unvollständig die ‚Überbleibsel’ dieser wichtigen Forschungsschritte. Im Laufe des dreistufigen Kodierprozesses haben sich die Memos fortlaufend theoretisch gesättigt, sodass sie abschließend in das Dokument der eigentlichen Studie überführt wurden. Am Anfang eines jeden Forschungsprozesses einer GT, so ist die bisher gemachte Erfahrung des Forschenden, ist einige Zeit nötig, um die parallel durchgeführten Arbeitsschritte auf das Thema und die Fragestellung einzustellen. Nach einiger Zeit haben sich auch in dieser Studie Routinen im Ablauf von Texterschließung, Vergleichsarbeit, Arbeitsthesenbildung, Interpretation und Erstellung der Memos abgezeichnet. Der von Corbin und Strauss genannte „kreative Moment der Abduktion“ (zit. nach Strübing 2018: 33) hat sich dabei immer häufiger eingestellt und ließ auf diese Weise den Erkenntnisfortschritt auf befriedigende Weise zeigen. Einer der großen Vorteile des theoriebildenden Ansatzes von Grounded Theory überhaupt, nämlich, dass mitunter Erkenntnisse sichtbar werden, die mit einer vorher aufgesetzten theoretischen Brille nicht zum Vorschein gekommen wären, konnte spürbar nachvollzogen werden. Gleichwohl muss zur Anwendung der hier vorgelegten GT kritisch angermerkt werden, dass die forschungspraktische Freiheit indes auch ihren Preis hat. Denn das intuitive Vorgehen bietet selbstredend einzigartige Möglichkeiten bisher Unbeobachtetes zu beobachten. Zugleich aber besteht die Gefahr, dass die Analyse jederzeit ins Beliebige abdriften könnte. Denn durch das intuitive und ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 123 zugleich stark assoziative Verfahren des kontinuierlichen hypothetischen Schlie- ßens kann es mitunter zu starken Verirrungen beim Forschungsprozess kommen. Hier war der Forschende während des Erstellungsprozess gefordert, wachsam zu sein, indem er das eigene Vorgehen permanent selbstkritisch hinterfragt. Auch bei der Erstellung der vorliegenden GT kam es vor, dass Kategorien und Konzepte zunächst als theoretisch gesättigt erachtet wurden, da sie sinnvoll erschienen, obwohl sie bei erneuter Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt diesen Eindruck nicht Aufrechterhalten konnten, sodass sie verworfen werden mussten. So wurden vom Anfang bis zum Ende des Forschungsprozesses Kategorien verworfen, die vorher noch als nachvollziehbar befunden wurden. Gerade in diesem Schritt, so ist die Überzeugung des Forschenden, sind zwei Dinge unabdinglich: Die nötige Zeit zur Prüfung einzuplanen als auch Resilienzen hinsichtlich des Frustrations- und Überraschungsniveaus bestmöglich aufzubauen. Die Bereitschaft, einen Großteil der Verschriftlichungen zu verwerfen, bzw. sie in der fertigen Studie nicht abbilden zu können, ist unabdingbar. Hinsichtlich des Frustrationsniveau hat es sicherlich geholfen, dass die vorliegende Studie nicht die erste erarbeitete GT-Studie war. Indes muss über das eigene Prüfverfahren selbstkritisch eingestanden werden, dass es sinnvoll wäre, den Kodierprozess als einen kollektiven Prozess mit anderen Forschenden zu organisieren – indem bspw. eine ‚Kodierwerkstatt’ organsiert worden wäre. Auf diese Weise würde zum einen ein möglicher subjektiver ‚Überschuss’ eingedämmt und gewissermaßen durch ‚Checks and Balances’ überprüft und ausgeglichen werden. Denn auch hier gilt, dass ‚vier Augen mehr als zwei sehen’. Aus diesem Grund auch sahen die Urväter Corbin und Strauss die Arbeit mittels einer GT als eine gemeinsame analytische Arbeit am Material. Zum anderen wären gerade im frühen Stadium des offenen und axialen Kodierens weitere Forschende eine Möglichkeit gewesen, den Forschungsprozess mittels Assoziationshilfen hinsichtlich der inhaltlichen Kreativität zu verbessern. Auf diese Weise würde die Gefahr eingedämmt werden, einen ‚Tunnelblick’ des Forschenden für das eigene Thema zu bekommen und deshalb kreative Momente zu verpassen. Um diesen wahrgenommenen Aspekt zumindest etwas einzudämmen, wurde vermehrt im privaten Umfeld Arbeitshypothesen besprochen und diskutiert. Interessanterweise hat sich gerade das nicht-politikwissenschaftliche Umfeld als sinnvoll für neue kreative Anregungen erwiesen. Eine Erkenntnis also, die hier mittunter mit der Bundesregierung geteilt wird (vgl. Kap. 5.4.). Die Rahmung der Studie mittels den forschungsleitenden Grundannahmen des Pragmatismus und das Primat der Praxis sowie die Anwendung einer GT haben sich grundsätzlich als äußerst sinnvoll erwiesen. Denn auf diese Weise, so die eigene Wahrnehmung, stand das Problem um die Herausforderung von Kontingenz für die Strategiebildung deutscher Außen- und Sicherheitspolitik von Anfang an im Mittelpunkt. Gerade der semantische Zugriff der vorliegenden Studie, der ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND UNMÖGLICHKEIT 124 über die sprachphilosophischen Überlegungen von Rorty, Wittgenstein und Davidson gefunden wurde, half dabei zweifellos, Veränderungen im Vokabular als Veränderungen der Überzeugungsstrukturen der Bundesregierung auszumachen. Dennoch muss abschließend festgehalten werden, so der bleibende Eindruck der Forschung, dass sich eine vollständige Loslösung subsumtionslogischer Denkweisen in der konkreten Forschungspraxis als äußerst schwierig erweist – wenn nicht gar illusorisch ist. Postuliert doch der Pragmatismus als Kritik an die großen Theorieparadigmen der Internationalen Beziehungen diese, konnten während der Forschungspraxis mitunter gegenteilige Tendenzen festgestellt werden. Auch die Überlegungen des Pragmatismus liefern letztlich eine Schablone dafür, Erkenntnisse unter das eigene Vokabular zu subsumieren. So hat sich gerade im fortschreitenden Verlauf des Forschungsprozesses eine Zunahme subsumtionslogischen Denkens und Schreibens herausgestellt, dem mitunter nur schwerlich entgegengesteuert werden konnte. Auch hier war es wichtig, das bereits Festgehaltene jederzeit zu hinterfragen und kritisch mit den eigenen Überlegungen umzugehen.

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Zusammenfassung

Echte Krisen und Konflikte zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Regel nicht vorhersehbar sind. Vice versa bedeutet dies eine Aufwertung des Unbekannten und Andersartigen. Die vorliegende Studie geht der Frage nach, wie sich der Umgang mit Kontingenz in den gegenwärtigen strategischen Grundlagendokumenten deutscher Außen- und Sicherheitspolitik gestaltet. Kontingenz, verstanden als „etwas, was weder notwendig noch unmöglich ist“ (Luhmann 1975), wird dabei als eine zunehmend größer werdende Herausforderung für die Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten identifiziert, die bei der Strategiebildung berücksichtigt werden muss.

Der von Jonas Jacholke vorgeschlagene Ansatz, mit den entscheidungserschwerenden Negativa umzugehen, ist, dass sich die Politik ein Stück weit auf die kontingente Andersartigkeit einlässt, ein Bewusstsein für sie entwickelt und so einen spielerischeren, kreativeren und konfrontativeren Umgang mit ihr sucht.