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Teil II. Die Nietzsche-Debatte der achtziger Jahre in:

Wolfgang Harich, Andreas Heyer (Ed.)

Friedrich Nietzsche, page 263 - 732

Der Wegbereiter des Faschismus

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4377-6, ISBN online: 978-3-8288-7360-5, https://doi.org/10.5771/9783828873605-263

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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T eil I I D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 2 6 5 A nd rea s H ey er W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 1. Auftakt ohne Diskussionen 1978 hatte Wolfgang Harich die DDR Richtung Österreich verlassen. Auf direkte Anordnung Erich Honeckers war sein Ausreiseantrag abgelehnt worden und er hatte stattdessen ein mehrjähriges Dauervisum erhalten, war also auch im Westen nach wie vor Bürger der DDR. In Österreich und später dann auch in der Bundesrepublik (sowie beispielsweise in Spanien) versuchte Harich seine ökologischen eorien, Einsichten, Fragen in praktische Politik umzusetzen – er engagierte sich in linkssozialistischen, alternativen, ökologischen, friedensbewegten usw. Kreisen, hielt Vorträge, schrieb Artikel. Sukzessive entwickelte er seine ökologischen Konzeption, wie sie seit 1975 mit dem Buch Kommunismus ohne Wachstum vorlag, weiter in Richtung individueller und genossenschaftlicher Verantwortung.1 1981 kehrte er schließlich in die DDR zurück. Seine Frau Anne Harich schrieb über den nun beginnenden neuen Abschnitt seines Lebens: »Als Harich aus dem Westen heimgekehrt und an die Tür wissenschaftlicher Institutionen zu pochen gewagt und um eine angemessene Betätigung zu bitten sich erlaubt hatte, fand er die Genossen im ZK der SED mit einem Problem konfrontiert: Bedeutende Geisteswissenschaftler der DDR hatten denen ihre heimliche Liebe zu Friedrich Nietzsche o enbart und sich zu ihr bekannt. Kapazitäten der Philosophie- und Literaturgeschichte, politisch zuverlässig und fähig, Friedrich Nietzsche, selbstverständlich marxistisch, di e- 1 Alle wichtigen Schriften zu diesem ema präsentiert der 8. Band. Dort auch Hinweise auf die Forschungsliteratur und anderes mehr. 2 6 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re renziert zu beurteilen, waren oder machten sich in jener Phase der Ost-West-Annäherung o ensichtlich rar. Harich, zum Alleingänger abgerichtet, der nie mehr ›eine Gruppe bilden‹ wollte, schien da der rechte, der zuverlässige Mann zu sein. Wohl oder übel auch der Mann, der gegebenenfalls den empörten Widerspruch aushalten wird, der ausgenutzt und geopfert und von niemandem bedauert werden wird.«2 Harich und Nietzsche. Rückblickend fragt man sich sofort: Konnte das gutgehen? Die DDR hatte Harich auch deshalb verlassen, weil er sich nicht mehr gebraucht fühlte. Er war seit 1956/1957 kein Mitglied der Partei mehr, ein heimatloser Marxist und Kommunist, woraus sich erklärt, dass er in den achtziger Jahren, wovon an anderer Stelle zu sprechen sein wird, auch seine Wiederaufnahme in die SED betrieb – ein für ihn überaus wichtiges Anliegen. Und nun erging an ihn nach seiner Rückkehr nicht nur eine Bitte, sondern, wenn man so will, ein »Parteiauftrag«. Anne Harich, von der dieses Stichwort hier übernommen wurde, hielt fest: »Jetzt war er wieder bereit, sein Bestes zu geben. Gregor Schirmer, Klaus Höpcke und auch Lothar Berthold legten Harich nahe, ein urteilsfähiges Nietzsche-Buch zu schreiben. Harich nahm das Anliegen der Obrigkeit als einen Auftrag, wenn nicht gar als einen Parteiauftrag, an, den er verantwortungsvoll verinnerlichte. Erneut ließ er sich, ausgehend davon, Nützliches zu leisten, mit den Genossen ein. Harich, mit beiden Füßen fester denn je auf dem Boden der marxistisch-leninistischen Lehre stehend, machte sich ans Werk. Wieder einmal wird er sich gesagt haben: Euch werde ich's zeigen! Mit dem Auftrag im Kopfe wird Harich auf eine geistige Entwicklung in seinem Land gestoßen, die er mit der Methode des ›Dagegensteuerns‹ noch aufzuhalten glaubt, und wenn das nicht helfen 2 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007, S. 192. Weiter heißt es: »Was von der Literatur und der Philosophie vergangener Epochen gehört in das geistige Kulturerbe eines sozialistischen Landes einbezogen, bewahrt, neu entdeckt zu werden? Voraussetzung ist humanes Gedankengut. Von wem sollte, weil reaktionär, Abstand genommen werden? Wie ein roter Faden durchziehen diese Fragen Harichs Schriften. Sie tragen, sozialistische Prinzipien und Ziele ernst nehmend, unüberhörbar Existenzielles in sich. Seine Grenzen sind nach genauer und strenger Beurteilung abgesteckt, und der jeweilige Kanon, ob in der Philosophie, Literatur und Geschichte, stellt ein umfangreiches Erbe dar. Das ist nachzuprüfen in seinen editorischen Vorschlägen und Exposés, geschrieben im Laufe seines Lebens für den Aufbau- und Akademie-Verlag. Über diese Arbeit, die Harich geleistet hat, wird geschwiegen. Seine Editionsvorschläge, wären sie bekannt, wären sie verwirklicht worden, hätten das Bild des ›Dogmatikers‹ ins Wanken gebracht; sie hätten einen weitumspannenden exzellenten Kenner der Philosophie und Literaturgeschichte zur Geltung gebracht.« (Ebd., S. 192.) 2 6 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e sollte, so werde er das mit der ›Dampframme‹ tun, wie er es einmal zu Klaus Höpcke geäußert haben soll.«3 Der II. Teil des vorliegenden Bandes wird erö net mit dem erhaltenen Anfang der Denkschrift zur Nietzsche-Rezeption, die Harich, seine ersten Untersuchungen und Forschungen bilanzierend, im Sommer 1982 zu Papier brachte. Doch er wollte sich in dieser »o ziellen« Form nicht zur Problematik äußern, so dass er mit dem Datum 26. Juli 1982 einen Brief an Hermann Turley vom Akademie-Verlag sendete, der die von der Partei angeforderte Denkschrift ersetzen sollte. Harich begründete dies gleich Eingangs damit, dass er ein »Arbeitsvorhaben plausibel machen muss, dem ich mich im Grunde kaum noch gewachsen fühle«.4 Seinen Brief begann Harich zunächst mit der Mitteilung, dass er darauf angewiesen sei, zu seiner Rente etwas hinzuzuverdienen. Hierfür gebe es zwei Möglichkeiten: Für den Akademie-Verlag könne er die »Abfassung von Gutachten« übernehmen und sich »für editorische Aufgaben zur Verfügung« stellen, für das Zentralinstitut für Literaturwissenschaft bei der Akademie der Wissenschaften der DDR »als Berater für das Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte« wirken. In diesem Zusammenhang machte er geltend, dass er beispielsweise Eike Middell, der ein Werk über Nietzsches Wirkung auf die Literatur zu schreiben beabsichtige, helfen könne, da Middell geäußert habe, dass es ihm schwer falle, Nietzsche philosophisch zu beurteilen.5 Er bekannte sich gleichzeitig zu dem ihm erteilten 3 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 192 f. 4 Alle Zitate aus Texten des vorliegenden Bandes werden im Folgenden nicht mit exakten Seitenzahlen nachgewiesen, das Dokument, aus dem sie stammen, ergibt sich aus dem jeweiligen Kontext. Im Folgenden alle weiteren Zitate, wenn nicht anders kenntlich gemacht, nach dem Brief an Hermann Turley vom 26. Juli 1982. Die Überschneidungen zur vorher abgedruckten Denkschrift erschließen sich bei der Lektüre und werden hier nicht ausgeführt. 5 In diesem Kontext entwickelte Harich mit Blick auf das Verhältnis von Nietzsche und der bürgerlichen Literatur bereits in einigen Stichworten jene Position, die er in den fünfziger Jahren ebenso vertreten hatte, wie sie in den späten achtziger Jahren zum Kernbestand seines Denkens gehörte. Er schrieb: »Dieser Haltung entspricht es, dass ich auch Kollegen Middell von etwaiger Nachsicht gegenüber Nietzsche, falls er hierzu neigen sollte, abbringen zu können ho e. Dass Nietzsche progressive, humanistische Autoren beeindruckt hat, spricht nämlich nie für ihn, sondern stets nur gegen diese Autoren. Das gilt, meine ich, auch im Falle omas Manns, bei dem sich eben darin Begrenzungen o enbaren, die durch seine Klassenposition und durch modische Vorurteile seiner Zeit bedingt sind. Auf Nietzsche gehen – um nur dies zu erwähnen – omas Manns exzessive Essay-Schwafeleien zurück, die ganz anders – generell viel negativer – zu bewerten sind als seine Leistungen auf dem Gebiet des Romans und zumal der Novelle. Ähnlich erweist Bernard Shaw sich dort am problematischsten, wo er unter Nietzsches Ein uss 2 6 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Parteiauftrag: »Das Ziel, dass ich mir bei diesen Studien setzte, ist ein eigenes Buch über Nietzsche. Ich will mir redliche Mühe geben, das noch zu scha en.« Er sehe jedoch zahlreiche Schwierigkeiten, so dass weder ein Vertrag über das Werk abgeschlossen werden noch etwa unnötiger Druck beispielsweise durch Termine entstehen solle. In Aussicht stellte er die Abfassung verschiedener Fragmente und Materialien, die dann die Akademie, der Akademie-Verlag oder die Partei nach ihrem jeweiligen Bedarf nutzen könnten. Gleichzeitig bekräftigte er, dass er Nietzsches zuvorderst kritisch sehe – nachdem er, »vom Ekel geschüttelt«, begonnen habe, den Zarathustra erneut zu lesen. Zudem bat er darum, dass seine Texte im Falle seines Todes nicht »Kollegen, die zu Nietzsche versöhnlicher stehen, die bei ihm ein in irgendeiner Hinsicht wertvolles Gedankenerbe vermuten«, überlassen würden. Gegenüber Turley berichtete Harich, wie es zu seiner erneuten Auseinandersetzung mit Nietzsche gekommen sei: »Wenn ich mich gleichwohl vor einigen Monaten nach langer Zeit mit Nietzsche wieder zu beschäftigen begonnen habe, so ist das auf folgende Umstände zurückzuführen. Bald nach meiner Heimkehr aus dem kapitalistischen Ausland (Österreich, BRD) suchte ich im Dezember 1981 den Stellvertreter des Leiters der Abteilung Wissenschaften beim Zentralkomitee der SED, Herrn Professor Dr. sc. jur. Georg Schirmer, auf. Ich erklärte ihm, unter anderem, dass ich, in den Grenzen meiner Leistungsfähigkeit als schwerbeschädigter Invalidenrentner, gerne wissenschaftlich noch etwas arbeiten würde, und fragte ihn, auf welchem Gebiet ich, nach seiner Meinung, hierbei noch Nützliches würde leisten können. Schirmer antwortete: ›Auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie.‹ Darüber habe ich in den Wochen und Monaten danach, konkreter ratsuchend, mit mehreren Bekannten und Freunden diskutiert, deren Erwägungen und Vorschläge mich steht, in Mensch und Übermensch und Zurück zu Methusalem, und nicht wegen, sondern trotz Nietzsche hat er uns selbst hier noch Wertvolles gegeben. Auf Knut Hamsun einzugehen, scheint sich insofern zur erübrigen, als es ihm ohnehin nicht äußerlich gewesen ist, sich zum Parteigänger Hitlers und Quislings verstiegen zu haben. Nichtsdestoweniger war Hamsun ein überragend großer Dichter. In demjenigen Werk indes, auf das Nietzsche und Dostojewski besonders stark eingewirkt haben, in dem Roman Mysterien, ist Hamsun, was ihm sonst als Dichter mehr oder weniger fern lag, bereits lange vor seiner späteren politischen Einstellung ausgesprochen faschistoid. Und ist Stephan Hermlins Empfehlung, an Nietzsche di erenzierend heranzugehen, etwa nicht Zubehör seiner snobistischen Allüren? Können die klammheimlichen Sympathien Peter Brückners für terroristische Gewaltakte überraschen, wenn man in seiner Autobiographie liest, er habe als Halbwüchsiger in der Nazizeit bei Nietzsche, ausgerechnet!, ›Zu ucht gesucht‹? Ich deute dies anhand der eben genannten Beispiele nur kurz an, um von vornherein klarzustellen, auf welcher Linie meinerseits die Diskussion mit dem Kollegen Middell, falls sie zu Stande kommt, sich bewegen wird.« 2 6 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e aber meist allzu sehr in den ›Elfenbeinturm‹ verwiesen. Einzig Gertraude Wieland, eine ehemalige Kollegin aus dem Akademie-Verlag, seit einiger Zeit tätig bei der Editionsabteilung des Zentralinstituts für Philosophie der AdW, hatte einen Gedanken, der auf aktuelles Engagement abzielte. Sie meinte, das Beste, was ich bisher geleistet hätte, habe sich thematisch immer im Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegt, weshalb ich ihr prädestiniert dafür erschiene, über Nietzsche zu arbeiten, einen erzreaktionären Philosophen, der ideologisch desorientierend besonders auf Schriftsteller und literarisch interessierte Intellektuelle wirke. Zeitgemäß sei die Wahl dieser ematik insofern, als sich derzeit im Westen, von Italien und Frankreich ausgehend, Tendenzen einer Art Nietzsche-Renaissance abzeichneten, von der Ausstrahlungen auch in die DDR spürbar wären, gefördert und befürwortet namentlich von dem in Jena wirkenden Friedrich Tomberg. Andere Kollegen bestätigten das.« Im Zuge seiner ersten Arbeiten und Recherchen, durch Gespräche und private Kontakte hatte Harich registriert, dass sich auch in der DDR eine positive Einstellung zu Nietzsches Philosophie sukzessive durchzusetzen beginne. »Versteht sich, dass es mir nicht an gutem Willen fehlt, den Anfängen einer derartigen Entwicklung nach Kräften wehren zu helfen. Wo Linke sich auf Nietzsche ›besinnen‹, will ich tun, was ich kann, ihnen die Dummheit und Gemeingefährlichkeit dieser Verirrung zu Bewusstsein zu bringen.« Harich ging es darum, schon zu diesem Zeitpunkt vor derartigen Tendenzen und Entwicklungen zu warnen. Ja, die DDR müsse sich ein eigenes Nietzsche-Bild erarbeiten – gerade mit Blick auf die in Gärung begri ene Intelligenz. Aber die Prämissen und Eckpfeiler des Erbe-Verständnisses des sozialistischen Staates müssten intakt bleiben. »Was mir bei meinen parallel dazu laufenden Recherchen au el, war, dass in bestimmten Teilen der philosophisch und literarisch-künstlerisch interessierten Partei- bzw. Sympathisanten-Intelligenz o enbar hinsichtlich der Einschätzung Nietzsches krasse Divergenzen bestehen. Ich nannte unter denen, die nachsichtig, um nicht zu sagen positiv beurteilen, bereits Hermlin und Tomberg. John Erpenbeck ging noch weiter: Ganz im Gegensatz zu Malorny wollte er es mir, in geradezu gereiztem Ton, verwehren, mich ›so pejorativ‹ über Nietzsche zur äußern. Auch vertrat Erpenbeck die – meines Erachtens ziemlich abwegige – Ansicht, dass Nietzsche einen gerade heute für uns fruchtbaren Beitrag zur Erhellung der Wertproblematik geliefert habe. Mich wollte er dazu gewinnen, dieses ›philosophische Erbe‹ herauszuarbeiten. Mir ist verständlich, dass bei dieser Lage der Dinge die wissenschafts- und kulturpolitischen Instanzen von Partei und Staat Wert 2 7 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re darauf legen, dass über Nietzsche Klarheit gescha en werde, dies um so mehr, als ja wichtige Nietzsche-Gedenkstätte (Röcken, Naumburg, Schulpforta, Leipzig, Weimar) auf dem Territorium der DDR liegen und, beispielsweise, das Grab in Röcken Wallfahrtsort für versnobte Insassen von CD-Limousinen ist. Wenn ich dazu beitragen kann, ein wissenschaftlich fundiertes Nietzsche-Bild zu scha en, das, wenigstens, auf progressive Kräfte überzeugend wirkt und bei ihnen diesbezügliche Meinungsverschiedenheiten beilegen hilft, so will ich mich einer solchen Aufgabe keineswegs verschließen.« Im weiteren Verlauf seines Briefes kam Harich dann noch einmal auf die bereits erwähnten Schwierigkeiten bei der Abfassung eines eigenen Buches zu sprechen: Er machte seine gesundheitliche Situation geltend, seine Verachtung Nietzsches,6 das zahlreiche und vielfältige Material, d. h. die Texte von Nietzsche selbst ebenso wie wichtige Schriften über ihn, Arbeiten seiner Zeitgenossen usw. Schließlich gäbe es bereits eine marxistische Einschätzung Nietzsches, die zunächst erst einmal wieder in der DDR in ihre Autorität eingesetzt werden müsse: »Ich erkläre mich näher. Es gibt, dessen bin ich gewiss, keine bessere, gültigere, philosophisch und historisch korrektere Einschätzung des Werks von Nietzsche als das 3. Kapitel von Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft (Aufbau, Berlin, 1955, S. 244  .).« Die für Harich später so wichtige Konstellation »Ja zu Lukács, nein zu Nietzsche« taucht hier zum ersten Mal auf. Neben all diesen Faktoren gebe es weitere objektive Schwierigkeiten: »Nietzsche ist der schlechthin menschenfeindlichste, reaktionärste, überdies am meisten den Krieg verherrlichende Ideologe, den die Geschichte kennt. Niemand sonst hat die arbeitenden Menschen aller Länder und Zeiten, die Armen, Ausgebeuteten, Unterdrückten, angefangen von den Sklaven der Antike bis zum modernen Industrieproletariat, mit gleicher Unverfrorenheit verachtet und geschmäht und für immer niederzuhalten empfohlen. Eine Nietzsche-Rezeption kann in einem sozialistischen Land daher gar nicht in 6 »Es ist sehr wahrscheinlich, dass die mit der Ausarbeitung des Manuskripts verbundenen Mühen mich dann binnen kurzer Frist zum Aufgeben zwingen oder aber umbringen werden. Es kommt hinzu, dass ich an der Beschäftigung mit Nietzsche ja keinerlei Freude habe. Die Inhalte, die dieser Ideologe zu bieten hat, sind mir in jeder Beziehung verhasst, widerwärtig, ekelhaft. Und durch die Formen, in denen er sich mitteilt, weiß er sich jeder Argumentation zu entziehen. Wenn es nach meinen Neigungen, Interessen und soliden Vorkenntnissen ginge, gäbe es auf den Gebieten der Philosophie und Philosophiegeschichte eine nicht geringe Anzahl anderer emen, mit denen mich zu befassen mir größere Befriedigung gewähren würde (wohlgemerkt emen, die mit meinen hauptsächlichen Interessengebieten während des letzten Jahrzehnts, mit politischer Ökologie, Futurologie, Friedens- und Kon iktforschung, ebenfalls nichts zu tun haben).« 2 7 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Betracht kommen, falls unter ›Rezeption‹, dem Wortsinn gemäß, ›Annahme‹, ›Aufnahme‹, ›Übernahme‹, also etwas, was einer Erbeaneignung nahe käme, verstanden wird. Nietzsche-Forschung kann vielmehr hier immer nur auf Bekämpfen, Entlarven, Anprangern hinausführen und muss, vor allem, den Zweck im Auge haben, eine überzeugende Legitimation dafür zu scha en, dass Werke dieses Autors im Machtbereich von Arbeiter- und Bauernstaaten nie gedruckt und verbreitet werden.« Harich ging sogar noch einen Schritt weiter. Schon 1982 warnte er davor, dass die Auseinandersetzung – d. h. »ö entliche Bekämpfung«, jede, auch kritische, Besprechung – mit, von Nietzsche diesen überhaupt erst ins Gespräch bringen werde, die geplante kritische Diskussion also in ihr Gegenteil umzuschlagen drohe.7 Anders formuliert: Weil die Partei Nietzsche kritisiere, werde dieser gerade erst für die Menschen und die Intellektuellen interessant. Mit Harichs Worten: »Ich sehe wohl die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Nietzsche, sehe aber vorderhand nicht, dass diese Beschäftigung unter allen Umständen in eine – womöglich gar spektakuläre – Buchver- ö entlichung einmünden muss.« Auf der Basis seiner Ausführungen machte Harich dann zum Abschluss seines Briefes fünf Vorschläge, wie in der aktuellen Situation nun mit Nietzsche verfahren werden könne: 1) Eine kleine Diskussionsrunde aus Philosophen und Literaturwissenschaftler solle sich zusammensetzen und eine Entscheidung darüber tre en, ob die ö entliche Aus einan der setzung mit Nietzsche schnell gesucht werden müsse. »Wenn ja, dann wäre ein kleiner Sammelband mit den drei Nietzsche-Aufsätzen von Franz Mehring und den beiden einschlägigen Arbeiten von Georg Lukács (Der deutsche Faschismus und Nietzsche, aus Schicksalswende, Berlin, 1956, S. 7 ., das 3. Kapitel aus Die Zerstörung der Vernunft, Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, 7 »Nun fragt es sich dabei aber – wenn es sich so verhält –, ob nicht eine Konstellation denkbar – wenn nicht sogar voraussehbar wahrscheinlich – ist, in der wir uns davor hüten müssen, Nietzsche durch dessen ö entliche Bekämpfung erst interessant und diskussionswürdig zu machen und damit jener oben erwähnten derzeitigen Nietzsche- Re nais sance womöglich erst voll zum Durchbruch zu verhelfen, ob es nicht vielmehr ratsam bleiben mag, der Bekämpfung eine unau älligere, diskretere, aber eben deswegen desto wirksamere Form zu geben. Wie dem auch sei, auf alle Fälle tun wir, meine ich, gut daran, und zumindest die Option für eine solche diskretere Bekämpfung o en zu halten, auch wenn zugleich Manuskripte über Nietzsche im Entstehen begri en sein sollten.« 2 7 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Berlin, 1955, S. 244 .) herauszubringen. Eben diesen Band habe ich bereits Mitte der fünfziger Jahre angeregt und er ist damals denn auch, in der Reihe Philosophische Bücherei des Aufbau-Verlages, erschienen. Seine Neuau age könnte jetzt vielleicht durch einschlägige Passage aus Büchern von Wolfgang Heise, S. F. Odujew, B. Stuschkow, sowie durch Artikel Heinz Malornys u. a. vermehrt werden.« 2) Perspektivisch solle ein kleines Forscherkollektiv installiert werden, »bestehend aus den Kollegen Malorny, Middell und mir«, dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Sichtweisen über Nietzsche arbeiten, die gemeinsam diskutieren und den »Verlauf der – vermeintlichen oder tatsächlichen – Nietzsche-Renaissance« beobachten sollen. 3) Harich sei bereit, in diesem Rahmen zwei Jahre lang konzentriert Nietzsche und die Literatur über diesen zu studieren, um ein Werk über Nietzsche vorzubereiten. 4) Nach dieser Phase sei eine Entscheidung darüber zu tre en, wie diese Vorarbeiten verwendet werden sollen. Die Bandbreite reiche von der Erstellung interner Materialien bis hin zur Abfassung eines eigenständigen Buches. 5) Während der zwei Studienjahre sei Harich bereit, Middell bei seinen Forschungen zu unterstützen, wenn dieser es wünsche. Die Nietzsche-Debatte begann in diesen Monaten, leise, still, in Briefen und Gesprächen. Oftmals wird ihr Beginn erst Mitte der achtziger Jahre angesetzt, was insofern eine gewisse Berechtigung erheischen kann, als in dieser Zeit die Publikationen und o ziellen Stellungnahmen einsetzen. Doch auch ihr Vorspiel ist nicht zu unterschätzen: Denn während dieser Phase schärften einige der Beteiligten ihr Pro l und ihre Ansichten, vielleicht noch nicht einmal ahnend, dass sie sich für spätere Auseinandersetzungen wappneten. Harich suchte im Privaten viele Gespräche: Mit Heinz Malorny, Renate Reschke, Wolfgang Heise, den Mittenzweis usw. Über Harichs Ideen sowie die anderer Personen wurde in jenen Tagen durchaus diskutiert. Anfang September 1982 kam es zu einem Gespräch zwischen Harich und Lothar Berthold (der Leiter des Akademie-Verlages, vorausgegangen waren mehrere Tre en zwischen Harich und Turley), in dem die beiden sich darauf einigten, dass Harich einen Sammelband unter dem Titel Beiträge zur Nietzsche-Kritik projektieren solle. Dieser knüpfte damit an die bereits erwähnte Publikation an, die er noch 1956 im Aufbau-Verlag angeregt und so gut wie fertig gestellt hatte, bevor seine Verhaftung das Projekt fast zum Erliegen brachte. Aber ausgerechnet dieser Band war damals dann doch 1957 erschienen, genau in der Form, in der Harich ihn bearbeitet hatte, freilich ohne den 2 7 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e nunmehr als Staatsfeind verurteilten ehemaligen Herausgeber namentlich zu nennen.8 Am 2. Oktober 1982 schickte Harich das von ihm erstellte Exposé an Berthold und informierte diesen zudem darüber, dass er von Klaus Höpcke das Versprechen erhalten habe, aus dem Kulturfonds des Ministeriums monatlich 400 Mark Stipendium für seine Arbeiten zu Nietzsche zu erhalten. Am 13. Februar 1984 schrieb Harich an Aloys Joh. Buch (mit dem er in Sachen Nicolai Hartmann korrespondierte): »In der DDR bin momentan, soweit ich sehe, ich der einzige, der über Nicolai Hartmann arbeitet. Ich kriege dafür, zusätzlich zu meiner Invaliden- und meiner Intelligenzrente, ein Stipendium aus dem Kulturfonds des Kultusministeriums in der Höhe, die für Invalidenrentner eben noch zulässig ist. Genau genommen zahlt man es mir für Forschungen über Nietzsche, der mir aber so widerwärtig ist, dass die Beschäftigung mit ihm, wie sich 1982 herausstellte, mir geradezu Depressionen verursachte; auch möchte ich nicht dazu beitragen, ihn irgendwie aufzuwerten, und zwar nicht einmal durch eine polemisch gehaltene Darstellung – abgesehen davon, dass ich einen polemischen Ton höchstens über 30 Seiten durchhalten kann. Aus früheren Arbeiten von mir, die sich im Grenzbereich von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegen, hatte man irriger Weise den Schluss gezogen, Nietzsche müsse mir thematisch besonders liegen. Das Kultusministerium verhält sich jedoch generös zu mir, und Kollegen von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED sowie andere vom Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR teilen meine Ansicht, dass eine auf systematische Auswertung orientierte Nicolai-Hartmann-Monographie lohnend sein werde. So geht das mit dem Stipendium ungestört weiter, und zu Nietzsche werde ich mich allenfalls noch gutachterlich zu äußern haben, wenn überhaupt.«9 Datiert auf den 1. Oktober 1982 legte Harich sein Exposé für den geplanten Sammelband: Beiträge zur Nietzsche-Kritik vor. Er wollte als Herausgeber fungieren, Heinz Malorny sollte eine beratende Funktion ausüben. Folgende Texte schlug er zur Aufnahme in dem Band vor: (1) Georg Adler (1863–1908): Friedrich Nietzsche, der Sozialphilosoph der Aristokratie. Aus: »Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift«, März-Heft des Bandes 56, 1891. 8 Mehring, Franz; Lukács, Georg: Friedrich Nietzsche, Berlin, 1957. Dem Band war nur eine einseitige Editionsnotiz beigegeben (S. 217). 9 Band 10, S. 878. 2 7 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re (2) Eduard von Hartmann (1842–1906): Nietzsches »neue Moral«. Aus: »Preußische Jahrbücher«, Juni-Heft des Bandes 67, 1891. (3) Franz Mehring (1846–1919): Zur Philosophie und Poesie des Kapitalismus, (Nietzsche)-Kapitel IX der gegen Paul Lindau gerichteten Schrift »Kapital und Presse«, 1891. (4) Hermann Türck (1856–1933): Friedrich Nietzsche und seine philosophischen Irrwege, 1891. (5) Ludwig Stein (1859–1930) Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren. Ein kritischer Essay, 1893. Unveränderter Nachdruck eines ursprünglich in Fortsetzungen verö entlichten Beitrags aus dem Jahrgang 1893 der »Deutschen Rundschau«. (6) Franz Mehring: Nietzsche gegen den Sozialismus. Aus: »Neue Zeit«, 15. Jahrgang, 1. Band, 1896/1897. (7) Julius Dubos (1829–1903): Anti-Nietzsche. Erweiterte Neufassung eines Beitrages aus des Verfassers Sammelband »Jenseits vom Wirklichen«, beide Fassungen 1897. (8) Ferdinand Tönnies (1855–1936): Der Nietzsche-Kultus, 1897. (9) Franz Mehring: Über Nietzsche. Aus: »Neue Zeit«, 27. Jahrgang, 1. Band, 1898/1899. (10) G. W. Plechanow (1857–1918): Über Nietzsche. (Ein bislang noch nicht ins Deutsche übersetzter Artikel, nach dem zur Zeit Kollege Malorny fahndet.) (11) Georg Lukács (1875–1971): Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik, 1934. (12) Hans Günther (1899–1938): Der Fall Nietzsche, 1935. (13) Georg Lukács: Der deutsche Faschismus und Nietzsche, 1943. (14) Georg Lukács: Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, 1954. Kapitel III aus: »Die Zerstörung der Vernunft«, 1954. Das Ziel des Bandes wurde von Harich explizit genannt und ging über seine eigenen Ideen von 1956 hinaus: »Der Band soll den Kampf gegen das Erbe Friedrich Nietzsches und gegen heutige Versuche, es wiederzubeleben, auf eine möglichst breite Grundlage stellen. Seine Spannweite reicht daher von den hervorragendsten einschlägigen Arbeiten marxistischer Autoren (Mehring, Plechanow, Lukács, H. Günther) bis zu einem dezidierten Konservativen wie Eduard von Hartmann, der seinerzeit Nietzsches antidemokratische Haltung ›rühmend anerkannt‹ und gleichwohl die daraus erwachsende Menschenfeindlichkeit verworfen und philosophische Grundtheorien Nietzsches in ihrer wissenschaftlichen Unhaltbarkeit und Absurdität scharfsinnig kritisiert hat. Der Band vereinigt in sich, bei streng chronologischer Anordnung der in ihm enthaltenen Texte, philosophische und soziologische Stellungnah- 2 7 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e men aus einer Zeit, da auch bürgerliche Ideologen es noch wagen konnten, auf Nietzsches Gemeingefährlichkeit hinzuweisen und ihn als Scharlatan anzuprangern, mit mehr oder weniger bekannten Publikationen der eben aufgeführten Marxisten. Dabei wird auch manch Verschollenes und Vergessenes – vergessen zumal deshalb, weil die Traditionswahl der Bourgeoisie es aus dem Bildungsbesitz zu verdrängen wusste – nach langer Zeit zum ersten Mal wieder zu Tage gefördert und erweist sich oft als frappierend interessant, ja, mitunter sogar als aktuell.« Harich hatte in den fünfziger Jahren nicht nur den Nietzsche-Band konzipiert, sondern beispielsweise – in einem ähnlichen Projekt – 1953 auch eine Auswahl kritischer Stimmen zu Arthur Schopenhauer herausgegeben. Dieser Band enthielt Schriften von Rudolf Haym, Franz Mehring und Georg Lukács.10 Harich hatte in seinem Vorwort geltend gemacht, dass die ausgewählten Stücke sich gut gegenseitig ergänzen würden. Eben dieses Argument kehrte mit Blick auf die neu projektierte Auswahl von Nietzsche-Kritiken zurück. Die Texte »ergänzen und berichtigen sich zum Teil untereinander, sei es indirekt, in Folge der unterschiedlichen philosophischen und politischen Positionen, die von den diversen Verfassern prinzipiell eingenommen werden, sei es direkt dadurch, dass diese nicht nur Nietzsche angreifen, sondern auch kritisch aufeinander Bezug nehmen«. Durch die Zusammenstellung würde es gelingen, quasi einen ganzen Diskurs abzubilden und gleichzeitig zu zeigen, dass die kritische Auseinandersetzung mit Nietzsche nicht nur eine dogmatische marxistische Angelegenheit wäre, sondern auch bürgerliche Denker umfasse, also gleichsam einen gesellschaftlichen Konsens abbilde und damit ebenso wiederherzustellen vermöge. Die einzelnen Wortmeldungen könnten wegen dieses Vorgehens für sich selbst stehen, sie müssten nicht ideologisch eingeleitet oder bewertet werden. (Gegen derartige »gängelnde« Vor- und Nachworte wendete sich Harich Zeit seines Lebens, weshalb beispielsweise der Einwand von Stefan Richter aus der Debatte in der Sinn und Form von 1988 nicht zutre end ist.)11 Alles, was über sie hinaus zu sagen sei, werde das von Harich zu verfassende Nachwort enthalten. Es habe »einige Fragenkomplexe« zu behandeln, »denen wissenschaftliche und politisch-ideologische Relevanz zukommt«. Dabei hatte Harich folgende Aspekte im Sinn: 10 Harich (Hrsg.): Arthur Schopenhauer, Berlin, 1953. 