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Wolfgang Harich, Andreas Heyer (Ed.)

Friedrich Nietzsche

Der Wegbereiter des Faschismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4377-6, ISBN online: 978-3-8288-7360-5, https://doi.org/10.5771/9783828873605

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS WOLFGANG HARICHS – Band 12 SCHRIFTEN AUS DEM NACHLASS WOLFGANG HARICHS – BAND 12 Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer Wolfgang Harich Friedrich Nietzsche Der Wegbereiter des Faschismus Tectum Die Verö entlichung des vorliegenden Bandes wurde gefördert durch die Wolfgang Harich Friedrich Nietzsche. Der Wegbereiter des Faschismus Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs. Band 12. Mit weiteren Dokumenten und Materialien herausgegeben von Andreas Heyer © Tectum – Ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7360-5 (Dieser 'Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4377-6 im 'Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Wolfgang Harich, Quelle: Privatbesitz Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Ergänzende Bildnachweise: 77 | Bundesarchiv Bild 102-13774, Adolf Hitler.jpg; 87 | QS:P571, +1940-06-23T00:00:00Z/11; 372 | X. Schriftstellerkongress der DDR. Plenum, Berlin, 1988, Bildtafel 1 und 3; 470 | Bundesarchiv Bild 183-1983-0321-037, Wartburg, Klaus Höpcke auf Lutherkonferenz.jpg; 486 | Bundesarchiv Bild 183-M0210-0039, Berlin, Brecht-Ehrung, Empfang.jpg; 494 | Bundesarchiv Bild 183-19204-3150, Otto Grotewohl.jpg; 497 | Bundesarchiv B 145 Bild-F031406-0017, Erfurt, Treffen Willy Brandt mit Willi Stoph.jpg; 537 | Bundesarchiv Bild 183-1985-0926-040, Berlin, Vorstandssitzung Schriftstellerverband.jpg; 584 | Bundesarchiv Bild 183-H0611-0500-003, Berlin, Kundgebung des Kulturbundes.jpg; 590 | Bundesarchiv Bild 183-34196-0001, Berlin, Akademie der Künste.jpg; 626 | Bundesarchiv Bild 183-1987-0907-017, Bonn, Besuch Erich Honecker, mit Helmut Kohl.jpg; 644 | Bundesarchiv Bild 183-14811-0012, Berlin, 3. Deutscher Schriftsteller-Kongress.jpg; 661 | https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler#/ media/Datei:Hitler_in_M%C3%BCnchen_1939. jpg; 685 | Bundesarchiv Bild 183-08583-0017, Zittau, Jugend-Dreiländertreffen, Erich Honecker.jpg; 694 | Bundesarchiv Bild 146-1974-082-44, Adolf Hitler im Ersten Weltkrieg retouched.jpg; 705 | Bundesarchiv Bild 183-1989-1024-027, Berlin, 10. Volkskammertagung.jpg Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Zur Edition Wolfgang Harich (1923–1995) zählt zu den wichtigen und streitbaren Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Befreundet mit Georg Lukács, Bertolt Brecht und Ernst Bloch wirkte er als Philosoph, Historiker, Literaturwissenschaftler und durch sein praktisches politisches Engagement. Letzteres führte nach seiner Verhaftung von 1956 wegen Bildung einer »konterrevolutionären Gruppe« zur Verurteilung zu einer zehnjährigen Haftstrafe. Die nachgelassenen Schriften Harichs erscheinen nun erstmals in einer elfbändigen Edition, die das reichhaltige Werk dieses undogmatischen Querdenkers in seiner ganzen Breite widerspiegelt: von seinen Beiträgen zur Hegel-Debatte in der DDR über seine Abrechnung mit der 68er-Bewegung im Westen bis zu seinen Überlegungen zu einer marxistischen Ökologie. Die Edition würdigt Wolfgang Harich als Philosophen, Literaturhistoriker, Feuilletonisten, als praktischen Streiter für die deutsche Einheit und die ökologische Umorientierung. Sie wird im Herbst 2013 erö net mit drei Bänden zur klassischen Deutschen Philosophie des Idealismus sowie zum Verhältnis von Materialismus und Idealismus. Zum Herausgeber Andreas Heyer, Dr. phil., Jg. 1974, Politikwissenschaften und Jura. Von 2000 bis 2002 war er Stipendiat der Graduiertenförderung des Landes Sachsen-Anhalt, im Anschluss dann Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 2003 promovierte er u. a. bei Iring Fetscher mit einer Arbeit über Diderots politische Philosophie. 2005 erschien in zwei Bänden das Lehrbuch Die französische Aufklärung um 1750. Zwischen 2003 und 2007 war er Mitarbeiter des DFG-Projekts Sozialutopien der Neuzeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte der politischen Utopien der Neuzeit sowie zur Philosophie in der DDR. Im Zuge dieser Arbeiten entstand sein besonderes Verhältnis zu den Schriften Wolfgang Harichs, das sich in mehreren Verö entlichungen niederschlug. Seit 2012 arbeitet er mit Unterstützung durch Anne Harich an der Herausgabe der nachgelassenen Schriften Wolfgang Harichs. Editionsplan (Stand August 2019) 1. Frühe Schriften (in 3 Teilbänden, erschienen) 2. Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (erschienen) 3. Widerspruch und Widerstreit – Studien zu Kant (erschienen) 4. Herder und das Ende der Aufklärung (erschienen) 5. An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx (erschienen) 6. Vorlesungen zur Philosophiegeschichte (in 2 Teilbänden, erschienen) 7. Schriften zur Anarchie (erschienen) 8. Ökologie, Frieden, Wachstumskritik (erschienen) 9. Georg Lukács – Dokumente einer Freundschaft (erschienen) 10: Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer (erschienen) 11: Arnold Gehlen. Eine marxistische An thro po lo gie? (erschienen) 12: Friedrich Nietzsche. Der Wegbereiter des Faschismus 13: Schriften zur Kultur (in 2 Teilbänden) 14: Politik und Philosophie in der zweiten Lebenshälfte 15: Schlüsseldaten deutscher Geschichte: 1953, 1956, 1968, 1989 16: Autobiographie A nd rea s H ey er V orw ort Die kritische Auseinandersetzungen mit der Philosophie Friedrich Nietzsches war für Wolfgang Harich eine lebenslange Herausforderung. Schon im Elternhaus bekam er seine Einstellung vermittelt, eigene Erfahrungen mit dem Faschismus, viele private Gespräche, umfangreiche Lektürestunden und auch seine universitäre Ausbildung bei Eduard Spranger und Nicolai Hartmann (den er freilich mit Blick auf dessen Arbeiten zur Wertproblematik in der Nachfolge Nietzsches kritisierte) vertieften diese Ansicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannte er sich zum Marxismus sowie zu dessen Weiterentwicklung samt permanentem Ausbau zum vollumfänglichen philosophischen System. Bis zu seinem Tod blieb Harich einem strikten und konsequenten Antifaschismus verp ichtet. Diese Konstellation ist einer der Schlüssel zu seinem Werk und Denken. Viele Texte dieser Edition spiegeln diese seine Wahrnehmung der entsprechenden eorien und Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts wider. Wichtig und zentral für seine intellektuelle Genese in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren waren die Freundschaften, die er schloss – zu den von ihm sehr geschätzten sowjetischen Kulturo zieren, zu Paul Rilla oder beispielsweise zu Bertolt Brecht. Wichtig waren die Diskussionen, die er führte und an denen er sich beteiligte – über des Erbe-Verständnis des Sozialismus, zur Logik, zur Philosophiegeschichte, zu den Höhepunkten der bürgerlichen Kultur und Wissenschaften, über die Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus im Allgemeinen und zur Philosophie Hegels im Besonderen. Wichtig waren schließlich auch die Feindschaften, in denen sich sein Verstand und sein Weltbild schärften – neben Nietzsche beispielsweise gegenüber Ernst Jünger oder Martin Heidegger, mit Blick auf den Existenzialismus oder die reaktionäre Gegenwartsphilosophie. Harich brauchte ein Gegenüber (das 8 V orw ort konnte eine Person sein, ein Text, eine ese), an dem er sich abarbeiten konnte. In den Jahren seiner schlimmsten intellektuellen Isolation, ab ca. 1985, war er schließlich im Selbstgespräch. Er verfasste seine Manuskripte nun im Dialog mit sich, ese und Gegenthese, Frage und Einwand in einer Person vertretend. Die größten und intensivsten Anregungen emp ng er jedoch von Georg Lukács, mit dem er seit 1951 im Aufbau-Verlag intensiv zusammenarbeitete und dem er seit 1953, nunmehr Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, die Türen nicht nur dieser Zeitschrift ö nete, sondern alles dafür tat, um dem ungarischen Philosophen einen hohen Stellenwert im kulturellen Leben des kleineren deutschen Staates zu sichern. Was beide, neben manch anderem, einte, war die radikale und explizite Kritik an Nietzsche sowie an dessen Charakterisierung als ideologischer Begründer des europäischen Faschismus und deutschen Nationalsozialismus. In den Jahren nach seiner Haftentlassung bezog Harich nicht ausführlich zu Nietzsche Stellung. Aber die verstreuten kleineren (und größeren) Äußerungen in seinen verschiedenen Schriften, Manuskripten und Briefen zeigen deutlich an, dass sich seine Position zu diesem nicht verändert hatte. Die achtziger Jahre brachten in dieser Hinsicht jedoch eine Veränderung. Durch seine aus den Normen und Werten des Antifaschismus der Nachkriegszeit, die damals in der SBZ und der jungen DDR einen allumfassenden Konsens gebildet hatten, hervorgegangenen eorien und Stellungnahmen zu den aktuellen Herausforderungen von Politik, Kultur und Philosophie löste Harich die auch heute noch bekannte Nietzsche-Debatte aus, die sogar die DDR überlebte. Harich war mit seinem Weltbild, in seinen Grundzügen entstanden in dem Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, zu einem Fremdkörper in der Gegenwart geworden, die nicht mehr die seine war. Der vorliegende Band zerfällt in zwei Teile. Zuerst wird das Manuskript Nietzsche und seine Brüder. Eine Streitschrift in sieben Dialogen mit Paul Falck. Zu dem Symposium »Bruder Nietzsche?« der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal präsentiert. Es entstand in den ersten Monaten des Jahres 1989 (Januar bis August) und enthält zwei Anhänge. Der erste vom November 1992, der zweite vom August 1994. Auch wenn das Buch nach den wichtigen Beiträgen der Nietzsche-Debatte geschrieben wurde und erschienen ist, so wird es doch zuerst präsentiert, da es eine sehr gute Zusammenfassung des Denkens von Harich gibt. Verfasst hatte Harich das Werk nach seinen guten Erfah- 9V orw ort rungen mit den Erwägungen zu Nicolai Hartmann (Band 10) erneut in Dialogform, das heißt im Gespräch mit sich selbst. Ein methodisches Verfahren, das es ihm ermöglichte, eigene Positionen zu überspitzen, mögliche Einwände bereits argumentativ zu entkräften und die gebildeten Ansichten zu hinterfragen. Der zweite Teil enthält dann zahlreiche Manuskripte, Briefe, Eingaben, Dokumente, Vorträge und Aufsätze Harichs, die seinen permanenten Kampf gegen Nietzsche ab 1982 dokumentieren. Zum Abdruck kommen ausschließlich Texte, die sich in seinem Nachlass fanden und heute im Amsterdamer Internationalen Institut für Soziale Geschichte aufbewahrt sind. Alle wichtigen Texte und Schriften sind auf diese Weise in dem Band präsent. Leider war es nicht möglich, die deutschen Archive, darunter zuvorderst das Bundesarchiv Berlin, intensiver zu durchforsten, da die dortigen Arbeitsbedingungen für akademische Studien nicht geeignet sind: Beginnend bei der Art und Weise und Dauer der Aktenbereitstellung über die Möglichkeiten des Kopierens (mehrwöchige Wartezeiten, völlig überzogene Kopienpreise) bis hin zur Erlangung einer Abdruckgenehmigung. (Um von der Arbeitsatmosphäre und ähnlichem hier zu schweigen.) Bedauerlicherweise waren auch verschiedene der auf Seiten der DDR-Regierung damals beteiligten Personen nicht bereit, mit Informationen oder gar Kopien aus ihren Sammlungen diese Edition zu unterstützen. Sie setzen damit auch heute noch, wo die SED noch nicht einmal mehr, wie ihr späterer Arbeitgeber, PDS heißt, die Politik von Stalin und Ulbricht/Honecker mehr als nur fort und zeigen, ungeachtet aller autobiographischen Selbstmysti zierung, ihre wahre Einstellung zum Vermächtnis von Wolfgang Harich. Über den vorliegenden Band hinaus, das klang bereits an, nden sich Äußerungen Harichs zu Nietzsche in vielen Texten dieser Edition. Um darüber zumindest eine kleine Zusammenschau zu geben, lässt die folgende Einleitung vor allem Harich selbst zu Wort kommen und zeichnet in exemplarischer Auswahl dessen Urteile über Nietzsche bis zu seiner Verhaftung 1956 nach. Die Einleitung in den zweiten Teil beschäftigt sich dann direkt mit der Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre. Hinzuweisen ist schließlich noch darauf, dass die Bände 9 (zu Georg Lukács), 10 (zu Nicolai Hartmann), 11 (zu Arnold Gehlen) und 12 (zu Nietzsche) eine ähnliche Einheit bilden wie die Bände 3 (zu Kant), 4 (zu Herder) und 5 (zu Hegel). Sie ergänzen sich gegenseitig und ihr jeweiliger Inhalt erschließt sich erst dann vollständig, wenn die anderen Texte mit berücksichtigt werden. Gerade da in den achtziger Jahren diese 1 0 V orw ort emen für Harich zusammengehörten, er von einem Manuskript oder Brief zum nächsten überging. Mit Blick auf Harich hört man in Diskussionen oft die Stellungnahme: »Sein Einsatz 1956 verdient schon Respekt, aber was er dann mit dem Nietzsche …« Viele Gerüchte ranken sich um seine Briefe und Eingaben – und vom Hörensagen ist es ein weiter Weg zur Wahrheit. Nun kann nachgelesen werden, welche Meinung er in den achtziger Jahren vertrat. Andreas Heyer Braunschweig, im Juni 2019 I nh a l t Vorwort (Andreas Heyer) 7 Teil I: Nietzsche und seine Brüder Wolfgang Harichs Positionierung gegen Nietzsche bis 1956 (Andreas Heyer) 17 Nietzsche und seine Brüder. Eine Streitschrift in sieben Dialogen mit Paul Falck 57 Vorwort (von Paul Falck) 57 I. Nietzschebrüder in der DKP 59 II. Der Faschismus und Nietzsche 66 III. Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus 100 IV. Ist das der ganze Nietzsche? 128 V. Nietzsche-Renaissance und Globalprobleme 166 VI. Nietzsche-Brüder, genauer besehen 198 VII. Ins Nichts mit ihm? 232 Anhang I: Zu Nietzsches spätstalinistischer Aufwertung 251 Anhang II: Nachwort 1994 257 Teil II: Die Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre Wolfgang Harich und die Debatte über Nietzsche (Andreas Heyer) 265 1. Auftakt ohne Diskussionen 265 2. Der Ton wird deutlicher 278 3. Erste Briefe nach »oben« 295 4. Unverö entlichte Manuskripte 1: Lukács 310 5. Unverö entlichte Manuskripte 2: Nietzsche 324 6. Erste Briefe an Erich Honecker 345 7. Der Ton wird rauer 358 8. Nietzsches Genossen 1: Stephan Hermlin und die Schriftsteller der »Republik« 369 9. Nietzsches Genossen 2: Manfred Buhr und die »Philosophen« der Partei 385 10. Der Brief an Honecker vom Mai 1988 407 11. In der Isolation 424 12. Schlussanmerkungen 434 1. Denkschrift zur Nietzsche-»Rezeption« (Juni–Juli 1982) 442 2. Brief an Hermann Turley (26. Juli 1982) 447 3. Brief an Lothar Berthold (02. Oktober 1982) 460 4. Exposé für den geplanten Sammelband Beiträge zur Nietzsche-Kritik (01. Oktober 1982) 463 5. Brief an Klaus Höpcke (03. August 1985) 469 6. Brief an Klaus Höpcke (02. September 1985) 471 7. Brief an Klaus Höpcke (05. Oktober 1985) 474 8. Brief an Hans Joachim Ho mann (08. Oktober 1985) 485 9. Brief an Klaus Höpcke (12. Oktober 1985) 489 10. Brief an Heinz Malorny (28. November 1985) 493 11. Brief an Max Walter Schulz (02. Dezember 1985) 495 12. Brief an Willi Stoph (22. Dezember 1985) 496 13. Brief an Klaus Höpcke (25. Januar 1986) 503 14. Brief an Stephan Hermlin (28. Januar 1986) 506 15. Brief an Kurt Hager (30. Januar 1986) 508 16. Brief an Kurt Hager (04. Juni 1986) 516 17. Brief an Stephan Hermlin (09. Mai 1987) 521 18. Brief an Kurt Hager (27. August 1987) 530 19. Brief an Kurt Hager (23. September 1987) 536 20. Brief an GO der SED im Akademie-Verlag (23. September 1987) 538 21. Brief an Manfred Buhr (25. September 1987) 540 22. Brief an den Kulturbund (16. Oktober 1987) 541 23. Revision des marxistischen Nietzschebildes? (September–Oktober 1987) 542 24. Brief an Kurt Hager (19. Oktober 1987) 581 25. Brief an Reinhard Pitsch (23. November 1987) 582 26. Brief an den Kulturbund Magdeburg (02. Dezember 1987) 583 27. Brief an den Kulturbund Magdeburg (03. Dezember 1987) 585 28. Brief an Max Walter Schulz (27. Dezember 1987) 586 29. Brief an Kurt Hager (17. Januar 1988) 587 30. Brief an GO der SED im Akademie-Verlag (17. Januar 1988) 587 31. Brief an Gregor Schirmer (25. Januar 1988) 588 32. Brief an Roland Opitz (26. Januar 1988) 589 33. Brief an die Akademie der Künste (26. Januar 1988) 589 34. Brief an Stephan Hermlin (13. Februar 1988) 591 35. Brief an Erich Honecker (29. Februar 1988) 593 36. Brief an Erich Honecker (17. März 1988) 595 37. Brief an Gregor Schirmer (07. April 1988) 598 38. Brief an Gregor Schirmer (09. April 1988) 599 39. Brief an Georg Anders (11. April 1988) 601 40. Brief an Gregor Schirmer (16. April 1988) 602 41. Brief an Lothar Berthold (26. April 1988) 605 42. Gutachten zu Heinz Malornys Nietzsche-Buch (29. April 1988) 612 43. Brief an Lothar Berthold (30. April 1988) 621 44. Brief an Gregor Schirmer (13. Mai 1988) 623 45. Brief an Manfred Bachmann (17. Mai 1988) 623 46. Brief an Erich Honecker (18. Mai 1988) 625 47. Brief an Eberhard Fromm (08. Juli 1988) 632 48. Brief an Manfred Buhr (19. August 1988) 632 49. Brief an Hans Schulze (19. August 1988) 633 50. Brief an Erich Honecker (03. September 1988) 634 51. Brief an Walter Grab (25. September 1988) 636 52. Brief an Lothar Berthold (30. September 1988) 640 53. Brief an Gregor Schirmer (30. September 1988) 641 54. Brief an Gregor Schirmer (14. Oktober 1988) 642 55. Brief an Stephan Hermlin (15. Oktober 1988) 643 56. Brief an Gregor Schirmer (17. Oktober 1988) 646 57. Brief an Reinhard Mocek (12. November 1988) 647 58. Brief an Max Walter Schulz (19. November 1988) 654 59. Nietzsche als Schöpfer der faschistischen Ideologie (16. Dezember 1988) 657 60. Brief an Robert Steigerwald (03. Januar 1989) 672 61. Das epochale Vorzeichen (Januar 1989) 674 62. Nietzsche-Brüder in der DKP (Januar 1989) 676 63. Brief an den Akademie-Verlag (03. April 1989) 679 64. Brief an Kurt Hager (06. April 1989) 682 65. Brief an Erich Honecker (12. Mai 1989) 684 66. Vortrag am 16. Juni 1989 688 67. Brief an die Botschaft der UdSSR (19. Juni 1989) 696 68. Brief an Siegfried Otto (28. Juli 1989) 696 69. Brief an Stefan Dornuf (02. August 1989) 698 70. Brief an die Antifa-Gruppe (17. Oktober 1989) 699 71. Brief an den Dietz-Verlag (15. November 1989) 701 72. Brief an Siegfried Otto (18. Oktober 1989) 702 73. Brief an Egon Krenz (26. Oktober 1989) 704 74. Brief an Egon Krenz (09. November 1989) 706 75. Brief an Christoph Links (02. Juli 1990) 708 76. Brief an Wilfried Träder (05. Juli 1990) 709 77. Zu Nietzsches spätstalinistischer Aufwertung. Eine Replik (04. September 1990) 713 78. Brief an Günther Grack (28. September 1990) 718 79. Brief an Hermann Kurzke (18. Oktober 1990) 719 80. Brief an Frank Schirrmacher (31. Oktober 1990) 720 81. Brief an Vera Oelschlegel (04. November 1990) 721 82. Brief an Frank Schirrmacher (24. April 1991) 722 83. Brief an die Marx-Engels-Stiftung Wuppertal (02. August 1991) 723 84. Brief an Heinz Jung (02. August 1991) 723 85. Brief an German Werth (16. Januar 1994) 724 86. Brief an Wolf Scheller (17. Januar 1994) 726 87. Brief an Jürgen Horlemann (27. Januar 1994) 728 88. Brief an Reinhard Semmelmann (19. März 1994) 730 89. Brief an Ruth Kiesow (25. April 1994) 731 T eil I N ietz sc h e u nd seine B rü d er 1 7 A nd rea s H ey er W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 Vom November 1945 bis zum Sommer 1946 arbeitete Wolfgang Harich als eaterkritiker für die französische lizenzierte Tageszeitung Kurier.1 Die Bandbreite seiner dort publizierten Artikel reicht von eaterkritiken über philosophische Versuche und politische Äußerungen bis hin zu jenen teilweise bitterbösen Satiren, in denen er seinen Zeitgenossen unter dem Pseudonym Hipponax einen Spiegel vorhielt. (Johannes R. Becher beispielsweise hat Harich nie verziehen, dass dieser ihn verspottete.)2 Wegen ihrer ideologisch-politischen Ausrichtung riefen Harichs Texte spätestens seit dem Frühjahr 1946 den Bruch mit dem Kurier hervor. Zeitlich parallel knüpfte Harich bereits Kontakte zu den russischen Kulturo zieren. Dabei ging es um seine Pläne und seine Rolle bei der Neugründung der Weltbühne.3 Wolfgang Schivelbusch hat in der lesenswerten Monographie Vor dem Vorhang die entsprechenden damaligen Diskussionen nachgezeichnet und detailliert rekonstruiert, warum Harich scheiterte.4 Aber Harichs Niederlage bei dem Versuch, maßgeblicher Redakteur der Weltbühne zu werden, hatte positive Folgen. So schrieb er bis in die fünfziger Jahre nicht nur ca. vierzig Ar- 1 Eine Auswahl seiner Artikel kommt in Band 1.3, S. 1331–1438, zum Abdruck. 2 Harich hatte in zwei Gedichten Becher nachgeahmt: Aufschrei gellt, nach Johannes R. Becher, 1920 und Aufbau marschiert, nach Johannes R. Becher, 1946, beide abgedr. in: Band 1.3, S. 1383 f. 3 Verschiedene Artikel Harichs aus der Weltbühne kommen in der Edition zum Abdruck (u. a. in Band 1.1, S. 226–288, Band 6.2, S. 1376–1444). In Band 1.2 auch Abdruck des Planes von Harich zur Neugründung der Weltbühne (S. 209–226). 4 Schivelbusch, Wolfgang: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945–1948, Frankfurt am Main, 1997. 1 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er tikel für die Weltbühne, sondern die Vertreter der sowjetischen Militäradministration in der SBZ hielten sozusagen ein Trostp aster für ihn parat: Die Anstellung bei der Täglichen Rundschau.5 Für die war er dann bis 1950 tätig.6 Sein erster Artikel erschien am 28. Juli 1946 – Und noch einmal: Ernst Jünger. Kurz darauf folgte Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«. Zudem war Harich beispielsweise an der Gründung des Kulturbundes beteiligt. Für Harich war diese Entwicklung überaus vorteilhaft. Er knüpfte in den Jahren der SBZ Kontakte zu den russischen Kulturo zieren, auf privater, freundschaftlicher und beru ich-kollegialer Ebene, die ihm zwar im November 1956 bei seiner Verhaftung durch Ulbricht nicht mehr helfen konnten, bis zu diesem Zeitpunkt aber überaus nützlich waren: Sie ö neten ihm Türen, halfen ihm bei Diskussionen (beispielsweise bei dem Streit um seine Hegel-Interpretation in seiner heute noch berühmten Vorlesung an der Berliner Humboldt-Universität)7, stärkten seine Rolle im Berlin der Nachkriegszeit. Sicherlich war es auch dieser Konstellation geschuldet, dass Harich neben Anna Seghers und anderen zu der Delegation der deutschen Schriftsteller gehörte, die 1948 knapp einen Monat lang die Sowjetunion besuchte.8 Vor allem war sein Wechsel aber auch ein deutliches politisches, ideologisches und, wenn man so will, moralisch-humanistisches Bekenntnis. Ein Ja zum Marxismus, zum Sozialismus, zu grundlegend-radikalen Reformen bzw. Brüchen mit der bisherigen bürgerlichen Gesellschaft, in deren Schoß der Nationalsozialismus entstanden war. Und wahrlich nicht zuletzt bestätigt der beru iche Weg Harichs in der SBZ dessen strikten 5 Siegfried Prokop stellte heraus, dass Harichs »Freunde und Gönner in Karlshorst« den Übergang vom Kurier zur Täglichen Rundschau forcierten, Harich also eine Alternative anboten. Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 41. 6 Eine Auswahl seiner Artikel kommt in Band 1.2, S. 1013–1218, zum Abdruck. 7 Die entsprechenden Texte und Debatten präsentiert der 5. Band, die Vorlesung dort S. 437–714. Eine sehr gute Einführung bieten die Texte von: Warnke, Camilla: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, in: Heyer (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR, Norderstedt, 2015, S. 159–166. Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Wolfgang Harichs Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, 1951–1954, Berlin, 1999. 8 Im Nachklang der Reise schrieb Harich verschiedene Aufsätze, so u. a. für die Weltbühne die drei Artikel Gleichschaltung?, in: Band 1.1, S. 230–250, für die Tägliche Rundschau die vierteilige Serie Moskauer eaterimpressionen und den Beitrag Humanität und Vertrauen. Das Verhältnis der Sowjetmenschen zu Deutschland, in: Band 1.2, S. 1147–1168. 1 9W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 Antifaschismus, der diesen Zeit seines Lebens in allen Facetten seines Denkens und Handelns prägte. Diese kurze Einleitung stellt sich dem Versuch, Harichs Einstellung zu Friedrich Nietzsche, wie sich diese bis 1956 herausbildete und verfestigte, zumindest überblicksartig zu rekonstruieren. Am 26. Juli 1982 schrieb Harich in einem Brief an Hermann Turley:9 »Meine Bekanntschaft mit Nietzsche begann in den Jahren 1938/1939. Ich gehörte damals, als Vierzehn- bis Sechzehnjähriger in Neuruppin einem philosophisch-literarisch-musikalischen Zirkel des Bayreuther Bundes an, dessen dortige Ortsgruppe von einem Studienrat Dr. Werner Kuntz geleitet wurde. Dieser war vor 1933 SPD-Mitglied gewesen, dachte aber nicht entfernt daran, uns mit marxistischem Gedankengut vertraut zu machen, sondern führte uns in Kant, Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und Oswald Spengler ein. Das spielte sich ab vor dem Hintergrund der damaligen Sudetenkrise und des beginnenden Zweiten Weltkriegs. In dieser Situation vertrat meine Mutter die Ansicht, zu Kriegen käme es vor allem deswegen immer wieder, weil die Menschen nicht genügend Phantasie hätten, sich vorzustellen, was ein Krieg ist. Damit ich davon eine realistische, illusionslose Vorstellung gewönne, gab sie mir systematisch die im Ersten Weltkrieg spielenden Bücher von Barbusse, Gläser, Remarque, Renn, Arnold Zweig und anderen Kriegsgegnern zu lesen. Unter dem Ein uss dieser Lektüre lernte ich den gleichzeitig genossenen Nietzsche nachhaltig und von Grund auf verabscheuen. Auch später hat er mich nie interessiert, geschweige denn irgend einen Ein uss auf mich ausgeübt. Nachdem ich mich dem Marxismus zugewandt hatte, akzeptierte ich die einschlägigen Darlegungen Franz Mehrings und besonders Georg Lukács’ als das endgültig und abschließend Zutre ende, was über Nietzsche gesagt werden kann. An dieser Überzeugung halte ich auch heute nach wie vor fest. Dabei können mir nicht einmal Nietzsches Kritik am Christentum und seine viel gerühmte ›entlarvende Psychologie‹ imponieren. Beides nde ich um Vieles besser und überdies mit humaner Grundtendenz bei Ludwig Feuerbach, dessen Verdrängung durch die Schopenhauer-Mode aus dem bürgerlichen Bildungsbesitz mir die Voraussetzung für Nietzsches maßlose Überschätzung gewesen zu sein scheint, um von der dem Bürgertum ohnehin fernliegenden Religions- und Ideologiekritik des Marxismus noch ganz zu schweigen. Ja, selbst von Nietzsches stilistischen Qualitäten halte ich nicht viel. In dieser Beziehung folge ich dem sehr nüchternen, gesunden Urteil Kurt Tucholskys.« 9 Zitate aus Texten, die dem vorliegenden Band entnommen sind, werden im Folgenden nicht gesondert nachgewiesen. 2 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er In dem undatierten Manuskript Meine Lehrer nannte Harich Werner Kuntz ebenfalls. Dort heißt es: »Dr. Werner Kuntz, Studienrat, Sozialdemokrat, Freund meiner Eltern. Er hatte in der Weimarer Zeit ein ganz konfuses philosophisches Buch geschrieben: Vor den Toren der neuen Zeit – eine Mischung von Spengler und sozialdemokratischem Pseudomarxismus. Er hatte mit großen Plänen begonnen, war dann aber gescheitert und zu nichts gekommen, gab Chemie- und Physik-Unterricht in einem Lyzeum und erzählte ununterbrochen von Leuten, die ihm durch Schikanen seine Laufbahn verdorben hätten. Seinen ›Drang zum Höheren‹ reagierte er dadurch ab, dass er das ›Richard-Wagner-Kränzchen‹ in Neuruppin leitete. Er hielt hier Vorträge über den philosophischen Sinn von Wagners Opern und sang zwischendurch, sich selbst begleitend, mit fürchterlicher Stimme Wagner-Arien oder gar Duette, zusammen mit seiner Mutter, einer siebzigjährigen Majorswitwe. Außerdem leitete er in seiner Wohnung einen philosophischen Zirkel, der vor allem von Schülerinnen des Lyzeums besucht wurde, die ihn anschwärmten. Zu diesem Zirkel wurde ich eingeladen, als ich kon rmiert war, also mit 15 Jahren. Hier wurde gemeinsam die Kritik der reinen Vernunft von Kant, Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung, Nietzsches Zarathustra und Spenglers Untergang des Abendlandes durchgearbeitet und besprochen, oder ›Bobby Kuntz‹ (wie ihn die Schülerinnen nannten) philosophierte auch selbst über die ewige Antinomie von himmlischer und irdischer Liebe. Immerhin weckte er mein Interesse für die Philosophie.«10 Um ein weiteres Beispiel aus der Spätphase Harichs zu bringen. Am 17. Mai 1988 schrieb dieser an Manfred Bachmann, der Harich einen von dessen Artikeln zu Ernst Jünger zusandte (aus der »Kulturpolitischen Monatsschrift« Aufbau): »Was Insonderheit den von mir darin erwähnten Nietzsche angeht, so hatte ich den allerdings schon vorher, 1939/1940, verabscheut. Damals las ich ihn, mit 15, 16 Jahren, zum ersten Mal, freilich vor dem Hintergrund einer ganz anderen Situation als derjenigen, die den Nietzsche-Enthusiasten um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts zu Gute gehalten werden mag, was aber wiederum nicht besagen soll, dass denen Nietzsche in irgendeiner Hinsicht förderlich gewesen wäre. Die Beliebtheit Hitlers und seiner Politik war zwischen der Sudetenkrise im Herbst 1938 und bis zu der Zeit, die dem Frankreichfeldzug 1940 unmittelbar vorausging, auch in bürgerlichen Kreisen sehr gering, und beim Kriegsausbruch gar sank sie auf den Nullpunkt. Eine mit 1914 vergleichbare Euphorie 10 Band 1.1, S. 117. 2 1W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 hat es nicht gegeben. Just damals gab mir meine Mutter, während ich in Nietzsche vertieft war, die Antikriegsromane der Barbusse, Remarque, Ludwig Renn, Ernst Gläser (Jahrgang 1902) und Arnold Zweig (Grischa) zu lesen. Sie nämlich huldigte der – wie wir es jetzt nennen würden – ›idealistischen Geschichtsau assung‹, dass der Ausbruch von Kriegen auf die Phantasielosigkeit der Menschen zurückzuführen sei, die sich nicht vorstellen könnten, was ein Krieg ist. Sie selbst war 25 Jahre älter als ich, hatte also den Weltkrieg I als ihrerseits 15–20jährige erlebt. Gegen diesen Ein uss hatte Nietzsche bei mir von Anbeginn keine Chance.« In Nietzsche und seine Brüder beschrieb Harich 1989 die Angelegenheit dann im Gespräch mit sich selbst mit den Worten: »PF: Trotzdem sind Sie Nietzsche-Kenner. Warum? WH: Sich seiner Lektüre zu entziehen, wäre in der Nazizeit für einen jungen Menschen, der über Philosophie mitreden wollte, unmöglich gewesen. PF: Haben Sie damals Nietzsche gemocht? WH: Nicht im Geringsten. Er hat mich schon damals angewidert, bestenfalls gelangweilt. Als ich dann Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre spürte, dass er wieder en vogue wird, hielt ich es, voller Entsetzen, für meine politische P icht, ihn erneut und nunmehr gründlicher zu lesen, einzig zu dem Zweck, gegebenenfalls fundiert vor ihm warnen zu können. An sich interessiert er mich überhaupt nicht. Er gibt mir nichts. Ohne die Nietzsche-Renaissance, gegen die ich nach Kräften ankämpfe, würde ich ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Es wäre mir lieber, mich ungestört meinem Buch über Nicolai Hartmann widmen zu können. Das ist ein Philosoph, mit dem zu beschäftigen sich lohnt. Jede Stunde der Auseinandersetzung mit Nietzsche betrachte ich, nach dem Maßstab meiner geistigen Bedürfnisse und Interessen, als verlorene Zeit.« Matthias Steinbach hat aus dem ersten der gerade gebrachten vier Zitate zu Kuntz und Harichs Jugenderlebnissen mit Nietzsche übrigens die völlig überraschende »Schlussfolgerung« gezogen: »Harich ist, das ist meine feste Überzeugung, durch den Neuruppiner Ein uss, den Lesezirkel, ein begeisterter Leser und Kenner Nietzsches geworden, und zwar nicht ex negativo von Anfang an, sondern positiv. Und daher kommt die Kenntnis. Man eignet sich nicht irgend jemanden so an, von dem man von Anfang an nichts hält. Also Harich ist jemand, der Nietzsche mit der Muttermilch aufgesogen hat und ein Nietzscheaner war. 2 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Aber das können Sie sich ja gar nicht vorstellen. Deswegen weiß der auch alles. Harich ist der beste Nietzsche-Kenner, den wir hatten in Deutschland. Und zwar nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in Westdeutschland. Das ist meine feste Überzeugung. Und das bricht sich dann vielleicht am Pazi smus der Mutter. Harich ist übrigens ein wunderbarer Schwindler und Lügner. Der lügt sich alles zurecht im Ahnenpass.«11 Diese »Interpretation« muss hier nicht kommentiert werden. Wenn man jemanden der Lüge bezichtigt, dann sollte eigentlich die Verp ichtung vorhanden sein, sich selbst an die Fakten zu halten. Wie Steinbach von der Aussage Harichs zu seinen esen kommt, ist jedoch völlig unklar. (Auch die folgenden brie ichen Äußerungen Harichs lassen einen vor den Steinbachschen »festen Überzeugungen« kopfschüttelnd zurück.) Es gilt nun in die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges zeitlich-chronologisch zu gehen und Harichs erste überlieferte Äußerungen zum ema Nietzsche zusammenzutragen. Es sind, daran sei erinnert, Überlegungen eines jungen Mannes, um die 20 Jahre alt, suchend nach seinem Platz in der Welt. Aus den Jahren 1941 und 1942 sind mehrere Briefe überliefert, die er an die Schriftstellerin Ina Seidel geschrieben hatte. Ihr Abdruck erö net diese Edition (in Band 1.1). Am 19. August 1942 teilte er ihr mit, dass er nunmehr seinen Einberufungsbescheid bekommen habe.12 »Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Nachricht so gefasst aufnehmen würde. Ich fürchte, dass ich, bei Versäumnis des zwar unangenehmen Militärerlebnisses, um mit Hegel sprechen, ›eine Fülle von Realität außer mir gelassen‹ hätte. Und das soll man doch nicht. Außerdem: Ich bin nicht kriegsfähig, sondern wegen meiner Epheben gur und meiner Gallenblase, meiner Augen und meines einen Zentners mit (Knochen) nur garnisonsverwendungsfähig Heimat, Ersatzreserve II B. Wenn man bedenkt, wie Autostraßen, die auf Landkarten als Klasse II B gekennzeichnet sind, aussehen, dann ist das ein ziemlich minderwertiger Tauglichkeitsgrad. Ich komme, soviel ich weiß und soviel mein Einberufungsschein kundtat, zu den Sanitätern. Ich glaube, dass man da eine Menge helfen kann, wenn man sich etwas Mühe gibt. Nietzsche war 70/71 übrigens auch Sanitäter. (Womit ich nicht etwa eine Vergleich anschneiden möchte. Erstens bin ich zu bescheiden dazu, 11 Aus der Diskussion, in: »Ins Nichts mit ihm!« Ins Nichts mit ihm? Zur Rezeption Friedrich Nietzsches in der DDR, Berlin, 2016, S. 51. 12 Vor dem Wehrdienst hatte ihn bis zu diesem Zeitpunkt seine Tätigkeit an der japanischen Botschaft geschützt. Siehe die weiteren Ausführungen in den verschiedenen autobiographischen Schilderungen Harichs in: Band 1.1, S. 71–148. 2 3W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 und zweitens betrachte ich Nietzsche doch als meinen persönlichen Feind!) Vielleicht wird es mir auch sehr gut gefallen beim Kommiss. Dann ist es gut. Und wenn es mir nicht gefällt, dann wird später einmal meine Weltanschauung, mit den gehörigen Ressentiments durchtränkt, fürs ganze Leben unumstößlich sein. Und das ist auch etwas wert!«13 Nietzsche – der »persönliche Feind«. Es ist dies keine Einschmeichelei bei Ina Seidel, sondern o ensichtlich Harichs eigene Positionierung. Formiert und entstanden durch die Ein üsse des Elternhauses (eben die Neuruppiner Jugend) und ebenso durch erste eigene Denkleistungen an der Berliner Universität sowie die dortigen Lehrer Eduard Spranger und Nicolai Hartmann, wobei der Ein uss des zuerst Genannten in diesem Fall wahrscheinlich höher einzuschätzen ist als derjenige Hartmanns. Eine Vermutung, die trotz der lebenslangen Auseinandersetzung Harichs mit Hartmanns Philosophie14 Geltung beanspruchen kann. In der Schrift Zur Lebensgeschichte Nicolai Hartmanns schrieb Harich, die beiden Philosophen und ihr Handeln in der Nachkriegszeit charakterisierend, Anfang der achtziger Jahre: »So war Eduard Spranger: In seiner Scha enskraft durch die erlittene Gestapohaft wie gelähmt, nervlich zermürbt auch von den sich häufenden Bombenangri en auf Berlin, harrte er in Dahlem seit Dezember 1944 der Befreiung. Die Maitage 1945 erst rüttelten ihn auf. Er zeigte sich rührig als Aktivist der ersten Stunde. Mit Johannes R. Becher, Paul Wegener und Otto Winzer rief er auf zur Gründung des Kulturbundes, nahm teil an dessen Gründungsversammlung in der ehemaligen Villa Strauß, Cecilienallee.15 Es erfolg- 13 Band. 1.1, S. 93. 14 Alle Wortmeldungen Harichs zu Hartmann präsentiert der 10. Band. Siehe außerdem den 2. Band, dort weitere Texte und Dokumente. 15 Siehe zum Folgenden die verschiedenen autobiographischen Schilderungen Harichs, auf die bereits verwiesen wurde (Band 1.1). In dem autobiographischen Fragment Widerstand und Neubeginn im zerstörten Berlin erinnerte sich Harich: »Im Mai/Juni 1945 erreichte ich es dann, dass Spranger sich dafür gewinnen ließ, bei der Gründung des Kulturbundes mitzuwirken. Ich vereinbarte eine in seiner Wohnung statt ndende Begegnung zwischen ihm und Becher, Erpenbeck und Willmann, der ich auch selbst beiwohnen durfte. Becher setzte Spranger in allen Details auseinander, worin er die Aufgaben und den Sinn des Kulturbundes sehe. Spranger sagte: ›Wenn Sie Kommunist sind, so muss ich Ihnen gleich sagen, dass ich mich zum dialektischen Materialismus schwerlich werde bekehren lassen. Aber das Programm des Kulturbundes, wie Sie es mir dargelegt haben, ndet meine volle Zustimmung.‹ Das Gespräch kam dann auf die Gründung einer Zeitschrift des Kulturbundes. Spranger machte dazu eine Reihe interessanter Vorschläge, die später auch verwirklicht worden sind, und Becher unterbreitete, soweit ich weiß, zum ersten Mal den Vorschlag, dass diese Zeitschrift Aufbau heißen solle. Die Einberufung des Gründungs- 2 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er te bald seine Ernennung zum Rektor. Geschäftig eilte er von einer Besprechung zu anderen. Als er, liberal-konservativ bis in die Knochen, das Fürchten bekam, die geliebte Alma mater könne, wie er es nannte, zur ›kommunistischen Klippschule herabgewirtschaftet‹ werden, sprach er bei den Amerikanern vor, gewillt, mit ihnen gegen den ihm gar nicht geheuren Paul Wandel, den Präsidenten der Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Mitglied des Zentralkomitees der KPD, zu intrigieren. 1946, zwei Jahre zu früh, schlug Spranger die Neugründung der Universität, als garantiert bürgerliche Bildungsstätte, in Dahlem vor. US-O ziere, wohl noch aus der Roosevelt-Ära, mochten derlei Machenschaften nicht. Sie zeigten dem eigenmächtigen Politikus die kalte Schulter, veranlassten die ›rein zufällige‹ Beschlagnahmung seiner Villa, wo man ihn zum Wohnen in den Keller verwies. Aus dieser Klemme erlöste ihn der rechte SPD-Führer Carlo Schmid, indem er ihm eine Berufung nach Tübingen, in die französische Zone, verscha te. Und so war Nicolai Hartmann: So lange die S-Bahn verkehrte, kam er in der Universitäts- und der Dorotheenstraße seinen Lehrverp ichtungen nach. Philosophie der Geschichte bildete im Winter 1944/1945 den Gegenstand seiner Vorlesung, bis zum Februar. Da zerstörte ein Bombenangri das Gebäude mit seinem und Sprangers Hörsaal. Unverdrossen suchte Hartmann einen anderen Raum. Es half nichts mehr. Auch die S-Bahn versagte nun ihren Dienst. So blieb ihm nur übrig, den weiteren Gang der Dinge in Babelsberg abzuwarten. Er setzte sich an den Schreibtisch und nahm die lange ersehnte Gelegenheit war, seine Ästhetik zu Papier zu bringen. Sie subsumiert das Erhabene dem Schönen. Sie analysiert die Wechselbeziehung von Lebenswahrheit und Schönheit. Sie fragt, worin in den darstellenden Künsten Wahrheit bestehen mag – und ob auch in der Musik, falls die Programmmusik ausgeklammert werde. Sie stellt die subtilsten Betrachtungen an über die Rolle der Grazie in der sinnlichen Phantasie, über das Sanfte und ausschusses des Kulturbundes ist wenige Tage später gemeinsam von Johannes R. Becher, Eduard Spranger, Paul Wegener und Otto Winzer unterzeichnet worden. (Winzer war damals Leiter des Dezernats für Volksbildung beim Magistrat von Großberlin, jetzt ist er Erster Stellvertreter des Ministers und Staatssekretär im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.) Becher forderte mich dazu auf, an der Arbeit des Gründungsausschusses teilzunehmen und auf der ersten Kundgebung, mit der der Kulturbund vor die Ö entlichkeit treten sollte, als Sprecher der jungen antifaschistischen Intelligenz eine kurze Rede zu halten. (Der Text kommt in Band 1.3 zum Abdruck, AH.) Der Gründungsausschuss konstituierte sich in der Villa Strauß in Berlin-Dahlem, Cecilien-, jetzt Pacelli-Allee, und neben Becher, Spranger und Paul Wegener traten bei der Gründungssitzung Dr. Ferdinand Friedensburg von der CDU und Pfarrer Dilschneider besonders aktiv hervor. Auf der Gründungsversammlung im Großen Sendesaal des Funkhauses Masurenallee ergri en u. a. Bernhard Kellermann, Paul Wegener, Johannes R. Becher und Pfarrer Dilschneider das Wort. Die Rede des gerade erkrankten Professor Spranger wurde von einem anderen Professor der Berliner Universität verlesen.« (Abgedr. in: Band 1.1, S. 139.) 2 5W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 Süße, das Bezaubernde und den Liebreiz. Dem Komischen widmet sie an die fünfzig Seiten, davon drei der Di erenzierung zwischen ›herzloser und herzhafter Lustigkeit‹ und so fort. Frida Hartmann erinnert sich: ›Er begann die Niederschrift am 9. März und schloss sie am 11. September ab. Es war die Zeit der Zerstörung Potsdams, der Einkreisung und Eroberung von Berlin, einer allgemeinen Hungersnot und Verwirrung. Die völlige Abschnürung begünstigte andererseits die konzentrierte Arbeit. Inmitten dieses Zusammenbruchs schrieb er Tag für Tag seine Seiten.‹ Tag für Tag, d. h., weil unbehelligt vom Lehrbetrieb und wohl auch wegen momentaner Stromsperren, nicht mehr ausschließlich in den Nächten. Kein Aktivist der ersten Stunde also. Und vom Geist der ersten Stunde ist allenfalls dort etwas zu verspüren, wo die Ästhetik eben noch verbotene Dichtung, so die omas Manns, aus der zeitgenössischen Literatur als Beispiel heranzieht (ohne den faschistisch kompromittierten Hamsun deswegen nun auszugrenzen). Im Ganzen stellt das Werk die Ausführung eines weit zurückreichenden, längst bis ins einzelne durchdachten Vorhabens dar. Die ästhetischen Re exionen in den früheren Arbeiten, vom Seminarreferat des Marburger Studenten bis hin zur Philosophie der Natur, in der etwa der Realraum unter anderem auch vom Phantasieraum der Malerei und Bühnenkunst abgehoben wird, belegen es. In der Metaphysik der Erkenntnis und, deutlicher noch, in der Ethik begegnet uns bereits die eorie der ästhetischen Werte. Ausschließlich ihr war der Vortrag an der Harvard-Universität gewidmet. Das im Problem des geistigen Seins über die Künste, über ihre ›heraufreißende Kraft‹ Gesagte setzt sie voraus.«16 Zurück zu Harichs Brief an Ina Seidel, in dem es weiter heißt: »Wenigstens bin ich zufrieden damit, dass ich die letzten Jahre in Berlin so gut genutzt habe. Ich habe mich in die Universität eingeschlichen und mich dort für die ersten Schritte meiner Lebenslaufbahn vorbereitet, ich habe eine Menge mir lieber Menschen kennengelernt, ich habe unendlich viel gelesen und noch viel mehr erlebt und meine diplomatischen Beziehungen bis nach Tschunking-China, Mandschukuo und Japan aufgenommen. Vor allen Dingen aber ist mir ein Geschenk, eine Freundschaft geworden, die ich mein ganzes Leben lang halten werde: Der Philosoph Hegel. Gerade im letzten halben Jahre habe ich mich tiefer und tiefer in die unerschöp ichen Goldadern seiner Philosophie hineingebohrt.«17 16 Band 10, S. 805–808. 17 Band. 1.1, S. 93 f. Weiter heißt es dort: »Wer Hegel kennt, kann nie im Leben ganz unglücklich sein. Er ist spröde und wenig zugänglich. Aber wenn man einen winzigen Zugang zu ihm gefunden hat, dann strömt es auf einen ein. Seine ganze Philosophie ist ein gewaltiger Mythos: Die Geschichte des göttlichen Weltgeistes, der sich durch die Welt 2 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Aus Harich kurzen Studientagen an der Berliner Universität sind zwei Manuskripte (samt inhaltlich abweichender Varianten) von ihm erhalten geblieben, die im 2. Band abgedruckt sind. Zum einen der in verschiedenen Versionen überlieferte Text Einführung in die Erkenntnistheorie, zum zweiten die in sich abgeschlossene Studie Erlebnis und Bildung. Prinzipielle Diskussion einer brennenden pädagogischen Gegenwartsfrage.18 Verschiedene der späteren Kritikmuster Harichs klingen in beiden Arbeiten bereits an. So ndet sich eine, noch aus kulturell-wissenschaftlichen Motiven gespeiste Kritik an Nietzsche, Schopenhauer, Leibniz und an verschiedenen mittelalterlichen sowie frühneuzeitlichen Denkern. (Hierzu gleich ausführlicher.) Gleichzeitig sind aber die Erbteile der bürgerlichen Kulturau assung Harichs in grundlegender Funktion Bestandteil der Studien. Die »klassischen« Werke bürgerlichen Denkens, gerade diejenigen, die die Weimarer Zeit prägten, sind in positiven Konnotationen präsent – von Weininger bis Spengler, von Heidegger (»mit seinem genialen Buch Sein und Zeit«, wie es heißt)19 bis Jaspers. Man merkt den entsprechenden Passagen Harichs aber auch an, dass das verteilte Lob sich aus jenen Motiven speiste, die später seine Kritik eben dieser Werke stimulierten. Harich konnte, um es einfach zu formulieren, ohne radikale Brüche oder Kehrtwendungen von A nach B kommen – im Rahmen einer intellektuellen Entwicklung, die nicht sprunghaft, sondern kontinuierlich war. Unbedingt hervorzuheben ist außerdem ein weiterer Punkt. Gerade Erlebnis und Bildung transportiert in aller Deutlichkeit Harichs frühe Kritik am Nationalsozialismus. Selbst wenn es eine partielle Übernahme beispielsweise Heideggerscher Gedanken gab, so war hindurch in einem tragischen Prozess entwickelt. Die Darstellung dieses tragischen Prozesses in allen einzelnen Stadien ist die Philosophie Hegels. Und wer gefangen ist in dem gewaltigen Netz des Hegelschen Systems, der ist sicher in einer uneinnehmbaren Festung, aber nicht etwa abgeschnitten von der bunten Fülle der Welt, sondern lauscht beseeligt und verständnisvoll dem Herzschlag des Kosmos. Gestern kaufte ich mir gerade als Ergänzung zu meiner schon recht stattlichen Hegel-Bibliothek die Dokumente zu Hegels Entwicklung, ein Buch, das ich schon einmal vor etwa einem Monat in der Bibliothek des Seminars verschlang, ein Werk der speziellen Hegelforschung, und las wieder Hegels Lyrik. Es war eine schöne und beseeligende Stunde. Als Spranger Ende Juli seine Hegelvorlesung schloss, sagte er: ›Ich weiß, dass es einige unter ihnen geben wird, die Hegel mit Begeisterung aufgenommen haben. Hüten Sie sich, Hegel zu verfallen. Wer ihm verfällt, ist unrettbar verloren, und wird ihn, sollte er sich jemals wieder von ihm lösen, dann unbeschreiblich hassen und verächtlich machen. Aber eines muss ich zugeben: Eine Hegel-Periode – die nie weniger als zehn Lebensjahre anhält – ist für jeden einzelnen zumindest leben- und geistfördernd!‹ Ich bin neugierig, ob das auf mich zutre en wird.« 18 In: Band 2, S. 405–540 und 541–651. 19 Band 2, S. 446. 2 7W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 doch für Harich die entscheidende Trennlinie zu den Tendenzen und den realen Entwicklungen der Kriegsjahre klar. Dem »Ja« zu Humanismus und Bildung korrespondierte das deutliche »Nein« zu Nationalsozialismus und Krieg. Dabei sah Harich zudem die tiefe Verwurzelung charakteristischer Merkmale der nationalsozialistischen Ideologie und Diktatur in der Gesellschaft. In einer Fußnote von Erlebnis und Bildung schrieb er: »Es hat mich zutiefst erschreckt, als ich bemerken musste, dass die notwendigen soldatischen Verhaltensweisen im Felde einem bereits als Kind, verborgen im selbstgenügsamen Sport und in den dazugehörigen Spielen, beigebracht wurden, wie man auf den Krieg gedrillt wurde, ohne es zu ahnen. Das eben ist die tiefe Schuld unserer Erziehung, dass sie uns Kindern vormachte, wir würden für das Leben geschult, während sie uns systematisch zum Krieg und mithin zur Vernichtung des Lebens erzog! Das ist wohl vor dem Zweiten Weltkrieg in allen Ländern der Fall gewesen. Gerade die Erzieher, sowohl die ›alten Knochen‹, als auch die jungen ›Himmelsstürmer‹ hatten vom Ersten Weltkrieg noch nicht genug und eberten auf den zweiten. Hinter ihrem Scheinpatriotismus verbarg sich die Wut über das Aufblühen einer neuen Jugend, ein Aufblühen, das ihnen selbst versagt geblieben war!«20 Und an anderer Stelle heißt es: »Vor allem p egt der kollektiv gezüchtete politische Hass zu versiegen, wenn man sich re ektiv mit seinen Ursachen und seiner Berechtigung beschäftigt. Deshalb sind Nachdenken und Objektivität auch jenen politischen Führern so tief verdächtig, die den kollektiven Hass in den Gemütern ihre Gefolgsleute als politische Wa e und als seelischen Kraftquell militärischer Anstrengungen benötigen. Vor allem p egt die heutige Führung in Deutschland dem deutschen Volk vorzuwerfen, es sei viel zu human, viel zu objektiv und denke viel zu viel nach. Das sei gewissermaßen eine deutsche Nationalschwäche. Ich kann das nun eigentlich nicht nden, besonders wenn ich an den deutschen Antisemitismus denke! Jedoch hat die heutige deutsche Führung in dieser ihrer Au assung einen klassischen Fürsprecher – in Heinrich von Kleist. Bekanntlich lässt Kleist Hermann in der Hermannsschlacht selbst die germanischen Dörfer niederbrennen, um dann die Nachricht verbreiten zu können, das seien die Römer gewesen. Hermann will durch dieses und durch viele andere Mittel seinen Germanen ihre humane Objektivität gewaltsam austreiben, und zwar in der Au assung, dass diese die Kampfmoral schwäche. Wahrhaft gekämpft 20 Band 2, S. 600. 2 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er wird nur dann, wenn nicht nachgedacht wird. Die Ungebrochenheit des kämpferischen Mutes ist nur möglich auf dem Grund eines re ektionslos ausschließlichen Hasses.«21 Um Harichs damalige Einstellung zu Nietzsche hier darzustellen und damit einen Überblick über sein Nietzsche-Bild der vierziger und fünfziger Jahre zu gewinnen, bietet es sich an, seine diesbezüglichen Äußerungen aus den frühen Manuskripten der Studienzeit wiederzugeben. »Um die Jahrhundertwende war die Philosophie eine Wissenschaft unter anderen. Die Jugend beschäftigte sich mit ihr als mit einer Bildungsmöglichkeit, erarbeitete sie sich, um von ihr zu wissen. Die Grundtendenz dieser Beschäftigung lief daraus hinaus, nicht einer Wissenschaft gegenüber ein Ignorant zu bleiben, die beanspruchte, die Königin der Wissenschaften zu sein. Man wollte sie, wenn man gesinnt war, als ernsthafter Mensch der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, nur kennenlernen, um sie ablehnen zu können und die wirkliche Erfüllung des Wissensdranges in einer Naturwissenschaft nden oder in dem Aufgehen in einem bürgerlichen oder auch künstlerischen Beruf. Die Philosophie selbst mochte dann der Tummelplatz weniger bleiben, die im verstiegenen Systembau ihr Heil suchten, die man als leichten Ballast noch so mit durch das Leben der Gemeinschaft schleppen würde. Mit um so größerem Eifer gab man sich der Wirklichkeit hin. Man kritisierte in dem unstillbaren Drang, ›erleben‹ zu wollen. Andererseits erwachte man auch im Lager der Philosophie aus dem Traum eines Jahrhunderte währenden Systeme Bauens und erhob die Forderung, ›mit dem Hammer zu philosophieren‹, die Wirklichkeit in den Vordergrund der Betrachtung zu ziehen. Diese Tendenz gri auf alle anderen Gebiete des Lebens über. Aus ihr resultierte der ›Naturalismus‹ in der Kunst und eine fast epikureische Einstellung zur Ethik, die sich als willkürliche Umwandlung des Guten in Nützliches charakterisieren lässt, ja, man ging weiter und identi zierte das Gute mit dem Angenehmen. Schopenhauer hatte den Willen als erstes Daseinsprinzip erkannt, den Willen, der bei ihm allerdings als zu verneinender vom pessimistischen Standpunkt aus betrachtet wird. Darwin sah im Kampf um die Erhaltung der Existenz das Urprinzip alles Lebendigen. Nietzsche verlieh diesem Kampf einen herrisch-übermenschlichen Zug.«22 »Man konnte sehr wohl mit den exoterischen Aphorismen Nietzsches beginnen und, nach einiger Zeit, bei den streng esoterischen Paragraphen Husserls aufhören. Wenn die Philosophie in der Gegenwart, aus sich heraus, aus dem Erkenntnisproblem heraus den Weg 21 Band 2, S. 579. 22 Band 2, S. 406. 2 9W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 zum Sein gefunden hat – diese Entwicklung vollzieht sich in der Existenzphilosophie Karl Jaspers’ wie in der Ontologie Nicolai Hartmanns –, dann ist sie, die strenge, die ›reine‹ Philosophie deshalb nicht in ziert von den lebensphilosophischen Tendenzen des ach so verachteten, weil so populären und ›primitiven‹ Lagers des Feindes, sondern dann liegt der Keim zu dieser Entwicklung in der strengen Philosophie selbst. Aus dem erkenntnistheoretischen Problem erwächst letzten Endes die Frage nach dem Sein, das man als Sein an den irrationalen Restbeständen im Erkannten beweisen kann wie Nicolai Hartmann oder sich ›schenken‹ wie Karl Jaspers. In der Rechtfertigung des Seins, der Existenz rechtfertigt sich auch die Philosophie des Lebens.« »Die Systeme der Philosophen selbst – Platons reizvolle Dialoge, Kants ›packpapierne‹ Kritiken, Nietzsches gewaltige Aphorismen und Hartmanns vorsichtige Formulierungen – sind der Urquell, aus dem man einzig und allein Anregungen schöpfen kann. Und das Beruhigende ist: Dieser Urquell versiegt nie. Man kann niemals auslernen. Es gibt so viel, was man immer noch lesen muss.«23 »Der Mensch hat sich keine der Fähigkeiten seines Geistes genommen. Sein Geist ist ihm mit allen seinen Fähigkeiten gegeben worden. Nur die Begrenzung des Geistes und seiner Fähigkeiten hat er selbst verschuldet! So richtig also auch Hartmanns phänomenologische Herauskristallisierung der Grundfähigkeiten des Geistes ist (obwohl er die Wurzel, das Distanzscha en, übersieht!), so falsch ist wiederum seine theologisch-theoretische Auswertung des Gewonnenen! Meines Erachtens ist der Geist nicht etwas Wertwidriges (wie bei Klages), sondern das höchste Besitztum des Menschen. Das ist er nun bei Hartmann auch. Aber bei Hartmann wird dieses höchste Besitztum nicht als das eingeschätzt, was es ist: als Geschenk! (Wozu ich noch sagen möchte, dass ich es in diesem Zusammenhang nicht für erforderlich halte, kritisch auf die bei Nietzsche auftretende, theoretisch weniger begründete Modi kation des theologischen Relativismus einzugehen! Der Relativismus ist und bleibt der Größenwahn des abendländischen Geistes, auch dort, wo er von einer an sich unbestreitbaren phänomenologischen Wesensdeskription des geistigen Seins ausgeht!)«24 Die soeben wiedergegebenen Wortmeldungen sind suchend, tastend, gehen in verschiedene Richtungen und sind natürlich von der späteren expliziten Nietzsche-Kritik Harichs weit entfernt. Aber zusammen mit der brie ich-persönlichen Aussage gegenüber 23 Band 2, S. 502. 24 Band 2, S. 586. 3 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Ina Seidel gewinnen sie in dem Moment dann doch ein gewisses Pro l, wo bedacht wird, dass sie als »o zielle« (also edierbare, bei der Universität einreichbare) Schriftstücke mitten in der Nazidiktatur entstanden. Von daher können sie als das gelesen werden, was sie waren: Kleine, aber dennoch wichtige Schritte der Positionierung Harichs gegen den Nationalsozialismus und die diesen tragenden philosophischen und belletristischen Systeme, Bücher usw. * * * * * Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Wolfgang Harich in Berlin – als Mitglied des antifaschistischen Widerstands. Er hatte sich nach seiner Desertierung aus der Wehrmacht der Untergrundorganisation »Onkel Emil« (später Gruppe »Ernst«) angeschlossen.25 Da Harichs Biographie jener Jahre im 1. Band dieser Edition ausführlich dargestellt wurde, kann hier der Hinweis genügen, dass er nach dem Einmarsch der Roten Armee schnell Kontakt zur russischen Militärverwaltung sowie zu den mit dem Neuaufbau der DDR betrauten Kommunisten fand. In einem Fragment gebliebenen autobiographischen Text schrieb Harich: »Am 2. Mai 1945 traf Walter Ulbricht mit der Gruppe seiner Begleiter in Berlin ein und suchte hier Antifaschisten, die bereit wären, beim Wiederaufbau zuzupacken. Ich weiß nicht, ob er in den darau olgenden Wochen durch irgendwelche anderen Mitglieder der Gruppe Vogel/Schmidt oder durch den sowjetischen Stab in der Sundgauerstraße auf mich aufmerksam gemacht worden ist. Jedenfalls schickte er seinen damaligen Mitarbeiter Wolfgang Leonhard zu mir, der mich in der Wohnung meiner Freundin Nong Yau in der Miquelstraße in Dahlem aufsuchte. Leonhard erläuterte mir die politische Linie und das Wiederaufbauprogramm der aus Moskau heimgekehrten deutschen Antifaschisten und überzeugte mich davon, dass es das Beste wäre, mich der Aufbau-Arbeit zunächst bei einem Stadtbezirksbürgermeister zur Verfügung zu stellen. Alles, was er sagte, schien mir sehr vernünftig und konstruktiv zu sein, so dass ich mit Freuden auf seine Vorschläge einging.«26 Der gerade angesprochene Wolfgang Leonhard hat der Erzählung seines Gesprächs mit Harich in seinem bekannten Werk Die Revolution entlässt ihre Kinder einige Seiten 25 Siehe hierzu die Darstellung (mit Interviews) bei Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 15  . Siehe außerdem die ausführlichen Schilderungen in Harich: Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, hrsg. von . Grimm, Berlin, 1999. 26 Harich: Ein autobiographisches Fragment. Zum Gedenken an den Todestag, in: Utopie kreativ, 1996, Heft 65, S. 75. 3 1W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 gewidmet.27 Harich selbst stand einer administrativen Laufbahn eher skeptisch gegen- über: »Magistratsbeamter zu werden habe ich nun allerdings keine große Lust. Mein Plan ist, Philosophie zu studieren.«28 Diese grundlegende Einstellung teilte er auch Leonhard mit, der über den Ausgang seiner ersten Begegnung mit Harich notierte: »Wir verabschiedeten uns und am gleichen Abend befand sich auf unseren Listen der Hinweis: ›Wolfgang Harich, antifaschistischer Student, gebildet, interessiert an Mitarbeit bei Kulturorganisationen, Presse oder Studentenbewegung.‹ Sein Wunsch ging übrigens genau in Erfüllung: Auf der Gründungsversammlung des Kulturbundes, Anfang Juli 1945, sprach Harich als Vertreter der studentischen Jugend.29 Er kam später in die Kulturredaktion der Täglichen Rundschau, besuchte 1948 den ersten Dozentenlehrgang der Parteihochschule und war bis zu seiner Inhaftierung (November 1956) Dozent an der Ostberliner Humboldt-Universität.«30 Bezeichnenderweise erfolgte der Zugang Harichs zum Marxismus vor allem über das Gebiet der Kultur. Er schrieb im Ahnenpass: »Ich bin stark davon beeindruckt, dass die meisten bedeutenden Vertreter der deutschen antinazistischen Exilliteratur nach 1945 entweder in die Ostzone übersiedeln (Becher, Arnold Zweig, Brecht, Anna Seghers, Ludwig Renn, Ernst Bloch, dem Wunsch nach 1949/1950 sogar Heinrich Mann) oder sich aufs Deutlichste zu ihr bekennen (Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank) oder zumindest für sie in vorbehaltvoll sympathisierender Weise aufgeschlossen sind und mit ihr Freundschaft zu p egen wünschen ( omas Mann, Erich Kästner). Genau die aber sind die Schriftsteller, deren Bücher mich in meiner Jungvolkzeit davor bewahrt haben, Nazi zu werden.«31 27 Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entlässt ihre Kinder, Jubiläumsausgabe, Köln, 2005, S. 434–437. 28 Harich: Ahnenpass, S. 143. 29 Neben weiteren Wortmeldungen aus der SBZ kommt der Text unter dem Titel Die Forderungen der deutschen Jugend an den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Band 1.3 zum Abdr., S. 1445–1452. 30 Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder, S. 437. 31 Harich: Ahnenpass, S. 170 f. Daneben benannte Harich zahlreiche weitere Punkte, die 1946 seinen Eintritt in die KPD und, damit verbunden, seine intellektuelle Entwicklung zum Marxismus forciert hätten, vor allem S. 168–176. Siehe hierzu: Heyer: Wolfgang Harichs Staatsbegri und seine Demokratiekonzeption, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 7–32. Immer noch grundlegend die entsprechenden Passagen in: Schivelbusch: Vor dem Vorhang. Zahlreiche wichtige Hinweise und Erklärungen, Dokumente etc. nden sich in den Erinnerungen von: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. 3 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Die bisher angegebenen Daten sind freilich durch eine Zwischenstation zu ergänzen, die ihrerseits bereits angesprochen wurde. Bevor Harich bei der Täglichen Rundschau als Journalist begann und damit ein deutliches Bekenntnis zur Sowjetunion und zum Marxismus ablegte, arbeitete er vom November 1945 bis zum Juni 1946 für den französischen lizenzierten Kurier. Diese kurze Phase kann durchaus als Intermezzo seiner politischen Entwicklung bezeichnet werden. Denn sie zeigt einerseits noch einmal den jungen tastenden Mann, dessen Intellekt sich zu betätigen begann und immer stärker gleichzeitig nach Orientierungspunkten suchte. Sie ist geprägt von Ein üssen, aus denen sich genetisch spätere Ansichten ableiten lassen, aber andererseits vertrat Harich in diesen Monaten Positionen und esen, mit denen er im Laufe seines Lebens brach. Wobei diese Brüche kein radikales Abtrennen meinen, sondern eher eine Art neuer Interpretation der Faktenbasis. Nicht zuletzt ist ja darauf zu verweisen, dass Harich selbst in den wenigen Monaten beim Kurier eine derartige Entwicklung vollzog, dass er am Ende für die Redaktion der Zeitschrift nicht mehr tragbar war. Bereits am 21. Dezember 1945 sah sich die Redaktion genötigt, dem Artikel Die Flucht nach innen32 die Vorbemerkung vorauszuschicken: »Wir geben gern dem temperamentvollen Vorstoß unseres Mitarbeiters Raum, auch wenn wir uns nicht in allen Punkten mit ihm in Übereinstimmung be nden.«33 Der erste Artikel, den Harich am 24. November 1945 für den Kurier schrieb, war unter der Überschrift Trauer um einen Lebenden Knut Hamsun gewidmet. Darin ging Harich der Frage nach, wie Hamsun dem Nationalsozialismus verfallen konnte. Es heißt: »Hamsuns dichterisches Scha en hat drei Voraussetzungen: Die dem nordischen Geist eigene herbe Ironie der Menschendarstellung, uns vertraut aus den Narrengestalten und Bösewichtern alt-isländischer Sagas, dann die psychologische Beschwörung und Durchleuchtung dumpfer Instinkte, die Hamsun von Dostojewski übernimmt und zu höchster Vollkommenheit steigert, und schließlich Nietzsches geniale Entdeckung der zum Neid erniedrigten Begierde, des Ressentiments als Triebfeder menschlichen Handelns. Mit dieser Synthese Nietzsche-Dostojewski revolutioniert Hamsun die nordische Dichtung. Den Kon ikt als Motor der Handlung entreißt er der Ebene Ibsenscher ›Probleme‹ und transportiert ihn in die Unterwelt der Leidenschaften und Triebe. Aber diese Synthese Nietzsche-Dostojewski ist für Hamsun wie für jeden, der sie nicht mit der Besonnenheit des Philosophen, sondern mit der selbstvergessenen Hingabe des Künstlers vollzieht, eine Gefahr: Der bloßgelegte Instinkt strahlt eine 32 Band 1.3, S. 1336–1338. 33 Band 1.3, S. 1336. 3 3W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 Faszination aus, die den Psychologen verwirrt und sein moralisches Wertungsvermögen lähmt.«34 Hamsun sei einer der großen Psychologen der menschlichen Seele, er gestalte in seinen Werken die Abgründe und Wirrungen des Seins. »Aber seine Psychologie ist maßlos, eigensinnig und gefährlich, nicht durch Humanität und Geistigkeit gebändigt wie bei omas Mann, nicht durch Wissenschaft neutralisiert wie bei Sigmund Freud. Wie Nietzsche dem selbst gebildeten Ideal des Übermenschen Wert und Sittlichkeit opfert, lässt Hamsun sich imponieren vom Reklamerummel und vom Kraftprotzentum des Nationalsozialismus. Weil er Künstler ist und nicht Philosoph, Erlebender und nicht Erkennender, blickt er nicht auf zum Ideal, sondern greift nach der bunten und lauten Wirklichkeit. Hier liegt die so schwer begrei iche gemeinsame Wurzel dieses gewaltigen Künstlertums und dieses furchtbaren politischen und moralischen Irrens.«35 Die Schlüsse, die Harich aus seinen Überlegungen ableitete, deuten ebenfalls bereits in Richtung seiner späteren Stellungnahmen. Es ist durchaus möglich, zuvorderst die Momente der Kontinuität zu betonen. »Doch größer als unser Abscheu ist unser Schmerz um Knut Hamsun. Wir trauern um einen Lebendigen. Eine Scheidung aber zu vollziehen, die nach Kompromiss schmeckt, hier der Dichter, den wir verehren, dort der politische Mensch, den wir verabscheuen, das wäre billig und trivial. Die politische Haltung lässt sich heute nicht mehr vom Menschen ablösen, im Dichter aber ist immer der ganze Mensch enthalten. Wir müssen uns davor hüten, Mensch, Haltung und Werk zu trennen. Wir müssen uns auch davor hüten, aus Sehnsucht nach Rehabilitation päpstlicher zu sein als der Papst. Wir müssen Hamsun als das nehmen, was er ist. Es würde nichts helfen, wenn wir ihn auf einen Index setzten. Er gehörte ja nicht zu denen, die ein chauvinistisches Aggressionsprogramm ideologisch fundierten und mit ›Kultur‹ verbrämten. Hamsuns Werk ist ewig, ewig aber ist auch die Gefahr, die es birgt, die Gefahr der Suggestion durch die Entfesselung des Instinkts, die Gefahr des gelähmten Gewissens, die Gefahr der Apokalypse der Triebe. Vor dieser Gefahr warnen heißt Hamsun ehren und zugleich über ihn richten im Namen der Humanität.«36 34 Band 1.3, S. 1331. 35 Band 1.3, S. 1331 f. 36 Band 1.3, S. 1332 f. 3 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Aufschlussreich ist sicherlich, dass der Artikel bereits Wertungen und Urteile mit ei nander kombiniert, die später für Harich als Konstellation grundlegend wurden: Nationalsozialismus – Barbarei – Nietzsche. Er hatte sich noch nicht zu der Position durchgerungen, Nietzsches Philosophie als zentrale Quelle des Faschismus zu interpretieren, aber die Grundlage für diese Sichtweise war gelegt. Nicht zuletzt auch dadurch, dass er die ästhetizistische Nietzsche-Adaption kritisierte. 1945 an Hamsun, in den achtziger Jahren an Stephan Hermlin und anderen. 1945 schrieb er über Hamsun (ein Urteil, das den späteren über Hermlin und auch über Heiner Müller durchaus gleicht): »Es lag bei ihm eine bewusste Hingabe an die Barbarei vor, ein sinnliches Behagen an ihrer Brutalität.«37 1996 konnten Manfred Riedel und Gunnar Decker mit einigem Goldgräberpathos verkünden, dass es einen von ihnen »gefundenen« Text Harichs gebe, der, im Februar 1946 publiziert, nicht dessen Nietzsche-Kritik, sondern ein überaus positives Nietzsche-Bild transportiere.38 Nun war a) dieser Fund beileibe keine Sensation und b) ist sicherlich jedem das Recht auf intellektuelle Entwicklung zuzusprechen, auch Wolfgang Harich. Für Riedel und Decker freilich stand außer Frage, dass von Entwicklung nur gesprochen werden könne, wenn diese bereits vorher festgelegte Ziele anvisiere. Anders formuliert: Aus Nietzsche-Kritik dürfe qua Einsicht Nietzsche-Lob werden – der umgekehrte Prozess sei immer falsch. Und so überrascht es nicht, dass Riedel und Decker jene geistigen Emanzipationskämpfe Harichs, die diesen zu einem der bedeutendsten Marxisten des 20. Jahrhunderts werden ließen,39 mit weinenden Augen betrachten: »Drama eines Konvertiten, Folge unglücklicher historischer Wendungen – oder Posse, Narrenstück eines ewig Leichtfertigen, der mit mörderischem Ernst spielte? Ganz 37 Band 1.3, S. 1332. An anderer Stelle: »Der Dichter der Kleinbürger und Fischer von Segelfoß, der Dichter der Gespräche zwischen dem ›Selbstmörder‹ und dem Syphilitiker im Letzten Kapitel, der Dichter des August Weltumsegler und des Nagel in Mysterien hätte den Nationalsozialismus als Entfesselung des Spießbürgertums durchschauen müssen. Stattdessen verlor er sich an die Faszination einer rohen Kraftorgie und vergaß sein Gewissen als Künstler und als Mensch.« (Ebd.) 38 Gemeint ist: Harich: Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts, in: Kurier, 9. Februar 1946, S. 3 f. Neuabdr. in: Neue deutsche Literatur. Zeitschrift für deutschsprachige Literatur und Kritik, Nr. 2, 1996, S. 123–125. 39 Hierzu: Heyer: Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, 1946–1956, in: Amberger, Alexander; Heyer, Andreas: Der konstruierte Dissident. Wolfgang Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, Berlin, 2011, S. 32–63. 3 5W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 unvermeidlich stellt sich Melancholie ein angesichts der ausgebliebenen Blüte eines in den Anfängen so reichlich gesäten Geistes.«40 Was hatte Harich geschrieben? Um die in diesem Band vorliegende Zusammenstellung zu ergänzen, sei sein Artikel hier wiedergegeben. »Das redliche Bemühen, die deutsche Geistesgeschichte einer Generalbereinigung zu unterziehen, entartet gegenwärtig zuweilen zu hochnotpeinlichen Gardinenpredigten, vor denen so leicht kein großer Deutscher sicher ist. Freilich ist die Fehde der Zeitalter wie auch die Zerstückelung der Tradition eine allgemeine europäische Erscheinung. ›Der Mensch muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können: Dies erreichte er dadurch, dass er sie vor Gericht zieht, peinlich inquiriert und endlich verurteilt.‹ Dieses Wort Friedrich Nietzsches ist heute gültiger denn je, und auch der, der es prägte, wird zu der Vergangenheit gezählt, die ›zu zerbrechen und aufzulösen‹ ist. Die Berufung auf Goethe gehört bei den Zeitenwenden zum guten Ton. Nietzsche war diese Unantastbarkeit der geistigen Geltung nicht beschieden. Den Fachleuten aller Richtungen und Generationen war er tief verdächtig, omas Mann schulte seine Psychologie der Schwachen und Abseitigen an Nietzsches Analyse der Décadence, den Nazis behagte die bedenkenlose ›Herrenmoral‹ seines Übermenschen, nicht aber ernannten ihn die Geisterneuerer jüngster Richtung zu ihrem Propheten. Der Mann, der von sich sagte, er trage ›die Fahne der Aufklärung‹ weiter, ›die Fahne mit den drei Namen Petrarca, Erasmus, Voltaire‹, wird heute nicht etwa als kühner Fortschrittler seiner Zeit gefeiert, sondern als nsterster Reaktionär abgelehnt. Aus Gründen der Gerechtigkeit wäre zunächst einmal festzustellen, dass Nietzsche weder je das sentimentale Fagott, noch die schmetternde Trompete des Patriotismus geblasen hat. Eine erquickliche Erscheinung für unsere Zeit, da sich sogar die Kommunisten des nationalen Pathos be eißigen. Wir würden uns nicht wundern, wenn in einigen Wochen Heinrich von Kleist anlässlich der Premiere seiner Familie Schro enstein im Deutschen eater allenthalben als Sozialist und Demokrat gefeiert und die Hermannsschlacht, dieser 40 Riedel, Manfred; Decker, Gunnar: Weltenwechsel, in: Neue deutsche Literatur. Zeitschrift für deutschsprachige Literatur und Kritik, Nr. 2, 1996, S. 132. Noch subjektiver äußerte sich Riedel dann in seiner überaus vorurteilsschwangeren Monographie Nietzsche in Weimar, Leipzig, 1997. 3 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Lobeshymnus auf einen Chauvinismus, dem alle Mittel recht sind, in dem Rausch des Entzückens über den frühen Forderer der Bodenreform vergeben und vergessen werden sollte. Es wurde in unserer Literatur zu allen Zeiten heftig einem Patriotismus von fast provinzieller Enge gefrönt. Goethe, Heine, Nietzsche sind Ausnahmeerscheinungen, die die freie Luft eines geistigen Kosmopolitismus atmeten. So hat Nietzsche Bitterböses über Deutschland und die Deutschen gesagt, wobei ihm die olympische Distanz Goethes freilich ebenso fremd war wie die verletzte Liebe Heines. Warum also glaubt man heute, ihn als Vorfaschisten abtun zu dürfen? Den Schwarz-Weiß-Malern, die nur die Begri e ›Fortschritt‹ und ›Reaktion‹ auf der historischen Palette haben, fällt es leicht, diese Frage zu beantworten. Für die Darstellung der bunt schillernden Persönlichkeit Nietzsches aber ist diese beschränkte Farbgebung nicht ausreichend. Es gibt keine einheitliche Lehre, kein ›System‹ und kein ›Dogma‹ Nietzsches, die zu akzeptieren oder abzulehnen wären. Seine Lehre zur Weisheit war nicht monogam, sondern von jeder neuen Erkenntnis neu erotisiert und in tausend Eroberungen treulos und abenteuerlich verzettelt. Die Schattenseite dieser lichten und heiteren Leidenschaften aber war ein Kreuzigungszug der Erkenntnis mit vielen Stationen: Von der Geburt der Tragödie bis zum Ecce homo hat Nietzsche sich durch seine Werke und seine geistigen Wandlungen blutig hindurch geschunden, gepeitscht von dem tyrannischen Dämon der Neugier, der ihn beherrschte. Zu Nietzsche Stellung zu nehmen, ihn zu widerlegen oder die Beweise, die er schuldig blieb, nachträglich zu erbringen, ist unmöglich. Man kann ihn als Ganzes bejahen oder verneinen, und wer ihn verneint, ist ein prüder Spießer. Das aber heißt nicht, dass man die Gefahr dieses hochexplosiven geistigen Sprengsto s unterschätzen soll! Nietzsche war nur möglich in einem Lande, dessen Menschen am Sinn der Geschichte verzweifelten und an den ›Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit‹ (Apel) nicht mehr zu glauben vermochten, in einem Lande, in das, wie erst kürzlich der britische Historiker Dennis W. Brogan schrieb, ›die Menschenrechte im Proviantwagen einer Invasionsarmee‹ eingeführt waren (womit das Jahr 1793 und nicht 1945 gemeint ist!). Der Pessimismus Schopenhauers, dem die Geschichte als Satanswerk galt, triumphierte. Zwischen Schopenhauer und Nietzsche steht Darwin mit seiner Entwicklungslehre der Arten, deren Übertragung auf geschichtliche Zusammenhänge der Philosophie Nietzsches ihr antirationales und rückschrittlich-naturalistisches Gepräge verleiht. Dies aber ist Nietzsches eigentliches Werk: Die dump gen Kellergewölbe des bürgerlichen Ressentiments erkennend durchmessen zu haben, über denen Schopenhauer sein System errichtet hatte, auferstanden zu 3 7W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 sein zur Taghelle einer emphatischen Daseins- und Willensbejahung, aufgestiegen zur einsamen Gipfelhöhe der Erkenntnis. Eine Serpentinenstraße führte hinauf, und von dieser Höhe her hat Nietzsche hineingeschaut in weite Zeiträume des Vergangenen und der Zukunft. Er hat die Fülle der geschichtlich wirksamen Werte erblickt und die historische Relativität menschlicher Wertung. Aber er hat sich in dieser Vielfalt verloren und die ideale Unabhängigkeit der Werte (des Mitleids wie der Tapferkeit, der Nächsten- wie der Fernstenliebe) vom wandelbaren Dafürhalten des Menschen verkannt. Dieser Relativismus ist sein Irrtum, der einzige, den ihm strenge Philosophie vorzuwerfen hat. Weit schwerer wiegt der Irrtum der anderen, der Nietzsche-Anhänger und -Gegner, die eine beliebige Phase aus dem Zickzack seines Serpentinenweges herausbrechen und sie als Nietzsches Lehre bejubeln oder verachten. Man schrieb mir neulich, es sei nicht Rilkes Schuld gewesen, dass sentimentale Back sche sich durch seine Gedichte in ihrer erkünstelten ›Innerlichkeit‹ bestätigt fühlen. Nun, es ist Nietzsches Gefahr, dass dumpf konservative Geister sich die revolutionäre Geste der ›Philosophie mit dem Hammer‹ zu eigen machen, um einen Kultus des naturhaft Vorbewussten zu treiben. Diese Gefahr wurde bedrohlich in Spenglers Anweisungen zur Raubtierpolitik. Aber Nietzsche ist unschuldig daran, dass feiste deutsche Spießer sich bei Judenpogromen als Herrenmenschen fühlten, das rückständige Atavismen sich revolutionär und jugendfrisch aufschminkten, dass ein abgestandener Mythos von Blut und Boden die Vernunft desavouierte und eine fanatisierte Jugend den stockreaktionären Ideen ihren biologischen Charme lieh, Kriegslieder auf den Lippen, den Arm zum Hitlergruß gereckt und mit ›Gelobt sei, was hart macht‹ als Motto der Pimpfen-Dienstvorschrift. Mit diesen Karikaturen des ›Willens zur Macht‹ hat keine Zeile Nietzsches etwas gemein.«41 Am 11. Februar 1946 druckte der Kurier folgende kurze Stellungnahme ab: »Wer ist Apel? Apel, Paul, ist der Verfasser der entzückenden phantastischen Komödie Hans Sonnenstössers Höllenfahrt, deren Held im Traum bei der Erlösung aus den lästigen Fesseln einer voreiligen Ehe einen merklichen ›Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit‹ emp ndet. Trotzdem, die soeben in Gänsefüßchen gesetzte Formulierung stammt nicht von Apel (wie in unserem Nietzsche-Aufsatz Nummer 19 dank einem Fehltritt des Setzers zu lesen war), sondern – aufmerksame Leser werden es gewiss schon stillschweigend korrigiert haben – von Hegel. Tragen wir außerdem noch nach, dass der Aufsatz Wolfgang Harich zum Verfasser hatte.«42 Der letzte Hinweis war notwendig, da der 41 Band 1.3, S. 1346–1349. 42 Kurier, 11. Februar 1946, S. 3. 3 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Nietzsche-Artikel nicht mit Harichs Autorennamen oder Autorenkürzel versehen gewesen war. * * * * * Wie bereits gesagt wurde, blieb diese Einschätzung Nietzsches im Denken Harichs eine Ausnahme. Über ihre Motivierung könnte nur psychologisch spekuliert werden, darauf sei aus wissenschaftlicher Redlichkeit verzichtet. In seiner Autobiographie Ahnenpass hat Harich auch über seine journalistischen Jahre berichtet.43 Über die Zeit beim Kurier schrieb er: »Trotzdem mache ich sehr bald die Erfahrung, dass man mir, ungeachtet meiner Star-Position als Feuilletonist und Kritiker, nur so lange Meinungsfreiheit gewährt, so lange ich rein kulturelle emen behandle, dass meinem publizistischen Wirken aber in politischer Hinsicht auch am Kurier enge Grenzen gesetzt sind.«44 Die Meinungsverschiedenheiten drehten sich um Ernst Jünger und Rudolf Pechel, um allgemeine politische Fragen sowie um die Beurteilung des Berliner Kulturlebens. Die »Streifzüge« durch Berlin brachten es mit sich, dass Harich, wie erwähnt, auch zu den Russen in Kontakt kam. Harich schrieb, dass er »von den sowjetischen Kulturo zieren hellauf begeistert (ist); später bedauere ich aufs tiefste, dass diese kultivierten, sensiblen, hochgebildeten Männer mit wachsender Souveränität der DDR von viel unsichereren, unbeholfeneren, weniger kenntnisreichen, stureren Kulturfunktionären aus dem Parteiapparat der SED abgelöst werden.«45 Dieses Urteil Harichs sollte übrigens, dies sei nur erwähnt, auch bei der Beurteilung der Täglichen Rundschau zumindest berücksichtigt werden.46 Der Wechsel Harichs vom Kurier zur Täglichen Rundschau war nicht nur ideologischer Natur, war nicht nur ein Mehr an Freiheit beim Schreiben, sondern hatte auch menschliche Aspekte. »Schon in den Wochen davor habe ich in der ›Möwe‹ meinen neuen russischen Bekannten gegenüber gelegentlich etwas von meinen Schwierigkeiten beim Kurier erwähnt und dabei auch halb scherzhaft einmal die Bemerkung fallen gelassen: 43 Harich: Ahnenpass, vor allem S. 156  . 44 Harich: Ahnenpass, S. 157. 45 Harich: Ahnenpass, S. 161. 46 Siehe hierzu: Rauh, Hans-Christoph: Zwischen Entnazi zierung und Stalinisierung. Philosophische emen in den ostdeutschen Nachkriegszeitschriften Aufbau, Einheit und Neue Welt, in: Gerhardt, Volker; Rauh, Hans-Christoph (Hrsg.): Anfänge der DDR-Philosophie. Ansprüche, Ohnmacht, Scheitern, 1945–1958, Berlin, 2001, S. 69–118. Außerdem die entsprechenden Passagen in: Kapferer, Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. 3 9W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 ›Wenn das so weitergeht, dann komme ich zu Ihnen.‹ (…) Trotzdem sind die Russen zunächst dagegen, dass ich zu ihnen übergehe. Dymschitz meint, im Großen und Ganzen sei der Kurier doch eine recht achtbare linksliberale Zeitung, und man müsse vermeiden, dass sich die Linie dieses Blatts durch den Fortgang progressiv eingestellter Mitarbeiter nach rechts verschiebe. Aber dann kommt es am Kurier zu dem Krach um Pechel, zu der Weigerung der Redaktion, meine Polemik gegen ihn abzudrucken.«47 Um Harichs Erinnerungen hier zu komplettieren und abzuschließen, sei noch kurz wiedergegeben, wie er sich zur Täglichen Rundschau und zur Neuen Welt äußerte: »Meine Tätigkeit an der Täglichen Rundschau dauert von Sommer 1946 bis Frühjahr 1950. Bis Anfang 1949 bin ich dort nur erster eaterkritiker, gelegentlich Literaturkritiker und Feuilletonist. Dann übernehme ich außerdem noch als Ressortchef die neu gegründete Abteilung eorie und Propaganda, die der Verbreitung der marxistischen eorie mit journalistischen Mitteln dienen soll, und werde gleichzeitig, als einziger Deutscher, Mitglied des Redaktionskollegiums der im gleichen Verlag erscheinende Halbmonatsschrift Neue Welt. Auch deren Chefredakteur ist, in Personalunion, Oberst Kirsanow (…). Die redaktionelle Tätigkeit nehme ich Anfang 1949 nur mit dem Vorbehalt auf, dass sie nur bis zu dem Augenblick dauern darf, wo die Vorbereitung von Staatsexamen und Promotion an der Universität mich beanspruchen werden, also höchstens für anderthalb Jahre; bis dahin will ich ein Ressort aufbauen, das auch ohne mich funktionieren kann. Was die Neue Welt angeht, so hat sie bis Ende 1948 fast nur Übersetzungen aus sowjetischen Zeitschriften enthalten. Meine Aufgabe im Redaktionskollegium soll es sein, von Anfang 1949 an auch deutschsprachige Mitarbeiter zu gewinnen und vor allem für eine niveauvolle Würdigung Goethes, aus Anlass seines 200. Geburtstages, in den Spalten der Zeitschrift zu sorgen.48 Ich gewinne dafür unter anderem Ernst Bloch, Hans Mayer und Paul Rilla, schreibe auch einen eigenen Essay über Goethe als Naturforscher und bringe die besten während des Jahres 1949 erschienenen Beiträge über Goethe Anfang 1950 in einem Sonderband, unter dem Sammeltitel Zu neuen Ufern, heraus.«49 47 Harich: Ahnenpass, S. 161 f. Gemeint ist der Artikel: Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«, in: Tägliche Rundschau, 23. August 1946, S. 3. 48 Harichs Goethe-Aufsatz ist neu abgedr. in: Band 6.1, S. 739–794. Ausführlich zu Harichs esen sowie zu den Goethe-Feierlichkeiten der DDR von 1949 in: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort alle weiterführenden Informationen. 49 Harich: Ahnenpass, S. 164. 4 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Bereits für die Jahre 1945, 1946 lassen sich verschiedene Texte aus Harichs Feder eruieren, die mehr als deutlich anzeigen, dass dessen strikte antifaschistische Haltung kompatibel zum Marxismus ebenso war wie sie mit einer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Philosophie sowie Kultur einherging. Das Stichwort »Ernst Jünger« ist bereits gefallen, die entsprechenden Artikel und Aufsätze Harichs werden in dieser Edition vorgestellt. Im 3. Teilband der Frühen Schriften ist ihnen der notwendige Platz eingeräumt, dort ndet sich auch eine Einleitung des Herausgebers speziell zu diesem ema.50 Von daher kann hier ein anderer Artikel kurz Berücksichtigung nden: Röpke, Pechel und der Totalitarismus. Er erschien am 23. August 1946 und beschäftigte sich mit dem Buch Die deutsche Frage von Wilhelm Röpke. Harich schrieb: »Der Verfasser des Buches ist der deutsche Soziologe Wilhelm Röpke, der vor Hitlers Usurpation der Macht Professor an der Universität Marburg war und 1933 aus Protest gegen den Nationalsozialismus in die Schweiz emigrierte. Röpke ist zwar einer der wenigen deutschen Gelehrten, die nicht vor den Nazis kapitulierten, aber in seinen Büchern Die Lehre von der Wirtschaft, Die Gesellschaftskrise der Gegenwart und Civitas humana ist die Erkenntnis der sozialen Strukturzusammenhänge von den gleichen spätbürgerlich-liberalistischen Illusionen verklebt, die alle ›Soziologie‹ der letzten Jahrzehnte blind und hil os in einer reaktionären Sackgasse enden ließen. So unbestreitbar ehrlich Röpkes charaktervolle Ablehnung des Nazismus auch gewesen sein mag, so tief fragwürdig ist es auch, ob aus der Perspektive einer Ideologie, die in ihrer objektiven historischen Funktion latente Ansätze zum Faschismus enthält, eine zutre ende Analyse des Nationalsozialismus und ein daraus resultierender konstruktiver Beitrag zur Lösung des deutschen Problems überhaupt möglich sind.«51 Das ist eine Position, die Harich sein Leben lang beibehielt. Ausnahmen gab es dabei natürlich auch: Die beiden für ihn wichtigsten waren Nicolai Hartmann und Arnold Gehlen. Aber gerade für Hartmann machte er geltend, dass dieser innerhalb der bür- 50 Harich hat in den Nachkriegsjahren insgesamt vier Beiträge zu Ernst Jünger verfasst: Ernst Jüngers Ansicht vom Frieden (Band 1.3, S. 1291–1294); Ernst Jünger und der Frieden (Band 1.3, S. 1294–1314); »Abendland« oder nationale Souveränität? (Band 1.3, S. 1314–1327); Und noch einmal: Ernst Jünger (Band 1.2, S. 1013–1017). Siehe außerdem: Dornuf, Stefan: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, in: Feist, Peter (Hrsg.): Das Wolfgang Harich Gedenk-Kolloquium November 2003, Berlin, 2005, S. 28–44. Die Einleitung des Herausgebers in Band 1.3 (Der erste Gegner wartet schon. Wolfgang Harich über Ernst Jünger, S. 1261–1290). In den verschiedenen Biographien und Monographien zu Jünger ndet Harich zumeist Erwähnung. 51 Band 1.2, S. 1020. 4 1W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 gerlichen Gesellschaft ein philosophisches Schattendasein führe, also gerade nicht Teil der bürgerlichen Welt und damit auch nicht deren Ideologieproduzent wäre.52 Und so tadelte Harich an Röpke, dass dieser zwar den christlich-konservativen Widerstand gegen den Nationalsozialismus ausführlich bespreche, aber die ganze antifaschistische und kämpferische Tradition der Arbeiterklasse, des Sozialismus und Kommunismus ignoriere. In den achtziger Jahren vertrat Harich dann die ese, dass die Arbeiterklasse sowie deren kommunistische und reformistische (Gewerkschaften, Sozialdemokraten) Organisationen der Hauptgegner Nietzsches und des Nationalsozialismus (sowie auch des italienischen Faschismus) gewesen wären. »Der Mangel jedes Hinweises auf die Widerstandstätigkeit deutscher Arbeiterführer ist natürlich kein Zufall; denn im Grunde ist Röpkes Buch nichts anderes als der antinazistisch verbrämte Versuch, den echten Sozialismus durch dessen Gleichsetzung mit dem so genannten ›Nationalsozialismus‹ gründlich zu diskreditieren. Dabei ist es verwirrend, dass hier zutre ende historische Erkenntnisse mit falschen Voraussetzungen vermengt werden. 52 Über Hartmann schrieb Harich in dem Manuskript Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung, abgedr. in: Band 10, S. 156. »Da es nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Hartmann keine politischen Einwände gab und von ihm eine schon durch ihren Umfang sehr beeindruckende wissenschaftliche Leistung vorlag, hatte es ihm in seinen letzten Lebensjahren nicht an ehrender Anerkennung gefehlt. Aber sein Philosophieren blieb weiter, und über seinen Tod hinaus, das eines gegen den Strom schwimmenden Außenseiters. Er fand kein nennenswertes ö entliches Echo, und in den philosophischen Fachkreisen, denen er ein Begri war, stießen seine Ansichten, falls man sie nicht stillschweigend überging, fast durchweg auf eisige Ablehnung. Das Mittelmaß seiner wenigen Anhänger tat ein übriges, ihn hier außer Kurs zu setzen.« Und etwas allgemeiner formulierte er in den letzten Monaten seiner Haftzeit in dem Manuskript War Nicolai Hartmann ein Idealist? Zu einer Arbeit von Erhard Albrecht, abgedr. in: Band 10, S. 847. »So kommt es, dass auch im 20. Jahrhundert in den kapitalistischen Ländern der Kampf zwischen Materialismus und Idealismus in verschiedenen Formen innerhalb der bürgerlichen Philosophie selbst ausgetragen wird, dass die Fronten in diesem Kampf keineswegs unmittelbar mit dem Gegensatz von marxistischer und bürgerlicher Philosophie zusammenfallen, dass vielmehr die Marxisten auch unter den bürgerlichen Philosophen partielle Bundesgenossen gegen die vorherrschenden Richtungen des Obskurantismus und der geistigen Reaktion zu nden vermögen – und unter ihnen sogar faktische Anhänger des Materialismus. Freilich wird es sich bei diesen Bundesgenossen immer um Ausnahmeerscheinungen, um einzelne Außenseiter handeln, um Denker, die gegen den allgemeinen Strom der Entwicklung ankämpfen. Die Verhältnisse unter dem Imperialismus schließen es vollständig aus, dass der Materialismus einzelner bürgerlicher Philosophen jemals die in der kapitalistischen Gesellschaft vorherrschende Richtung sein und in den Massen der bürgerlichen Intellektuellen eine Resonanz nden kann, die der Wirkung der reaktionären Strömungen vergleichbar wäre, geschweige denn, dass er von Staats wegen favorisiert wird.« 4 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Beide Elemente, Einsicht und Irrtum, müssen wir streng auseinanderhalten. Zunächst die Einsicht: Röpke gibt eine genaue Abgrenzung der deutschen Schuld und Verantwortung, eine geistvolle Analyse des deutschen Nationalcharakters, eine schonungslose Enthüllung der historischen Fehlentwicklung des deutschen Volkes. Er de niert mit beispielhafter Präzision die verhängnisvolle Rolle, die der lutherische Protestantismus in seiner Verbindung mit Feudalismus und Absolutismus in Deutschland gespielt hat, er charakterisiert die Ursachen und Folgen der territorialen Zersplitterung in zahllose Partikulardespotien, er entlarvt scharfsinnig das Wesen der ostelbischen Junkerkaste, den Ursprung des Untertanengeistes, und bezeichnet die Stationen des Weges, der von Bismarck zu Hitler führte, ja, er geißelt sogar die Versäumnisse der deutschen Sozialdemokratie, die Verhinderung einer radikalen Agrarreform und einer Ausschaltung der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung der Schwerindustrie.«53 Diese (und die folgenden) esen vertrat Harich in den vierziger Jahren in verschiedenen Kontexten. Verwiesen sei nur auf seinen Aufsatz Union der festen Hand. Einsicht und Konsequenz, der 1946 in der Monatsschrift Aufbau erschienen war und sich mit dem gleichnamigen Roman Erik Regers (von 1931) und dessen Nachkriegsbiographie auseinandersetzt.54 Weiter heißt es zu Röpke: 53 Band 1.2, S. 1022. 54 Dort heißt es zum Abschluss: »Dass der Autor von Union der festen Hand Chefredakteur einer bürgerlichen Zeitung sein kann, ist schon erstaunlich genug. Wir wollen dies jedoch respektieren und zugleich zugeben, dass man von einer solchen Zeitung billigerweise eine Propagierung der Ziele der sozialistischen Arbeiter nicht erwarten kann. Man kann aber verlangen, dass auch eine bürgerliche Zeitung die Arbeiterbewegung, wenn schon als Gegner, so doch als das würdigt, was sie ihrem Wesen nach ist, nicht aber sie in diskriminierender Weise mit ihrem ärgsten Feind, dem Nationalsozialismus, gleichsetzt. Man muss dies nach den Erfahrungen der letzten drei Jahrzehnte deutscher Geschichte um so mehr fordern, als die ängstliche Abwehr jeder fortschrittlichen Forderung der breiten Schichten unseres Volkes durch die Reaktion dem Nationalsozialismus erst seinen eigentlichen Auftrieb gab. Eine Opposition, wie sie Der Tagesspiegel seit einem Jahr betreibt, kann heute in Deutschland nur sehr bedenkliche Folgen zeitigen. Sie meint, eine amorphe Masse zu loyaloppositionellen Demokraten von der Art englischer Parlamentarier erziehen zu können, bestärkt in der augenblicklichen Situation aber lediglich die alten und neuen Nationalsozialisten in ihren Vorurteilen, errichtet um die wirtschaftspolitischen Machtpositionen der Reaktion einen täglichen Schutzwall spießbürgerlicher Unzufriedenheit und verhindert so mit Fleiß und Geistesschärfe, dass es in unserem Volke jemals loyaloppositionelle Demokraten geben kann. Wir haben die Wahl zwischen Erik Reger, dem Chefredakteur des Tagesspiegel, und Erik Reger, dem Autor von Union der festen Hand. Die Wahl kann und darf uns nicht schwerfallen. Reger widmete vor fünfzehn Jahren sein Buch dem deutschen Volke. Wir beherzigen diese Widmung mehr, als wir die bildungs- 4 3W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 »An diesem Punkt müsste nun die Analyse des Nationalsozialismus beginnen. Aber hier hat Röpkes Werk plötzlich einen Bruch: Wenn der Nationalsozialismus de niert werden soll, kommt unter dem betörenden demokratischen Mäntelchen der Pferdefuß zum Vorschein. Der Nationalsozialismus ist nach Röpke eine Unterabteilung des ›Totalitarismus'. (Man merke sich diese Vokabel genau: Sie dient der schlimmsten Irreführung, die es gegenwärtig gibt!)55 Die anderen Unterabteilungen heißen: Faschismus und – Bolschewismus. Und nun folgt jene sattsam bekannte, ebenso verleumderische wie ignorante Demagogie, die hinter individualistischen Freiheitspostulaten alle reaktionären Argumente gegen die Sowjetunion, gegen das Bollwerk und die Heimat des sozialen Fortschritts, parat hält. Es folgt eine irritierende Aufblähung von Äußerlichkeiten; es folgt eine windschiefe Charakteristik, die über die fundamentalsten Unterschiede absichtsvoll hinwegwischt. Röpke gilt es gleich, ob die Staatsführung eine durch ihre Einsicht in die historischen Notwendigkeiten legitimierte und vom Volk gewählte Avantgarde des menschlichen Fortschritts oder ob sie eine nstere Gangsterbande mit abenteuerlichen Kriegsambitionen ist, ob sie humanistischen Zielen zustrebt oder nihilistisch auf Zerstörung sinnt, ob sie den Massen ihre wahren sozialen Interessen zum Bewusstsein bringt oder ob sie die Ansprüche der Massen durch die Aufpeitschung nationalistischer Ressentiments zu ihrer Versklavung pervertiert. Was Röpke als suspekt erscheint, ist die Massenbewegung als solche, sie mag nun fortschrittlichen oder rückschrittlichen Zielen, dem Frieden oder dem Krieg zugelenkt werden. Durch seine Verachtung der Masse zeigt Röpke, dass seine Einstellung dem Faschismus verwandter ist als der Demokratie. (Was seine Besorgnisse um Menschenrechte und Freiheit betri t, so sollte er sich gefälligst einmal über die Stalin-Verfassung von 1936 informieren!)«56 Harich äußerte sich kompromisslos. Von einer bürgerlichen Position aus könne der Faschismus weder zutre end analysiert noch überwunden werden. Ja, es drohe die Gefahr, wie im Fall Röpke (und beispielsweise auch im Fall Jünger, dort aber nicht mit Blick auf diesen selbst, sondern auf dessen irregeführten Leser), dass der Antifaschismus eitle Verpackung ernst nehmen, mit der im Tagesspiegel Querulantenargumente umhüllt werden. Wir wissen: Union der festen Hand ist ein bewundernswürdiges Kunstwerk nüchterner, realistischer Wahrhaftigkeit, eine Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Aber die Fragen, die dieses Buch entstehen lässt – Reger beantwortet sie mit einem resignierten Achselzucken –, können wir nur mit jenen Imperativen beantworten, die das arbeitende deutsche Volk als Aufruf und Ansporn vernehmen muss.« 55 Harich hielt an seinen hier entwickelten Überlegungen (zuvorderst an der Ablehnung der Totalitarismus-Konzepte) sein Leben lang fest. Noch seine politischen Texte und Interviews der Nachwendezeit transportieren diese Einstellung und werden von ihr getragen. 56 Band 1.2, S. 1022 f. 4 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er sich als Antibolschewismus oder Antikommunismus entpuppe und somit das eigentliche Hauptanliegen des Nationalsozialismus weiterverfolge. Denn gerade dies machte Harich in den achtziger Jahren immer wieder gegen Nietzsche und dessen Philosophie geltend: Dass ihr Hauptaugenmerk auf der endgültigen Vernichtung des Kommunismus und der Arbeiterklasse gelegen habe. Eben deshalb sei sie die führende Ideologie des Faschismus (des italienischen ebenso wie des deutschen bzw. sogar des europäischen) geworden und eben deswegen auch sei an Nietzsches Rückkehr im Westen seit 1945 gearbeitet worden. »Dass Röpkes Konzeption des ›Totalitarismus‹ ein Nonsens ist, zeigt sich dort, wo in der ›Deutschen Frage‹ ganz nebenher die ›Besonderheiten des Nationalsozialismus‹ aufgewiesen werden: Der Rassenhass, die Respektierung der kapitalistischen Klassenschichtung, der aggressive Chauvinismus und die romantische-sentimentale Verherrlichung des Barbarischen. Diese wesentlichen Urelemente des Faschismus erscheinen in Röpkes Interpretation lediglich als belanglose Varianten. Röpke gibt andererseits zu, dass die Positionen des Nationalsozialismus, die blutigen Konsequenzen seiner ›Besonderheiten‹ durch die Furcht der bourgeoisen Demokratien vor dem Bolschewismus verstärkt wurden. Aber er unterstellt, dass diese Furcht berechtigt gewesen sei – und das alles, nachdem Europa durch die Sowjetunion vom Faschismus befreit wurde! So läuft das Gefasel von den ›beiden Spielarten des Totalitarismus‹ auf einen Irrtum hinaus, der sich leicht ad absurdum führen lässt. Aber die dahinter verborgene Absicht wird deutlich, wenn Röpke Vorschläge zur Lösung der deutschen Frage macht. Er will dreierlei: Erstens soll das deutsche Volk in einer unpolitischen Existenzform gefangen gehalten werden – nachdem es durch ein zur amorphen Masse summiertes spießbürgerliches Philistertum seiner Individuen, durch politische Ratlosigkeit und Apathie schon einmal so wehrlos war, dass es sich von der Demagogie der Nazis faszinieren ließ. Zweitens soll der deutsche Staat in möglichst viele föderalistische Einzelglieder aufgeteilt werden – nachdem wenige Kapitel vorher bewiesen wurde, dass der Partikularismus zu den Hauptursachen der geschichtlichen Fehlentwicklung Deutschlands zählt. Drittens soll das sowjetisch besetzte Deutschland einfach ›abgeschrieben‹ und die Eingliederung des föderalisierten deutschen Restgebiets in einen amerikanisch-westeuropäischen Block forciert werden. Das Konzept gipfelt in dem programmatischen Satz: ›Es ist in der Tat zu ho en (!), dass dieses föderative Westdeutschland, das nunmehr bis zur Klärung des russischen Problems (!) völlig von Preußen getrennt wäre und den wichtigsten und größten Teil Deutschlands ausmacht, bald in die atlantische Gemeinschaft (!) aufgenommen würde, falls sich dieser auf der Gemeinsamkeit der Überlieferung, der geographischen Lage und der politisch-wirtschaftlichen Interessen (!) beru- 4 5W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 hende Staatsverband trotz der starken kommunistischen Strömungen in Westeuropa (!) verwirklichen ließen.‹«57 Die aus dieser Gesamtschau zu ziehenden Konsequenzen waren für Harich eindeutig: »Deutlicher ist die satanische Absicht der endgültigen Aufspaltung und Vernichtung Deutschlands wohl noch nie geäußert worden als in diesem Buch, in dem sich Westblockpropagierung und antisowjetische Hetze, föderalistische Tendenz und planmäßig betriebene Dummhaltung des deutschen Volkes, Sabotage an der internationalen Verständigung aller Vereinten Nationen und die starre Behauptung der ›politisch-wirtschaftlichen Interessen‹ des Monopolkapitalismus (wessen sonst?) so famos vermengen. Die Lösung der deutschen Frage unter Weiterbenutzung der Hitlerschen Vokabel von der ›Grenze des Abendlandes'? Wir danken bestens! Wir halten diese Frage nur dann für lösbar, wenn alle Vereinten Nationen in Frieden und Freundschaft zusammenarbeiten und wenn die Deutschen als einiges Volk im einigen Vaterland in diese große Weltgemeinschaft hineinwachsen können.«58 * * * * * In den fünfziger Jahren wurde Harichs Denken durch keine Person so sehr geprägt wie durch Georg Lukács. Im 9. Band dieser Edition sind alle Briefe, die Harich an den ungarischen Philosophen schrieb, alle Gutachten, Manuskripte, Dokumente der gemeinsamen Arbeit enthalten. (Dort ndet sich zudem eine ausführliche Einleitung des Herausgebers, so dass hier die Informationen über die Kontakte beider auf ein Minimum reduziert bleiben können.)59 Es entstand zwischen den beiden eine Freundschaft, die auch in den Sphären der Kulturbetrachtung, der Geschichtsschreibung und der marxistischen Ideologie ein Ankergrund hatte. Seit 1951 war Harich im Aufbau-Verlag für die Bücher von Lukács zuständig, als erstes betreute er dessen Existenzialismus oder Marxismus? Und an dem ideologisch-marxistisch fundamentalsten Werk von Lukács in dieser Epoche, an Die Zerstörung der Vernunft, war Harich intensiv beteiligt. Gleichzeitig kümmerte er sich zum Beispiel ab 1953 als Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie auch um die Verbreitung von Aufsätzen Lukács’ in der DDR.60 Er war 57 Band 1.2, S. 1023 f. 58 Band 1.2, S. 1024. Siehe beispielsweise auch Harichs Vortrag Demokratischer Patriotismus von 1955, abgedr. in: Band 1.3, S. 2075–2089. 59 Heyer: Wolfgang Harich und Georg Lukács, in: Band 9, S. 13–113. 60 Siehe die entsprechenden Dokumente des 9. Bandes. Eine Auswahl von Harichs Texten zur Deutschen Zeitschrift für Philosophie ndet sich in Band 1.3, S. 1651–1732. 4 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er bis 1956, das kann gesagt werden, die wichtigste Person für die Verbreitung der Werke von Lukács in der DDR. Die Übereinstimmungen zwischen beiden waren nach der anfänglichen Kritik Harichs an dem Goethe-Bild von Lukács61 vielfältig und zeigten sich auf zahlreichen Gebieten: Sie reichten von der Einschätzung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus im Allgemeinen und Hegels im Speziellen bis hin zu der in beider Alterswerken sichtbar werdenden Ausdeutung der bürgerlichen und der modernistischen Kunst. (Die Einschätzung der Sphäre der Kunst bildete darüber hinaus die übergreifende Gemeinsamkeit der Konzeptionen von Lukács, Arnold Gehlen, Nicolai Hartmann und Harich.)62 Vor allem aber verband sie von Anfang an die Wertschätzung der großen kulturellen und philosophischen Leistungen der bürgerlichen Welt ebenso wie die Ablehnung jener Tendenzen, die den Inhumanismus, den Irrationalismus, die Intoleranz und damit den Imperialismus und Faschismus vorbereiten halfen. Ein Name stach dabei besonders heraus: Friedrich Nietzsche. In Lukács’ Zerstörung der Vernunft war der Kritik von dessen Philosophie das ganze 3. Kapitel, Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, gewidmet. Noch in der Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre betonte Harich immer wieder, dass dieses Kapitel, zusammen mit bereits zuvor erschienenen Aufsätzen von Lukács und den entsprechenden Arbeiten von Franz Mehring und Hans Günther, die Grundlage jeder marxistischen Einschätzung Nietzsches darstellen müsse (freilich modi ziert, aktualisiert und den neuen Herausforderungen angepasst). Es bietet sich daher an, diesen ersten einführenden Überblick der Herausbildung von Harichs Kritik an Nietzsche durch die Wiedergabe seiner entsprechenden Äußerungen an und über Lukács abzuschließen. Für die Einschätzung und Bewertung der späteren Nietzsche-Debatte ist es von Relevanz, dass die Interpretation von Nietzsche durch Lukács in den frühen fünfziger Jahren mehr als nur konsensfähig war. Am 8. Oktober 1952 schrieb Harich nach Budapest: »Ich habe inzwischen das Nietzsche-Kapitel aus Ihrem Buch über den Irrationalismus gelesen. Es wäre sehr schön, wenn wir es für den Abdruck in der neuen philosophischen Zeitschrift bekommen und es gleich im Anschluss an die Verö entlichung des Schel- 61 Gemeint ist der Zeitungsartikel Georg Lukács sprach über Goethe vom 2. September 1949, für den Harich in der DDR hart kritisiert wurde. Siehe mit allen relevanten Informationen: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 62 Siehe die Bände 9, 10 und 11. 4 7W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 ling-Schopenhauer-Kierkegaard-Kapitels bringen könnten, das wir für die ersten drei Nummern als Fortsetzungsbeitrag vorgesehen haben. Leider pocht nun aber Genosse Huchel, Chefredakteur von Sinn und Form, hinsichtlich des Nietzsche-Kapitels auf ältere Rechte, die er nur abtreten will, wenn es ihm stattdessen erlaubt wird, in der nächsten Nummer von Sinn und Form Ihren Aufsatz Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik zu bringen. Letztere Arbeit be ndet sich im Manuskripten-Archiv des Aufbau-Verlages in zwei Abschriften. Ist es Ihnen recht, dass ich sie dem Genossen Huchel zur Verö entlichung in Sinn und Form überlasse?«63 Lukács selbst war seine Nietzsche-Interpretation so wichtig, dass er am 18. Oktober 1952 an Harich schrieb, dass er den Vorabdruck des Nietzsche-Kapitels aus der Zerstörung der Vernunft in der philosophisch »wichtigeren« Deutschen Zeitschrift für Philosophie wünsche. Der Sinn und Form könne ein anderer Text überlassen werden, so beispielsweise der Aufsatz über die Ästhetik Tschernyschewskis aus den Beiträgen zur Geschichte der Ästhetik.64 Am 13. Dezember 1952 teilte Harich dann mit: »Ich habe mich inzwischen an die Lektüre der Zerstörung der Vernunft gemacht und möchte meinen, dass das eines der wichtigsten und nötigsten Bücher ist, die in dieser Zeit über Deutschland und für Deutsche geschrieben wurden – sozusagen der Schlusspunkt (ho entlich!) hinter alldem, was bei uns seit über hundert Jahren an geistig Üblem geherrscht und das Denken in aller Herren Länder mehr oder weniger verpestet hat. Ich bin überzeugt, dass das Buch ziemliches Aufsehen erregen und vielen anspruchsvollen Köpfen, die noch im Dunkeln tappen, wenigstens sehr zu denken geben und sicher auch manchem die Augen ö nen wird. Es wäre wirklich zu wünschen, dass es auch im Westen erschiene, nicht nur um des Kompensationsgeschäftes mit dem Europa-Verlag willen, bei dem für uns der Junge Hegel herausspringen soll, sondern vor allem wegen der zu beein ussenden Intelligenz, der man den Kierkegaard, das Diltheysche ›Sinnverstehen‹, das Klagessche Widersachertum von ›Geist‹ und ›Leben‹ und den anderen Dreck so gründlich austreiben muss, wie es hier geschieht.«65 An diesem Lob der Zerstörung hielt Harich sein Leben lang fest. Daraus sicherlich resultiert ein Teil der Di erenzen in der Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre. Denn 63 Band 9, S. 189. 64 Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich vom 18. Oktober 1952, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 65 Band 9, S. 193 f. 4 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er während für die Generation Harichs die Bücher und Schriften von Lukács tatsächlich Inspiration gewesen waren, die Formulierung quasi mustergültiger Aussagen zum Neuaufbau Deutschlands nach dem Nationalsozialismus und zur Fundierung des marxistischen Weltbildes, so sahen die nachfolgenden Generationen in den Texten Lukács’ nicht mehr zuvorderst den radikalen Bruch mit der Vergangenheit, sondern pure Ideologie, Parteimeinung, Parteiauftrag. Harich forderte immer wieder Mehr Respekt vor Lukács!,66 so ja der Titel seines Aufsatzes von 1986, doch dieser hatte bei seinen Gegnern keinen wissenschaftlich-philosophischen Stellenwert mehr. (Wenn überhaupt, dann zählte für diese nur Geschichte und Klassenbewusstsein.) Am 11. März 1953 lag nach verschiedenen Ergänzungen, Korrekturen und Umarbeitungen Die Zerstörung der Vernunft endgültig und vollständig im Aufbau-Verlag vor. Zur internen Information im Verlag schrieb Harich unter anderem an Walter Janka und Erich Wendt: »Das Buch Zerstörung der Vernunft ist, nach meiner Ansicht, das reifste und beste Werk, das Lukács überhaupt geschrieben hat. Es handelt sich um eine Abrechnung mit der gesamten irrationalistischen Philosophie von der Periode, die unmittelbar der Französischen Revolution folgte, bis zum deutschen Faschismus und bis zur gegenwärtigen imperialistischen Philosophie, wobei das Schwergewicht auf den reaktionären Strömungen der deutschen Philosophie (Schelling, Schopenhauer, Nietzsche, deutsche Lebensphilosophie, Spengler, deutsche Soziologie der imperialistischen Periode, Existenzialismus, Rassentheorie usw.) liegt. Von ausländischen Denkern wird im Hauptteil nur Kierkegaard einer ausführlichen Kritik unterzogen und im Nachwort wird näher auf die Philosophie des amerikanischen Imperialismus eingegangen. Ansonsten werden Vertreter des Irrationalismus in der ausländischen Philosophie (von Pascal bis Bergson usw.) immer nur am Rande behandelt, dabei aber mit kurzen, scharfsinnigen, tre enden Charakteristiken versehen. Diese Verteilung der Gewichte ist meines Erachtens völlig berechtigt, da die deutsche Philosophie die Eigentümlichkeit aufweist, dass sie einerseits den Marxismus hervorgebracht hat, aber auf der anderen Seite gleichzeitig zum Weltlieferanten reaktionärer Ideologie geworden ist. Auch die Beschränkung der ausländischen reaktionären Philosophie des 19. Jahrhunderts auf Kierkegaard, den Stammvater des Existenzialismus, ist meines Erachtens richtig. Lukács stellt dem ganzen Buch eine sehr tiefe und interessante Darstellung der Entwicklung der deutschen Nation, geschrieben im Hinblick auf die zentralen Probleme seines philosophisch-geschichtlichen emas, voran. Die große 66 Abdr. in zwei Versionen in: Band 9, S. 433–461. 4 9W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 Generalabrechnung mit den reaktionären Ideologien der Vergangenheit und Gegenwart, die Lukács gibt, ist von allerhöchster Bedeutung. Sie erfolgt von einem klar marxistischen, kämpferisch-parteilichen Standpunkt und ist gleichzeitig so ausgewogen und di erenziert, dass sie einen tiefen Eindruck auf jeden philosophisch Gebildeten, der Ansprüche stellt und auch nur eine Spur von Unbehagen gegenüber der Lage der bürgerlichen Philosophie emp ndet, nicht verfehlen kann. Natürlich ist das Buch in der Hauptsache nur auf einen bestimmten Interessentenkreis von Intellektuellen und speziell von philosophisch in teres sier ten Intellektuellen abgestimmt, aber erstens ist dieser Kreis in Deutschland auch quantitativ recht beträchtlich, wenn man bedenkt, welche Popularität z. Bsp. die Lebensphilosophie eines Dilthey oder die Geschichtsphilosophie Spenglers erlangen konnten, und zweitens ist das Buch von Lukács in all den Punkten, in denen es um die zentral bedeutsamen Fragen und deren Zusammenhang mit den philosophischen Strömungen geht, doch in Sprache und Stil so verständlich, dass es durchaus auch noch breitere Kreise erreichen kann. Ich bin der Meinung, dass wir in diesem Fall das Buch nicht nur in einer großen Au age herausbringen, sondern auch unbedingt Mittel und Wege nden sollten, es nach Westdeutschland gelangen zu lassen, eventuell sogar durch Überlassung einer Lizenz an einen westdeutschen Verlag, der sich bereit ndet, es zu bringen. Es hat gesamtdeutsche Bedeutung, tri t ins Schwarze der aktuellsten ideologischen Fragen der Gegenwart und dürfte nach meiner Einschätzung gerade in Westdeutschland in Kreisen, die einen starken ideologischen Ein uss ausüben, wie eine Sensation wirken und schwankenden, suchenden, unklar aufbegehrenden Köpfen ein gutes Stück weiterhelfen.«67 Das Paradoxe der ganzen Situation ist sicherlich darin zu sehen, dass, wie bereits erwähnt, in den achtziger Jahren die philosophische Produktion Lukács’ der fünfziger Jahre als ideologische Parteiliteratur abgelehnt wurde, was insofern den Realitäten nicht vollständig entsprach, als die Bücher von Lukács, allen voran Der junge Hegel, überaus umstritten und umkämpft waren und sich ihrer Drucklegung teilweise um Monate oder Jahre verzögerte.68 Die Zerstörung passierte die staatlichen Zensurstellen schneller als das Hegel-Buch, aber auch in diesem Fall sicherte sich der Verlag nach allen Seiten ab. Bevor die o ziellen Gutachten an das Amt für Literatur und Verlagswesen gesendet wurden, erstellte Harich noch ein internes Verlagsgutachten, datiert auf den 7. April 1953.69 Es ließen sich verschiedene weitere Äußerungen Harichs über Nietzsche hier 67 Band 9, S. 216–218. 68 Die Debatte um den Jungen Hegel, Harichs Gutachten, Hinweise zur langen Editionsgeschichte usw. im 5. Band. 69 Band 9, S. 223 f. 5 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er anbringen, die die Identität seiner Anschauungen zu denen von Lukács illustrieren. Auf diese Fleißarbeit kann verzichtet werden, da ein Text Harichs vorliegt, in denen er seine Überlegungen zusammenfasste und der Ö entlichkeit vorstellte. Im 1. Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie von 1955 erschien seine Rezension zur Zerstörung der Vernunft.70 Ganz allgemein charakterisierte Harich das Werk wie folgt: »Das Buch über den geistesgeschichtlichen Vorgang, den der ungewöhnliche Titel tre end bezeichnet, ist eine historisch angelegte Abrechnung mit dem aufdringlichsten und gefährlichsten Typus modernen Obskurantentums in der Philosophie. Herabsetzung der menschlichen Verstandeskräfte, Verherrlichung der Intuition als angeblich höheres Erkenntnisorgan, Vernebelung des wissenschaftlichen Weltbildes durch ausgeklügelte Mythen und seit Nietzsche auch der Appell an barbarische Instinkte – das sind die hauptsächlichen, die in immer neuen Kombinationen wiederkehrenden Motive und Tendenzen dieser Richtung, die in der ganzen bürgerlichen Welt während der vergangenen Jahrhunderthälfte zu wachsendem Ein uss gelangt ist und die in Deutschland den Faschismus geistig vorbereitet hat. Ihr leuchtet Georg Lukács auf den Grund, gegen sie führt er die glänzenden Wa en marxistischer Kritik ins Tre en. Und der Schluss, den er aus seinen profunden Studien zieht, ist zugleich eine Warnung: Es gibt keine ›unschuldige‹ philosophische Stellungnahme. So, wie in Deutschland eines Tages die Nazis die geistwidrigen eorien, welche man seit langem in Hörsälen, Salons, Literatencafes scheinbar unverbindlich diskutiert und verfochten hatte, zu einer primitiv demagogischen Synthese zusammengefasst auf die Straße tragen konnten, um damit breite Massen des Volkes irrezuführen und im Dienst des Monopolkapitals Mord und Verwüstung ohnegleichen anzurichten, genauso kann, wenn die objektiven Bedingungen darauf hindrängen, ›aus der aggressiv reaktionären Ideologie, die in jeder Regung irrationalistischen Denkens sachlich enthalten ist, aufs Neue eine fürchterliche faschistische Wirklichkeit werden'.«71 Und mit Blick auf das Nietzsche gewidmete Kapitel entwickelte Harich jene Einschätzung, die noch seine Position in der Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre bestimmte: »Das ganze 3. Kapitel (S. 244–317) ist Nietzsche gewidmet. Es stellt die wohl tiefste und überzeugendste Nietzschekritik dar, die je geschrieben wurde. Lukács spürt vor allem den 70 Rezension zu: Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1955, Heft 1, S. 133–145. Neu abgedr. in: Band 9, S. 289–310. 71 Band 9, S. 289 f. 5 1W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 Gründen nach, die die reaktionäre Weltwirkung dieses unheilvollsten Geistes des vorigen Jahrhunderts in der ganzen imperialistischen Epoche ausmachen. Er interpretiert Nietzsche als den ersten Irrationalisten, der nicht mehr, wie es bei den zuvor behandelten Denkern der Fall war, nur einen bürgerlichen Typus progressiver Philosophie bekämpft (die Hegelsche Dialektik, den vormarxistischen Materialismus, den liberalen Fortschrittsgedanken), sondern sich namentlich der Bewegung und Weltanschauung des Proletariats entgegenstellt. Aus dieser neuen Frontstellung folgt notwendig ein Aufhören jeder Ehrlichkeit und ein jähes Absinken des philosophischen Niveaus. Die barbarische Irrlehre Nietzsches, nicht zufällig unter dem Eindruck der Pariser Kommune konzipiert, ist aus keinem anderen Motiv entstanden als dem einer verzweifelten Abwehrreaktion gegen die kämpfende Arbeiterklasse, gegen die sozialistische Ideenwelt und ihre Traditionen. Das hat bei ihm eine Negierung des Humanismus in jeglicher Form zur Konsequenz. Hinter seiner Kritik am liberalen Philister, durch die Nietzsche in der Ära des Nationalliberalismus, ähnlich wie Schopenhauer in der Restaurationszeit, zu einem Outsider, einem ›verkannten Genie‹ wird, die es ihm aber gerade deswegen auch gestattet, mit verführerisch radikalen Gesten aufzutreten und so die imperialistische Ideologie in einer ›avantgardistischen‹, pseudorevolutionären Form zu antizipieren, steckt letztlich weiter nichts als die Furcht davor, dass die Unterdrückungsmethoden, wie sie die Bourgeoisie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts praktiziert, zur Niederhaltung des Proletariats nicht ausreichen könnten, sowie das Streben nach neuen, brutaleren Mitteln der Abwehr des konsequenten Fortschritts. Hier liegt auch die Wurzel der Barbarisierung des Bildes der Antike, der Lehre vom ›Willen zur Macht‹, der Verherrlichung der Instinkte, der Polemik gegen das Christentum als Sklavenmoral usw. Dass bei alledem Nietzsche Marx und Engels nicht erwähnt, ja, von ihnen nicht die geringste Kenntnis hat, ändert nichts daran, dass seine ganze Lehre gegen den von ihnen begründeten wissenschaftlichen Sozialismus gerichtet ist. Im Gegenteil: Für die Kampfesweise der neuen Phase des Irrationalismus ist diese völlige Unkenntnis des zentralen Gegners gerade tief bezeichnend. Die früheren Irrationalisten hatten von den progressiven Gegnern, gegen die sie sich wandten, noch eine mehr oder weniger klare Vorstellung, sie waren zuweilen sogar im Stande, an wirklichen Schwächen der Systeme dieser Gegner anzusetzen, welche unsinnigen Konsequenzen sie daraus auch immer ziehen mochten. (Lukács erinnert hier an den schneidenden Witz, mit dem Schopenhauer die Verherrlichung der Bürokratie bei Hegel kritisiert, an die Polemik Kierkegaards gegen den kontemplativen Charakter der Hegelschen Philosophie.) In dem Moment jedoch, wo – wie zu Nietzsches Zeit – der proletarische Gegner auf den Plan tritt und der Angri der Reaktion sich auf ihn konzentrieren muss, hören jeder auch nur partiell berechtigte Gedanke und jede Wissenschaftlichkeit resolut auf. Das wiederum hat 5 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er zwangsläu g eine qualitative Steigerung der irrationalistischen Zersetzungstendenzen in der Philosophie zur Folge. ›Bei Nietzsche‹, schreibt Lukács zusammenfassend (S. 317), ›entspringt jeder Inhalt aus der in den Mythos üchtenden Furcht vor dem eigenen Klassenuntergang, aus der Ohnmacht, sich mit dem Gegner wirklich gedanklich messen zu können: Es sind Inhalte aus ›Feindesland‹, vom Klassengegner aufgezwungene Pro bleme und Fragestellungen, die den Inhalt seiner Philosophie letzten Endes bestimmen. Und die Aggressivität des Tones, das o ensive Auftreten in jedem Einzelfall kann diese Grundstruktur nur ober ächlich verhüllen. Der erkenntnistheoretische Appell an den äußersten Irrationalismus, an das vollkommene Verleugnen jeder Erkennbarkeit der Welt, aller Vernunft, der moralische Appell an alle barbarischen und bestialischen Instinkte ist ein – unbewusstes – Eingeständnis dieser Lage. Nietzsches nicht alltägliche Begabung zeigt sich darin, dass er an der Schwelle der imperialistischen Periode einen solchen jahrzehntelang wirksamen Gegenmythos (gegen den wissenschaftlichen Sozialismus, WH) entwerfen konnte. Sein aphoristischer Ausdruck erscheint in dieser Beleuchtung als die adäquate Form dieser gesellschaftlich-geschichtlichen Lage: Die innere Morschheit, Hohlheit, Unwahrhaftigkeit des ganzen Systems hüllt sich in farbig schillernde, auch formell jeden Zusammenhang leugnende Gedankenfetzen.‹«72 Ganz eindeutig lässt sich sagen, dass die politisch-ideologische Selbstverankerung von Harich in den fünfziger Jahren durch seine Kontakte zu Lukács inspiriert, vielleicht besser: verfestigt wurde. Es war für seine intellektuelle Entwicklung sehr wichtig, dass er auf einen Denker traf, der sich voll zum Marxismus bekannte und gleichwohl dennoch eigene und eigenständige Gedanken hatte sowie diese in die marxistische Philosophie zu integrieren versuchte. Ernst Bloch,73 mit dem Harich bis zu seiner Verhaftung 1956 ebenfalls eng zusammenarbeitete, konnte diese Funktion nicht ausüben. (Und die positive Rolle, die Nietzsche teilweise im Denken Blochs spielte,74 ist sicherlich einer der Gründe, warum Harich aller Zusammenarbeit mit Bloch zum trotz immer einen gewissen Abstand zu diesem hielt.)75 Aber alle drei zusammen, Lukács in Buda- 72 Band 9, S. 293–295. 73 Die Briefe Harichs an Bloch, seine Gutachten usw. präsentiert Band 1.3, S. 1787–1842. Dort auch eine ausführliche Einleitung (Ernst Bloch und Wolfgang Harich) des Herausgebers (S. 1733–1786). 74 Manfred Riedel hat in seinem Buch Tradition und Utopie. Ernst Blochs Philosophie im Licht unserer geschichtlichen Denkerfahrung (Frankfurt am Main, 1994) das Nietzsche-Bild Blochs in den Mittelpunkt der Interpretation gestellt und damit deutlich überzeichnet, verzerrt. 75 Siehe hierzu: Amberger, Alexander; Heyer: eorie und Praxis. Blochs Verständnis des Marxismus, 1949–1961, in: Schiller, Hans-Ernst (Hrsg.): Staat und Politik bei Ernst Bloch, Baden-Baden, 2016, S. 107–126. 5 3W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 pest, Bloch in Leipzig und Harich in Berlin, arbeiteten daran, den Marxismus permanent weiterzuentwickeln und jene Lücken zu füllen, die ihrer jeweiligen Meinung nach diesem inhärent wären (Ethik, Ästhetik, Ontologie, Erkenntnistheorie, Religionsgeschichte, Logik, Anthropologie usw.) – mit dem Ziel, ihn zu einem ausführlichen und breit angelegten philosophischen System auszubauen. Das zeigen gerade die Schriften und Manuskripte, die von den dreien im Krisenjahr 1956 verfasst wurden.76 Es wurde bereits mehrfach angesprochen bzw. angedeutet, dass die Kritik an Nietzsche im ersten Jahrzehnt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen Konsens zwischen den verschiedensten politischen und intellektuellen Personen im Kulturleben der SBZ/ DDR darstellte. Norbert Kapferer sprach in seinem auch heute noch lesbaren Werk Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR bei der Behandlung der ersten Nachkriegsjahre zwar immer von »Parteimarxismus« und ähnlichem, meinte aber durchaus auch den gerade angesprochenen Konsens, der die gesellschaftlichen Eliten ebenso umfasste wie die Wissenschaftler und die Politiker. Er schrieb: »Um das Dreigespann ›Schopenhauer-Wagner-Nietzsche‹ hatte es in der sozialistischen Arbeiterbewegung um die Jahrhundertwende immer schon heftige Kontroversen gegeben. Die nationalsozialistische Inanspruchnahme Wagners und Nietzsches hatte Schopenhauer in der marxistischen Nachkriegsrezeption in den Hintergrund treten lassen. Während das marxistische Urteil über Wagner relativ milde aus el, bildete sich im Parteimarxismus eine fast einheitliche Ablehnungsfront gegen Nietzsche heraus. Maßgebend für die Nachkriegsdiskussion waren hierbei die Auslegung von Franz Mehring, Plechanow, Hans Günther und Lukács.«77 Als wichtige Akteure nannte Kapferer Ernst Niekisch, Alexander Abusch und beispielsweise noch Otto Grotewohl. Zu ergänzen wären die russischen Kulturo zieren, auch Paul Rilla und andere mehr. Aus Otto Grotewohls Die geistige Situation der Gegenwart und des Marxismus gab Kapferer folgendes Zitat über Nietzsche wieder: »Klarer noch als bei Chamberlain treten in seiner Lehre die Grundzüge des Nazismus hervor. Nach dem schaurigen Erlebnis des Nazismus erscheinen die Kernbegri e seiner Philosophie uns Überlebenden nicht mehr als rein geistige Begri e, sondern wir müssen 76 Aufgearbeitet bei: Heyer: Ernst Blochs Prinzip Ho nung und die Utopie in der DDR, in: Quarber Merkur, Nr. 118, Gießen, 2017, S. 111–160. 77 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, S. 31. 5 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er sie heute als soziale und politische Begri e werten, die entsetzliche Wirkungen im Raum der Wirtschaft und Politik verursacht haben. Dieser Verteidiger des deutschen Imperialismus erkennt scharf den Verfall der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung und ihre Dekadenz. Er wittert die Macht der Demokratie und die Kraft der wachsenden Arbeiterklasse. Deshalb predigt er in seiner Philosophie der herrschenden Klasse eine neue Herrenmoral, deshalb stachelt er den Willen zur Macht auf. Er hasst die Französische Revolution und Rousseau mit ihrem Prinzip der Gleichheit der Menschen. Er verachtet die Vernunft und die Dialektik, weil sie das Handeln töte. Er verneint die Demokratie und den Sozialismus, weil sie die angeblich angeborenen Privilegien einer rassischen Herrenschicht antasten. (…) Sozialismus ist diesem Wegbereiter der nazistischen Ideologie eine überholte Sklavenmoral.«78 Man war sich über Nietzsche einig. Und zwar nicht, weil es von oben verordnet war, sondern vielmehr aus jeweils eigenständigen Überlegungen heraus, in dem Bewusstsein, dass Nietzsches Philosophie einen Teil der faschistischen und nationalsozialistischen Ideologie ausgemacht habe. Eben dieser Konsens wurde seit den späten fünfziger Jahren immer brüchiger und erschien letztlich, eine Generation später, als vermeintlich dogmatische Parteimeinung: Eine Fehleinschätzung. Als Harich sich in einem Brief an Kurt Hager vom 4. Juni 1986 noch einmal über die zunehmende Nietzsche-Renaissance in der DDR beschwerte, davor warnte, dass Nietzsches Philosophie in der DDR wieder salonfähig werde, beendete er seinen Brief mit den Worten: »Dies schreibt nicht nur der Bürger Harich an den Staatsmann Hager. Es schreibt auch ein alter Mann an einen noch älteren. Es hat, long, long ago, tiefgreifende Kon ikte zwischen uns gegeben (die von meiner Seite nur zu bereuen sind). Aber hätten wir uns je träumen lassen, dass wir irgendwann noch einmal zur Verteidigung von Selbstverständlichkeiten fest würden zusammenstehen müssen? Es gibt keinen lieben Gott im Himmel, und der Regen fällt von oben nach unten. (Anspielung auf Das Lied vom Klassenfeind von Bertolt Brecht und Ernst Busch, AH.) So, genau so selbstverständlich sollte es sein, dass Nietzsche für Sozialisten einfach indiskutabel ist, dass es für ihn in einer sozialistischen Gesellschaft keinen Millimeter Raum geben darf. Plötzlich ist das nicht mehr selbstverständlich. Das muss uns alte Männer, die noch zu Füßen von Hermann Duncker gesessen haben, auf die höchste Alarmstufe bringen.79 Mögen unsere Jugendträume ein bisschen 78 Kapferer: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie, S. 33. Grotewohl, Otto: Die geistige Situation der Gegenwart und des Marxismus, Berlin, 1948, S. 6. 79 In Nietzsche und seine Brüder schrieb Harich über Duncker: »Ich habe ihn gut gekannt. Ich gehörte zu seinen Schülern, noch 1948. Wissen Sie, der alte Duncker, der war in 5 5W ol f ga ng H a ric h s Positionieru ng gegen N ietz sc h e b is 1 9 5 6 übertrieben gewesen sein, heilig müssen sie uns bleiben, bis zum letzten Atemzug, und ihnen sind wir schuldig, unseren Lebensrest, die uns noch verbliebenen Energien mit aller Beharrlichkeit dafür zu nutzen, dass in gewissen Kern- und Grundfragen der ideologischen, der philosophischen, der kulturellen Entwicklung die Weichen richtig gestellt bleiben und dass eine Kerntruppe von jungen Marxisten da ist, die auch nach uns unbeirrbar dafür sorgt, dass sie nicht ins Rutschen geraten. In diesem Sinne können Sie fest auf mich bauen. Voller Vertrauen und mit allen guten Wünschen grüße ich Sie in Herzlichkeit. Ihr« Der Hinweis darf hier abschließend nicht fehlen, dass Harich nach seiner Haftentlassung (Ende 1964) sich nie positiv zu Nietzsche geäußert hat. Direkte, ausführliche Wortmeldungen von ihm zum ema (in der Form von Aufsätzen, Manuskripten usw.) gab es bis in die achtziger Jahre hinein nicht. Aber immer dort, wo er in Nebensätzen die ematik ansprach, wo sie als Fundament seines Denkens mitgedacht werden muss, zeigt sich, dass er seinen Prinzipien treu geblieben war. Doch eben die waren für seine Nachfolger nicht mehr zeitgemäß, als er sie ab 1981 wieder zur Diskussion zu stellen versuchte. Im Folgenden kommt das Buch Nietzsche und seine Brüder so zum Abdruck, wie es Harich in der ersten Hälfte des Jahres 1989 verfasst hatte. Im darauf folgenden II. Teil werden dann die verschiedenen Briefe, Manuskripte, Vorträge usw. Harichs präsentiert, mit denen dieser in der Nietzsche-Debatte präsent war. Vorangestellt ist diesem Abschnitt eine eigene Einleitung, die den argumentativen Faden an der Stelle aufnimmt, die das Ende dieser Ausführungen markiert. Bildungsfragen kein Fanatiker, kein Eiferer. Der hatte sich keineswegs von einem bürgerlichen Saulus zum proletarischen Paulus gemausert. Seiner geistigen Herkunft von Wilhelm Wundt etwa schämte er sich durchaus nicht. Schopenhauers ›Vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde‹ wusste er immer noch lehrreiche Teilwahrheiten abzugewinnen. Zur Lektüre empfahl er uns dringend die Geschichtswerke Karl Lamprechts. Aber dass er einst Nietzsche gehuldigt hatte, sehr bedingt übrigens, das erfüllte den ehrwürdigen, greisen, nahezu erblindeten Genossen noch über ein halbes Jahrhundert später mit so tiefer Beschämung, als laste auf ihm die Schuld, sich an einem Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt zu haben. Ich habe erlebt, dass er weinte, als er sich daran erinnerte, und dass wir ihn trösten mussten. Dabei kam diese Einstellung bei ihm nicht von Lukács her. Den mochte Duncker gar nicht; er verstand ihn auch kaum. Und gegen Lukács stand er, beispielsweise, in Kunstfragen auf der Seite Brechts.« 5 7 N ietz sc h e u nd seine B rü d er. E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Vorwort (von Paul Falck) Es ist kaum anderthalb Jahrzehnte her, dass ich mit Wolfgang Harich bekannt wurde. Er lebte damals für einige Zeit in Berlin (West), wo ich Lehrveranstaltungen an der FU besuchte und mit gleichaltrigen Freunden, meist Landsleuten, die in den POCH organisiert waren, häu g über Fragen der politischen Ökologie diskutierte.1 Die Art, wie Harich diese Probleme in seinen einschlägigen Publikationen behandelt, fand ich fesselnd und originell, aber keineswegs durchweg befriedigend. So reizte es mich, auch mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen, in Berlin (Ost), wo er mir mehrfach ein ebenso freundlicher Gastgeber wie widerborstiger Dialogpartner war. In Wien, am Rande von Veranstaltungen des Forum Alternativ, sowie anschließend in meiner Heimat, in der Harich eine ihn durch mehrere Städte, darunter Bern, Zürich und Basel, führende Vortragsreise unternahm, setzten wir zwischen August und Oktober 1979 unseren Gedankenaustausch fort. Danach lockerten sich unsere Kontakte und schliefen nach Rückkehr des Besuches in die DDR, Ende 1981, auf Jahre hinaus ein. Erneut bin ich auf Wolfgang Harich aufmerksam geworden durch die Angri e, denen er im Herbst 1987 sowohl in der DDR als auch im Westen wegen einer Stellungnahme zu Friedrich Nietzsche ausgesetzt war, die im Allgemeinen als überspitzt polemisch eingeschätzt wurde, was mich, auf Grund meiner Kenntnis seiner Geistesart und seines Temperaments, nicht überraschte. Stutzig machte mich, dass das »Corpus Delicti«, ein in der Zeitschrift Sinn und Form verö entlichter Aufsatz zum ema Revision des 1 (AH) Zu Harichs ökologischem Konzept, seinen Jahren im Westen (Österreich, Bundesrepublik usw.), zu Poch, siehe den 8. Band, dort alle weiteren Informationen zu den genannten Institutionen usw. 5 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er marxistischen Nietzschebildes?2 – das betre ende Heft musste in winziger Au age erschien sein –, nur unter Schwierigkeiten aufzutreiben war und dass Harich auf seine Gegner in späteren Heften mit keinem Wort erwiderte. Hatte er resigniert? Hatte es ihm den Atem verschlagen? Stand er unter Druck? War er erkrankt? Als ich feststellte, dass er auch an einem mehrtägigen Symposium zu Nietzsche, im April 1988 veranstaltet in Wuppertal von der Deutschen Kommunistischen Partei, nicht teilgenommen hatte, beschloss ich, mich mit ihm wieder in Verbindung zu setzen und ihn zu bitten, mir Interviews über die umstrittene Materie zu gewähren. Dass ihm diese Form der Meinungsäußerung liegt, konnte ich aus den Gesprächen schließen, die er 1974/1975 mit dem damaligen Rowohlt-Lektor und späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve geführt hat und die unter dem Titel Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome, Reinbek, 1975, erschienen sind. Harich lehnte meinen Vorschlag zunächst ab, kam dann aber, in der zweiten Januarhälfte 1989, doch noch einmal, und diesmal zustimmend, auf ihn zurück, aus Gründen, die der Leser dem ersten unserer Dialoge im vorliegenden Band entnehmen mag. Unsere Unterhaltungen haben zwischen dem 30. Januar und dem 19. Juni 1989 stattgefunden, nachdem wir uns auf die Einteilung des zu erörternden Sto s in sieben Fragenkomplexe geeinigt hatten. Aus den Tonbandmitschnitten und eigenen Notizen hat zunächst Harich das Manuskript des vorliegenden Bandes in erster Fassung zusammengestellt. Da besagter Sinn und Form-Aufsatz, wie das ganze Heft 5, 1987, in dem er S. 1018  . steht, praktisch unter Ausschluss der Ö entlichkeit erschienen ist, trugen wir keine Bedenken, einige Teile daraus, meist fast wörtlich und als Zitate kenntlich gemacht, in unser Buch zu übernehmen. Die Schlussüberarbeitung oblag mir. Ich bin mit ihr am 10. Juli 1989 fertig geworden. Eine ursprünglich geplante letzte gemeinsame Durchsicht des Manuskripts war nicht mehr möglich, weil wir andernfalls den vom Konkret-Literatur-Verlag gesetzten Lieferungstermin – spätestens am 15. Juli – nicht hätten einhalten können. So sind gewisse Disproportionen ungeglättet stehen geblieben. Die gravierendste besteht darin, dass zuerst mein Gesprächspartner mir allzu gekränkt vorkam, während später er, nachdem seine Argumente mich überzeugt hatten, meine zorniger werdende Kritik an seinen Gegnern als eine ihm unangebracht erscheinende »Verschwörungshypothese« zurückwies oder doch abzuschwächen suchte. Falls sich im Verlauf der Fahnenkorrek- 2 (AH) Neuabdr. im vorliegenden Band. 5 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k turen noch bei ihm oder bei mir Änderungswünsche inhaltliche Art einstellen, so werden wir sie in beiderseitiger Übereinkunft einander zubilligen – oder verwehren. Ich bin damit einverstanden, dass Harich das Buch Nietzsche und seine Brüder auch einem Verlag in der DDR zur Verö entlichung anbietet. Sollte er, was wir beide von Herzen wünschen, dabei Erfolg haben, so will er der DDR-Ausgabe einen Anhang beifügen, der, ohne mein Zutun, und das heißt auch: ohne Dialogform, zu einschlägigen DDR-Publikationen, darunter besonders zu den Meinungen zu einem Streit, in Heft 1, 1988, von Sinn und Form, dort geäußert von Stephan Hermlin, Rudolf Schottlaender, omas Böhme, Klaus Kändler, Gerd Irrlitz, Hans-Georg Eckardt, Stefan Richter und – abermals – Manfred Buhr sowie Heinz Pepperle, Position bezieht. Wolfgang Harich hatte eigentlich die Absicht, dieses Buch vier Persönlichkeiten zu widmen, die er als seine »Helfer in Not« bezeichnet. Es bleibt aber keine Zeit mehr, die Betre enden um Erlaubnis für dieses Vorhaben nachzusuchen. Ich darf den Herren auf diesem Wege seinen Dank dafür übermitteln, dass sie ihm ö entlich ihre Zustimmung und Solidarität bekundet haben. Es handelt sich um David Binder, einen Korrespondenten der New York Times, Professor Dr. omas Metscher von der Universität Bremen, Pfarrer Hanfried Müller, den Herausgeber der Weißenseer Blätter, Berlin (Ost), und Wolfgang Schneider, den Chefredakteur von Konkret, Hamburg. Ein fünfter Helfer, Prof. Dr. em. Rudolf Schottlaender, ist inzwischen in hohem Alter in Berlin (Ost) verstorben. Zürich, den 14. Juli 1989 I. Nietzschebrüder in der DKP Paul Falck: Herr Harich! In der DDR ist seit einigen Jahren eine Auseinandersetzung über Friedrich Nietzsche im Gange. Sie haben sich an ihr mit einem umstrittenen Beitrag beteiligt. 1987 in Sinn und Form. Inzwischen hat im April 1988 in der Bundesrepublik ein Symposium stattgefunden zu dem ema Wie muss ein marxistisches Nietzsche-Bild heute aussehen? Veranstalter war die der Deutschen Kommunistischen Partei nahestehende Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal. Sie waren nicht dabei. Hatte man Sie nicht eingeladen? Wolfgang Harich: Nein. 6 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Warum nicht? WH: Das weiß ich nicht. PF: Geleitet wurde das Symposium von Robert Steigerwald, Mitglied des Parteivorstandes und Chefredakteur des theoretischen Organs der Partei, der Marxistischen Blätter.3 Das Protokoll, unter dem Titel Bruder Nietzsche, mit einem Umfang von 202 Seiten, ist in die Schriftenreihe der Stiftung aufgenommen worden und Ende 1988 in der Edition Marxistische Blätter, Düsseldorf, gedruckt erschienen. Sie werden darin mehrmals erwähnt, teils tadelnd, teils zustimmend. WH: Nur einer stimmt mir zu: omas Metscher. Andere polemisieren gegen mich, meist indirekt, ohne mich zu nennen. PF: Ganz so verhält es sich nicht. Ein weiterer Teilnehmer zeigt sich geneigt, Ihrer kompromisslosen Ablehnung Nietzsches im Prinzip recht zu geben, verwahrt sich aber gegen die, wie er sagt, »sektiererisch eifernde Form«, in der Sie sie vorgetragen hätten. Andere erkundigen sich nach der Diskussion in der DDR und in dem Zusammenhang auch nach Ihnen. Bestünde Konsens, so brauchte nicht gestritten zu werden. Was ich bedauere, ist, dass Sie, weil Sie abwesend waren, keine Gelegenheit zur Erwiderung hatten. Dem möchte ich abhelfen, und deshalb schlug ich Ihnen neulich vor, sich zu dem Protokoll in einem Interview, das Sie mir gewähren, oder auch in mehreren, zu äußern. Sie winkten ab, haben es sich jetzt aber anders überlegt. Warum? WH: Ich hätte es vorgezogen, über die Veranstaltung, die zu umfassender Stellungnahme herausfordert, eine ganze Broschüre, eine Art Streitschrift, zu schreiben und die in demselben Verlag der DKP, der das Protokoll herausgebracht hat, zu verö entlichen. Am 3. Januar 1989 habe ich daher Steigerwald brie ich ein entsprechendes Angebot unterbreitet. Als Sie sich an mich wandten, ho te ich noch, er würde darauf positiv reagieren. Das ist leider nicht geschehen. Vor ein paar Tagen erhielt ich von ihm, in einem Schreiben, datiert vom 18. Januar, abschlägigen Bescheid. Damit ist für mich eine neue Situation entstanden. PF: Wie begründet Steigerwald seine Ablehnung? WH: Mit nanziellen Schwierigkeiten. Texte seines kleinen Verlages würden lediglich in 20 Kollektivbuchhandlungen verkauft werden. Zu Nietzsche könne die Edition Marxistische Blätter kurz nach dem einen Band nicht einen weiteren verkraften, dem dann vielleicht noch ein dritter folgen würde. Ideologische oder politische Hintergründe für diese negative Entscheidung gäbe es keine. PF: Klingt plausibel. 3 (AH) Steigerwald hat sich geäußert in dem Aufsatz: Zu Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR, Norderstedt, 2015, S. 146–158. 6 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Für mich nicht. Der Gedanke an die Eventualität eines dritten Bandes könnte der Überlegung entsprungen sein, dass ich, als Außenstehender, in einer parteiinternen Diskussion der DKP nicht das letzte Wort behalten darf. Das wäre solch ein politischer Hintergrund. PF: Mag sein. Wir wissen es nicht. Dass Ihr Argwohn unbegründet sein könnte, ist ebenso wenig auszuschließen. Kommen wir zur Sache! Wie beurteilen Sie das Wuppertaler Symposium? WH: Bei der Lektüre des Protokolls habe ich oft den Kopf schütteln müssen. Ein paar Mal raufte ich mir die Haare. Es ist nicht zu fassen: Die DKP zählt Jünger Za rathus tras zu den Ihren. Einer der Genossen will mit Nietzsche den »Kampf der großen Geister gegen die Flachköpfe« zeitgemäß fortführen. Ihn produktiv und humanistisch zu beerben, hält ein anderer für durchaus möglich. Seine Wirkung auf die Nazis, meint ein dritter, besage nicht allzu viel gegen seine heutige Wiederkehr. Ein vierter gar verlangt, den »Herrschaftsmechanismus der Moral«, der von allen bisherigen Revolutionen und revolutionären Bewegungen immer nur vervollkommnet worden sei, endlich »zu zerschlagen, zu zerbrechen« und sich dabei wenigstens der Fragestellungen Nietzsches zu bedienen. Spätestens hier habe ich mich an Tiraden des jungen Mussolini erinnert gefühlt. PF: Halten Sie ein! Sie gehen zu weit. WH: Warten Sie nur ab! Wenn Sie nichts dagegen haben, komme ich auf Mussolini noch zurück. Sie werden staunen. PF: Dem Genossen wird widersprochen. WH: Ziemlich zaghaft, schonend. Und eine Genossin p ichtet ihm bei: Mit dem Willen zur Macht ließe sich eine »mindestens funktionale Ethik« entwickeln. Die »Umwertung der Werte« sei so übel auch nicht, habe sie doch einen »starken Rückbezug« auf Antike und Renaissance. An den Rand notierte ich mir: »Eben!« Überdies behält in der betre enden Diskussionsrunde der Immoralist das letzte Wort, mit offenbar wohlwollender Duldung seitens des Referenten, dem es eigentlich zustünde. Mich regt so etwas auf. Lässt es Sie kalt? PF: Ich frage mich, ob Sie nicht untypische Einzelheiten herausgreifen. Die Veranstaltung bestand aus sechs derartigen Runden, zu denen jeweils ein oder zwei Redner die Diskussionsgrundlage lieferten. Auf mich hat das Protokoll insgesamt einen letztlich guten Eindruck gemacht. Es zeugt von gewachsenem Problembewusstsein der Linken im Fall Nietzsche, das, wie ich nde – namentlich deshalb habe ich mich an Sie gewandt –, in erheblichem Maße Ihnen zu verdanken ist. 6 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Wenn ich von Metscher absehe, an dem ich aber auch einiges auszusetzen habe, vermag ich dem nicht zuzustimmen. Im Gegenteil. Wie steht es um die Proportionen? Nur in drei der zehn Referenten sehe ich entschiedenen Nietzsche-Gegner: In Steigerwald, in Metscher und in Joachim Kahl. Bei Berücksichtigung der ausländischen Gäste kommt vielleicht ein vierter, András Gedö aus Ungarn, noch hinzu. Zähle ich ihn mit, dann muss ich, einschränkend, bereits von »mehr oder weniger entschiedenen Gegnern« sprechen. Und deren Ausführungen füllen zusammen 41 Seiten. PF: Immerhin hält Steigerwald außer seinem Referat das Schlusswort. WH: Dann sind es 44 Seiten, meinetwegen. PF: Die Bedeutung der letzten drei Seiten quantitativ zu messen, ist inadäquat. WH: Inwiefern das Schlusswort mich qualitativ nicht voll zufrieden stellt, werde ich zeigen. Wie dem auch sei, mit Werner Jung, mit Lars Lambrecht, der am längsten redet, und mit dem Gast aus Dänemark, Jörgen Kjaer, stehen den Gegnern drei Verteidiger, um nicht zu sagen Anhänger Nietzsches gegenüber. Deren Referate nehmen ebenfalls 41 Seiten in Anspruch. Eine bedenkliche Parität, hält man sich vor Augen, dass es um Selbstverständigung unter Kommunisten geht. PF: Wieso zögern Sie, Hans-Jörg Sandkühler, Hans Heinz Holz und den Gast aus der DDR, Manfred Buhr, zu erwähnen? Zählen Sie die etwa nicht zu den Nietzsche-Gegnern? WH: Nicht ohne Abstriche. Zu den entschiedenen auf keinem Fall. Im Jubiläumsjahr des Bastille-Sturms darf ich auf Nachsicht ho en, wenn ich unterhalb der »Montagne«, das heißt zwischen Anhängern und Gegnern, noch einen »Sumpf« ausmache, auf ungefähr 36 Seiten. In ihn ist Sandkühler aus halbwegs respektablem Grund geraten: Nachdem er sich nie für Nietzsche interessiert hat, will er jetzt nichts Unfundiertes von sich geben und behandelt deswegen, in einem einleitenden Plädoyer für Rationalität, ein allgemeineres ema von prinzipieller Bedeutung. PF: Ein heute zentrales ema. Vernunftkritik ist Mode und gilt für links. WH: Darauf, sein Plädoyer konkretisierend auf Nietzsche zu beziehen, verzichtet Sandkühler. Alles spricht dafür, dass er mit dieser Materie wenig vertraut ist. Bei Buhr, der sie ebenfalls kaum kennt, dem solche Skrupel jedoch fern liegen, und vor allem bei Holz, den sie seit langem fesselt, der sich intensiv mit ihr befasst hat, sind andere Motive im Spiel. PF: Auf mutmaßliche Motive sollten wir erst später eingehen, wenn überhaupt. Jedenfalls nicht vor sachlicher Prüfung des Inhalts der von Ihnen so geringschätzig beurteilten Darlegungen der Genannten. WH: Einverstanden. 6 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Wie stellt sich für Sie das Kräfteverhältnis in den sechs Diskussionen dar? WH: Noch ungünstiger als bei den Referaten: 25 Seiten für Nietzsche, 14 Seiten gegen ihn, 8 Seiten »Sumpf«. Eine besorgniserregende Bilanz. PF: Nach meinen Eindrücken ist Ihr Urteil überspitzt. Doch gesetzt, Sie hätten recht. Bestünde dann eine Chance, die Lage zum Besseren zu verändern? WH: In einer kommunistischen Partei muss es diese Chance doch wohl geben. Wo sonst? Ob sie wahrgenommen wird, hängt davon ab, wie weit es den entschiedenen Nietzsche-Gegnern, über die die Partei verfügt, gelingt, in die O ensive zu gehen. Schwer fallen dürfte ihnen dies, falls sie nicht als erstes bestimmte Schwächen der eigenen Position erkennen und überwinden. PF: Was meinen Sie? Welche Art Schwächen? WH: Die ungeheure, akute Gefährlichkeit der derzeitigen Nietzsche-Renaissance wird o ensichtlich auch von denen, die in Wuppertal dazu beitragen wollten, sie abzuwehren, noch unterschätzt. Aus doppeltem Grund: Beim Blick zurück, in die Vergangenheit, erscheint der historische Abstand zwischen Nietzsche und dem Faschismus ihnen größer, als er tatsächlich war. Und wo es sich um Gegenwart und Zukunft handelt, da zögern sie, das sich abzeichnende Wiedererwachen des Faschismus mit in Betracht zu ziehen, das angesichts der globalen Herausforderungen unserer Zeit Gefahren, entsetzlicher denn je, in sich birgt. In Folge dessen war schon die thematische Disposition des Symposiums verfehlt. So begrüßenswert Sandkühlers Plädoyer für Rationalität an sich ist, als Auftakt steckte es einen unangemessenen Rahmen ab. PF: Wir erleben das Ansteigen einer neuen Welle des Irrationalismus. WH: Sicher. Und Nietzsche ist Irrationalist, gewiss. Aber seine Hinterlassenschaft weist außerdem Aspekte auf, die um Vieles bedrohlicher sind, sowohl erfahrungsgemäß als auch im Kontext weltweiter aktueller Probleme. PF: Und das zweite Referat, das Gedö zum ema Marx oder Nietzsche hielt? WH: Seine Platzierung tri t ein analoger Einwand. Natürlich betont Gedö zu Recht, dass man sich nicht sowohl zu Marx als auch zu Nietzsche, sondern logischerweise nur entweder zu dem einen oder zu dem anderen bekennen kann. Mit gutem Grund weist er das Ansinnen, zwischen beiden eine Synthese herzustellen, zurück. Aber muss nicht ebenso gut eine Wahl getro en werden zwischen Marx oder Berkeley, Marx oder Kant, Marx oder Mach oder Carnap oder Popper usw.? Es heißt Nietzsche verharmlosen, rückt man ihn auf die Ebene dieser Alternativen. Die Entscheidung zwischen ihm und Marx hat eine gänzlich andere Dimension. Wie exorbitant, wie singulär die ist, erhellt daraus, dass zu den Vertretern der Marx-Nietzsche-Synthese der frühe Mussolini gehört, auf den Gedö mit keinem Wort eingeht. 6 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Schon wieder Mussolini. Er scheint Sie sehr zu beschäftigen. Wollen Sie über ihn nicht jetzt gleich ein paar sachdienliche Informationen beisteuern? WH: Etwas später. Fürs erste dürfte der bloße Hinweis genügen. Er reicht aus, um den Vorwurf der Bagatellisierung zu unterstreichen, und nur darauf kommt es im Augenblick an. PF: Sie sind also der Ansicht, es hätten andere emen im Mittelpunkt des Symposiums stehen müssen. WH: Ja, gewichtigere: Die Gefahr eines dritten, mit ABC-Wa en geführten Weltkrieges, die Verelendung der Dritten Welt, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen der Gesellschaft, die Aids-Epidemie und so fort, all das verknüpft mit der Frage »Was tun?«, unter wachsamer Beachtung der neofaschistischen Aktivitäten und, von daher, beurteilt im Licht unserer geschichtlichen Erfahrungen, der zwei Weltkriege, die hinter uns liegen, des Faschismus, der den zweiten, schrecklicheren Krieg herauf be schwor und auslöste. PF: Versuchen wir, von dem Versäumten etwas wettzumachen! Und fangen wir bei den Globalproblemen an! Von denen sind wir Heutigen am meisten betro en. Der nächsten Generation werden sie noch mehr zu scha en machen. Die Frage des Faschismus ist demgegenüber, soweit ich sehe, bei den Teilnehmern des Wuppertaler Symposiums überwiegend geklärt. Am besten setzen wir den letzteren Punkt als zweiten auf die Tagesordnung unseres Gesprächs, um bei der Gelegenheit dann auch Lücken auszufüllen, wie Sie sie bei Gedö und, möglicherweise, noch bei weiteren Rednern entdeckt zu haben glauben. WH: Ich bezwei e, dass die von Ihnen empfohlene Reihenfolge die richtige ist. Wir schreiben heute den 30. Januar 1989. Hitlers Machtergreifung hat sich vor 56 Jahren ereignet, in Berlin. Und was ist gestern in Berlin geschehen? In Westberlin? Mit dem Wahlerfolg der »Republikaner«? Die Nietzsche-Renaissance ist dem vorausgegangen, und sie geht weiter und desorientiert wieder Intellektuelle, die links zu stehen wähnen, diesmal bis hinein in die Reihen der kommunistischen Partei. Was aber die Globalprobleme betri t, so muss jedes Bestreben, sie mit Strategien zu bewältigen, die der Vernunft und der Humanität Genüge leisten, darauf gefasst sein, von vernunftwidrigen, menschenfeindlichen Gegenstrategien durchkreuzt zu werden. Diese anzutreiben, wäre Nietzsches Philosophie in höchstem Maße geeignet. Sich der geschichtlichen Erfahrung mit ihr zu versichern, ist also für global orientiertes Denken und Handeln, wenn es von nicht zu beirrendem Verantwortungsbewusstsein getragen sein soll, unerlässlich. PF: Aber hat es an der Unterrichtung über Nietzsches Rolle als geistiger Wegbereiter des Faschismus in Wuppertal gefehlt? Ich dächte, nein. Besonders Buhr stellt unmiss- 6 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k verständlich klar, dass aus Nietzsches Wirkungsgeschichte die faschistische Ideologie nicht hinwegdiskutiert werden kann, dass es für Marxisten keine Veranlassung gibt, das Grundsätzliche an ihrem antifaschistischen Nietzsche-Bild zurückzunehmen, dass dessen Preisgabe ihrer antifaschistische Tradition untergraben würde. WH: Solche allgemein gehaltenen Deklarationen nützen wenig, selbst wenn sie in vier verschiedenen Zeitschriften abgedruckt werden. PF: Bleiben Sie sachlich! WH: Buhr kann damit in der DDR ihm unterstellten Kadern eine Art Weisung geben. In Wuppertal ist ihm, von Lambrecht, entgegengehalten worden, es sei »methodisch äußerst fragwürdig, aus der Tatsache, dass Nietzsche während des Nationalsozialismus gewirkt hätte, auf seine Wirkung heute zu schließen«; die brauche kein »Wiederau eben einer vergangenen oder überholten Ideologie« zu bedeuten. Was weiß Buhr darauf zu erwidern? Nichts. PF: Er erwidert durchaus, indem er nämlich daran erinnert, dass ein führender Philosoph der Nazis, Alfred Bäumler, bei seiner Nietzsche-Deutung die posthume Kompilation Der Wille zur Macht … WH: Es handelt sich um drei Kompilationen. PF: … dass Bäumler die eine davon, die dritte wohl, von 1911, wie einen authentischen Text benutzt hat, woraus Buhr folgert: »deshalb muss, wer von Nietzsche redet, den Faschismus mitdenken.« WH: Wen soll das überzeugen? Es ist eine Philologenlappalie, und in der Regel p egt aus ihr der entgegengesetzte Schluss gezogen zu werden. PF: Wie würden denn Sie antworten? WH: Konkreter, mehr aufs Wesentliche zielend, etwa so: Nietzsche rät, alle körperlich und geistig »Missratenen« zu vertilgen. Die Nazis haben das, unter Berufung auf von ihm ersonnene Rechtfertigungen, getan. In der Welt von heute, in der Terror zur Tagesordnung gehört, macht die Nietzsche-Renaissance es – vorsichtig ausgedrückt – denkbar, dass man über kurz oder lang mit Aids-In zierten in gleicher Weise verfahren wird. Dem Gesundheitsminister einer Regierung Schönhuber wäre es zuzutrauen. Das – zum Beispiel – ist einer, nicht der einzige der vielen Gründe, aus denen, sobald von Nietzsche die Rede ist, warnend die Erinnerung an den Faschismus wachgerufen werden muss. PF: Und mit diesem bestimmten Grund wären wir eo ipso bei einem Globalproblem. Sie haben recht. Gehen wir in der Reihenfolge vor, die Sie für zweckmäßig erachten! WH: Eines möchte ich kurz vorausschicken. Buhrs abstrakte esen über die Beziehung des Faschismus zu Nietzsche ziehe ich, so wenig mit ihnen anzufangen ist, immer 6 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er noch einer mir äußerst suspekten Wendung in dem – sonst niveauvolleren – Beitrag Gedös vor, dort, wo Karl Löwith zugestanden wird, dass er »ein Gegenstück zum faschistischen In-Anspruch-Nehmen-Nietzsches« habe scha en wollen. Als ob die Faschisten mit Nietzsche Missbrauch getrieben hätten. PF: Ist es verkehrt, Ihnen dies vorzuwerfen? WH: Von Missbrauch kann hier keine Rede sein. Nietzsche hat die Ideologie, deren sie bedurften, die ihren Schandtaten ein gutes Gewissen machte, für sie hergestellt. PF: Steigerwald meint, Nietzsche sei von ihnen missbraucht worden, Fichte auch, und fügt hinzu, das sei nicht dasselbe. »Die Nazis mussten Fichte Gewalt antun, sie brauchten Nietzsche keine Gewalt anzutun. Das ist ein Unterschied.« Sind Sie damit zufrieden? WH: Nein. Wenn Sie ihm keine Gewalt antaten, haben sie ihn auch nicht missbraucht, sondern haben von ihm Gebrauch gemacht. Steigerwald widerspricht sich hier. PF: Nur befürchte ich, Sie werden mit ihm auch sonst nicht in allem konform gehen, Sie spielten auf die Schwäche an, die darin liege, zwischen Nietzsche und dem Faschismus einen zu großen historischen Abstand anzunehmen. Haben Sie dabei an gewisse Formulierungen Steigerwalds gedacht? WH: An eine ganz bestimmte Formulierung, die sogar zweimal bei ihm auftaucht, einmal in seinem Referat Die Wahrheitskonzeption im Werk von Friedrich Nietzsche, einer Arbeit, die ich sonst hervorragend nde, und nochmals im Schlusswort. Wir sollten mit dieser Formulierung beginnen. II. Der Faschismus und Nietzsche PF: Die Stelle, von der wir ausgehen wollen, lautet: »Nietzsche war der Stammvater der gesamten spätbürgerlich dekadenten Philosophie. Als solcher hat er auch auf den Faschismus gewirkt. Aber eine vordergründig ache Annäherung von Nietzsche an die Nazis ist unhistorisch. Der Faschismus tritt erst in gesellschaftlichen Zusammenhängen auf, die es zur Zeit Nietzsches noch nicht gab: Der allgemeinen Krise des Kapitalismus, der staatsmonopolistischen Entwicklung des Imperialismus. Die ese, Nietzsche sei ein geistiger Wegbereiter des Faschismus, ist nicht falsch, was sie sagt, stimmt, nur sagt sie eben nicht alles.« So steht es in Steigerwalds Referat, und wörtlich wiederholt er es in seinem Schlusswort. Was haben Sie daran zu bemängeln? WH: Zunächst würde ich Nietzsche nicht den, sondern nur einen »Stammvater« spätbürgerlich dekadenter Philosophie nennen, einen neben anderen, würde dafür 6 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k jedoch behaupten, dass er der geistige Wegbereiter des Faschismus gewesen ist, jedenfalls der im internationalen Maßstab wichtigste, hauptsächlichste und der bei weitem gefährlichste. PF: Das heißt, Sie messen seiner philosophiehistorischen Wirkung geringere Bedeutung bei als seinem Ein uss auf die Politik. WH: Sein direkter, nicht erst durch Philosophie vermittelter Ein uss auf die faschistische Variante imperialistischer Politik und auf die sie vorbereitende, begleitende, artikulierende politische Ideologie war viel belangvoller. PF: Und im Hinblick darauf wollten wir das Problem des historischen Abstand zwischen Nietzsche und dem Faschismus erörtern. Dieser Abstand stelle sich, meinten Sie, manchen Marxisten – und so auch Steigerwald – größer dar, als er war. Inwiefern? WH: Was Steigerwald hierzu ausführt, ist schon methodisch unhaltbar. Er geht von der irrigen Vorstellung aus, dass der ideologische Überbau einer Gesellschaft stets im ganzen unmittelbar und ad hoc von seiner historisch-sozialen, in letzter Instanz ökonomischen Basis hervorgebracht werde. In Wahrheit gleicht dieser Überbau einem Filter, der, gewissermaßen stochastisch, aus vorgefundenem Gedankenmaterial all das heraussaugt, was, unter den Bedingungen der gegebenen Basis, den Interessen der herrschenden Klasse jeweils dienlich ist. PF: Wann und unter welchen Umständen das Gedankenmaterial entstanden ist, wäre demnach irrelevant. Oder? WH: Die Genesis der Gedanken kann – und wird in der Regel – der betre enden Gegenwart angehören. Sie kann aber auch in eine nahe oder ferne Vergangenheit zurückreichen. Und Gedanken, bei denen dies der Fall ist, p egen, neben dem Nachteil temporärer Inadäquatheit von Einzelheiten, den Vorzug aufzuweisen, nicht auf allzu spezielle Bedürfnisse eines allzu ephemeren Zustandes, der so weder je da gewesen ist noch sich so jemals wiederholen wird, xiert zu sein. Wobei auf weite Sicht der Vorzug die Nachteile überwiegt. PF: Als Eignung für so genannte Renaissancen. WH: Die heutige Nietzsche-Renaissance beweist es, wieder einmal. PF: Betrachten Sie die einst verzögerte Wirkung Schopenhauers4 ebenfalls als ein Beispiel, das Ihre Ansicht bestätigt und diejenige Steigerwalds widerlegt. 4 (AH) Mit der Wirkung Schopenhauers, mit dessen verspätet einsetzender Rezeption beschäftigte sich Harich seit den frühen fünfziger Jahren, damals zuvorderst im Zusammenhang der Hegel-Rezeption des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Überlegungen sind eines der kontinuierlichen Momente seines Denkens. Die entsprechenden Hinweise nden sich in seinen Vorlesungen (Band 6.1 und 6.2), im Rahmen seiner Beschäftigung mit Hegel (Band 5) und in dem Austausch mit Georg Lukács (Band 9). Verwiesen sei 6 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Unbedingt. Die ein ussreichste Philosophie der auf die Revolutionsniederlage von 1848/1849 folgenden Reaktionsperiode ist von Schopenhauer ausgearbeitet worden in einem Werk, das schon drei Jahrzehnte vor der Revolution gedruckt vorlag. Und fast bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hat die Resonanz dieser Philosophie sich kaum vermindert. Weshalb es unsinnig wäre, deren »Annäherung« etwa an den omas Buddenbrook des Spätsommers 1874 als vordergründig, ach und unhistorisch abzutun. Aber das ist nicht alles. Überlegen Sie doch nur, wann, in den Zusammenhängen welcher Gesellschaftsformationen das Paulinische Christentum entstanden ist, und Sie werden zugeben, dass der Beziehung zwischen sozialen Konstellationen und den Ideen, die ihnen vorarbeiten, die in ihnen zur Wirksamkeit gelangen, mit der Steigerwaldschen Stoppuhr schwerlich beizukommen ist. PF: August alheimer hat 1930 eine eorie vorgelegt, die den Faschismus zur bonapartistischen Diktatur des 19. Jahrhunderts in Analogie bringt. Kommunisten lehnen sie als ober ächlich ab und stellen ihr die von Georgi Dimitro stammende De nition gegenüber: »O ene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«. Vielleicht geht es Steigerwald darum, ein ideengeschichtliches Pendant zu alheimers Bonapartismus- ese zu vermeiden. WH: Meine Au assung des ideologischen Überbaus würde davon nicht berührt werden. PF: Akzeptieren Sie die Dimitro sche De nition? WH: Für den Faschismus an der Macht. Die faschistische Bewegung freilich, die zur Macht ja nicht zu gelangen braucht, der es verwehrt bleiben kann, eine terroristische Diktatur zu errichten, ist davon zu unterscheiden. Und die faschistische Ideologie stellt wieder eine Sache für sich dar. Die drei Begri e gehen, wie die Realitäten, die sie widerspiegeln, ineinander über, ohne einfach identisch zu sein. PF: Lassen Sie für die faschistische Bewegung die von Steigerwald genannte historische Voraussetzung gelten? Räumen Sie ein, dass sie an die allgemeine Krise des Kapitalismus gebunden ist, also erst vom Ersten Weltkrieg und den russischen Revolutionen des Jahres 1917 an entstanden sein kann? WH: Ja, wenn ich von ihrem nächsten, verwandtesten Vorläufer, der Action Française, einmal absehe. Der eigentliche Faschismus hat sich erst in jenen Kämpfen zwischen Revolution und Konterrevolution formiert – und formieren können –, die ab 1917 auch auf die von Harich veranstaltete Edition: Hrsg: Arthur Schopenhauer, Berlin, 1953. (Der Band enthielt Texte zu Schopenhauer von Rudolf Haym, Karl Kautsky, Franz Mehring, Georg Lukács.) 6 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k fast ganz Europa erfassten und bis Ende 1923 anhielten. Der Begründer der Bewegung war, 1919, Benito Mussolini. Unter seiner Führung haben Faschisten zum ersten Mal 1922, in Italien, die Macht erobert. Den Ausgang der nächsten revolutionären Situation, zu Beginn der dreißiger Jahre, entschieden sie unter Adolf Hitlers Führung in Deutschland zu Gunsten der reaktionärsten Teile des Finanzkapitals – mit den nie zu vergessenden himmelschreienden Konsequenzen. Weitere faschistische Varianten nebst ihren Besonderheiten in anderen Ländern sollten wir der Kürze und Einfachheit halber ausklammern. Mussolini und das Quadrumvirat während des Marsches auf Rom am 28. Oktober 1922 PF: Gut, dass Sie das sagen. Andernfalls müssten wir jetzt nämlich in eine Diskussion darüber eintreten, ob nicht vielmehr das Horthy-Regime in Ungarn, nach der Niederschlagung der Räterepublik, die erste faschistische Diktatur gewesen ist oder ob es sich hierbei um eine, wie manche Forscher es nennen, »neureaktionäre« Militärdiktatur gehandelt hat, die Organisationen strikt faschistischen Typs erst »von oben«, nachträglich ins Leben rief, um sich mit ihrer Hilfe eine Massenbasis zu scha en: Gömbös’ »Partei der Rassenschützer«, später Szálasis Pfeilkreuzler-Partei. 7 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Kabinett Szálasi, 1944–1945 WH: Es drängen sich zahlreiche derartige Fragen auf, geeignet, uns von unserem ema weit fortzuführen. Wenden wir uns zurück zu Dimitro , der schon 1928 von bestimmten Besonderheiten der faschistischen Regime in Südosteuropa gesprochen hat! Sie nötigen dazu, seine De nition abzuwandeln. PF: Und was ist das generell Wesentliche an der faschistischen Bewegung? WH: Dass sie, politisch und meist auch militärisch organisiert, brutal und fanatisch ohnegleichen, in O ensive und Defensive beispiellos aggressiv, die Arbeiterbewegung in allen ihren Richtungen, den revolutionären und auch den reformistischen, Kommunisten wie Sozialdemokraten, bekämpft mit dem Ziel, sie zu vernichten; wohlgemerkt: Sie nicht bloß zu unterdrücken, sondern zu vernichten, auszulöschen, und das für immer. Alle sonstigen Merkmale leiten sich daraus ab: Das Streben nach der terroristischen Diktatur als dem Instrument der Vernichtung, die pseudorevolutionäre De mago gie, die das Ziel rechtfertigen und es zugleich maskieren soll, die Liquidation sittlicher Werte und humaner Überlieferungen, von denen zu befürchten steht, sie könnten die Bereitschaft zum Terror hemmen, und anderes mehr. PF: Demnach beruht die A nität der Faschisten zu Nietzsche darauf, dass schon er der Arbeiterbewegung und dem Sozialismus bis zur Feindseligkeit ablehnend gegenüber gestanden hat. WH: So ist es. Bis zu tödlicher Feindseligkeit. 7 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Da erhebt sich für mich die Frage: Muss deswegen bereits Nietzsche selbst faschistisch eingestellt gewesen sein oder, meinethalben, präfaschistisch, faschistoid, wie immer Sie es nennen wollen? WH: Dass der Sprachgebrauch seiner Zeit diese Termini noch nicht gekannt hat, versteht sich am Rande. Worauf es ankommt, sind die Inhalte seiner politischen Philosophie. PF: Seine einschlägigen Äußerungen kenne ich zur Genüge. Der Sozialismus gilt Nietzsche als »die zu Ende gedachte Tyrannei der Geringsten und Dümmsten, d. h. der Ober ächlichen, Neidischen und der Dreiviertel-Schauspieler«. Am besten hasse er, so hat er erklärt, unter dem »Gesindel von heute« das »Sozialistengesindel, die Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeitsgefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben – die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren«. Ähnlich lautende Stellen sind zahllos bei ihm. Indes Franz Mehring weist, in einem Aufsatz von 1896, nach, dass Nietzsche seine negative Bewertung des Sozialismus aus politisch und sozial reaktionären Schriften schöpft, die aus den fünfziger bzw. den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts stammen, wie die Pamphlete Heinrich Leos und Heinrich von Treitschkes, dass insonderheit Treitschke von ihm geradezu geplündert wird. Wie entgehen Sie der Konsequenz, diese älteren Historiker – der eine ist 1799, der andere 1834 geboren worden – gleichfalls als Präfaschisten zu etikettieren? Und wenn Mehring 1898 Nietzsche vorwirft, von der modernen Arbeiterbewegung nicht mehr aufgefasst zu haben als »die allerlandläu gsten und allerplattesten Vorurteile des Spießers, wie sie der Probereiter an der Wirtstafel von Posemuckel oder Herr Eugen Richter in der Freisinnigen Zeitung vorträgt«, dann läge es in der Logik Ihrer Argumentation, sogar auch einen linksliberalen Opponenten Bismarcks, eben Richter, zum Präfaschisten zu stempeln. Mir scheint, Steigerwald will einer solch uferlosen Ausweitung des Faschismusbegri s, weil sie wenig zur Klärung beitrüge, vorbeugen. WH: Mit Mehring beginnt die marxistische Kritik an Nietzsche. Er hat sich um sie sehr verdient gemacht. Seine Beiträge hierzu sind allerdings nicht frei von Fehlern.5 So ndet man bei ihm die Illusion, für »junge Leute von hervorragendem literarischen 5 (AH) Harich schätzte Mehring hoch, folgte aber dem üblichen Umgang des Marxismus, vor allem dem Ansatz von Georg Lukács, bei dessen Beurteilung. Oft wurde Mehring als Pionier und wichtiger Denker gewürdigt, gleichzeitig aber immer seine Fehler und Fehlein schätzungen betont. Exemplarisch kann das methodische Vorgehen von Harich studiert werden in dessen Einleitung zu seiner sechsbändigen Heine-Ausgabe (Berlin, 1951), der er zwar Mehrings Aufsatz über Heinrich Heine (Band 1, S. 21–72) als Einleitung voranstellte, in seinen eigenen Ausführungen (Heinrich Heines Werke, neu abgedr. in: Band 5, S. 326–358) aber der Darstellung der Fehler Mehrings den meisten Platz einräumte. 7 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Talent« sei Nietzsche »nur ein Durchgangspunkt zum Sozialismus«. Ebenso irrt er bei seiner Einschätzung des ersten Stücks der Unzeitgemäßen Betrachtungen. Seine Annahme, dass darin gegen den »Bildungsphilister« David Friedrich Strauß »die glorreichsten Überlieferungen deutscher Kultur« verteidigt würden, stellt eine Absurdität ersten Ranges dar. Am Gravierendsten aber ist der Mangel, dass Mehring, obwohl nahezu gleichaltriger Zeitgenosse, es versäumt, Nietzsches von panischer Angst getriebenen Hass auf die Arbeiterbewegung vor seinem historischen Hintergrund zu sehen: Im Kontext mit der Pariser Kommune von 1871 und mit der später, während der achtziger Jahre, in der Illegalität unablässig erstarkenden deutschen Sozialdemokratie. PF: Glauben Sie im Ernst, nur Nietzsche sei durch diese Zeitereignisse damals in Schrecken versetzt worden? Was die Kommune anlangt, so bezieht sich auf die gerade in D. F. Strauß‹ Schrift Der alte und der neue Glaube, im Abschnitt 83, Der vierte Stand und die Arbeiterfrage, eine von Furcht und Gehässigkeit eingegebene Sentenz. WH: Nur Nietzsche, einzig und allein er, kein anderer, hat auf die Pariser Kommune mit dem Ruf nach Rückkehr zur Sklaverei reagiert. Sieben Jahrzehnte danach ist diese Saat aufgegangen: Im Überfall Hitlerdeutschlands und seiner durchweg faschistisch regierten Verbündeten auf die Sowjetunion. Da haben Sie den letzten, den entscheidenden Inhalt, die strategische Substanz der faschistischen Ideologie. Nur Nietzsche auch, kein anderer, hat aus sich steigerndem Entsetzen über die Vergeblichkeit des Sozialistengesetzes es fertig gebracht. Bismarck in dessen konservativster Phase, nach seinem Bruch mit den Nationalliberalen, nicht bloß von rechts zu kritisieren, als zu inkonsequent, zu unentschlossen, sondern diese Opponentenrolle auch noch mit der Attitüde radikalen Rebellentums auszustatten. Da haben Sie, zusätzlich zum extrem reaktionären Inhalt, auch noch den für alle Faschisten typischen Gestus, deren stets trügerische Prätention, die pseudorevolutionäre Maskerade, die sie aufzuführen p egen. PF: Wie sah die Maskerade später aus? Doch ganz anders. Die Hitlerfaschisten haben ihre Partei eine »nationalsozialistische« der deutschen Arbeiter genannt, haben ihr Hakenkreuz im weißen Kreis in die rote Fahne gep anzt. WH: Schon vorher kleideten die italienischen Faschisten sich in das Schwarz des Anarchosyndikalismus. PF: Was, wie ich annehme, auf derselben Linie lag. Beides gehörte zum Zubehör sozialdemagogischer Massenbewegungen. Wird der elitäre Grundzug von Nietzsches Philosophie nicht verkannt, wenn man sie damit in Verbindung bringt? WH: Selbstredend blieb es die Sorge der politisch taktierenden Jünger, den allgemeinen Rahmen seiner geistreichen Pseudoradikalität gezielt, gemäß der jeweils konkreten Lage, mit ganz bestimmter Demagogie, vorab mit sozialer im populistischen Sinn, 7 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k auszufüllen. Gleichwohl hat nicht die Camou age der Faschisten diesen Rahmen erst gescha en. Von Nietzsche ist er für sie bereitgestellt, ist er ihnen geliefert worden, und der elitäre Wahn dazu. Blieb der ihnen etwa fremd? Denken Sie an die SS, an die Ordensburgen, an die Cäsarengeste der Diktatoren, an das Führerprinzip! PF: Ein Widerspruch. WH: In der Tat. Aber was erwarten Sie angesichts Nietzsches Maxime: »Nichts ist wahr, alles ist erlaubt«? Mit der Logik hapert es doch erst recht, wenn Vorkämpfer nordischer Rassenreinheit im Bündnis mit den Japanern gegen die Engländer Krieg führen und Norwegen und Dänemark besetzt halten. PF: An dem, was Sie sagen, ist sicher viel Wahres. Gewagt bleibt dennoch der Bogen, den Sie zwischen 1871 und 1941 spannen. Können Sie hier Ihre Konstruktion auf gesicherte Fakten stützen? WH: Um die Fakten in chronologischer Anordnung vorzuweisen, müsste ich jetzt auf den jungen Mussolini zu sprechen kommen, auf dessen Nietzscheanertum. Ich möchte Sie aber vorher noch auf die Singularität des von Hitler angeführten Kriegs der europäischen faschistischen Mächte gegen die Sowjetunion aufmerksam machen. Sie steht in nichts der von Auschwitz nach. Mehr noch: Auschwitz war ein Teil dieses umfassenden Anschlags auf die Menschheit und ist allein aus dessen Gesamtzusammenhang zu erklären. Hören Sie General Halders Tagebuchnotiz über die Rede an, die Hitler am 30. März 1941 vor 250 hohen Wehrmachtso zieren gehalten hat: »Unserer Aufgabe gegenüber Russland: Armee zerschlagen, Staat au ösen. (…) Kampf zweier Weltanschauungen gegeneinander. Vernichtendes Urteil über Bolschewismus. Ist gleich asoziales Verbrechertum. Kommunismus ungeheure Gefahr für die Zukunft. Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf. (…) Der Kampf muss geführt werden gegen das Gift der Zersetzung. Das ist keine Frage der Kriegsgerichte. Die Führer der Truppe müssen wissen, worum es geht. Sie müssen in dem Kampf führen. (…) Der Kampf wird sich sehr unterscheiden vom Kampf im Westen. Im Osten ist Härte mild für die Zukunft. Die Führer müssen von sich das Opfer verlangen, ihre Bedenken zu überwinden.« Dem entsprach dann der Kommissarsbefehl. Hitler und Mussolini, München, 1940 7 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Dem entsprachen die Massaker der Einsatzgruppen. Und wie sah das Kriegsziel aus? Selbst der bürgerliche Hitlerbiograph Joachim C. Fest, darauf bedacht, den Klassencharakter des Faschismus möglichst zu verschleiern, kann nicht umhin, zuzugeben: »Es war einerseits ein Weltanschauungskrieg gegen den Kommunismus, und manche Kreuzzugsstimmung trug den Angri mit; andererseits aber und in sicherlich nicht geringem Maße war es ein kolonialer Eroberungskrieg im Stil des 19. Jahrhunderts, gerichtet freilich gegen eine der traditionellen europäischen Großmächte und bestimmt von dem Ziel, sie auszulöschen.« Der Versuch misslang. Um welchen Preis? 27 Millionen Sowjetbürger verloren ihr Leben. Von unvorstellbarer Verwüstung wurde ihr Land heimgesucht. PF: Es war furchtbar. Ich weiß das. Sie sagen mir nichts Neues. Wie wollen Sie aber beweisen, dass in diesem Krieg die Saat Nietzsches aufgegangen sei? WH: Die Saat seines extremen Reagierens auf die Pariser Kommune ging da auf, die Saat seiner von 1871 datierenden, fortgesetzten, unüberhörbaren Appelle an die Herrschenden, die Sklaverei wieder einzuführen. Unleugbar ist von den Faschisten die Bevölkerung der besetzten Gebiete im Osten tatsächlich versklavt worden, und Versklavung wäre das Los aller Sowjetmenschen, soweit sie überlebt hätten, im Falle von Hitlers Sieg geblieben. Sklaven waren die nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter. Sklavenstatus hatten schon davor, seit 1933, die Insassen der Konzentrationslager, allen voran die Kommunisten. PF: Kommen Sie zum Punkt! Ist die Politik, die diesen Rückfall bewusst herbeigeführt hat, nachweisbar durch Nietzsche inspiriert worden? WH: Mit dem Überfall auf die Sowjetunion tat Hitler 1941 den letzten Schritt zur Verwirklichung eines Plans, den er Anfang 1923 gefasst, dann ein Jahr lang überprüft und durchdacht und schließlich im 4. Kapitel von Mein Kampf programmatisch dargelegt hatte. PF: Beeindruckt, so weit mir bekannt, von Haushofers Geopolitik, vom Gedanken des »Volks ohne Raum«. WH: Diese Komponente des Plans war einer anderweitigen Spekulation, in die sie sich gut einfügte, untergeordnet. Hitler hielt die Eroberung des Territoriums der Sowjet uni on, die koloniale Versklavung der dort ansässigen Völker deswegen für aussichtsreich, weil er darauf baute, dass ein Krieg, geführt zu diesem Zweck, im Antikommunismus der Weltbourgeoisie Rückhalt nden werde, zumal ja deren Kolonialreiche, in Afrika und Asien, vorerst dabei unangetastet bleiben konnten. Die Vernichtung der Arbeiterbewegung und ihrer Bastion war somit der Kern des Plans. PF: Steht das so auch bei Fest? 7 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Ungern, in gewundenen Formulierungen räumt er es ein. PF: Und verweist auch er in dem Zusammenhang auf Nietzsche? WH: Nietzsche steht bei Fest, obwohl der für ihn eine Vorliebe hegt und seine Relevanz für den Faschismus eher herunterzuspielen, ja, zu leugnen sucht, an der Spitze der Autoren, die Hitler während der Entstehung von Mein Kampf, zur Zeit seiner Festungshaft in Landsberg am Lech, gelesen hat. Die Information stammt von einem prominenten Spießgesellen Hitlers, seinem langjährigen Rechtsanwalt, von Hans Frank, dem in Nürnberg hingerichteten Generalgouverneur Polens. PF: Der Name Nietzsche kommt in Mein Kampf, soviel ich weiß, nicht vor. WH: Hitler hat, laut Fest, »mit der immerwachen Sorge des Autodidakten vor dem Verdacht geistiger Abhängigkeiten, überaus selten von Büchern und bevorzugten Autoren gesprochen. (…) Immer vermied er Zitate und erweckte auf diese Weise zugleich den Eindruck originärer Erkenntnisse.« Wie enorm der Ein uss Nietzsches auf Hitler war, ist den von Ernst Sandvoss durchgeführten Textvergleichen zu entnehmen. PF: Ein für meine Begri e problematischer Gewährsmann. WH: Fragt sich, in welcher Hinsicht. PF: Vielleicht kommen wir darauf noch zurück. Mich interessiert im Moment etwas anderes: Wann taucht bei Hitler erstmals erweisbar der Vorsatz auf, die Arbeiterbewegung zu vernichten? WH: 1922, Ende Oktober, in einer internen Denkschrift, die er zu diesem Zeitpunkt über den Ausbau der NSDAP verfasst hat. Er betont darin, unter stillschweigender Verleugnung des harmloseren, von Gottfried Feder herrührenden Parteiprogramms, die Notwendigkeit einer Bewegung, die »mit rücksichtslosester Kraft und brutalster Entschlossenheit« sowie mit einer »unvergleichlichen, genial aufgezogenen Pro pa ganda or ganisation« die »Vernichtung und Ausrottung des Marxismus« betreibt. Unter dem Begri »der Marxismus« p egten die Faschisten die kommunistische, die sozialdemokratische und die Gewerkschaftsbewegung zusammenzufassen. PF: Die Denkschrift ist über ein Jahr vor der Inhaftierung zu Papier gebracht worden, also noch ohne Kenntnis Nietzsches. WH: Wahrscheinlich hat Hitler Texte Nietzsches schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Behagen gelesen. Und dass ihm, wie allen Rechtsradikalen seiner Zeit, gängige Schlagworte Nietzsches früh imponiert haben dürften, ist noch wahrscheinlicher. Weder das eine noch das andere lässt sich jedoch beweisen. Erst seine Nietzsche-Lektüre in der Festung Landsberg, 1923/1924, nach dem Münchener Novemberputsch, darf als gesicherte Tatsache angesehen werden. Was aber die erwähnte Denkschrift, von 1922, betri t, so steht die ganz im Zeichen der überwältigenden Faszination, die damals 7 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er der gleichzeitige »Marsch auf Rom« der italienischen Faschisten auf ihn ausübte. Es sind Forderungen Mussolinis, die Hitler in der Denkschrift aufgreift und sich zu eigen macht, Parolen des einzigen Zeitgenossen, zu dem er seither bewundernd aufblickte. PF: Womit wir bei dem Gründer des Faschismus wären. WH: Bei dem »Dekan der Diktatoren«. PF: Wer nannte Mussolini so? WH: Er ließ sich in den zwanziger und drei- ßiger Jahren gern so nennen. PF: Die übrigen Diktatoren waren Horthy, Primo de Rivera, Salazar, Pilsudski, vermute ich. WH: Auch Smetona in Litauen, Zivković und Stojadinović in Jugoslawien, Ulmanis in Lettland, Dollfuß und Starhemberg in Österreich, Metaxas in Griechenland und so weiter. Franco in Spanien. PF: Auch Hitler? WH: Aus Mussolinis Sicht – ja. PF: Und aus Hitlers Sicht? WH: Er hat zu Mussolini aufgeblickt, hat ihn bewundert. Ich sagte es. Alles spricht dafür, dass Mussolini der einzige Mensch war, dem Hitler nie mit Arroganz, Kleinlichkeit, Berechnung und Rachsucht begegnet ist. In seinem Arbeitszimmer in der Parteizentrale der NSDAP, dem Münchener »Braunen Haus«, stand eine Büste des »Duce«, als einzige, seit 1929, dem Jahr der Vollendung des faschistischen totalitären Staates in Italien. Und nicht bloß Äußerlichkeiten, freilich sehr bezeichnende, wie eben den Titel »Der Führer«, wie den Gruß der alten Römer, mit hochgerecktem rechten Arm, hat der Hitlerfaschismus vom italienischen übernommen. Die Struktur von SA und SS und die Taktik ihrer Gewalttätigkeiten waren den »Fasci di combattimento« und deren Aktionen nachgebildet. Nach dem Muster des »Marsch auf Rom« richtete sich am 9. November 1923 die Demonstration zur Münchener Feldherrnhalle. Danach in Landsberg … PF: Wie die meisten deutschen Linken weiß ich wenig von Mussolini. Mussolini und Hitler 1937 in Berlin 7 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Ein Fehler, der antifaschistische Wachsamkeit einschläfern hilft. Auf dem Wuppertaler Symposium ist keiner der zehn Referenten auf Mussolini eingegangen. Ein Zeichen erschreckender Sorglosigkeit. Nur in einem Diskussionsbeitrag, einem sehr guten, von Joachim Hetscher zu Georges Sorel, wird auf ihn kurz hingewiesen, leider ohne dass bei den übrigen Teilnehmern Betro enheit zu spüren wäre. PF: Im September 1987 haben Sie, in Sinn und Form, daran erinnert, dass genau 50 Jahre davor Hitler seinem Verbündeten Mussolini eine Prachtausgabe von Nietzsches sämtlichen Werken geschenkt hatte. WH: Er konnte ihm keine größere Freude bereiten, und es lässt sich kein sinnfälligerer Ausdruck der ideologischen Gemeinsamkeiten beider Diktatoren vorstellen. Geschehen war es in Berlin, bei Gelegenheit des pomphaftesten, aufwändigsten Staatsbesuchs, den es in der Geschichte des Nazireichs je gegeben hat. Zum Abschluss hielt, am 28. September 1937, auf einer »Völkerkundgebung der 115 Millionen« unweit des Olympiastadions, nach Hitler der »Duce« eine Rede in deutscher Sprache. Sie gipfelte in dem Ruf: »Morgen wird Europa faschistisch sein!« Vierzehn Monate war es damals her, dass deutsches und italienisches Militär zu Gunsten der von General Franco angeführten faschistischen Meuterer in den spanischen Bürgerkrieg eingegri en hatte, mit dem Ziel, die demokratische Republik und mit ihr die Arbeiterbewegung auch auf der iberischen Halbinsel zu vernichten. PF: Zurück zu Nietzsche! Dass er Mussolini viel gegeben hätte, wird bei Georg Lukács eigentlich nicht deutlich. Die Zerstörung der Vernunft nennt als Mussolinis philosophische Quellen William James, Vilfredo Pareto, den eben erwähnten Georges Sorel und Henri Bergson. WH: Lukács6 war ein universeller Geist, der eine Unzahl von Problemen verschiedener Wissensgebiete in bahnbrechender Weise behandelt hat, meist prinzipiell richtig, aber mitunter etwas groß ächig, über spezielle Details hinweggleitend. In Einzelfragen 6 (AH) Mit Georg Lukács arbeitete Harich in den fünfziger Jahren eng zusammen, im Aufbau-Verlag betreute er dessen Bücher, in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie sorgte er in fast jeder Ausgabe für einen Aufsatz des ungarischen Philosophen. Auch sonst tat er viel, um die Wirkung von Lukács im deutschsprachigen Raum zur fördern und zu erhöhen. Nach den Ereignissen von 1956 sahen die beiden einander nie wieder. Der 9. Band enthält alle wichtigen Texte Harichs zu seinem Freund. Zu den gerade erwähnten Hitler posiert als Redner, 1927 7 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er muss man seine Aussagen zuweilen, ergänzend und hie und da auch korrigierend, nachbessern. So in diesem Fall. Nietzsche ist auf der einen Seite in den Lehren der genannten vier Philosophen durchaus bereits präsent. Paretos Elitegedanke ist von ihm eingegeben, und die »Wiederkehr des Ewiggleichen« steckt in Paretos »Kreislauf der Eliten«, ähnlich wie später in den Kulturzyklen Spenglers. Nietzscheanisch gefärbt ist der Lebensbegri Bergsons, in unvergleichlichen stärkerem Maße als derjenige Diltheys, und im »Übermenschen« verwirklicht sich das »unentschiedene und ießende Wesen« der Bergsonschen »schöpferischen Entwicklung«. Auf das Denken von James, der übrigens seinerseits wieder auf Bergson große Stücke hielt, hat Nietzsche spätestens seit 1892 Ein uss ausgeübt; er wird spürbar im Hauptwerk Pragmatism, von 1907. An Nietzsche sowohl wie an James, Bergson und Pareto knüpft Sorel an … PF: Ohne prägenden Ein uss Nietzsches auf Sorel, meint Hetscher. WH: Hetscher unterschätzt diesen Ein uss o enbar. Bei Sorel bestimmen Nietzsches Ideen zur Herrenmoral, übertragen auf Gedanken von Marx und Proudhon, immerhin den Einfall, den revolutionären Arbeiterverbänden anstelle ihrer emanzipatorischen Mission soldatische, kriegerische Tugenden zu verleihen, die ihre Elite zur Scha ung einer »civilisation des producteurs« allein sollen bewegen können. Hetschers Zitat aus Sorel bestätigt es. Das Nietzscheanertum Sorels ist mir noch weniger zweifelhaft als das von Pareto, Bergson und James. Wo es sich um Mussolini handelt, ist das aber nur die eine Seite. Auf der anderen behält bei dem der originären Nietzsche, den er im deutschen Urtext begeistert gelesen hat, vor allen sonstigen Denkern, auch den vier genannten, entschieden den Vorrang. PF: Wirkt die mangelnde Informiertheit Lukács’ in diesem Punkt sich auf dessen Nietzsche-Kritik und auf sein Faschismus-Verständnis nennenswert aus? WH: Lukács’ Kampf gegen den Faschismus ist aus begrei ichen Gründen zu einseitig auf Deutschland konzentriert, als dass er die generelle strategische Substanz der faschistischen Ideologie in der Vielfalt ihrer jeweils nationalen, lokalen und taktischen Abwandlungen hinreichend genau tre en könnte. Lukács erkennt klar, dass Nietzsche der im Weltmaßstab führende Philosoph der Reaktion während der ganzen Periode des Imperialismus ist. Er sieht auch richtig die Konstanz der Feindseligkeit Nietzsches gegen die Arbeiterbewegung und den Sozialismus in allen Stadien seines Werdeganges. Da aber das Kapitel über Nietzsche, das Beste und Gültigste, was bisher zu diesem ema geäußert worden ist, in seiner Zerstörung der Vernunft eine Etappe der Entwicklung deutschen irrationalistischen Denkens »von Schelling zu Hitler« (so der Unterti- eoretikern siehe eben diesen Band sowie die verschiedenen, über das ganze Werk von Harich verstreuten Hinweise. 7 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k tel, AH) beschreibt, entsteht der Eindruck, außer Nietzsche gäbe es weitere reaktionäre Philosophen, die für die Herausbildung der Ideologie des Faschismus als eines weltweiten, zumindest gesamteuropäischen Phänomens ebenso relevant wären wie er, was schlicht falsch ist.7 PF: Lässt sich, falls Ihre Kritik zutri t, noch Lukács’ ese aufrechterhalten, dass Deutschland zum Zentrum der reaktionären Ideologie geworden sei? Er hat sie 1940/1941 aufgestellt und in der Zerstörung der Vernunft 1953 bekräftigt. WH: Deutschland war Zentrum der Philosophie vom Ende des 18. Jahrhunderts an. Es ist zum Zentrum reaktionärer Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geworden und dies bis zur Mitte des 20. geblieben. Das ist wahr. Wahr ist auch, dass es keine schrecklichere Variante des Faschismus gegeben hat als die deutsche. Aber einmal folgt die zweite Wahrheit nicht aus der ersten … PF: Was Lukács nie behauptet hat. Er war kein Fatalist. WH: Das war er gewiss nicht. Subalternes Denken freilich p egt ihn als solchen misszuverstehen. Zum anderen folgt aus beiden Wahrheiten zusammen, lässt man sie als Prämissen gelten, nicht, dass es außer Nietzsche noch irgend einen anderen deutschen Denker gegeben hätte, der, in Folge seiner internationalen Resonanz, an der Herausbildung der faschistischen Ideologie in gleich starkem Maße beteiligt gewesen wäre. PF: Auch keinen nicht-deutschen? WH: Überhaupt keinen. PF: Womit Sie die Vorläuferrolle selbst Bergsons, James’, Paretos und Sorels relativieren. WH: Ja. Nietzsches Ein uss war auch da um Vieles stärker. Wie ich sagte. Und ich füge hinzu: Eindeutig um Vieles verhängnisvoller, in seiner direkten Wirkung wie in seiner indirekten, vermittelten. PF: Nun ist Mussolini, wenn ich recht informiert bin, als junger Mann erst Sozialist gewesen. WH: »Recht informiert!« Wenn ich das schon höre! Allein dieser Vorbehalt lässt mich aus der Haut fahren. Ginge es mit rechten Dingen zu, dann müsste hierüber jeder, der in Sachen Nietzsche mitreden will, und ebenso jeder, der beansprucht, sich in der Geschichte der Arbeiterbewegung auszukennen, wenigstens grundsätzlich Bescheid wissen. Natürlich war Mussolini erst Sozialist, und zwar, wie man so sagt, »nicht zu 7 (AH) Auf den 9. Band der Edition wurde gerade verwiesen. Dort ausführlich zu allen Lukács betre enden esen dieser Ausführungen, auch ausführlich zur Zerstörung der Vernunft, an deren Entstehung Harich beteiligt war. Zudem rezensierte er das Buch 1955 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (neu abgedr. in: Band 9, S. 289–310). 8 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er knapp«. Die Angelegenheit ist allerdings sowohl den Sozialisten als auch den Faschisten dermaßen peinlich, dass beide gern mit Stillschweigen darüber hinweggehen, und das kommt der Nietzsche-Apologie zupass. PF: Hat Mussolini bereits als Sozialist Nietzsche gelesen? Wenn ja, hat dies dazu geführt, dass er politischen Verrat beging? Was Hetscher aus Sorel zitiert, scheint mir dafür zu sprechen. Oder ist Mussolini erst nach seiner Abkehr vom Sozialismus auf Nietzsche gestoßen? WH: Sie wissen, anscheinend, so wenig darüber, dass ich etwas weiter ausholen muss. Im Unterschied zu Hitler, dem deklassierten Kleinbürger und gescheiterten Künstler, ist Mussolini, übrigens älter als er, aus der revolutionären Arbeiterbewegung hervorgegangen. Schon seine Eltern waren Sozialisten: Sein Vater ein Dorfschmied, der sich autodidaktisch so weit gebildet hatte, dass er an sozialistischen Zeitschriften mitarbeiten konnte, seine Mutter eine marxistisch denkende Volksschullehrerin. Mussolini selbst hat in früher Jugend Schulbesetzungen und Streiks organisiert und wurde, noch bevor er seinen Lehrerberuf, in Reggio Emilie, auszuüben begann, als redebegabter »Studentengenosse« mit kaum 18 Jahren im Avanti, dem Zentralorgan der Partei, namentlich erwähnt. Auf dem Parteitag 1912 rechnete er scharf mit den Reformisten um Bissolati ab und nachdem diese aus der Partei ausgeschlossen worden waren, wurde er in das zehnköp ge »Direktorium« des Partito Socialista Italiano (PSI), sozusagen ins Politbüro, gewählt, das ihm zugleich die Chefredaktion des Avanti anvertraute. Gegen die letztere Entscheidung gab es eine Gegenstimme, von einem drei Jahre jüngeren Direktoriumsmitglied, Arturo Vella, der vor dem Individualismus des Auserkorenen warnte, sich damit aber nicht durchsetzte. Zweieinhalb Jahre später, im November 1914, schloss die Partei Mussolini aus, nachdem der, entgegen ihrer Linie – der PSI war die einzige legale Arbeiterpartei, die sich an die friedenspolitischen Beschlüsse der II. Internationale hielt – für den Kriegseintritt Italiens an der Seite der Entente gegen Österreich-Ungarn und Deutschland eingetreten war und mit dem Popolo d’Italia ein eigenes, den Krieg bejahendes Blatt gegründet hatte. PF: Ein Sozialchauvinist also. WH: Er wurde es. Doch das war bei ihm nicht das ausschlaggebende, primäre Motiv. Wichtiger für seine ideologische Fehlentwicklungen war, dass er mit 19 Jahren angefangen hatte, hingerissen Nietzsche zu lesen, dass er sich seit seinem Parteieintritt eifrig darum bemühte, den Marxismus durch Nietzsches Philosophie zu »ergänzen«, und dass ihm deswegen Revolution und Krieg unterschiedslos als willkommene Gelegenheiten zur Gewaltanwendung erschienen. Als es um seinen Parteiausschluss ging, kennzeichnete daher Vella den Fall Mussolini als »Folge eines simplizistischen Voluntarismus, 8 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k einer Art von ästhetischem und rein dynamischem Revolutionarismus, der die Aktion als Selbstzweck betrachtet, ohne bestimmtes Ziel – in grundlegendem Widerspruch zur ganzen marxistischen Schule«. Wenn, fuhr Vella fort, Mussolini nicht ertragen könne, dass Italien sich aus dem Krieg heraushalte und dass die Partei für die Beibehaltung dieses Neutralitätskurses eintrete, so sei er ein Opfer seiner »nietzscheanischen Haltung«, die ihm »Neutralität als Passivität« erscheinen lasse. Der bürgerliche Republikaner Luigi Federzoni, der in der selben Situation erst für den Kriegseintritt Italiens an der Seite der Mittelmächte plädierte, ist bezeichnenderweise von Mussolini später zum Innenminister ernannt worden. Auf die Parteinahme für wen oder für was kam es dem im Kriegsfall also letztlich nicht an. Für Linke, sagt Hetscher, sei Nietzsche »eine Drehscheibe jäher Wendung hin zu reaktionären Strömungen«. Der junge Mussolini liefert dafür das klassische Beispiel. Im Herbst 1914 wurde aus dem revolutionären Sozialisten ein Kriegshetzer mit ultralinker Phraseologie und nach dem Krieg der »Duce« des Faschismus. PF: Sie machen also ein Unterschied: Der Sozialchauvinismus, das ist eines, der rein dynamische »Revolutionarismus« ist etwas anderes, auch wenn er faktisch Mussolini ins sozialchauvinistische Lager getrieben hat. Logischerweise müssten Sie zugeben, dass das Bestreben, die Arbeiterbewegung zu vernichten, wieder etwas anderes, etwas Drittes ist. Wann und in welcher Weise hat sich bei Mussolini dieses Motiv bemerkbar gemacht? Und lässt sich der Nachweis erbringen, dass es ebenfalls auf sein Nietzscheanertum zurückgeht? WH: Ja. Mussolini war 20 Jahre alt, als er im April 1904 in Genf einen Vortrag des belgischen Sozialistenführers Emile Vandervelde, über das ema Jesus als Sklavenbefreier und Vorläufer des Sozialismus, beiwohnte. Er gri in die anschließende Diskussion mit einer scharfen Attacke gegen Jesus und die Evangelien ein, weil die den »Zusammenbruch des grandiosen römischen Imperiums durch das Aufkommen der Sklavenmoral« verschuldet hätten. Die Herkunft dieses Gedankens von Nietzsche ist evident und unleugbar schließt er Verachtung der Ausgebeuteten und Unterdrückten bereits ebenso ein, wie sich in ihm der spätere Wahn des »Duce«, zur Wiederherstellung des Imperium Romanum berufen zu sein, ankündigt. Verworfen wird dabei das Christentum wegen seines humanen Gehalts, nicht weil es Religion ist, nicht als religiöser Mythos. Mussolini auf einer Aufnahme der Schweizer Polizei, 1903 8 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er »Wir haben unseren Mythos gescha en. Der Mythos ist ein Glaube, eine Passion. Es ist nicht notwendig, dass er eine Wirklichkeit sei. Er ist durch die Tatsache real, dass er ein Ansporn ist, ein Glaube, dass er Mut bedeutet.« Auch das ist ja ein Ausspruch Mussolinis, dieses gelehrigen Schülers von Nietzsche und Sorel. PF: Eine Zwischenfrage: Woher haben Sie Ihre Kenntnisse? WH: Das eben Zitierte steht bei Lukács, im Vorwort zur Zerstörung der Vernunft. Die Genfer Begebenheit teilt ein österreichischer Sozialist mit, Georg Scheuer, in seinem Buch Genosse Mussolini, Wien, 1985. Ich gestehe, hierüber kein Spezialstudium absolviert zu haben. Da ich die italienische Sprache nicht beherrsche, habe ich Schriften und Reden Mussolinis im Original nicht lesen können. Informiert bin ich diesesfalls nur durch Übersetzungen, soweit vorhanden und verfügbar, sowie aus Sekundärliteratur sehr unterschiedlicher Provenienz. Sie reicht von Arbeiten zweier Wissenschaftler aus der DDR, des Soziologen Kurt Gossweiler und des Historikers Dietmar Stübler, über Scheuers eben genanntes Buch und einen Aufsatz Ernst Noltes … PF: Ausgerechnet! WH: … einen Aufsatz Noltes von 1960 bis – es kommt noch ärger – zu der Dissertation, mit der 1937 ein Nazi, Gerhart Marohn, in Erlangen promoviert hat. Bei den zwei letztgenannten Autoren, so politisch suspekt sie mir sind, glaube ich nichtsdestoweniger voraussetzen zu können, dass es mit ihren quellenmäßig nachgewiesenen wörtlichen Zitaten seine Richtigkeit hat. Wie dem auch sei: Fest steht, dass Nietzsche noch keine vier Jahre tot war, als, beeindruckt von seiner Polemik gegen die »Sklavenmoral«, Mussolini sich als sein Anhänger zu erkennen gab. Und das allein genügt, Steigerwalds Synthese von der angeblich unhistorischen, vordergründig achen »Annäherung« seiner Philosophie an den Faschismus zu entkräften. Die Entstehung von Nietzsches Werken, zwischen 1871 und 1888, die erste Welle des Nietzsche-Enthusiasmus, des Nietzsche-Kults, von 1889 an, einmündend in den Taumel der törichten, wahnwitzigen Aufbruchstimmung von 1914, und die Herausbildung der faschistischen Ideologie, seit 1904 bei Mussolini, sind einander nicht nur rasch gefolgt, sondern sogar kontinuierlich ineinander übergegangen. PF: Sind Sie sicher, dass Sie den Ausdruck »Sklavenmoral«, der für uns Heutige ein Reizwort ist, nicht überbewerten? Möglicherweise ist dem jungen Mussolini, solange er Sozialist war, Nietzsches Feindseligkeiten speziell gegen die Arbeiterbewegung entgangen. WH: Das ist ausgeschlossen. Dazu kannte er ihn zu gut. Seine Genossen werden sich hierüber nicht klar gewesen sein. 8 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Hat er sie über diesen Aspekt von Nietzsches Lehre getäuscht? Oder hat er sein Wissen darum bei sich selbst verdrängt? WH: Die Frage hätte an ihn gerichtet werden müssen, am besten von einem Psychotherapeuten. Sie betri t Geheimnisse seines Innern, die für die historische Analyse und erst recht unter Gesichtspunkten der Ideologiekritik belanglos sind. Mussolini hat zunächst Ideen Nietzsches seinem Verständnis des Marxismus aufgepfropft. Mit ein paar exemplarischen Vergleichen will ich es Ihnen verdeutlichen. Bei Marx und Engels hat die Vorhut des Proletariats, die Partei, keine von ihrer Klasse getrennten Interessen. Sie hat den übrigen Arbeitern nur »die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung« voraus. Mussolini deutet diese Vorhut um in eine Elite, die sich vor der statischen Masse durch heroische Dynamik auszeichne. Marx lehrt, die Gewalt sei Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger gehe. Von Mussolini wird die Gewalt förmlich angebetet, wird sie zur höchsten Tugend der Revolution verklärt; nur Blutvergießen bringe Geschichte hervor. Nach Marx tut der Partei wissenschaftliche Erkenntnis not. Nach Mussolini braucht sie einen »Glauben, der Berge versetzt, weil er die Illusion erweckt, dass die Berge sich bewegen« können, woraus von ihm der Schluss gezogen wird: »Die Illusion ist vielleicht die einzige Realität des Lebens.« Für Marx stellt das Christentum ein Moment des Überbaus bestimmter Gesellschaftsformationen dar. Für Mussolini begeht es ein »Attentat auf das Leben«. Engels nennt den »gesunden Menschenverstand« insofern den »ärgsten Philister«, als er nicht dialektisch zu denken vermag. Für Mussolini wird dies zum Stichwort, zur Jagd auf den hassenswerten gesunden Menschenverstand aufzurufen und gegen ihn die Revolutionen als »Revanchen eines heilsamen Wahnsinns« herbei zu wünschen. Mit der klassenlosen Gesellschaft der sozialistischen Zukunftsvision des Marxismus, mit ihrem von Ausbeutung und Unterdrückung befreiten neuen Menschen wird von Mussolini Nietzsches »Übermensch« in Parallele gesetzt, wobei er, genau wie die Vorrede zum Zarathustra, den »letzten Menschen« als Kontrastbild dazu verächtlich macht. Der vermeintlich sozialistische »Übermensch« kennt danach »nichts als die Revolte«; charakteristisch für ihn sei, dass er »alles, was ist, vernichten will«. Vereinbar sollen, laut Mussolini, Marx und Nietzsche deshalb sein, weil beide gegen »Vermittelmäßigung« angekämpft hätten, und so weiter und so fort. Bei dieser Blütenlese mag es sein Bewenden haben. Ich denke, sie genügt, um Ihnen klarzumachen, dass alles, was Mussolini in seinem Enthusiasmus für Nietzsche dem Marxismus hinzufügt, mit diesem unvereinbar, ihm von Grund auf fremd ist, dass es dagegen mit der faschistischen Ideologie, auch derjenigen der deutschen Nazis, in bestem Einklang steht. 8 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Bei den Nazis kommt einiges noch hinzu. WH: Bei den italienischen Faschisten auch, teils dasselbe, teils, auf Grund der unterschiedlichen nationalen Bedingungen, anderes. PF: Aus Arbeiten welcher Jahre haben Sie die eben dargebotenen Kostproben bezogen? WH: Der Jahre vor 1914. Die Filoso a della Forza, in der Mussolini Nietzsche als den »genialsten Geist des letzten Vierteljahrhunderts« feiert, ist 1908 erschien. Immerhin 20 Jahre nach dem Tod von Karl Marx. Im Avanti wird zwischen 1912 und 1914, nach der Übernahme der Redaktion, eher linkssozialistisch argumentiert. Aber auch da schlagen immer wieder Ideen Nietzsches durch, dergestalt, dass, beispielsweise, in einer 1913 verö entlichten Rezensionen die a rmative Berufung auf die »Umwertung aller Werte« dieses Schlagwort deutsch zitiert. PF: Wie hat Mussolini dann ein Jahr später seinen Interventionismus begründet? Das Motiv, Passivität nicht ertragen zu können, gab keine konkrete Rechtfertigung her. WH: Ins Grundsätzliche ging hier bei ihm eine unzulässige Extrapolation der Aufeinanderfolge des deutsch-französischen Kriegs von 1870/1871 und der Pariser Kommune. Marx und Engels haben vor und nach dieser Erfahrung, die sie an eine bestimmte historische Konstellation gebunden sahen, wiederholt zu bedenken gegeben, durch Kriege könnten herangereifte revolutionäre Umwälzungen sehr wohl auch versäumt und hinausgezögert werden. Und gerade durch Widerstand gegen den imperialistischen Krieg haben die Linken in der II. Internationale, haben insonderheit die Bolschewiki, aber auch die italienischen Sozialisten, ihre Legitimation zur Führung der Nachkriegsrevolution erworben und unter Beweis gestellt. Im Gegensatz dazu hat Mussolini, ohne seinen Anspruch, Sozialist zu sein, sofort aufzugeben, verkündet, dass jeder Krieg, unter allen Umständen, die Revolution begünstige, und hat daraus die Notwendigkeit, den imperialistischen Krieg zu unterstützen, ja, die Bourgeoisie des eigenen Landes zum Kriegseintritt aufzustacheln, abgeleitet. Außerdem suchte er den italienischen Arbeitern einzureden, sie seien es der internationalen Solidarität schuldig, ihren französischen Klassenbrüdern dabei zu helfen, die Errungenschaften dreier Revolutionen, von 1789, von 1830 und 1848, gegen den deutschen Kaiser zu verteidigen. Und schließlich, in dritter Linie, so als sei dies eine Nebensache, befürwortete er chauvinistische Ziele der italienischen Großbourgeoisie, zumal gegen Österreich. PF: Wenn, bei alledem, Mussolini die Pariser Kommune geschichtlich positiv gewertet hat, so war das kaum im Sinne Nietzsches. WH: Im Zusammenhang seines Konzepts war es ein Element reiner Demagogie. Direkt macht das Nietzscheanertum sich bei ihm darin geltend, dass die Kriegshetze, umstilisiert zur revolutionären P icht, eine »linke«, radikale, rebellische Färbung erhielt. 8 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Eben das war schon faschistische Ideologie reinsten Wassers. Im Übrigen blieb Nietzsches Hass auf die Arbeiterbewegung und den Sozialismus, obwohl in Mussolinis Praxis längst präsent, in dessen Agitation vorerst verborgen. Und noch in der revolutionären Nachkriegskrise, als Italien zum schwächsten Glied des westeuropäischen Kapitalismus wurde, hat bei den »Fasci di combattimento« und ihrem »Duce« zunächst die Sozialdemagogie überwogen. Das ging so weit, dass sie damals die proletarischen Fabrikbesetzungen unterstützten, ein Schachzug, mit dem sie allerdings hemmungslose Attacken auf den PSI als die angeblich »einzige reaktionäre Partei« verbanden, weil – die Sozialisten sich dem Krieg widersetzt und so der aus dem Krieg hervorgegangenen Revolution entgegengewirkt hätten. Erst als es nicht mehr bloß um Fabriken ging, sondern um die politische Macht, im November 1920 auf lokaler Ebene in Bologna, vom Herbst 1921 an im gesamtnationalen, staatlichen Maßstab, da wurde die Katze aus dem Sack gelassen, vielmehr der Tiger aus dem Kä g. Vor allem im Kampf gegen die Anfang 1921 neu gegründete kommunistische Partei bekannten die Faschisten sich nun o en zu ihrem Ziel, den Marxismus vernichten, ihn ausmerzen zu wollen, während gleichzeitig ihr blutiger Massenterror gegen die Arbeiterorganisationen, militärisch geplant, mit Wa engewalt praktiziert, den »Marsch auf Rom« vorbereitete. Das Ergebnis war, dass Ende Oktober 1922 in der Person Mussolinis erstmals ein Nietzscheaner Regierungschef wurde, ein mit Cäsarenallüren auftretender Anführer von Banditen, die gleichzeitig mordend, sengend, plündernd durch Roms Arbeiterviertel San Lorenzo tobten. Die Schlussfolgerung, dass Nietzsche und der Faschismus aufs Engste zusammen gehören, ist seither unabweisbar. PF: Was in Italien geschah, sagten Sie vorhin, habe damals Hitler fasziniert. WH: Es war für den ein Fanal. Seine simultane Denkschrift über den Ausbau der NSDAP dokumentiert es. Und ein Jahr später nahm Hitler sich den »Marsch auf Rom« zum Vorbild, als er das reaktionäre Regime der Kahr, Lossow und Seisser in Bayern zum Putsch gegen die Reichsregierung, zum Marsch auf Berlin mitzureißen versuchte. Mit welchem Ziel? Kurz nachdem die Arbeiterregierungen in Sachsen und üringen dem Einmarsch der Reichswehr zum Opfer gefallen waren, wollte er mit einer groß angelegten Terroraktion die Arbeiterbewegung in ganz Deutschland vernichten. Damals ist Hitler gescheitert, vorläu g. Nach Prozess und Festungshaft war er in der vorübergehend konsolidierten Weimarer Republik gezwungen, sich auf quasi legale Kampfmethoden umzustellen. Daran, dass Mussolini ihm Vorbild blieb, änderte sich nichts. Ich kann den weiteren Gang der Ereignisse jetzt nicht nachzeichnen. Doch wenigstens ein besonders bezeichnendes Beispiel sei aus der Fülle des historischen Materials heraus ge gri en. Inmitten der nächsten großen Krise fand Hitler, im Oktober 1931, sich 8 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er zur Teilnahme an der »Harzburger Front« bereit, zum Bündnis mit den Deutschnationalen Hugenbergs, mit der paramilitärischen Organisation der »Stahlhelmer« Franz Seldtes und mit anderen konservativen Gruppierungen. Das Parteivolk der NSDAP murrte ob des »bürgerlichen Mischmaschs«, mit dem sich einzulassen »der Führer« ihm da zumutete. Wilhelm Frick, später Innenminister im »Dritten Reich«, hatte leichtes Spiel, dieser Missstimmung in den eigenen Reihen Herr zu werden. Er brauchte die Parteigenossen nur über analoge taktische Koalitionen aufzuklären, die in Italien Mussolini eingegangen war – dessen erstem Kabinett hatten sogar Liberale angehört –, und der Groll wandelte sich zu augenzwinkerndem Verständnis. So groß war die Autorität, die der »Duce« in der deutschen Nazipartei genoss, und dazu hatte Hitler deren Kader erzogen. PF: Für die Zeit nach 1933 stellen sich mir die Dinge so dar, dass es erst für ein paar Jahre zwischen Italien und Deutschland Spannungen gab und dass dann, nachdem die, wohl auf Grund der Bundesgenossenschaft im spanischen Bürgerkrieg, überwunden waren, das schwächere Italien mehr und mehr zum bloßen Vasallen Deutschlands herabsank. WH: Ungefähr so verhielt es sich. Nur blieb, merkwürdigerweise, die Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Mussolini und Hitler von dem Wandel so gut wie unberührt. Ich nenne Ihnen je ein Beispiel aus beiden Phasen. Im Juli 1934 führte Hitler ein stundenlanges Gespräch mit seinem SA-Stabschef Ernst Röhm, dem er dessen Idee einer »zweiten Revolution«, unter Erhebung der SA zur einzigen Militärorganisation des Deutschen Reichs, ausreden wollte. Obwohl die Meinungsverschiedenheiten nicht beigelegt waren, reiste Hitler eine gute Woche später nach Venedig, um zum ersten Mal mit Mussolini zusammenzutre en. Einen Putsch Röhms und seiner Leute fürchtete er also nicht. In Venedig traten, ungeachtet der gemeinsamen faschistischen Ideologie, divergierende Interessen beider Staaten zu Tage. Trotzdem geizte Mussolini gegenüber seinem Gast nicht mit Ratschlägen. So verwies er Hitler auf das Wort Ma chia vel lis, wonach niemand die Macht mit denselben Männern behaupten kann, mit denen er sie erobert hat. Nur weitere 14 Tage später fand in Deutschland das Gemetzel des 30. Juni 1934 statt, eine Präventivaktion Hitlers nicht gegen wirkliche, sondern gegen mögliche, potentielle Verschwörer. Mussolini war daran praktisch zwar unbeteiligt, aber ideologisch hatte sein an Nietzsche geschulter Machiavellismus dazu beigetragen. PF: Wollen Sie mir damit weismachen, Hitlers sei davor kein Machiavellist gewesen? WH: Das liegt mir fern. Er hatte jahrelang den Principe auf seinem Nachttisch. Sagen will ich nur, dass die Beziehung der beiden Diktatoren von dem Verhältnis zwischen 8 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k den Staaten, die sie regierten, in ideologischer Hinsicht relativ unabhängig geblieben ist. Hier das zweite Beispiel: Im Januar 1941 richtete Mussolini an Hitler, nunmehr seinen überlegenen Verbündeten, seit Sommer 1940, einen Brief, worin er mit kritischem Bedenken zu dem Nichtangri svertrag Stellung nahm, den Deutschland im August 1939, am Vorabend des Überfalls auf Polen, mit der Sowjetunion geschlossen hatte. In dem Brief heißt es: »Niemand weiß besser als ich, dass die Politik ihre taktischen Forderungen stellt. Daher verstehe ich, dass Sie die zweite Front vermieden haben. (…) Aber ich, der ich ein Revolutionär von Geburt bin und meine Anschauungen nie ge- ändert habe, sage Ihnen, dass Sie nicht ständig die Grundsätze Ihrer Revolution zu Gunsten der taktischen Erfordernisse eines bestimmten politischen Augenblicks opfern können. Sie dürfen das antisemitische und antibolschewistische Banner, das Sie 20 Jahre hindurch hochgehalten haben, nicht fallen lassen, und ich erfülle nur meine P icht, wenn ich hinzufüge, dass ein einziger weiterer Schritt zum Ausbau Ihrer Beziehungen mit Moskau in Italien verheerende Wirkungen haben würde.« Es scheint diese Mahnung gewesen zu sein, die kaum ein halbes Jahr später Hitler, im Augenblick seines Überfalls auf die Sowjetunion, dazu veranlasst hat, Mussolinis persönliche Benachrichtigung hierüber mit einer Selbstrechtfertigung zu verbinden. In dem Schreiben, das in der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1941 verfasst worden ist und in dem Hitler ausschließlich von sich selbst redet, bittet er um Nachsicht für seine »monatelangen sorgenvollen Erwägungen« und fährt dann fort: »Das Zusammengehen mit der Sowjetunion hat mich oft schwer belastet. Es schien mir ein Bruch mit meiner Herkunft, meinen Au assungen und meinen P ichten zu sein. Jetzt fühle ich mich innerlich wieder frei. Ich bin glücklich, dass ich diese Seelenqualen nun los bin.« PF: Ihre Ausführungen vorhin besagten, dass der Plan, die Sowjetunion auszulöschen, ihre Völker zu versklaven, ihr Territorium zum kolonialen Siedlungs- und Ausbeutungsraum zu machen und damit die Ausrottung des Marxismus zu krönen, bei Hitler schon lange, seit Anfang 1923, festge- Hitler mit Albert Speer und Arno Breker, 1940 8 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er standen habe. Jetzt ziehen Sie aus Briefen der beiden faschistischen Diktatoren von 1941 plötzlich den Schluss … WH: Ich denke nicht entfernt daran, aus dieser Korrespondenz den Schluss zu ziehen, Hitler hätte ohne Mussolinis Vorhaltungen die Sowjetunion nicht überfallen. Dergleichen anzunehmen wäre grundfalsch, zumindest viel zu simpel. Ich will lediglich an die auf Nietzsche zurückgehende strategische Substanz der faschistischen Ideologie erinnern, und zu dem Zweck bemühe ich mich darum, Mussolinis Mittlerrolle zwischen Nietzsche und Hitler deutlich zu machen. PF: Mich befällt hier ein ungutes Gefühl. In Fragen ihrer Vergangenheitsbewältigung sollten Deutsche, nde ich, allemal vor der eigenen Tür kehren und sich nicht durch Schuldzuweisungen an andere zu entlasten suchen. Deshalb reagiere ich jedes Mal allergisch, wenn, zum Beispiel, aus dem Hitler-Stalin-Pakt eine Mitschuld der Sowjetunion am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hergeleitet wird. Und es berührt mich, andererseits, unangenehm, falls ich erleben muss, dass deutsche Linke die Appeasement-Politik der Westmächte zum Anlass nehmen, auf Engländer und Franzosen mit dem Finger zu zeigen. Jetzt warten Sie mit Argumenten auf, die dazu verleiten, einen großen Teil der deutschen Verantwortung für Faschismus und Krieg den Italienern anzulasten. WH: Unser Gespräch betri t Nietzsche. Behaupte ich, der sei Italiener gewesen? Es hat Nietzsche und den Faschismus zum ema. Kann ich da das Italien Mussolinis übergehen? PF: Mussolinis Herrschaft war, gemessen an derjenigen Hitlers, harmlos. WH: Vergleichsweise harmloser. Soweit haben Sie recht. Doch worin liegt der Unterschied begründet? Erstens in den um Vieles mächtigeren ökonomischen Potenzen, die dem deutschen Imperialismus, als dem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts raubgierigsten, kriegslüsternsten aller imperialistischen Räuber, zu Gebote standen, zweitens in der überlegenen Stärke und Organisiertheit sowohl des kommunistischen als auch des sozialdemokratischen Flügels der deutschen Arbeiterbewegung, die mit entsprechend gesteigerter Brutalität von den Nazis überwältigt und niedergeworfen werden musste, sollte den reaktionärsten Elementen des deutschen Finanzkapitals an der inneren Front ein totaler Sieg beschieden sein. Beide Faktoren scha en aber weder einzeln noch zusammengenommen die Tatsache aus der Welt, dass Mussolini, sechs Jahre älter als Hitler, philosophisch gebildeter als er, elf Jahre früher an der Regierung, vier Jahre früher zu unumschränkter Macht gelangt, dessen Vorbild gewesen ist, sein Lehrer, und dass er in dem hier zur Debatte stehenden Werdeprozess der faschistischen Ideologie die historisch bedeutsamere Rolle gespielt hat. Die Vasallenrolle Italiens in 8 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k den Kriegsjahren darf darüber ebenso wenig hinwegtäuschen wie der relativ liberale Zustand in seinem Innern. Und wenn es geschehen kann, dass deutsche Kommunisten, weil sie gewohnheitsmäßig Mussolini übersehen, dazu neigen, zwischen Nietzsche und dem Faschismus einen weiten Abstand zu statuieren, dann ist es hoch an der Zeit, die Filiationslinie, die von Nietzsche über Mussolini zu Hitler führt, scharf und bestimmt herauszuarbeiten. Mit einer Schuldzuweisung an Italien, an das italienische Volk hat das nichts zu tun. PF: Eine Linie, die direkt von Nietzsche zu Hitler führt, hat es nach Ihrer Meinung aber auch gegeben. WH: Ich bin überzeugt davon, dass es die gegeben hat, und zwar bis zu einem gewissen Grad schon vor dem Ersten Weltkrieg. Das freilich vermag ich nicht zu beweisen. Die generelle Nachahmung Mussolinis durch Hitler, spätestens seit 1922, ließe es jedoch wie ein Wunder erscheinen, wenn dieser versäumt haben sollte, sich bei der ersten besten Gelegenheit in den von seinem Vorbild favorisierten Philosophen zu vertiefen, zumal es sich um einen weithin berühmten und überdies leicht lesbaren deutschen Autor handelte. Die unfreiwillige Muße der Festungshaft in Landsberg am Lech, nach dem missglückten Münchener Putsch, nun bot Hitler dazu Gelegenheit. Und eben für die Landsberger Zeit wird seine vorrangige Nietzsche-Lektüre von einem Zeugen behauptet – von Hans Frank –, während den von Ernst Sandvoss angestellten Textvergleichen zu entnehmen ist, dass diese Lektüre in Mein Kampf, dem von Hitler zur selben Zeit verfassten Buch, ihren Niederschlag gefunden hat. Damit schließt sich eine Beweiskette, die dazu zwingt, auch den Führer der deutschen Nazis, jedenfalls von 1923/1924 an, als Nietzscheaner anzusehen. WH: Stepan Odujew, ein sowjetischer Philosophiehistoriker, geht, ähnlich wie Sie, davon aus, dass die politischen Führer und Ideologen der faschistischen Bewegung sich bereits vor der Machtergreifung für die theoretischen Erben Nietzsches erklärt und diesen als Verkünder des Nationalsozialismus betrachtet hätten. Die frühesten Dokumente, die Odujew als Belege dafür heranzieht, sind aber erst Alfred Rosenbergs Der Mythus des 20. Jahrhunderts, von 1930, und Alfred Bäumlers Nietzsche als Philosoph und Politiker, von 1931. WH: Odujew berücksichtigt weder den italienischen Faschismus – der Name Mussolini kommt bei ihm nur einmal, in einem Zitat aus Otto Flakes Nietzsche-Buch, von 1947, vor –, noch wertet er die Ergebnisse von Sandvoss aus, obwohl er die hätte kennen können: Sandvoss’ Buch Hitler und Nietzsche ist 1969, zwei Jahre vor der russischen Originalausgabe von Odujews Auf den Spuren Zarathustras erschien. Rosenberg und erst recht Bäumler waren, verglichen mit Mussolini und Hitler, ziemlich 9 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er belanglose Erscheinungen. Sie haben mit geringer Resonanz versucht, die faschistische Ideologie für die Bildungsbedürfnisse der philosophisch interessierten Teile der deutschen Intelligenzschicht aufzubereiten. Wer sich von dem Ein uss Nietzsches auf den Faschismus einen Begri machen will, muss sich an die faschistischen Diktatoren selber halten. Diese Einsicht vermisse ich bei Odujew ebenso wie bei den Referenten des Wuppertaler Symposiums der DKP. PF: Nun deutete ich Ihnen bereits an, dass ich Ihren Gewährsmann Sandvoss fragwürdig nde. Dem geht es in erster Linie doch darum, Nietzsche aus christlich-religi- öser Sicht als Gottlosen, als Atheisten zu verteufeln. Von Lukács’ subtiler Analyse des »religiösen Atheismus«, des Nietzscheschen »Mythenscha ens«, hat er keinen blassen Schimmer. WH: Da haben Sie recht. Sandvoss ist ein philosophisch halbgebildeter protestantischer eologe. Zum »religiösen Atheismus« übrigens hat in Wuppertal Joachim Kahl, in seinem vorzüglichen Referat Friedrich Nietzsches antichristlich maskierte synkretistische Religiosität, neue Gedanken geäußert, die geeignet sind, Lukács’ diesbezügliche Erkenntnisse zu vertiefen und wertvoll zu ergänzen. An dieses Niveau reicht Sandvoss nicht heran, ganz abgesehen davon, dass seine ese, Nietzsche sei Atheist gewesen, hier implizit schlagend widerlegt wird. PF: Indiskutabel ist desgleichen, was Sandvoss über Hegel geäußert. WH: Es ist grundverkehrt. Diskutieren könnte man allenfalls darüber. PF: Dann kann ich nichts mit Sandvoss’ krampfhaften Bemühungen anfangen, Charakterähnlichkeiten zwischen Nietzsche und Hitler aus ndig zu machen. WH: Ich auch nicht. Obwohl er in dem Punkt mit Fakten aufwartet, die, wenn man sie nicht, wie er, psychologisch deutet, mitunter aufschlussreich sind. Mit der Feststellung, Nietzsche und Hitler sein gleichermaßen größenwahnsinnig gewesen, ist, zugegeben, wenig gewonnen. Aber es ist verwunderlich, dass in einer geistigen Atmosphäre, in der Titel und Kapitelüberschriften von Ecco homo seitens der Bildungselite ohne Protest hingenommen, ja, als aufregend sensationell empfunden werden, eines Tages ein zur Macht aufgestiegener primitiver Kleinbürger nach einem außenpolitischen Erfolg vor seinen Sekretärinnen ausruft: »Ich werde als der größte Deutsche in die Geschichte eingehen!«? Im einen wie im anderen Geschehnis o enbart sich, diesseits individueller Charakterzüge, derselbe Verfall der Sitten, des Stils, der politischen Kultur. PF: Durch Nietzsche-Lektüre, meinen Sie, sei Hitlers größenwahnsinniges Gebaren entfesselt worden? 9 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Es könnte sein. Schwerer wog, dass ostentativer Größenwahn seit Nietzsche als schick galt und honoriert wurde. Übrigens war nicht nur Hitlers Gebaren größenwahnsinnig. Seine Pläne waren es noch mehr, und dass sie von Nietzsches Begri der »gro- ßen Politik« angeregt worden sind, liegt auf der Hand. PF: Sandvoss hebt hervor, Nietzsche und Hitler seien schon als Knaben Sonderlinge gewesen; Kämpfen und Vernichten seien die einzigen Bereiche gewesen, in denen sie zu ihren Spielkameraden näheren Kontakt gefunden hätten; beide hätten vergeblich gegen den Willen ihres Vaters angekämpft; das Willen- und Machtdenken des einen und die Starrköp gkeit des anderen wurzelten in analogen Kindheitserlebnissen, und so weiter. Messen Sie der Aufzählung derartiger Parallelen irgend einen Wert bei? WH: Nein. Ich halte sie für müßig. So etwas interessiert mich kaum.8 Für eine auf historischer Analyse fußende Ideologiekritik sind solche Analogien unergiebig. Selbst wenn sie zuträfen – worüber ich nicht richten will –, hätten sie im Kontext anderer geschichtlich-gesellschaftlicher Bedingungen einen anderen Stellenwert. Aus denselben Erwägungen lehne ich aber auch a limine das Referat ab, das in Wuppertal Jörgen Kjaer über das ema Der lebensgeschichtliche Hintergrund von Nietzsches Denken gehalten hat, so sehr mir bewusst ist, dass darin an die Sozialisationsproblematik, die Sandvoss stümperhaft behandelt, sachkundiger, mit subtilerer Methodik herangegangen wird. PF: Trotzdem haben Sie keine Bedenken, sich auf Sandvoss zu berufen. Was schätzen Sie an ihm? WH: Ich achte ihn als einen Verbündeten, der, für sein Teil aus christlicher Verantwortung, den Faschismus unversöhnlich bekämpft, sich aufrichtig und intensiv der Aufgabe widmet, dessen geistige Wurzeln bloßzulegen und sich, in dem Zusammenhang, unbestreitbare Verdienste um die Klarstellung der Vorläuferrolle Nietzsches erworben hat. Schon in seinem Buch Sokrates und Nietzsche, von 1966, erklärt Sandvoss mit Recht: »Jedes Mal, wenn der Nietzsche-Kult einen Höhepunkt erreicht hatte, folgte mit Sicherheit eine Weltkatastrophe«, und knüpft daran, eindringlich mahnend, in tiefer Besorgnis, die Prognose, dass, wenn das von Nietzsche Gedachte noch ein drittes Mal über die Menschheit triumphieren sollte, sich dies im endgültigen Akt ihrer Selbstvernichtung ereignen würde. In der Auslöschung jedes menschlichen Lebens auf unserem Planeten könne Nietzsche dann zum »Endziel seines Erlöserwillens und seiner 8 (AH) Seit den späten vierziger Jahren machte Harich regelmäßig seine Überlegung geltend, dass die psychologische Ausdeutung von Biographien keine Rückschlüsse auf Werk und eorie des jeweiligen Dichters, Philosophen usw. erlauben würden. Dieses Vorgehen sei schlichtweg unmarxistisch. Exemplarisch nachzulesen ist seine Position in dem Weltbühne-Artikel Hans Mayers Buch über omas Mann (neu abgedr. in: Band 1.1, S. 281–286) von 1950. 9 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Selbstvergottung« gelangen. Diese Worte sind heute hochaktuell, und wir haben allen Grund, sie gebührend ernstzunehmen. In seinem zweiten Buch, Hitler und Nietzsche, von 1969, resümiert Sandvoss das Ergebnis seiner Untersuchung wie folgt: »Nietzsche ist von der Mitverantwortung für die entsetzlichen Leichenberge der Konzentrationslager, für alle Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten des Hitlerismus nicht zu entbinden. Er war ihr ideologischer Wegbereiter und hat das Klima mit gescha en, in dem wie möglich wurden. Ihn von dem Geschehenen trennen und freisprechen heißt neuen Mord, neue Grausamkeiten und neuen Terror heraufbeschwören.« Auch dem ist nichts abzuhandeln. Wir haben es zu beherzigen in einer Lage, in der der Neofaschismus sein Haupt erhebt. Und ich hätte gewünscht, dass in Wuppertal, dass unter Kommunisten Nietzsche mit gleicher Leidenschaft angeklagt und verurteilt worden wäre. PF: Sie vermissen ein Pathos, das den Kommunisten der jungen Generation, den Werner Jung, Lars Lambrecht, Jörgen Kjaer, nun einmal fremd geworden ist. Die werden nur zu überzeugen sein, wenn es Ihnen gelingt, naheliegende Zweifel an der wissenschaftlichen Stichhaltigkeit von Sandvoss’ Resultaten auszuräumen. Worin besteht konkret das Verdienst, das Sie ihm als Forscher zubilligen? WH: Ich sehe es darin, dass Sandvoss sich als erster und bisher einziger der Mühe unterzogen hat, die Texte Nietzsches mit den Schriften, Reden und gesprächsweisen Äußerungen Hitlers zu kollationieren, und es ihm dabei gelungen ist, unwiderleglich eine Fülle von Übereinstimmung in Grundfragen der Welt- und Lebensanschauung, der Geschichtsau assung, der Moral und der Politik heraus zu präparieren. Die Gemeinsamkeiten gehen so weit, dass sie die A nität Mussolinis zu Nietzsche, auf philosophisch freilich niedrigerem Niveau, noch übersteigen, und unterscheiden sich von den einschlägigen Elaboraten der Rosenberg, Bäumler und sonstigen Naziideologen insofern, als sie vielfach darauf angelegt sind, Nietzsches Vermächtnis unmittelbar, ohne Umschweife praktikabel zu machen. Mitunter grenzen sie ans Plagiat. PF: Sie behaupten, das beginne in Mein Kampf. WH: Allein der Titel des Buches stammt, wie Sandvoss zeigt, von Nietzsche. Denn er erscheint bei diesem programmatisch, mit suggestiv einhämmernder Emphase gleich fünfmal hintereinander: Mein Kampf gegen Schuldgefühl und Strafbegri , mein Kampf gegen das Christentum, mein Kampf gegen die Ideale des 18. Jahrhunderts, gegen das 19. Jahrhundert, insofern es diese Ideale weiter verehrte, gegen die Tendenzen zur Gleichheit, Einheit und Kooperation in Gesellschaft und Wissenschaft. Und von nicht weniger als – sage und schreibe – 82 Stellen in Mein Kampf wird nachgewiesen, dass sie auf Nietzsche zurückgehen, sei es, dass sie, manchmal wörtlich, manchmal bloß 9 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k plump umformuliert, aus Werken von ihm übernommen sind, sei es, dass ihr Gehalt, dass die in ihnen zu Tage tretende Gesinnung von keinem anderen Denker eingegeben sein kann. Mein Kampf ist aber nur das früheste Dokument, das eingehender Prüfung unterzogen wird. Sandvoss lässt es bei ihm nicht bewenden. Er durchforstet Hitlers Reden, in den Büchern von Baynes und von Böpple, seine Gespräche mit Rauschning … PF: Die hat neuerdings der Laienhistoriker Fritz Tobias in Zweifel gezogen. WH: Ich habe mich mit dessen Argumentation vertraut gemacht. Sie überzeugt mich nicht. Ich gehe nach wie vor, mit Golo Mann und anderen, von der Echtheit der Rauschning-Gespräche aus. Doch selbst wenn Tobias recht hätte, wäre diese Quelle so wichtig auch wieder nicht, dass ohne sie Hitlers Nietzscheanertum in Frage stünde. Allein aus Mein Kampf lässt es sich hinreichend belegen. Ferner wertet Sandvoss die von Henry Picker notierten Tischgespräche aus, das Werk von Zoller, Hitler privat, das von Halder, Hitler als Feldherr, das von Prange, Hitlers Words. PF: Ich weiß. Aber bedauerlicherweise auch Hofers Dokumentensammlung Der Nationalsozialismus, die nicht frei von Fälschungen sein soll. WH: Falls das wirklich zuträfe, bezögen die sich auf die Reichstagsbrand-Problematik, zu dem Zweck, hier Tobias zu entkräften. Hitlers Beziehung zu Nietzsche würde davon nicht im Geringsten berührt werden. Unangefochten sind unter Sandvoss’ Gewährsleuten wieder Shirer, mit seiner Darstellung des »Dritten Reichs«, auch Kogon, mit seinem SS-Staat … PF: … die Erinnerungen von Gisevius, die Hitler-Biographien von Heiden und von Bullock und manches mehr. Die Biographie von Fest, auf die Sie sich stellenweise ja stützen, lag 1969 noch nicht vor. WH: Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gern an Fest halte. Ich tue dies gerade deswegen, weil seine Intentionen den meinen konträr sind. Unter den Hitlerforschern ist Fest über den Verdacht, meinen Darlegungen Zuarbeit geleistet zu haben, wahrscheinlich am erhabensten. Als ideologische Wegbereiter Hitlers führt er, jeweils mit Bild, nur Lanz von Liebenfels, Karl Lueger, Richard Wagner, H. St. Chamberlain, Georg von Schönerer und Gobineau auf; Nietzsche nicht. Und: Von Mussolinis Staatsbesuch in Deutschland 1937 bietet Fest eine Schilderung von unmäßiger Ausführlichkeit, verschweigt dabei aber die Überreichung des Hitlerschen Geschenks, der Nietzsche-Prachtausgabe, an Mussolini. Um so eindrucksvoller sind die Tatsachen, die zuzugeben selbst Fest nicht umhin kann. PF: Ich dachte schon, es sei purer Zufall, dass Sie insonderheit Fest gründlich gelesen haben. WH: Nein, aus einer taktischen Erwägungen bevorzuge ich ihn. 9 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Sandvoss wird von Fest keiner Beachtung für Wert befunden. Sogar in dessen Bibliographie fehlt er, vier Jahre nach dem Erscheinen von Hitler und Nietzsche. WH: Was einmal mehr zeigt, dass Fest Nietzsche aus der Vorgeschichte des Faschismus möglichst herauszuhalten sucht. Um so größeres Gewicht kommt der vorrangigen Nietzsche-Lektüre Hitlers in Landsberg zu, die Fest, gestützt auf Frank, zugibt, und eben für sie liefert Sandvoss die Probe aufs Exempel. Wie dem auch sei: Zu den Belegen aus all den von uns genannten Quellen zu Hitler werden von Sandvoss jedes Mal entsprechende Stellen bei Nietzsche angeführt, aus denen zumindest die gleiche Denkweise spricht, falls sie nicht sogar restlose Identität der Ansichten bezeugen. Die Bestätigungen, die er dadurch für seine ese erbringt, sind überwältigend. PF: Was nicht hindert, dass, im Gegensatz zu Büchern wie dem von Fest, die Sandvosssche Publikation nichts als eine öde, obendrein schlecht gegliederte Kompilation von lauter Zitaten ist. WH: Von höchst beweiskräftigen Zitaten. Nur darauf kommt es an. Das Sandvoss’ schriftstellerische Qualitäten zu wünschen übrig lassen, steht auf einem anderen Blatt. Sein Buch Sokrates und Nietzsche ist allerdings sehr viel besser geschrieben. Er scheint sich im Zuge der Beschäftigung mit dieser Materie, sobald er auf Kallikles und rasymachos bei Platon stieß, an Nietzsche und, als er bei den dann nachschlug, wieder an Hitler erinnert gefühlt zu haben. Und das hat ihm o ensichtlich den Anstoß gegeben zu dem zweiten Buch, das so wirkt, als sei es in äußerster Hast, wie von Furien gehetzt, zu Papier gebracht worden. PF: Von Sandvoss’ Schicksal, seinen persönlichen Lebensumständen wissen Sie nichts? WH: Nein. Ich habe mich lediglich mit seinen beiden Büchern befasst. PF: Es hätte wenig Sinn, wiederholten Sie jetzt auch nur einen geringen Teil seiner Beispiele. Eine Diskussion darüber dürfte uns von unserem Ausgangspunkt zu weit fortführen. Wir kämen ins Uferlose. Beschränken Sie sich, bitte, auf ein paar grundsätzliche Bemerkungen zum Wesentlichen. WH: Einem Fingerzeig auf ein besonders bezeichnendes Detail möchte ich der prinzipiellen Überlegung, die mir unerlässlich scheint, doch vorausschicken. Trauen Sie Hitler zu, von sich aus auf den Einfall gekommen zu sein, sich zu einem Plädoyer für Pontius Pilatus aufzuschwingen? Nun, bei Nietzsche steht: »Habe ich noch zu sagen, dass im ganzen Neuen Testament nur eine einzige Figur vorkommt, die man ehren muss? Pilatus, der römische Statthalter. Einen Judenhandel ernstzunehmen – dazu überredet er sich nicht. Ein Jude mehr oder weniger – was liegt daran? (…) Der vornehme Hohn eines Römers, von dem ein unverschämter Missbrauch mit dem Wort ›Wahrheit‹ getrieben wird, hat das Neue Testament mit dem einzigen Wort bereichert, 9 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k das Wert hat – das seine Kritik, seine Vernichtung selbst ist: ›Was ist Wahrheit!‹« Und Hitler? Laut Picker hat der die Oberammergauer Passionsspiele befürwortet, weil sie »Anschauungsunterricht für Rassenunterschiedlichkeit« vermittelten, und die Begründung hinzugefügt, Pilatus erscheine »als ein rassisch und intelligenzmäßig so überlegener Römer, dass er wie ein Fels inmitten des vorderasiatischen Geschmeißes und Gewimmels wirke«. PF: Klingt frappierend. Ob das Beispiel näherer Prüfung standhält, vermag ich im Moment nicht zu beurteilen. Mehr als die übereinstimmende Einstellung geradezu Pilatus dürfte auf Verteidiger Nietzsches dessen judenfeindlicher Ausfall beunruhigend wirken. WH: Sinngemäß gleichlautende Äußerungen von ihm, zitiert in meinem Aufsatz von 1987, haben sie durchaus nicht beunruhigt. PF: Über diesen Punkt sollten wir gesondert sprechen. Kommen Sie erst zu der grundsätzlichen Erwägung, die ich zu Sandvoss’ Buch gern von Ihnen vernehmen würde! WH: Sie betri t weniger sein Buch als das Nietzscheanertum Hitlers, das darin dokumentiert wird. Was, frage ich mich, war Hitler, bevor er zu Nietzsche fand? Und was war er ohne ihn, unabhängig von ihm? Ein rechtsstehender österreichischer Spießer, den der Anblicke galizischer Juden in der Wiener Leopoldstadt abstieß und den das vermeintlich Unheil drohende Übergewicht der Slawen im Habsburger Reich ängstigte; ein Asylbewohner mit gescheiterten Künstlerambitionen, mit den daraus resultierenden Ressentiments; ein Antisemit aus der Schule Luegers und Schönerers; ein großdeutscher Chauvinist; ein geschlagener Frontsoldat, der 1919/1920 nicht aus der Kaserne herausfand; eine Revanchist, verzweifelt über den Ausgang des Ersten Weltkriegs, entschlossen, als Politiker, in einem zweiten Anlauf die Niederlage mehr als wettmachen zu helfen; ein Reichswehrspitzel; ein eitler Schwadroneur. Als dass es schlimm genug, ist grauenhaft. Aber musste es sich, zwangsläu g, mit exzessiver Inhumanität paaren, mit Paroxysmen des Hasses, der Gewalt, der Grausamkeit? Musste es sich gleich zu dem Vorsatz, die Arbeiterbewegung zu vernichten, und zu Weltherrschaftsaspirationen auswachsen? Musste es, unvermeidbar, potenziert werden durch gutes Gewissen zur nützlichen Lüge, zum Wortbruch als Prinzip, zu kaltblütigem Mord, zum Massenterror, zur Massenversklavung, zum Kriegsgemetzel als Selbstzweck? Zu alledem mag Hitler prädisponiert gewesen sein. Doch der Ursprung dieser Ingredienzen seiner Ideologie ist weder in der ihm angeborenen Mentalität noch in seinem sozialen Umfeld, er ist nirgendwo anders als bei Nietzsche zu suchen. 9 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Und das, meinen Sie, sei ersichtlich aus den Sandvoss zu verdankenden Textvergleichen. WH: Hitler fordert, in Mein Kampf, »den Sieg des Besseren, Stärkeren zu fördern, die Unterordnung des Schlechteren und Schwächeren zu verlangen«. Woher hat er das, wenn nicht von Nietzsche, der darin noch weitergeht: »Die Schwachen und Missratenen sollen zu Grunde gehen (…) und man soll ihnen noch dazu helfen. (…) Hier Arzt sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer führen – das gehört zu uns, das ist unsere Art Menschenliebe, damit sind wir Philosophen, Hyperboreer!« Hitler bekennt, im Gespräch: »Ja, wir sind Barbaren! Wir wollen Barbaren sein! Es ist ein Ehrentitel. Wir werden die Welt erneuern!« Woher hat er das, wenn nicht von Nietzsche, bei dem steht: »Man muss die Wahl haben, entweder zu Grunde zu gehen oder sich durchzusetzen. Eine herrschaftliche Rasse kann nur aus furchtbaren und gewaltsamen Anfängen emporwachsen. Problem: Wo sind die Barbaren des 20. Jahrhunderts?« Hitler rief, nach seiner Kriegserklärung an die USA, im Dezember 1941, vor einem jubelnden Auditorium, seinem Reichstag, aus: »Wir schlagen immer zuerst los! Wir teilen immer den ersten Schlag aus!« Solch schamloses, ungehemmtes Ja zur eigenen Aggressivität, wer, wenn nicht Nietzsche, hat es ermutigt? »Ich bin meiner Art nach kriegerisch«, sagte der, »Angreifen gehört zu meinen Instinkten. (…) Das aggressive Pathos gehört ebenso notwendig zur Stärke als das Rach- und Nachgefühl zur Schwäche.« Und welche Vorstellungen von menschlicher Größe mussten sich bei Hitler herausbilden, wenn er bei Nietzsche las: »Man versteht große Menschen nicht: Sie verzeihen sich jedes Verbrechen, aber keine Schwächen«, wenn er da, andernorts, Aussprüche fand wie: »Die höheren Naturen haben alle Verbrechen begangen«, oder, in Zur Genealogie der Moral (I/11): »Sie treten in die Unschuld des Raubtiergewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht an einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folter mit einem Übermute und seelischen Gleichgewicht davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben!« Nehmen Sie noch Folgendes hinzu: »Wer wird etwas Großes erreichen«, fragt Nietzsche, »wenn er nicht die Kraft und den Willen in sich fühlt, große Schmerzen zuzufügen? Das Leidenkönnen«, antwortet er, »ist das Wenigste, darin bringen es schwache Frauen und Kinder und selbst Sklaven oft zur Meisterschaft. Aber nicht aus innerer Not und Unsicherheit zu Grunde gehen, wenn man großes Leid zufügt und den Schrei dieses Leides hört – das ist groß, das gehört zur Größe.« Es ist dieses Aperçu, das 1882 Jacob Burckhardt, als er es las, dazu bewog, sich schaudernd von Nietzsche abzukehren. 9 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Brief Burckhardts an Nietzsche, 25. Februar 1874, mit Anmerkung zu Nietzsches »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben« Bei Sandvoss, der das Ereignis in Sokrates und Nietzsche vermerkt, scheint es zumindest zu der Entscheidung beigetragen zu haben, sich systematisch Textvergleichen zwischen Nietzsche und Hitler zuzuwenden. Seine Ausbeute, wie gesagt, war reich. Aber genügt im Grunde nicht diese eine Stelle – Sie nden sie in Nr. 325 der Fröhlichen Wissenschaft –, um einsichtig zu machen, wer Hitler samt seinen Spießgesellen enthemmt, wer etwaige Skrupel in ihnen besiegt, wer sie gegen Leid und Schmerz von Millionen und Abermillionen verhärtet, wer sie zu ihrer gnadenlosen Brutalität und Rücksichtslosigkeit förmlich ermuntert hat? Und an Sie richte ich die Frage: Reicht Ihnen das nicht? PF: Es beeindruckt mich. Was aber nicht heißt, dass für mich nicht manches Problem o en bliebe. War Nietzsche Chauvinist? War er wirklich, wie Sie behaupten, Antisemit? Und wie ist es um seinen Rassismus bestellt? Und immer wieder: Ist das der ganze Nietzsche? Wir sollten uns zu einem weiteren Gespräch hierüber zusammensetzen. WH: Lassen Sie mich heute nur noch eines sagen. Walter Benjamin hat den Faschismus als »Ästhetisierung der Politik« de niert und dieser den Ruf nach Politisierung der Kunst entgegengesetzt. Er überspannt da, für mein Gefühl, ein Moment, dem nichtsdestoweniger ein gewisses Maß an Bedeutung zukommt. Nehmen wir es ernst damit, 9 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er dann sind wir erneut bei Nietzsche und beim italienischen Faschismus, durch den seine Lehre in die Naziideologie hinein transportiert worden ist. Ich denke an D’Annunzio. Dieser Gefährte Mussolinis war, eben als passionierter Nietzscheaner, der vehementeste Künder jenes »Schönheitsstaats« den er selbst während seines Fiume-Abenteuers zu verwirklichen suchte und der, als Idee, Hitler von Anbeginn der eigenen politischen Karriere vorgeschwebt hat. Die Lichtdome und einstudierten Massenaufmärsche der Reichsparteitage, ge lmt von Leni Riefenstahl, die in Großregie inszenierten Massenfeste, die vielen Sportstadien, die gebaut wurden, die Maiden vom BdM-Werk »Glaube und Schönheit«, die darin Bälle und Reifen schwangen, die von Reichsautobahnen durchschnittenen Landschaften, die Gigantomanie architektonischer Großentwürfe und so fort, all das ist aus dem »Dritten Reich« nicht fortzudenken. PF: Darauf einzugehen würde zu weit führen. Wir müssen unser ema eingrenzen. WH: Ich will diesen Hinweis jetzt auch nicht weiter ausbauen. Aber gänzlich fehlen darf er gleich zu Anfang nicht, weil es, auch unter Linken, eine ästhetizistisch motivierte Nachsicht mit Nietzsche gibt, der es von vornherein auf ihrem eigenen Terrain entgegenzutreten gilt. Mit Mahnungen, die den faschistischen Terror in den Mittelpunkt rücken, ist ihr, wie die Erfahrung lehrt, nicht ohne weiteres beizukommen. Ich möchte es nicht unversucht lassen, die von ihr Befallenen mit der Linie, die von Nietzsche über D’Annunzio zu Mussolini und Hitler führt, nachdenklich zu stimmen. Und Benjamins Urteil hat bei denen, die aus Schönheitstrunkenheit »Zwar – aber« sagen, Gewicht. Sie sollten von Anbeginn nicht ganz außer Acht gelassen werden. PF: Soviel genügt aber auch zu diesem ema. Mich bewegen andere, vordringlichere Fragen. 1 0 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er III. Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus WH: Unser letztes Gespräch hat Sie nicht zufrieden gestellt. PF: Nicht ganz. Ihre Ausführungen lassen, wie ich bereits andeutete, etliche Fragen o en. Ich möchte Sie nun darum bitten, sie mir zu beantworten. Die erste bezieht sich auf Ihre Au assung des Faschismus als Bewegung. Sie haben diese de niert durch das Ziel, die Arbeiterbewegung und den Sozialismus zu vernichten. WH: Ja. PF: Ist das kein zu enger Begri ? WH: Nein. Wieso? PF: Mir scheint, er lässt andere, keineswegs unwesentliche Merkmale außer Acht. Und dadurch, befürchte ich, verleitet er zu einem Sektierertum, das den Antifaschismus auf ein bloßes Anliegen der Arbeiterklasse reduziert, ja, auf eines bloß ihrer Vorhut. Vor allem bündnispolitisch wäre dies bedenklich. WH: Die Zielsetzung der faschistischen Bewegung bedingt, dass sie bestrebt sein muss, rechtsstaatliche und parlamentarisch-demokratische Institutionen zu zerstören und an deren Stelle eine o ene Diktatur zu errichten, die mit Terror und Willkür regiert. Bei liberalen und demokratischen Kräften wird dadurch die Bereitschaft erweckt, zur Verteidigung des Rechtsstaats und der Demokratie mit der am meisten bedrohten Arbeiterbewegung ein sich gegen den Faschismus richtendes Bündnis einzugehen. Und nicht allein das. Um ihres Ziels willen geben die Faschisten essenzielle moralische Werte preis, brechen sie mit humanistischen und progressiven Traditionen. Das mögliche Bündnis gegen sie erhält so eine noch breitere Basis. Jeder gehört potentiell dazu, dem, auf Grund seiner Interessenlage oder aus ideellen Antrieben, daran gelegen sein muss, dass diese Werte aufrechterhalten bleiben, diese Traditionen bewahrt und fortgeführt werden. Das gilt, zum Beispiel, für die Christen, als Gläubige einer Religion der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit. Auf Einengung des Antifaschismus, die ihm bündnispolitisch zum Schaden gereichen würde, liefe eine Gleichsetzung von Faschismus und Kapitalismus hinaus, und davon ist in meiner De nition keine Rede. PF: Gesetzt, Sie haben recht, was folgt daraus für die Einschätzung Nietzsches, was für die Einstellung zu ihm? Marxist und zugleich Nietzscheaner zu sein, haben Gedö, Steigerwald und auch Sie für unmöglich erklärt, mit einleuchtenden Gründen. Müssen deswegen Antifaschisten Gegner Nietzsches sein? Ich meine bürgerlich-demokratische, liberale, auch wertkonservative Antifaschisten. Es hat welche gegeben, die es nicht waren, die auf ihn Wert legten, und es gibt sie. 1 0 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Solche Menschen haben entweder über Nietzsche falsche Vorstellungen, oder sie denken widerspruchsvoll. In der Konsequenz antifaschistischer Haltung liegt es, ihn abzulehnen, mit ihm nichts im Sinn zu haben, ihm mindestens desinteressiert gegenüber zu stehen oder, falls man auf ihn einmal hereingefallen ist, sich von ihm zu lösen. PF: Und das, meinen Sie, sei deswegen so, weil er der wichtigste, der hauptsächliche geistige Wegbereiter des Faschismus gewesen ist. WH: Es fällt nicht schwer, spezi ziert klarzustellen, dass Nietzsche alles verneint, alles hasst, verachtet, bekämpft, was in einem antifaschistischen Bündnis integrierbar ist: Vernunft und Humanität, Toleranz und Friedensliebe, die Ideale der bürgerlichen Revolution, das Christentum und, ganz besonders, der Sozialismus. Nur die Demokratie, oder was er dafür hielt, hat er während einer kurzen Zeitspanne ungern, widerwillig anerkannt, auch da lediglich als möglicherweise geeignetes Mittel, die Arbeiterbewegung abzuwehren, den Sozialismus zu vereiteln. Davor war er strikt antidemokratisch gesinnt, danach wurde er es in gesteigertem Maße aufs Neue. PF: Sie zählen Kosmopolitismus und Internationalismus nicht mit auf, und das wohl mit Bedacht. Denn Nationalismus hat Nietzsche ferngelegen. WH: In seiner frühen Phase wahrhaftig nicht, später in gewissem Sinne ja. Nur muss man hier … PF: In seiner zweiten und dritten Periode, ja, schon von 1873 an, war er zuverlässig kein Nationalist, eher das Gegenteil, und in dieser Hinsicht war er und ist er für Faschisten unbrauchbar, da die ja, der Dimitro schen De nition zu Folge, im Dienst der am meisten chauvinistischen Elemente des Finanzkapitals stehen. Wie werden Sie damit fertig? WH: Das wissen Sie doch. Ich denke, Sie haben mein Aufsatz von 1987, in Sinn und Form, gelesen. Darin ist zu diesem Punkt das Nötige gesagt. PF: Auf den Chauvinismus als Komponente der faschistischen Ideologie geht der Aufsatz nicht ein. Und was Sie zu Nietzsches Abkehr von nationalistischen Tendenzen darin ausführen, das hat o enbar niemand überzeugt, weder Ihre Kritiker in der DDR noch die Teilnehmer des Symposions in Wuppertal, um von den Kommentaren der bürgerlichen Presse zu Ihrer Polemik gegen Heinz Pepperle ganz zu schweigen. WH: Was soll das heißen: »Es hat niemand überzeugt«? Niemand ist auf meine Argumente eingegangen. Sie sind stillschweigend, diskussionslos bei Seite geschoben worden. Ich darf mich auf Metscher berufen. Er hat in Wuppertal ganz allgemein beanstandet, dass sehr überzeugende esen, die ich vortrüge, und dass Zitate aus Schlüsselwerken, mit denen sie von mir belegt würden, von meinen Kritikern, so zum 1 0 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Beispiel von Stephan Hermlin, nicht entkräftet worden seien. Metscher sieht darin ein »trauriges Beispiel polemischer Selbstblendung«. PF: Und einige Ihrer Argumente wiederholt er, »im Sinne illustrativer Kostproben«, allerdings nicht die zur Problematik des Nationalismus. WH: Seine Beschränkung auf eine Auswahl begründet Metscher damit, dass mein Aufsatz leicht zugänglich sei. Das eben ist er durchaus nicht. PF: Auch ich habe ihn mir nur unter großen Schwierigkeiten bescha en können. WH: Sehen Sie, da haben Sie’s! Das Heft von Sinn und Form, worin er steht, kann nur in winziger Au age erschienen sein und war daher sehr schnell vergri en. Große Publizität dagegen wurde – und wird bis heute – seiner Ablehnung zuteil, vom X. Schriftstellerkongress der DDR, im November 1987, angefangen. Metscher und André Müller haben Auszüge aus meinem Aufsatz in dem internen Blatt des bundesdeutschen Kulturbundes nachgedruckt, in Kultur und Gesellschaft, das an Kiosken und im Buchhandel gar nicht erhältlich ist und seinerseits nur eine sehr kleine Au age hat. Hinterdrein ließ die Redaktion mich wissen, nach Hermlins Auftreten auf dem Kongress wäre selbst diese Hilfe für mich nicht mehr möglich gewesen. Pepperle übrigens entzog sich einer mündlichen Diskussion mit mir, zu der wir in einem ihm wohlgesinnten Kollegenkreis eingeladen waren. Trotzdem behielt er in Sinn und Form, Heft 1, 1988, das letzte Wort. Meine Bitte, darauf replizieren zu dürfen, wurde von der Redaktion zurückgewiesen. Zum Symposium in Wuppertal erhielt ich, wie Sie wissen, keine Einladung. Buhr sprach dort als Vertreter der DDR. In Heft 1, 1989, von Sinn und Form ist mir dann vorgeworfen worden, ich legte meiner Einstellung zu Nietzsche »das Konfrontationsmuster des Kalten Krieges« zu Grunde. Als ich darum bat, mich wenigstens darauf erwidert zu lassen, wurde mein diesbezügliches Schreiben nicht einmal mehr eine Antwort gewürdigt. PF: Ich unterstelle, dass das, worüber Sie sich beklagen, genau so zutri t, wie Sie es schildern. Und ich verstehe, dass Sie sich verletzt fühlen. Es nützt aber nichts, wenn Sie jetzt deswegen wehleidig werden. Indem ich Sie interviewe, gebe ja nun ich Ihnen Gelegenheit zur Replik; Sie brauchen die nur wahrzunehmen. Und ich stelle Ihnen weiter anheim, in diesem Rahmen Beweisgründe zu wiederholen, von denen Sie glauben, dass man, ohne sie widerlegt zu haben, über sie hinweggegangen sei. Sollte ich mich außer Stande sehen, mir eine Ihrer Meinungen zu eigen zu machen, so werde ich die entweder – das erkläre ich hiermit ein für alle Mal – selbst entkräften oder an Ihre Kritiker appellieren, mir diese Aufgabe abzunehmen. Fangen wir mit dem Nationalsozialismus an! In dem Beitrag Revision des marxistischen Nietzschebildes?, abgedruckt in Heft 5, 1986, von Sinn und Form, durch den Sie sich zum Widerspruch herausge- 1 0 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k fordert sahen, schreibt Pepperle über Nietzsche: »Er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. Er war auch nicht gut auf die Deutschen zu sprechen und auf die verdummende Bismarcksche Machtpolitik.