11 Richter, Stefan: Spektakulär und belastet, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 198–200. 2 7 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 1) Welche Gründe und Motive würden eine Rolle spielen bei der neuen Beanspruchung Nietzsches durch die imperialistische Reaktion mit Blick auf deren globalstrategische Konzepte? 2) Was bedeute in diesem Zusammenhang eine »linke« Nietzsche-Renaissance? 3) Nietzsche dürfe in keiner Hinsicht zum humanistischen Kulturerbe des Sozialismus gerechnet werden, sogar dessen bürgerliche Kritiker seien diesem eher anzunähern als Nietzsche selbst. 4) Die »nach wie vor gültigen Einschätzungen Nietzsches durch Franz Mehring, Georg Lukács und Hans Günther« seien zu bekräftigen. 5) Dabei wäre auch danach zu fragen, inwieweit die bürgerlichen Nietzsche-Gegner die marxistischen Einschätzungen bewusst oder unbewusst unterstreichen oder gar ergänzen würden? 6) Abschließend müsse der Frage nachgegangen werden, welche Desiderate in den modernen marxistischen Nietzsche-Kritiken vorlägen. Für diesen Bereich machte Harich mehrere Aspekte geltend: • Es müsse stärker und detaillierter abgerechnet werden mit Nietzsches »Kriegsverherrlichung, mit seinen Empfehlungen zu gesteigerter Unterdrückung und Ausbeutung der Völker kolonialer und halbkolonialer, in Rückständigkeit gehaltener Länder und Kontinente sowie mit seiner hasserfüllten und höhnischen Zurückweisung jedes weiblichen Emanzipationsstrebens«. • Widerlegung der (von Nicolai Hartmann stammenden) Legende, dass Nietzsche die philosophische Wertproblematik entdeckt oder weiterentwickelt habe. • Es müssten alle Versuche zurückgewiesen werden, Übereinstimmungen zwischen dem Marxismus und Nietzsches Philosophie daraus abzuleiten, dass dieser Positionen von rechts bekämpfte, die der Marxismus von links kritisiere. • Die Identität von Hitlers Mein Kampf mit Nietzsches Philosophie (die bis zur wortwörtlichen Übereinstimmung reiche) müsse noch stärker herausgearbeitet werden, als dies selbst bei Lukács und Günther der Fall war. • Es müsse die volle Wahrheit ans Licht gebracht werden über Nietzsches »vermeintliche Abgrenzungen gegen Antisemitismus, Nationalismus, Deutschtümelei und dergleichen«. • Herausarbeitung der fehlenden Kenntnisse Nietzsches, von dessen »groteskem Mangel an historischem Sinn«, von dessen eklatanten Bildungslücken. • Untersuchung des Verhältnisses von Nietzsche zu Heine, Feuerbach, den Junghegelianern usw. Dabei sei der Nachweis zu erbringen, dass er deren Erbe nur 2 7 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e deswegen ausschlachten konnte, weil er den progressiven und humanistischen Gehalt ihrer Schriften eliminierte. • Analyse der modernen Nietzsche-Philologie. Kritik der Legende, »dass die Forschungsresultate von Schlechta sowie von Colli und Montinari ein ganz ›neues‹, ›wahres‹ Nietzsche-Bild ergäben, das weniger inhuman und präfaschistisch wäre als das frühere, durch Nachlassmanipulationen von Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast bestimmte«. • Die biographischen und charakterologischen Aspekte seien stärker zu berücksichtigten als bisher in der marxistischen Forschung geschehen. Das dergestalt entwickelte Programm blieb, von verschiedenen Weiterentwicklungen und Modi kationen abgesehen, für Harichs Auseinandersetzung mit Nietzsche in den achtziger Jahren grundlegend. Seine Position stand also frühzeitig fest. Interessanterweise taucht dann vieles von dem, was Harich hier kritisierte, mit positiver Konnotierung bei Heinz Pepperle in dessen Nietzsche-Aufsatz wieder auf, so dass Harichs Kritik quasi »zwangsläu g« herausgefordert wurde. Festgehalten werden sollte an dieser Stelle unbedingt, dass das wahrscheinlich zentrale Anliegen von Harich darin bestand, jedwede ö entliche Diskussion über Nietzsche möglichst zu verhindern. Dieser solle nicht Gegenstand von Debatten und dadurch irgendwie interessant werden. Und erst recht müsse verhindert werden, dass ein derartiges Sprechen über Nietzsche mit dem Namen Harich verbunden würde. In seinem bereits erwähnten Brief an Hermann Turley vom 26. Juli 1982 hatte Harich ganz in diesem Sinne geschrieben: »Nun stellen Sie sich, lieber Herr Turley, aber bitte einmal konkret vor, was eine derartige Abrechnung mit Nietzsche und dessen Verehrern, geschrieben mit der Brillianz, deren ich als Autor manchmal fähig bin, verknüpft mit meinem ohnedies sensationsumwitterten Namen, unter Umständen auslösen könnte: Einen ganz und gar nicht wünschenswerten Nietzsche-Rummel, noch angefacht etwa durch den empörten Widerspruch feingeistig gestimmter liberaler Seelen vom Schlage eines Hermlin! Ich habe es einmal erlebt, dass ein inhumanes, mich schmerzendes und anekelndes Literaturwerk, das ich durch eine glanzvolle Polemik zur Strecke zu bringen gedachte, gerade dadurch erst ins Gerede gebracht worden ist und dass sein Verfasser, Heiner Müller, der einzige war, der mir dafür 2 7 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ein freundliches, ja, dankbares Wohlwollen bewahrte.12 Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt und ich bin inzwischen – es hat lange gedauert – verantwortungsbewusst genug geworden, keinen Anlass dafür bieten zu wollen, dass eine ähnliche Sensationsmache sich in größeren Dimensionen und zum Ruhm eines weit gefährlicheren inhumanen Ideologen, eben Friedrich Nietzsches, der geistige Urheber folgenreicher Passagen aus Mein Kampf, wiederholt! Beachten Sie aber, bitte, auch die Einschränkung, die in den Worten ›unter Umständen‹ liegt. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass ein derartiger Nietzsche-Rummel über kurz oder lang sowieso und aus ganz anderen Anlässen entsteht und dass dann eine solche Abrechnung möglicherweise doch einmal hilfreich sein könnte. So wie die Dinge im Augenblick liegen, und auf absehbare Zeit, wäre sie es gewiss nicht, im Gegenteil. Aber das kann sich ändern und wir müssen die denkbare Richtung eventueller Veränderungen, die bezüglich dieser ematik eintreten mögen, im Auge behalten, um auf alles vorbereitet zu sein.« Und in dem gerade analysierten Exposé für den geplanten Sammelband: Beiträge zur Nietzsche-Kritik hatte Harich geltend gemacht, dass dieser nicht, wie von Wolfgang Heise empfohlen, im Reclam-Verlag, sondern vielmehr im Akademie-Verlag erscheinen solle. Denn es kann »uns schwerlich daran gelegen kann, der Diskussion über Friedrich Nietzsche ein übertriebenes Maß an Publizität zu verleihen«. Auch hier also ging es Harich darum, die Diskussion über Nietzsche möglichst aus der Ö entlichkeit herauszuhalten. 2. Der Ton wird deutlicher Nach der Fertigstellung des Exposés widmete sich Harich wie bereits angedeutet der intensiven Auseinandersetzung mit der Philosophie seines ehemaligen akademischen Lehrers Nicolai Hartmann. Es entstanden bis 1989 verschiedene Manuskripte, die im 10. Band dieser Edition präsentiert werden. Eigentlich hatte sich Harich für seine Arbeit einen strikten Zeitplan auferlegt, der auch dem Akademie-Verlag bekannt war.13 Doch die intellektuellen und ideologischen Veränderungen im kulturellen und akade- 12 Harich: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der Macbeth-Bearbeitung Heiner Müllers, in: Sinn und Form, Heft 1, 1973, S. 189–254. Siehe auch die im Juni 1973 überarbeitete und auf der Basis der laufenden Diskussion ergänzte Neuedition der Schrift, erschienen im Rowohlt Literaturmagazin, Nr. 1, 1973, S. 88–122. 13 Siehe: Gliederung für ein geplantes und in Vorbereitung be ndliches Werk über Nicolai Hartmann vom 5. Januar 1984, in: Band 10, S. 873–877. 2 7 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e mischen Leben der DDR beunruhigten ihn weiter. Er sah sich immer häu ger gezwungen, seine Arbeiten an den Hartmann-Manuskripten zu unterbrechen, um sich erneut gegenüber Nietzsche zu positionieren. An Klaus Höpcke schrieb er am 3. August 1985, dass es zwei Dinge seien, die ihn dazu veranlassen würden, erneut von Nietzsche zu warnen:14 Durch die Texte, die Eike Middell in den Weimarer Beiträgen (Heft 4) zum Lukács-Gedenken beigesteuert habe, sei ihm bewusst geworden, dass das Buch, an dem Middell arbeite, Nietzsche höchstwahrscheinlich beweihräuchern werde. Zweitens schließlich seien im Aufbau-Verlag 1983 die von Nietzsche beein ussten Betrachtungen eines Unpolitischen von omas Mann erschienen. Die darin enthaltene Lobpreisung des Krieges habe im Sozialismus nichts zu suchen, auch nicht, wenn sie von omas Mann stamme. Mann selber übrigens, so ergänzte Harich, habe von einer Neuau age der Betrachtungen nichts wissen wollen. Knapp einen Monat später schrieb er (am 2. September 1985) erneut an Höpcke, diesmal beunruhigt durch die Nachricht, dass Wolfgang Heise für den Aufbau-Verlag eine vierbändige Nietzsche-Auswahl vorbereite.15 Er nahm dies zum Anlass, sein Urteil 14 Zuvor hatte er geschrieben: »Obwohl ich bis über beide Ohren in meiner Nicolai-Hartmann-Arbeit stecke und für anderes eigentlich kaum Sinn habe, möchte ich Ihnen doch meine Dienste für die Abwehr des Drucks anbieten, unter den Sie, wie ich höre, von Seiten der Verehrer Nietzsches gesetzt werden. 1982 habe ich doch erhebliche Kenntnisse über diese Materie wieder au rischen oder auch neu erwerben können.« 15 »Inzwischen glaube ich, Professor Werner Mittenzwei und seine Frau davon überzeugt zu haben, wie schädlich und schändlich es wäre, noch jemals in der DDR irgendetwas von Nietzsche neu herauszubringen. (…) Durch Mittenzweis erfuhr ich nun bei der Gelegenheit, dass von Professor Wolfgang Heise eine vierbändige Nietzsche-Auswahl für den Aufbau-Verlag vorbereitet werde. Diese Kunde beunruhigt mich stark. Es hat seither Nächte gegeben, in denen sie mir stundenlang den Schlaf raubte. Mitunter beeinträchtigt sie auch am Tage meine Konzentrationsfähigkeit, zum Beispiel wieder heute, weshalb ich mir keinen besseren Rat weiß, als mich in einem Brief an Sie abzureagieren. Am 23. August habe ich an Wolfgang Heise einen – sehr freundlichen – Brief geschrieben mit der Bitte, mir Gelegenheit zu geben, ihn in einem Gespräch oder, wenn es sein muss, in mehreren von seinem Vorhaben abzubringen. Ich ho e, dass er bereit sein wird, meinen Argumenten Gehör zu schenken. Bis jetzt liegt mir allerdings noch keine Antwort vor. Sollte ich bei ihm nichts ausrichten können, so würde ich mich mit einschlägigen Eingaben an das Kultusministerium, zu Ihren Händen, und, eventuell, an die Abteilungen Wissenschaft und Kultur beim ZK wenden müssen, mit dem Ziel, eine endgültige und abschließende Klärung darüber herbeizuführen, dass von Nietzsche nichts, aber auch gar nichts, zu dem gehört, was bei uns als Kulturerbe zu p egen, anzueignen (wie kritisch auch immer!!) oder auch nur zu dulden wäre.« 2 8 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re zu Nietzsche gegenüber Höpcke in einigen Punkten zusammenfassend darzustellen. Diese Passage kann im Folgenden wiedergegeben werden: 1) »Nietzsche ist der seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts durch alle Wendungen der Geschichte hindurch konstanteste und zentralste ideologische Hauptfeind der Arbeiterbewegung und des Sozialismus. 2) Er ist der schlechthin reaktionärste, menschenfeindlichste Philosoph, den es in der Geschichte des Denkens überhaupt jemals gegeben hat. 3) Seine Inhumanität richtet sich insbesondere, außer gegen den Sozialismus, gegen die ethisch wertvollen Elemente der antiken Philosophie, des Christentums und des neuzeitlichen, progressiv-bürgerlichen liberalen und demokratischen Gedankenguts. 4) Die Traditionen der in der DDR miteinander verbündeten politischen Kräfte, die unter der Führung der Arbeiterklasse gemeinsam den Sozialismus aufbauen, namentlich die der SED, der LDPD und der CDU, werden von Nietzsche nicht nur pro blema ti siert, sondern radikal verworfen, verhöhnt, in den Schmutz getreten. 5) Die Einschätzungen Nietzsches durch Mehring, Lukács und Hans Günther sind völlig korrekt und zutre end. Es gibt ihnen nichts abzuhandeln. Zu ergänzen wären sie allerdings heute noch in folgenden Punkten: • Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts hat in Nietzsche einen der erbittertsten Widersacher. In seinem Gesamtwerk stellt der Satz ›Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht‹ nur die Spitze eines Eisbergs dar. • Nietzsche hat aufs eindringlichste die Versklavung der farbigen Völker empfohlen. Beispiel: Er hält die Sklaverei für die notwendige Bedingung jeder Kultur, war aber der Meinung, dass sie den weißen Arbeiter Europas sozialreformistisch erspart werden könne unter der Bedingung, dass Chinesen als Sklaven importiert werden. • Nietzsche lobpreist den Krieg als Selbstwert und Selbstzweck. Die Rechtfertigung von Kriegen für gute Zwecke verdreht er dahin, dass jeder Zweck durch einen guten Krieg gerechtfertigt sei. 6) Die relativ harmloseren Einfälle von Nietzsche laufen etwa auf solche schädlichen Dummheiten hinaus wie die, dass es dem ›Leben‹ abträglich sei, wenn man sich mit Geschichte beschäftige u. dgl. 7) Nietzsche ist niemals durch den Faschismus missbraucht worden. Mussolini und Hitler haben ihn völlig richtig verstanden und seine Lehren so beherzigt, wie sie gemeint waren. Die höllischen Bestialitäten des Faschismus waren die Erfüllung von Nietzsches Philosophie.« 2 8 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Diese Stellungnahme stand nicht im »luftleeren Raum«, vielmehr leitete Harich aus ihr jene Konsequenzen ab, die sein Engagement und sein Agieren in der Nietzsche-Debatte zentral bestimmten: »Aus alledem kann nur der Schluss gezogen werden, dass es die DDR besudeln hieße, dass es den Sozialismus verhöhnen würde, wenn man zuließe, dass irgendwann einmal in einem DDR-Verlag wieder ein Werk von Nietzsche erschiene, welches es auch sei. Nietzsche kann auch nicht Gegenstand von Diskussionen unter Sozialisten sein. Es ist unerträglich, dass zwischen Vorträgen, die Goethe und Brecht behandeln, auch über Nietzsche referiert wird, wenn die Arbeit der Weimarer Archive ö entlich zur Debatte steht; dass es möglich ist, in Berlin, Hauptstadt der DDR, mit einer Nietzsche ›di erenziert‹ wertenden Arbeit zu habilitieren und dann Ästhetikstudenten in diesem Sinne auszubilden; dass DDR-Vertreter an Konferenzen der Nietzsche-Gesellschaft teilnehmen und dort frohlockend verkünden, in dieser Frage breche nun auch bald bei uns das Eis. Das alles ist furchtbar. Man muss sich fragen, wie es geschehen konnte, dass so etwas einreißt? Wohin sind wir gekommen?« Wenn Nietzsche empfehle, dass die Menschen in sich selbst Mitleid und Nächstenliebe abtöten sollten, so zeige dies den ganzen inhumanen Charakter seiner Philosophie.16 Vor den beiden Weltkriegen habe man darüber vielleicht noch »geistreich schwadronieren« können. Doch die Geschichte sei nicht stehen geblieben. Antifaschismus würde nur da existieren, würde nur da ein wirklich konsequenter sein, wo er sich explizit und jederzeit gegen solche Aussagen Nietzsches (und die sich aus ihnen ergebenden philosophischen, kulturellen und realpolitischen Folgerungen) stelle. Die Neugier 16 »Ich will nicht ins Uferlose geraten. Aber noch eines bitte ich Sie zu beachten. Es sind keine zweieinhalb Jahre mehr, dann wird sich, am 22. Februar 1988, der Geburtstag Arthur Schopenhauers zum 200. Male jähren. Auch Schopenhauer war ein erzreaktionärer Denker, und es besteht, meines Erachtens, kein Anlass, ihn zu feiern. Immerhin aber hat es einem Jean-Paul-Freund wie mir immer wieder zu denken gegeben, dass Jean Paul Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung, als das Werk noch nicht in Mode war, gelobt hat. Und kein Geringerer als Karl Marx hat, nach dem glaubwürdigen Zeugnis Franziska Kugelmanns, gesprächsweise wenigstens einmal für Schopenhauer eine Lanze eingelegt, 1867. Und was fand Max wertvoll an Schopenhauer? Die aus der Wesenheit alles Organischen abgeleitete P icht, weder Mensch noch Tier Leiden zuzufügen. ›Tiefer ethisch-sozial‹, soll Marx gesagt haben, ›hätte keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet.‹ Nun, gerade dies ist der Punkt in dem Nietzsche Schopenhauer am heftigsten bekämpft. Nietzsche emp ehlt uns, Mitleid und Nächstenliebe in uns abzutöten.« 2 8 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auf Nietzsche, diesen »prickelnd interessant« zu nden, sei schon zu Beginn des Jahrhunderts mindestens zynisch gewesen, aber eben doch vergleichsweise »harmloser« als 1933/1945. »Aber heute? Nach Hitler? Nach Auschwitz? Nach 20 Millionen ermordeten Sowjetbürgern? Heute? Angesichts der atomaren Vernichtung, die die Menschheit bedroht? Im sozialistischen deutschen Staat kann es keinen Platz für Nietzsche oder irgend eine Art von Nietzscheanertum, Nietzsche-Rezeption oder dgl. geben. Friedrich Nietzsche?? Ins Nichts mit ihm!!!« Es wurde bereits angedeutet, dass Harich gerüchtweise davon gehört hatte, dass Wolfgang Heise eine Nietzsche-Auswahl vorbereite.17 Am 1. Oktober 1985 kam es zwischen den beiden zu einem langen Gespräch. Harich berichtete darüber brie ich am 5. und 6. Oktober an Klaus Höpcke.18 Heises Einstellung zu Nietzsche charakterisierte Harich wie folgt: 17 Am 25. Januar 1986 schrieb Harich an Klaus Höpcke: »Dr. Heinz Pepperle, dessen Namen Sie mir gegenüber neulich beiläu g fallen ließen, behauptete gestern zu mir, dass das Vorhaben, bei Rütten & Loening bzw. im Aufbau-Verlag eine vierbändige Auswahl von Werken Friedrich Nietzsches zu veranstalten, auf eine Initiative von Ihnen zurückginge und dass Professor Dr. Wolfgang Heise, sehr gegen sein Widerstreben, durch Sie dazu bewogen worden sei, hierbei als Herausgeber und als Verfasser di erenzierender Begleittexte zu fungieren. Ich gehe davon aus, dass dies eine glatte Verleumdung ist. Selbstverständlich werde ich die Angelegenheit streng diskret behandeln (mit der einzigen Ausnahme, dass ich, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, gestern Abend mit meiner Frau darüber gesprochen habe). Es wäre mir aber willkommen, wenn Sie mir Argumente an die Hand gäben, die geeignet wären, mich in dieser meiner Au assung zu bestätigen und mich in die Lage versetzten, derartigem Gerede gegebenenfalls fundiert und mit gebührendem Nachdruck entgegenzutreten.« 18 »In Sachen Nietzsche hatte ich mit Wolfgang Heise ein Gespräch am 1. Oktober 1985. Es war für mich sehr unerquicklich. Meine Frau, die dabei war, sagte mir hinterher, sie hätte befürchtet, ich würde den Gast wieder hinauswerfen. Um so erstaunter sei sie gewesen, dass ich es verstanden hätte, ihn, der zuerst als pikierte Leberwurst dagesessen habe, durch emenwechsel, Anekdötchen, Humor, Bericht über eigene Arbeiten etc., freundlich und gelöst zu stimmen. Ich hielt dies für meine P icht, um des Gesprächsfadens willen, der, für den Bedarfsfall, wieder aufnehmbar bleiben soll. Aber es war für mich ungeheuer strapaziös. Mein Herz war zwei Tage lang völlig überanstrengt, meine Konzentration auf Nicolai Hartmann nur schwer wieder herstellbar. Engagement, gezügelt durch Altersweisheit und Diplomatie, sollte mir ärztlicherseits verboten werden.« 2 8 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Heise eiert herum. Er gibt sich als unerschütterlich überzeugten, uneingeschränkten Nietzsche-Gegner. Alles, was ich gegen Nietzsche habe, er weiß es längst, hat es sich an den Schuhsohlen abgelaufen. Sein für den Aufbau-Verlag vorgesehenes Projekt ist dem Kampf gegen Nietzsche gewidmet. Er soll von diesem zwar Texte bringen, aber nur mit Gegentexten, die sie überzeugend widerlegen sollen. Ich habe, gänzlich perplex, drei Tage lang nachgedacht, wie das wohl aussehen mag. Vielleicht so: Nietzsche: ›Was fallen will, das soll man auch noch stoßen!‹ Gegenext Heise: ›Höchstens auf Bruchholz im Wald anwendbar. Kranken Rentnern gilt unsere ganze Fürsorge!‹ Oder: Nietzsche: ›Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht!‹ Gegentext Heise: ›Gehst du zu einer Kollegin, so wirb bei ihr um Verständnis dafür, dass das ZK vorläu g noch nicht zur Hälfte aus Frauen zusammengesetzt sein kann, was wir aber anstreben!‹ Das Schönste ist, dass Heise verlangt – von sich selbst o enbar –, dass die Gegentexte sprachlich mindestens so brillant und faszinierend sein müssten wie die Texte von Nietzsche. Da ich Heise, seit dessen Tätigkeit als eaterkritiker der Tribüne, durch Jahrzehnte also, gelegentlich lese, bin ich natürlich sehr gespannt.« Immerhin gehörte Heise selbst in die Reihe der Nietzsche-Gegner. Denn das Projekt der Nietzsche-Auswahl habe er nur angenommen, um es dadurch zu sabotieren, dass er sich nicht darum kümmern werde. Für andere sei das Editionsvorhaben so nicht zugänglich. Dennoch fragte Harich: »Sollte es sich wieder einmal, wie seit Jahrzehnten oft, um die übliche Heisesche Projektschmiederei handeln, um sein ewiges ›Man müsste mal …, man sollte …, wie wär's, wenn man würde …'?« Durch Harichs Schilderung seines Gesprächs mit Heise von 1985 trat der Unterschied zwischen beiden deutlich hervor. Denn Heise, so Harich weiter, wolle Nietzsche mit quasi »demokratischen« Methoden bekämpfen, er befürwortete also eben jene Diskussionen und Debatten, vor denen Harich schon 1982 gewarnt hatte.19 »Das Schlimmste an Heise: Er ist im Grunde ein Liberaler. Er meinte, Nietzsches ungeheure Wirkung am Beginn dieses Jahrhunderts sei leider auch ein Stück unserer Geschichte, das sich nicht einfach eliminieren lasse. Zu meinem Gegeneinwand, diese ungeheure Wirkung hänge doch ursächlich mit den weiteren Ungeheuerlichkeiten zusammen, die sich in unserer Geschichte dann im Verlauf dieses Jahrhunderts ereignet hätten, wusste er 19 »Dann die Frage, wie Nietzsche zu bekämpfen sei. Ich meinte, am besten durch möglichst weitgehendes Totschweigen; wir dürften uns keine Diskussion über ihn aufzwingen lassen, schon gar keine ö entliche. Damit ist Heise nicht einverstanden. Er scheint es aus irgendwelchen psychotherapeutischen Erwägungen für falsch zu halten.« 2 8 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nichts zu sagen. Er gab zu, dass ich recht hätte, murmelte aber etwas von der Art, dass man so etwas nicht los werde, indem man es unter den Teppich kehre. Meinen Standpunkt, etwas besonders Schädliches könne man sehr wohl gleichzeitig unterdrücken und obendrein argumentativ bekämpfen, wollte er nicht gelten lassen. Ich: ›Das tun wir doch aber oft.‹ Heise: ›Leider, schlimm genug …‹ Ich fühlte mich an C. F. v. Weizsäcker erinnert. Der hat einmal zu mir gesagt: ›Ich bin so liberal, dass ich sogar zu einem Illiberalen wie Ihnen liberal bin.‹ Als ich am 1. Oktober zu Heise einmal beiläu g äußerte: ›Nimm's mir nicht übel, aber …‹, da erwiderte er: ›Übelnehmen? Du unterschätzt die Grenzen meines Liberalismus.‹ So, genau so will er sich zu Nietzsche und dessen Anhängern verhalten. Er will ihnen mit Fairness begegnen. Der Gedanke, Nietzsche zu bekämpfen, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, bereitet ihm Bauchschmerzen. Daher sein famoses Projekt.« Weiter berichtete Harich dann, dass Heise bei Nietzsche auch Seiten sehe, die nicht nur zu kritisieren seien.20 Gegen solche Lesarten Nietzsches kämpfte Harich in den folgenden Monaten und Jahren der Nietzsche-Debatte immer wieder an. Egal welchen Punkt man nehme, welche von Nietzsche beein ussten Schriftsteller man analysiere: Alle seien durch Nietzsche zu Schaden gekommen. Von Heise gefragt, sprach Harich neben der »Verführung durch Formulierkünste« schließlich noch zwei zentrale Punkte an, auf die seiner Meinung nach die Faszination durch Nietzsche zurückgeführt werden könne: 20 »Es stellte sich, natürlich, heraus, dass Heise doch ›etwas dran‹ ndet an Nietzsche, das nicht nur zu bekämpfen sei. Ich bestritt das, mich auf relativ harmlose Werke Nietzsches beziehend, namentlich auf die Unzeitgemäße Betrachtung über Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, wo nur vom Nachteil die Rede ist, was gerade für unsere Zeit eine der fürchterlichsten Desorientierungen bedeute. Heise gab mir Recht. Er berief sich dann aber darauf, dass Montinari – ›immerhin‹ ein KPI-Genosse, und etwas Besseres als die KPI gäbe es in Italien nicht – erklärt hätte, er sei unter dem Faschismus durch Nietzsche-Lektüre zum Gegner des Faschismus geworden. Dies entkräftete ich unter Hinweis auf die Autobiographie unseres Generationsgenossen Peter Brückner (›Mescalero‹-Brückner), wo sich ein ähnliches Bekenntnis fände. Sähe man genauer hin, so stelle sich heraus, dass Brückner seinen elitären Ekel gegen die kleinbürgerlich-lumpenproletarische, erbsenfressende, pupsende und stinkende Massenbewegung, die der Nazismus ja gewesen sei, nachträglich mit Antifaschismus verwechsle. Nietzsche habe eben nicht Röhm gewollt, sondern Cesare Borgia. Meine Großtante Hedwig sei auch einmal begeistert für Hitler gewesen: Am 30. Juni 1934, aus Abneigung gegen die SA-Horden, aus Bewunderung für die obsiegende Reichswehrgeneralität. Damals hätte sie gesagt, nun werde alles wieder gut; denn der Führer trüge bereits einen einreihigen Smoking, habe in Bayreuth Winifred Wagner die Hand geküsst und nehme Anstandsunterricht bei Frau von Papen. Bei Montinari dürfte der vermeintliche Antifaschismus ähnlichen Ursprungs sein. Ich hielte es für verhängnisvoll, dass ein Montinari sich bei uns mausig machen dürfe.« 2 8 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Erstens: Philosophie sei eine sehr schwierige Wissenschaft, Kant und Hegel zu studieren Schwerstarbeit. Demgegenüber lutschen Nietzsches Aphorismen sich leicht weg wie eine Art Konfekt, und die Ignoranten, die sie genössen, dürften sich einbilden, nun auch über Philosophie mitreden zu können. So erkläre es sich, dass Literaten haufenweise – und ausnahmslos zu ihrem Schaden – auf Nietzsche hereingefallen seien, während die Fachphilosophie ihm sehr lange wacker Widerstand geleistet habe. Zweitens mache Nietzsche das meisterhaft vor, was alle Intellektuellen gern tun würden: Die Regierung gleichzeitig stürzen wollen und von ihr einen Orden kriegen. Hier strahlten Heises Augen: ›Natürlich, das ist es. Du meinst die rebellischen Gesten …‹ Ich: ›Natürlich, rebellische Gesten, bei denen man nichts riskiert, verbunden mit Inhalten, die das, was die Herrschenden wollen, noch überbieten. Aber das steht doch nun alles schon bei Lukács. Der hat das doch un- übertre ich analysiert.‹ Heise zog einen Flunsch, aber wusste nichts zu erwidern.« Einig waren beide sich schließlich darin, dass man in den Kampf gegen Nietzsche auch die Leistungen der bürgerlichen Wissenschaften mit einbeziehen müsse. Heise berichtete von der Idee, dass der Akademie-Verlag Ferdinand Tönnies’ Der Nietzschekultus von 1897 neu herausbringen wolle. Doch selbst bei diesem ema zeigte sich der angesprochene zentrale Unterschied: »Heise forderte eine angemessene Einleitung, die auf Tönnies’ Progressivität hinweise; Tönnies habe 1932 als Liberaler zur KPD gehalten. Wir sprachen dann noch ein bisschen weiter über Tönnies. Heise meinte, mit dessen ›Gemeinschafts'begri dürften wir es uns auch nicht so einfach machen; er sei demokratisch angesetzt gewesen. Ich gab das zu und ergänzte: ›Vielleicht sogar urkommunistisch.‹ Hinterher ist mir eingefallen, dass hinter Heises Erwärmung für Tönnies vielleicht auch wieder sein tiefes, neiderfülltes, geradezu neurotisches Ressentiment gegen Lukács steckt. Leitet doch Lukács in Die Zerstörung der Vernunft das gegen die deutsche Soziologie der imperialistischen Periode gerichtete Kapitel mit einer Kritik an Tönnies’ Werk Gemeinschaft und Gesellschaft, von 1897, ein. Aber Lukács wertet hier, seinerseits, Tönnies durchaus di erenzierend. Zum Schluss des Gespräches kamen wir noch auf Arnold Gehlen zu sprechen. Heise meinte, zwischen meinem Hass auf Nietzsche und meiner positiven Einstellung zu Gehlen bestünde ein Widerspruch.21 21 An Helmut Klages schrieb Harich am 01. Juni 1988: »Ihnen wird nicht entgangen sein, dass in der Deutschen Demokratischen Republik heftige Diskussionen um das kulturelle und historische Erbe entbrannt sind. In diesem Zusammenhang habe ich wenig einzuwenden gegen eine neue, großzügigere Einstellung zu Luther, dem Alten Fritz oder auch Bismarck. Aber eine Grenze ziehe ich unerbittlich: In der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern sollte Friedrich Nietzsche keinen Millimeter an Boden zurückgewinnen. 2 8 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ich entgegnete, Gehlen sei für mich einfach der Held des Kampfes gegen die Rassentheorie, mitten in der Nazizeit. Dass er damit Hitler habe ›verbessern‹ wollen, ändere nichts an der Richtigkeit seiner – für die Anthropologie bahnbrechenden – Resultate. Seine reaktionäre Soziologie müsse man davon unterscheiden. Im Übrigen sei Gehlen nirgends und niemals inhuman – wie Nietzsche. Aber auch ihn habe politisch Nietzsche desorientiert.