« Rekapitulieren Sie ruhig – wörtlich oder sinngemäß, ganz wie Sie mögen – Ihre Erwiderung darauf. Falls Sie sich freilich in diesem oder jenem Punkt inzwischen korrigiert haben, sei es, dass Sie ein früher benutztes Argument fallen lassen, sei es, dass Sie es in noch verschärfter Form, mit zusätzlicher Begründung bekräftigen, so müssten Sie das vermerken. WH: Zwischenfragen bleiben überdies Ihnen unbenommen. PF: Ich werde sie gegebenenfalls stellen. WH: Ich habe als erstes betont, keinen Vorzug darin entdecken zu können, dass »jemand ›nicht gut auf die Deutschen zu sprechen‹ ist«. PF: Ein Bekenntnis, das bei einem Linken heute seltsam anmutet. Die »Republikaner« könnten Ihnen dazu applaudieren. WH: Ich bestreite nicht, dass wir Deutschen allen Grund haben, viel Verständnis dafür aufzubringen, wenn von Faschismus und Krieg Betro ene auf uns »nicht gut zu sprechen« sind.9 Aber erstens ist auch in diesem Fall die Neigung zu pauschaler Verurteilung kein Vorzug. Zweitens gibt Pepperle sie als Vorzug aus bei Nietzsche, der, abgesehen davon, dass er selber Deutscher war, in einer Zeit gelebt hat, in der noch gar kein Grund bestand, speziell »den« Deutschen ablehnend gegenüberzustehen. Und drittens hat gerade Nietzsche daran, dass sich das später ändern sollte, sein gerüttelt Maß Schuld, eine Feststellung, die »Republikanern« schwerlich zu sagen wird. PF: Sie berichtigen sich in diesem Punkt also nicht. WH: Nein. Wieso sollte ich? PF: Sie werfen Pepperle dann weiter vor, sich über den »Geist eines hochgemut teutomanischen Kulturnationalismus auszuschweigen, der unverkennbar die Geburt der Tragödie durchweht«. 9 (AH) Schon in den fünfziger Jahren hatte sich Harich in diesem Sinne für einen, banal formuliert, »guten deutschen Patriotismus« ausgesprochen, der Werte wie Heimat ebenso umfasst wie eben die Ablehnung von Faschismus, Rassismus, Militarismus. Exemplarisch sichtbar wird seine Argumentation in Demokratischer Patriotismus. Vortrag für die Warschauer Konferenz (abgedr. in: Band 1.3, S. 2075–2089), vom Mai 1955, gehalten während einer Reise einer Delegation deutscher Philosophen (neben Harich u. a. mit Karola und Ernst Bloch und Georg Klaus) nach Polen (siehe hierzu den Text Reise deutscher Philosophen in die Volksrepublik Polen, abgedr. in: Band 1.3, S. 2070–2075). Verschiedene weitere Wortmeldungen, verstreut über das gesamte Werk, ließen sich ergänzen. 1 0 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Ein Zitat aus dem Werk mag diesen ursprünglichen Nationalismus Nietzsches jetzt belegen: »Wir halten so viel von dem reinen und kräftigen Kerne des deutschen Wesens«, schreibt er 1871, »dass wir gerade von ihm jene Ausscheidung gewaltsam eingep anzter Elemente zu erwarten wagen und es für möglich erachten, dass der deutsche Geist sich auf sich selbst zurückbesinnt. Vielleicht wird mancher meinen, jener Geist müsse seinen Kampf mit der Ausscheidung des Romanischen beginnen: wozu er eine äußerliche Vorbereitung und Ermutigung in der siegreichen Tapferkeit und blutigen Glorie des letzten Krieges erkennen dürfte, die innerliche Nötigung aber in dem Wetteifer suchen muss, der erhabenen Vorkämpfer auf dieser Bahn, Luthers ebenso wohl als unserer großen Künstler und Dichter, stets wert zu sein. Aber wie möge er glauben, ähnliche Kämpfe ohne seine Hausgötter, ohne seine mythische Heimat, ohne ein ›Wiederbringen‹ aller deutschen Dinge kämpfen zu können! Und wenn der Deutsche zagend sich nach einem Führer umblicken sollte, der ihn wieder in die längst verlorene Heimat zurückbringe, deren Wege und Stege er kaum mehr kennt – so mag er dem wonnig lockenden Rufe des dionysischen Vogels lauschen, der über ihm sich wiegt und ihm den Weg dahin deuten soll.« PF: Gemeint ist Richard Wagner. WH: Ja, der später so Geschmähte. Und mit dem Vogel spielt Nietzsche zugleich auch auf die Wittenbergische »wunnigliche Nachtigall«, das heißt auf die Beschwörung Luthers in den Meistersingern an. PF: In der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung, die 1873 erschienen ist, also schon zwei Jahre später, tritt plötzlich die entgegengesetzte Einstellung zu Deutschland zu Tage. Wiederholen Sie einfach das, was Sie dazu dargelegt haben! »Wie ist der Sinneswandel zu erklären?« fragten Sie. WH: »Aus Enttäuschung über das 1871 gegründete Deutsche Reich? Die zur Schau zu tragen konnte einem Kostgänger des Patriziats von Basel unmöglich zum Nachteil gereichen (…).« PF: Ausgezeichnet! Damit haben Sie die in Basel, die überhaupt in der Schweiz damals vorherrschende Stimmung erfasst. Hätte 1871 Frankreich gesiegt, so wäre es unter Schweizern, um des Gegengewichts willen, vorteilhaft gewesen, an den Franzosen herum zu mäkeln, am meisten für einen von da her stammenden Universitätsprofessor. WH: Und Kritik an den Deutschen zu üben, war, sage ich, außerdem »an einem aus Deutschland gebürtigen jungen Professor dabei ein origineller Zug. Der simple Hintergrund leuchtet ein, sobald man im Vertrauen auf Lukács’ illusionslose Analyse, die für Nietzsche charakteristische Attitüde eines rebellischen Nonkonformisten durchschauen gelernt hat und auf ihrem Boden die Symptome ängstlich angepasster Rück- 1 0 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k versicherung wahrzunehmen versteht. Geht man dagegen mit Pepperle davon aus, der Mann sei im Leben dem ›Wahlspruch‹ gefolgt: ›Um alles in der Welt keinen Schritt zur Akkommodation, um keinen Preis eine Bindung, die die eigene Unabhängigkeit beeinträchtigen könnte‹, (…) dann hat man sich den Weg zu nüchterner Beurteilung seiner Motivationen verbaut.« PF: Halten Sie auch dies nach wie vor aufrecht? WH: Ich denke heute um keinen Deut anders darüber, glaube aber, belehrt durch den Gang der Diskussion, dass zu den Fehlern, die mir 1987 unterlaufen sind, auch der gehört, überhaupt Re exionen über Nietzsches Subjektivität, über dessen Motive angestellt zu haben. Unverzichtbar sind für mich aus dem betre enden Kontext daher nur noch die folgenden Gedanken, auf die bisher keiner meiner Kritiker eingegangen ist und die ich deshalb für unwiderlegt halte: »Gesetzt, den Sottisen Nietzsches gegen das eigene Volk wäre eine edlere Abkunft nachzusagen, würde dadurch ihr Wahrheitsgehalt sich erhöhen? Wären sie deswegen als Beitrag zu lehrreicher, beherzigenswerter nationaler Selbstkritik anzusehen? Die Polemik gegen den Unsinn, den Siegern von Sedan das Zeugnis kultureller Überlegenheit über die von ihnen Besiegten auszustellen, wirkt selber ungemein töricht, wenn sie im ersten Stück der Unzeitgemäßen Betrachtungen, gegen David Friedrich Strauß, dieses Werturteil schlankweg umkehrt und den Triumph einer niedrigeren Kultur über eine höhere beklagt. Und im zweiten Stück, das der Historie nichts als Nachteil, keinerlei Nutzen fürs Leben zubilligt, ist, hintendrein, zu erkennen, wieso bei jener läppischen Vergleicherei kein konkretisierendes Wort über die bei beiden Nationen unterschiedlich gedeihenden Kulturgebiete hatte laut werden dürfen, obschon etwa eines über den Roman in der Tat günstiger für die Franzosen hätte ausfallen müssen. Wäre etwas spürbar geworden von der Größe der klassischen deutschen Philosophie, so hätte die Absicht, ihre Gipfelleistung, die Hegelsche Geschichtsdialektik, in Verruf zu bringen, inhaltlich selbst durch deren er schliche ne Gleichsetzung mit dem ›Weltprozess‹ Eduard von Hartmanns, stilistisch selbst mit der Talmieleganz eines Emerson nachä enden Essaygeschwafels sich nicht in ein und dem selben Buch mehr ausführen lassen. Genau darauf aber legt die zweite Unzeitgemäße es an.« PF: Dieser Ausfall gegen Nietzsches Stil war ebenfalls unklug, möglicherweise sogar sachlich falsch. Sie hätten ihn sich besser verkneifen und nur von den Inhalten sprechen sollen. WH: Er war taktisch unüberlegt. Ich sehe es ein. Doch lassen Sie mich fortfahren! »Auch über Hegel, ähnlich wie über Kant, ist Nietzsche nur obenhin Aufgeschnapptes, aus zweiter Hand Bezogenes geläu g. Heine jedoch, eine vormärzliche Quelle, zu be- 1 0 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er rühmt, als dass es für ihn ratsam wäre, sie zu verschweigen – weshalb er sie manchmal mit Lob bedenkt –, Heine hat er im Original gelesen. Durch ihn weiß er, ungefähr, dass sich in der deutschen Philosophie die Revolution verbirgt, dass Doktoren aus der Hegelschen Schule, namentlich der von ihm nie erwähnte Dr. Marx, Kommunismus predigen. Das ist es, was Nietzsche dazu bewegt, dermaßen eindringlich im Namen des ›Lebens‹ vor der Historie zu warnen. Die Fröhliche Wissenschaft, sodann, sieben Jahre später, überträgt, was Heine, überschwänglich rühmend, über das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie ausgeplaudert hat,10 mit negativem Wertakzent, schimpfend und schmähend auf die deutsche Musik. In ihr allein hätte, heißt es in Nr. 103, ›die Veränderung, welche Europa durch die Revolution erfuhr, einen Ausdruck bekommen: Nur die deutschen Musiker verstehen sich auf den Ausdruck bewegter Volksmassen, auf jenen ungeheuren künstlichen Lärm, der nicht einmal sehr laut zu sein braucht (!?, WH) – während zum Beispiel die italienische Oper nur Chöre von Bedienten oder Soldaten kennt, aber kein Volk‹.« Hinzu komme, dass »›aus aller deutschen Musik eine tiefe bürgerliche Eifersucht auf die Noblesse herauszuhören‹ sei, ›namentlich auf esprit und élegance als Ausdruck einer hö schen, ritterlichen, alten, ihrer selbst sicheren Gesellschaft‹. Dementsprechend fasst Nietzsche daselbst Beethoven als typisch deutsch-plebejischen Antipoden Goethes auf, von welch Letzterem er mit Behagen vernommen hat, er habe die Revolution des Dritten Standes verachtet (Hermann und Dorothea muss ihm wieder entgangen sein). Neben Goethe erscheint Beethoven ihm ›als die Halbbarbarei neben der Kultur, als Volk neben Adel‹. Welchem Liberalen, welchem Linken gar, welchem Kommunisten kann da noch eine Apologie Nietzsches, die zu dessen Gunsten vorbringt, er sei ›nicht gut auf die Deutschen zu sprechen‹ gewesen, Zutrauen ein ößen?« PF: Ja, damit hat kein Gegner Ihres Aufsatzes sich bisher auseinandergesetzt. Wären Sie im Stande, noch mehr Beispiele dafür anzuführen, dass, wenn Nietzsche Deutschland und die Deutschen kritisiert, er häu g deren progressive, humanistische, revolutionäre Traditionen angreift? WH: Jede Menge. Es ließe sich anhand zahlreicher weiterer Beispiele zeigen. Daneben stößt man bei ihm auf Verhöhnungen deutscher Schwere, deutscher Plumpheit und 10 (AH) Verwiesen sei neben der sechsbändigen Heine-Ausgabe (Gesammelte Werke in sechs Bänden, hrsg. von Wolfgang Harich, Berlin, 1951, auch: 2., verm. u. verb. Au ., Berlin, 1954–1956), die Harich im Aufbau-Verlag veranstaltete, vor allem auf dessen Aufsatz: Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie, in: Sinn und Form, 1956, Heft 1, S. 27–59 (neu abgedr. in: Band 5, 339–369). Siehe hierzu: Heyer: Wolfgang Harich über Heinrich Heine. Philosophie und Literatur in den ersten Jahren der DDR, in: Heine Jahrbuch, Nr. 55, 2016, Stuttgart, 2016, S. 45–66. 1 0 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k dergleichen. Hierüber zu reden lohnte kaum, spielten nicht Vorwürfe dieser Art – was mir 1987 noch unbekannt war – eine Rolle in der deutschfeindlichen Agitation extremer Reaktionäre des Auslands, namentlich Frankreichs und Italiens. Schriften Nietzsches waren in der Beziehung eine Fundgrube etwa für die Action Française. Und Mussolini hat hervorgehoben: »Die teutonische Schwere und der englische Handelsgeist waren dem Verfasser des Zarathustra gleichermaßen unverdaulich.« Seit ich dies weiß, steht mir ein neues, zusätzliches Argument zu Gebote: Hätte Nietzsche am teutomanischen Nationalismus der Geburt der Tragödie festgehalten, so wäre das seiner internationalen Wirkung abträglich gewesen. Weil nicht festgelegt auf einen bestimmten Chauvinismus – und jeder Chauvinismus muss per se ein bestimmter sein –, fasziniert Nietzsche Reaktionäre und Faschisten des ganzen Erdballs, denen es keine Schwierigkeiten bereitet, die von ihm empfangenen Anregungen mit ihren jeweiligen Chauvinismen zu verbinden. PF: Aber ndet man bei ihm nicht Stellen, die gegen jeglichen Nationalismus, welcher Nation auch immer, gerichtet sind? WH: Gegen jeden keineswegs. Gegen den, wie er ihn nennt, kurzsichtigen der europäischen Staaten, die ihr gemeinsames Interesse an der Beherrschung der von Farbigen bewohnten übrigen Welt vergäßen: »Er fühlte sich als Europäer«, hat Pepperle an Nietzsche gelobt. Gemeint ist der »gute Europäer«, als den der sich empfand. Was steckt dahinter? Ich darf mich abermals selbst zitieren. Nicht besser als um Nietzsches Abneigung gegen den plebejischen und revolutionären Beethoven sei es, behaupte ich, »um den viel gepriesenen Horror des ›guten Europäers‹ vor dem, was er unter Nationalismus versteht, bestellt. In den Nachlassaufzeichnungen Über Völker und Vaterländer, von 1886, werden die ›Kleinstaaten Europas, ich meine alle unsere jetzigen Staaten und Reiche‹, als ›in kurzer Zeit wirtschaftlich unhaltbar‹ verurteilt unter den zu begrüßenden Auspizien eines den gesamten Kontinent umfassenden, ihn übergreifenden Imperialismus, von dem es heißt, die Kolonien Englands seien für ihn ebenso unentbehrlich, ›wie das jetzige Deutschland, zur Einübung in seine neue Makler- und Vermittlerrolle, der Kolonien Hollands bedarf‹. Um dieser Vision willen wird zur ›Überwindung der Nationen‹ aufgerufen, wird das Deutsche Reich für uninteressant erklärt, mit dem Zusatz, es wisse nicht, was es wolle; ›Frieden und Gewährenlassen ist gar keine Politik, vor der ich Respekt habe. Herrschen und dem höchsten Gedanken zum Siege verhelfen – das Einzige, was mich an Deutschland interessieren könnte‹, ein Seitenhieb nicht gegen ›verdummende Machtpolitik‹, nein, einer gegen Bismarcks ›Saturiertheit‹, gegen seine Besonnenheit, seine Vorsicht, seinen Realismus. Und wieder, wie sechs Jahre zuvor in der Morgenröte, setzt dabei Nietzsche, was die heran zu züchtende Herrenkas- 1 0 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er te betri t, von der er sich ›interessantes‹ Agieren verspricht, größte Ho nungen auf den preußischen Adel, weil der ›gegenwärtig die männlichsten Naturen in Deutschland‹ stelle, sowie auf die (…) Juden, als die ›geschicktes Geldmenschen‹, die unbedingt gebraucht würden, ›um die Herrschaft auf der Erde zu haben‹. Störend sei ›die Weichlichkeit der demokratischen Ideen, erwachsen aus dem Kampf der Nation‹, störend auch das ›Aufwerfen von Rassenfragen, gesetzt nämlich, dass man nicht seine Herkunft aus Borneo und Horneo hat‹; dort, versteht sich, unter Kolonialo zieren, stört es nicht. Und an welchen Grundwerten soll der ›gute Europäer‹ sich orientieren? ›Ich glaube, dass alles, was wir in Europa heute als die Werte aller jener verehrten Dinge, welche ›Humanität‹, ›Menschlichkeit‹, ›Mitgefühl‹, ›Mitleid‹ heißen, zu verehren gewohnt sind (…) nichts anderes ist als die Verkleinerung des ganzen Typus ›Mensch‹ – seine Vermittelmäßigung, wenn man mir in einer verzweifelten Angelegenheit ein verzweifeltes Wort nachsehen will.‹ Im selben Jahr erschien Jenseits von Gut und Böse, ein Jahr später Zur Genealogie der Moral. Dass die Propagierung höllischer Bestialitäten in beiden Schriften mit dem Programm des geforderten paneuropäisch-kolonialistischen Imperiums in engem Zusammenhang steht, ist nach dem eben Zitierten evident. Wer wagt es, uns da noch Nietzsche als einen über Staatenzwietracht erhabenen Kosmopoliten klassisch-humanen Zuschnitts, womöglich als eine Art Wegbereiter internationalistischer Solidarität anzupreisen?« Diese Fragen waren in erster Linie an Pepperle gerichtet. Hat er jemals darauf erwidert? Sind Sie von anderen beantwortet worden? Hat irgend einer, der meine Nietzsche-Kritik als intolerant, überzogen und maßlos rügte, sich die Mühe gemacht, die von mir angeführten Zitate zu überprüfen, um sie fundiert anzweifeln zu können? Und haben diejenigen, die deren Zuverlässigkeit voraussetzten, sie aber als lästig empfanden, sie auch nur eines relativierenden Einwurfs für wert befunden? PF: Nicht das ich wüsste. Aber ich habe jetzt einen Einwurf. Nationalistisch, chauvinistisch gedacht ist das, was Sie aus Nietzsche da zitiert haben, eben nicht. Und extremer Chauvinismus wird den Faschisten in der Dimitro schen De nition attestiert. Eine Antwort auf meine Frage, wie Sie damit fertig werden, sind Sie mir folglich immer noch schuldig. WH: So? Wenn Nietzsche 1886 die Bismarcksche Außenpolitik ihrer Friedfertigkeit wegen tadelt und hinzufügt, Respekt könne ihm Deutschland nur dadurch ein ößen, dass es herrsche und »dem höchsten Gedanken zum Sieg verhelfe«, dann ist das kein Chauvinismus? Was hat Nietzsche unter dem »höchsten Gedanken« denn verstanden? Den Kerngedanken seiner »großen Politik«, den der Herrschaft über die Erde. PF: Ich meine die anderen von Ihnen zitierten Auslassungen, die paneuropäischen, den Hohn über die »Kleinstaaten« Europas, die – verzeihen Sie! – doch hochaktuell 1 0 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k anmutende Erkenntnis ihrer wirtschaftlichen Unhaltbarkeit. Nietzsche kommt mir da wie ein Vorläufer Coudenhove-Kalergis vor, schwerlich wie einer der Nazis. WH: Sagen Sie doch gleich: Wie einer der EG. PF: Ja. WH: Und die Verächtlichmachung von Humanität, Menschlichkeit, Mitgefühl, Mitleid – alle, jedes für sich, in ironisierende Anführungszeichen gesetzt –, haben Sie nie gehört, dass genau so die Nazis gedacht und geredet haben? Wahrscheinlich sind Sie zu jung dazu. Und vielleicht ist nicht alles davon bis zu Ihren Eltern in die Schweiz gedrungen. Ich entsinne mich überdeutlich. Als verbrecherisch galt den Nazis jede, wie sie es nannten, »Humanitätsduselei«. In der Schule brachte man uns bei, wir Deutschen seien immer »viel zu human« gewesen; das müsse aufhören. PF: Mit alledem mögen Sie Recht haben. Auf einem Einwand beharre ich dennoch. Wer über »Völker und Vaterländer« spottet und in dem Zusammenhang besonders über die Deutschen herzieht – wann hätten die Nazis das je getan? –, ist jedenfalls kein deutscher Chauvinist. Chauvinismus aber gilt Dimitro … WH: Er galt ihm, zu seiner Zeit, 1935, angesichts einer Vielzahl faschistisch regierter Nationalstaaten Europas, als Merkmal des Faschismus an der Macht. Wir haben davon die faschistische Bewegung unterschieden und von der wieder die faschistische Ideologie. Denken Sie, bitte, jetzt einmal, im Licht dieser Di erenzierung, an die Lage Österreichs vor dem »Anschluss« 1938, an das konkurrierende Nebeneinander der Austrofaschisten, namentlich des Heimwehr-Faschismus auf der einen und der großdeutsch gesinnten Nazis auf der anderen Seite! Beide Richtungen waren verfeindet, bekämpften einander, unter Umständen, bis aufs Blut. Unberührt davon war und blieb das ihnen gemeinsame Bestreben, die österreichische Arbeiterbewegung zu vernichten. Zuerst von dem austrofaschistischen Diktator Dollfuß, der später einem Naziattentat zum Opfer el, ist im Mai 1933 die KPÖ, ist nach dem Wiener Arbeiteraufstand vom Februar 1934 auch noch die SPÖ verboten und terroristisch unterdrückt worden. Oder nehmen Sie einen anderen Fall: Die Action Française. Sie hat von Anbeginn einem extremen französischen Chauvinismus gehuldigt, an dem, außer Antisemitismus, Deutschenhass die Hauptsache war, was nicht hinderte, dass ihre Führer im Zweiten Weltkrieg zu Kollaborateuren der deutschen Okkupanten wurden. PF: Sie berufen sich auf Beispiele, die zu ausgefallen sind, als dass sie viel beweisen könnten. WH: Das österreichische Beispiel hat enorme Bedeutung. Hinter den divergierenden österreichischen Faschismen standen immerhin Italien und das Deutsche Reich mit den Interessengegensätzen ihrer jeweiligen imperialistischen – und entsprechend chau- 1 1 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er vinistisch denkenden – Bourgeoisien. Trotzdem: Auch die daraus erwachsenden Kon- ikte wurden, als weniger gewichtig, beigelegt, sobald das gemeinsame Klasseninteresse, im Kampf gegen die spanische Republik, es gebot. Da ließ Mussolini seine Vasallen in Wien fallen, was den Triumph des großdeutschen über den österreichischen Chauvinismus begünstigte. Ist daraus nicht der Schluss zu ziehen, dass der tödlichen Feindschaft gegen Arbeiterbewegung und Sozialismus, als strategischer Substanz der faschistischen Ideologie, letztlich eine um Vieles größere Relevanz beizumessen ist als ihrer nationalistischen, chauvinistischen Komponente? Hitler, nebenbei bemerkt, legte auf den Begri der Nation nur geringen Wert. Die Rasse stand für ihn höher, hatte übergeordneten Rang. PF: Er war unbestreitbar ein großdeutscher Chauvinist. WH: Gewiss. Was aber nicht ausschloss, dass bereits seine »Neuordnung Europas« in die Richtung der heutigen »Europäischen Gemeinschaft« wies, der EG. Lesen Sie heute, 16 Jahre später, Johan Galtungs Analyse A Superpower in the Making von 1973, damals Deutsch erschienen unter dem Titel Kapitalistische Großmacht Europa oder die Gemeinschaft der Konzerne, und legen Sie sich die Frage nach dem prophetischen Wahrheitsgehalt dieses Werkes vor! Niemand kann – so werden Sie dann gewahr werden – dafür garantieren, dass in der EG nicht über kurz oder lang ein supranationaler Faschismus obsiegen könnte, angeführt von solch »guten Europäern« wie Le Pen und Schönhuber und den ihnen gleich gesinnten Rechtsextremisten in Dänemark, Belgien, Spanien, Italien usw., auch in dem zur EG-Mitgliedschaft drängenden Österreich – denken Sie bloß an Herrn Haider in Kärnten! Zu einer rechtsradikalen Internationale werden diese Elemente sich sowieso bald zusammenschließen, verlassen Sie sich darauf! Und es genügt, die Überlegung anzustellen, ob sie nicht eines Tages auch noch die Macht an sich reißen könnten, um zu begreifen, dass Nietzsche, gerade weil er den nationalstaatsbezogenen Chauvinismus relativiert – gänzlich preisgegeben, wirklich überwunden, konsequent bekämpft hat er ihn nie –, heute gefährlicher ist denn je. PF: Le Pen und Schönhuber sind Chauvinisten. WH: Nationale Vorurteile, die ihre Agitation ganz bestimmt für den jeweiligen Innenbedarf ihrer Länder schürt und die sie, vielleicht sogar subjektiv aufrichtig, gegeneinander hegen mögen, dürften unerheblich sein, gemessen an ihrer gegen Algerier bzw. Türken gerichteten Ausländerfeindlichkeit. In dieser jedoch kündigt sich schon ein supranational neofaschistisches Bündnis »guter Europäer« gegen die Dritte Welt im ganzen an. Und der Rückgri europäischer Intellektueller auf Nietzsche hat es vorbereitet, liefert ihm die heute geeignetste, die bornierten Einzelnationalismen überbrückende gemeinsame Ideologie und lässt es weiter an Boden gewinnen. Noch schwärmt 1 1 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k man für Nietzsches »nomadisierendes Denken«. Wann seine »große Politik« sich der Geister bemächtigen wird, ist nur noch eine Frage der Zeit. Für mich steht außer Zweifel, dass die Nietzsche-Renaissance nicht zufällig dem gegenwärtigen Umsichgreifen des Neofaschismus in Westeuropa vorausgegangen ist und mit ihm koinzidiert. Womit gesagt ist: Wer hier den Anfängen wehren will – und es sind bedrohlich weit gediehene Anfänge –, darf vor keinerlei Nietzscheanertum haltmachen. Es muss entlarvt und gnadenlos bekämpft werden. Unsere geschichtlichen Erfahrungen lassen keinen anderen Schluss zu. PF: Entspräche es dem Geist – nicht unbedingt dem Buchstaben – der Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Komintern, von 1935, die Dimitro sche De nition im Hinblick auf spezi sche Züge des heutigen Neofaschismus zu überdenken und sie beispielsweise in der Frage des Chauvinismus abzuwandeln, durch andere Akzente, die der Gefahr etwaiger supranationaler rechtsextremistischer Gruppierungen beizeiten Rechnung tragen? WH: Um darauf eine durchdachte Antwort geben zu können, müssten wir erst die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen derartiger supranationaler Faschismen analysieren. Dies wäre jedoch ein ema für das gesonderte Gespräch, das über Nietzsche und die Globalprobleme zu führen wir uns vorgenommen haben. Vorläu g sind wir noch bei den Lehren, die es aus dem hinter uns liegenden Faschismus zu ziehen gilt. Oder haben Sie zu dem keine Fragen mehr? PF: Doch, durchaus. Mit Rücksicht auf die Globalprobleme schlage ich vor, unserer Erörterung des Chauvinismus und supranationalen Faschismus – so wenig Ihre Antworten hierzu mich voll befriedigen – nunmehr abzubrechen, um erst zwei Fragen zu diskutieren, in denen ich, o en gesagt, sehr unsicher bin. Die eine betri t den – eventuellen – Antisemitismus bei Nietzsche, die andere dessen Stellung zum Rassismus. WH: Ich bin einverstanden. Lassen Sie mich vorher aber wenigstens noch mit einem Wort darauf verweisen, dass, wenn Nietzsche wirklich jeglichem Chauvinismus abhold wäre, er für Frieden und Freundschaft unter den Nationen eintreten müsste, während er tatsächlich den Krieg, und zwar als Selbstzweck, verherrlicht. Ohne Feindschaft zwischen Stämmen, Völkern, Nationen, Staaten, Staatengruppierungen gäbe es keinen Krieg, und genährt wird die Feindschaft durch Chauvinismen. PF: Logisch. Nur gehören Krieg und Frieden, unter aktuellen Gesichtspunkten grundsätzlich behandelt, auch wieder zu jenen Globalproblemen, über die wir, später erst, gesondert sprechen wollten. Lassen Sie mich zum Antisemitismus kommen! Sie haben sich 1987 mit dem Anspruch zu Wort gemeldet, gegen Pepperle das marxistische Nietzsche-Bild zu verteidigen, das Mehring, Lukács und Hans Günther gescha en 1 1 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er hätten. Mehring nun verliert über Nietzsches Stellung zu den Juden und zum Antisemitismus kein Wort. Lukács schweigt sich in seinem frühesten einschlägigen Beitrag, dem von 1934, dazu gleichfalls aus, wenn man absieht von seiner durch ein Zitat erhärteten Feststellung, dass es sich für Nietzsche bei der Reformation und der Französischen Revolution um Siege des jüdisch-christlichen Prinzips über die Vornehmheit Roms bzw. des feudalen Ancien Régime gehandelt habe. Günther gibt 1935 nachträglich seiner Überzeugung Ausdruck, Nietzsche würde den Rassenwahnsinn und gar erst den Antisemitismus der Nazis nie gebilligt haben. Und 1943 wieder wird Nietzsche von Lukács bescheinigt, »den Antisemitismus immer verachtet zu haben«. WH: Die Äußerungen von Lukács und Günther, auf die Sie sich beziehen, sind von mir nicht unterschlagen worden. PF: Nein. Sie tun jedoch so, als seien sie so gut wie hinfällig durch ein »besser fundiertes, sorgfältiger abwägendes Urteil« in Lukács’ Zerstörung der Vernunft, das, »der Wahrheit sehr nahe« kommend, sie allerdings auch nicht ganz tre e. Dieses Urteil bezieht sich, bei Lichte besehen, indes lediglich auf die Rassenfrage im Allgemeinen und nicht speziell auf den Antisemitismus. Dass Nietzsche dem gehuldigt habe, hat Lukács o enbar nie angenommen. Erst Sie behaupten es. WH: Ich glaube, es bewiesen zu haben. Sehen Sie sich den Abschnitt II, 4 meines Beitrages von 1987 an. PF: Was da steht, klingt bestechend. Doch genügt es als Beweis? Das auf Ihre Argumentation niemand eingegangen sei, tri t in diesem Fall nicht zu. WH: In Wuppertal hat Lambrecht zweimal, sowohl in seinem Referat als auch in der anschließenden Diskussion darüber den Antisemitismus Nietzsches in Abrede gestellt, ohne meinen Beweis des Gegenteils auch nur mit einer Silbe zu berühren. PF: Aber Pepperle hat Ihnen geantwortet, in seinem Schlusswort zur Diskussion in Sinn und Form, Heft 1, 1988. WH: Wie denn? Durch Wiedergabe eines philosemitischen Passus, dem mein Zugeständnis, dergleichen gäbe es bei Nietzsche, ohnehin Rechnung trägt, ebenso wie allen ähnlich lautenden Stellen in diesen Texten. Zum Kern meiner Beweisführung schweigt Pepperle. Soll ich auch die, in dem ich mich abermals selbst zitiere, wiederholen? PF: Nietzsche widerspricht sich unentwegt. Von dieser generellen Feststellung geht Günther aus. Sie gilt besonders Nietzsches Haltung zu den Juden. Schon Tucholsky hat das gesehen. Bald ist Nietzsche für, bald gegen die Juden. Man ndet bei ihm antisemitische Äußerungen – oder solche, die es zu sein scheinen – und dann wieder entschiedene Verurteilungen des Antisemitismus. Das ist es, was mich so unsicher macht. Und ich glaube, mit der Gegenüberstellung von Zitaten für und wider kommen 1 1 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k wir nicht weiter. Wissen Sie hier Rat? Wenn ja, dann, bitte, wiederholen Sie diesesfalls nicht einfach das, was Sie zu dem Punkt schon ausgeführt haben, sondern versuchen Sie, Ihre Au assung der Sache mit einer tieferen und genaueren Begründung zu versehen! Methodisch dringend geraten erschienene es mir, erst einmal Antisemitismus und Rassismus aus ihrer Verquickung in der Naziideologie zu lösen, um beide, jeweils für sich, in ihrem Wesen besser begreifen zu können. Ein Lexikon aus der Zeit vor dem Aufkommen des Nazismus, der Große Meyer von 1907, sagt in Band 1 von der antisemitischen Bewegung, sie sei »durch den wachsenden wirtschaftlichen und politischen Ein uss der von den früheren Schranken befreiten jüdischen Bevölkerung veranlasst« und strebe »danach, diese Schranken wieder aufzurichten und die Juden aus den öffentlichen Ämtern zu verdrängen oder ganz zu vertreiben«. Das Wort »Rasse« fällt in dem betre enden Artikel kein einziges Mal. Dagegen heißt es in dem Artikel Antisemitismus des Großen Brockhaus, Band 1 von 1928: »Während früher eine Judenfeindschaft im Wesentlichen nur des religiösen Gegensatzes wegen bestanden hat, ist die antisemitische Bewegung aus wirtschaftlich-sozialen Motiven hervorgegangen und hat sich dann auf den Rassegedanken gestürzt.« Dieses »dann« muss zeitlich irgendwann zwischen 1907 und 1928 anzusiedeln sein, und für den Antisemitismus, den Nietzsche gekannt hat, ist natürlich die ältere De nition, vor diesem »dann«, maßgeblich. Können Sie mit der darin liegenden Unterscheidung etwas anfangen? WH: Die Tatsache, dass ein Lexikon von 1907 den rassistischen Antisemitismus nicht registriert, beweist nicht, dass es den damals noch nicht gegeben hätte. Es hat ihn gegeben, nur war er noch nicht vorherrschend. Und Nietzsche gehört zu denen, die ihm vorgearbeitet haben. Wenn es sich aber anders verhielte, wenn sich bei ihm keine Spur von Antisemitismus fände, wäre er dennoch der im internationalen Maßstab wichtigste geistige Wegbereiter des Faschismus. Denn zur strategischen Substanz der faschistischen Ideologie braucht Antisemitismus, wie auch immer begründet, nicht unbedingt zu gehören. Dies lehrt wieder das italienische Beispiel. Mussolini hat seine Partei und deren »Marsch auf Rom« unter anderem von Industriellen und Bankiers jüdischer Konfession nanzieren lassen. Der reichste unter ihnen, Toeplitz mit Namen, half ihm danach, Italien weitgehend von ausländischer Kohle unabhängig zu machen. Von 1926 an ließ Toeplitz in den Alpen große, durch Wasserkraft betriebene Elektrizitätswerke bauen. So ist es zu erklären, dass in der Ideologie des italienischen Faschismus und auch in dessen politischer Praxis die antisemitische Komponente lange Zeit keine nennenswerte Rolle spielte. 1 1 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Angesichts der Vorliebe Mussolinis für Nietzsche spricht das dagegen, dass sie bei diesem eine erhebliche Rolle gespielt hätte, und dafür, dass für den Hitlerfaschismus andere geistige Quellen belangvoller gewesen sind. WH: Nein, weit gefehlt! Einerseits hat Hitler diese – zeitweilige – Besonderheit des italienischen Faschismus ausdrücklich selbst gutgeheißen und gerechtfertigt. So schreibt er in Mein Kampf, bezugnehmend auf Italien: »In einem Land kann die derzeitige Staatsgewalt als so fest stabilisiert angesehen werden und so unbedingt den Interessen des Landes dienend, dass von einer wirklich wirksamen Verhinderung politischer Notwendigkeiten durch internationale jüdische Kräfte nicht mehr gesprochen werden kann.« Andererseits steht fest, dass Mussolini, nachdem die gemeinsame Militäraktion mit Hitlerdeutschland gegen die spanische Republik ihm wichtiger geworden war als die Erkenntlichkeit für Dienste, die Toeplitz und seinesgleichen ihm geleistet hatten, leichten Herzens, eiskalten Herzens selbst auf Judendiskriminierung und Judenverfolgung umgestiegen ist. PF: Vermutlich unter deutschem Druck. WH: Nein, souverän, aus freien Stücken, wenn auch in bewusster Anpassung der italienischen an die deutschen Verhältnisse, dabei, ausgerechnet, unmittelbar nach dem abscheulichen Novemberpogrom von 1938, der von Goebbels so genannten »Reichskristallnacht«. Am 14. Dezember 1938 hat Mussolini sein erstes Rassengesetz erlassen. Er bezeichnet die Italiener als »Arier« und erklärt die in Italien ansässigen Juden als »nicht zur italienischen Rasse gehörig«. Und im Januar 1941 war, wie ich Ihnen gezeigt habe, der »Duce«, zu diesem Zeitpunkt immer noch souveräner Verbündeter und kein bloßer Vasall, dann so weit, an Hitler die Mahnung zu richten, dass antisemitische und antibolschewistische Banner hochzuhalten. Zu den Juden hatten die faschistischen Führer eine vor allem zynische, machiavellistische Einstellung, die ihnen taktisches Manövrieren erlaubte. PF: Das mag für Mussolini gelten, desgleichen in Deutschland für Göring oder Goebbels. Für Hitler gilt es deswegen nicht, weil der fest an die »Protokolle der Weisen von Zion« geglaubt hat. WH: Richtig. Das vergaß ich. Taktiert hat trotzdem auch er bisweilen. Und wenn speziell sein Judenhass ohne Beispiel sein sollte, so ist auf die Faschistenführer insgesamt doch nur in einem Punkt wirklich Verlass: Das Bestreben, die Arbeiterbewegung und den Sozialismus nicht nur zu bekämpfen – das tun andere bürgerliche Parteien auch –, sondern sie zu vernichten, stand bei jedem von ihnen immer, unter allen Umständen außer Zweifel. 1 1 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Woraus Sie ableiten, dass, selbst wenn Nietzsche, für den dies ebenfalls die Hauptsache gewesen sei, zum Antisemitismus nicht geneigt hätte … WH: Ja, wenn. Aber er hatte sehr dazu geneigt, er war Antisemit, und wie! Die Frage ist nur, was ihn, als solchen, von der antisemitischen Bewegung seiner Zeit, einem Konkurrenzunternehmen zu seinen eigenen Zielvorstellungen und Ambitionen, getrennt hat. PF: Und was trennte ihn von ihr? WH: Es sind drei Di erenzpunkte, und durchweg bezeugen sie, dass seine Position als noch viel reaktionärer und widerwärtiger einzuschätzen ist als die jener »antisemitischen Schreihälse«, von denen er einmal gemeint hat, es sei »vielleicht nützlich und billig«, sie »des Landes zu verweisen«, eine Stelle, die seine Apologeten so gern, aus dem Zusammenhang herausgerissen, zitieren. Erstens traut bereits Nietzsche, wie später sein gelehriger Schüler Hitler, den Juden wegen ihrer vermeintlich ausnahmslosen Geschicklichkeit in Geldangelegenheiten die Fähigkeit zu, die Welt zu beherrschen. Daraus zieht er, in dem vorhin angeführten Nachlassstück von 1886, den Schluss, wir Deutschen bedürften, »um die Herrschaft auf der Erde zu haben«, unbedingt der Juden, als der »geschickten Geldmenschen«, ohne die sie nicht zu haben sei. Und dieser Gedanke taucht bei ihm bereits kurz davor, in Jenseits von Gut und Böse, auf, wo in Nr. 251 empfohlen wird, den Drang reicher Juden zur Assimilation, »der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkt ausdrückt«, entgegenzukommen – »mit aller Vorsicht, mit Auswahl, ungefähr so, wie der englische Adel es tut« –, um mit ihnen, unter Ausnutzung ihres »Genies des Geldes und der Geduld«, sowie mit den märkischen Adligen, die zu dem Bund die »erbliche Kunst des Befehlens und Gehorchens« beisteuern sollen, die »Züchtung einer neuen, über Europa regierenden Kaste« zu bewerkstelligen, ein Vorhaben, das die »antisemitischen Schreihälse« halt stören würden. PF: Ein solches Vorhaben kannte Hitler später nicht. Im Gegenteil. WH: Begreifen Sie denn nicht, dass die Umkehrung des Bewertungsvorzeichens ideologisch eine Nebensache ist? Der Jude als Geldmensch, der Jude, fähig, die Welt zu beherrschen, diese Wahnidee – und auf sie kommt es an – ist bei Nietzsche und Hitler identisch. Und mit ihr stehen in Nietzsches Texten sowohl die antisemitischen als auch die gelegentlich philosemitischen Auslassungen in Einklang. PF: Ein paar antisemitische haben Sie 1987 nachgewiesen und daran die Bemerkung geknüpft: »Für meine Generation duftet es hier bereits nach Zyklon B.« Pepperle kontert mit besagter philosemitischer Passage. WH: Sie steht in Menschliches Allzumenschliches, Nr. 475. Da wird »der« Jude als ein für die »Erzeugung einer möglichst kräftigen europäischen Mischrasse« brauchbarer 1 1 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er und erwünschter »nationaler Rest« angepriesen und im selben Atemzug der »jugendliche Börsenjude« als »vielleicht widerlicheste Erscheinung des Menschengeschlechts« gebrandmarkt. Eins wie das andere ist antisemitisch gedacht. PF: Danach bezieht der Satz sich aber auf die leidvolle Geschichte der Juden und nennt Jesus edel, Spinoza weise und das Alte Testament ein mächtiges, wirkungsvolles Buch. Im Hinblick darauf fragt Pepperle Sie, ob es hier etwa auch nach Zyklon B dufte. WH: Meine Antwort lautet unumwunden: Ja! Und mehr noch. Ich behaupte: Solange jemand Philosemitismen unre ektiert positiv bewertet, statt in den Juden, bei aller Erschütterung über ihre durch Jahrtausende leidvolle Geschichte, Menschen wie andere auch zu sehen, hat er sich vom Antisemitismus im Grunde nicht gelöst. PF: Sie selbst sind kein Philosemit? WH: Nein. Ich bin in einer philosemitischen Familie aufgewachsen und weiß gerade deswegen, dass es sich beim Philosemitismus, wie respektgebietend seine praktische Rolle während der Nazizeit sich auch ausnimmt, um eine bestimmte Variante bürgerlicher Ideologie handelt. Mit einem Philosemiten, wie Axel Springer einer war, will ich nichts zu tun haben. Andernfalls müsste ich das Unrecht billigen, das die israelischen Besatzer den Palästinensern im Westjordanland und im Gazastreifen zufügen. Ich verabscheue es, gerade so übrigens, wie mir gleichgesinnte Israelis es verabscheuen, Männer, sagen wir, wie Walter Grab. PF: Sie sind aber der Ansicht, dass nach Auschwitz kulturelle Leistungen der Vergangenheit, die antisemitisches Gedankengut enthalten …. WH: Ich bin kein puristischer Eiferer. Es liegt mir fern, überwiegend humanistischen Literaturwerken, wie etwa Brentanos Märchen von Gockel und Hinkel oder Dickens Oliver Twist oder Raabes Hungerpastor – um nur einige zu nennen – wegen ihrer An- üge antisemitischer Tendenz pauschal jeden Wert abzusprechen, um ganz davon zu schweigen, dass ich es bis zur Absurdität unangemessen nde, aus Wagners Antisemitismus einen Einwand gegen dessen Musikschöpfungen hergeleitet zu sehen. Im Falle Nietzsches handelt es sich jedoch um politische Philosophie, an die allein schon darum eo ipso ein um Vieles strengerer Maßstab anzulegen ist. Nach Auschwitz müsste bereits seine Stellung zu den Juden ihn daher für uns unerträglich machen. Andererseits ist, auch abgesehen von ihr, Nietzsche durch seine generelle Inhumanität, wie sie etwa in seiner Bejahung der Sklaverei, seiner Gewaltverherrlichung und dergleichen zu Tage tritt, als die schlechthin negativste Erscheinung der gesamten Weltkultur, von der Antike bis zur Gegenwart, anzusehen. Selbst wenn er also kein Antisemit gewesen sein sollte, wäre trotzdem, so meine ich, gegen Versuche, ihn in die Erbep ege der DDR 1 1 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k mit einzubeziehen, immer noch Protest am Platze, und das war der Ausgangspunkt meiner Polemik gegen seine »Zwar-aber« Verteidigung durch Pepperle. PF: Nun sprachen Sie von drei Di erenzpunkten zwischen Nietzsche und der antisemitischen Bewegung seiner Zeit. Der erste besteht, um das Bisherige zusammenzufassen, darin, dass Nietzsche die Beherrschung Europas durch eine Herrenkaste vorgeschwebt hat, die sich aus märkischen Junkern und jüdischen Finanzmagnaten zusammensetzen soll. WH: Nicht immer, nur gelegentlich ist er dafür eingetreten. So sieht eine der politischen Optionen aus, für die er plädiert. Das von dieser Kaste regierte Europa wiederum soll dann die übrige Welt beherrschen. PF: Und der zweite Di erenzpunkt? WH: Nietzsche hat als der reaktionäre, die Humanität verpönende Immoralist, der er war, im Sinne seiner »Umwertung aller Werte« dazu aufgerufen, die sittlichen Errungenschaften, die der jüdisch-christlichen Überlieferung zu verdanken sind, zu liquidieren, und er ist deshalb zu dem christlich-sozialen Antisemitismus, den er in seiner Zeit vorfand, etwa in Gestalt der Partei des Hofpredigers Stöcker, auf Distanz gegangen. An einem Beispiel will ich Ihnen dies erläutern. Nehmen Sie das Gebot der Nächstenliebe!11 PF: Das Marx sich nachdrücklich zu diesem Gebot bekannt hat, haben Sie … WH: Ich habe es in meiner Polemik gegen Pepperle hervorgehoben, im Zusammenhang mit meiner Empfehlung, nicht bei Nietzsche, sondern zwischen Schopenhauer und Nietzsche zu di erenzieren und dabei Schopenhauer, bei aller Ablehnung seines idealistischen Weltbilds und seines Pessimismus, relativ positiver zu beurteilen. Und hier konnte ich mich auf Marx berufen. Denn nach dem glaubwürdigen Zeugnis Franziska Kugelmanns empfand der für Schopenhauer eine gewisse Hochachtung, die ihn dazu bewog, dessen ober ächliche Verurteilung zu tadeln. In der Ethik, so soll Marx erklärt haben, hätte Schopenhauer aus der Wesenheit alles Organischen die P icht abgeleitet, weder Mensch noch Tier Leiden zu verursachen. Das Gebot der Gerechtigkeit führe er zum Mitleid, zu dem Satz: »Hilf allen, soviel du kannst!« Dazu hätte Marx wörtlich geäußert: »Tiefer ethisch sozial hat keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet:« Ich glaube, dass Marxisten daran in Zukunft nicht mehr gleichgültig vorbeigehen können, aus zwei Gründen: Die Ausdehnung des Mitleids auch auf die Tiere ist für das lebensrettend erwachende ökologische Problembewusstsein 11 (AH) Siehe hierzu die ausführlichen Erörterungen Harichs (auch mit Verweisen auf Nietzsche) in den Hartmann-Manuskripten der achtziger Jahre, die ja kurz vor diesen Dialogen entstanden, abgedr. in: Band 10. 1 1 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er von Bedeutung, und der Umstand, dass Marx Mitleid und Nächstenliebe emphatisch bejaht hat, sogar an dem sonst so reaktionären Schopenhauer, kommt dem heute mehr denn je fälligen Bündnis zwischen Marxisten, Christen und gläubigen Juden gegen jegliche Unmenschlichkeit zustatten, auch gegen die potentielle eines heute wiedererwachenden Nietzscheanertums, das mit dem Neofaschismus zusammentri t. PF: Schweifen Sie, bitte, nicht zu sehr ab! Wir waren bei der zweiten Besonderheit von Nietzsches Antisemitismus. WH: Auf eben die will ich hinaus. Das Gebot der Nächstenliebe ndet man nämlich zuerst beim Volk Israel, im Alten Testament. Im 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18, heißt es: »Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der Herr.« Dort hat dieser ethische Imperativ seinen Ursprung, von da her ist er ins Neue Testament übergegangen, in die Bergpredigt, Evangelium Matthäus, Kapitel 5 bis 7, und in das Markus-Evangelium, Kapitel 12, Vers 31. Nietzsche nun verwirft Mitleid und Nächstenliebe. In Folge dessen kann ihm eine antisemitische Einstellung, die sich auf den konfessionellen Unterschied zwischen Juden und Christen gründet, nicht genügen. Er greift die Juden wegen des humanen Gehalts an, der bereits ihrer Religion eigen ist, und wirft den Christen vor, ihn übernommen und ins Allgemeinmenschliche ausgeweitet zu haben. Die Juden, so höhnt er darum, die »besten Hasser«, die es je gegeben, hätten den »schwärmerischen Satz: ›Liebet eure Feinde!‹ er nden müssen, so wie die schöne Verherrlichung der Keuschheit von solchen gedichtet worden, die in ihrer Jugend wüst und abscheulich gelebt haben.« Die »Sünde«, höhnt er andernorts, sei »ein jüdisches Gefühl und eine jüdische Er ndung, und in Hinsicht auf diesen Hintergrund aller christlichen Moralität war in der Tat das Christentum darauf aus, die ganze Welt zu verjüdeln«. PF: Sie zitieren nun wieder sich selbst. WH: Ich zitiere Nietzsche. Die beiden letztgenannten Stellen freilich habe ich gegen Pepperle ins Tre en geführt, und er hat auf sie nicht erwidert. Ich will Ihnen jetzt die einschlägige Äußerung von Sandvoss hinzufügen. »Nietzsche und Hitler«, schreibt der, »sahen ihre mächtigsten und gefährlichsten Gegner im Judentum, im Christentum und in der Demokratie, in Bewegungen der ›Schlechtweggekommenen‹, Schwachen und Minderwertigen. Dem Judentum, der christlichen Kultur und der demokratischen Zivilisation gelten daher ihre Angri e zunächst. Man hört gelegentlich die auf wenige Text- und Briefstellen sowie auf Nietzsches Beteuerungen sich stützende Behauptung, er sei kein Gegner der Juden gewesen. Schon Bernoulli (in seinem Werk Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche, Jena, 1908, WH) hat dazu richtig bemerkt, ›dass, wo er ehrlich 1 1 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k spricht, seine Urteile über die Juden allen Antisemitismus an Schärfe weit hinter sich lassen‹. Sein Anti-Christentum ist vornehmlich antisemitisch begründet. Die Legendenbildung, die sich Nietzsches in so vielen Fällen bemächtigte, hat vergeblich aus ihm einen Freund der Juden, eine Art Überchristen und Heiligen oder einen guten Europäer zu machen versucht.« Sandvoss geht dann auf rein persönlich und taktisch begründete Kon iktanlässe zwischen Nietzsche und einzelnen seiner antisemitischen denkenden Zeitgenossen ein, um mit den Worten fortzufahren: »Zum Kern der Kritik an den Juden gelangen wir erst bei den emen Dekadenz, Moral, Sklaverei. Hier überbietet Nietzsche alles Dagewesene, und die radikalsten Antisemiten ›verzwergen‹ neben seiner ›Größe‹ im Hassen.« PF: Stimmen Sie dem zu? WH: Ja, durchaus. PF: Würden Sie das dann, bitte, durch wenigstens eine Textstelle, zusätzlich zu dem, was Sie 1987 zitiert haben, bekräftigen? WH: Belege hierzu lassen sich in jeder Menge beibringen. Besonders prägnant scheint mir der folgende, aus Nr. 24 des Antichrist, zu sein: »Das Christentum ist einzig aus dem Boden zu verstehen, aus dem es gewachsen ist – es ist nicht eine Gegenbewegung gegen den jüdischen Instinkt, es ist dessen Folgerichtigkeit selbst, ein Schluss weiter in dessen furchtein ößender Logik. In der Formel des Erlösers: ›Das Heil kommt von den Juden‹. (…) Die christliche Kirche entbehrt, im Vergleich zum ›Volk der Heiligen‹, jedes Anspruchs auf Originalität. Die Juden sind, eben damit, das verhängnisvollste Volk der Weltgeschichte: In ihrer Nachwirkung haben sie die Menschen dermaßen falsch gemacht, das heute noch der Christ antijüdisch fühlen kann, ohne sich als die letzte jüdische Konsequenz zu verstehen. (…) Psychologisch nachgerechnet ist das jüdische Volk ein Volk der zähesten Lebenskraft, welches, unter unmögliche Bedingungen versetzt, freiwillig, aus der tiefsten Klugheit der Selbsterhaltung, die Partei aller décadence-Instinkte nimmt – nicht als von ihnen beherrscht, sondern weil es ihnen eine Macht erriet, mit der man sich gegen die Welt durchsetzen kann. Die Juden sind das Gegenstück aller décadents: Sie haben sie darstellen müssen bis zur Illusion, sie haben sich, mit einem non plus ultra des schauspielerischen Genies, an die Spitze aller décadence-Bewegungen zu stellen gewusst (– als Christentum des Paulus –), um aus ihnen etwas zu scha en, das stärker ist als jede Ja-sagende Partei des Lebens.« Genügt Ihnen das nicht? Ist nicht durch derlei Einfälle dem Glauben an die »Protokolle der Weisen von Zion« der Boden bereitet worden? PF: Doch. Es ist ein schlimmer Gedankengang, den Sie da wiedergeben. 1 2 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Sehen Sie, und Schauspieler in diesem Sinne sind, laut Nietzsche, die Juden geblieben: »Das Volk der Anpassungskunst par excellence, (…) eine welthistorische Veranstaltung zur Züchtung von Schauspielern, (…) eine eigentliche Schauspielerbrutstätte«, so dass »der Jude als der geborene Literat, als der tatsächliche Beherrscher der europäischen Presse diese seine Macht auf Grund seiner schauspielerischen Fähigkeit ausübt«. Da – ich wiederhole das und bestehe darauf – duftet es nach Zyklon B. PF: Und die ostelbischen Junker sollen sich mit diesem Volk verbinden? WH: Die »männlichsten Naturen in Deutschland« mit dem »Volk der zähesten Lebenskraft«. Die einen brächten in den Bund die Kunst des Befehlens und Gehorchens ein, die anderen den Geist und das Geld. Ich habe in den Jahren nach 1945 in Berlin und abermals 1978 in Österreich, in einem Wirtshaus in Linz, mit anhören müssen, wie alte bzw. neue Nazis Hitler für einen großen Mann erklärten, der nur leider den Fehler begangen habe, es mit den Juden zu verderben; mit ihnen verbündet hätte er den Krieg gewinnen, hätte er die Welt erobern können. In solchen Äußerungen schlägt, trotz Umkehrung des Vorzeichens, genau wie einst bei Nietzsche der krasseste, übelste Antisemitismus durch. PF: Aber nicht, wie bei Nietzsche, auch aufs Christentum projiziert. WH: Mich mit faschistoiden Stammtischspießern auf theologische Dispute einzulassen, habe ich bisher vermieden. Was das Christentum anlangt, so stellt für die Verfolger der Juden sich doch seit langem – und das ist hier wesentlich – das Problem, wie sie ihren Opfern die Flucht in die Bekehrung zum herrschenden Glauben verstellen können. Die spanische Inquisition, während des ganzen 15. Jahrhunderts, hatte systematisch alle Anzeichen ausgespäht, aus denen zu schließen war, dass die zwangsweise bekehrten Juden heimlich ihrem ererbten Glauben noch anhingen. Weil, nach vier Jahrhunderten allmählicher Aufklärung, der Säkularismus moderner Zivilisationen dies nicht mehr zuließe, es gänzlich sinnlos machte, haben die späteren Antisemiten nach Ersatzmitteln dafür suchen müssen, und so sind sie auf die Rassentheorie verfallen. Nietzsches Stellung zu den Juden muss in diesem Zusammenhang gesehen werden. PF: Ist Nietzsche auf den Gedanken gekommen, den Antisemitismus rassisch zu begründen? WH: Andere haben dies gleichzeitig, zum Teil noch vor ihm, jedenfalls unabhängig von ihm getan, und er hat davon gewusst und es gutgeheißen. Sein Verleger Ernst Schmeitzner gab die Zeitschrift der Allgemeinen Vereinigung zur Bekämpfung des Judentums (Alliance antijuive universelle) heraus. In ihrem 2. Jahrgang, Chemnitz und Dresden, 1883, sind lauter antisemitische Beiträge, darunter bereits solche mit ausgesprochen rassistischer Begründung, wie sie den »christlich-sozialen« Antisemiten noch fern lag, 1 2 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k enthalten. In einem, gezeichnet mit »Dr. P«, gelangt der Autor zu dem Schluss: »Gründlich und ganz und für die Dauer wirkende Mittel gegen die einmal im Lande wohnenden Juden gibt es, wie ich einmal mündlich schon kurz andeutete, nur drei:1. Tötung derselben oder 2. Vertreibung derselben oder 3. Verhinderung der Inzucht. Ein viertes Mittel gibt es nicht.« Nietzsche war dies bekannt, als er im selben Jahr und im darauf folgenden, 1884, in Schmeitzners Verlag sein Hauptwerk Also sprach Zarathustra erscheinen ließ. Doch nicht allein das. Er hat dem rassischen Antisemitismus auch selber Vorschub geleistet: Durch seinen Kampf gegen die dem Judentum und dem Christentum gemeinsamen ethischen Werte. Dadurch erhält einmal die Säkularisierung des modernen Bewusstseins, die bei Feuerbach und im Marxismus die Humanität stärkt und steigert, eine Richtung ins Inhumane. Dies hat entsetzliche Folgen heraufbeschworen. Sie brauchen nur daran zu denken, zu welchen Konsequenzen der Appell, das Mitleid zu unterdrücken, führte. Die Bekenntnisse etwa des KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Hoeß, in der Krakauer Untersuchungshaft niedergeschrieben, geben darüber Auskunft. Zum anderen fordert, gleichzeitig und damit in Wechselwirkung, die Philosophie Nietzsches, indem sie den Unterschied von jüdischer und christlicher Religiosität als irrelevant, zumindest als zweitrangig erscheinen lässt, förmlich dazu auf, den Antisemitismus mit einer neuen, über die konfessionellen Gegensätze erhabenen Begründung zu versehen. Und die eben hat der Rassismus gescha en, dem, im Übrigen, Nietzsche selbst anhing. PF: Das also wäre nun der dritte Di erenzpunkt zwischen ihm und der antisemitischen Bewegung seiner Zeit, sofern – und solange – in ihren Reihen Rassisten noch Einzelgänger gewesen sind. Oder? WH: Nein, die dritte Di erenz zwischen ihm und dieser Bewegung bestand in etwas anderem, das der Stellung zur Rassenfrage noch vorgeordnet war. Die »christlich-sozialen« Antisemiten haben … PF: Moment bitte, dann hätte ich dazu eine Zwischenfrage. Wieso »christlich-sozial«? Was eigentlich soll das heißen? Eine christliche Konfessionspartei, mit einem Arbeitnehmer ügel, also partiell ebenfalls »sozial«, hat es doch auch in Gestalt des Zentrums gegeben. Worin liegt der Unterschied? WH: Das Zentrum war die Partei des politischen Katholizismus.12 Es zählte zu seinen Mitgliedern ebenso wenig Protestanten wie Juden oder gar Ungläubige. Die »christlich-soziale« Partei dagegen stand Katholiken und Protestanten gleichermaßen o en, 12 (AH) Zur politischen Struktur, den Parteien usw. der imperialistischen Phase Deutschlands sowie der Weimarer Republik siehe die entsprechenden Ausführungen Harichs in den Hartmann-Manuskripten, Band 10. 1 2 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er nur Juden nicht. »Christlich« hieß hier antisemitisch. Wobei der Zusatz »sozial« zum Ausdruck brachte, dass diese Antisemiten teils kleinbürgerliche Ängste und Ressentiments gegen erfolgreichere jüdische Konkurrenten artikulierten, teils die Arbeiter, deren Klassenkampf sie auf den jüdischen Teil des Großbürgertums abzulenken suchten, zugleich mit juristischen und ökonomischen Versprechungen umworben haben, um sie auch auf diese Weise der Sozialdemokratie abspenstig zu machen und für ron und Altar zurückzugewinnen. PF: Peinlich für die Christlich-Soziale Union im heutigen Bayern? WH: Die hat es, nach Auschwitz, trotz ihrer signi kanten Namensgebung natürlich nicht wagt, sich o en in diese kompromittierende Traditionslinie zu stellen – noch nicht. Das könnte sich ändern, wenn die CSU darin fortfährt, Schönhubers »Re pu blika nern« hinterherzulaufen. Doch zurück zu Nietzsche! Obwohl selber Antisemit durch und durch, hat Nietzsche von dem sozialen Vorzeichen der damals dominierenden Spielart des Antisemitismus so wenig etwas wissen wollen wie von dem christlichen. Beides war für ihn unannehmbar. Nach den Maßstäben eines solch konsequenten, radikalen Scharfmachers, wie er es war, standen die Antisemiten dieser Sorte ihm zu weit links, waren sie ihm nicht inhuman genug. Dass er obendrein Rassist war, ist eine Sache für sich. PF: Ich verstehe. Ist er Rassist nun aber wirklich gewesen? Gibt es nicht Gründe, auch daran zu zweifeln? WH: Nicht die geringsten, und o enbar nicht einmal mehr bei seinen Anhängern. Als ich gegen Pepperle polemisierte, wusste ich noch nichts von dem im selben Jahr erschienenen Buch Henning Ottmanns, Philosophie und Politik bei Nietzsche, Berlin (West) und New York, 1987. Es stellt an sich die schamloseste Geschichtsklitterung dar, die zur Verharmlosung und Beschönigung Nietzsches bisher im Westen, von konservativer und liberaler Seite, unternommen worden ist, diesesfalls wohl nicht zuletzt im Interesse des Verlegers, Walter de Gruyter, der damit die Verbreitung der Colli-Montinarischen Gesamtausgabe ho t fördern zu können. Selbst Ottmann räumt gleichwohl ein: »›Große‹ Politik als ›Züchtung‹ des großen Menschen, das klingt nach zoologischem, rassistischem Vokabular. Nietzsche hat sich, darin ganz Sohn seiner Zeit, nicht selten einer solchen Ausdrucksweise bedient, und man kann und muss den Verdacht formulieren, dass er Rassist, vielleicht sogar teilweise mit Gobineau übereinstimmender Kulturpessimist, sowie Darwinist gewesen sein könnte.« Und zwei Seiten weiter: »Es gibt gute Gründe, Nietzsche als Rassisten und Darwinisten zu verdächtigen.« PF: Wieso als Darwinisten? Was hat Ottmann gegen Darwin? 1 2 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Er sagt »Darwinismus«, wenn er den Sozialdarwinismus meint. Seine Terminologie ist unpräzise, und mit Wörtern wie »Vokabular«, »Ausdrucksweise«, »Verdacht«, »verdächtigen« spielt er diese besonders scheußliche Seite Nietzsches, die zu leugnen ihm unmöglich ist, in ihrer Bedeutung herunter. Um so schwerer wiegt, was er, höchst ungern, eingesteht. PF: Mit Nietzsches Rassismus scheint es jedoch wiederum seine besondere Bewandtnis zu haben. Sie haben 1987 Lukács dazu zitiert: »Obwohl auch Nietzsche seine gesellschaftlichen Kategorien ›biologisch‹ begründet, obwohl auch seine Ethik von einer angeblichen radikalen ewigen Ungleichheit der Menschen ausgeht und diese zu beweisen sucht, obwohl also die Nietzschesche und die Gobineausche Rassentheorie in ihren moralischen und sozialen Konsequenzen grundlegend übereinstimmen, besteht ein Unterschied darin, dass Nietzsche auf die Suprematie der ›arischen‹ Rasse kein Gewicht legt, dass er nur ganz allgemein mythisch, ohne andere Bestimmungen als die moralisch-gesellschaftlichen zu berücksichtigen, Herren- und Sklavenrassen kennt. Er ist also auch in dieser Hinsicht unmittelbar eher ein Vorläufer Spenglers als einer Rosenbergs.« Der Wahrheit, fügten Sie hinzu, komme das sehr nahe, es tre e sie allerdings nicht ganz. Um so mehr sei anzuerkennen, dass Lukács das Betonen dieser Di erenz im Hinblick auf ein Buch Walter A. Kaufmanns, von 1950, als bloßes Mittel, Nietzsche zu »entnazi zieren«, kennzeichne. Glauben Sie, die Wahrheit mit dem, was Sie 1987 zusätzlich hierzu ausführten, ganz getro en zu haben? Wenn ja, dann müsste ich Sie darauf aufmerksam machen … WH: Zur ganzen Wahrheit fehlt – und das habe ich leider nicht ausgeführt –, dass Nietzsche von Gobineau durchaus beein usst war, dass er sehr wohl zuweilen in seinem Sinne – mit Verlaub gesagt – argumentiert hat. PF: Ist Ihnen das durch die Lektüre des Buches von Ottmann klar geworden? WH: Schon davor war mir klar, dass die Hervorkehrung des »Ariertums«, das Hauptmerkmal des Gobineauschen Rassismus, bereits in der Geburt der Tragödie nachzuweisen ist, dort, wo die Prometheussage für das »arische Wesen« in Anspruch genommen und, demgegenüber, der Mythos vom Sündenfall dem semitischen zugewiesen wird. Ob Nietzsche damals Gobineaus Hauptwerk schon gelesen hatte oder es erst später, durch Malwida von Meysenburg bzw. die eigene Schwester, kennen gelernt hat, wie Ottmann annimmt, ist unwesentlich. Gedanken, die in der Luft lagen, hat Nietzsche oft verwertet, ohne die Quellen studiert zu haben. Dagegen verdanke ich erst Ottmann die Kenntnis der Tatsache, dass, während Gobineau die Rassen nach Hautfarben sortiert, Nietzsche die Blondheit seiner »blonden Bestie« aus . Poesches Buch Der Arier, von 1878, bezogen hat. Ottmann kommentiert übrigens die betre ende Stelle aus Zur 1 2 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Genealogie der Moral, Abhandlung I, Nr. 11, so: »Wer diese Worte als Feier des Rassismus und der Barbarei versteht, hat gute Gründe auf seiner Seite, nicht zuletzt jene, die Nietzsche selber geliefert hat.« PF: Hätte Lukács das aufgegri en, falls es ihm bekannt gewesen wäre? WH: Unbedingt. PF: Hätte es ihn dazu bewogen, seine Unterscheidung zwischen dem Rassismus Gobineaus und denjenigen Nietzsches fallen zu lassen? WH: Eingeschränkt hätte er sie, relativiert. Anzunehmen, dass es da überhaupt keine Unterschiede gäbe, wäre auch wieder unrichtig. Aber sie sind viel geringer, als Lukács dachte. Dessen Urteil über Nietzsche muss somit auch in diesem Punkt heute noch verschärft werden. PF: Verschärft haben Sie es durch Ihren Hinweis auf Nr. 271 der Morgenröte. Nirgendwo sonst werde »die Wahnvorstellung einer unter Menschen herstellbaren Rassenreinheit unmissverständlicher in Worte gekleidet«, nirgends »kürzer und bündiger ihre Verwirklichung gefordert«. Heinrich Himmler, »weiland Besitzer einer Ge ügelfarm«, hätte das weitschwei ge Hauptwerk Gobineaus gar zu lesen brauchen. »Nietzsches Behauptung, dass ›reingewordene Rassen immer auch stärker und schöner geworden‹ seien, dass ›die Griechen uns das Muster einer reingewordenen Rasse und Kultur‹ gäben, mitsamt dem Wunsch, es werde ›ho entlich auch einmal eine reine europäische Rasse und Kultur gelingen‹«, würde Himmler »als Ansporn genügt haben, seine Erfolge beim Hühnerzüchten ins Große zu übertragen: In das Schädelmessen an sämtlichen deutschen Schulkindern, in die Praktiken des ›Lebensborns‹, schließlich ins unvorstellbare Grauen des industriell betriebenen Genozids an den Juden und den Sintis und Roma aus ganz Europa.« Halten Sie daran fest? WH: Selbstverständlich. PF: Dann muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass Nietzsche andernorts Rassenmischung befürwortet und zum Beispiel in Jenseits von Gut und Böse, Nr. 251, die Juden in seine ideale europäische Rassensynthese der Zukunft mit einbezieht. WH: Ich weiß. Es ist mir nichts Neues. Auf denselben Passus habe ich mich vorhin meinerseits bezogen. Ich kann dem leicht wieder einen anderen entgegenhalten: Zur Genealogie der Moral, Nr. 5, I, wo Nietzsche, warnend, erklärt, dass in Europa und zumal in Deutschland eine »vorarische« Urbevölkerung »im wesentlichen (…) wieder die Oberhand bekommen« hätte, »in Farbe, Kürze des Schädels, vielleicht sogar in den intellektuellen und sozialen Instinkten«, woran er die bange Frage knüpft: »Wer steht uns dafür, ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere Anarchismus und namentlich jener Hang zur ›Commune‹, zur primitivsten Gesellschaftsform, der allen 1 2 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Sozialisten Europas jetzt gemeinsam ist, in der Hauptsache einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat – und dass die Eroberer- und Herrenrasse, die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist?« Dies hätte abermals Himmler ins Konzept gepasst. Was soll’s? Rassisch ist eins wie das andere. Nietzsche hat, wie immer, so auch hier, inkohärent gedacht, hat sich oft widersprochen, aber in diesem Fall doch innerhalb eines rassistischen Gesamtkonzepts, das er als solches nie in Frage stellt. PF: »Ganz Sohn seiner Zeit«, wie, Ihrem Zitat zu Folge, Ottmann sagt. WH: Gehörten zu den Zeitgenossen Nietzsches nicht noch Vulgärmaterialisten ohne Rassismus wie die Vogt, Moleschott und Büchner?13 Oder idealistische Denker wie Lotze, Wilhelm Wundt, Dilthey, Mach, Eduard von Hartmann? Gehörten nicht die Neukantianer dazu, angefangen von Lange und Liebmann über die ihm gleichaltrigen Riehl und Cohen bis zu Windelband, Natorp, Rickert und anderen? Und Literarhistoriker wie Haym und Hettner, Scherer und Erich Schmidt? Und Historiker wie Mommsen? Und Schriftsteller wie Storm, Keller, Fontane, C. F. Meyer? Dass zur damaligen Zeit im deutschen Geistesleben, im bürgerlichen wohlgemerkt – von Marx, Engels, Dietzgen, Kautsky, Mehring will ich gar nicht erst reden –, Rassismus und Sozialdarwinismus dominiert hätten, ist eine Voraussetzung, die einfach nicht stimmt. Wo nden Sie diese Irrlehren bei den Altphilologen, die Nietzsches Lehrer waren? Bei Ritschl etwa? Wo bei dem erzkonservativen Baseler Historikerkollegen Jacob Burckhardt? Wo bei den Freunden und Gesprächspartnern? Wo bei Deussen, bei Rohde, bei Overbeck, bei Rée? Waren die keine Söhne ihrer Zeit? Ottmanns Versuch, Nietzsche vom Zeitgeist her entlasten zu wollen, hält kritischer Prüfung nicht stand. PF: Sie haben selbst erklärt, das Aufwerfen von Rassenfragen hätte Nietzsche 1886 als störend empfunden. WH: Als störend für das Zustandekommen einer Herrenkaste, bestehend aus ostelbischen Junkern und reichen Juden – ja. Und nun zitiere ich die betre ende Stelle bei ihm wörtlich: »Wie viel Verlogenheit und Sumpf gehört dazu, im heutigen Mischmasch-Europa Rassenfragen aufzuwerfen (gesetzt nämlich, dass man nicht seine Herkunft aus Borneo und Horneo hat)!« Verrät das Wort »Mischmasch« nicht die Hybris des Rassisten? Und steckt in der Sonderregelung, die für Leute »aus Borneo und Horneo« gelten soll, nicht ein für alle Farbigen bestimmtes Ausgrenzungsgebot, in dem Rassismus und Kolonialismus zusammentre en? 13 (AH) Zu den meisten der in dieser Wortmeldung genannten eoretikern und Autoren hat sich Harich mehr oder weniger ausführlich geäußert. Es nden sich zahlreiche verstreute Hinweise und Anmerkungen über sein ganzes Werk verstreut – von den frühen Zeitungsartikeln im Kurier und der Täglichen Rundschau bis zu den Hartmann-Manuskripten der achtziger Jahre. 1 2 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: In diesem Zusammenhang habe ich einen Widerspruch bei Ihnen aufgespürt. In Ihrer Arbeit von 1987 stellen Sie auf der einen Seite die Behauptung auf: »Wann immer Nietzsche auf farbige Völker zu sprechen kommt – nie anders als voller Verachtung –, ist er unzweideutig auf den Rassismus des Gobineauschen Typs eingeschworen.« Und auf der anderen Seite verwenden Sie ein Zitat, in dem Nietzsche die »ungeheure Vernunft Asiens« rühmt. Von den Farbigen Asiens konnte er demnach doch bisweilen »anders als voller Verachtung« sprechen. WH: Ich gebe den Fehler zu. Ich habe da falsch verallgemeinert. Statt »nie anders« muss es richtig »kaum je anders« heißen. Ich darf jenes Zitat aber wiederholen. Es stammt aus Jenseits von Gut und Böse, VII, 238, und lautet: »Ein Mann, der Tiefe hat, in seinem Geiste wie in seinen Begierden, (…) kann über das Weib immer nur orientalisch denken: – er muss das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen – er muss sich hierin auf die ungeheure Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit stellen.« In dem Augenblick folglich, wo es einem erzreaktionären Anliegen zupass kommt – hier dem Ziel, die Emanzipation des weiblichen Geschlechts zu verhindern –, da plötzlich wird asiatische »Vernunft«, werden, im Klartext, die sexistischen Sitten des alten China und Japan, der Türkei und Persiens als mustergültig hingestellt, und insoweit scheint der Rassismus vergessen, ist er gleichsam suspendiert. Nur handelt es sich um einen seltenen Ausnahmefall in Nietzsches Schriften, und rühmlich ist der Anlass nicht, weder für die altorientalischen Institutionen und Normen, die da gepriesen werden, noch für den, der sie preist. An Nietzsches rassistischer Grundeinstellung ändert es nichts, dass er sie in diesem Sinne und in einem derartigen Kontext auch einmal desavouiert. Gerade so, wie er im Kampf gegen die Arbeiterbewegung und den Sozialismus an die Antike gemahnt, um darzutun, dass ohne Sklaverei keine Kultur möglich sei, beruft er sich zur Abwehr der »Frauenrechtlerinnen«, wie sie damals abwertend genannt wurden, auf jedes beliebige Beispiel uneingeschränkter männlicher Vorherrschaft, in welchem Zeitalter und auf welchem Kontinent es auch anzutre en sein mag. PF: Sein Rassismus, meinen Sie, stünde auf einem anderen Blatt. WH: Ja, er ist freilich ebenso reaktionär und nicht minder verwer ich. PF: Ich hatte dafür plädiert, Antisemitismus und Rassismus zunächst einmal auseinanderzuhalten. Unser Gespräch ergab dann, dass Nietzsche der rassistischen Begründung des Antisemitismus Vorschub geleistet hat. Finden sich nicht auch bei ihm selbst schon Gedanken, die beides in eins verschmelzen. WH: Mitunter. Am Deutlichsten tritt der pure Rassismus indes dort zu Tage, wo Nietzsche die Ausbeutung und Unterdrückung der farbigen Völker verschiedener 1 2 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Kontinente durch Europäer, durch Weiße propagiert, und das geschieht bei ihm früh. Ich zitiere mich heute noch ein letztes Mal selbst: »Als die Morgenröte erschien, 1880, wurde in den USA, unter der Präsidentschaft desselben Rutherford Hayes, der in den Südstaaten den Sieg der eingeborenen Weißen über die schwarze Bevölkerung herbeiführte, auch das Verbot aufgehoben, das bis dahin Weiße noch daran gehindert hatte, in das über mehrere heutige Staaten (Oklahoma, Kansas u. a.) sich erstreckende Indianerterritorium einzuwandern. Im gleichen Jahr erteilte Nietzsche den Arbeiter Europas den Rat, massenweise, bis zum vierten Teil der Bewohner ihrer Länder auszuwandern; ›in wilden und frischen Gegenden der Welt‹ sollten sie ›Herr zu werden suchen‹. ›Außerhalb Europas‹, fügte er euphorisch hinzu, ›werden die Tugenden Europas mit diesen Arbeitern auf der Wanderschaft sein; und das, was zu gefährlichem Missmut und verbrecherischem Hange zu entarten begann‹ – zwei Jahre zuvor hatte Bismarck sein Gesetz gegen die ›gemeingefährlichen Bestrebungen‹ der Sozialdemokratie erlassen –, das werde ›draußen eine wilde, schöne Natürlichkeit gewinnen und Heroismus heißen‹. Die Ureinwohner der Neuen Welt, seither zu spärlichen Resten zusammengeschmolzen, in Reservationen kümmerlich dahinvegetierend, können von dieser Sorte ›Heroismus‹ ein Lied singen – ein todtrauriges Lied. Doch damit nicht genug. China, das den vierten Teil der Erdbewohner stellte, lag 1880, unter der Regentschaft der Kaiserinwitwen, ökonomisch zurückgeblieben, politisch schwach, fortschreitender Zerstückelung durch die Großmächte preisgegeben, am Boden. In dieser Situation lenkte Nietzsche sein Augenmerk wie auf die Rothäute so auch auf die Gelben, mit der Folge, dass in seinem Konzept europäischer Güte nicht nur den letzten Mohikanern der Gentilgesellschaft – an denen Engels ›persönliche Würde, Geradheit, Charakterstärke und Tapferkeit‹ rühmt –, sondern im selben Atemzug gleich auch der ältesten Kulturnation der Welt das Sklavenlos zugedacht ist; nur anders, modi ziert. Sollte es in Europa, fährt die Morgenröte fort, in Folge der Auswanderung seiner aufsässigen Proletarier an Arbeitskräften mangeln, dann können ›man‹ ja Chinesen hereinholen, ›und diese würden die Denk- und Lebensweise mitbringen, welche sich für arbeitsame Ameisen schickt‹.« Auch dieser Passus ist bis heute von meinen Kritikern weder widerlegt noch als beachtenswert gewürdigt worden, obwohl er angesichts eines auf Ausländerfeindlichkeit setzenden Neofaschismus an Aktualität nichts zu wünschen übrig lässt. Wie wollen Sozialisten, Kommunisten, denen ein solches Versäumnis unterläuft, einen ihrer Traditionen würdigen Beitrag zur Bewältigung der Nord-Süd-Problematik leisten, frage ich mich. Solange sie darauf Wert legen, Nietzsche di erenziert zu sehen, solange sie der Erwägung Raum geben, ihm die Erbep ege sozialistischer Länder angedeihen zu 1 2 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er lassen, stehen sie vor der Dritten Welt so unglaubwürdig da wie vor den jüdischen Mitbürgern. PF: Indem Sie »Dritte Welt« sagen, rühren Sie an die Globalprobleme. Wir hatten uns darauf geeinigt, uns mit denen in einem gesonderten Interview zu befassen. Dabei sollten wir bleiben. Doch vorher stehen bei mir noch ein paar andere Fragen an. Wirklich erledigt haben Sie die Forderung, Nietzsche di erenzierend zu beurteilen, noch lange nicht. Besonders zu den Gründen, aus denen Schriftsteller sich zu ihm hingezogen fühlen, müssen Sie mir noch Rede und Antwort stehen. Ich kann es Ihnen nicht ersparen. IV. Ist das der ganze Nietzsche? PF: Kehren wir noch einmal kurz zu Steigerwald zurück! Er geht von einem zu weiten historischen Abstand zwischen Nietzsche und den Nazis aus, in der Tat. Mich darüber zu belehren, ist Ihnen gelungen, und ich möchte glauben, dass, wenn Steigerwald Ihre Darlegungen liest, er selber dies kaum mehr anders sehen dürfte. WH: Wie ich ihn kenne, ist das gut möglich. PF: Übrig bleibt dennoch, auch für mich, immer noch sein Vorbehalt, dass mit der – an sich zutre enden – ese, Nietzsche habe den Faschismus geistig vorbereitet, nicht alles gesagt sei. Und deshalb frage ich Sie: Ist das der ganze Nietzsche, den Sie mir da vorgeführt haben? WH: Nein, natürlich nicht. Doch die Einschränkungen, die Ausnahmen, die zusätzlichen Elemente, die ein Versuch, ihn vom marxistischen Standpunkt aus umfassend zu beurteilen, berücksichtigen müsste, machen die Sache nur um so schlimmer. PF: Genau so argumentieren oft Dogmatiker und Sektierer, wenn sie irgend ein »Kind mit dem Bade ausschütten«. Sind Sie sich dessen bewusst? »Was? Die SPD hat in der und der Frage recht? Um Himmels willen, damit schläfert sie unsere Wachsamkeit gegenüber ihrem Opportunismus ein!« »Wie? Den Romantikern haben wir schöne Gedichte zu verdanken? Weg damit, denn gerade dadurch könnte ihre Verherrlichung des Mittelalters verführerisch wirken!« »Hans Driesch ein aufrechter Demokrat, ein Vorkämpfer für Völkerverständigung, ein Warner vor den Faschisten? Darüber wollen wir lieber nicht reden, weil sonst eine versöhnliche Einstellung zu seinem Neovitalismus Platz greift.« Solche Torheiten des »Je besser, desto schlimmer« sollten wir, dächte ich, hinter uns haben. 1 2 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Wem sagen Sie das? Ich engagiere mich für eine gerechte Einschätzung Nicolai Hartmanns.14 In früheren marxistischen Arbeiten über ihn begegnet mir häu g der Vorwurf, gerade mit seinen vernünftigen Gedanken hätte Hartmann eine »letzte Auffangbarriere« gegen den dialektischen und historischen Materialismus errichtet. Wer immun sei gegen die subjektivistischen und irrationalistischen Hauptströmungen des spätbürgerlichen Denkens, werde durch seine Ontologie von der Konsequenz abgehalten, den Klassenstandpunkt zu wechseln. Weil die Abbildtheorie sich auch bei ihm fände, glaube mancher, sich nicht mit Lenin befassen zu müssen, und was dergleichen Dummheiten mehr sind. PF: Trotz dieser Erfahrung bestehen Sie darauf, Nietzsche total zu verwerfen, wollen Sie an ihm kein gutes Haar lassen, rufen Sie »um so schlimmer!«, falls jemand da doch eines entdeckt. WH: Was an Denkern wie Driesch oder Nicolai Hartmann zu beanstanden ist, oder, meinetwegen, an der Romantik, hält mit der absolut einzigartigen, exorbitanten Feindschaft gegen jede Vernunft und Humanität, die im Mittelpunkt von Nietzsches Vermächtnis steht, keinen Vergleich aus. Schon deswegen können Elemente seines Schaffens, die diese Hauptsache an ihm eingängig machen, wirklich nur »um so schlimmer« sein, und sie wären dies selbst dann, ließe sich ihnen ein für sich genommen beständiger Wert abgewinnen. Dass dies der Fall sei, bestreite ich jedoch auch. PF: Mit dieser Au assung stehen Sie, soweit ich sehe, allein da. Sie müssten sie begründen. Ist zum Beispiel Nietzsches Philosophie – ich nehme das Wort jetzt im engeren, eigentlichen Sinne – uneingeschränkt wertlos? Sie sind auf die bis jetzt immer nur am Rande eingegangen, schon 1987 und in unseren Gesprächen erst recht. Behandelt haben Sie fast nur seine politische Ideologie. Das wird Ihnen auch von Pepperle, in dessen Schlusswort, vorgehalten; wie mir scheint, nicht von ungefähr. WH: Pepperle knüpft daran die Bemerkung, mir sei billigerweise zu unterstellen, dass ich die eigentlich philosophische Seite als durch Lukács bereits erledigt betrachten würde. Er hat recht damit. So verhält es sich. Ich halte es für müßig, mich etwa zu Nietzsches Erkenntnistheorie zu äußern. Dem, was Lukács hierzu ausführt, wüsste ich so gut wie nichts hinzuzufügen; außer dem einen: Dass ich die Geduld, die Angelegentlichkeit, mit der Lukács sich in dieser obskure Materie vertieft hat, bewundere. Ich brächte das nicht fertig. Mit einem Philosophen kann ich mich nur auseinandersetzen, 14 (AH) Auf den 10. Band mit Harichs Texten aus den achtziger Jahren zu Hartmann wurde bereits verwiesen. Siehe auch ergänzend die entsprechenden Texte der Bände 2 und 3. In den Hartmann-Manuskripten und ebenso in seinen Gefängnisnotizen diskutierte Harich auch intensiv die ese der »Au angbarriere« (u. a. anhand der Schriften Erhard Albrechts) usw. 1 3 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er wenn seine Lehre elementaren wissenschaftlichen Kriterien standhält, so etwa mit Rickert oder mit Husserl oder mit Külpe. Ich muss, bei aller Kritik, auch etwas von ihm lernen können, wie eben von Nicolai Hartmann. Was soll ich mit Nietzsche anfangen? Was mit seiner »Wiederkehr des Ewiggleichen«? Sie steht noch unter dem Niveau der Horoskopspalte in der Bildzeitung. Was mit seiner Projektion des Machtwillens in alle Seinsbereiche, bis hinab zu den Atomen? Sie nötigt mir nur ein Achselzucken ab. Was mit seiner Lehrweise, seiner Methode? Jürgen Habermas hat 1968, auf Nietzsche bezugnehmend, das Wort von der »impliziten Form einer nicht nur unsystematisch vorgetragenen, sondern der Argumentation vorsätzlich entrückten Philosophie« geprägt. Damit ist alles gesagt. PF: Trotzdem sind Sie Nietzsche-Kenner. Warum? WH: Sich seiner Lektüre zu entziehen, wäre in der Nazizeit für einen jungen Menschen, der über Philosophie mitreden wollte, unmöglich gewesen. PF: Haben Sie damals Nietzsche gemocht? WH: Nicht im Geringsten. Er hat mich schon damals angewidert, bestenfalls gelangweilt. Als ich dann Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre spürte, dass er wieder en vogue wird, hielt ich es, voller Entsetzen, für meine politische P icht, ihn erneut und nunmehr gründlicher zu lesen, einzig zu dem Zweck, gegebenenfalls fundiert vor ihm warnen zu können. An sich interessiert er mich überhaupt nicht. Er gibt mir nichts. Ohne die Nietzsche-Renaissance, gegen die ich nach Kräften ankämpfe, würde ich ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Es wäre mir lieber, mich ungestört meinem Buch über Nicolai Hartmann widmen zu können. Das ist ein Philosoph, mit dem zu beschäftigen sich lohnt. Jede Stunde der Auseinandersetzung mit Nietzsche betrachte ich, nach dem Maßstab meiner geistigen Bedürfnisse und Interessen, als verlorene Zeit. Übrigens, außer Habermas fällt mir jetzt noch ein weiterer Gewährsmann ein, ein um Vieles älterer: Wilhelm Windelband hat es nie über sich gebracht, Nietzsche als Philosophen anzuerkennen. In seinem Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, in allen sechs Au agen, die zu seinen Lebzeiten, also bis 1915, herausgekommen sind, nennt er ihn nur den »Dichter F. Nietzsche«. PF: Hier würde ich gern einhaken, um Ihrer Meinung zu dem Dissens einzuholen, der zu diesem Punkt zwischen Holz und Buhr zu Tage getreten ist, ohne dass darüber in Wuppertal diskutiert worden wäre. Ich möchte Ihnen jedoch erst einmal zu bedenken geben, dass Lukács 1934 Nietzsche den »letzten bedeutenden Denker Deutschlands« genannt hat. WH: Nein, den letzten bedeutenden, der zum Erbe der klassischen Periode noch »eine gewisse Beziehung hat« und eben deswegen, »gerade durch die Lebendigkeit 1 3 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k dieser seiner Beziehung, durch die subjektive Leidenschaftlichkeit, mit der er sich dieses Erbe in seiner Weise aneignet, zum Totengräber der klassischen Traditionen in Deutschland geworden ist«. Erst durch den Relativsatz wird klar, was gemeint war. PF: Den »bedeutenden Denker« scha en Sie damit nicht aus der Welt. Heinz Malorny, im Philosophenlexikon des Dietz-Verlages, wiederholt diese Einschätzung. WH: Leider, ein bedauerlicher Fehler des Artikels, den er zu dem Lexikon beigesteuert hat. Malorny steht unter dem Druck opportuner Rücksichtnahmen. Lukács hat sich von der Überschätzung Nietzsches, die für die Intellektuellen seiner Generation typisch war, nur allmählich zu lösen vermocht. In der Zerstörung der Vernunft lehnt er ihn mit größerer – und angemessenerer – Entschiedenheit ab. Und erst als Achtzigjähriger, Anfang 1966, im neuen Vorwort zur Sonderausgabe einiger Kapitel der Zerstörung, ringt er sich zu der Einsicht durch, dass Nietzsches »dilettantische, geistreich sein sollende hohle Konstruktionen« den Namen Philosophie im Grunde nicht verdienen, dass ihr Autor »im eigentlichen Sinne des Worts kein Philosoph gewesen« ist. Wäre Lukács damals gefragt worden, wen er für den letzten bedeutenden Denker Deutschlands hielte, so hätte er ohne Zögern geantwortet: Nicolai Hartmann. Gerade dessen Beziehung zu den klassischen Traditionen aber war, in einem kritisch konstruktiven Sinne, höchst lebendig. PF: Gerade auch Hartmann allerdings hat Nietzsche als Philosophen durchaus ernst genommen. In seiner materialen Wertethik, die er und die vor ihm Max Scheler … WH: Bloß drei Jahre älter als Lukács, gehört Hartmann zur selben Generation. So scheint er seinerseits Nietzsche bis zu einem gewissen Grade überschätzt zu haben. Auf alle Fälle musste er dem Nietzsche-Kult, um ihn paralysieren zu können – gehuldigt hat er ihm wahrhaftig nicht –, Rechnung tragen. Nietzsche, so beteuert Hartmann anerkennend, habe als erster wieder die Mannigfaltigkeit der Werte, die »reiche Fülle des ethischen Kosmos nur eben von Ferne erschaut. Aber«, fährt er sogleich fort, »sie zer oss ihm im gesellschaftlichen Relativismus«. Die »Umwertung aller Werte« wird in seiner Ethik bekämpft. Nietzsches Lehre vom Ressentiment als Quelle der Moralen verwirft Hartmann ebenfalls. Und schon Scheler, als Katholik, hat den Ressentimentvorwurf von der christlichen Ethik, zumal der Nächstenliebe, auf den – im Sombartschen Sinne verstandenen – Bourgeois abgelenkt. PF: Sie verstehen mich falsch. Ich behaupte nicht, dass Scheler sich zu Nietzsche kritiklos verhalten hätte, und schon gar nicht, dass Nicolai Hartmann dessen Anhänger gewesen sei. Was ich sagen will, ist lediglich, dass beide ihn als Philosophen respektiert haben. 1 3 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Beide und auch noch Lukács standen, anders als Windelband vor ihnen und Habermas nach ihnen, bewusst oder unbewusst unter dem Zwang eines Meinungsterrors, der von schöngeistigen Modeströmungen ihrer Zeit ausging. Ich befürchte, der Terror könnte sich erneuern, und deshalb will ich wenigstens den Marxisten Mut machen, o en, ungeniert auszusprechen, dass Kaiser Nietzsche als Philosoph keine Kleider anhat. Überlegen Sie doch nur, was von einem Zeitgenossen der Neukantianer, zwei Jahre jünger als Hermann Cohen, zu halten ist, der sich anmaßt, über Kant zu urteilen, ohne auch nur einen seiner Texte gelesen zu haben! Einzig aus zweiter Hand, aus der Monographie Kuno Fischers und aus Friedrich Albert Langes Geschichte des Materialismus, kannte er ihn. Und um seine Kenntnis Leibniz’, Wol s, Fichtes, Schellings, Hegels ist es kaum besser bestellt. Nietzsche war auf dem Gebiet der Philosoph ein Dilettant, ein Hochstapler, ein Scharlatan. PF: Und dies sollte Denkern, die das nicht waren, jahrzehntelang verborgen geblieben sein? WH: Wer mit dem Strom schwamm, wollte es nicht wahrhaben, wer gegen ihn schwamm, war daran desinteressiert. So hat kaum jemand genau hingesehen. PF: Zurück zur Frage nach dem ganzen Nietzsche! Was an ihm ist nun »um so schlimmer«, obwohl – oder gerade weil – es in seinem Präfaschismus nicht aufgeht? WH: Ich denke da vor allem an seine zweite, die quasi liberale, pseudo-aufklärerische Phase, an die Periode von Menschliches Allzumenschliches, in der seine Abkehr von Schopenhauer und Richard Wagner erfolgt ist, in der er sich auf den »maßvollen« Voltaire besann, um den gegen Rousseau, gegen den »Geist der Revolution«, auszuspielen. Nietzsche hat zu jener Zeit, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, vorübergehend geglaubt, Arbeiterbewegung und Sozialismus ließen sich mit demokratischen Methoden, wie er sie bei dem damals noch mit den Nationalliberalen verbündeten Bismarck vermutete, de nitiv zum Verschwinden bringen. Und das ist deswegen »um so schlimmer«, weil die in dem Zusammenhang bei ihm entstandenen Vorstellungen seiner präfaschistischen Ideologie Flexibilität verleihen und sie so auch in Perioden überdauern lassen, in denen der Imperialismus, ohne die faschistische Option aufgeben zu müssen, seine Macht mit Hilfe parlamentarisch-demokratischer Institutionen zu behaupten weiß. PF: Was nicht auszuschließen braucht, dass in dieser Periode wertbeständige Leistungen vollbracht worden sein könnten. WH: Ich wüsste nicht, worin die bestehen sollten. Angeregt durch Paul Rée, versuchte Nietzsche, Aphorismen zu schreiben. Dabei scheiterte er. Wo er die aphoristische Form wahrt, gibt er meist unsägliche Platituden von sich, etwa so: »Schlaf der Tugend. 1 3 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Wenn die Tugend geschlafen hat, wird sie frischer aufstehen.« Oder so: »Feinheit der Scham. Die Menschen schämen sich nicht, etwas Schmutziges zu denken, aber wohl, wenn sie sich vorstellen, dass man ihnen diese schmutzigen Gedanken zutraue.« Oder so: »Grenze der Menschenliebe. Jeder, welcher sich dafür erklärt hat, dass der andere ein Dummkopf, ein schlechter Geselle sei, ärgert sich, wenn jener schließlich zeigt, dass er es nicht ist.« Dergleichen reicht an Lichtenberg oder an Jean Paul nicht entfernt heran, nicht einmal an Friedrich Schlegel oder Novalis, von Goethes Maximen und Re exionen ganz zu schweigen. In der Regel sind es aber gar keine Aphorismen, die dargeboten werden, sondern Aperçus, die jeweils einen – sei es banalen, sei es frappanten – Einfall dort abbrechen, wo die seinen Sinngehalt begründende Argumentation einsetzen müsste. Kommen, thematisch, philosophische Fragen zur Sprache, treibt der Dilettantismus die tollsten Blüten. »Mangel an historischem Sinn ist der Erzähler aller Philosophen«, wird da zum Beispiel behauptet. An den Rand habe ich mir notiert: »Aller? Und Vico? Herder? Hegel? Marx?« Von der Mathematik heißt es, sie »wäre gewiss nicht entstanden, wenn man von Anfang an gewusst hätte, dass es in der Natur keine exakt gerade Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Größenmaß gebe«. Wer ist »man«, frage ich Sie, und von welchem »Anfang« an hat »man« dies nicht »gewusst«? Oder nehmen Sie Nr. 16 in Menschliches Allzumenschliches, Band I: »Erscheinung und Ding an sich«. »Die Philosophen p egen sich vor das Leben und die Erfahrung – vor das, was sie die Welt der Erscheinung nennen – wie vor ein Gemälde hinzustellen, dass ein für alle Mal entrollt ist und unveränderlich fest denselben Vorgang zeigt; diesen Vorgang, meinen sie, müsse man richtig ausdeuten, um damit einen Schluss auf das Wesen zu machen, welches das Gemälde hervorgebracht habe: also auf das Ding an sich, das immer als der zureichende Grund der Welt der Erscheinungen angesehen zu werden p egt«, und so weiter. Welche Philosophie, um alles in der Welt, kann damit gemeint sein: Die von Kant, die von Hegel, die von Schopenhauer? In jedem Fall läge ein hanebüchenes Missverständnis vor. Und gar »die« Philosophen, also alle, haben keineswegs … PF: Es sind unschuldige Fehler, die Sie an dem Nietzsche der mittleren Periode rügen. WH: Oh nein! Auch in ihr kommt der Pferdefuß immer wieder zum Vorschein. Lesen Sie, um sich davon ein Bild zu machen, das ganze achte Hauptstück, Ein Blick auf den Staat, besonders die darin enthaltenen Infamien gegen die arbeitenden Massen und den Sozialismus, etwa in den Nummern 439 bis 454! Ich beschränke mich darauf, die Kernsätze aus Nr. 477 wiederzugeben, betitelt Der Krieg unentbehrlich: »Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden Völkern jene raue Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönlicher Hass, jene Mörderkaltblütigkeit mit 1 3 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er gutem Gewissen, jene gemeinsame organisierende Glut in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen große Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele ebenso stark und sicher mitgeteilt werden könnte, wie dies jeder große Krieg tut.« PF: Sie haben das früher schon einmal angeführt. Steht es tatsächlich in Menschliches Allzumenschliches? WH: Ja, in Band I, Nr. 477. Aus Nietzsches »liberalster Phase«, wie Pepperle sie nennt, stammt es. Sich über die Illusionen zu machen, ist grundverkehrt. PF: Woran, außer an ihr, nähren Illusionen sich sonst noch? Woran in allen drei Phasen? WH: An dem spirituellen Beiwerk, an den schöngeistigen, ästhetizistischen Arabesken, an den frechen Beiläu gkeiten zur Kunst, zur Literatur, zur Musik, nicht bloß zur Philosophie. Nietzsche bringt uns nicht nur bei, dass das »Ding an sich« der »faule Fleck« des Kantischen Kritizismus sei, dass »die Deutschen in der Geschichte der Erkenntnis mit lauter zweideutigen Namen eingeschrieben« seien, dass sie hier »immer nur ›unbewusste‹ Falschmünzer hervorgebracht« hätten – »Fichte, Schelling, Schopenhauer, Hegel, Schleiermacher gebührt dieses Wort so gut wie Kant und Leibniz; es sind alles bloße Schleiermacher«. Nietzsche nennt auch Schiller den »Moraltrompeter von Säckingen«, nennt Jean Paul »das Verhängnis im Schlafrock«, schimpft Beethoven, gemessen am vermeintlichen Aristokratismus Goethes, wie gesagt, plebejischen Barbaren, und so fort. Er hat Richard Wagner erst in den höchsten Tönen gepriesen, hat damit über die Musik bei den alten Griechen eine haarsträubende Hypothese vermengt, die jeder ernst zu nehmenden Altertumswissenschaft Hohn spricht, und hat später Wagner un ätig geschmäht, wobei er an echter musiktheoretischer Argumentation, die dessen wirkliche Größe und seine wirklichen Grenzen auf den Begri brächte, es beide Male fehlen lässt. Im Essay macht Nietzsche vor, wie man mit einem durch Nervosität interessant wirkenden Geschwafel Zeilen schinden kann. Im Aphorismus und im Aperçu lehrt er, wie durch die Willkür abrupten emenwechsels jedem denkbaren gegnerischen Einwand zuvorzukommen ist. Andernorts wieder, im Zarathustra, schlägt er einen salbadernden Prophetenton an, der ihn auch da begründeter Gedanklichkeit enthebt. All das ist ohne jeden Wert, ist Blu , ist bestenfalls, bei inhaltlicher Harmlosigkeit, dummes Zeug. Aber es wirkt insofern gefährlich, als es durch die Art der Aufbereitung … PF: Halten Sie ein! Sie werfen Nietzsche Schimpferei vor und schimpfen selbst. Ausdrücke wie »Geschwafel«, »Blu «, »dummes Zeug« beweisen nichts außer Ihren eigenen Unmut. Mit Invektiven kommen wir nicht weiter. Versuchen wir, uns auf 1 3 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k andere Weise dem Phänomen zu nähern! Windelband, so berichten Sie, habe, um den Philosophen nicht anerkennen zu müssen, vom »Dichter F. Nietzsche« gesprochen. Buhr, ihm mag dies bekannt sein oder nicht, meint: »Nietzsche trägt seine eoreme in einem großartigen literarischen Stil vor. Seine Weltanschauung (die Metaphysik, Gesellschafts-, Kultur-, Kunst-, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie in einem ist) ist zugleich große Literatur. Er koppelt Philosophie und Literatur in einer bisher nie da gewesenen Weise.« Gar nicht einverstanden ist damit anscheinend Holz. In dem Vortrag von ihm, der in Wuppertal verlesen wurde, steht unter anderem: »Endlich sollte man einmal auch mit der Legende aufräumen – durch saubere Stilanalyse, versteht sich –, Nietzsche sei ein großer Stilist, ein Sprachkünstler in der deutschen Philosophie gewesen. Spätestens mit dem Zarathustra ist diese Einschätzung nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die verquollene, gestelzte, marktschreierische Sprachattitüde sagt mehr über den Zustand seines Denkens und dessen ideologischen Gehalt aus als dieses oder jenes Zitat aus seinem Werken.« Und: »Die Behauptung, Nietzsches Philosophie sei aphoristisch und aus dieser Stilform zu interpretieren, (…) besitzt Legitimationscharakter für die anarchisch-chaotische Weise seines Denkens. Nietzsche ist kein Aphoristiker, sondern ein auf rationale Begründungen verzichtender, appellativ beschwörender Rhetor.« Mich interessiert, wie Sie zu dieser Meinungsverschiedenheit stehen. Darüber hinaus ist es, wenn wir den ganzen Nietzsche ins Auge fassen wollen, wahrscheinlich ratsam, uns überhaupt, grundsätzlich über seine Stellung in der Literaturgeschichte zu verständigen. Wie beurteilen Sie die? WH: Da wären mehrere Fragenkomplexe zu erörtern: Wodurch Nietzsche auf Literatur gewirkt hat; wie er auf sie gewirkt hat; wie er über sie geurteilt hat; ob und wieweit Werke von ihm selber als Literatur gelten können und, wenn ja, wie es um ihren literarischen Wert steht. Ein weites Feld. PF: Fangen wir mit der letzten Frage an. Auf die bezieht sich Buhr. Doch sagen Sie vorher noch schnell, ob Sie hinsichtlich der Stilqualität eher ihm oder Holz zustimmen? WH: Ich stehe zu beiden ziemlich kritisch, gebe aber in diesem Punkt Holz recht. Und auch was der zu Nietzsches angeblicher Aphoristik äußert, stimmt. Zu beachten ist dabei, dass es sich bei Holz um einen Nietzsche-Experten, Schüler Karl Schlechtas, handelt, während Buhr … PF: Ist Nietzsches Weltanschauung »zugleich große Literatur«? »Koppelt« Nietzsche Philosophie und Literatur in einer »bisher nie da gewesene Weise«? WH: Nein! Mir ist unverständlich, wie ein Philosophiehistoriker – noch dazu ein marxistischer, also zu allererst der materialistischen Tradition verp ichtet –, solchen Unsinn von sich geben kann. Hat Buhr noch nie etwas von Lukrez gehört? In dessen 1 3 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Lehrgedicht De rerum natura ist die Philosophie Epikurs unverkürzt, dabei zugespitzt auf den Kampf gegen Götterglauben und Todesfurcht im Römischen Reich seiner Zeit, enthalten, und dies in der Form einer herrlichen Versdichtung. Diese hat, unter vielen neueren Dichtern, namentlich Goethe begeistert, und noch Brecht ist durch sie zur Nacheiferung angeregt worden, im amerikanischen Exil, als er sein fragmentarisches Lehrgedicht von der Natur der Menschen schrieb, als er wagte, das Kommunistische Manifest in Hexameter zu bringen. Gäbe es nur dieses eine Gegenbeispiel, so wäre Buhrs Synthese bereits widerlegt. Doch es gibt zahlreiche weitere, aus der idealistischen Tradition der Antike mit Vorrang die Dramatik der Dialoge Platons, besonders im Symposion, im Phaidon, im Phaidros – wenn Sie hier etwa an das Rosselenkergleichnis denken –, auch in der Politeia, aus dem Mittelalter ferner Dante, mit dem, was er im Convivio unternommen hat, und vor allem in seinem Hauptwerk, der Divina Commedia, worin umfassend, künstlerisch geschlossen das ganze Welt- und Menschenbild der europäischen Feudalzeit gestaltet ist. Vergleichen Sie damit Nietzsche! Nicolai Hartmann, in seiner Ästhetik, bescheinigt ihm, vor der selbst gestellten Aufgabe, sein »neues Menschenideal (…) anschaulich und gestalthaft zu objektivieren«, kläglich versagt zu haben. »So blieb es, trotz den großen Schlagworten, die sich darum gesammelt haben, in halber Abstraktheit schweben.« Noch abfälliger konnte Hartmann sich hierzu mündlich äußern, wenn er, in seinen Seminarübungen, gelegentlich den schemenhaften Za rathus tra an dem über zweieinhalb Jahrtausende nacherlebbar gebliebenen Sokrates bei Platon maß, sowohl an dem heroischen, tragikumwitterten Sokrates im Krition, in der Apologie wie auch an dem listigen, durchtriebenen, der seine sophistischen Gesprächspartner in die Fallgruben ihrer eigenen Pseudologik purzeln lässt. PF: Buhr ist spezialisiert auf die neuere, zumal die klassische deutsche Philosophie. WH: Dann müsste er an Lessing denken, an den Toleranzgedanken des Deismus, veranschaulicht im Nathan, an vieles bei Herder, an Schiller, an dessen – später so genannte – Gedankenlyrik, an seine Bedeutung für den Übergang von Kant zu Hegel, nicht zuletzt auch an witzsprühende philosophische Satiren jener Zeit, von Voltaires Candide bis zu Jean Pauls Clavis Fichtiana. A propos Jean Paul. Er hat zum ersten Mal in der Weltliteratur das kopernikanische Weltbild in Poesie umgesetzt. Mit ungeheurer Sprachgewalt lässt er den entgötterten Kosmos in der Rede des toten Christus zur atembeklemmenden Traumvision werden. PF: Das, zufällig, Sie Jean-Paul-Enthusiast sind, dazu aufgelegt, die Strafe für das »Verhängnis im Schlafrock« zu vollstrecken, dürfen Sie Buhr nicht entgelten lassen. WH: Bei einem Philosophiehistoriker ein Minimum an Allgemeinbildung vorauszusetzen, ist legitim in einer Gesellschaft, die sich zum Ideal der allseitig gebildeten 1 3 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Persönlichkeit bekennt. Die »Koppelung« – welch grässliches Wort! – von Philosophie und Dichtung in der Feuerbach-Rezeption Gottfried Kellers, in Wagners Abtrünnigwerden von Feuerbach, seinem Hinüberwechseln zu Schopenhauer, beginnend im Ring, im Tristan sich vollendend, desgleichen der Zusammenhang von resignativer Stimmung und pessimistischer Gedanklichkeit in omas Buddenbrooks Schopenhauer-Erlebnis bei omas Mann, all das und manches mehr übertri t an Rang etwaige analoge Synthesen bei Nietzsche, falls es die da überhaupt gibt. PF: Von Ihrem letztgenannten Beispiel hat Nietzsche noch nichts ahnen können. WH: Ich nehme es zurück. Entschuldigen Sie, bitte! Und ich räume ein, dass es zu viel verlangt sein mag, an – sagen wir – Vanini denken zu sollen, in der italienischen Renaissance, an die naturphilosophischen Dialoge, die ihn auf den Scheiterhaufen der Inquisition brachten – Herder hatte sich des Falles angenommen –, oder an den Dichterphilosophen des Weltschmerzes im italienischen 19. Jahrhundert, an Leopardi. Ich erwarte nicht einmal, dass der Autor von Schriften zu Kant jemals die rhetorisch prunkvolle Wiedergabe Kantischer Philosophie in Tiedges Lehrgedicht Urania zur Kenntnis genommen hat. Inmitten des Bildungsverfalls, der uns zunehmend heimsucht, sind dies, vermutlich, allzu ausgefallene Dinge. Aber wenn denn Buhr schon auf die Entwicklung von Leibniz über Kant zu Hegel spezialisiert ist, und das im Kulturmilieu eines sozialistischen Landes, dann hätte doch mindestens der Gedanke an Heinrich Heines meisterhaftes großes Feuilleton Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland ihn davon abhalten müssen, sich hinsichtlich der »Koppelung« von Philosophie und Literatur bei Gelegenheit Nietzsches zu der Überschwenglichkeit »nie dagewesen« hinreißen zu lassen. PF: Stichwort »Heine«. Den hat Nietzsche verehrt. Sollte auch das kein »gutes Haar« an ihm sein? WH: Er urteilt widerspruchsvoll über Heine. Er zählt ihn, in Jenseits von Gut und Böse, VII, 256, unter den »tieferen und umfänglicheren Menschen« auf, die den Europäer der Zukunft vorwegnähmen, neben Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal und Wagner. Er macht ihn andernorts in Kunst und Künstler, Nr. 73 und 74, zum Gegenstand judenfeindlicher Ausfälle. Heine und Siegfried Lipiner scheinen ihm zu beweisen, dass »die« Juden in der Kunst nur nachzuahmen verstünden – »beinahe echt, wie ein Goldschmied sagen würde«. Oder auch: »Nachahmung als Talent des Juden. Sich anpassen an Formen – daher Schauspieler; daher Dichter wie Heine und Lipiner.« Was diese Unterstellung des Schauspielertums im Kontext von Nietzsches Antisemitismus besagen will, habe ich gezeigt. In Ecce homo, II, 4, steht dann aber wieder, und nun maßlos übertrieben: »Den höchsten Begri vom Lyriker hat mir Heinrich Heine gegeben. Ich 1 3 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er suche umsonst in allen Bereichen der Jahrtausende nach einer gleich süßen und leidenschaftlichen Musik.« Was davon zu halten ist, erhellt aus dem Umstand, dass noch im selben Atemzug, nur drei Sätze weiter, eine Bekundung von Größenwahn folgt. »Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind – in einer unausrechenbaren Entfernung von allem, was bloße Deutsche mit ihr gemacht haben.« Weder vom einen noch vom anderen hat die Heine-Forschung irgend einen Nutzen. Als Herausgeber Heines, als Verfasser eines Essays über ihn kann ich Ihnen das versichern.15 Viel spricht, ansonsten, dafür, dass Nietzsche, analog zur Bewunderung für den vermeintlichen Aristokratismus Goethes, den – halb koketten – Horror Heines vor dem einfachen Volk, vor den Marktweibern, die dermaleinst aus seinen Gedichten Tüten für ihren Tabak drehen würden, unter Umstilisierung zu tierischem Ernst in die eigene Massenverachtung hinein genommen hat, und dass er dabei die Hauptsache, das Trotzdem des Heineschen Bekenntnisses zum Kommunismus, einfach weg lässt. PF: Eine Zwischenfrage: Was halten Sie von Nietzsches eigener Lyrik? WH: Unter seinen wenigen Gedichten gibt es ein paar passable. Auch sie freilich wären vergessen ohne die Berühmtheit ihres Autors, die anderweitige und sehr dubiose Gründe hat. Um dies einzusehen, braucht man sich nur einmal klarzumachen, wie wenig von dem stärksten lyrischen Talent seiner Generation, von dem fast gleichaltrigen Liliencron – auch der ein Mann reaktionäre Gesinnung –, bekannt geblieben ist. Neben ihm nimmt Nietzsche als deutscher Lyriker sich wie ein Zwerg neben einem Riesen aus. Zu bedenken bleibt überdies, dass seine antihumanistische Ideologie durchaus auch in seine Lyrik eingedrungen ist. So ist sein Märchenlied ein schändliches Pasquill gegen die Frauenemanzipation. So verleiht sein Tanzlied An den Mistral dem Wunsch Ausdruck, alte und kranke Menschen umgebracht zu sehen. Im Schulunterricht der Nazizeit wurde es dazu benutzt, den Jugendlichen die Vernichtung »lebensunwerten Lebens« plausibel zu machen, was ich, damals Gymnasiast, selber miterlebt habe. »Wer nicht tanzen kann mit Winden,/Wer sich wickeln muss mit Binden,/Angebunden, Krüppel-Greis,/Wer da gleicht den Heuchel-Hänsen,/Ehren-Tölpeln, Tugend-Gänsen,/ Fort aus unserm Paradeis!/Wirbeln wir den Staub der Straßen,/Allen Kranken in die Nasen,/Scheuchen wir die Krankenbrut,/Lösen wir die ganze Küste,/Von dem Odem dürre Brüste,/Von den Augen ohne Mut!« 15 (AH) Die entsprechenden Nachweise wurden bereits gegeben. Der 5. Band enthält Harichs Heine-Aufsatz von 1956 und auch sein Vorwort zu der von ihm veranstalteten Heine-Ausgabe (S. 326–369). 1 3 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Hat nicht Stephan Hermlin dieses Gedicht in eine in der DDR erschienene Anthologie aufgenommen? WH: In sein Deutsches Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht, von ihm herausgegeben im Auftrag der Akademie der Künste, 1976. PF: Was mag ihn dazu bewogen haben? WH: Ästhetizismus, laut omas Mann ein Wegbereiter der Barbarei in der menschlichen Seele. Hermlin gehört zu den ästhetizistisch motivierten Nietzsche-Verehrern. Als solcher setzt er sich vehement dafür ein, dass sein Idol in die sozialistische Erbe-P ege einbezogen werde. Ich habe 1985 versucht, ihn zur Umkehr zu bewegen. Als das nichts half, bat ich sowohl ihn als auch seinen Verleger und schließlich, in einer Eingabe, die Akademie der Künste, das Gedicht wenigstens in der Neuau age, von 1988, durch ein anderes zu ersetzen. Meine Bemühungen sind vergeblich geblieben. Die für Nietzsche werbende Intellektuellen-Ma a in der DDR ist bislang stärker, als ich es bin, und Opportunisten in der politischen Bürokratie gewähren ihr Rückendeckung, während sie gleichzeitig – siehe das Verbot des Sputnik – alles in ihrer Macht Stehende tun, jede kritische Auseinandersetzung mit dem verhängnisvollen Ein uss, den ein Stalin auf die deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt hat, zu blockieren. Es bleibt zu ho en, dass man, konfrontiert mit dem im Westen erstarkenden Neofaschismus, sich bald eines Besseren besinnen wird. PF: Im Sputnik-Verbot und in der Tolerierung der Nietzsche-Renaissance sehen Sie komplementäre Vorgänge? WH: Was sonst? PF: Dann sollten wir, rate ich, das ema wechseln, in Ihrem Interesse. Wir waren bei Heine und damit, unversehens, schon bei der Frage, wie Nietzsche über Literatur geurteilt hat. WH: Konfus! In der Beziehung ist so gut wie nichts von ihm zu lernen. Es wimmelt bei ihm von abenteuerlichen Fehleinschätzungen, und manche weisen ihn als Ignoranten aus. PF: Konkret, bitte! WH: Ich greife wieder auf seine »liberalste Phase« zurück. Noch zu ihr gehört Der Wanderer und sein Schatten, von 1879. Da heißt es in Nr. 109, unter dem Titel Der Schatz der deutschen Prosa: »Wenn man von Goethes Schriften absieht und namentlich von Goethes Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es gibt: was bleibt eigentlich von der deutschen Prosaliteratur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenbergs Aphorismen, das erste Buch von 1 4 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Jung-Stillings Lebensgeschichte, Adalbert Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Leute von Seldwyla – und damit wird es einstweilen am Ende sein.« PF: Eine sonderbare Zusammenstellung. Und der Superlativ bei Eckermann? Sehr merkwürdig. WH: Beachten Sie das Jahr! 1879 hätte Nietzsche Storms Novellen von Immensee bis Renate kennen können; von Raabe – um nur einiges zu nennen – die Chronik der Sperlingsgasse, die Leute aus dem Walde, den Hungerpastor, Abu Telfan, den Schüdderump, Horacker; von Fontane den größeren Teil seiner Wanderungen und den historischen Roman Vor dem Sturm. Er hatte nichts davon gelesen. Und er hat auch später den ganzen Storm, bis hin zum Schimmelreiter, ignoriert, desgleichen den ganz Fontane, von dem bis 1888 immerhin L’Adultera, Schach von Wuthenow, Graf Petöfy, Cecile und Irrungen, Wirrungen vorlagen; alles weitere von Raabe sowieso. Das heißt, für Nietzsche haben die bedeutendsten deutschen Erzähler seiner Zeit, mit der einzigen Ausnahme Gottfried Kellers, dessen Hauptwerk, Der grüne Heinrich, ihm aber auch unbekannt geblieben zu sein scheint, gar nicht existiert. Dennoch maßt er sich das Urteil an, auf den Nachsommer, von 1857, und die Leute von Seldwyla, von 1856, zweiter Teil 1874, werde wohl keine lesenswerte deutsche Prosaliteratur mehr folgen. Keller lobend zu erwähnen, hatte er dabei nötig in der Schweiz; in der Janzschen Biographie können Sie das Nähere nachlesen. Keller im selben Atemzug mit Stifter zu loben, ist vollends kurios. PF: Woher die Vorliebe für den Nachsommer? WH: Nietzsche wird darin den abgezirkelten Kreis von Auserwählten geschätzt haben, aus dem, im Gegensatz zur Turmgesellschaft des Wilhelm Meister, die sozialen Aus einan der setzungen der Zeit eliminiert sind. Außerdem fälscht er, wie später die Nazis, mit Hilfe Stifters die vorrevolutionären Epoche bis 1848 in so genannten »Biedermeier« um. Er hat ja das Vormärz-Erbe, das durch die Schopenhauer-Mode in Vergessenheit geraten war, ausgiebig geplündert, es dabei inhuman pervertiert und zugleich immer möglichst verschwiegen. Mit Stifter ließ das so entstehende Vakuum sich leicht ausfüllen, auch bequem umstilisieren. PF: Nietzsche hat, soviel ich weiß, aber Goethe sehr bewundert. WH: Kunststück! Substantielle Urteile von ihm über Goethe kenne ich nicht. PF: Wie äußert er sich zu dessen erzählender Prosa? WH: Er kannte von der allem Anschein nach nur den Werther und den Wilhelm Meister, nicht die Wahlverwandtschaften. In der Polemik gegen D. F. Strauß, im ersten Stück der Unzeitgemäßen Betrachtungen, bezieht er sich auf Wilhelm Meisters Wanderjahre, doch nur mit der Bemerkung, dass aus denen der Straußsche Leser die Novellen 1 4 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k herausklaube »wie ungezogene Kinder die Rosinen und Mandeln aus einem zähen Kuchenteig«. In Schopenhauer als Erzieher, dem dritten Stück, wird an Goethes Menschen »Muskelkraft und natürliche Wildheit« vermisst, wird, aus den Lehrjahren, Jarno zu Wilhelm zitiert, es sei gut dass er verdrießlich und bitter sei; noch besser wäre es, wenn er einmal böse würde. Im Nachlass ndet sich ein Zitat Prosper Mérimées über Goethe, und bei der Gelegenheit wird über Wilhelm Meister gesagt: »Die schönsten Dinge von der Welt, abwechselnd mit den lächerlichsten Kindereien«. Dies wäre alles, gäbe es nicht außerdem noch den kolossalen Schnitzer über Goethe und Schiller im Fall Wagner. Nietzsche verteidigt dort Goethe gegen eine »moralinsaure, jungfernhafte« Kritik, der er ihn seit jeher in Deutschland ausgesetzt sieht. Selbst der Wilhelm Meister sei den Deutschen »nur als Symptom des Niedergangs, als moralisches ›Auf-den-Hund- Kommen‹« erschienen; »den« Deutschen schlechthin, angesichts der Resonanz des Romans ein starkes Stück. Und ausgerechnet in diesem Zusammenhang wird Goethe gegen Schiller ausgespielt. »Schiller, der ›edle‹ Schiller«, der den Deutschen »mit großen Worten um die Ohren schlug – der war nach ihrem Herzen«. Nietzsche hat Pech, seine Unwissenheit spielt ihm einen Streich. Schiller ist so wenig »moralinsauer« gewesen, dass vielmehr er den moralischen Rigorismus Kants überwunden hat, in seinem Leitbild der »schönen Seele«, und von niemand anderem als Goethe, eben in Wilhelm Meisters Lehrjahren, ist dies veranschaulicht worden. Schillers Kant-Kritik durchdringt das ganze Werk. »Oh, der unnötigen Strenge der Moral, da die Natur uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen«, ruft Wilhelm aus, als ihm sein unehelicher Sohn präsentiert wird und er mit der überraschenden Vaterfreude zugleich die Tugenden eines Bürgers erwirbt. Genau das ist Geist vom Geiste Schillers. Es ist abermals Schiller, wenn von Natalie gesagt wird, schon zu ihren Lebzeiten sei sie seligzupreisen, »da ihre Natur nichts fordert, als was die Welt wünscht und braucht«. Nietzsche hat dies nie begri en, er hatte davon keine Ahnung. Und seine mangelnde Kant-Kenntnis rächt sich hier gleichfalls. Wieder einmal zeigt er sich als Kaiser ohne Kleider. PF: Irgendwie tri t es, nde ich, die Neigung zu pathetischer Rhetorik, wenn Nietzsche sagt, Schiller sei »nach dem Herzen der Deutschen« gewesen, denen er »mit großen Worten um die Ohren geschlagen« habe. WH: Nun ja, vielleicht. Trotzdem bleibt die Bezugnahme auf Wilhelm Meister gerade bei dieser Gelegenheit ignorant; »moralinsauer« stimmt nicht. Und was soll das heißen: Nach dem Herzen »der« Deutschen? Unter Deutschen sind Vorbehalte gegen Schillers Rhetorik nicht selten laut geworden. Denken Sie an Marx, der dem Sickingen-Drama 1 4 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Lassalles »das Schillern, das Verwandeln von Individuen in bloße Sprachröhren des Zeitgeistes, als bedeutendsten Fehler angerechnet« hat. PF: Davon konnte Nietzsche nichts wissen. Und der Vorwurf des »Moralinsauren« wird, anders ausgedrückt, auch von Engels erhoben, wenn der im Ludwig Feuerbach schreibt, bereits Hegel hätte »die durch Schiller vermittelte Philisterschwärmerei für unrealisierbare Ideale« grausam verspottet, zum Beispiel in der Phänomenologie. WH: Waren Hegel und Engels keine Deutschen? Dies zum ersten. Und zweitens: Bei Nietzsche wie in meiner Stellungnahme zu ihm ist jetzt von Schillers Ethik die Rede, im Vergleich mit Goethes Wilhelm Meister. Was Nietzsche angeht, so setzt er da auch wieder eine durchaus bei Deutschen anzutre ende Tradition fort. Denn er bewegt sich da auf Pfaden, die lange vor ihm von der Jenenser Romantik, von den Brüdern Schlegel, ausgetreten worden sind. Und eben deren Vorbehalte hat, aus Überdruss am Klassikerkult wilhelminischer Oberlehrer, die Generation ihrer Großeltern, meiner Eltern aufgegri en. Heute sollten wir darüber hinaus sein, Schiller mit den ihn verzerrenden Lobredner von anno dunnemals zu verwechseln und, aus überständiger Abneigung gegen diese, uns erneut, uns immer noch einem Nietzsche zuzuwenden. Das war schon da. Es ist einfach vieux jeu, ganz abgesehen von den damaligen Folgen. Ich vermag an Modernität nicht zu glauben, wenn sie eine dermaßen weit zurückreichende, altehrwürdige Vorgeschichte hinter sich hat. PF: Ein Vorschlag zur Güte: Beißen wir uns nicht länger an diesem einen Beispiel fest! Im Kern geht es doch um die Kritik, die Nietzsche, mit welch falschen Konsequenzen auch immer, an der verlogenen bürgerlichen Kultur seiner Zeit geübt hat. Das Kritik an ihr an sich nicht unberechtigt war, ist sogar von Lukács eingeräumt worden. WH: Bei aller Verehrung für Lukács, in dem Punkt erlaube ich mir, ein von ihm abweichendes Urteil zu haben, freilich eines, das ich auch wieder ihm verdanke, und zwar den von ihm verfassten profunden Würdigungen Gottfried Kellers, Raabes und des alten Fontane sowie seiner Wertschätzung Storms. Einen Kritiker deutscher bürgerlicher Kultur jener Zeit, der, obwohl in den vierziger Jahren geboren, diese Autoren nicht wahrgenommen hat, nenne ich inkompetent. PF: Nietzsche hat Keller wahrgenommen. WH: Die Leute von Seldwyla. Und dass er das Kunststück fertig bringt, im selben Atem mit dieser traumhaft schönen Kellerschen Novellensammlung den langweiligen Nachsommer Stifters zu loben, unterstreicht nur seine Ahnungslosigkeit, auch seinen Mangel an Geschmack. Und ferner: Nehmen wir die große Musiker jener Zeit: Wagner, Brahms, Bruckner! PF: Wagner kann ich nicht ausstehen. 1 4 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Darf ich fragen, wie oft Sie Tristan und Isolde gehört haben? PF: Im ganzen, glaube ich, nie. WH: Dann sollten Sie über Wagner besser zurückhaltend urteilen. Es gibt eine Sorte von Menschen, die noch dümmer sind als die Wagnerianer. PF: Welche? WH: Die Antiwagnerianer. Nietzsche war erst das eine, dann das andere. Ich verehre Wagner und Brahms, beide, Wagner mit größerer Bewunderung und geringerer Sympathie. Tristan und Meistersinger liebe ich, und dass derselbe Mensch beide Werke hat scha en können, ist nicht zu fassen. Denen, die Wagner nicht mögen, zolle ich trotzdem Respekt und habe für sie namentlich aus ideologischen und politischen Gründen, um das Mindeste zu sagen, Verständnis. Nur verlange ich von ihnen, dass sie dann Brahms wenigstens Hochachtung bezeugen. Wer, wie Nietzsche, Brahms sowohl wie Wagner schmäht – er attestiert Brahms »brave Mittelmäßigkeit« und »Melancholie des Unvermögens« –, ist keines sachgerechten Urteils über Wert und Unwert der deutschen bürgerlichen Kultur jener Periode fähig. Stellt er obendrein noch Bizet über beide und bestärkt er einen Heinrich Köselitz darin, gegen Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich wieder in Mozarts Manier zu komponieren … PF: Liegt Ihnen die romantische Musik etwa mehr als die der Wiener Klassik oder auch des Barock? WH: Nein, keineswegs. Bach, Mozart und Beethoven stehen für mich über allen anderen, sie liebe ich am meisten. Aber auch Wagner und Brahms gewähren mir großen Genuss, und dass Nietzsche beide bekämpft, beide herabsetzt, ist für mich ein Grund – nicht der entscheidende freilich –, ihn zu verachten. PF: Ich kenne mich in der Musik nicht genug aus. Lassen wir Sie, bitte, beiseite. Kehren wir zu Nietzsches Urteilen über Literatur zurück! Lukács hat schon 1934 an einem konkreten Beispiel klargemacht, was er meint, wenn er Nietzsche zubilligt, dass seine Kritik an der damaligen bürgerlichen Kultur einen nicht unberechtigten Ausgangspunkt hatte. Er versteht, ja, teilt den Hohn, mit dem, im ersten Stück der Unzeitgemäßen Betrachtungen, die »spießerhafte Verunglimpfung (…) des herrlichen Hölderlin« durch Friedrich eodor Vischer bedacht wird. Gehen Sie so weit, sich auch hier von Lukács zu distanzieren? WH: O en gesagt, ja. Als erstes setze ich ein Fragezeichen hinter das Wort »Verunglimpfung«. Die von Nietzsche aus Vischers Hölderlin-Rede zitierte Stelle lautet: »Ich weiß nicht, ob seine weiche Seele so viel Rauhes, das an jedem Kriege ist, ob sie so viel des Verdorbenen ausgehalten hätte, das wir nach dem Kriege auf den verschiedensten Gebieten fortschreiten sehen. Vielleicht wäre er wieder in die Trostlosigkeit zurückge- 1 4 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er sunken. Er war eine der unbewa neten Seelen, er war der Werther Griechenlands, ein ho nungslos Verliebter; es war ein Leben voller Weichheit und Sehnsucht, aber auch Kraft und Inhalt war in seinem Willen, und Größe, Fülle und Leben in seinem Stil, der da und dort sogar an Aischylos gemahnt.« Ich nde diese Würdigung Hölderlins wunderbar, sehr einfühlsam, durchaus angemessen. Dann freilich folgt bei Vischer eine Einschränkung: »Nur hatte sein Geist zu wenig vom Harten; es fehlte ihm als Wa e der Humor.« Dies aber ist eine schwer zu bestreitende Wahrheit. Spießerhafte Verunglimpfung kann ich auch darin nicht entdecken. An Humor hat es Hölderlin in der Tat gefehlt. Und wie sehr der Humor einem ihm politisch gleich gesinnten Zeitgenossen Widerstandskraft verlieh, Härte, ist an Jean Paul zu ermessen. PF: Am Wesentlichen gehen Sie vorbei. Vischer emp ndet es als einen Mangel Hölderlins, aus Humorlosigkeit unfähig gewesen zu sein, sich mit dem Spießertum zu arrangieren; wörtlich: »Er konnte es nicht ertragen, dass man noch kein Barbar ist, wenn man ein Philister ist.« Daran macht Nietzsche seinen Begri des »Bildungsphilisters« fest: »Ja, man gibt zu, Philister zu sein, aber Barbar! Um keinen Preis.« Und Lukács? Ohne diesem Bildungsphilistertum der Strauß und Vischer seinerseits Zugeständnisse zu machen, zeigt er, dass Nietzsche es doppelt, als nostalgischer Elegiker vergangener Kulturepochen wie gleichzeitig als Herold der kommenden, der imperialistischen Entwicklung, bekämpft, was für einen Anhänger des Marxismus so und so unannehmbar ist. Für mich stellt sich die Frage, ob bei Ihnen der Bildungsphilister als solcher besser wegkommt, konkret, ob Sie in Ihrer Nietzsche-Kritik den Vischer und den Strauß versöhnlicher als Lukács gegenüberstehen. WH: Das kann man wohl behaupten. PF: Und wie vereinbaren Sie das mit dem Marxismus? WH: Um darauf zu antworten, müsste ich weit ausholen. Wenn Sie wollen, dann … PF: Vereinfachen wir die Sache! Nehmen wir an, Sie kennten Strauß, hätten aber von Nietzsche nichts anderes als die erste Unzeitgemäße gelesen, nichts, was er vorher, nichts, was er später geschrieben hat, und zwar weder im Original noch aus Sekundärliteratur noch vom Hörensagen. Wäre Ihnen selbst dann Strauß‹ Bekenntnisschrift Der alte und der neue Glaube verhältnismäßig lieber? WH: Selbstverständlich. Wobei ich manches indes auch an ihr verurteile, besonders die Kriegsbejahung, die Gehässigkeiten gegen die Arbeiterbewegung, die Verteidigung der Todesstrafe und der Monarchie, die Ablehnung des allgemeinen Stimmrechts. Das alles aber übergeht Nietzsche. Warum? Weil er gerade damit, stillschweigend, mehr als einverstanden ist. PF: Insoweit von Strauß angeregt? 1 4 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Nein, Nietzsche bedurfte solcher Anregung nicht. Er hat in der Beziehung unabhängig von Strauß einen noch extremer reaktionären Standpunkt vertreten, schon 1871, in der Geburt der Tragödie, und, noch vernehmlicher, in dem simultan entstandenen Nachlassfragment Der griechische Staat. Vorrede zu einem ungeschriebenen Buch. Gegen Strauß zu polemisieren, hatte Richard Wagner von ihm verlangt. Der wollte Strauß dessen Anhänglichkeit an den Münchener Kapellmeister Lachner heimzahlen. Noch bevor daher Nietzsche von der Schrift Der alte und der neue Glaube auch nur ein Wort gelesen hatte, bestand bei ihm der Vorsatz, sie zu verreißen, fest. Eine üble Geschichte! PF: Über Motive, dachte ich, wollten Sie künftig schweigen. Worauf es mir ankommt, ist etwas anderes: Worin geben Sie inhaltlich Strauß den Vorzug? WH: Strauß verdient anerkennende Würdigung, zunächst, als Pionier der Hegelschen Linken. Im Vormärz hatte sein Leben Jesu, von 1835, jene Entwicklung eingeleitet, die, ansetzend bei den Widersprüchen der Religionsphilosophie Hegels, über den frühen Bruno Bauer und über Ludwig Feuerbach zur Herausbildung der Lehre von Marx und Engels führen sollte. Bedeutend sind sodann Straußens in der Nachfolge der Lessingschen »Rettungen« stehende Biographien, seine Bücher über Schubart, Reuchlin, Frischlin, Hutten, Reimarus, Voltaire. Nichts, was an diese Leistungen heranreichte, hat Nietzsche aufzuweisen. Als Denker schließlich ist Strauß, unter dem Ein uss Feuerbachs und auf Grund eigener Beschäftigung mit den fortgeschrittensten Ergebnissen der Naturwissenschaft seiner Zeit, vom philosophischen Idealismus seiner junghegelianischen Anfänge auf materialistische Positionen übergewechselt. Dass er dabei besonders an evolutionstheoretische Errungenschaften, von der Kant-Laplaceschen Kosmogonie bis hin zum Darwinismus, anknüpft, erinnert an Engels, an den Anti-Dühring. Es ist ferner unverächtlich, ist gewiss nicht philisterhaft, wenn Strauß, im Gegensatz zu dem Gros der Banausen, die sich damals an den landläu gen Vulgärmaterialismus anschlossen, die von den großen deutschen Künstlern der klassischen Periode geschaffenen Kulturwerte, dass er die Dichtungen Lessings, Goethes und Schillers, die Kompositionen von Bach, Händel, Gluck, Haydn, Mozart und Beethoven, als lebendigen Bildungsbesitz bewahrt wissen will. Hier wieder liegen Berührungspunkte mit dem Erbe-Verständnis der Marxisten klar zu Tage. Bei Nietzsche fehlt eins wie das andere. Er ist jedem Materialismus feind, gefällt sich aber zugleich in provokantem kulturellen Traditionsbruch. Und während – mit Mehring zu sprechen – »die satten Glückspilze des neuen Deutschen Reiches« Strauß‹ religionskritische Radikalität nicht vertrugen, während, in Folge dessen, Altkatholiken und Protestanten wie Berserker über ihn her elen, sekundiert von dem »braven Nietzsche«, der sich bei dieser Hetze seine 1 4 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Sporen verdiente, zollte die Vorhut der Arbeiterklasse dem Gegner ihrer politischen und sozialen Anliegen Respekt. Strauß hat dies, ein Jahr vor seinem Tode, noch dankbar zur Kenntnis genommen. In dem Ende 1872 verfassten Nachwort als Vorwort zu den neuen Au agen seiner Arbeit erklärt er, dass gerechter als die Kirchenzeitungen »einige sozialdemokratische Blätter« zu ihm gewesen seien, »indem sie durch ihre Entrüstung über meine politischen Grundsätze sich von der Anerkennung des kritischen und philosophischen Teils meiner Schrift nicht abhalten ließen«. Danach hat der Nietzsche gegen den angeblichen »Bildungsphilister« vom Leder gezogen und dem schwer Krebserkrankten den Rest gegeben. All dies berücksichtigend, bringe ich nicht das geringste Verständnis dafür auf, dass aus der Erbe-P ege der DDR Strauß und auch Vischer, der andere von Nietzsche angefeindete »Bildungsphilister«, stets ausgegrenzt worden sind, wohingegen man, in den letzten Jahren jedenfalls, ernstlich in Erwägung gezogen hat, die Unzeitgemäßen Betrachtungen mit di erenzierenden Nachworten herauszubringen. Da verlaufen die Fronten schief.16 PF: Glauben Sie, dass Sie Lukács dazu hätten bewegen können, sich Ihren Standpunkt zu eigen zu machen? WH: Für Lukács wäre es eine nicht nachvollziehbare irrsinnige Vorstellung gewesen, dass Nietzsche im sozialistischen Teil der Welt jemals auch nur einen Millimeter an Boden zurückgewinnen könnte. Desgleichen hätte er das Auftreten von Nietzscheanern auf einem DKP-Symposium für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten. Und nicht dem leisesten Zweifel kann es unterliegen, dass er, hätte er diesen Tiefstand noch erlebt, davor aufs Eindringlichste gewarnt und mit aller Energie dagegen angekämpft haben würde. Soviel steht fest. Dagegen liegen, was Lukács’ Einstellung zur Kulturleistung deutscher Liberaler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts betri t, die Dinge komplizierter. Die Generation, der er angehörte, konnte mit diesem Erbe, so weit es eorie ist oder Geschichtsschreibung und nicht Dichtung, wenig anfangen; es war ihr fremd geworden. Speziell bei ihm, als radikalem Linken, als Kommunisten, kam zweierlei hinzu. Gervinus, Vischer, Strauß, Zeller, Haym, Hettner usw. waren als Zeitgenossen von Marx und Engels Ideologen der Bourgeoisie geblieben und dadurch einem Vergleich ausgesetzt, der au älliger zu ihren Ungunsten aus el als bei den gemeinsamen klassischen Vorgängern. Damit nicht genug, taten die dogmatisch-sektiererischen, die stalinistischen Tendenzen der Komintern-Politik zwischen dem VI. und 16 (AH) Bereits in den fünfziger Jahren hatte Harich diese Lücken in der Erbe-P ege der DDR thematisiert und versucht, sie im Aufbau-Verlag sukzessive zu füllen. In den siebziger und achtziger Jahren kam er mehrfach auf das ema zurück und verfasste vor allem für den Akademie-Verlag verschiedene Gutachten und Editionspläne (Siehe Band 6.2, 9 und 10). 1 4 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k dem VII. Weltkongress ein Übrigens, ihr Ansehen herabzusetzen. Denn in der Logik der verhängnisvollen Sozialfaschismusthese Stalins, der Lukács ja zeitweilig Tribut zollen musste, lag es, wenn schon Sozialdemokraten, dann auch und erst recht Liberale – und die natürlich mitsamt ihren Traditionen – zu missachten. So erklärt sich die überspitzt negative Beurteilung der Vischerschen Ästhetik in Lukács’ einschlägigem Essay von 1934 und so auch der Umstand, dass er, nicht zufällig im selben Jahr, Nietzsche zwar richtig als Vorläufer der faschistischen Ästhetik brandmarkt, ihm aber zugesteht, sich, ursprünglich zu Recht, von Vischers und Strauß‹ philiströsen Seiten abgestoßen gefühlt zu haben, zum Beispiel in der Hölderlin-Frage. PF: Wäre Lukács jemals bereit gewesen, darin eine Schwäche des eigenen Standorts wahrzunehmen? Ich halte es für unwahrscheinlich. Seine spätere Ästhetik spricht, was Vischer anlangt, dagegen. WH: Ich weiß es besser. Lukács hat in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre meine Bemühungen um das Erbe Rudolf Hayms ausdrücklich gutgeheißen und nach Kräften unterstützt. Er hat sich wenig später lernbereit, kritisch-konstruktiv sogar der Philosophie eines Liberalen des 20. Jahrhunderts, Nicolai Hartmanns nämlich, bemächtigt.17 Diese Tatsachen berechtigen ohne weiteres zu dem Schluss, dass er sich unschwer dazu durchgerungen hätte, Vischer, Strauß und ihresgleichen di erenzierter zu werten als früher, wäre er mit der Forderung konfrontiert worden, zwischen ihrem Vermächtnis und demjenigen Nietzsches eine Wahl zu tre en. Aber einmal hat Lukács sich im Alter mit ganz anderen emen befasst, und zum anderen ist er 1971, Jahre vor dem Einsetzen der Nietzsche-Renaissance, bereits gestorben. So konnte für ihn die Aufgabe, seine Haltung zu den so genannten »Bildungsphilistern« kritisch zu überprüfen, sich noch gar nicht stellen. Sie stellt sich aber, angesichts wiedererwachenden Interesses an Nietzsche, heute für uns. PF: Was würden Sie von Vischer, was von Strauß in der DDR zuerst neu herausbringen wollen? WH: Von Vischer die Ästhetik und eine Auswahl seiner Aufsätze, von Strauß die Hutten-Biographie und die Vorlesungen über Voltaire.18 17 (AH) Die Edition der Herder-Biographie von Rudolf Haym durch Harich unterstützte Lukács mit einem Gutachten, so dass die Edition gegen den Widerstand der Partei zu Stande gebracht werden konnte. (Siehe Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch, neu abgedr. in: Band 4, S. 311–446.) Alle weiteren Hinweise, auch zur Vermittlung der Philosophie Nicolai Hartmanns an Lukács, siehe die entsprechenden Ausführungen dieses Bandes und in Band 9. 18 (AH) Siehe vor allem Harichs Brief an Lothar Berthold vom 05. Mai 1977, der sich mit der »Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen 1 4 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Ich muss mich des Urteils enthalten, da ich, leider, nichts davon kenne. WH: Nietzsche kennen Sie. Beides zusammen ist Symptom eines Bildungsnotstands, bei Ihnen im Westen wie bei uns. PF: Hierauf möchte ich erst bei Gelegenheit eines unserer weiteren Gespräche zurückkommen. Heute stehen noch zwei andere Fragen zur Beantwortung an: Wodurch wirkt Nietzsche auf Literatur? Und wie wirkt er auf sie? WH: Zur ersten Frage. Künstler haben das Bedürfnis, sich, möglichst bequem, weltan schau lich zu orientieren. Dichter und Schriftsteller, aus naheliegenden Gründen, in noch höherem Grade als die übrigen. In Nietzsche nun begegnet ihnen derjenige Quasi-Philosoph, der Lesern die Möglichkeit gewährt – genauer: zu gewähren scheint –, dieses Bedürfnis auf müheloseste Weise zu befriedigen. Will jemand die Metaphysik des Aristoteles, die Kritiken Kants, Hegels Phänomenologie und Logik oder auch Das Kapital von Marx verstehen oder spätere schulgerechte Philosophen, etwa Husserl, so wird ihm geistige Schwerstarbeit abverlangt. Nietzsche dagegen bietet leichte Kost. Glatt lesen sich seine Essays herunter. Seine Aperçus lassen sich weglutschen wie Bonbons. Sein Zarathustra gar präsentierte sich selber als Dichtung. Bei alledem wirken an ihm sprachliche Reize, obwohl sie höchst problematisch sind, faszinierend. Schon von der Form her stachelt Nietzsches laienhaftes Philosophieverständnis dazu an, ihn zur Bildungsmacht zu erheben. Ist er als solcher einmal etabliert, wird er für das Gros der Schöngeister unwiderstehlich. PF: Und wie erklärt sich die Faszination, die von seinen Inhalten ausgeht? WH: Größtenteils daraus, dass er Inhalte, die gar nicht von ihm stammen, die aber ihm, ignoranter Weise, kritiklos zugeschrieben werden, e ektvoll aufzubereiten versteht. Mit gedanklichen Ergebnissen aus dem Vormärz, deren wahre geistige Urheber durch die Schopenhauer-Mode verdrängte worden sind, gelingt ihm das am leichtesten und mit einer sich bis in unsere Zeit hinein bewährenden Kraft der Täuschung, der unter Umständen sogar seine entschiedenen Gegner erliegen. An einem aktuellen Beispiel will ich es Ihnen verdeutlichen. Marilyn French, eine berühmte feministische Autorin unserer Tage, ist sich völlig darüber im klaren, dass die Werke Nietzsches zum, wie sie mit Recht sagt, »misogynsten Schrifttum des gesamten 19. und frühen 20. Jahrhunderts« gehören. Trotzdem nimmt sie Nietzsche als Denker dermaßen ernst, dass sie nicht verschmäht, sich gelegentlich auf ihn zu berufen. Wo sie ihn aber zitiert, häu g zustimmend, trägt sie meisten Gedanken vor, die sie besser aus seinen nicht-misogynen Quellen hätte beziehen sollen, und die sind ihr unbekannt. So bekundet French, ohne an der betre enden Stelle auf Hegel oder auf Heine auch nur mit einer Silbe einzuge- Historiographie usw.« beschäftigt (Band 9, S. 383–395). 1 4 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k hen, ihre Überzeugung, dass zuerst Nietzsche den Tod Gottes »ö entlich ausgerufen« hätte. Oder sie schreibt das Verdienst, die feindselige Einstellung des Christentums und der idealistischen Philosophie zur Sinnlichkeit bekämpft zu haben, nicht Feuerbach zu, von dem sie überhaupt nichts zu wissen scheint, sondern Nietzsche. PF: 1987 haben Sie die »misanthropisch pervertierende Wendung« betont, die Nietzsche den von ihm aufgegri enen Gedanken anderer gegeben habe. Die Idee Raskolnikows, die von Dostojewski verurteilt werde: dass die Herren die Freiheit zu jedem Verbrechen besäßen, hätte Nietzsche bejaht und sich voll zu eigen gemacht. Er auch erst hätte dem heroischen Typus, dem Emerson Verp ichtungen gegenüber den Mitmenschen auferlege, die »Fratze der Brutalität« verliehen. Und wo er, mit besonderer Vorliebe, in dieser Weise Anregungen missbrauche, die aus dem deutschen Vormärz herrührten, nähme er zusätzlich die Chance war, »ein ursprünglich revolutionäres Erbe zu plündern, das, nach 1848 durch die Schopenhauer-Mode aus dem Traditionsbewusstsein der deutschen bürgerlichen Intelligenz verdrängt worden ist. Er kann sich daher hier, geschmückt mit fremden Federn, auch noch als originell und radikal aufspielen.« Um dies anhand eines Beispiels zu illustrieren, hoben Sie Nietzsches Verhältnis zu Stirner hervor. WH: Dass es sich hier um ein ursprünglich revolutionäres Erbe handelt, dass es Gelegenheit bietet, Radikalität zu demonstrieren, darauf kommt es hier entscheidend an. Denn bei der faszinierenden Wirkung von Nietzsches Inhalten gibt stets seine rebellische Prätention und Attitüde, gibt die nonkonformistische Geste, mit der er sich in Szene zu setzen weiß, den Ausschlag. PF: Wobei Gesten an sich ja eigentlich wieder bloß Form sind und nichts Inhaltliches. WH: Die Geste schlägt bei Nietzsche ins Inhaltliche um. Seine Inhalte ziehen für den, der sie vertritt, der sich ö entlich zu ihnen bekennt, keinerlei Risiko nach sich und verleihen ihm dennoch den Nimbus eines kühnen Nonkonformisten. Dies hat Lukács am schärfsten gesehen und unübertre ich formuliert. Er spricht, im dritten Kapitel der Zerstörung der Vernunft, von einer »Au ehnung, bei der der ›Rebell‹ unter keinen Umständen die eigenen parasitären Privilegien und deren soziale Basis unangetastet sehen möchte, es also mit Begeisterung begrüßt, wenn der ›revolutionäre‹ Charakter dieser Unzufriedenheit eine philosophische Sanktion erhält, zugleich jedoch dem gesellschaftlichen Inhalt nach in eine Abwehr gegen Demokratie und Sozialismus verwandelt wird«. Der »soziale Auftrag«, den Nietzsches Philosophie erfüllt, besteht nach Lukács darin, den nonkonformistischen »Typus der bürgerlichen Intelligenz zu ›retten‹, zu ›erlösen‹, ihm einen Weg zu weisen, der jeden Bruch, ja, jede ernsthafte Spannung mit der Bourgeoisie über üssig macht; einen Weg, auf dem das angenehme 1 5 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er moralische Gefühl, ein Rebell zu sein, weiter bestehen bleiben kann, sogar vertieft wird, in dem der ›ober ächlichen‹, ›äußerlichen‹ sozialen Revolution eine ›gründlichere‹, ›kosmisch-biologische‹ lockend gegenübergestellt wird. Und zwar eine ›Revolution‹, die die Privilegien der Bourgeoisie vollständig bewahrt, die vor allem das Privilegiertsein der bürgerlichen, der parasitären imperialistischen Intelligenz leidenschaftlich verteidigt, eine ›Revolution‹, die sich gegen die Massen richtet, die der Furcht der ökonomisch und kulturell Privilegierten, diese ihre Vorrechte zu verlieren, einen pathetisch-aggressiven, die egoistische Furcht verschleiernden Ausdruck verleiht.« PF: Wird hier nicht, was ich sehr bedenklich fände, en passant unterstellt, es gäbe überhaupt nur falschen Nonkonformismus und nie einen echten? WH: Dass es auch den echten, wirklich riskanten gibt, den, der in letzter Konsequenz zum Bruch mit der Bourgeoisie führt, das leugnet Lukács keineswegs. Und wie auch sollte er? Eine Verlockung bleibt indes der unechte Nonkonformismus, als der bequemere, komfortablere, allemal. Und noch nie hat jemand die Kraft, der Verlockung zu widerstehen, aus Nietzsche geschöpft. Im Gegenteil, wo die Kraft dazu nicht durch dessen Ignorierung ungeschwächt blieb, musste sie im Kampf gegen ihn erst gewonnen werden. PF: Sehen Sie, das eben erscheint mir fraglich. An diesem Punkt setzen auch bei mir Zweifel ein. Denn das in nicht geringer Anzahl humanistische, progressive, linksstehende Intellektuelle und zumal Schriftsteller, darunter bedeutende – integere Persönlichkeiten im übrigen, die ihren Überzeugungen bisweilen durchaus Opfer gebracht haben –, gleichwohl an Nietzsche Gefallen fanden, ist eine unleugbare Tatsache. Daher warnt Buhr – mit deutlicher Spitze gegen Sie – vor dem Fehler, Nietzsche für einen »leicht übertragbaren tödlichen Virus« zu nehmen. »Marxistische Ideologiekritik an Nietzsche und seiner Wirkung«, so betont Buhr, »subsummiert nicht unter ihre Ergebnisse alles das, was jemals in Philosophie, Literatur, Kunst usw. mit Nietzsche in Berührung gekommen ist.« Dieser sei unter allen bürgerlichen Denkern »am meisten und breit gefächert rezipiert« worden. Von bürgerlicher Geistigkeit werde er »zwiespältig und vielschichtig (…) auf- und angenommen«. Ähnlich hat Jahre davor, noch ohne Spitze gegen Sie, im Philosophenlexikon des Dietz-Verlages bereits Malorny auf Nietzsches »außerordentlich vielgestaltige Wirkung« hingewiesen. »Zahlreiche Vertreter verschiedenster Richtungen der gegenwärtigen bürgerlichen Philosophie, Literatur und Kunst, Sozialwissenschaftler und eologen«, schreibt Malorny, hätten sich »mit seinen Ideen auseinandergesetzt« und seien »dabei zu sehr unterschiedlichen Resultaten gelangt«. Und. »Auch bürgerlich-demokratische und humanistische Schriftsteller wie Heinrich und omas Mann, G. B. Shaw standen zeitweilig unter seinem Ein uss.« Sie, Herr 1 5 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Harich, neigen dazu, die breit gefächerte Wirkung zu einer ausnahmslos negativen zu verkürzen, wobei Sie auch hierbei über Lukács noch hinausgehen. WH: Dass Nietzsche »breit gewirkt« hat, ist unbestreitbar. Soweit stimme ich mit Buhr und Malorny überein. Beide scheinen jedoch zu glauben, dass durch eine solch abstrakte Feststellung die spezi zierte Untersuchung, wie seine Wirkung jeweils im einzelnen aussieht, sich schon erübrige. Und da beginnt ihr Irrtum. Denn sobald diese Untersuchung konkret durchgeführt wird, bestätigt sich jedes Mal, das eben seine Wirkung ins Breite eine ausnahmslos negative gewesen ist. Negativ war auch die Wirkung, die er auf omas Mann ausgeübt hat. Lesen Sie eine der frühen omas Mannschen Novellen: Tobias Mindernickel! Die sadistische Phantasie, mit der hier, am Beispiel eines perversen Tierquälers, der sittliche Wert des Mitgefühls ad absurdum geführt wird, ist durch Nietzsche enthemmt worden. Nehmen Sie weiter das literarisch wertloseste Frühwerk omas Manns, Fiorenza! Auf Nietzsche und seinen Anbeter D’Annunzio ist der abgeschmackte Renaissanceismus darin zurückzuführen. Erinnern Sie sich sodann der Stellungnahme in omas Manns zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges! Führen Sie sich die Verherrlichung des Krieges in den Betrachtungen eines Unpolitischen zu Gemüte! Auch dies ist von niemand anderem als von Nietzsche eingegeben. PF: 1987 haben Sie sich dazu hinreißen lassen, die Betrachtungen eines Unpolitischen als verfassungswidrig zu bezeichnen, was einem Ruf nach dem Staatsanwalt gleichkam. Mir ist hier, o en gesagt, die Entrüstung verständlich, mit der darauf Hermann Kant und Stephan Hermlin vor dem Forum des X. Schriftstellerkongresses der DDR reagiert haben. Selbst Wolfgang Schneider, der kurz danach in der Bundesrepublik, in Konkret, für Sie und gegen Hermlin Partei ergri , sah sich außer Stande, Ihnen in diesem Punkt zuzustimmen. Beharren Sie auf Ihrem damaligen Verdammungsurteil? Oder korrigieren Sie sich? WH: In den Betrachtungen nden sich Passagen, die, den Zweck des Werks, im Ersten Weltkrieg der Sache des deutschen Imperialismus zu dienen, weit übersteigend, à la Nietzsche auch noch morbide Dekadenz ins Brutale umschlagen lassen und Lobeshymnen auf Gewalt und Krieg um ihrer selbst willen, weil der Mensch sie brauche, anstimmen. Dergleichen zu verbreiten, verstößt – ich wiederhole es und bleibe dabei – gegen die Verfassung der DDR. Dies hat mich 1987 aber keineswegs daran gehindert, omas Mann, unter Berücksichtigung seiner späteren Entwicklung und im Hinblick auf das Ganze seiner Lebensleistung, als den »größten Deutschen des Jahrhunderts, einen der größten deutschen Erzähler mehrere Jahrhunderts sowieso« zu rühmen. Und nun füge ich – worin ich Sie eine selbstkritische Korrektur zu erblicken bitte – hinzu: 1 5 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Wenn es gilt, einen Schriftsteller so hohen Ranges in all seinen Widersprüchen, allen Phasen seines Werdeganges lückenlos zu dokumentieren, dann tut der Staatsanwalt, um das zu ermöglichen, gut daran, ein Auge zuzudrücken; ich habe nichts dagegen. Nur: Von Harry Matter, dem laut Hermlin »ausgezeichneten« Herausgeber der Betrachtungen, ist in den Anmerkungen zum zweiten Band der Aufsätze, Reden, Essays, Berlin und Weimar, 1983, ja versäumt worden, darauf hinzuweisen, dass omas Mann dieses Werk mit Bedacht, voller Scham aus seiner Ausgabe letzter Hand, der zwölfbändigen von 1955, ausgeschieden hat. Und angesichts des Verschweigens einer dermaßen bedeutungsvollen historischen Tatsache sollte es mir nicht zu sehr verübelt werden, dass ich, aus Verärgerung darüber, in entgegengesetzter Richtung übers Ziel hinaus geschossen bin. Ein Fehler hat in diesem Fall den anderen ausgelöst. PF: Hermlin hat erklärt, »einem Harich wird nie dämmern, (…) wie notwendig es war, eine Arbeit, die omas Mann mit Recht zehn Jahre nach dem Krieg nicht neu gedruckt haben wollte, mit ebensolchem Recht im Jahre 1987 wieder zu verö entlichen, zumal ohne sie Heinrich Manns berühmter Zola-Essay nicht wirklich verstanden werden kann«. WH: Hermlin gibt damit den faschistoiden, kriegshetzerischen, Aggressivität und Gewalt verherrlichenden Charakter langer und markanter Passagen aus den Betrachtungen selber zu. Wieso sollten die heute, unter den Auspizien eines neu erwachenden Faschismus, erträglich sein, wenn sie zehn Jahre nach dem Krieg omas Mann mit Recht unerträglich erschienen sind? Der historische Abstand, den Hermlin geltend macht, existiert nur in seinen Vorstellungen, nicht in der Realität. Davon abgesehen, werden die Betrachtungen erst durch den Zola-Essay voll verständlich, nicht umgekehrt. Doch bitteschön: Ich habe mich korrigiert. Wenn klar ist, wie omas Mann zu den Betrachtungen zuletzt gestanden hat, mögen sie, als Zeitdokument, Verbreitung nden. Davon, dass sie Anlass gäben, Nietzsche neu zu bewerten, kann jedoch keine Rede sein, und das ist es, worauf Hermlin hinaus will. PF: An Ihrer Aussage, dass »auch omas Mann (…) als Gewährsmann für eine lichtspendende Ausstrahlung Nietzsches auf die Kultur des 20. Jahrhunderts nicht in Betracht« komme, halten Sie demnach fest. WH: Natürlich. Der Wirkung Nietzsches auf omas Mann haben andere, bessere Ein üsse massiv entgegengewirkt: Die russische Literatur, zumal Tolstoi, der Altersradikalismus Fontanes, später in zunehmendem Maße Goethe und – nicht zu vergessen – der kommunistisch inspirierte Volksfront-Antifaschismus, in der Familie vertreten durch Bruder Heinrich, Tochter Erika und Sohn Klaus Mann. Und wenn omas Mann geglaubt hat, Nietzsches entlarvender Psychologie viel zu verdanken, so erlag er 1 5 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k einer Selbsttäuschung. Die entscheidenden Anregungen gingen in der Beziehung, wie sich nachweisen lässt, von Dostojewski und vor allem von Tolstoi aus. Parallel dazu oder nachträglich mögen sich darauf beziehende theoretische Re exionen bei ihm durch das eine oder andere Aperçu Nietzsches befruchtet worden sein. Falls dem so war, hat mangelnde philosophische Sachkenntnis omas Mann daran gehindert, im rationellen Kern des Gelesenen Anleihen bei dem Materialisten Paul Rée, der Nietzsche als Denker tief verachten gelernt hatte, dingfest zu machen und als Rées Quellen wie de rum Helvétius und Feuerbach zu feiern. Wie dem im Einzelnen indes auch sei, die Hauptsache ist, dass dieser große deutsche Dichter, klüger geworden durch die beiden imperialistischen Weltkriege, durch das Scheitern der Weimarer Republik, die Erfahrungen mit dem Faschismus, die Verbrechen der Hitlerbande, sich in einem Prozess innerer Wandlung, in heilsam gesteigerter Zuwendung zu den edelsten, den gesündesten humanistischen Traditionen von seiner verhängnisvollen Sympathie für Nietzsche mehr und mehr löste. PF: Fast genau so haben Sie das 1987 schon einmal ausgedrückt. WH: »Seine Trennung von ihm«, sagte ich wörtlich, »sein Widerstand gegen ihn trugen reiche Früchte: An neuorientiert symbolträchtiger Bezugnahme auf ihn den Doktor Faustus, und, als publizistisches Seitenstück dazu, Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, beide Werke konzipiert und entstanden simultan mit den antifaschistischen Rundfunkreden an die deutschen Hörer, beide vollendet 1947. Der Faustus-Roman steht in unserer Nationalliteratur einzig da als ihre radikalste Abrechnung mit dem im Hitlerfaschismus seinen Tiefpunkt erreichenden Geistesverfall, hier versinnbildlicht durch die mit diesem Niedergang, diesem Sturz koinzidierende Tragödie eines deutschen Musikers, der, atonal komponierend, mit dem Teufel im Bund, auf die Rücknahme von Beethovens Neunter hinarbeitet. Und eben dieser Held, Adrian Leverkühn, trägt Züge Nietzsches.« PF: Metscher di erenziert, in seinen Wuppertaler Ausführungen zum selben ema, zwischen Adrian Leverkühn und den debattierenden Intellektuellen des Romans. Der Weg Adrians sei ein anderer als der der nietzscheanischen Ideologie, mit der am gründlichsten in der bitteren Satire der Kridwiß-Gespräche abgerechnet werde. Was sagen Sie dazu? WH: Ich bin damit im Wesentlichen einverstanden. Bei ausführlicher Würdigung des Faustus hätte ich denselben Unterschied gemacht. PF: So? Dem Modernismus steht Metscher nachsichtiger gegenüber als sie. omas Manns denkerische Größe zeige sich darin, dass der »den Modernismus gerade nicht mit der Nietzsche-Ideologie verrechnet«. 1 5 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: »Und doch«, fährt Metscher fort, sei »der Weg des Adrianschen Modernismus ein Weg in die Irre. Im Gegensatz zur letztendlichen Banalität des Nietzscheanismus ist der Weg Adrians ein tragischer Weg ins Verderben.« Dagegen gibt es von meiner Seite kaum ein Einwand. Es sind, was diese Fragen betri t, Nuancen, in denen Metscher und ich voneinander abweichen. Und nachdrücklich unterstreichen möchte ich besonders seine Feststellung, dass omas Mann der Dekadenztheorie von Lukács nirgends so nahe steht wie im Doktor Faustus und deshalb eorien eodor W. Adornos nur aufnehme, um sie gegen Adorno zu wenden. PF: Nun el der Name Heinrich Mann. Ginge es nach Ihren Ausführungen von 1987, so müsste auch aus dessen Gesamtausgabe wenigstens ein Werk ausgeschieden werden: Die Roman-Trilogie Die Göttinnen; nur zum Staubabwischen stünde sie im Regal. Für verfassungswidrig halten Sie die nicht. Oder? WH: Nein, natürlich nicht. Hier geht es um etwas anderes. Ich halte es für keinen Zufall, dass diejenigen deutschen Prosadichtungen, die in der Nachfolge des Renaissanceismus und D’Annunzios stehen, uns durchweg nicht zu sagen haben. Dazu gehören Fiorenza von omas Mann und Die Göttinnen von Heinrich Mann, die literarisch schwächten Werke der beiden Brüder. Dass sie in Gesamtausgaben, die ja stets unter denkmalp egerischen Gesichtspunkten statt nach literarischen Wertkriterien zusammengestellt werden, trotzdem nicht fehlen dürfen, sehe ich ein. Und wenn ich den Eindruck erweckt habe, ausgerechnet omas und Heinrich Mann würde ich keine Gesamtausgabe gönnen, so bedaure ich das. Eines freilich bitte ich mir zu Gute zu halten: DDR-Verlage verfügen, in einem übrigens sehr lesefreudigen Land, über zu geringe Papierkontingente, als dass sie der Aufgabe voll gewachsen sein könnten, das überkommene wertvolle Literaturerbe in seinem ganzen Umfang editorisch angemessen zu betreuen. So wäre ich im Stande, Ihnen aus dem Stehgreif Dutzende von Buchtiteln aufzuzählen, die ich in unserem Buchangebot seit Jahrzehnten schmerzlich vermisse und die belangvoller sind als Die Göttinnen. PF: Nennen Sie wenigstens einen Titel! WH: Gustav Freytags historischen Romanzyklus Die Ahnen. Auch Freytag gehört zu den vergessenen »Bildungsphilistern«, deren keiner unserer Verlage sich bisher angenommen hat. Würde ich ihn dem Aufbau-Verlag zur Neuedition vorschlagen, würde es heißen: »Danke nein, benötigt viel Papier und bringt keine Devisen.« Mein ärgerlicher Ausfall gegen das Werk des jungen Heinrich Mann, worin den »lächelnd Grausamen«, den »unbedenklichen Abenteurern, stolz und düster nach Größe, blutbe eckt frei und unverwundbar«, anstaunende Bewunderung gezollt wird, ist aus Unzufrieden- 1 5 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k heit auch mit dieser Sachlage, ist nicht nur aus Widerwillen gegen die literarische Nietzsche-Nachfolge zu erklären. PF: Um die Schädlichkeit der Wirkung Nietzsches auf die Literatur zu beweisen, haben Sie 1987 mehrere Beispiele angeführt: Problematische Seiten, die Sie sogar bei Heinrich und omas Mann zu sehen glauben – und über die ich mit Ihnen jetzt nicht weiter richten möchte –, ferner von Knut Hamsun19 den Roman Mysterien sowie eine Dramentrilogie, um Ivar Kareno … WH: … und Hamsuns »schmachvolle Politlaufbahn«, womit ich seine Parteinahme für Hitler, mit Einschluss seines Quislingtums, während der Okkupation Norwegens, meinte … PF: Ja, natürlich auch das; Fragwürdiges sodann bei Richard Dehmel, Michael Georg Conrad und Carl Sternheim; schließlich D’Annunzio und Montherlant – diese jeweils wohl im ganzen, nicht wahr? WH: Ich kenne nicht alles, was beide geschrieben haben. Im Vertrauen auf Einschätzungen durch andere, die meine originären Kenntnisse ergänzen, glaube ich aber, Ihre Frage mit Ja beantworten zu dürfen. PF: Sind Sie nach den Angri en, denen Sie sich ausgesetzt sahen, mittlerweile geneigt, von dem, was Sie über die eben genannten Autoren äußerten, etwas zurückzunehmen? WH: Nein. Wobei anzumerken bleibt, dass ich mich zu Sternheim, Hamsun, Dehmel und M. G. Conrad keineswegs nur abfällig geäußert habe. Hinsichtlich Sternheims beispielsweise konnte ich mich auf Georg Hensel berufen, den Verfasser des gängigsten bundesdeutschen Schauspielführers, der dem Dichter der Hose und des Snob bescheinigt, als Diagnostiker gesellschaftlicher Schäden vorzüglich zu sein, an ihm aber beanstandet, dass seine erapie, bezogen aus Nietzsches Lehre vom Übermenschen, nicht nur unannehmbar sei, sondern auch an unfreiwillige Komik grenze.20 Betont habe ich Conrads Produktivität, Dehmels großes Talent. Um von meiner Verehrung für omas und Heinrich Mann gar nicht zu reden. PF: Darüber haben Sie geredet. WH: Bezogen auf omas Mann. PF: Ja. Und Heinrich Mann, sagten Sie, liebten wir wegen des Professor Unrat und der Kleinen Stadt, des Untertanen und des Henry Quatre. In der Kleinen Stadt klingen, 19 (AH) Zu Hamsun siehe auch Harichs frühen Zeitungsartikel Trauer um einen Lebenden. Gedanken zum Problem Knut Hamsun vom 24. November 1945, der im Kurier erschienen war. (Neu abgedr. in: Band 1.3, S. 1331–1333.) 20 (AH) Zu Sternheims eaterstücken äußerte sich Harich in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre mehrfach als Feuilletonist und eaterkritiker im Kurier und in der Täglichen Rundschau, siehe die Bände 1.2 und 1.3. 1 5 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er nebenbei bemerkt, D’Annunzio-Töne an. Doch lassen wir das! Wollen Sie dem, was Sie zum Fragenkomplex der Wirkung Nietzsches auf die Literatur geäußert haben, also noch etwas hinzusetzen? Fallen Ihnen weitere Beispiele ein? Haben Sie noch etwas Grundsätzliches in petto? WH: Mit meinen Urteilen be nde ich mich in – wie man so sagt – recht guter Gesellschaft. Das erste Drama von Hamsuns Kareno-Trilogie, An des Reiches Pforten, ist mehrmals ausführlich von Plechanow kritisiert worden. Hier ein paar Zitate: »Als Held dieses Stücks tritt vor uns ein junger und wenn vielleicht auch nicht talentvoller, so doch jedenfalls über alle Maßen selbstbewusster Schriftsteller, Ivar Kareno. Er bezeichnet sich als einen Menschen ›mit Gedanken, die frei sind wie der Vogel‹. Worüber schreibt dieser Denker, der frei ist wie der Vogel? Über ›den Widerstand‹. Über ›den Hass‹. Wem rät er, Widerstand zu leisten? Wen lehrt er hassen? Er gibt den Rat, dem Proletariat zu widerstehen. Er lehrt, das Proletariat zu hassen. (…) Dieser Ideologe der Bourgeoisie, der Ivar Kareno heißt, erscheint sich selbst und seinem Schöpfer Knut Hamsun als der größte Revolutionär. Er will das Proletariat vertilgen. (…) Das Proletariat stellt sich ihm als eine Klasse dar, die andere Klassen der Gesellschaft ausbeutet. Das ist die irrsinnigste unter allen Ideen Karenos, die frei sind wie der Vogel. Unglücklicherweise teilt Knut Hamsun diesen falschen Gedanken seines Helden. (…) Knut Hamsun ist ein großes Talent. Aber kein Talent wird in Wahrheit verwandeln, was deren direkten Gegensatz bildet. Die ungeheuren Mängel des Dramas An des Reiches Pforten sind eine natürliche Folge der völligen Unhaltbarkeit seiner Grundidee. Aber die (…) wird bedingt durch das Unvermögen des Autors, den Sinn des Klassenkampfes in der heutigen Gesellschaft zu verstehen, dessen literarisches Echo sein Drama war. (…) Ivar Kareno ist nur eine der Abarten des Nietzsche-Typus. Und was ist das Nietzscheanertum? Es ist die neue, revidierte und gemäß den Erfordernissen der neuesten Periode des Kapitalismus vervollständigte Au age jenes uns bereits sattsam bekannten Kampfes gegen den ›Bourgeois‹, der sich vortre ich mit der unerschütterlichen Sympathie für die bürgerliche Ordnung verträgt.« PF: Das höre ich zum ersten Mal. WH: Ich habe darüber immer hinweg gelesen. Angetan von Hunger, Pan, Victoria, von Segen der Erde, von den drei Romanen um August Weltumsegler, vom Letzten Kapitel, wollte ich es nie wahrhaben. Erst vor wenigen Jahren, im Zusammenhang mit meinen neuerlichen Nietzsche-Studien, habe ich, widerwillig, überprüft, was Plechanow da schreibt, und musste zu meinem schmerzlichen Bedauern erkennen, dass es zutri t. Zu Frieden und Krieg meint außerdem Kareno, worüber Plechanow hinweggeht: »Ich verhöhne den ewigen Frieden und seinen frechen Mangel an Stolz. Lass den Krieg 1 5 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k kommen! Es gilt nicht so und so viele Leben zu bewahren; denn des Lebens Quelle ist unerschöp ich; aber es gilt, den Menschen in uns aufrechten Ganges zu erhalten.« Auch davor kniet der Hamsun von 1895, als der Nietzsche-Jünger, der er ist, bewundernd, anstaunend nieder, wie er es schon drei Jahre davor vor dem ekelhaften Sadismus des Helden Nagel im Roman Mysterien getan hat. Und die beiden weiteren Dramen der Trilogie – zu ihnen hat Plechanow sich gleichfalls nicht geäußert – machen die Sache um keinen Deut besser. Denn in dem dritten, Abendröte (1898), das 20 Jahre später spielen soll, beleuchtet Hamsun seinen Kareno nun zwar kritisch – aber warum? Weil der, unter Verleugnung seiner vielversprechenden nietzscheanischen Anfänge, am Ende zu einem Dutzendliberalen wird, der, mit dem Versprechen, »für vernünftige Verbesserungen in unserem Leben, für humane Veranstaltungen, für schrittweise Entwicklung zu kämpfen«, sich als Kandidat zur Parlamentswahl aufstellen lässt. Diese Wandlung gilt dem Autor als verächtlich. PF: Noch sind Ihre Ausführungen zu Hamsun von niemandem beanstandet worden. WH: Es hat sie auch niemand gutgeheißen, niemand unterstützt. PF: Stimmt. Vermutlich sind heute zu wenige mit Hamsun vertraut, als dass der in der Diskussion um Nietzsche eine nennenswerte Rolle spielen könnte. WH: Sein späteres Engagement für Hitler, für die Nazis kommt noch hinzu. Politisch linksstehenden Verteidigern und Anhängern Nietzsches muss dieser Umstand, falls sie mit ihm konfrontiert werden, dermaßen peinlich sein, dass sie ungern darüber reden. Und die durch ihn sich bestätigt fühlenden Nietzsche-Gegner wiederum sind allzu bereit, Hamsun in Bausch und Bogen zu verwerfen. Auf der einen wie auf der anderen Seite fehlt daher die Bereitschaft, sich überhaupt auf das Phänomen einzulassen, dass einer der großen Meister der Weltliteratur, dass der genialste skandinavische Erzähler dort, wo Nietzsches Ideen besonders wirksam in sein Scha en eingedrungen sind, schwer erträglichen Ausschuss produziert hat, eben in den Kareno-Dramen und in den Mysterien. PF: »Genialster skandinavische Erzähler« – solchen Superlativ gebraucht Plechanow nicht. Er bezeichnet Hamsun lediglich als großes Talent. WH: In einer Arbeit aus den Jahren 1912 und 1913. Und erst nach Plechanows Tod sind Hamsuns bedeutendste Erzählwerke, von Segen der Erde bis Der Ring schließt sich, herausgekommen. PF: Zeigt sich in ihnen Nietzsches Ein uss? WH: Nein, kaum noch. PF: Ab wann verliert er sich? 1 5 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Soweit ich sehe, im Ersten Weltkrieg. Noch in der Wanderer-Trilogie, vorher, schlägt er gelegentlich durch. In deren zweitem Roman etwa, in Gedämpftes Saitenspiel (1909), bekennt der Ich-Erzähler, die Nähe von Proletarier bewusst zu meiden, und sagt an anderer Stelle: »Die Frau aber, sie ist so, wie alle Weisen sie von jeher geschildert haben: unendlich arm an Begabung, aber unendlich reich an Gewissenlosigkeit, an Eitelkeit, an Leichtsinn. Sie hat viel vom Kinde, aber nichts von dessen Unschuld.« Beides ist reinster Nietzsche. In den späteren, kritisch-realistischen Prosadichtungen hört dergleichen auf, nicht dagegen in Hamsuns profaschistischen Entscheidungen auf politischer Ebene, bis hin zu seinem Quislingtum. PF: Lassen wir es hierbei sein Bewenden haben! Möchten Sie mit noch weiteren Schriftstellern aufwarten, die Ihnen als Beispiel dienen? WH: Auch meine Erwähnung Montherlants ist bisher ohne Beachtung geblieben. Sie ein wenig detaillierter zu wiederholen, nachdem von Eike Middel die abwegige ese Alfred Kurellas ins Spiel gebracht worden ist, dass Nietzsche auf die französische Literatur anders gewirkt hätte als auf die deutsche. Montherlant verherrlicht den Nietzscheschen Übermenschen in mehreren Romanen aus den zwanziger Jahren: Am Beispiel des Kriegers in Le Songe, des Sportlers in Les Olympiques, des Stierkämpfers in Les Bestiaires. Doch auf diese Bücher, die als sehr reaktionär gelten, will ich, da ich sie nie gelesen habe, nicht eingehen. Beschränken möchte ich mich auf den mir geläu gen vierteiligen Romanzyklus Les jeunes Filles (1936–1939, deutsch Erbarmen mit den Frauen, 1957, 1962), worin das Übermenschenthema Nietzsches mit dessen Verächtlichmachung des weiblichen Geschlechts verknüpft wird. Sowohl Renate Reschke, die an Nietzsche eine ihr willkommene »emanzipatorische Sinnlichkeit« entdeckt haben will – sie verwechselt ihn o enbar mit Feuerbach –, als auch Pepperle, der seinen Widerstand gegen die Frauenemanzipation für eine bloße Bagatelle erklärt, sollten, um einsichtiger urteilen zu lernen, dieses schauderhafte Erzählwerk und vielleicht zusätzlich noch die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Stücke Montherlants, in denen dieselbe Gesinnung ihren Niederschlag ndet, lesen. Sie sollten ferner – auch hier wieder be nde ich mich in guter Gesellschaft – die gnadenlose Abrechnung mit Montherlant zur Kenntnis nehmen, die, als Vorkämpferin weiblicher Gleichberechtigung, 1949 Simone de Beauvoir, in einem Kapitel ihres großen Werks Les deuxiéme sexe (deutsch Das andere Geschlecht, 1951) vorgelegt hat.21 Von Montherlant wird der pervers ver- 21 (AH) Mit Simone de Beauvoir beschäftigte sich Harich seit den fünfziger Jahren. Anlass dieser frühen Beschäftigung war die Kritik Lukács’ am Existenzialismus in Marxismus oder Existenzialismus, das erste Buch des ungarischen Philosophen, das Harich im Aufbau-Verlag betreute. Nachzulesen ist seine damalige Einschätzung in den Texten Lektoratsgutachten zu: Marxismus oder Existenzialismus und Stellungnahme zu der Kritik des Genossen 1 5 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k feinerte Chauvi angepriesen, der sexistische Egoist, der die Frauen zu Werkzeugen seiner Macht und Eitelkeit degradiert, der aus ihrer Verachtung Genuss zieht, den nur die dumme Gans sinnlich reizt, der die gescheite Frau, um auch an ihr Vergnügen zu nden, demütigen muss, der Mann, der beim Geschlechtsgenuss sich vorkomme wie – wörtlich – »ein Löwe, der, während er das Fleisch in seinem Pranken zerreißt, von Zeit zu Zeit innehält, um es zu belecken«. »Mit Nietzsche«, schreibt Beauvoir, sei »auch Montherlant der Ansicht, dass nur schwache Zeitalter das Ewigweibliche verherrlicht haben und dass der Held sich gegen die Magna Mater stellen muss. Als Spezialist des Heldentums versucht er, sie zu entthronen. Die Frau ist Nacht, Unordnung, Immanenz (…). Seiner Meinung nach liegt es an der Dummheit und Niedrigkeit der Männer von heute, dass die weiblichen Schwächen ein so positives Vorzeichen bekommen konnten. (…) Ihr Geheimnis ist Trug, die unermesslichen Schätze ihres Innern sind die Tiefen des Nichts; sie haben dem Manne nichts zu geben und können ihm nur Schaden. ›Nehmen, ohne genommen zu werden, das ist die einzige Formel, die zwischen dem überlegenen Mann und der Frau bestehen kann.‹ Er spricht gerne vom Augenblick des Verlangens, der für ihn ein Augenblick der Aggression und der Männlichkeit ist; er weicht dem der Befriedigung aus. Die lebendige Wärme der Lust …« PF: Hören Sie Bitte auf! Mir reicht es. WH: Nur noch dies: Wie Hamsun in Norwegen war in Frankreich Montherlant Kollaborateur der Naziokkupanten. In Le solstice de juin von 1941 (deutsch: Sommersonnenwende), berauscht er sich am Anblick des Hakenkreuzes. Die Beauvoir zitiert ihn: »Der Sieg des Sonnenrades ist nicht nur der Sieg der Sonne, des Heldentums. Er ist der Sieg Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus von Georg Lukács (beide abgedr. in: Band 9, S. 128–145). In den späten siebziger Jahren wendete sich Harich dann im Zuge seiner ökologischen Überlegungen erneut dem Feminismus und der utopischen Literatur zu und nahm seine Auseinandersetzung mit de Beauvoir wieder auf, siehe dazu die Hinweise in diesem Band und in Band 8. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir am Denkmal von Balzac 1 6 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er des solaren Prinzips, durch das alles ins Kreisen kommt.« Vorbild müssten, nach seiner Au assung, für die Franzosen die Deutschen deswegen sein, weil in ihnen »der große Stil der Stärke webt«. Beauvoir fügt hinzu, die Gerechtigkeit gebiete, darauf aufmerksam zu machen, dass Montherlant schon vor Hitlers Sieg von 1940 die »totalitären Zauberer beweihräuchert« hätte, denn »wie jene war er immer ein Nihilist, hegte er immer Abscheu gegen die Menschen; (…) wie jene glaubte er, dass gewisse Wesenheiten wie Rasse, Nation oder er selbst, Montherlant, ein absolutes Privileg« besäßen, »das ihnen über die anderen jedes Recht verleiht. Seine gesamte Moral tendiert dazu, Krieg und Verfolgung zu rechtfertigen und herauf zu beschwören.« Seine Haltung zu den Frauen habe hier ihre Ursache. So, das mag genügen. PF: Um Ihre Ergebnisse kurz zusammenzufassen, setzen Sie der von Malorny und Buhr vertretenen Annahme einer »breit gefächerten«, »vielgestaltigen« Wirkung Nietzsches auf Literatur die Behauptung entgegen, er habe immer und ausschließlich negativ gewirkt, und unterscheiden, unter dieser Voraussetzung, dann zwischen einer direkten Fortführung seiner Intentionen durch Reaktionäre wie Hamsun und Montherlant und der von ihm ausgehenden Irritation, der selbst Humanisten wie omas Mann ausgesetzt gewesen seien. WH: Humanisten, Progressive, Linksstehende, bedeutende Vertreter eines kritischen Realismus – wie immer Sie es nennen wollen; es gibt da verschiedene Kategorien. Wogegen ich mich wehre, das sind Versuche, Nietzsche über seine Wirkung auf Literatur zu »retten«. Es spricht nie für ihn, dass er auf irgend einen Schriftsteller gewirkt hat. Es spricht immer gegen den betre enden Schriftsteller, wer es auch sei, und was an ihm sonst auch wertvoll sein mag. Das ist es, was Eike Midell nicht wahrhaben will, und mit dem Schlagworten »breit gefächert«, »vielgestaltig« leisten Malorny und Buhr ihm hierbei Schützenhilfe. PF: Midell – und nicht nur er allein – ist, falls ich recht unterrichtet bin, der Meinung, dass die Literaturwissenschaft der DDR endlich damit aufhören sollte, Nietzsche als eine Art Unperson zu behandeln. WH: Wann hätte sie das je getan? Ist er etwa von Paul Rilla übergangen worden, von Hans Mayer, als der noch bei uns war, von Hans Kaufmann? Aber die Maßstäbe seiner Beurteilung haben gestimmt, und dabei sollte es bleiben. Nehmen Sie Fritz Böttgers Buch über Hermann Hesse, von 1974. Es geht an 15 Stellen auf Nietzsche ein, jedoch angemessen, indem es, zum Beispiel, dessen verheerenden Ein uss auf den Roman Demian kenntlich macht und sich kritisch mit der ungeheuren Verwirrung auseinandersetzt, die in der Schrift Zarathustras Wiederkehr. Ein Wort an die deutsche Jugend, von 1919, zu Tage tritt. »Mit dem Demian«, stellt Böttger zutre end fest, »ist die imperia- 1 6 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k listische Ideologie in Hesses Weltanschauung eingedrungen, und es würde einer langen, schwierigen Entwicklung bis hin zum Glasperlenspiel bedürfen, um diese Elemente wieder auszuscheiden und eine integre Humanität auf höherer Stufe wiederzugewinnen.« Und zu dem, was Hesse »in der Rolle Zarathustras predigt«, heißt es ebenso richtig, bei allem ehrlichen humanen Wollen sei es objektiv reaktionär. »Es blockiert nicht nur die Revolution, sondern enthält auch die Absage an jede praktische gesellschaftliche Reform. Die Schäden der Gesellschaft werden angesichts einer großen Ahnungslosigkeit gegenüber den ökonomischen und sozialen Tatsachen ›tiefenpsychologisch‹ gedeutet. Der Krieg wird zur Flucht vor einem vom ›Unbewussten‹ her geforderten Leiden, er verharmlost sich zum Abreagieren psychischer ›Komplexe‹.« PF: Hesses Zarathustra ist demnach Freudianer. WH: In der Literatur der Dekadenz geht das Nietzscheanertum Kombinationen mit anderweitigen Modeideologien ein. In Hamsuns Mysterien verbindet es sich mit Anlehnung an Dostojewski, bei dem Hesse von 1919 nicht nur mit Freudschen Elementen, sondern auch mit Anregungen aus den Kriegstraktaten Max Schelers22, bei den Futuristen wie bei ihrem politischen Idol Mussolini mit Bergson, bei … PF: Wir können auf diesem Fragenkomplex unmöglich auch noch eingehen. Und was sollen wir heute unter »Dekadenz« verstehen? Der Begri scheint mir außer Kurs gesetzt zu sein oder ist nur noch ein Reizwort. Brechen wir für diesmal ab! WH: Zwei kurze Bemerkungen muss ich noch loswerden. Erstens: Dass die Literaturwissenschaft der DDR an Nietzsche jemals vorbeigegangen sei, ist, wie gesagt, nicht wahr. Böttgers Hesse-Biographie liefert einen – bei weitem nicht den einzigen – Beweis des Gegenteils für den Bereich der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Was die internationale Geisteswelt anbetri t, so verweise ich bloß auf die Überblicke über die russische und die amerikanische Literatur, die 1974 bzw. 1977 bei Reclam, Leipzig, erschienen sind. In dem einen Buch wird, beispielsweise, sorgfältig der Ein uss Nietzsches auf den russischen Symbolismus, namentlich auf Brjussow behandelt. In dem anderen untersucht Karl-Heinz Schönfelder seine Wirkung auf den späten Mark Twain und den frühen Jack London. Nur: Hier wie dort wird abermals klar, dass Nietzsche, im Gegensatz zu der Meinung Buhrs, tatsächlich ein leicht übertragbarer Virus ist, der tödlich wirkt, falls die Befallenen nicht über immunisierende Kraftreserven anderweitigen Ursprungs verfügen. Um 1900 von seiner Weltreise heimgekehrt in die USA, verfasste Mark Twain, als einer der letzten Mohikaner der bürgerlichen Demokratie, 22 (AH) Zu den »Kriegstraktaten« Schelers, dessen den Ersten Weltkrieg verherrlichenden Schriften, äußerte sich Harich in den achtziger Jahren mehrfach in den Hartmann-Manuskripten (Band 10), also kurz vor der Entstehung dieses Dialogs. 1 6 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er antiimperialistische Artikel, Pamphlete gegen die Kolonialmächte, nahm er Partei für die unterdrückten, diskriminierten Farbigen. Und da setzte mit einem Mal seine Desori en tierung durch Nietzsche ein. In dem philosophischen Dialog What is Man? wird die Weltgeschichte, tief pessimistisch, als Wiederkehr des Ewiggleichen gesehen. Dieselbe Tendenz weist die Erzählung e Mysterious Stranger, postum 1916, auf. Sie ist eine Satansromanze, in der die Entwicklung der Menschheit als ununterbrochene Kette von Gewalttaten und Morden charakterisiert und die christliche bürgerliche Zivilisation mit tiefer Verachtung verhöhnt wird. In seiner Verzwei ung sieht Mark Twain keinen anderen Ausweg mehr, als dass »hysterisch-irrsinnige Weltall« zu leugnen, die Realität zu verneinen, sie als bösen Traum aufzufassen. Und Jack London? In ihm haben wir es sogar mit einem Befürworter der proletarischen Revolution und des Sozialismus zu tun. Tief beeindruckt hat ihn das Kommunistische Manifest. Er gehörte zu den Lieblingsschriftstellern der Arbeitermassen in der ganzen Welt. Was hatte zuvor auch ihn verwirrt? Nietzsche! In e Call of the Wild (1903) macht sein Buck, nachdem er als Schlittenhund in Alaska alle im warmen Kalifornien erworbenen Gewohnheiten überwunden hat und die verschütteten wilden Instinkte in ihm zu neuem Leben wieder erwacht sind, sich, als nietzscheanische Überbestie, zum unumschränkten Herrscher unter den Tieren. »Töte oder werde getötet, friss oder werde gefressen!« So lautet das wichtigste Gesetz der Wildnis, das Jack London in diesem Buch bejaht. In e Sea-Wolf (1904) versinnbildlicht bei ihm der Kapitän eines Schoners, Wolf Larsen, Nietzsches Willen zur Macht. Mit der Verachtung, die er für seine Mitmenschen hegt, stellt der Held die Antizipation eines faschistischen Diktators dar. Macht ist hier gleichbedeutend mit Recht, Schwäche mit Unrecht. Schönfelders Mitteilung zu Folge hat Jack London diesen Roman kurz vor seinem Tode in einen Angri auf den Übermenschen Nietzsches umzudeuten versucht, mit der Erklärung, eine solche Figur können nur im Mikrokosmos eines Segelschi es herrschen, nicht in der modernen Gesellschaft; da sei sie zum Scheitern verurteilt. Doch dem hält Schönfelder entgegen, dass Wolf Larsen ja nicht an sozialen Gegenkräften scheitert, sondern an einem Gehirntumor stirbt und noch in seiner Agonie die Werte der Menschlichkeit verhöhnt, die der – vom Dichter negativ gesehene, weil zivilisierte und deshalb verweichlichte – Humphrey von Weiden für unentbehrlich hält. Sie sehen auch in diesem Fall: Die Literaturwissenschaft der DDR weicht keineswegs dem Erbe Nietzsches aus, sie stellt sich ihm, und sie hat dies immer getan. Hinter der Forderung, dass sie das erst lernen müsse, verbirgt sich also etwas ganz anderes: Der Wunsch, sie möge die Kriterien seiner Bewertung revidieren, und dagegen erhebe ich Einspruch. 1 6 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: 1987, in Sinn und Form, äußerten Sie, unter anderem, es fehlen jeder Anhaltspunkt dafür, dass die nationale wie die Weltkultur Nietzsche irgend eine wertvolle Anregung zu verdanken hätten. Auf dieser ese bestehen Sie o enbar nach wie vor, und Ihre Befürchtung geht nur dahin, dass philosophische Historiographie und Literaturwissenschaft der DDR, die bisher den gleichen Standpunkt vertreten und anhand vieler Belege erhärtet hätten, in dieser Frage ihre Prinzipienfestigkeit einbüßen könnten. Verstehe ich Sie recht? WH: Ja, genau das befürchte ich, und ich sehe, dass die Prinzipien unter dem Vorwand untergraben werden, man dürfe Nietzsche nicht mehr auslassen, was in Wahrheit nie geschehen ist. PF: Unter einem Vorwand, den, wie Sie glauben, die pauschale Annahme seiner breit gefächerten, vielgestaltigen Wirkung noch ergänzt und verstärkt. WH: Ja. PF: Nun zu Ihrer zweiten, Ihrer abschließenden Bemerkung. WH: Sie betri t Kurt Tucholsky. Ich brauche kein Wort darüber zu verlieren, wie weit links er steht, wie kostbar sein Vermächtnis ist. Aber geht es an, das Postulat, Nietzsche di erenziert zu werten, damit zu begründen, dass ja auch Tucholsky ihn nicht uneingeschränkt abgelehnt habe? Ich behaupte, nein. Tucholsky hat sich über Nietzsche mitunter lustig gemacht: Hieße er Nietzschke oder Niethschke, wäre alles halb so schlimm. Dass er stolz darauf gewesen sei, »auf dem Schlachtfeld Gustav Adolfs geboren« worden zu sein, kennzeichne das falsche, hohle Pathos seiner Selbstbeweihräucherung. Auf derselben Linie liege seine Umbenennung eines Jüngers namens Köselitz in Peter Gast. Und so fort. PF: Tucholskys wiederholte satirische Spitzen gegen Elisabeth Förster-Nietzsche sind superb. WH: Hierüber denke ich bereits anders. Nietzsche auf Kosten seiner ihn managenden Schwester, die ihn verfälscht habe, zu »retten«, gehört zum Repertoire seiner Verteidiger. Und den eigentlichen Sinn der tatsächlichen Fälschungen Elisabeths genau he rauszu prä parieren, das hat auch Tucholsky versäumt, mit dem Erfolg, dass sich auf ihn heute diejenigen Apologeten berufen, die uns einreden wollen, der philologisch einwandfreie Nachlass in der Colli-Montinarischen Edition ergebe ein neues Nietzsche-Bild. Vielleicht können wir darauf später noch einmal zu kommen. In einem Brief an Marierose Fuchs emp ehlt Tucholsky ihr, von Nietzsches Essays stilistisch zu lernen, dazu von Schopenhauers Über Sprache und Stil und von Kleists Novellen, und Charles Péguy hat er, in einem Brief an Walter Hasenclever, nachgerühmt, »so vieles vorausgeahnt zu haben wie sonst nur noch Nietzsche«. Dergleichen, sollte man meinen, sei unbedenk- 1 6 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er lich. Doch was zeigt der letzte, erbitterte, verzweifelte Brief an Arnold Zweig, vom 15. Dezember 1935, sechs Tage vor dem Selbstmord? PF: Ich kenne ihn. Da geht es pauschal gegen die deutsche Linke, die auf der ganzen Linie versagt habe, gegen die Emigranten, gegen die Juden, gegen den Pariser Kongress zur Rettung der Kultur, zu dem aber auch Brecht recht skeptisch stand. WH: Mit ultralinker, sektiererischer Skepsis gegen die antifaschistisch-demokratische Volksfrontlinie, ja. »Sehen Sie sich Lenin in der Emigration an«, schreibt Tucholsky, »Stahl und die äußerste Gedankenreinheit. Und die da? Schmuddelei, Doitsche Kultur. Das Weltgewissen. (…) Gute Nacht.« Und auch die ehrenwerten Bemühungen des jüdischen Kulturbundes in Deutschland, seines eaters, damals geleitet von dem hochverdienten Fritz Wisten23, werden mit Hohn überschüttet: »Man pfercht sie in Judentheater mit vier gelben Flecken vorn und hinten, und sie haben (wie ich das höre) nur einen Ehrgeiz: ›Nun werden wir ihnen mal zeigen, dass wir das bessere eater haben!‹ Pfui Deibel. Und sie spüren es nicht. Sie sehen es nicht. Sie merken es nicht.« PF: Ich nde den Brief, bei alledem, erschütternd. 23 (AH) In der zweiten Hälfte der vierziger Jahre hatte Harich Fritz Wisten noch intensiv kritisiert – es ging um die Möglichkeit, Brecht dauerhaft nach Berlin-Ost zu holen. In seinem Brief an Anton Ackermann vom 17. Januar 1949 schrieb er u. a. (abgedr. in: Band 1.3, S. 1481–1493): »Er (Brecht, AH) habe nichts dagegen, dass Wisten Intendant bleibe, nur dürfe er sich nicht mit einem Wort in die künstlerischen Belange des eaters einmischen; denn kein deutscher Schauspieler oder Regisseur von Rang, und sei er noch so fortschrittlich gesinnt, werde sich Wistens wegen nach Berlin begeben.« »Es ist unsere P icht, jeden großen antifaschistischen Künstler, der im Exil die Sache des ›anderen Deutschland‹ vertrat und dafür sorgte, dass mittels der deutschen Sprache in den zwölf Jahren nicht nur Lügen und barbarischer Schund gesagt wurden, in unserer Mitte ehrenvoll zu bewillkommnen und ihm hier das Betätigungsfeld einzuräumen, das er sich wünscht. Wir können nicht erwarten, dass Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger usw. zu uns zurückkehren, wenn wir es aus kleinlichen provinziellen Rücksichten versäumen, einem Mann wie Brecht die ihm gebührende Wirkungsstätte zu scha en. Vor der Weltö entlichkeit und vor der Literaturgeschichte, die unsere Budgetsorgen ebenso uninteressant nden wird wie unseren Genossen Wisten, wäre dies eine fürchterliche Blamage.« »Was den Genossen Wisten betri t, so muss man zugeben, dass er im Rahmen seiner Fähigkeiten und unter sehr, sehr großen objektiven Schwierigkeiten im Schi bauerdammtheater immerhin etwas halbwegs Anständiges und Achtbares zu Stande gebracht hat. Das darf uns nicht hindern, uns darüber klar zu sein, dass Genosse Wisten – normale Verhältnisse vorausgesetzt – bestenfalls einen guten Stadttheaterdirektor in Ulm oder Zwickau abgäbe, und dass das Schi bauerdammtheater – alle Schwierigkeiten zugegeben – für Berliner Ansprüche nur von sehr mäßiger Qualität ist. Ich bin der Meinung, dass – bedingt durch die Verhältnisse – nach dem Krieg eine Reihe von Leuten zweiten Ranges auf Posten gelangt sind, auf die sie von Rechts wegen keinen Anspruch hätten.« (Ebd.) 1 6 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Ich auch. Sein Inhalt wird dadurch aber nicht wahr. Die SS übernahm denn auch den Text aus dem Nachdruck in der Prager Neuen Weltbühne, um ihn voller Triumph in ihrer Wochenzeitung, dem Schwarzen Korps, den Deutschen Antinazis im Inland zu präsentieren, damit die in völlige Resignation ver elen. Der Erfolg blieb nicht aus. Bei einer Bekannten Tucholskys, Freundin meiner Mutter, habe ich es als Zwöl ähriger miterlebt. PF: Und Nietzsche? Was hat es mit ihm zu tun? WH: Sie scheinen sich an den Wortlaut nicht genau zu erinnern. Es gibt da die Stelle: »Es ist nicht wahr, dass die Deutschen verjudet sind. Die deutschen Juden sind verbocht. Mir hat schon diese faule und aue Erklärung nie gefallen, mit der man mir erzählt hat: Die Gettojuden im 16. Jahrhundert konnten nicht anders, sie waren bedrückt, man ließ ja nicht andres tun als schachern. Nein, liebe Freunde, Getto ist keine Folge – Getto ist Schicksal. Eine Herrenrasse wäre zerbrochen – diese da ›müssen doch leben‹. Nein, so muss man nicht leben, so nicht.« Da haben Sie Nietzsche! Da bricht er durch! Tucholsky, tausendfach bewährt als Entlarver eines falschen Heroismus, wirft den Juden des ausgehenden Mittelalters ihren Überlebenswillen, ihre erzwungene Anpassung an die Gettoexistenz vor. Mendelssohn, Börne, Heine, Marx, Lassalle, Tucholsky selbst, sie alle – und viele mehr – hätte es ja nie gegeben, wären die Juden als »Herrenrasse« an ihrem Schicksal zerbrochen. Unter dem Ein uss Nietzsches verlangt ein Tucholsky – man stelle sich das vor – seinen Altvorderen heldenmütigen Untergang ab, im Stil der letzten Goten am Vesuv. Nietzsche weckt in ihm Pennälererinnerungen an Felix Dahns Ein Kampf um Rom und zerrt ihn auf dieses Niveau. PF: Tucholsky war nicht nur über Deutschland verzweifelt. Er wurde von fürchterlichen Kopfschmerzen geplagt, gemartert, war ein schwerkranker Mann. WH: Kein Nachemp nden seiner Lage scha t die Tatsache aus der Welt, dass Nietzsche nicht einmal durch Tucholskys gelegentliche Schwäche für ihn entlastet werden kann. Und jetzt noch einmal zu Hermlin, dem 25 Jahre jüngeren jüdischen Exilanten, dem Kommunisten seit früher Jugend, dem Spanienkämpfer, dem Schriftsteller der DDR! Von Nietzsches problematischer Sprachkunst bestochen, versteigt der Mann, nach der Erfahrung mit den Euthanasieverbrechen der Nazis, sich dazu, in eine Analogie, die »deutsche Stimmen des Humanen« vereinigt – so sein Vorwort –, ein Gedicht mit aufzunehmen, das die Kranken und Alten ausgemerzt zu sehen wünscht. So steht es um die »breit gefächerte«, die »vielgestaltige« Wirkung Nietzsches, die auch Linke, auch Humanisten anrühre. Nie und nirgends ist bei ihr etwas Gutes herausgekommen. PF: Im Moment fällt mir keine Erwiderungen. Sie mögen im Recht sein. Vielleicht melden sich bei anderen – oder auch bei mir – noch Einwände, geeignet, Sie hier doch 1 6 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er wankend zu machen. Ein Korrektiv für das breite Erbe-Verständnis heutiger Marxisten bleibt Ihre Unnachgiebigkeit in diesem Punkt auf jeden Fall. V. Nietzsche-Renaissance und Globalprobleme WH: Haben Sie sich schon die neue englische Filmkomödie mit dem Titel Ein Fisch namens Wanda angesehen? PF: Bis jetzt noch nicht. Gehört habe ich von ihr, aber nichts Genaues. WH: Ich wäre begierig, auch von Ihnen, aus Ihrer Sicht, einmal zu erfahren, was es damit auf sich hat. PF: Ins Kino gehe ich nur noch selten. Und nächstens, nehme ich an, wird der Film sowieso in irgendein Fernsehprogramm übernommen werden. WH: Ho entlich nicht. Vor gut zwei Wochen, Ende März, hat mir ein Freund aus Wien, der zu Besuch hier war, erklärt, es handle sich, nach seiner Einschätzung, um einen Versuch, die Nietzsche-Renaissance nunmehr auch in die Volksmassen hineinzutragen. PF: Mein Fensterputzer hat neulich, zu meiner Verblü ung, deklamiert: »Ich muss empor über tausend Stufen, und keiner will mir Stufe sein«, und hat fest und steif behauptet, dies hätte Nietzsche gesagt. WH: Im Zarathustra? Könnte sein. Ich wüsste im Moment nicht, wo. PF: Ich auch nicht. Vielleicht kommt es in jenem Film vor. WH: Besuchen Sie den und berichten Sie mir dann! Ich bitte Sie darum. In meiner Kindheit und Jugend hat es das häu g gegeben, dass ganz einfache Menschen Nietzsche zitierten. Aussprüche gar wie: »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«, »Gelobt sei, was hart macht«, »Was fällt, das soll man auch noch stoßen«, »Du gehst zum Weib? Vergiss die Peitsche nicht« und ähnliche waren in aller Munde. PF: Ich kann es mir vorstellen. Erlebt habe ich dergleichen früher nie. WH: Weil Sie Schweizer sind und außerdem erst nach dem Krieg zur Welt gekommen, »Gnade der späten Geburt«. Besagter Film soll unter Bankräubern spielen. Einer, der brutalste unter ihnen – er quäle einen Stotterer, beschimpfe ihn als Schwulen –, sei nichtsdestoweniger, so sagt mein österreichischer Freund, eine Sympathie erweckende Figur, etwas lächerlich zwar, doch im Grunde positiv, schon als der starke Mann der Bande. Seine Anschauung werde am Ende nicht zertrümmert. Und dieser Bursche lese und zitiere ständig Nietzsche. 1 6 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Vielleicht ein Nachhall englischer Komödientradition. Erinnern Sie sich an Pygmalion? An Elizas Vater, den alten Doolittle, den Müllkutscher? WH: Gewiss. 1987 habe ich selbst auf Pygmalion hingewiesen, als auf einen gutartigen Fall. Der alte Doolittle verlockt nicht zur Brutalität, und er treibt auch keine Schleichwerbung für Nietzsche. Shaw ist unter den als Nietzscheanern auftretenden Literaten für mein Gefühl der einzige gewesen, der jederzeit … PF: Unseren literarhistorischen Exkurs hatten wir heute eigentlich nicht mehr fortsetzen wollen. Auf unserer Tagesordnung stehen die weltweiten Herausforderungen, die Globalprobleme. WH: Eben, um die geht es. Von Lukács ist 1966 hervorgehoben worden, dass »man einen Philosophen keineswegs gelesen zu haben braucht, um weltanschaulich von ihm, zuweilen sogar entscheidend, beein usst zu werden. Es gibt Sekundärliteratur, es gibt Artikel in Zeitschriften und in den Zeitungen, Radioreden und manches andere. Darin wird, vielfach verdünnt oder verzerrt, oft freilich tre sicher auf das Wesentliche vereinfacht, der Inhalt vieler Weltanschauungen verbreitet.« Und Lukács hat dem hinzugefügt. »Man braucht Nietzsche selbst keineswegs gelesen zu haben, man braucht vom Dionysischen, von der Wiederkehr des Gleichen nicht zu wissen und kann aus jenen Vermittlungen trotzdem ein gutes Gewissen dafür bekommen, sich etwa zu seiner Frau, zu seinen Untergebenen wie ein ›Übermensch‹ zu verhalten.« Das weise eindeutig darauf hin, dass »dieser Popularisierungsprozess der philosophischen Weltan schau ungen stets jene Momente erfasst, die auf einer konkreten Stufe der historischen Entwicklung für eine gesellschaftlich ein ussreiche Strömung bedeutsam werden«. So habe es geschehen können, dass »Hitler und Himmler, Goebbels und Göring zu ihren Taten objektiv in Nietzsche mit seinem ›Alles ist erlaubt‹ einen geistig-moralischen Verbündeten gefunden« hätten. Nun, gerade so gehört neuerliches Populärwerden Nietzsches heute zum wieder erwachenden Faschismus dazu, und angesichts der Globalprobleme birgt der – ich betonte es schon in unserem ersten Gespräch – Gefahren in sich, entsetzlicher denn je. Ein Kardinalfehler des Wuppertaler Symposions besteht darin, diesen Aspekt überhaupt nicht zur Sprache gebracht zu haben. PF: Auf einem Meinungsaustausch mit Ihnen zu Nietzsche vor dem Hintergrund der Globalprobleme bin ich einigermaßen vorbereitet. Genähert habe ich mich dieser ematik allerdings von einer anderen Ecke her. Sie werfen in Sinn und Form, Heft 5, 1987, Rudolf Augstein vor, Nietzsche »zu einem Vordenker ›für Grüne und Alternative‹ umzufrisieren …« WH: Im Gedanken an die Überschrift seiner Besprechung der Colli-Montinarischen Edition, 1981 verö entlicht im Kulturteil der Spiegel. 1 6 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Ich habe daraufhin in Nietzsche-Texten nach Stellen gefahndet, die ein solches Verständnis seiner Hinterlassenschaft stützen können. Gefunden habe ich zwar wenig, aber einiges doch, so etwa in dem frühen Nachlassfragment Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn gleich die Eingangssätze über die Erde als das nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrende Gestirn oder auch im vierten Teil des Zarathustra das Gedicht Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt. Beides – um nur schnell zwei besonders bezeichnende Beispiel herauszugreifen – klingt hochaktuell, und an »grüne« Vorstellungen erinnert es durchaus. So steht Augstein, wohl kaum zufällig, mit seiner Vermutung denn auch nicht allein da. Sie deckt sich auf der einen Seite mit einer ese Henning Ottmanns … WH: Um so schlimmer! PF: … mit der ese, Nietzsche habe »aus dem ›Herrn der Erde‹ einen Diener derselben machen wollen«. WH: Reiner Blödsinn! PF: Andererseits vertritt selbst Malorny, ein Marxist, der mit Ihnen sonst weitgehend übereinstimmt, für den Sie schon Worte der Anerkennung gefunden haben, gelegentlich die Ansicht, Nietzsche hätte mitunter höchst modern anmutende Gedanken ge- äußert, die »stellenweise wie ein vorweggenommenes Programm für alternative Lebensformen von heute« wirkten. WH: Ich weiß. Eine politische Instinktlosigkeit sondergleichen! PF: Nun schimpfen Sie wieder. Ich meine, der au allende Konsens bei drei ideologisch und politisch dermaßen unterschiedlich orientierten Autoren in diesem einen Punkt müsste Ihnen zu denken geben, müsste zumindest für Sie ein Anlass sein, Ihre gegenteilige Au assung sehr sorgfältig zu begründen. WH: Malorny hat sich von der sektiererisch-dogmatischen Voreingenommenheit gegenüber den Grünen und Alternativen, die in den siebziger und frühen achtziger Jahren unter Kommunisten gang und gäbe war, noch nicht gelöst. Dem entspricht die Bedenkenlosigkeit, mit der er ihre Au assungen in die Traditionslinie reaktionärer Ideologien stellt. Was Augstein betri t, so ist sein Interesse an Nietzsche, ähnlich wie bei Hermlin, primär ästhetizistisch motiviert. Er hegt für Nietzsche seines Sprachstils wegen eine gewisse Vorliebe. Hieraus erklärt sich seine Bereitwilligkeit, der Legende Glauben zu schenken, dass der von Colli und Montinari besorgten Gesamtausgabe ein in wesentlichen Zügen neues Nietzsche-Bild zu entnehmen sei. 1981 scheint sich damit bei ihm, als die Grünen sich eben erst zur Partei formiert hatten, ein Missverständnis ihrer Intentionen vermengt zu haben. Und eins mit dem anderen zu verbinden, legte 1 6 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k damals, überdies, das – an sich verdienstvolle – ökologische Engagement seines Spiegel ihm nahe. PF: Aber Ottmann … WH: Ottmann ist eine im Grunde indiskutable Erscheinung, ein apologetischer Klop echter, der sich nicht scheut, mit den gröbsten Geschichtslügen aufzuwarten. Um sie glaubhaft erscheinen zu lassen, reißt er aus untereinander entfernten Zusammenhängen belanglose Gedankensplitter heraus, die er völlig willkürlich neu kombiniert, was ihn freilich durch die Inkohärenz und Sprunghaftigkeit von Nietzsches Denken erleichtert wird. Dass von Nietzsche die Versklavung der Natur durch den Menschen gutgeheißen worden ist, dass er sie immer weiter voranzutreiben gefordert hat, das weiß Ottmann genau, und er gibt es, gewunden, zu. In Anbiederung an das heutige ökologische Problembewusstsein versucht er uns aber weiszumachen, es sei Nietzsches Wunsch gewesen, dass »der von der Natur befreite Mensch« – als ob es so etwas jemals gäbe – »alles daran setze, zu der nun selbst nicht mehr als Naturgewalt auftretenden Natur in ein Verhältnis zu treten, das durch die ›idiotische‹ und ›hybride‹ Perspektive eines Willens zur Unterwerfung allein nicht bestimmt war«. PF: Klingt etwas konfus. WH: Klingt? Etwas? Es ist höchst konfus. Vor allem indes liegt das Willkürliche, das Künstliche dieser Konstruktion, in die obendrein ein Falsi kat hinein verwoben ist, klar zu Tage. Denn worauf stützt sie sich? Darauf, dass ein Gedankenfetzen aus der Fröhlichen Wissenschaft, Nr. 373, mit einem anderen, einem aus Zur Genealogie der Moral zusammenge ickt wird. Dort ist beiläu g einmal von der Plumpheit und Naivität einer bloß quanti zierenden Weltinterpretation die Rede, mit dem Zusatz: »gesetzt, dass es keine Geisteskrankheit, kein Idiotismus ist«; daher das Wörtchen »idiotisch«. Und hier wiederum wird – daher das Wörtchen »hybrid« – die »Hybris unserer ganzen Stellung zur Natur, unsere Naturvergewaltigung mit Hülfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Er ndsamkeit« angesprochen, wobei Ottmann suggeriert, Nietzsche verurteile die, er beklage sie, während der sie tatsächlich, genau wie die analoge Hybris unserer Stellung zu Gott und zu uns selbst, wie »unser ganzes modernes Sein, soweit es nicht Schwäche, sondern Macht und Machtbewusstsein ist«, feiert. PF: Nietzsche feiert sie? An derselben Stelle? Ergibt sich das aus dem Kontext? WH: Ja. Ich übertreibe nicht. Lesen Sie nach: Zur Genealogie der Moral, Abhandlung III, Nr. 9. Und damit nicht genug. Mit dem, was Nietzsche unter »Erdherrschaft« versteht, hat weder diese Stelle noch die gewaltsam mit ihr verknüpfte aus der Fröhlichen Wissenschaft irgend etwas zu tun. Dem Begri »Erde« qua Erdball unterschiebt Ottmann 1 7 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er einen anderen: den des Erdreichs, des Humus qua Natur. So gelingt es ihm, gleich auch noch die imperiale, kolonialistische Bedeutung der von Nietzsche postulierten Erdherrschaft zum Verschwinden zu bringen. Diese wird umgedeutet in Naturbeherrschung, und die wieder soll als Dienst an der Erde, an der Natur gemeint sein. »Nietzsche«, so Ottmann, »hat den Sinn des Begri s ›Herr der Erde‹ nicht weniger bis zum Gegensatz selbst geführt als den Begri der ›Stärke‹. Er hatte aus dem ›Herrn der Erde‹ einen Diener derselben machen wollen.« Weder Heidegger noch Horkheimer und Adorno sollen dies »ausreichend erkannt« haben, man fasst sich an den Kopf. PF: Aber was sagen Sie zu meinen Funden? WH: Beide überzeugen mich nicht. Das Gedicht, das Sie erwähnen, gehört im Zarathustra, Teil IV, mit zu dem Kapitel Unter Töchtern der Wüste. Um orientalische Erotik geht es darin. Zur ökologischen Problematik steht es in gar keiner Beziehung. Die heute aktuell anmutende Überschrift ist rein zufällig. PF: Und der Anfang von Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn? WH: Was heute in ihn hineingeheimnist wird: dass die »Er ndung« des Erkennens das Gestirn Erde »nach wenigen Atemzügen der Natur« zum Erstarren bringen werde, steht nicht da. Stünde es da, dann wäre es falsch, aus dem einfachen Grund, weil wir das Leben auf der Erde ja nicht durch zu viel, sondern – unter anderem – zu wenig Erkenntnis, durch unzulängliche Erkenntnis gefährden. Das ema ist jedoch ein anderes. Die Überschrift sagt es. Und die einleitende »Fabel« soll illustrieren, »wie kläglich, wie schattenhaft und üchtig, wie zwecklos und beliebig sich der menschliche Intellekt innerhalb der Natur ausnimmt«. PF: Na also. Ein Gedanke, der Ansichten der Grünen vorwegnimmt. WH: Nein. Sie irren sich. Die Absage an das anthropozentrische Weltbild, die wahrhaftig nicht Nietzsche zu verdanken ist, mit der er hier vielmehr Türen einrennt, die, schon zu seiner Zeit, längst, seit Jahrhunderten weit o en standen, sie wird von ihm als Vehikel irrationalistischer, vernunftfeindlicher Überlegungen missbraucht. Und in dem ganzen Bruchstück ist dabei keine Zeile zu nden, auf die grüne und alternative Anliegen sich, wie auch immer, beziehen ließen. Ich weigere mich, auf diesen Text näher einzugehen. Wenn Sie eine Auskunft über ihn brauchen, dann holen Sie sich die, bitte, bei Lukács! Wir wollten uns mit den Globalproblemen befassen, nicht mit Erkenntnistheorie. PF: Meinetwegen. Sie meinte eben, von Nietzsche werde die Versklavung der Natur durch den Menschen gutgeheißen. WH: Er selbst spricht in a rmativem Sinne von »Sklaverei der Natur«, und sogar Ottmann kann nicht umhin, dies einzuräumen. 1 7 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Handelt es sich hierbei nicht um eine eher periphere Position? Überwiegen bei dem sich so oft widersprechenden Philosophen nicht gegenteilige Au assungen? Schon Hans Günther hat hervorgehoben, dass Nietzsche gerade gegen das Fortschrittliche am Kapitalismus polemisiere. Im Gegensatz zu Marx greife er die moderne Kultur gerade deswegen an, weil sie – und hier bringt Günther Formulierung des Kommunistischen Manifest ins Spiel – »die früheren ›patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse‹ atomisiert und deren ›persönliche, ehrwürdige Traditionen‹ entthront hat.« Ähnlich hat Malorny – und so scheint er auf die Vermutung grüner Antizipationen bei Nietzsche gekommen zu sein – diesen als Gegner der Industrialisierung, der Entwicklung einer »Maschinenkultur« dargestellt. Auch ich neige, vorläu g, dazu, ihn zu den Exponenten romantisch-reaktionärer Kulturkritik zu rechnen. WH: Bei Nietzsche lässt sich in dieser Beziehung, wie in manch anderer, ein Wandel feststellen. In seiner Spätphase ist von ihm die »Maschinenkultur« energisch befürwortet worden, worauf ich gleich noch zurückkommen werde. Als Quasi-Romantiker begegnet er uns nur in seinen Anfängen, mit der ihn von ähnlich denkenden Zeitgenossen unterscheidenden Nuance, dass es von Anbeginn die antike Sklavenhaltergesellschaft ist, nach der er sich zurücksehnt, nicht so sehr – oder erst in zweiter Linie – das Mittelalter, der Feudalismus. PF: Und darin ist er sich stets treu geblieben. WH: In der Bejahung der Sklaverei, ja. Sehen wir hinsichtlich der frühen Phase von dieser Besonderheit einmal ab, so müssen wir uns zunächst grundsätzlich darüber klar werden, dass Einstellungen und Ansichten, von denen wir Marxisten lange Zeit glaubten, sie seien untrennbar mit romantischem Antikapitalismus verbunden und deshalb eo ipso reaktionär, heute, davon losgelöst, einen ganz anderen Stellenwert haben. Diese Di erenz ist in bislang – soweit ich sehe – unübertro ener Weise von Erhard Eppler auf den Punkt gebracht worden: 1981, im Kapitel Links und rechts seines Buches Wege aus der Gefahr.24 PF: Sie haben bei verschiedenen Gelegenheiten unter Zustimmung darauf hingewiesen, dass Eppler zwei einander entgegengesetzte Konservatismen kenne: Einen, der Strukturen, einen anderen, der Werte bewahren will. Damit der zweite zum Zuge komme, müsse der erste bekämpft werden. Um, beispielsweise, die Gesundheit der Kinder zu bewahren – einen Wert –, gelte es, die Struktur der Schule zu verändern. WH: Dieser Gedanke liegt bei Eppler etwas weiter zurück. Er ndet sich bereits in Ende oder Wende, von 1975, wird aber in dem späteren Buch von ihm, das ich eben 24 (AH) Zu Harichs Positionierung zu Erhard Eppler siehe die entsprechenden Verweise in den Bänden 8 und 11. Dort alle weiteren Informationen. 1 7 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er nannte, vorausgesetzt und weitergeführt. Eppler weist darin überzeugend nach, wie sehr die – vermeintlichen – Verwandtschaften zwischen der konservativen Kulturkritik, dem Kulturpessimismus des ausgehenden 19. wie des beginnenden 20. Jahrhunderts und der Ökologiebewegung der Gegenwart sich an der Ober äche bewegen. »Heute sind es nicht romantisierende Literaten, die unser Verhältnis zur Natur fragwürdig nden, sondern Biologen«, schreibt er und fährt fort: »Diese Biologen stehen Marx näher als der Nachromantik. Marx, dessen Fortschrittsglaube sich von dem seiner liberalen Zeitgenossen nur durch geringere Naivität unterschied, sah durchaus, dass Ausbeutung der Natur und Ausbeutung des Menschen miteinander zu tun haben.« Darauf folgen dann in dem Buch, nach einschlägigen Marx-Zitaten, einige aufschlussreiche Vergleiche. Die Kulturkritiker von Langbehn bis Ortega y Gasset hätten elitär gedacht und seien, von da her, nicht nur antiliberal, sondern auch antidemokratisch gewesen. Bei den Platzbesetzern von Wyhl dagegen »war kein Raum für Elitedünkel. Da galt die Winzersfrau so viel wie der Pfarrer, und alle verstanden sich als Teil einer Graswurzel-Demokratie.« Ferner: Kulturkritik sei früher fast immer in Nationalismus gemündet. »Wer ist von Nationalismus heute weiter entfernt als die Bürgerinitiativen an den badischen, elsässischen und eidgenössischen Rheinufern?« Auf der Suche nach Sündenböcken hätten die Kulturkritiker die Hauptbösewichter in den Juden gefunden. »Wo in Deutschland ist man heute gegen Rassenvorurteile emp ndlicher als in den Gruppen, die einen neuen Lebensstil suchen?« Nichts habe konservative Kulturkritik mehr gehasst als die Aufklärung. »Heute wird mit dem rationalen Rüstzeug der Aufklärung über die Auswirkungen aufgeklärter Forschung nachgedacht: Aufklärung auch über die Aufklärung ist nichts als die Konsequenz der Aufklärung.« Verachtet hätten die einstigen Kulturkritiker die Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. »Die Gruppen, die alternativen Lebensstil probieren, suchen mehr Freiheit (Ich möchte selbst etwas entscheiden!), mehr Gerechtigkeit (Kein Fleisch, damit andere wenigstens Brot haben!), mehr Solidarität (Jute statt Plastik!), man mag solche Versuche als naiv und wirkungslos belächeln, ihre Motive liegen da, wo seit zweihundert Jahren progressives Denken angesetzt hat.« PF: Ich verstehe. Sie brauchen nicht fortzufahren. Bei dem Wort »Gegenaufklärung« werde ich allerdings skeptisch. Sie gehe heute nicht mehr vor sich? Was heißt »heute«. Das 1981 verö entlichte Werk scheint mir in dem Punkt denn doch überholt. Wir schreiben 1989. Inzwischen ist Gegenaufklärung, als Komponente von »Postmoderne« und »New Age«, längst wieder an der Tagesordnung. WH: Aber wo? Bei wem? Bei den Grünen, den Alternativen? Bei denen doch nicht. Für einen Moment hat sich auch bei mir – ich gebe es zu – ein solcher Einwand ge- 1 7 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k meldet. Auch ich bin stutzig geworden, als ich, im Zuge nochmaliger Lektüre nach acht Jahren, bei Eppler erneut auf den Satz stieß: »Heute steht nicht Irrationalismus gegen Ratio, sondern Wissenschaft gegen Wissenschaft, Gutachten gegen Gutachten. Heute liegen verschiedene Vorstellungen von Wissenschaft im Streit miteinander. Nicht die Wissenschaft ist Gegenstand der Kritik, sondern ein wissenschaftlich-technischer Prozess, dessen Auswirkungen auf humanes Dasein nicht ausreichend – wissenschaftlich! – re ektiert sind.« PF: Irrationalismus steht »heute« sehr wohl wieder gegen Ratio. Und deshalb hatte es seinen guten Sinn, das Symposium in Wuppertal mit Sandkühlers Plädoyer für Rationalität zu erö nen. Wie sind Sie über Ihr momentanes Stutzen hinweggekommen? WH: Durch die Erwägung, dass wir es im Fall des neuen Irrationalismus mit einer Gegenideologie zu tun haben, die darauf angelegt ist, die grün-alternative Bewegung und deren zeitgemäß progressive Philosophie zu unterlaufen, zu durchkreuzen, sie, mittels demagogischer Adaption ihrer Problemstellungen, zu zersetzen. PF: Sind angesichts dieser Reaktion die von Eppler angestellten Vergleiche nicht obsolet? WH: Seine Gegenüberstellungen haben keineswegs an Gewicht verloren. Sie reichen zwar nicht mehr aus als Zustandsbeschreibung. Um so nötiger ist es, an ihnen als verp ichtenden Postulaten festzuhalten, und eben daran lässt die grün-alternative Bewegung es, o enbar, durchaus nicht fehlen. Wie könnte sie sonst, von der Ge genideo lo gie unberührt, mehr und mehr mit der traditionellen Arbeiterbewegung zu einer Einheit verschmelzen? Rotgrün ist die Partei der Zukunft, falls es für die menschliche Gesellschaft, für den Homo Sapiens eine Zukunft überhaupt noch gibt. Die Grünen sind rot, meist röter als ihre immer noch eher rosafarbenen Koalitionspartner. Doch auch die mehr oder weniger Roten lernen um, und das heißt, sie werden grün. Ein sozialdemokratischer Jurist, der Bremer Justizsenator Volker Kröning, fordert, in das Bonner Grundgesetz einen einklagbaren Artikel aufzunehmen, der »die natürliche Mitwelt um ihrer selbst willen vor der freien Entfaltung des Menschen schützen« soll. Es liegt auf derselben Linie, wenn die Warschauer Vertragsstaaten im Juli 1988, auf ihrer Tagung in Warschau, vor der Gefährdung des Lebens durch die Auswirkungen auch manch friedlicher Produktionsarbeit gewarnt haben. Rotgrün sind desgleichen wesentliche Partien der großen, programmatischen Rede, die am 7. Dezember 1988 Michael Gorbatschow vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten hat. Worauf es in geistiger Auseinandersetzung heute ankommt, ist, von diesen höchst rationalen, wissenschaftlich begründeten Positionen aus energisch der Gegenideologie des neuen Irrationalismus zu widerstehen. 1 7 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Auch der Erneuerung romantisch-reaktionärer Zivilisationskritik im Stile Nietzsches? WH: Auch ihr, selbstverständlich. Aber auf diesen Aspekt reduziert sich dessen Vermächtnis ja nicht. Den späteren Nietzsche gilt es erst recht, gilt es noch unnachsichtiger zu bekämpfen, und zwar nicht zuletzt wegen seiner ebenso undi erenzierten wie brutalen Apotheose wissenschaftlich-technischen Fortschritts. PF: Kannte er schon diesen Begri ? Es sollte mich wundern. WH: Er kannte nicht das Wort, wohl aber die Sache, und wie er zu ihr gerade in der dritten, der reaktionärsten, menschenfeindlichsten Phase seiner Entwicklung stand, das hat unter den Marxisten der DDR 1987 Lutz-Udo Buchholz unwiderleglich klargestellt. In Nietzsches Nachlass aus den achtziger Jahren, schreibt er, fände man Stellungnahmen zur Maschinentechnik, die den weiter zurückliegenden widersprächen. »Seine Haltung gegenüber der Arbeiterklasse und damit auch gegenüber der Technik scheint sich radikalisiert zu haben. Nietzsches Philosophieren ist darauf gerichtet, einen ›höheren Typus Mensch‹ hervorzubringen. Die von ihm prognostizierte, unvermeidlich bevorstehende Wirtschaftsgesamterwaltung der Erde – wahrscheinlich eine seiner ›tausendjährigen Konklusionen‹ aus den ›Prämissen des Maschinenzeitalters‹ – hat ganz in den Dienst der Herausbildung dieses ›Luxusüberschusses der Menschheit‹ zu treten. Aber nun polemisiert Nietzsche nicht mehr gegen die damit einhergehende ›Verkleinerung und Anpassung der Menschen an eine spezialisierte Nützlichkeit‹. Im Gegensatz zu früheren Positionen fordert er diese jetzt sogar, wie folgende Textstelle beweist: ›Die Aufgabe ist, den Menschen möglichst nutzbar zu machen und ihn, so weit es irgendwie angeht, der unfehlbaren Maschine zu nähern: zu diesem Zwecke muss er mit Maschinentugenden ausgestattet werden.‹ Nietzsche bekennt sich damit zu jenen Tendenzen des technischen Fortschritts im Kapitalismus, die er vordem kritisiert hatte. Woher dieser Sinneswandel kommt, ist nicht eindeutig zu beantworten. In einer vorausgegangenen Schrift sah Nietzsche in der ›harten Arbeitsamkeit von früh bis spät‹ die beste Polizei, da ›sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu verhindern versteht‹. Vielleicht hat er das, was damals als Kritik an Zeiterscheinungen niedergeschrieben wurde, angesichts wachsender Furcht vor der Arbeiterbewegung für seine eigenen Zwecke nutzen wollen. Die hier zum Ausdruck kommende rückhaltlose Bejahung der Maschinentechnik könnte jedoch auch ein Resultat seines ›Pessimismus der Stärke‹ sein. Der beinhaltet ein ›Ja-sagen zur Welt – aber um der Gründe willen, auf die hin man zu ihr ehemals Nein gesagt hat‹.« 1 7 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Das ist mir gänzlich neu. Mehring, Lukács und Günther sind darauf mit keinem Wort eingegangen. WH: Weil sie noch nicht mit der ökologischen Krise konfrontiert waren. Weil es zu ihrer Zeit noch keine grün-alternative Bewegung gegeben hat. Deshalb haben sie die betre enden Passagen entweder überlesen oder sie kritiklos, unbeanstandet hingenommen, vielleicht sogar als, ausnahmsweise, wertvoll empfunden. PF: Einem Marxisten unserer Tage, wie Malorny, sollte man, nden Sie, diese Haltung nicht mehr durchgehen lassen. WH: Auf keinen Fall. Besonders dann nicht, wenn er die Zivilisationskritik des frühen Nietzsche sehr wohl bemerkt und über sie eine Verbindung zwischen Nietzsche-Nachfolge und Alternativbewegung herstellt. Das ist es, was ich Malorny als politische Instinktlosigkeit vorwerfe. Etwas Schädlicheres lässt sich kaum vorstellen. Doch in diesem Zusammenhang möchte ich noch an etwas anderes erinnern: An die von Nietzsche herkommende, mit dem italienischen Faschismus am engsten verschwisterte Kunstrichtung der Moderne. Verherrlichung der Technik als Selbstzweck gehört zu den hervorstechenden Merkmalen des Futurismus. Und man sage nicht, dass sie den Hitlerfaschisten, etwa wegen ihres Blut-und-Boden-Mythos, ferngelegen hätte! Der Blutmythos hatte den industriell betriebenen Massengenozid ideologisch vorbereitet. Der Bodenmythos dagegen war Demagogie, lief auf Vereinnahmung romantischer Traditionen für ein ihnen konträres Programm hinaus. Wer hat denn den Boden, die Landschaft mit »Reichsautobahnen« zerschneiden lassen? Wer hat sich das Volkswagenprojekt ausgedacht? Wer den amerikanischen Standards der Industrieproduktion nachgeeifert? Wer Henry Ford bewundert? Wer von ihm sich bewundern lassen? Und wo ndet in unserer Zeit diese Seite des Nazitums ihre deutlichste Fortsetzung, wenn nicht im Wachstumsfetischismus der Strukturkonservativen? Ich zitiere nochmals Eppler: »Dass die Er ndung des Kabelfernsehens, zumal gekoppelt mit privaten Wirtschaftsinteressen, auch Schlimmes anrichten kann, haben zuerst linke Gruppierungen gegen konservative Technokraten verfochten. Dass es für ein Auto Geschwindigkeiten gibt, die nicht nur übermäßig viel Benzin verschlingen, sondern auch die menschliche Reaktionsfähigkeit überfordern, wird von rechts mit der Parole ›Freie Fahrt für freie Bürger‹ quittiert. Dass unsere Medizin in ihrer technischen Perfektion am wirklichen, ganzen Menschen vorbeirepariert, wird gerade von den konservativen Ärzteverbänden zuletzt wahrgenommen. Und der biologische Landbau wird nicht vom Bauernverband, sondern von jungen Menschen vorangetrieben, die sich als links verstehen. Der Rechten geht es zuerst darum, Machtstrukturen zu erhalten, auch um den Preis, dass Werte verkümmern, deren Erhaltung man früher propagiert hatte.« Und: »Wer, wie man- 1 7 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er che, die sich als Linke fühlen, einem strukturverändernden Wertkonservatismus nicht traut, bekommt reaktionären Strukturkonservatismus, dem es einzig und allein um den Erhalt seiner Macht und seiner Privilegien geht. Denn, so will es die Ironie der Geschichte, als ideologischer Überbau dieses Strukturkonservatismus dient eben jener Glaube an den technischen und ökonomischen Fortschritt, der irgendwann einmal links stand. (…) Wertkonservatives ökologisches Denken hat seine Widerpart in der – ursprünglich wilhelminischen – Verbindung von politischem Strukturkonservatismus mit interessenbedingtem Glauben an technischen Fortschritt, die heute enger ist als je zuvor.« »Ursprünglich wilhelminisch«, sagt Eppler. »Ursprünglich nietzscheanisch«, haben wir Heutigen, im Hinblick auf den Prozess der ideologischen Entwicklung, die sich seither vollzogen hat, hinzuzusetzen. In den geistigen Kämpfen der Gegenwart ist es von größter Bedeutung, Nietzsche – und zwar gerade den Nietzsche seiner dritten, seiner am meisten präfaschistischen Periode – als den schlechthin anti-grünen Ideologen, der er war, zu brandmarken. PF: Sie haben erneut, wie schon 1987, das Stichwort »Futurismus« in die Diskussion geworfen. Diese Kunstrichtung hat nicht nur italienischen Faschisten zugesagt, sondern auch Dichtern und Künstlern der revolutionären Linken im jungen Sowjetstaat. Wie stellen Sie sich dazu? Wie zum Futurismus eines Majakowski? WH: In seinem Ursprungsland, in Italien, hat der Futurismus unter anderem von Trugbildern gezehrt, die dort, nach gesamteuropäischen Maßstäben noch anachronistisch ungebrochen, mit einer verhältnismäßig verspätet einsetzenden Industrialisierung verbunden gewesen sind. Nur zu verständlich ist, dass diese Illusionen gerade in dem noch rückständigeren, durch Krieg und Bürgerkrieg überdies wirtschaftlich zerrütteten Russland Widerhall fanden. Fragt sich nur: Was kam künstlerisch dabei heraus? Überlegen Sie sich das doch mal im Gedanken an Majakowskis Schwitzbad! In dem Stück wird gesellschaftskritischer Realismus, gerichtet gegen bürokratische Deformierung des sozialistischen Gemeinwesens und insoweit heute noch überzeugend, künstlerisch verdorben durch ein albernes Science-Fiction-Element: durch die mit Lichtgeschwindigkeit in die kommunistische Zukunft iegende Zeitmaschine, und eben in der tritt die spezi sch futuristische Komponente dieses Dichtwerks überhaupt erst zu Tage. Das Beispiel steht für viele. Dass der Futurismus, selbst mit noch so verändertem politischen Vorzeichen, der frühen Sowjetliteratur gut bekommen wäre, kann ich nicht nden. Doch wir kehren jetzt, fürchte ich, unmerklich wieder zu einer ematik zurück, der wir schon in unserem letzten Gespräch hinreichend Aufmerksamkeit geschenkt haben: Zu Nietzsches Wirkung auf Literatur. Heute wollten wir dessen Philosophie unter einem anderen Blickwinkel erörtern. 1 7 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Das Stichwort »Futurismus« ist von Ihrer Seite gefallen. Ich schlage vor, wir brechen hier ab, um nicht wieder unnötig einen Schriftstellerkongress in Rage zu bringen. WH: Einverstanden. PF: Mich interessiert jetzt: Sind Sie gegen wissenschaftlich-technischen Fortschritt? WH: Es kommt darauf an, was darunter verstanden wird. Eine Wissenschaft ist auch die Ökologie. Und in den Bereich der Technik gehören auch die Computer, ohne die es zu den alarmierenden Trendrechnungen des »Club of Rome« nie hätte kommen können. PF: Und der Fortschritt? WH: Entscheidend ist, wohin, in welche Richtung vorangeschritten wird. Ich halte es mit Gorbatschow, einem Staatsmann, dem der »Club of Rome« viel gegeben hat. »Das Leben zwingt uns, gewohnte Stereotype, veraltete Anschauungen abzuwerfen und uns von Illusionen zu befreien. Selbst die Vorstellungen über den Charakter und die Kriterien des Fortschritts ändern sich.« In derselben Rede von ihm, am 7. Dezember vor der UN-Vollversammlung, heißt es: »Das Wachstum der Weltwirtschaft deckt die Widersprüche und die Grenzen der Industrialisierung traditionellen Typs auf. Ihre weitere Ausdehnung ›in Breite und Tiefe‹ führt an den Rand einer ökologischen Katastrophe.« PF: Zurück zu Nietzsche und den Grünen! Können Sie gegen die Annahme, dass er denen nahe stünde, dass er ihnen etwas zu geben hätte, noch weitere Argumente ins Tre en führen? WH: Jede Menge. Am beweiskräftigsten scheinen mir zwei kontroverse Punkte zu sein. Den einen haben wir bereits im Zusammenhang mit Simone de Beauvoirs Kritik an Montherlant berührt: Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts. Dank der grün-alternativen Bewegung hat sie Auftrieb und zugleich eine neue, ihr eigentlich erst gemäße Richtung erhalten. Die Roten ziehen da nach, unter Wiederentdeckung und Erneuerung einer bei ihnen lange Zeit verschütteten, auch depravierten eigenen Überlieferung; unter grünem Anhauch erwacht diese zu neuem Leben. Marx hat die Frauenemanzipation mehrmals für den Gradmesser erklärt, an dem exakt der Fortschritt der Gesellschaft, der in ihr erreichte Stand der Zivilisation sich ablesen ließe. Von August Bebel stammt das Werk, das für das Bündnis von linker Politik und Feminismus historisch grundlegend ist: Die Frau und der Sozialismus. Jetzt geben die Grünen und Alternativen den mächtigsten Anstoß dazu, dass die Sozialdemokratie sich hierauf wieder besinnt. Der 29. Januar 1989 war in Westberlin, und von dort ausstrahlend, nicht nur ein böser Tag, durch den Wahlerfolg der »Republikaner«; er war auch ein 1 7 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er guter: Als Meilenstein auf dem Weg in die Zukunft rot-grüner Koalition. Und was geschah? Die Alternativen besetzten alle drei ihnen zustehenden Senatorenposten mit Frauen, woraufhin die SPD sich bei den eigenen Senatoren für Geschlechterparität entschied. PF: Hielten Sie es für wünschenswert, dass die SED dem nacheifert? WH: Gewünscht hätte ich, die SED wäre der Pionier dieser Entwicklung gewesen. Dass sie die sobald wie möglich nachvollziehe, ist das Mindeste, was auf diesem Gebiet von ihr erwartet werden muss. PF: Also erho en Sie sich eine Art roter Frau atcher nächstens als Staatsoberhaupt oder Regierungschef der DDR? WH: Um Himmels willen, nein! Von weiblichen Zerrbilder eines maskulinen Herrschaftsprinzips kann die zeitgemäße Weiberherrschaft, die nottut, nie ins Werk gesetzt werden. Mit Modernisierung von rechts, auch wenn machthabende Frauen sie herbeiführen sollten, wäre der Bewältigung der globalen Probleme am wenigsten gedient.25 PF: Das heißt, Sie bevorzugen »neue Mütterlichkeit«. WH: Ich würde der den Vorzug geben, verkörperte sie in eorie und Praxis nicht das entgegengesetzte falsche Extrem: Einen entpolitisierten Pseudofeminismus. Die Wahrheit liegt in der Mitte: In Feminisierung der Politik, in Mütterlichkeit, die zur Macht wird. Damit wir zu einer menschlicheren, toleranteren, barmherzigeren Welt gelangen können, in der die Gesellschaft zugleich ihre Naturbasis zu bewahren weiß, müssen die Frauen unter Aufrechterhaltung der ihrer Geschlechterrolle gemäßen Mentalität und Denkweise in früher männliche Wirkungsbereiche mit mindestens gleichen Rechten und, vor allem, Machtbefugnissen integriert werden. Schon 1974 hat Françoise d’Eaubonne, in Le Féminisme ou le mort, dies in der ese zusammengefasst: »Zur raschen Lösung des ökologischen Problems ist am meisten das Weib berufen – als die Lebensspenderin, in der Kräfte der Zukunft sich vorbereiten und verwirklichen.« Dass die feministische und die Ökologiebewegung gerade politisch eins sind, stellt, so gesehen, eine Gesetzmäßigkeit dar. Nun vergleichen Sie damit die Gegenposition Nietzsches, etwa in Zarathustras Rede Von alten und jungen Weiblein! Da heißt es: »Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers. (…) Der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, aber das Weib ist dort schlecht. (…) Gehorchen muss das Weib und eine Tiefe nden zu seiner Ober äche. Ober äche ist des Weibes Gemüt, eine bewegliche stürmische Haut auf seichtem Gewässer. Des Mannes Gemüt aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen; das Weib 25 (AH) Zu diesen esen siehe die entsprechenden Ausführungen und Verweise im 8. Band. 1 7 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht.« Am Ende steht der berühmte Ausspruch: »Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!« PF: Mit weiteren Nietzsche-Worten ähnlichen Inhalts haben Sie 1987 aufgewartet. In Wuppertal hat Metscher, aus Ihrem Aufsatz zitierend, die wiedergegeben und durch den folgenden Passus aus Jenseits von Gut und Böse ergänzt: »Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; die schauerliche Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung der Familie und des Hausherrn besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet, und will Köchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so hätte es ja, als Köchin seit Jahrtausenden, die größten physiologischen Tatsachen nden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch schlechte Köchinnen – durch vollkommenen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen am längsten aufgehalten worden.« »Es soll wohl recht spaßig, gar ironisch gemeint sein«, lautet Metschers Kommentar dazu: »Der Kern ist ja nicht nur eine Gemeinheit – er ist eine schamlose Lüge (wenn er nicht einfach dumm ist), denn gerade über die Frauen, die so genannten Hexen, in der Tat ›über die Küche‹ ist medizinische Weisheit der Medizin bis in unser Jahrhundert hinein vermittelt worden.« WH: Die Geschichte kennt keinen Autor, der mit annähernd ähnlicher Vehemenz Frauen und Mädchen verächtlich gemacht hätte, keinen auch nur entfernt so entschiedenen Feind ihrer Gleichberechtigung. Und allein dieser Aspekt seiner Philosophie reichte aus, jeden Gedanken an eine Brauchbarkeit Nietzsches für die grün-alternative Bewegung als Absurdität zurückzuweisen. PF: Das wäre der eine konkrete Punkt. Und der zweite? WH: Die Stellung zum Krieg. »Pessimistische Kulturkritik«, sagt Eppler, »war immer sozialdarwinistisch, feierte heldische Bewährung im Krieg, das Recht des stärkeren Volkes. Ökologisches Denken ist pazi stisch geprägt und sieht schon in der Rüstung eine unerträgliche Ressourcenverschwendung.« Diese Gegenüberstellung hat sich als besonders zutre end bewährt. Als Verteidiger des Friedens, als Vorkämpfer für Abrüstung haben Grüne und Alternative sich enorme Verdienste erworben. In Nietzsche dagegen haben wir es mit dem passioniertesten Kriegshetzer aller Zeiten zu tun, mit dem beredtesten Verherrlicher der Gewalt, den es je gegeben hat. Schon in einem seiner frühsten Nachlassfragmente, aus dem gleichen Jahr stammend wie die Geburt der Tragödie, wird deutlich, dass dieser Aspekt von seinem Ruf nach Rückkehr zur Sklaverei und seiner damit zusammenhängenden Massenverachtung nicht zu trennen ist. In Der griechische Staat. Vorrede zu einem ungeschriebenen Fragment, von 1871, warnt Nietzsche vor Menschen, die »als das letzte staatliche Ziel sich das möglichst ungestörte Nebeneinanderleben großer politischer Gemeinsamkeiten vorstellen«. Sie strebten 1 8 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er »einen Zustand an, in dem der Krieg eine Unmöglichkeit ist«, ja, sie suchten »die Frage über Krieg und Frieden der Entscheidung einzelner Machthaber zu entreißen, um vielmehr an den Egoismus der Massen oder deren Vertreter appellieren zu können: wozu sie wiederum nötig haben, die monarchischen Instinkte der Völker langsam aufzulösen. Diesem Zwecke entsprechen sie durch die allgemeinste Verbreitung der liberal-optimistischen Weltbetrachtung, welche ihre Wurzeln in den Lehren der französischen Aufklärung und Revolution, das heißt in einer gänzlich ungermanischen, echt romantisch achen und unmetaphysischen Philosophie hat.« Und dann heißt es da über den Krieg: »Fürchterlich erklingt sein silberner Bogen: und kommt er gleich daher wie die Nacht, so ist er doch Apollo, der rechte Weihe- und Reinigungsgott des Staates. Zuerst aber, wie es im Beginn der Ilias heißt, schnellt er den Pfeil auf die Maultiere und Hunde. Sodann tri t er die Menschen selbst, und überall lodern die Holzstöße mit Leichnamen (…).« PF: Glänzend formuliert; es lässt sich nicht leugnen. WH: Geschmackssache. Wenn Sie dies als Probe der stilistischen Leckerbissen für Ästheten gelten lassen, so möchte ich glauben, selbst Hermlin und Augstein werden Ihnen erwidern, es sei Kitsch. Was aber in keinem Fall Nachsicht verdient, das ist der abscheuliche Inhalt. Ich zitiere weiter: »So sei es denn ausgesprochen, dass der Krieg für den Staat eine ebensolche Notwendigkeit ist wie der Sklave für die Gesellschaft. (…) Wer den Krieg und seine uniformierte Möglichkeit, den Soldatenstand, in Bezug auf das (…) Wesen des Staates betrachtet, muss zu der Einsicht kommen, dass durch den Krieg und im Soldatenstande uns ein Abbild oder gar vielleicht das Urbild des Staates vor Augen gestellt wird. (…) Denken wir uns jetzt den militärischen Urstaat in lebhaftester Regsamkeit, in seiner eigentlichen ›Arbeit‹, und führen wir uns die ganze Technik des Kriegs vor Augen, so können wir uns nicht entbrechen, unsere überallher eingesogenen Begri e von der ›Würde des Menschen‹ und der ›Würde der Arbeit‹ durch die Frage zu korrigieren, ob denn auch zu der Arbeit, die die Vernichtung von ›würdevollen‹ Menschen zum Zwecke hat, ob auch zu dem Menschen, der mit jener ›würdevollen Arbeit‹ betraut ist, der Begri von Würde stimmt oder ob nicht, in dieser kriegerischen Aufgabe des Staates, jene Begri e als untereinander widerspruchsvolle, sich gegenseitig aufheben. Ich dächte, der kriegerische Mensch wäre ein Mittel des militärischen Genius und seine Arbeit wiederum nur ein Mittel desselben Genius; und nicht ihm, als absolutem Menschen und Nichtgenius, sondern ihm als Mittel des Genius – der auch seine Vernichtung als Mittel des kriegerischen Kunstwerks belieben kann – komme ein Grad von Würde zu, jener Würde nämlich, zum Mittel des Genius gewürdigt zu sein.« 1 8 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: »Würde der Arbeit« kannte das klassische Altertum nicht. Die Arbeit war, weil Sklavensache, der Freien unwürdig. WH: Ja, woraus Nietzsche folgert, die Würde freier Menschen leite sich allein daraus her, dass sie – und sofern sie – Mittel des Kriegsgenius sind. PF: Eine martialische Altphilologenlesart, noch verknüpft mit dem Chauvinismus von 1870/1871, dem Nietzsche wenig später, in der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung, abschwören sollte. WH: Was nicht bedeutet, dass er jemals der Kriegsverherrlichung abgeschworen hätte. Die ist bei ihm persistent. Man ndet sie in allen Phasen seiner Entwicklung. PF: Aus Menschliches Allzumenschliches, zugehörig der zweiten, positivistischen Phase, haben Sie bereits Nr. 477, Der Krieg unentbehrlich, zitiert. WH: Die löbliche »Mörderkaltblütigkeit mit gutem Gewissen«, zu der allein der Krieg uns erziehe. PF: Das ist es, was ich meine. WH: Natürlich häufen und steigern derlei Urteile sich später noch. Nehmen wir den Zarathustra, die Rede vom Krieg und Kriegsvolke. »Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehen; (…) Ihr sollt mir solche sein, deren Auge, nach einem Feinde sucht – nach eurem Feinde. Und bei einigen von euch gibt es einen Hass auf den ersten Blick. Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen. (…) Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rate ich nicht zum Frieden, sondern zum Sieg! (…) Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: Der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt. (…) Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müsst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge eures Feindes auch eure Erfolge. Au ehnung, das ist die Vornehmheit am Sklaven. Eure Vornehmheit sei Gehorsam! Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen! Einem guten Kriegsmanne klingt ›du sollst‹ angenehmer als ›ich will‹. Und alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen. – So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Langleben! Welcher Krieger will geschont sein! Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brüder im Kriege. – Also sprach Zarathustra.« Was hat dies, frage ich Sie, mit den Au assungen der Grünen und Alternativen zu tun? PF: Nichts. Sie haben recht. Der unüberbrückbare Gegensatz ist evident. Und es sind Ideen, die allem zuwiderlaufen, was wir heute brauchen. Für jeden Marxisten kann dies, denke ich, ebenso wenig zweifelhaft sein. Auch in diesem Kontext haben Sie uns 1987 das Erbe von Mehring, Lukács und Hans Günther ins Gedächtnis zurückgerufen. 1 8 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Ohne mich darauf zu beschränken. Mehring übrigens hat, so zeigte ich, die Kriegshetze bei Nietzsche noch übersehen. Erst der Weltkrieg von 1914 bis 1918 und die faschistische Machtergreifung 1933 in Deutschland haben den Marxisten hierfür den Blick geschärft. Erst von Lukács ist 1934 darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Bejahung des Krieges im Mittelpunkt von Nietzsches Kunsttheorie steht. 1935 zog Günther aus einer Zusammenstellung diesbezüglich schlagender Beweise den Schluss: »Wer auch immer heute im Dritten Reich den Krieg verherrlicht, er geht auf Nietzsche zurück.« Schon deswegen muss seither jede Ernst zu nehmende, sachgerechte Beschäftigung mit Nietzsche unbedingt an Lukács und Günther anknüpfen, mit dem Bewusstsein, dass es keinerlei Grund gibt, an dem, was beide in diesem Punkt erkannt haben, irgend einen beschleunigenden Abstrich zu machen. Die Nietzsche-Kritik darf, will sie wirklich zeitgemäß sein, bei den Ergebnissen jener früheren Marxisten aber auch nicht stehen bleiben; in der Frage von Krieg und Frieden am wenigsten. Denn – ich zitiere mich wieder selbst – »durch den weltweiten Rüstungswettlauf, die wahnwitzige Entwicklung der Wa entechnik sind inzwischen Umstände eingetreten, die das von beiden gefällte Urteil erheblich zu verschärfen gebieten, ja ihm, darüber hinaus, unter den Einwänden, die gegen Nietzsche überhaupt vorzubringen sind, auch einen neuen Stellenwert zuweisen«. Bereits bei dem Rüstungsstand, wie er zu Lebzeiten Nietzsches aussah, begannen Friedrich Engels’ »Gedanken um die Möglichkeit zu kreisen, dass jedweder Krieg sinnlos geworden sein könnte. Heute setzen die Marxisten sich für eine neue Sicht der Dinge, eine neue Denkweise ein, der das Menschenleben als höchster Wert gilt, die den Gewaltverzicht zur Grundlage der Menschengemeinschaft zu machen sucht und danach strebt, dass allenthalben die Konfrontation dem friedlichen Ausgleich der Interessen, der Argwohn gegenseitigem Vertrauen weicht. (…) So gesehen, daran gemessen entlarvt die Bejahung des Krieges als Selbstzweck sich als der teu ischste Einfall, den je ein Gehirn hat ausbrüten können. Es geht nicht mehr an, ihn, wie es zur Zeit von Lukács und Günther noch zulässig war, bei der Auseinandersetzung mit Nietzsche allgemeineren Gesichtspunkten des Klassenkampfes unterzuordnen, geschweige den Einfall gleichrangig neben emen der Erkenntnistheorie, der Ästhetik, der Philosophiegeschichte, Kulturwissenschaft usw. zu erörtern. Seine Ungeheuerlichkeit erscheint heute als schlechthin zentral, ihn zu verwerfen, als unabdingbare Hauptsache. Aber das ist nicht alles. Was zwingt denn zum Umdenken? Der Umstand, dass die Kriegsgefahr heute den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten in Frage stellt, dass durch sie die ganze Menschheit sich dem Risiko des Untergangs ausgesetzt sieht. Ende des vorigen Jahrhunderts, mag man beschwichtigend dagegenhalten, sei eine solche Lage kaum voraussehbar gewesen. Das ist wahr. Doch nicht einmal darauf lässt 1 8 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k ein historisch relativierendes Verständnis für Nietzsche sich gründen, was Mehring, wenn er seine Kriegshetze stillschweigend übergeht, zu Gute gehalten werden kann, dient Nietzsche selber nicht zur Entlastung. Der nämlich, begabt mit hochgradigem Spürsinn für künftige Entwicklungen, hatte die Selbstvernichtung des Homo Sapiens durchaus schon ins Auge gefasst. Dass er sie herbei gewünscht hätte, ist nicht auszuschließen. Auf sie ankommen lassen wollte er es. Soviel steht fest. Aus den Entwürfen zu einer Fortsetzung des Zarathustra teil Lukács das, wie er mit Recht meint, ›o enherzigste Programm für diese Arbeit‹ mit. Nietzsche wiederholt an der betre enden Stelle seine Parole ›Nichts ist wahr, alles ist erlaubt‹ und fährt dann fort: ›Zarathustra: Ich nahm euch alles, den Gott, die P icht – nun müsst ihr die größte Probe einer edlen Tat geben. Denn hier ist die Bahn der Ruchlosen o en – seht hin! – Das Ringen um die Herrschaft, am Schluss die Herde mehr Herde und der Tyrann mehr Tyrann als je. – Kein Geheimbund! Die Folgen eurer Lehre müssen fürchterlich wüten: aber es sollen an ihr Unzählige zu Grunde gehen! – Vielleicht geht die Menschheit daran zu Grunde! Wohlan!‹ Der das gedacht, der es niedergeschrieben hat, hat Nachsicht zu keiner Zeit verdient. Für Gegenwart und Zukunft, für die unter dem Damoklesschwert des Raketenkernwa enkrieges lebende Menschheit ist er absolut unerträglich geworden.« PF: Dazu stehen Sie nach wie vor. WH: Ohne jede Einschränkung. PF: Die Selbstvernichtung der Menschheit droht freilich nicht nur vom Krieg. Sie droht auch von der ökologischen Katastrophe, und Sie, Herr Harich, gehörten seit Beginn der siebziger Jahre, damals »einsamer Rufer in der Wüste«, zu den ersten Marxisten, die das erkannt und klar ausgesprochen haben. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass ein großer, mit Raketenkernwa en ausgetragener Krieg nur die unvorstellbar schrecklichste, alles Leben auslöschende Variante praktizierter Gewalt an wen dung wäre, die indes als solche, auch ohne Atomkrieg, noch unterhalb dieser letzten Schwelle, sich seit langem allenthalben in beängstigender Eskalation ausbreitet. Bei den Brutalitäten von Hooligans in Sportstadien, zumal bei Fußballwettkämpfen fängt das an, und es geht über den individuellen, gezielten Mordterror von Extremisten aller Richtungen sowie über Straßenschlachten, die sich Chaotengruppen, so genannte Autonome mit Polizisten liefern, weiter bis zu den lokalen Kriegen und Bürgerkriegen an allen Ecken und Enden der Welt. WH: Den rechtsradikalen, neofaschistischen Terror des Skinheads nicht zu vergessen. PF: Natürlich nicht. Ich spreche ja von Extremisten aller Richtungen. Entscheidend ist: Weltweit hat sich ganz o ensichtlich ein ungeheures Gewaltpotenzial angestaut, wovon, nebenbei bemerkt, auch sozialistische Länder, wie in der Sowjetunion die 1 8 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Kon ikte zwischen Armeniern und Aserbaidschanern oder die Unruhen in Georgien, in Usbekistan, in Kasachstan gezeigt haben, nicht frei sind. Wachsende Bereitschaft zur Gewalttätigkeit stellt somit selbst ein Globalproblem dar. WH: So ist es, leider. PF: Sicher gehe ich nicht fehl in der Annahme, dass Sie geneigt sind, auch im Hinblick auf diese Tatsache vor der Nietzsche-Renaissance zu warnen. WH: In der Tat. Auch diese Dinge habe ich selbstverständlich im Auge, immer. PF: Nun gehört es zu den Merkmalen der Grünen und Alternativen, als der am stärksten ökologisch orientierten politischen Gruppierung bei uns im Westen, dass sie sich zur Gewaltfreiheit bekennen und, von da her, nicht zuletzt die im Staat sich verkörperte Gewalt problematisieren. In schro em Gegensatz dazu haben aber Sie vor 15 Jahren als Mittel zur Bewältigung der ökologischen Krise eine Öko-Diktatur empfohlen, implicite mithin Gewalt bejaht, und zwar nicht etwa nur Gewalt gegen gesetzwidrig aufbegehrende Minderheiten, wie sie in demokratisch verfassten Staaten angedroht und, gegebenenfalls, auch ausgeübt zu werden p egt, sondern gegen die dem Konsumerismus verfallene, ökologisch unbelehrte, vielleicht sogar unbelehrbare Mehrheit. WH: In meinem Buch Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome, von 1975. PF: Nicht nur dort. Spätere Verlautbarungen von Ihnen laufen auf dasselbe hinaus. Im November 1977 äußerten Sie vor dem ersten Umweltkongress der Jungsozialisten, in O enbach, das vom »Club of Rome« prognostizierte Verhängnis werden nur noch aufzuhalten sein »durch eine radikale Neuorientierung der menschlichen Bedürfnisse und der Produktionen, die sie erwecken und befriedigen, eine Neuorientierung, mit der man es sich zu leicht macht, solange man ihr mit dem Ruf nach verbesserter Lebensqualität attraktive Züge zu verleihen sucht, ohne hinzuzufügen, dass der Verzicht auf zahlreiche Konsumgüter, die heute als schlechthin unentbehrliche Selbstverständlichkeiten gelten, uns nicht erspart bleiben wird«. Und dann wurden Sie höchst konkret, indem Sie aufzählten, was alles, bei Strafe des Untergangs der Menschheit, »aus der Zivilisation der industrialisierten Regionen der nördlichen Erdhalbkugel sehr bald für immer verschwinden« müsse: Zum Beispiel »der Individualverkehr mit Automobilen, die Benutzung der meisten Elektroenergie verbrauchenden Haushaltsgeräte, der Wechsel der Moden in Kleidung und Mobiliar, der Massentourismus in Flugzeugen, aber auch der derzeitige Anteil von Fleisch und tierischen Fetten an unserer Ernährung und vieles andere mehr«. WH: Ist das so falsch? 1 8 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Das lasse ich dahingestellt sein, es steht jetzt nicht zur Debatte. Fest steht, dass Sie sich damit resolut gegen die faktischen materiellen Interessen der Majorität unserer Gesellschaft gestellt haben … WH: Gegen deren kurzsichtige Interessen. PF: Gegen ihre faktischen Interessen, und das heißt: Ihr Vorschlag einer Öko-Diktatur, die diesen Wandel, und sei es im Namen weitsichtiger, wohlverstandener In teres sen, erzwingen sollte, war durchaus logisch, war konsequent. WH: Na also. PF: Ja, aber mit den basisdemokratischen Idealen der Grünen und Alternativen ließ der Vorschlag sich nicht in Einklang bringen, weshalb Sie bei denen ja auch nur verschwindend wenige Anhänger fanden. Und heute stellt sich, mir jedenfalls, die Frage: Woher eigentlich nehmen Sie, als Befürworter einer Öko-Diktatur, die Legitimation, Nietzsche unter anderem wegen seines Gewaltpostulats in Grund und Boden zu verdammen? Ein Softie-Ideologe sind Sie doch wahrlich nicht. WH: Sie vermengen Dinge, die streng auseinanderzuhalten sind. Erstens habe ich in der Androhung und, gegebenenfalls, Ausübung von Gewalt nie etwas anderes gesehen als ein – bestenfalls – notwendiges Übel, als ein Mittel zum Zweck, das der Rechtfertigung durch wertvolle Ziele bedarf. Eben deswegen bekämpfe ich um so unnachsichtiger und unmissverständlicher in Nietzsche denjenigen Ideologen, der, prototypisch, die Gewalt als Selbstzweck feiert, ja, sich darin nicht genugtun kann, zu verlangen, dass von ihr möglichst ungehemmt, möglichst grausam, voller Lust Gebrauch gemacht werde. Sie könnten also ebenso gut an einen Chirurgen die Frage richten, vorher er die Legitimation nehme, den sich an den Qualen seiner Opfer weidenden Lustmörder zu verdammen. Zweitens ging es – und geht es – mir darum, die im Zeitalter der ökologischen Krise obsolete Utopie vom Absterben des Staates loszuwerden. Der Staat aber, der, wie ich glaube, mitsamt seinem Gewaltmonopol auch unter sozialistischen und kommunistischen Bedingungen nie zu entbehren sein wird, kann grundsätzlich ein Rechtsstaat sein und, darüber hinaus, einwandfrei demokratischen Charakter haben.26 26 (AH) Harichs kommunistischer Weltstaat, wie er ihn 1975 in Kommunismus ohne Wachstum entwickelt hatte, bezieht seine Legitimation aus einer Perspektive: Er sichert das Überleben aller. Verzicht und Askese seien die einzigen Möglichkeiten, dies zu realisieren. Und nur der Kommunismus könne diese Um- und Neuverteilung auf der Basis der Gleichheit durchsetzen. Damit hatte er aus seiner Perspektive bereits das Damoklesschwert benannt, welches seines Erachtens über der katastrophenschwangeren Zukunft hing. Es werde ein starker Staat kommen, der die vorhandenen und sich im Laufe der Zeit noch potenzierenden Probleme lösen werde, lösen müsse. In der Diskussion zu seinem 1979 gehaltenen Vortrag Kommunismus heute führte er dann aus: »Die Frage ist, ob das ein demokratischer oder ein despotischer Staat sein wird. Das hängt davon ab, wie schnell 1 8 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Er kann es sein, grundsätzlich. Was Sie 1975 nicht daran gehindert hat, eine Öko-Diktatur zu postulieren, von der Sie mehrmals erklärt haben, sie werde, falls rechtzeitig errichtet, es sich leisten können, verhältnismäßig demokratisch zu verfahren, werde aber, je mehr man ihre Etablierung hinauszögere, desto härter durchzugreifen gezwungen sein – gegen die Mehrheit –, was Ihnen den Ruf eines Öko-Stalinisten eintrug.27 und gründlich man den neuen Weg geht. Je schneller, desto mehr Freiheiten werden übrigbleiben. Je länger Verschwendung und Umweltzerstörung weitergehen, umso härtere Maßnahmen wird es brauchen. Zu welchen Gunsten werden diese Maßnahmen sein? Werden sie menschenwürdiges Leben der breiten Massen garantieren – dann zu Ungunsten der Reichen. Damit aber wird die Gefahr eines Öko-Faschismus deutlich. Das ist die Wahl, vor der wir stehen: Öko-Faschismus oder ein homöostatischer wachstumsloser Kommunismus mit staatlicher Autorität. Angesichts dieser Wahl muss ein Liberaler zum Pessimismus neigen. Ich bin kein Liberaler.« (Band 8, S. 181.) 27 (AH) Der hauptsächlichste und am häu gsten vorgetragene Einwand gegen Harichs ökologisches Modell bezog sich auf die von diesem aufgestellte und entwickelte Herrschaftsstruktur. Der Vorwurf des Stalinismus war schnell zur Hand und einte rechte wie linke Ideologen, von Günther Maschke bis Carl Amery. Letzterer schrieb: »Den ökostabilen Endzustand, den er andeutet, beschreibt er zwar (mit bemerkenswertem Mangel an Enthusiasmus) als brüderlichen Weltkommunismus, doch müsste er wesentlich weltfremder sein, als er ist, um in dieser Administration des Mangels nicht die Notwendigkeit des Weltpolizisten anzuerkennen. (…) Flugs und ohne Federlesens nimmt er dem orthodoxen Marxismus sein eschatologisches Pathos; er dient ihm eine Interpretation an, die den Stalinismus, bisher immer als Denkformation entschuldigt oder denunziert, als höchste und letzte Stufe des historischen Prozesses enthüllt und bejaht. Der zentrale Machtapparat darf sich nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch verewigen; die Oberhirten und ihre Polizei, jeder lästigen Verp ichtung zur Herau ührung von Freiheit und Fülle entledigt, können ihrer eigentlichen Passion nachgehen: Der Zementierung von Herrschaft. Stalin als steinerner Gast, an den Tischen der Menschheit auf ewig.