« Trotz der gerade referierten Kritik an Heise blieb dieser für Harich ein wichtiger Verbündeter in der Auseinandersetzung mit Nietzsche – auf der Basis eines überzeugten Antifaschismus. Am 10. und 11. Oktober 1985 sprach Harich mehrmals mit Heinz Malorny, einem der Nietzsche-Forscher der DDR, mit dessen Ansichten Harich sich teilweise identi zieren konnte. Am 12. Oktober schrieb er an Klaus Höpcke, dass es während dieser Tre en auch um einen Aufsatz von Norbert Kapferer (Nietzsche und Heidegger in der gegenwärtigen DDR-Philosophie) gegangen sei, der sehr gut erkennen lasse, dass man im Westen die kulturpolitischen Vorgänge in der DDR aufmerksam beobachte und dass dort »großes Interesse an Renaissancen Nietzsches und Heideggers in der DDR besteht«. Ho nungen würden die Interessierten im Westen »besonders an Renate Reschke und Friedrich Tomberg (sowie an das Fortwirken des Erbes von Bloch) knüpfen, während sie im Erbe von Lukács das Haupthindernis ihrer Bestrebungen erblicken«. Es drohe die Gefahr, dass der kulturpolitische Konsens der DDR – das antifaschistische Fundament, das Ja zum Kommunismus und zum progressiven Geisteserbe, die Friedenspolitik und anderes mehr – sukzessive durch die Hinwendung zu Nietzsche unterhöhlt und schließlich zerstört werden könne. Erneut machte Harich Meine einschlägige Argumentation nden Sie in Sinn und Form, Heft 5, 1987, und die gehässigen Anfeindungen, denen ich deswegen ausgesetzt bin, in Heft 1, 1988. Noch ist dieser Kampf nicht entschieden. In diesem Kampf gäbe ich mir aber schreckliche Blößen, wenn ich zwar gegen Nietzsche eiferte, aber gleichzeitig einem Mann meine Referenz erwiese, der einen höchst aktiver Nazi gewesen ist und in der Nachkriegszeit politisch und ideologisch weit rechts gestanden hat. (Ich erinnere nur an das schreckliche Buch Moral und Hypermoral.) Natürlich traue ich mir zu, einem Fachkollegen in subtiler Beweisführung plausibel zu machen, dass Hass auf Nietzsche mit Respekt vor Gehlen zu vereinbaren sei. (Denn was hat Gehlen, um nur dies zu nennen, außer der Formel vom ›nicht festgestellten Tier‹ von Nietzsche sonst noch lernen können? Ich nde: nichts.) Aber Stephan Hermlin etwa, ein ein ussreicher Mann mit erheblichem Vertrauensvorschuss aus glorreichen Jungkommunistentagen, und ich ringen hier in Sachen für oder wider Nietzsche um die Seelen von Parteifunktionären aller ›Ebenen‹. Und vor denen stünde ich sofort unglaubwürdig da.« In: Band 11, S. 524 f. 2 8 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e ausführliche Vorschläge, wie dies verhindert werden solle. Die Passagen aus seinem Brief an Höpcke sind im Folgenden wiederzugeben: 1) »Keinerlei Verö entlichungen irgendwelcher Werke Nietzsches in der DDR; zu keinem Zeitpunkt, unter keinen Umständen. 2) Keine ö entliche Nietzsche-Diskussion in der DDR. 3) Es sollte damit Schluss gemacht werden, dass mehrere Philosophen und Literaturwissenschaftler sich überhaupt weiter mit dem ema Nietzsche beschäftigen. Mir allein sind sieben bekannt, die sich damit befassen: Dietzsch, Harich, Heise, Malorny, Middell, Reschke, Tomberg. Das ist völlig absurd. Alle – und etwa sonstige noch – sollten anderen emen zugeführt werden (einzige Ausnahme: Malorny). 4) Man muss der Konstruktion eines Gegensatzes von marxistischer Philosophie- und Literaturforschung in der Nietzsche-Frage und, vor allem, dem Versuch, einen solchen Gegensatz künstlich herbeizuführen, energisch entgegenwirken. Es gibt einen solchen Gegensatz nicht. Er könnte aber entstehen, weil die Philosophen literarisch und die Literaturwissenschaftler philosophisch ungebildet sind. Wären sie es nicht, so wüssten sie, dass es – für beide verp ichtend – ein einheitliches marxistisches Nietzsche-Bild seit langem gibt. 5) Man muss die Autorität dieses einheitlichen marxistischen Nietzsche-Bildes voll wiederherstellen. Es stammt von Mehring, Plechanow, Lukács, Günther, Kaufhold, Odujew, Malorny, auch von dem früheren Heise und, nicht zu vergessen, von Otto Grotewohl (Die geistige Situation der Gegenwart und der Marxismus, in: Deutsche Kulturpolitik, Dresden, 1952). Dieses Nietzsche-Bild ist in keinem Punkt überholt oder widerlegt, und zwar weder durch philologische Forschungsergebnisse (Schlechta bzw. Colli und Montinari) noch durch Forschungen zur Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts. 6) Im Lichte unserer geschichtlichen Erfahrungen und im Hinblick auf aktuelle weltpolitische Probleme muss das marxistische Urteil über Nietzsche heute eher noch negativer ausfallen als bei den genannten Marxisten. In diesem Zusammenhang ist an die Frauenemanzipation, an den Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt und an die Gefahr eines atomaren Weltkrieg zu denken. In der spannungsgeladenen Welt von heute, mit ihren ungeheuren Kon iktpotenzialen, angesichts des Umsichgreifens von Terrorismus und politischem Abenteurertum sowie der Brutalisierung westlicher Medien (Fernsehen!!) in dieser Welt, kann die sozialistische DDR, die auf eine weltweite Koalition der Vernunft setzt, unmöglich einem Nietzsche, dem ärgsten 2 8 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Zerstörer von Vernunft, eine Renaissance bereiten helfen. Man denke allein daran, was in dieser Welt Nietzsches Parole ›Gefährlich leben!‹ für Unheil anrichten kann. 7) Forscher, die sich mit Nietzsches Wirkung auf die Literatur des 20. Jahrhunderts befassen, wie Middell, müssen zwei Axiome beachten: a) Positive Werturteile über Nietzsche, von wem auch immer – und sei es von omas Mann –, sind falsch. b) Die Wirkung Nietzsches auf Literatur und Kunst war negativ, ohne Ausnahme. – Will jemand diese Axiome in Frage stellen, so muss er erst einmal Philosophie studieren, um über Nietzsche überhaupt ein kompetentes Urteil fällen zu können, und zwar marxistisch-leninistische Philosophie sowie Geschichte der Philosophie – von der Antike bis zur Gegenwart – auf marxistisch-leninistischer Grundlage. Wer über solche Kenntnisse nicht verfügt, hat das Nietzsche-Bild der oben – unter Punkt 5 – genannten Marxisten als wahr zu unterstellen. 8) Bei den Philosophen müssen Tomberg und Reschke, ohne dass ihnen Gelegenheit zu einer ö entlichen Diskussion geboten wird, bekämpft und, wenn nötig, isoliert werden, wobei schwankende liberale Figuren vom Typ Heise von ihnen loszureißen und in den Kampf gegen sie hinein zu ziehen sind. Reschke muss dabei ihrer horrenden Unbildung und mangelnden Logik überführt werden. Anschließend sollte sie der Bearbeitung anderweitiger emen zugeführt werden, damit sie zu Nietzsche erst einmal Abstand gewinnt. Tomberg sollte, in diskreter individueller Auseinandersetzung, vor die Alternative gestellt werden, Lukács’ Urteil über Nietzsche, im 3. Kapitel von Zerstörung der Vernunft, entweder Punkt für Punkt zu widerlegen – was ihm nie gelingen kann – oder als zutre end zu bestätigen – womit sich jeder weitere Tombergsche Senf zu diesem ema erübrigen würde. 9) Die ganze eorie, dass Nietzsche ja kein Faschist gewesen sei, muss zerschlagen werden. Diese eorie ist genau so richtig, aber auch genauso blödsinnig wie eine etwaige Behauptung, Jesus sei kein Katholik (oder Protestant), Rousseau kein Jakobiner gewesen; nicht einmal Marx war Marxist, und er betonte er auch einmal: ›Je ne suis pas Marxiste.‹ Worauf es umgekehrt ankommt, ist, dass die Faschisten Nietzscheaner waren (und sind!!!). Dabei sollten wir aber nicht immer nur an Hitler denken – obwohl natürlich immer auch an den –, sondern ganz besonders an sein – sechs Jahre älteres, elf Jahre länger in Rom an der Macht be ndliches – Idol Benito Mussolini. Schon zu einer Zeit, als Mussolini noch Sozialist war – und zwar linker, radikaler, antireformistischer Sozialist –, 1912, als Chefredakteur des Avanti, brachte er es fertig, gleichzeitig enthusiastischer Anhänger Nietzsches zu sein. Das ist es doch, was die »linken« Nietzsche-Freunde von heute so hoch verdächtig macht, und die 2 8 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Sache wird nicht besser, wenn sie, wie die Herren Colli und Montinari, aus Italien kommen. 10) Da – laut Kapferers Aufsatz – die Ostforscher in der BRD auf eine etwaige Heidegger-Renaissance in der DDR ebenso große Ho nungen setzen wie auf die Nietzsche-Gruppierung und in dem Zusammenhang Hans-Martin Gerlach als ganz besonders interessant und aussichtsreich bewerten, wäre es, meines Erachtens, wichtig, Gerlach davon in Kenntnis zu setzen und ihn zugleich von vornherein in die gegen Tomberg und Reschke zu errichtende Anti-Nietzsche-Front mit einzubeziehen. Leistet Gerlach einen Beitrag zur Abwehr Nietzsches, so wird einem möglichen künftigen Bündnis zwischen ihm und Tomberg-Reschke vorgebeugt. (Zu der Frage ob und wie weit Gerlach Heidegger-gefährdet ist oder ob es sich hier um eine Fehlspekulation Kapferers handelt, kann ich mich im Moment nicht fundiert äußern. Dazu müsste ich mich erst mit allen Publikationen Gerlachs über Heidegger vertraut machen. Heute kann ich nur soviel sagen, dass Gerlach irrt, wenn er – in Bürgerliches Philosophieren in unserer Zeit, Dietz-Verlag, Berlin, 1982, S. 184 – in Heideggers Weigerung, 1933 einem Ruf nach Berlin zu folgen, bereits ein Abrücken von der Nazibewegung erblickt und die heimattümelnde Begründung für bloße Absicherung hält. Nachweisen lässt sich, dass Heidegger mit derselben Begründung bereits 1930 einen Ruf nach Berlin zurückgewiesen hat.) 11) Hochschul- und forschungspolitisch müsste aus der ganzen A äre der Schluss gezogen werden, dass unsere Überspezialisierung der philosophischen und literaturwissenschaftlichen Kader, auf Kosten ihrer Allgemeinbildung, mit der Folge des Aussterbens universell gebildeter Persönlichkeiten von der Art Lukács’, ideologischen Diversionsversuchen objektiv Vorschub leistet. Nur wo systematische Philosophie und Philosophiegeschichte getrennt werden, nur wo philosophisch ungebildete Germanisten – e vice versa – geduldet werden, nur wo Nietzsche-, Heidegger-, Nicolai Hartmann- und sonstige One-Point-Spezialisten gezüchtet werden, kann ein Programm wie dasjenige Tombergs – alle müssten erst einmal den ganzen Nietzsche lesen und sich dann ›zusammensetzen‹, um ein neues Nietzsche-Bild zu erarbeiten – auf fruchtbaren Boden fallen. Aber das ist ein weites Feld …« Ende des Jahres 1985 und in den ersten Monaten des folgenden Jahres war Harich in seinem Auftreten gegen Nietzsche überaus engagiert. Er führte viele Gespräche und schrieb Briefe, in denen er seine Meinung unverblümt aussprach. An Heinz Malorny schrieb er am 28. November 1985, dass er dessen Idee, ein Nietzsche-Buch zu verfassen bzw. herauszubringen, für falsch halte: 2 9 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re »Sie gehen darin auch auf Biographisches ein. Wozu? Sie geben andeutungsweise den Inhalt von Nietzsches Büchern wieder. Wozu? So etwas kann, nach Lage der Dinge, nur schaden. Das Schlimmste ist, dass Sie zur Verö entlichung von Rezensionen über Ihr Buch zwingen. Sie tragen damit nur dazu bei, eine ö entliche Diskussion anzufachen, die stillschweigend erstickt werden sollte. Was es Neues zu Nietzsche zu sagen gäbe, zum Beispiel im Hinblick auf seine neuesten französischen Bewunderer, könnten Sie leicht in der Form von Aufsätzen erledigen, wie bisher.« Sebastian Kleinschmidt, mit dem Harich in den achtziger Jahren öfters Kontakt hatte, bat ihn darum, zwischen Peter Hacks und der Sinn und Form zu vermitteln. Harich lehnte das Ansehen gegenüber dem Herausgeber Max Walter Schulz am 2. Dezember 1985 brie ich ab. Als Gründe machte er geltend:22 »Ich hatte inzwischen, nach dem Gespräch mit Kollegen Kleinschmidt, André Müller, einen gemeinsamen vertrauten Freund sowohl von Hacks als auch von mir, zu Besuch. (Im Hinblick auf seine letzte Buchpublikation und zur Unterscheidung von einem anderen Herrn Müller möchte ich ihn hier den Knoblauch-Müller nennen.) Er gab mir ein Bericht über seine Erfahrungen mit Sinn und Form, an dem zu zweifeln ich keinen Grund sehe. O en gesagt, über das Gehörte kann ich nur den Kopf schütteln. Ich schätze Knoblauch- Müller ganz besonders wegen seiner Shakespeare-Studien, die für mich in einigen Fällen Schlüsselerlebnisse waren und die ich durchaus Sinn und Form-würdig fände. Ich missbillige aufs Äußerste die Linie, die Sie, gemeinsam mit dem Lustmord-Müller, in der Nietzsche-Frage – die keine mehr ist, keine mehr sein sollte – eingeschlagen haben. In Heft 5, 1985 versucht ein Herr Gosse – nomen est omen –, Nietzsche dadurch bei uns salonfähig zu machen, dass er ihn als – vermeintlichen – Heine-Verehrer dem Heine-Ver- ächter Karl Kraus gegenüberstellt. Wieso druckten Sie das? Im selben Heft steht Lustmord-Müllers Bildbeschreibung, der abscheulichste sadistische Dreck, den ich in meinem ganzen Leben – ich werde demnächst 62 Jahre alt – gelesen habe. In Heft 6, 1985 nun fügt Sinn und Form – zufällig oder dank Ihrer Regiekunst – beides zusammen: Lustmord-Müller erklärt sich für Nietzsche und gegen Hegel. Wo soll das hinführen?« 22 Neben der Tatsache: »Am wenigsten wichtig – jedoch nicht zu unterschätzen – ist der, dass Hacks stark raucht und mir Nähe von Rauchern ärztlicherseits streng untersagt und auch ganz unerträglich ist; wir könnten also nur miteinander telefonieren. Bei Fortfall des zweiten und, vor allem, des dritten Haken aber würde ich mir eine Gasmaske besorgen und Hacks um einen Termin bitten.« 2 9 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Die Sinn und Form müsse sich entscheiden bzw. habe dies ja bereits getan. Denn Sebastian Kleinschmidt hatte Harich gegenüber bestätigt, dass die Redaktion den Abdruck eines Anti-Nietzsche-Artikels für 1986 ins Auge gefasst habe (gemeint ist der Aufsatz von Pepperle).23 Allerdings konnte Kleinschmidt nicht sicher bestätigten, dass dem Text keine Diskussion folgen werde: »Weshalb denn keine Leserzuschriften, wenn sie dazu einträfen, abdrucken, fragte er mich. Wollen Sie wirklich so weit gehen, Herr Schulz, bei uns einen Nietzsche-Diskussion zu dulden oder gar zu entfachen? Ich kenne mich in dieser Materie sehr genau aus und kann mir nichts Schädlicheres vorstellen. Und: An einer Zeitschrift mitzuarbeiten, die in diesem Punkt Schaden anrichten hilft – wo die Nietzsche-Ratten sowieso schon aus allen Löchern kriechen –, kann ich niemandem empfehlen. Peter Hacks schon gar nicht. Ihm wäre es einfach nicht zuzumuten. Bei Nietzsche trennten sich die Geister.« Am 25. Januar 1986 schrieb Harich an Klaus Höpcke – mit Blick auf die geplante Nietzsche-Edition durch Heise: »Was Hermlin betri t, so halte ich ihn philosophisch für gänzlich inkompetent. Sein notorischer Hyperliberalismus scheint mir im Übrigen neurotischen Ursprungs zu sein.« Da Stephan Hermlin im Verlauf der Nietzsche-Debatte noch eine wichtige Rolle spielen wird (dazu später), ist hier der richtige Platz, um die Beziehung beider kurz anzusprechen. Die beiden kannten sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Herbst 1946 war Harich als einziger Deutscher Mitglied der Redaktion der Täglichen Rundschau geworden,24 wo er als eaterkritiker und Feuilletonist Erfolge feierte. In der Zeitung traf er zum ersten Mal mit Stephan Hermlin zusammen, er war verantwortlich für dessen Artikel und Beiträge, lehnte auch einige ab. 1948 waren beide Teilnehmer der ersten Kultur-Delegation, die nach dem Krieg die Sowjetunion besuchte. Dort kam es zu weiteren Eifersüchteleien von Seiten Herm- 23 Am 25. Januar 1986 schrieb Harich an Klaus Höpcke: »Pepperle ist übrigens der Verfasser des Aufsatzes über Nietzsche, der im Manuskript seit längerer Zeit bei Sinn und Form vorliegt. Dr. Sebastian Kleinschmidt hatte mir von diesem Aufsatz erzählt, sich aber geweigert, mir den Namen des Verfassers zu nennen. Was mich gegen den Aufsatz skeptisch stimmt, ist der Umstand, dass auch Pepperle die Ansicht aller p aumenweichen Liberalen vertritt, Nietzsche werde von Lukács zu ›undi erenziert‹ gesehen.« 24 Eine Auswahl seiner zwischen 1946 und 1950 verfassten Artikel für die Tägliche Rundschau präsentiert: Band 1.2, S. 1013–1218. Dort auch eine Einleitung – Wolfgang Harich als Journalist der Täglichen Rundschau – des Herausgebers, S. 999–1012. Zudem schrieb Harich auch verschiedene Aufsätze für die zur Zeitung gehörende Zweiwochenschrift Neue Welt, die in der Edition ebenfalls teilweise präsentiert werden (u. a. in: Band 6.2, S. 1321–1363, 1445–1490). 2 9 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re lins, beispielsweise, da sich Anna Seghers mehr und intensiver mit Harich beschäftigt als mit ihm. Verschiedene weitere Tre en bei unterschiedlichen Anlässen folgten – Freunde wurden die zwei nicht. Dazu trug sicherlich auch der Umstand bei, dass Hermlin seinerseits in den späten vierziger Jahren eng mit Hans Mayer zusammengearbeitet hatte,25 der wiederum zu den erklärten Gegnern Harichs gehörte.26 (Auch Harich und Mayer kannten sich seit den Tagen der Täglichen Rundschau, später gerieten sie oft aneinander, den Höhepunkt ihrer Auseinandersetzungen bildete sicherlich der Verriss von Mayers Buch über omas Mann, den Harich in der Weltbühne veröffentlicht hatte.)27 Am 28. Januar 1986 schrieb Harich an Hermlin den ersten von insgesamt vier Briefen in Sachen Nietzsche. Er war wegen dem, was er zu sagen hatte, dermaßen konsterniert, dass er auf eine Anrede und Ähnliches verzichtete. Der Brief beginnt mit den Worten: »Ich würde die mir verbleibenden Kräfte gern ganz in den Dienst einer schönen, konstruk ti ven Aufgabe stellen, einer freilich sehr schwierigen, auf dem Gebiet der Philosophiegeschichte. Tag für Tag ringe ich mit dem ungeheuer komplizierten Sto . Was mich immer wieder ablenkt und stört und mir Zeit und Nerven raubt, das ist die Nietzsche-Renaissance, die bei uns aus allen Rattenlöchern kriecht. Seit Jahr und Tag kämpfe ich – mit Verlagsgutachten, mit gesprächsweiser Überzeugungsarbeit, mit Eingaben an Regierungsstellen usw. – dagegen an, dass die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart, dass der wichtigste geistige Wegbereiter des Faschismus bei uns gedruckt, geehrt, mit lobhudelnder Besprechung bedacht und überhaupt in die Erbe-P ege einbezogen wird. Nun höre ich, aus sehr zuverlässiger Quelle, das alles werde doch keinen Sinn haben, da unter anderen Prominenten, die sich für Nietzsche stark machten, auch Sie, mit Ihrem großen Ein uss, sich befänden. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Hermlin für Nietzsche? Hermlin? Der Friedenskämpfer? Der Humanist? Der Antifaschist? Der Kommunist? Ich war drauf und 25 Siehe beispielsweise die Publikation: Hermlin, Stephan; Mayer, Hans: Ansichten über einige Bücher und Schriftsteller, 2. Au ., Berlin, o. J. (1948). 26 Siehe hierzu die Schilderungen in: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort ausführlich zum Verhältnis von Harich und Mayer. Zu Harichs Verhaftung 1956 aus der Sicht von Mayer siehe die beiden Bände: Lehmstedt, Mark (Hrsg.): Hans Mayer, Briefe, 1948–1963, Leipzig, 2006. Lehmstedt, Mark (Hrsg.): Der Fall Hans Mayer. Dokumente, 1956–1963, Leipzig, 2007. 27 Gemeint ist Harichs Artikel: Hans Mayers Buch über omas Mann, in: Die Weltbühne, Nr. 26, 1950, S. 801–804. 2 9 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e dran, den betre enden Informanten barsch als Verleumder zurecht zu weisen. Mir kam sogar der Gedanke, Sie zu tätiger Mithilfe bei meinen Bemühungen um Abwehr Nietzsches aufzufordern. Und um mich recht einzustimmen in Ihr – versteht sich – grundhumanes Erbe-Verständnis, gri ich zu dem von Ihnen vor zehn Jahren bei Reclam edierten Deutschen Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht. Hätte ich es mir doch schon damals genauer angesehen, mir wäre ein Jahrzehnt euphemistischer Fehleinschätzung Ihrer Person, Herr Hermlin, erspart geblieben. Sie sind es, dem wir Nietzsches Wiederkehr bei uns verdanken. Und was wählten Sie aus? Ausgerechnet das Gedicht An den Mistral. Der Mistral ist ein eiskalter Fallwind, der zwischen Ebromündung und Golf von Genua, wenn er da rast, die Gesundheit zahlreicher Menschen schädigt, Alte und Kranke umbringt, auch aller sonstigen Vegetation äußerst nachteilig ist, jedes Mal. Nietzsche, wie es seine Art ist, preist den Mistral eben deswegen.« Für Harich war das Mistral-Gedicht eindeutig zu verorten. Die Nationalsozialisten hatten es zur Rechtfertigung der »Vernichtung lebensunwerten Lebens« verwendet. Das Hermlin ausgerechnet dieses Gedicht in seine Sammlung aufgenommen hatte, war für ihn ein schwerer Schlag. In den nächsten Jahren machte er darauf immer wieder aufmerksam. An die Akademie der Künste sendete Harich zwei Jahre später, am 26. Januar 1988, die »Eingabe«:28 »Wie ich dem heutigen Neuen Deutschland, Nr. 21, Seite 4, Rubrik Kultur, entnehme, beabsichtigt der Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, in diesem Jahr die im Auftrag der Akademie der Künste der DDR von Ihrem ordentlichen Mitglied Stephan Hermlin herausgegebene Anthologie Deutsches Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht nunmehr als Taschenbuch neu zu verö entlichen. Die bis heute unverändert gebliebene Ausgabe, 1. Auflage, Leipzig, 1976, enthält auf den Seiten 504 . Friedrich Nietzsches An den Mistral. Ein Tanzlied. Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass dieses Gedicht in der Nazizeit – und ich selbst habe das damals als Gymnasiast miterlebt – entsprechend seinem zutiefst antihumanistischen Ideengehalt zur Rechtfertigung der Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ im Schulunterricht benutzt worden ist. Aus diesem Grunde bitte ich Sie, darauf hinzuwirken, dass der Herausgeber dieses Gedicht in die neue Ausgabe nicht mehr mit aufnimmt. Um meinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, verweise ich Sie zugleich 28 Am selben Tag schrieb er mit ähnlichem Inhalt auch an Roland Opitz, dem Leiter des Reclam-Verlages. 2 9 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auf die Ergebnisse der Philosophiehistorikerkonferenz der DDR, die am 12. und 13. Januar dieses Jahres in Leipzig stattgefunden hat. Es wurde hier darüber Klarheit gescha en, dass eine Einbeziehung Nietzsches in die Erbep ege der DDR nicht in Betracht kommt. (Vgl. ND vom 16./17. Januar 1988.) Ich berufe mich gleichzeitig auf Ihr ordentliches Mitglied Dr. Peter Hacks, der mich Ende November 1987, unmittelbar nach dem X. Schriftstellerkongress, seiner vollen Solidarität versichert und mich dazu ermächtigt hat, jedermann kundzutun, dass auch er, genau wie ich, für eine vollständige Ausschaltung Nietzsches aus der Kultur der DDR eintritt.« Manfred Wekwerth antwortete, als Präsident der Akademie, am 22. Februar 1988.29 Er schrieb, dass er über die Deklarierung des Briefes als Eingabe »etwas irritiert« sei, da der Gegenstand der Eingabe nicht zu den Bereichen gehöre, »in denen mit Ad mi nistra ti on oder gar Verboten etwas auszurichten ist. Man kann nicht von einem Meinungsstreit über unser Erbe und unsere Traditionen immer nur reden, ihn aber, wenn er da ist, nicht wollen.« Er verfolge die Meinungsäußerungen von Harich zu Nietzsche mit Interesse, könne ihnen aber nur »partiell folgen«. Der Aufnahme des Gedichtes von Nietzsche in den Band Deutsches Lesebuch sei seinerzeit eine lange Debatte vorausgegangen. Zu dem damaligen Ergebnis »maße ich mir auch als Präsident der Akademie der Künste der DDR nach zwölf Jahren keine Schiedsrichterrolle an, ich persönlich teile weitgehend die Ansichten von Heinz Pepperle und Stephan Hermlin«. Seinen ersten »Nietzsche-Brief« an Hermlin (vom 28. Januar 1986), auf den später noch einmal zurückzukommen ist, beendete Harich mit den Worten: »Ich wünsche Ihnen einen besseren, würdigeren, angenehmeren Lebensabend, als Nietzsche ihn den Krüppelgreisen, der Krankenbrut, den dürren Brüsten, den mutlosen Augen zu bereiten empfohlen hat. Mögen Sie lange leben und sich bester Gesundheit erfreuen und umhegt und umsorgt und geborgen sein! Aber verschonen Sie uns, bitte, künftighin mit kulturpolitischen Ratschlägen, Herr Hermlin! In Fragen des Kulturerbes, das der sozialistischen Gesellschaft anstünde, sind Sie inkompetent! Und hüten Sie sich vor allem, über Dinge mitreden und mitbe nden zu wollen, für die einzig die marxistisch-leninistische Philosophie und Literaturwissenschaft zuständig ist!« 29 Wekwerth, Manfred: Brief an Wolfgang Harich vom 22. Februar 1988. 1 Blatt, maschinenschriftlich. 2 9 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Aus Anne Harichs Erinnerungen wird später ausführlich wiedergegeben, wie sie die Auseinandersetzung zwischen Hermlin und Harich erlebte und beurteilte. An dieser Stelle ist ein Hinweis von ihr zu ergänzen, der das Dilemma des Harichschen Argumentierens durchaus zeigt: »Aber verschonen Sie uns, bitte, künftighin mit kulturpolitischen Ratschlägen, Herr Hermlin!« Das hatte Harich geschrieben. Und seine Frau fragte: »Wen, mein Lieber, meinst Du mit ›uns'? Ist es das ›Uns‹ Deiner langjährigen Sehnsucht? Ist es das ›Uns‹, in dem Du wieder aufgenommen zu werden ho test?«30 3. Erste Briefe nach »oben« Sie sind geheimnisumwittert, gerüchtweise haben sich zu ihnen viele eine Meinung gebildet – jene Briefe und Eingaben, die Harich in Sachen Nietzsche an die politische Führung der DDR sendete. Kolportiert wird häu g, gern ohne Kenntnis der entsprechenden Schriftstücke, dass er Kollegen angeschwärzt oder kulturpolitische Maßnahmen im Sinne des Stalinismus vorgeschlagen habe, dass er mit seinem Kampf gegen Nietzsche der verlängerte Arm des Politbüros gewesen wäre. Dieser Band druckt seine entsprechenden Wortmeldungen ab, unterschlagen wird nichts, die Arbeit an der historischen Gerechtigkeit kann beginnen. Harich selber machte rückblickend mehrfach geltend, dass er mit seinem Einsatz gegen Nietzsche (und für Georg Lukács) gerade gegen die Politbürokratie, gegen Hager und andere, gekämpft habe. Damit also auch nicht deren Exekutor, Erfüllungsgehilfe usw. gewesen sei. Natürlich waren auch Harichs Briefe an Klaus Höpcke, Lothar Berthold, an die Redakteure von DDR-Zeitschriften »Briefe nach oben«, wie dieses Unterkapitel überschrieben ist. Denn alle Handlungsträger dieser politischen und kulturellen Ebenen »sicherten« sich »nach oben« hin ab, meldeten ihre Begegnungen mit Harich, dessen Briefe und anderes weiter: An Kurt Hager, Gregor Schirmer, die SED oder die Staatssicherheit. Aber es kann dennoch di erenziert werden: Mit seinen Schreiben an Hans Joachim Ho mann, Willi Stoph und Erich Honecker (später noch an Egon Krenz) wendete sich Harich an die höchsten politischen Entscheidungsträger.31 Ähnliches ließe sich auch über seine Briefe an Kurt Hager sagen, der Kontakt mit diesem bildet 30 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 287. 31 Als er an Ho mann schrieb, machte Harich eine Kopie des Briefes Klaus Höpcke zugänglich mit dem Hinweis: »Lieber Klaus Höpcke! Ich übergehe Sie ungern – nur, weil Sie nicht am Ort sind. Herzlichst Ihr«. 2 9 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re aber insofern einen Sonderfall, als die beiden sich seit den späten vierziger Jahren kannten, unter anderem ja, nach dem gemeinsamen Dozentenlehrgang 1948, am Philosophischen Institut der Berliner Humboldt-Universität zusammengearbeitet hatten. Auch in den Jahren, als Harich Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie war, war Hager einer seiner wichtigsten Ansprechpartner. An den Kulturminister der DDR, Hans Joachim Ho mann, schrieb Harich am 8. Oktober 1985. Es ging darum, dass er erfahren hatte, dass die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar o ensichtlich den Beschluss gefasst hatten, in ihrem Gästehaus ein Gedenkzimmer für Friedrich Nietzsche einzurichten. Er bat den Minister darum, »gegen diesen Plan der NFG Weimar rechtzeitig einzuschreiten«. Zwischen Buchenwald und Weimarer Klassik Nietzsche zu gedenken – das war für Harich völlig unvorstellbar. »Ganz abgesehen davon, dass, nach meiner wohlbegründeten Überzeugung, jede Art P ege von Nietzsche-Tradition bei uns gegen die Verfassung der DDR verstieße (besonders gegen die Präambel; gegen Artikel 6, Absatz 5; gegen Artikel 18, Absatz 1), ist es ein makaberer und mir jedenfalls unerträglicher Gedanke, dass künftig an den Geburtstagen unseres Staatsoberhaupts von Leuten, die gern im Trüben schen, in Weimar stille Gedenkfeiern für den Verfasser von Also sprach Zarathustra, den Künder des Her ren menschen idols, Verherrlicher der ›blonden Bestie‹ und Befürworter der Abtötung des menschlichen Gewissens, veranstaltet werden könnten; dies noch dazu in unmittelbarer Nähe des einstigen KZ Buchenwald, wo zwischen 1933 und 1945 von Deutschen, die wahrlich nicht zuletzt durch Ideen Nietzsches irregeführt waren, die höllischsten Verbrechen an zahllosen politisch und rassisch Verfolgten des Naziregimes begangen worden sind, und auf dem geheiligten Boden der Hauptstadt unserer klassischen humanistischen Kultur, deren Vermächtnis Nietzsche mit Füßen getreten hat.