« Amery, Carl: Stalin, der steinerne Gast, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 210 vom 13./14. September 1975, S. 82. Außerdem beispielsweise: Maschke, Günther: Harich. Ein ökologischer Stalinist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Juni 1979, S. 21. An anderer Stelle machte Maschke bei Harich »totalitäre Phantasien« aus. Maschke: Realistische Ängste und totalitäre Phantasien eines Isolierten. Überhaupt hat Maschke, mittlerweile ja in der Jungen Freiheit gestrandet, viel Zeit seines Lebens mit der Kritik von ›Harichs Eifer, (der), wie so oft, nur lächerlich‹ war, verbracht. Zitat: Maschke: Wer vom Feind frisst, stirbt daran, in: Peter Fix (Pseudonym): Deutschland. Spaltung und Vereinigung, Berlin, 2003, S. 49–55. (Zuerst in der Jungen Freiheit.) Auch: Maschke: Realistische Ängste und totalitäre Phantasien eines Isolierten. Zu Harichs Buch Kommunismus ohne Wachstum, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. September 1975. Schließlich ähnlich etwa Jürgen Rühle: »Harichs Ketzerei, so entlarvend sie im Osten wirken mag, entpuppt sich als blanker Stalinismus, als ein (ziemlich antiquiertes) imperialistisches Modell, das mangelnde E zienz durch Asketismus und Aggression auszugleichen sucht: ›Kanonen statt Butter.‹ Denn: Der wirtschaftliche und 1 8 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Indem Sie mir das vorhalten, rühren Sie an eine dritte, wieder andere Frage. Abgesehen davon, dass ich schon zu einer Zeit … PF: Sie sollten, wenn Sie im derzeitigen Stadium der ökologischen Krise auf einmal gegen die Nietzsche-Renaissance Front machen und sich deswegen abermals den Vorwurf der Intoleranz zuziehen, klarstellen, ob Sie jenen Ruf verdient haben und, wenn ja, ob Sie ihn immer noch verdienen. WH: An Stalin habe ich schon zu einer Zeit, als der noch lebte, 1950 bis 1953, als Kommunist Kritik geübt, ö entlich, in Vorlesungen und mit der Konsequenz einer Parteistrafe, freilich auf dem begrenzten Gebiet meiner Zuständigkeit, dem der Philosophie, Literatur und Kunst. Nicht leugnen dagegen kann ich, dass in Kommunismus ohne Wachstum Breschnew ökologisch umworben wird. Später bin ich, was, im Zusammenhang mit der ökologischen Krise, meine Stellung zu Demokratie und Diktatur angeht, nach und nach zu neuen Ergebnissen gelangt, die es mir als unerlässlich erscheinen ließen, mich zu korrigieren. PF: Da bin ich neugierig. Sehen Sie, das möchte ich jetzt näher wissen. Verlieren Sie jedoch nicht unser eigentliches ema aus dem Auge: Die Nietzsche-Renaissance und Ihre Stellung zu ihr, nun vor dem Hintergrund der Globalprobleme! WH: Mein Sinneswandel hat sich von 1975 an in drei Phasen vollzogen. Zuerst ist mir ein großes Gedicht Friedrich Schillers, Würde der Frauen, mit seiner Entgegensetzung des maskulinen und des femininen Verhaltenstyps in neuem Licht aufgegangen unter dem Eindruck der Frauengestalten eines so hochgradig ökologisch orientierten Autors wie Valentin Rasputin, ferner die Synthese von Ökologismus und Feminismus bei Françoise d’Eaubonne und der Forschungen Ernest Bornemans über den Ursprung des Patriarchats; auch Günter Grass’ neuer Roman Der Butt spielte dabei eine gewisse Rolle. Das ursprüngliche Konzept der Öko-Diktatur habe ich in Folge dessen damals modi ziert durch die Forderung eines zeitgemäß wiederherzustellenden Matriarchats, in meiner Arbeit Das Weib in der Apokalypse.28 technologische Rückstand der Sowjetblockstaaten wird als moralisches Plus ausgegeben; die kommunistische Okkupation Westeuropas erscheint als humane Notwendigkeit. Als Zukunftsvision wird uns das stalinistische Modell einer brutalen Herrschafts- und Verteilungsordnung angedient, die nicht nur bis in alle Ewigkeit Lebensmittelkarten, Bezugsscheine und Brennsto -Zuweisungen ausgibt, sondern sogar ganze Völker umsiedeln soll, beispielsweise Inder in die DDR (aus ökologischen Erwägungen, versteht sich).« Rühle: Strategien zum Überleben, in: Deutschland-Archiv, Nr. 4, April 1976, S. 408–413. Ebenfalls: Rühle: Warum die esen von Harich nur im Westen gedruckt werden. Kein Glück im Osten, in: Die Welt vom 9. Oktober 1975. 28 (AH) Den Prozess der Entwicklung von Harichs ökologischem Konzept spiegel der 8. Band wieder, dort auch Abdruck des Artikels Das Weib in der Apokalypse, S. 163–170. 1 8 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Nie gehört. Wo ist die erschienen? WH: In der Festschrift für Helmut Gollwitzer, Ende 1978, in Westdeutschland. Anschließend habe ich mich in den darin entwickelten Überlegungen mehr und mehr bestärkt gesehen durch mein zweieinhalb Jahre andauerndes Zusammenwirken mit der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung in Österreich, der Schweiz, der Bundesrepublik und Spanien. Was ich Ihnen vorhin zur Feminisierung der Politik angedeutet habe, liegt auf derselben Linie. Insofern können Sie mich sehr wohl als einen – wie Sie es nennen – »Softie-Ideologen« betrachten. In jenen Jahren, 1979 bis 1981, setzte aber bereits auch die zweite Phase der Neubesinnung bei mir ein: Ich bemühte mich, die basisdemokratischen Vorstellungen der Grünen und Alternativen zu verstehen, und gewann gleichzeitig zu dem Demokratismus der SPD bzw. SPÖ insofern eine versöhnlichere Einstellung, als ich – dank Eppler, Duve, Johano Strasser und Paul Blau – erlebte, dass in den Reihen dieser Parteien angesichts der Umweltbedrohungen der Prozess des Umdenkens verhältnismäßig schneller vorankam als bei den Kommunisten. In der dritten Phase be nde ich mich jetzt, seit dem Beginn der Glasnost- und Perestroika-Politik Gorbatschows, also seit 1985. Ich versuche, den Demokratiebegri des authentischen, unverfälschten Lenin auf die zentralen Erfordernisse der Gegenwart und Zukunft zu beziehen. PF: Mit welchem Ergebnis? Was meinen Sie da konkret? WH: Lenin fasst das Verhältnis, in dem Diktatur und Demokratie zueinander stehen, nicht als schro ausschließenden Gegensatz auf. Ihm gilt die Diktatur gegen die Minderheit – das heißt bei ihm, gegen die niedergeworfenen Ausbeuterklassen – zugleich als breit entfaltete Demokratie für die Mehrheit – für die in der Revolution und durch sie zur Macht gelangt der Masse der Werktätigen. PF: In einem ganz anderen historischen Kontext; vor allem: Noch diesseits der ökologischen Krise. WH: Gewiss. Aber wann hat diese Krise objektiv eingesetzt? Ich ziehe es vor, zu sagen: Noch diesseits ihres Erfasstwerdens durch das gesellschaftliche Bewusstsein. Je mehr die Öko-Krise für wachsende Massen zum Inhalt leidvoller Erfahrungen wird, die den Warnungen der Ökologen Recht gebe, als desto vernünftiger und erfolgversprechender erweist es sich, die Leninsche Formel gerade auch für eine den globalen Überlebensproblemen verp ichtete Politik in Anspruch zu nehmen; eben für rot-grüne Politik. PF: Wenn ich Sie recht verstehe, heißt das, dass Ihre ursprüngliche Annahme, bei fortschreitender Krise werde die Demokratie immer weniger Chancen haben und die Öko-Diktatur immer unentbehrlicher werden, sich in Ihrem Denken geradezu umgekehrt hat. 1 8 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Nein. Aber Demokratie und Diktatur schließen einander, wie gesagt, nicht aus. Die Öko-Diktatur wird keineswegs zu entbehren sein. Sie brauchen, um diese einzusehen, doch nur daran zu denken, dass, beispielsweise, die Überwindung des motorisierten Individualverkehr für die Menschheit zu einer Frage auf Leben und Tod geworden ist, und sich den Widerstand all derer auszumalen, die Autos produzieren, und gar derjenigen, die am Auto hängen. Ausgeübt werden wird die Diktatur jedoch demokratisch, durch die Mehrheit; nicht durch einen ökologisch belehrten weisen Diktator und dessen Pretorianergarde und schon gar nicht im System eines von oben verordneten Monolithismus in allen beliebigen Fragen, auch in solchen, auf die es ökologisch weder direkt noch indirekt ankommt. PF: Und die Mehrheit, meinen Sie, wird deshalb diktieren, weil die Mehrheit von der ökologischen Krise betro en ist? WH: Genau genommen sind ja alle von ihr betro en, wobei eine wachsende Mehrheit aus den Ursachen der Krise keinerlei Nutzen mehr zieht, nicht einmal mehr kurzfristigen Nutzen, sondern nur noch an ihnen leidet, nur noch durch sie geschädigt wird. Beachten Sie, wie, in diesem Punkt, die Größenverhältnisse sich verschoben haben! Noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ist ökologisches Denken so rar gewesen, dass es selbst hervorragenden Biologen und auch den wenigen stark an der Biologie orientierten Philosophen, die es gab, wie etwa Hans Driesch oder Bernhard Bavink oder Nicolai Hartmann, fremd blieb.29 Was speziell Nicolai Hartmann, den rationellsten unter diesen Denkern, angeht, so wird weder in dessen Philosophischen Grundfragen der Biologie, von 1912, noch in seiner Philosophie der Natur, von 1950, die ökologische Problematik thematisiert, obwohl seine Lehre von den dynamischen und den organischen Gefügen für den heutigen, zumal den systemtheoretisch geschulten Leser förmlich danach schreit, durch eine phänomengerechte Analyse von Öko-Gefügen ergänzt und vollendet zu werden. Die damaligen Ökologen wiederum waren weit davon entfernt, Zukunftsforschung zu betreiben. Die Zukunftsforschung, soweit sie in Ansätzen existierte – etwa in Gestalt der »Futurologie« Ossip K. Flechtheims oder auch bei dem früheren Robert Jungk – entbehrte ihrerseits ökologischer Fundierung. Und die Politiker aller Richtungen hatten für all das schon gar keinen Sinn. Erst die Berichte an den »Club of Rome«, zu Beginn der siebziger Jahre, haben hier die große – vom objektiven Stand der Krise her schon damals längst überfällige – Synthese hergestellt, und zwar so, dass den besorgniserregenden Kernaussagen der Forrester und Meadows, der Mesarović und Pestel ein eindringlicher, wenn auch sehr allgemein ge- 29 (AH) Siehe zu diesen esen die entsprechenden Ausführungen im 10. Band. Dort alle weiteren Hinweise. 1 9 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er haltener Appell an die politische eorie und Praxis zu entnehmen war, worauf dann der holländische sozialistische EG-Kommissar Sicco Mansholt, in der BRD bei den Sozialdemokraten Erhard Eppler, bei der CDU Herbert Gruhl – jeder von den Prämissen seiner Partei ausgehend – entsprechend reagiert haben. In ihren Parteien blieben diese Politiker indes immer noch Außenseiter. Warum? Weil im halb spontanen, halb manipulierten Kräftespiel der pluralistischen Demokratie des Westens die traditionellen Parteien noch so gut wie vollständig unter dem Zwang standen, sich der Übermacht von Wirtschaftsinteressen zu beugen, die für die Beherzigung ökologischer Warnrufe kaum Raum ließen. PF: Ein Zwischenruf zur Tagesordnung: Mich beginnt es zu stören, das zwischen uns von Nietzsche mittlerweile keine Rede mehr ist. Sie nicht? WH: Ich werde Ihnen sofort Gelegenheit geben, Nietzsche wieder zur Sprache zu bringen. Aber lassen Sie mich vorher schnell noch eines sagen: Wenn nun in der eben geschilderten Lage ein Kommunist, der den »Club of Rome« gebührend Ernst nahm, auf die Idee gekommen ist, dass sich für die Rettung der Biosphäre vor dem außer Kontrolle geratenen Sto wechselprozess zwischen Mensch und Natur am ehesten sozialistische Eigentumsverhältnisse, gepaart mit der Allmacht kommunistischer Parteidiktatur, erfolgreich würden instrumentalisieren lassen, so darf das niemanden verwundern; es lag sehr nahe. Davon aber haben meine hinsichtlich der Ökologie mit mir konformen Partner im Westen, denen ich mich als ökologischer Verbündeter anbot, aus ebenso naheliegenden Gründen in der Regel nichts wissen wollen. Die Grünen und Alternativen unter ihnen blieben auf die Basisdemokratie eingeschworen; die ökologisch orientierten sozialdemokratischen Vordenker bestanden auf breitem demokratischen Konsens, der im Rahmen des pluralistischen Parlamentarismus erreicht werden müsse. PF: Und dazu sind mittlerweile auch Sie bekehrt – seit es und weil es Gorbatschows Perestroika gibt. WH: Da machen Sie es sich zu einfach. Ich glaube, dass damals alle, die, von parteipolitisch unterschiedlichen Ausgangspositionen her, Vorschläge unterbreiteten, wie die ersten Berichte an den »Club of Rome« in Politik transformiert werden könnten, in jeweils unterschiedlicher Weise partiell recht hatten und, zugleich, hauptsächlich in Illusionen befangen waren. Nicht alles an der Idee des Welt-Ökodiktators war absolut schlecht. Ich erinnere Sie nur daran, dass selbst Hans Jonas den Vorrang des Überlebens vor der Bewahrung von Freiheit und Demokratie betont hat. Und so breit ist der demokratische Konsens, bisher jedenfalls, im Westen ja nie gewesen, dass mit ihm Nen- 1 9 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k nenswertes erreicht worden wäre. Vorläu g ist nicht einmal ein Tempolimit auf bundesdeutschen Straßen durchgesetzt, wie es in der DDR seit jeher Gesetzeskraft hat. PF: Nicht um des Umweltschutzes willen, vielmehr aus Gründen der Verkehrssicherheit. WH: Zugegeben. Das Prinzip, Vernünftiges autoritär zu erreichen, wird gleichwohl durch Ihren Einwand, der die konkrete Motivation betri t, nicht berührt. Es fragt sich indes, wie weit dieses Prinzip überhaupt noch aufrechterhalten werden muss. Denn die objektiven Gegebenheiten haben sich dramatisch verändert. Die ökologische Krise schreitet leider fort. Sie ist spürbar geworden und wird es, leider, immer mehr. Ich brauche nur einen von vielen Faktoren herauszugreifen, den wahrscheinlich akut bedrohlichsten: den Treibhause ekt. Die durch ihn bewirkte weltweite Klimakatastrophe, mit Dürre, Waldbränden, Wirbelstürmen, Überschwemmungen, ansteigendem Meeresspiegel, rückt uns auf den Leib. Allein angesichts der damit verbundenen Gefahren – in ziemlich naher Perspektive könnten sie die des Raketenkernwa enkrieges übersteigen – wird das rot-grüne Bündnis auf demokratischer Grundlage breit konsensfähig und gewinnt an Durchsetzungskraft, in West und Ost, in Nord und Süd. Lokale Umweltzerstörungen kommen hinzu und steigern seine Chance noch. So sind in den Niederlanden 71 Prozent der Bürger der Ansicht, dass einer weiteren Belastung der Umwelt ein niedrigerer Lebensstandard vorzuziehen sei. In der Sowjetunion hat demokratischer Protest die Umleitung sibirische Flüsse, in Ungarn hat er den Weiterbau des Donaukraftwerkes unmöglich gemacht. In Spanien werden mit Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung zur Rettung der Küsten Neubauten niedergerissen. PF: Mein Sie, die sowjetische Führung trägt mit ihrer auf Glasnost und Perestroika bedachten Politik, zumindest unter anderem, diesem Trend Rechnung? Und sehen Sie Anzeichen dafür, dass sie den Trend bejaht? WH: Spätestens seit Gorbatschows New Yorker Rede vom 7. Dezember 1988 glaube ich das ho en zu dürfen. Und ich bin überzeugt davon, dass, wenn in den sozialistischen Ländern, kombiniert mit breiter ökologischer Massenaufklärung, alle politischen und sozialen Fragen einem in Freiheit kontroversen Meinungsbildungsprozess zur Beantwortung und Entscheidung anheimgegeben werden, so wie dies neuerdings in der Sowjetunion geschieht, sich nächstens für die Forderung, die Potenzen des Sozialismus mit Vorrang in den Dienst des Überlebens der Menschheit zu stellen, eine hinreichende Mehrheit geben wird. PF: Und was geschieht in den übrigen Teilen der Welt? WH: Ich bezog mich soeben auch auf die Niederlande und Spanien. Rot-grün ist, weil lebensrettend, überall am Zuge, mehr oder weniger, früher oder später. Doch ich 1 9 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er bitte Sie jetzt, das Problem unter einem weiteren Aspekt zu betrachten. Zum Wesen genuin politischen Denken und Handelns gehört es seit jeher, das Interesse des eigenen Staates, der eigenen Nation, auch der eigenen Klasse – dies besonders – für eine möglichst lange Periode, am besten für immer, zuverlässig zu sichern. Hierin, beispielsweise, ist die Triebkraft des Feilschens zu suchen, das – ich wiederhole: seit jeher – jedem zwischenstaatlichen Vertragsabschluss vorauszugehen p egt. Man braucht sich dies nur klarzumachen, um die Durchsetzungschancen einer Politik zu ermessen, die im Namen allgemeinmenschlicher Werte, allgemeinmenschlicher Interessen willen, unter strikter Respektierung der Wahl, die ein jeder Staat hinsichtlich seiner eigenen inneren Ordnung getro en hat, in sämtliche bestehenden Gesellschaften, so unterschiedlich, ja, gegensätzlich sie strukturiert sein mögen, neue, sie den Erfordernissen der interdependenten globalen Überlebensgemeinschaft anpassende Normen einzuführen vorschlägt. PF: Und da wären wir bei Gorbatschow. WH: Genau, aber nicht nur bei ihm. Da sind wir, wie sich herausstellt, auch bei Frau atcher, die sich plötzlich zur Vorkämpferin des Schutzes der Ozonschicht aufgeschwungen hat. PF: In Worten. WH: Sie ist neulich Großmutter geworden. Warum nicht eine Großmutter beim Wort nehmen, von der man doch wohl voraussetzen darf, dass sie ihrem Enkelkind ein langes Leben in Glück und Gesundheit wünscht? So, und nun können Sie sich bei mir wieder nach Nietzsche erkundigen. PF: Nach Ihrer Stellung zu Nietzsche. Mich bewegt erst die allgemeinere Frage: Welche virulenten Ideologien stören das fällige globale Überlebensprogramm und seine Inangri nahme nach Ihrer Meinung am meisten. Steht da wirklich Nietzsches Philosophie im Vordergrund? WH: Am meisten stört jedes beschwichtigende, einlullende Bagatellisieren der Gefahren, gipfelnd in einem – um Schopenhauers Ausdruck zu gebrauchen – »ruchlosen Optimismus«, der etwa der Klimakatastrophe noch »gute Seiten« abgewinnt: Die Aussicht auf Palmen an der Ostsee oder dergleichen. PF: Pessimismus hilft erst recht nicht weiter. Und von Panikmache, sagen viele, sei besonders abzuraten. WH: Zum Pessimismus komme ich sofort. Vorher ein Wort zur Panik. Ihr wird ein Kettenraucher, den man ärztlicherseits vor Bronchialkrebs und Herzinfarkt warnt, nicht verfallen. Er wird entweder bei seinem Laster bleiben oder, besonnen, vernünftig, voll Energie, es sich abzugewöhnen bemüht sein, eines wie das andere ohne Panik. Was Panik auslöst, das ist alle Mal die plötzliche, überraschende, unvorhergesehene Exis- 1 9 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k tenzgefährdung. Die von ökologischer Einsicht geleiteten Warner sind somit durchaus keine Panikmacher. Sie gleichen eher der stummen Kattrin bei Brecht. Die trommelt die lebensgefährlich bedrohten Hallenser aus dem Schlaf, damit sie sich noch eben rechtzeitig ihrer Haut wehren. Alarm beugt möglicher Panik vor. PF: Und wie wehren Sie den Vorwurf ab, Pessimismus zu verbreiten? WH: Indem ich nächst der beschwichtigenden Verharmlosung weiter die passive Hinnahme des Geschehens angreife, die ihrerseits heute in einer optimistischen und einer pessimistischen Spielart aufzutreten p egt. Optimistischen Fatalismus erwecken manche Künder des »New Age«: Mit astrologischem Humbug aufwartend, prophezeien Sie, es werde zwangsläu g allgemeine Sanftmut obsiegen – warum? Weil »wir« ins »Zeichen des Wassermanns« einträten. PF: Dies wäre die zweite Ideologie, die das Überlebensprogramm stört. WH: Verstehen Sie mich recht! Sie stört es insofern, als sie Passivität begünstigt. Dass sie zugleich ihre Gläubigen auf eine grundsätzlich neue Lebensweise einstimmt, ist demgegenüber zu begrüßen. Ich empfehle hier zu di erenzieren, ähnlich wie bei den Religionen. Die Notwendigkeit, die Lawine der Erdüberbevölkerung aufzuhalten, gebietet natürlich, sowohl die katholische Sexualmoral zu besiegen als auch den Widerstand des Islam gegen weibliche Emanzipation. Dabei dürfen die Impulse zur Bewahrung der Schöpfung, die beiden Religionen gleichfalls innewohnen, jedoch nicht verloren gehen; im Gegenteil, die gilt es wachzuhalten und zu stärken. Ebenso muss man wissen, was konkret an der Ideologie des »New Age« zu bekämpfen ist und was nicht. Das Kind mit dem Bade auszuschütten, wäre falsch. PF: Und die pessimistische Spielart des Fatalismus, worin besteht die? WH: Ich erblicke sie, mit Jost Herbig, in einer bestimmten gearteten Verquickung von ökologischem Problembewusstsein und falsch verallgemeinerten Befunden der Verhaltensforschung, wie sie auch – und vorzugsweise – in der »Evolutionären Erkenntnistheorie« und »Evolutionären Ethik« ihren Niederschlag gefunden haben. Die drohende globale Menschheitskatastrophe erscheint danach als Teil des genetischen Programms, mit dem wir geboren werden. Die Zerstörungen, welche die moderne Zivilisation anrichtet, werden darauf zurückgeführt, dass, biologisch schicksalhaft, unsere eigentlich an Steinzeitbedingungen angepassten Urtriebe sich mit moderner Technik verbänden. Ursache unserer Blindheit gegenüber der Gefahr soll ein angeboren unzureichendes Erkenntnisvermögen sein. PF: Es sind das, wenn ich nicht irre, Vorstellungen, die auf Konrad Lorenz zurückgehen. 1 9 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Von Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Edward E. Wilson, Hans Mohr und anderen sind sie weiter ausgebaut worden. Herbigs Verdienst ist es, erstmals in populärer Form gegen sie die ganz anders lautenden Ergebnisse bedeutender Biologen wie Steven Jay Gould, George Edward Moore und Hubert Markl zusammenfassend ins Tre en geführt zu haben. Mit diesen Forschern im Einklang und zusätzlich gestützt auf ein breites prähistorisches und ethnologisches Faktenmaterial, verteidigt Herbig, ebenso leidenschaftlich wie überzeugend, das Vertrauen des Menschen auf die ihm eigene Lernfähigkeit, auf seine Vernunft. Es würde zu weit führen, ginge ich darauf jetzt auch noch näher ein; nur auf eines kommt es hier an: Auf den pessimistischen Fatalismus, den Herbig in dem Zusammenhang sogar bei Hoimar von Ditfurth nachweist, um ihn auch an diesem ökologischen Warner von Rang schonungslos zu kritisieren. Ditfurth, irregeführt von Mohrs Denk guren aus der »Evolutionären Erkenntnistheorie« und »Evolutionären Ethik«, spendet den Menschen, deren nahezu unausweichliche Selbstausrottung er proklamiert, folgenden Trost: »Dürfen wir nicht (…) darauf ho en, dass die heraufdämmernde Ahnung der Sterblichkeit der Art selbst, der wir angehören, uns zu einer ähnlich befreienden existenziellen Erfahrung verhelfen könnte, wie die bewusste Zumutung der Angst vor unserem individuellen Tod sie uns bescherte?« PF: Das ist pure Existenzialphilosophie, Heidegger klingt da an. WH: So ist es. PF: Bei Heidegger besteht der Trost darin, dass die Angst eine »eigentümliche Ruhe« durchziehe. »Alle Dinge und wir selbst versinken in eine Gleichgültigkeit. (…) Es bleibt kein Halt. Es bleibt nur und kommt über uns – im Entgleiten des Seienden – dieses ›kein‹. Die Angst o enbart das Nichts.« WH: Typisch. Aber Sie gehen mir in dem Punkt noch nicht weit genug. Bei Heidegger selbst führt, von da her und unter dem Ein uss Nietzsches, nur ein Schritt zur Konsequenz, den Todesmut des elitären Heroen gegen die Banalität der Gefahrlosigkeit auszuspielen. Ditfurth predigt bloß lähmenden Pessimismus. Schlimm genug. Doch wer garantiert, dass seine Leser samt und sonders dabei stehen bleibt werden? Ich befürchte, dass, in Analogie zu der Entwicklung, die einst von Schopenhauer zu Eduard von Hartmann gediehen ist, ideologisch nächstens ein Juchhe-Pessimismus Oberwasser bekommen könnte, der es seinen Anhängern ausdrücklich unverwehrt lässt, alle Genüsse dieser Welt eben schnell noch mitzunehmen und damit das Ende sogar zu beschleunigen, falls sie dies nur unter Klagen über den »wahnwitzigen Taumel der Existenz« tun, in »erhabener Trauer«, mit »stiller Resignation«. Mehr noch aber, am meisten fürchte ich … 1 9 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Wieso sagen Sie »nächstens«? Findet man eine solche Einstellung nicht längst? Greift sie nicht immer mehr um sich? Ich kann den Eindruck kaum loswerden, dass viele, denen es an Bewusstsein der ungeheuren Gefahren schwerlich mangelt, die lauthals ihre Besorgnis darüber kundtun, nichtsdestoweniger in ihrem Verhalten uneingestanden der Lebensmaxime »Nach mir die Sint ut« folgen. WH: Ja, uneingestanden, ohne es zuzugeben, verhalten sie sich so. Die Philosophie, die ihnen dazu die Legitimation lieferte, steht freilich, soweit ich sehe, noch aus. Und solange die fehlt, verbleibt dem Überlebensprogramm immerhin die Chance, sich, von der Moral der Mehrheit getragen, gegen das Verhalten, das keiner wahrhaben will, zu behaupten und es mit Aussicht auf Erfolg zu bekämpfen. Meldete ein philosophisch artikulierter Juchhe-Pessimismus sich zu Wort, müssten wir uns daher mit aller Energie seiner erwehren. Aber eine weit ärgere Welt- und Lebensanschauung gewinnt bereits an Boden, und sie ist es, die ich noch vielmehr, die ich am allermeisten fürchte. Ihr Urheber heißt Nietzsche. Sobald ich die Renaissance, die man ihm seit anderthalb Jahrzehnten angedeihen lässt, zu den Realitäten und den möglichen Perspektiven der ökologischen Krise gedanklich in Beziehung setze, plagt mich der Albtraum eines mit brutaler Tatentschlossenheit sich paarenden, aktivistischen Pessimismus. Durch ihn könnte eine Elite, könnte ein ganzes Volk, könnten ganze Völkergemeinschaft, die, verwöhnt, sich ihr zugehörig fühlen, dazu ermuntert werden, ihre eigensüchtige Selbstbehauptung, pathetisch hochstilisiert ins vermeintlich Heldenmütige, zu bejahen, um die, gegebenenfalls blind um sich schlagend, auf Kosten all derer auszuleben, die von Nietzsche als die »Vielzuvielen« geschmäht werden. PF: Sein Wort von den »Vielzuvielen« erhält durch die Bevölkerungsexplosion einen fatalen Klang. Nicht bestreiten lässt sich, dass es wirklich schon zu viele Menschen auf der Erde gibt, und täglich, stündlich werden es mehr. WH: Die Bevölkerungslawine – ich ziehe diesen adäquateren Ausdruck vor – muss aufgehalten, sie muss mindestens verlangsamt, am besten sollte sie rückgängig gemacht werden, und das in naher Zukunft. Dies ist eine Überlebensfrage ersten Ranges. Fragt sich nur: Welche Methoden sind sowohl zweckdienlich als auch ethisch annehmbar, um das hier Notwendige zu erreichen? Soll weltweiter Familienplanung Erfolg beschieden sein, so werden »gute Europäer« nicht umhin können, sich Einsichten zu beugen, die unmittelbar für sie sehr unbequem sind. Wenigstens zwei Tatsachen stehen außer Zweifel: Der Anteil des Verbrauchs an Nahrungsmitteln, an Rohmaterialien, an Energie ist in den industrialisierten Ländern der nördlichen Halbkugel, besonders den kapitalistischen, pro Kopf der Bevölkerung um ein Vielfaches größer als in der Dritten Welt, und hier wiederum wird jede Förderung von Empfängnisverhütung, freiwilliger 1 9 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Sterilisation usw. scheitern, solange sie nicht von ökonomischer Entwicklung und von sozialer Sicherung, namentlich von Altersversorgung für die in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerungsteile, das heißt für die übergroße Mehrheit, ankiert ist. Welche praktischen Folgerungen aus dem Zusammentre en dieser beiden – untereinander so divergierenden – Faktoren zu ziehen wären, bedarf keines Kommentars. Aber wie werden »gute Europäer« an das Problem herangehen, falls sie sich von Nietzsche betören lassen, von dessen »großer Politik«, seiner Vision der Erdherrschaft des weißen Mannes, seine Einteilung der Menschen in Herren- und Sklavenrassen, seiner Gewalt- und Kriegsverherrlichung? Im Rahmen der EG breitet sich Ausländerfeindlichkeit aus. Rechtsradikale Parteien formieren sich. Sie erstarken. Sie ziehen in die Parlamente ein. Über kurz oder lang wird sich, möglicherweise, herausstellen, dass dies nur das Vorspiel eines groß angelegten Versuchs war, mit den globalen Herausforderungen durch eine Strategie des Völkermordes in Afrika, Asien und Lateinamerika fertigzuwerden. Bei Nietzsche fände die ihre Rechtfertigung. Er ermutigt dazu, genau so zu verfahren. Dieser Option also, der eines supranationalen Faschismus, leistet die Renaissance seiner Philosophie Vorschub, indem sie die privilegierten Regionen des Nordens und vor allem ihre herrschenden Klassen und deren parasitäre Intelligenzschicht geistig darauf vorbereitet, dafür reif klopft, ein solches Vorgehen zu akzeptieren, das todsicher für Nord und Süd gleichermaßen das Ende wäre. PF: Nun lehren Statistiker der Demographie, in erheblichem Maße trage zur Überbevölkerung die verlängerte Lebenserwartung der Individuen bei. WH: Welcher Individuen? Und wo? Spezi ziert man, unter Berücksichtigung von Säuglingssterblichkeit und verhungernden Kindern, die Statistik nach Ländern und Kontinenten, so zeigt sich abermals, dass die farbigen Völker benachteiligt sind. Das ist aber nur die eine Seite des von Ihnen berührten Sachverhalts. Zur Ausländerfeindlichkeit gesellt sich steigender Hass auf Alte und Kranke. Statt den sittlichen Wert des Mitgefühls mit ihnen zu verteidigen, statt in der Fürsorge für sie neue Plätze sinnerfüllter Arbeit zu scha en, duldet man, dass das Leben ihnen zur Folterkammer gemacht wird, dass sie in ihre suizidalen Stimmungen förmlich hineingetrieben werden, wobei in manchen Krankenhäusern und Altersheimen schon Mord an ihnen praktiziert wird. Auch dazu passt die modische Neubesinnung auf Nietzsche. Auch dieser Aspekt heutigen Massenterrors nämlich lässt sich mit seiner Parole »Was fällt, das soll man auch noch stoßen« legitimieren, von der feststeht, dass sie schon den »Euthanasie«-Verbrechen der Nazis ein gutes Gewissen gemacht hat. PF: Mir scheint, dass da, so bedauerlich es ist, der Kampf zwischen den Generationen eine neue Qualität erhält, und das nicht von ungefähr. Eine wichtige Ursache der Ju- 1 9 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k gendrebellion von 1968 bestand, zumal in der Bundesrepublik, bereits darin, dass heranwachsenden Kindern die nazistische Schuldverstrickung ihrer Eltern, die sich darüber stets ausgeschwiegen hatten, bewusst wurde. Mitte der siebziger Jahre haben dann die politisch engagierten ökologistischen Warner, am vernehmlichsten Herbert Gruhl, aber auch Eppler und Sie, an die Mitlebenden appelliert, ihren Nachkommen nicht die Naturbasis ihrer Existenz zu zerstören. Die unheildrohenden Trends haben sich seither fortgesetzt. Die Kinder von damals aber sind jetzt Erwachsenen, die damals noch Ungeborenen 15 Jahre alt. Diese Generation beginnt mit den Urhebern der Schrecken, der Verwüstungen, denen sie sich ausgesetzt sieht, und das heißt eben: mit den Alten, ins Gericht zu gehen. WH: Ohne selber zur Umkehr bereit zu sein, ohne aufzuhören, weiter Schrecken herauf zu beschwören, neue Verwüstungen anzurichten. Angesichts dieser Sachlage erweist die Entschuldigung, zu der Sie o enbar ansetzen, sich als unhaltbar. Nein, was nottut, ist ein Zweifrontenkampf. Auf der einen Seite sind wir verp ichtet, allen Zeitgenossen, den Jungen wie den Alten, unausgesetzt ihre Verantwortung für die kommenden Generationen vor Augen zu führen und sie auch damit, nicht nur im eigenen Interesse, zu einer radikalen neuen Lebensweise zu motivieren, wobei, je mehr die Entwicklung voranschreitet, eines vom anderen sich desto weniger trennen lässt. Andererseits müssen wir der Gerontophobie und ebenso der Versuchung, Aids-In zierte auszugrenzen, als Anfängen eines gnadenlosen Ausrottungskrieges gegen alle Schwachen und Hil osen unbedingt Widerstand leisten, dürfen wir schon deswegen Non cha lance gegenüber dem Vermächtnis Nietzsches nicht hinnehmen, und dies ebenfalls sowohl aus Zukunftsverantwortung wie aus Gründen der Selbsterhaltung. Denn ohne das Ethos, das Nietzsche als »Sklavenmoral« verächtlich macht, ohne die Fähigkeit, uns in Schwäche und Leid einzuführen, ohne eine uns bis zum re exhaften einverseelte Bereitwilligkeit, Hil osen beizustehen, wären wir unrettbar jenem heroisierten, aktivistischen Pessimismus ausgeliefert, der das denkbar höllischste Szenario des Menschheitsuntergangs für uns parat hält. PF: Ich habe, für heute, eine letzte Frage. Sie haben sich 1975 die damaligen Warnungen vor dem Treibhause ekt und vor der Rodung der Urwälder am Amazonas zu eigen gemacht. Gehen Sie heute soweit, sogar diese Bedrohungen, die mittlerweile wahrscheinlich akutesten, mit der Nietzsche-Renaissance in Beziehung zu setzen? WH: Selbstverständlich. Am Amazonasproblem will ich es Ihnen kurz exemplarisch zur Evidenz bringen. Für eine von Rechtsemp nden, gar Mitgefühl getragene Solidarität mit den indianischen Urwaldbewohnern, diesen »Schlechtweggekommenen«, hätte Nietzsche nur Hohn übrig. Alle Reichen und Mächtigen dagegen, die aus Brandro- 1 9 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er dung und Raubbau kurzfristig pro tablen Nutzen ziehen, angefangen von den Grundbesitzern am Ort über die Holzhändler und Möbelfabrikanten aus vielen Ländern bis hinauf zu den multinationalen Konzerngewaltigen oder den Weltbankmanagern, wären für ihn »Herrenmenschen«, deren Vorrechte gewahrt bleiben müssten. Die Aussicht schließlich, dass uns »Vielzuvielen« rund um den Erdball der Sauersto wegbleibt, die Luft zum Atmen, würde ihn nicht im Geringsten stören, da er ja, sahen wir, erklärt hat: »Vielleicht geht die Menschheit zu Grunde – wohlan!« Wie also sähe eine im Geiste des Nietzscheanertums verfasste Resolution aus, mit der, im Namen der Vereinten Nationen, etwa ein Weltrat für Umweltsicherheit ermächtigt würde, alles zu tun, was zur Rettung des dahinschwindenden Rests der Amazonaswälder erforderlich ist? Die Frage stellen heißt sie beantworten. Es gehört wenig Phantasie dazu, es sich auszumalen. Verlassen Sie sich darauf: Es gibt kein globales Überlebensproblem, bei dessen Bewältigung Nietzsches Philosophie hilfreich wäre. Im Gegenteil: Auch hier – und hier besonders – ist sie schädlich auf der ganzen Linie, ist ihre Wiederkehr daher ein Menetekel unausdenkbaren Grauens. VI. Nietzsche-Brüder, genauer besehen PF: Was Sie über die englische Filmkomödie Ein Fisch namens Wanda gehört haben – ich habe sie mir inzwischen angesehen und nde sie grässlich –, tri t zu. Durch Zufälle ist mir bekannt geworden, dass es in zwei weiteren Filmen aus letzter Zeit, die aber an sich wertvoll sind, ebenfalls Anspielungen auf Nietzsche gibt: In dem amerikanischen Streifen Hanna und ihre Schwestern wird er, als Entdecker der Wiederkehr des Ewiggleichen, beiläu g mit Sokrates und Freud auf eine Stufe gestellt … WH: Mit Platon und Freud, glaube ich. Der Film ist auch in unseren Kinos gelaufen. PF: Und in dem französischen Streifen Die kleine Diebin zitiert eine Frau den Ausspruch »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«. WH: Na bitte. Die Nietzsche-Renaissance hat aufgehört, eine esoterische Intellektuellenmode zu sein. Die Medien tragen sie ins Volk. PF: Meinen Sie, dies geschieht bewusst, planmäßig? WH: Ich möchte keiner Verschwörungshypothese das Wort reden. Nachforschungen darüber anzustellen, ob und wie weit sich hier ein spontaner oder ein manipulierter Vorgang abspielt, wäre müßig. Unbewusst p egen Drehbücher jedoch nicht geschrieben zu werden, und dass gleich drei Filmautoren verschiedener Länder sich, bestenfalls, 1 9 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k nichts dabei denken, zur Popularisierung Nietzsches beizutragen, ist ein starkes Stück. Die antifaschistischen Sicherungen brennen durch. PF: Bei den Autoren wie bei den Produzenten, den Dramaturgen, den Regisseuren, den Schauspielern, den Aufnahmeleitern? WH: Bei ganzen Kollektiven, in Teilen der Branche, und o enbar international. Im Übrigen kann es in krisenhaften Zeiten wie den unseren immer geschehen, dass Überbauphänomene, die unabhängig voneinander sich herausgebildet zu haben scheinen, unter der Wirkung bestimmter Veränderungen in der Gesellschaft plötzlich wie Kristalle zusammenschießen und so eine Massivität und Relevanz gewinnen, die ihnen in ihrer vermeintlichen Vereinzelung niemand zugetraut hätte. Da haben wir an einem Punkt eine Philologenleistung, der Respekt bezeugt wird: Die Kritische Gesamtausgabe der Werke Nietzsches und seines Briefwechsels. Und dann haben wir da, gänzlich getrennt von ihr, das Nietzsche-Erlebnis einer handvoll enttäuschter, desorientierter Linker von 1968, die, auf Grund ihrer Niederlage, sich von Marx und Mao, von Sartre und Marcuse glauben abkehren zu müssen. An wieder anderen Stellen berauschen sich ein paar Schöngeister an seinen Versen. Und ohne jeden Kontakt mit diesen Leuten wieder, womöglich ohne wechselseitige Kenntnisnahme, haben zwei, drei Drehbuchverfasser Einfälle, die in analoger Richtung gehen. Eines Tages indes, unvermutet, wachsen, wie Pilze nach einem frühherbstlichen Landregen, rechtsradikale, neofaschistische Parteien aus dem Boden, und plötzlich werden wir gewahr: Die ehrenwerten Philologen, die enttäuschten Achtundsechziger, die Schöngeister, die einfallsreichen Filmemacher bilden, meist ahnungslos, mit diesem Ereignis, sie mögen es noch so sehr missbilligen, objektiv ein ideologisch-politisches Ganzes, eine historisch-konkrete Totalität und stehen nun, ob sie es wollen oder nicht, als intellektuelle Wa enlieferanten rechtsextremistischer Wirrköpfe und Banditen da. PF: Über die Mitschuld der DDR verlieren Sie kein Wort. WH: In der DDR sind Lukács und auch Hans Günther zu lange missachtet worden. Darin liegt eine gewisse Schuld. PF: Nur darin? Ich meine die von Giorgio Colli und Mazzino Montinari besorgte Kritische Gesamtausgabe. So sehr die Herausgeber Ihnen zuwider sind, so haben Sie 1987 doch einen Dreh gefunden, die DDR von ihrer Mitverantwortung für das Zustandekommen dieser Edition zu entlasten. Sie werfen in Ihrer Polemik gegen Pepperle die Frage auf, ob es nach der Erfahrung mit dem Faschismus nicht »überhaupt zum Verbrechen geworden« sei, Nietzsche zu edieren, und beantworten sie erst »unumwunden mit Ja«, um dann aber, reichlich umwunden, »bedauernd hinzu zu fügen, dass es Verbrechen gibt, die in kapitalistischen Ländern schwer abzustellen sind«. Und mit 2 0 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er diesem einschränkenden Zusatz bauen Sie sich eine Brücke zu dem zwei Seiten später folgenden Zugeständnis, die Colli-Montinarische Edition erleichtere es der marxistischen Nietzsche-Kritik, die um den Nachlass gewobenen Legenden zu zerschlagen, »obwohl – oder gerade weil – die beiden con amore arbeitenden Herausgeber es aufs Gegenteil abgesehen« hätten. Es gelte, »deren ideologisch irreführenden Intentionen Paroli zu bieten und sie zu durchkreuzen auch mit Hilfe des authentischen Materials, das ihre Forschung teils neu angeordnet, teils erst ans Licht gebracht hat«. Und: »Ihr Nietzsche-Bild taugt nichts, und gerade auch aus den Texten ihrer Nietzsche-Ausgabe ist das zu belegen. Das im kapitalistischen Milieu ohnehin nicht zu vermeidende Rückfallverbrechen haben sie am ausschweifendsten begangen, doch eben damit in einer Weise, die dessen restloser, nie mehr zu widerlegender Aufklärung e ektiv die denkbar verlässlichster Handhabe bietet.« Herr Harich, das »Rückfallverbrechen« ist nicht im »kapitalistischen Milieu« begangen wurden … WH: Im Verlag Walter de Gruyter, West Berlin und New York. PF: Nein, davor im VEB Klassik zu Weimar, im Goethe-Schiller-Archiv, worin der Nietzsche-Nachlass verwahrt wird. Meine Großmutter hätte Ihnen gesagt: »Feiger Hund, lass mich hinter den Baum!« WH: Jetzt sind Sie es, der zu weit geht. Angesichts des historischen und geopolitischen Zufalls, dass 1945 Weimar … PF: Sie brauchen nicht weiter zu reden. Ich weiß, was Sie sagen wollen. Es ist ja auch gar nicht so falsch. Aber absurd und, o en gestanden, unaufrichtig wird es dadurch, dass Sie zwei unvereinbare Dinge unter einen Hut bringen wollen: Den Fluch auf Colli und Montinari und die Ehrenrettung der DDR. Dieser rechnen Sie als Verdienst an, womit jene ein – »im Kapitalismus sowieso nicht zu vermeidendes« – Verbrechen begangen haben sollen. War Karl Schlechtas Nietzsche-Ausgabe, bei Carl Hanser, verbilligt bei Ullstein, ein Verbrechen? WH: Ja. PF: War es auch die für S. Fischer, für dessen Taschenbuchreihe, von Karl Lö with besorgte Auswahl? WH: Ja. PF: Und die von Hans Heinz Holz, ebenfalls in Fischers Taschenbuchverlag? WH: Die besonders. Die DKP hätte damals, wäre es mit rechten Dingen zugegangen, sich mit Holz sehr ernst und hart auseinandersetzen müssen, äußerstenfalls mit der Konsequenz, sich von ihm zu trennen. PF: Montinari war Mitglied der IKP, unangefochten, bis zu seinem Tode. 2 0 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Für mich ist es unbegrei ich, dass die IKP an seiner Stellung zu Nietzsche anscheinend niemals Anstoß genommen hat. Montinari ist, soweit ich sehe, von ihr nie ö entlich kritisiert worden. Ob es interne Diskussionen mit ihm gegeben hat, weiß ich nicht. Ich bezwei e es. Wenn aber doch, so haben sie jedenfalls nichts gefruchtet, und trotzdem blieb seine Mitgliedschaft davon unberührt. Wenn ich die Erfahrung in Betracht ziehe, die gerade die italienische Arbeiterbewegung mit Mussolini hinter sich hat, so kann mir die IKP wegen ihrer Haltung zu einem Nietzsche-Bruder vom Schlage Montinaris nur leid tun. Nehme ich das Beispiel Holz hinzu, so vermag ich mich nicht des Eindrucks zu erwehren, dass die Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen sich sowohl bei der DKP wie bei der IKP in einem desolaten Zustand be ndet. PF: Sie mögen recht haben. Auf Grund der Erkenntnisse, die ich aus unseren Gesprächen nach und nach gewonnen habe, bin ich sogar geneigt, Ihnen zuzustimmen. Aber seien Sie doch bitte so logisch und, vor allem, so couragiert, einzuräumen, dass die DDR … WH: … dass schlecht beratene kulturpolitische Instanzen in der DDR … PF: Wenn Ihnen das lieber ist und für Sie weniger riskant, dann können wir, von mir aus, den Sachverhalt auch so schreiben. Geben Sie bitte zu: An dem Verbrechen, das Sie Colli und Montinari vorwerfen, sind führende Kulturpolitiker der DDR, sind Nietzsche-Brüder unter ihnen mitschuldig. WH: Sie drängen mich in die Enge. PF: Sie haben es nicht besser verdient. WH: Ich habe für die Colli-Montinarische Edition nichts übrig. Was aber spricht denn nach Ihrer Meinung für deren Schädlichkeit? PF: Ich bestreite nicht ihren Wert für Forschungszwecke, den ja auch Sie, wenngleich mit sonderbarer Begründung, anerkennen. Die Sache bleibt trotzdem, gelinde gesagt, ambivalent. Um als Antifaschist den Schaden zu ermessen, der da angerichtet wurde, braucht man nur an die dtv-Studienausgabe in 15 Dünndruckbänden zu denken. Im Schnitt hat jeder Band einen Umfang von 640 Seiten und kostet dabei kaum 20,– DM. Selbst gemessen an den in der DDR üblichen Preisen für Bücher ist die Ausgabe im ganzen also sehr billig: 15 Dünndruckbände in Kassette mit insgesamt 9592 Seiten für bloß 298,– DM. Damit ist Nietzsche als großer philosophischer Klassiker etabliert, und gleichzeitig ist er zu einem ungewöhnlich leicht erschwinglichen Markenartikel geworden. Sind Sie im Stande, mir zu widersprechen, wenn ich, nachdem Ihre Einschätzung seines Wirkens mich weitgehend überzeugt hat, behaupte, dass hier der massivste Beitrag zur Refaschisierung des deutschsprachigen Kultur- und Geisteslebens seit dem Ausgang des Zweiten Weltkriegs vorliegt. 2 0 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Mir fehlt jedes Gegenargument. Ich teile Ihre Meinung. PF: Hinzu kommt der maßlose Anspruch der Ausgabe: Erstmals die wirklich authentischen Texte zu bieten, die, im Gegensatz zu den früher publizierten, angeblich verfälschten, ein völlig neues Nietzsche-Bild ergäben. Das wird doch den Lesern, den Käufern, obwohl keine Rede davon sein kann, suggeriert. Oder nicht? WH: Suggeriert wird der Ö entlichkeit überhaupt, die naturgemäß um Vieles größer ist als der Kreis der Käufer, gar der Leser, dass man erst durch diese Ausgabe den wahren Nietzsche, einen für Humanisten, für Demokraten, ja, für Linke sehr wohl annehmbaren Nietzsche kennen lerne, einen, der bisher auf Grund von Textverfälschungen, verursacht durch seine böse Schwester, immer missdeutet und missverstanden worden sei. PF: Gibt es daran irgendetwas, das nachprüfbaren Tatsachen entspräche? WH: Nichts. Zunächst einmal sind diejenigen Texte, auf die es inhaltlich am meisten ankommt, alle die nämlich, die Nietzsche selbst verö entlicht hat, in den Bänden 1 bis 6 der Studienausgabe unverändert genau so enthalten, wie Elisabeth Förster-Nietzsche sie, ihrerseits ohne jeden Eingri , einst hat nachdrucken lassen. PF: Und der Nachlass, in den Bänden 7 bis 13? WH: Colli und Montinari haben den Nachlass, unter Aufnahme bis dahin unveröffentlichter Manuskripte, nach der Chronologie seiner Entstehungsdaten angeordnet, wobei sie auf den Versuch verzichteten, die Fragmentenmasse, die von Nietzsche für sein geplantes Prosahauptwerk Der Wille zur Macht bestimmt war – den Zarathustra, sein anderes Hauptwerk, hielt er für eine Dichtung –, unter systematischen Gesichtspunkten zusammenzustellen. PF: Ein Versuch, der dreimal, 1901, 1906 und 1911, mit je unterschiedlichem Umfang, von dem Nietzsche-Jünger Heinrich Köselitz alias Peter Gast zusammen mit anderen, darunter der an Ein uss dominierenden Erbin Elisabeth Förster-Nietzsche, unternommen worden ist. WH: Nach Nietzsches Tod, legitimerweise, unter Wahrung von Gliederungen, die unleugbar von der Hand des Verstorbenen, aus der Zeit noch vor seinem geistigen Kollaps im Januar 1889, stammen. PF: Nun haben nicht erst Colli und Montinari, bereits Schlechta hat die Ansicht vertreten, dass es ein unvollendetes Hauptwerk Nietzsches, genannt Der Wille zur Macht, gar nicht gäbe und dass es textlich unmöglich und sachlich widersinnig sei, ein solches aus der Nachlassmasse der achtziger Jahre rekonstruieren zu wollen. Halten Sie auch das für falsch? 2 0 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Schon Karl Löwith, wahrlich kein Gegner Nietzsches, ist dem aus guten Gründen entgegengetreten. Löwith hat schon 1959 Schlechtas Unterfangen, das von Nietzsche geplante Prosahauptwerk, entgegen dessen Bezeugung in Briefen, Entwürfen und Dispositionen – sie sind in der Schlechtaschen Ausgabe einfach weggelassen –, als bloßes Machwerk der früheren Herausgeber zu erweisen, erstaunlich genannt und im Ergebnis für missglückt erklärt. Die Leistung von Colli und Montinari hat, zugegeben, andere Dimensionen als die von Schlechta. PF: Löwith hat sie, deswegen wohl, 1965 an de Gruyter empfohlen. WH: Laut Montinaris Bericht und, falls der stimmt, wahrscheinlich deswegen. Dennoch sehe ich nicht, dass diese Leistung geeignet wäre, Löwiths ins Grundsätzliche gehenden Einwand zu widerlegen. Um nur einen der vielen Beweise, die diesen Einwand stützen heranzuziehen: In NR. 27 der Dritten Abteilung von Zur Genealogie der Moral (1887) kündigt Nietzsche selbst sein damals in statu nascendi be ndliches Prosahauptwerk wie folgt an: »Genug, genug! Lassen wir diese Kuriositäten und Komplexitäten des modernen Geistes. (…) Jene Dinge sollen von mir in einem anderen Zusammenhange gründlicher und härter angefasst werden (unter dem Titel Zur Geschichte des europäischen Nihilismus; ich verweise dafür auf ein Werk, das ich vorbereite: Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte).« Sehen Sie, auf diese Stelle habe ich mich 1987 bezogen. Mein Hinweis auf sie kann schlechterdings nicht widerlegt werden und ist trotzdem von meinen Kritikern einfach achtlos bei Seite geschoben worden. PF: Unter Berufung auf diese Stelle haben Sie Montinari der Lüge bezichtigt. WH: Ich glaube, Montinari anhand der Widersprüche, in die er sich verwickelt, einer Lüge, die er in plumper Weise zu kaschieren sucht, überführt zu haben. Denn bezugnehmend auf den Willen zur Macht hat Montinari behauptet, Nietzsche hätte »kein Werk unter diesem Titel geschrieben«. Das ist untwahr. Wahr ist nur, dass er selber keins mehr publiziert hat unter diesem Titel, der nichtsdestoweniger für sein geplantes Prosahauptwerk, sogar ö entlich, von ihm festgelegt worden war. Und fest steht auch, dass Nietzsche viel, sehr viel geschrieben hat, was mit Sicherheit für dieses Werk bestimmt ist. Montinari ist dies nur zu bekannt gewesen. Zu verkleistern sucht er seine Mogelei daher mit dem – verräterischen – Zusatz, »zuletzt« habe Nietzsche den Willen zur Macht auch nicht einmal mehr schreiben »wollen«. Bis zu diesem Zeitpunkt, den das Wort »zuletzt« markiert – es mag damit nun der Turiner Zusammenbruch von 1889, was wahrscheinlicher ist, oder die Todesstunde im August 1900 gemeint sein –, hat er das Werk danach zwar schreiben wollen, aber nicht geschrieben. Da er aber bis 1889, wie gesagt, eine Menge geschrieben hat, warum darunter gelegentlich nicht auch mal das, was er schreiben wollte? Dazu, die Frage so zu stellen, zwingt elementarste 2 0 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Logik. Stellt man die Frage aber so, dann steht Montinari als Schwindelhuber da. Und was bezweckt er mit seiner Lüge? Antwort: Es ist ihm darum zu tun, die über Nietzsche negativ Urteilenden, zumal die Marxisten unter ihnen, als inkompetent, als, bestenfalls, »durch den neuesten Forschungsstand überholt« zu diskreditieren. PF: Diskreditiert wird auch der Nazi Alfred Bäumler, der auf den Willen zur Macht, ihn positiv wertend, seinerseits größten Wert gelegt hat. WH: Was aus dem Willen zur Macht noch lange kein bloßes Phantom macht. Was nur beweist, dass Montinari, der, in der Nachfolge Schlechtas, das Werk als Phantom hinstellt, auf diese Weise Nietzsche entnazi zieren möchte. Als ob die Faschisten durch dessen übrige, zu seinen Lebzeiten erschienene Werke ideologisch nicht allein schon hinreichend bedient worden wären. PF: Nun ja. Lassen wir das. Mich interessiert dieser Philologenstreit als solcher, o en gesagt, wenig. Ihrer letzten Bemerkung entnehme ich, dass, falls nicht Löwith und Sie, sondern falls Schlechta, Colli und Montinari im Recht wären, deren Ergebnisse noch längst keinen Anlass gäben, dass Nietzsche-Bild von Mehring, Lukács und Günther – oder dass der liberalen und christlichen Gegner des Philosophen, etwa Flakes bzw. Sandvoss’ oder auch Zickendrahts – in irgend einem nennenswerten Punkt abmildern zu berichtigen. WH: Überhaupt nicht. Auf keinen Fall. Weder die Neugliederung des Nachlasses – die schon gar nicht – noch die neu zu Tage geförderten Nachlassstücke erlauben es, an Nietzsches Bild auch nur die leisesten humanisiernden und entnazi zierenden Retuschen vorzunehmen. Dies wird uns nur eingeredet, und wagt jemand, dem zu widersprechen, dann setzt man ihm die Pistole auf die Brust und verlangt von ihm, nach der Devise »Friss, Vogel, oder stirb!«, erst einmal alle 9592 Seiten der Studienausgabe Zeile für Zeile zu lesen, um überhaupt mitreden zu können. Es ist der reinste Terror. Man könnte beinahe, mit annähernd gleicher Berechtigung, etwa die Annahme, dass es Die deutsche Ideologie von Marx und Engels gäbe, nur unter der Bedingung genauster Kenntnis sämtlicher Bände der neuen MEGA als statthaft gelten lassen. PF: Aber das Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche Texte gefälscht hat, das tri t doch zu. WH: Das hat sie gelegentlich getan, namentlich in Briefen ihres Bruders. Was aber hat sie mit ihren Eingri en beabsichtigt? In der Hauptsache waren die von ideologisch neutralen Beweggründen wie Wichtigtuerei und Eitelkeit diktiert. Glaubhaft machen sollten sie beispielsweise, dass Sie im Leben Nietzsches die Rolle einer ihm ebenbürtigen Geistesgefährtin gespielt habe, dazu berufen, sein Vermächtnis zu wahren. Vorkommen konnte es allenfalls, dass Elisabeth mittels eines Falsi kats das Interesse 2 0 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Wilhelms II. auf ihren Bruder zu lenken suchte. Mit der Entlarvung solch kleiner Lumpereien den Willen zur Macht schlicht ins Reich der Fabel verweisen zu wollen, ist lächerlich. Außerdem wiegen sie wenig, gemessen an den Interpretationskunststücken, die Elisabeth fertig gebracht hat, belegbar am eindrucksvollsten aus ihren zu posthumen Komplikationen dieses Werks verfassten Einleitungen. Denn worauf laufen die hinaus? Nicht auf eine Steigerung der reaktionären, menschenfeindlichen Intentionen Nietzsches, nein, im Gegenteil: Auf eben die Verharmlosung, der auch die späteren Weißwäscher seiner infernalischen Doktrinen mit bald liberalem, bald kirchenfrommem, bald auch »linkem« Vorzeichen unermüdlich das Wort reden sollten. PF: Elisabeth hätte, so meinten Sie 1987, mit der verfälschenden Humanisierung ihres Bruders angefangen. WH: Ja. Sie hat zum Beispiel – ich wiederhole es – aus seinem Aufwachsen als Pastorensohn, in religiösem Milieu erklärt, dass er das Wort »Herdenmoral«, ihm durch »Herde« und »Hirt« vertraut, bloß »schalkhaft« in pejorativem Sinn gebraucht hätte. Ein »von Mitleid fast gebrochenes Herz« dichtet sie ihm an, das nur »Ausnahmemenschen« sich halt nicht leisten dürften, und versichert: »Es ist vollständig unrichtig, dass mein Bruder das Christentum gehasst habe – ich meine jene milde und schöne Jesuslehre, die für den Mühseligen und Beladenen ein solcher Trost sein kann, die übrigens keine Glaubenslehre, sondern eine Anweisung zum Handeln ist, wie mein Bruder so richtig erkannt hat.« Karl Jaspers und andere sind darin ihr gefolgt. Wer kann da noch glauben – und wo, im Übrigen, existiert der winzigste Anhaltspunkt dafür –, dass Nietzsches Gewaltverherrlichung, dass sein Lob der Grausamkeit, seine Hasstiraden von der retuschierenden Hand dieser bigotten Dame stammen? Zur fälschenden Humanisierung gehört desgleichen, dass Elisabeth den zu Dionysos entrückten Nietzsche 1897 nach Weimar verfrachtete, damit er, als das sehenswerte Schaustück in dem ihm geweihten museumsartigen Archiv, dort seinen Lebensrest verbringe, um danach am ehrenden Angedenken Wielands und Herders, Goethes und Schillers zu schmarotzen, und dass seither – auch dies auf schwesterlichen Ratschluss – alle Editionen seiner Werke den Gütestempel »Weimar« tragen, so als sei deren Autor jener klassisch-humanistischen Tradition zugehörig, die er in Wahrheit mit Füßen getreten hat. PF: Demnach entspräche es den Wünschen der Schwester, dass heute das Goethe-Schiller-Archiv seinen Nachlass … WH: Zu wünschen hätte sie dies nie gewagt, selbst in ihren kühnsten, ehrgeizigsten Träumen nicht. Aber dass in den geheiligten Räumen des Goethe-Schiller-Archivs, nachdem es zur Deponie des Nietzsche-Mülls geworden ist, dieser zur Kritischen 2 0 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Gesamtausgabe wieder aufbereitet wurde und wird, das stellt die Krönung des Lebenswerkes der Elisabeth Förster-Nietzsche dar. PF: Trotz Au ösung des Willens zur Macht. WH: Die ist wissenschaftlich prinzipiell problematisch. Ich sagte es. Verschmerzen indes wird sie jeder, dem an Nietzsches Nachruhm liegt, da ja die Umwandlung der systematischen Anordnung in eine chronologische die Publikation des gesamten Nachlasses nur begünstigt. Das Opus des – vermeintlichen – Klassikers Nietzsche gewinnt dadurch ein Maximum an Umfänglichkeit; jedes Zettelchen, jedes Exzerpt wird nun der Verwertung zugeführt, und das erst macht die Edition dermaßen imposant. PF: Wie reimt der Humanisierungsvorwurf, den Sie gegen Elisabeth erheben, sich mit deren Nazitum? WH: Elisabeth pauschal als Nazisse abzutun, wäre sehr ober ächlich, außerdem anachronistisch. 1846 geboren, gehörte sie zum konservativen, monarchisch und kirchenchristlich gesinnten Bildungsbürgertum des Bismarckreichs, insonderheit der Wilhelminischen Ära. Doch als die tüchtige Managerin, die sie war, stellte diese Frau sich ihr Lebtag lang auf den auswechselbaren Boden der Tatsachen, passte sie sich, mitsamt ihrem Bild des Bruders, behände den in bewegter Zeit einander jagen Konjunkturen an, wobei sie es in Kauf nahm, sich in Widersprüche zu verstricken. Dass sie – um nur ein Beispiel zu nennen – dem christlich-sozialen Antisemitismus ihres früh verstorbenen Ehemannes, des Kolonialtheoretikers Bernhard Förster, anhing, hinderte sie nicht, Georg Simmel seines Nietzscheanertums wegen hoch zu schätzen und ihn als Autorität zu zitieren, wenn es etwa das Erhabensein Nietzsches über den Gegensatz von Altruismus und Egoismus heraus zu streichen galt. Im Ersten Weltkrieg setzte sie auf den Sieg der deutschen Wa en, weshalb sie dem Essayschreiber omas Mann in der Phase seiner tiefsten Verirrung brie ich kundtat, ihr Bruder sei nirgendwo besser verstanden worden als in den Betrachtungen eines Unpolitischen. Später hat sie, Dr. h. c. von 1921, nach Ehrung durch die Weimarer Republik gelechzt. Und in dem Maße, wie, noch unter deren Ägide, die Nazibewegung erstarkte, fand sie an der wieder gefallen. Betrat Adolf Hitler das Nietzsche-Archiv – und er tat das gern, tat es mehrmals, sonstige Weimarer Gedenkstätten tunlichst meidend –, so erfüllte dies die greise Hausherrin mit ungeheurem Stolz. Sie begrüßte, wie ein Foto es festhält, ihren Führer mit zum Faschistengruß emporgestrecktem Arm. Einmal überreichte sie ihm als Geschenk den Spazierstock ihres Bruders. Diese dem Vermächtnis Nietzsches angemessenste Haltung dürfen wir jedoch nicht einfach in die damals längst vergangene Periode seiner ihn missdeutenden Humanisierung durch die Schwester zurück projizieren. Denn bei Hitlers Machtantritt war Elisabeth 86 Jahre alt, und erst Ende 1935, 2 0 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k mit 89, ist sie verstorben. Andernteils wird es niemandem, der sich den Sinn ihres Tuns vergegenwärtigt, schwerfallen, sich vorzustellen, wie die Rührige, über hundertjährig, die Arbeit des Nietzsche-Archivs vor einer westzonalen Entnazi zierungskommission in christlich gebotenen »Widerstand« umlügt, wie sie, vor Ort in Weimar, auf die vermeintlich beinahe an Feuerbach gemahnende Religionskritik Nietzsches pochend, bei den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten, abgekürzt NFG, antichambriert. PF: Lösen wir uns von solchen Spekulationen. Was geschah nach 1945 in Weimar wirklich? WH: Das in der Nazizeit auf allerhöchsten Befehl zu einem stattlichen Gebäudekomplex ausgebaute Nietzsche-Archiv hörte auf – und das war gut so –, eine Weihestätte zu sein. Es wurde Gästehaus der NFG, und das Archivgut, das es beherbergt hatte, ging, ohne dass man sich Böses dabei dachte, aus puren Zweckmäßigkeitserwägungen in den Bestand des Goethe-Schiller-Archivs über. PF: Und eines Tages taucht dann Colli und Montinari in Weimar auf. WH: 1961, leider. PF: Montinari hat dankbar das freundschaftliche Entgegenkommen der am Ort Zuständigen geschildert. Spätestens da hätte man anfangen müssen, Böses zu ahnen, höheren Orts. WH: Was hätte man mit dem Nietzsche-Müll denn tun sollen? Ihn verbrennen? PF: Das wäre eine der denkbaren Optionen gewesenn nach der Logik Ihrer Darlegungen nicht die schlechteste. Der Müll war – und ist – weniger wert als, sagen wir, das Berliner Schloss oder als die Paulinerkirche in Leipzig. WH: Das haben Sie gesagt, nicht ich. PF: Es hätte noch andere Optionen gegeben: Die Endlagerung des versiegelten Mülls, für immer, in irgend einem Bergwerk, am besten im Ural. Hätte diese Lösung Sie gestört? WH: Keine Spur. Nachdem das Kind aber einmal in den Brunnen gefallen ist, das heißt, nach dem die Kritische Gesamtausgabe halt existiert und an ihr weitergearbeitet wird, wüsste ich eine noch bessere Lösung: Die DDR sollte, unter demonstrativer Bekundung der Tatsache, dass ihr an Nietzsche nichts liegt, dass sie ihn verabscheut, dessen Müll in den Westen exportiert, gegen harte Devisen. PF: In die Bundesrepublik? Nach Westberlin? WH: Nein, dahin nicht. Nur keinen weiteren »ehemals preußischen Kulturbesitz«! PF: Aber bitte auch nichts davon nach Basel, gegen Fränkli! 2 0 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Ein Geschäft mit der Bibliothek des Britischen Museums in London wäre angebracht. Noch mehr Geld dürfte bei einer Versteigerung jedes einzelnen Manuskripts in den USA herausspringen, vielleicht auch in Japan. PF: Spaß beiseite. Das Mindeste … WH: Ich spaße nicht. Ich meine es todernst. Für Sozialisten darf Nietzsches Nachlass kein Kulturgut sein. Also weg damit. Und wer so verschroben ist, ihn haben zu wollen, soll dafür zahlen. Eiskalt müsste dies über unseren Außenhandel abgewickelt werden, ohne Beteiligung des Kulturministeriums. Gleichzeitig wäre das Grab in Röcken bei Lützen einzuebnen, damit es endlich aufhört, Wallfahrtsort zu sein. PF: Erregen Sie sich nicht so! Eine solche Maßnahme könnte den Fall unnötig dramatisieren. Das Mindeste, was, nach meiner Meinung, von der Kulturpolitik der DDR hätte erwartet werden müssen – und dies meine nun ich sehr ernst –, das wäre die Vereitelung jedes Versuchs der, wie Sie es nennen, »Wiederaufbereitung« durch geschworene Nietzscheaner gewesen. Dass man zu Colli und Montinari Zutrauen hatte, ist unfasslich. Es war doch klar zu erkennen, worin die ihr Lebensziel sahen. Denen ging es doch von Anbeginn darum, Nietzsche als überragenden philosophischen Klassiker auf den Schild zu heben, ihn von dem Vorwurf, der wichtigste und gefährlichste geistige Wegbereiter des Faschismus zu sein, freizusprechen, seine Ideen zu reaktivieren, seine Gegner zu entwa nen, sie zu besiegen, die Warner vor ihm zum Schweigen zu bringen. Hat das keiner bedacht? WH: Ich nehme an, dass die langjährige Beeinträchtigung der Autorität von Lukács, seit den ungarischen Ereignissen von 1956, als er Minister in der Regierung Imre Nagy war … PF: »Beeinträchtigung« ist sehr gelinde ausgedrückt. WH: … dass dies sowie die schier endlose Hinauszögerung der vollen Rehabilitation des Stalin-Opfers Hans Günther, verhaftet in Moskau im November 1936, gestorben im Oktober 1938 an Typhus in einem Lager bei Wladiwostok … PF: Ist Günther in der Sowjetunion nicht schon 1956 rehabilitiert worden? WH: Unter der vollen Rehabilitation eines Schriftstellers verstehe ich, dass man ihn wieder druckt. Der Sammelband Der Herren eigner Geist, herausgegeben von Werner Röhr und Simone Barck, mit Günthers klassischem Aufsatz Der Fall Nietzsche, von 1935, ist in der DDR erst 1981 erschienenen. Was ich sagen will, ist, dass Lukács’ und Günthers langjährige Verfemung, zusammen mit der vertrauenserweckenden Mitgliedschaft Montinaris in der IKP, etwaige Bedenken gegen das philosophische und editorische Nietzsche-Vorhaben der beiden Italiener gedämpft haben wird. PF: Falls Bedenken dagegen überhaupt je aufgekommen sind. 2 0 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Etwaiger, sage ich. Jedenfalls ist versäumt worden, dass Brecht-Wort: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«, auch auf den vorliegenden Fall zu beziehen. Dass das immer wache Interesse der Reaktion an Nietzsches Todfeindschaft gegen die Arbeiterbewegung und den Sozialismus, an seiner Gewaltverherrlichung, seiner Kriegs-, seiner Rassenhetze, seinem Antisemitismus und die Geschäftstüchtigkeit kapitalistischer Verleger sich wechselseitig stimulieren würden, wurde in Folge dessen nicht vorausgesehen. PF: Was nichts anderes heißt, als dass die Nietzsche-Renaissance durch den Spätstalinismus gefördert worden ist. Und auf die damit zusammenhängenden, daraus resultierenden Fehler kulturpolitischer Instanzen der DDR – die nun keine Fehler gewesen sein dürfen – führe ich es zurück, dass im Westen die DKP Schwierigkeiten hatte – und, wie sich in Wuppertal zeigt, immer noch hat –, sich der Nietzsche-Brüder in den eigenen Reihen zu erwehren. Sie sagen, die DKP hätte, wäre es mit rechten Dingen zugegangen, sich mit Hans Heinz Holz wegen seines Eintretens für Nietzsche ernst und hat auseinandersetzen müssen, nötigenfalls mit der Konsequenz der Trennung von ihm. Es ging aber eben nicht mit rechten Dingen zu. Und warum nicht? Einmal stand Holz lange Zeit in höherem Ansehen als Lukács und Günther. Zum anderen kann die in Weimar erarbeitete Kritische Gesamtausgabe, editorisch betreut unter anderem von dem IKP-Genossen Montinari, seit 1967 im Westen auf den Markt. Wie hätte da die DKP mit zweierlei Maß messen können? Was Montinari recht war, musste Holz billig sein. A propos Holz. Wie eigentlich kommt es, dass in Fischers Taschenbuchverlag nacheinander divergierende Auswahl-Editionen von Werken Nietzsches erschienen sind: 1956 und 1959 je ein von Löwith besorgter Band und ab 1968, zu einer Zeit, als Löwith noch am Leben war, eine vierbändige Auswahl, besorgt von Holz? WH: Holz ist Schüler Schlechtas. Von Löwith war, wie gesagt, Schlechta kritisiert worden. Holz scheint Schlechtas Rache an Löwith ausgeführt zu haben, im selben Verlag. 1976 nämlich hat Holz, ungefähr gleichzeitig mit einer neuen Au age seiner vierbändigen Nietzsche-Auswahl bei Fischer, in einem anderen Verlag, bei Luchterhand, sein Buch Die abenteuerliche Rebellion. Bürgerliche Protestbewegungen in der Philosophie herausgebracht, gewidmet »meinem Lehrer Karl Schlechta«. Der zweite Teil, auf den Seiten 31 bis 113, behandelt Nietzsche, und in den Anmerkungen dazu, Seiten 272 bis 281, wird Schlechta dafür gepriesen, dass namentlich ihm »die unbestechliche Aufklärung der Fälschungen und Kompilationen der Nietzsche-Schwester zu verdanken« sei, was dann, konkreter, die Behauptung unterstreicht, er, Schlechta, habe gezeigt, »dass der von den früheren Herausgebern unter dem Titel Der Wille zur Macht angeordnete Teil des Nachlasses Nietzsches nicht das Rohmaterial eines großen, unvollendet 2 1 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er gebliebenen systematischen Hauptwerks enthält, sondern nur aus Abfallprodukten und Parerga zu den verö entlichen Schriften besteht«. Löwith weilte, als dies erschien, seit drei Jahren nicht mehr unter den Lebenden. PF: Schlechta hat, meines Wissens, in der Nazizeit am Nietzsche-Archiv in Weimar gearbeitet, während … WH: Mit dem Blick auf Buchenwald, ja. PF: Während Löwith, als Jude, Exilant gewesen war. WH: Erst in Japan, später in den USA. So ist es. Doch übersehen Sie nicht Schlechtas – soi disant – Widerstandstat! PF: Worin bestand die? WH: Darin, dass er 1937, zwei Jahre nach Elisabeth Förster-Nietzsches Tod, in einem Memorandum die wissenschaftliche Seriosität der Verstorbenen in Zweifel zog, »unbestechlich«, laut Holz. PF: Elisabeth war doch aber längst vor 1933 mancher Fälschung überführt worden, so von E. F. Podack. WH: Sicher. Wie es um die Kühnheit liberalen Widerstands mitunter bestellt ist, das wissen Sie doch. Sieht man genauer hin, entdeckt man oft Nichtigkeiten. PF: Gleichwohl haben Sie auch Löwiths zwei Auswahlbände vorhin ein Verbrechen genannt. WH: Liberale der äußeren Emigration waren manchmal nicht viel besser als die der so genannten inneren. Der Liberalismus kann zum Medium werden, durch das hindurch die Reaktion ihre zersetzende Wirkung auf Demokraten und Sozialisten ausübt. Lö with kommt als Bundesgenosse gegen die Nietzsche-Renaissance, wenn überhaupt, so nur sehr bedingt in Betracht. Da er, sagt Lukács tre end, die Au ösung des Hegelianismus »in einem nicht entlarvenden Sinn in Nietzsche gipfeln lässt, wird klar, dass er die wirklichen Probleme der behandelten Periode nicht sieht und, wo er auf sie stößt, sie resolut auf den Kopf stellt«. Löwiths Methode führe »zur Gleichsetzung von Marx und Kierkegaard und damit zu ähnlichen Folgerungen, wie sie einige ›linke‹ Päfaschisten gezogen haben (zum Beispiel Hugo Fischer: Marx und Nietzsche als Entdecker der Dekadenz).« Dass Löwith sich in den fünfziger Jahren darum bemühte, Nietzsche-Texte wieder zu verbreiten, kann danach nicht wundernehmen und gereicht ihm nicht zur Ehre. Nur: Es sind nun einmal zwei Unwahrheiten, auf denen die philologische Variante der Entnazi zierung Nietzsches basiert: Der einen zu Folge erschöpft die Beein- ussung der Nazis durch ihn sich darin, dass Bäumler für den Willen zur Macht eine Vorliebe hegte, und die andere, sie komplettierende besagt, den Willen zur Macht gäbe es überhaupt nicht. Eben dieser Geschichtsklitterung stand Löwith im Wege. Deshalb 2 1 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k mussten seine Einwände und Bedenken vom Tisch gefegt werden, und zwar am besten diskussionslos, mittels genereller Tilgung Löwiths aus der Geschichte der Nietzsche-Editionen. Dies hat Holz besorgt. Löwiths Auswahlbände, bei Fischer, von 1956 und 1959, werden weder in der Holzschen vierbändigen Auswahl, bei Fischer, 1968  ., noch in Holz’ Abenteuerlicher Rebellion von 1976, auch nur mit einer Silbe gewürdigt. PF: 1976, also im selben Jahr, in dem Hermlin Nietzsches Gedicht An den Mistral in seine Anthologie Deutsches Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht, bei Reclam, Leipzig, aufnahm. Zufall? WH: Schwer zu sagen. Wahrscheinlich. PF: Wie beurteilen Sie Holz’ Verö entlichungen zu Nietzsche aus den siebziger Jahren sonst? WH: Ich lehne sie uneingeschränkt ab, als Apologetik schlimmster Sorte. Nietzsches »Rebellion« erscheint bei Holz als »die des desillusionierten und desorientierten Jungbürgers in einer inhumanen Gesellschaft«. Bedeutend mache ihn »die radikale Konsequenz, mit der er die Krankheit der Zeit zum Ausdruck bringt«. »Nichts als ein Suchender, ein sehr verzweifelter« sei er gewesen. »Marx, Nietzsche, Freud markieren drei Positionen des Aufstands«, wobei »Nietzsche unter den dreien der wortgewaltigste« war, »wenn auch nicht der denkmächtigste Rebell, immerhin Rebell durchaus«. »Der Kritiker Nietzsche, der nicht an der Ober äche des Unbehagens blieb, sondern den Voraussetzungen und Ursprüngen der Unwahrheit nachfragte, die er in der Kultur seiner Zeit entdeckte – der Kritiker, sage ich, hat eine rebellische Jugend begeistert und angefeuert.« Sein »gequälter Aufschrei einer zerbrochenen Seele wurde nicht zum warnenden Sacri cium, sondern zum mitreißenden Appell«. PF: Danke, mir genügt es. WH: Hören Sie sich, bitte, nur noch dies an: »Dass es nicht damit getan ist«, schreibt Holz, »auch die ›Schlechtbegüterten‹ am allgemeinen Luxus teilnehmen zu lassen, dass dann nur eine Herrschaft der Produktionsmittel über den Menschen und dessen Ausweichen in die Ausschweifung folgen würde, hat Nietzsche ganz richtig gesehen.« Er gerate hier »ganz in die Nähe seines Zeitgenossen Marx, ohne zu dessen Konsequenz, dass nur eine Veränderung der Produktionsverhältnisse die Befreiung des Menschen aus der Despotie des Kapitals – nicht des einzelnen Kapitalisten – bewirken kann, weiter zu schreiten«. PF: Unglaublich. WH: Die größte Gemeinheit besteht darin, dass Holz zur Verteidigung Nietzsches einen Zweifrontenkampf gegen Sandvoss und Lukács erö net: »Sandvoss’ Kritik kommt von rechts, von der Position eines behäbigen konservativen Bürgers aus, der jede Un- 2 1 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er ruhe als verdächtig ablehnt und daher von den Sophisten bis zu Nietzsche alles Unglück der Welt mit diesen Maulwürfen des Geistes in Verbindung bringt, die die bestehende Ordnung unterwühlen. Doch nicht weniger undi erenziert ist die Verteufelung Nietzsches ›von links‹, für die (…) Georg Lukács repräsentativ ist.« PF: In unserem vierten Gespräch haben Sie trotzdem, ungeachtet Ihrer Verehrung für Lukács und obwohl Sie Sandvoss’ Ergebnisse in der Hauptsache akzeptieren, sich bestimmte Ansichten von Holz zu eigen gemacht, gegen Buhr. WH: Dem in Wuppertal verlesenen Referat von Holz ist zu entnehmen, dass seine Stellung zu Nietzsche sich geändert haben muss. Und da, im Gegensatz zu Buhr, Holz Nietzsche ausgezeichnet kennt, ist von den kritischeren Positionen, zu denen er sich durchgerungen hat, einiges zu lernen. Holz bleibt freilich auf halbem Weg stehen. Noch immer gibt er pauschal Nietzsche den Vorzug vor der bürgerlichen Kultur seiner Zeit. Noch immer wirft er Lukács vor, ihn zu vergröbern. Nietzsches Wirkung auf dem Faschismus, »aber auch auf eine unruhige kritische Linke«, lässt ihn von »Ambiguität« sprechen. Über Montinaris Lebenswerk äußert er sich mit höchster Bewunderung. Und Schlechta wird von ihm bemüht als Gewährsmann dafür, dass Kaiserin Elisabeth von Österreich … PF: Sissy … WH: Ja, dass die, zu Christomanos, gesagt habe, Nietzsche hätte »sich als ein Opfer in den Abgrund der Zeit geworfen«. Von »sensiblen Zeitgenossen«, heißt es in Holz’ Kommentar dazu, sei eben verspürt worden, dass, wer diese Welt, so wie sie ist, Ernst nehme, an ihr zerbreche. Nietzsches Krankheitsgeschichte, die in seinem Werk ihr »literarisches Äquivalent« nde, habe daher »Symbolwert«. Und was dergleichen Feinheiten mehr sind. PF: Aus dem Wuppertaler Protokoll geht hervor, welch hohes Ansehen Holz bei der Intelligentsja der DKP genießt. Und die prononciertesten Nietzsche-Brüder in deren Reihen, Werner Jung und Lars Lambrecht, blicken allem Anschein nach, obschon sie über Holz noch weit hinausgehen, ehrfurchtsvoll zu ihm auf. WH: Holz ist ihr Lehrer. PF: Lambrecht statuiert eine Geschichte der marxistischen Nietzsche-Kritik, »von Mehring bis H. H. Holz«, deren negative Urteile er, übrigens, »deutlich« relativieren möchte. WH: »Von Mehring bis Lukács, von Günther bis Holz«, hatte es, 1981, einmal in der Rinascita geheißen, und anstandslos wird dies von Gedö zitiert. Jung bezieht sich voller Respekt auf »die große Arbeit von H. H. Holz«. Gemeint ist die Abenteuerliche Rebellion, aus der auch Sandkühler zustimmend einen Passus wiedergibt und der sogar 2 1 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Metscher sich in einem Punkt anschließt: Nietzsche diagnostiziere wenigstens die Krankheit, für die er weder Heilung noch eorie habe. PF: Die humanisierenden Weißwäscher Nietzsches, darunter Holz, sind bereits 1987 von Ihnen in die Traditionslinie der Elisabeth Förster-Nietzsche gerückt worden, in dem Sinne, in dem Sie dies heute nochmals bekräftigt haben. »Obwohl sie wie die Rohrspatzen auf sie schimpfen, betreiben sie weiterhin ihr Geschäft.« Holz ndet diesen Vorwurf, den er auf Ihren »seit jeher maßlosen Hang zur Polemik« zurückführt, »zu absurd«, als dass er auf ihn sich einlassen müsste. Und Lambrecht sekundiert seinem Lehrer, indem er die Frage stellt, ob damit von Ihnen nicht »Hans Heinz Holz und andere über jeden Zweifel erhabene antifaschistische Persönlichkeiten zu geschichtlichen Geisteskindern eben Hitlers und Rosenbergs erklärt« würden. Was haben Sie darauf zu erwidern? WH: Zweierlei. Auf der einen Seite ist es ein törichter Anachronismus, Hitler und Rosenberg ins Spiel zu bringen, wenn, wie bei mir, von verfälschenden Humanisierungen Nietzsches die Rede ist, die seine Schwester gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kreiert hat. Die bewegen sich auf einer – ich sagte es – teils bigott christlichen, teils weimaranischen Linie, auf keiner nazistischen. Was, andererseits, aber die Persönlichkeit namens Holz anbelangt, so ist deren Antifaschismus keineswegs »über jeden Zweifel erhaben«. PF: War er Nazi? WH: Ich glaube nicht. Außerdem wäre es bei einem 1927 geborenen Mann nicht sonderlich tragisch zu nehmen. Nein, Holz hat nach 1945 Werke Charles Mayers, eines französischen faschistischen Autors, in eigenen Übersetzungen, versehen mit freundlich empfehlenden Einleitungen bzw. Nachworten herausgebracht, bei Alfred Metzner, Frankfurt am Main: 1953 Mayers Der Mensch. Geist oder Materie?, 1954 seine Moral für die Zukunft und 1961 sein Leben der Sinne. Ursprung des Lebens; 1967 dann noch kommentarlos Von der Bestimmung des Menschen, im Athenäum-Verlag. Sehen Sie sich diese Bücher an! Ihnen werden die Haare zu Berge stehen. Als die beiden erstgenannten vorlagen, unterzog Joachim Höppner sie in Heft 5, 1956, der Deutschen Zeitschrift für Philosophie einer ebenso berechtigten wie vernichtenden Kritik. Sie wirft Holz, unter anderem, vor, dem Eintreten Mayers »für die Vernichtung des Sozialismus, der Kolonialsklaverei und den Massenmord an ›Verbrechern‹« einen »hohen Grad von Aufrichtigkeit und Wahrheitsgehalt« zu attestieren. PF: Dies steht in dem letzten Heft, das damals noch von Ihnen, als Mitherausgeber und Chefredakteur, verantwortet worden ist? WH: Ja. 2 1 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Das Heft wurde aus dem Verkehr gezogen und, soviel ich weiß, eingestampft. Die wenigen erhalten gebliebenen Exemplare stellen eine antiquarische Rarität dar. WH: Höppners Rezension war davon nicht betro en. Sie ist unverändert in das Ersatzheft 5/6 des Jahrgangs 1956 übergegangen, unter dem Chefredakteur Matthäus Klein, meinem Nachfolger. Antifaschismus blieb zwischen Bloch, Klein, Höppner und mir ein von sonstigen Divergenzen unberührter Grundkonsens – gegen den uns überraschenden und tief bestürzenden Missgri unseres jungen westdeutschen Mitarbeiters Holz. PF: Der damals schon der DKP nahestand? WH: Der KPD stand er politisch nahe. Sie war im August verboten worden. Ob er ihr Mitglied gewesen ist, vermag ich nicht zu sagen. In der DDR war es Ernst Bloch, zu dem Holz sich hingezogen führte und den er umwarb. PF: Wie stand Bloch zu dieser A äre? WH: Der Abdruck der Höppnerschen Rezension ist, meiner Erinnerung nach, auf Blochs Betreiben erfolgt, zumindest mit seiner entschiedenen Zustimmung. PF: Und wie reagierte Holz auf Höppners Verriss? WH: Das habe ich damals nicht mehr miterlebt. Ich weiß nur, dass Holz nicht aufhörte, faschistoide Werke Charles Mayers herauszugeben, dass er aber dessen Leben der Sinne usw. 1961 vorsichtshalber unter einem Pseudonym, Andreas Wartenberg, übersetzt und lobend benachwortet hat. Dass das Nachwort von ihm selbst stammt, gibt er neuerdings jedoch ungeniert zu, so in der Bibliographie seiner eigenen Werke am Ende der Festschrift, die, anlässlich seines 60. Geburtstages, Domenico Lasurdo und Hans Jörg Sandkühler unter dem Titel Philosophie als Verteidigung des Ganzen der Vernunft bei Pahl-Rugenstein, Köln, 1988, herausgegeben haben, daselbst auf Seite 325. PF: Was Sie da berichten, klingt phantastisch. Ich werde es nachprüfen. Wollen Sie etwa auch Holz faschistische Tendenzen anlasten? WH: Das hieße stark übertreiben. Aber Holz denkt bisweilen recht verworren. Er hält, grotesker Weise, ja auch Leibniz für einen Materialisten, was ich ihm in den fünfziger Jahren nie habe ausreden können und woran er, soweit ich sehe, in seinen Überlegungen zur Ontologie bis heute festhält. Von Holz’ einstigem Nietzsche- En thusi as mus, von seiner fortdauernden Anhänglichkeit an Schlechta, seinem Engagement für den unsäglichen Charles Mayer sowie den Mäkeleien und Sticheleien, mit denen er Lukács madig zu machen beliebt, würde ich meinen, sie gehören eng zusammen, bedingen – und erhellen – einander wechselseitig und schließen, unter Umständen, auch ein Moment geistiger Wehrlosigkeit gegenüber faschistischem Gedankengut ein. 2 1 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Holz’ Hass auf Sandvoss, dem, wie wir sahen, das Verdienst gebührt, die unmittelbare ideologische Abhängigkeit Hitlers von Nietzsche erstmals aus den Texten beider bewiesen zu haben, passt ins Bild. Holz’ Genossen, vor allem seine Schüler unter ihnen, wären, nach alledem, gut beraten, ihn ein wenig kritischer zu sehen. Und Holz seinerseits ist es ihnen schuldig, einmal schonungslos mit seinem philosophischen Gewissen ins Gericht zu gehen. Solange er, wie in dem Beitrag für das Wuppertaler Symposium, darin fortfährt, seine Abenteuerliche Rebellion, ohne ein Sterbenswörtchen kritischer Distanzierung von ihr, gänzlich unbeschwert als Quelle zu heutigen einschlägigen Darlegungen anzuführen, bleibt seine Sinneswandlung in Sachen Nietzsche eine Halbheit und wenig glaubwürdig. Wie, vollends, kann ich ihr vertrauen, wenn in besagter Holz-Festschrift, von 1988, Rüdiger W. Schmidt unbekümmert, unter Missbrauch eines Tucholsky-Zitats, für die Colli-Montinarische Nietzsche-Edition die Werbetrommel schlägt? Jetzt endlich, lese ich da, könnten wir damit beginnen, die Werke nicht Lieschen Försters, sondern Friedrich Nietzsches zu lesen. Ausgerechnet jetzt, füge ich hinzu, vor dem Hintergrund neofaschistische Aktivitäten und Wahlerfolge. PF: Die Abenteuerliche Rebellion sei, sagten Sie, bei Luchterhand erschienen. WH: Ja. PF: Dass Holz das Buch bei Pahl-Rugenstein nicht hat unterbringen können – oder wollen –, lässt auf eine gewisse Distanz zwischen der DKP und ihm schließen, jedenfalls in der damaligen Situation. Der Abstand war o enbar aber nicht so groß, dass … WH: Damals war nicht abzusehen, dass es nächstens eine Nietzsche-Renaissance geben würde. Zumindest unter bundesdeutschen Linken stand Holz 1976 mit seiner Vorliebe für Nietzsche noch so allein da, dass ihm seitens der DKP vielleicht der Status eines zu tolerierenden Außenseiters zugebilligt wurde, nehme ich an. PF: Ich bezwei e, ob damit – oder damit allein – der wahre Sachverhalt getro en ist. Mein Schluss sieht anders aus: Weil die DDR den Colli und Montinari den Nietzsche-Nachlass in Weimar zur Auswertung und Verö entlichung zugänglich gemacht hatte und 1976 seit Beginn des Erscheinens der Kritischen Gesamtausgabe neun Jahre ins Land gegangen waren, musste die Distanzierung der DKP von dem »linken« Nietzsche-Bruder Holz sich in Grenzen halten. WH: Eine Hypothese, die zu Ihrer diesbezüglichen eorie passt, aber unbewiesen ist. PF: Es liegt an Ihnen, die eorie zu widerlegen. Ich lasse sie sofort fallen, wenn Sie es fertig bringen, meine Vermutungen durch eine wahrheitsgetreue Darstellung der Erfahrungen, die Sie in diesem Zusammenhang hinter sich haben, zu entkräften. Ich fürchte nur, es wird Ihnen nicht gelingen. Beantworten Sie mir, bitte, als erstes die 2 1 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Frage: Was hat dazu geführt, dass Sie, in fortgeschrittenem Alter, sich wieder mit Nietzsche zu beschäftigen an ngen, der Ihnen immer zuwider gewesen ist und für den Sie seit früher Jugend auch keinerlei fachliches Interesse mehr aufbrachten. WH: Der Anlass dazu hatte mit der DDR nichts zu tun. Ich erhielt im Winter 1978/1979 von meinem bundesdeutschen Verleger Rowohlt eine Anfrage, ob ich bereit sei, im Rahmen der Serie »das neue Buch«, in der fünf Jahre zuvor die größere meiner Arbeiten über Jean Paul erschienen war, zu einem Sammelwerk über Nietzsche einem Beitrag zu liefern. PF: Zum Literaturmagazin 12. Es ist im Mai 1980, herausgegeben von Nicolas Born, Jürgen Manthey und Delf Schmidt, im Westen auf den Markt gekommen. Wie reagierten Sie auf das Angebot? WH: Sinngemäß lautete meine Antwort, dass ich die Gewähr haben müsste, mich als Autor ausschließlich in der Gesellschaft von Nietzsche-Gegner zu be nden. Da mir dies nicht garantiert werden konnte, sondern, im Gegenteil, von einem international neu erwachten Interesse die Rede war, dem nun auch in Deutschland, nachdem hier »die Ansteckungsgefahr vorüber« sei, Rechnung getragen werden müsse, lehnte ich mit Befremden ab. Ich habe in der Folgezeit aber, um der neuen Situation gewachsen zu sein, wieder Nietzsche gelesen, desgleichen Sekundärliteratur über ihn. PF: Während Ihres mehrjährigen Aufenthaltes im Westen, neben Ihren Aktivitäten für die Ökologiebewegung. WH: Ja. Das heißt, schon kurz davor, mit größerer Intensität aber erst ab 1980, nach Lektüre des besagten Literaturmagazin, das mich stark beunruhigte. Nur den letzten Beitrag, den von Jan Knopf, bejahe ich, mit der Einschränkung, dass ich die darin enthaltenen Ausfälle gegen Lukács nicht begreife und schon gar nicht gutheißen kann. Alles Übrige in dem Band ist für mich mehr oder weniger unannehmbar, so das Knopf mir eine Alibifunktion auszuüben scheint. Ich war – und bin – heilfroh, mich der Beteiligung an diesem Unternehmen, »linkes« Nietzscheanertum im deutschen Sprachraum zu etablieren, versagt zu haben. PF: Und dann, wie ging es weiter? WH: Lassen wir das doch auf sich beruhen. Unser Gespräch nimmt jetzt wieder, wie das vorige über die Globalprobleme, eine Wendung, die nur dazu führt, dass ich genötigt bin, mich über allzu persönliche Dinge auszulassen. Einen zweiten derartigen Exkurs sähe ich gern vermieden. PF: Bei mir besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass auch diesmal Ihre so genannten »persönlichen Dinge« symptomatische Bedeutung haben. Ich bitte Sie dringend, um der Sache willen, mir dazu Rede und Antwort zu stehen. Nochmals also: Wie ging 2 1 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k es weiter? Heraus mit der Sprache, ohne Rücksicht auf Leute, die Ihnen übel mitgespielt haben! WH: Als ich Ende 1981 in die DDR heimkehrte, war hier mein politisch-ökologisches Engagement immer noch ebenso wenig gefragt wie vor meiner Ausreise. Bedeutet wurde mir, dass man es begrüßen würde, wenn ich die Neigung verspüren sollte, mich auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie fortan nicht mehr nur philologisch zu betätigen. PF: Wie im Fall der Feuerbach-Ausgabe. WH: Ja. Alsbald stellte sich, zu meinem Entsetzen, jedoch heraus, dass man sich von mir ein so genanntes »ausgewogenes« Buch über Nietzsche erho te. Eine der SED angehörende Bekannte machte mir klar, ich sei hierfür besonders geeignet, weil frühere Arbeiten von mir sich im Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegten. Im Akademie-Verlag hieß es, wir brauchen endlich ein di erenziertes Nietzsche-Bild. Ein hoher Funktionär im Kulturministerium, der mir, zusätzlich zu meiner Rente, ein Stipendium aus dem Kulturfonds in Aussicht stellte, meinte: »Zu Nietzsche stehen Sie kritisch. Das ist gut so. Sie p egen aber auch nicht mit dem Holzhammer zu arbeiten.« Ich antwortete, gegen Nietzsche würde ich mit einer Axt aus Stahl, am liebsten mit dem Presslufthammer, der Dampframme vorgehen. Die Schwierigkeit bestünde freilich darin, dass ich nicht im Stande wäre, den erforderlichen polemischen Ton der Auseinandersetzung mehr als 30, 40 Seiten lang durchzuhalten. Um über einen Denker etwas Umfangreiches zu schreiben, müsste ich ihm rationelle Momente abgewinnen können, ihm ein gewisses Maß an Verehrung entgegenzubringen in der Lage sein. Vor Nietzsche empfände ich nicht als Ekel. PF: Was geschah daraufhin? WH: Es folgte während der nächsten Monate ein Stadium des Hin und Her, in dem ich die Verantwortlichen, angefangen vom Akademie-Verlag bis hinauf zu hören Stellen, mittels Gutachten und Denkschriften vor Di erenzierungen im Fall Nietzsche warnte und sie gleichzeitig darum bat, mir doch ein anderes ema, ein mich mehr befriedigendes, anzuvertrauen. 1983 schloss der Verlag mit mir einen Vorvertrag ab, der mich für ein umfangreiches Werk über Nicolai Hartmann in die P icht nahm.30 Daran setze ich seither. Die Vollendung indes hat sich zu meinem Leidwesen immer wieder hinausgezögert, weil das o ensichtliche Bestreben mancher Leute, Nietzsche, 30 (AH) Siehe hierzu die entsprechenden Dokumente und Hinweise des 10. Bandes. Als »Vorvertrag« zu dem Hartmann-Werk (über das der Akademie-Verlag mit Harich nie einen rechtskräftigen Vertrag schloss) fungierte ein Brief, den Harich am 14. Juni 1984 an Lothar Berthold sendete (Band 10, S. 883–888). 2 1 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er wenn auch unter kritischen Vorbehalten, in die kulturelle Erbep ege der DDR mit einzubeziehen, mir keine Ruhe ließ. Erneut sah ich mich zu Warnungen genötigt. Hinzu kam, dass mir 1985 anlässlich des 100. Geburtstages von Lukács dessen anhaltende Missachtung bei uns bewusst wurde. Auch gegen diesen Missstand begann ich anzukämpfen, was meine Arbeit über Nicolai Hartmann ebenfalls mehrmals unterbrach.31 Außer Fassung geriet ich schließlich durch den Nietzsche-Aufsatz von Heinz Pepperle in Heft 5, 1986, von Sinn und Form. Ein Redakteur dieser Zeitschrift, von dem ich glaubte, er teile meine Ansichten, hatte ihn mir als gnadenlose Abrechnung mit dem neuen Nietzscheanertum angekündigt. Nun begri ich das ganze Ausmaß der Verwirrung, die bei uns herrscht. Und so ließ ich alles andere stehen und liegen und schrieb meine Polemik gegen Pepperle. PF: Wie wurde die von der Redaktion aufgenommen? WH: Negativ, ablehnend. Nur unter nervenaufreibenden Kämpfen und nur um den Preis meiner Einwilligung in abmildernde Streichungen, die, zum Teil, Missverständnisse heraufbeschworen haben, ist es mir gelungen, den Abdruck in Sinn und Form durchzusetzen, in dem Heft 5 vom September 1987, das überdies bloß in winziger Au age erschienen ist. Was darauf folgte, kennen Sie: Die Angri e Hermann Kants und Stephan Hermlin auf mich, im November 1987, bei Gelegenheit des X. Schriftstellerkongresses der DDR, und dazu die Meinungen zu einem Streit, die, mit großer Au age, in Heft 1, 1988, von Sinn und Form abgedruckt worden sind und sich, überwiegend, gleichfalls gegen mich richten. Die Diskriminierungen, in denen ich seither in der DDR ausgesetzt bin, spotten jeder Beschreibung. Zu ihnen gehört, dass mir, trotz mehrfacher Bitte, bis heute keine Gelegenheit geboten wurde, meinen Kritikern ö entlich zu antworten. PF: Diese Gelegenheit biete jetzt ich Ihnen. WH: Ja, im Westen. Daran liegt mir nichts. Der SFB in Westberlin, Konkret in Hamburg und die grünalternative Zeitschrift MOZ in Wien haben mich im Winter 1987/1988 bereits zu Stellungnahmen eingeladen. Ich habe jedes Mal dankend abgelehnt, weil ich eine Fehde, die innere Angelegenheit der DDR ist, nicht grenzüberschreitend austragen mochte. Daran würde ich gern festhalten, auch jetzt. Unser Dialog, soweit er Meinungsverschiedenheiten unter Kommunisten betri t, sollte sich auf das Wuppertaler Symposium beschränken. 31 (AH) Zu diesem emenkomplex siehe die verschiedenen Verweise dieses Bandes. Alle relevanten Dokumente, Aufsätze, Briefe usw. Harichs präsentiert der 9. Band, dort alle weiteren Informationen. Siehe zur Einführung: Heyer: Wolfgang Harich sprach über Georg Lukács. Mit Dokumenten und Texten, Berlin, 2014. 2 1 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Ich verstehe Ihre Zurückhaltung nicht. Kants und Hermlins Attacken gegen Sie, frei von sachlicher Würdigung Ihrer Argumentation, sind live über Rundfunk und Fernsehen gegangen, in Ost und West. Und neulich ist das Protokoll des X. Schriftstellerkongresses auch im Westen gedruckt erschienen, bei Pahl-Rugenstein. Dadurch verschlechtert Ihre Situation sich noch. Denn zusätzlich zu Kants und Hermlins Ausführungen enthält das Protokoll noch die um Nachsicht für Sie bittende Äußerung einer Kongressdelegierten, die Ihre Aggressivität auf das Schicksal, das Sie erlitten haben, zurückführt. Sie stehen nicht gut da, wenn Sie zu alledem nicht sagen. Man hat aus Ihnen einen Buhmann gemacht. Und durch den Vorwurf dogmatischer Intoleranz, der gegen Sie erhoben wird, sind Sie zum Demonstrationsobjekt der »Weite und Vielfalt« des geistig-kulturellen Lebens in der DDR geworden, obwohl gerade Ihre Verfemung und Ihr Verurteiltsein zum Schweigen die in ihr vorherrschende Enge und Einseitigkeit bezeugen. Warum wehren Sie sich nicht? WH: Ich beabsichtige, unser gemeinsames Buch, falls Sie nichts dagegen haben, auch einem DDR-Verlag zur Verö entlichung anzubieten. Für die DDR-Ausgabe, sollte die zu Stande kommen, will ich dann einen Anhang schreiben, in dem ich denjenigen Kritikern, die sich in Sinn und Form, im Rahmen der Meinungen zu einem Streit, ge- äußert haben, antworte. Vielleicht kann ich mich in dem Zusammenhang auch noch auf weitere Arbeiten zu Nietzsche beziehen, die hierzulande mittlerweile erschienen sind oder bis dahin noch erscheinen werden. PF: Ich bezwei e, ob es zu einer DDR-Ausgabe bekommen wird, wäre aber damit einverstanden, so zu verfahren, soweit es sich um das ema Nietzsche handelt. Den davon unabhängigen Verletzungen Ihrer Ehre, Ihrer Menschenwürde dagegen sollten Sie jetzt gleich die Stirn bieten. Wie ich hörte, hat es, seit Herbst 1987, in kleinem Kreis in der Akademie der Wissenschaften der DDR, unter dem Vorsitz Buhrs, einige interne Diskussionen über Nietzsche gegeben. Stimmt das? WH: Ja, bisher fünf an der Zahl. PF: Ergab sich der Gelegenheit zu mündlicher Kontroverse zwischen Ihnen und Pepperle? Und wenn ja, wie verlief sie? WH: Pepperle war immer eingeladen, und zum ersten Mal im Oktober 1987, ist aber, ohne Entschuldigung, jedes Mal ferngeblieben. Ich erwähnte dies bereits. PF: Trotzdem behielt er, gegen Sie, in Sinn und Form das letzte Wort? Und Ihrer Bitte, replizieren zu dürfen, wurde nicht entsprochen? WH: Auch das habe ich doch bereits erwähnt. PF: Es ist ein unerhörter Vorgang, den die Ö entlichkeit nicht länger ignorieren darf. Weiter: Hermann Kant hat Sie mit Pol Pot verglichen. 2 2 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Nicht wegen meiner Haltung zu Nietzsche, sondern im Hinblick auf meine ablehnende Stellungnahme zum Futurismus und Expressionismus. PF: Die zu äußern Ihr gutes Recht ist und – kein Massenmord. WH: Kants Ausfälle gegen mich sind nicht in die Meinungen zu einem Streit mit aufgenommen worden. Ich möchte Sie daher … PF: Aber sie stehen im Protokoll des Schriftstellerkongresses, in Ost und West. WH: Ich möchte Sie übergehen, damit der Diskurs zu Nietzsche nicht durch die zu Tage getretenen Divergenzen über die modernistische Kunst und Literatur thematisch uferlos wird. PF: Hermlins Polemik gegen Sie erö net die Meinungen zu einem Streit. Sie enthält Aussagen, die Ihrem Ansehen abträglich sind. Solange Sie darauf nicht erwidern, unterstellen Sie sie als wahr. WH: Ich habe darum ersucht, sie richtig stellen zu dürfen. Es wurde mir verweigert. Mit Pepperles Schlusswort sei die Diskussion beendet. PF: Dann antworten Sie jetzt, bitte! WH: Ich sehe mich außer Stande, zu entscheiden, ob bei Hermlin Erinnerungslücken vorliegen oder ob er lügt. Ich will dies dahingestellt sein lassen. Jedenfalls weist sein Beitrag mehrere Unwahrheiten auf. Hermlin behauptet beispielsweise, ich hätte einmal in Sinn und Form das Verbot der Stücke Heiner Müllers gefordert. Daran ist kein Wort wahr. PF: Ich weiß. Soweit mir bekannt ist, haben Sie sich einmal lebhaft für die Au ührung von Stücken Heiner Müllers eingesetzt … WH: Schon 1965 oder 1966, für Philoktet … PF: … haben sich aber Anfang 1973 an Müllers Macbeth-Bearbeitung, deren Aufführung Sie begrüßten, gleichwohl in satirischer Form Kritik zu üben erlaubt. Und schon damals schloss sich an deren Verö entlichung in Sinn und Form eine – so genannte – Diskussion an, in der Sie, wie man so sagt, »fertiggemacht« wurden. Antworten konnten Sie darauf nur im Westen, in Rowohlts Literaturmagazin.32 WH: Nun unterliegen Sie einer Gedächtnistäuschung. Nicht auf meine Kritiker in der DDR habe ich dort geantwortet, sondern auf einen Angri Hartmut Langes, abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen. PF: Richtig, so war es. Was stellt Hermlin noch falsch dar? 32 (AH) Gemeint ist: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der Macbeth-Bearbeitung Heiner Müllers, in: Sinn und Form, Heft 1, 1973, S. 189–254. Erweiterter Abdruck dann in: Rowohlts Literaturmagazin, Nr. 1, S. 88–122. Dort auch noch einmal der Text Wolfgang Harichs Angst vor einem Kunstzerfall in der DDR von Hartmut Lange, S. 123–127. 2 2 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Ich habe ihm, nach entsprechenden Verlautbarungen von ihm im Westen, am 9. Mai 1987 brie ich vorgehalten: »Du trittst überall mit der Beteuerung auf, dass es unverö entlichte Manuskripte, die unterdrückt würden, bei uns nicht gäbe. Aus eigener Erfahrung weiß ich es besser. Zwei Beiträge von mir, die, für Zeitschriften verfasst, thematisch gut zueinander passen und so zusammen auch ein Buch ergäben, werden unterdrückt. Mit dieser Mitteilung verbinde ich die Erwartung, dass jetzt Du Dich meiner Sache annimmt und damit von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machst, Deine eigene Glaubwürdigkeit zu retten.« Was hat Hermlin daraufhin getan? Er hat an die Stelle des von mir gewählten Ausdrucks »unterdrückt« das Wort »ungedruckt« gesetzt, um den Schriftstellerkongress und danach die Leser von Sinn und Form glauben zu machen, ich unterstelle ihm die, wie er sagt, »alberne Behauptung«, das in der DDR keine »ungedruckten Manuskripte« existierten. Und damit nicht genug: Einen meiner beiden damals unterdrückten Aufsätze unterschlägt er: Den mit der Überschrift Mehr Respekt vor Lukács! den ich, weil seine Verö entlichung von den Weimarer Beiträgen, von Sinn und Form und von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgelehnt worden war, im Winter 1986/1987 nach Wien habe schmuggeln müssen, zum Abdruck in den linkssozialistischen Aufrissen.33 PF: Das kann, anders als bei der Sache mit Heiner Müller, aber kein Gedächtnisfehler Hermlins mehr gewesen sein. WH: Gerade das Kurzzeitgedächtnis wird bei zunehmendem Alter schwächer. So konstatiere ich auch in diesem Fall bloß Unwahrheiten. Wie dem auch sei: Schlimm ist, dass ich zur Richtigstellung des tatsächlichen Sachverhalts bis heute keine Gelegenheit hatte, durch nunmehr anderthalb Jahre. PF: Und ist Ihr Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! inzwischen in der DDR erschienen? WH: Nein. Er ist, außer in den Wiener Aufrissen, Ende 1988 noch in Kultur und Gesellschaft, Köln, abgedruckt worden, dank einer Initiative André Müllers und omas Metschers; in der DDR bis heute nicht. Lediglich den Nietzsche-Aufsatz habe ich, unter Hinnahme mir aufgezwungener Streichungen, in Sinn und Form unterbringen können. PF: Hermlin scheint darauf stolz zu sein, den nicht zum Abdruck empfohlen zu haben. WH: Trotzdem glaube ich, dass erst mein Brief an ihn den Abdruck erzwungen hat. Es sollte wohl vermieden werden, dass ich einen Skandal machte. PF: Was sagen Sie zu Hermlins Verteidigung Nietzsches? 33 (AH) Neuabdr. in zwei Versionen in Band 9, S. 433–460. In dem Band auch weitere Dokumente, die die Entstehungs- und Publikationsgeschichte des Aufsatzes beleuchten. 2 2 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Sie stets sachlich auf sehr schwachen Füßen, und auf meine Argumentation geht sie nicht ein. Ich will mich darüber aber in einer Westpublikation nicht näher auslassen. Meine Stellungnahme zu den Diskussionsbeiträgen in Heft 1, 1988, von Sinn und Form behalte ich, wie gesagt, dem Anhang zu der – mir sehr erwünschten – DDR-Ausgabe unserer Dialoge vor. PF: Zu dem Beitrag Buhrs haben Sie sich aber zu mir geäußert, im Verlauf unseres vierten Gesprächs. WH: Hier handelt es sich um ein Sonderfall, da Buhr den Beitrag so, wie er in den Meinungen zu einem Streit besteht, wortwörtlich auch in Wuppertal vorgetragen hat. PF: Zu jenen Meinungen wollen Sie jetzt also gar nichts mehr sagen. WH: Nur eines möchte ich gern heute schon loswerden: Das als einziger Rudolf Schottlaender mich unterstützt hat, mit seinem Richtiges und Wichtiges überschriebenen Beitrag, und dass ich – nicht nur deswegen übrigens – mit Gefühlen der Dankbarkeit an diesen integren, gescheiten, hochgebildeten Mann zurückdenke; diesesfalls freilich – leider – auch mit gemischten Gefühlen, insofern, als ich es beschämend nde, dass die übrigen Diskussionsteilnehmer, unbeschadet ihres Bekenntnisses zum Marxismus, sich an antifaschistischer Standhaftigkeit von einem dezidierten Nichtmarxisten, einem bürgerlichen Philosophen haben übertre en lassen. Ähnliche Gefühle, gemischt aus Dankbarkeit und Scham, befallen mich im Gedanken daran, dass ich unmittelbar nach dem X. Schriftstellerkongress in der DDR nur von Pfarrer Hanfried Müller, in den Weißenseer Blättern, und im Ausland von David Binder, in der New York Times, sowie von Wolfgang Schneider, in Konkret, gegen Kants und Hermlins Gehässigkeit in Schutz genommen worden bin. PF: Vergessen Sie Steigerwald nicht! Er hat in der Düsseldorfer Deutschen Volkszeitung, in einer Leserzuschrift zu dem Bericht über den Schriftstellerkongress … WH: Steigerwald hat zwischen Hermlin und mir eine Zwischenstellung bezogen. Echte Parteinahme für die von mir vertretene Position gab es unter den DKP-Genossen nur bei Metscher und bei ihm erst ein knappes halbes Jahr später, in Wuppertal. PF: Kehren wir zu dem dortigen Symposium zurück! Das Protokoll, sahen wir, trägt den Titel Bruder Nietzsche? Was meinen Sie: Welche Teilnehmer müssten, für ihr Teil, ehrlicherweise das Fragezeichen dahinter weglassen? WH: Von den Referenten Werner Jung, Lars Lambrecht und der dänische Gast, Jörgen Kjaer. Von denen, die nur in der Diskussion zu Wort gekommen sind Josef Hartmann, Elisabeth Heinrich, Herbert Weber und Stefan Stuckmann. 2 2 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k PF: Kostproben aus den Beiträgen einiger Diskutanten haben Sie bereits zum Besten gegeben. Belassen wir es jetzt bei den Referenten! Werner Jung behandelte Das Nietzschebild von Georg Lukács. WH: Untertitel Zur Metakritik einer marxistischen Nietzsche-Deutung. Es ndet sich darin ein bemerkenswerter Gedanke, der besonders mir auf den ersten Blick nicht unwillkommen ist: Dass nämlich »erst der später Lukács mit der Ontologie des gesellschaftlichen Seins einen radikalen Trennungsstrich unter die idealistische Argumentation von Geschichte und Klassenbewusstsein zieht«. Ich gehe freilich nicht entfernt so weit, Die Zerstörung der Vernunft mit Jung eine »organische, in gnoseologischer Hinsicht logische Fortsetzung von Geschichte und Klassenbewusstsein« zu nennen. Allein die Anerkennung von Widerspiegelungstheorie und Naturdialektik sowie die Polemik gegen den subjektiven Idealismus in dessen neukantianischen, machistischen, phänomenologischen usw. Spielarten machen bereits Lukács’ Jungen Hegel und ebenso Die Zerstörung der Vernunft in den Hauptfragen zu durchaus materialistischen Werken. Erst in der späten Ontologie jedoch vollendet sich Lukács’ Materialismus; so viel ist wahr. Meine Würdigung der Ontologie Nicolai Hartmanns und ihrer kritisch-konstruktive Rezeption durch den späten Lukács gipfelt – wie man sehen wird – in diesem Resultat. Jung, als Holz-Schüler, weiß aber von Nicolai Hartmann o enbar nichts. Und da er, in Folge dessen, die Krypto-Synthese von Hegelscher »Logik« und Feuerbachschem Materialismus, die das gedankliche Fundament der Hartmannschen Systematik bildet, nicht kennt, glaubt er, das rationelle Erbe der klassischen deutschen Philosophie, an dem sowohl Hartmann als auch Lukács stets festgehalten haben – Lukács in allen seinen Phasen, bis zuletzt –, in extrem destruktiver und pauschaler Weise überhaupt negieren zu dürfen – mit Nietzsche. Von Nietzsche werde die »ganze Denkbewegung, die sich ihm in der Philosophiegeschichte von Sokrates bis Hegel als okzidentaler Rationalismus zusammenfasst, grundsätzlich und radikal (…) attackiert«. Eben das sollen wir uns fortan zu eigen machen – gegen Lukacs, der in der Zerstörung der Vernunft, weil er da immer noch auf Hegelsche, ergo idealistische Gedankengänge zurückgreife, »nicht zu überzeugen vermag«. Als ob Nietzsche, auf seine obskure Weise, nicht erst Recht idealistisch dächte! Als ob ein Zuwachs an materialistischen Konsequenz des Denkens die Preisgabe jener Vernunftbejahung einschlösse – oder auch nur nahelegte –, die an der von Sokrates bis Hegel durchlaufenden rationalistischen Tradition für Marxisten unverzichtbar bleibt! Als ob das abwertend gemeinte Epitheton »okzidental«, mit dem Jung anscheinend eine Absage an eurozentrische Selbstüberhebung vorgaukelt, jemals das Kernstück von Nietzsches »großer Politik«, sein Programm der Erdherrschaft des »guten Europäers«, vergessen machen könnte! 2 2 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Am meisten stört Jung, glaube ich, dass, Lukács zu Folge, »alles, was bei Nietzsche nur Tendenz ist, sich im Faschismus erfülle: die blonde Bestie, der Wille zur Macht und schließlich der Dionysoskult in Gestalt der faschistischen Blutorgien und Massenszenarien«. WH: Genau das aber ist wahr, und es gehört zu Lukács’ zahllosen Verdiensten, dies klargestellt zu haben. PF: Er interpretierte, wirft Jung ihm vor, Nietzsche immer von vorne. Aus der Perspek ti ve faschistischer »Nietzsche-Deutungen (Rosenberg, Klages und Bäumler) wird der Weg zu Nietzsche selbst zurückgegangen, um dann wieder – wie bei einem Puz zlespiel, in dem alle Teile nahtlos ineinander passen – nach vorwärts auszugreifen«. Dabei müssten »alternative Interpretationen wegfallen«, etwa die von Ernst Bloch oder eodor Lessing. WH: Die von eodor Lessing ist der Klagesschen nicht unverwandt. Bloch hat in Erbschaft dieser Zeit, dem Buch, auf das Jung sich bezieht, reaktionäres, irrationales Gedankengut generell »umzufunktionieren« versucht; einer seiner abstrusesten Einfälle.34 Zu beanstanden ist an Lukács’ Interpretation Nietzsches, dass er dessen Ein uss auf den Faschismus nicht direkt genug fasst, dass er ihn mehr über Zwischenglieder, Mittelsmänner, wie Rosenberg oder Bäumler, laufen lässt, statt Mussolini und Hitler als Nietzsches unmittelbare Schüler und Exekutoren ins Visier zu bringen. Er hat Mussolini zu wenig Beachtung geschenkt, hat Sandvoss’ Textkollationierungen 1969, zwei Jahre vor dem eigenen Tod, nicht mehr zur Kenntnis nehmen können. Unsere Aufgabe ist es, Lukács’ Verdammungsurteil nicht abzuschwächen, sondern es noch zu verschärfen – in seinem Sinne, doch auf breiterer empirischer Basis. PF: Der andere Holz-Schüler, Lambrecht, geht an Lukács mit einer verächtlich wegwerfenden Nebenbemerkung vorbei. Mutmaßlich setzt er voraus, dass in einem Referat, gewinnt mit dem ema Nietzsche und die deutsche Arbeiterbewegung … WH: … dem längsten der ganzen Veranstaltung … PF: … dass ein Ungar darin übergangen werden kann. WH: Trotz dessen Mitgliedschaft in der KPD. PF: Wie bitte? WH: Wissen Sie das gar nicht? Lukács ist während schicksalsschwerer Jahre deutscher Geschichte, 1931 bis 1945, Mitglied der KPD gewesen, mit Einschluss der Zeit seines 34 (AH) In den Hartmann-Manuskripten (und auch in anderen Aufsätzen des Alters) hatte Harich in den achtziger Jahren eine explizite Kritik an Ernst Blochs philosophischem Konzept entwickelt, nachzulesen in Band 10. Der Band 1.3 präsentiert alle Briefe Harichs an Bloch, die von ihm verfassten Gutachten, weitere Texte usw. (Band 1.3, S. 1787–1842). Erbschaft dieser Zeit stand er bereits seit den fünfziger Jahren kritisch gegenüber. Siehe zur Einführung: Heyer: Ernst Bloch und Wolfgang Harich (in: Band 1.3, S. 1733–1786). 2 2 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k zweiten Aufenthaltes in der Sowjetunion, 1933 bis 1945; nachdem er während des ersten, 1930 bis 1931, der KPdSU als Mitglied angehört hatte, bis zu seiner Übersiedlung nach Berlin im Sommer 1931. Erst 1945 begann zwischen der ungarischen und der deutschen KP ein Tauziehen um ihn, bei dem Rákosi sich gegen Pieck und Becher durchsetzte. Doch von Lukács, dem deutschen – und deutsch schreibenden – Kommunisten ungarischer Nationalität während der zwei letzten Jahre der Weimarer Republik und der ganzen Nazizeit abgesehen, erblicke ich darin, dass diese Periode bei Lambrecht überhaupt nicht zur Sprache kommt, das ärgste Manko seines Beitrages. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, auf die Lambrecht sich zu beziehen vorgibt, versickert für ihn irgendwann im Lauf der zwanziger Jahre. Auf Lukács’ Beiträge zu Nietzsche in der Moskauer Zeitschrift Internationale Literatur. Deutsche Blätter braucht er daher nicht einzugehen. Hans Günther gar hat für ihn nie existiert. Er bleibt Unperson für Lambrecht, wie einst als Opfer Stalins, nur jetzt mit nietzscheanischem Vorzeichen. Dabei war Günther ja nicht nur KPD-Mitglied, sondern, im Unterschied zu Lukács, auch noch deutscher Nationalität. Kann man, frage ich Sie, ein Referat, das, ungeachtet solcher Lücken, den Titel Nietzsche und die deutsche Arbeiterbewegung trägt, als seriös betrachten? PF: Streng genommen nicht. Sonderbar nde ich auch das große Gewicht, das darin den rechtsrevisionistischen Sozialistischen Monatsheften beigemessen wird. Hat man einen Genossen aus der SPD für das Hauptreferat gewonnen? Man hätte das dann doch wenigstens bekannt geben müssen. WH: Ich räume o en ein: Auch bei Lambrecht gibt es, trotz alledem, etwas, das geeignet wäre, mich zu bestechen: Seine ungewöhnlich fundierte, mit manch interessantem Detail aufwartende Kenntnis des Junghegelianismus. Wie weit Wertvolles dabei herauskommt, ist eine Frage für sich. Darüber ließe sich in manchem Punkt streiten, mit großer Gelassenheit. Was dagegen meine Empörung erweckt, ist, dass Lambrecht mit suggestiv vorgetragenen vagen Vermutungen – dies und jenes »dürfte« oder »könnte« sich so und so verhalten haben – Nietzsches notorische Todfeindschaft gegen Arbeiterbewegung und Sozialismus nicht nur hinwegdisputiert, sondern geradezu gutheißt, und zwar unter ausdrücklicher Bekräftigung seines Ja zur Sklaverei, und dass er Einzelfälle »linker« Anfälligkeit für ihn a rmativ neu bewertet. Auf der einen Seite hat so, nach Lambrecht, Nietzsche mit seinem Reagieren auf die Pariser Kommune »die historische Bedeutung der internationalen Arbeiterbewegung für die Zukunft im Prinzip richtig prognostiziert«, nachdem er in einem Leipziger Wahlkomitee Franz Mehring begegnet sein »dürfte«, und sich, »gleich Goethe und Schopenhauer«, von demokratischen und sozialistischen »Anwandlungen« zwar frei gehalten hat, aber doch, wie – man höre und staune – »F. Engels«, in den Sklaven die Träger einer »goetheanisch umfassenden Kultur«, gut »für die Muße und eine erneuerte Polisphilosophie (…) 2 2 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er erkannt«. Mit anderen Worten: Nietzsches Ruf nach Rückkehr zur Sklaverei, inmitten der bürgerlichen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts und in Reaktion auf die Pariser Kommune, wird unter Hinweis auf Engels’ Erkenntnis, dass der Übergang zur Sklaverei gegenüber der Gentilgesellschaft einst einen Fortschritte der Produktivkräfte bewirkt habe, als berechtigt sanktioniert. Andererseits soll es ein Lapsus sein, nietzscheanisch gefärbte Äußerungen des dreiundzwanzigjährigen Hermann Duncker, von 1897, als Jugendsünde abzutun, weil damit die »biographisch-gesellschaftsgeschichtliche Chance vertan« werde, deutlich zu machen, »dass aus einem hohen humanistischen Lehrervorbild, das Nietzsche von sich selbst und das andere von ihm hatten, ein enthu si astischer Jünger zum fraglos wichtigen philosophischen Lehrmeister des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung der Weimarer Republik und später geworden ist«. PF: Sie müssen Hermann Duncker doch noch persönlich gekannt haben.35 Was hätte der dazu gesagt? WH: Das kann ich Ihnen sehr genau beantworten. Ich habe ihn gut gekannt. Ich gehörte zu seinen Schülern, noch 1948. Wissen Sie, der alte Duncker, der war in Bildungsfragen kein Fanatiker, kein Eiferer. Der hatte sich keineswegs von einem bürgerlichen Saulus zum proletarischen Paulus gemausert. Seiner geistigen Herkunft von Wilhelm Wundt etwa schämte er sich durchaus nicht. Schopenhauers »Vierfacher Wurzel des Satzes vom Grunde« wusste er immer noch lehrreiche Teilwahrheiten abzugewinnen. Zur Lektüre empfahl er uns dringend die Geschichtswerke Karl Lamprechts. Aber dass er einst Nietzsche gehuldigt hatte, sehr bedingt übrigens, das erfüllte den ehrwürdigen, greisen, nahezu erblindeten Genossen noch über ein halbes Jahrhundert später mit so tiefer Beschämung, als laste auf ihm die Schuld, sich an einem Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt zu haben. Ich habe erlebt, dass er weinte, als er sich daran erinnerte, und dass wir ihn trösten mussten. Dabei kam diese Einstellung bei ihm nicht von Lukács her. Den mochte Duncker gar nicht; er verstand ihn auch kaum. Und gegen Lukács stand er, beispielsweise, in Kunstfragen auf der Seite Brechts. Die von Lambrecht getadelten Darstellungen Dunckers, von Kaltenhäuser 1965, von Griep, Förster und Siegel 1974, sind in puncto Nietzsche korrekt. PF: Und wie schätzen Sie, gleichfalls im Hinblick auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, Adolf Levenstein ein? WH: Mir kommt es wie ein Stück aus dem Tollhaus vor, wenn Lambrecht – wie vor ihm in der DDR schon Renate Reschke – sich voller Respekt ausgerechnet auf Levenstein beruft. Der war – könnte man sagen – ein Dinosaurier manipulierender Mei- 35 (AH) Zu Hermann Dunckers Jahren in der SBZ und DDR siehe die verschiedenen Verweise, quer verstreut über das gesamte Werk Harichs. Siehe außerdem seine autobiographischen Aussagen im Ahnenpass. 2 2 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k nungsforschung. Er hat ein paar von ihm willkürlich ausgesuchten, zum Spintisieren aufgelegten Handwerkern Werke Nietzsches zur Lektüre aufgedrängt, um hintendrein ihre meist verschrobenen Urteile darüber gesammelt unter dem Titel Friedrich Nietzsche im Urteil der Arbeiterklasse zu verö entlichen, Leipzig, 1914. Das Buch ist schrecklich, zum Davonlaufen. Berthold Schwark, auch er von Lambrecht gerügt, hat recht, Levenstein schon auf Grund der 1908 von ihm edierten Arbeiterbriefe. Beiträge zur Seelenanalyse moderner Arbeiter, unter dem doppelsinnigen Obertitel Aus der Tiefe, eines bourgeoisen Indoktrinationsversuchs zu bezichtigen. PF: In Wuppertal? Ich wüsste nicht. WH: In einer DDR-Publikation, von 1987, auf die Lambrecht kritisch Bezug nimmt. Nebenbei bemerkt zitiert Schwark da einen der von Levenstein Befragten, der nicht in dessen Konzept passt. Eine Buchdrucker stellt in seiner kurzen Antwort fest: »Nun muss ich gestehen, dass mir Zarathustra zu seinem Umfange zu sehr arm an wirklichen positiven Gedanken ist, um von ihm lernen (…) zu können (…). Mir gibt wenigstens der Sozialismus als Wissenschaft alles und in schöner, klarer Weise.« Mehrere Befragte, hebt Schwark hervor, denen Nietzsche »etwas gebe«, wehrten sich gegen seinen Frauenhass. Fast alle lehnten seine Au assung vom Herdenmenschen und deren Kehrseite, die Elitetheorie, ab. PF: Werden diese Stimmen von Lambrecht wiedergegeben? WH: Nein. Dies wäre ihm auch unmöglich, weil er ja behauptet, bei Schwark sei »ausschließlich« von Levensteins früheren Sammelband, Aus der Tiefe, die Rede, was einfach nicht stimmt. PF: Eine Lüge also. WH: Eine Unwahrheit. PF: Noch ein Wort wenigstens zu Jörgen Kjaer, bitte! Sie sehen in ihm den dritten echten Nietzsche-Bruder, der in Wuppertal aufgetreten ist. WH: In gewissem Maße bekennt er sich selbst dazu. Mit Nietzsches »Handlungsweisen und Denkpositionen« will er zwar gebrochen haben, aber an vielen, angeblich schönen Texten von ihm hängt er, so an den Naturerlebnissen Zarathustras, in denen man den »humanen Nietzsche« fände. Nun ja, darauf soll es mir nicht ankommen. Grundsätzlich verfehlt sind Kjaers Darlegungen über den »lebensgeschichtlichen Hintergrund von Nietzsches Denken« deswegen, weil sie der marxistischen Ideologiekritik, die einzig nach dem wissenschaftlichen Wert, dem Wahrheitsgehalt einer philosophischen Doktrin und nach deren objektiven historischen Auswirkungen zu fragen hat, mit sozialisationspsychologischen Erwägungen den Garaus machen. Und die münden, überdies, bei Kjaer in die Forderung, Nietzsche als Opfer zu betrachten und ihn als solches verstehend, einfühlend zu bemitleiden. Nicht »aus einem ursprünglichen De- zite an humanen Gefühlen« sei er Immoralist und Zyniker geworden, »sondern eher 2 2 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er aus einem in seiner Lage unerträglichen Zuviel an humaner Sensibilität gegenüber den Leiden anderer«. Erstens wird hier, wieder einmal, ganz im Sinne von Schwester Elisabeth argumentiert. Zweitens wäre diese ese, selbst wenn sie zutre en sollte, sowohl für die Beurteilung der inhumanen Inhalte seiner Philosophie als auch im Hinblick auf deren praktische Konsequenzen gänzlich belanglos. Und drittens verwirkt jeder, der einer solch entlastenden, um Verständnis werbenden Sozialisationshypothese Gehör schenkt, das Recht, es einem Sandvoss zu verübeln, wenn der, umgekehrt, aus analog schlecht bewältigten Kindheits- und Jugenderlebnissen sowohl Nietzsches als auch Hitlers deren verwandt anmutende üble Charaktereigenschaften erklärt. Darüber p egen die Nietzsche-Brüder aber jedes Mal entrüstet zu sein. PF: In einem unserer früheren Gespräche haben Sie Kjaer zugestanden, dass er an die Sozialisationsproblematik sachkundiger herangehe als Sandvoss. WH: Kjaer versteht im Prinzip fachlich mehr davon, was nicht bedeutet, dass seine Ergebnisse im gegebenen konkreten Fall zuträfen. Inhaltlich hat hier eher Sandvoss recht, ungeachtet seiner methodischen Unbeholfenheit. PF: Sind nun Jung, Lambrecht und Kjaer, denen Sie, wenn ich nicht irre, den Anspruch, Marxisten zu sein, rundheraus absprechen, in Wuppertal überzeugend widerlegt und in ihre Schranken zurückgewiesen worden? WH: Nein. Daran hat es gefehlt. Eine militante Auseinandersetzung mit den horrenden Verirrungen dieser Genossen fand nicht statt. Neben ihren unerfreulichen, um nicht zu sagen: widerwärtigen Monologen gab es andere, mehr oder weniger erfreuliche, vernünftige, bei Steigerwald und Metscher, bei Sandkühler und Kahl. PF: Und woran liegt das? Führen Sie es auf unzureichende Vorbereitung des Einstiegs in die fällige Kontroverse zurück? Darauf, dass man spontan aneinander vorbei redete? WH: Ich habe den Eindruck, man hatte für den Umgang miteinander Glacéhandschuhe angezogen. Wobei ich gegen das »Suaviter in modo« nichts einzuwenden hätte, vorausgesetzt, es wäre das »Fortiter in re« zu seinem Recht gekommen. Und da störte das Handikap eines ganz bestimmten Tabus: Nietzsches exorbitante Nähe zum Faschismus, e vice versa, durfte nicht allzu sehr betont werden. PF: »Durfte nicht …«, sagen Sie. Bei diesem Eingeständnis nagle ich Sie jetzt fest. Nehmen Sie die deprimierenden Erfahrungen, die Sie mit der Nietzsche-»Diskussion« – ich setze sie in Anführungszeichen – in Ihrem Land gemacht haben, hinzu, wollen Sie sich dann immer noch darauf versteifen, dass die rücksichtsvolle Leisetreterei in der Auseinandersetzung mit dem gefährlichsten ideologischen Wegbereiter des Faschismus ein Zufall sei? Dass sie mit dem kardinalen kulturpolitischen Missgri der DDR, die Edition der Colli und Montinari großzügig gefördert zu haben, nichts zu tun hätte? Dass, weil dies kein Fehler Ihrer Obrigkeit gewesen sein darf, für ihre Ideologen an 2 2 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Nietzsche »etwas dran« sein muss? Und dass deshalb, hüben wie drüben, »linke« Nietzsche-Brüder ins Kraut schießen? WH: Kein Kommentar. PF: Gut. Dann werde ich noch deutlicher. In einem vom Mai 1989 datierten Appell, gerichtet gegen den alarmierend um sich greifenden Rechtsextremismus, unterzeichnet von der SED, der SEW und der DKP, ist, unter anderem, davon die Rede, dass »reaktionäre Ideen der geistigen Wegbereiter des Hitlerfaschismus verharmlost und aufgewertet« würden. Der berechtigte Vorwurf, der darin liegt, tri t gewiss die Bundesrepublik und Westberlin. Er tri t, was Nietzsche angeht die DDR aber auch. Können Sie sich dieser Logik anschließen? WH: Kein Kommentar. PF: Das heißt, Sie verschließen sich ihr nicht. Sonst müssten Sie jetzt protestieren. Also frage ich, nunmehr ins Grundsätzliche gehend, weiter: Westliche Publizisten behaupten, der Widerstreit zwischen dem Anspruch der marxistisch-leninistischen Ideologie an eine sozialistische Gesellschaft, die kommunistischen Zielvorstellungen verp ichtet ist, und der Realität in den sozialistischen Ländern sei so krass geworden, dass deren Führungen sich mehr und mehr veranlasst sähen, ihre ideologische Basis zu verbreitern, was zunächst einmal dazu führe, dass man sich ganz allgemein und intensiv mit nichtmarxistischen Philosophen beschäftigt. WH: Nicht bloß mit derartigen Philosophen; mit kulturellen Traditionen problematischer Provenienz überhaupt, auch auf literarischem und künstlerischem Gebiet; nicht zuletzt mit religiösen Überlieferungen. PF: Einverstanden. Zwangsläu g muss dann aber doch wohl Nietzsche von besonderem Interesse sein, da für ihn das Problem des Herrschens, des Willens zur Macht und des Bewahrens von Macht, ein zentrales Anliegen ist, ebenso wie für die kommunistischen Parteien in den von ihnen regierten Staaten. Kann, frage ich, den Führenden in den Ländern des real existierenden Sozialismus nicht, zumindest potenziell, Nietzsche als tauglich für den eigenen Machterhalt erscheinen, falls es gelingt, in seinen Lehren auch einen sie akzeptabel machenden humanistischen Gehalt zu nden? Ja, ist dies nicht vielleicht sogar der eigentliche, der tiefere Grund für die Angri e, denen Sie sich ausgesetzt sehen, zumal es auf allen anderen Bezugsebenen keine Meinungsverschiedenheiten gibt, die gravierend genug wären, um eine derart massive Reaktion Ihnen gegenüber begründen zu können? WH: Um Himmels willen nein! Wo denken Sie hin? Eine den Interessen der Arbeiterklasse dienende, für den Sozialismus eintretende Partei gäbe als solche sich selber preis, zöge sie für die Legitimierung ihrer Macht diejenige Philosophie heran, die der Rückkehr zur Sklaverei das Wort redet. Ihre Erwägung ist völlig absurd. 