« Harich erinnerte gegenüber Ho mann an das vorliegende marxistische Nietzsche-Bild, das sich aus den Arbeiten von Franz Mehring, Georg Lukács, Hans Günther, S. F. Odujew und auch den neueren Aufsätzen von Heinz Malorny ergebe. Konkret nannte er (die Texte Malornys bleiben hier unerwähnt): • Franz Mehring (Aufsätze zur Geschichte der Philosophie, Leipzig, 1975, Seiten 188 bis 220); 2 9 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e • Georg Lukács (Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Berlin, 1954, Seiten 286 bis 317; Die Zerstörung der Vernunft, Berlin, 1955, Seiten 244 bis 317; Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie, 2. Au age, Berlin, 1956, Seiten 7 bis 28); • Hans Günther (Der Herren eigner Geist, Berlin und Weimar, 1981, Seiten 255 bis 321); • S. F. Odujew (Auf den Spuren Zarathustras. Der Ein uss Nietzsches auf die bürgerliche deutsche Philosophie, deutsch, Berlin, 1977, ganz). Erneut bekräftigte Harich, dass diese Arbeiten von ihm »als völlig korrekt und zutreffend und durch anderweitige Forschung nicht widerlegbar befunden« würden. Was nottue sei lediglich ihre Aktualisierung und Ergänzung mit Blick auf die geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts und die gegenwärtigen politischen und globalen Herausforderungen. Als besonders problematisch empfand Harich freilich, »dass die NFG Weimar mit der Einrichtung besagten Nietzsche-Gedenkzimmers nicht einem Bedürfnis unserer Bürger Rechnung tragen, sondern mehrfach geäußerten Wünschen ausländischer Besucher unserer Republik entgegenkommen wollen. Mir scheint dies eine äußerst problematische Konzession bestenfalls an das Sensationsbedürfnis, schlimmstenfalls an subversive Bestrebungen von Touristen, ausländischen Missionsmitgliedern, westlichen Journalisten usw. zu sein, die besser daran täten, es unserer souveränen Entscheidung zu überlassen, welche Traditionen unseres Landes wir der P ege für würdig erachten und welche nicht. Mir ist es schon passiert, dass ich von einem Ausländer bei einem Spaziergang nach dem Grab von Horst Wessel gefragt wurde. Auch dieses in Berlin wieder herzurichten und beliebigen Besuchern zugänglich zu machen, läge auf der Linie des Weimarer Vorhabens, wäre ein nächster Schritt in gleicher Richtung. Der übernächste Schritt müsste dann logischerweise ein Hitler-Gedenkstein auf dem Gelände der einstigen Reichskanzlei, zwischen Grotewohlstraße und Mauer, sein, wie wär's? Es ist empörend genug, dass besonders amerikanische und japanische Diplomaten aus dem Nietzsche-Grab in Röcken bei Lützen eine Wallfahrtsstätte gemacht haben.« Es müsse alles getan werden, um solche Szenarien zu verhindern, um überhaupt die Entwicklung in diese Richtung von Anfang an zu stoppen. Vor allem gelte es, dafür zu sorgen, »dass es auf keinen Fall am 15. Oktober 1994, zum 150. Geburtstag Nietzsches, zu einer uns aufgezwungenen Welt-Nietzsche-Ehrung auf dem Boden unserer Re pu blik kommen kann«. Der Kulturminister Ho mann antwortete am 1. November 1985 auf 2 9 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Harichs Brief.32 Er schrieb, dass man im Zuge der Renovierung des Gästehauses der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar darüber nachgedacht habe, wie die dortigen unteren Räume, in denen Nietzsche seine letzten Lebensjahre verbracht habe, zu gestalten seien. Man habe beschlossen, diese auszubauen und gleichzeitig eine Ehrung des Jugendstilarchitekten Henri van de Velde vorzunehmen. Zur genaueren Planung wäre eine Arbeitsgruppe von Philosophen und Historiker gebildet worden. Auch die Akademie der Wissenschaften sei informiert. Manfred Buhr habe zugesagt, an der Gestaltung der unteren Räume teilzunehmen. Mit diesem Vorhaben solle jedoch keine Gedenkstätte errichtet werden. An einen öffentlichen Zugang zu den Räumen sei nicht gedacht. Durch das Projekt solle einer »Aufwertung« der Philosophie Nietzsches keineswegs Vorschub geleistet werden. Auch Ho mann bestätigte in seinem Brief, dass die entsprechenden Schriften von Mehring, Günther und Lukács die Notwendigkeit einer o ensiven Auseinandersetzung mit Nietzsches Philosophie und mit der imperialistischen Herrschaftsideologie evidieren würden. In diesem Sinn sollten die entsprechenden Nietzsche-Räume mit einer sparsamen Dokumentation über dessen letzte Lebens- und Scha ensjahre versehen werden. Dabei gehe es vor allem darum, die Verbindungslinien zwischen der Philosophie Nietzsche und der Ideologie des Verbrechens deutlich zu machen. Eine Dokumentation könne die konsequente Auseinandersetzung von Marxisten mit Nietzsche aufzeigen. In dem Raum werde Max Klingers Nietzsche-Büste aufgestellt. Zugang zu diesen Räumen würde ausschließlich interessierten Wissenschaftlern eingeräumt werden, vor allem ausländischen. Mit einem erhöhten Besucherandrang zu Nietzsches Geburtstag sei zu rechnen. Erklärtes Ziel der ganzen Maßnahmen sei es, einer heimlichen Faszination durch Nietzsche ebenso entgegenzutreten wie einer Trennung seines Werkes von den entsprechenden Wirkungen. Ende des Jahres 1985 entschied sich Harich, seine Bedenken erneut geltend zu machen. Er schrieb aus aktuellem Anlass33 am 22. Dezember an den Ministerpräsidenten Wil- 32 Ho mann, Hans Joachim: Brief an Wolfgang Harich vom 1. November 1985, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 33 »Aktueller Anlass meines Schreibens an Sie ist der Umstand, dass mir heute, beim Besuch einer Buchhandlung in der Friedrichstraße, die erste DDR-Publikation eines Werkes von Nietzsche seit 1945 zu Gesicht gekommen ist – ein für mich erschütterndes, nervenaufreibendes Ereignis, geeignet, mir den Schlaf zu rauben. Was das für mich für ein Schlag war, werden Sie nachvollziehen können, wenn Sie sich vorstellen, Sie sähen sich plötzlich bei uns mit, sagen wir, der Zulassung eines SS-Traditionsverbandes konfrontiert.« An Kurt 2 9 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e li Stoph: »Hiermit möchte ich Sie dringend darum ersuchen, wirksam den in Gang be ndlichen Bestrebungen entgegenzutreten, in der Deutschen Demokratischen Republik eine ›Renaissance‹ des Erbes von Friedrich Nietzsche herbeizuführen.« Sein Urteil über Nietzsche fasste er prägnant zusammen: »Nietzsche ist die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung, die es in der gesamten Entwicklung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart gegeben hat. Er verneint und bekämpft alle humanistischen Werte der antiken Kultur, des Christentums und der Neuzeit, hier vor allem die des liberalen Bürgertums, der Demokratie und des Sozialismus/ Kommunismus. Er fordert die Wiederherstellung der Sklaverei als angeblich unerlässliche Bedingung höherer Kultur, einer Kultur der Herrenmenschen. Er verherrlicht den Krieg als Selbstzweck. Er predigt die Abtötung des Gewissens und jeglichen menschlichen Mitgefühls. Er schmäht das weibliche Geschlecht und stellt sich einer Emanzipation mit beispielloser Entschiedenheit entgegen. Er schmäht die farbigen Völker und erklärt in diesem Zusammenhang, dass es gut sein würde, für die Sklavenarbeit nach Europa Chinesen zu importieren. Sein infernalischster Hass aber gilt der modernen Arbeiterbewegung. Er war daher auch der wichtigste ideologische Wegbereiter des Faschismus, und zwar zuerst des italienischen – Benito Mussolini zählte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu seinen glühendsten Verehrern –, und dann auch des deutschen – es gibt keinen Ideologen, der auf Hitler und Alfred Rosenberg größeren Ein uss ausgeübt hat. Dass Nietzsche sowohl auf seinem ureigensten Gebiet, dem der klassischen Philologie, wie auch als Philosoph ein reiner Scharlatan gewesen ist, und dass die Versuche, mit denen er als Dichter und Komponist dilettiert hat, ohne jeden Wert sind, sei nur am Rande erwähnt. Nur in der Atmosphäre des Imperialismus war es möglich, ihn zu einem großen Denker hochzujubeln. Die deutsche Kultur konnte nicht tiefer sinken als mit der Nietzsche-Mode und dem Hager schrieb Harich dann am 4. Juni 1986: »Der unmittelbare Auslöser meiner Eingabe vom 22. Dezember 1985 an den Vorsitzenden des Ministerrates der DDR war der mich alarmierende Anblick der Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Ecce homo im Schaufenster eines Buchladens in der Friedrichstraße. Als ich Höpcke im Januar davon berichtete – noch bevor Ihr Schreiben bei mir eintraf –, da meinte Höpcke nur: ›Was? Diese Ausgabe sollte doch nur für das andere, das schmutzige Geld zu haben sein, und auf einmal wird sie in unserem Buchhandel vertrieben? Na sowas!‹ Aus jener Buchhandlung in der Friedrichstraße, im Haus der NDPD-Führung und des Verlags der Nation, verschwand der Nietzsche denn auch prompt. Aber noch im April stand er in der Chausseestraße im Schaufenster ausgerechnet der Brecht-Buchhandlung und noch im Mai konnte man ihn in dieser kaufen. Beide Buchhandlungen liegen etwa 200 Meter voneinander entfernt, eine Strecke, die zu durchmessen dem Schlendrian und der Lässigkeit bereits schwerfällt.« 3 0 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nietzsche-Kult. Der Vorgang hängt aufs Engste mit den ökonomisch-gesellschaftlichen Ursachen zusammen, aus denen die beiden Weltkriege hervorgegangen sind.« Diese Einschätzung der Philosophie Nietzsche nde sich bei bedeutenden Marxisten, bei fortschrittlichen bürgerlichen Philosophie- und Literaturhistorikern und bei christlichen eologen beider Konfessionen. Sie gehöre, damit erinnerte Harich an die Gründungsphase der DDR, zu den »selbstverständlichen Grunderkenntnissen« aller gesellschaftlichen Gruppierungen der DDR.34 Und dennoch gebe es Tendenzen und Tatsachen, die diesen humanistischen Konsens gegen Nietzsches Philosophie gefährden, ja, aufbrechen würden. Harich nannte folgende Punkte: 1) »Bei einigen unserer Schriftsteller erfreut sich Nietzsche wachsender Beliebtheit. In Sinn und Form, Heft 6/1985, erklärt zum Beispiel Heiner Müller, ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR, Nietzsche sei Hegel vorzuziehen. 2) Ein Teil unserer Literaturwissenschaftler fordert, unter Verkennung der ausschließlich negativen Wirkung, die Nietzsche auf die europäische und zumal auf die deutsche Literatur des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat, und unter Missachtung der einschlägigen marxistisch-leninistischen Urteile, die in keinem Punkt widerlegt oder überholt sind, eine positive Einbeziehung seines Vermächtnisses in unserer Erbe-P ege. Das Buch eines Nietzsche-Verehrers namens Eike Middell, eines philosophischen Ignoranten, das hierfür die Begründung scha en soll, be ndet sich in Vorbereitung. Das Manuskript soll im Sommer 1986 dem Akademie-Verlag vorliegen. Das Zentralinstitut für Literaturgeschichte bei der Akademie der Wissenschaften unterstützt dieses Vorhaben. 3) Mehrere Verlage der DDR planen die Herausgabe von Werken Nietzsches. Mir sind allein drei bekannt: Der Aufbau-Verlag, bei dem Prof. Wolfgang Heise eine vierbändige Auswahl herausbringen will; der Reclam-Verlag, bei dem Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtungen erscheinen sollen; der Kiepenheuer-Verlag. Eine Prachtausgabe des Faksimiles von Nietzsches Ecce homo, besorgt von dem Leiter des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar, Prof. Karlheinz Hahn, wird bereits im Buchhandel der DDR angeboten. 4) In wichtigen kulturpolitischen Zeitschrift der DDR, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, wird bereits eifrig für Nietzsche geworben – von Eike Middell, Renate Reschke, Peter Gosse und, wie gesagt, Heiner Müller. 34 Siehe die entsprechenden Ausführungen bei: Kapferer, Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. 3 0 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 5) An den Universitäten Berlin und Jena lehren Dozenten der Fachrichtung Philosophie (bzw. Ästhetik), die unter dem Deckmantel ›di erenzierender Wertung‹ für Nietzsche eintreten. Es handelt sich um Prof. Friedrich Tomberg (Jena) und Dr. Renate Reschke (Berlin), die jüngst mit einer Arbeit über und für Nietzsche sogar habilitiert hat. Auf einer Tagung der westdeutschen Nietzsche-Gesellschaft verkündete Frau Reschke frohlockend, dass bei uns in der Nietzsche-Frage ›das Eis brechen‹ werde, wofür einer der reaktionärsten Philosophen der BRD, Günter Rohrmoser, ein eifriger Gefolgsmann und Vertrauter von Josef Strauß, sie mit Lob bedachte. Wie ein o ensichtlich auf einer westlichen ›Ostforschungs‹tagung vorgetragener Vortrag eines Herrn Kapferer beweist, setzen reaktionäre Kreise im Westen auf eine Reaktivierung des Erbes von Nietzsche durch Tomberg und Reschke bei uns große Ho nungen. Im Zentralinstitut für Philosophie der AdW, Editionsabteilung, setzt sich, dem Vernehmen nach, Dr. Ste en Dietzsch dafür ein, dass in der DDR Nietzsches Werke verö entlicht werden sollen. 6) Die Grabstätte von Nietzsche und seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Röcken bei Lützen ist längst zu einem Wallfahrtsort geworden. Jetzt soll aber auch im Gästehaus der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar das Zimmer, in dem Nietzsche gestorben ist, auf Beschluss der NFG und mit Zustimmung des Ministeriums für Kultur im Zuge der Rekonstruktion des Hauses ›gestaltet‹ werden, unter anderem durch Aufstellung der Nietzsche-Büste Max Klingers. Der Direktor des Zentralinstituts für Philosophie der AdW, Professor Buhr, will sich dazu hergeben, bei diesem Vorhaben beratend mitzuwirken. 7) Ob und in welcher Form Nietzsche, der auf dem Boden der heutigen DDR geboren und gestorben ist, aus Anlass seines bevorstehenden 150. Geburtstages am 15. Oktober 1994 gedacht werden soll, scheint noch unklar zu sein. Auf jeden Fall aber rechnet das Ministerium für Kultur, wie aus einem Brief von Kulturminister H. J. Ho mann an mich vom 1. November 1985 hervorgeht, damit, dass es bei Gelegenheit des Nietzsche-Jubiläums 1994 zu einem Andrang ausländischer Besucher bei uns an den Nietzsche-Stätten, und das besonders in dem Weimarer Gästehaus der NFG, kommen wird.« Aus den genannten Aspekten ergebe sich, dass Kräfte am Werk wären, die einerseits die fortschreitende Einbeziehung Nietzsches in die sozialistische Erbe-P ege vorbereiten und andererseits der DDR 1994 eine Nietzsche-Ehrung auf ihrem Boden aufzwingen wollen würden. Problematisch sei in diesem Zusammenhang, dass ein ussreiche Kulturpolitiker der DDR diesem Problem entweder ziemlich ratlos oder mit erstaun- 3 0 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re licher Lässigkeit gegenüberstünden. Doch für Nietzsches Philosophie und deren Rezeption sei in der DDR kein Platz: »In der Welt der Vernunft, des Friedens und der Menschlichkeit, die die DDR, als Glied der sozialistischen Staatengemeinschaft, errichtet hat und weiter ausbaut und in der sie die von ihr mitzugestaltende Zukunft der Menschheit erblickt, kann es für Nietzsches Erbe keinen Raum geben. In dieser Erkenntnis richte ich an Sie, Herr Ministerpräsident, den beschwörenden Appell, sowohl als Mitglied des Politbüros der SED wie auch auf der Ebene Ihrer hohen Staatsämter alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, den eben angedeuteten Missständen und Fehlentwicklungen, die den Sinn sozialistischer Erbe-P ege ins Gegenteil zu verkehren drohen, wirksam und nachhaltig zu begegnen.« Seinen Brief beendete Harich damit, Stoph zu bitten, »bei der Abwendung eines bösen Unheils für unser Land, für unsere Kultur um Hilfe« zu helfen. Von Stoph wurde Harichs Brief an das Büro Kurt Hagers übergeben, der das Schreiben am 27. Januar 1986 dann beantwortete.35 Hager bedankte sich zuerst für die Mühe, die sich Harich gemacht habe, um die Aktivitäten zu schildern, die in der DDR von bestimmten Kreisen unternommen würden, um eine Nietzsche-Renaissance herbeizuführen. Er versicherte, dass er Harichs Standpunkt teile und dass diese Aktivitäten unter allen Umständen verhindert werden müssten. Er werde die erforderlichen Maßnahmen veranlassen. Nietzsche völlig tot zu schweigen sei jedoch insofern problematisch, da einerseits an den Universitäten und durch die Verlagspublikationen in der DDR bereits Schaden angerichtet wurde und andererseits die Ein üsse aus dem Westen nur schwer zu kontrollieren wären. In der DDR habe es, so wiederholte Hager, schon ö entliche Äußerungen und Publikationen (Sinn und Form) gegeben, weshalb zu überlegen sei, ob es nicht Sinn mache, einen Sammelband mit Aufsätzen gegen Nietzsche zu erarbeiten. Das war ja das anfänglich von Harich für den Akademie-Verlag angedachte Projekt. Hager fragte Harich, ob Heinz Malorny als Herausgeber eines solchen Bandes in Frage komme. »Für Ihre Meinung wäre ich Ihnen sehr dankbar.« Harich antwortete bereits am 30. Januar 1986 auf Hagers Schreiben: »Es stimmt mich sehr froh. In puncto Nietzsche fällt mir jetzt für mich ein Stein vom Herzen. Und dass Sie nun gar mich in dieser Sache um Rat fragen, erfüllt mich mit so tiefer, dankbarer 35 Hager, Kurt: Brief an Wolfgang Harich vom 27. Januar 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 3 0 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Genugtuung, dass ich es noch gar nicht fassen kann.« Erneut entwickelte er verschiedene Maßnahmen, die ergri en werden könnten, um der Nietzsche-Renaissance entgegenzutreten. Anne Harich sprach in ihren Erinnerungen von »einer Art Kriegsstrategie« gegen die »Nietzschesüchtigen« (ihre Einschätzung wird später ausführlicher wiedergegeben):36 1) »Erster Schritt: Interne, diskrete Selbstverständigung zu dem Zweck, einen harten Kern marxistischer Nietzsche-Gegner aus Philosophie, Literaturwissenschaft und, nicht zu vergessen, Kulturpolitik zu scha en. Gelegenheit dazu böte ein Klausur-Seminar zum ema Nietzsche, das in diesem oder im nächsten Jahr sowieso, zur Diskussion des einschlägigen Manuskripts von Heinz Malorny, am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR statt nden soll. Ich schlage vor, es zeitlich vorzuziehen, und zwar so, dass noch rechtzeitig vor dem XI. Parteitag innerparteilich Klarheit über folgende Fragen erzielt werden kann: a) Wo sind die Ursachen der bei uns sich abzeichnenden ›Nietzsche-Renaissance‹ zu suchen? b) In welchen Kreisen, an welchen Schwachpunkten dringt sie vor? c) Welche Argumente führt sie ins Tre en? d) Wie lauten unsere Gegenargumente? e) Was ist, unsererseits, zu tun? Was zu unterlassen? (…) 2) Zweiter Schritt: Knallharte ö entliche Verdammung Nietzsches ›ex cathedra‹, am besten auf dem Parteitag, am besten durch Sie. Dies scheint mir aus folgenden Gründen dringend nötig: a) Ohne ein Machtwort der Partei ist dem von Ihnen apostrophierten ›Schaden, der bereits bei uns an Universitäten und durch Verlagspublikationen angerichtet wurde‹, kein Einhalt mehr zu gebieten. b) Unser di erenzierendes Herangehen neuerdings auch an problematische Gestalten deutscher Geschichte und Kultur, das im Falle Luthers, Friedrichs II. von Preußen, Bismarcks und anderer voll zu bejahen ist, das uns politisch stärken, unser Geistesleben bereichern kann, hat den unerwünschten Nebene ekt von Irritationen bei Freunden und Gegnern. Freunde werden vom Sog eines kritiklosen Liberalismus gegenüber beliebigen reaktionären Überlieferungen ergri en. Gegner machen sich das zu Nutze in der Ho nung, eine Atmosphäre scha en zu können, in der alles möglich wird. So muss eine Grenze gesetzt, ein P ock eingerahmt werden: ›Bis hierher und nicht weiter!‹ Der Fall Nietzsche bietet uns 36 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 287. 3 0 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re eine einzigartige Gelegenheit, genau das jetzt zu tun. Tun wir’s doch! Jeder in der Welt wird uns verstehen. Vom Vatikan bis in die Bonner SPD-Baracke, unter Christen, Liberalen, Demokraten, Reformisten, Grünen, Alternativen usw. usf. fände niemand es erstaunlich, hätten niemand etwas dagegen, dass Kommunisten mit Nietzsche nichts im Sinn haben; ganz im Gegenteil! c) Die neu gegründeten Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Berlin, zuständig für die Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, brauchen unbedingt, wenn ihre Arbeit nicht schwammig und rückgratlos werden soll, das umfassende, uneingeschränkte und endgültige Nein zu Nietzsche. Das ist die Voraussetzung für ein di erenzierendes Bild all der großen Begabungen, die teils an Nietzsche zu Schanden gingen – wie Richard Dehmel –, teils im Widerspruch gegen ihn, in qualvoller Loslösung von ihm erst zu sich selbst fanden – wie omas Mann –, teils trotz beachtlicher gesellschaftskritischer Leistung bei jeder a rmativen Äußerung ihren unheilbaren, unfreiwillig komischen Übermenschen-Tick verrieten – wie Carl Sternheim usw. usf. d) Es dürfen keine falschen Schlüsse mehr gezogen werden aus dem Umstand, dass die historisch-kritische Nietzsche-Ausgabe der Colli und Montinari aus Archivmaterial in der DDR erarbeitet worden ist. Entweder war das damals ein Fehler von Holtzhauer, begünstigt durch mangelnde Dienstaufsicht seitens des damaligen Kulturministers, dann müsste das gesagt werden. Oder wir haben, wissenschaftsfreundlich, wie wir als Kommunisten sind, den Philologen Gelegenheit zu einer einwandfreien Textedition geboten, die Legendenbildungen erschwert, die aber nicht bedeutet, dass wir den Inhalt des Textes billigten oder ihn bei uns auch nur duldeten. Gesagt werden müsste das dann erst recht, schon um den in seinen Forschungsgegenstand verliebten Herrn Montinari auf seine Grenzen aufmerksam zu machen und seinen hiesigen Freunden einen warnenden Wink zu erteilen. Die zweite Variante hielte ich für die bessere. e) Je früher wir aller Welt unzweideutig klarmachen, dass es in der DDR niemals eine Nietzsche-Ehrung, welcher Art auch immer, gegeben wird, desto besser. Desto leichter wird es uns nämlich fallen, den 150. Geburtstag Nietzsches, 1994, stillschweigend, sang- und klanglos vorübergehen zu lassen. 3) Dritter Schritt: In Auswertung des XI. Parteitages sollte, nun wieder diskret, ohne ö entliches Aufsehen zu erregen, mit Nietzsche-anfälligen Autoren, Verlegern, Dozenten, Literaturforschern usw., individuell, abgestimmt auf die jeweils speziellen Hirngespinste, diskutiert werden, mit Hilfe der wissenschaftlichen Argumente, die 3 0 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e der unter 1) genannte ›harte Kern‹ sich erarbeitet hat. Nötigenfalls müssten Sendboten dieses ›Kerns‹ ausschwärmen und sich an die schlimmsten Schadstellen begeben. 4) Negative ankierende Maßnahmen: Verlagen und Redaktionen wird empfohlen, nichts von Nietzsche zu drucken, bei Bezugnahmen auf ihn zu prüfen, ob sie überhaupt nötig sind, und, wenn ja, dafür zu sorgen, dass sie es nicht an kritischer Distanzierung fehlen lassen. Noch wichtiger wäre entsprechende Wachsamkeit gegenüber Lehrveranstaltungen an Hoch- und Fachschulen. Eventuell müsste auch einmal ein Exempel statuiert werden, dass ein Nietzsche-Befürworter als Dozent nicht geduldet wird. 5) Positive ankierende Maßnahmen: Verstärkung der P ege progressiver, humanistischer Überlieferungen. Da gäbe es noch viel zu tun. Da gilt es emen zu bearbeiten, mit denen zur Räson gebrachte Nietzsche-Jünger sich noch und noch nutzbringend beschäftigen ließen. Uns fehlen zum Beispiel die große Ästhetik von Friedrich eodor Vischer – die Marx so wichtig fand, dass er sie exzerpierte – und Hermann Lotzes Geschichte der Ästhetik in Deutschland, beide von der Bourgeoisie aus dem Traditionsbewusstsein verdrängt. Wie wäre es, wenn Prof. Dr. Wolfgang Heise und Frau Dr. Renate Reschke sich daran editorisch und mit marxistischer Kommentierung versuchten, statt bei Rütten & Loening Nietzsche herauszugeben? Oder: Ich behaupte, es gibt eine materialistische Traditionslinie in der deutschen bürgerlichen Philosophie bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, die noch in der Nazizeit ideologischen Widerstand inspiriert hat; Widerstand auch gegen Nietzsche, auch gegen seinen Nazinachfolge, auch gegen die Rassentheorie – im Westen vergessen, bei uns noch terra incognita.« Harich führte weiter aus, dass nur bei Berücksichtigung dieser Maßnahmen ein Sammelband mit Stimmen der Nietzsche-Kritik nützlich wäre. Denn für sich genommen würde ein solcher Band zuvorderst au allen und »unweigerlich genau die unkontrollierbar ausufernde Diskussion entfachen, die der Gegner uns aufzwingen will«. Der Grund dafür, daran bestand für Harich kein Zweifel, liege auf der Hand: Der Ausschluss von Georg Lukács aus der Wissenschafts- und Kulturlandschaft der DDR. »Das liegt nun daran, dass bei uns seit Jahrzehnten der bis dato scharfsinnigste und unversöhnlichste marxistische Nietzsche-Gegner, Georg Lukács, gewohnheitsgemäß bestenfalls umstritten ist, so dass jeder sich aufgefordert fühlt, an ihm herumzumäkeln. Unsere Nietzscheaner würden also, insbesondere in Rezensionen des Sammelbandes, unter dem Vorwand der Distanzierung von Lukács ihren Nietzsche gegen ›undi erenzierte‹, ›dogmatische‹, ›längst überholte‹ Kritik in Schutz nehmen, würden daraus die Forderung ableiten, dem ›mündigen Bürger‹ doch nun endlich mal die Nietzsche-Texte selbst, 3 0 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re möglichst in Massenau age, zugänglich zu machen, ›damit man sich ein eigenes Urteil bilden kann‹, und das würde einer Diskussion die Schleusen ö nen, die so liefe, wie wir es nicht wollen, und der dann Leute wie Malorny völlig hil os gegenüberstünden. Nur im Vergleich zu dieser Möglichkeit hielte ich ein Totschweigen Nietzsches für besser, für das kleinere Übel. Heißt das, dass ich dafür plädiere, erst einmal, womöglich ›ex ca the dra‹, die Autorität von Lukács ö entlich wiederherzustellen? Ich schlage vor, andersherum zu verfahren: Erst das Machtwort der Partei gegen Nietzsche, das sehr streng den Rahmen der Meinungsbildung über ihn festlegt; dann der Sammelband – aber gemischt, mit Beiträgen marxistischer und bürgerlich-humanistischer und auch christlicher Nietzsche-Gegner (ganz à la Volksfront, im Stil des VII. Weltkongresses der Komintern, ganz auch im Sinn antifaschistisch-demokratischer Blockpolitik, obendrein mit interessanten Leuten wie, sagen wir, Ferdinand Tönnies, von denen unser ›mündiger Bürger‹ auch nie eine Zeile vorgesetzt bekommen hat). Und damit stellt die Autorität von Lukács sich ganz von selbst wieder her, einfach deswegen, weil seine Nietzsche-Kritik, verglichen mit den nichtmarxistischen, Dank der von ihm meisterhaft gehandhabten materialistisch-dialektischen Methode nun einmal die gescheiteste ist. Bleibt das Problem derjenigen SED-Genossen, die zwar in der Nietzsche-Frage eine im Prinzip durchaus richtige, parteiliche Einstellung haben, jedoch gegenüber Lukács an Berührungsängsten leiden und deswegen von Nietzsche-Anhängern so leicht zu entwa nen sind (ebenso wie von Kafka-Enthusiasten, von Modernismus-Begeisterten e tutti quanti).« Dieses Anliegen formulierte Harich in jenen Monaten häu g: Die Autorität von Lukács müsse wiederhergestellt werden, im Allgemeinen sowieso, im Speziellen für den Kampf gegen Nietzsche. »Warum soll denn ein politischer Gegner – oder einer, der's mal war – nicht als Philosoph ein sehr schätzenswerter Marxist sein?« Doch damit allein sei es nicht getan. Die Nietzsche-Beiträge von Mehring, Hans Günther und Lukács müssten aktualisiert und ergänzt werden, dieses Argument Harichs ist bereits gefallen. Notwendig wäre dies aber nicht, weil es neue Erkenntnisse gäbe, die dazu zwingen würden, das marxistische Nietzsche-Bild abzuschwächen,37 sondern weil die Politik im globalen Maßstab neue Probleme und Herausforderungen hervorgebracht habe. 37 »Die ›Links‹-Nietzscheaner warten heute mit Legenden auf, von deren Blödsinnigkeit sich Mehring, Lukács und Günther noch gar keinen Begri machen konnten, weil sie damit noch nicht konfrontiert waren. Ich nenne nur die ›philologische‹ Legende, die da besagt, dass Nietzsche, an sich ein ehrenwerter Humanist, nur durch seine böse faschistische Schwester ins Reaktionäre verfälscht worden sei, und dass die neue Edition, von Colli und Montinari, es erlaube, das falsche Bild endlich zu korrigieren. Wie sollte der arme Lukács auch nur die Möglichkeit eines solchen Schwachsinns vorausahnen!!« 3 0 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Für die ematisierung und Lösung der gegenwärtigen politischen, ideologischen und kulturellen Herausforderungen und Fragen, so Harich programmatisch, sei die vorliegende marxistische Nietzsche-Kritik in vier Punkten zu ergänzen: 1) »Sie rechnet nicht ab mit dem geschworenen Feind jeglicher Frauenemanzipation. 2) Sie lässt Nietzsches geradezu satanischen Rassismus außer acht; o enbar deswegen, weil sich bei ihm philosemitische Äußerungen nden, über denen sein Hass auf die farbigen Völker vergessen wurde, der aber heute, im Zeichen unserer Solidarität mit dem Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt, als etwas besonders Schädliches gebrandmarkt werden muss. (Nebenbei bemerkt braucht man sich den viel gerühmten Philosemitismus Nietzsches nur etwas genauer anzusehen, und er verursacht einen ebensolchen Brechreiz wie die antisemitischen Stellen, die sich bei ihm durchaus auch nachweisen lassen. Zum Beispiel sagt Nietzsche einmal sinngemäß: ›Ja, die Juden, die sind wundervoll, die haben Geist und haben Geld. Die müssten sich nur noch mit den ostelbischen Junkern vermischen, und das ergäbe dann die Herrenrasse, die berufen wäre, Europa zu beherrschen!‹ Ich möchte den heutigen Juden sehen, und sei er Parteigänger des Likutblocks, der sich für einen solchen Philosemitismus nicht schönstes bedanken würde!) 3) Vernachlässigt wird – man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist so – von Mehring, Lukács und Hans Günther Nietzsches extrem reaktionäre Rolle bei der Verherrlichung des Krieges als Selbstzweck. Das tritt bei diesen bedeutenden Marxisten, aus ihrer Zeit heraus verständlich, hinter der Polemik gegen Nietzsche als Feind der Arbeiterklasse zurück. Nietzsche greift, beispielsweise, im Zarathustra die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen auf und gibt ihr die folgende Wendung: ›Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: Der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt!‹ Allein wegen dieses Ausspruchs muss Nietzsche heute von uns in Grund und Boden verdammt werden, ohne Pardon, und das muss heute überhaupt die wichtigste Begründung für seine totale und endgültige Ablehnung sein!!! 4) Lukács arbeitet mit unübertre ichem Scharfsinn, mit genialer Handhabung seines ideologiekritischen Seziermessers die Momente der Kontinuität heraus, die Nietzsche mit den reaktionären Ideologien Schopenhauers und Wagners verbinden. Dabei versäumt er aber – ebenso wie bisher alle Marxisten, von Mehring bis Malorny –, darauf hinzuweisen, dass in einer Kernfrage der Humanität, nämlich gegenüber der Alternative Mitgefühl oder Grausamkeit, zwischen Schopenhauer und Wagner auf der einen und Nietzsche auf der anderen Seite ein Gegensatz besteht, wie er krasser 3 0 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nicht gedacht werden kann. Und eben in dieser Frage hatte unser Karl Marx – worü ber wir durch Franziska Kugelmann unterrichtet sind – für Schopenhauer eine stille Vorliebe.« Ein knappes halbes Jahr später schrieb Harich noch einmal an Kurt Hager (4. Juni 1986). »Die Nietzsche-Frage bereitet mir leider nach wie vor Sorge.« Er machte darin erneut auf verschiedene Missstände aufmerksam, teilweise bereits von ihm benannte, teilweise neue. Unter anderem kam er darauf zu sprechen, dass die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar o ensichtlich ihre Pläne zum Ausbau der Nietzsche-Räume weiter verfolgen würden: »Die Sache wird, meines Erachtens, dadurch nicht besser, sondern eher noch schlimmer, dass DDR-Bürger zu besagten Räumen gar keinen Zugang haben sollen, es sei denn, es handelt sich um Wissenschaftler, die Studienzwecken nachgehen. So etwas kann doch nur böses Blut scha en, und das bei allen Beteiligten. Leute wie Malorny oder ich werden sich darüber ärgern, dass da die Büste steht, und Nietzsche-Freunde darüber, dass sie sie nicht sehen und bekränzen dürfen, dass das ›mal wieder‹ den Ausländern vorbehalten bleibt (wie die obere Etage im Restaurant des Hotels ›Metropol‹, wo gegen Devisen gespeist wird). Und was soll man sich unter jenen ›Studienzwecken‹ eigentlich vorstellen, was unter der ›Auseinandersetzung‹ mit Nietzsche, für die Professor Dr. Manfred Buhr und seine Mitarbeiter geeignete Materialien in jene Räume zu scha en versprochen haben? Malorny erzählt mir, Buhr hätte diese Aufgabe zwar übernommen, stünde aber nun der Frage, wie sie gelöst werden könne, ziemlich ratlos gegenüber. Und wie auch nicht? Soll etwa der Jugendstil Van de Veldes mit Transparenten überdeckt werden, auf denen Aussprüche Otto Grotewohls und Johannes R. Bechers gegen Nietzsche zu lesen sind? Oder will man Vitrinen aufstellen, in denen Bücher von Mehring, Lukács und Hans Günther gezeigt werden, worin Polemiken gegen Nietzsches Philosophie zu nden sind? Damit würden wir uns doch bei denselben Ausländern, denen wir mit der ›Gestaltung der Räume‹ einen Gefallen zu tun ho en, nur lächerlich machen! Hämische Feuilletons der Westgazetten gegen unseren Nietzsche-Krampf werden nicht lange auf sich warten lassen. Es wird einen Skandal geben. Und einen zweiten Skandal wird es geben, wenn uns, zwecks Behebung des ersten, nichts anderes übrig bleiben wird, als Büste, Vitrinen und Spruchbänder aus unserem Nietzsche-O enstall wieder zu entfernen.« 3 0 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Zum humanistischen Kern des Sozialismus und Marxismus würde es weitaus besser passen, die Ausschließung (als Nicht-Beachtung) Nietzsches aus dem Kulturleben der DDR weiterhin fortzusetzen: »Es ist doch würdiger, in dem ominösen Haus mit der Ignorierung Nietzsches ungeniert fortzufahren, nachdem sie sich durch Jahrzehnte bestens bewährt hat. Überlassen wir es doch der Kirche, für die Seele des Mannes, der sich großspurig den ›Antichrist‹ nannte, zu beten! Verweisen wir Ausländer, die seiner gedenken möchten, doch an den Friedhof in Röcken bei Lützen! Bekennen wir uns doch dazu, dass wir mit ihm nichts zu tun haben wollen! Und falls die Devisen, die uns ein Tourismus ins ›Nietzsche-Land DDR‹ einbringen könnte, nicht zu verschmerzen sein sollten, dann brächte uns ein Verkauf des gesamten Nietzsche-Nachlasses an, sagen wir, die Bibliothek des Britischen Museums in London (aber bitte nicht an irgend eine Institution in der BRD und bitte auch nicht an die Universität Basel!!!) doch sehr, sehr viel mehr ein. Lieber, verehrter Kurt Hager, bringen Sie doch diesen Einfall einmal dem Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK Günter Mittag nahe. Ich bin überzeugt davon, dass er ihn schmunzelnd akzeptieren wird.« Harich war sich bewusst, dass sich die Zeiten geändert hatten. Die Schlusssätze seines Briefes an Hager beschworen deshalb noch einmal die Anfänge der DDR, die beide miterlebt und mit ausgestaltet hatten. Die Träume, Ho nungen, Wünsche der Jugend – man dürfe sie nicht aufgeben, nicht vergessen: »Dies schreibt nicht nur der Bürger Harich an den Staatsmann Hager. Es schreibt auch ein alter Mann an einen noch älteren. Es hat, long, long ago, tiefgreifende Kon ikte zwischen uns gegeben (die von meiner Seite nur zu bereuen sind). Aber hätten wir uns je träumen lassen, dass wir irgendwann noch einmal zur Verteidigung von Selbstverständlichkeiten fest würden zusammenstehen müssen? Es gibt keinen lieben Gott im Himmel, und der Regen fällt von oben nach unten. So, genau so selbstverständlich sollte es sein, dass Nietzsche für Sozialisten einfach indiskutabel ist, dass es für ihn in einer sozialistischen Gesellschaft keinen Millimeter Raum geben darf. Plötzlich ist das nicht mehr selbstverständlich. Das muss uns alte Männer, die noch zu Füßen von Hermann Duncker gesessen haben, auf die höchste Alarmstufe bringen. Mögen unsere Jugendträume ein bisschen übertrieben gewesen sein, heilig müssen sie uns bleiben, bis zum letzten Atemzug, und ihnen sind wir schuldig, unseren Lebensrest, die uns noch verbliebenen Energien mit aller Beharrlichkeit dafür zu nutzen, dass in gewissen Kern- und Grundfragen der ideologischen, der philosophischen, der kulturellen Entwicklung die Weichen richtig gestellt 3 1 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re bleiben und dass eine Kerntruppe von jungen Marxisten da ist, die auch nach uns unbeirrbar dafür sorgt, dass sie nicht ins Rutschen geraten. In diesem Sinne können Sie fest auf mich bauen. Voller Vertrauen und mit allen guten Wünschen grüße ich Sie in Herzlichkeit.« 4. Unverö entlichte Manuskripte 1: Lukács In den achtziger Jahren (genau genommen seit 1974) verö entlichte Harich in der DDR insgesamt nur zwei Aufsätze, jedwede andere Publikation wurde von der Partei verhindert. Der eine, unverfängliche, erschien 1983 in der Sinn und Form und hatte zum Gegenstand: Nicolai Hartmann und seine russischen Lehrer.38 Der andere war sein Nietzsche-Beitrag, der nach endlosen Diskussionen und Querelen schließlich erscheinen durfte. Das ist die Bilanz der von der Partei genehmigten Schriften Harichs eines ganzen Jahrzehnts. Mit all seinen ökologischen Bemühungen war dieser seit Anfang der siebziger Jahre gescheitert. Die von ihm so gewünschte DDR-Ausgabe von Kommunismus ohne Wachstum kam nie zu Stande. Auch eine Neuau age seines Jean Pauls Revolutionsdichtung, 1974 noch im Akademie-Verlag erschienen, wurde nie realisiert. (Harich bedauerte rückblickend, dass sowohl Jean Pauls 225. als auch sein eigener 65. Geburtstag als Grund dafür missachtet worden seien.) Und schließlich wurde kein einziges seiner verschiedenen Editionsprojekte zum philosophischen oder kulturellen oder sozialutopischen Erbe der DDR jemals in Angri genommen.39 Alle sonstigen Manuskripte 38 In: Sinn und Form, 1983, Heft 6, S. 1202–1322. Neu abgedr. in. Band 2, S. 667–688. 39 Von Harich werden in dieser Edition verschiedene Editionsprojekte aus den siebziger und achtziger Jahren vorgestellt: a) Exposé für die Edition einer Sammlung von Texten zum sozialutopischen Erbe (31. März 1977), in: Band 6.2, S. 1170–1176; dort auch relevante Briefe an Wolfgang Schubardt und Lothar Berthold, S. 1168–1170, 1176–1178; b) 1) Zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit, 2) Ver- ö entlichung von Georg Lukács’ Werken in der Deutschen Demokratischen Republik (5. Mai 1977), in: Band 9, S. 383–395; c) überarb. Version von: Zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit (14. August 1982), in: Band 9, S. 395–403; d) überarb. Version von: Zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie sowie klassischen Biographien über Dichter und Denker der Vergangenheit (27. Oktober 1982), in: Band 9, S. 403–412. Dazu 3 1 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e wurden entweder im Westen publiziert oder kamen in den Schreibtisch. Auch als Wissenschaftler war Harich isoliert. Jedwede Meinungsäußerung von ihm war unerwünscht und wurde unterdrückt. In der Schublade (bzw. bei diversen Zeitschriftenredaktionen und staatlichen Stellen) lagen in der Mitte der achtziger Jahre auch zwei für Harich sehr wichtige Aufsätze (darunter der gerade genannte Nietzsche-Text), für ihre Verfertigung hatte er mehrmals die Arbeit an seinem Buch über Nicolai Hartmann unterbrochen. Trotz verschiedener Zusagen, Änderungen usw. war es zu einem Abdruck in der DDR bis zum Mai 1987 nicht gekommen. Am 9. dieses Monats schrieb er an Stephan Hermlin: »Du trittst überall mit der Beteuerung auf, dass es unverö entlichte Manuskripte, die unterdrückt würden, bei uns nicht gäbe. Aus eigener Erfahrung weiß ich es besser. Zwei Beiträge von mir, die, für Zeitschriften verfasst, thematisch gut zueinander passen und so zusammen auch ein Buch ergäben, werden unterdrückt. Mit dieser Mitteilung verbinde ich die Erwartung, dass jetzt Du Dich meiner Sache annimmst und damit von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machst, Deine eigene Glaubwürdigkeit zu retten.« Der erste Aufsatz, den Harich meinte, betraf Georg Lukács. Er schilderte die Problematik mit den Worten: »Die Mäkelei und Besserwisserei, mit der hierzulande Georg Lukács von inkompetenten Leuten bekrittelt zu werden p egt – und das geschah auch anlässlich seines 100. Geburtstages –, verdrießt mich seit langem. Als ich feststellte, dass Bücher von ihm mit Nachworten versehen werden, in denen Gegner seiner Positionen ihn von rechts kritisieren, etwa mit Argumenten Adornos, beschwerte ich mich darüber bei Klaus Höpcke. Er empfahl mir, hierzu einen Aufsatz für die Weimarer Beiträge zu schreiben. Das tat ich. Der Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! lag deren Redaktion im Mai 1986 vor. Am 23. Juni erschien bei mir der Chefredakteur, Siegfried Rönisch, und setzte mir in einer langen Aussprache seine Änderungswünsche auseinander. Denen trug ich in zwei Umarbeitungen, die mich große Mühe kosteten, Rechnung. Anfang August händigte ich Rönisch die dritte Fassung aus. Daraufhin hörte ich sechs Wochen lang nichts mehr. In der Annahme, nun sei alles in Ordnung, bat ich die Redaktion am 18. September, mir die Korrekturfahnen an meine Urlaubsadresse zu schicken. Zu meiner Verblü ung wurde mir erö net, kamen viele einzelne Editionsvorschläge: Zu Paul Alsberg, Nicolai Hartmann, zur Ökologie usw. 3 1 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re das Redaktionskollegium hätte beschlossen, den Beitrag so nicht zu bringen. Worin eine weitere Änderung bestehen sollte, wusste mir konkret niemand zu sagen. Ich zog den Aufsatz zurück und bot ihn nun Max Walter Schulz für Sinn und Form an. Der hatte zwar, wie er mir schrieb, gegen den Inhalt keine Einwände, erklärte sich jedoch, mit Rücksicht auf die strenge Essay-Tradition der von ihm geleiteten Zeitschrift, außer Stande, die inhaltlich sehr wichtigen Anmerkungen, auf die ich großen Wert lege, mit abzudrucken. Da es Vorbehalte gegen Anmerkungen in der damit stets reich gesegneten Deutschen Zeitschrift für Philosophie nicht geben kann, leitete Sebastian Kleinschmidt über seinen Kollegen Ste en Dietzsch das Manuskript an deren Chefredakteur, Günter Klima szew sky, weiter. Dieser soll es sich gar nicht erst angesehen haben. Jedenfalls entschied er noch am selben Tage, es nicht bringen zu wollen, obwohl es, wohlgemerkt, streckenweise philosophischen Inhalts ist und daher auch in die Deutsche Zeitschrift für Philosophie gepasst hätte; in sie vielleicht am besten. Im November erhielt ich das Manuskript von Sinn und Form zurück. Was ich an dieser Geschichte am empörendsten fand, war der Umstand, dass die Weimarer Beiträge bei alledem nicht einmal das Redaktionsgeheimnis gewahrt hatten. Von zwei Literarhistorikern aus dem Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR hörte ich, dass ihnen – und nicht nur ihnen – mein Beitrag zur Lektüre zugänglich gemacht worden sei. Im Institut sei übrigens über ihn diskutiert worden. Der eine fügte hinzu, sogar im Schriftstellerverband habe eine Diskussion darüber stattgefunden. Beide kannten den Inhalt in- und auswendig. Nun entschloss ich mich, von Möglichkeiten einer Verö entlichung im Ausland Gebrauch zu machen; aber nicht, ohne vorher Kurt Hager hierzu um eine Stellungnahme zu ersuchen. Er bat um das Manuskript. Noch am selben Tage, an dem ich seinen diesbezüglichen Brief erhielt, am 4. Dezember 1986, brachte ich es zur Poststelle des Zentralkomitees am Marx- Engels-Platz. Seither schmort es in seinem Sekretariat. Bis zum heutigen Tage hat er sich weder zu einer schriftlichen Äußerung darüber noch zu einem einschlägigen Gespräch mit mir aufra en können. Und davon, dass er, meiner Bitte entsprechend, den Weimarer Beiträgen oder einer der beiden anderen in Betracht kommenden Zeitschriften der DDR den Abdruck empfohlen hätte, konnte erst recht keine Rede sein. Zum Redaktionsschluss, Weihnachten 1986, ist die einzige Kopie meiner Arbeit dann an die linkssozialistische Zeitschrift Aufrisse, die in Wien erscheint, gegangen.40 André Müller, Mitglied der DKP, ein Freund von Peter Hacks und mir, wollte den identischen Text in der bundesdeutschen Kulturbundzeitschrift Kultur & Gesellschaft, Köln, abdrucken. Von beiden bevorstehenden Auslandspublikationen unterrichtete ich am 5. Januar dieses Jahres telefonisch das Büro Hager und schlug dabei vor, sie jeweils im Vorspann als Vorabdrucke einer in den Wei- 40 Zuerst in: Aufrisse, Heft 2, 1986, S. 31–37. 3 1 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e marer Beiträgen erfolgenden Verö entlichung zu deklarieren. Hager ließ mir ausrichten, dies sei über üssig; im Übrigen werde er sich bei mir mit einer Stellungnahme melden. Sie ist bis heute nicht erfolgt.« Der zweite Text, über den Harich anschließend Hermlin informierte, war sein Nietzsche-Aufsatz, den er als Reaktion auf den Artikel Heinz Pepperles geschrieben hatte. Diesem ema ist das nächste Kapitel gewidmet. Mit seiner Behauptung, dass es in der DDR keine unterdrückten Manuskripte gebe, liege Hermlin also falsch. Allein in Harichs Fall seien es deren zwei. Angesichts der Tatsachen, die er, Harich, nunmehr Hermlin bekannt gemacht habe, müsse dieser wegen seiner getätigten Aussagen aktiv werden: »Auch für Dich steht in diesem Zusammenhang einiges auf dem Spiel: Deine Glaubwürdigkeit, wie gesagt. Überlege Dir einmal folgendes: André Müller war Ende vergangenen Jahres Feuer und Flamme, meinen Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! in Kultur & Gesellschaft (Köln), gleichzeitig mit dem Abdruck in den Aufrissen (Wien), zu bringen. Wenige Wochen später musste er mir mitteilen, das ginge nicht; er hätte sich diesmal bei der ›Mehrheit der Redaktion‹ (?!) nicht durchsetzen können. Sie sei im Grunde gegen Lukács, verschanze sich freilich hinter dem Argument, sich nicht in eine interne Angelegenheit der DDR einmischen zu wollen. Der Text lag Müller und seiner Redaktion (?!) noch gar nicht vor. Wer garantiert Dir, dass André Müller nicht der Kragen platzt, wenn ihm Deine Verlautbarungen über Liberalität gegenüber Manuskripten zur Kenntnis gelangen? Nun, Müller ist ein diszipliniertes DKP-Mitglied. Schlimmer liegen die Dinge in Wien. Am 26. April erhielt ich von dort telefonisch Bescheid, dass die Redaktion wegen interner Meinungsverschiedenheiten auseinander gelaufen sei und sich in neuer Zusammensetzung habe konstituieren müssen; das Heft 2, das spätestens im April habe erscheinen sollen, werde in Folge dessen erst Ende Mai oder sogar erst im Juni herauskommen. Bei dem Streit hätte auch mein Lukács-Aufsatz eine Rolle gespielt. Wörtlich: ›Dieselben Leute, von denen der Aufsatz in Berlin unterdrückt wird, haben sein Erscheinen auch in Wien zu verhindern versucht.‹ Das sei allerdings nicht gelungen. Der Aufsatz geht jetzt in Satz und in Kürze würden mir die Korrekturfahnen zugehen. (Natürlich habe ich sicherheitshalber dafür gesorgt, dass nicht nur ich Korrektur lesen werde.) Der Übermittler der Nachricht gehört zu dem kleinen Kreis jener oben erwähnten Anhänger von Lukács’ Spätphase; ein ganz junger Mann. Ältester Vertreter dieses Kreises ist der in Köln lebende Leo Ko er, der eben seinen 80. Geburtstag feierte; ein alter Freund von mir. Auch von Ko er wird ein Beitrag in jenem Heft stehen. Ko er ist Ehrenbürger in Wien. Im Herbst wird in Wien ein Kol- 3 1 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re loquium zu Ehren Ko ers statt nden; man hat auch mich dazu eingeladen. Willst Du Dich vor diesen Leuten blamieren, Stephan?« In dem Dialog Nietzsche seine Brüder, im Gespräch mit sich selbst, stellte Harich die damaligen Zusammenhänge 1989 wie folgt dar: »WH: Ich habe ihm (Hermlin, AH), nach entsprechenden Verlautbarungen von ihm im Westen, am 9. Mai 1987 brie ich vorgehalten: ›Du trittst überall mit der Beteuerung auf, dass es unverö entlichte Manuskripte, die unterdrückt würden, bei uns nicht gäbe. Aus eigener Erfahrung weiß ich es besser. Zwei Beiträge von mir, die, für Zeitschriften verfasst, thematisch gut zueinander passen und so zusammen auch ein Buch ergäben, werden unterdrückt. Mit dieser Mitteilung verbinde ich die Erwartung, dass jetzt Du Dich meiner Sache annimmt und damit von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machst, Deine eigene Glaubwürdigkeit zu retten.‹ Was hat Hermlin daraufhin getan? Er hat an die Stelle des von mir gewählten Ausdrucks ›unterdrückt‹ das Wort ›ungedruckt‹ gesetzt, um den Schriftstellerkongress und danach die Leser von Sinn und Form glauben zu machen, ich unterstelle ihm die, wie er sagt, ›alberne Behauptung‹, das in der DDR keine ›ungedruckten Manuskripte‹ existierten. Und damit nicht genug: Einen meiner beiden damals unterdrückten Aufsätze unterschlägt er: Den mit der Überschrift Mehr Respekt vor Lukács! den ich, weil seine Verö entlichung von den Weimarer Beiträgen, von Sinn und Form und von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgelehnt worden war, im Winter 1986/1987 nach Wien habe schmuggeln müssen, zum Abdruck in den linkssozialistischen Aufrissen. PF: Das kann, anders als bei der Sache mit Heiner Müller, aber kein Gedächtnisfehler Hermlins mehr gewesen sein. WH: Gerade das Kurzzeitgedächtnis wird bei zunehmendem Alter schwächer. So konstatiere ich auch in diesem Fall bloß Unwahrheiten. Wie dem auch sei: Schlimm ist, dass ich zur Richtigstellung des tatsächlichen Sachverhalts bis heute keine Gelegenheit hatte, durch nunmehr anderthalb Jahre. PF: Und ist Ihr Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! inzwischen in der DDR erschienen? WH: Nein. Er ist, außer in den Wiener Aufrissen, Ende 1988 noch in Kultur und Gesellschaft, Köln, abgedruckt worden, dank einer Initiative André Müllers und omas Metschers; in der DDR bis heute nicht. Lediglich den Nietzsche-Aufsatz habe ich, unter Hinnahme mir aufgezwungener Streichungen, in Sinn und Form unterbringen können. PF: Hermlin scheint darauf stolz zu sein, den nicht zum Abdruck empfohlen zu haben. 3 1 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e WH: Trotzdem glaube ich, dass erst mein Brief an ihn den Abdruck erzwungen hat. Es sollte wohl vermieden werden, dass ich einen Skandal machte.« Es wurde bereits mehrfach deutlich, wie wichtig das theoretische Scha en von Georg Lukács für Harich war. Er ging davon aus, dass, wenn man die alten Vorurteile überwinden würde, die Rehabilitierung des ungarischen Philosophen einen wirklichen Fortschritt für den weiteren Ausbau der marxistischen Philosophie bedeuten könne und zugleich eine der wirksamsten Barrieren gegen die Nietzsche-Renaissance wäre. Oder anders formuliert: Hätte Lukács den Ein uss im akademischen, kulturellen und ö entlichen Leben der DDR, der ihm zustünde, so wären bestimmte Fehlentwicklungen mit Blick auf das kulturelle Erbe gar nicht erst zu Stande gekommen, andere ließen sich wirksamer als bisher bekämpfen. Von daher bietet es sich an, in einer kleinen Abschweifung die zentralen Aussagen von Harichs Lukács-Aufsatz hier kurz zu rekapitulieren. Am 11. Mai 1986 hatte Harich das Manuskript von Mehr Respekt vor Lukács! an Siegfried Rönisch von den Weimarer Beiträgen gesendet.41 Rönisch gab das Abdruck-Ersuchen Harichs sofort »nach oben« weiter – und zwar an Gregor Schirmer. Dieser schrieb am 23. Mai an Kurt Hager: »Harich hat einen ziemlich links und polemisch angelegten Artikel bei den Weimarer Beiträgen eingereicht. Bei Abwägung aller Umstände sollten wir ihn ohne Teil I und bei Glättung einiger ›Verbalinjurien‹, die ich angestrichen habe, verö entlichen, zumal Harich in Sachen Nietzsche und Bloch mit seiner Lukács-Verteidigung auf der richtigen Seite steht.« Ohne die entsprechenden Änderungen solle ein Abdruck jedoch verhindert werden. »Der Vergleich im Teil I der Behandlung von Lukács und Tönnies bei uns, in den das Neue Deutschland hineingezogen wird, ist einfach unsachlich. Und das Lukács-Heft der Weimarer Beiträge darf man schon aus Gründen unserer Beziehungen zu Ungarn nicht ›Schmäh-Heft‹ nennen.«42 Hager informierte Schirmer am 10. Juni, dass er mit Rönisch das weitere Vorgehen besprochen habe. Dieser werde das Gespräch mit Harich suchen. Rönisch selbst schrieb Harich am 28. September43 und schickte gleichzeitig das Manuskript zurück. »Ich bin uneingeschränkt der Ansicht, dass die von Ihnen aufgeworfenen Fragen unseres Verhältnisses zu Georg Lukács von hoher Wichtigkeit für die 41 Abdr. des Briefes in: Band 9, S. 417 f. 42 Gregor Schirmer an Kurt Hager, 1 Blatt, Brief vom 23. Mai 1986. 43 Siegfried Rönisch: Brief an Wolfgang Harich vom 18. September 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 3 1 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Weiterentwicklung der Literatur- und Kunstwissenschaften der DDR sind.« Weiter hieß es dann: »Ich kann aber auch nicht übersehen, dass in einzelnen Passagen eine große Schärfe der Polemik vorherrscht, die, wie ich fürchte, das Gespräch beeinträchtigen würde, da sie zum Teil sehr weittragende Urteile über Personen enthalten, wir aber in der Zeitschrift doch nur weltanschauliche und wissenschaftliche Fragen diskutieren können. Diese Einwände sind Dinge, die gewiss in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ohne großen Aufwand lösbar sind. Ich muss Sie auch davon informieren, dass ich mich bei der wissenschaftspolitischen Tragweite Ihres Beitrages veranlasst sah, den Rat und die Meinung einiger Mitglieder unseres Beirates einzuholen. Dies erklärt auch den Umstand der eingetretenen Verzögerung, wofür ich mich in aller Form entschuldigen möchte.« Dieser Beirat bestand, wie die Aktenlage zeigt, natürlich nicht aus Wissenschaftlern, sondern aus Schirmer und Hager. Von Anfang an war die Wortmeldung Harich eine politisch-ideologische Angelegenheit und wurde von der Partei als solche behandelt. Nach den gegenüber Hermlin bereits geschilderten verschiedenen Stadien der Druckgeschichte schrieb Harich am 5. November 1986 an Kurt Hager. Er bat diesen, eine Entscheidung darüber herbeizuführen, ob der Aufsatz in der DDR erscheinen solle oder in den Wiener Aufrissen (oder an beiden Orten gleichzeitig). Mit Blick auf die anvisierte Auslandspublikation versicherte Harich: »Unkorrektes Verhalten meinerseits liegt nicht vor.«44 Weiter schrieb er dann: »Bei den Lukács- und Bloch-Jubiläen 1985 habe ich mich bewusst sehr zurückgehalten. Mein Taktgefühl verbot mir, den Eindruck zu erwecken, dass nun auch ich den Zeitpunkt für ein volles ›Come back‹ für herangereift hielte. Meine Zurückhaltung el mir aber, o en gesagt, schwer, als ich feststellen musste, dass einerseits Lukács mit allzu viel – oft inkompetenter – Mäkelei und Besserwisserei bedacht wurde und sich andererseits bei uns Leute zu Wort meldeten, die Bloch vor Lukács den Vorzug geben. Mein Befremden wuchs angesichts der DDR-Ausgabe von Lukács’ Schrift Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik, Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag), 1985. Ein anmaßendes Nachwort darin, verfasst von Michael Franz, kritisiert Lukács von rechts und versteigt sich sogar dazu, Adorno gegen Lukács recht zu geben. Das war für mich das Signal, aus meiner Reserve herauszutreten und mich mit einer entsprechenden Beschwerde an den stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke zu wenden. Dieser empfahl mir, zu dem ganzen Fragenkomplex einen kritischen Beitrag für die Weimarer Beiträge zu schreiben. Das tat ich, nun 44 Band 9, S. 419. 3 1 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e natürlich unter Bezugnahme auch auf einschlägige Artikel, die anlässlich des Lukács-Gedenkens in dieser Zeitschrift erschienen waren und mir außerordentlich missfallen hatten. Mitte Mai lag eine erste Fassung meines Aufsatzes den Weimarer Beiträgen vor. Am 23. Juni suchte deren Chefredakteur, Kollege Rönisch, mich zu einem Gespräch in meiner Wohnung auf. Er schlug mir vor, meinen Beitrag an Umfang zu erweitern, ihn mit mehr Argumenten anzureichern und einige ihm als unsachlich erscheinende polemische Formulierungen abzuschwächen. In Aussicht stellte Kollege Rönisch mir einen Abdruck noch in diesem Jahrgang (32, 1986), und zwar in Heft elf oder, allenfalls, Heft zwölf der Weimarer Beiträge. Nach umfangreichen Studien zu der ganzen ematik habe ich daraufhin in den folgenden Monaten mit zweimaliger Umarbeitung meines Textes, unter Berücksichtigung aller von Rönisch vorgetragenen Änderungswünsche, bei einem Arbeitsaufwand von zusammen vier Wochen allein für die Niederschriften, mir größte Mühe gegeben und eine, glaube ich, gründliche, wissenschaftlich hieb- und stichfeste und im marxistisch-leninistischen Sinne parteiliche Argumentation zu Wege gebracht, die zugleich auch lesbar ist und breites Interesse zu nden vermag. Die zweite Fassung legte ich den Weimarer Beiträgen bereits Anfang Juli dieses Jahres vor. Danach erschienen zwei neue Lukács-Editionen auf unserem Buchmarkt: Beiträge zur Kritik der bürgerlichen Ideologie, ed. J. Schreiter und L. Sziklai, Berlin (Akademie-Verlag), 1986, und Über die Vernunft in der Kultur, ed. S. Kleinschmidt, Leipzig (Reclam), 1986. Im Einvernehmen mit den Weimarer Beiträgen nahm ich nun, um noch eine positive Bewertung dieser beiden Publikationen mit einzuarbeiten, eine zweite Umarbeitung vor, die zu der neuen, dritten, nunmehr endgültigen Fassung meines Aufsatzes geführt hat. Diese händigte ich Anfang August Kollegen Rönisch persönlich aus, der daraufhin fast sieben Wochen lang nichts mehr von sich hören ließ und mir, auf eine Anfrage meinerseits am 18. September, erklärte, die ›Unsachlichkeit‹ meiner Argumentation sei immer noch Grund für Beanstandungen im Redaktionskollegium und der mir zugesagte Abdruck noch in diesem Jahr, in Heft elf oder zwölf, werde daher nicht erfolgen können. Sie werden verstehen, lieber Kurt Hager, dass ich darauf, recht verärgert, das Manuskript zurückzog und es der Zeitschrift Sinn und Form anbot. Von dieser erhielt ich nun, in einem vom 20. Oktober datierten Brief, der mich am 31. Oktober erreichte, ebenfalls eine Absage. Professor Max Walter Schulz hat zwar weder gegen den Inhalt meines Beitrages noch gegen dessen polemische Form etwas einzuwenden und hält das ema für wichtig, fühlt sich aber der streng essayistischen Tradition von Sinn und Form so sehr verp ichtet, dass er sich zum Abdruck einer Arbeit, die mit 50 Anmerkungen versehen ist, nicht entschließen kann. Daher emp ehlt er mir eine Umarbeitung, die die Anmerkungen mit in den Text einbringt oder auf sie ganz verzichtet. Zu einer solchen Herstellung einer vierten Fassung, die unter nochmaligem 3 1 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re großen Arbeitsaufwand eine rein formale Änderung mit sich brächte, kann ich mich wegen wichtigerer Vorhaben, auf die ich mich bei schwindender physischer Leistungsfähigkeit konzentrieren muss, unmöglich mehr bereit nden. Sebastian Kleinschmidt, Mitarbeiter von Sinn und Form, leitete daher, mit meiner Zustimmung, den Aufsatz an die Redaktion der Deutschen Zeitschrift für Philosophie weiter. Seinem heutigen Bescheid muss ich entnehmen, dass die Prüfung der Arbeit dort wieder längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Mein Kollege Heinz Malorny, mit mir verbündet in der Bekämpfung Nietzsches bei uns, ist im übrigen der Ansicht, bei der Redaktion der DZfPh bestünden gegen meine Person zu starke Vorbehalte, so dass ich dort schwerlich als Autor willkommen sein werde. In dieser Situation wende ich mich, mit der Bitte um ein klärendes Wort und eine sachdienliche Empfehlung an die Adresse einer der drei in Betracht kommenden Zeitschriften, an Sie. Ich halte meinen Aufsatz für gleich geeignet, in den Weimarer Beiträgen oder in Sinn und Form oder in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abgedruckt zu werden. Eine schnelle Entscheidung erschiene mir dringlich, weil ich es für politisch falsch hielte, das Angebot, das mir aus Wien zugegangen ist, lange unbeantwortet zu lassen. Dieses Angebot, von Reinhard Pitsch, kam mir völlig überraschend. Ich hatte einem Ko er-Schüler namens Stefan Dornuf, der an einer Volkshochschule in Köln marxistische Vorträge hält und mich gelegentlich über die bundesdeutsche Philosophieszene selbstlos und hilfreich informiert, einem nach meiner Überzeugung vertrauenswürdigen jungen Mann, lediglich von meinem Beitrag über Lukács für die Weimarer Beiträge und später von den Schwierigkeiten, die es dort noch gäbe, erzählt. Darauf ist Dornuf von sich aus, ohne mein Zutun, initiativ geworden, und zwar bei dem ihm bekannten österreichischen Linkssozialisten Pitsch45, der für die Wiener Zeitschrift Aufrisse z. Zt. ein für Januar 1987 45 Über Reinhard Pitsch schrieb Harich an Hager: »Mit Pitsch hat es, nach den Auskünften, die mir durch Dornuf zugegangen sind, folgende Bewandtnis: Pitsch hat als ganz junger Mensch einer anarchistischen Gruppierung angehört, die 1977 Österreichs größten Miederwarenfabrikanten, Herrn Palmers, kidnappte, um Lösegeld für die ›Rote Armee Fraktion‹ zu erpressen. Die Sache ging unblutig zu. Pitsch, am Rande an ihr beteiligt, kriegte eine Strafe von drei Jahren und acht Monaten. Nach deren Verbüßung hat er sich o enbar recht positiv entwickelt – als marxistischer Philosoph, mit Stipendium der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Anhänger der Philosophie des ganz späten Lukács und hasst und bekämpft dessen in den Westen abgewanderte, antikommunistisch orientierte Schüler (Agnés Heller, Ferenc Feher). Zum Bloch-Lukács-Jubiläum organisierte er im November 1985 einen Kongress in Wien, mit dem er ein Gegengewicht scha en wollte – und anscheinend sollte – zu dem einschlägigen ›postmodernistischen‹ Pariser Kongress vom Frühjahr 1985. Er selbst will zu dem von ihm vorbereiteten Sonderheft der Aufrisse einen Aufsatz beisteuern, der die heutige Aktualität von Lukács’ Werk Die Zerstörung der Vernunft unterstreicht. Nach alledem glaube ich, dass ich mich da in keiner schlechten Gesellschaft befände.