2 3 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Wieso absurd? Mir ist bekannt, dass gerade in der Volksrepublik China unter Deng Xiao Ping sowie im Rumänien Ceausescus Werke Nietzsches in Übersetzungen erschienen sind, in China Die Geburt der Tragödie, Also sprach Zarathustra und Ecce homo. Sollte das gar nichts mit ideologischer Untermauerung von Machterhalt zu tun haben? Und andererseits: War der Gulag etwa keine Sklaverei? WH: Nietzsche ist, solange es den Gulag gab, unter Stalin, in der Sowjetunion verpönt gewesen. PF: Warum? WH: Weil für den originären Stalinismus, der die Rechtfertigung seiner Gewaltherrschaft aus der historisch noch sehr nahen proletarisch-sozialistischen Revolution, aus dem Roten Oktober, herleitete, Nachsicht mit Nietzsche nicht in Betracht gekommen wäre. Anders später. Seit es den Gulag nicht mehr gibt, hat sich in den Ländern des Realsozialismus ein Maß an kultureller Toleranz entfaltet, das auch Anhängern reaktionärer Traditionen zu Statten kommt und das sich neuerdings nun sogar Nietzscheaner zu Nutze machen. PF: Eine zweischneidige Toleranz also. WH: Eine ambivalente. Den mit ihr verbundenen Missstand sehe ich darin, dass der wachsenden ideologischen Generosität keine Bereitschaft zu politischer Demokratisierung entspricht und dass in Folge dessen die reaktionäre Überlieferung, statt schlicht geduldet zu werden, jedes Mal einer Vereinnahmung unterliegt, die ihr zugleich den Schutz des alten, noch unüberwundenen Monolithismus gewährt, mit der Folge, dass ihre Kritiker mundtot bleiben. PF: Nennen Sie mir dafür, bitte, ein Beispiel, das der Nietzsche-Renaissance vorausliegt. WH: Ich erinnere Sie nur an die Wiederentdeckung und Neubewertung der deutschen Romantik durch die Literaturwissenschaft der DDR, in den siebziger Jahren. Wer daran Kritik zu üben gewagt hätte, wäre als »stalinistischer Dogmatiker« verschrien und isoliert worden. Tatsächlich war genau dies erzdogmatisch und typisch stalinistisch; typisch freilich für den späten, von seiner revolutionären Ausgangssituation, dem Roten Oktober, sich mehr und mehr entfernenden Stalinismus. Andernfalls hätte das Erbe der Romantik ja toleriert und hätte zugleich marxistische Kritik an ihm nun erst recht ermutigt werden können – pluralistisch, nach demokratischen Regeln. PF: So zu verfahren scheint Ihnen aber im Fall Nietzsche nicht zu genügen. WH: Wie mit faschistischem Gedankengut umzugehen sei, namentlich in Deutschland, im ersten Arbeiter- und Bauern-Staat auf deutschem Boden, das ist eine Frage für sich. Doch darüber sollten wir gesondert sprechen. PF: Bei Gelegenheit unserer nächsten, letzten Zusammenkunft. 2 3 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er VII. Ins Nichts mit ihm? PF: Herr Harich! Gleich zu Beginn unserer Gespräche, im Januar dieses Jahres, haben Sie Metscher, Steigerwald und Kahl als die entschiedensten Nietzsche-Gegner unter den Teilnehmern des Wuppertaler Symposions vom April 1988 bezeichnet und ihnen, dementsprechend, Ihre Sympathie und Solidarität bezeugt. WH: Ohne mich in allem mit ihnen zu identi zieren. PF: Verhältnismäßig stimmen Sie mit ihnen am meisten über ein. WH: Ja. PF: Um so mehr verdient, glaube ich, die Tatsache Beachtung, dass gerade Steigerwald und Metscher sich nachdrücklich für den Druck und die freie Verbreitung der Werke Nietzsches auch in sozialistischen Ländern einsetzen. Metscher, mit Ihren Au assungen weitgehend konform, zitiert Ungeheuerlichkeiten aus Texten Nietzsches, wirft dann aber die Frage auf: »Wie ist (…) marxistisch mit solcher Philosophie umzugehen? Harichs Schlussfolgerung, mit Brechts ›Lukullus‹ formuliert, lautet:‹ Ins Nichts mit ihm!‹ Praktisch gewendet: Nietzsche soll weder editiert noch gelesen werden. Ich halte dies für keine Lösung des Problems.« Metscher stellt dann die folgende Überlegung an. »Unserem Erbe gegenüber vertrat Nietzsche die Position einer unversöhnlichen Gegnerschaft. Wir sollten den Fehdehandschuh aufnehmen, den er uns hingeworfen hat. Etwas anderes aber ist, dass er zentral in den Zusammenhang einer Geschichte gehört, die heute noch nicht abgeschlossen ist, und Geschichte ist marxistisch als Ganzes anzueignen.« Daraus zieht Metscher den Schluss: »Aus diesem Grund, nicht nur aus dem einer fortdauernden oder erneuerten Wirkung Nietzsches, ist die di erenzierte Auseinandersetzung mit Nietzsche, und dazu gehört auch das Verfügbarmachen seiner Schriften (dafür sei Montinari Dank gesagt), unumgänglich. Und Verfügbarmachen kann nur heißen (hier knüpfe ich an Robert Steigerwald an): Demokratisch verfügbar machen, zugänglich machen, also edieren. Nietzsche ist also zu lesen, zu studieren und zu diskutieren, nicht als singuläres Phänomen, sondern im Kontext einer vielschichtigen Wirkungsgeschichte.« WH: Die Anknüpfung Metschers an Steigerwald lässt es ratsam erscheinen, dass wir uns gleich auch noch dessen Meinung hier zu vergegenwärtigen. Rolf Vellay hat in Wuppertal an ihn die Frage gerichtet: »Muss Nietzsche in fortschrittlichen Kreisen heute publiziert und in dieser Form diskutiert werden?« Steigerwalds Antwort darauf lautete: »Soweit und sofern wir uns darüber im Klaren sind, dass dieser Mann – leider ein Mann von gedanklicher Qualität – … PF: Was Sie bestreiten. Für Sie ist er ein Kaiser ohne Kleider. 2 3 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Vorausgesetzt, wir wissen, sagt Steigerwald, »dass dieser Mann (…) verheerend gewirkt hat, habe ich nichts dagegen, seine Werke zu drucken, und zwar aus folgendem Grund. Wenn wir es nicht tun, mit entsprechenden Vorworten und entsprechenden Einschätzungen und Bewertungen, bedeutet das nicht, dass diese Werke nicht doch in den Sozialismus kommen, aber mit anderen Vorworten und anderen Bewertungen. Und es kommt noch etwas hinzu. Ich halte es für elitär, wenn eine kleine Gruppe von Intellektuellen oder Arbeitern, die diese Werke lesen, für sich in Anspruch nimmt, sich ein Urteil über Nietzsche zu bilden, aber anderen die Möglichkeit vorenthält, selbst zu urteilen. Wir müssen ihnen helfen, zu einem sachgerechten Urteil zu kommen. Das ist die P icht der Marxisten unter den Ideologen. Aber wir haben nicht das Recht, ihnen zu sagen: Wir haben uns das Urteil gebildet, dann seid ihr mal so gut und begreift, dass dies das endgültige abgeschlossene Urteil ist, mehr steht euch nicht zu. Das ist elitär und im Übrigen auch nicht marxistisch. Aber wohlgemerkt, ich sage ausdrücklich, nur unter der Bedingung, dass die Marxisten selbst wissen, was sie wollen und kein Chaos anrichten, sondern im Ozean die Bojen verankern, wo die Schi e entlangfahren können – nur unter den Bedingungen bin ich dafür, so zu verfahren, sonst nicht.« PF: Wie stehen Sie dazu? WH: Ich sehe mich zunächst gezwungen, in eigener Sache … PF: Sie sprechen mir nun aber ein bisschen zu viel in eigener Sache, seit unserem fünften Dialog. WH: Nicht ohne Ihr Drängen. Was ich jetzt loswerden möchte, kann Ihnen – und unseren Lesern – unmöglich erspart bleiben. Es ist nicht wahr, dass ich, wie Metscher meint, bezüglich Nietzsches einfach gefordert hätte: »Ins Nichts mit ihm!« Das ist ein grobes, freilich naheliegendes, aber von mir unverschuldetes Missverständnis. Ich muss es einmal richtig stellen. Die inkriminierte Stelle, am Ende meines Beitrags in Heft 5, 1987, von Sinn und Form, lautet: »Unkundige und Halbkundige gewinnen leicht den Eindruck: Nun ja, was dem Alten Fritz die Frau Mittenzwei war, das ist halt jetzt dem Nietzsche der Pepperle, und damit dürfte die Zeit herangereift sein, auch diesesfalls, selbstredend mit der gebührenden Reserve – der ja aber Genüge getan worden ist –, die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen. Und das, meine ich, darf unter keinen Umständen geschehen. Lieber sollte dann schon für Friedrich Nietzsche bei uns der Ruf gelten, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus enden lässt: ›Ins Nichts mit ihm!‹« PF: Das heißt, das »Ins Nichts!« wäre die der Errichtung eines Nietzsche-Denkmals immer noch vorzuziehende Alternative. WH: So habe ich es gemeint, und so steht es in meinem gedruckten Text; nicht anders. 2 3 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Ist ein derartiges Denkmal in der DDR denn jemals in Erwägung gezogen worden? WH: Allerdings, etwas dem Verwandtes, leider. Es bestand die Absicht – und vielleicht besteht sie immer noch –, in Weimar eine Gedenkstätte für Nietzsche zu scha en. Und dagegen hatte ich protestiert mit Ausführungen, die ich, unter dem Druck der Androhung, andernfalls würde mein Aufsatz überhaupt nicht erscheinen, zu streichen gezwungen war. Im Anschluss an die Wendung »die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen« lauteten die betre enden Sätze bei mir wie folgt: »Und wahrhaftig, etwas Ähnliches plant man in Weimar. Das Nietzsche-Archiv, in der Nazizeit pompös ausgebaut, diente den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur als Gästehaus, ohne dass bislang – und das ging sehr gut durch Jahrzehnte – des einstigen Bewohners auf sinnfällige Weise darin gedacht worden wäre. Das soll nun nächstens anders werden. Die Stätte wird rekonstruiert, und bei ihrer Wiedererö nung soll in dem Raum, worin Nietzsche starb, die 1904 von Max Klinger gescha ene Büste des Philosophen, sinnig umrahmt von Henry van de Veldes Jugendstil, aufgestellt werden. Da kann man dann an Gedenktagen Blumen niederlegen, vielleicht auch, sollten die Sitten sich weiter lockern, vor andachtsvollem Publikum Lesungen aus dem Zarathustra veranstalten, nicht zu vergessen der Gedichte, vorzugsweise desjenigen An den Mistral, das einmal die Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ plausibel machen half. Einzuleiten und zu schließen wären die Abende mit Musik. Es gibt Kompositionen Nietzsches (bei einer sträubten sich Hans von Bülow die Haare), und Heinrich Köselitz alias Peter Gast ng, weil sein angebeteter Mentor sich von Wagner abgekehrt hatte, stümpernd in Mozarts Manier zu komponieren an. Denn, laut Der Wanderer und sein Schatten, Nr. 165, soll ja von Mozart zu lernen sein, ›auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe: Niemals auf das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Emp ndsamen! Niemals auf die Krankhaften!‹ – Sind die Weimaraner recht bei Troste? Sind sie sich klar darüber, was sie vorhaben? Sie setzen, um das Mindeste zu sagen, das Werk der Elisabeth Förster-Nietzsche fort. Sie handeln in deren Sinn, helfen ihren Auftrag erfüllen. Sie war es, die den Bruder, zu seinem höheren Ruhm und zu ihrem eigenen, in die Nähe der Max Klinger, 1902 2 3 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k besten Dichter Deutschlands rückte, zu denen er, unter allen vor ihm und nach ihm, am wenigsten gehört. Er hatte, wo Wieland und Herder, Goethe und Schiller lebten und wirkten, wo sie zu letzter Ruhe gebettet sind, wo nahebei, in Jena, Reinhold und Fichte und Hegel dozierten, wo die Wissenschaftslehre und die Phänomenologie des Geistes entstanden sind, nichts zu suchen. Seine Anwesenheit in dieser Gegend, von der managenden Schwester bewerkstelligt, war ein Sakrileg. In der Zwischenzeit sind dort aber Dinge geschehen, die jenes Vorhaben noch viel makabrer machen. In Weimars Umgebung liegt Buchenwald. Hier betrieb die von Nietzsche geforderte ›Mörderkaltblütigkeit mit gutem Gewissen‹ ihr grausiges Handwerk. Die SS-Leute, die außer vielen, vielen anderen Ernst älmann erschossen, sie hatten Nietzsches Philosophie im Kopf. – Wie stellt man sich das vor? Eine Delegation aus dem Ausland, die in Buchenwald die gequälten, geschundenen, hingemordeten Antifaschisten, darunter eigene Landsleute, ehrt, die überdies auch älmanns gedenkt, soll hintendrein im Gästehaus der NFG Weimar Klingers Nietzsche-Büste besichtigen? Sie soll sich dabei des Worts von dem Weib, das die Peitsche verdient, entsinnen? Sie soll zum Abschluss im Hotel ›Elephant‹ seelenruhig, bei Ka ee und Kuchen, über einen die alternde Lotte Kestner betre enden Roman omas Manns plaudern? Es ist dies eine Vision, die an Irrsinnigkeit meine Vorstellungskraft übersteigt. Dergleichen darf es im sozialistischen Teil des deutschen Sprachraums nie geben. Und damit es, um alles in der Welt, ungeschehen bleibe, muss in Sachen Nietzsche den Montinaris endlich Paroli geboten, müssen Pepperle, Reschke und andere zur Besinnung gebracht werden.« Das durfte ich nicht verö entlichen. Max Klingers Entwurf eines Wagner-Denkmals, 1911 2 3 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er PF: Nun begreife ich, warum in Ihrem Aufsatz von 1987 der Abschnitt IV so kurz geraten ist: Wegen des Fortfalls dieser Passage. WH: Genau. PF: Den Lukullus-Satz beanstandete man aber nicht. Das »Ins Nichts mit ihm!« durfte, vielmehr: es sollte stehen bleiben. WH: Ja. PF: Ich will Ihnen verraten, wieso: Weil es, losgelöst von der vorausgegangenen Begründung, Sie als intolerant erscheinen lässt. Von der Redaktion sind Sie auf diese Weise zu dem Buhmann präpariert worden, der dann im November auf dem X. Schriftstellerkongress durch Kant und Hermlin bloßgestellt und moralisch erledigt werden sollte. Haben Sie diese intrigant vorausblickende Regie nie durchschaut? WH: Was Sie vermuten, stellt eine unbeweisbare Spekulation dar. Ich sehe mich außer Stande, sie mir zu eigen zu machen. PF: Außerdem hatten Sie mit dem Stichwort »Buchenwald« natürlich an einen sehr peinlichen Punkt gerührt, am meisten aber mit dem Hinweis auf die künftigen ausländischen Gäste. Ist der Plan der Klingerschen Büste in Nietzsches Sterbezimmer denn mittlerweile fallen gelassen worden? WH: Im im Frühjahr 1987 wurde mir eine Eingabe an das Kulturministerium mit dem Bescheid beantwortet, dass das von mir angeschnittene Problem nicht aktuell sei. Zu gegebener Zeit werde man das Vorhaben, an dem ich Anstoß nähme, noch einmal überprüfen. PF: Ho entlich mit dem Ihnen erwünschten Ergebnis. Eine Garantie dafür, dass der Plan de nitiv gestorben ist, habe Sie nicht. WH: Vorläu g nicht. PF: Und ewig am Leben bleiben werden Sie auch nicht. WH: Gewiss nicht. Und Buhr hat den Plan befürwortet. PF: Auf die Stelle mit dem Alten Fritz, mit der Frau Mittenzwei und mit dem Denkmal scheint sich der Vorwurf Hermlins zu beziehen: »Es gehört zu allem Bisherigen, dass Harich es nicht bei Anmerkungen zur Literatur und Philosophie und Malerei belässt, sondern auch ein neues Geschichtsverständnis aufs Korn nimmt. Er tadelt streng die DDR, weil sie zu bedeutenden problematischen Gestalten der Vergangenheit, wie Luther, Friedrich der Große und Bismarck, ein neues Verhältnis gewinnt.« Tun Sie das denn wirklich? WH: Keine Spur. Ich habe lediglich die bei uns neuerdings bestehende Bereitschaft konstatiert, »an problematische Gestalten deutscher Geschichte, wie Luther, Friedrich II. von Preußen und Bismarck, großzügiger als früher heranzugehen«. Beanstandet 2 3 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k habe ich dies mit keinem Wort. Ich meine nur, dass es irgendwo eine Grenze haben sollte und dass, auf alle Fälle, Nietzsches Vermächtnis wegen seiner zentralen Bedeutung für den Faschismus jenseits dieser Grenze liegt. PF: Die Ehrung der DDR für Luther, 1983, aus Anlass seines 500. Geburtstages, billigen Sie demnach. WH: Durchaus. Ich würde sie noch mehr billigen, wenn es damals möglich gewesen wäre, manch allzu überschwänglicher Lobpreisung des gefeierten großen Mannes mit der Einschätzung der Reformation durch Marx, Engels und Mehring zu begegnen. Dass dieses Korrektiv überhaupt nicht zur Geltung kam, war bedenklich. Durch die Müntzer-Ehrung ist das allerdings später ausgeglichen worden. PF: Auch dass das Denkmal Friedrichs II. an seinem alten Platz, Unter den Linden in Berlin, wieder aufgestellt wurde, nden Sie gut. WH: Davon war ich und bin ich sehr angetan, zumal es sich um ein herrliches Kunstwerk handelt. PF: Und die Bücher Ingrid Mittenzweis über Friedrich II., Ernst Engelbergs über Bismarck, sagen die Ihnen zu? WH: Für Frau Mittenzwei emp nde ich große Hochachtung. Mit ihrem Buch bin ich auf der ganzen Linie einverstanden. Das von Engelberg habe ich bislang noch nicht gelesen, weil mich die privaten Seiten von Bismarcks Leben, o en gestanden, wenig interessieren. Dagegen, dass Bismarck di erenziert dargestellt wird, habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Ob ich, nach Lektüre, den Urteilen Engelberg im einzelnen zustimmen werde, vermag ich nicht vorauszusehen. Sagen kann ich vorläu g nur, dass Nietzsche – der mag nun bei Engelberg in dem noch ausstehenden zweiten Band vorkommen oder nicht – Bismarck von rechts bekämpft hat. PF: Aber modernistische Kunst und Dichtung verwerfen Sie, und das stört Hermlin – und ebenso Kant – an Ihrem Beitrag am meisten. WH: Hören Sie: Außer Ingrid gibt es noch deren Mann, Werner Mittenzwei. Schlagen Sie doch, bitte, einmal in dessen zweibändige Brecht-Biographie, Berlin und Weimar, 1986 – sie hat ein Namensregister –, die auf mich bezugnehmenden Stellen nach, um sich ein Bild davon zu machen, wie ich mich, noch zu Zeiten Stalins und Shdanows, Ulbrichts und Holtzhauers, unter schweren, um nicht zu sagen gefährlichen Bedingungen für die Freiheit moderner Kunst und Literatur engagiert habe! Die Annahme, dass ausgerechnet ich mich nach jenen Zeiten zurücksehnen würde, ist abwegig. Nur: Es ist eines, bestimmte Kunstrichtungen zu tolerieren, und etwas ganz anderes, sie kritiklos gutzuheißen. Ich habe nichts gegen Ausstellungen expressionistischer Bilder oder gegen ö entliche Konzerte mit atonaler Musik. Sie zu verbieten, wäre 2 3 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er schädlich. Ich wehre mich jedoch dagegen, dass ich verp ichtet sein soll, dergleichen ausnahmslos schön zu nden, mir jede Kritik daran zu versagen. Und das, im Grunde, ist es, was Kant und Hermlin verlangen. Wer Liebermann über Kandinsky stellt oder, womöglich, Ra ael noch über Liebermann, Gottfried Keller über Kafka, Beethoven über Schönberg, ist, in ihren Augen, ein Stalinist, ein Shdanow-Jünger und hat gefälligst den Mund zu halten. Man gleicht Pol Pot, wenn man sich herausnimmt, Beuys für einen Scharlatan zu erklären und Kompositionen von Stockhausen oder Nono nicht anhören zu können. So bildet sich eine monolithische Meinungsdiktatur heraus, mit der den Bildungsbedürfnissen der Massen entfremdete Bürokraten, voller Furcht vor der realistischen Gestaltung gesellschaftlich belangvoller Sujets, verschanzt hinter ihren Tabus, sich bei den von ihnen privilegierten Snobistencliquen anbiedern.36 PF: Das haben nun aber Sie gesagt. Diesmal können Sie sich nicht hinter meinem breiten Rücken verstecken. Es fehlte nur noch, dass Sie sich über das Sputnik-Verbot beklagen. 36 (AH) In dem Artikel Zur Furcht der SED vor Georg Lukács schrieb Harich am 7. Juni 1991: »Dass die PDS, die Kautsky, ja, Bernstein ungeniert für sich wiederentdeckt hat, zögert, in ihre Ahnengalerie auch Lukács mit aufzunehmen, kann unter diesen Umständen nicht verwundern. Es hat aber noch einen anderen Grund: Die Nachfolgepartei der SED vermag sich nicht von den Überlieferungen der ›Avantgarde‹ oder gar des Nietzscheanertums zu lösen, mit deren Hilfe Hager und, unter seinem Ein uss, der ahnungslose Erich Honecker wohl aus Furcht vor dem in Budapest archivierten Manuskript verzweifelt versucht haben, Lukács’ Vermächtnis loszuwerden. Je weiter der Realsozialismus sich von seinem revolutionären Ursprung entfernte, je unglaubwürdiger seine Zukunftsverheißungen wurden, desto bedenkenloser gri en seine Machthaber zwecks Verbreiterung ihrer ideologischen Basis auf reaktionäre und dekadente Pseudokultur zurück. Dass diese im pluralistisch marktgängigen Angebot ihren Platz ndet, versteht sich am Rande. Ihr hat aber in der DDR der Schutz monolithischer Meinungsdiktatur gewährt werden sollen, damit genuiner Marxismus den Schlendrian, die Routine und den Machtmissbrauch des etablierten Apparats nicht störe. Der Lukács von 1968 hätte wie der von 1956 da sehr gestört. Heute stolzieren seine Verächter aus der ostdeutschen Provinzelite, Leute, die Kandinsky, Schwitters und Beuys, die Schönberg, Nono und Stockhausen zu genießen vorgeben, nicht zu vergessen die ›di erenzierenden‹ Neubewerter des Zarathustra, Matadore künstlichen Formzertrümmerns, gedanklichen Nomadisierens, mit einer Selbstgefälligkeit einher, als wären sie Märtyrer, die sich ebenso tapfer wie mühselig ihrer Fesseln entledigt haben. Bestenfalls irren sie. Manche tischen, ihre tatsächlichen Erfahrungen verdrängend, über ihre Nationalpreise sich ausschweigend, uns Lügen auf. Ich erlaube mir, in ihnen Hätschelkinder der spätstalinistischen Oligarchie zu sehen, die es unzureichend fand, die parasitäre Intelligenzija ja bloß materiell zu korrumpieren, sondern sich erst sicher fühlte, wenn sie auch deren tiefere Sehnsüchte, faschistoide nicht ausgenommen, zufriedengestellt sah. Lukács hätte dem im Weg gestanden. Es gereicht ihm zum Ruhm.« (Band 9, S. 482) 2 3 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Da ich nun einmal gerade im Fahrt bin, sei’s drum. Ich plädiere dafür, es aufzuheben. Im Moment geht es aber um etwas anderes: Um’s geschichtliche und kulturelle Erbe. Sehen Sie: Luther, der Alte Fritz und Bismarck oder Beuys und Stockhausen und, von mir aus, auch noch Cosi fan tutte in Motorradfahrermonturen, inszeniert von Ruth Berghaus – all das mag hingehen. Wenn es daneben jedoch passieren kann, dass im Jahr des 150. Todestages von Goethe, 1982, keine Berliner Bühne, außer dem winzigen Tip, mit der Premiere eines seiner Dramen aufwartet, dass der große Jean Paul weder 1963 noch 1975 noch 1988 aus Jubiläumsanlass angemessen gewürdigt wird, dass man auch in diesem Jahr wieder, 1989, seiner folgenreichen Inspiration durch die Französische Revolution nicht gedenkt, dann stimmen die Proportionen nicht. Der kulturpolitischen Erbe-P ege in der DDR ist vorzuwerfen, dass sie halbgebildet, konzeptionslos und widerspruchsvoll ist und Werte, die sie hochhalten müsste, manchmal vergisst. Und nun, zu allem Über uss, auch noch Nietzsche. PF: Zurück zu Metscher und Steigerwald! Wie stehen Sie zu deren vorhin von uns zitierten Ansichten. WH: Zu allererst muss ich feststellen, dass die beiden DKP-Genossen sich in eine Angelegenheit einmischen, für die ihre Partei nicht zuständig ist, die sie nichts angeht. PF: Dem kann ich nicht beip ichten. Diesen Einwand könnten Sie geltend machen, wenn der Parteivorstand der DKP einem Beschluss fasste, in der DDR sollten Werke Nietzsches verö entlicht werden. Dass bundesdeutsche Kommunisten diesbezüglich persönliche Meinungen auf einer Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung zum besten geben, haben sie individuell zu verantworten. Mit einer Einmischung in innere Belange der DDR hat das nichts zu tun. Wir mischen uns mit unseren Gesprächen schon eher in Angelegenheiten der DKP ein. WH: Steigerwald ist immerhin Mitglied des Parteivorstands. Und er und Metscher redeten in dem jetzt zur Debatte stehenden Punkt über Dinge, die zu beurteilen sie nicht im Stande sind. Die Publikationspolitik der DDR, die Verbreitung von Schrifttum in ihrem Gebiet … PF: Mir ist etwas ganz anderes unangenehm aufgefallen. Kommunisten p egen – und ich nde: mit Recht – stets äußerst allergisch zu reagieren, wenn man ihre Praktiken mit faschistischen gleichsetzt. Und das ist in Wuppertal geschehen, ohne dass es zum Eklat gekommen wäre. Herbert Weber hat in der Diskussionsrunde über die Beiträge von Kjaer und Kahl erklärt: »Zu der Fragestellung: Sollte man Nietzsche in der DDR drucken bzw. verlegen? Ich meine, Bücher geistig zu negieren, sie also gar nicht erst erscheinen zu lassen, ist dem analog, Bücher zu verbrennen, und er weckt Assoziationen an die Hitlerzeit.« Die beiden Referenten sind darauf mit keinem Wort eingegangen. 2 4 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Auch Metscher protestierte nicht dagegen. Und Steigerwald, der sich in seinem Schlusswort, ausdrücklich zu Weber nochmals äußerte, hatte zu diesem Punkt ebenfalls geschwiegen. Das ist doch, gelinde gesagt, sonderbar. Im Licht eines solch ungewöhnlichen Verhaltens stellt sich mir die Frage: Sind Plädoyers für die Verö entlichung Nietzsches in der DDR etwa erwünscht? Und wem sind sie erwünscht? Und wo? Und könnten Sie dort nicht um so willkommener sein, wenn sie von dezidierten Nietzsche-Gegnern aus den Reihen der DKP formuliert werden? Denken Sie über diese Fragen doch einmal vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Erfahrungen nach, die Sie mir bei unserem vorigen Gespräch geschildert haben. WH: Damit wären wir erneut bei Ihre Verschwörungshypothese. Nach meiner Überzeugung ist Weber schlicht ein Nietzsche-Bruder, während Steigerwald und Metscher, die es nicht sind, im Westen nichts anderes übrig bleibt, als mit den Wölfen zu heulen – mit liberalen Wölfen. PF: Und Hermlin? Auf dem Schriftstellerkongress? Im Beisein Honeckers und Hagers? Vor den Kameras des DDR-Fernsehens? Hinterdrein hat, überdies, ADN sich mit Hermlins Position identi ziert und ihr damit einen halbo ziellen Anstrich verliehen. In einer unserer Schweizer Zeitschriften, der Information Philosophie, 18. Jahrgang, Nr. 5, vom Dezember 1988 – und das hat mir den letzten Anstoß gegeben, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen –, las ich unter der Überschrift DDR – Wird Nietzsche rehabilitiert?, Stephan Hermlin sei das, was Sie geschrieben hätten, zu weit gegangen; er hätte Sie deshalb auf dem Schriftstellerkongress einen »Amokläufer« genannt, und wörtlich: »Interessanterweise verbreitete die amtliche DDR-Agentur ADN Hermlins ›scharfe und bittere Worte der Warnung vor Ignoranten und dogmatischen Berserkern‹. Die DDR habe ›zu bedeutenden problematischen Persönlichkeiten wie Luther, Friedrich der Große und Bismarck ein neues Verhältnis gewonnen‹. Dies müsse nun auch für eine ›so schwierige Gestalt‹ wie Nietzsche gelten.« Genügt Ihnen das nicht als Bestätigung meiner Hypothese? WH: Nehmen Sie, bitte, ein für alle Mal zur Kenntnis, dass ich es ablehne, mich auf eine Erörterung Ihre Spekulationen einzulassen. Hermlin hat auf dem Schriftstellerkongress eine o zielle Erö nungsrede gehalten, auf der er an den Kongress, der vierzig Jahre davor in Berlin stattgefunden hatte, erinnerte. Und dann hat er sich noch einmal aus eigener Initiative, privat mit seinem gegen mich gerichteten Diskussionsbeitrag zu Wort gemeldet, dessen Inhalt die anwesenden o ziellen Vertreter von Staat und Partei – Honecker, Hager und andere – überrascht haben dürfte. PF: Dürfte! 2 4 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k WH: Ja, dürfte! Diesen Eindruck habe ich, und Sie dürften schwerlich im Stande sein, ihn zu widerlegen. Wenn Sie aber Steigerwald und Metscher herabwürdigen, so weise ich das zurück. Dass die mit den Wölfen heulen – mit westlichen, liberalen Wölfen –, räume ich ein; es muss Ihnen genügen. Weiter gehe ich nicht. PF: Nun gut! Dann nehmen Sie wenigstens argumentativ zu Hermlins entscheidendem Statement Stellung: »Nietzsche existiert nicht in der DDR; ich halte das für einen Mangel, weil Sozialisten an keiner wesentlichen Gestalt vorbeigehen können.« WH: Die Prämisse ist schlicht falsch, die Folgerung aus ihr desgleichen. Hermlin behaupte damit etwas, was keiner Nachprüfung standhält. An Nietzsche vorbeigegangen sind die führenden Kulturpolitiker der DDR, sind ihre Philosophiehistoriker und Literaturwissenschaftler nie. Viele ihrer Schriftsteller haben sich zu ihm geäußert. Selbst einem der Mitbegründer der SED, Otto Grotewohl, verdanken wir wichtige, gehaltvolle Aussagen über ihn. PF: Mit der Nichtexistenz meint Hermlin natürlich, dass Texte Nietzsches in der DDR nicht erhältlich sind, und das tadeln auch Steigerwald und Metscher. WH: Und genau darin irren Sie sich; sie sind – durch Hermlin – falsch informiert. Jedem DDR-Bürger steht es frei, sich jeden beliebigen Nietzsche-Text zur Lektüre zu bescha en. An Einzelverö entlichungen seiner Werke wie an Auswahl- und auch Gesamtausgaben derselben, bis hin zu derjenigen Collis und Montinaris, ist in den ö entlichen Bibliotheken der Republik kein Mangel. Sie gehören dabei noch nicht einmal zum Giftschrankbestand, nicht zur »speziellen Forschungsliteratur«, die man nur mit Sondergenehmigung erhielte, sondern werden frei ausgeliehen. Dasselbe gilt für die gesamte reichhaltige Sekundärliteratur. Dies zum ersten. Zweitens oriert in der DDR, neben dem staatlichen und privaten Antiquariatsbuchhandel, und zwar ganz legal, ein schwunghafter individueller antiquarischer Handel mit Büchern, vermittelt durch Zeitungsannoncen, durch suchende sowohl wie durch anbietende. Besonders Schopenhauer und Nietzsche sind hierbei massenhaft im Angebot, allerdings vorläu g nur in älteren Editionen. Die neue aber, die von Colli und Montinari besorgte Kritische Gesamtausgabe, ist als dtv-Studienausgabe dermaßen wohlfeil, dass sie sich so gut wie jeder durch irgend einen Verwandten oder Bekannten aus dem Westen besorgen lassen kann, als beliebiges Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk, und noch nie ist es vorgekommen, dass unser Zoll Sendungen dieses Inhalts zurückgehalten hätte. PF: Das alles mag stimmen, setzt aber Hermlin insofern nicht ins Unrecht, als er natürlich meint, dass es noch keine Nietzsche-Ausgabe gibt, die in einem Verlag der DDR erschienen wäre. 2 4 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er WH: Sie wäre, von den Leserbedürfnissen her gesehen, über üssig. Trotzdem waren Bemühungen im Gange, eine solche Ausgabe zu scha en, und sie sind es vielleicht immer noch. Der selbe Kulturfunktionär, der ausgerechnet mich dazu animieren wollte, ein Buch »ohne Holzhammer« über Nietzsche zu schreiben, hat ungefähr gleichzeitig ausgerechnet Wolfgang Heise mit dem Ansinnen bedrängt, Nietzsche-Texte kommentiert herauszugeben, in drei Bänden, bei Rütten und Loening. Hätte der Mann sich an die in Heft 4, 1958, der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgedruckten Rezension Heises über Schlechtas drei Bände bei Hanser erinnert, so hätte ihm die Vergeblichkeit seines Versuchs einleuchten müssen. Diese Rezension, die Schlechtas ideologische Position unnachsichtig kritisiert, endet mit den Worten: »Deshalb besteht kein Grund für uns, die neue Nietzsche-Ausgabe zu begrüßen – trotz der o ensichtlichen philologischen Leistung. Sie kann uns mit Nietzsche nicht versöhnen – und wenn sie mit ihm versöhnt, dann versöhnt sie mit der Barbarei unter dem schillernden Gewand ästhetischer Brillianz.« PF: Hat auch Heise, wie Sie, sich dem Kulturministerium verweigert? WH: Er ist zum Schein auf die Sache eingegangen, um den im Fall seiner Absage zu befürchtenden Zugri anderer zu blockieren, und hat dann die Erledigung des ihm Aufgetragenen vor sich her geschoben. Ich weiß es. PF: Von ihm selbst? WH: Ja. Noch bei dem letzten Gespräch, das wir miteinander führten, sagte Heise mit hintergründigem Lächeln: »Erst in zwei Jahren werde ich anfangen, darüber nachzudenken.« PF: Also waren Sie mit Heise in dieser Frage einig? WH: Ja. Schon 1982 hatte er mich daher gebeten, seine Schülerin Renate Reschke von ihrer Vorliebe für Nietzsche abzubringen; ihm allein gelinge das nicht. PF: Ist es Ihnen gelungen? WH: Leider nein. Drei ausführliche Gespräche zwischen dieser jungen Kollegen und mir blieben ergebnislos. 1983 erschien dann ihr einschlägiger Artikel in den Weimarer Beiträgen, der mich schließlich dazu veranlasst hat, auch gegen sie ö entlich zu polemisieren. Sehen Sie und eben Frau Reschkes Aktivitäten liefern einen – bei weitem nicht den einzigen – Beweis dafür, dass Hermlins ese »Nietzsche existiert nicht in der DDR« reiner Unsinn ist. Mit umfangreicher Reklame für Nietzsche, in ihrer Schrift Die anspornende Verachtung der Zeit, hat Reschke an der Humboldt-Universität habilitiert. Reklame für ihn wird auch in der von Buhr herausgegebenen Enzyklopädie zur bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert gemacht, namentlich von Friedrich Tomberg, aber auch von András Gedö, am meisten von Buhr selbst. Und musste es 2 4 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k denn sein, dass Hans Stern in seinen Auswahlband mit Schriften eodor Lessings dessen apologetischen Nietzsche-Aufsatz, als umfangreichsten Beitrag übrigens, aufnahm, dass von den Essaybänden Stefan Zweigs gerade Der Kampf mit dem Dämon herausgebracht wurde, der neben den Versuchen über Hölderlin und Kleist auch den panegyrischen über Nietzsche enthält? Um zahlreiche weitere Beispiele wäre ich nicht verlegen. Im Druck be ndet sich derzeit ein Buch von Malorny, das, ungefähr im Sinne Steigerwalds, einen weiten Abstand zwischen Nietzsche und dem Faschismus glaubhaft zu machen sucht. Ein anderes, herausgegeben von Günther Rudolph, will mit Ferdinand Tönnies’ Hilfe den frühen Nietzsche retten, das von Eike Middel, das in Vorbereitung ist … PF: Gehen Sie nicht wieder zu sehr in Einzelheiten! Worauf es Ihnen, wenn ich nicht irre, ankommt, ist, Hermlins Statement durch Tatsachen aus dem Kulturleben der DDR zu erschüttern, die in der bloßen Editionsfrage nicht aufgehen. Und es sind, wie ich Ihren Darlegungen entnehme, lauter Fakten, die meine – von Ihnen zurückgewiesene – »Verschwörungshypothese« bestätigen. Doch auf der will ich jetzt gar nicht insistieren. Nur eines möchte ich zum Abschluss von Ihnen noch wissen: Wie, mit welchen Argumenten wehren Sie grundsätzlich den Vorwurf Metschers und Steigerwalds ab, undemokratischer Praxis das Wort zu reden, die es einer Elite vorbehält, Nietzsche zu lesen und dann den gewöhnlichen Sterblichen beizubringen, was sie von ihm zu halten haben? WH: Mein erstes Gegenargument kennen Sie schon. Es besagt, dass Nietzsche faktisch in der DDR zugänglich ist, verfügbar, wie Metscher sagt, und zwar für jedermann. PF: Das wird man Ihnen schwerlich abnehmen. Die Geschichte mit der Möglichkeit, sich die Colli-Montinarische Edition von Leuten aus dem Westen schenken zu lassen, wirkt auf mich penetrant elitär. Nicht alle DDR-Bürger haben Verwandte und Bekannte im Westen. Und wie viele der Bundesbürger, die zu diesem Personenkreis zu rechnen sind, können ohne weiteres fast 300,– DM für die dtv-Studienausgabe auf den Tisch blättern? WH: Ich habe dies nur als eine unter mehreren Möglichkeiten, in der DDR ganz legal an Nietzsche-Texte heranzukommen, genannt. Vergessen Sie die übrigen nicht. Und was die befürchtete elitäre Einstellung betri t, so sollte Steigerwald sie besser nicht bei anderen suchen. Die Bedingungen nämlich, die er stellt – mit den Einleitungen, den Nachworten, als im Ozean verankerten »Bojen«, durch die dem Denken zulässige Fahrrinnen markiert werden –, sind nicht nur elitär, sondern auf durchsichtige Weise geradezu gouvernantenhaft. Gerade durch so etwas fühlen Leser sich, mit Recht, bevormundet, gegängelt. Heise berichtete mir, er sei im Kulturministerium auf eine 2 4 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Edition ausgewichen, die den Texten jeweils Gegentexte gegenüberstellt, und hätte daran die Bedingung geknüpft, dass diese stilistisch von gleicher Qualität sein müssten wie jene. Zu mir meinte er grinsend: »Such mal bei uns jemanden, der als Stilist an Nietzsche erreicht!« Meine Retourkutsche lautete: »Du bist es bestimmt nicht.« Natürlich hatte er das ganze Vorhaben damit ad absurdum führen wollen. Aber man hatte seinen bewusstermaßen abstrusen Vorschlag aufgegri en, tierisch ernst, und ihn aufgefordert, so zu verfahren. PF: Sie geraten ins Anekdotische. Wissen möchte ich, welches Argument Ihnen sonst noch zu Gebote steht – für die Auseinandersetzung mit Steigerwald und Metscher. WH: Beide reden, wenn Sie uns Vorschriften machen, was wir in der DDR zu drucken hätten, über Dinge, die sie nicht beurteilen können. Sie kennen nicht die realen Bedingungen, unter denen Publikationspolitik und Verbreitung von Schrifttum in unserem Land sich vollziehen. Von der Situation unseres graphischen Gewerbes, unserer Verlage, unseres Buchhandels haben sie wenig Ahnung. Wir sind zum Beispiel, um nur das wichtigste materielle Dilemma zu deuten, auf sehr knapp bemessene Papierkontingente angewiesen und müssen mit denen Devisen erwirtschaften. Das zwingt uns dazu, Prioritäten zu setzen. PF: Welche würden von Ihnen gesetzt werden, wenn Sie zu bestimmen hätten? WH: Nächst der Bannung der Kriegsgefahr kenne ich keinen wichtigere Aufgabe als die Aufklärung der Massen über die ökologische Katastrophe und die zu ihrer Verhütung erforderlichen Strategien, die sowohl die Weltlage im ganzen als auch die – von Grund auf neu zu orientierende – Lebensführung jedes Einzelnen betre en. Dazu braucht unsere Bevölkerung die freie Verfügbarkeit der wichtigsten ökologistischen Schriften, die im Westen im Verlauf der letzten 15 Jahre erschienen sind, darunter namentlich die aller Berichte an den »Club of Rome«, von den Grenzen des Wachstums der Meadows’ bis zu Eduard Pestels Jenseits der Grenzen des Wachstums. Darüber sollten wir uns ein eigenes Urteil bilden dürfen, ohne richtungsweisende »Bojen« im Ozean, ohne Verdauungshilfen in Form von Einleitungen und Nachworten. Darüber müsste bei uns frei diskutiert werden. In zweiter Linie – und damit zusammenhängend, dies ergänzend – bedürfen wir der hauptsächlichen feministischen Literatur, angefangen von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht bis hin zu Betty Friedan, Marie-Louise Janssen-Jurreit, Anja Meulenbelt, Marilyn French. PF: Alice Schwarzer? WH: Ich kenne Besseres, Dringlicheres. Aber warum nicht auch die. Die Emanzipation der Frau darf sich nicht in Übernahme von Männerarbeit im Dreischichtsystem erschöpfen. Wir sind mit der Gleichberechtigung der Geschlechter politisch im 2 4 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Rückstand. Für sie zu kämpfen, müssen Frauen und Mädchen bei uns ermutigt werden, solange, bis auf allen Ebenen der Gesetzgebung und Machtausübung Geschlechterparität besteht. Unter sozialistischen Bedingungen käme e ektiv dabei mehr heraus als im kapitalistisch gehemmten, von Bonn abhängigen Westberlin, und nur so würden wir uns eines bedeutungsvollen Teils des Erbes von Marx und Engels, von Bebel und Clara Zetkin in zeitgemäß modi zierter Weise würdig erweisen. Sehen Sie sich den DDR Film Winter ade an, lesen Sie Irmtraud Morgners Bücher, und Sie werden sofort begreifen, worauf ich hinaus will. PF: Weist auch Rosemarie Zeplin in diese Richtung? WH: Auch sie, auch manch andere noch. Sodann: Wie auch immer man die gegenwärtige Situation des Weltkommunismus beurteilen mag – als allgemeinen Zusammenbruch, der zu beklagen ist, oder als einen begrüßenswerten Aufbruch zu neuen Ufern oder als Anpassung an die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft oder als ein Suchen nach neuen Wegen, bei dem einer vom anderen lernt, ohne dass man sich gegenseitig kopieren würde –, auf jeden Fall wäre es, so oder so betrachtet, hoch an der Zeit, sich heute der ganzen Fülle theoretischer Leistungen zu vergewissern, die in Vergangenheit und Gegenwart von den verschiedensten Strömungen der internationalen Arbeiterbewegung bzw. in deren Umfeld hervorgebracht worden sind. Und dabei hätten die Arbeiten bisher vernachlässigter großer Kommunisten den Vorrang zu beanspruchen. Gehen wir davon aus, dass wir uns eine Diskussion über das Für und Wider der Drucklegung von Werk Nietzsches aufzwingen lassen, während uns gleichzeitig das grandiose Alterswerks von Georg Lukács, die Ontologie des gesellschaftlichen Seins, noch 18 Jahre nach dessen Tod vorenthalten wird, nachdem bereits der Riesentorso seiner Eigenart des Ästhetischen uns nur mit Verdauungshilfe, verabfolgt durch einen ebenso inkompetenten wie gegnerischen Nachwortverfasser, zugänglich gemacht wurde, dann ist das eine Schmach. Überdies nde ich: Lukács gehört von Rechts wegen in den Dietz-Verlag, den Verlag der Partei. Doch nicht nur davon möchte ich reden. Johano Strasser hat die Frage aufgeworfen, ob zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten, bei Konsens über die gemeinsame Sicherheit, der Streit der Ideologien nicht aus der elitären Enge von Spitzengesprächen, welche die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED mit der Grundwertekommission der SPD führt, besser in eine mitzubeteiligende breite Ö entlichkeit getragen werden sollte. Ich bin damit sehr einverstanden, füge jedoch hinzu, dass zu dem Zweck bei uns die editorische Voraussetzung für die ö entliche kritische Diskussion zumindest der belangvollsten sozialdemokratischen eorien, angefangen von Lassalle über Bernstein und den gan- 2 4 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er zen Kautsky, über Linkssozialisten der Weimarer Republik wie Fritz Sternberg und Arthur Rosenberg bis hin zu einerseits Richard Löwenthal … PF: … alias Paul Sering … WH: … ja, sowie andererseits Erhard Eppler, Paul Blau, Iring Fetscher und anderen, J. Strasser nicht ausgenommen, gescha en werden müsste. Die Erschließung des – wie auch immer kritisch zu beurteilenden – trotzkistischen Erbes wäre ein weiteres Desiderat. Wobei ich nicht nur Trotzki selbst meine, sondern auch einen bedeutenden Historiker der Arbeiterbewegung wie Isaak Deutscher, einen hervorragenden Wirtschaftswissenschaftler wie Ernest Mandel. Ein nichttrotzkistischer Exkommunist wie Brechts Lehrer Karl Korsch dürfte gleichfalls nicht fehlen, dessen harsche Kritik an Kautskys Materialistischer Geschichtsau assung so wenig wie diese selbst. Wichtig wäre für uns ferner Folker Fröbels, Jürgen Heinrichs und Otto Kreyes Analyse des Umbruchs in der heutigen Weltwirtschaft, wäre Ander Gunnar Franks … PF: Noch näher als alle Sozialdemokraten, Trotzkisten so genannte Neomarxisten dürften den Kommunisten solche respektgebietenden Erscheinungen wie Leo Ko er, wie Wolfgang Abendroth stehen. WH: Richtig. Wieso eigentlich fehlen die in unseren Buchhandlungen? PF: Schlagen Sie all das doch einmal Kurt Hager vor! Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. WH: Es mag Gründe geben, schlechte oder meinethalben gute Gründe – oder einfach Gründe der Bequemlichkeit –, derartige Anregungen zurückzuweisen. Gemessen an der horrenden Zumutung, die Einbeziehung Nietzsches in die Erbep ege des Sozialismus auch nur in Erwägung zu ziehen, erweisen sie sich als null und nichtig, als unhaltbar. Doch ich ziehe mich auf weniger heikles Gebiet zurück. Wo bleiben die großen Liberalen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Haym und Hettner, die F.  . Vischer und D. F. Strauß?37 PF: Die von Nietzsche geschmähten »Bildungsphilister«. Sie erwähnten die früher bereits. Von Haym ist einst, dank Ihrer Initiative, die große Herder-Biographie erschienen, von Hettner dank Gotthard Erler die Geschichte der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert. WH: Sie ist der dritte Teil eines umfassenderen Werks, das, in den Bänden davor, auch die englische und die französische Aufklärung behandelt. Dass diese nie erschienen sind, ist unbegrei ich. Was Rudolf Haym angeht, so hätte mit dessen Standardwerk über die frühe Romantik kulturpolitisch gegengesteuert werden müssen, als sich unse- 37 (AH) Auf Harichs umfangreiche Editionspläne aus den späten siebziger und achtziger Jahren wurde bereits verwiesen. Siehe: Band 9, S. 383–403. Band 6.2, S. 1168–1179. 2 4 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k re Erbe-P ege um die Mitte der siebziger Jahre ziemlich kritiklos auf Obskuranten wie die Brüder Schlegel, wie Tieck, wie Wackenroder, wie Novalis zu erstrecken begann. Nichts dergleichen geschah. PF: In dem Zusammenhang haben Sie beim letzten Mal eine interessante Bemerkung gemacht über den spätstalinistischen Monolithismus, der sich von der Oktoberrevolution, als seinem Ursprung, immer weiter entfernt; jetzt überfordert sie ihn. Zu der Dialektik, die er gern im Munde führt, ist er nicht mehr aufgelegt. Sie liegt ihm nicht. Er kennt das nicht: Problematisches Kulturgut gleichzeitig zur Förderung freizugeben und vor ihm warnen zu lassen. Er verlangt marxistische Einleitungen oder Nachworte, »Bojen«. Einen Altliberalen wie Haym als Verbündeten gegen romantische Problematik ins Tre en zu führen, darauf kommt er gar nicht. Soll das Denkmal des Alten Fritz wieder aufgestellt werden, so erhält Genossin Mittenzwei den Auftrag, dies marxistisch vorzubereiten. Den Vorschlag, erst einmal gegen Fritz den Fridericus von Hegemann herauszubringen oder Augsteins Preußens Friedrich und die Deutschen, stieße auf völliges Unverständnis. WH: Aber dann plötzlich Nietzsche. PF: Ja, zwischen marxistischen »Bojen«, die im Ozean das Fahrwasser sichern. Und dann kommen auf einmal Sie, sehr störend, mit Sandvoss dazwischen, einem Pfa en, der 82 Nietzsche-Stellen in Mein Kampf aus ndig gemacht haben will. Eignet sich der etwa zur »Boje«? Der ist doch nun wieder fromm. WH: Die DDR kann stolz darauf sein, erstmals vollständig und in korrekten Übersetzungen Holbachs Système de la Nature und die beiden Hauptwerke von Helvétius deutsch herausgebracht zu haben. Vorbildhafte P ege materialistischer Denktradition, Erfüllung eines Nachholbedarfs seit dem 18. Jahrhundert. Aber glauben Sie, die DDR wäre bereit, ihren Lesern die beiden wichtigsten deutschsprachigen Zeugnisse eines militanten Materialismus aus dem 20. Jahrhundert zugänglich zu machen: Friedrich Jodls Kritik des Idealismus, Nicolai Hartmanns Teleologisches Denken? Seit vielen Jahren versuche ich, das zu erreichen. Ich scha e es nicht.38 PF: Da kommt zweierlei zusammen, was dem entgegensteht. Einerseits sind die Autoren Nichtmarxisten aus einer Zeit, als es den Marxismus schon gab, also Bourgeois-Ideologen des Kapitalismus im Niedergang. Andererseits sind sie im Westen nicht en vogue, also vergessene Klassenfeinde, abgestorbene, mit denen man dem quickle- 38 (AH) Auf Hartmann wurde bereits mehrfach verwiesen, Harichs Editionsbemühungen sind im 10. Band nachzulesen. Über Jodl äußerte er sich immer wieder positiv, zuletzt in den Hartmann-Manuskripten. Siehe: Heyer: Zur Rezeption Friedrich Jodls in der DDR, in: Aufklärung und Kritik, Nr. 3: Friedrich Jodl und das Erbe der Aufklärung, 2014, S. 191– 198. 2 4 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er bendigen so wenig imponieren kann wie dessen modebewussten Anhängern unter den eigenen Mitbürgern. So ist es um ihre Chance doppelt schlecht bestellt. Nach Nietzsche besteht demgegenüber Nachfrage. Bei ihm wird daher di erenziert, nicht zwischen ihm und den Ausgefallenen, den Nichtgefragten; das lohnte ja nicht. Sie wollen den Traum vom Porsche mit einer Fußwanderung über den Rennsteig durchkreuzen. Das macht Sie, bestenfalls, zum Spinner, schlimmerenfalls, mit ihren Träumen, die um Isaak Deutscher oder Iring Fetscher kreisen, zu einem … na, Sie wissen schon. Einiges haben Sie ja hinter sich. Sie sind nicht mehr jung. Es ist hoch an der Zeit, dass Sie, aus Ihren Lebenserfahrungen lernend, klüger werden. WH: Jodl und Nicolai Hartmann haben großangelegte Ethiken geschrieben, beide Werke irreligiös, beide erzhuman, beide, bis auf belanglose Kleinigkeiten, frei von antisozialistischer Tendenz, und dabei, in den Fragestellungen, den Denkansätzen wie in den Problemlösungen untereinander faktisch kontrovers. Ich habe vorgeschlagen, von der Verö entlichung beider Bücher ausgehend, eine Diskussion über ethische Fragen in Gang zu bringen, die endlich das Monopol unserer Evangelischen Akademien auf diesem Gebiet bricht. Nicht zu machen. Der Akademie-Verlag winkte ab: »Wir haben wenig Papier, und mit dem müssen wir Devisen hereinbringen.« Dann wurde der Verband der Freidenker gegründet. Er hat sich, unter anderem, den Diskurs über Ethik in zivilisierter Kontroverse mit christlichen Mitbürger zum Programm gemacht, wohl gemerkt ohne sich selbst auf marxistisch-leninistische Positionen festzulegen. Denken Sie etwa, der Akademie-Verlag käme nun auf die Idee, auf mein Jodl-Hartmann-Projekt zurückzugreifen und es den Freidenkern zu o erieren? Doch an den schönfärbenden Büchern zu Nietzsche, die er vorbereitet, hält er unverwandt fest. Und noch ein kurzes Beispiel: Ich bin 1986 dahinter gekommen, dass der eigentliche Begründer der Philosophischen Anthropologie, die uns seit Jahrzehnten theoretische Verlegenheiten bereitet, Paul Alsberg heißt. Er lebte von 1882 bis 1965 und war Arzt. So gut wie niemand kennt ihn. Max Scheler hat ihn aus christkatholischer Sicht bekämpft. Von Arnold Gehlen ist er, wie ich feststellte, in seinen rationellsten Denkansätzen schamlos plagiiert und zugleich pragmatistisch verbogen worden. Ich begann, nachzuforschen, was es mit Alsberg auf sich hat. Ich kann dahinter, dass er Jude war, dass er 1934 ins KZ Sachsenhausen geworfen wurde, dass er dann nach England emigriert ist, während Nazi Gehlen mit seinen Ergebnissen in Hitlerdeutschland reüssierte.39 Wollen Sie wissen, was man auf meinen Vorschlag einer Alsberg-Ausgabe 39 Über Arnold Gehlen und Paul Alsberg informiert ausführlich der 11. Band. Dort auch zur Biographie Alsbergs und den Versuchen Harichs, eine DDR-Edition von dessen Werk (Menschheitsrätsel) anzuregen. 2 4 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k geantwortet hat? Wieder hieß es: »Kein Papier, aber die Verp ichtung, Valuta zu liefern. Ihr Alsberg bringt das nicht.« So steht es um die Prioritäten. Sie sind bei uns falsch gesetzt. Und angesichts dieses Sachverhalts soll ich dafür Verständnis aufbringen, dass Steigerwald und Metscher auf die Berücksichtigung demokratischer, nichtelitärer Grundsätze dringen, wenn die Frage, ob Nietzsche in der DDR gedruckt werden soll, zur Debatte steht? Beide wissen nicht, wovon sie reden. PF: Ich bin der Ansicht, dass in der DDR Sie mitsamt Ihren Prioritäten abgewimmelt werden, weil Sie das, was man mit Nietzsche vorhat, stören. Nehmen wir an, das änderte sich und man zeigte sich Ihren Plänen und Vorschlägen geneigt. Würde dann Nietzsche … WH: Er würde uninteressant werden. Mit Friedrich Jodl und Nicolai Hartmann, mit Friedrich eodor Vischer und David Friedrich Strauß, auch mit Paul Alsberg könnte er nicht konkurrieren, schon gar nicht mit Trotzki und Bucharin, mit Richard Lö wenthal und Ehrhard Eppler, am wenigsten vermutlich mit dem »Club of Rome« und dem Feminismus. PF: Aber eben dann könnte man, irgendwann, ihn sich vielleicht doch einmal leisten, ganz am Ende Ihrer Prioritätenliste, in einer Auswahl, wie man sie Heise abverlangt hat. WH: Es geht nicht darum, was man sich leisten kann. Vielmehr, es bleibt zu fragen, was darunter verstanden werden soll, dass man sich etwas leisten kann und etwas anderes nicht. Wir können es uns unter keinen Umständen leisten, die Identität der DDR aufs Spiel zu setzen, und die steht und fällt mit ihrem zuverlässigen, kompromisslosen Antifaschismus, um den es schlecht bestellt wäre, gäbe sie dem Druck nach, Nietzsche in ihre Erbe-P ege aufzunehmen. PF: Also doch: Ins Nichts mit ihm? WH: Im Nichts be ndet er sich nicht. Er hat sich nie darin befunden, so wenig wie sein Schüler Hitler, der ja, leider, auch nicht ungeschehen gemacht werden kann. Aber wie Hitlers runde Geburtstage sollten weiterhin diejenigen Nietzsches sang- und klanglos bei uns vorübergehen. Ihm so wenig wie Hitlers sollten Denkmäler oder sonstige Gedenkstätten errichtet werden. Es sollten Werke Nietzsches nicht in Büchern stehen, deren Titelblätter das Signet eines DDR-Verlages tragen. Das gebietet unsere Selbstachtung, unsere antifaschistische Ehre. Denn die Schande, dass einst Nietzsche in deutscher Sprache gedacht und geschrieben hat und damit Anklang fand, ist ebenso groß wie die, dass Deutsche sich einmal von Hitler haben regieren lassen. Dessen müssen wir uns bewusst bleiben, und eine P icht des sozialistischen Deutschen Staates ist es, dieses Bewusstsein für immer wachzuhalten. 2 5 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Anhang I: Zu Nietzsches spätstalinistischer Aufwertung Zu den wenigen DDR-Denkern, die sich mir freundlich genährt haben, gehört Reinhard Mocek. Seit der Wende aber lässt er nichts mehr von sich hören. Und jetzt plötzlich, zu meiner Verwunderung, greift er mich ö entlich an (in einem Zusammenhang übrigens, in dem das merkwürdig aufgesetzt wirkt).40 In Sachen Nietzsche hätte ich »dem ZK die Augen geö net«, worauf hin Manfred Buhr »vierwöchentlich« Diskussionen habe organisieren müssen, um »ein ausgesuchtes Häu ein von DDR-Philosophen und Kulturwissenschaftlern auf Harichs Position zurückzubringen«. Ich wünschte, es hätte sich so verhalten. Leider ist das Gegenteil wahr. Doch bevor ich darüber berichte, sei mir ein grundsätzliches Wort zu jener Nietzsche-Renaissance erlaubt, die dem nunmehr sich ausbreitenden Neofaschismus vorausgegangen ist. Sie durfte unter realsozialistischen Bedingungen besonders weit in dem China Dengs gedeihen, das den Kapitalismus wieder einführt, ohne Demokratie zu gewähren. Und ihr Bahnbrecher in Osteuropa war das Rumänien Ceausescus. Der Wille zur Macht scheint diesen Herrenmenschen eingeleuchtet zu haben. Auch hierzulande hat eine greise Politbürokratie sich auf dem Weg zu Zarathustra befunden. Anscheinend war einzig Willi Stoph dagegen, wie eine kulturpolitische Andeutung von ihm aus dem Dezember 1985 verrät. Die blieb indes ein folgenloser Übergri ins Ressort Kurt Hagers, der, zusammen mit Stephan Hermlin, den in seiner Unbildung und Ahnungslosigkeit verunsicherten Erich Honecker längst dazu bewogen hatte, Friedrich Nietzsches Philosophie in die Erbe-P ege der DDR mit einzubeziehen. Der Generalsekretär der SED, sein Che deologe und der Schöngeist unter seinen Jugendfreunden verfolgten ihren Plan behutsam, peu à peu, immer mit festem Blick auf Nietzsches in Weimar und Röcken, in Naumburg, Schulpforta und Leipzig 1994 mit internationaler Beteiligung und Resonanz festlich zu begehenden 150. Geburtstag. Bei Hager lief die Vorbereitung durch Jahrzehnte parallel zunächst mit dem Verbot, später mit manipulierter Verfemung des größten kommunistischen Philosophen seit Marx, des Ungarn Georg Lukács, eines exzellenten Nietzsche-Kritikers. Und Hermlin, in seinem Deutschen Lesebuch, ließ 1976 eine erste Schwalbe au iegen: Durch den Abdruck von Nietzsches Gedicht An den Mistral, mit dem in der Nazizeit deutschen Oberschülern das Erfordernis, »lebensunwertes Leben« auszumerzen, nahegebracht worden ist. 40 (WH) In Neues Deutschland, Wochenendausgabe vom 31. Oktober und 1. November 1992. Siehe die weiteren Hinweise dieses Bandes. 2 5 2 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Vor diesem Hintergrund bitte ich die Tatsache zu sehen, dass ein volles Jahr lang, 1982, ZK-Apparat und Kulturministerium mit dem Köder einer Lockerung des gegen mich erlassenen Berufsverbots und mit der mir schmeichelnden Begründung, ich kenne mich so gut im Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte aus, immer wieder in mich drangen, ein »di erenzierendes« Buch über Nietzsche, unter Würdigung auch seiner »guten Seiten«, abzufassen. Ich kenne Nietzsche gründlich, ich emp nde nichts als Ekel und Abscheu vor ihm, und ich bin kein Nazi. Also wies ich das Ansinnen zurück, ehend, entrüstet, schließlich verzweifelt, und riet in warnenden Gutachten mehrfach von dem Vorhaben ab. Derweil erklärte Wolfgang Heise sein Einverständnis, eine kommentierte Nietzsche-Edition herauszubringen. Doch nur zum Schein und nur mit hinauszögernden Vorschlägen war er darauf eingegangen, um das Projekt so zu sabotieren, dass andere es nicht übernehmen konnten. Bis zum eigenen Tod hat er es dergestalt blockiert. Wer Heises 1958 erschienene Rezension der Schlechtaschen Nietzsche-Ausgabe kennt, wird ihn verstehen; um so mehr, als sich in der DDR das Problem, an die betre enden Texte heranzukommen, ja gar nicht stellte. Sie mit dem Signet eines DDR-Verlages zu versehen, wäre pseudoliberales Imponiergehabe gewesen. Es hätte lediglich davon abgelenkt, dass Wichtigeres im Buchangebot fehlte, zum Beispiel das Scha en Solschenizyns. Eines Tages war sogar der Sputnik nicht mehr erhältlich. Andere Kollegen haben sich Hagers Sbirren erbötig gezeigt, namentlich Heinz Pepperle. Von ihm ist 1986 in Sinn und Form eine Zwar-aber-Verteidigung des Urfaschisten aus Röcken bei Lützen abgedruckt worden. Gegen die zog ich polemisch vom Leder und wurde damit, wieder einmal, unbequem. Seither hat Hager mir, wie ehemals oft, mit Schikanen und Intrigen das Leben schwer gemacht, und das bis zur Wende und, fortwirkend, über sie hinaus. Es ng damit an, dass Sinn und Form von Seiten Hagers die – für mich unannehmbare – »Empfehlung« zuging, mir die Streichung aller auf Pepperle kritisch bezugnehmenden Passagen abzuverlangen. Einen Genossen von einem vormaligen Staatsfeind dermaßen abfertigen zu lassen, ginge, so bedeutete man mir, nicht an. Dabei hätte es denn auch sein Bewenden gehabt, wäre nicht im Mai 1987 ein Malheur passiert: Hermlin ließ sich im Westen zu der Behauptung hinreißen, in der DDR gäbe es keine unterdrückten Manuskripte. Das nutze ich aus. Brie ich forderte ich Hermlin dazu auf, sich für die Publikation zweier unterdrückter Arbeiten von mir stark zu 2 5 3E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k machen, andernfalls ich ihn als unglaubwürdig bloßstellen würde. So sah Hager sich gezwungen, in die Verö entlichung wenigstens der einen Arbeit – die andere, Mehr Respekt vor Lukács!, hatte ich nach Österreich schmuggeln müssen – mit einem Vorbehalt doch noch einzuwilligen: Meine Kritik an Pepperle durfte, etwas entschärft, erscheinen, nachdem ich mich der Bedingung unterworfen hatte, aus ihr eine längere satirische Stelle zu streichen. Die galt dem – für mein Emp nden schamlosen – Plan, in Weimar, nahe Buchwald, eine Nietzsche-Gedenkstätte zu errichten. Der X. Schriftstellerkongress der DDR, im November 1987, bot der Politbürokratie und ihren Hofbarden sodann Gelegenheit, zurückzuschlagen. Hager und Honecker saßen im Präsidium, als Hermann Kant mich mit Pol Pot verglichen, als Hermlin mit aus der Luft gegri enen Verleumdungen auf mich eindrosch. Auf meine Argumentation ging, gewohntermaßen, niemand ein, und ö entlich zu erwidern blieb mir versagt. Törichterweise habe ich, aus Loyalität, damals von Möglichkeiten, die sich mir zur Stellungnahme in westlichen Medien boten, keinen Gebrauch gemacht. Der Streit sollte, soweit es von mir abhing, eine interne Angelegenheit der DDR bleiben. Die Gegenseite verhielt sich weniger zimperlich. Bei Pahl-Rugenstein, in Köln, kam im Frühjahr 1989 das Protokoll des Kongresses mitsamt den Angri en auf mich heraus. Als ich nun verlangte, mich noch einmal zu Wort kommen zu lassen, erklärte Hager, er könne keiner Redaktion eine derartige Au age erteilen. Unterdes fanden hinter den verschlossenen Türen der Akademie der Wissenschaften jene gesteuerten »Diskussionen« statt, auf die Mocek sich bezieht und von denen er nur die erste, am 16. Oktober 1987, miterlebt hat. Es waren keine »vierwöchentlichen« Veranstaltungen, wie er annimmt, sondern bloß 5 in anderthalb Jahren. Und keineswegs sollten sie die Teilnehmer auf meine Position »zurückbringen«. Im Gegenteil, ihr Zweck bestand darin, alle gegen die Nietzsche-Renaissance sprechenden Einwände abzuschmettern und dabei mich, den Störenfried, fertig zu machen. Ö entlicher Disput mit mir kam nicht in Betracht. Dafür waren meine Argumente zu stark. Deswegen bin ich weder zu der Konferenz der Philosophiehistoriker, die am 12. und 13. Januar 1988 in Leipzig über die Bühne ging, noch zu dem Nietzsche-Symposium der DKP in Wuppertal, am 9. und 10. April 1988, und auch nicht zum letzten, dem VII. Philosophiekongress der DDR vor drei Jahren, 1. bis 3. November 1989, eingeladen worden. Wenn, nebenbei bemerkt, Jean Paul zu seinen runden Gedenktagen, 1975 und 1988, in der DDR nicht gefeiert worden ist, so geschah das ebenfalls um meine Ausgrenzung 2 5 4 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er willen. Ich sollte Unperson bleiben, und dass ich Jean Paul im Geiste von Lukács interpretiert hatte, galt obendrein als Frevel. Nietzsche war nicht zuletzt deswegen willkommen, weil von ihm Jean Paul als »das Verhängnis im Schlafrock« geschmäht geworden ist. Unmissverständlich ist mir immer wieder klargemacht worden, niemand brauche mich. Mocek schien da eine Ausnahme zu bilden. Nun enttäuscht auch er mich. Wie soll ich mir den Wandel seiner Einstellung erklären? Er hat mir einmal brie ich sein Bedauern darüber ausgedrückt, gegen meine Isolierung nichts tun zu können. Es ist mir schwer vorstellbar, dass er an seine ese, ich hätte Ein uss aufs ZK ausgeübt, selber glaubt. Im April 1989 spitzte der Kon ikt zwischen Hager und mir sich dermaßen zu, dass ich mir nicht anders mehr zu helfen wusste, als mich, per Eingabe, bei Honecker über den Machtmissbrauch seines führenden Kulturpolitiker zu beschweren. Am 28. Juni kam es daraufhin zwischen dem persönlichen Referenten des Generalsekretärs und mir zu einem kurzen Gespräch. Von der ärgsten Schikane vermochte ich nicht zu beweisen, dass auch sie auf Hager zurückging. Trotzdem führte ich sie als bezeichnendes Beispiel an. Das französische Erziehungsministerium hatte im November 1988 bei mir anfragen lassen, ob ich zu Vorträgen in Paris und Nantes während der ersten Märzhälfte bereit sei, und ich hatte dies bejaht. Die o zielle Einladung an mich, in einem Luftpostbrief, war dann, datiert vom 5. Februar, erst am 18. März 1989, nach Verstreichen sämtlicher Veranstaltungstermine, bei mir eingetro en, und meine dagegen protestierende Eingabe beim Postministerium der DDR war unter fadenscheinigen Aus üchten abgewimmelt worden. Ich äußerte also die Befürchtung, dass mein Wunsch, in Paris auch im Kulturzentrum der DDR aufzutreten, hatte hintertrieben werden sollen. Honeckers Mann bestritt, zu meiner Verblü ung, gar nicht, dass an der Sache »gedreht« worden sein könnte. Er sagte nur: »Was kann ich da tun? Das liegt doch an Ihrer Einstellung zu Nietzsche.« Zwölf Tage zuvor hatte ich die letzte Gesprächsrunde bei Buhr dazu aufgefordert, sich statt für Nietzsche lieber erst einmal für Trotzki einzusetzen und den Lesern in der DDR auch Solschenizyn nicht länger vorzuenthalten. Betreten hatte man geschwiegen. Will, so frage ich, angesichts derartiger Fakten Mocek seine einseitige, zusammenhanglose Darstellung im Ernst noch aufrechterhalten? Liebend gern hätte ich das ZK zur Räson gebracht, aber es wollte davon nichts wissen. Zufrieden war mit meiner Position die New York Times. Als Besorgnis erregend hat, in deren Spalten, David Binder am 29. November 1987 die Gehässigkeiten registriert, mit denen ich von Kant und Herm- 2 5 5E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k lin überschüttet worden bin. Binders Artikel, der die Wiederbelebung übler deutscher Geistestraditionen unter Honecker scharf verurteilt, trägt die Überschrift: Seltsame Bettgenossen: Marxisten umarmen Nietzsche. Ähnliche Solidarisierung habe ich in der DDR nur aus kirchlichen Kreisen erfahren, aus solchen, denen, altmodischer Weise, der sich großspurig als Antichrist aufspielende Lobredner der »blonden Bestie« ein Gräuel ist. Ein beherzter eologieprofessor warnte die SED-Führung vor Versuchen, mit Nietzsche den humanistischen Konsens zwischen Marxisten und Christen aufzukündigen. Solch unliebsame Resonanz im In- und Ausland dürfte den Anstoß zu der Wuppertaler DKP-Konferenz über Nietzsche gegeben haben. Was war der Sinn des vielfach missverstandenen großzügigeren Umgangs der spätstalinistischen Nomenklatura mit problematischem Kulturerbe? Je mehr die revolutionären Ursprünge des Realsozialismus in ferne Vergangenheit rückten, je weniger glaubhaft seine Zukunftsverheißungen sich ausnahmen, desto reaktionärer wurden die anderweitigen Überlieferungen, auf die der Machtapparat, zwecks Verbreiterung seiner ideologischen Basis, zurückgri . Und da es echte Meinungspluralität gleichwohl nicht geben durfte, genossen nun diese »Renaissancen« monolithischen Schutz, im Zeichen eines auf die verlogene Phrase »große Weite und Vielfalt« einexerzierten Scheinliberalismus, der gegenüber reellem Querdenken die tolerante Maske jedes Mal prompt fallen ließ. Typisch hierfür war in der DDR, dass Historikern, die das Luther-Gedenken von 1983 störten, indem sie die Einschätzung der Reformation durch Marx, Engels und Mehring zu zitieren wagten, Maßregelung widerfuhr. Nach Erfahrungen solcher Art gab die modebewusste Absicht der SED-Diktatur, sich wohlwollend dem Vermächtnis Nietzsches zu »ö nen«, zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass. Zumal speziell in diesem Fall auch noch die Nötigung, Politbüromitglied Hager vor wohlverdienter Blamage zu bewahren, eine zusätzliche Rolle gespielt hat. Hager hatte – zugegeben: ungewollt, aus purer Ignoranz – schon zu Beginn der sechziger Jahre durch verfehlte Behandlung des Nietzsche-Nachlasses dessen Erschließung und Interpretation den Befürwortern einer längst widerlegten philologischen Legende anvertraut, die es zu erlauben scheint, den Urfaschisten gewissermaßen zu »entnazi zieren«. Hagers Machterhalt, sein persönliches Prestige geboten daher, zwischen Nietzsche und dem Faschismus einen möglichst weiten Abstand zu scha en. Derselbe Hager hatte aber auch, starrsinnig, wie er ist, xiert auf das Parteitrauma von 1956, durch Lukács’ Degradierung zur Unperson sowohl in der SED wie in der DKP das antifaschistische Gewissen der Parteiintelligentsja emp ndlich geschwächt. 2 5 6 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Dabei hätte gerade Lukács’ negatives Urteil über Nietzsche nicht etwa abgemildert, sondern eher noch verschärft werden müssen. Lukács hatte Nietzsches extremen Antisemitismus stets unterschätzt, hatte auch nie den enormen Ein uss Nietzsches auf Mussolini gebührend in Betracht gezogen und hat 1969, zwei Jahre vor dem eigenen Tod, unmöglich noch die Kollationierung auswerten können, die von Ernst Sandvoss zwischen Texten Nietzsches und Hitlers durchgeführt worden ist; die macht, zum Beispiel, in Mein Kampf 82 Stellen als ans Plagiat grenzende Übereinstimmungen kenntlich. Als Sponsor einer Nazigeschichte hätte folglich Hager dagestanden, wäre dies dem Gros der von ihm stramm gegängelten Genossen ruchbar geworden. Sein Machtmissbrauch bescherte ihm Helfershelfer, die ihm das bis zuletzt erspart haben und sich noch heute darüber ausschweigen. Mocek und manch anderem möchte ich zu Gute halten, dass sie das alles nicht wissen. In einem »marxistisch-leninistischen« Machwerk über Nietzsche, das Hager, ungeachtet der Dilettantismen, von denen es wimmelt, zu drucken befohlen hat, fehlt Sandvoss bezeichnenderweise ganz, fast zwei Jahrzehnte nach seinen für die einschlägige Forschung ungemein wichtigen Entdeckungen. Und nicht nur das: Das besagte zweitägige Kolloquium zu Nietzsche hat die DKP in Wuppertal vor allem zu dem Zweck veranstalten sollen, den »Einsamen von Sils Maria« von dem Odium zu befreien, Schöpfer der faschistischen Ideologie zu sein. Auch hiermit dürfte es zusammenhängen, dass ich dem ferngehalten worden bin. Man tauschte sich aus im Zeichen der – an omas Mann erinnernden – Frage: Bruder Nietzsche? In der Schriftenreihe der Marx-Engels-Stiftung ist 1988 das Protokoll verö entlicht worden. Und es liegt ein 325 Seiten langes Manuskript von mir vor, das, zwischen Januar und Juli 1989 entstanden, unter dem Titel Nietzsche und seine Brüder meine Einwände zu den Darlegungen der Teilnehmer enthält. Bis heute hat, vor wie nach der Wende, die DKP sich nicht bereit gezeigt, es in dieselbe Schriftenreihe aufzunehmen. Vielleicht hilft Mocek, für Meinungsfreiheit streitend, mir da jetzt weiter. Er kann ja dann eine vernichtende Rezension darüber schreiben. Wenn er es kann. Berlin, den 4. November 1992 2 5 7E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Anhang II: Nachwort 1994 Der im vorliegenden Buch (…)41 abgedruckte Text bedürfte, gut fünf Jahre nach seiner Entstehung, heute eigentlich einer Überarbeitung, wenigstens unter zwei Gesichtspunkten: Einmal müsste die in ihm enthaltene Argumentation weiter gestützt und noch angereichert werden durch Auswertung erst später verö entlichter einschlägiger Forschungen anderer, so namentlich derjenigen Bernhard H. F. Taurecks in dessen Werk Nietzsche und der Faschismus, Hamburg (Junius), 1989, das kenntnisreich »die Linien der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung« zwischen dem »Protofaschisten« und seiner Nazigefolgschaft herausarbeitet. Zum anderen – und vor allem – aber wäre auf den Zusammenbruch des Realsozialismus mitsamt DDR einzugehen, den ich in den Monaten Januar bis August 1989, vertieft in mein Manuskript, nicht vorausgesehen habe und der jetzt, im Nachhinein, den Anlass meiner damaligen Polemik als Epiphänomen eben dieses historischen Vorgangs, genannt »die Wende«, erscheinen lässt. Genau das freilich ist der Grund, aus dem ich auf den neuesten Stand der Problemlage weniger Wert lege als auf dokumentarische Authentizität, die getrost streckenweise museal wirken mag; prophetisch bleibt sie in der Substanz gerade dadurch erst recht. Der Text von Nietzsche und seine Brüder wird daher vorstehend so wiedergegeben, wie er kurz vor der »Wende« zu Papier gebracht worden ist. Die als Anhang I (…) neu hinzugefügte kleinere Arbeit dagegen, aus dem Jahre 1992, Erwiderung auf einem beiläu gen Angri von Seiten Professor Dr. Reinhard Moceks, einstigen Direktors des Instituts für marxistisch-leninistischen Philosophie an der Universität Halle, stellt eine nachträgliche Ergänzung dar und ist als solche von mir kenntlich gemacht. Bei ihr auch handelt es sich um einen nichtoriginalen Teil dieses Buches. Nachdem die zuständige Redakteurin von Neues Deutschland diesen Beitrag von mir zurückgewiesen hatte, mit der Begründung, die Kennzeichnung Nietzsches als »Urfaschist« nicht dulden zu können (so war Taurecks »Protofaschist« von mir leicht abgewandelt worden), erbarmte sich meiner, nicht zum ersten Mal, der mir befreundete österreichische Ko er-Schüler Reinhard Pitsch und brachte die Replik Zu Nietzsches spätstalinistischer Aufwertung im theoretischen Organ der KPÖ, Weg und Ziel, Heft 2, 1993, S. 38  ., heraus mit der redaktionellen Anmerkung: »Wiener linke Zeitschriften haben mittlerweile eine Tradition in der Verö entlichung von in der (Ex)DDR zensurierten Arti- 41 (AH) Harichs Seitenangaben zu seinem eigenen Text werden im Folgenden weggelassen. 2 5 8 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er keln – so musste auch der von Harich im Text erwähnte Artikel Mehr Respekt vor Lukács! 1987 in der Zeitschrift Aufrisse in Wien erscheinen.« Dass die Mischform von Interview und Dialog quasi-platonischen Verschnitts, einer Art Sklavensprache dienlich, es erlaubte, riskante Meinungen durch den exterritorialen Partner vortragen zu lassen, das wird dem Leser von Nietzsche und seine Brüder an manchen Stellen schwerlich entgehen. Trotzdem habe ich noch im ersten Halbjahr 1989, als »gebranntes Kind, das Feuer scheut«, selbst in dieser Manier einen bestimmten Gedanken, den ich nunmehr kurz nachtragen möchte, nicht zur Sprache zu bringen gewagt. Ein Massaker von den Ausmaßen der Röhm-A äre, um den 30. Juni 1934, hatte es in Europa seit der Bartholomäusnacht, von 1572, nicht mehr gegeben. Ich halte es (…) für wahrscheinlich, wenn nicht sogar bewiesen, dass die Geburt dieser Rückfall-Tragödie aus dem Geist Machiavellis und Nietzsches geschehen ist, und zwar bei Gelegenheit der ersten persönlichen Begegnung Mussolinis und Hitlers, zwischen dem 14. und 16. Juni 1934 in Venedig. Ich füge dem jetzt erst hinzu, dass wohl in Folge dessen alsbald auch der Terror Stalins gegen die eigenen Genossen eine neue, schrecklichere Qualität annahm: Beginnend mit dem Attentat auf Sergej Kirow am 1. Dezember desselben Jahres in Leningrad, eine Kausalkette, die übrigens, als ein Beispiel unter mehreren, die von Ernst Nolte angenommene nicht bloß abzulehnen, sondern schlicht umzukehren gebietet. Wenn Nietzsches Philosophie damals in der Sowjetunion verpönt war, so beeinträchtigt das die Plausibilität des von mir behaupteten Zusammenhangs keineswegs. Nietzsche hat dort, ohne Wissen der Beteiligten, der Täter wie der Opfer, indirekt gewirkt, vermittelt allein durch die Röhm-A äre, vermöge eines rapiden Verfalls der europäischen politischen Kultur überhaupt. Zugleich desavouierte ihn auch die Heuchelei, mit der Stalin das ihm einleuchtende Hitlersche Massaker mittels Schauprozessen in eine juristische Form kleidete, auf die dann integere Persönlichkeit wie Ernst Bloch, wie Lion Feuchtwanger, wie der Gesandte der USA in Moskau, Joseph E. Davies, und viele andere hereingefallen sind. Man mag dies nur um so schlimmer nden. Ich für meinen Teil bestehe, selbst angesichts solch grauenerregender Vorgänge, darauf, dass – mit Bloch zu sprechen – die Heuchelei immerhin »der Tribut des Lasters an die Tugend« ist, und weigere mich letztlich deswegen, Nietzsche zu Gute zu halten, sich gegen die Moralheuchelei seiner bürgerlichen Zeitgenossen aufgelehnt zu haben. Heuchlerische 2 5 9E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k Moral ist nie durch aufrichtige Amoral zu überwinden, die vielmehr bei den Getäuschten jede Einsicht und Umkehr blockiert. Was einzig nottut, ist aufrichtige Moral. In der Stalin-Nachfolge hat es Chruschtschow und Gorbatschow gegeben. Und denkbar wäre eine Hitler-Nachfolge, die dazu Parallelen aufwiese. Soweit der einzige inhaltliche Zusatz, der mir am Herzen liegt, auf den ich nicht verzichten mag. Bleibt zu erklären, wieso mein Buch erst mit so großer Verzögerung erscheint. Als um die Jahreswende 1988/1989 klar war, dass die von mir beabsichtigte kritische Auseinandersetzung mit der von der DKP in Wuppertal veranstalteten Nietzsche-Konferenz, mit deren Protokoll Bruder Nietzsche? kaum jemals Aussicht haben würde, in der DDR verö entlicht zu werden, und ich im Januar 1989 von Robert Steigerwald den Bescheid erhalten hatte, der Abdruck einer derartigen Publikation von mir werde auch in der Schriftenreihe der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal nicht in Betracht kommen, bat ich meinen in Hagen lebenden, in Köln arbeitenden jungen Freund Stefan Dornuf, einen weiteren Schüler Leo Ko ers, sich im Westen nach einem anderen geeigneten Verleger für mein Vorhaben umzutun. Es gelang Dornuf, dafür das Interesse des Konkret-Literatur-Verlages in Hamburg zu erwecken. Zwischen diesem Unternehmen und mir kam es denn auch zum Abschluss eines Vertrages, der die Lieferung des druckreifen Manuskripts bis 15. Juli vorsah. Pünktlich wurde dasselbe von der beim Manuskriptschmuggel stets hilfsbereiten Gisela Krüger, langjährige Mitarbeiterin des Spiegel-Büros in der DDR, über die Grenze in den Westen gescha t. Nun aber stellte sich heraus, dass sein Umfang für den Verlag unannehmbar war. Der hatte in einem Prospekt ein Werk von lediglich etwa 100 Druckseiten angekündigt und verlangte von mir entsprechende Kürzungen. Ich verweigerte sie, unter Berufung darauf, dass wir vertraglich keinerlei Umfangbeschränkung ausgemacht hätten. Keine Seite gab nach, und das Projekt war gescheitert. Ich ersuchte daraufhin Frau Krüger, sich in Hamburg darum zu bemühen, dass Kollegen von ihr mein Manuskript vom »Konkret«-Büro abholten und es zu Rowohlt, nach Reinbek, brächten. Sie war dazu bereit, dies zu veranlassen, und auch ihr unmittelbarer Vorgesetzter, Ulrich Schwarz, hatte nichts dagegen einzuwenden. Beiden verbot jedoch die Leitung des Spiegel, eine solche Transaktionen in die Wege zu leiten; sie ginge zu weit. So benutzte ich im August die Gelegenheit zu einer Reise nach Wien, um von dort aus Verwandte, die in Osnabrück leben, mit dieser Aufgabe zu betrauen. 2 6 0 T eil I : N ietz sc h e u nd seine B rü d er Rowohlt hatte um die Mitte der siebziger Jahre einen Essay von mir und zwei meiner Bücher herausgebracht. Ich hatte die Streitschrift zu Nietzsche aber lieber einem weiter linksstehenden Verlag überlassen wollen, da es mir hierbei auf eine Beein ussung von Kommunisten ankam, denen die Publikation eines bürgerlichen Großverlages im Kontext meiner Kontroverse mit der Marx-Engels-Stiftung suspekt vorkommen mochte. Auf Rowohlt, so schien mir, würde ich notfalls immer noch zurückgreifen können. Und das sollte sich als schwerwiegender Irrtum erweisen. Rowohlt war nicht nur an der Streitschrift Nietzsche und seine Brüder gänzlich desinteressiert, sondern beschied auch meinen gleichzeitigen Vorschlag, für eine seiner Taschenbuchreihen eine populäre Auswahl aus Werken Nicolai Hartmanns zusammenzustellen und kritisch einzuleiten, abschlägig. Just zu diesem Zeitpunkt, im September 1989, begann, nach meiner Rückkehr aus Wien, sich in der DDR die »Wende« zu vollziehen, in deren Verlauf bei Rowohlt Walter Jankas so genannter Essay Schwierigkeiten mit der Wahrheit mit wüsten Angriffen auf meine Ehre erschien. Mein West-Verleger, so zeigte sich, hatte Ein üsterungen meiner Verfolger Glauben geschenkt und sich von mir abgekehrt. (Alles Übrige hierzu ist in meinem Buch Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Zur nationalkommunistischen Opposition 1956 in der DDR, Berlin, Dietz, 1993, nachzulesen.) Die Marx-Engels-Stiftung der DKP in Wuppertal hat derweil die »Wende« überstanden. Sie gibt auch weiter jene Schriftenreihe heraus, in der 1988 das Protokoll Bruder Nietzsche? erschienen ist. Man sollte meinen, dass die Stiftung, von der alten Bevormundung durch Erich Honecker und Kurt Hager frei, nun endlich bereit gewesen wäre, in diesem Rahmen auch meine Gegenschrift dazu der Ö entlichkeit bekannt zu machen. Weit gefehlt! Mit für mich indiskutabel Vorschlägen, die Arbeit entweder in Form eines »Readers«, der lediglich an Einzelinteressenten zwecks interner Vorbereitung einer neuerlichen Veranstaltung über Nietzsche zu verschicken sei, oder aber sie durch Bereitstellung von Disketten für irgend einen anderen Verlag, der eigenen gedruckten Schriftenreihe tunlichst fernzuhalten, ward ich abermals abgewehrt; wobei dann jene Disketten wegen eigenmächtiger entstellender Eingri e in die von mir gelieferte Vorlage sich obendrein auch noch als unbrauchbar erweisen sollten. Durch solche intriganten Manöver belehrt, habe ich folglich jede Ho nung, meine Au assung Nietzsches in den geistigen Selbstverständigungsprozess der DKP einbrin- 2 6 1E ine S treitsc h rif t in sieb en D ia l ogen m it Pa u l F a l c k gen zu können, schweren Herzens aufgegeben. Mag diese Partei sich weiter an den unangefochtenen Weisheiten der H. H. Holz-Schule laben! Inzwischen nahte der 150. Jahrestag von Nietzsches Geburt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wollte ich mein Buch doch noch auf dem Markt wissen. In den Jahren 1992 bis 1994 bot ich es deshalb nacheinander dem anarchistischen Karin-Kramer-Verlag und dem Dietz-Verlag in Berlin sowie dem Horlemann-Verlag in Bad Honnef an, jedes Mal vergebens. Wobei sich in Horlemanns Absage die aufschlussreiche Bemerkung fand, dass in linken Buchläden seine Produktion ohnehin gelegentlich von Kreisen, die der Marx-Engels-Stiftung politisch nahestünden, boykottiert würde. Dass auch mein Buch davon betro en sein werde, ließ sich absehen; von seinem Verlag also werde es in nur winziger Au age abzusetzen sein, und das hätte ich nicht verdient. Nach all diesen Erfahrungen und einer solchen Auskunft bin ich Ruth Kiesow, der aufgeschlossenen Che n des Kiro-Verlages in Schwedt, und ihrem durch Geschmack und hohen Sachverstand sich auszeichnenden Lektor Dr. habil. Peter Görlich aufrichtig dankbar dafür, dass sie in ökonomisch angespannter Lage des graphischen Gewerbes, der »Printmedien«, wie man heute sagt, das Risiko auf sich nehmen wollen, meiner Fehde gegen Nietzsche und die linken Nietzsche-Brüder eben noch rechtzeitig zu öffentlicher Resonanz zu verhelfen. (Paul Falck würde sich dem gewiss anschließen, wäre er für mich nicht schon seit Jahren wieder einmal unau ndbar.) Berlin, den 8. August 1994 T eil I I D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 2 6 5 A nd rea s H ey er W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 1. Auftakt ohne Diskussionen 1978 hatte Wolfgang Harich die DDR Richtung Österreich verlassen. Auf direkte Anordnung Erich Honeckers war sein Ausreiseantrag abgelehnt worden und er hatte stattdessen ein mehrjähriges Dauervisum erhalten, war also auch im Westen nach wie vor Bürger der DDR. In Österreich und später dann auch in der Bundesrepublik (sowie beispielsweise in Spanien) versuchte Harich seine ökologischen eorien, Einsichten, Fragen in praktische Politik umzusetzen – er engagierte sich in linkssozialistischen, alternativen, ökologischen, friedensbewegten usw. Kreisen, hielt Vorträge, schrieb Artikel. Sukzessive entwickelte er seine ökologischen Konzeption, wie sie seit 1975 mit dem Buch Kommunismus ohne Wachstum vorlag, weiter in Richtung individueller und genossenschaftlicher Verantwortung.1 1981 kehrte er schließlich in die DDR zurück. Seine Frau Anne Harich schrieb über den nun beginnenden neuen Abschnitt seines Lebens: »Als Harich aus dem Westen heimgekehrt und an die Tür wissenschaftlicher Institutionen zu pochen gewagt und um eine angemessene Betätigung zu bitten sich erlaubt hatte, fand er die Genossen im ZK der SED mit einem Problem konfrontiert: Bedeutende Geisteswissenschaftler der DDR hatten denen ihre heimliche Liebe zu Friedrich Nietzsche o enbart und sich zu ihr bekannt. Kapazitäten der Philosophie- und Literaturgeschichte, politisch zuverlässig und fähig, Friedrich Nietzsche, selbstverständlich marxistisch, di e- 1 Alle wichtigen Schriften zu diesem ema präsentiert der 8. Band. Dort auch Hinweise auf die Forschungsliteratur und anderes mehr. 2 6 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re renziert zu beurteilen, waren oder machten sich in jener Phase der Ost-West-Annäherung o ensichtlich rar. Harich, zum Alleingänger abgerichtet, der nie mehr ›eine Gruppe bilden‹ wollte, schien da der rechte, der zuverlässige Mann zu sein. Wohl oder übel auch der Mann, der gegebenenfalls den empörten Widerspruch aushalten wird, der ausgenutzt und geopfert und von niemandem bedauert werden wird.«2 Harich und Nietzsche. Rückblickend fragt man sich sofort: Konnte das gutgehen? Die DDR hatte Harich auch deshalb verlassen, weil er sich nicht mehr gebraucht fühlte. Er war seit 1956/1957 kein Mitglied der Partei mehr, ein heimatloser Marxist und Kommunist, woraus sich erklärt, dass er in den achtziger Jahren, wovon an anderer Stelle zu sprechen sein wird, auch seine Wiederaufnahme in die SED betrieb – ein für ihn überaus wichtiges Anliegen. Und nun erging an ihn nach seiner Rückkehr nicht nur eine Bitte, sondern, wenn man so will, ein »Parteiauftrag«. Anne Harich, von der dieses Stichwort hier übernommen wurde, hielt fest: »Jetzt war er wieder bereit, sein Bestes zu geben. Gregor Schirmer, Klaus Höpcke und auch Lothar Berthold legten Harich nahe, ein urteilsfähiges Nietzsche-Buch zu schreiben. Harich nahm das Anliegen der Obrigkeit als einen Auftrag, wenn nicht gar als einen Parteiauftrag, an, den er verantwortungsvoll verinnerlichte. Erneut ließ er sich, ausgehend davon, Nützliches zu leisten, mit den Genossen ein. Harich, mit beiden Füßen fester denn je auf dem Boden der marxistisch-leninistischen Lehre stehend, machte sich ans Werk. Wieder einmal wird er sich gesagt haben: Euch werde ich's zeigen! Mit dem Auftrag im Kopfe wird Harich auf eine geistige Entwicklung in seinem Land gestoßen, die er mit der Methode des ›Dagegensteuerns‹ noch aufzuhalten glaubt, und wenn das nicht helfen 2 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007, S. 192. Weiter heißt es: »Was von der Literatur und der Philosophie vergangener Epochen gehört in das geistige Kulturerbe eines sozialistischen Landes einbezogen, bewahrt, neu entdeckt zu werden? Voraussetzung ist humanes Gedankengut. Von wem sollte, weil reaktionär, Abstand genommen werden? Wie ein roter Faden durchziehen diese Fragen Harichs Schriften. Sie tragen, sozialistische Prinzipien und Ziele ernst nehmend, unüberhörbar Existenzielles in sich. Seine Grenzen sind nach genauer und strenger Beurteilung abgesteckt, und der jeweilige Kanon, ob in der Philosophie, Literatur und Geschichte, stellt ein umfangreiches Erbe dar. Das ist nachzuprüfen in seinen editorischen Vorschlägen und Exposés, geschrieben im Laufe seines Lebens für den Aufbau- und Akademie-Verlag. Über diese Arbeit, die Harich geleistet hat, wird geschwiegen. Seine Editionsvorschläge, wären sie bekannt, wären sie verwirklicht worden, hätten das Bild des ›Dogmatikers‹ ins Wanken gebracht; sie hätten einen weitumspannenden exzellenten Kenner der Philosophie und Literaturgeschichte zur Geltung gebracht.« (Ebd., S. 192.) 2 6 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e sollte, so werde er das mit der ›Dampframme‹ tun, wie er es einmal zu Klaus Höpcke geäußert haben soll.«3 Der II. Teil des vorliegenden Bandes wird erö net mit dem erhaltenen Anfang der Denkschrift zur Nietzsche-Rezeption, die Harich, seine ersten Untersuchungen und Forschungen bilanzierend, im Sommer 1982 zu Papier brachte. Doch er wollte sich in dieser »o ziellen« Form nicht zur Problematik äußern, so dass er mit dem Datum 26. Juli 1982 einen Brief an Hermann Turley vom Akademie-Verlag sendete, der die von der Partei angeforderte Denkschrift ersetzen sollte. Harich begründete dies gleich Eingangs damit, dass er ein »Arbeitsvorhaben plausibel machen muss, dem ich mich im Grunde kaum noch gewachsen fühle«.4 Seinen Brief begann Harich zunächst mit der Mitteilung, dass er darauf angewiesen sei, zu seiner Rente etwas hinzuzuverdienen. Hierfür gebe es zwei Möglichkeiten: Für den Akademie-Verlag könne er die »Abfassung von Gutachten« übernehmen und sich »für editorische Aufgaben zur Verfügung« stellen, für das Zentralinstitut für Literaturwissenschaft bei der Akademie der Wissenschaften der DDR »als Berater für das Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte« wirken. In diesem Zusammenhang machte er geltend, dass er beispielsweise Eike Middell, der ein Werk über Nietzsches Wirkung auf die Literatur zu schreiben beabsichtige, helfen könne, da Middell geäußert habe, dass es ihm schwer falle, Nietzsche philosophisch zu beurteilen.5 Er bekannte sich gleichzeitig zu dem ihm erteilten 3 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 192 f. 4 Alle Zitate aus Texten des vorliegenden Bandes werden im Folgenden nicht mit exakten Seitenzahlen nachgewiesen, das Dokument, aus dem sie stammen, ergibt sich aus dem jeweiligen Kontext. Im Folgenden alle weiteren Zitate, wenn nicht anders kenntlich gemacht, nach dem Brief an Hermann Turley vom 26. Juli 1982. Die Überschneidungen zur vorher abgedruckten Denkschrift erschließen sich bei der Lektüre und werden hier nicht ausgeführt. 5 In diesem Kontext entwickelte Harich mit Blick auf das Verhältnis von Nietzsche und der bürgerlichen Literatur bereits in einigen Stichworten jene Position, die er in den fünfziger Jahren ebenso vertreten hatte, wie sie in den späten achtziger Jahren zum Kernbestand seines Denkens gehörte. Er schrieb: »Dieser Haltung entspricht es, dass ich auch Kollegen Middell von etwaiger Nachsicht gegenüber Nietzsche, falls er hierzu neigen sollte, abbringen zu können ho e. Dass Nietzsche progressive, humanistische Autoren beeindruckt hat, spricht nämlich nie für ihn, sondern stets nur gegen diese Autoren. Das gilt, meine ich, auch im Falle omas Manns, bei dem sich eben darin Begrenzungen o enbaren, die durch seine Klassenposition und durch modische Vorurteile seiner Zeit bedingt sind. Auf Nietzsche gehen – um nur dies zu erwähnen – omas Manns exzessive Essay-Schwafeleien zurück, die ganz anders – generell viel negativer – zu bewerten sind als seine Leistungen auf dem Gebiet des Romans und zumal der Novelle. Ähnlich erweist Bernard Shaw sich dort am problematischsten, wo er unter Nietzsches Ein uss 2 6 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Parteiauftrag: »Das Ziel, dass ich mir bei diesen Studien setzte, ist ein eigenes Buch über Nietzsche. Ich will mir redliche Mühe geben, das noch zu scha en.« Er sehe jedoch zahlreiche Schwierigkeiten, so dass weder ein Vertrag über das Werk abgeschlossen werden noch etwa unnötiger Druck beispielsweise durch Termine entstehen solle. In Aussicht stellte er die Abfassung verschiedener Fragmente und Materialien, die dann die Akademie, der Akademie-Verlag oder die Partei nach ihrem jeweiligen Bedarf nutzen könnten. Gleichzeitig bekräftigte er, dass er Nietzsches zuvorderst kritisch sehe – nachdem er, »vom Ekel geschüttelt«, begonnen habe, den Zarathustra erneut zu lesen. Zudem bat er darum, dass seine Texte im Falle seines Todes nicht »Kollegen, die zu Nietzsche versöhnlicher stehen, die bei ihm ein in irgendeiner Hinsicht wertvolles Gedankenerbe vermuten«, überlassen würden. Gegenüber Turley berichtete Harich, wie es zu seiner erneuten Auseinandersetzung mit Nietzsche gekommen sei: »Wenn ich mich gleichwohl vor einigen Monaten nach langer Zeit mit Nietzsche wieder zu beschäftigen begonnen habe, so ist das auf folgende Umstände zurückzuführen. Bald nach meiner Heimkehr aus dem kapitalistischen Ausland (Österreich, BRD) suchte ich im Dezember 1981 den Stellvertreter des Leiters der Abteilung Wissenschaften beim Zentralkomitee der SED, Herrn Professor Dr. sc. jur. Georg Schirmer, auf. Ich erklärte ihm, unter anderem, dass ich, in den Grenzen meiner Leistungsfähigkeit als schwerbeschädigter Invalidenrentner, gerne wissenschaftlich noch etwas arbeiten würde, und fragte ihn, auf welchem Gebiet ich, nach seiner Meinung, hierbei noch Nützliches würde leisten können. Schirmer antwortete: ›Auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie.‹ Darüber habe ich in den Wochen und Monaten danach, konkreter ratsuchend, mit mehreren Bekannten und Freunden diskutiert, deren Erwägungen und Vorschläge mich steht, in Mensch und Übermensch und Zurück zu Methusalem, und nicht wegen, sondern trotz Nietzsche hat er uns selbst hier noch Wertvolles gegeben. Auf Knut Hamsun einzugehen, scheint sich insofern zur erübrigen, als es ihm ohnehin nicht äußerlich gewesen ist, sich zum Parteigänger Hitlers und Quislings verstiegen zu haben. Nichtsdestoweniger war Hamsun ein überragend großer Dichter. In demjenigen Werk indes, auf das Nietzsche und Dostojewski besonders stark eingewirkt haben, in dem Roman Mysterien, ist Hamsun, was ihm sonst als Dichter mehr oder weniger fern lag, bereits lange vor seiner späteren politischen Einstellung ausgesprochen faschistoid. Und ist Stephan Hermlins Empfehlung, an Nietzsche di erenzierend heranzugehen, etwa nicht Zubehör seiner snobistischen Allüren? Können die klammheimlichen Sympathien Peter Brückners für terroristische Gewaltakte überraschen, wenn man in seiner Autobiographie liest, er habe als Halbwüchsiger in der Nazizeit bei Nietzsche, ausgerechnet!, ›Zu ucht gesucht‹? Ich deute dies anhand der eben genannten Beispiele nur kurz an, um von vornherein klarzustellen, auf welcher Linie meinerseits die Diskussion mit dem Kollegen Middell, falls sie zu Stande kommt, sich bewegen wird.« 2 6 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e aber meist allzu sehr in den ›Elfenbeinturm‹ verwiesen. Einzig Gertraude Wieland, eine ehemalige Kollegin aus dem Akademie-Verlag, seit einiger Zeit tätig bei der Editionsabteilung des Zentralinstituts für Philosophie der AdW, hatte einen Gedanken, der auf aktuelles Engagement abzielte. Sie meinte, das Beste, was ich bisher geleistet hätte, habe sich thematisch immer im Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegt, weshalb ich ihr prädestiniert dafür erschiene, über Nietzsche zu arbeiten, einen erzreaktionären Philosophen, der ideologisch desorientierend besonders auf Schriftsteller und literarisch interessierte Intellektuelle wirke. Zeitgemäß sei die Wahl dieser ematik insofern, als sich derzeit im Westen, von Italien und Frankreich ausgehend, Tendenzen einer Art Nietzsche-Renaissance abzeichneten, von der Ausstrahlungen auch in die DDR spürbar wären, gefördert und befürwortet namentlich von dem in Jena wirkenden Friedrich Tomberg. Andere Kollegen bestätigten das.« Im Zuge seiner ersten Arbeiten und Recherchen, durch Gespräche und private Kontakte hatte Harich registriert, dass sich auch in der DDR eine positive Einstellung zu Nietzsches Philosophie sukzessive durchzusetzen beginne. »Versteht sich, dass es mir nicht an gutem Willen fehlt, den Anfängen einer derartigen Entwicklung nach Kräften wehren zu helfen. Wo Linke sich auf Nietzsche ›besinnen‹, will ich tun, was ich kann, ihnen die Dummheit und Gemeingefährlichkeit dieser Verirrung zu Bewusstsein zu bringen.« Harich ging es darum, schon zu diesem Zeitpunkt vor derartigen Tendenzen und Entwicklungen zu warnen. Ja, die DDR müsse sich ein eigenes Nietzsche-Bild erarbeiten – gerade mit Blick auf die in Gärung begri ene Intelligenz. Aber die Prämissen und Eckpfeiler des Erbe-Verständnisses des sozialistischen Staates müssten intakt bleiben. »Was mir bei meinen parallel dazu laufenden Recherchen au el, war, dass in bestimmten Teilen der philosophisch und literarisch-künstlerisch interessierten Partei- bzw. Sympathisanten-Intelligenz o enbar hinsichtlich der Einschätzung Nietzsches krasse Divergenzen bestehen. Ich nannte unter denen, die nachsichtig, um nicht zu sagen positiv beurteilen, bereits Hermlin und Tomberg. John Erpenbeck ging noch weiter: Ganz im Gegensatz zu Malorny wollte er es mir, in geradezu gereiztem Ton, verwehren, mich ›so pejorativ‹ über Nietzsche zur äußern. Auch vertrat Erpenbeck die – meines Erachtens ziemlich abwegige – Ansicht, dass Nietzsche einen gerade heute für uns fruchtbaren Beitrag zur Erhellung der Wertproblematik geliefert habe. Mich wollte er dazu gewinnen, dieses ›philosophische Erbe‹ herauszuarbeiten. Mir ist verständlich, dass bei dieser Lage der Dinge die wissenschafts- und kulturpolitischen Instanzen von Partei und Staat Wert 2 7 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re darauf legen, dass über Nietzsche Klarheit gescha en werde, dies um so mehr, als ja wichtige Nietzsche-Gedenkstätte (Röcken, Naumburg, Schulpforta, Leipzig, Weimar) auf dem Territorium der DDR liegen und, beispielsweise, das Grab in Röcken Wallfahrtsort für versnobte Insassen von CD-Limousinen ist. Wenn ich dazu beitragen kann, ein wissenschaftlich fundiertes Nietzsche-Bild zu scha en, das, wenigstens, auf progressive Kräfte überzeugend wirkt und bei ihnen diesbezügliche Meinungsverschiedenheiten beilegen hilft, so will ich mich einer solchen Aufgabe keineswegs verschließen.« Im weiteren Verlauf seines Briefes kam Harich dann noch einmal auf die bereits erwähnten Schwierigkeiten bei der Abfassung eines eigenen Buches zu sprechen: Er machte seine gesundheitliche Situation geltend, seine Verachtung Nietzsches,6 das zahlreiche und vielfältige Material, d. h. die Texte von Nietzsche selbst ebenso wie wichtige Schriften über ihn, Arbeiten seiner Zeitgenossen usw. Schließlich gäbe es bereits eine marxistische Einschätzung Nietzsches, die zunächst erst einmal wieder in der DDR in ihre Autorität eingesetzt werden müsse: »Ich erkläre mich näher. Es gibt, dessen bin ich gewiss, keine bessere, gültigere, philosophisch und historisch korrektere Einschätzung des Werks von Nietzsche als das 3. Kapitel von Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft (Aufbau, Berlin, 1955, S. 244  .).« Die für Harich später so wichtige Konstellation »Ja zu Lukács, nein zu Nietzsche« taucht hier zum ersten Mal auf. Neben all diesen Faktoren gebe es weitere objektive Schwierigkeiten: »Nietzsche ist der schlechthin menschenfeindlichste, reaktionärste, überdies am meisten den Krieg verherrlichende Ideologe, den die Geschichte kennt. Niemand sonst hat die arbeitenden Menschen aller Länder und Zeiten, die Armen, Ausgebeuteten, Unterdrückten, angefangen von den Sklaven der Antike bis zum modernen Industrieproletariat, mit gleicher Unverfrorenheit verachtet und geschmäht und für immer niederzuhalten empfohlen. Eine Nietzsche-Rezeption kann in einem sozialistischen Land daher gar nicht in 6 »Es ist sehr wahrscheinlich, dass die mit der Ausarbeitung des Manuskripts verbundenen Mühen mich dann binnen kurzer Frist zum Aufgeben zwingen oder aber umbringen werden. Es kommt hinzu, dass ich an der Beschäftigung mit Nietzsche ja keinerlei Freude habe. Die Inhalte, die dieser Ideologe zu bieten hat, sind mir in jeder Beziehung verhasst, widerwärtig, ekelhaft. Und durch die Formen, in denen er sich mitteilt, weiß er sich jeder Argumentation zu entziehen. Wenn es nach meinen Neigungen, Interessen und soliden Vorkenntnissen ginge, gäbe es auf den Gebieten der Philosophie und Philosophiegeschichte eine nicht geringe Anzahl anderer emen, mit denen mich zu befassen mir größere Befriedigung gewähren würde (wohlgemerkt emen, die mit meinen hauptsächlichen Interessengebieten während des letzten Jahrzehnts, mit politischer Ökologie, Futurologie, Friedens- und Kon iktforschung, ebenfalls nichts zu tun haben).« 2 7 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Betracht kommen, falls unter ›Rezeption‹, dem Wortsinn gemäß, ›Annahme‹, ›Aufnahme‹, ›Übernahme‹, also etwas, was einer Erbeaneignung nahe käme, verstanden wird. Nietzsche-Forschung kann vielmehr hier immer nur auf Bekämpfen, Entlarven, Anprangern hinausführen und muss, vor allem, den Zweck im Auge haben, eine überzeugende Legitimation dafür zu scha en, dass Werke dieses Autors im Machtbereich von Arbeiter- und Bauernstaaten nie gedruckt und verbreitet werden.« Harich ging sogar noch einen Schritt weiter. Schon 1982 warnte er davor, dass die Auseinandersetzung – d. h. »ö entliche Bekämpfung«, jede, auch kritische, Besprechung – mit, von Nietzsche diesen überhaupt erst ins Gespräch bringen werde, die geplante kritische Diskussion also in ihr Gegenteil umzuschlagen drohe.7 Anders formuliert: Weil die Partei Nietzsche kritisiere, werde dieser gerade erst für die Menschen und die Intellektuellen interessant. Mit Harichs Worten: »Ich sehe wohl die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Nietzsche, sehe aber vorderhand nicht, dass diese Beschäftigung unter allen Umständen in eine – womöglich gar spektakuläre – Buchver- ö entlichung einmünden muss.« Auf der Basis seiner Ausführungen machte Harich dann zum Abschluss seines Briefes fünf Vorschläge, wie in der aktuellen Situation nun mit Nietzsche verfahren werden könne: 1) Eine kleine Diskussionsrunde aus Philosophen und Literaturwissenschaftler solle sich zusammensetzen und eine Entscheidung darüber tre en, ob die ö entliche Aus einan der setzung mit Nietzsche schnell gesucht werden müsse. »Wenn ja, dann wäre ein kleiner Sammelband mit den drei Nietzsche-Aufsätzen von Franz Mehring und den beiden einschlägigen Arbeiten von Georg Lukács (Der deutsche Faschismus und Nietzsche, aus Schicksalswende, Berlin, 1956, S. 7 ., das 3. Kapitel aus Die Zerstörung der Vernunft, Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, 7 »Nun fragt es sich dabei aber – wenn es sich so verhält –, ob nicht eine Konstellation denkbar – wenn nicht sogar voraussehbar wahrscheinlich – ist, in der wir uns davor hüten müssen, Nietzsche durch dessen ö entliche Bekämpfung erst interessant und diskussionswürdig zu machen und damit jener oben erwähnten derzeitigen Nietzsche- Re nais sance womöglich erst voll zum Durchbruch zu verhelfen, ob es nicht vielmehr ratsam bleiben mag, der Bekämpfung eine unau älligere, diskretere, aber eben deswegen desto wirksamere Form zu geben. Wie dem auch sei, auf alle Fälle tun wir, meine ich, gut daran, und zumindest die Option für eine solche diskretere Bekämpfung o en zu halten, auch wenn zugleich Manuskripte über Nietzsche im Entstehen begri en sein sollten.« 2 7 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Berlin, 1955, S. 244 .) herauszubringen. Eben diesen Band habe ich bereits Mitte der fünfziger Jahre angeregt und er ist damals denn auch, in der Reihe Philosophische Bücherei des Aufbau-Verlages, erschienen. Seine Neuau age könnte jetzt vielleicht durch einschlägige Passage aus Büchern von Wolfgang Heise, S. F. Odujew, B. Stuschkow, sowie durch Artikel Heinz Malornys u. a. vermehrt werden.« 2) Perspektivisch solle ein kleines Forscherkollektiv installiert werden, »bestehend aus den Kollegen Malorny, Middell und mir«, dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Sichtweisen über Nietzsche arbeiten, die gemeinsam diskutieren und den »Verlauf der – vermeintlichen oder tatsächlichen – Nietzsche-Renaissance« beobachten sollen. 3) Harich sei bereit, in diesem Rahmen zwei Jahre lang konzentriert Nietzsche und die Literatur über diesen zu studieren, um ein Werk über Nietzsche vorzubereiten. 4) Nach dieser Phase sei eine Entscheidung darüber zu tre en, wie diese Vorarbeiten verwendet werden sollen. Die Bandbreite reiche von der Erstellung interner Materialien bis hin zur Abfassung eines eigenständigen Buches. 5) Während der zwei Studienjahre sei Harich bereit, Middell bei seinen Forschungen zu unterstützen, wenn dieser es wünsche. Die Nietzsche-Debatte begann in diesen Monaten, leise, still, in Briefen und Gesprächen. Oftmals wird ihr Beginn erst Mitte der achtziger Jahre angesetzt, was insofern eine gewisse Berechtigung erheischen kann, als in dieser Zeit die Publikationen und o ziellen Stellungnahmen einsetzen. Doch auch ihr Vorspiel ist nicht zu unterschätzen: Denn während dieser Phase schärften einige der Beteiligten ihr Pro l und ihre Ansichten, vielleicht noch nicht einmal ahnend, dass sie sich für spätere Auseinandersetzungen wappneten. Harich suchte im Privaten viele Gespräche: Mit Heinz Malorny, Renate Reschke, Wolfgang Heise, den Mittenzweis usw. Über Harichs Ideen sowie die anderer Personen wurde in jenen Tagen durchaus diskutiert. Anfang September 1982 kam es zu einem Gespräch zwischen Harich und Lothar Berthold (der Leiter des Akademie-Verlages, vorausgegangen waren mehrere Tre en zwischen Harich und Turley), in dem die beiden sich darauf einigten, dass Harich einen Sammelband unter dem Titel Beiträge zur Nietzsche-Kritik projektieren solle. Dieser knüpfte damit an die bereits erwähnte Publikation an, die er noch 1956 im Aufbau-Verlag angeregt und so gut wie fertig gestellt hatte, bevor seine Verhaftung das Projekt fast zum Erliegen brachte. Aber ausgerechnet dieser Band war damals dann doch 1957 erschienen, genau in der Form, in der Harich ihn bearbeitet hatte, freilich ohne den 2 7 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e nunmehr als Staatsfeind verurteilten ehemaligen Herausgeber namentlich zu nennen.8 Am 2. Oktober 1982 schickte Harich das von ihm erstellte Exposé an Berthold und informierte diesen zudem darüber, dass er von Klaus Höpcke das Versprechen erhalten habe, aus dem Kulturfonds des Ministeriums monatlich 400 Mark Stipendium für seine Arbeiten zu Nietzsche zu erhalten. Am 13. Februar 1984 schrieb Harich an Aloys Joh. Buch (mit dem er in Sachen Nicolai Hartmann korrespondierte): »In der DDR bin momentan, soweit ich sehe, ich der einzige, der über Nicolai Hartmann arbeitet. Ich kriege dafür, zusätzlich zu meiner Invaliden- und meiner Intelligenzrente, ein Stipendium aus dem Kulturfonds des Kultusministeriums in der Höhe, die für Invalidenrentner eben noch zulässig ist. Genau genommen zahlt man es mir für Forschungen über Nietzsche, der mir aber so widerwärtig ist, dass die Beschäftigung mit ihm, wie sich 1982 herausstellte, mir geradezu Depressionen verursachte; auch möchte ich nicht dazu beitragen, ihn irgendwie aufzuwerten, und zwar nicht einmal durch eine polemisch gehaltene Darstellung – abgesehen davon, dass ich einen polemischen Ton höchstens über 30 Seiten durchhalten kann. Aus früheren Arbeiten von mir, die sich im Grenzbereich von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegen, hatte man irriger Weise den Schluss gezogen, Nietzsche müsse mir thematisch besonders liegen. Das Kultusministerium verhält sich jedoch generös zu mir, und Kollegen von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED sowie andere vom Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR teilen meine Ansicht, dass eine auf systematische Auswertung orientierte Nicolai-Hartmann-Monographie lohnend sein werde. So geht das mit dem Stipendium ungestört weiter, und zu Nietzsche werde ich mich allenfalls noch gutachterlich zu äußern haben, wenn überhaupt.«9 Datiert auf den 1. Oktober 1982 legte Harich sein Exposé für den geplanten Sammelband: Beiträge zur Nietzsche-Kritik vor. Er wollte als Herausgeber fungieren, Heinz Malorny sollte eine beratende Funktion ausüben. Folgende Texte schlug er zur Aufnahme in dem Band vor: (1) Georg Adler (1863–1908): Friedrich Nietzsche, der Sozialphilosoph der Aristokratie. Aus: »Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift«, März-Heft des Bandes 56, 1891. 8 Mehring, Franz; Lukács, Georg: Friedrich Nietzsche, Berlin, 1957. Dem Band war nur eine einseitige Editionsnotiz beigegeben (S. 217). 9 Band 10, S. 878. 2 7 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re (2) Eduard von Hartmann (1842–1906): Nietzsches »neue Moral«. Aus: »Preußische Jahrbücher«, Juni-Heft des Bandes 67, 1891. (3) Franz Mehring (1846–1919): Zur Philosophie und Poesie des Kapitalismus, (Nietzsche)-Kapitel IX der gegen Paul Lindau gerichteten Schrift »Kapital und Presse«, 1891. (4) Hermann Türck (1856–1933): Friedrich Nietzsche und seine philosophischen Irrwege, 1891. (5) Ludwig Stein (1859–1930) Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren. Ein kritischer Essay, 1893. Unveränderter Nachdruck eines ursprünglich in Fortsetzungen verö entlichten Beitrags aus dem Jahrgang 1893 der »Deutschen Rundschau«. (6) Franz Mehring: Nietzsche gegen den Sozialismus. Aus: »Neue Zeit«, 15. Jahrgang, 1. Band, 1896/1897. (7) Julius Dubos (1829–1903): Anti-Nietzsche. Erweiterte Neufassung eines Beitrages aus des Verfassers Sammelband »Jenseits vom Wirklichen«, beide Fassungen 1897. (8) Ferdinand Tönnies (1855–1936): Der Nietzsche-Kultus, 1897. (9) Franz Mehring: Über Nietzsche. Aus: »Neue Zeit«, 27. Jahrgang, 1. Band, 1898/1899. (10) G. W. Plechanow (1857–1918): Über Nietzsche. (Ein bislang noch nicht ins Deutsche übersetzter Artikel, nach dem zur Zeit Kollege Malorny fahndet.) (11) Georg Lukács (1875–1971): Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik, 1934. (12) Hans Günther (1899–1938): Der Fall Nietzsche, 1935. (13) Georg Lukács: Der deutsche Faschismus und Nietzsche, 1943. (14) Georg Lukács: Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, 1954. Kapitel III aus: »Die Zerstörung der Vernunft«, 1954. Das Ziel des Bandes wurde von Harich explizit genannt und ging über seine eigenen Ideen von 1956 hinaus: »Der Band soll den Kampf gegen das Erbe Friedrich Nietzsches und gegen heutige Versuche, es wiederzubeleben, auf eine möglichst breite Grundlage stellen. Seine Spannweite reicht daher von den hervorragendsten einschlägigen Arbeiten marxistischer Autoren (Mehring, Plechanow, Lukács, H. Günther) bis zu einem dezidierten Konservativen wie Eduard von Hartmann, der seinerzeit Nietzsches antidemokratische Haltung ›rühmend anerkannt‹ und gleichwohl die daraus erwachsende Menschenfeindlichkeit verworfen und philosophische Grundtheorien Nietzsches in ihrer wissenschaftlichen Unhaltbarkeit und Absurdität scharfsinnig kritisiert hat. Der Band vereinigt in sich, bei streng chronologischer Anordnung der in ihm enthaltenen Texte, philosophische und soziologische Stellungnah- 2 7 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e men aus einer Zeit, da auch bürgerliche Ideologen es noch wagen konnten, auf Nietzsches Gemeingefährlichkeit hinzuweisen und ihn als Scharlatan anzuprangern, mit mehr oder weniger bekannten Publikationen der eben aufgeführten Marxisten. Dabei wird auch manch Verschollenes und Vergessenes – vergessen zumal deshalb, weil die Traditionswahl der Bourgeoisie es aus dem Bildungsbesitz zu verdrängen wusste – nach langer Zeit zum ersten Mal wieder zu Tage gefördert und erweist sich oft als frappierend interessant, ja, mitunter sogar als aktuell.« Harich hatte in den fünfziger Jahren nicht nur den Nietzsche-Band konzipiert, sondern beispielsweise – in einem ähnlichen Projekt – 1953 auch eine Auswahl kritischer Stimmen zu Arthur Schopenhauer herausgegeben. Dieser Band enthielt Schriften von Rudolf Haym, Franz Mehring und Georg Lukács.10 Harich hatte in seinem Vorwort geltend gemacht, dass die ausgewählten Stücke sich gut gegenseitig ergänzen würden. Eben dieses Argument kehrte mit Blick auf die neu projektierte Auswahl von Nietzsche-Kritiken zurück. Die Texte »ergänzen und berichtigen sich zum Teil untereinander, sei es indirekt, in Folge der unterschiedlichen philosophischen und politischen Positionen, die von den diversen Verfassern prinzipiell eingenommen werden, sei es direkt dadurch, dass diese nicht nur Nietzsche angreifen, sondern auch kritisch aufeinander Bezug nehmen«. Durch die Zusammenstellung würde es gelingen, quasi einen ganzen Diskurs abzubilden und gleichzeitig zu zeigen, dass die kritische Auseinandersetzung mit Nietzsche nicht nur eine dogmatische marxistische Angelegenheit wäre, sondern auch bürgerliche Denker umfasse, also gleichsam einen gesellschaftlichen Konsens abbilde und damit ebenso wiederherzustellen vermöge. Die einzelnen Wortmeldungen könnten wegen dieses Vorgehens für sich selbst stehen, sie müssten nicht ideologisch eingeleitet oder bewertet werden. (Gegen derartige »gängelnde« Vor- und Nachworte wendete sich Harich Zeit seines Lebens, weshalb beispielsweise der Einwand von Stefan Richter aus der Debatte in der Sinn und Form von 1988 nicht zutre end ist.)11 Alles, was über sie hinaus zu sagen sei, werde das von Harich zu verfassende Nachwort enthalten. Es habe »einige Fragenkomplexe« zu behandeln, »denen wissenschaftliche und politisch-ideologische Relevanz zukommt«. Dabei hatte Harich folgende Aspekte im Sinn: 10 Harich (Hrsg.): Arthur Schopenhauer, Berlin, 1953. 11 Richter, Stefan: Spektakulär und belastet, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 198–200. 2 7 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 1) Welche Gründe und Motive würden eine Rolle spielen bei der neuen Beanspruchung Nietzsches durch die imperialistische Reaktion mit Blick auf deren globalstrategische Konzepte? 2) Was bedeute in diesem Zusammenhang eine »linke« Nietzsche-Renaissance? 3) Nietzsche dürfe in keiner Hinsicht zum humanistischen Kulturerbe des Sozialismus gerechnet werden, sogar dessen bürgerliche Kritiker seien diesem eher anzunähern als Nietzsche selbst. 4) Die »nach wie vor gültigen Einschätzungen Nietzsches durch Franz Mehring, Georg Lukács und Hans Günther« seien zu bekräftigen. 5) Dabei wäre auch danach zu fragen, inwieweit die bürgerlichen Nietzsche-Gegner die marxistischen Einschätzungen bewusst oder unbewusst unterstreichen oder gar ergänzen würden? 6) Abschließend müsse der Frage nachgegangen werden, welche Desiderate in den modernen marxistischen Nietzsche-Kritiken vorlägen. Für diesen Bereich machte Harich mehrere Aspekte geltend: • Es müsse stärker und detaillierter abgerechnet werden mit Nietzsches »Kriegsverherrlichung, mit seinen Empfehlungen zu gesteigerter Unterdrückung und Ausbeutung der Völker kolonialer und halbkolonialer, in Rückständigkeit gehaltener Länder und Kontinente sowie mit seiner hasserfüllten und höhnischen Zurückweisung jedes weiblichen Emanzipationsstrebens«. • Widerlegung der (von Nicolai Hartmann stammenden) Legende, dass Nietzsche die philosophische Wertproblematik entdeckt oder weiterentwickelt habe. • Es müssten alle Versuche zurückgewiesen werden, Übereinstimmungen zwischen dem Marxismus und Nietzsches Philosophie daraus abzuleiten, dass dieser Positionen von rechts bekämpfte, die der Marxismus von links kritisiere. • Die Identität von Hitlers Mein Kampf mit Nietzsches Philosophie (die bis zur wortwörtlichen Übereinstimmung reiche) müsse noch stärker herausgearbeitet werden, als dies selbst bei Lukács und Günther der Fall war. • Es müsse die volle Wahrheit ans Licht gebracht werden über Nietzsches »vermeintliche Abgrenzungen gegen Antisemitismus, Nationalismus, Deutschtümelei und dergleichen«. • Herausarbeitung der fehlenden Kenntnisse Nietzsches, von dessen »groteskem Mangel an historischem Sinn«, von dessen eklatanten Bildungslücken. • Untersuchung des Verhältnisses von Nietzsche zu Heine, Feuerbach, den Junghegelianern usw. Dabei sei der Nachweis zu erbringen, dass er deren Erbe nur 2 7 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e deswegen ausschlachten konnte, weil er den progressiven und humanistischen Gehalt ihrer Schriften eliminierte. • Analyse der modernen Nietzsche-Philologie. Kritik der Legende, »dass die Forschungsresultate von Schlechta sowie von Colli und Montinari ein ganz ›neues‹, ›wahres‹ Nietzsche-Bild ergäben, das weniger inhuman und präfaschistisch wäre als das frühere, durch Nachlassmanipulationen von Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast bestimmte«. • Die biographischen und charakterologischen Aspekte seien stärker zu berücksichtigten als bisher in der marxistischen Forschung geschehen. Das dergestalt entwickelte Programm blieb, von verschiedenen Weiterentwicklungen und Modi kationen abgesehen, für Harichs Auseinandersetzung mit Nietzsche in den achtziger Jahren grundlegend. Seine Position stand also frühzeitig fest. Interessanterweise taucht dann vieles von dem, was Harich hier kritisierte, mit positiver Konnotierung bei Heinz Pepperle in dessen Nietzsche-Aufsatz wieder auf, so dass Harichs Kritik quasi »zwangsläu g« herausgefordert wurde. Festgehalten werden sollte an dieser Stelle unbedingt, dass das wahrscheinlich zentrale Anliegen von Harich darin bestand, jedwede ö entliche Diskussion über Nietzsche möglichst zu verhindern. Dieser solle nicht Gegenstand von Debatten und dadurch irgendwie interessant werden. Und erst recht müsse verhindert werden, dass ein derartiges Sprechen über Nietzsche mit dem Namen Harich verbunden würde. In seinem bereits erwähnten Brief an Hermann Turley vom 26. Juli 1982 hatte Harich ganz in diesem Sinne geschrieben: »Nun stellen Sie sich, lieber Herr Turley, aber bitte einmal konkret vor, was eine derartige Abrechnung mit Nietzsche und dessen Verehrern, geschrieben mit der Brillianz, deren ich als Autor manchmal fähig bin, verknüpft mit meinem ohnedies sensationsumwitterten Namen, unter Umständen auslösen könnte: Einen ganz und gar nicht wünschenswerten Nietzsche-Rummel, noch angefacht etwa durch den empörten Widerspruch feingeistig gestimmter liberaler Seelen vom Schlage eines Hermlin! Ich habe es einmal erlebt, dass ein inhumanes, mich schmerzendes und anekelndes Literaturwerk, das ich durch eine glanzvolle Polemik zur Strecke zu bringen gedachte, gerade dadurch erst ins Gerede gebracht worden ist und dass sein Verfasser, Heiner Müller, der einzige war, der mir dafür 2 7 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ein freundliches, ja, dankbares Wohlwollen bewahrte.12 Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt und ich bin inzwischen – es hat lange gedauert – verantwortungsbewusst genug geworden, keinen Anlass dafür bieten zu wollen, dass eine ähnliche Sensationsmache sich in größeren Dimensionen und zum Ruhm eines weit gefährlicheren inhumanen Ideologen, eben Friedrich Nietzsches, der geistige Urheber folgenreicher Passagen aus Mein Kampf, wiederholt! Beachten Sie aber, bitte, auch die Einschränkung, die in den Worten ›unter Umständen‹ liegt. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass ein derartiger Nietzsche-Rummel über kurz oder lang sowieso und aus ganz anderen Anlässen entsteht und dass dann eine solche Abrechnung möglicherweise doch einmal hilfreich sein könnte. So wie die Dinge im Augenblick liegen, und auf absehbare Zeit, wäre sie es gewiss nicht, im Gegenteil. Aber das kann sich ändern und wir müssen die denkbare Richtung eventueller Veränderungen, die bezüglich dieser ematik eintreten mögen, im Auge behalten, um auf alles vorbereitet zu sein.« Und in dem gerade analysierten Exposé für den geplanten Sammelband: Beiträge zur Nietzsche-Kritik hatte Harich geltend gemacht, dass dieser nicht, wie von Wolfgang Heise empfohlen, im Reclam-Verlag, sondern vielmehr im Akademie-Verlag erscheinen solle. Denn es kann »uns schwerlich daran gelegen kann, der Diskussion über Friedrich Nietzsche ein übertriebenes Maß an Publizität zu verleihen«. Auch hier also ging es Harich darum, die Diskussion über Nietzsche möglichst aus der Ö entlichkeit herauszuhalten. 2. Der Ton wird deutlicher Nach der Fertigstellung des Exposés widmete sich Harich wie bereits angedeutet der intensiven Auseinandersetzung mit der Philosophie seines ehemaligen akademischen Lehrers Nicolai Hartmann. Es entstanden bis 1989 verschiedene Manuskripte, die im 10. Band dieser Edition präsentiert werden. Eigentlich hatte sich Harich für seine Arbeit einen strikten Zeitplan auferlegt, der auch dem Akademie-Verlag bekannt war.13 Doch die intellektuellen und ideologischen Veränderungen im kulturellen und akade- 12 Harich: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der Macbeth-Bearbeitung Heiner Müllers, in: Sinn und Form, Heft 1, 1973, S. 189–254. Siehe auch die im Juni 1973 überarbeitete und auf der Basis der laufenden Diskussion ergänzte Neuedition der Schrift, erschienen im Rowohlt Literaturmagazin, Nr. 1, 1973, S. 88–122. 13 Siehe: Gliederung für ein geplantes und in Vorbereitung be ndliches Werk über Nicolai Hartmann vom 5. Januar 1984, in: Band 10, S. 873–877. 2 7 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e mischen Leben der DDR beunruhigten ihn weiter. Er sah sich immer häu ger gezwungen, seine Arbeiten an den Hartmann-Manuskripten zu unterbrechen, um sich erneut gegenüber Nietzsche zu positionieren. An Klaus Höpcke schrieb er am 3. August 1985, dass es zwei Dinge seien, die ihn dazu veranlassen würden, erneut von Nietzsche zu warnen:14 Durch die Texte, die Eike Middell in den Weimarer Beiträgen (Heft 4) zum Lukács-Gedenken beigesteuert habe, sei ihm bewusst geworden, dass das Buch, an dem Middell arbeite, Nietzsche höchstwahrscheinlich beweihräuchern werde. Zweitens schließlich seien im Aufbau-Verlag 1983 die von Nietzsche beein ussten Betrachtungen eines Unpolitischen von omas Mann erschienen. Die darin enthaltene Lobpreisung des Krieges habe im Sozialismus nichts zu suchen, auch nicht, wenn sie von omas Mann stamme. Mann selber übrigens, so ergänzte Harich, habe von einer Neuau age der Betrachtungen nichts wissen wollen. Knapp einen Monat später schrieb er (am 2. September 1985) erneut an Höpcke, diesmal beunruhigt durch die Nachricht, dass Wolfgang Heise für den Aufbau-Verlag eine vierbändige Nietzsche-Auswahl vorbereite.15 Er nahm dies zum Anlass, sein Urteil 14 Zuvor hatte er geschrieben: »Obwohl ich bis über beide Ohren in meiner Nicolai-Hartmann-Arbeit stecke und für anderes eigentlich kaum Sinn habe, möchte ich Ihnen doch meine Dienste für die Abwehr des Drucks anbieten, unter den Sie, wie ich höre, von Seiten der Verehrer Nietzsches gesetzt werden. 1982 habe ich doch erhebliche Kenntnisse über diese Materie wieder au rischen oder auch neu erwerben können.« 15 »Inzwischen glaube ich, Professor Werner Mittenzwei und seine Frau davon überzeugt zu haben, wie schädlich und schändlich es wäre, noch jemals in der DDR irgendetwas von Nietzsche neu herauszubringen. (…) Durch Mittenzweis erfuhr ich nun bei der Gelegenheit, dass von Professor Wolfgang Heise eine vierbändige Nietzsche-Auswahl für den Aufbau-Verlag vorbereitet werde. Diese Kunde beunruhigt mich stark. Es hat seither Nächte gegeben, in denen sie mir stundenlang den Schlaf raubte. Mitunter beeinträchtigt sie auch am Tage meine Konzentrationsfähigkeit, zum Beispiel wieder heute, weshalb ich mir keinen besseren Rat weiß, als mich in einem Brief an Sie abzureagieren. Am 23. August habe ich an Wolfgang Heise einen – sehr freundlichen – Brief geschrieben mit der Bitte, mir Gelegenheit zu geben, ihn in einem Gespräch oder, wenn es sein muss, in mehreren von seinem Vorhaben abzubringen. Ich ho e, dass er bereit sein wird, meinen Argumenten Gehör zu schenken. Bis jetzt liegt mir allerdings noch keine Antwort vor. Sollte ich bei ihm nichts ausrichten können, so würde ich mich mit einschlägigen Eingaben an das Kultusministerium, zu Ihren Händen, und, eventuell, an die Abteilungen Wissenschaft und Kultur beim ZK wenden müssen, mit dem Ziel, eine endgültige und abschließende Klärung darüber herbeizuführen, dass von Nietzsche nichts, aber auch gar nichts, zu dem gehört, was bei uns als Kulturerbe zu p egen, anzueignen (wie kritisch auch immer!!) oder auch nur zu dulden wäre.« 2 8 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re zu Nietzsche gegenüber Höpcke in einigen Punkten zusammenfassend darzustellen. Diese Passage kann im Folgenden wiedergegeben werden: 1) »Nietzsche ist der seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts durch alle Wendungen der Geschichte hindurch konstanteste und zentralste ideologische Hauptfeind der Arbeiterbewegung und des Sozialismus. 2) Er ist der schlechthin reaktionärste, menschenfeindlichste Philosoph, den es in der Geschichte des Denkens überhaupt jemals gegeben hat. 3) Seine Inhumanität richtet sich insbesondere, außer gegen den Sozialismus, gegen die ethisch wertvollen Elemente der antiken Philosophie, des Christentums und des neuzeitlichen, progressiv-bürgerlichen liberalen und demokratischen Gedankenguts. 4) Die Traditionen der in der DDR miteinander verbündeten politischen Kräfte, die unter der Führung der Arbeiterklasse gemeinsam den Sozialismus aufbauen, namentlich die der SED, der LDPD und der CDU, werden von Nietzsche nicht nur pro blema ti siert, sondern radikal verworfen, verhöhnt, in den Schmutz getreten. 5) Die Einschätzungen Nietzsches durch Mehring, Lukács und Hans Günther sind völlig korrekt und zutre end. Es gibt ihnen nichts abzuhandeln. Zu ergänzen wären sie allerdings heute noch in folgenden Punkten: • Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts hat in Nietzsche einen der erbittertsten Widersacher. In seinem Gesamtwerk stellt der Satz ›Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht‹ nur die Spitze eines Eisbergs dar. • Nietzsche hat aufs eindringlichste die Versklavung der farbigen Völker empfohlen. Beispiel: Er hält die Sklaverei für die notwendige Bedingung jeder Kultur, war aber der Meinung, dass sie den weißen Arbeiter Europas sozialreformistisch erspart werden könne unter der Bedingung, dass Chinesen als Sklaven importiert werden. • Nietzsche lobpreist den Krieg als Selbstwert und Selbstzweck. Die Rechtfertigung von Kriegen für gute Zwecke verdreht er dahin, dass jeder Zweck durch einen guten Krieg gerechtfertigt sei. 6) Die relativ harmloseren Einfälle von Nietzsche laufen etwa auf solche schädlichen Dummheiten hinaus wie die, dass es dem ›Leben‹ abträglich sei, wenn man sich mit Geschichte beschäftige u. dgl. 7) Nietzsche ist niemals durch den Faschismus missbraucht worden. Mussolini und Hitler haben ihn völlig richtig verstanden und seine Lehren so beherzigt, wie sie gemeint waren. Die höllischen Bestialitäten des Faschismus waren die Erfüllung von Nietzsches Philosophie.« 2 8 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Diese Stellungnahme stand nicht im »luftleeren Raum«, vielmehr leitete Harich aus ihr jene Konsequenzen ab, die sein Engagement und sein Agieren in der Nietzsche-Debatte zentral bestimmten: »Aus alledem kann nur der Schluss gezogen werden, dass es die DDR besudeln hieße, dass es den Sozialismus verhöhnen würde, wenn man zuließe, dass irgendwann einmal in einem DDR-Verlag wieder ein Werk von Nietzsche erschiene, welches es auch sei. Nietzsche kann auch nicht Gegenstand von Diskussionen unter Sozialisten sein. Es ist unerträglich, dass zwischen Vorträgen, die Goethe und Brecht behandeln, auch über Nietzsche referiert wird, wenn die Arbeit der Weimarer Archive ö entlich zur Debatte steht; dass es möglich ist, in Berlin, Hauptstadt der DDR, mit einer Nietzsche ›di erenziert‹ wertenden Arbeit zu habilitieren und dann Ästhetikstudenten in diesem Sinne auszubilden; dass DDR-Vertreter an Konferenzen der Nietzsche-Gesellschaft teilnehmen und dort frohlockend verkünden, in dieser Frage breche nun auch bald bei uns das Eis. Das alles ist furchtbar. Man muss sich fragen, wie es geschehen konnte, dass so etwas einreißt? Wohin sind wir gekommen?« Wenn Nietzsche empfehle, dass die Menschen in sich selbst Mitleid und Nächstenliebe abtöten sollten, so zeige dies den ganzen inhumanen Charakter seiner Philosophie.16 Vor den beiden Weltkriegen habe man darüber vielleicht noch »geistreich schwadronieren« können. Doch die Geschichte sei nicht stehen geblieben. Antifaschismus würde nur da existieren, würde nur da ein wirklich konsequenter sein, wo er sich explizit und jederzeit gegen solche Aussagen Nietzsches (und die sich aus ihnen ergebenden philosophischen, kulturellen und realpolitischen Folgerungen) stelle. Die Neugier 16 »Ich will nicht ins Uferlose geraten. Aber noch eines bitte ich Sie zu beachten. Es sind keine zweieinhalb Jahre mehr, dann wird sich, am 22. Februar 1988, der Geburtstag Arthur Schopenhauers zum 200. Male jähren. Auch Schopenhauer war ein erzreaktionärer Denker, und es besteht, meines Erachtens, kein Anlass, ihn zu feiern. Immerhin aber hat es einem Jean-Paul-Freund wie mir immer wieder zu denken gegeben, dass Jean Paul Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung, als das Werk noch nicht in Mode war, gelobt hat. Und kein Geringerer als Karl Marx hat, nach dem glaubwürdigen Zeugnis Franziska Kugelmanns, gesprächsweise wenigstens einmal für Schopenhauer eine Lanze eingelegt, 1867. Und was fand Max wertvoll an Schopenhauer? Die aus der Wesenheit alles Organischen abgeleitete P icht, weder Mensch noch Tier Leiden zuzufügen. ›Tiefer ethisch-sozial‹, soll Marx gesagt haben, ›hätte keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet.‹ Nun, gerade dies ist der Punkt in dem Nietzsche Schopenhauer am heftigsten bekämpft. Nietzsche emp ehlt uns, Mitleid und Nächstenliebe in uns abzutöten.« 2 8 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auf Nietzsche, diesen »prickelnd interessant« zu nden, sei schon zu Beginn des Jahrhunderts mindestens zynisch gewesen, aber eben doch vergleichsweise »harmloser« als 1933/1945. »Aber heute? Nach Hitler? Nach Auschwitz? Nach 20 Millionen ermordeten Sowjetbürgern? Heute? Angesichts der atomaren Vernichtung, die die Menschheit bedroht? Im sozialistischen deutschen Staat kann es keinen Platz für Nietzsche oder irgend eine Art von Nietzscheanertum, Nietzsche-Rezeption oder dgl. geben. Friedrich Nietzsche?? Ins Nichts mit ihm!!!« Es wurde bereits angedeutet, dass Harich gerüchtweise davon gehört hatte, dass Wolfgang Heise eine Nietzsche-Auswahl vorbereite.17 Am 1. Oktober 1985 kam es zwischen den beiden zu einem langen Gespräch. Harich berichtete darüber brie ich am 5. und 6. Oktober an Klaus Höpcke.18 Heises Einstellung zu Nietzsche charakterisierte Harich wie folgt: 17 Am 25. Januar 1986 schrieb Harich an Klaus Höpcke: »Dr. Heinz Pepperle, dessen Namen Sie mir gegenüber neulich beiläu g fallen ließen, behauptete gestern zu mir, dass das Vorhaben, bei Rütten & Loening bzw. im Aufbau-Verlag eine vierbändige Auswahl von Werken Friedrich Nietzsches zu veranstalten, auf eine Initiative von Ihnen zurückginge und dass Professor Dr. Wolfgang Heise, sehr gegen sein Widerstreben, durch Sie dazu bewogen worden sei, hierbei als Herausgeber und als Verfasser di erenzierender Begleittexte zu fungieren. Ich gehe davon aus, dass dies eine glatte Verleumdung ist. Selbstverständlich werde ich die Angelegenheit streng diskret behandeln (mit der einzigen Ausnahme, dass ich, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, gestern Abend mit meiner Frau darüber gesprochen habe). Es wäre mir aber willkommen, wenn Sie mir Argumente an die Hand gäben, die geeignet wären, mich in dieser meiner Au assung zu bestätigen und mich in die Lage versetzten, derartigem Gerede gegebenenfalls fundiert und mit gebührendem Nachdruck entgegenzutreten.« 18 »In Sachen Nietzsche hatte ich mit Wolfgang Heise ein Gespräch am 1. Oktober 1985. Es war für mich sehr unerquicklich. Meine Frau, die dabei war, sagte mir hinterher, sie hätte befürchtet, ich würde den Gast wieder hinauswerfen. Um so erstaunter sei sie gewesen, dass ich es verstanden hätte, ihn, der zuerst als pikierte Leberwurst dagesessen habe, durch emenwechsel, Anekdötchen, Humor, Bericht über eigene Arbeiten etc., freundlich und gelöst zu stimmen. Ich hielt dies für meine P icht, um des Gesprächsfadens willen, der, für den Bedarfsfall, wieder aufnehmbar bleiben soll. Aber es war für mich ungeheuer strapaziös. Mein Herz war zwei Tage lang völlig überanstrengt, meine Konzentration auf Nicolai Hartmann nur schwer wieder herstellbar. Engagement, gezügelt durch Altersweisheit und Diplomatie, sollte mir ärztlicherseits verboten werden.« 2 8 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Heise eiert herum. Er gibt sich als unerschütterlich überzeugten, uneingeschränkten Nietzsche-Gegner. Alles, was ich gegen Nietzsche habe, er weiß es längst, hat es sich an den Schuhsohlen abgelaufen. Sein für den Aufbau-Verlag vorgesehenes Projekt ist dem Kampf gegen Nietzsche gewidmet. Er soll von diesem zwar Texte bringen, aber nur mit Gegentexten, die sie überzeugend widerlegen sollen. Ich habe, gänzlich perplex, drei Tage lang nachgedacht, wie das wohl aussehen mag. Vielleicht so: Nietzsche: ›Was fallen will, das soll man auch noch stoßen!‹ Gegenext Heise: ›Höchstens auf Bruchholz im Wald anwendbar. Kranken Rentnern gilt unsere ganze Fürsorge!‹ Oder: Nietzsche: ›Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht!‹ Gegentext Heise: ›Gehst du zu einer Kollegin, so wirb bei ihr um Verständnis dafür, dass das ZK vorläu g noch nicht zur Hälfte aus Frauen zusammengesetzt sein kann, was wir aber anstreben!‹ Das Schönste ist, dass Heise verlangt – von sich selbst o enbar –, dass die Gegentexte sprachlich mindestens so brillant und faszinierend sein müssten wie die Texte von Nietzsche. Da ich Heise, seit dessen Tätigkeit als eaterkritiker der Tribüne, durch Jahrzehnte also, gelegentlich lese, bin ich natürlich sehr gespannt.« Immerhin gehörte Heise selbst in die Reihe der Nietzsche-Gegner. Denn das Projekt der Nietzsche-Auswahl habe er nur angenommen, um es dadurch zu sabotieren, dass er sich nicht darum kümmern werde. Für andere sei das Editionsvorhaben so nicht zugänglich. Dennoch fragte Harich: »Sollte es sich wieder einmal, wie seit Jahrzehnten oft, um die übliche Heisesche Projektschmiederei handeln, um sein ewiges ›Man müsste mal …, man sollte …, wie wär's, wenn man würde …'?« Durch Harichs Schilderung seines Gesprächs mit Heise von 1985 trat der Unterschied zwischen beiden deutlich hervor. Denn Heise, so Harich weiter, wolle Nietzsche mit quasi »demokratischen« Methoden bekämpfen, er befürwortete also eben jene Diskussionen und Debatten, vor denen Harich schon 1982 gewarnt hatte.19 »Das Schlimmste an Heise: Er ist im Grunde ein Liberaler. Er meinte, Nietzsches ungeheure Wirkung am Beginn dieses Jahrhunderts sei leider auch ein Stück unserer Geschichte, das sich nicht einfach eliminieren lasse. Zu meinem Gegeneinwand, diese ungeheure Wirkung hänge doch ursächlich mit den weiteren Ungeheuerlichkeiten zusammen, die sich in unserer Geschichte dann im Verlauf dieses Jahrhunderts ereignet hätten, wusste er 19 »Dann die Frage, wie Nietzsche zu bekämpfen sei. Ich meinte, am besten durch möglichst weitgehendes Totschweigen; wir dürften uns keine Diskussion über ihn aufzwingen lassen, schon gar keine ö entliche. Damit ist Heise nicht einverstanden. Er scheint es aus irgendwelchen psychotherapeutischen Erwägungen für falsch zu halten.« 2 8 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nichts zu sagen. Er gab zu, dass ich recht hätte, murmelte aber etwas von der Art, dass man so etwas nicht los werde, indem man es unter den Teppich kehre. Meinen Standpunkt, etwas besonders Schädliches könne man sehr wohl gleichzeitig unterdrücken und obendrein argumentativ bekämpfen, wollte er nicht gelten lassen. Ich: ›Das tun wir doch aber oft.‹ Heise: ›Leider, schlimm genug …‹ Ich fühlte mich an C. F. v. Weizsäcker erinnert. Der hat einmal zu mir gesagt: ›Ich bin so liberal, dass ich sogar zu einem Illiberalen wie Ihnen liberal bin.‹ Als ich am 1. Oktober zu Heise einmal beiläu g äußerte: ›Nimm's mir nicht übel, aber …‹, da erwiderte er: ›Übelnehmen? Du unterschätzt die Grenzen meines Liberalismus.‹ So, genau so will er sich zu Nietzsche und dessen Anhängern verhalten. Er will ihnen mit Fairness begegnen. Der Gedanke, Nietzsche zu bekämpfen, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, bereitet ihm Bauchschmerzen. Daher sein famoses Projekt.« Weiter berichtete Harich dann, dass Heise bei Nietzsche auch Seiten sehe, die nicht nur zu kritisieren seien.20 Gegen solche Lesarten Nietzsches kämpfte Harich in den folgenden Monaten und Jahren der Nietzsche-Debatte immer wieder an. Egal welchen Punkt man nehme, welche von Nietzsche beein ussten Schriftsteller man analysiere: Alle seien durch Nietzsche zu Schaden gekommen. Von Heise gefragt, sprach Harich neben der »Verführung durch Formulierkünste« schließlich noch zwei zentrale Punkte an, auf die seiner Meinung nach die Faszination durch Nietzsche zurückgeführt werden könne: 20 »Es stellte sich, natürlich, heraus, dass Heise doch ›etwas dran‹ ndet an Nietzsche, das nicht nur zu bekämpfen sei. Ich bestritt das, mich auf relativ harmlose Werke Nietzsches beziehend, namentlich auf die Unzeitgemäße Betrachtung über Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, wo nur vom Nachteil die Rede ist, was gerade für unsere Zeit eine der fürchterlichsten Desorientierungen bedeute. Heise gab mir Recht. Er berief sich dann aber darauf, dass Montinari – ›immerhin‹ ein KPI-Genosse, und etwas Besseres als die KPI gäbe es in Italien nicht – erklärt hätte, er sei unter dem Faschismus durch Nietzsche-Lektüre zum Gegner des Faschismus geworden. Dies entkräftete ich unter Hinweis auf die Autobiographie unseres Generationsgenossen Peter Brückner (›Mescalero‹-Brückner), wo sich ein ähnliches Bekenntnis fände. Sähe man genauer hin, so stelle sich heraus, dass Brückner seinen elitären Ekel gegen die kleinbürgerlich-lumpenproletarische, erbsenfressende, pupsende und stinkende Massenbewegung, die der Nazismus ja gewesen sei, nachträglich mit Antifaschismus verwechsle. Nietzsche habe eben nicht Röhm gewollt, sondern Cesare Borgia. Meine Großtante Hedwig sei auch einmal begeistert für Hitler gewesen: Am 30. Juni 1934, aus Abneigung gegen die SA-Horden, aus Bewunderung für die obsiegende Reichswehrgeneralität. Damals hätte sie gesagt, nun werde alles wieder gut; denn der Führer trüge bereits einen einreihigen Smoking, habe in Bayreuth Winifred Wagner die Hand geküsst und nehme Anstandsunterricht bei Frau von Papen. Bei Montinari dürfte der vermeintliche Antifaschismus ähnlichen Ursprungs sein. Ich hielte es für verhängnisvoll, dass ein Montinari sich bei uns mausig machen dürfe.« 2 8 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Erstens: Philosophie sei eine sehr schwierige Wissenschaft, Kant und Hegel zu studieren Schwerstarbeit. Demgegenüber lutschen Nietzsches Aphorismen sich leicht weg wie eine Art Konfekt, und die Ignoranten, die sie genössen, dürften sich einbilden, nun auch über Philosophie mitreden zu können. So erkläre es sich, dass Literaten haufenweise – und ausnahmslos zu ihrem Schaden – auf Nietzsche hereingefallen seien, während die Fachphilosophie ihm sehr lange wacker Widerstand geleistet habe. Zweitens mache Nietzsche das meisterhaft vor, was alle Intellektuellen gern tun würden: Die Regierung gleichzeitig stürzen wollen und von ihr einen Orden kriegen. Hier strahlten Heises Augen: ›Natürlich, das ist es. Du meinst die rebellischen Gesten …‹ Ich: ›Natürlich, rebellische Gesten, bei denen man nichts riskiert, verbunden mit Inhalten, die das, was die Herrschenden wollen, noch überbieten. Aber das steht doch nun alles schon bei Lukács. Der hat das doch un- übertre ich analysiert.‹ Heise zog einen Flunsch, aber wusste nichts zu erwidern.« Einig waren beide sich schließlich darin, dass man in den Kampf gegen Nietzsche auch die Leistungen der bürgerlichen Wissenschaften mit einbeziehen müsse. Heise berichtete von der Idee, dass der Akademie-Verlag Ferdinand Tönnies’ Der Nietzschekultus von 1897 neu herausbringen wolle. Doch selbst bei diesem ema zeigte sich der angesprochene zentrale Unterschied: »Heise forderte eine angemessene Einleitung, die auf Tönnies’ Progressivität hinweise; Tönnies habe 1932 als Liberaler zur KPD gehalten. Wir sprachen dann noch ein bisschen weiter über Tönnies. Heise meinte, mit dessen ›Gemeinschafts'begri dürften wir es uns auch nicht so einfach machen; er sei demokratisch angesetzt gewesen. Ich gab das zu und ergänzte: ›Vielleicht sogar urkommunistisch.‹ Hinterher ist mir eingefallen, dass hinter Heises Erwärmung für Tönnies vielleicht auch wieder sein tiefes, neiderfülltes, geradezu neurotisches Ressentiment gegen Lukács steckt. Leitet doch Lukács in Die Zerstörung der Vernunft das gegen die deutsche Soziologie der imperialistischen Periode gerichtete Kapitel mit einer Kritik an Tönnies’ Werk Gemeinschaft und Gesellschaft, von 1897, ein. Aber Lukács wertet hier, seinerseits, Tönnies durchaus di erenzierend. Zum Schluss des Gespräches kamen wir noch auf Arnold Gehlen zu sprechen. Heise meinte, zwischen meinem Hass auf Nietzsche und meiner positiven Einstellung zu Gehlen bestünde ein Widerspruch.21 21 An Helmut Klages schrieb Harich am 01. Juni 1988: »Ihnen wird nicht entgangen sein, dass in der Deutschen Demokratischen Republik heftige Diskussionen um das kulturelle und historische Erbe entbrannt sind. In diesem Zusammenhang habe ich wenig einzuwenden gegen eine neue, großzügigere Einstellung zu Luther, dem Alten Fritz oder auch Bismarck. Aber eine Grenze ziehe ich unerbittlich: In der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern sollte Friedrich Nietzsche keinen Millimeter an Boden zurückgewinnen. 2 8 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ich entgegnete, Gehlen sei für mich einfach der Held des Kampfes gegen die Rassentheorie, mitten in der Nazizeit. Dass er damit Hitler habe ›verbessern‹ wollen, ändere nichts an der Richtigkeit seiner – für die Anthropologie bahnbrechenden – Resultate. Seine reaktionäre Soziologie müsse man davon unterscheiden. Im Übrigen sei Gehlen nirgends und niemals inhuman – wie Nietzsche. Aber auch ihn habe politisch Nietzsche desorientiert.« Trotz der gerade referierten Kritik an Heise blieb dieser für Harich ein wichtiger Verbündeter in der Auseinandersetzung mit Nietzsche – auf der Basis eines überzeugten Antifaschismus. Am 10. und 11. Oktober 1985 sprach Harich mehrmals mit Heinz Malorny, einem der Nietzsche-Forscher der DDR, mit dessen Ansichten Harich sich teilweise identi zieren konnte. Am 12. Oktober schrieb er an Klaus Höpcke, dass es während dieser Tre en auch um einen Aufsatz von Norbert Kapferer (Nietzsche und Heidegger in der gegenwärtigen DDR-Philosophie) gegangen sei, der sehr gut erkennen lasse, dass man im Westen die kulturpolitischen Vorgänge in der DDR aufmerksam beobachte und dass dort »großes Interesse an Renaissancen Nietzsches und Heideggers in der DDR besteht«. Ho nungen würden die Interessierten im Westen »besonders an Renate Reschke und Friedrich Tomberg (sowie an das Fortwirken des Erbes von Bloch) knüpfen, während sie im Erbe von Lukács das Haupthindernis ihrer Bestrebungen erblicken«. Es drohe die Gefahr, dass der kulturpolitische Konsens der DDR – das antifaschistische Fundament, das Ja zum Kommunismus und zum progressiven Geisteserbe, die Friedenspolitik und anderes mehr – sukzessive durch die Hinwendung zu Nietzsche unterhöhlt und schließlich zerstört werden könne. Erneut machte Harich Meine einschlägige Argumentation nden Sie in Sinn und Form, Heft 5, 1987, und die gehässigen Anfeindungen, denen ich deswegen ausgesetzt bin, in Heft 1, 1988. Noch ist dieser Kampf nicht entschieden. In diesem Kampf gäbe ich mir aber schreckliche Blößen, wenn ich zwar gegen Nietzsche eiferte, aber gleichzeitig einem Mann meine Referenz erwiese, der einen höchst aktiver Nazi gewesen ist und in der Nachkriegszeit politisch und ideologisch weit rechts gestanden hat. (Ich erinnere nur an das schreckliche Buch Moral und Hypermoral.) Natürlich traue ich mir zu, einem Fachkollegen in subtiler Beweisführung plausibel zu machen, dass Hass auf Nietzsche mit Respekt vor Gehlen zu vereinbaren sei. (Denn was hat Gehlen, um nur dies zu nennen, außer der Formel vom ›nicht festgestellten Tier‹ von Nietzsche sonst noch lernen können? Ich nde: nichts.) Aber Stephan Hermlin etwa, ein ein ussreicher Mann mit erheblichem Vertrauensvorschuss aus glorreichen Jungkommunistentagen, und ich ringen hier in Sachen für oder wider Nietzsche um die Seelen von Parteifunktionären aller ›Ebenen‹. Und vor denen stünde ich sofort unglaubwürdig da.« In: Band 11, S. 524 f. 2 8 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e ausführliche Vorschläge, wie dies verhindert werden solle. Die Passagen aus seinem Brief an Höpcke sind im Folgenden wiederzugeben: 1) »Keinerlei Verö entlichungen irgendwelcher Werke Nietzsches in der DDR; zu keinem Zeitpunkt, unter keinen Umständen. 2) Keine ö entliche Nietzsche-Diskussion in der DDR. 3) Es sollte damit Schluss gemacht werden, dass mehrere Philosophen und Literaturwissenschaftler sich überhaupt weiter mit dem ema Nietzsche beschäftigen. Mir allein sind sieben bekannt, die sich damit befassen: Dietzsch, Harich, Heise, Malorny, Middell, Reschke, Tomberg. Das ist völlig absurd. Alle – und etwa sonstige noch – sollten anderen emen zugeführt werden (einzige Ausnahme: Malorny). 4) Man muss der Konstruktion eines Gegensatzes von marxistischer Philosophie- und Literaturforschung in der Nietzsche-Frage und, vor allem, dem Versuch, einen solchen Gegensatz künstlich herbeizuführen, energisch entgegenwirken. Es gibt einen solchen Gegensatz nicht. Er könnte aber entstehen, weil die Philosophen literarisch und die Literaturwissenschaftler philosophisch ungebildet sind. Wären sie es nicht, so wüssten sie, dass es – für beide verp ichtend – ein einheitliches marxistisches Nietzsche-Bild seit langem gibt. 5) Man muss die Autorität dieses einheitlichen marxistischen Nietzsche-Bildes voll wiederherstellen. Es stammt von Mehring, Plechanow, Lukács, Günther, Kaufhold, Odujew, Malorny, auch von dem früheren Heise und, nicht zu vergessen, von Otto Grotewohl (Die geistige Situation der Gegenwart und der Marxismus, in: Deutsche Kulturpolitik, Dresden, 1952). Dieses Nietzsche-Bild ist in keinem Punkt überholt oder widerlegt, und zwar weder durch philologische Forschungsergebnisse (Schlechta bzw. Colli und Montinari) noch durch Forschungen zur Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts. 6) Im Lichte unserer geschichtlichen Erfahrungen und im Hinblick auf aktuelle weltpolitische Probleme muss das marxistische Urteil über Nietzsche heute eher noch negativer ausfallen als bei den genannten Marxisten. In diesem Zusammenhang ist an die Frauenemanzipation, an den Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt und an die Gefahr eines atomaren Weltkrieg zu denken. In der spannungsgeladenen Welt von heute, mit ihren ungeheuren Kon iktpotenzialen, angesichts des Umsichgreifens von Terrorismus und politischem Abenteurertum sowie der Brutalisierung westlicher Medien (Fernsehen!!) in dieser Welt, kann die sozialistische DDR, die auf eine weltweite Koalition der Vernunft setzt, unmöglich einem Nietzsche, dem ärgsten 2 8 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Zerstörer von Vernunft, eine Renaissance bereiten helfen. Man denke allein daran, was in dieser Welt Nietzsches Parole ›Gefährlich leben!‹ für Unheil anrichten kann. 7) Forscher, die sich mit Nietzsches Wirkung auf die Literatur des 20. Jahrhunderts befassen, wie Middell, müssen zwei Axiome beachten: a) Positive Werturteile über Nietzsche, von wem auch immer – und sei es von omas Mann –, sind falsch. b) Die Wirkung Nietzsches auf Literatur und Kunst war negativ, ohne Ausnahme. – Will jemand diese Axiome in Frage stellen, so muss er erst einmal Philosophie studieren, um über Nietzsche überhaupt ein kompetentes Urteil fällen zu können, und zwar marxistisch-leninistische Philosophie sowie Geschichte der Philosophie – von der Antike bis zur Gegenwart – auf marxistisch-leninistischer Grundlage. Wer über solche Kenntnisse nicht verfügt, hat das Nietzsche-Bild der oben – unter Punkt 5 – genannten Marxisten als wahr zu unterstellen. 8) Bei den Philosophen müssen Tomberg und Reschke, ohne dass ihnen Gelegenheit zu einer ö entlichen Diskussion geboten wird, bekämpft und, wenn nötig, isoliert werden, wobei schwankende liberale Figuren vom Typ Heise von ihnen loszureißen und in den Kampf gegen sie hinein zu ziehen sind. Reschke muss dabei ihrer horrenden Unbildung und mangelnden Logik überführt werden. Anschließend sollte sie der Bearbeitung anderweitiger emen zugeführt werden, damit sie zu Nietzsche erst einmal Abstand gewinnt. Tomberg sollte, in diskreter individueller Auseinandersetzung, vor die Alternative gestellt werden, Lukács’ Urteil über Nietzsche, im 3. Kapitel von Zerstörung der Vernunft, entweder Punkt für Punkt zu widerlegen – was ihm nie gelingen kann – oder als zutre end zu bestätigen – womit sich jeder weitere Tombergsche Senf zu diesem ema erübrigen würde. 9) Die ganze eorie, dass Nietzsche ja kein Faschist gewesen sei, muss zerschlagen werden. Diese eorie ist genau so richtig, aber auch genauso blödsinnig wie eine etwaige Behauptung, Jesus sei kein Katholik (oder Protestant), Rousseau kein Jakobiner gewesen; nicht einmal Marx war Marxist, und er betonte er auch einmal: ›Je ne suis pas Marxiste.‹ Worauf es umgekehrt ankommt, ist, dass die Faschisten Nietzscheaner waren (und sind!!!). Dabei sollten wir aber nicht immer nur an Hitler denken – obwohl natürlich immer auch an den –, sondern ganz besonders an sein – sechs Jahre älteres, elf Jahre länger in Rom an der Macht be ndliches – Idol Benito Mussolini. Schon zu einer Zeit, als Mussolini noch Sozialist war – und zwar linker, radikaler, antireformistischer Sozialist –, 1912, als Chefredakteur des Avanti, brachte er es fertig, gleichzeitig enthusiastischer Anhänger Nietzsches zu sein. Das ist es doch, was die »linken« Nietzsche-Freunde von heute so hoch verdächtig macht, und die 2 8 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Sache wird nicht besser, wenn sie, wie die Herren Colli und Montinari, aus Italien kommen. 10) Da – laut Kapferers Aufsatz – die Ostforscher in der BRD auf eine etwaige Heidegger-Renaissance in der DDR ebenso große Ho nungen setzen wie auf die Nietzsche-Gruppierung und in dem Zusammenhang Hans-Martin Gerlach als ganz besonders interessant und aussichtsreich bewerten, wäre es, meines Erachtens, wichtig, Gerlach davon in Kenntnis zu setzen und ihn zugleich von vornherein in die gegen Tomberg und Reschke zu errichtende Anti-Nietzsche-Front mit einzubeziehen. Leistet Gerlach einen Beitrag zur Abwehr Nietzsches, so wird einem möglichen künftigen Bündnis zwischen ihm und Tomberg-Reschke vorgebeugt. (Zu der Frage ob und wie weit Gerlach Heidegger-gefährdet ist oder ob es sich hier um eine Fehlspekulation Kapferers handelt, kann ich mich im Moment nicht fundiert äußern. Dazu müsste ich mich erst mit allen Publikationen Gerlachs über Heidegger vertraut machen. Heute kann ich nur soviel sagen, dass Gerlach irrt, wenn er – in Bürgerliches Philosophieren in unserer Zeit, Dietz-Verlag, Berlin, 1982, S. 184 – in Heideggers Weigerung, 1933 einem Ruf nach Berlin zu folgen, bereits ein Abrücken von der Nazibewegung erblickt und die heimattümelnde Begründung für bloße Absicherung hält. Nachweisen lässt sich, dass Heidegger mit derselben Begründung bereits 1930 einen Ruf nach Berlin zurückgewiesen hat.) 11) Hochschul- und forschungspolitisch müsste aus der ganzen A äre der Schluss gezogen werden, dass unsere Überspezialisierung der philosophischen und literaturwissenschaftlichen Kader, auf Kosten ihrer Allgemeinbildung, mit der Folge des Aussterbens universell gebildeter Persönlichkeiten von der Art Lukács’, ideologischen Diversionsversuchen objektiv Vorschub leistet. Nur wo systematische Philosophie und Philosophiegeschichte getrennt werden, nur wo philosophisch ungebildete Germanisten – e vice versa – geduldet werden, nur wo Nietzsche-, Heidegger-, Nicolai Hartmann- und sonstige One-Point-Spezialisten gezüchtet werden, kann ein Programm wie dasjenige Tombergs – alle müssten erst einmal den ganzen Nietzsche lesen und sich dann ›zusammensetzen‹, um ein neues Nietzsche-Bild zu erarbeiten – auf fruchtbaren Boden fallen. Aber das ist ein weites Feld …« Ende des Jahres 1985 und in den ersten Monaten des folgenden Jahres war Harich in seinem Auftreten gegen Nietzsche überaus engagiert. Er führte viele Gespräche und schrieb Briefe, in denen er seine Meinung unverblümt aussprach. An Heinz Malorny schrieb er am 28. November 1985, dass er dessen Idee, ein Nietzsche-Buch zu verfassen bzw. herauszubringen, für falsch halte: 2 9 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re »Sie gehen darin auch auf Biographisches ein. Wozu? Sie geben andeutungsweise den Inhalt von Nietzsches Büchern wieder. Wozu? So etwas kann, nach Lage der Dinge, nur schaden. Das Schlimmste ist, dass Sie zur Verö entlichung von Rezensionen über Ihr Buch zwingen. Sie tragen damit nur dazu bei, eine ö entliche Diskussion anzufachen, die stillschweigend erstickt werden sollte. Was es Neues zu Nietzsche zu sagen gäbe, zum Beispiel im Hinblick auf seine neuesten französischen Bewunderer, könnten Sie leicht in der Form von Aufsätzen erledigen, wie bisher.« Sebastian Kleinschmidt, mit dem Harich in den achtziger Jahren öfters Kontakt hatte, bat ihn darum, zwischen Peter Hacks und der Sinn und Form zu vermitteln. Harich lehnte das Ansehen gegenüber dem Herausgeber Max Walter Schulz am 2. Dezember 1985 brie ich ab. Als Gründe machte er geltend:22 »Ich hatte inzwischen, nach dem Gespräch mit Kollegen Kleinschmidt, André Müller, einen gemeinsamen vertrauten Freund sowohl von Hacks als auch von mir, zu Besuch. (Im Hinblick auf seine letzte Buchpublikation und zur Unterscheidung von einem anderen Herrn Müller möchte ich ihn hier den Knoblauch-Müller nennen.) Er gab mir ein Bericht über seine Erfahrungen mit Sinn und Form, an dem zu zweifeln ich keinen Grund sehe. O en gesagt, über das Gehörte kann ich nur den Kopf schütteln. Ich schätze Knoblauch- Müller ganz besonders wegen seiner Shakespeare-Studien, die für mich in einigen Fällen Schlüsselerlebnisse waren und die ich durchaus Sinn und Form-würdig fände. Ich missbillige aufs Äußerste die Linie, die Sie, gemeinsam mit dem Lustmord-Müller, in der Nietzsche-Frage – die keine mehr ist, keine mehr sein sollte – eingeschlagen haben. In Heft 5, 1985 versucht ein Herr Gosse – nomen est omen –, Nietzsche dadurch bei uns salonfähig zu machen, dass er ihn als – vermeintlichen – Heine-Verehrer dem Heine-Ver- ächter Karl Kraus gegenüberstellt. Wieso druckten Sie das? Im selben Heft steht Lustmord-Müllers Bildbeschreibung, der abscheulichste sadistische Dreck, den ich in meinem ganzen Leben – ich werde demnächst 62 Jahre alt – gelesen habe. In Heft 6, 1985 nun fügt Sinn und Form – zufällig oder dank Ihrer Regiekunst – beides zusammen: Lustmord-Müller erklärt sich für Nietzsche und gegen Hegel. Wo soll das hinführen?« 22 Neben der Tatsache: »Am wenigsten wichtig – jedoch nicht zu unterschätzen – ist der, dass Hacks stark raucht und mir Nähe von Rauchern ärztlicherseits streng untersagt und auch ganz unerträglich ist; wir könnten also nur miteinander telefonieren. Bei Fortfall des zweiten und, vor allem, des dritten Haken aber würde ich mir eine Gasmaske besorgen und Hacks um einen Termin bitten.« 2 9 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Die Sinn und Form müsse sich entscheiden bzw. habe dies ja bereits getan. Denn Sebastian Kleinschmidt hatte Harich gegenüber bestätigt, dass die Redaktion den Abdruck eines Anti-Nietzsche-Artikels für 1986 ins Auge gefasst habe (gemeint ist der Aufsatz von Pepperle).23 Allerdings konnte Kleinschmidt nicht sicher bestätigten, dass dem Text keine Diskussion folgen werde: »Weshalb denn keine Leserzuschriften, wenn sie dazu einträfen, abdrucken, fragte er mich. Wollen Sie wirklich so weit gehen, Herr Schulz, bei uns einen Nietzsche-Diskussion zu dulden oder gar zu entfachen? Ich kenne mich in dieser Materie sehr genau aus und kann mir nichts Schädlicheres vorstellen. Und: An einer Zeitschrift mitzuarbeiten, die in diesem Punkt Schaden anrichten hilft – wo die Nietzsche-Ratten sowieso schon aus allen Löchern kriechen –, kann ich niemandem empfehlen. Peter Hacks schon gar nicht. Ihm wäre es einfach nicht zuzumuten. Bei Nietzsche trennten sich die Geister.« Am 25. Januar 1986 schrieb Harich an Klaus Höpcke – mit Blick auf die geplante Nietzsche-Edition durch Heise: »Was Hermlin betri t, so halte ich ihn philosophisch für gänzlich inkompetent. Sein notorischer Hyperliberalismus scheint mir im Übrigen neurotischen Ursprungs zu sein.« Da Stephan Hermlin im Verlauf der Nietzsche-Debatte noch eine wichtige Rolle spielen wird (dazu später), ist hier der richtige Platz, um die Beziehung beider kurz anzusprechen. Die beiden kannten sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Herbst 1946 war Harich als einziger Deutscher Mitglied der Redaktion der Täglichen Rundschau geworden,24 wo er als eaterkritiker und Feuilletonist Erfolge feierte. In der Zeitung traf er zum ersten Mal mit Stephan Hermlin zusammen, er war verantwortlich für dessen Artikel und Beiträge, lehnte auch einige ab. 1948 waren beide Teilnehmer der ersten Kultur-Delegation, die nach dem Krieg die Sowjetunion besuchte. Dort kam es zu weiteren Eifersüchteleien von Seiten Herm- 23 Am 25. Januar 1986 schrieb Harich an Klaus Höpcke: »Pepperle ist übrigens der Verfasser des Aufsatzes über Nietzsche, der im Manuskript seit längerer Zeit bei Sinn und Form vorliegt. Dr. Sebastian Kleinschmidt hatte mir von diesem Aufsatz erzählt, sich aber geweigert, mir den Namen des Verfassers zu nennen. Was mich gegen den Aufsatz skeptisch stimmt, ist der Umstand, dass auch Pepperle die Ansicht aller p aumenweichen Liberalen vertritt, Nietzsche werde von Lukács zu ›undi erenziert‹ gesehen.« 24 Eine Auswahl seiner zwischen 1946 und 1950 verfassten Artikel für die Tägliche Rundschau präsentiert: Band 1.2, S. 1013–1218. Dort auch eine Einleitung – Wolfgang Harich als Journalist der Täglichen Rundschau – des Herausgebers, S. 999–1012. Zudem schrieb Harich auch verschiedene Aufsätze für die zur Zeitung gehörende Zweiwochenschrift Neue Welt, die in der Edition ebenfalls teilweise präsentiert werden (u. a. in: Band 6.2, S. 1321–1363, 1445–1490). 2 9 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re lins, beispielsweise, da sich Anna Seghers mehr und intensiver mit Harich beschäftigt als mit ihm. Verschiedene weitere Tre en bei unterschiedlichen Anlässen folgten – Freunde wurden die zwei nicht. Dazu trug sicherlich auch der Umstand bei, dass Hermlin seinerseits in den späten vierziger Jahren eng mit Hans Mayer zusammengearbeitet hatte,25 der wiederum zu den erklärten Gegnern Harichs gehörte.26 (Auch Harich und Mayer kannten sich seit den Tagen der Täglichen Rundschau, später gerieten sie oft aneinander, den Höhepunkt ihrer Auseinandersetzungen bildete sicherlich der Verriss von Mayers Buch über omas Mann, den Harich in der Weltbühne veröffentlicht hatte.)27 Am 28. Januar 1986 schrieb Harich an Hermlin den ersten von insgesamt vier Briefen in Sachen Nietzsche. Er war wegen dem, was er zu sagen hatte, dermaßen konsterniert, dass er auf eine Anrede und Ähnliches verzichtete. Der Brief beginnt mit den Worten: »Ich würde die mir verbleibenden Kräfte gern ganz in den Dienst einer schönen, konstruk ti ven Aufgabe stellen, einer freilich sehr schwierigen, auf dem Gebiet der Philosophiegeschichte. Tag für Tag ringe ich mit dem ungeheuer komplizierten Sto . Was mich immer wieder ablenkt und stört und mir Zeit und Nerven raubt, das ist die Nietzsche-Renaissance, die bei uns aus allen Rattenlöchern kriecht. Seit Jahr und Tag kämpfe ich – mit Verlagsgutachten, mit gesprächsweiser Überzeugungsarbeit, mit Eingaben an Regierungsstellen usw. – dagegen an, dass die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart, dass der wichtigste geistige Wegbereiter des Faschismus bei uns gedruckt, geehrt, mit lobhudelnder Besprechung bedacht und überhaupt in die Erbe-P ege einbezogen wird. Nun höre ich, aus sehr zuverlässiger Quelle, das alles werde doch keinen Sinn haben, da unter anderen Prominenten, die sich für Nietzsche stark machten, auch Sie, mit Ihrem großen Ein uss, sich befänden. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Hermlin für Nietzsche? Hermlin? Der Friedenskämpfer? Der Humanist? Der Antifaschist? Der Kommunist? Ich war drauf und 25 Siehe beispielsweise die Publikation: Hermlin, Stephan; Mayer, Hans: Ansichten über einige Bücher und Schriftsteller, 2. Au ., Berlin, o. J. (1948). 26 Siehe hierzu die Schilderungen in: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort ausführlich zum Verhältnis von Harich und Mayer. Zu Harichs Verhaftung 1956 aus der Sicht von Mayer siehe die beiden Bände: Lehmstedt, Mark (Hrsg.): Hans Mayer, Briefe, 1948–1963, Leipzig, 2006. Lehmstedt, Mark (Hrsg.): Der Fall Hans Mayer. Dokumente, 1956–1963, Leipzig, 2007. 27 Gemeint ist Harichs Artikel: Hans Mayers Buch über omas Mann, in: Die Weltbühne, Nr. 26, 1950, S. 801–804. 2 9 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e dran, den betre enden Informanten barsch als Verleumder zurecht zu weisen. Mir kam sogar der Gedanke, Sie zu tätiger Mithilfe bei meinen Bemühungen um Abwehr Nietzsches aufzufordern. Und um mich recht einzustimmen in Ihr – versteht sich – grundhumanes Erbe-Verständnis, gri ich zu dem von Ihnen vor zehn Jahren bei Reclam edierten Deutschen Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht. Hätte ich es mir doch schon damals genauer angesehen, mir wäre ein Jahrzehnt euphemistischer Fehleinschätzung Ihrer Person, Herr Hermlin, erspart geblieben. Sie sind es, dem wir Nietzsches Wiederkehr bei uns verdanken. Und was wählten Sie aus? Ausgerechnet das Gedicht An den Mistral. Der Mistral ist ein eiskalter Fallwind, der zwischen Ebromündung und Golf von Genua, wenn er da rast, die Gesundheit zahlreicher Menschen schädigt, Alte und Kranke umbringt, auch aller sonstigen Vegetation äußerst nachteilig ist, jedes Mal. Nietzsche, wie es seine Art ist, preist den Mistral eben deswegen.« Für Harich war das Mistral-Gedicht eindeutig zu verorten. Die Nationalsozialisten hatten es zur Rechtfertigung der »Vernichtung lebensunwerten Lebens« verwendet. Das Hermlin ausgerechnet dieses Gedicht in seine Sammlung aufgenommen hatte, war für ihn ein schwerer Schlag. In den nächsten Jahren machte er darauf immer wieder aufmerksam. An die Akademie der Künste sendete Harich zwei Jahre später, am 26. Januar 1988, die »Eingabe«:28 »Wie ich dem heutigen Neuen Deutschland, Nr. 21, Seite 4, Rubrik Kultur, entnehme, beabsichtigt der Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, in diesem Jahr die im Auftrag der Akademie der Künste der DDR von Ihrem ordentlichen Mitglied Stephan Hermlin herausgegebene Anthologie Deutsches Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht nunmehr als Taschenbuch neu zu verö entlichen. Die bis heute unverändert gebliebene Ausgabe, 1. Auflage, Leipzig, 1976, enthält auf den Seiten 504 . Friedrich Nietzsches An den Mistral. Ein Tanzlied. Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass dieses Gedicht in der Nazizeit – und ich selbst habe das damals als Gymnasiast miterlebt – entsprechend seinem zutiefst antihumanistischen Ideengehalt zur Rechtfertigung der Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ im Schulunterricht benutzt worden ist. Aus diesem Grunde bitte ich Sie, darauf hinzuwirken, dass der Herausgeber dieses Gedicht in die neue Ausgabe nicht mehr mit aufnimmt. Um meinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, verweise ich Sie zugleich 28 Am selben Tag schrieb er mit ähnlichem Inhalt auch an Roland Opitz, dem Leiter des Reclam-Verlages. 2 9 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auf die Ergebnisse der Philosophiehistorikerkonferenz der DDR, die am 12. und 13. Januar dieses Jahres in Leipzig stattgefunden hat. Es wurde hier darüber Klarheit gescha en, dass eine Einbeziehung Nietzsches in die Erbep ege der DDR nicht in Betracht kommt. (Vgl. ND vom 16./17. Januar 1988.) Ich berufe mich gleichzeitig auf Ihr ordentliches Mitglied Dr. Peter Hacks, der mich Ende November 1987, unmittelbar nach dem X. Schriftstellerkongress, seiner vollen Solidarität versichert und mich dazu ermächtigt hat, jedermann kundzutun, dass auch er, genau wie ich, für eine vollständige Ausschaltung Nietzsches aus der Kultur der DDR eintritt.« Manfred Wekwerth antwortete, als Präsident der Akademie, am 22. Februar 1988.29 Er schrieb, dass er über die Deklarierung des Briefes als Eingabe »etwas irritiert« sei, da der Gegenstand der Eingabe nicht zu den Bereichen gehöre, »in denen mit Ad mi nistra ti on oder gar Verboten etwas auszurichten ist. Man kann nicht von einem Meinungsstreit über unser Erbe und unsere Traditionen immer nur reden, ihn aber, wenn er da ist, nicht wollen.« Er verfolge die Meinungsäußerungen von Harich zu Nietzsche mit Interesse, könne ihnen aber nur »partiell folgen«. Der Aufnahme des Gedichtes von Nietzsche in den Band Deutsches Lesebuch sei seinerzeit eine lange Debatte vorausgegangen. Zu dem damaligen Ergebnis »maße ich mir auch als Präsident der Akademie der Künste der DDR nach zwölf Jahren keine Schiedsrichterrolle an, ich persönlich teile weitgehend die Ansichten von Heinz Pepperle und Stephan Hermlin«. Seinen ersten »Nietzsche-Brief« an Hermlin (vom 28. Januar 1986), auf den später noch einmal zurückzukommen ist, beendete Harich mit den Worten: »Ich wünsche Ihnen einen besseren, würdigeren, angenehmeren Lebensabend, als Nietzsche ihn den Krüppelgreisen, der Krankenbrut, den dürren Brüsten, den mutlosen Augen zu bereiten empfohlen hat. Mögen Sie lange leben und sich bester Gesundheit erfreuen und umhegt und umsorgt und geborgen sein! Aber verschonen Sie uns, bitte, künftighin mit kulturpolitischen Ratschlägen, Herr Hermlin! In Fragen des Kulturerbes, das der sozialistischen Gesellschaft anstünde, sind Sie inkompetent! Und hüten Sie sich vor allem, über Dinge mitreden und mitbe nden zu wollen, für die einzig die marxistisch-leninistische Philosophie und Literaturwissenschaft zuständig ist!« 29 Wekwerth, Manfred: Brief an Wolfgang Harich vom 22. Februar 1988. 1 Blatt, maschinenschriftlich. 2 9 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Aus Anne Harichs Erinnerungen wird später ausführlich wiedergegeben, wie sie die Auseinandersetzung zwischen Hermlin und Harich erlebte und beurteilte. An dieser Stelle ist ein Hinweis von ihr zu ergänzen, der das Dilemma des Harichschen Argumentierens durchaus zeigt: »Aber verschonen Sie uns, bitte, künftighin mit kulturpolitischen Ratschlägen, Herr Hermlin!« Das hatte Harich geschrieben. Und seine Frau fragte: »Wen, mein Lieber, meinst Du mit ›uns'? Ist es das ›Uns‹ Deiner langjährigen Sehnsucht? Ist es das ›Uns‹, in dem Du wieder aufgenommen zu werden ho test?«30 3. Erste Briefe nach »oben« Sie sind geheimnisumwittert, gerüchtweise haben sich zu ihnen viele eine Meinung gebildet – jene Briefe und Eingaben, die Harich in Sachen Nietzsche an die politische Führung der DDR sendete. Kolportiert wird häu g, gern ohne Kenntnis der entsprechenden Schriftstücke, dass er Kollegen angeschwärzt oder kulturpolitische Maßnahmen im Sinne des Stalinismus vorgeschlagen habe, dass er mit seinem Kampf gegen Nietzsche der verlängerte Arm des Politbüros gewesen wäre. Dieser Band druckt seine entsprechenden Wortmeldungen ab, unterschlagen wird nichts, die Arbeit an der historischen Gerechtigkeit kann beginnen. Harich selber machte rückblickend mehrfach geltend, dass er mit seinem Einsatz gegen Nietzsche (und für Georg Lukács) gerade gegen die Politbürokratie, gegen Hager und andere, gekämpft habe. Damit also auch nicht deren Exekutor, Erfüllungsgehilfe usw. gewesen sei. Natürlich waren auch Harichs Briefe an Klaus Höpcke, Lothar Berthold, an die Redakteure von DDR-Zeitschriften »Briefe nach oben«, wie dieses Unterkapitel überschrieben ist. Denn alle Handlungsträger dieser politischen und kulturellen Ebenen »sicherten« sich »nach oben« hin ab, meldeten ihre Begegnungen mit Harich, dessen Briefe und anderes weiter: An Kurt Hager, Gregor Schirmer, die SED oder die Staatssicherheit. Aber es kann dennoch di erenziert werden: Mit seinen Schreiben an Hans Joachim Ho mann, Willi Stoph und Erich Honecker (später noch an Egon Krenz) wendete sich Harich an die höchsten politischen Entscheidungsträger.31 Ähnliches ließe sich auch über seine Briefe an Kurt Hager sagen, der Kontakt mit diesem bildet 30 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 287. 31 Als er an Ho mann schrieb, machte Harich eine Kopie des Briefes Klaus Höpcke zugänglich mit dem Hinweis: »Lieber Klaus Höpcke! Ich übergehe Sie ungern – nur, weil Sie nicht am Ort sind. Herzlichst Ihr«. 2 9 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re aber insofern einen Sonderfall, als die beiden sich seit den späten vierziger Jahren kannten, unter anderem ja, nach dem gemeinsamen Dozentenlehrgang 1948, am Philosophischen Institut der Berliner Humboldt-Universität zusammengearbeitet hatten. Auch in den Jahren, als Harich Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie war, war Hager einer seiner wichtigsten Ansprechpartner. An den Kulturminister der DDR, Hans Joachim Ho mann, schrieb Harich am 8. Oktober 1985. Es ging darum, dass er erfahren hatte, dass die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar o ensichtlich den Beschluss gefasst hatten, in ihrem Gästehaus ein Gedenkzimmer für Friedrich Nietzsche einzurichten. Er bat den Minister darum, »gegen diesen Plan der NFG Weimar rechtzeitig einzuschreiten«. Zwischen Buchenwald und Weimarer Klassik Nietzsche zu gedenken – das war für Harich völlig unvorstellbar. »Ganz abgesehen davon, dass, nach meiner wohlbegründeten Überzeugung, jede Art P ege von Nietzsche-Tradition bei uns gegen die Verfassung der DDR verstieße (besonders gegen die Präambel; gegen Artikel 6, Absatz 5; gegen Artikel 18, Absatz 1), ist es ein makaberer und mir jedenfalls unerträglicher Gedanke, dass künftig an den Geburtstagen unseres Staatsoberhaupts von Leuten, die gern im Trüben schen, in Weimar stille Gedenkfeiern für den Verfasser von Also sprach Zarathustra, den Künder des Her ren menschen idols, Verherrlicher der ›blonden Bestie‹ und Befürworter der Abtötung des menschlichen Gewissens, veranstaltet werden könnten; dies noch dazu in unmittelbarer Nähe des einstigen KZ Buchenwald, wo zwischen 1933 und 1945 von Deutschen, die wahrlich nicht zuletzt durch Ideen Nietzsches irregeführt waren, die höllischsten Verbrechen an zahllosen politisch und rassisch Verfolgten des Naziregimes begangen worden sind, und auf dem geheiligten Boden der Hauptstadt unserer klassischen humanistischen Kultur, deren Vermächtnis Nietzsche mit Füßen getreten hat.« Harich erinnerte gegenüber Ho mann an das vorliegende marxistische Nietzsche-Bild, das sich aus den Arbeiten von Franz Mehring, Georg Lukács, Hans Günther, S. F. Odujew und auch den neueren Aufsätzen von Heinz Malorny ergebe. Konkret nannte er (die Texte Malornys bleiben hier unerwähnt): • Franz Mehring (Aufsätze zur Geschichte der Philosophie, Leipzig, 1975, Seiten 188 bis 220); 2 9 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e • Georg Lukács (Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Berlin, 1954, Seiten 286 bis 317; Die Zerstörung der Vernunft, Berlin, 1955, Seiten 244 bis 317; Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie, 2. Au age, Berlin, 1956, Seiten 7 bis 28); • Hans Günther (Der Herren eigner Geist, Berlin und Weimar, 1981, Seiten 255 bis 321); • S. F. Odujew (Auf den Spuren Zarathustras. Der Ein uss Nietzsches auf die bürgerliche deutsche Philosophie, deutsch, Berlin, 1977, ganz). Erneut bekräftigte Harich, dass diese Arbeiten von ihm »als völlig korrekt und zutreffend und durch anderweitige Forschung nicht widerlegbar befunden« würden. Was nottue sei lediglich ihre Aktualisierung und Ergänzung mit Blick auf die geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und die gegenwärtigen politischen und globalen Herausforderungen. Als besonders problematisch empfand Harich freilich, »dass die NFG Weimar mit der Einrichtung besagten Nietzsche-Gedenkzimmers nicht einem Bedürfnis unserer Bürger Rechnung tragen, sondern mehrfach geäußerten Wünschen ausländischer Besucher unserer Republik entgegenkommen wollen. Mir scheint dies eine äußerst problematische Konzession bestenfalls an das Sensationsbedürfnis, schlimmstenfalls an subversive Bestrebungen von Touristen, ausländischen Missionsmitgliedern, westlichen Journalisten usw. zu sein, die besser daran täten, es unserer souveränen Entscheidung zu überlassen, welche Traditionen unseres Landes wir der P ege für würdig erachten und welche nicht. Mir ist es schon passiert, dass ich von einem Ausländer bei einem Spaziergang nach dem Grab von Horst Wessel gefragt wurde. Auch dieses in Berlin wieder herzurichten und beliebigen Besuchern zugänglich zu machen, läge auf der Linie des Weimarer Vorhabens, wäre ein nächster Schritt in gleicher Richtung. Der übernächste Schritt müsste dann logischerweise ein Hitler-Gedenkstein auf dem Gelände der einstigen Reichskanzlei, zwischen Grotewohlstraße und Mauer, sein, wie wär's? Es ist empörend genug, dass besonders amerikanische und japanische Diplomaten aus dem Nietzsche-Grab in Röcken bei Lützen eine Wallfahrtsstätte gemacht haben.« Es müsse alles getan werden, um solche Szenarien zu verhindern, um überhaupt die Entwicklung in diese Richtung von Anfang an zu stoppen. Vor allem gelte es, dafür zu sorgen, »dass es auf keinen Fall am 15. Oktober 1994, zum 150. Geburtstag Nietzsches, zu einer uns aufgezwungenen Welt-Nietzsche-Ehrung auf dem Boden unserer Re pu blik kommen kann«. Der Kulturminister Ho mann antwortete am 1. November 1985 auf 2 9 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Harichs Brief.32 Er schrieb, dass man im Zuge der Renovierung des Gästehauses der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar darüber nachgedacht habe, wie die dortigen unteren Räume, in denen Nietzsche seine letzten Lebensjahre verbracht habe, zu gestalten seien. Man habe beschlossen, diese auszubauen und gleichzeitig eine Ehrung des Jugendstilarchitekten Henri van de Velde vorzunehmen. Zur genaueren Planung wäre eine Arbeitsgruppe von Philosophen und Historiker gebildet worden. Auch die Akademie der Wissenschaften sei informiert. Manfred Buhr habe zugesagt, an der Gestaltung der unteren Räume teilzunehmen. Mit diesem Vorhaben solle jedoch keine Gedenkstätte errichtet werden. An einen öffentlichen Zugang zu den Räumen sei nicht gedacht. Durch das Projekt solle einer »Aufwertung« der Philosophie Nietzsches keineswegs Vorschub geleistet werden. Auch Ho mann bestätigte in seinem Brief, dass die entsprechenden Schriften von Mehring, Günther und Lukács die Notwendigkeit einer o ensiven Auseinandersetzung mit Nietzsches Philosophie und mit der imperialistischen Herrschaftsideologie evidieren würden. In diesem Sinn sollten die entsprechenden Nietzsche-Räume mit einer sparsamen Dokumentation über dessen letzte Lebens- und Scha ensjahre versehen werden. Dabei gehe es vor allem darum, die Verbindungslinien zwischen der Philosophie Nietzsche und der Ideologie des Verbrechens deutlich zu machen. Eine Dokumentation könne die konsequente Auseinandersetzung von Marxisten mit Nietzsche aufzeigen. In dem Raum werde Max Klingers Nietzsche-Büste aufgestellt. Zugang zu diesen Räumen würde ausschließlich interessierten Wissenschaftlern eingeräumt werden, vor allem ausländischen. Mit einem erhöhten Besucherandrang zu Nietzsches Geburtstag sei zu rechnen. Erklärtes Ziel der ganzen Maßnahmen sei es, einer heimlichen Faszination durch Nietzsche ebenso entgegenzutreten wie einer Trennung seines Werkes von den entsprechenden Wirkungen. Ende des Jahres 1985 entschied sich Harich, seine Bedenken erneut geltend zu machen. Er schrieb aus aktuellem Anlass33 am 22. Dezember an den Ministerpräsidenten Wil- 32 Ho mann, Hans Joachim: Brief an Wolfgang Harich vom 1. November 1985, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 33 »Aktueller Anlass meines Schreibens an Sie ist der Umstand, dass mir heute, beim Besuch einer Buchhandlung in der Friedrichstraße, die erste DDR-Publikation eines Werkes von Nietzsche seit 1945 zu Gesicht gekommen ist – ein für mich erschütterndes, nervenaufreibendes Ereignis, geeignet, mir den Schlaf zu rauben. Was das für mich für ein Schlag war, werden Sie nachvollziehen können, wenn Sie sich vorstellen, Sie sähen sich plötzlich bei uns mit, sagen wir, der Zulassung eines SS-Traditionsverbandes konfrontiert.« An Kurt 2 9 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e li Stoph: »Hiermit möchte ich Sie dringend darum ersuchen, wirksam den in Gang be ndlichen Bestrebungen entgegenzutreten, in der Deutschen Demokratischen Republik eine ›Renaissance‹ des Erbes von Friedrich Nietzsche herbeizuführen.« Sein Urteil über Nietzsche fasste er prägnant zusammen: »Nietzsche ist die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung, die es in der gesamten Entwicklung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart gegeben hat. Er verneint und bekämpft alle humanistischen Werte der antiken Kultur, des Christentums und der Neuzeit, hier vor allem die des liberalen Bürgertums, der Demokratie und des Sozialismus/ Kommunismus. Er fordert die Wiederherstellung der Sklaverei als angeblich unerlässliche Bedingung höherer Kultur, einer Kultur der Herrenmenschen. Er verherrlicht den Krieg als Selbstzweck. Er predigt die Abtötung des Gewissens und jeglichen menschlichen Mitgefühls. Er schmäht das weibliche Geschlecht und stellt sich einer Emanzipation mit beispielloser Entschiedenheit entgegen. Er schmäht die farbigen Völker und erklärt in diesem Zusammenhang, dass es gut sein würde, für die Sklavenarbeit nach Europa Chinesen zu importieren. Sein infernalischster Hass aber gilt der modernen Arbeiterbewegung. Er war daher auch der wichtigste ideologische Wegbereiter des Faschismus, und zwar zuerst des italienischen – Benito Mussolini zählte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu seinen glühendsten Verehrern –, und dann auch des deutschen – es gibt keinen Ideologen, der auf Hitler und Alfred Rosenberg größeren Ein uss ausgeübt hat. Dass Nietzsche sowohl auf seinem ureigensten Gebiet, dem der klassischen Philologie, wie auch als Philosoph ein reiner Scharlatan gewesen ist, und dass die Versuche, mit denen er als Dichter und Komponist dilettiert hat, ohne jeden Wert sind, sei nur am Rande erwähnt. Nur in der Atmosphäre des Imperialismus war es möglich, ihn zu einem großen Denker hochzujubeln. Die deutsche Kultur konnte nicht tiefer sinken als mit der Nietzsche-Mode und dem Hager schrieb Harich dann am 4. Juni 1986: »Der unmittelbare Auslöser meiner Eingabe vom 22. Dezember 1985 an den Vorsitzenden des Ministerrates der DDR war der mich alarmierende Anblick der Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Ecce homo im Schaufenster eines Buchladens in der Friedrichstraße. Als ich Höpcke im Januar davon berichtete – noch bevor Ihr Schreiben bei mir eintraf –, da meinte Höpcke nur: ›Was? Diese Ausgabe sollte doch nur für das andere, das schmutzige Geld zu haben sein, und auf einmal wird sie in unserem Buchhandel vertrieben? Na sowas!‹ Aus jener Buchhandlung in der Friedrichstraße, im Haus der NDPD-Führung und des Verlags der Nation, verschwand der Nietzsche denn auch prompt. Aber noch im April stand er in der Chausseestraße im Schaufenster ausgerechnet der Brecht-Buchhandlung und noch im Mai konnte man ihn in dieser kaufen. Beide Buchhandlungen liegen etwa 200 Meter voneinander entfernt, eine Strecke, die zu durchmessen dem Schlendrian und der Lässigkeit bereits schwerfällt.« 3 0 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nietzsche-Kult. Der Vorgang hängt aufs Engste mit den ökonomisch-gesellschaftlichen Ursachen zusammen, aus denen die beiden Weltkriege hervorgegangen sind.« Diese Einschätzung der Philosophie Nietzsche nde sich bei bedeutenden Marxisten, bei fortschrittlichen bürgerlichen Philosophie- und Literaturhistorikern und bei christlichen eologen beider Konfessionen. Sie gehöre, damit erinnerte Harich an die Gründungsphase der DDR, zu den »selbstverständlichen Grunderkenntnissen« aller gesellschaftlichen Gruppierungen der DDR.34 Und dennoch gebe es Tendenzen und Tatsachen, die diesen humanistischen Konsens gegen Nietzsches Philosophie gefährden, ja, aufbrechen würden. Harich nannte folgende Punkte: 1) »Bei einigen unserer Schriftsteller erfreut sich Nietzsche wachsender Beliebtheit. In Sinn und Form, Heft 6/1985, erklärt zum Beispiel Heiner Müller, ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR, Nietzsche sei Hegel vorzuziehen. 2) Ein Teil unserer Literaturwissenschaftler fordert, unter Verkennung der ausschließlich negativen Wirkung, die Nietzsche auf die europäische und zumal auf die deutsche Literatur des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat, und unter Missachtung der einschlägigen marxistisch-leninistischen Urteile, die in keinem Punkt widerlegt oder überholt sind, eine positive Einbeziehung seines Vermächtnisses in unserer Erbe-P ege. Das Buch eines Nietzsche-Verehrers namens Eike Middell, eines philosophischen Ignoranten, das hierfür die Begründung scha en soll, be ndet sich in Vorbereitung. Das Manuskript soll im Sommer 1986 dem Akademie-Verlag vorliegen. Das Zentralinstitut für Literaturgeschichte bei der Akademie der Wissenschaften unterstützt dieses Vorhaben. 3) Mehrere Verlage der DDR planen die Herausgabe von Werken Nietzsches. Mir sind allein drei bekannt: Der Aufbau-Verlag, bei dem Prof. Wolfgang Heise eine vierbändige Auswahl herausbringen will; der Reclam-Verlag, bei dem Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtungen erscheinen sollen; der Kiepenheuer-Verlag. Eine Prachtausgabe des Faksimiles von Nietzsches Ecce homo, besorgt von dem Leiter des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar, Prof. Karlheinz Hahn, wird bereits im Buchhandel der DDR angeboten. 4) In wichtigen kulturpolitischen Zeitschrift der DDR, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, wird bereits eifrig für Nietzsche geworben – von Eike Middell, Renate Reschke, Peter Gosse und, wie gesagt, Heiner Müller. 34 Siehe die entsprechenden Ausführungen bei: Kapferer, Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. 3 0 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 5) An den Universitäten Berlin und Jena lehren Dozenten der Fachrichtung Philosophie (bzw. Ästhetik), die unter dem Deckmantel ›di erenzierender Wertung‹ für Nietzsche eintreten. Es handelt sich um Prof. Friedrich Tomberg (Jena) und Dr. Renate Reschke (Berlin), die jüngst mit einer Arbeit über und für Nietzsche sogar habilitiert hat. Auf einer Tagung der westdeutschen Nietzsche-Gesellschaft verkündete Frau Reschke frohlockend, dass bei uns in der Nietzsche-Frage ›das Eis brechen‹ werde, wofür einer der reaktionärsten Philosophen der BRD, Günter Rohrmoser, ein eifriger Gefolgsmann und Vertrauter von Josef Strauß, sie mit Lob bedachte. Wie ein o ensichtlich auf einer westlichen ›Ostforschungs‹tagung vorgetragener Vortrag eines Herrn Kapferer beweist, setzen reaktionäre Kreise im Westen auf eine Reaktivierung des Erbes von Nietzsche durch Tomberg und Reschke bei uns große Ho nungen. Im Zentralinstitut für Philosophie der AdW, Editionsabteilung, setzt sich, dem Vernehmen nach, Dr. Ste en Dietzsch dafür ein, dass in der DDR Nietzsches Werke verö entlicht werden sollen. 6) Die Grabstätte von Nietzsche und seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Röcken bei Lützen ist längst zu einem Wallfahrtsort geworden. Jetzt soll aber auch im Gästehaus der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar das Zimmer, in dem Nietzsche gestorben ist, auf Beschluss der NFG und mit Zustimmung des Ministeriums für Kultur im Zuge der Rekonstruktion des Hauses ›gestaltet‹ werden, unter anderem durch Aufstellung der Nietzsche-Büste Max Klingers. Der Direktor des Zentralinstituts für Philosophie der AdW, Professor Buhr, will sich dazu hergeben, bei diesem Vorhaben beratend mitzuwirken. 7) Ob und in welcher Form Nietzsche, der auf dem Boden der heutigen DDR geboren und gestorben ist, aus Anlass seines bevorstehenden 150. Geburtstages am 15. Oktober 1994 gedacht werden soll, scheint noch unklar zu sein. Auf jeden Fall aber rechnet das Ministerium für Kultur, wie aus einem Brief von Kulturminister H. J. Ho mann an mich vom 1. November 1985 hervorgeht, damit, dass es bei Gelegenheit des Nietzsche-Jubiläums 1994 zu einem Andrang ausländischer Besucher bei uns an den Nietzsche-Stätten, und das besonders in dem Weimarer Gästehaus der NFG, kommen wird.« Aus den genannten Aspekten ergebe sich, dass Kräfte am Werk wären, die einerseits die fortschreitende Einbeziehung Nietzsches in die sozialistische Erbe-P ege vorbereiten und andererseits der DDR 1994 eine Nietzsche-Ehrung auf ihrem Boden aufzwingen wollen würden. Problematisch sei in diesem Zusammenhang, dass ein ussreiche Kulturpolitiker der DDR diesem Problem entweder ziemlich ratlos oder mit erstaun- 3 0 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re licher Lässigkeit gegenüberstünden. Doch für Nietzsches Philosophie und deren Rezeption sei in der DDR kein Platz: »In der Welt der Vernunft, des Friedens und der Menschlichkeit, die die DDR, als Glied der sozialistischen Staatengemeinschaft, errichtet hat und weiter ausbaut und in der sie die von ihr mitzugestaltende Zukunft der Menschheit erblickt, kann es für Nietzsches Erbe keinen Raum geben. In dieser Erkenntnis richte ich an Sie, Herr Ministerpräsident, den beschwörenden Appell, sowohl als Mitglied des Politbüros der SED wie auch auf der Ebene Ihrer hohen Staatsämter alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, den eben angedeuteten Missständen und Fehlentwicklungen, die den Sinn sozialistischer Erbe-P ege ins Gegenteil zu verkehren drohen, wirksam und nachhaltig zu begegnen.« Seinen Brief beendete Harich damit, Stoph zu bitten, »bei der Abwendung eines bösen Unheils für unser Land, für unsere Kultur um Hilfe« zu helfen. Von Stoph wurde Harichs Brief an das Büro Kurt Hagers übergeben, der das Schreiben am 27. Januar 1986 dann beantwortete.35 Hager bedankte sich zuerst für die Mühe, die sich Harich gemacht habe, um die Aktivitäten zu schildern, die in der DDR von bestimmten Kreisen unternommen würden, um eine Nietzsche-Renaissance herbeizuführen. Er versicherte, dass er Harichs Standpunkt teile und dass diese Aktivitäten unter allen Umständen verhindert werden müssten. Er werde die erforderlichen Maßnahmen veranlassen. Nietzsche völlig tot zu schweigen sei jedoch insofern problematisch, da einerseits an den Universitäten und durch die Verlagspublikationen in der DDR bereits Schaden angerichtet wurde und andererseits die Ein üsse aus dem Westen nur schwer zu kontrollieren wären. In der DDR habe es, so wiederholte Hager, schon ö entliche Äußerungen und Publikationen (Sinn und Form) gegeben, weshalb zu überlegen sei, ob es nicht Sinn mache, einen Sammelband mit Aufsätzen gegen Nietzsche zu erarbeiten. Das war ja das anfänglich von Harich für den Akademie-Verlag angedachte Projekt. Hager fragte Harich, ob Heinz Malorny als Herausgeber eines solchen Bandes in Frage komme. »Für Ihre Meinung wäre ich Ihnen sehr dankbar.« Harich antwortete bereits am 30. Januar 1986 auf Hagers Schreiben: »Es stimmt mich sehr froh. In puncto Nietzsche fällt mir jetzt für mich ein Stein vom Herzen. Und dass Sie nun gar mich in dieser Sache um Rat fragen, erfüllt mich mit so tiefer, dankbarer 35 Hager, Kurt: Brief an Wolfgang Harich vom 27. Januar 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 3 0 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Genugtuung, dass ich es noch gar nicht fassen kann.« Erneut entwickelte er verschiedene Maßnahmen, die ergri en werden könnten, um der Nietzsche-Renaissance entgegenzutreten. Anne Harich sprach in ihren Erinnerungen von »einer Art Kriegsstrategie« gegen die »Nietzschesüchtigen« (ihre Einschätzung wird später ausführlicher wiedergegeben):36 1) »Erster Schritt: Interne, diskrete Selbstverständigung zu dem Zweck, einen harten Kern marxistischer Nietzsche-Gegner aus Philosophie, Literaturwissenschaft und, nicht zu vergessen, Kulturpolitik zu scha en. Gelegenheit dazu böte ein Klausur-Seminar zum ema Nietzsche, das in diesem oder im nächsten Jahr sowieso, zur Diskussion des einschlägigen Manuskripts von Heinz Malorny, am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR statt nden soll. Ich schlage vor, es zeitlich vorzuziehen, und zwar so, dass noch rechtzeitig vor dem XI. Parteitag innerparteilich Klarheit über folgende Fragen erzielt werden kann: a) Wo sind die Ursachen der bei uns sich abzeichnenden ›Nietzsche-Renaissance‹ zu suchen? b) In welchen Kreisen, an welchen Schwachpunkten dringt sie vor? c) Welche Argumente führt sie ins Tre en? d) Wie lauten unsere Gegenargumente? e) Was ist, unsererseits, zu tun? Was zu unterlassen? (…) 2) Zweiter Schritt: Knallharte ö entliche Verdammung Nietzsches ›ex cathedra‹, am besten auf dem Parteitag, am besten durch Sie. Dies scheint mir aus folgenden Gründen dringend nötig: a) Ohne ein Machtwort der Partei ist dem von Ihnen apostrophierten ›Schaden, der bereits bei uns an Universitäten und durch Verlagspublikationen angerichtet wurde‹, kein Einhalt mehr zu gebieten. b) Unser di erenzierendes Herangehen neuerdings auch an problematische Gestalten deutscher Geschichte und Kultur, das im Falle Luthers, Friedrichs II. von Preußen, Bismarcks und anderer voll zu bejahen ist, das uns politisch stärken, unser Geistesleben bereichern kann, hat den unerwünschten Nebene ekt von Irritationen bei Freunden und Gegnern. Freunde werden vom Sog eines kritiklosen Liberalismus gegenüber beliebigen reaktionären Überlieferungen ergri en. Gegner machen sich das zu Nutze in der Ho nung, eine Atmosphäre scha en zu können, in der alles möglich wird. So muss eine Grenze gesetzt, ein P ock eingerahmt werden: ›Bis hierher und nicht weiter!‹ Der Fall Nietzsche bietet uns 36 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 287. 3 0 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re eine einzigartige Gelegenheit, genau das jetzt zu tun. Tun wir’s doch! Jeder in der Welt wird uns verstehen. Vom Vatikan bis in die Bonner SPD-Baracke, unter Christen, Liberalen, Demokraten, Reformisten, Grünen, Alternativen usw. usf. fände niemand es erstaunlich, hätten niemand etwas dagegen, dass Kommunisten mit Nietzsche nichts im Sinn haben; ganz im Gegenteil! c) Die neu gegründeten Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Berlin, zuständig für die Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, brauchen unbedingt, wenn ihre Arbeit nicht schwammig und rückgratlos werden soll, das umfassende, uneingeschränkte und endgültige Nein zu Nietzsche. Das ist die Voraussetzung für ein di erenzierendes Bild all der großen Begabungen, die teils an Nietzsche zu Schanden gingen – wie Richard Dehmel –, teils im Widerspruch gegen ihn, in qualvoller Loslösung von ihm erst zu sich selbst fanden – wie omas Mann –, teils trotz beachtlicher gesellschaftskritischer Leistung bei jeder a rmativen Äußerung ihren unheilbaren, unfreiwillig komischen Übermenschen-Tick verrieten – wie Carl Sternheim usw. usf. d) Es dürfen keine falschen Schlüsse mehr gezogen werden aus dem Umstand, dass die historisch-kritische Nietzsche-Ausgabe der Colli und Montinari aus Archivmaterial in der DDR erarbeitet worden ist. Entweder war das damals ein Fehler von Holtzhauer, begünstigt durch mangelnde Dienstaufsicht seitens des damaligen Kulturministers, dann müsste das gesagt werden. Oder wir haben, wissenschaftsfreundlich, wie wir als Kommunisten sind, den Philologen Gelegenheit zu einer einwandfreien Textedition geboten, die Legendenbildungen erschwert, die aber nicht bedeutet, dass wir den Inhalt des Textes billigten oder ihn bei uns auch nur duldeten. Gesagt werden müsste das dann erst recht, schon um den in seinen Forschungsgegenstand verliebten Herrn Montinari auf seine Grenzen aufmerksam zu machen und seinen hiesigen Freunden einen warnenden Wink zu erteilen. Die zweite Variante hielte ich für die bessere. e) Je früher wir aller Welt unzweideutig klarmachen, dass es in der DDR niemals eine Nietzsche-Ehrung, welcher Art auch immer, gegeben wird, desto besser. Desto leichter wird es uns nämlich fallen, den 150. Geburtstag Nietzsches, 1994, stillschweigend, sang- und klanglos vorübergehen zu lassen. 3) Dritter Schritt: In Auswertung des XI. Parteitages sollte, nun wieder diskret, ohne ö entliches Aufsehen zu erregen, mit Nietzsche-anfälligen Autoren, Verlegern, Dozenten, Literaturforschern usw., individuell, abgestimmt auf die jeweils speziellen Hirngespinste, diskutiert werden, mit Hilfe der wissenschaftlichen Argumente, die 3 0 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e der unter 1) genannte ›harte Kern‹ sich erarbeitet hat. Nötigenfalls müssten Sendboten dieses ›Kerns‹ ausschwärmen und sich an die schlimmsten Schadstellen begeben. 4) Negative ankierende Maßnahmen: Verlagen und Redaktionen wird empfohlen, nichts von Nietzsche zu drucken, bei Bezugnahmen auf ihn zu prüfen, ob sie überhaupt nötig sind, und, wenn ja, dafür zu sorgen, dass sie es nicht an kritischer Distanzierung fehlen lassen. Noch wichtiger wäre entsprechende Wachsamkeit gegenüber Lehrveranstaltungen an Hoch- und Fachschulen. Eventuell müsste auch einmal ein Exempel statuiert werden, dass ein Nietzsche-Befürworter als Dozent nicht geduldet wird. 5) Positive ankierende Maßnahmen: Verstärkung der P ege progressiver, humanistischer Überlieferungen. Da gäbe es noch viel zu tun. Da gilt es emen zu bearbeiten, mit denen zur Räson gebrachte Nietzsche-Jünger sich noch und noch nutzbringend beschäftigen ließen. Uns fehlen zum Beispiel die große Ästhetik von Friedrich eodor Vischer – die Marx so wichtig fand, dass er sie exzerpierte – und Hermann Lotzes Geschichte der Ästhetik in Deutschland, beide von der Bourgeoisie aus dem Traditionsbewusstsein verdrängt. Wie wäre es, wenn Prof. Dr. Wolfgang Heise und Frau Dr. Renate Reschke sich daran editorisch und mit marxistischer Kommentierung versuchten, statt bei Rütten & Loening Nietzsche herauszugeben? Oder: Ich behaupte, es gibt eine materialistische Traditionslinie in der deutschen bürgerlichen Philosophie bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, die noch in der Nazizeit ideologischen Widerstand inspiriert hat; Widerstand auch gegen Nietzsche, auch gegen seinen Nazinachfolge, auch gegen die Rassentheorie – im Westen vergessen, bei uns noch terra incognita.« Harich führte weiter aus, dass nur bei Berücksichtigung dieser Maßnahmen ein Sammelband mit Stimmen der Nietzsche-Kritik nützlich wäre. Denn für sich genommen würde ein solcher Band zuvorderst au allen und »unweigerlich genau die unkontrollierbar ausufernde Diskussion entfachen, die der Gegner uns aufzwingen will«. Der Grund dafür, daran bestand für Harich kein Zweifel, liege auf der Hand: Der Ausschluss von Georg Lukács aus der Wissenschafts- und Kulturlandschaft der DDR. »Das liegt nun daran, dass bei uns seit Jahrzehnten der bis dato scharfsinnigste und unversöhnlichste marxistische Nietzsche-Gegner, Georg Lukács, gewohnheitsgemäß bestenfalls umstritten ist, so dass jeder sich aufgefordert fühlt, an ihm herumzumäkeln. Unsere Nietzscheaner würden also, insbesondere in Rezensionen des Sammelbandes, unter dem Vorwand der Distanzierung von Lukács ihren Nietzsche gegen ›undi erenzierte‹, ›dogmatische‹, ›längst überholte‹ Kritik in Schutz nehmen, würden daraus die Forderung ableiten, dem ›mündigen Bürger‹ doch nun endlich mal die Nietzsche-Texte selbst, 3 0 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re möglichst in Massenau age, zugänglich zu machen, ›damit man sich ein eigenes Urteil bilden kann‹, und das würde einer Diskussion die Schleusen ö nen, die so liefe, wie wir es nicht wollen, und der dann Leute wie Malorny völlig hil os gegenüberstünden. Nur im Vergleich zu dieser Möglichkeit hielte ich ein Totschweigen Nietzsches für besser, für das kleinere Übel. Heißt das, dass ich dafür plädiere, erst einmal, womöglich ›ex ca the dra‹, die Autorität von Lukács ö entlich wiederherzustellen? Ich schlage vor, andersherum zu verfahren: Erst das Machtwort der Partei gegen Nietzsche, das sehr streng den Rahmen der Meinungsbildung über ihn festlegt; dann der Sammelband – aber gemischt, mit Beiträgen marxistischer und bürgerlich-humanistischer und auch christlicher Nietzsche-Gegner (ganz à la Volksfront, im Stil des VII. Weltkongresses der Komintern, ganz auch im Sinn antifaschistisch-demokratischer Blockpolitik, obendrein mit interessanten Leuten wie, sagen wir, Ferdinand Tönnies, von denen unser ›mündiger Bürger‹ auch nie eine Zeile vorgesetzt bekommen hat). Und damit stellt die Autorität von Lukács sich ganz von selbst wieder her, einfach deswegen, weil seine Nietzsche-Kritik, verglichen mit den nichtmarxistischen, Dank der von ihm meisterhaft gehandhabten materialistisch-dialektischen Methode nun einmal die gescheiteste ist. Bleibt das Problem derjenigen SED-Genossen, die zwar in der Nietzsche-Frage eine im Prinzip durchaus richtige, parteiliche Einstellung haben, jedoch gegenüber Lukács an Berührungsängsten leiden und deswegen von Nietzsche-Anhängern so leicht zu entwa nen sind (ebenso wie von Kafka-Enthusiasten, von Modernismus-Begeisterten e tutti quanti).« Dieses Anliegen formulierte Harich in jenen Monaten häu g: Die Autorität von Lukács müsse wiederhergestellt werden, im Allgemeinen sowieso, im Speziellen für den Kampf gegen Nietzsche. »Warum soll denn ein politischer Gegner – oder einer, der's mal war – nicht als Philosoph ein sehr schätzenswerter Marxist sein?« Doch damit allein sei es nicht getan. Die Nietzsche-Beiträge von Mehring, Hans Günther und Lukács müssten aktualisiert und ergänzt werden, dieses Argument Harichs ist bereits gefallen. Notwendig wäre dies aber nicht, weil es neue Erkenntnisse gäbe, die dazu zwingen würden, das marxistische Nietzsche-Bild abzuschwächen,37 sondern weil die Politik im globalen Maßstab neue Probleme und Herausforderungen hervorgebracht habe. 37 »Die ›Links‹-Nietzscheaner warten heute mit Legenden auf, von deren Blödsinnigkeit sich Mehring, Lukács und Günther noch gar keinen Begri machen konnten, weil sie damit noch nicht konfrontiert waren. Ich nenne nur die ›philologische‹ Legende, die da besagt, dass Nietzsche, an sich ein ehrenwerter Humanist, nur durch seine böse faschistische Schwester ins Reaktionäre verfälscht worden sei, und dass die neue Edition, von Colli und Montinari, es erlaube, das falsche Bild endlich zu korrigieren. Wie sollte der arme Lukács auch nur die Möglichkeit eines solchen Schwachsinns vorausahnen!!« 3 0 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Für die ematisierung und Lösung der gegenwärtigen politischen, ideologischen und kulturellen Herausforderungen und Fragen, so Harich programmatisch, sei die vorliegende marxistische Nietzsche-Kritik in vier Punkten zu ergänzen: 1) »Sie rechnet nicht ab mit dem geschworenen Feind jeglicher Frauenemanzipation. 2) Sie lässt Nietzsches geradezu satanischen Rassismus außer acht; o enbar deswegen, weil sich bei ihm philosemitische Äußerungen nden, über denen sein Hass auf die farbigen Völker vergessen wurde, der aber heute, im Zeichen unserer Solidarität mit dem Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt, als etwas besonders Schädliches gebrandmarkt werden muss. (Nebenbei bemerkt braucht man sich den viel gerühmten Philosemitismus Nietzsches nur etwas genauer anzusehen, und er verursacht einen ebensolchen Brechreiz wie die antisemitischen Stellen, die sich bei ihm durchaus auch nachweisen lassen. Zum Beispiel sagt Nietzsche einmal sinngemäß: ›Ja, die Juden, die sind wundervoll, die haben Geist und haben Geld. Die müssten sich nur noch mit den ostelbischen Junkern vermischen, und das ergäbe dann die Herrenrasse, die berufen wäre, Europa zu beherrschen!‹ Ich möchte den heutigen Juden sehen, und sei er Parteigänger des Likutblocks, der sich für einen solchen Philosemitismus nicht schönstes bedanken würde!) 3) Vernachlässigt wird – man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist so – von Mehring, Lukács und Hans Günther Nietzsches extrem reaktionäre Rolle bei der Verherrlichung des Krieges als Selbstzweck. Das tritt bei diesen bedeutenden Marxisten, aus ihrer Zeit heraus verständlich, hinter der Polemik gegen Nietzsche als Feind der Arbeiterklasse zurück. Nietzsche greift, beispielsweise, im Zarathustra die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen auf und gibt ihr die folgende Wendung: ›Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: Der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt!‹ Allein wegen dieses Ausspruchs muss Nietzsche heute von uns in Grund und Boden verdammt werden, ohne Pardon, und das muss heute überhaupt die wichtigste Begründung für seine totale und endgültige Ablehnung sein!!! 4) Lukács arbeitet mit unübertre ichem Scharfsinn, mit genialer Handhabung seines ideologiekritischen Seziermessers die Momente der Kontinuität heraus, die Nietzsche mit den reaktionären Ideologien Schopenhauers und Wagners verbinden. Dabei versäumt er aber – ebenso wie bisher alle Marxisten, von Mehring bis Malorny –, darauf hinzuweisen, dass in einer Kernfrage der Humanität, nämlich gegenüber der Alternative Mitgefühl oder Grausamkeit, zwischen Schopenhauer und Wagner auf der einen und Nietzsche auf der anderen Seite ein Gegensatz besteht, wie er krasser 3 0 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nicht gedacht werden kann. Und eben in dieser Frage hatte unser Karl Marx – worü ber wir durch Franziska Kugelmann unterrichtet sind – für Schopenhauer eine stille Vorliebe.« Ein knappes halbes Jahr später schrieb Harich noch einmal an Kurt Hager (4. Juni 1986). »Die Nietzsche-Frage bereitet mir leider nach wie vor Sorge.« Er machte darin erneut auf verschiedene Missstände aufmerksam, teilweise bereits von ihm benannte, teilweise neue. Unter anderem kam er darauf zu sprechen, dass die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar o ensichtlich ihre Pläne zum Ausbau der Nietzsche-Räume weiter verfolgen würden: »Die Sache wird, meines Erachtens, dadurch nicht besser, sondern eher noch schlimmer, dass DDR-Bürger zu besagten Räumen gar keinen Zugang haben sollen, es sei denn, es handelt sich um Wissenschaftler, die Studienzwecken nachgehen. So etwas kann doch nur böses Blut scha en, und das bei allen Beteiligten. Leute wie Malorny oder ich werden sich darüber ärgern, dass da die Büste steht, und Nietzsche-Freunde darüber, dass sie sie nicht sehen und bekränzen dürfen, dass das ›mal wieder‹ den Ausländern vorbehalten bleibt (wie die obere Etage im Restaurant des Hotels ›Metropol‹, wo gegen Devisen gespeist wird). Und was soll man sich unter jenen ›Studienzwecken‹ eigentlich vorstellen, was unter der ›Auseinandersetzung‹ mit Nietzsche, für die Professor Dr. Manfred Buhr und seine Mitarbeiter geeignete Materialien in jene Räume zu scha en versprochen haben? Malorny erzählt mir, Buhr hätte diese Aufgabe zwar übernommen, stünde aber nun der Frage, wie sie gelöst werden könne, ziemlich ratlos gegenüber. Und wie auch nicht? Soll etwa der Jugendstil Van de Veldes mit Transparenten überdeckt werden, auf denen Aussprüche Otto Grotewohls und Johannes R. Bechers gegen Nietzsche zu lesen sind? Oder will man Vitrinen aufstellen, in denen Bücher von Mehring, Lukács und Hans Günther gezeigt werden, worin Polemiken gegen Nietzsches Philosophie zu nden sind? Damit würden wir uns doch bei denselben Ausländern, denen wir mit der ›Gestaltung der Räume‹ einen Gefallen zu tun ho en, nur lächerlich machen! Hämische Feuilletons der Westgazetten gegen unseren Nietzsche-Krampf werden nicht lange auf sich warten lassen. Es wird einen Skandal geben. Und einen zweiten Skandal wird es geben, wenn uns, zwecks Behebung des ersten, nichts anderes übrig bleiben wird, als Büste, Vitrinen und Spruchbänder aus unserem Nietzsche-O enstall wieder zu entfernen.« 3 0 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Zum humanistischen Kern des Sozialismus und Marxismus würde es weitaus besser passen, die Ausschließung (als Nicht-Beachtung) Nietzsches aus dem Kulturleben der DDR weiterhin fortzusetzen: »Es ist doch würdiger, in dem ominösen Haus mit der Ignorierung Nietzsches ungeniert fortzufahren, nachdem sie sich durch Jahrzehnte bestens bewährt hat. Überlassen wir es doch der Kirche, für die Seele des Mannes, der sich großspurig den ›Antichrist‹ nannte, zu beten! Verweisen wir Ausländer, die seiner gedenken möchten, doch an den Friedhof in Röcken bei Lützen! Bekennen wir uns doch dazu, dass wir mit ihm nichts zu tun haben wollen! Und falls die Devisen, die uns ein Tourismus ins ›Nietzsche-Land DDR‹ einbringen könnte, nicht zu verschmerzen sein sollten, dann brächte uns ein Verkauf des gesamten Nietzsche-Nachlasses an, sagen wir, die Bibliothek des Britischen Museums in London (aber bitte nicht an irgend eine Institution in der BRD und bitte auch nicht an die Universität Basel!!!) doch sehr, sehr viel mehr ein. Lieber, verehrter Kurt Hager, bringen Sie doch diesen Einfall einmal dem Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK Günter Mittag nahe. Ich bin überzeugt davon, dass er ihn schmunzelnd akzeptieren wird.« Harich war sich bewusst, dass sich die Zeiten geändert hatten. Die Schlusssätze seines Briefes an Hager beschworen deshalb noch einmal die Anfänge der DDR, die beide miterlebt und mit ausgestaltet hatten. Die Träume, Ho nungen, Wünsche der Jugend – man dürfe sie nicht aufgeben, nicht vergessen: »Dies schreibt nicht nur der Bürger Harich an den Staatsmann Hager. Es schreibt auch ein alter Mann an einen noch älteren. Es hat, long, long ago, tiefgreifende Kon ikte zwischen uns gegeben (die von meiner Seite nur zu bereuen sind). Aber hätten wir uns je träumen lassen, dass wir irgendwann noch einmal zur Verteidigung von Selbstverständlichkeiten fest würden zusammenstehen müssen? Es gibt keinen lieben Gott im Himmel, und der Regen fällt von oben nach unten. So, genau so selbstverständlich sollte es sein, dass Nietzsche für Sozialisten einfach indiskutabel ist, dass es für ihn in einer sozialistischen Gesellschaft keinen Millimeter Raum geben darf. Plötzlich ist das nicht mehr selbstverständlich. Das muss uns alte Männer, die noch zu Füßen von Hermann Duncker gesessen haben, auf die höchste Alarmstufe bringen. Mögen unsere Jugendträume ein bisschen übertrieben gewesen sein, heilig müssen sie uns bleiben, bis zum letzten Atemzug, und ihnen sind wir schuldig, unseren Lebensrest, die uns noch verbliebenen Energien mit aller Beharrlichkeit dafür zu nutzen, dass in gewissen Kern- und Grundfragen der ideologischen, der philosophischen, der kulturellen Entwicklung die Weichen richtig gestellt 3 1 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re bleiben und dass eine Kerntruppe von jungen Marxisten da ist, die auch nach uns unbeirrbar dafür sorgt, dass sie nicht ins Rutschen geraten. In diesem Sinne können Sie fest auf mich bauen. Voller Vertrauen und mit allen guten Wünschen grüße ich Sie in Herzlichkeit.« 4. Unverö entlichte Manuskripte 1: Lukács In den achtziger Jahren (genau genommen seit 1974) verö entlichte Harich in der DDR insgesamt nur zwei Aufsätze, jedwede andere Publikation wurde von der Partei verhindert. Der eine, unverfängliche, erschien 1983 in der Sinn und Form und hatte zum Gegenstand: Nicolai Hartmann und seine russischen Lehrer.38 Der andere war sein Nietzsche-Beitrag, der nach endlosen Diskussionen und Querelen schließlich erscheinen durfte. Das ist die Bilanz der von der Partei genehmigten Schriften Harichs eines ganzen Jahrzehnts. Mit all seinen ökologischen Bemühungen war dieser seit Anfang der siebziger Jahre gescheitert. Die von ihm so gewünschte DDR-Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum kam nie zu Stande. Auch eine Neuau age seines Jean Pauls Revolutionsdichtung, 1974 noch im Akademie-Verlag erschienen, wurde nie realisiert. (Harich bedauerte rückblickend, dass sowohl Jean Pauls 225. als auch sein eigener 65. Geburtstag als Grund dafür missachtet worden seien.) Und schließlich wurde kein einziges seiner verschiedenen Editionsprojekte zum philosophischen oder kulturellen oder sozialutopischen Erbe der DDR jemals in Angri genommen.39 Alle sonstigen Manuskripte 38 In: Sinn und Form, 1983, Heft 6, S. 1202–1322. Neu abgedr. in. Band 2, S. 667–688. 39 Von Harich werden in dieser Edition verschiedene Editionsprojekte aus den siebziger und achtziger Jahren vorgestellt: a) Exposé für die Edition einer Sammlung von Texten zum sozialutopischen Erbe (31. März 1977), in: Band 6.2, S. 1170–1176; dort auch relevante Briefe an Wolfgang Schubardt und Lothar Berthold, S. 1168–1170, 1176–1178; b) 1) Zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit, 2) Ver- ö entlichung von Georg Lukács’ Werken in der Deutschen Demokratischen Republik (5. Mai 1977), in: Band 9, S. 383–395; c) überarb. Version von: Zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit (14. August 1982), in: Band 9, S. 395–403; d) überarb. Version von: Zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit (27. Oktober 1982), in: Band 9, S. 403–412. Dazu 3 1 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e wurden entweder im Westen publiziert oder kamen in den Schreibtisch. Auch als Wissenschaftler war Harich isoliert. Jedwede Meinungsäußerung von ihm war unerwünscht und wurde unterdrückt. In der Schublade (bzw. bei diversen Zeitschriftenredaktionen und staatlichen Stellen) lagen in der Mitte der achtziger Jahre auch zwei für Harich sehr wichtige Aufsätze (darunter der gerade genannte Nietzsche-Text), für ihre Verfertigung hatte er mehrmals die Arbeit an seinem Buch über Nicolai Hartmann unterbrochen. Trotz verschiedener Zusagen, Änderungen usw. war es zu einem Abdruck in der DDR bis zum Mai 1987 nicht gekommen. Am 9. dieses Monats schrieb er an Stephan Hermlin: »Du trittst überall mit der Beteuerung auf, dass es unverö entlichte Manuskripte, die unterdrückt würden, bei uns nicht gäbe. Aus eigener Erfahrung weiß ich es besser. Zwei Beiträge von mir, die, für Zeitschriften verfasst, thematisch gut zueinander passen und so zusammen auch ein Buch ergäben, werden unterdrückt. Mit dieser Mitteilung verbinde ich die Erwartung, dass jetzt Du Dich meiner Sache annimmst und damit von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machst, Deine eigene Glaubwürdigkeit zu retten.« Der erste Aufsatz, den Harich meinte, betraf Georg Lukács. Er schilderte die Problematik mit den Worten: »Die Mäkelei und Besserwisserei, mit der hierzulande Georg Lukács von inkompetenten Leuten bekrittelt zu werden p egt – und das geschah auch anlässlich seines 100. Geburtstages –, verdrießt mich seit langem. Als ich feststellte, dass Bücher von ihm mit Nachworten versehen werden, in denen Gegner seiner Positionen ihn von rechts kritisieren, etwa mit Argumenten Adornos, beschwerte ich mich darüber bei Klaus Höpcke. Er empfahl mir, hierzu einen Aufsatz für die Weimarer Beiträge zu schreiben. Das tat ich. Der Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! lag deren Redaktion im Mai 1986 vor. Am 23. Juni erschien bei mir der Chefredakteur, Siegfried Rönisch, und setzte mir in einer langen Aussprache seine Änderungswünsche auseinander. Denen trug ich in zwei Umarbeitungen, die mich große Mühe kosteten, Rechnung. Anfang August händigte ich Rönisch die dritte Fassung aus. Daraufhin hörte ich sechs Wochen lang nichts mehr. In der Annahme, nun sei alles in Ordnung, bat ich die Redaktion am 18. September, mir die Korrekturfahnen an meine Urlaubsadresse zu schicken. Zu meiner Verblü ung wurde mir erö net, kamen viele einzelne Editionsvorschläge: Zu Paul Alsberg, Nicolai Hartmann, zur Ökologie usw. 3 1 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re das Redaktionskollegium hätte beschlossen, den Beitrag so nicht zu bringen. Worin eine weitere Änderung bestehen sollte, wusste mir konkret niemand zu sagen. Ich zog den Aufsatz zurück und bot ihn nun Max Walter Schulz für Sinn und Form an. Der hatte zwar, wie er mir schrieb, gegen den Inhalt keine Einwände, erklärte sich jedoch, mit Rücksicht auf die strenge Essay-Tradition der von ihm geleiteten Zeitschrift, außer Stande, die inhaltlich sehr wichtigen Anmerkungen, auf die ich großen Wert lege, mit abzudrucken. Da es Vorbehalte gegen Anmerkungen in der damit stets reich gesegneten Deutschen Zeitschrift für Philosophie nicht geben kann, leitete Sebastian Kleinschmidt über seinen Kollegen Ste en Dietzsch das Manuskript an deren Chefredakteur, Günter Klima szew sky, weiter. Dieser soll es sich gar nicht erst angesehen haben. Jedenfalls entschied er noch am selben Tage, es nicht bringen zu wollen, obwohl es, wohlgemerkt, streckenweise philosophischen Inhalts ist und daher auch in die Deutsche Zeitschrift für Philosophie gepasst hätte; in sie vielleicht am besten. Im November erhielt ich das Manuskript von Sinn und Form zurück. Was ich an dieser Geschichte am empörendsten fand, war der Umstand, dass die Weimarer Beiträge bei alledem nicht einmal das Redaktionsgeheimnis gewahrt hatten. Von zwei Literarhistorikern aus dem Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR hörte ich, dass ihnen – und nicht nur ihnen – mein Beitrag zur Lektüre zugänglich gemacht worden sei. Im Institut sei übrigens über ihn diskutiert worden. Der eine fügte hinzu, sogar im Schriftstellerverband habe eine Diskussion darüber stattgefunden. Beide kannten den Inhalt in- und auswendig. Nun entschloss ich mich, von Möglichkeiten einer Verö entlichung im Ausland Gebrauch zu machen; aber nicht, ohne vorher Kurt Hager hierzu um eine Stellungnahme zu ersuchen. Er bat um das Manuskript. Noch am selben Tage, an dem ich seinen diesbezüglichen Brief erhielt, am 4. Dezember 1986, brachte ich es zur Poststelle des Zentralkomitees am Marx- Engels-Platz. Seither schmort es in seinem Sekretariat. Bis zum heutigen Tage hat er sich weder zu einer schriftlichen Äußerung darüber noch zu einem einschlägigen Gespräch mit mir aufra en können. Und davon, dass er, meiner Bitte entsprechend, den Weimarer Beiträgen oder einer der beiden anderen in Betracht kommenden Zeitschriften der DDR den Abdruck empfohlen hätte, konnte erst recht keine Rede sein. Zum Redaktionsschluss, Weihnachten 1986, ist die einzige Kopie meiner Arbeit dann an die linkssozialistische Zeitschrift Aufrisse, die in Wien erscheint, gegangen.40 André Müller, Mitglied der DKP, ein Freund von Peter Hacks und mir, wollte den identischen Text in der bundesdeutschen Kulturbundzeitschrift Kultur & Gesellschaft, Köln, abdrucken. Von beiden bevorstehenden Auslandspublikationen unterrichtete ich am 5. Januar dieses Jahres telefonisch das Büro Hager und schlug dabei vor, sie jeweils im Vorspann als Vorabdrucke einer in den Wei- 40 Zuerst in: Aufrisse, Heft 2, 1986, S. 31–37. 3 1 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e marer Beiträgen erfolgenden Verö entlichung zu deklarieren. Hager ließ mir ausrichten, dies sei über üssig; im Übrigen werde er sich bei mir mit einer Stellungnahme melden. Sie ist bis heute nicht erfolgt.« Der zweite Text, über den Harich anschließend Hermlin informierte, war sein Nietzsche-Aufsatz, den er als Reaktion auf den Artikel Heinz Pepperles geschrieben hatte. Diesem ema ist das nächste Kapitel gewidmet. Mit seiner Behauptung, dass es in der DDR keine unterdrückten Manuskripte gebe, liege Hermlin also falsch. Allein in Harichs Fall seien es deren zwei. Angesichts der Tatsachen, die er, Harich, nunmehr Hermlin bekannt gemacht habe, müsse dieser wegen seiner getätigten Aussagen aktiv werden: »Auch für Dich steht in diesem Zusammenhang einiges auf dem Spiel: Deine Glaubwürdigkeit, wie gesagt. Überlege Dir einmal folgendes: André Müller war Ende vergangenen Jahres Feuer und Flamme, meinen Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! in Kultur & Gesellschaft (Köln), gleichzeitig mit dem Abdruck in den Aufrissen (Wien), zu bringen. Wenige Wochen später musste er mir mitteilen, das ginge nicht; er hätte sich diesmal bei der ›Mehrheit der Redaktion‹ (?!) nicht durchsetzen können. Sie sei im Grunde gegen Lukács, verschanze sich freilich hinter dem Argument, sich nicht in eine interne Angelegenheit der DDR einmischen zu wollen. Der Text lag Müller und seiner Redaktion (?!) noch gar nicht vor. Wer garantiert Dir, dass André Müller nicht der Kragen platzt, wenn ihm Deine Verlautbarungen über Liberalität gegenüber Manuskripten zur Kenntnis gelangen? Nun, Müller ist ein diszipliniertes DKP-Mitglied. Schlimmer liegen die Dinge in Wien. Am 26. April erhielt ich von dort telefonisch Bescheid, dass die Redaktion wegen interner Meinungsverschiedenheiten auseinander gelaufen sei und sich in neuer Zusammensetzung habe konstituieren müssen; das Heft 2, das spätestens im April habe erscheinen sollen, werde in Folge dessen erst Ende Mai oder sogar erst im Juni herauskommen. Bei dem Streit hätte auch mein Lukács-Aufsatz eine Rolle gespielt. Wörtlich: ›Dieselben Leute, von denen der Aufsatz in Berlin unterdrückt wird, haben sein Erscheinen auch in Wien zu verhindern versucht.‹ Das sei allerdings nicht gelungen. Der Aufsatz geht jetzt in Satz und in Kürze würden mir die Korrekturfahnen zugehen. (Natürlich habe ich sicherheitshalber dafür gesorgt, dass nicht nur ich Korrektur lesen werde.) Der Übermittler der Nachricht gehört zu dem kleinen Kreis jener oben erwähnten Anhänger von Lukács’ Spätphase; ein ganz junger Mann. Ältester Vertreter dieses Kreises ist der in Köln lebende Leo Ko er, der eben seinen 80. Geburtstag feierte; ein alter Freund von mir. Auch von Ko er wird ein Beitrag in jenem Heft stehen. Ko er ist Ehrenbürger in Wien. Im Herbst wird in Wien ein Kol- 3 1 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re loquium zu Ehren Ko ers statt nden; man hat auch mich dazu eingeladen. Willst Du Dich vor diesen Leuten blamieren, Stephan?« In dem Dialog Nietzsche seine Brüder, im Gespräch mit sich selbst, stellte Harich die damaligen Zusammenhänge 1989 wie folgt dar: »WH: Ich habe ihm (Hermlin, AH), nach entsprechenden Verlautbarungen von ihm im Westen, am 9. Mai 1987 brie ich vorgehalten: ›Du trittst überall mit der Beteuerung auf, dass es unverö entlichte Manuskripte, die unterdrückt würden, bei uns nicht gäbe. Aus eigener Erfahrung weiß ich es besser. Zwei Beiträge von mir, die, für Zeitschriften verfasst, thematisch gut zueinander passen und so zusammen auch ein Buch ergäben, werden unterdrückt. Mit dieser Mitteilung verbinde ich die Erwartung, dass jetzt Du Dich meiner Sache annimmt und damit von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machst, Deine eigene Glaubwürdigkeit zu retten.‹ Was hat Hermlin daraufhin getan? Er hat an die Stelle des von mir gewählten Ausdrucks ›unterdrückt‹ das Wort ›ungedruckt‹ gesetzt, um den Schriftstellerkongress und danach die Leser von Sinn und Form glauben zu machen, ich unterstelle ihm die, wie er sagt, ›alberne Behauptung‹, das in der DDR keine ›ungedruckten Manuskripte‹ existierten. Und damit nicht genug: Einen meiner beiden damals unterdrückten Aufsätze unterschlägt er: Den mit der Überschrift Mehr Respekt vor Lukács! den ich, weil seine Verö entlichung von den Weimarer Beiträgen, von Sinn und Form und von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgelehnt worden war, im Winter 1986/1987 nach Wien habe schmuggeln müssen, zum Abdruck in den linkssozialistischen Aufrissen. PF: Das kann, anders als bei der Sache mit Heiner Müller, aber kein Gedächtnisfehler Hermlins mehr gewesen sein. WH: Gerade das Kurzzeitgedächtnis wird bei zunehmendem Alter schwächer. So konstatiere ich auch in diesem Fall bloß Unwahrheiten. Wie dem auch sei: Schlimm ist, dass ich zur Richtigstellung des tatsächlichen Sachverhalts bis heute keine Gelegenheit hatte, durch nunmehr anderthalb Jahre. PF: Und ist Ihr Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! inzwischen in der DDR erschienen? WH: Nein. Er ist, außer in den Wiener Aufrissen, Ende 1988 noch in Kultur und Gesellschaft, Köln, abgedruckt worden, dank einer Initiative André Müllers und omas Metschers; in der DDR bis heute nicht. Lediglich den Nietzsche-Aufsatz habe ich, unter Hinnahme mir aufgezwungener Streichungen, in Sinn und Form unterbringen können. PF: Hermlin scheint darauf stolz zu sein, den nicht zum Abdruck empfohlen zu haben. 3 1 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e WH: Trotzdem glaube ich, dass erst mein Brief an ihn den Abdruck erzwungen hat. Es sollte wohl vermieden werden, dass ich einen Skandal machte.« Es wurde bereits mehrfach deutlich, wie wichtig das theoretische Scha en von Georg Lukács für Harich war. Er ging davon aus, dass, wenn man die alten Vorurteile überwinden würde, die Rehabilitierung des ungarischen Philosophen einen wirklichen Fortschritt für den weiteren Ausbau der marxistischen Philosophie bedeuten könne und zugleich eine der wirksamsten Barrieren gegen die Nietzsche-Renaissance wäre. Oder anders formuliert: Hätte Lukács den Ein uss im akademischen, kulturellen und ö entlichen Leben der DDR, der ihm zustünde, so wären bestimmte Fehlentwicklungen mit Blick auf das kulturelle Erbe gar nicht erst zu Stande gekommen, andere ließen sich wirksamer als bisher bekämpfen. Von daher bietet es sich an, in einer kleinen Abschweifung die zentralen Aussagen von Harichs Lukács-Aufsatz hier kurz zu rekapitulieren. Am 11. Mai 1986 hatte Harich das Manuskript von Mehr Respekt vor Lukács! an Siegfried Rönisch von den Weimarer Beiträgen gesendet.41 Rönisch gab das Abdruck-Ersuchen Harichs sofort »nach oben« weiter – und zwar an Gregor Schirmer. Dieser schrieb am 23. Mai an Kurt Hager: »Harich hat einen ziemlich links und polemisch angelegten Artikel bei den Weimarer Beiträgen eingereicht. Bei Abwägung aller Umstände sollten wir ihn ohne Teil I und bei Glättung einiger ›Verbalinjurien‹, die ich angestrichen habe, verö entlichen, zumal Harich in Sachen Nietzsche und Bloch mit seiner Lukács-Verteidigung auf der richtigen Seite steht.« Ohne die entsprechenden Änderungen solle ein Abdruck jedoch verhindert werden. »Der Vergleich im Teil I der Behandlung von Lukács und Tönnies bei uns, in den das Neue Deutschland hineingezogen wird, ist einfach unsachlich. Und das Lukács-Heft der Weimarer Beiträge darf man schon aus Gründen unserer Beziehungen zu Ungarn nicht ›Schmäh-Heft‹ nennen.«42 Hager informierte Schirmer am 10. Juni, dass er mit Rönisch das weitere Vorgehen besprochen habe. Dieser werde das Gespräch mit Harich suchen. Rönisch selbst schrieb Harich am 28. September43 und schickte gleichzeitig das Manuskript zurück. »Ich bin uneingeschränkt der Ansicht, dass die von Ihnen aufgeworfenen Fragen unseres Verhältnisses zu Georg Lukács von hoher Wichtigkeit für die 41 Abdr. des Briefes in: Band 9, S. 417 f. 42 Gregor Schirmer an Kurt Hager, 1 Blatt, Brief vom 23. Mai 1986. 43 Siegfried Rönisch: Brief an Wolfgang Harich vom 18. September 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 3 1 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Weiterentwicklung der Literatur- und Kunstwissenschaften der DDR sind.« Weiter hieß es dann: »Ich kann aber auch nicht übersehen, dass in einzelnen Passagen eine große Schärfe der Polemik vorherrscht, die, wie ich fürchte, das Gespräch beeinträchtigen würde, da sie zum Teil sehr weittragende Urteile über Personen enthalten, wir aber in der Zeitschrift doch nur weltanschauliche und wissenschaftliche Fragen diskutieren können. Diese Einwände sind Dinge, die gewiss in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ohne großen Aufwand lösbar sind. Ich muss Sie auch davon informieren, dass ich mich bei der wissenschaftspolitischen Tragweite Ihres Beitrages veranlasst sah, den Rat und die Meinung einiger Mitglieder unseres Beirates einzuholen. Dies erklärt auch den Umstand der eingetretenen Verzögerung, wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte.« Dieser Beirat bestand, wie die Aktenlage zeigt, natürlich nicht aus Wissenschaftlern, sondern aus Schirmer und Hager. Von Anfang an war die Wortmeldung Harich eine politisch-ideologische Angelegenheit und wurde von der Partei als solche behandelt. Nach den gegenüber Hermlin bereits geschilderten verschiedenen Stadien der Druckgeschichte schrieb Harich am 5. November 1986 an Kurt Hager. Er bat diesen, eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob der Aufsatz in der DDR erscheinen solle oder in den Wiener Aufrissen (oder an beiden Orten gleichzeitig). Mit Blick auf die anvisierte Auslandspublikation versicherte Harich: »Unkorrektes Verhalten meinerseits liegt nicht vor.«44 Weiter schrieb er dann: »Bei den Lukács- und Bloch-Jubiläen 1985 habe ich mich bewusst sehr zurückgehalten. Mein Taktgefühl verbot mir, den Eindruck zu erwecken, dass nun auch ich den Zeitpunkt für ein volles ›Come back‹ für herangereift hielte. Meine Zurückhaltung el mir aber, o en gesagt, schwer, als ich feststellen musste, dass einerseits Lukács mit allzu viel – oft inkompetenter – Mäkelei und Besserwisserei bedacht wurde und sich andererseits bei uns Leute zu Wort meldeten, die Bloch vor Lukács den Vorzug geben. Mein Befremden wuchs angesichts der DDR-Ausgabe von Lukács’ Schrift Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik, Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag), 1985. Ein anmaßendes Nachwort darin, verfasst von Michael Franz, kritisiert Lukács von rechts und versteigt sich sogar dazu, Adorno gegen Lukács recht zu geben. Das war für mich das Signal, aus meiner Reserve herauszutreten und mich mit einer entsprechenden Beschwerde an den stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke zu wenden. Dieser empfahl mir, zu dem ganzen Fragenkomplex einen kritischen Beitrag für die Weimarer Beiträge zu schreiben. Das tat ich, nun 44 Band 9, S. 419. 3 1 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e natürlich unter Bezugnahme auch auf einschlägige Artikel, die anlässlich des Lukács-Gedenkens in dieser Zeitschrift erschienen waren und mir außerordentlich missfallen hatten. Mitte Mai lag eine erste Fassung meines Aufsatzes den Weimarer Beiträgen vor. Am 23. Juni suchte deren Chefredakteur, Kollege Rönisch, mich zu einem Gespräch in meiner Wohnung auf. Er schlug mir vor, meinen Beitrag an Umfang zu erweitern, ihn mit mehr Argumenten anzureichern und einige ihm als unsachlich erscheinende polemische Formulierungen abzuschwächen. In Aussicht stellte Kollege Rönisch mir einen Abdruck noch in diesem Jahrgang (32, 1986), und zwar in Heft elf oder, allenfalls, Heft zwölf der Weimarer Beiträge. Nach umfangreichen Studien zu der ganzen ematik habe ich daraufhin in den folgenden Monaten mit zweimaliger Umarbeitung meines Textes, unter Berücksichtigung aller von Rönisch vorgetragenen Änderungswünsche, bei einem Arbeitsaufwand von zusammen vier Wochen allein für die Niederschriften, mir größte Mühe gegeben und eine, glaube ich, gründliche, wissenschaftlich hieb- und stichfeste und im marxistisch-leninistischen Sinne parteiliche Argumentation zu Wege gebracht, die zugleich auch lesbar ist und breites Interesse zu nden vermag. Die zweite Fassung legte ich den Weimarer Beiträgen bereits Anfang Juli dieses Jahres vor. Danach erschienen zwei neue Lukács-Editionen auf unserem Buchmarkt: Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Ideologie, ed. J. Schreiter und L. Sziklai, Berlin (Akademie-Verlag), 1986, und Über die Vernunft in der Kultur, ed. S. Kleinschmidt, Leipzig (Reclam), 1986. Im Einvernehmen mit den Weimarer Beiträgen nahm ich nun, um noch eine positive Bewertung dieser beiden Publikationen mit einzuarbeiten, eine zweite Umarbeitung vor, die zu der neuen, dritten, nunmehr endgültigen Fassung meines Aufsatzes geführt hat. Diese händigte ich Anfang August Kollegen Rönisch persönlich aus, der daraufhin fast sieben Wochen lang nichts mehr von sich hören ließ und mir, auf eine Anfrage meinerseits am 18. September, erklärte, die ›Unsachlichkeit‹ meiner Argumentation sei immer noch Grund für Beanstandungen im Redaktionskollegium und der mir zugesagte Abdruck noch in diesem Jahr, in Heft elf oder zwölf, werde daher nicht erfolgen können. Sie werden verstehen, lieber Kurt Hager, dass ich darauf, recht verärgert, das Manuskript zurückzog und es der Zeitschrift Sinn und Form anbot. Von dieser erhielt ich nun, in einem vom 20. Oktober datierten Brief, der mich am 31. Oktober erreichte, ebenfalls eine Absage. Professor Max Walter Schulz hat zwar weder gegen den Inhalt meines Beitrages noch gegen dessen polemische Form etwas einzuwenden und hält das ema für wichtig, fühlt sich aber der streng essayistischen Tradition von Sinn und Form so sehr verp ichtet, dass er sich zum Abdruck einer Arbeit, die mit 50 Anmerkungen versehen ist, nicht entschließen kann. Daher emp ehlt er mir eine Umarbeitung, die die Anmerkungen mit in den Text einbringt oder auf sie ganz verzichtet. Zu einer solchen Herstellung einer vierten Fassung, die unter nochmaligem 3 1 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re großen Arbeitsaufwand eine rein formale Änderung mit sich brächte, kann ich mich wegen wichtigerer Vorhaben, auf die ich mich bei schwindender physischer Leistungsfähigkeit konzentrieren muss, unmöglich mehr bereit nden. Sebastian Kleinschmidt, Mitarbeiter von Sinn und Form, leitete daher, mit meiner Zustimmung, den Aufsatz an die Redaktion der Deutschen Zeitschrift für Philosophie weiter. Seinem heutigen Bescheid muss ich entnehmen, dass die Prüfung der Arbeit dort wieder längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Mein Kollege Heinz Malorny, mit mir verbündet in der Bekämpfung Nietzsches bei uns, ist im übrigen der Ansicht, bei der Redaktion der DZfPh bestünden gegen meine Person zu starke Vorbehalte, so dass ich dort schwerlich als Autor willkommen sein werde. In dieser Situation wende ich mich, mit der Bitte um ein klärendes Wort und eine sachdienliche Empfehlung an die Adresse einer der drei in Betracht kommenden Zeitschriften, an Sie. Ich halte meinen Aufsatz für gleich geeignet, in den Weimarer Beiträgen oder in Sinn und Form oder in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgedruckt zu werden. Eine schnelle Entscheidung erschiene mir dringlich, weil ich es für politisch falsch hielte, das Angebot, das mir aus Wien zugegangen ist, lange unbeantwortet zu lassen. Dieses Angebot, von Reinhard Pitsch, kam mir völlig überraschend. Ich hatte einem Ko er-Schüler namens Stefan Dornuf, der an einer Volkshochschule in Köln marxistische Vorträge hält und mich gelegentlich über die bundesdeutsche Philosophieszene selbstlos und hilfreich informiert, einem nach meiner Überzeugung vertrauenswürdigen jungen Mann, lediglich von meinem Beitrag über Lukács für die Weimarer Beiträge und später von den Schwierigkeiten, die es dort noch gäbe, erzählt. Darauf ist Dornuf von sich aus, ohne mein Zutun, initiativ geworden, und zwar bei dem ihm bekannten österreichischen Linkssozialisten Pitsch45, der für die Wiener Zeitschrift Aufrisse z. Zt. ein für Januar 1987 45 Über Reinhard Pitsch schrieb Harich an Hager: »Mit Pitsch hat es, nach den Auskünften, die mir durch Dornuf zugegangen sind, folgende Bewandtnis: Pitsch hat als ganz junger Mensch einer anarchistischen Gruppierung angehört, die 1977 Österreichs größten Miederwarenfabrikanten, Herrn Palmers, kidnappte, um Lösegeld für die ›Rote Armee Fraktion‹ zu erpressen. Die Sache ging unblutig zu. Pitsch, am Rande an ihr beteiligt, kriegte eine Strafe von drei Jahren und acht Monaten. Nach deren Verbüßung hat er sich o enbar recht positiv entwickelt – als marxistischer Philosoph, mit Stipendium der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Anhänger der Philosophie des ganz späten Lukács und hasst und bekämpft dessen in den Westen abgewanderte, antikommunistisch orientierte Schüler (Agnés Heller, Ferenc Feher). Zum Bloch-Lukács-Jubiläum organisierte er im November 1985 einen Kongress in Wien, mit dem er ein Gegengewicht scha en wollte – und anscheinend sollte – zu dem einschlägigen ›postmodernistischen‹ Pariser Kongress vom Frühjahr 1985. Er selbst will zu dem von ihm vorbereiteten Sonderheft der Aufrisse einen Aufsatz beisteuern, der die heutige Aktualität von Lukács’ Werk Die Zerstörung der Vernunft unterstreicht. Nach alledem glaube ich, dass ich mich da in keiner schlechten Gesellschaft befände.« (Band 9, S. 422.) 3 1 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e geplantes Sonderheft gegen den im Westen wieder au ebenden Irrationalismus vorbereitet. Den Brief, den Pitsch daraufhin an mich geschrieben hat, füge ich Ihnen zu Ihrer Information hier bei. Alles Nähere können Sie daraus ersehen.«46 Harich bat Hager darum, den Abdruck seines Aufsatzes am besten sowohl in West und Ost zu ermöglichen. Dies sei auch notwendig, um ideologische Di erenzen wegen seinem »Dissidentenstatus«, den er nicht wolle, zu vermeiden: »Eine ausschließliche Verö entlichung meines Beitrages in Wien hielte ich für absolut falsch und schädlich. Erstens käme ich dadurch wieder politisch in schiefes Licht, statt endlich, endlich – woran mir sehr, sehr liegt – eindeutig als Mann der DDR dazustehen, zu ihr sich bekennend und von ihr akzeptiert. Zweitens ist mein Beitrag speziell auf die DDR-interne Diskussion zugeschnitten; und zwar zielt er darauf ab, die marxistisch-leninistischen Philosophen der DDR zu einem ressortüberschreitenden, interdisziplinären Meinungsstreit zu mobilisieren, in dem sie, mit Hilfe des Vermächtnisses von Lukács, schwere ideologische Unklarheiten bei unseren Literaturwissenschaftlern (Überschätzung Blochs und Benjamins, Vorliebe für die Frankfurter Schule, Einbeziehung Nietzsches in unsere Erbep ege) überwinden helfen sollen. Drittens entstünden, bei uns wie im Westen, schädliche, zumindest höchst über üssige Irritationen hinsichtlich der Beziehungen zwischen der DDR und Ungarn, wenn es dazu käme, dass ein ungarischer Stipendiat mir zu westlicher Erstverö entlichung einer Arbeit über Lukács verhilft, die in der DDR gar nicht oder erst sehr viel später herauskommt. Für klug und nützlich hielte ich es dagegen, wenn mein Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! bei uns zuerst erschiene – in welcher der drei genannten Zeitschriften auch immer – und dann die an der Sache interessierte Intelligenzija des – zumal deutschsprachigen – kapitalistischen Auslandes über den Inhalt nicht durch tendenziös entstellte Berichte seitens uns gegnerischer Medien der BRD und Westberlin erführe, sondern durch den authentischen vollständig Text, abgedruckt in einem unabhängigen linkssozialistischen Organ des neutralen Österreich, mit dessen Alternativbewegung mich bekanntermaßen freundschaftliche Beziehungen verbinden, die ich, 1979–1981, an Ort und Stelle immer dazu genutzt habe, Vorurteile gegen den realen Sozialismus, und zumal gegen die DDR, abbauen und ein Einmünden rein ökologischer Politik in den Friedenskampf vorantreiben zu helfen.«47 46 Band 9, S. 419–421. 47 Band 9, S. 422 f. 3 2 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Anne Harich hat in ihren Erinnerungen Teile dieses Briefes ebenfalls wiedergegeben. Im Anschluss an den Abdruck heißt es bei ihr: »Wieder wartet Harich jeden Tag auf Antwort. Er weiß, die ungarische Regierung hat ihrem einst verfemten Philosophen ein Denkmal errichtet; er weiß nicht, was die ungarischen Genossen von den DDR-Oberen denken, die sich noch immer zögerlich zu Lukács verhalten. Mit einer Neubesinnung zu Lukács in der DDR erho t Harich eine schrittweise Wiedereingliederung seiner eigenen Person in das ö entliche kultur-politische Leben im Land. Die langen Jahre vergeblichen Ringens darum haben ihn ungeduldig und misstrauisch gemacht; er will nicht nachgeben, er will durchsetzen, was er als wichtig erachtet, aber er ist undiplomatisch und ungeschickt, er wird wütend, und dabei vergisst er alle seine Befürchtungen, jemals wieder unfolgsam zu sein, denn für umständliche Strategien ist in seinem Kopf kein Platz.«48 Am 10. November 1986 ergänzte Harich dann in einem weiteren Brief an Hager, dass er seinen Lukács-Text auch von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zurückbekommen habe.49 Kurt Hager antwortete ganz kurz und knapp am 27. November – »eine Fülle anderer Arbeiten« habe dazu geführt, dass er erst jetzt »den Eingang Ihres Briefes vom 5. November bestätigen« könne. Zudem teilte er mit, dass er den Artikel von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angefordert habe und Harich seine Meinung mitteilen werde, »sobald ich ihn gelesen habe«.50 Der Aufsatz selber kann im Folgenden in seiner zweiten, ausführlicheren Version (2. August 1986) betrachtet werden.51 Er ist ein – in der DDR-Forschung einzigartig dastehendes – Dokument der Aufwertung der Lebensleistung vor allem des mittleren und älteren Lukács. Harich schrieb: »Lukács war ein großer Denker der Kommunisten; nach meiner Überzeugung der seit Lenins Tod weltweit größte – wer sonst? Ihn in unserer Tagespresse nicht umfänglicher gefeiert zu sehen als einen ehrenwerten sozialdemokratischen Professor (gemeint ist Ferdinand Tönnies, AH) viel geringeren Formats, stimmt mich traurig. Ich kann es, in Erinnerung an lange zurückliegende politische Kollisionen, über die ich, leider, nur zu genau Bescheid weiß, jedoch irgendwo noch verstehen. Werden aber gesicherte Erkenntnisse 48 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 146. 49 Band 9, S. 424. 50 Hager, Kurt: Brief an Wolfgang Harich vom 27. November 1986, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 51 Abdr. in: Band 9, S. 441–460. 3 2 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e von Lukács – diesesfalls stehen sie in Kapitel VI seines Werkes Die Zerstörung der Vernunft – nicht ausgewertet, sondern achtlos übergangen, wenn es aus konkretem Anlass darum geht, exemplarisch die Ambivalenz linksbürgerlicher Gesellschaftslehre deutlich zu machen, dann hört jedes Verständnis auf. An Berührungsängsten, seien sie historisch noch so plausibel, darf ein einmal errungener Wissensstand keinen Schaden nehmen. Und ist es der Wissensstand der Kommunisten, dem dergestalt Abbruch geschieht, so lassen Herkunft und Art der Ein üsse, die das entstehende Vakuum ausfüllen werden, sich leicht absehen.«52 Nach den Ereignissen von 1956 sei mit den Publikationen von Werner Mittenzwei53 und Sebastian Kleinschmidt54 die Wiederentdeckung von Lukács in ein neues Stadium getreten: »In das der Angemessenheit.«55 Und dennoch könne nicht von einer völlig zufriedenstellenden »Rückkehr« von Lukács gesprochen werden. Die Kritik an diesem habe nach wie vor Konjunktur. Fast noch schlimmer sei, dass dieser oftmals mit Argumenten kritisiert werde, die den Werken nichtmarxistischer Ideologen entnommen seien, dass ihm Denker wie Ernst Bloch, Walter Benjamin oder eodor W. Adorno vorgezogen würden.56 Und die große Ontologie von Lukács sei den Lesern der DDR (bis auf einen Auszug) nach wie vor unbekannt. »Wie aber soll hierzulande den kulturpolitisch Zuständigen verständlich gemacht werden, dass die Ontologie des gesellschaftlichen Seins, von der sie einen Teil bildet, uns Not tut, solange ihrem Autor bei uns von der Mehrzahl der Philosophen und Literaturwissenschaftler der gebührende Respekt versagt wird? Gefragt werden muss dies jetzt und an dieser Stelle. An dieser Stelle deswegen, weil Mäkelei und Besserwisserei das Lukács-Ge- 52 Band 9, S. 442. 53 Harich verwies auf: Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács, ed. Werner Mittenzwei u. a., Verlag Philipp Reclam jun., Universalbibliothek Band 643, Leipzig 1975. 54 Harich verwies auf: Georg Lukács: Über die Vernunft in der Kultur. Ausgewählte Schriften 1909–1969, ed. Sebastian Kleinschmidt, Reclam-Verlag, UB Bd. 1120, Leipzig 1986. 55 Band 9, S. 444. 56 Harich verwies auf: »Dennoch bleibt an den hiesigen Ausgaben der Eigenart des Ästhetischen (1981) und der Besonderheit als Kategorie der Ästhetik (1985) eines auszusetzen. Die von Günther K. Lehmann bzw. Michael Franz verfassten Nachworte sind nicht nur anmaßend und, bestenfalls, über üssig. Sie bestreiten ihre kritischen Einwände in der Hauptsache aus Anleihen bei nichtmarxistischen Ideologen: Bei Ernst Bloch, Walter Benjamin, eodor W. Adorno und diversen Neopositivisten. Und selbst wo die Nachworte hie und da, teilweise und sehr bedingt, weiterführende Einfälle enthalten, über die sich reden ließe, hätten die woanders publiziert werden sollen: In Rezensionen, in Aufsätzen, in Essays. Den Lukácstexten beigeheftet, wirken sie nur peinlich, zumal sie den – doch wohl irrigen – Eindruck gouvernementalen Erwünschtseins erwecken.« Band 9, S. 444 f. 3 2 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re denken 1985 am ärgsten in den Weimarer Beiträgen beeinträchtigt haben. Lukács dadurch zu ehren, dass man ihn schmäht, von solchem Doppelbeschluss schien mir das meiste von dem eingegeben, was zum 100. Geburtstag des Mannes in der vorliegenden Zeitschrift (gemeint sind die Weimarer Beiträge, 1985, AH) zu lesen war. Und führe ich mir vor Augen, wie die darin munter fortfährt, vertiefe ich mich in diejenigen auf dem Lukács-Kolloquium, vom März 1985, gehaltenen Referate, die zum zusätzlichen Abdruck in ihrem darauf folgenden Jahrgang ausgewählt worden sind,57 dann vermag ich mich des Eindrucks gehässiger Regie nur mit Mühe zu erwehren.«58 Aus der Zusammenlegung aller dieser Faktoren schlussfolgerte Harich, dass die DDR o ensichtlich versuche, die Wiederkehr von Lukács zu verhindern und ihr, wo sie nicht zu vermeiden wäre, gegenzusteuern. Nicht zuletzt dadurch, dass man ihn kontrolliert ediere, mit Einleitungen und Nachworten, die ihn kritisierten.59 Im Prinzip, so lässt sich Harichs Argumentation zusammenfassen, gehe es also nicht um eine Aufwertung des ungarischen Philosophen und seines Werkes, sondern vielmehr um die Absolvierung einer Art von P ichtaufgabe in Sachen Jubiläum 1985. (Und diese setze die seit 1956 in der DDR maßgebende Kritik fort.) »Ob Lukács als Philosophiehistoriker dem Kampf zwischen Materialismus und Idealismus die nötige Beachtung schenke, ob er dem Kategoriebegri von Marx nicht eine sinnentstellende Bedeutung verleihe, ob die Ausarbeitung einer Ontologie sich mit dem dialektischen Materialismus vertrage, ob da über dem Sein, über diesem von Hegel und Dühring, von omasius und vom Existenzialismus her so suspekten Sein, nicht die Materie zu kurz komme usw. – lauter Fragen, die aus meist triftigem Grund hochabstraktes Kopfzerbrechen bereiten. Mir sind solche Sorgen sympathischer. Bei ihnen fühle ich mich, auch wo ich sie nicht teilen kann, heimisch. Meinungsverschiedenheiten hierüber bewegen sich innerhalb der Bandbreite marxistischer Selbstverständigung. Nur: Sobald durch sie ein Einbruch reaktionärer, klassenfeindlicher Ideologie außer Sicht gerät oder mit Achselzucken hingenommen wird, missraten sie zu sektiererischer Nabelschau, zum Zeitvertreib im Elfenbeinturm. Dass Bloch und Benjamin und die Matadore der Frankfurter Schule alles andere als Marxisten waren – welche Anregungen in Einzelfragen bei 57 Harich verwies auf: Weimarer Beiträge, Heft 2, 1986. Darin die Arbeiten von Dieter Schlenstedt: Veto gegen die Trollwelt – Georg Lukács zur Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus, S. 275  ., und Friedrich Tomberg: Die Kritik der spätbürgerlichen Philosophie unter dem Blickwinkel der Brecht-Lukács-Debatte, S. 287  . 58 Band 9, S. 450. 59 Band 9, S. 453. 