« (Band 9, S. 422.) 3 1 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e geplantes Sonderheft gegen den im Westen wieder au ebenden Irrationalismus vorbereitet. Den Brief, den Pitsch daraufhin an mich geschrieben hat, füge ich Ihnen zu Ihrer Information hier bei. Alles Nähere können Sie daraus ersehen.«46 Harich bat Hager darum, den Abdruck seines Aufsatzes am besten sowohl in West und Ost zu ermöglichen. Dies sei auch notwendig, um ideologische Di erenzen wegen seinem »Dissidentenstatus«, den er nicht wolle, zu vermeiden: »Eine ausschließliche Verö entlichung meines Beitrages in Wien hielte ich für absolut falsch und schädlich. Erstens käme ich dadurch wieder politisch in schiefes Licht, statt endlich, endlich – woran mir sehr, sehr liegt – eindeutig als Mann der DDR dazustehen, zu ihr sich bekennend und von ihr akzeptiert. Zweitens ist mein Beitrag speziell auf die DDR-interne Diskussion zugeschnitten; und zwar zielt er darauf ab, die marxistisch-leninistischen Philosophen der DDR zu einem ressortüberschreitenden, interdisziplinären Meinungsstreit zu mobilisieren, in dem sie, mit Hilfe des Vermächtnisses von Lukács, schwere ideologische Unklarheiten bei unseren Literaturwissenschaftlern (Überschätzung Blochs und Benjamins, Vorliebe für die Frankfurter Schule, Einbeziehung Nietzsches in unsere Erbep ege) überwinden helfen sollen. Drittens entstünden, bei uns wie im Westen, schädliche, zumindest höchst über üssige Irritationen hinsichtlich der Beziehungen zwischen der DDR und Ungarn, wenn es dazu käme, dass ein ungarischer Stipendiat mir zu westlicher Erstverö entlichung einer Arbeit über Lukács verhilft, die in der DDR gar nicht oder erst sehr viel später herauskommt. Für klug und nützlich hielte ich es dagegen, wenn mein Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! bei uns zuerst erschiene – in welcher der drei genannten Zeitschriften auch immer – und dann die an der Sache interessierte Intelligenzija des – zumal deutschsprachigen – kapitalistischen Auslandes über den Inhalt nicht durch tendenziös entstellte Berichte seitens uns gegnerischer Medien der BRD und Westberlin erführe, sondern durch den authentischen vollständig Text, abgedruckt in einem unabhängigen linkssozialistischen Organ des neutralen Österreich, mit dessen Alternativbewegung mich bekanntermaßen freundschaftliche Beziehungen verbinden, die ich, 1979–1981, an Ort und Stelle immer dazu genutzt habe, Vorurteile gegen den realen Sozialismus, und zumal gegen die DDR, abbauen und ein Einmünden rein ökologischer Politik in den Friedenskampf vorantreiben zu helfen.«47 46 Band 9, S. 419–421. 47 Band 9, S. 422 f. 3 2 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Anne Harich hat in ihren Erinnerungen Teile dieses Briefes ebenfalls wiedergegeben. Im Anschluss an den Abdruck heißt es bei ihr: »Wieder wartet Harich jeden Tag auf Antwort. Er weiß, die ungarische Regierung hat ihrem einst verfemten Philosophen ein Denkmal errichtet; er weiß nicht, was die ungarischen Genossen von den DDR-Oberen denken, die sich noch immer zögerlich zu Lukács verhalten. Mit einer Neubesinnung zu Lukács in der DDR erho t Harich eine schrittweise Wiedereingliederung seiner eigenen Person in das ö entliche kultur-politische Leben im Land. Die langen Jahre vergeblichen Ringens darum haben ihn ungeduldig und misstrauisch gemacht; er will nicht nachgeben, er will durchsetzen, was er als wichtig erachtet, aber er ist undiplomatisch und ungeschickt, er wird wütend, und dabei vergisst er alle seine Befürchtungen, jemals wieder unfolgsam zu sein, denn für umständliche Strategien ist in seinem Kopf kein Platz.«48 Am 10. November 1986 ergänzte Harich dann in einem weiteren Brief an Hager, dass er seinen Lukács-Text auch von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zurückbekommen habe.49 Kurt Hager antwortete ganz kurz und knapp am 27. November – »eine Fülle anderer Arbeiten« habe dazu geführt, dass er erst jetzt »den Eingang Ihres Briefes vom 5. November bestätigen« könne. Zudem teilte er mit, dass er den Artikel von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angefordert habe und Harich seine Meinung mitteilen werde, »sobald ich ihn gelesen habe«.50 Der Aufsatz selber kann im Folgenden in seiner zweiten, ausführlicheren Version (2. August 1986) betrachtet werden.51 Er ist ein – in der DDR-Forschung einzigartig dastehendes – Dokument der Aufwertung der Lebensleistung vor allem des mittleren und älteren Lukács. Harich schrieb: »Lukács war ein großer Denker der Kommunisten; nach meiner Überzeugung der seit Lenins Tod weltweit größte – wer sonst? Ihn in unserer Tagespresse nicht umfänglicher gefeiert zu sehen als einen ehrenwerten sozialdemokratischen Professor (gemeint ist Ferdinand Tönnies, AH) viel geringeren Formats, stimmt mich traurig. Ich kann es, in Erinnerung an lange zurückliegende politische Kollisionen, über die ich, leider, nur zu genau Bescheid weiß, jedoch irgendwo noch verstehen. Werden aber gesicherte Erkenntnisse 48 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 146. 49 Band 9, S. 424. 50 Hager, Kurt: Brief an Wolfgang Harich vom 27. November 1986, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 51 Abdr. in: Band 9, S. 441–460. 3 2 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e von Lukács – diesesfalls stehen sie in Kapitel VI seines Werkes Die Zerstörung der Vernunft – nicht ausgewertet, sondern achtlos übergangen, wenn es aus konkretem Anlass darum geht, exemplarisch die Ambivalenz linksbürgerlicher Gesellschaftslehre deutlich zu machen, dann hört jedes Verständnis auf. An Berührungsängsten, seien sie historisch noch so plausibel, darf ein einmal errungener Wissensstand keinen Schaden nehmen. Und ist es der Wissensstand der Kommunisten, dem dergestalt Abbruch geschieht, so lassen Herkunft und Art der Ein üsse, die das entstehende Vakuum ausfüllen werden, sich leicht absehen.«52 Nach den Ereignissen von 1956 sei mit den Publikationen von Werner Mittenzwei53 und Sebastian Kleinschmidt54 die Wiederentdeckung von Lukács in ein neues Stadium getreten: »In das der Angemessenheit.«55 Und dennoch könne nicht von einer völlig zufriedenstellenden »Rückkehr« von Lukács gesprochen werden. Die Kritik an diesem habe nach wie vor Konjunktur. Fast noch schlimmer sei, dass dieser oftmals mit Argumenten kritisiert werde, die den Werken nichtmarxistischer Ideologen entnommen seien, dass ihm Denker wie Ernst Bloch, Walter Benjamin oder eodor W. Adorno vorgezogen würden.56 Und die große Ontologie von Lukács sei den Lesern der DDR (bis auf einen Auszug) nach wie vor unbekannt. »Wie aber soll hierzulande den kulturpolitisch Zuständigen verständlich gemacht werden, dass die Ontologie des gesellschaftlichen Seins, von der sie einen Teil bildet, uns Not tut, solange ihrem Autor bei uns von der Mehrzahl der Philosophen und Literaturwissenschaftler der gebührende Respekt versagt wird? Gefragt werden muss dies jetzt und an dieser Stelle. An dieser Stelle deswegen, weil Mäkelei und Besserwisserei das Lukács-Ge- 52 Band 9, S. 442. 53 Harich verwies auf: Dialog und Kontroverse mit Georg Lukács, ed. Werner Mittenzwei u. a., Verlag Philipp Reclam jun., Universalbibliothek Band 643, Leipzig 1975. 54 Harich verwies auf: Georg Lukács: Über die Vernunft in der Kultur. Ausgewählte Schriften 1909–1969, ed. Sebastian Kleinschmidt, Reclam-Verlag, UB Bd. 1120, Leipzig 1986. 55 Band 9, S. 444. 56 Harich verwies auf: »Dennoch bleibt an den hiesigen Ausgaben der Eigenart des Ästhetischen (1981) und der Besonderheit als Kategorie der Ästhetik (1985) eines auszusetzen. Die von Günther K. Lehmann bzw. Michael Franz verfassten Nachworte sind nicht nur anmaßend und, bestenfalls, über üssig. Sie bestreiten ihre kritischen Einwände in der Hauptsache aus Anleihen bei nichtmarxistischen Ideologen: Bei Ernst Bloch, Walter Benjamin, eodor W. Adorno und diversen Neopositivisten. Und selbst wo die Nachworte hie und da, teilweise und sehr bedingt, weiterführende Einfälle enthalten, über die sich reden ließe, hätten die woanders publiziert werden sollen: In Rezensionen, in Aufsätzen, in Essays. Den Lukácstexten beigeheftet, wirken sie nur peinlich, zumal sie den – doch wohl irrigen – Eindruck gouvernementalen Erwünschtseins erwecken.« Band 9, S. 444 f. 3 2 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re denken 1985 am ärgsten in den Weimarer Beiträgen beeinträchtigt haben. Lukács dadurch zu ehren, dass man ihn schmäht, von solchem Doppelbeschluss schien mir das meiste von dem eingegeben, was zum 100. Geburtstag des Mannes in der vorliegenden Zeitschrift (gemeint sind die Weimarer Beiträge, 1985, AH) zu lesen war. Und führe ich mir vor Augen, wie die darin munter fortfährt, vertiefe ich mich in diejenigen auf dem Lukács-Kolloquium, vom März 1985, gehaltenen Referate, die zum zusätzlichen Abdruck in ihrem darauf folgenden Jahrgang ausgewählt worden sind,57 dann vermag ich mich des Eindrucks gehässiger Regie nur mit Mühe zu erwehren.«58 Aus der Zusammenlegung aller dieser Faktoren schlussfolgerte Harich, dass die DDR o ensichtlich versuche, die Wiederkehr von Lukács zu verhindern und ihr, wo sie nicht zu vermeiden wäre, gegenzusteuern. Nicht zuletzt dadurch, dass man ihn kontrolliert ediere, mit Einleitungen und Nachworten, die ihn kritisierten.59 Im Prinzip, so lässt sich Harichs Argumentation zusammenfassen, gehe es also nicht um eine Aufwertung des ungarischen Philosophen und seines Werkes, sondern vielmehr um die Absolvierung einer Art von P ichtaufgabe in Sachen Jubiläum 1985. (Und diese setze die seit 1956 in der DDR maßgebende Kritik fort.) »Ob Lukács als Philosophiehistoriker dem Kampf zwischen Materialismus und Idealismus die nötige Beachtung schenke, ob er dem Kategoriebegri von Marx nicht eine sinnentstellende Bedeutung verleihe, ob die Ausarbeitung einer Ontologie sich mit dem dialektischen Materialismus vertrage, ob da über dem Sein, über diesem von Hegel und Dühring, von omasius und vom Existenzialismus her so suspekten Sein, nicht die Materie zu kurz komme usw. – lauter Fragen, die aus meist triftigem Grund hochabstraktes Kopfzerbrechen bereiten. Mir sind solche Sorgen sympathischer. Bei ihnen fühle ich mich, auch wo ich sie nicht teilen kann, heimisch. Meinungsverschiedenheiten hierüber bewegen sich innerhalb der Bandbreite marxistischer Selbstverständigung. Nur: Sobald durch sie ein Einbruch reaktionärer, klassenfeindlicher Ideologie außer Sicht gerät oder mit Achselzucken hingenommen wird, missraten sie zu sektiererischer Nabelschau, zum Zeitvertreib im Elfenbeinturm. Dass Bloch und Benjamin und die Matadore der Frankfurter Schule alles andere als Marxisten waren – welche Anregungen in Einzelfragen bei 57 Harich verwies auf: Weimarer Beiträge, Heft 2, 1986. Darin die Arbeiten von Dieter Schlenstedt: Veto gegen die Trollwelt – Georg Lukács zur Kunstfeindlichkeit des Kapitalismus, S. 275  ., und Friedrich Tomberg: Die Kritik der spätbürgerlichen Philosophie unter dem Blickwinkel der Brecht-Lukács-Debatte, S. 287  . 58 Band 9, S. 450. 59 Band 9, S. 453. 3 2 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e ihnen hie und da auch zu holen sein mögen –, dass es den Neopositivismus auf der ganzen Linie zu bekämpfen gilt, dass vollends Nietzsche für Sozialisten absolut indiskutabel ist und es zu bleiben hat, das sind Wahrheiten von nahezu axiomatischem Rang, die im philosophischen Periodikum der DDR, in deren Schriftenreihen zur Kritik bürgerlichen Denkens, ihrem Philosophischen Wörterbuch, ihrem Philosophenlexikon wieder und wieder erhärtet wurden. An diesen Wahrheiten ist nicht zu rütteln. Wird ihre Selbstverständlichkeit in Frage gestellt unter dem Vorwand, kritische Distanz zu Lukács zu demonstrieren, dann muss halt Lukács energisch verteidigt, gegebenenfalls wiederentdeckt und, vor aller Kritik, aufs Neue als unser Lehrer und Meister in Anspruch genommen werden. Nächst den Klassikern haben wir keinen besseren. Nicht Dogmatik allein indes lässt die philosophischen Kader des Marxismus zögern, gegen die geschilderte Verirrung vom Leder zu ziehen. Sie fühlen sich auf literaturgeschichtlichem Terrain auch unsicher. Dies einräumen heißt an einen unbefriedigenden Aspekt hiesiger Bildungspolitik rühren. Mit dem Ruf nach der allseitig gebildeten Persönlichkeit auf den Lippen, mit der Befürchtung, sie könne zum Individualismus tendieren, im Hinterkopf, nehmen wir manchmal den Mund ein bisschen voll. Für ein wenig mehr Vielseitigkeit zu sorgen wäre schon hilfreich. Die Kombination philosophischer und literaturwissenschaftlicher Sachkenntnis ist allzu rar. Was bleibt zu tun? Der bloße Appell an die Ästheten, schärfer zu denken, und an die Denker, sich mehr im Musischen umzutun, nützte wenig, verliehen ihm nicht organisatorische Maßnahmen Nachdruck, und die wieder gerieten zu Papier und bürokratischer Routine, solange sie der Orientierung an einem Leitbild entbehren. Ob dazu nicht am ehesten Lukács taugt, wäre zu überlegen. Ich glaube, ja.«60 Seinen Aufsatz beendete Harich mit den Worten: »Eine sozialistische Gesellschaft nun bietet günstige Bedingungen dafür, an die Stelle fragwürdiger Philosophie den dialektischen und historischen Materialismus treten zu lassen und die Inspiration durch ihn auch literaturtheoretisch zur Geltung zu bringen. Fragt sich nur, wie das in prekären Fällen zu bewerkstelligen ist. Selbst angenommen, Lehmann und Middell, Schlenstedt, Staszak und Franz wären bereit, noch einmal einen Gewi-Nachhilfekurs zu absolvieren, es käme nicht viel dabei heraus. Die Initiative des Brückenschlags zu ihnen, der ausgestreckten Bruderhand (die freilich ruhig auch mal einen Nasenstüber sollte austeilen dürfen), müssten die Kader der marxistischen Philosophie ergreifen. Das hätte Sinn, vorausgesetzt, sie hätten den ganzen Lukács intus und wüssten mit ihm zu operieren und begäben sich mit ihm, mit den von ihm geschmiede- 60 Band 9, S. 458 f. 3 2 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ten Wa en in den ressortüberschreitenden, den interdisziplinären Meinungsstreit. Dazu gehört aber einiges. Solange sie sich nicht mit derselben Subtilität, mit der sie den hypothetischen Urknall des Universums oder den tendenziellen Fall der Durchschnittspro trate am Schnürchen haben, auch über die weltanschaulichen Gründe zu äußern wissen, aus denen wir für das Symbol und gegen die Allegorie Partei nehmen sollten, stehen sie dem Kulturverfall im Nachbarinstitut, der Konfusion im Redaktionskollegium drei Straßenecken weiter hil os und ratlos gegenüber. Aus so manchem Morast vermag Lukács uns herauszuziehen. Wir leisten uns daher selbst einen guten Dienst, wenn wir an sein gewaltiges Vermächtnis mit Respekt, mit Wissbegier, mit Lernbereitschaft herangehen und, angesichts etlicher Lücken und Mängel, Verständnis dafür aufbringen, dass dort, wo der Himalaya sich auftürmt, nicht auch noch die Alpen oder, wenn man so will, weite Tiefebenen besät mit Maulwurfshügeln, liegen können. Und gefasst sein müssen wir auf eines: Der Mann verlangt eine Menge. An Mühsal schenkt er uns nichts.«61 5. Unverö entlichte Manuskripte 2: Nietzsche In seinem Brief an Stephan Hermlin vom 9. Mai 1987 hatte Harich von zwei Manuskripten aus seiner Feder gesprochen, die in der DDR unterdrückt würden. Die Geschichte des ersten Aufsatzes, Mehr Respekt vor Lukács!, wurde im vorangegangenen Unterkapitel rekonstruiert. Der zweite Beitrag, den er meinte, war sein Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? Die dem Text vorangegangenen Ereignisse und Debatten beschrieb Harich gegenüber Hermlin zusammenfassend: »Es bereitet mir seit Jahren große Sorgen, dass die Nietzsche-Renaissance aus dem Westen auch auf unserer Republik übergreift. 1985, kurz vor Weihnachten, kam bei uns im Buchhandel eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Ecce homo heraus. Kurz zuvor hatte Willi Stoph, vor einem Gremium, das für die P ege nationalen Kulturerbes bei uns zuständig ist, betont, dass in der DDR ›alles Große und Edle, alles Humanistische und Revolutionäre‹ aus deutscher Vergangenheit geehrt und gep egt würde, wir aber keinerlei Wert auf reaktionäre Traditionen legten. In einer Eingabe, datiert vom 22. Dezember 1985, nahm ich Stoph beim Wort und bat ihn, dagegen einzuschreiten, dass bei uns in zunehmendem Maße auch Nietzsche in die Erbep ege einbezogen wird. Unter anderem wies ich ihn darauf hin, dass im Oktober 1985 mein Protest gegen das schamlose Vorhaben der NFG Weimar, die Nietzsche-Büste von Max Klinger aufzustellen, von Kulturmi- 61 Band 9, S. 459 f. 3 2 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e nister Ho mann zurückgewiesen worden war. Nicht von Stoph, sondern von Kurt Hager erhielt ich im Januar 1986 eine Antwort. Hager dankte mir für mein Brief, erklärte sich in allem Wesentlichen mit mir einverstanden und bat mich am Ende seiner Ausführungen sogar um Ratschläge. Datiert vom 30. Januar (sic!) ließ ich ihm eine Denkschrift mit detaillierten Vorschlägen zugehen. Da ich auch in diesem Falle, wie bei Lukács, siehe oben, die Angelegenheit nicht in die Ö entlichkeit tragen wollte, war der Kern dessen, was ich da empfahl, eine diskrete, interne Selbstverständigung unter sachkundigen marxistischen Philosophen, Literarhistorikern, Kulturhistorikern und Kulturpolitiker. Hager antwortete mir nicht mehr. Im Sommer 1986 häuften sich die Anzeichen einer bei uns bevorstehenden Nietzsche-Renaissance. Am 4. Juni wandte ich mich erneut an Hager und fügte dem Brief eine Kopie meiner Denkschrift vom Januar bei. Es rührte sich nichts. Dann erschien in Heft 5, 1986 von Sinn und Form der Nietzsche-Aufsatz von Heinz Pepperle – eine mit durchsichtig pseudo-kritischen Vorbehalten sich absichernde Nietzsche-Apologie, verfasst von einem subalternen Burschen, der keine Ahnung hat, aber, so wie die Dinge nun einmal leider liegen, außerordentlich geeignet scheint, den Befürwortern der Einbeziehung Nietzsches in unserer Erbep ege die ihnen erwünschte Schützenhilfe zu leisten. Ich schäumte vor Wut, als Höpcke mir auf eine Anfrage hin schrieb, dieser doch sehr kritische Artikel erfülle den Zweck, die Diskussion über Nietzsche bei uns ›einzugrenzen‹, und sich seinerseits auch für die Aufstellung der Klingerschen Nietzsche-Büste in Weimar aussprach. Da Höpcke außerdem keinen Finger dafür gerührt hatte, für den Abdruck meines – von ihm selber angeregten – Lukács-Beitrages in den Weimarer Beiträgen zu sorgen, brach ich in einem geharnischten Schreiben alle Beziehungen zu ihm ab.« Von Max Walter Schulz, dem Chefredakteur der Sinn und Form, den Harich betitelte als »Exekutor der Höpckeschen ›Eingrenzungs‹direktive«, erhielt er den Bescheid, dass kritische Zuschriften zu Pepperles Aufsatz maximal fünf Seiten in Anspruch nehmen dürften. Trotz monatelanger Bemühungen sei ihm die Einhaltung dieser Begrenzungsau age nicht gelungen. Doch Schulz habe ihm mitgeteilt, dass es nicht möglich sei, von diesem Beschluss abzuweichen. Harich verfasste dennoch 1987 seinen Artikel und reichte ihn bei der Sinn und Form ein. Am 24. März 1987 meldete Schulz den ganzen Vorgang an Kurt Hager weiter.62 Schulz teilte mit, dass er seit dem Druck des Pepperle-Artikels von Harich »mit Protesten bzw. mit ultimativen Forderungen« »bestürmt« werde. Anfang März habe dieser dann 62 Schulz, Max Walter: Brief an Kurt Hager vom 24. März 1987, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 3 2 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ein »Original-Manuskript von 65 Seiten« eingereicht, obwohl ihm gesagt worden sei, dass man keine Erwiderungen wolle. »Die erste Hälfte dieses Manuskripts wäre akzeptabel gewesen, sie verhält sich im Ton durchaus seriös.« Er habe den Abdruck dieses Teils vorgeschlagen, was Harich jedoch (trotz vorheriger Zusage) schließlich abgelehnt habe. Statt dessen habe er »ultimativ« den Abdruck des ganzen Beitrags verlangt. »Ich habe ihm darauf geantwortet, dass sein Spiel um alles oder nichts auch das Risiko des nichts einschließt, und ihm das Manuskript zurückgeschickt.« Denn der zweite Teil des Harich-Textes sei nicht edierbar. Er »ergeht sich nicht nur in polemischen und di amierenden Ausfällen gegen Pepperle, sondern auch in scharfen Attacken gegen kulturpolitische Maßnahmen zur Restaurierung des Nietzsche-Hauses in Weimar.« Er, Schulz, halte es für das »Klügste«, »daraus keinen Eklat zu machen«. Schließlich beendete Schulz seinen Brief mit den Worten: »Ich halte Wolfgang Harich im bedingten Sinn für einen kranken Menschen. Die Information an Dich, lieber Genosse Kurt Hager, erfolgt nur aus dem Grund, um zu verhindern, dass sich unter Umständen eine falsche Front bildet zwischen Harichs Di amierung und den Genossen, die Sinn und Form als ein ›Dissidenten-Blatt‹ bezeichnen.« Gegenüber Hermlin schilderte Harich den Vorgang seiner Kenntnis nach wie folgt: »Nach Ablieferung meines Beitrages wimmelte Max Walter Schulz mich mit der unerträglichen Zumutung ab, ich solle mich mit dem Abdruck nur der Hälfte des von mir Geschrieben zufrieden geben und es ganz der Redaktion überlassen, wann sie das veröffentlichen werde. Als ich darauf nicht einging, stellte Schulz mich als jemanden hin, der ›Alles oder Nichts‹ fordere und damit ein ›Spiel‹ treibe, das halt auch das Risiko des Nichts in sich berge. Nun frage ich Dich: Wer ist Pepperle, gemessen an mir? Wie kann man es wagen, einer solchen Niete, von der – und sie ist immerhin 56 Jahre alt – bislang nichts Nennenswertes vorliegt (in diesem Alter lagen meine beiden Jean-Paul-Bücher seit zehn bzw. fünf Jahren vor) –, in Sinn und Form 36 Seiten zur Verfügung zu stellen und mir nur etwa die Hälfte davon zuzubilligen?« Für dieses ganze Prozedere und auch für die Ablehnung des Drucks seines Beitrages machte Harich vor allem Kurt Hager verantwortlich. Er entwickelte dabei erste Überlegungen und Vermutungen, die sich in den folgenden Jahren für ihn immer stärker als zutre end herausstellten: 3 2 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Wie ist sein Verhalten zu erklären? Ich sehe nur zwei Möglichkeiten. Manche meinen, Hager sei ein überforderter alter Mann, dem die Dinge aus der Hand gleiten. Gegen diese Hypothese spricht die Vitalität, mit der er riesenlange Reden hält (zum Beispiel die im heutigen ND abgedruckte). Bleibt also die andere Erklärung: In Dingen, von denen er wenig Ahnung hat, haben falsche Ratgeber ihn in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus der er jetzt schwer heraus ndet. Auf die Handschrift falscher Ratgeber lässt die Nonchalance schließen, mit der 1985 bei Gründung der NFG Berlin für Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts, in Sachen Expressionismus, Bauhaus, atonale Musik usw., kurz, in Bezug auf den ganzen Komplex der spätbürgerlichen Kulturzersetzung, von Hager nicht nur bewährte marxistisch-leninistische Einschätzungen, die von Lukács stammen, sondern auch Erkenntnisse Rillas, Girnus’, Bechers, Abuschs, Rodenbergs usw. einfach vom Tisch gewischt worden sind. Wenn das bei der Gelegenheit Wekwerth getan hätte oder, allenfalls, noch Ho mann, der Kulturminister, um den Leuten von den NFG bei ihrer künftigen Arbeit nicht Lust und Liebe zu verderben, wäre alles nicht so schlimm. Aber war es nötig, das Politbüro und das Sekretariat des ZK der Partei durch den Mund ihres höchsten kulturpolitischen Vertreters gegen eigene frühere Beschlüsse, die in der Substanz völlig richtig sind, auf eine derartige neue Linie festzulegen? Nun, wer A sagt, muss auch B sagen. Die Rehabilitation des Expressionismus hat die des Futurismus logisch zur Folge, und dann kann die von Nietzsche nicht ausbleiben. Lukács stört dabei. Hager scheint sich dessen nicht bewusst gewesen zu sein. Seine falschen Ratgeber aber dürften sich ins Fäustchen lachen. Und wer steht hinter ihnen? Ich weiß es nicht. Nur eins weiß ich: Käme Nietzsche bei uns durch, gäbe es nichts mehr, was nicht möglich wäre.« Nach diesen Schilderungen, denen zu Lukács und denen zu Nietzsche, machte Harich gegenüber Hermlin geltend, dass dieser nun wisse, dass es in der DDR sehr wohl Unterdrückung im Bereich der Kultur gebe. Hermlin habe damit auch einen Teil der Verantwortung dafür, dass die Kulturpolitik der DDR sowie deren Ansehen im Ausland nicht weiter in die falsche Richtung laufe und Schaden nehme. »Doch Du gurierst ja als Gewährsmann der bei uns angeblich obwaltenden Liberalität gegenüber Manuskripten. Die Details der Unterdrückung meiner jüngsten Manuskripte kennst Du jetzt. Fass Dir ein Herz, begibt Dich zu unserem Landesvater, deinem Mitstreiter aus glorreichen Jungkommunistentagen, und kläre ihn über diese ihm noch unbekannten Details auf. Ich befürchte, er verlässt sich einerseits auf den – o enbar schlecht beratenen – Kurt Hager und steht andererseits vielleicht sogar auch unter dem Ein uss einer Valutalobby, die so etwas wie ein ›Interhotel Friedrich Nietzsche‹ für devisenbrin- 3 2 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re gende Ausländer in Röcken bei Lützen planen mag, wenn nicht gar bei Weimar, womöglich zwischen Weimar und Buchenwald – das fehlte noch. (Kulturminister Ho mann schrieb mir im Oktober 1985, bei Begründung seiner Ablehnung meiner gegen die Büste gerichteten Eingabe, dass er für 1994 – zum 150. Geburtstag Nietzsches – mit einem starken Andrang im Gästehaus der Weimarer NFG, dem einstigen Nietzsche-Archiv, rechne.) Also, auf zu Honecker, Stephan!« Nach langen Auseinandersetzungen konnte Harichs Revision des marxistischen Nietzschebildes? schließlich in der DDR erscheinen, es war seine letzte Publikation bis zum Ende des Staates. Bevor hier allerdings der Beitrag Harichs zu rekapitulieren ist, muss ein kurzer Blick auf jenen Text geworfen werden, der seinen Widerspruch herausforderte, im Prinzip das sprichwörtliche Fass für ihn mit einem letzten Tropfen (nach Harich freilich ein wirklich schwerer und inhaltlich gesteuerter Tropfen) zum Überlaufen brachte: Im 5. Heft der Sinn und Form von 1986 erschien Heinz Pepperles Aufsatz Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes? Vom inneren Zusammenhang einer fragmentarischen Philosophie.63 In verschiedenen Zitaten und Verweisen war bereits die Rede davon, dass die Sinn und Form, zumindest in der Außendarstellung, diesen Text als einen – besser: den – Beitrag zu einer modernen Nietzsche-Kritik ansah. Mehr als nur eine Täuschung, wie Harich empört mehrfach deutlich machte. Grund genug, etwas genauer zu überprüfen. Auch heute noch ist es nicht so einfach, Pepperles Text wirklich exakt zu verorten. Denn auf den ersten, ober ächlichen Blick scheint es tatsächlich so, als ob er sich in den Bahnen der marxistischen Nietzsche-Kritik bewegen würde. Pepperle erklärte Eingangs, dass es ihm nicht um die »neuerlich zu beobachtende verstärkte Nietzsche-Rezeption« und auch nicht um die bürgerliche Nietzsche-Literatur gehe, sondern: »Sinnvoller erscheint es, an die marxistische Tradition anzuknüpfen, sich Nietzsche selber zuzuwenden und an Hand der Quellen die Probleme zu erörtern.«64 Das freilich machte er nun gerade nicht. Lukács wird zwar drei-vier Mal erwähnt, aber dies sind eher namentliche Nennungen ohne jeden Bezug auf den Inhalt. Verweise auf Franz Mehring, Hans Günther und die marxistische Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sucht man vergebens. Man wird den Eindruck nicht los, dass sich Pepperle außerhalb der herrschenden Diskurse ansiedeln wollte. Aus der Perspektive Harichs wäre ein 63 Pepperle, Heinz: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes? Vom inneren Zusammenhang einer fragmentarischen Philosophie, in: Sinn und Form, Heft 5, 1986, S. 934–969. 