3 2 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e ihnen hie und da auch zu holen sein mögen –, dass es den Neopositivismus auf der ganzen Linie zu bekämpfen gilt, dass vollends Nietzsche für Sozialisten absolut indiskutabel ist und es zu bleiben hat, das sind Wahrheiten von nahezu axiomatischem Rang, die im philosophischen Periodikum der DDR, in deren Schriftenreihen zur Kritik bürgerlichen Denkens, ihrem Philosophischen Wörterbuch, ihrem Philosophenlexikon wieder und wieder erhärtet wurden. An diesen Wahrheiten ist nicht zu rütteln. Wird ihre Selbstverständlichkeit in Frage gestellt unter dem Vorwand, kritische Distanz zu Lukács zu demonstrieren, dann muss halt Lukács energisch verteidigt, gegebenenfalls wiederentdeckt und, vor aller Kritik, aufs Neue als unser Lehrer und Meister in Anspruch genommen werden. Nächst den Klassikern haben wir keinen besseren. Nicht Dogmatik allein indes lässt die philosophischen Kader des Marxismus zögern, gegen die geschilderte Verirrung vom Leder zu ziehen. Sie fühlen sich auf literaturgeschichtlichem Terrain auch unsicher. Dies einräumen heißt an einen unbefriedigenden Aspekt hiesiger Bildungspolitik rühren. Mit dem Ruf nach der allseitig gebildeten Persönlichkeit auf den Lippen, mit der Befürchtung, sie könne zum Individualismus tendieren, im Hinterkopf, nehmen wir manchmal den Mund ein bisschen voll. Für ein wenig mehr Vielseitigkeit zu sorgen wäre schon hilfreich. Die Kombination philosophischer und literaturwissenschaftlicher Sachkenntnis ist allzu rar. Was bleibt zu tun? Der bloße Appell an die Ästheten, schärfer zu denken, und an die Denker, sich mehr im Musischen umzutun, nützte wenig, verliehen ihm nicht organisatorische Maßnahmen Nachdruck, und die wieder gerieten zu Papier und bürokratischer Routine, solange sie der Orientierung an einem Leitbild entbehren. Ob dazu nicht am ehesten Lukács taugt, wäre zu überlegen. Ich glaube, ja.«60 Seinen Aufsatz beendete Harich mit den Worten: »Eine sozialistische Gesellschaft nun bietet günstige Bedingungen dafür, an die Stelle fragwürdiger Philosophie den dialektischen und historischen Materialismus treten zu lassen und die Inspiration durch ihn auch literaturtheoretisch zur Geltung zu bringen. Fragt sich nur, wie das in prekären Fällen zu bewerkstelligen ist. Selbst angenommen, Lehmann und Middell, Schlenstedt, Staszak und Franz wären bereit, noch einmal einen Gewi-Nachhilfekurs zu absolvieren, es käme nicht viel dabei heraus. Die Initiative des Brückenschlags zu ihnen, der ausgestreckten Bruderhand (die freilich ruhig auch mal einen Nasenstüber sollte austeilen dürfen), müssten die Kader der marxistischen Philosophie ergreifen. Das hätte Sinn, vorausgesetzt, sie hätten den ganzen Lukács intus und wüssten mit ihm zu operieren und begäben sich mit ihm, mit den von ihm geschmiede- 60 Band 9, S. 458 f. 3 2 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ten Wa en in den ressortüberschreitenden, den interdisziplinären Meinungsstreit. Dazu gehört aber einiges. Solange sie sich nicht mit derselben Subtilität, mit der sie den hypothetischen Urknall des Universums oder den tendenziellen Fall der Durchschnittspro trate am Schnürchen haben, auch über die weltanschaulichen Gründe zu äußern wissen, aus denen wir für das Symbol und gegen die Allegorie Partei nehmen sollten, stehen sie dem Kulturverfall im Nachbarinstitut, der Konfusion im Redaktionskollegium drei Straßenecken weiter hil os und ratlos gegenüber. Aus so manchem Morast vermag Lukács uns herauszuziehen. Wir leisten uns daher selbst einen guten Dienst, wenn wir an sein gewaltiges Vermächtnis mit Respekt, mit Wissbegier, mit Lernbereitschaft herangehen und, angesichts etlicher Lücken und Mängel, Verständnis dafür aufbringen, dass dort, wo der Himalaya sich auftürmt, nicht auch noch die Alpen oder, wenn man so will, weite Tiefebenen besät mit Maulwurfshügeln, liegen können. Und gefasst sein müssen wir auf eines: Der Mann verlangt eine Menge. An Mühsal schenkt er uns nichts.«61 5. Unverö entlichte Manuskripte 2: Nietzsche In seinem Brief an Stephan Hermlin vom 9. Mai 1987 hatte Harich von zwei Manuskripten aus seiner Feder gesprochen, die in der DDR unterdrückt würden. Die Geschichte des ersten Aufsatzes, Mehr Respekt vor Lukács!, wurde im vorangegangenen Unterkapitel rekonstruiert. Der zweite Beitrag, den er meinte, war sein Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? Die dem Text vorangegangenen Ereignisse und Debatten beschrieb Harich gegenüber Hermlin zusammenfassend: »Es bereitet mir seit Jahren große Sorgen, dass die Nietzsche-Renaissance aus dem Westen auch auf unserer Republik übergreift. 1985, kurz vor Weihnachten, kam bei uns im Buchhandel eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Ecce homo heraus. Kurz zuvor hatte Willi Stoph, vor einem Gremium, das für die P ege nationalen Kulturerbes bei uns zuständig ist, betont, dass in der DDR ›alles Große und Edle, alles Humanistische und Revolutionäre‹ aus deutscher Vergangenheit geehrt und gep egt würde, wir aber keinerlei Wert auf reaktionäre Traditionen legten. In einer Eingabe, datiert vom 22. Dezember 1985, nahm ich Stoph beim Wort und bat ihn, dagegen einzuschreiten, dass bei uns in zunehmendem Maße auch Nietzsche in die Erbep ege einbezogen wird. Unter anderem wies ich ihn darauf hin, dass im Oktober 1985 mein Protest gegen das schamlose Vorhaben der NFG Weimar, die Nietzsche-Büste von Max Klinger aufzustellen, von Kulturmi- 61 Band 9, S. 459 f. 3 2 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e nister Ho mann zurückgewiesen worden war. Nicht von Stoph, sondern von Kurt Hager erhielt ich im Januar 1986 eine Antwort. Hager dankte mir für mein Brief, erklärte sich in allem Wesentlichen mit mir einverstanden und bat mich am Ende seiner Ausführungen sogar um Ratschläge. Datiert vom 30. Januar (sic!) ließ ich ihm eine Denkschrift mit detaillierten Vorschlägen zugehen. Da ich auch in diesem Falle, wie bei Lukács, siehe oben, die Angelegenheit nicht in die Ö entlichkeit tragen wollte, war der Kern dessen, was ich da empfahl, eine diskrete, interne Selbstverständigung unter sachkundigen marxistischen Philosophen, Literarhistorikern, Kulturhistorikern und Kulturpolitiker. Hager antwortete mir nicht mehr. Im Sommer 1986 häuften sich die Anzeichen einer bei uns bevorstehenden Nietzsche-Renaissance. Am 4. Juni wandte ich mich erneut an Hager und fügte dem Brief eine Kopie meiner Denkschrift vom Januar bei. Es rührte sich nichts. Dann erschien in Heft 5, 1986 von Sinn und Form der Nietzsche-Aufsatz von Heinz Pepperle – eine mit durchsichtig pseudo-kritischen Vorbehalten sich absichernde Nietzsche-Apologie, verfasst von einem subalternen Burschen, der keine Ahnung hat, aber, so wie die Dinge nun einmal leider liegen, außerordentlich geeignet scheint, den Befürwortern der Einbeziehung Nietzsches in unserer Erbep ege die ihnen erwünschte Schützenhilfe zu leisten. Ich schäumte vor Wut, als Höpcke mir auf eine Anfrage hin schrieb, dieser doch sehr kritische Artikel erfülle den Zweck, die Diskussion über Nietzsche bei uns ›einzugrenzen‹, und sich seinerseits auch für die Aufstellung der Klingerschen Nietzsche-Büste in Weimar aussprach. Da Höpcke außerdem keinen Finger dafür gerührt hatte, für den Abdruck meines – von ihm selber angeregten – Lukács-Beitrages in den Weimarer Beiträgen zu sorgen, brach ich in einem geharnischten Schreiben alle Beziehungen zu ihm ab.« Von Max Walter Schulz, dem Chefredakteur der Sinn und Form, den Harich betitelte als »Exekutor der Höpckeschen ›Eingrenzungs‹direktive«, erhielt er den Bescheid, dass kritische Zuschriften zu Pepperles Aufsatz maximal fünf Seiten in Anspruch nehmen dürften. Trotz monatelanger Bemühungen sei ihm die Einhaltung dieser Begrenzungsau age nicht gelungen. Doch Schulz habe ihm mitgeteilt, dass es nicht möglich sei, von diesem Beschluss abzuweichen. Harich verfasste dennoch 1987 seinen Artikel und reichte ihn bei der Sinn und Form ein. Am 24. März 1987 meldete Schulz den ganzen Vorgang an Kurt Hager weiter.62 Schulz teilte mit, dass er seit dem Druck des Pepperle-Artikels von Harich »mit Protesten bzw. mit ultimativen Forderungen« »bestürmt« werde. Anfang März habe dieser dann 62 Schulz, Max Walter: Brief an Kurt Hager vom 24. März 1987, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 3 2 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ein »Original-Manuskript von 65 Seiten« eingereicht, obwohl ihm gesagt worden sei, dass man keine Erwiderungen wolle. »Die erste Hälfte dieses Manuskripts wäre akzeptabel gewesen, sie verhält sich im Ton durchaus seriös.« Er habe den Abdruck dieses Teils vorgeschlagen, was Harich jedoch (trotz vorheriger Zusage) schließlich abgelehnt habe. Statt dessen habe er »ultimativ« den Abdruck des ganzen Beitrags verlangt. »Ich habe ihm darauf geantwortet, dass sein Spiel um alles oder nichts auch das Risiko des nichts einschließt, und ihm das Manuskript zurückgeschickt.« Denn der zweite Teil des Harich-Textes sei nicht edierbar. Er »ergeht sich nicht nur in polemischen und di amierenden Ausfällen gegen Pepperle, sondern auch in scharfen Attacken gegen kulturpolitische Maßnahmen zur Restaurierung des Nietzsche-Hauses in Weimar.« Er, Schulz, halte es für das »Klügste«, »daraus keinen Eklat zu machen«. Schließlich beendete Schulz seinen Brief mit den Worten: »Ich halte Wolfgang Harich im bedingten Sinn für einen kranken Menschen. Die Information an Dich, lieber Genosse Kurt Hager, erfolgt nur aus dem Grund, um zu verhindern, dass sich unter Umständen eine falsche Front bildet zwischen Harichs Di amierung und den Genossen, die Sinn und Form als ein ›Dissidenten-Blatt‹ bezeichnen.« Gegenüber Hermlin schilderte Harich den Vorgang seiner Kenntnis nach wie folgt: »Nach Ablieferung meines Beitrages wimmelte Max Walter Schulz mich mit der unerträglichen Zumutung ab, ich solle mich mit dem Abdruck nur der Hälfte des von mir Geschrieben zufrieden geben und es ganz der Redaktion überlassen, wann sie das veröffentlichen werde. Als ich darauf nicht einging, stellte Schulz mich als jemanden hin, der ›Alles oder Nichts‹ fordere und damit ein ›Spiel‹ treibe, das halt auch das Risiko des Nichts in sich berge. Nun frage ich Dich: Wer ist Pepperle, gemessen an mir? Wie kann man es wagen, einer solchen Niete, von der – und sie ist immerhin 56 Jahre alt – bislang nichts Nennenswertes vorliegt (in diesem Alter lagen meine beiden Jean-Paul-Bücher seit zehn bzw. fünf Jahren vor) –, in Sinn und Form 36 Seiten zur Verfügung zu stellen und mir nur etwa die Hälfte davon zuzubilligen?« Für dieses ganze Prozedere und auch für die Ablehnung des Drucks seines Beitrages machte Harich vor allem Kurt Hager verantwortlich. Er entwickelte dabei erste Überlegungen und Vermutungen, die sich in den folgenden Jahren für ihn immer stärker als zutre end herausstellten: 3 2 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Wie ist sein Verhalten zu erklären? Ich sehe nur zwei Möglichkeiten. Manche meinen, Hager sei ein überforderter alter Mann, dem die Dinge aus der Hand gleiten. Gegen diese Hypothese spricht die Vitalität, mit der er riesenlange Reden hält (zum Beispiel die im heutigen ND abgedruckte). Bleibt also die andere Erklärung: In Dingen, von denen er wenig Ahnung hat, haben falsche Ratgeber ihn in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus der er jetzt schwer heraus ndet. Auf die Handschrift falscher Ratgeber lässt die Nonchalance schließen, mit der 1985 bei Gründung der NFG Berlin für Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts, in Sachen Expressionismus, Bauhaus, atonale Musik usw., kurz, in Bezug auf den ganzen Komplex der spätbürgerlichen Kulturzersetzung, von Hager nicht nur bewährte marxistisch-leninistische Einschätzungen, die von Lukács stammen, sondern auch Erkenntnisse Rillas, Girnus’, Bechers, Abuschs, Rodenbergs usw. einfach vom Tisch gewischt worden sind. Wenn das bei der Gelegenheit Wekwerth getan hätte oder, allenfalls, noch Ho mann, der Kulturminister, um den Leuten von den NFG bei ihrer künftigen Arbeit nicht Lust und Liebe zu verderben, wäre alles nicht so schlimm. Aber war es nötig, das Politbüro und das Sekretariat des ZK der Partei durch den Mund ihres höchsten kulturpolitischen Vertreters gegen eigene frühere Beschlüsse, die in der Substanz völlig richtig sind, auf eine derartige neue Linie festzulegen? Nun, wer A sagt, muss auch B sagen. Die Rehabilitation des Expressionismus hat die des Futurismus logisch zur Folge, und dann kann die von Nietzsche nicht ausbleiben. Lukács stört dabei. Hager scheint sich dessen nicht bewusst gewesen zu sein. Seine falschen Ratgeber aber dürften sich ins Fäustchen lachen. Und wer steht hinter ihnen? Ich weiß es nicht. Nur eins weiß ich: Käme Nietzsche bei uns durch, gäbe es nichts mehr, was nicht möglich wäre.« Nach diesen Schilderungen, denen zu Lukács und denen zu Nietzsche, machte Harich gegenüber Hermlin geltend, dass dieser nun wisse, dass es in der DDR sehr wohl Unterdrückung im Bereich der Kultur gebe. Hermlin habe damit auch einen Teil der Verantwortung dafür, dass die Kulturpolitik der DDR sowie deren Ansehen im Ausland nicht weiter in die falsche Richtung laufe und Schaden nehme. »Doch Du gurierst ja als Gewährsmann der bei uns angeblich obwaltenden Liberalität gegenüber Manuskripten. Die Details der Unterdrückung meiner jüngsten Manuskripte kennst Du jetzt. Fass Dir ein Herz, begibt Dich zu unserem Landesvater, deinem Mitstreiter aus glorreichen Jungkommunistentagen, und kläre ihn über diese ihm noch unbekannten Details auf. Ich befürchte, er verlässt sich einerseits auf den – o enbar schlecht beratenen – Kurt Hager und steht andererseits vielleicht sogar auch unter dem Ein uss einer Valutalobby, die so etwas wie ein ›Interhotel Friedrich Nietzsche‹ für devisenbrin- 3 2 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re gende Ausländer in Röcken bei Lützen planen mag, wenn nicht gar bei Weimar, womöglich zwischen Weimar und Buchenwald – das fehlte noch. (Kulturminister Ho mann schrieb mir im Oktober 1985, bei Begründung seiner Ablehnung meiner gegen die Büste gerichteten Eingabe, dass er für 1994 – zum 150. Geburtstag Nietzsches – mit einem starken Andrang im Gästehaus der Weimarer NFG, dem einstigen Nietzsche-Archiv, rechne.) Also, auf zu Honecker, Stephan!« Nach langen Auseinandersetzungen konnte Harichs Revision des marxistischen Nietzschebildes? schließlich in der DDR erscheinen, es war seine letzte Publikation bis zum Ende des Staates. Bevor hier allerdings der Beitrag Harichs zu rekapitulieren ist, muss ein kurzer Blick auf jenen Text geworfen werden, der seinen Widerspruch herausforderte, im Prinzip das sprichwörtliche Fass für ihn mit einem letzten Tropfen (nach Harich freilich ein wirklich schwerer und inhaltlich gesteuerter Tropfen) zum Überlaufen brachte: Im 5. Heft der Sinn und Form von 1986 erschien Heinz Pepperles Aufsatz Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes? Vom inneren Zusammenhang einer fragmentarischen Philosophie.63 In verschiedenen Zitaten und Verweisen war bereits die Rede davon, dass die Sinn und Form, zumindest in der Außendarstellung, diesen Text als einen – besser: den – Beitrag zu einer modernen Nietzsche-Kritik ansah. Mehr als nur eine Täuschung, wie Harich empört mehrfach deutlich machte. Grund genug, etwas genauer zu überprüfen. Auch heute noch ist es nicht so einfach, Pepperles Text wirklich exakt zu verorten. Denn auf den ersten, ober ächlichen Blick scheint es tatsächlich so, als ob er sich in den Bahnen der marxistischen Nietzsche-Kritik bewegen würde. Pepperle erklärte Eingangs, dass es ihm nicht um die »neuerlich zu beobachtende verstärkte Nietzsche-Rezeption« und auch nicht um die bürgerliche Nietzsche-Literatur gehe, sondern: »Sinnvoller erscheint es, an die marxistische Tradition anzuknüpfen, sich Nietzsche selber zuzuwenden und an Hand der Quellen die Probleme zu erörtern.«64 Das freilich machte er nun gerade nicht. Lukács wird zwar drei-vier Mal erwähnt, aber dies sind eher namentliche Nennungen ohne jeden Bezug auf den Inhalt. Verweise auf Franz Mehring, Hans Günther und die marxistische Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sucht man vergebens. Man wird den Eindruck nicht los, dass sich Pepperle außerhalb der herrschenden Diskurse ansiedeln wollte. Aus der Perspektive Harichs wäre ein 63 Pepperle, Heinz: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes? Vom inneren Zusammenhang einer fragmentarischen Philosophie, in: Sinn und Form, Heft 5, 1986, S. 934–969. 64 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 934 f. 3 2 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e weiterer Fakt hier zustimmend zu erwähnen: Es sind die Zwischentöne, die, wenn sie Ernst genommen werden, in letzter Konsequenz doch relativ deutlich anzeigen, dass es Pepperle nicht um eine zumindest partielle Bekräftigung der vorliegenden Nietzsche-Kritik ging, sondern um deren Zurückweisung bei gleichzeitigem Verzicht auf argumentative Auseinandersetzung mit ihr. In diesen Kontext gehört beispielsweise, dass Pepperle die Nietzsche-Ausgabe von Georgio Colli und Mazzino Montinari als Voraussetzung und Versuch deutete, »sich Nietzsche von links zu nähern (…) und in diesem Zusammenhang das bisherige marxistische Nietzsche-Bild in Frage zu stellen«.65 Bedauerlicherweise, so Pepperle weiter, hätte Montinari seine Überlegungen nie in einer zusammenhängenden Interpretation verdichtet, es gäbe von ihm lediglich Aufsätze. In einem (Nietzsche zwischen Alfred Bäumler und Georg Lukács) kritisiere dieser Lukács, was durchaus verständlich und nachvollziehbar sei, aber eben mit falschen Argumenten und an der falschen Stelle: »Dass Lukács in seiner Analyse heute in manchem vertieft werden muss, dass di erenziertere Einschätzungen notwendig sind, wird man gerne einräumen, ebenso dass er im Ganzen zu wenig unterschieden hat zwischen den Problemstellungen und den Antworten, wie sie Nietzsche gab. In diese Richtung geht jedoch Montinaris Kritik nicht.«66 Sätze wie diese forderten Harichs Einspruch heraus: Lukács di erenzierter sehen, bei Nietzsche zwischen Frage und Antwort unterscheiden, dies sei prinzipiell der falsche Weg. Ähnliches ließe sich über andere esen Pepperles sagen, erwähnt sei als Beispiel der Satz: »In der Tat gehören Nietzsches Lehren von der ewigen Wiederkehr zu seinen unschuldigen Gedanken, und Lukács’ Polemik ist in diesem Punkt überzogen.«67 Harich wendete sich gegen diese Überlegung mit den Worten: »Als Verdienst dagegen könnte Pepperle angerechnet werden, dass er die Lehre von der Wiederkehr des Ewiggleichen, ein Kernstück von Nietzsches Weltbild, als wissenschaftlich unannehmbar bezeichnet und dem weit verbreiteten, auch von Montinari wiederholten Missverständnis, sie sei gleichbedeutend mit einer kosmologischen Überlegungen von Engels, aus der Dialektik der Natur, entgegentritt (S. 937). Viel von dem, was Pepperle über die logische Inkohärenz dieser abstrusen Spekulation, über deren Unbrauchbarkeit 65 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 935. 66 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 935. 67 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 937. 3 3 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re für die intendierte Begründung ethischer Maximen ausführt (S. 952 .), ist beizup ichten. Um so befremdender wirkt es, wenn er ausgerechnet die Wiederkunftslehre zu Nietzsches ›unschuldigen Gedanken‹ zählt und Lukács’ Polemik gegen sie als ›überzogen‹ abtut (S. 937).« Was Harichs Protest sicherlich ebenfalls herausforderte, war die Tatsache, dass Pepperle sich ernsthaft mit Nietzsche beschäftigte, also dessen Philosophie a) als eine solche wahrnahm und b) sich mit dieser auseinandersetzte. Womit, Harich zu Folge, eben immer auch die Intentionen verbunden sei, dass dies verlohne, dass etwas Brauchbares zu nden wäre. Pepperle schrieb: »Tatsächlich bereitet Nietzsches Philosophie der Interpretation und dem Verständnis einige Schwierigkeiten. Damit ist nicht gesagt, dass Nietzsche etwa schwer zu lesen wäre. Im Gegenteil: Obwohl es als weithin unbestritten gilt, dass Nietzsches Sprachkultur von einer Meisterschaft zeugt, die in der deutschen Literatur ihresgleichen sucht,68 hat er seine Gedanken doch zugleich in so verständlicher Weise dargelegt, dass auch die Art des Schreibens dazu beigetragen hat, ihm einen Massenein uss zu sichern. (…) Wer sich mit Nietzsche beschäftigt, wird sofort gewahr, dass es hier primär um Moral, Ursprung der Moral, um die Kultur, um den Menschen geht, zudem in einer ausgesprochen psychologisierenden Weise und in nicht enden wollenden nuancierten Wiederholungen. Diese zeugen freilich auch von beachtlicher Begabung, bestimmte Grundanschauungen in immer neuer Gestalt und Form zu beleuchten.«69 Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kritisierte Pepperle Nietzsche an verschiedenen Stellen. Er arbeitete aber auch Momente heraus, zum Beispiel mit Blick auf die Religionskritik, in denen sich Anliegen und Argumentation von Nietzsche mit denen von Strauß, Bruno Bauer, Feuerbach und Marx überschneiden würden. Wobei Pepperle »natürlich« darauf hinwies, dass das Progressive und Humane im Marxismus zu nden wäre. Nichts desto trotz, so Harich, die Analogien seien gezogen. Pepperle machte jedoch geltend, dass beachtet werden müsse, »dass man Nietzsche nicht gerecht wird und von seiner Philosophie nichts verstanden hat, wenn man sie im überkommenen Sinne als wissenschaftliche, auf objektive Wahrheit gerichtete Weltanschauung begreifen will und nicht von vornherein als ein rein subjektives Weltbild, das nur in- 68 Gegen die analoge Behauptung Buhrs wendete sich Harich in seinem Brief vom 26.  April 1988 an Lothar Berthold, siehe die später folgenden Hinweise und Zitate. 69 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 938 f. 3 3 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e teressierte Betrachtung, subjektive Interpretation und Zurechtlegung, immer ein Sehen aus einer bestimmten Perspektive ist«.70 Dass das Subjektive in Momenten der Massenverirrung (z. Bsp. Nationalsozialismus) für eine Zeit aber eine, wenn auch falsche, »objektive« Suggestionskraft annehmen kann, blendete Pepperle aus. Es ist hier, die Darstellung von Pepperles Interpretation abschließend, von daher noch darauf zu verweisen, wie dieser den von Harich (und auch Lukács) immer wieder betonten Zusammenhang zwischen Nietzsche und dem Faschismus gesehen hat. Er ging dabei (freilich mit einer anderen Intention) von folgender Konstellation aus: »Unübersehbar ist der Ein uss Nietzsches in der gesamten imperialistischen Kulturphilosophie und, durch seine psychologischen Analysen, in der so genannten Charakterologie, wie sie etwa durch Klages repräsentiert wird. Welche überragende Rolle Nietzsche in der modernen bürgerlichen Ideologie spielt, zeigt sich zudem daran, dass er neben Philosophen auch Künstler und Schriftsteller in seinen Bann zog. Man kann ohne Übertreibung sagen, es war eine ganze Schriftstellergeneration, die sich zu Nietzsche hingezogen fühlte und die oft mehr als nur im Detail von ihm Gedanken aufnahm.«71 Als Beispiele nannte Pepperle omas Mann und den Kreis um Stefan George. Doch es habe nicht nur die Wirkung in der bürgerlichen Gesellschaft gegeben: »Es ist bekannt, wie sehr die Nazis Nietzsche strapazierten und dass sie, außer Lagarde und Chamberlain, nur Nietzsche als ›ihren Philosophen‹ anerkannten.«72 Gegen diese von den Nazis geltend gemachte »geistige Wahlverwandtschaft« sei mehrfach eingewandt worden, dass sie Nietzsche missbraucht und verfälscht hätten. Dieser Einschätzung p ichtete Pepperle bei: »Es stimmt, dass Nietzsche von den Nazis geplündert wurde und dass sich vieles bei ihm ndet, was der faschistischen Ideologie zutiefst widerspricht. So war Nietzsche kein Antisemit, er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. Er war auch nicht gut auf die Deutschen zu sprechen und auf die verdummende Bismarcksche Machtpolitik.«73 Zudem: »Rassentheorien im üblichen Sinne lehnte er ebenfalls ab und bezeichnete sie als Schwindel.«74 Damit war nun eine Position bezeichnet, bezogen, die der von Harich völlig antagonistisch und unvermittelbar gegenüberstand: Denn dieser vertrat immer die Meinung, 70 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 957 f. 71 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 964. 72 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 964. 73 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 965. 74 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 965. 3 3 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re dass die Nazis Nietzsche nicht missbraucht, sondern gebraucht hätten. Er schrieb als Antwort auf Pepperle: »Von den Faschisten ist Nietzsche nicht etwa missbraucht worden. Er war tatsächlich ihr wichtigster, ihr entscheidender geistiger Wegbereiter. Vor allem Lukács und Günther haben dies schon zu einer Zeit, als sie über ihn noch manche Illusion hegten – die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs stand noch aus –, über jeden Zweifel hinaus klargestellt. Weil sie sich hierbei freilich, verständlicherweise, darauf konzentrierten, den Faschismus in der ihnen unmittelbar geläu gsten, der überdies mächtigeren und brutaleren deutschen Variante zu bekämpfen, rückte das Urmodell italienischer Provenienz für sie fast ganz aus dem Blickfeld. So sind ihnen Phänomene entgangen, deren Berücksichtigung ihre Argumentation zusätzlich hätte stützen, sie mit weiteren Gesichtspunkten hätte anreichern können.« Dass es gar Momente gäbe, die Di erenzen zwischen der faschistischen Ideologie und dem Denken Nietzsches bezeichneten, wie von Pepperle behauptet, wies Harich auf ganzer Linie zurück. Von daher waren es eben solche Aussagen, die es Harich dann unmöglich machten, die erneute Relativierung der eigenen esen durch Pepperle selbst als glaubhaft in Betracht zu ziehen. Dieser hatte geschrieben, dass es sich bei dem gerade Gesagten nur um die eine Seite der Philosophie Nietzsches handle, es gebe auch eine andere: »Erstens waren es eben doch Nietzsches Worte, die die Faschisten im Munde führten (…). Nietzsche hatte Lehren vertreten und Gedanken formuliert, die tatsächlich, wie Ernst Bloch einmal schrieb, ›faschistisch brauchbar‹ waren. Zweitens ist es überhaupt nicht wesentlich, was die Faschisten aus Nietzsche entnahmen und wie korrekt sie das taten. Wesentlich ist vielmehr, dass Nietzsche mit seiner vehementen Gegnerschaft zur demokratischen Lebensform und zum Sozialismus, mit seinem Kampf gegen Wahrheit und Geist, seiner Verwerfung der Humanität und der Verherrlichung der Instinkte, mit der Proklamierung der Vorherrschaft des Willens gegenüber der Vernunft und des von ihm vertretenen Relativismus in verhängnisvoller Weise als ein geistiger Wegbereiter des Faschismus gewirkt hat, und dass ohne seine Ideen und die Tätigkeit derer, die in seinen Fußstapfen weitergegangen sind, der Faschismus geistig nicht einen derartig fruchtbaren Boden vorgefunden hätte, wie es dann der Fall gewesen ist.«75 75 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 965. 3 3 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Auch bei dieser Passage und ihrem Kontext hörte Harich natürlich die Untertöne und Nebengeräusche. Für ihn war der Aufsatz von Pepperle kein Einzelfall, kein solitäres Ereignis, sondern vielmehr ein exemplarisches Beispiel jener Tendenzen, die er in den achtziger Jahren immer wieder bekämpfte: Lukács werde vorderhand gelobt, zumindest kurz positiv genannt, um ihn dann anhand jeweils spezi scher Beispiele zu kritisieren. Analoge Versuche zu Pepperle sah er beispielsweise in den bereits genannten Texten im Rahmen und Nachklang des Lukács-Jubiläums von 1985. Wenn Ein uss und Urteil des ungarischen Philosophen dann auf diese Weise abgeschwächt oder zurückgedrängt wären, könnten die eigentlichen Ziele anvisiert werden: Im Fall Pepperles erblickte Harich diese in dem Versuch, über Nietzsche zu diskutieren, diesen damit interessant zu machen und weiterer Debatte zu überstellen mit dem einzigen Zweck, die marxistische Kulturpolitik der DDR zu unterhöhlen und reaktionäres Gedankengut zu reaktivieren. Es zeigt sich an dieser Stelle auch noch einmal, wie wirklich intensiv für Harich die an und für sich ja getrennten »Felder« Nietzsche und Lukács zusammenhingen. Das eine sein ohne das andere nicht zu haben. Peter Feist hat den Streit zwischen Harich und Pepperle einmal als Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten bezeichnet.76 Er meinte damit, dass beide eigentlich Ähnliches wollten, aber aneinander vorbei redeten. Doch diese Einschätzung greift, wie bereits angedeutet, zu kurz. Denn es waren zwei komplett unterschiedliche He range hens weisen an Nietzsche, die aufeinanderprallten. Es ist an dieser Stelle daher unumgänglich, zumindest einen kurzen Blick in Harichs Nietzsche-Aufsatz, den er als Kritik an Pepperles Text verfasste, zu werfen. Dieser begann seine Ausführungen mit der Feststellung: »Mir ist nicht klar, wie Heinz Pepperle die von ihm aufgeworfene Frage beantwortet wissen möchte. Mit einem eindeutigen Nein? Das stünde auf zu schwachen Füßen bei ihm. Die Kritik, die er an Mazzino Montinari übt, an vielen Urteilen eines in den eigenen Forschungsgegenstand vernarrten Philologen, der weder philosophisch noch kulturgeschichtlich Nennenswertes mitzuteilen hatte, besagt wenig. Denn im selben Atemzug wendet Pepperle, insoweit Montinari zustimmend, sich auch gegen einen der großen Denker dieses Jahrhunderts. In Georg Lukács greift er den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus an. Und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz 76 Feist, Peter: Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten, in: Heyer (Hrsg.): Harich in den Kämpfen seiner Zeit, Hamburg, 2016, S. 289–300. 3 3 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Malorny, würdigt er keiner Silbe. So entsteht ein Ungleichgewicht, durch das seine Verteidigung marxistischer Positionen, sollte sie beabsichtigt sein, Schlagseite kriegt: nach rechts. Ich will versuchen, sie vorm Kentern zu bewahren.« Harichs Aufsatz setzt zwei große thematische Schwerpunkte. Der erste beschäftigt sich mit den möglichen und notwendigen Ergänzungen der marxistischen Nietzsche-Kritik. Insgesamt machte er sechs Punkte geltend, die er bereits in den Monaten und Jahren zuvor in Briefen und anderen Texten angesprochen hatten. Im Prinzip kann von einer Bündelung, einer Zusammenschau seiner diesbezüglichen Anschauungen gesprochen werden. 1) Es müsse deutlicher zwischen Nietzsche und Schopenhauer di erenziert werden, gerade mit Blick auf so elementare menschliche Emp ndungen wie Mitleid. Die von Nietzsche vertretene Position der völligen Ausmerzung des Mitleidens, der Nächstenliebe usw. – im Prinzip aller menschlichen Regungen, die den Menschen erst zum Menschen machen – könne nur zur Konsequenz haben, ihn »uns noch verhasster zu machen, als er es seinen bisherigen marxistischen Gegner, mit Einschluss von Lukács, gewesen ist«. 2) Das Verhältnis des Faschismus zu Nietzsche müsse neu bestimmt werden. Dies betre e beispielsweise die Entwicklung der kulturellen Grundströmungen des Faschismus. Harich meinte damit beispielsweise den italienischen Futurismus: »Hätte Lukács mit dem (Marinetti, AH) sich näher befasst, mit dem von ihm begründeten Futurismus, mit dessen enormer Wirkung auf die deutsche, die französische, die spanische, auch die russische Pseudoavantgarde, ihm wäre bewusst geworden, dass faschistische Politik und spätbürgerliche Kulturzersetzung eineiige Zwillinge sind, unbeschadet des pragmatischen Interesses der zur Macht gelangten Nazis, massenwirksame Werbung für ihre Ziele durch wirksame Poeten und Maler mit einer Demagogie zu verknüpfen, die Hitler vor traditionalistisch orientiertem Bürgertum als Verteidiger der Bildungswerte gegen einen ktiven ›Kulturbolschewismus‹ posieren ließ. Die Zusammengehörigkeit von Faschismus und Futurismus lehrt, dass es ohne umfassendes, uneingeschränktes Nein zu Nietzsche keine sicheren Kriterien für die Beantwortung dieser Fragen geben kann. Seine Ablehnung durch Lukács, so goldrichtig sie ist, geht hier nicht weit genug. Auf einen breiteren gesellschafts- und geistesgeschichtlichen Zusammenhang bezogen, entbehrt sie 3 3 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e hinreichender Konsistenz. Die herzustellen bleibt für die Ideologiekritik des Marxismus ein sie herausforderndes Desiderat.« 3) Nietzsches Gegnerschaft zur Emanzipation der Frau, seine Verachtung des weiblichen Geschlechts müsse weitaus stärker thematisiert werden als bisher geschehen.77 (Erinnert sei an die Schilderung Harichs über sein Gespräch mit Wolfgang Heise, in dem dieses ema ebenfalls eine Rolle spielte.) Mit den Worten Harichs: »Die marxistische Kritik an Nietzsche haben Männer geschrieben. Schwerlich kann ihnen verborgen geblieben sein, dass Marx die Emanzipation des weiblichen Geschlechts mehrmals für den Gradmesser erklärt hat, an dem exakt der Fortschritt der Gesellschaft, der in ihr erreichte Stand der Zivilisation sich ablesen ließe. Trotzdem sind noch von keinem Marxisten die Schmähungen, die Nietzsche sich gegenüber den Frauen herausnimmt, in die Polemik gegen ihn mit einbezogen worden. Der Nachholbedarf in dieser Beziehung ist groß. (…) Folglich werden Marxisten, die sich mit Nietzsche befassen, ihn künftig als den Erz-Chauvi, der er war, und dies als eine seiner grässlichsten Seiten kenntlich zu machen haben.« 4) Nietzsches Stellung zur Rassenfrage sei lange Zeit unklar gewesen. Noch Lukács in seinen frühen Schriften und Hans Günther hätte die Problemlage verkannt. Erst Die Zerstörung der Vernunft habe zu diesem ema wesentliche und noch gültige Aussagen gemacht. In diesem Kontext wies Harich auch die bereits wiedergegebene Einschätzung 77 »Marxisten verbinden ihr Eintreten für volle Gleichberechtigung der Frau mit der Distanzierung von Tendenzen, die Frauenfrage zu verselbständigen und alle Missstände der Gesellschaft durch Au ehnung des weiblichen Geschlechts gegen die Vorherrschaft des männlichen aus der Welt scha en zu wollen. Zuweilen wurde dem Geschlechterproblem hierbei unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Clara Zetkin neigte dazu, zu bestreiten, dass Arbeiterinnen mit den Frauen der Bourgeoisie irgendwelche gemeinsamen Interessen haben könnten. August Bebel, vor ihr, war eher bemüht gewesen, Frauen und Mädchen aus allen Volksschichten, auch bürgerliche, als Unterdrückte für die sozialistische Bewegung zu gewinnen. Der Feminismus unserer Tage hatte derlei Di erenzen, in veränderter, zum Teil zugespitzter Form, wieder au eben lassen. So oder so dazu Stellung zu nehmen, gehört nicht unmittelbar zum ema Nietzsche. Bei Gelegenheit dieses emas aber sollte eines unumstritten sein: Dass die bisherige marxistische Kritik an seiner Philosophie die Position, von der aus sie geübt wird, dem Verdacht aussetzt, einer achtlosen, gleichgültigen Haltung zur weiblichen Emanzipation, wenn nicht Vorschub zu leisten, so doch kaum im Wege zu stehen. Das trägt dazu bei, Ein uss und Anziehungskraft der Arbeiterbewegung zu beeinträchtigen; es erschwert ihr Bündnis mit den Feministinnen und ist durch das Gedankenerbe von Marx in keiner Weise legitimiert.« 3 3 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Pepperles, dass Nietzsche kein Antisemit gewesen sei, zurück. »Nichts davon hält unbefangener historischer Prüfung stand.« Mit Blick auf den Antisemitismus habe Nietzsche eine Position vertreten, die noch reaktionärer gewesen wäre als die der Antisemiten seiner Zeit. Und auch als Rassist müsse er wahrgenommen werden: »Wann immer Nietzsche auf farbige Völker zu sprechen kommt – nie anders als voller Verachtung –, ist er unzweideutig auf den Rassismus des Gobineauschen Typs eingeschworen.« Die zu ziehenden Konsequenzen seien eindeutig, das Urteil über Nietzsche stehe im Sinne des Marxismus fest: »Durch Nietzsches philosemitische Anwandlungen brauchen wir uns nicht düpieren zu lassen. An ihnen mag die rechtsextreme Fraktion der – selber durchaus rassistisch denkenden – Zionisten sich erfreuen, erkenntlich dafür, dass er den Geist der zum Suezkanal vorstürmenden Blitzkriegssieger und ihres christlich-germanischen Lobhudlers, des Axel Cäsar Springer, herbeigesehnt hat. Millionen ermordeter Juden aber mahnen uns, nicht die geringste Vertuschung und Verharmlosung von Nietzsches Antisemitismus mehr zu dulden. Und mehr noch sind wir es den Völkern der Dritten Welt, Opfern des Kolonialismus und Neokolonialismus, wie überhaupt den Menschen anderer Hautfarbe schuldig, seinen teils zu Raubzügen auf fernen Kontinenten ermunternden, teils nach gigantischem Sklavenimport gierenden Rassenwahn schonungslos anzuprangern.« 5) In der bisherigen Ideengeschichte habe es »keinen beredteren Künder der Gewalt, keinen passionierteren Kriegstreiber« gegeben als Nietzsche. Darauf hätten in den dreißiger Jahren bereits Lukács und Hans Günther aufmerksam gemacht. »Jede ernst zu nehmende, sachgerechte Beschäftigung eines Marxisten mit Nietzsche muss seither an Lukács und Günther anknüpfen.« An dem Urteil der beiden Marxisten gäbe es nichts zu rütteln. Gleichzeitig aber müssten wegen der neuen globalen Herausforderungen und Gefahren die von diesen entwickelten eorien noch verschärft und weiter in den Mittelpunkt gerückt werden. »Was zwingt denn zum Umdenken? Der Umstand, dass die Kriegsgefahr heute den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten in Frage stellt, dass durch sie die ganze Menschheit sich dem Risiko des Untergangs ausgesetzt sieht.« Diese esen hatte Harich seit Mitte der siebziger Jahre entwickelt – ausgehend von Kommunismus ohne Wachstum hatte er seine ökologische Konzeption immer stärker derartigen friedenspolitischen Überlegungen angenähert. 6) In dem 6. und abschließenden Punkt ging Harich dann noch einmal auf die »philologische Legende« ein, dass Nietzsche erst seit der Edition von Colli und Montinari 3 3 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e richtig gelesen und verstanden werden könne. Zweck solcher Ausführungen sei der Versuch, zwischen dem Faschismus und Nietzsche, zwischen dem Nationalsozialismus und Nietzsche, zwischen Hitler und Nietzsche einen Abstand zu scha en, der durch nichts zu rechtfertigen sei. »Was wird mit der Lüge bezweckt? Die über Nietzsche negativ Urteilenden, zumal die Marxisten unter ihnen, namentlich Mehring, Lukács und Günther, sollen als inkompetent, bestenfalls als ›durch den neuesten Forschungsstand überholt‹ diskreditiert werden mit der Begründung, den ganzen Nachlass hätten sie ja gar nicht gekannt. Und das, obwohl dessen Studium – aber wer begibt sich schon gern in diese Riesenkloake – das negative Urteil auf der ganzen Linie als richtig bestätigt. Suggeriert werden soll ferner, nur im Willen zur Macht erscheine Nietzsche, weil hier von seiner Schwester verfälscht, als inhuman.« Nicht Nietzsches Schwester habe dessen Philosophie so verfälscht, dass sie an den Nationalsozialismus anschlussfähig wurde. Ganz im Gegenteil: Durch ihr Wirken wären eher die vermeintlich humanen Seiten Nietzsches gestärkt worden. »So muss die marxistische Nietzsche-Kritik heute in ihren Aufgabenkreis die Zerschlagung der philosophischen Legende, die um den Nachlass gewoben wird, mit aufnehmen. Der Wert der Colli-Montinarischen Edition liegt lediglich darin, uns dies objektiv zu erleichtern, obwohl – oder gerade weil – die beiden con amore arbeitenden Herausgeber es aufs Gegenteil abgesehen haben. Es gilt, deren ideologisch irreführenden Intentionen Paroli zu bieten und sie zu durchkreuzen auch mit Hilfe des authentischen Materials, das ihre Forschung teils neu angeordnet, teils erst ans Licht gebracht hat. Ihr Nietzsche-Bild taugt nichts, und gerade aus den Texten ihrer Nietzsche-Ausgabe ist das zu belegen. Das im kapitalistischen Milieu ohnehin nicht zu vermeidende Rückfallverbrechen haben sie am ausschweifendsten begangen, doch eben damit in einer Weise, die dessen restloser, nie mehr zu widerlegender Aufklärung e ektiv die denkbar verlässlichste Handhabe bietet. Der Zweifelsfall, den das Recht einem Angeklagten zu Gute zu halten verlangt, existiert nicht mehr. Jeder Zweifel ist ausgeräumt. Das darf aber bei Leibe nicht so verstanden werden, als lohne es sich, Nietzsche in dieser Ausgabe zu lesen. Weder in ihr noch in irgendeiner anderen ist er zur Lektüre zu empfehlen. Eine Gesellschaft kann kulturell kaum tiefer sinken, als wenn sie die Kenntnis seiner Elaborate zu den Kriterien ihrer Allgemeinbildung rechnet. Die sämtlichen Schriften Christian Wol s, die lateinischen inbegri en, haben dies mehr verdient als auch nur ein einziger Nietzschescher Aphorismus. Den Mann 3 3 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nicht für zitierfähig zu halten, sollte zu den Grundregeln geistiger Hygiene gehören. Für die Orientierung in der Welt von heute und morgen wäre nichts verderblicher, als aus ihm Belehrung schöpfen zu wollen.« Die »Grundregeln geistiger Hygiene« standen dann in der Debatte oft in der Kritik. Doch es darf der überspitzte, zugespitzte Tonfall nicht darüber hinwegtäuschen, dass das gerade wiedergegebene Programm jene thematischen, inhaltlichen Eckpfeiler abbildet, die Harich wichtig waren. In Variationen waren sie in diesen Jahren in seinen Manuskripten und Briefen immer wieder präsent. Nachzulesen noch einmal am Besten in dem Vortrag Nietzsche als Schöpfer der faschistischen Ideologie, den er am 16. Dezember 1988 am »Buhr-Institut« hielt. Der zweite Teil des Aufsatzes von Harich, gegen den Max Walter Schulz ja frühzeitig bei Kurt Hager Protest eingelegt hatte, setzt sich dann mit den Ausführungen von Pepperle auseinander. »Die Frage, ob Heinz Pepperle den Erfordernissen zeitgemäß weiter zu führender Nietzsche-Kritik des Marxismus Genüge leistet, ist zu verneinen.« Dafür bediene dieser viel zu häu g gängige Vorteile, gehe an den eigentlichen Motivationen Nietzsches vorbei und anderes mehr. Auf einige der Einwände von Harich wurde bereits hingewiesen, erneut kann anhand seiner Gliederung seiner Argumentation nachvollzogen werden. »Anhänger Nietzsches ist Pepperle gewiss nicht. Er sucht er ihn, selbst lauwarm, mit einer Einstellung, die wir früher als ›Objektivismus‹ zu tadeln p egten, sehr gelassen, so wie es durch wachsenden historischen Abstand vermeintlich geboten erscheint, einzuordnen. Heraus kommt bei ihm auf diese Weise allerdings wenig, was uns heute weiterhelfen könnte. Soweit Pepperle sich ablehnend zu Nietzsche äußert, bietet er, statt neuer Befunde oder aktuellerer Sichtweisen, nur abermals Dinge, die Mehring, Lukács und Günther schon tiefer dringend diagnostiziert, sorgfältiger begründet und in präzisere Aussagen gefasst haben. Er hätte sich das sparen können, hätte auf sie verweisen sollen. Da er aber, Leuten wie Montinari denn doch entgegenkommend, ›gerne einräumt‹, dass ›Lukács in seiner Analyse heute in manchem vertieft werden muss‹, ist es angebracht, die ›di erenzierteren Einschätzungen‹, die er ihm voraus zu haben wähnt und die, nach seiner Meinung, nunmehr ›notwendig sind‹ (SuF, Heft 5, 1986, S. 935), auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Von Nebensächlichkeiten abgesehen, handelt es sich um die folgenden methodischen und inhaltlichen Divergenzen:« 3 3 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 1) Pepperle »legt, für eine Marxisten erstaunlich, Wert auf höchst partikuläre Momente in Nietzsches Leben, von denen er annimmt, sie seien für dessen Scha en von großer Bedeutung gewesen«. Gegen derartige biographische oder psychologische Ausdeutungen von Werken der Kultur- und Ideengeschichte hat sich Harich Zeit seines Lebens gewandt. Werk und Biographie seien voneinander zu trennen. 2) Harich wendete sich gegen die Analogisierung von Nietzsches Philosophie auf der einen und der von Strauß, Bruno Bauer, Feuerbach, Stirner, Heine sowie Marx und Engels auf der anderen Seite. Die dafür vermeintlich notwendige »di erenziertere« Beurteilung von Nietzsche, di erenzierter als diejenige von Lukács, wies Harich ebenfalls zurück.78 3) Verschiedene Fragen und Probleme, die die marxistische Philosophiegeschichte bereits geklärt habe, würden von Pepperle erneut aufgeworfen. Teils, weil er die früheren Werke nicht kenne, teils, weil er sie nicht kennen wolle – und nicht allzu häu g zum Besseren der Sache. 78 Pepperle »möchte ›di erenziertere Einschätzungen‹, als Lukács sie Nietzsche angedeihen lässt, diesem vergönnt sehen durch eine Unterscheidung zwischen dessen Problemstellungen und seinen Antworten (S. 935). Auf Anhieb gelingt das passabel. Nur sollte, wer ein derartiges Postulat aufstellt, achtgeben, inwieweit die Problemstellungen wirklich neu und ob die mit ihnen verknüpft auftretenden falschen Antworten nicht längst durch wahre oder, zumindest, relativ adäquatere obsolet geworden sind. Die Frage, ob jemand, der westwärts den Atlantik überquert, nach Indien gelangen werde, ist unzweifelhaft fruchtbar gewesen, so lange die Entdeckung Amerikas noch ausstand. Aber auch danach? Auf dem Umweg über den Versuch, das Ptolemäische Weltbild partiell wiederherzustellen, hat Tycho de Brahe es zu Ergebnissen gebracht, die sich als förderlich für die Einsichten Kepler erweisen sollten. Würden wir deswegen einem heutigen Spintisierer, der uns weismachen wollte, Sonne und Mond bewegten sich gleichermaßen um die Erde, noch das Verdienst einer interessanten Problemstellung zugestehen? Man führe unter diesem Gesichtspunkt sich Pepperles Anstrengungen, Nietzsche in gute Gesellschaft, will sagen: in die Nähe von Strauß, Bruno Bauer und Feuerbach, von Stirner und Heine, ja, von Marx und Engels zu rücken (S. 943  ., 956  .), zu Gemüte. O enbar verführt von Ungereimtheiten Karl Löwiths, die Lukács schon lange erledigt hat, tritt Pepperle hier auf wie ein etwas dreister Arithmetikschüler, der auf die Vorhaltung seines Lehrers, zwei mal zwei sei nicht gleich fünf, die Erwiderung parat hat, hinsichtlich der ›Problemstellung‹ der Multiplikation gehe er, der falschen Lösung ungeachtet, dennoch mit Adam Riese konform. Wissenschaftsgeschichtlich gesehen wäre das allein bedenklich genug. Leider geht es im vorliegenden Fall aber weder um geographische noch astronomische noch mathematische Fragen, sondern um Alternativen wie Fortschritt oder Reaktion, Sozialismus oder Imperialismus, Humanität oder Barbarei, Frieden oder Krieg.« 3 4 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 4) Harich argumentierte auch gegen die von Pepperle vorgetragene Ansicht, dass Nietzsche den faschistischen Horden entsetzt gegenübergestanden hätte und dass er sich als Europäer gefühlt habe. 5) Abschließend wies Harich dann auch die von Pepperle angestellten Überlegungen zur Wirkung Nietzsches auf die Literatur und die Kunst zurück. Folgendes Zitat kann seine Ansichten verdeutlichen: »Diverse Formulierungen Pepperles (S. 947, 964, 966 f.) leisten dem Bestreben Vorschub, aus Nietzsches Wirkung auf Literatur und Kunst eine Begründung dafür herauszuklauben, dass es unumgänglich sei, auch seinem Vermächtnis mit positiver, zumindest di erenzierender Wertung die der sozialistischen Gesellschaft würdige, aus ihr nicht fortzudenkende P ege des Kulturerbes angedeihen zu lassen. Mit Entschiedenheit ist dem entgegenzutreten. Natürlich wäre es falsch, über Nietzsche partout zu schweigen. Doch wo es unumgänglich ist, über ihn zu reden, da müssen die Maßstäbe stimmen, nach denen er beurteilt wird. Es fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, dass die nationale wie die Weltkultur ihm irgend eine wertvolle Anregung zu verdanken hätten. In jeder Hinsicht war seine Wirkung schädlich. Sowohl anhand der Strömungen, die von ihm ausgegangen sind (zu allererst ist hier, wie gesagt, der Futurismus zu nennen), als auch an den Irritationen, denen die ›Schulen‹ der Naturalisten, der Neuromantiker, der Expressionisten durch ihn ausgesetzt waren, lässt es sich dartun. Di erenziert zu werten sind die einzelnen Schriftsteller und Künstler, die, in der einen oder anderen Weise, Nietzsche rezipiert haben. Jeder ist da ein Fall für sich. Indes auch da führt die konkrete Analyse nie zu dem Resultat, dass seine Ideen per se einem bedeutenden Werk zustatten gekommen seien. Gewissenhaft durchgeführt, gelangt die Untersuchung stets zu dem entgegengesetzten Befund: Dass das Werk, an Rang und Gehalt durch ihn mehr oder weniger beeinträchtigt, unter Abweichung von seinen Intentionen, im Widerstand gegen ihn die eigene Qualität gewonnen hat. Die Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, die dem Spätbürgertum prononciert konforme wie die ihm opponierende, kennt Siege des Realismus und Siege der Humanität über den Ein uss imperialistischer Ideologie, der häu g, wenn nicht meist, durch Nietzsche vermittelt ist. Sie kennt keinen derartigen Sieg, der durch ihn, mit ihm zu zu Stande gekommen wäre. (…) Pepperle kann der Vorwurf demagogischen Vorgehens nicht erspart werden, wenn er sich ganz allgemein über Nietzsches Kulturresonanz auslässt, es aber vermeidet, die an Beispielen dieser Art – die ließen sich vielfach vermehren – zu verdeutlichen, und stattdessen auf Bernard Shaw und omas Mann zum Beleg verweist.« 3 4 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Seinen Aufsatz beendete Harich mit einem erneuten Verweis auf die Nietzsche-Renaissance, die auf die DDR überzugreifen drohe bzw. dies bereits schon in Ansätzen tue. »Diese Mode nun tri t hier auf Hausgemachtes. Sie ndet die Bereitschaft vor, an proble ma tische Gestalten deutscher Geschichte, wie Luther, Friedrich II. von Preußen, Bismarck, großzügiger als früher heranzugehen. Sie verbindet sich zugleich mit einer schleichenden Tendenz zur Aushöhlung kulturpolitischer Grundsätze, die es, in ihrer Substanz, nicht verdient haben, mit Dogmatismus und überstürzten Maßnahmen der Stalinschen Ära verwechselt zu werden. Und begünstigt wird sie, nicht zu vergessen, durch einen löblich ausgeprägten Sinn für Heimatkunde. Eine Weltberühmtheit, geboren in Röcken bei Lützen und dort auch begraben, aufgewachsen und oft zu Besuch in Naumburg, mit Studium in Leipzig, mit Sterbestunde in Weimar, ist, was sie auch angestellt haben mag, bei uns ein Vorschuss an neugierigem Interesse sicher. (Wie schwer verwinden wir's, dass Marx in Trier geboren ward und nicht in Chemnitz! Wie teuer wäre Wiebelskirchen uns erst, läge es im Mecklenburgischen!)« In diesem Kontext müsse der Aufsatz von Pepperle gelesen werden. »Er leistet dem Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auch auf die DDR, und damit auf die sozialistischen Länder überhaupt, Schützenhilfe, dem Autor mag es bewusst sein oder nicht.« Besonders problematisch sei dabei das von Harich ja beispielsweise bereits an Wolfgang Heise gerügte »liberale Verhalten« Pepperles, dessen »Objektivismus«. Gegenüber Nietzsche sei dieser falsch, da gelte es, sich zu bekennen: Ja oder Nein. Für einen Marxisten, so Harich unausgesprochen, sei die Entscheidung eigentlich notwendig und logisch vorgegeben. »Unkundige und Halbkundige gewinnen leicht den Eindruck: Nun ja, was dem Alten Fritz die Frau Mittenzwei war, das ist halt jetzt dem Nietzsche der Pepperle, und damit dürfte die Zeit herangereift sein, auch diesesfalls, selbstredend mit der gebührenden Reserve – der ja aber Genüge getan worden ist –, die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen. Und das, meine ich, darf unter keinen Umständen geschehen. Lieber sollte dann schon für Friedrich Nietzsche bei uns der Ruf gelten, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus enden lässt: ›Ins Nichts mit ihm!‹« Es wurde bereits wiedergegeben, dass Max Walter Schulz den Aufsatz Harichs von Anfang an nur um die zweite Hälfte gekürzt drucken wollte. Aber auch die schlussendlich publizierte Version war nicht vollständig, Harich musste der Streichung jener 3 4 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Passage zustimmen, die sich auf das bereits erwähnte Vorhaben der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar bezog. Diese Ausführungen waren also ganz o ensichtlich der SED und den Bürgern der DDR nicht zumutbar. Die Meinungsvielfalt der Gegner Harichs hatte hier ihr Ende, diese Meinung war für sie zu viel, kein potentieller Teil der geforderten Vielfältigkeit. Harich umschrieb in Nietzsche und seine Brüder den Vorgang: »WH: Ich sehe mich zunächst gezwungen, in eigener Sache … PF: Sie sprechen mir nun aber ein bisschen zu viel in eigener Sache, seit unserem fünften Dialog. WH: Nicht ohne Ihr Drängen. Was ich jetzt loswerden möchte, kann Ihnen – und unseren Lesern – unmöglich erspart bleiben. Es ist nicht wahr, dass ich, wie Metscher meint, bezüglich Nietzsches einfach gefordert hätte: ›Ins Nichts mit ihm!‹ Das ist ein grobes, freilich naheliegendes, aber von mir unverschuldetes Missverständnis. Ich muss es einmal richtig stellen. Die inkriminierte Stelle, am Ende meines Beitrags in Heft 5, 1987, von Sinn und Form, lautet: ›Unkundige und Halbkundige gewinnen leicht den Eindruck: Nun ja, was dem Alten Fritz die Frau Mittenzwei war, das ist halt jetzt dem Nietzsche der Pepperle, und damit dürfte die Zeit herangereift sein, auch diesesfalls, selbstredend mit der gebührenden Reserve – der ja aber Genüge getan worden ist –, die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen. Und das, meine ich, darf unter keinen Umständen geschehen. Lieber sollte dann schon für Friedrich Nietzsche bei uns der Ruf gelten, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus enden lässt: ›Ins Nichts mit ihm!‹ PF: Das heißt, das ›Ins Nichts!‹ wäre die der Errichtung eines Nietzsche-Denkmals immer noch vorzuziehende Alternative. WH: So habe ich es gemeint, und so steht es in meinem gedruckten Text; nicht anders. PF: Ist ein derartiges Denkmal in der DDR denn jemals in Erwägung gezogen worden? WH: Allerdings, etwas dem Verwandtes, leider. Es bestand die Absicht – und vielleicht besteht sie immer noch –, in Weimar eine Gedenkstätte für Nietzsche zu scha en. Und dagegen hatte ich protestiert mit Ausführungen, die ich, unter dem Druck der Androhung, andernfalls würde mein Aufsatz überhaupt nicht erscheinen, zu streichen gezwungen war. Im Anschluss an die Wendung ›die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen‹ lauteten die betre enden Sätze bei mir wie folgt:« Diese Passage durfte Harich nicht drucken: 3 4 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Und wahrhaftig, etwas Ähnliches plant man in Weimar. Das Nietzsche-Archiv, in der Nazizeit pompös ausgebaut, diente den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur als Gästehaus, ohne dass bislang – und das ging sehr gut durch Jahrzehnte – des einstigen Bewohners auf sinnfällige Weise darin gedacht worden wäre. Das soll nun nächstens anders werden. Die Stätte wird rekonstruiert, und bei ihrer Wiedererö nung soll in dem Raum, worin Nietzsche starb, die 1904 von Max Klinger gescha ene Büste des Philosophen, sinnig umrahmt von Henry van de Veldes Jugendstil, aufgestellt werden. Da kann man dann an Gedenktagen Blumen niederlegen, vielleicht auch, sollten die Sitten sich weiter lockern, vor andachtsvollem Publikum Lesungen aus dem Zarathustra veranstalten, nicht zu vergessen der Gedichte, vorzugsweise desjenigen An den Mistral, das einmal die Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ plausibel machen half. Einzuleiten und zu schließen wären die Abende mit Musik. Es gibt Kompositionen Nietzsches (bei einer sträubten sich Hans von Bülow die Haare), und Heinrich Köselitz alias Peter Gast ng, weil sein angebeteter Mentor sich von Wagner abgekehrt hatte, stümpernd in Mozarts Manier zu komponieren an. Denn, laut Der Wanderer und sein Schatten, Nr. 165, soll ja von Mozart zu lernen sein, ›auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe: Niemals auf das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Emp ndsamen! Niemals auf die Krankhaften!' – Sind die Weimaraner recht bei Troste? Sind sie sich klar darüber, was sie vorhaben? Sie setzen, um das Mindeste zu sagen, das Werk der Elisabeth Förster-Nietzsche fort. Sie handeln in deren Sinn, helfen ihren Auftrag erfüllen. Sie war es, die den Bruder, zu seinem höheren Ruhm und zu ihrem eigenen, in die Nähe der besten Dichter Deutschlands rückte, zu denen er, unter allen vor ihm und nach ihm, am wenigsten gehört. Er hatte, wo Wieland und Herder, Goethe und Schiller lebten und wirkten, wo sie zu letzter Ruhe gebettet sind, wo nahebei, in Jena, Reinhold und Fichte und Hegel dozierten, wo die Wissenschaftslehre und die Phänomenologie des Geistes entstanden sind, nichts zu suchen. Seine Anwesenheit in dieser Gegend, von der managenden Schwester bewerkstelligt, war ein Sakrileg. In der Zwischenzeit sind dort aber Dinge geschehen, die jenes Vorhaben noch viel makabrer machen. In Weimars Umgebung liegt Buchenwald. Hier betrieb die von Nietzsche geforderte ›Mörderkaltblütigkeit mit gutem Gewissen‹ ihr grausiges Handwerk. Die SS-Leute, die außer vielen, vielen anderen Ernst älmann erschossen, sie hatten Nietzsches Philosophie im Kopf. – Wie stellt man sich das vor? Eine Delegation aus dem Ausland, die in Buchenwald die gequälten, geschundenen, hingemordeten Antifaschisten, darunter eigene Landsleute, ehrt, die überdies auch älmanns gedenkt, soll hintendrein im Gästehaus der NFG Weimar Klingers Nietzsche-Büste besichtigen? Sie soll sich dabei des Worts von dem Weib, das die Peitsche verdient, entsinnen? Sie soll zum Abschluss im Hotel ›Elephant‹ 3 4 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re seelenruhig, bei Ka ee und Kuchen, über einen die alternde Lotte Kestner betre enden Roman omas Manns plaudern? Es ist dies eine Vision, die an Irrsinnigkeit meine Vorstellungskraft übersteigt. Dergleichen darf es im sozialistischen Teil des deutschen Sprachraums nie geben. Und damit es, um alles in der Welt, ungeschehen bleibe, muss in Sachen Nietzsche den Montinaris endlich Paroli geboten, müssen Pepperle, Reschke und andere zur Besinnung gebracht werden.« In seinem Selbstgespräch zu »Nietzsches Brüdern« ordnete Harich diesen Vorgang mit dem Dialog ein: »PF: Nun begreife ich, warum in Ihrem Aufsatz von 1987 der Abschnitt IV so kurz geraten ist: Wegen des Fortfalls dieser Passage. WH: Genau. PF: Den Lukullus-Satz beanstandete man aber nicht. Das ›Ins Nichts mit ihm!‹ durfte, vielmehr: es sollte stehen bleiben. WH: Ja. PF: Ich will Ihnen verraten, wieso: Weil es, losgelöst von der vorausgegangenen Begründung, Sie als intolerant erscheinen lässt. Von der Redaktion sind Sie auf diese Weise zu dem Buhmann präpariert worden, der dann im November auf dem X. Schriftstellerkongress durch Kant und Hermlin bloßgestellt und moralisch erledigt werden sollte. Haben Sie diese intrigant vorausblickende Regie nie durchschaut? WH: Was Sie vermuten, stellt eine unbeweisbare Spekulation dar. Ich sehe mich außer Stande, sie mir zu eigen zu machen. PF: Außerdem hatten Sie mit dem Stichwort ›Buchenwald‹ natürlich an einen sehr peinlichen Punkt gerührt, am meisten aber mit dem Hinweis auf die künftigen ausländischen Gäste. Ist der Plan der Klingerschen Büste in Nietzsches Sterbezimmer denn mittlerweile fallen gelassen worden? WH: Im im Frühjahr 1987 wurde mir eine Eingabe an das Kulturministerium mit dem Bescheid beantwortet, dass das von mir angeschnittene Problem nicht aktuell sei. Zu gegebener Zeit werde man das Vorhaben, an dem ich Anstoß nähme, noch einmal überprüfen. PF: Ho entlich mit dem Ihnen erwünschten Ergebnis. Eine Garantie dafür, dass der Plan de nitiv gestorben ist, habe Sie nicht. WH: Vorläu g nicht. PF: Und ewig am Leben bleiben werden Sie auch nicht. WH: Gewiss nicht. Und Buhr hat den Plan befürwortet.« 3 4 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 6. Erste Briefe an Erich Honecker Es wurde bereits gezeigt, dass Harich in seinem verzweifelten Kampf gegen Nietzsche nicht nur auf persönliche Gespräche und Briefe an Bekannte setzte, sondern auch den Kontakt zur politischen Führung nicht scheute. Nachdem sich für ihn gezeigt hatte, dass sein Brief an Willi Stoph zwar eine positive schriftliche Reaktion hervorgebracht (gemeint ist der Antwortbrief von Kurt Hager), sich in der Realität aber kaum etwas geändert hatte, wendete er sich mit seinen verschiedenen Problemen direkt an Erich Honecker. Nicht zuletzt, da auch seine anderen Schreiben und Eingaben ohne konkrete Ergebnisse geblieben waren. Insgesamt schrieb er in den achtziger Jahren sieben Briefe an den Generalsekretär des Zentralkomitee der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. (Die ersten vier werden in diesem Unterkapitel näher vorgestellt.) (1) 10. März 198779 (2) 30. April 1987 (3) 29. Februar 1988 (4) 17. März 1988 (5) 18. Mai 1988 (6) 03. September 1988 (7) 12. Mai 1989 Am 10. März 1987, zeitlich-chronologisch als über ein halbes Jahr vor dem Druck des gerade analysierten Nietzsche-Aufsatzes, wandte sich Harich erstmals Hilfe suchend an Erich Honecker. »Bitte gewähren Sie mir auf kulturpolitischem Gebiet, bei der P ege des humanistischen Kulturerbes in Philosophie- und Literaturgeschichte, den Ein uss, der meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, meinen Leistungen und Erfahrungen und, wahrscheinlich nicht zuletzt, meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen entspricht.«80 Er sei gezwungen, sich an Honecker zu wenden (»Es tut mir leid, in dieser 79 Die ersten beiden Briefe aus dem Jahr 1987 sind abgedruckt in: Band 9, S. 426–433. Alle weiteren Briefe in diesem Band. Zu berücksichtigen sind auch die Schreiben an Siegfried Otto (Referent Honeckers) und Egon Krenz (Nachfolger Honeckers), ebenfalls in diesem Band. Weitere Hinweise in den Bänden 9, 10 und 11. 80 Band 9, S. 426. Weiter schrieb er: »Bitte tun Sie dies so rechtzeitig, dass ich bestimmte Anliegen, die für Partei, Staat und Gesellschaft wichtig sind, noch im Zuge der Vorbereitung der Philosophiehistorikerkonferenz (Leipzig, Januar 1988) und des fälligen Jean-Paul-Gedenkens (März 1988) wirksam zur Geltung bringen kann!« (Band 9, S. 426.) 3 4 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Angelegenheit Sie belästigen zu müssen.«)81, da auf allen anderen Ebenen seine Bemühungen bisher vergebens gewesen wären. Er nannte insgesamt drei Missstände, gegen die er »gern ankämpfen« wolle: »1) Bei uns kriecht aus allen Rattenlöchern eine Renaissance des erzreaktionären, an ti huma nis tischen Philosophen Friedrich Nietzsche. Sie greift um sich in Lehre und Forschung und in der Verlagsproduktion. Das Vorhaben, nächstens in Weimar eine Nietzsche-Büste aufzustellen, fördert sie. Publikationen in Zeitschriften, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, leisten diesen gefährlichen Bestrebungen, die uns auch im Ausland sehr schaden können, Schützenhilfe. Eine Polemik, die ich, für Sinn und Form, dagegen geschrieben habe, soll dort nur verstümmelt und zu einem ungewissen Zeitpunkt erscheinen, womit ich nicht einverstanden sein kann. 2) Die politischen Kon ikte, die es vor langer Zeit mit Georg Lukács gab, werden bei uns, unter dem Vorwand kritischer Abgrenzung von Lukács, von Gegnern des Marxismus-Leninismus dazu benutzt, in Philosophie und Literaturwissenschaft reaktionären Strömungen zum Durchbruch zu verhelfen. Auch dagegen habe ich, unter dem Titel Mehr Respekt vor Lukács!, eine Polemik verfasst. Sie ist weder von den Weimarer Beiträgen, für die sie bestimmt war, noch von Sinn und Form, noch von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angenommen worden. Nachdem auch Professor Hager sich nicht dazu hat entschließen können, ihren Abdruck bei uns, in einer dieser Zeitschriften, zu empfehlen, war ich gezwungen, von der Möglichkeit einer Verö entlichung im Ausland, in der Wiener linkssozialistischen Zeitschrift Aufrisse, Gebrauch zu machen, wo sie Ende April erscheinen wird. Auch dieser Beitrag könnte, käme er doch noch bei uns heraus, der bevorstehenden Philosophiehistorikerkonferenz wesentliche Impulse geben. 3) Die in diesem Jahrhundert letzte Gelegenheit, den Dichter Jean Paul Friedrich Richter, aus Anlass seines 225. Geburtstages am 21. März 1988, angemessen zu würdigen, droht wieder versäumt zu werden. Jean Paul hat mindestens die Größe Schillers. Er stand dabei viel weiter links. Die positiven Helden seiner zwischen 1793 und 1803 erschienenen ›heroischen Romane‹ entwickeln sich – ein in unserer klassischen Literatur einzig dastehender Fall – zu Revolutionären. Jean Paul ist so der bedeutendste literarische Wegbereiter der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen und der analogen Reformen in den Rheinbundstaaten. Als Verfasser des umfangreichen Buches, worin dies nachgewiesen 81 Band 9, S. 428. 3 4 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e wird, erschienen 1974 im Akademie-Verlag Berlin und im Rowohlt-Verlag Reinbek,82 bemühe ich mich seit Januar 1984 darum, unser Ministerium für Kultur dafür zu gewinnen, dass bei den Jean-Paul-Gedenktagen 1963 und 1975 Versäumte nun endlich wettzumachen. Ich muss befürchten, dass auch diesmal nichts Nennenswertes geschieht.«83 Diese »Mängelliste« zeigt noch einmal deutlich an, wie spätestens seit der Mitte der achtziger Jahre die verschiedenen emen betre s des kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Erbes des Sozialismus und des Marxismus im Denken Harichs sich überschnitten und miteinander verbunden waren. Er wisse, so Harich weiter, »dass es Vorurteile gegen mich geben mag, die triftige Gründe haben«.84 Aber seine Verurteilung liege nunmehr drei Jahrzehnte zurück und während seines Aufenthaltes in Österreich und der Bundesrepublik, zwischen 1979 und 1981, habe er mit all seinen Kräften für die DDR gewirkt, Vorurteile gegenüber dieser abgebaut und aktiv für den Friedenskampf gewirkt85 – »so wie ich das Ihnen vor nunmehr acht Jahren, als ich um eine Ausreisegenehmigung nachsuchte, brie ich versprochen habe«. Gemeint war damit folgender Vorgang: Am 11. Januar 1979 hatte Harich in einem Brief an den Rat des Stadtbezirks Friedrichshain um die Genehmigung der Übersiedlung »in den kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raums« – genauer: nach Wien – gebeten. Da er keine Antwort bekam, wandte er sich am 8. März 1979 an Erich Honecker – in dessen Funktion als Staatsratsvorsitzender der DDR.86 Dort heißt es u. a.: »Womit gesagt ist: Die Republik verlöre in mir, wenn sie mich gehen ließe, gar keinen Kulturscha enden mehr, sondern einen von futurologischen Ängsten besessenen Fanatiker, der im Land selbst sich bestenfalls auf die Rolle eines halbwegs loyalen Querulanten reduzieren ließe, ihr im Westen dagegen, bei der Schwächung der dem Klassenfeind zu Gebote stehenden technologisch-industriellen Kraft, noch gute Dienste zu leisten im 82 Gemeint ist: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 1974. 83 Band 9, S. 428–429. 84 Band 9, S. 429. 85 Die entsprechenden Texte präsentiert der 8. Band. 86 Harich: Brief an den Staatsrat der DDR, zu Händen seines Vorsitzendenden, Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED, vom 8. März 1979, 4 Blatt, maschinenschriftlich. Den Brief verschickte Harich per Einschreiben. Dieser Brief liegt gedruckt vor, siehe: Band 8, S. 139–143. 3 4 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Stande wäre. Gute Dienste vor allem bei der Abwehr reaktionär ablenkender Manipulationen, denen die ökologistische Bewegung von Seiten desselben Klassenfeindes ausgesetzt ist. Die Grünen plädieren immer für eine weit vorausblickende Politik. Sie treten dafür ein, dass heute, jetzt, sofort die Weichen für das Leben noch ungeborener Generationen richtig gestellt werden. Und sie vergessen dabei mitunter nächstliegende, akute Gefahren, die aus Wettrüsten und Kriegsvorbereitung erwachsen und, wenn es nicht gelänge, sie zu bändigen, binnen kurzem solch unvorstellbare Zerstörungen herbeiführen würden, dass es gar keine Weichen mehr gäbe, die noch in irgendeine Richtung gestellt werden könnten. Die Grünen bringen aber andererseits auch, weil es ihnen so dringlich um die Erhaltung des Lebens auf der Erde geht, überaus günstige Voraussetzungen mit, vor solchem Vergessen bewahrt, ihm, wenn nötig, blitzschnell entrissen zu werden. Bedenken Sie bitte, Herr Vorsitzender, dass selbst ein erzbürgerlicher Vertreter des rechten Flügels der Grünen, der Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl, seinen Anfang Juli 1978 erfolgten Austritt aus der CDU in erster Linie damit begründet hat, dass diese Partei zur Neutronenbombe Ja und Amen gesagt hatte. Marxistisch geschulter Bündnispolitik dürfte es somit unschwer gelingen, den Kampf für den Frieden mit dem Schutz der natürlichen Umwelt, für die Schonung der Ressourcen zur Einheit zusammenzuschließen. Und meinen Ein uss dahingehend geltend zu machen, das wäre überhaupt die vornehmste Aufgabe, der ich mich im Westen zu widmen gedächte.«87 Zurück zu Harichs Brief vom 10. März 1987. Zur Beantwortung wurde dieser von Honecker an Kurt Hager übergeben. Dieser schrieb am 1. April 1987 an Honecker,88 dass er noch einmal den umfangreichen Briefwechsel mit Harich der letzten Jahre sich angesehen habe und auch die Stellungnahmen der entsprechenden Zeitschriftenredaktionen sowie des Ministeriums für Kultur und der Abteilung Kultur des ZK in verschiedenen Dingen. Mit seiner Stellungnahme zur Nietzsche-Renaissance habe Harich recht. Aber gerade über diesen Punkt habe man mit ihm eigentlich eine Verständigung erreicht. In Weimar sei es notwendig gewesen, Restaurierungsarbeiten durchzuführen, so dass man sich in diesem Zusammenhang gleichzeitig für die Umgestaltung einiger Räume entschieden habe. Das Archiv sei jedoch nach wie vor nicht ö entlich zugänglich und habe nur bestimmten Wissenschaftlern zur Verfügung gestanden. Zudem sei in der Sinn und Form ein ausführlicher Aufsatz gegen die Nietzsche-Renaissance erschienen (gemeint war der Aufsatz Pepperles). Doch diesen Artikel habe Harich nicht begrüßt, sondern vielmehr dagegen in »ziemlich grober Weise« polemisiert. Deswegen 87 Band 8, S. 142 f. 88 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 1. April 1987. 3 4 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e konnte die Redaktion sich nicht für einen Abdruck entscheiden. Man werde weiterhin versuchen, zu verhindern, dass sich die »antihumanistische« Philosophie Nietzsches in der DDR ausbreitete, denn dies wäre eine »Beschädigung des antifaschistischen Ansehens« der DDR. Harichs Artikel über Lukács habe man abgelehnt, da sich Harich geweigert habe, einige Ausfälle gegen namentlich genannte Wissenschaftler der DDR umzuarbeiten. Er wäre in dieser Hinsicht völlig unkooperativ gewesen. Auch wenn es nicht leicht sei, werde er, Hager, weiterhin im Kontakt mit Harich bleiben. Er werde zudem veranlassen, dass dieser in die Vorbereitung der zu planenden Ehrungen für Jean Paul einbezogen werde. Natürlich könne Harich auch in der Sinn und Form und anderen Zeitschriften der DDR publizieren, wenn die Redaktionen sich zu einem Abdruck seiner Aufsätze entschließen würden und er bereit wäre, sich mit den jeweiligen Redaktionen in Einzelfragen zu verständigen. Hager übersendete Honecker zudem einen Entwurf für ein Schreiben an Harich, das dieser übernahm. Mit dem Datum von Hagers Text, 1. April 1987, wurde »Honeckers Antwortbrief« an Harich abgesandt.89 Dieser bezog sich auf Harichs Bitte, wieder kulturpolitisch aktiv werden zu dürfen. Honecker (also Hager) schrieb, dass Harich versichert sein könne, dass seine Mitarbeit auf diesen wichtigen Gebieten »von uns begrüßt und gewünscht« werde. Besondere Ho nungen richte man darauf, dass Harich als »profunder Kenner« des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werde, den 225. Geburtstag des Dichters gebührend zu würdigen. Mit Blick auf die angesprochene Problematik der Aufsätze machte Honecker geltend, dass die Zeitschriftenredaktionen »entsprechend ihrer Verantwortung« sich mit den Texten befasst und Harich zudem Vorschläge zu einer Überarbeitung unterbreitet hätten. Ihm seien auch die Gründe dargelegt worden, weshalb die Beiträge nicht gedruckt würden. Durch eine größere Bereitschaft Harichs zur Umarbeitung seiner Artikel könne möglicherweise eine vernünftige Lösung erreicht werden. Honecker schrieb, dass er meine, »dass keine Vorurteile gegen Sie bestehen und die alten Geschichten erledigt sind«. Man wünsche Harichs Mitarbeit auf kulturpolitisch Gebiet und ho e auf eine fruchtbare gemeinsame Zusammenarbeit. Abschließend teilte Honecker noch mit, dass er Hager informiert habe, der sich mit Harich in Verbindung setzen werde. 89 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 1. April 1987. 3 5 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nun ist zwischen Worten und Taten in der Regel zu unterscheiden. Am 30. April 1987 schrieb Harich zum zweiten Mal an Honecker. Nachdem er sich bei diesem bedankt hatte, dass die »alten Geschichten« erledigt wären und man seine »Mitarbeit bei der P ege des humanistischen Kulturerbes, auf den wichtigen Gebieten der Philosophie und der Literaturgeschichte« wünsche und begrüße, teilte er mit: »Wenn ich mir heute erlaube, mich an Sie nochmals zu wenden, so deshalb, weil, entgegen Ihrer Ankündigung, sich bisher weder Herr Professor Dr. Kurt Hager mit mir in Verbindung gesetzt noch das Ministerium sich mit mir über die Gestaltung des fälligen Jean-Paul-Jubiläums verständigt hat. Im Hinblick auf die drängende Zeit (Schriftstellerkongress im November, Philosophiehistorikerkonferenz im Januar, Jean-Paul-Geburtstag im März) bitte ich Sie, beiden Instanzen bzw. Persönlichkeiten ein weiteres Mal die Dringlichkeit meiner Anliegen ins Gedächtnis zu rufen. Etwas enttäuscht bin ich, o en gesagt, auch über das, was Sie zu der Nichtverö entlichung meiner Aufsätze zu Friedrich Nietzsche bzw. zu Georg Lukács ausführen. Ich kann mir dies nur damit erklären, dass Ihnen die Details dieser Angelegenheiten nicht bekannt sind; schlimmstenfalls, so fürchte ich, auf Grund Ihnen vorenthaltener Informationen. Wüssten Sie, was hier geschehen ist und geschieht, so würden Sie – davon bin ich fest überzeugt – darin sofort einen skandalösen Missstand erkennen, der, ganz abgesehen von seiner entnervenden, zermürbenden psychologischen Wirkung auf mich, für Partei, Staat, Gesellschaft und Kulturleben unserer Republik ernste Gefahren in sich birgt und uns auch im Ausland Schaden zufügen kann. Im Vertrauen auf die Weisheit und auch die Durchschlagskraft Ihrer Initiativen und mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Festtag der internationalen Arbeiterklasse verbleibe ich mit kommunistischem Gruß Ihr«90 Nach diesem Brief begannen im Hintergrund die Mühlen der Bürokratie zu arbeiten. Am 8. Mai 1987 schrieb Kurt Hager an Harich, dass der beste »Weg«, um einige der Fragen zu klären, die dieser in seinen beiden Briefen an Honecker und auch in Briefen an ihn selbst aufgeworfen habe, sicherlich darin bestünde, persönlich miteinander zu sprechen.91 Er schlug als Termin den 18. Mai, 15:00 Uhr im »Haus an der Spree« vor. Harich stimmte dem Tre en zu, es fand wie anvisiert statt. In seinem dritten Brief an Erich Honecker, vom 29. Februar 1988, schrieb Harich darauf bezugnehmend: 90 Band 9, S. 432. 91 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 8. Mai 1987. 3 5 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Auf mein Schreiben an Sie vom 10. März 1987 erhielt ich von Ihnen am 2. April 1987 eine Antwort, in der Sie mir versicherten, dass von der Partei meine Mitarbeit auf den wichtigen Gebieten der Philosophie- und Literaturgeschichte, bei der P ege des humanistischen Kulturerbes, begrüßt und gewünscht werde. Wörtlich fügten Sie dem hinzu: ›Besonders ho en wir, dass Sie als ein profunder Kenner des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werden, seinen 225. Geburtstag am 21. März 1988 gebührend zu würdigen. Das Ministerium für Kultur wird sich mit Ihnen über die Gestaltung dieses Jubiläums verständigen.‹ Mündlich wurde dies von Kurt Hager in einer Aussprache mit mir, die am 18. Mai stattfand, ausdrücklich bekräftigt.« Zur Vorbereitung seines Gesprächs hatte Hager über Gregor Schirmer bei verschiedenen Personen, die mit Harich in regelmäßigem Kontakt standen, Berichte über diesen angefordert. So übersendete für den Akademie-Verlag Lothar Berthold (der die Angelegenheit durch Hermann Turley erledigen ließ) am 15. Mai 1987 eine Information über die Zusammenarbeit mit Dr. Wolfgang Harich.92 Darin heißt es, dass es in Abstimmung mit Gregor Schirmer und Klaus Höpcke seit Jahren bestimmte Formen der Zusammenarbeit des Akademie-Verlags mit Harich gebe. Zuerst habe man ein Projekt zur Nietzsche- ematik verfolgt, dann aber Harichs Wunsch entsprochen, eine umfangreiche Monographie zu Nicolai Hartmann zu verfertigen. An dieser arbeite er seit einigen Jahren »mit großem Fleiß« und dem Verlag würden Teile einer ersten Fassung vorliegen.93 In verschiedenen Gesprächen habe Harich in den zurückliegenden Jahren immer wieder große Befürchtungen über eine Nietzsche-Renaissance in der DDR geäußert. Gleichzeitig wies die Information darauf hin, dass Harich beabsichtige, auf den Nietzsche-Artikel von Heinz Pepperle zu reagieren und seine Antwort ebenfalls der Sinn und Form anzubieten. Gespräche habe es auch über den Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! gegeben. Dieser sei in »scharfer polemischer Form« verfasst und bediene sich »zahlreicher Verbalinjurien«. Nachdem die Verö entlichung in den Zeitschriften der DDR gescheitert sei, habe man Harich vorgeschlagen, nach Streichung aller »unsachlichen persönlichen Angri e« eine Arbeit zu diesem ema zu verfertigen, die der Akademie-Verlag als Broschüre verö entlichen könne. Harich habe zuerst zugestimmt, später jedoch den unveränderten Abdruck seines ur- 92 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 15. Mai 1987. 93 Harich informierte Berthold und Turley regelmäßig über den Stand seiner Arbeiten: Telefonisch, in persönlichen Gesprächen und in Briefen. Die entsprechenden Schriften druckt der 10. Band, S. 867–974. 3 5 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sprünglichen Beitrages gefordert, so dass das Projekt gescheitert sei. Mit Blick auf Jean Paul vertrete Harich die Befürchtung, dass dessen 225. Geburtstag ohne gebührende Beachtung durch die DDR vorübergehen könne. Abschließend nahmen Berthold/Turley noch persönlich Stellung. Man habe, gerade nach einem Gespräch vom Februar 1987, den Eindruck, dass es Harich vor allem um die Wiederherstellung seiner wissenschaftlichen und sozialen Reputation gehe. Dieser habe direkt von der Notwendigkeit einer weiteren »Resozialisierung« geredet. Harich fühle sich isoliert und sei o enbar gekränkt darüber, dass ihm von Seiten des Staates und seiner Institutionen mit Ablehnung begegnet werde. »Ich habe den Eindruck, dass er darauf wartet, in der einen oder anderen Form ö entlich wieder bekannt zu werden.« Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Im Verlauf der bisherigen Schilderungen wurde deutlich, dass sich Harich permanent neue Mauern in den Weg stellten, seine Isolation weiterging, er immer wieder problematische Entwicklungen und Tendenzen ortete usw. Die Partei hatte kein Interesse daran, dass Harich in die Ö entlichkeit zurückkehre, so dass man versuchte, ihm mit so genannten »internen Diskussionen« hinter verschlossenen Türen, Gesprächen und ähnlichem zufrieden zu stellen. Er sollte ohne »Publikum« beschäftigt werden. Eine dieser »internen« Diskussionsrunden fand am 1. Dezember 1987 im Berliner Aufbau-Verlag, Harichs ehemaliger Arbeitsstätte, statt. Ein Gespräch zum ema Über die Stellung des Werkes von Georg Lukács in den geistigen Kämpfen der Gegenwart, das die Zeitschrift für Philosophie und die Weimarer Beiträge organisiert hatten. Es ging darum, Harich gegenüber die Illusion aufrecht zu erhalten, dass man sich mit seinen Positionen auseinandersetze. Kurt Hager hatte die Veranstaltung veranlasst. Teilnehmer waren unter anderem Erich Hahn, Manfred Buhr, Vera Wrona, Sieglinde Heppener, Friedrich Tomberg, Hans-Martin Gerlach, Horst Haase, Manfred Naumann, Michael Franz, Eike Middell, Arnold Schölzel, Joachim Sailer, Werner Teichmann, Jürgen Staszak, Siegfried Rönisch. (Daneben nahmen schweigend weitere Redakteure und Mitarbeiter beider Zeitschriftenredaktionen teil.) Für die SED und die Staatssicherheit wurde ein Informationspapier zu dieser Veranstaltung angefertigt, das am 5. Januar 1988 auch an das Büro von Kurt Hager gesendet wurde.94 94 5 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 5. Januar. Abteilung Wissenschaften beim ZK der SED. Alle Angaben im Folgenden nach diesem Manuskript. 3 5 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Harich erö nete die Veranstaltung mit einem kurzen Referat. Das Informationspapier fasste seine Überlegungen wie folgt zusammen: 1) Das Vermächtnis von Lukács sei wichtig, um die globalen Probleme der Gegenwart lösen zu können. Die Wertschätzung des ungarischen Philosophen in der DDR wäre aber überaus problematisch. Um dies zu evidieren, habe Harich vor allem auf die Kolloquien verwiesen, die zum 100. Geburtstag von Lukács veranstaltet worden waren. Auf diesen habe »Mäkelei und Besserwisserei überwogen«. 2) Harich habe sich dagegen gewandt, dass die DDR im Umgang mit Lukács auf Ungarn Rücksicht nehmen müsse. Dagegen spreche, dass Lukács den größeren Teil seiner Werke in deutscher Sprache verfasste, von 1931 bis 1945 der Kommunistischen Partei Deutschlands angehört habe und zudem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges »als einer der theoretischen Wegbereiter der geistigen Erneuerung Deutschlands« anzusehen sei. 3) Es müsse geklärt werden, welche Stellung Lukács im Rahmen des marxistischen Denkens einnehme. Das Protokoll vermerkt explizit, dass Harich Lukács für den bedeutendsten marxistischen Denker des 20. Jahrhunderts nach Lenin halte. 4) Die »theoretische Hauptleistung« von Lukács sehe Harich in den Werken Eigenart des Ästhetischen und in Die Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Beide Schriften seien mit dem Kapital von Marx vergleichbar. Zudem habe Harich hervorgehoben, was Lukács als »Philosophiehistoriker, als Literaturhistoriker und Literaturkritiker sowie in der Polemik gegen feindliche Ideologien im 20. Jahrhundert geleistet« habe. 5) Aus diesen Überlegungen habe Harich geschlussfolgert, dass eine spezielle Lukács-Forschung nicht notwendig sei, vorrangig sei es wichtiger, dessen Autorität wiederherzustellen, diesen in das geistige und wissenschaftliche Leben der DDR einzubeziehen. Es solle nicht darum gehen, sich damit zu beschäftigen, was an Lukács kritisiert werden müsse, sondern darum, was bei ihm an zentralen Einsichten zu nden sei und wo von ihm gelernt werden könne. Zudem habe Harich darauf hingewiesen, dass Lukács eindeutig vor Benjamin, Adorno und Marcuse zu stellen sei. Diese Argumente brachte Harich nicht nur in seinen verschiedenen Schriften zu Lukács sowie im Rahmen seiner Bemühungen, dessen Erbe und Vermächtnis in der DDR wieder in ihr Recht einzusetzen, vor, auch in seinen Stellungnahmen zur Nietzsche-Debatte waren sie immer wieder präsent. Ohne die eorien von Lukács sei eine brauchbare marxistische Nietzsche-Kritik nicht zu haben, so sein Credo. Harich fühlte sich, gerade in den Debatten der achtziger Jahre, dem Erbe von Lukács verp ichtet. Und er 3 5 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re vertrat die ese, dass dessen große Alterswerke, die Ästhetik und die Ontologie, den Rang »marxistischer Klassiker« hätten und gleichzeitig die Überwindung früherer Positionen durch Lukács selbst anzeigen würden. Das evidiere nicht zuletzt die in beiden statt ndende Rezeption von Arnold Gehlen und Nicolai Hartmann.95 Im weiteren Verlauf informierte das Papier dann über die Beiträge der Anwesenden, die hier nicht vollständig wiedergegeben werden müssen. Im Prinzip laufen sie alle darauf hinaus, dass Kritik an Lukács notwendig sei. Politische, ideologische, theoretische, Hauptsache Kritik. Die Argumentation war dabei meist so, dass die Diskutanten Lukács formal lobten, dann aber sofort mehrere Punkte benannten, an denen er sich ihrer Meinung nach geirrt habe – und eben diese Punkte seien wichtig. (Noch Pepperle und die Meinungen zu einem Streit in der Sinn und Form zehren von dieser Methode.) Manfred Buhr brachte dies auf einen Nenner und fasste zugleich die gegebenen Stichworte wie folgt zusammen: Er stimme Harich zu, dass das Vermächtnis von Lukács fruchtbar zu machen sei. Forschung und Edition müssten ausgebaut werden. Als Gleichgesinnte hätten die Wissenschaftler an die zu lösenden Probleme heranzugehen. »Als grundsätzlicher Kritiker aller Bemühungen um Lukács in der DDR in den zurückliegenden Jahren könne Harich da nicht produktiv werden.« Die Fronten waren dergestalt geklärt. Buhrs Meinung in dieser Runde muss als o zielle Stellungnahme der Partei verstanden werden, daran gibt es nichts zu diskutieren. In diesem Sinne attestierte abschließend Erich Hahn mit der Au orderung an Harich, dass dieser »ernsthaft durchdenken« solle, »was er (…) gehört und erfahren habe«. Politisch falsch sei es, so Hahn weiter, die Konferenz der Philosophiehistoriker (Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe), die im Januar 1988 statt nden sollte, unter die Losung »Hoch Lukács, nieder Nietzsche« zu stellen. Am 5. Januar sendete Hörnig (Abteilungsleiter) der Abteilung Wissenschaften dieses Protokoll an Kurt Hager. Er informierte Hager auch, dass Harich seine Teilnahme an der Leipziger Konferenz abgesagt habe. Gegenüber Erich Hahn habe er diese Entscheidung damit begründet, dass die Konferenz keine »scharfe Absage an eine Nietzsche-Renaissance in der DDR und eine eindeutige Anhebung der Rolle von Lukács im geistigen Leben unseres Landes« vornehmen wolle.96 95 Sie die entsprechenden Passagen und Briefe in den Bänden 10 und 11. Mit Blick auf Gehlen änderte Harich seine Einstellung, nachdem er sich mit Paul Alsberg näher auseinander gesetzt hatte. 96 Harich: Brief an Erich Hahn vom 7. Dezember 1987, in: Band 9, S. 472 f. 3 5 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Am 29. Februar und am 17. März 1988 schrieb Harich erneut an Honecker, in den beiden Briefen ging es vor allem um den 225. Geburtstag von Jean Paul, der am 21. März anstand. In seinem ersten Brief erinnerte Harich erneut an die Zusage Honeckers vom 1. April 1987, dass seine Mitarbeit bei der Würdigung des Geburtstages von Jean Paul gewünscht werde. Bei dem Tre en mit Kurt Hager am 18. Mai 1987 sei dies noch einmal »ausdrücklich bekräftigt« worden. Geschehen wäre seitdem nichts.97 Weiter schrieb er: »An sich würde es mir mein Stolz verbieten, mich hierüber bei Ihnen zu beschweren. Der umfangreichste Teil meiner wissenschaftlichen Lebensleistung ist zu eng mit der Jean- Paul-Forschung verknüpft, als dass nicht der Verdacht nahe läge, ich wolle das bevorstehende Jubiläum benutzen, mich in den Vordergrund zu drängen. So war ich schon im Begri , völlig zu resignieren. Leider haben sich mittlerweile bestimmte ideologische Diskussionen, das Erbe betre end, in einer Richtung entwickelt, die es mir verbietet, Zurückhaltung zu üben, wenn ich nicht der Reaktion Vorschub leisten will. Es ließe sich beweisen, dass in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums, in den für Philosophie und Literaturgeschichte zuständigen Zentralinstituten der Akademie der Wissenschaften und, vor allem, in der Akademie der Künste ein ussreiche Kräfte am Werk sind, die leichten Herzens die Missachtung des humanistischen Erbes von Jean Paul in Kauf nehmen, falls sie damit erreichen können, dass meine Isolation sich bis an mein Lebensende fortsetzt, dass ich aus dem Kulturleben unserer Republik de nitiv verschwinde – als Unperson.« Als Grund für dieses Verhalten vermutete Harich: »Ich halte, getreu meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen, unumkehrbar an den Errungenschaften von Franz Mehring und Georg Lukács fest und setze mich deswegen mit Entschiedenheit und Konsequenz dagegen zur Wehr, dass aus dem Westen die 97 »Ich habe danach monatelang vergebens darauf gewartet, dass jemand vom Kulturministerium sich bei mir melden werde. Auch Anfragen von mir an den Minister für Kultur, Dr. Hans Joachim Ho mann, datiert vom 2. August und vom 17. September, fruchteten nichts. Erst in einem Brief vom 5. November stellte der Minister mir in Aussicht, dass in Berlin ein würdiges Jean-Paul-Gedenken statt nden würde, mit dessen Vorbereitung die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste befasst seien. Heute, drei Wochen vor dem Gedenktag, zeichnet sich mit aller Deutlichkeit ab, dass sich da gar nichts tun wird. Und feststeht, dass jedenfalls ich von keiner der zuständigen Stellen in dieser Angelegenheit zu Rate gezogen worden bin.« 3 5 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nietzsche-Renaissance auf die DDR und die übrigen sozialistischen Länder übergreift. Das ist es, was mir, gekoppelt mit Furcht vor meiner fachlichen Überlegenheit, den Hass windiger Modefans, blasierter Ästhetizisten und Morgenluft witternder Reaktionäre zuzieht. Das Nähere ist meinem einschlägigen Beitrag zu Nietzsche in Heft 6, 1987, von Sinn und Form und den fast durchweg ablehnenden Antworten darauf in Heft 1, 1988, derselben Zeitschrift (hierzu später, AH) zu entnehmen.« Er ho e, »dass Sie, lieber Erich Honecker, sich für das Erbe des großen Jean Paul, den niemand gehässiger geschmäht hat als Nietzsche, tatkräftig einsetzen und bei der Gelegenheit mir Genugtuung verscha en werden«. Im Büro Kurt Hagers wurde man aktiv: Zwei Dinge seien nunmehr geplant, wie Harich am 17. März 1988 Honecker mitteilte. »Ein Kolloquium in Weimar am 23. März, auszurichten von den NFG Weimar, und ›noch irgendetwas in Berlin‹, zu veranstalten vom Aufbau-Verlag, wobei Termin und Rahmen indes noch ungeklärt seien; zu beidem würde man mich einladen.« Beide Vorschläge seien jedoch unangemessen und könnten das Versäumte nicht wettmachen.98 Harich unterbreitete in der Folge wieder einmal fünf Vorschläge, wie »in dieser Angelegenheit noch schnell, operativ und mit realen Durchsetzungschancen dafür gesorgt werden könnte, dass die Partei wenigstens ihre kulturpolitische-ideologische Option verdeutlicht und damit in der P ege des humanistischen Kulturerbes ihr Gesicht wahrt«. Denn Schaden, darauf wies Harich explizit hin, entstehe der Kulturpolitik und Erbep ege der DDR nicht nur dadurch, dass sie sich Nietzsche und 98 »Ich halte eins wie das andere für gänzlich unangemessen, zum Teil sogar für irreal. Ein Kolloquium, das Hand und Fuß hat, wird in so wenigen Tagen unmöglich vorbereitet werden können. Zuständig wären in der Sache die NFG Weimar hierfür allerdings. Aber Weimar war als Ort Jean Paul zu verhasst, als dass es für eine in seinem Sinne durchzuführende Gedenkveranstaltung in Betracht käme. Diejenigen in der DDR gelegenen Städte, die hierfür historisch stimmig wären, sind Berlin (wo er 1800/1801 die glänzendsten Triumphe seines Lebens gefeiert hat und wo er, über seinen ›Transmissionsriemen‹ Königin Luise, auch seine heilsamsten politisch-praktischen Wirkungen ausüben sollte – auf die späteren, bei Hof einzig von ihr protegierten preußischen Reformer nämlich, nach dem Zusammenbruch von Jena und Auerstädt), ferner Meiningen (als die Stätte seiner glücklichsten Lebensjahre und der Vollendung seines Hauptwerks, des Titan, 1802) und allenfalls noch Hildburghausen, das, als damaliges Miniaturfürstentum, ihm die Würde eines Legationsrats verlieh. Das Datum des 23. März verfehlt im Übrigen den 225. Geburtstag, der auf den 21. März fällt. Wenn aber an diesem Tage doch noch ›irgendetwas in Berlin‹ geschehen sollte, dann reichte ein Verlag als Veranstalter an die Größe Jean Pauls, die mindestens derjenigen Schillers gleichkommt, einfach nicht heran; die ›Ebene‹ wäre viel zu tief angesetzt.« 3 5 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e der Reaktion ö ne, sondern eben auch durch die Vernachlässigung des tatsächlichen, des progressiven und humanistischen Erbes. Er empfahl folgendes Vorgehen: 1) »Erstmal im Zentralorgan der Partei ein würdiger Gedenkartikel für Jean Paul, abzudrucken am 21. März. Als Verfasser schlage ich wahlweise den Literaturhistoriker Jochen Golz, Weimar, oder den Schriftsteller Günter de Bruyn, Berlin, vor, obwohl meine Au assungen von den ihren erheblich abweichen. Mein Gesundheitszustand ist derzeit zu labil, als dass ich diesen Artikel in so kurzer Frist noch selber schreiben könnte. Ich könnte aber mit heute zeitgemäßen Worten des Dichters selbst aufwarten, die ich nach Ihrem Anruf vom 9. März herausgesucht habe; zum Beispiel aus Jean Pauls Kriegserklärung gegen den Krieg. Für etwaige diesbezügliche Anfragen des ND will ich mich morgen, am Freitag, den 18. März, den ganzen Tag über zu Hause bereithalten. 2) Schnelle Entsendung einer kleinen Delegation von prominenten Jean-Paul-Freunden aus der DDR in die BRD, sei es nach Bayreuth, sei es zum Geburtsort des Dichters, nach Wunsiedel; je nachdem, wo die repräsentativere Festveranstaltung der bundesdeutschen Jean-Paul-Gesellschaft (Sitz Bayreuth) und etwaiger BRD-Kulturbehörden statt nden wird. Außer den genannten Herren de Bruyn und Golz kämen als Mitglieder der Delegation insbesondere noch die Schriftstellerinnen Helga Schütz und Irmtraud Morgner in Frage, eventuell noch Frau Dr. Dorothea Böck, Jean-Paul-Expertin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. (Mich würde eine derartige Reise zur Zeit gesundheitlich zu sehr strapazieren.) 3) Niederlegung je eines Blumengebinde der SED bzw. des DDR-Staatsrates am 21. März an zwei Gedenkstätten: a) In der DDR an deren einzigen Jean-Paul-Denkmal, im Park von Meiningen; b) in der BRD an – oder im – Geburtshaus des Dichters in Wunsiedel (eine Abbildung dieser letzteren Gedenkstätte, mit dem hübschen Jean- Paul-Brunnen davor, füge ich hier in der Anlage bei). Dabei käme es nicht so sehr darauf an, wer diese Blumengebinde, anwesend am Ort, jeweils niederlegt, sondern darauf, was auf den Schleifen steht. Und bei analogen Anlässen in der DDR stand auf analogen BRD-Schleifen der Name Richard von Weizsäcker. Eine Aufschrift: ›Dem großen Jean Paul – von Erich Honecker‹ fände ich optimal. 4) Ich bitte zu erwägen, ob nicht am 21. März entweder die Gründung einer Jean-Paul-Gesellschaft der DDR bekannt gegeben werden oder aber ein – sofort zu verö entlichender – Beschluss auf hoher Ebene gefasst werden könnte, ein Konzept für eine breitere und wirksamere Einbeziehung Jean Pauls in die sozialistische Erbe-P ege 3 5 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auszuarbeiten. Für dieses Konzept hätte ich dann eine Menge Ideen in petto. (Zu der eventuellen neuen Jean-Paul-Gesellschaft möchte ich heute nur eines bemerken: Sie wäre, im Unterschied zur Goethe-Gesellschaft, kein ›gesamtdeutscher‹ Verein, sondern einer unseres Staates, und sie hätte der bundesdeutschen Jean-Paul-Gesellschaft, mit Sitz in Bayreuth, außer den marxistisch-leninistischen Gesichtspunkten noch etwas weiteres voraus: Dass sich der gesamte Jean-Paul-Nachlass, mitsamt zahlreichen noch unverö entlichten Aphorismen, in unserer Staatsbibliothek Unter den Linden be ndet.) 5) Trotz allem in den letzten Jahren Versäumten braucht die DDR auch in puncto Jean Paul ihr Licht nicht unter den Sche el zu stellen. Dass Eduard Berend seine 1927 begonnene historisch-kritische Ausgabe der Sämtlichen Werke Jean Pauls nach seiner rassischen Verfolgung während der Nazi-Jahre doch noch weiterführen und nahezu zum Abschluss bringen konnte, ist der Akademie der Wissenschaften der DDR und den DDR-Verlagen Hermann Böhlau (Weimar) und Akademie-Verlag (Berlin) zu verdanken; um nur das Wichtigste zu nennen.« Diese Vorschläge fanden keine Berücksichtigung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Harichs Briefe nach »oben« kaum zu Verbesserungen seiner eigenen Lage führten und auch nicht zur Behebung der Probleme, die er im Kulturleben der DDR ausmachte. Wenn sie letztlich einen Zweck hatten, dann noch am ehesten den, dass er sich seinen Frust »von der Seele« schreiben konnte, dass er zumindest als Briefschreiber insofern aus der Isolation heraustrat, als man sich mit ihm auseinandersetzen musste. Man merkt den einzelnen Texten aber auch an, dass Harich sukzessive ho nungsloser wurde, dass er zumindest innerlich, unterbewusst begri , wie unerwünscht er in der DDR war. Die Angri e auf ihn verschärften sich in der Folge, auch letzte Verbündete wandten sich von ihm ab. Seine Einsamkeit und Isolation wurde immer drückender. 7. Der Ton wird rauer Der Streit um seine Aufsätze hatte Harich müde gemacht und ihm gezeigt, dass man ihn im Kultur- und Wissenschaftsleben der DDR nicht wollte. Eigentlich arbeitete er ja zu Nicolai Hartmann, Tag für Tag widmete er sich dem umfangreichen Buch, das er wegen der zahlreichen Unterbrechungen und anderen Faktoren schließlich nicht fertigstellen konnte, wollte. Zu vieles forderte seinen Widerspruch heraus. Neben der Nietzsche-Debatte entdeckte er in jenen Monaten auch, dass der von ihm lange Zeit 3 5 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e hoch geschätzte Arnold Gehlen die Hauptthesen seines Werkes (Der Mensch von 1940) von dem jüdischen Emigranten Paul Alsberg übernommen hatte, ohne diesen ausführlich gewürdigt zu haben. Auch in diesem Fall suchte er die Unterstützung der DDR und bekam sie nicht.99 Gab es Wege aus dieser aussichtslosen Lage? Konnte Harich sich Gehör verscha en? Welche Möglichkeiten hatte er, welche Türen standen ihm noch o en, um seine Anliegen vorzutragen? Im Mai 1987 war es zu einer Unterredung zwischen Kurt Hager und Harich gekommen, in deren Verlauf Hager verschiedene Zusagen gemacht hatte. (Vorausgegangen waren ja Harichs erste Briefe an Honecker.) Am 27. August 1987 schrieb Harich dem Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED, dass von den getro enen Vereinbarungen nur eine einzige bisher umgesetzt werden würde. Der Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? werde voraussichtlich im fünften Heft der Sinn und Form von 1987 erscheinen. Alle anderen Dinge seien nach wie vor ungeklärt. Dem Brief Harichs kommt von daher eine Stellung fast als eine Art Zwischenbilanz seiner Kämpfe in der DDR bis zu diesem Zeitpunkt zu. 1) »Sie hatten festgelegt, dass ich in die Vorbereitung der Philosophiehistorikerkonferenz Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe, die im Januar 1988 in Leipzig statt nden wird, einbezogen werden soll.« Sowohl Erich Hahn als auch Gregor Schirmer habe er in dieser Angelegenheit mehrfach kontaktiert, geschehen sei nichts. 2) Vor den Kollegien der Redaktionen der Deutschen Zeitschrift für Philosophie und der Weimarer Beiträge sollte Harich einem Vortrag über die Bedeutung von Lukács halten. Auch in dieser Hinsicht würden Hahn und Schirmer ausweichen, geschehen sei bisher nichts.100 99 Siehe hierzu Band 10, zu Paul Alsberg S. 523–686. Dort ebenfalls eine Einleitung des Herausgebers (Wolfgang Harich, Arnold Gehlen und die Idee einer marxistischen Anthropologie), die über die wichtigsten Schriften Harichs informiert und weitere Verbindungen zur Nietzsche-Diskussion aufzeigt (S. 11–133). 100 »Worauf es mir ankommt – und Sie schienen dies zu akzeptieren –, ist aber etwas anderes: Dass die Veranstaltung der beiden Redaktionskollegien einen ressortüberschreitenden, interdisziplinären Meinungsstreit einleitet, in dessen Verlauf dann die marxistisch-leninistischen Philosophen gewisse Literaturtheoretiker von der Verirrung abbringen, Lukács von rechts, von den Positionen Blochs, Benjamins, der Frankfurter Schule und des Neopositivismus aus, zu bekämpfen und sich dabei sogar bis zur Einbeziehung Nietzsches in unsere Erbe-P ege zu versteigen – wie dies anhaltend geschieht.« 3 6 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 3) Harichs Beteiligung an der »Vorbereitung eines würdigen und angemessenen Jean-Paul-Gedenkens (225. Geburtstag am 21. März 1988)«, die ja durch Honecker angeregt worden wäre, habe die entsprechenden Stellen nie erreicht. 4) Hager habe festgelegt, dass Harich das Manuskript Die Philosophie Friedrich Nietzsches von Heinz Malorny begutachten solle. Er habe es erst Mitte Juni erhalten. »Unter den windigsten Vorwänden – es sei im Schreibtisch einer Sekretärin verschlossen, die sich auf Urlaub be nde und deren Schlüssel man nicht nde usw. usf. – war es mir vorenthalten worden trotz feierlicher Zusagen des Verlagsleiters Prof. Berthold, es mir zu lesen zu geben.« Zu dem Buch von Malorny fällte Harich ein hartes und eindeutiges Urteil: »Alle meine Befürchtungen haben sich bestätigt. Es ist von unbeschreiblicher Niveaulosigkeit, einfach Schutt, Müll. Es wimmelt dabei von den gefährlichsten politischen Instinkt lo sigkeiten. Es macht Nietzsche von seinem privaten Dasein her sympathisch; es macht ihn interessant durch zahllose verführerische Zitate; es erklärt ihn zum Vorläufer des Gedankenguts der Grünen und Alternativen; es hebt – welch gefundenes Fressen für unsere ›Junge Gemeinde' – hervor, dass er zwischen der von ihm bekämpften christlichen Kirche und der menschlichen Größe Jesu sehr wohl zu di erenzieren gewusst habe usw., usf. Mein ausführliches Gutachten, datiert vom 17. Juni 1987, ist, o enbar auf Geheiß von Professor Manfred Buhr, vom Tisch gefegt worden. Gegen meinen dringenden und umfangreich begründeten Rat soll der Druck fortgesetzt werden, soll die Auslieferung im September bereits erfolgen; ein für Nietzsche schamlos Reklame machendes Inserat im Buchhändlerbörsenblatt kündigte das Erscheinen bereits an.«101 101 Mit mehreren Stilmitteln (Großbuchstaben, Unterstreichung des ganzen Absatzes) hob Harich seine »Warnung« vor dem Werk hervor: »Ich kann davor nur warnen! Ich schlage vor, den Druck sofort zu stoppen und jede weitere Entscheidung von einer kollektiven Beratung, die mein Gutachten gebührend mit in Betracht zieht, abhängig zu machen. Erst diese Beratung sollte eine der drei Möglichkeiten beschließen: Entweder – unveränderte Verö entlichung (falls alle meine Einwände widerlegt werden sollten); oder – Umarbeitung des Manuskripts durch den Autor von Grund auf und in allen Teilen, besonders was die skandalös falschen und gefährlichen Seiten 1 bis 90 betri t; oder – gänzliche und endgültige Beerdigung des ganzen Projekts, was, nach Lage der Dinge, dass Allerbeste wäre. Ich habe Malorny bereits ange eht, das Manuskript zurückzuziehen. Er hört nicht darauf. Seine Autorenehrgeiz lässt ihm keine Ruhe und sein Vorgesetzter Buhr stärkt ihm o enbar den Rücken.« 3 6 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Der 5. von Harich geltend gemachte Punkt betraf seine Arbeiten zu Nicolai Hartmann. Das Buch sollte ja, so war es brie ich vereinbart, im Akademie-Verlag erscheinen. Harich erhielt für diese Arbeiten sein Stipendium aus dem Kulturfonds und das Projekt war letztlich auch der Grund seiner Anbindung an den Akademie-Verlag.102 »Sie hatten festgelegt, dass ich weiter an meinem Buch über Nicolai Hartmann arbeiten soll. Es liegt jetzt ein – noch unfertiges – Manuskript von 300 Schreibmaschinenseiten vor, enthaltend sechs Teile der geplanten elf Teile, und den Anfang des siebten Teils. Ich habe dieses Ergebnis meiner bisherigen Arbeit heute dem Verlagsleiter Professor Berthold aushändigen wollen. Nachdem er mich aber hat wissen lassen, dass Malornys Nietzsche-Buch ohne Berücksichtigung meines ablehnenden Gutachtens unter allen Umständen so, wie es ist, erscheinen wird, habe ich jede Beziehung mit dem Akademie-Verlag so lange abgebrochen, bis diese Entscheidung noch einmal zur Disposition gestellt wird. Nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann es mir nicht zugemutet werden, meine Arbeit einem Verlag anzuvertrauen, dessen philosophische Produktion von Herrn Professor Buhr kontrolliert wird. Buhr hat sich in der Nietzsche-Frage als ideologisch unzuverlässig entlarvt. Dass er außerdem, wie das von ihm herausgegebene Philosophische Wörterbuch beweist, unfundierte Vorurteile gegen die Ontologie im Allgemeinen, gegen Nicolai Hartmann im Besonderen hegt, wäre nicht schlimm; mein Buch will sich mit diesen Vorurteilen sehr sachlich und sorgfältig auseinandersetzen. Aber schlimm sind Buhrs ignorante Voreingenommenheiten gegen die Gesellschaftsontologie des späten Lukács – gegen sie hat er sogar den ignoranten Schwätzer Wilhelm Raymund Beyer, zu einer Zeit, als das Werk im Ganzen noch gar nicht vorlag, mobilisiert (a. a. O., Bd. 1, S. 482 .). Und persönlich unzumutbar für mich ist, wie Buhr sich zu mir verhält. Buhr hat es von Mitte Juni bis zum heutigen Tag nicht ein einziges Mal für nötig befunden, sich mit mir und den anderen Gutachtern zusammenzusetzen, um die in meinem Gutachten enthaltenen Einwände gegen Malornys Nietzsche-Buch Punkt für Punkt durchzugehen; er hat noch nicht einmal Malorny dazu aufgefordert, sein Buch im Gespräch mit mir gegen meine Einwände zu verteidigen. Der Umgang mit Menschen wie Buhr und Berthold, denen ich nichts als O enheit, Aufgeschlossenheit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit entgegengebracht habe, ist für mich einfach unerträglich geworden. Wenn ich das Buch über Nicolai Hartmann fortsetzen soll, muss ich den Verleger wechseln. Aber täte ich dies, 102 Es wurde bereits darauf verwiesen, dass die Manuskripte in Band 10. abgedruckt sind. Dort auch die Einleitung Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs des Herausgebers (S. 11–56). Zur Ergänzung ist auch der 2. Band zu berücksichtigen. 3 6 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re bliebe ich immer noch wehrlos Herrn Minister Klaus Höpcke ausgeliefert, bei dem Frau Buhr als philosophische Beraterin wirkt, und mit dem ich mich wegen seiner ideologischen Unzuverlässigkeit in der Nietzsche-Frage und anderer Unzumutbarkeiten im November auch bereits überworfen habe.« Harich bat Hager um Hilfe, etwa durch die Ermöglichung des Übergangs zum Dietz-Verlag. »Ich bin wirklich tief, tief ratlos und bitte Sie, mir aus dieser Situation heraus zu helfen.« Seine Arbeit über Hartmann werde er bis auf Weiteres einstellen, da er nichts Zweckloses tun wolle, »nichts, wovon ich von vornherein weiß, dass es an den gegen mich herrschenden Voreingenommenheiten scheitern muss«. Es scheint in diesem Fall tatsächlich Vermittlungen gegeben zu haben, am 23. September 1987 schrieb Harich an Hager, dass seine Arbeit an dem Buch über Hartmann zügig voranschreiten würde.103 Seinen Brief an Hager beendete Harich im August 1987 mit der Bitte: »Bei alledem bewahrheitet sich Ihr Ausspruch vom 18. Mai, dass die Parteiführung gegen mich nichts habe, dass das aber ›weiter unten‹ möglicherweise noch nicht bekannt geworden sei, in allerstärkstem Maße. Es gibt nun aber rechtliche Grundlagen dafür, dem rigoros abzuhelfen. Die Amnestie zum bevorstehenden 38. Gründungstag der DDR verheißt allen, die vor dem 7. Oktober 1987 verurteilt worden sind – dazu gehöre ich doch wohl auch – gleichberechtigte Wiedereingliederung in die Gesellschaft unter Berücksichtigung ihrer beru ichen Quali kation. Ich kann mich nach dem, was ich Ihnen hier geschildert habe, beim besten Willen nicht als meiner beru ichen Quali kation entsprechend gleichberechtigt behandelt fühlen; immer noch nicht, obwohl meine Straftat seit dem Dezember 1974 verjährt ist. Bitte stellen jetzt Sie, lieber Kurt Hager, Überlegungen an, wie mir zu meinem Recht verholfen werden kann. Ich will, wenn mir dazu verholfen wird, nichts anderes tun, als in den oben geschilderten Fragen den wiedererlangten kulturpolitischen Ein uss dazu zu benutzen, das für Partei, Staat und Gesellschaft Nützliche zu fördern und Schädliches abwenden zu helfen. Das gilt für die Fragenkomplexe Lukács, Nicolai Hartmann, Nietzsche und Jean Paul, für die ich wie kein anderer in unserer Republik fachlich zuständig bin, gleichermaßen.« 103 »Es versteht sich, dass im Vordergrund meiner Tätigkeit weiterhin aber die schriftstellerische Arbeit stehen wird, so wie in den vergangenen Jahren seit meiner Rückkehr aus dem kapitalistischen Ausland. Meine Arbeit an dem Buch über Nicolai Hartmann schreitet zügig fort. Die Aufsätze über Lukács und gegen Nietzsche, die ebenfalls recht arbeitsaufwendig waren, sind in den letzten anderthalb Jahren noch hinzukommen, nebst einem umfangreichen Schriftwechsel hierüber. Alles in allem kann ich behaupten, noch nie als Autor so eißig gewesen zu sein wie jetzt als Invalidenrentner.« 3 6 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Nach diesem Beschwerdebrief schienen sich die Dinge zum Besseren zu entwickeln. Harich setzte, wie gesagt, seine Arbeiten über Nicolai Hartmann fort und bat am 23. September 1987 die Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag darum, in die SED aufgenommen zu werden. Drei Motive wären dafür vor allem maßgebend: 1) »Ich bejahe uneingeschränkt das Programm und das Statut der Partei und deren Beschlüsse; 2) Ich möchte beizeiten dafür vorsorgen, dass ich nicht eines Tages als so genannter ›heimatloser Linker‹ sterbe, sondern dass, wenn es einmal so weit sein wird, bei niemandem der geringste Zweifel darüber bestehen kann, wie ich, nach weit zurückliegenden Irrungen und Wirrungen, gedacht und wo ich gestanden habe; 3) Ich glaube, auf den Gebieten, für die ich mich zuständig fühle (Philosophie, Literaturwissenschaft), am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied besser und wirksamer teilnehmen zu können denn als Außenstehender. (Besonders Diskussionen einerseits über das Vermächtnis von Georg Lukács, andererseits über die Einschätzung Nietzsches haben mich in den letzten Jahren und Monaten in dieser Überzeugung bestärkt.)«104 Weiter schrieb er dann: »Professor Dr. Werner Mittenzwei (SED), Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste der DDR, hat sich schon mehrmals – und heute erneut wieder – dazu bereit erklärt, für mich zu bürgen.105 Lebhaft bestärkt wurde 104 Gegenüber Kurt Hager machte Harich am 23. September brie ich folgende Ergänzung: »Gestatten Sie mir aber bitte, Ihnen ein Wort der Erläuterung zu dem dritten der von mir in dem Schreiben dargelegten Motive zu sagen. Mein Wunsch, auf den Gebieten, für die ich kompetent zu sein glaube, am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied teilzunehmen, schließt zwei Bedürfnisse ein: a) Die Weitergabe meiner Kenntnisse, Erfahrungen und wissenschaftlichen Überzeugungen auf den Gebieten der Philosophie und Literaturwissenschaft an einen Kreis hierfür geeigneter Schüler bei gleichzeitigem Tonbandmitschnitt meiner Ausführungen; b) eine gleichzeitige Ein ussnahme auf denselben Gebieten auf unsere Verlagsproduktion, die, wie ich glaube, bis jetzt reiches und auch hochinteressantes humanistisches Erbe, das noch gänzlich unausgeschöpft ist, vernachlässigt (einschlägige konkrete Vorschläge und Gutachten von mir liegen z. T. seit Jahrzehnten dem Akademie-Verlag vor).« Darauf wird an anderer Stelle eingegangen. 105 An Werner Mittenzwei hatte Harich am 15. September 1987 geschrieben: »Und nun zu Ihrer liebenswürdigen und mich ehrenden Art, mich anzureden. (Mittenzwei schrieb immer: ›Lieber Genosse Wolfgang Harich!‹, AH) Seit Jahrzehnten warne ich Sie davor – und bin sofort tief gekränkt, wenn Sie’s einmal unterlassen. Nun aber möchte ich Sie beim 3 6 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ich in meiner Entscheidung von der Schriftstellerin Inge von Wangenheim (SED), die sich aber wegen der Seltenheit und Flüchtigkeit unserer persönlichen Kontakte außer Stande erklärte, eine regelrechte Bürgschaft für mich zu übernehmen. Ihre Befürwortung meines Parteieintritts resultiert lediglich aus Eindrücken, die sie aus Verö entlichungen von mir gewonnen hat. Entschieden befürwortet wird mein Parteieintritt ebenfalls von Dr. Sebastian Kleinschmidt (SED), Redakteur der Zeitschrift Sinn und Form der Akademie der Künste der DDR, der seine Bereitschaft zur Übernahme einer Bürgschaft für mich gesprächsweise andeutete. Von den Mitgliedern der Grundorganisation des Akademie-Verlages kann meine Arbeit unter dessen drei Verlagsleitern Ludolf Koven, Werner Mussler und Lothar Berthold am besten wohl Dr. Hermann Turley beurteilen. Ich würde ihn als zweiten Bürgen benennen, wenn er sich damit einverstanden erklären sollte, würde mich andernfalls aber mit der Bitte um die zweite Bürgschaft an Dr. Kleinschmidt von Sinn und Form wenden. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie über diesen Punkt mit Dr. Turley bald einmal sprächen. Ich war Mitglied der KPD seit Februar 1946 und der SED von deren Gründung bis 1956. Im Zusammenhang mit meiner Verurteilung wegen Staatsverbrechens wurde ich 1957 aus der Partei ausgeschlossen. Seit Dezember 1974 gilt meine Straftat als verjährt. Mit Rücksicht auf mein Herzleiden, das sich bei emotionalen Belastungen sehr zu verschlechtern p egt, bitte ich, mir hochnotpeinliche Befragungen über meine Vergangenheit so weit wie irgend möglich zu ersparen. Im Anschluss an meine Invalidisierung habe ich mich von April 1979 bis Oktober 1981 im kapitalistischen Ausland – mit Langzeitvisum – aufgehalten, und zwar 1979 in Österreich, 1980/1981 vor allem in der BRD, teils aber auch wieder in Österreich. Darüber, dass ich dort während dieser Zeit mit Kommunisten eng und freundschaftlich zusammengewirkt und mich in meinem Verhalten stets als meiner DDR-Staatsbürgerschaft würdig erwiesen habe, können Professor Dr. omas Schönfeld (KPÖ), Ordinarius für Chemie an der Universität Wien und Mitglied des Weltfriedensrates, sowie André Müller (DKP), wohnhaft in Köln, Chefredakteur der Zeitschrift Kultur & Gesellschaft des Demokratischen Kulturbundes der BRD, Auskunft geben.« Doch erneut machte sich schnell Ernüchterung breit. Wenn Harich mit seinem geplanten Parteieintritt und den verschiedenen Gesprächen, die er führte, die Ho nung Wort nehmen. Wenn mein Nietzsche-Aufsatz in Sinn und Form erschienen sein wird, will ich meine Aufnahme als Kandidat in die SED beantragen und dann Sie als einen der Bürgen benennen. Herzlichen Glückwunsch zu den daraus vermutlich erwachsenden Querelen! In alter Liebe und Freundschaft und junger Verehrung, Ihr Genosse« (Band 9, S. 466.) 3 6 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e verbunden hatte, dass sich auch die Nietzsche-Frage in seinem Sinne regeln werde, sah er sich enttäuscht. Am 16. Oktober 1987 schrieb er an den Kulturbund: »Friedrich Nietzsche war die negativste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart und ist dies geblieben. Mit Leuten, die dem Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die Deutsche Demokratische Republik – und damit auf die sozialistischen Länder überhaupt – Vorschub leisten, möchte ich nichts zu tun haben. Der Kulturbund tritt die Tradition seiner Gründungsväter mit Füßen, wenn er in den Räumen seines zentralen Klubs, der den Namen Johannes R. Bechers trägt, eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo ausstellt und zum Kauf feilbietet. Aus Protest dagegen erkläre ich hiermit aus dem Kulturbund und dem Klub der Kulturscha enden meinen Austritt. In der Anlage erhalten Sie mein Mitgliedsbuch zurück. (Auch die Mitgliedsbeiträge für 1985 wurden von mir bezahlt; die Beitragsmarken für dieses Jahr habe ich allerdings nicht erhalten.)« Dass in der »Angelegenheit Nietzsche« die Dinge weiterhin äußerst problematisch wären, schrieb Harich am 19. Oktober 1987 erneut an Kurt Hager. Er machte drei Tatsachen geltend: 1) »Die Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo, die mir den Anstoß zu meiner warnenden und protestierenden Eingabe vom 22. Dezember 1985 gab, wird nicht nur nach wie vor im Buchhandel angeboten, sondern jetzt auch im zentralen Klub der Kulturscha enden ›Johannes R. Becher‹ in der Nuschkestraße. Ihre Hinweise auf dem Kulturbund-Kongress in Karl-Marx-Stadt, die sich ohne Nennung des Namens gegen Nietzsche richteten, scheinen also nicht verstanden worden sein. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen, unter Protest aus dem Kulturbund und dem Klub der Kulturscha enden auszutreten. (Die Kopie meines diesbezüglichen Schreibens füge ich hier bei.) 2) Mein Gutachten vom 17. Juni 1987, das mit ausführlicher Begründung davor warnt, Heinz Malornys Buch Die Philosophie Friedrich Nietzsches zu verö entlichen, ist mir bisher in keinem einzigen Punkt widerlegt worden. Mein Gutachten wird aber nicht beachtet. Sowohl der Autor als auch der Akademie-Verlag und selbstverständlich auch die Leitung des Zentralinstituts für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR bleiben bei der Entscheidung, dass das Buch erscheinen soll. Die Folgen für die ideologische Diskussion in unserem Lande halte ich für katastrophal und kann vor ihnen nur warnen. 3 6 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 3) Die interne, diskrete Diskussion Nietzsche und die Folgen im ZI für Philosophie der AdW am 16. Oktober 1987« sei völlig im Sande verlaufen.106 Im Zuge der gerade geschilderten Entwicklungen wurde Harich sukzessive immer klarer, dass all seine Eingaben, Mahnungen und Beschwerden keinen Erfolg hatten, schlichtweg nichts nutzten. Er wandte sich, im Frühjahr 1987, also ein halbes Jahr vor diesem Brief, an Erich Honecker. (Mit diesem Vorgang beschäftigte sich das vorangegangene Unterkapitel.) Nachzutragen bleibt an dieser Stelle noch, dass auch Harichs Versuche, mit seinem Gutachten und persönlichen Interventionen den Druck des Nietzsche-Buches von Heinz Malorny zu verhindern, erfolglos blieben. Das ursprüngliche erste Gutachten (vom 17. Juni 1987) ist leider im Nachlass Harichs nicht erhalten, sein zweites, datiert auf den 29. April 1988, kann dagegen im vorliegenden Band präsentiert werden. Bereits am 26. April hatte Harich einen Brief an Lothar Berthold geschrieben, der sich vor allem mit der Rolle Manfred Buhrs auseinandersetzt und an anderer Stelle (im Zusammenhang mit dessen Aufsatz in der Sinn und Form) behandelt wird. Es ist nicht notwendig, Harichs Gutachten hier ausführlich zu analysieren. Wichtig war ihm der Hinweis, dass sich im zurückliegenden Jahr nationalsozialistische Tendenzen sowohl im Westen als auch im Osten verstärkt gezeigt hätten, so dass es nur noch dringlicher sei, die Nietzsche-Diskussion in der DDR zu beenden.107 Gegen Malornys Buch brachte Harich folgende Argumente vor: 106 Hierzu ausführlicher in den beiden Unterkapiteln zu den Angri en auf Harich: Nietzsches Genossen. 107 »Gegenüber dem Vorjahr, aus dem mein vom 17. Juni 1987 datiertes, bereits ebenfalls ablehnendes Gutachten stammt, hat das Wiederau eben rechtsradikaler Umtriebe und Tendenzen, dem die Nietzsche-Renaissance wohl nicht zufällig vorausgegangen ist und mit dem sie koinzidiert, sich erheblich verstärkt. Ich brauche nur an die Wahlerfolge rechtsextremer Gruppierungen und Parteien besonders in Frankreich, desgleichen in Italien und neuerdings auch in der BRD – hier namentlich vor kurzem in Baden-Württemberg –, an den bundesdeutschen Historikerstreit, der durch die infame Geschichtsklitterung Ernst Noltes ausgelöst wurde, und an ähnlich beunruhigende Erscheinungen zu erinnern. Leider strahlt dies auch auf die DDR aus; es genügt, an die brutalen Aktivitäten von Skinheads und die Schändung jüdischer Grabstätten bei uns zu denken. Ins Haus steht, vor diesem Hintergrund, der 100. Geburtstag Hitlers: am 20. April 1989. Unter derartigen Umständen sollte die Nietzsche-Diskussion bei uns endlich, endlich beendet werden.« 3 6 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Verf.s (gemeint ist Heinz Malorny, AH) Buch ist, obwohl der Intention nach gegen Nietzsche gerichtet, geeignet, ihr (der Nietzsche-Renaissance, AH) neue Nahrung zuzuführen und sie auszuweiten. Schon die zu erwartenden Rezensionen, in Ost und West, von links wie von rechts, würden dafür sorgen. Und nicht nur die DDR, auch die übrigen sozialistischen Ländern, bis hin nach China und Korea, würden davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Allein die Bereitschaft, Nietzsche weiterhin die Würde eines Gegenstandes geistiger Auseinandersetzung zuzubilligen, wäre in ihren Folgen verheerend. Die Verantwortung dafür, dem de nitiv Einhalt zu gebieten, fällt dem sozialistischen Teil des Geburtslandes von Marx und Engels, dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, zu. Ich bestreite, dass Verf.s Buch und dessen Befürworter dem Rechnung tragen. Die Bildungslücken des Verf.s, seine oft primitiven Argumentationen – primitiv gerade auch da, wo er sachlich recht hat – und seine unbeholfene Schreibweise bringen den Marxismus-Leninismus, den er vertritt, in Misskredit und geben zugleich seinen zahl