64 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 934 f. 3 2 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e weiterer Fakt hier zustimmend zu erwähnen: Es sind die Zwischentöne, die, wenn sie Ernst genommen werden, in letzter Konsequenz doch relativ deutlich anzeigen, dass es Pepperle nicht um eine zumindest partielle Bekräftigung der vorliegenden Nietzsche-Kritik ging, sondern um deren Zurückweisung bei gleichzeitigem Verzicht auf argumentative Auseinandersetzung mit ihr. In diesen Kontext gehört beispielsweise, dass Pepperle die Nietzsche-Ausgabe von Georgio Colli und Mazzino Montinari als Voraussetzung und Versuch deutete, »sich Nietzsche von links zu nähern (…) und in diesem Zusammenhang das bisherige marxistische Nietzsche-Bild in Frage zu stellen«.65 Bedauerlicherweise, so Pepperle weiter, hätte Montinari seine Überlegungen nie in einer zusammenhängenden Interpretation verdichtet, es gäbe von ihm lediglich Aufsätze. In einem (Nietzsche zwischen Alfred Bäumler und Georg Lukács) kritisiere dieser Lukács, was durchaus verständlich und nachvollziehbar sei, aber eben mit falschen Argumenten und an der falschen Stelle: »Dass Lukács in seiner Analyse heute in manchem vertieft werden muss, dass di erenziertere Einschätzungen notwendig sind, wird man gerne einräumen, ebenso dass er im Ganzen zu wenig unterschieden hat zwischen den Problemstellungen und den Antworten, wie sie Nietzsche gab. In diese Richtung geht jedoch Montinaris Kritik nicht.«66 Sätze wie diese forderten Harichs Einspruch heraus: Lukács di erenzierter sehen, bei Nietzsche zwischen Frage und Antwort unterscheiden, dies sei prinzipiell der falsche Weg. Ähnliches ließe sich über andere esen Pepperles sagen, erwähnt sei als Beispiel der Satz: »In der Tat gehören Nietzsches Lehren von der ewigen Wiederkehr zu seinen unschuldigen Gedanken, und Lukács’ Polemik ist in diesem Punkt überzogen.«67 Harich wendete sich gegen diese Überlegung mit den Worten: »Als Verdienst dagegen könnte Pepperle angerechnet werden, dass er die Lehre von der Wiederkehr des Ewiggleichen, ein Kernstück von Nietzsches Weltbild, als wissenschaftlich unannehmbar bezeichnet und dem weit verbreiteten, auch von Montinari wiederholten Missverständnis, sie sei gleichbedeutend mit einer kosmologischen Überlegungen von Engels, aus der Dialektik der Natur, entgegentritt (S. 937). Viel von dem, was Pepperle über die logische Inkohärenz dieser abstrusen Spekulation, über deren Unbrauchbarkeit 65 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 935. 66 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 935. 67 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 937. 3 3 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re für die intendierte Begründung ethischer Maximen ausführt (S. 952 .), ist beizup ichten. Um so befremdender wirkt es, wenn er ausgerechnet die Wiederkunftslehre zu Nietzsches ›unschuldigen Gedanken‹ zählt und Lukács’ Polemik gegen sie als ›überzogen‹ abtut (S. 937).« Was Harichs Protest sicherlich ebenfalls herausforderte, war die Tatsache, dass Pepperle sich ernsthaft mit Nietzsche beschäftigte, also dessen Philosophie a) als eine solche wahrnahm und b) sich mit dieser auseinandersetzte. Womit, Harich zu Folge, eben immer auch die Intentionen verbunden sei, dass dies verlohne, dass etwas Brauchbares zu nden wäre. Pepperle schrieb: »Tatsächlich bereitet Nietzsches Philosophie der Interpretation und dem Verständnis einige Schwierigkeiten. Damit ist nicht gesagt, dass Nietzsche etwa schwer zu lesen wäre. Im Gegenteil: Obwohl es als weithin unbestritten gilt, dass Nietzsches Sprachkultur von einer Meisterschaft zeugt, die in der deutschen Literatur ihresgleichen sucht,68 hat er seine Gedanken doch zugleich in so verständlicher Weise dargelegt, dass auch die Art des Schreibens dazu beigetragen hat, ihm einen Massenein uss zu sichern. (…) Wer sich mit Nietzsche beschäftigt, wird sofort gewahr, dass es hier primär um Moral, Ursprung der Moral, um die Kultur, um den Menschen geht, zudem in einer ausgesprochen psychologisierenden Weise und in nicht enden wollenden nuancierten Wiederholungen. Diese zeugen freilich auch von beachtlicher Begabung, bestimmte Grundanschauungen in immer neuer Gestalt und Form zu beleuchten.«69 Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen kritisierte Pepperle Nietzsche an verschiedenen Stellen. Er arbeitete aber auch Momente heraus, zum Beispiel mit Blick auf die Religionskritik, in denen sich Anliegen und Argumentation von Nietzsche mit denen von Strauß, Bruno Bauer, Feuerbach und Marx überschneiden würden. Wobei Pepperle »natürlich« darauf hinwies, dass das Progressive und Humane im Marxismus zu nden wäre. Nichts desto trotz, so Harich, die Analogien seien gezogen. Pepperle machte jedoch geltend, dass beachtet werden müsse, »dass man Nietzsche nicht gerecht wird und von seiner Philosophie nichts verstanden hat, wenn man sie im überkommenen Sinne als wissenschaftliche, auf objektive Wahrheit gerichtete Weltanschauung begreifen will und nicht von vornherein als ein rein subjektives Weltbild, das nur in- 68 Gegen die analoge Behauptung Buhrs wendete sich Harich in seinem Brief vom 26.  April 1988 an Lothar Berthold, siehe die später folgenden Hinweise und Zitate. 69 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 938 f. 3 3 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e teressierte Betrachtung, subjektive Interpretation und Zurechtlegung, immer ein Sehen aus einer bestimmten Perspektive ist«.70 Dass das Subjektive in Momenten der Massenverirrung (z. Bsp. Nationalsozialismus) für eine Zeit aber eine, wenn auch falsche, »objektive« Suggestionskraft annehmen kann, blendete Pepperle aus. Es ist hier, die Darstellung von Pepperles Interpretation abschließend, von daher noch darauf zu verweisen, wie dieser den von Harich (und auch Lukács) immer wieder betonten Zusammenhang zwischen Nietzsche und dem Faschismus gesehen hat. Er ging dabei (freilich mit einer anderen Intention) von folgender Konstellation aus: »Unübersehbar ist der Ein uss Nietzsches in der gesamten imperialistischen Kulturphilosophie und, durch seine psychologischen Analysen, in der so genannten Charakterologie, wie sie etwa durch Klages repräsentiert wird. Welche überragende Rolle Nietzsche in der modernen bürgerlichen Ideologie spielt, zeigt sich zudem daran, dass er neben Philosophen auch Künstler und Schriftsteller in seinen Bann zog. Man kann ohne Übertreibung sagen, es war eine ganze Schriftstellergeneration, die sich zu Nietzsche hingezogen fühlte und die oft mehr als nur im Detail von ihm Gedanken aufnahm.«71 Als Beispiele nannte Pepperle omas Mann und den Kreis um Stefan George. Doch es habe nicht nur die Wirkung in der bürgerlichen Gesellschaft gegeben: »Es ist bekannt, wie sehr die Nazis Nietzsche strapazierten und dass sie, außer Lagarde und Chamberlain, nur Nietzsche als ›ihren Philosophen‹ anerkannten.«72 Gegen diese von den Nazis geltend gemachte »geistige Wahlverwandtschaft« sei mehrfach eingewandt worden, dass sie Nietzsche missbraucht und verfälscht hätten. Dieser Einschätzung p ichtete Pepperle bei: »Es stimmt, dass Nietzsche von den Nazis geplündert wurde und dass sich vieles bei ihm ndet, was der faschistischen Ideologie zutiefst widerspricht. So war Nietzsche kein Antisemit, er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. Er war auch nicht gut auf die Deutschen zu sprechen und auf die verdummende Bismarcksche Machtpolitik.«73 Zudem: »Rassentheorien im üblichen Sinne lehnte er ebenfalls ab und bezeichnete sie als Schwindel.«74 Damit war nun eine Position bezeichnet, bezogen, die der von Harich völlig antagonistisch und unvermittelbar gegenüberstand: Denn dieser vertrat immer die Meinung, 70 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 957 f. 71 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 964. 72 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 964. 73 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 965. 74 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 965. 3 3 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re dass die Nazis Nietzsche nicht missbraucht, sondern gebraucht hätten. Er schrieb als Antwort auf Pepperle: »Von den Faschisten ist Nietzsche nicht etwa missbraucht worden. Er war tatsächlich ihr wichtigster, ihr entscheidender geistiger Wegbereiter. Vor allem Lukács und Günther haben dies schon zu einer Zeit, als sie über ihn noch manche Illusion hegten – die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs stand noch aus –, über jeden Zweifel hinaus klargestellt. Weil sie sich hierbei freilich, verständlicherweise, darauf konzentrierten, den Faschismus in der ihnen unmittelbar geläu gsten, der überdies mächtigeren und brutaleren deutschen Variante zu bekämpfen, rückte das Urmodell italienischer Provenienz für sie fast ganz aus dem Blickfeld. So sind ihnen Phänomene entgangen, deren Berücksichtigung ihre Argumentation zusätzlich hätte stützen, sie mit weiteren Gesichtspunkten hätte anreichern können.« Dass es gar Momente gäbe, die Di erenzen zwischen der faschistischen Ideologie und dem Denken Nietzsches bezeichneten, wie von Pepperle behauptet, wies Harich auf ganzer Linie zurück. Von daher waren es eben solche Aussagen, die es Harich dann unmöglich machten, die erneute Relativierung der eigenen esen durch Pepperle selbst als glaubhaft in Betracht zu ziehen. Dieser hatte geschrieben, dass es sich bei dem gerade Gesagten nur um die eine Seite der Philosophie Nietzsches handle, es gebe auch eine andere: »Erstens waren es eben doch Nietzsches Worte, die die Faschisten im Munde führten (…). Nietzsche hatte Lehren vertreten und Gedanken formuliert, die tatsächlich, wie Ernst Bloch einmal schrieb, ›faschistisch brauchbar‹ waren. Zweitens ist es überhaupt nicht wesentlich, was die Faschisten aus Nietzsche entnahmen und wie korrekt sie das taten. Wesentlich ist vielmehr, dass Nietzsche mit seiner vehementen Gegnerschaft zur demokratischen Lebensform und zum Sozialismus, mit seinem Kampf gegen Wahrheit und Geist, seiner Verwerfung der Humanität und der Verherrlichung der Instinkte, mit der Proklamierung der Vorherrschaft des Willens gegenüber der Vernunft und des von ihm vertretenen Relativismus in verhängnisvoller Weise als ein geistiger Wegbereiter des Faschismus gewirkt hat, und dass ohne seine Ideen und die Tätigkeit derer, die in seinen Fußstapfen weitergegangen sind, der Faschismus geistig nicht einen derartig fruchtbaren Boden vorgefunden hätte, wie es dann der Fall gewesen ist.«75 75 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, S. 965. 3 3 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Auch bei dieser Passage und ihrem Kontext hörte Harich natürlich die Untertöne und Nebengeräusche. Für ihn war der Aufsatz von Pepperle kein Einzelfall, kein solitäres Ereignis, sondern vielmehr ein exemplarisches Beispiel jener Tendenzen, die er in den achtziger Jahren immer wieder bekämpfte: Lukács werde vorderhand gelobt, zumindest kurz positiv genannt, um ihn dann anhand jeweils spezi scher Beispiele zu kritisieren. Analoge Versuche zu Pepperle sah er beispielsweise in den bereits genannten Texten im Rahmen und Nachklang des Lukács-Jubiläums von 1985. Wenn Ein uss und Urteil des ungarischen Philosophen dann auf diese Weise abgeschwächt oder zurückgedrängt wären, könnten die eigentlichen Ziele anvisiert werden: Im Fall Pepperles erblickte Harich diese in dem Versuch, über Nietzsche zu diskutieren, diesen damit interessant zu machen und weiterer Debatte zu überstellen mit dem einzigen Zweck, die marxistische Kulturpolitik der DDR zu unterhöhlen und reaktionäres Gedankengut zu reaktivieren. Es zeigt sich an dieser Stelle auch noch einmal, wie wirklich intensiv für Harich die an und für sich ja getrennten »Felder« Nietzsche und Lukács zusammenhingen. Das eine sein ohne das andere nicht zu haben. Peter Feist hat den Streit zwischen Harich und Pepperle einmal als Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten bezeichnet.76 Er meinte damit, dass beide eigentlich Ähnliches wollten, aber aneinander vorbei redeten. Doch diese Einschätzung greift, wie bereits angedeutet, zu kurz. Denn es waren zwei komplett unterschiedliche He range hens weisen an Nietzsche, die aufeinanderprallten. Es ist an dieser Stelle daher unumgänglich, zumindest einen kurzen Blick in Harichs Nietzsche-Aufsatz, den er als Kritik an Pepperles Text verfasste, zu werfen. Dieser begann seine Ausführungen mit der Feststellung: »Mir ist nicht klar, wie Heinz Pepperle die von ihm aufgeworfene Frage beantwortet wissen möchte. Mit einem eindeutigen Nein? Das stünde auf zu schwachen Füßen bei ihm. Die Kritik, die er an Mazzino Montinari übt, an vielen Urteilen eines in den eigenen Forschungsgegenstand vernarrten Philologen, der weder philosophisch noch kulturgeschichtlich Nennenswertes mitzuteilen hatte, besagt wenig. Denn im selben Atemzug wendet Pepperle, insoweit Montinari zustimmend, sich auch gegen einen der großen Denker dieses Jahrhunderts. In Georg Lukács greift er den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus an. Und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz 76 Feist, Peter: Wechselseitige Fehlwahrnehmung der Kontrahenten, in: Heyer (Hrsg.): Harich in den Kämpfen seiner Zeit, Hamburg, 2016, S. 289–300. 3 3 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Malorny, würdigt er keiner Silbe. So entsteht ein Ungleichgewicht, durch das seine Verteidigung marxistischer Positionen, sollte sie beabsichtigt sein, Schlagseite kriegt: nach rechts. Ich will versuchen, sie vorm Kentern zu bewahren.« Harichs Aufsatz setzt zwei große thematische Schwerpunkte. Der erste beschäftigt sich mit den möglichen und notwendigen Ergänzungen der marxistischen Nietzsche-Kritik. Insgesamt machte er sechs Punkte geltend, die er bereits in den Monaten und Jahren zuvor in Briefen und anderen Texten angesprochen hatten. Im Prinzip kann von einer Bündelung, einer Zusammenschau seiner diesbezüglichen Anschauungen gesprochen werden. 1) Es müsse deutlicher zwischen Nietzsche und Schopenhauer di erenziert werden, gerade mit Blick auf so elementare menschliche Emp ndungen wie Mitleid. Die von Nietzsche vertretene Position der völligen Ausmerzung des Mitleidens, der Nächstenliebe usw. – im Prinzip aller menschlichen Regungen, die den Menschen erst zum Menschen machen – könne nur zur Konsequenz haben, ihn »uns noch verhasster zu machen, als er es seinen bisherigen marxistischen Gegner, mit Einschluss von Lukács, gewesen ist«. 2) Das Verhältnis des Faschismus zu Nietzsche müsse neu bestimmt werden. Dies betre e beispielsweise die Entwicklung der kulturellen Grundströmungen des Faschismus. Harich meinte damit beispielsweise den italienischen Futurismus: »Hätte Lukács mit dem (Marinetti, AH) sich näher befasst, mit dem von ihm begründeten Futurismus, mit dessen enormer Wirkung auf die deutsche, die französische, die spanische, auch die russische Pseudoavantgarde, ihm wäre bewusst geworden, dass faschistische Politik und spätbürgerliche Kulturzersetzung eineiige Zwillinge sind, unbeschadet des pragmatischen Interesses der zur Macht gelangten Nazis, massenwirksame Werbung für ihre Ziele durch wirksame Poeten und Maler mit einer Demagogie zu verknüpfen, die Hitler vor traditionalistisch orientiertem Bürgertum als Verteidiger der Bildungswerte gegen einen ktiven ›Kulturbolschewismus‹ posieren ließ. Die Zusammengehörigkeit von Faschismus und Futurismus lehrt, dass es ohne umfassendes, uneingeschränktes Nein zu Nietzsche keine sicheren Kriterien für die Beantwortung dieser Fragen geben kann. Seine Ablehnung durch Lukács, so goldrichtig sie ist, geht hier nicht weit genug. Auf einen breiteren gesellschafts- und geistesgeschichtlichen Zusammenhang bezogen, entbehrt sie 3 3 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e hinreichender Konsistenz. Die herzustellen bleibt für die Ideologiekritik des Marxismus ein sie herausforderndes Desiderat.« 3) Nietzsches Gegnerschaft zur Emanzipation der Frau, seine Verachtung des weiblichen Geschlechts müsse weitaus stärker thematisiert werden als bisher geschehen.77 (Erinnert sei an die Schilderung Harichs über sein Gespräch mit Wolfgang Heise, in dem dieses ema ebenfalls eine Rolle spielte.) Mit den Worten Harichs: »Die marxistische Kritik an Nietzsche haben Männer geschrieben. Schwerlich kann ihnen verborgen geblieben sein, dass Marx die Emanzipation des weiblichen Geschlechts mehrmals für den Gradmesser erklärt hat, an dem exakt der Fortschritt der Gesellschaft, der in ihr erreichte Stand der Zivilisation sich ablesen ließe. Trotzdem sind noch von keinem Marxisten die Schmähungen, die Nietzsche sich gegenüber den Frauen herausnimmt, in die Polemik gegen ihn mit einbezogen worden. Der Nachholbedarf in dieser Beziehung ist groß. (…) Folglich werden Marxisten, die sich mit Nietzsche befassen, ihn künftig als den Erz-Chauvi, der er war, und dies als eine seiner grässlichsten Seiten kenntlich zu machen haben.« 4) Nietzsches Stellung zur Rassenfrage sei lange Zeit unklar gewesen. Noch Lukács in seinen frühen Schriften und Hans Günther hätte die Problemlage verkannt. Erst Die Zerstörung der Vernunft habe zu diesem ema wesentliche und noch gültige Aussagen gemacht. In diesem Kontext wies Harich auch die bereits wiedergegebene Einschätzung 77 »Marxisten verbinden ihr Eintreten für volle Gleichberechtigung der Frau mit der Distanzierung von Tendenzen, die Frauenfrage zu verselbständigen und alle Missstände der Gesellschaft durch Au ehnung des weiblichen Geschlechts gegen die Vorherrschaft des männlichen aus der Welt scha en zu wollen. Zuweilen wurde dem Geschlechterproblem hierbei unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Clara Zetkin neigte dazu, zu bestreiten, dass Arbeiterinnen mit den Frauen der Bourgeoisie irgendwelche gemeinsamen Interessen haben könnten. August Bebel, vor ihr, war eher bemüht gewesen, Frauen und Mädchen aus allen Volksschichten, auch bürgerliche, als Unterdrückte für die sozialistische Bewegung zu gewinnen. Der Feminismus unserer Tage hatte derlei Di erenzen, in veränderter, zum Teil zugespitzter Form, wieder au eben lassen. So oder so dazu Stellung zu nehmen, gehört nicht unmittelbar zum ema Nietzsche. Bei Gelegenheit dieses emas aber sollte eines unumstritten sein: Dass die bisherige marxistische Kritik an seiner Philosophie die Position, von der aus sie geübt wird, dem Verdacht aussetzt, einer achtlosen, gleichgültigen Haltung zur weiblichen Emanzipation, wenn nicht Vorschub zu leisten, so doch kaum im Wege zu stehen. Das trägt dazu bei, Ein uss und Anziehungskraft der Arbeiterbewegung zu beeinträchtigen; es erschwert ihr Bündnis mit den Feministinnen und ist durch das Gedankenerbe von Marx in keiner Weise legitimiert.« 3 3 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Pepperles, dass Nietzsche kein Antisemit gewesen sei, zurück. »Nichts davon hält unbefangener historischer Prüfung stand.« Mit Blick auf den Antisemitismus habe Nietzsche eine Position vertreten, die noch reaktionärer gewesen wäre als die der Antisemiten seiner Zeit. Und auch als Rassist müsse er wahrgenommen werden: »Wann immer Nietzsche auf farbige Völker zu sprechen kommt – nie anders als voller Verachtung –, ist er unzweideutig auf den Rassismus des Gobineauschen Typs eingeschworen.« Die zu ziehenden Konsequenzen seien eindeutig, das Urteil über Nietzsche stehe im Sinne des Marxismus fest: »Durch Nietzsches philosemitische Anwandlungen brauchen wir uns nicht düpieren zu lassen. An ihnen mag die rechtsextreme Fraktion der – selber durchaus rassistisch denkenden – Zionisten sich erfreuen, erkenntlich dafür, dass er den Geist der zum Suezkanal vorstürmenden Blitzkriegssieger und ihres christlich-germanischen Lobhudlers, des Axel Cäsar Springer, herbeigesehnt hat. Millionen ermordeter Juden aber mahnen uns, nicht die geringste Vertuschung und Verharmlosung von Nietzsches Antisemitismus mehr zu dulden. Und mehr noch sind wir es den Völkern der Dritten Welt, Opfern des Kolonialismus und Neokolonialismus, wie überhaupt den Menschen anderer Hautfarbe schuldig, seinen teils zu Raubzügen auf fernen Kontinenten ermunternden, teils nach gigantischem Sklavenimport gierenden Rassenwahn schonungslos anzuprangern.« 5) In der bisherigen Ideengeschichte habe es »keinen beredteren Künder der Gewalt, keinen passionierteren Kriegstreiber« gegeben als Nietzsche. Darauf hätten in den dreißiger Jahren bereits Lukács und Hans Günther aufmerksam gemacht. »Jede ernst zu nehmende, sachgerechte Beschäftigung eines Marxisten mit Nietzsche muss seither an Lukács und Günther anknüpfen.« An dem Urteil der beiden Marxisten gäbe es nichts zu rütteln. Gleichzeitig aber müssten wegen der neuen globalen Herausforderungen und Gefahren die von diesen entwickelten eorien noch verschärft und weiter in den Mittelpunkt gerückt werden. »Was zwingt denn zum Umdenken? Der Umstand, dass die Kriegsgefahr heute den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten in Frage stellt, dass durch sie die ganze Menschheit sich dem Risiko des Untergangs ausgesetzt sieht.« Diese esen hatte Harich seit Mitte der siebziger Jahre entwickelt – ausgehend von Kommunismus ohne Wachstum hatte er seine ökologische Konzeption immer stärker derartigen friedenspolitischen Überlegungen angenähert. 6) In dem 6. und abschließenden Punkt ging Harich dann noch einmal auf die »philologische Legende« ein, dass Nietzsche erst seit der Edition von Colli und Montinari 3 3 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e richtig gelesen und verstanden werden könne. Zweck solcher Ausführungen sei der Versuch, zwischen dem Faschismus und Nietzsche, zwischen dem Nationalsozialismus und Nietzsche, zwischen Hitler und Nietzsche einen Abstand zu scha en, der durch nichts zu rechtfertigen sei. »Was wird mit der Lüge bezweckt? Die über Nietzsche negativ Urteilenden, zumal die Marxisten unter ihnen, namentlich Mehring, Lukács und Günther, sollen als inkompetent, bestenfalls als ›durch den neuesten Forschungsstand überholt‹ diskreditiert werden mit der Begründung, den ganzen Nachlass hätten sie ja gar nicht gekannt. Und das, obwohl dessen Studium – aber wer begibt sich schon gern in diese Riesenkloake – das negative Urteil auf der ganzen Linie als richtig bestätigt. Suggeriert werden soll ferner, nur im Willen zur Macht erscheine Nietzsche, weil hier von seiner Schwester verfälscht, als inhuman.« Nicht Nietzsches Schwester habe dessen Philosophie so verfälscht, dass sie an den Nationalsozialismus anschlussfähig wurde. Ganz im Gegenteil: Durch ihr Wirken wären eher die vermeintlich humanen Seiten Nietzsches gestärkt worden. »So muss die marxistische Nietzsche-Kritik heute in ihren Aufgabenkreis die Zerschlagung der philosophischen Legende, die um den Nachlass gewoben wird, mit aufnehmen. Der Wert der Colli-Montinarischen Edition liegt lediglich darin, uns dies objektiv zu erleichtern, obwohl – oder gerade weil – die beiden con amore arbeitenden Herausgeber es aufs Gegenteil abgesehen haben. Es gilt, deren ideologisch irreführenden Intentionen Paroli zu bieten und sie zu durchkreuzen auch mit Hilfe des authentischen Materials, das ihre Forschung teils neu angeordnet, teils erst ans Licht gebracht hat. Ihr Nietzsche-Bild taugt nichts, und gerade aus den Texten ihrer Nietzsche-Ausgabe ist das zu belegen. Das im kapitalistischen Milieu ohnehin nicht zu vermeidende Rückfallverbrechen haben sie am ausschweifendsten begangen, doch eben damit in einer Weise, die dessen restloser, nie mehr zu widerlegender Aufklärung e ektiv die denkbar verlässlichste Handhabe bietet. Der Zweifelsfall, den das Recht einem Angeklagten zu Gute zu halten verlangt, existiert nicht mehr. Jeder Zweifel ist ausgeräumt. Das darf aber bei Leibe nicht so verstanden werden, als lohne es sich, Nietzsche in dieser Ausgabe zu lesen. Weder in ihr noch in irgendeiner anderen ist er zur Lektüre zu empfehlen. Eine Gesellschaft kann kulturell kaum tiefer sinken, als wenn sie die Kenntnis seiner Elaborate zu den Kriterien ihrer Allgemeinbildung rechnet. Die sämtlichen Schriften Christian Wol s, die lateinischen inbegri en, haben dies mehr verdient als auch nur ein einziger Nietzschescher Aphorismus. Den Mann 3 3 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nicht für zitierfähig zu halten, sollte zu den Grundregeln geistiger Hygiene gehören. Für die Orientierung in der Welt von heute und morgen wäre nichts verderblicher, als aus ihm Belehrung schöpfen zu wollen.« Die »Grundregeln geistiger Hygiene« standen dann in der Debatte oft in der Kritik. Doch es darf der überspitzte, zugespitzte Tonfall nicht darüber hinwegtäuschen, dass das gerade wiedergegebene Programm jene thematischen, inhaltlichen Eckpfeiler abbildet, die Harich wichtig waren. In Variationen waren sie in diesen Jahren in seinen Manuskripten und Briefen immer wieder präsent. Nachzulesen noch einmal am Besten in dem Vortrag Nietzsche als Schöpfer der faschistischen Ideologie, den er am 16. Dezember 1988 am »Buhr-Institut« hielt. Der zweite Teil des Aufsatzes von Harich, gegen den Max Walter Schulz ja frühzeitig bei Kurt Hager Protest eingelegt hatte, setzt sich dann mit den Ausführungen von Pepperle auseinander. »Die Frage, ob Heinz Pepperle den Erfordernissen zeitgemäß weiter zu führender Nietzsche-Kritik des Marxismus Genüge leistet, ist zu verneinen.« Dafür bediene dieser viel zu häu g gängige Vorteile, gehe an den eigentlichen Motivationen Nietzsches vorbei und anderes mehr. Auf einige der Einwände von Harich wurde bereits hingewiesen, erneut kann anhand seiner Gliederung seiner Argumentation nachvollzogen werden. »Anhänger Nietzsches ist Pepperle gewiss nicht. Er sucht er ihn, selbst lauwarm, mit einer Einstellung, die wir früher als ›Objektivismus‹ zu tadeln p egten, sehr gelassen, so wie es durch wachsenden historischen Abstand vermeintlich geboten erscheint, einzuordnen. Heraus kommt bei ihm auf diese Weise allerdings wenig, was uns heute weiterhelfen könnte. Soweit Pepperle sich ablehnend zu Nietzsche äußert, bietet er, statt neuer Befunde oder aktuellerer Sichtweisen, nur abermals Dinge, die Mehring, Lukács und Günther schon tiefer dringend diagnostiziert, sorgfältiger begründet und in präzisere Aussagen gefasst haben. Er hätte sich das sparen können, hätte auf sie verweisen sollen. Da er aber, Leuten wie Montinari denn doch entgegenkommend, ›gerne einräumt‹, dass ›Lukács in seiner Analyse heute in manchem vertieft werden muss‹, ist es angebracht, die ›di erenzierteren Einschätzungen‹, die er ihm voraus zu haben wähnt und die, nach seiner Meinung, nunmehr ›notwendig sind‹ (SuF, Heft 5, 1986, S. 935), auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Von Nebensächlichkeiten abgesehen, handelt es sich um die folgenden methodischen und inhaltlichen Divergenzen:« 3 3 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 1) Pepperle »legt, für eine Marxisten erstaunlich, Wert auf höchst partikuläre Momente in Nietzsches Leben, von denen er annimmt, sie seien für dessen Scha en von großer Bedeutung gewesen«. Gegen derartige biographische oder psychologische Ausdeutungen von Werken der Kultur- und Ideengeschichte hat sich Harich Zeit seines Lebens gewandt. Werk und Biographie seien voneinander zu trennen. 2) Harich wendete sich gegen die Analogisierung von Nietzsches Philosophie auf der einen und der von Strauß, Bruno Bauer, Feuerbach, Stirner, Heine sowie Marx und Engels auf der anderen Seite. Die dafür vermeintlich notwendige »di erenziertere« Beurteilung von Nietzsche, di erenzierter als diejenige von Lukács, wies Harich ebenfalls zurück.78 3) Verschiedene Fragen und Probleme, die die marxistische Philosophiegeschichte bereits geklärt habe, würden von Pepperle erneut aufgeworfen. Teils, weil er die früheren Werke nicht kenne, teils, weil er sie nicht kennen wolle – und nicht allzu häu g zum Besseren der Sache. 78 Pepperle »möchte ›di erenziertere Einschätzungen‹, als Lukács sie Nietzsche angedeihen lässt, diesem vergönnt sehen durch eine Unterscheidung zwischen dessen Problemstellungen und seinen Antworten (S. 935). Auf Anhieb gelingt das passabel. Nur sollte, wer ein derartiges Postulat aufstellt, achtgeben, inwieweit die Problemstellungen wirklich neu und ob die mit ihnen verknüpft auftretenden falschen Antworten nicht längst durch wahre oder, zumindest, relativ adäquatere obsolet geworden sind. Die Frage, ob jemand, der westwärts den Atlantik überquert, nach Indien gelangen werde, ist unzweifelhaft fruchtbar gewesen, so lange die Entdeckung Amerikas noch ausstand. Aber auch danach? Auf dem Umweg über den Versuch, das Ptolemäische Weltbild partiell wiederherzustellen, hat Tycho de Brahe es zu Ergebnissen gebracht, die sich als förderlich für die Einsichten Kepler erweisen sollten. Würden wir deswegen einem heutigen Spintisierer, der uns weismachen wollte, Sonne und Mond bewegten sich gleichermaßen um die Erde, noch das Verdienst einer interessanten Problemstellung zugestehen? Man führe unter diesem Gesichtspunkt sich Pepperles Anstrengungen, Nietzsche in gute Gesellschaft, will sagen: in die Nähe von Strauß, Bruno Bauer und Feuerbach, von Stirner und Heine, ja, von Marx und Engels zu rücken (S. 943  ., 956  .), zu Gemüte. O enbar verführt von Ungereimtheiten Karl Löwiths, die Lukács schon lange erledigt hat, tritt Pepperle hier auf wie ein etwas dreister Arithmetikschüler, der auf die Vorhaltung seines Lehrers, zwei mal zwei sei nicht gleich fünf, die Erwiderung parat hat, hinsichtlich der ›Problemstellung‹ der Multiplikation gehe er, der falschen Lösung ungeachtet, dennoch mit Adam Riese konform. Wissenschaftsgeschichtlich gesehen wäre das allein bedenklich genug. Leider geht es im vorliegenden Fall aber weder um geographische noch astronomische noch mathematische Fragen, sondern um Alternativen wie Fortschritt oder Reaktion, Sozialismus oder Imperialismus, Humanität oder Barbarei, Frieden oder Krieg.« 3 4 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 4) Harich argumentierte auch gegen die von Pepperle vorgetragene Ansicht, dass Nietzsche den faschistischen Horden entsetzt gegenübergestanden hätte und dass er sich als Europäer gefühlt habe. 5) Abschließend wies Harich dann auch die von Pepperle angestellten Überlegungen zur Wirkung Nietzsches auf die Literatur und die Kunst zurück. Folgendes Zitat kann seine Ansichten verdeutlichen: »Diverse Formulierungen Pepperles (S. 947, 964, 966 f.) leisten dem Bestreben Vorschub, aus Nietzsches Wirkung auf Literatur und Kunst eine Begründung dafür herauszuklauben, dass es unumgänglich sei, auch seinem Vermächtnis mit positiver, zumindest di erenzierender Wertung die der sozialistischen Gesellschaft würdige, aus ihr nicht fortzudenkende P ege des Kulturerbes angedeihen zu lassen. Mit Entschiedenheit ist dem entgegenzutreten. Natürlich wäre es falsch, über Nietzsche partout zu schweigen. Doch wo es unumgänglich ist, über ihn zu reden, da müssen die Maßstäbe stimmen, nach denen er beurteilt wird. Es fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, dass die nationale wie die Weltkultur ihm irgend eine wertvolle Anregung zu verdanken hätten. In jeder Hinsicht war seine Wirkung schädlich. Sowohl anhand der Strömungen, die von ihm ausgegangen sind (zu allererst ist hier, wie gesagt, der Futurismus zu nennen), als auch an den Irritationen, denen die ›Schulen‹ der Naturalisten, der Neuromantiker, der Expressionisten durch ihn ausgesetzt waren, lässt es sich dartun. Di erenziert zu werten sind die einzelnen Schriftsteller und Künstler, die, in der einen oder anderen Weise, Nietzsche rezipiert haben. Jeder ist da ein Fall für sich. Indes auch da führt die konkrete Analyse nie zu dem Resultat, dass seine Ideen per se einem bedeutenden Werk zustatten gekommen seien. Gewissenhaft durchgeführt, gelangt die Untersuchung stets zu dem entgegengesetzten Befund: Dass das Werk, an Rang und Gehalt durch ihn mehr oder weniger beeinträchtigt, unter Abweichung von seinen Intentionen, im Widerstand gegen ihn die eigene Qualität gewonnen hat. Die Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, die dem Spätbürgertum prononciert konforme wie die ihm opponierende, kennt Siege des Realismus und Siege der Humanität über den Ein uss imperialistischer Ideologie, der häu g, wenn nicht meist, durch Nietzsche vermittelt ist. Sie kennt keinen derartigen Sieg, der durch ihn, mit ihm zu zu Stande gekommen wäre. (…) Pepperle kann der Vorwurf demagogischen Vorgehens nicht erspart werden, wenn er sich ganz allgemein über Nietzsches Kulturresonanz auslässt, es aber vermeidet, die an Beispielen dieser Art – die ließen sich vielfach vermehren – zu verdeutlichen, und stattdessen auf Bernard Shaw und omas Mann zum Beleg verweist.« 3 4 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Seinen Aufsatz beendete Harich mit einem erneuten Verweis auf die Nietzsche-Renaissance, die auf die DDR überzugreifen drohe bzw. dies bereits schon in Ansätzen tue. »Diese Mode nun tri t hier auf Hausgemachtes. Sie ndet die Bereitschaft vor, an proble ma tische Gestalten deutscher Geschichte, wie Luther, Friedrich II. von Preußen, Bismarck, großzügiger als früher heranzugehen. Sie verbindet sich zugleich mit einer schleichenden Tendenz zur Aushöhlung kulturpolitischer Grundsätze, die es, in ihrer Substanz, nicht verdient haben, mit Dogmatismus und überstürzten Maßnahmen der Stalinschen Ära verwechselt zu werden. Und begünstigt wird sie, nicht zu vergessen, durch einen löblich ausgeprägten Sinn für Heimatkunde. Eine Weltberühmtheit, geboren in Röcken bei Lützen und dort auch begraben, aufgewachsen und oft zu Besuch in Naumburg, mit Studium in Leipzig, mit Sterbestunde in Weimar, ist, was sie auch angestellt haben mag, bei uns ein Vorschuss an neugierigem Interesse sicher. (Wie schwer verwinden wir's, dass Marx in Trier geboren ward und nicht in Chemnitz! Wie teuer wäre Wiebelskirchen uns erst, läge es im Mecklenburgischen!)« In diesem Kontext müsse der Aufsatz von Pepperle gelesen werden. »Er leistet dem Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auch auf die DDR, und damit auf die sozialistischen Länder überhaupt, Schützenhilfe, dem Autor mag es bewusst sein oder nicht.« Besonders problematisch sei dabei das von Harich ja beispielsweise bereits an Wolfgang Heise gerügte »liberale Verhalten« Pepperles, dessen »Objektivismus«. Gegenüber Nietzsche sei dieser falsch, da gelte es, sich zu bekennen: Ja oder Nein. Für einen Marxisten, so Harich unausgesprochen, sei die Entscheidung eigentlich notwendig und logisch vorgegeben. »Unkundige und Halbkundige gewinnen leicht den Eindruck: Nun ja, was dem Alten Fritz die Frau Mittenzwei war, das ist halt jetzt dem Nietzsche der Pepperle, und damit dürfte die Zeit herangereift sein, auch diesesfalls, selbstredend mit der gebührenden Reserve – der ja aber Genüge getan worden ist –, die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen. Und das, meine ich, darf unter keinen Umständen geschehen. Lieber sollte dann schon für Friedrich Nietzsche bei uns der Ruf gelten, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus enden lässt: ›Ins Nichts mit ihm!‹« Es wurde bereits wiedergegeben, dass Max Walter Schulz den Aufsatz Harichs von Anfang an nur um die zweite Hälfte gekürzt drucken wollte. Aber auch die schlussendlich publizierte Version war nicht vollständig, Harich musste der Streichung jener 3 4 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Passage zustimmen, die sich auf das bereits erwähnte Vorhaben der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar bezog. Diese Ausführungen waren also ganz o ensichtlich der SED und den Bürgern der DDR nicht zumutbar. Die Meinungsvielfalt der Gegner Harichs hatte hier ihr Ende, diese Meinung war für sie zu viel, kein potentieller Teil der geforderten Vielfältigkeit. Harich umschrieb in Nietzsche und seine Brüder den Vorgang: »WH: Ich sehe mich zunächst gezwungen, in eigener Sache … PF: Sie sprechen mir nun aber ein bisschen zu viel in eigener Sache, seit unserem fünften Dialog. WH: Nicht ohne Ihr Drängen. Was ich jetzt loswerden möchte, kann Ihnen – und unseren Lesern – unmöglich erspart bleiben. Es ist nicht wahr, dass ich, wie Metscher meint, bezüglich Nietzsches einfach gefordert hätte: ›Ins Nichts mit ihm!‹ Das ist ein grobes, freilich naheliegendes, aber von mir unverschuldetes Missverständnis. Ich muss es einmal richtig stellen. Die inkriminierte Stelle, am Ende meines Beitrags in Heft 5, 1987, von Sinn und Form, lautet: ›Unkundige und Halbkundige gewinnen leicht den Eindruck: Nun ja, was dem Alten Fritz die Frau Mittenzwei war, das ist halt jetzt dem Nietzsche der Pepperle, und damit dürfte die Zeit herangereift sein, auch diesesfalls, selbstredend mit der gebührenden Reserve – der ja aber Genüge getan worden ist –, die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen. Und das, meine ich, darf unter keinen Umständen geschehen. Lieber sollte dann schon für Friedrich Nietzsche bei uns der Ruf gelten, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus enden lässt: ›Ins Nichts mit ihm!‹ PF: Das heißt, das ›Ins Nichts!‹ wäre die der Errichtung eines Nietzsche-Denkmals immer noch vorzuziehende Alternative. WH: So habe ich es gemeint, und so steht es in meinem gedruckten Text; nicht anders. PF: Ist ein derartiges Denkmal in der DDR denn jemals in Erwägung gezogen worden? WH: Allerdings, etwas dem Verwandtes, leider. Es bestand die Absicht – und vielleicht besteht sie immer noch –, in Weimar eine Gedenkstätte für Nietzsche zu scha en. Und dagegen hatte ich protestiert mit Ausführungen, die ich, unter dem Druck der Androhung, andernfalls würde mein Aufsatz überhaupt nicht erscheinen, zu streichen gezwungen war. Im Anschluss an die Wendung ›die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen‹ lauteten die betre enden Sätze bei mir wie folgt:« Diese Passage durfte Harich nicht drucken: 3 4 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Und wahrhaftig, etwas Ähnliches plant man in Weimar. Das Nietzsche-Archiv, in der Nazizeit pompös ausgebaut, diente den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur als Gästehaus, ohne dass bislang – und das ging sehr gut durch Jahrzehnte – des einstigen Bewohners auf sinnfällige Weise darin gedacht worden wäre. Das soll nun nächstens anders werden. Die Stätte wird rekonstruiert, und bei ihrer Wiedererö nung soll in dem Raum, worin Nietzsche starb, die 1904 von Max Klinger gescha ene Büste des Philosophen, sinnig umrahmt von Henry van de Veldes Jugendstil, aufgestellt werden. Da kann man dann an Gedenktagen Blumen niederlegen, vielleicht auch, sollten die Sitten sich weiter lockern, vor andachtsvollem Publikum Lesungen aus dem Zarathustra veranstalten, nicht zu vergessen der Gedichte, vorzugsweise desjenigen An den Mistral, das einmal die Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ plausibel machen half. Einzuleiten und zu schließen wären die Abende mit Musik. Es gibt Kompositionen Nietzsches (bei einer sträubten sich Hans von Bülow die Haare), und Heinrich Köselitz alias Peter Gast ng, weil sein angebeteter Mentor sich von Wagner abgekehrt hatte, stümpernd in Mozarts Manier zu komponieren an. Denn, laut Der Wanderer und sein Schatten, Nr. 165, soll ja von Mozart zu lernen sein, ›auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe: Niemals auf das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Emp ndsamen! Niemals auf die Krankhaften!' – Sind die Weimaraner recht bei Troste? Sind sie sich klar darüber, was sie vorhaben? Sie setzen, um das Mindeste zu sagen, das Werk der Elisabeth Förster-Nietzsche fort. Sie handeln in deren Sinn, helfen ihren Auftrag erfüllen. Sie war es, die den Bruder, zu seinem höheren Ruhm und zu ihrem eigenen, in die Nähe der besten Dichter Deutschlands rückte, zu denen er, unter allen vor ihm und nach ihm, am wenigsten gehört. Er hatte, wo Wieland und Herder, Goethe und Schiller lebten und wirkten, wo sie zu letzter Ruhe gebettet sind, wo nahebei, in Jena, Reinhold und Fichte und Hegel dozierten, wo die Wissenschaftslehre und die Phänomenologie des Geistes entstanden sind, nichts zu suchen. Seine Anwesenheit in dieser Gegend, von der managenden Schwester bewerkstelligt, war ein Sakrileg. In der Zwischenzeit sind dort aber Dinge geschehen, die jenes Vorhaben noch viel makabrer machen. In Weimars Umgebung liegt Buchenwald. Hier betrieb die von Nietzsche geforderte ›Mörderkaltblütigkeit mit gutem Gewissen‹ ihr grausiges Handwerk. Die SS-Leute, die außer vielen, vielen anderen Ernst älmann erschossen, sie hatten Nietzsches Philosophie im Kopf. – Wie stellt man sich das vor? Eine Delegation aus dem Ausland, die in Buchenwald die gequälten, geschundenen, hingemordeten Antifaschisten, darunter eigene Landsleute, ehrt, die überdies auch älmanns gedenkt, soll hintendrein im Gästehaus der NFG Weimar Klingers Nietzsche-Büste besichtigen? Sie soll sich dabei des Worts von dem Weib, das die Peitsche verdient, entsinnen? Sie soll zum Abschluss im Hotel ›Elephant‹ 3 4 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re seelenruhig, bei Ka ee und Kuchen, über einen die alternde Lotte Kestner betre enden Roman omas Manns plaudern? Es ist dies eine Vision, die an Irrsinnigkeit meine Vorstellungskraft übersteigt. Dergleichen darf es im sozialistischen Teil des deutschen Sprachraums nie geben. Und damit es, um alles in der Welt, ungeschehen bleibe, muss in Sachen Nietzsche den Montinaris endlich Paroli geboten, müssen Pepperle, Reschke und andere zur Besinnung gebracht werden.« In seinem Selbstgespräch zu »Nietzsches Brüdern« ordnete Harich diesen Vorgang mit dem Dialog ein: »PF: Nun begreife ich, warum in Ihrem Aufsatz von 1987 der Abschnitt IV so kurz geraten ist: Wegen des Fortfalls dieser Passage. WH: Genau. PF: Den Lukullus-Satz beanstandete man aber nicht. Das ›Ins Nichts mit ihm!‹ durfte, vielmehr: es sollte stehen bleiben. WH: Ja. PF: Ich will Ihnen verraten, wieso: Weil es, losgelöst von der vorausgegangenen Begründung, Sie als intolerant erscheinen lässt. Von der Redaktion sind Sie auf diese Weise zu dem Buhmann präpariert worden, der dann im November auf dem X. Schriftstellerkongress durch Kant und Hermlin bloßgestellt und moralisch erledigt werden sollte. Haben Sie diese intrigant vorausblickende Regie nie durchschaut? WH: Was Sie vermuten, stellt eine unbeweisbare Spekulation dar. Ich sehe mich außer Stande, sie mir zu eigen zu machen. PF: Außerdem hatten Sie mit dem Stichwort ›Buchenwald‹ natürlich an einen sehr peinlichen Punkt gerührt, am meisten aber mit dem Hinweis auf die künftigen ausländischen Gäste. Ist der Plan der Klingerschen Büste in Nietzsches Sterbezimmer denn mittlerweile fallen gelassen worden? WH: Im im Frühjahr 1987 wurde mir eine Eingabe an das Kulturministerium mit dem Bescheid beantwortet, dass das von mir angeschnittene Problem nicht aktuell sei. Zu gegebener Zeit werde man das Vorhaben, an dem ich Anstoß nähme, noch einmal überprüfen. PF: Ho entlich mit dem Ihnen erwünschten Ergebnis. Eine Garantie dafür, dass der Plan de nitiv gestorben ist, habe Sie nicht. WH: Vorläu g nicht. PF: Und ewig am Leben bleiben werden Sie auch nicht. WH: Gewiss nicht. Und Buhr hat den Plan befürwortet.« 3 4 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 6. Erste Briefe an Erich Honecker Es wurde bereits gezeigt, dass Harich in seinem verzweifelten Kampf gegen Nietzsche nicht nur auf persönliche Gespräche und Briefe an Bekannte setzte, sondern auch den Kontakt zur politischen Führung nicht scheute. Nachdem sich für ihn gezeigt hatte, dass sein Brief an Willi Stoph zwar eine positive schriftliche Reaktion hervorgebracht (gemeint ist der Antwortbrief von Kurt Hager), sich in der Realität aber kaum etwas geändert hatte, wendete er sich mit seinen verschiedenen Problemen direkt an Erich Honecker. Nicht zuletzt, da auch seine anderen Schreiben und Eingaben ohne konkrete Ergebnisse geblieben waren. Insgesamt schrieb er in den achtziger Jahren sieben Briefe an den Generalsekretär des Zentralkomitee der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. (Die ersten vier werden in diesem Unterkapitel näher vorgestellt.) (1) 10. März 198779 (2) 30. April 1987 (3) 29. Februar 1988 (4) 17. März 1988 (5) 18. Mai 1988 (6) 03. September 1988 (7) 12. Mai 1989 Am 10. März 1987, zeitlich-chronologisch als über ein halbes Jahr vor dem Druck des gerade analysierten Nietzsche-Aufsatzes, wandte sich Harich erstmals Hilfe suchend an Erich Honecker. »Bitte gewähren Sie mir auf kulturpolitischem Gebiet, bei der P ege des humanistischen Kulturerbes in Philosophie- und Literaturgeschichte, den Ein uss, der meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, meinen Leistungen und Erfahrungen und, wahrscheinlich nicht zuletzt, meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen entspricht.«80 Er sei gezwungen, sich an Honecker zu wenden (»Es tut mir leid, in dieser 79 Die ersten beiden Briefe aus dem Jahr 1987 sind abgedruckt in: Band 9, S. 426–433. Alle weiteren Briefe in diesem Band. Zu berücksichtigen sind auch die Schreiben an Siegfried Otto (Referent Honeckers) und Egon Krenz (Nachfolger Honeckers), ebenfalls in diesem Band. Weitere Hinweise in den Bänden 9, 10 und 11. 80 Band 9, S. 426. Weiter schrieb er: »Bitte tun Sie dies so rechtzeitig, dass ich bestimmte Anliegen, die für Partei, Staat und Gesellschaft wichtig sind, noch im Zuge der Vorbereitung der Philosophiehistorikerkonferenz (Leipzig, Januar 1988) und des fälligen Jean-Paul-Gedenkens (März 1988) wirksam zur Geltung bringen kann!« (Band 9, S. 426.) 3 4 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Angelegenheit Sie belästigen zu müssen.«)81, da auf allen anderen Ebenen seine Bemühungen bisher vergebens gewesen wären. Er nannte insgesamt drei Missstände, gegen die er »gern ankämpfen« wolle: »1) Bei uns kriecht aus allen Rattenlöchern eine Renaissance des erzreaktionären, an ti huma nis tischen Philosophen Friedrich Nietzsche. Sie greift um sich in Lehre und Forschung und in der Verlagsproduktion. Das Vorhaben, nächstens in Weimar eine Nietzsche-Büste aufzustellen, fördert sie. Publikationen in Zeitschriften, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, leisten diesen gefährlichen Bestrebungen, die uns auch im Ausland sehr schaden können, Schützenhilfe. Eine Polemik, die ich, für Sinn und Form, dagegen geschrieben habe, soll dort nur verstümmelt und zu einem ungewissen Zeitpunkt erscheinen, womit ich nicht einverstanden sein kann. 2) Die politischen Kon ikte, die es vor langer Zeit mit Georg Lukács gab, werden bei uns, unter dem Vorwand kritischer Abgrenzung von Lukács, von Gegnern des Marxismus-Leninismus dazu benutzt, in Philosophie und Literaturwissenschaft reaktionären Strömungen zum Durchbruch zu verhelfen. Auch dagegen habe ich, unter dem Titel Mehr Respekt vor Lukács!, eine Polemik verfasst. Sie ist weder von den Weimarer Beiträgen, für die sie bestimmt war, noch von Sinn und Form, noch von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angenommen worden. Nachdem auch Professor Hager sich nicht dazu hat entschließen können, ihren Abdruck bei uns, in einer dieser Zeitschriften, zu empfehlen, war ich gezwungen, von der Möglichkeit einer Verö entlichung im Ausland, in der Wiener linkssozialistischen Zeitschrift Aufrisse, Gebrauch zu machen, wo sie Ende April erscheinen wird. Auch dieser Beitrag könnte, käme er doch noch bei uns heraus, der bevorstehenden Philosophiehistorikerkonferenz wesentliche Impulse geben. 3) Die in diesem Jahrhundert letzte Gelegenheit, den Dichter Jean Paul Friedrich Richter, aus Anlass seines 225. Geburtstages am 21. März 1988, angemessen zu würdigen, droht wieder versäumt zu werden. Jean Paul hat mindestens die Größe Schillers. Er stand dabei viel weiter links. Die positiven Helden seiner zwischen 1793 und 1803 erschienenen ›heroischen Romane‹ entwickeln sich – ein in unserer klassischen Literatur einzig dastehender Fall – zu Revolutionären. Jean Paul ist so der bedeutendste literarische Wegbereiter der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen und der analogen Reformen in den Rheinbundstaaten. Als Verfasser des umfangreichen Buches, worin dies nachgewiesen 81 Band 9, S. 428. 3 4 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e wird, erschienen 1974 im Akademie-Verlag Berlin und im Rowohlt-Verlag Reinbek,82 bemühe ich mich seit Januar 1984 darum, unser Ministerium für Kultur dafür zu gewinnen, dass bei den Jean-Paul-Gedenktagen 1963 und 1975 Versäumte nun endlich wettzumachen. Ich muss befürchten, dass auch diesmal nichts Nennenswertes geschieht.«83 Diese »Mängelliste« zeigt noch einmal deutlich an, wie spätestens seit der Mitte der achtziger Jahre die verschiedenen emen betre s des kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Erbes des Sozialismus und des Marxismus im Denken Harichs sich überschnitten und miteinander verbunden waren. Er wisse, so Harich weiter, »dass es Vorurteile gegen mich geben mag, die triftige Gründe haben«.84 Aber seine Verurteilung liege nunmehr drei Jahrzehnte zurück und während seines Aufenthaltes in Österreich und der Bundesrepublik, zwischen 1979 und 1981, habe er mit all seinen Kräften für die DDR gewirkt, Vorurteile gegenüber dieser abgebaut und aktiv für den Friedenskampf gewirkt85 – »so wie ich das Ihnen vor nunmehr acht Jahren, als ich um eine Ausreisegenehmigung nachsuchte, brie ich versprochen habe«. Gemeint war damit folgender Vorgang: Am 11. Januar 1979 hatte Harich in einem Brief an den Rat des Stadtbezirks Friedrichshain um die Genehmigung der Übersiedlung »in den kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raums« – genauer: nach Wien – gebeten. Da er keine Antwort bekam, wandte er sich am 8. März 1979 an Erich Honecker – in dessen Funktion als Staatsratsvorsitzender der DDR.86 Dort heißt es u. a.: »Womit gesagt ist: Die Republik verlöre in mir, wenn sie mich gehen ließe, gar keinen Kulturscha enden mehr, sondern einen von futurologischen Ängsten besessenen Fanatiker, der im Land selbst sich bestenfalls auf die Rolle eines halbwegs loyalen Querulanten reduzieren ließe, ihr im Westen dagegen, bei der Schwächung der dem Klassenfeind zu Gebote stehenden technologisch-industriellen Kraft, noch gute Dienste zu leisten im 82 Gemeint ist: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 1974. 83 Band 9, S. 428–429. 84 Band 9, S. 429. 85 Die entsprechenden Texte präsentiert der 8. Band. 86 Harich: Brief an den Staatsrat der DDR, zu Händen seines Vorsitzendenden, Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED, vom 8. März 1979, 4 Blatt, maschinenschriftlich. Den Brief verschickte Harich per Einschreiben. Dieser Brief liegt gedruckt vor, siehe: Band 8, S. 139–143. 3 4 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Stande wäre. Gute Dienste vor allem bei der Abwehr reaktionär ablenkender Manipulationen, denen die ökologistische Bewegung von Seiten desselben Klassenfeindes ausgesetzt ist. Die Grünen plädieren immer für eine weit vorausblickende Politik. Sie treten dafür ein, dass heute, jetzt, sofort die Weichen für das Leben noch ungeborener Generationen richtig gestellt werden. Und sie vergessen dabei mitunter nächstliegende, akute Gefahren, die aus Wettrüsten und Kriegsvorbereitung erwachsen und, wenn es nicht gelänge, sie zu bändigen, binnen kurzem solch unvorstellbare Zerstörungen herbeiführen würden, dass es gar keine Weichen mehr gäbe, die noch in irgendeine Richtung gestellt werden könnten. Die Grünen bringen aber andererseits auch, weil es ihnen so dringlich um die Erhaltung des Lebens auf der Erde geht, überaus günstige Voraussetzungen mit, vor solchem Vergessen bewahrt, ihm, wenn nötig, blitzschnell entrissen zu werden. Bedenken Sie bitte, Herr Vorsitzender, dass selbst ein erzbürgerlicher Vertreter des rechten Flügels der Grünen, der Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl, seinen Anfang Juli 1978 erfolgten Austritt aus der CDU in erster Linie damit begründet hat, dass diese Partei zur Neutronenbombe Ja und Amen gesagt hatte. Marxistisch geschulter Bündnispolitik dürfte es somit unschwer gelingen, den Kampf für den Frieden mit dem Schutz der natürlichen Umwelt, für die Schonung der Ressourcen zur Einheit zusammenzuschließen. Und meinen Ein uss dahingehend geltend zu machen, das wäre überhaupt die vornehmste Aufgabe, der ich mich im Westen zu widmen gedächte.«87 Zurück zu Harichs Brief vom 10. März 1987. Zur Beantwortung wurde dieser von Honecker an Kurt Hager übergeben. Dieser schrieb am 1. April 1987 an Honecker,88 dass er noch einmal den umfangreichen Briefwechsel mit Harich der letzten Jahre sich angesehen habe und auch die Stellungnahmen der entsprechenden Zeitschriftenredaktionen sowie des Ministeriums für Kultur und der Abteilung Kultur des ZK in verschiedenen Dingen. Mit seiner Stellungnahme zur Nietzsche-Renaissance habe Harich recht. Aber gerade über diesen Punkt habe man mit ihm eigentlich eine Verständigung erreicht. In Weimar sei es notwendig gewesen, Restaurierungsarbeiten durchzuführen, so dass man sich in diesem Zusammenhang gleichzeitig für die Umgestaltung einiger Räume entschieden habe. Das Archiv sei jedoch nach wie vor nicht ö entlich zugänglich und habe nur bestimmten Wissenschaftlern zur Verfügung gestanden. Zudem sei in der Sinn und Form ein ausführlicher Aufsatz gegen die Nietzsche-Renaissance erschienen (gemeint war der Aufsatz Pepperles). Doch diesen Artikel habe Harich nicht begrüßt, sondern vielmehr dagegen in »ziemlich grober Weise« polemisiert. Deswegen 87 Band 8, S. 142 f. 88 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 1. April 1987. 3 4 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e konnte die Redaktion sich nicht für einen Abdruck entscheiden. Man werde weiterhin versuchen, zu verhindern, dass sich die »antihumanistische« Philosophie Nietzsches in der DDR ausbreitete, denn dies wäre eine »Beschädigung des antifaschistischen Ansehens« der DDR. Harichs Artikel über Lukács habe man abgelehnt, da sich Harich geweigert habe, einige Ausfälle gegen namentlich genannte Wissenschaftler der DDR umzuarbeiten. Er wäre in dieser Hinsicht völlig unkooperativ gewesen. Auch wenn es nicht leicht sei, werde er, Hager, weiterhin im Kontakt mit Harich bleiben. Er werde zudem veranlassen, dass dieser in die Vorbereitung der zu planenden Ehrungen für Jean Paul einbezogen werde. Natürlich könne Harich auch in der Sinn und Form und anderen Zeitschriften der DDR publizieren, wenn die Redaktionen sich zu einem Abdruck seiner Aufsätze entschließen würden und er bereit wäre, sich mit den jeweiligen Redaktionen in Einzelfragen zu verständigen. Hager übersendete Honecker zudem einen Entwurf für ein Schreiben an Harich, das dieser übernahm. Mit dem Datum von Hagers Text, 1. April 1987, wurde »Honeckers Antwortbrief« an Harich abgesandt.89 Dieser bezog sich auf Harichs Bitte, wieder kulturpolitisch aktiv werden zu dürfen. Honecker (also Hager) schrieb, dass Harich versichert sein könne, dass seine Mitarbeit auf diesen wichtigen Gebieten »von uns begrüßt und gewünscht« werde. Besondere Ho nungen richte man darauf, dass Harich als »profunder Kenner« des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werde, den 225. Geburtstag des Dichters gebührend zu würdigen. Mit Blick auf die angesprochene Problematik der Aufsätze machte Honecker geltend, dass die Zeitschriftenredaktionen »entsprechend ihrer Verantwortung« sich mit den Texten befasst und Harich zudem Vorschläge zu einer Überarbeitung unterbreitet hätten. Ihm seien auch die Gründe dargelegt worden, weshalb die Beiträge nicht gedruckt würden. Durch eine größere Bereitschaft Harichs zur Umarbeitung seiner Artikel könne möglicherweise eine vernünftige Lösung erreicht werden. Honecker schrieb, dass er meine, »dass keine Vorurteile gegen Sie bestehen und die alten Geschichten erledigt sind«. Man wünsche Harichs Mitarbeit auf kulturpolitisch Gebiet und ho e auf eine fruchtbare gemeinsame Zusammenarbeit. Abschließend teilte Honecker noch mit, dass er Hager informiert habe, der sich mit Harich in Verbindung setzen werde. 89 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 1. April 1987. 3 5 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nun ist zwischen Worten und Taten in der Regel zu unterscheiden. Am 30. April 1987 schrieb Harich zum zweiten Mal an Honecker. Nachdem er sich bei diesem bedankt hatte, dass die »alten Geschichten« erledigt wären und man seine »Mitarbeit bei der P ege des humanistischen Kulturerbes, auf den wichtigen Gebieten der Philosophie und der Literaturgeschichte« wünsche und begrüße, teilte er mit: »Wenn ich mir heute erlaube, mich an Sie nochmals zu wenden, so deshalb, weil, entgegen Ihrer Ankündigung, sich bisher weder Herr Professor Dr. Kurt Hager mit mir in Verbindung gesetzt noch das Ministerium sich mit mir über die Gestaltung des fälligen Jean-Paul-Jubiläums verständigt hat. Im Hinblick auf die drängende Zeit (Schriftstellerkongress im November, Philosophiehistorikerkonferenz im Januar, Jean-Paul-Geburtstag im März) bitte ich Sie, beiden Instanzen bzw. Persönlichkeiten ein weiteres Mal die Dringlichkeit meiner Anliegen ins Gedächtnis zu rufen. Etwas enttäuscht bin ich, o en gesagt, auch über das, was Sie zu der Nichtverö entlichung meiner Aufsätze zu Friedrich Nietzsche bzw. zu Georg Lukács ausführen. Ich kann mir dies nur damit erklären, dass Ihnen die Details dieser Angelegenheiten nicht bekannt sind; schlimmstenfalls, so fürchte ich, auf Grund Ihnen vorenthaltener Informationen. Wüssten Sie, was hier geschehen ist und geschieht, so würden Sie – davon bin ich fest überzeugt – darin sofort einen skandalösen Missstand erkennen, der, ganz abgesehen von seiner entnervenden, zermürbenden psychologischen Wirkung auf mich, für Partei, Staat, Gesellschaft und Kulturleben unserer Republik ernste Gefahren in sich birgt und uns auch im Ausland Schaden zufügen kann. Im Vertrauen auf die Weisheit und auch die Durchschlagskraft Ihrer Initiativen und mit den besten Wünschen zum bevorstehenden Festtag der internationalen Arbeiterklasse verbleibe ich mit kommunistischem Gruß Ihr«90 Nach diesem Brief begannen im Hintergrund die Mühlen der Bürokratie zu arbeiten. Am 8. Mai 1987 schrieb Kurt Hager an Harich, dass der beste »Weg«, um einige der Fragen zu klären, die dieser in seinen beiden Briefen an Honecker und auch in Briefen an ihn selbst aufgeworfen habe, sicherlich darin bestünde, persönlich miteinander zu sprechen.91 Er schlug als Termin den 18. Mai, 15:00 Uhr im »Haus an der Spree« vor. Harich stimmte dem Tre en zu, es fand wie anvisiert statt. In seinem dritten Brief an Erich Honecker, vom 29. Februar 1988, schrieb Harich darauf bezugnehmend: 90 Band 9, S. 432. 91 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 8. Mai 1987. 3 5 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Auf mein Schreiben an Sie vom 10. März 1987 erhielt ich von Ihnen am 2. April 1987 eine Antwort, in der Sie mir versicherten, dass von der Partei meine Mitarbeit auf den wichtigen Gebieten der Philosophie- und Literaturgeschichte, bei der P ege des humanistischen Kulturerbes, begrüßt und gewünscht werde. Wörtlich fügten Sie dem hinzu: ›Besonders ho en wir, dass Sie als ein profunder Kenner des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werden, seinen 225. Geburtstag am 21. März 1988 gebührend zu würdigen. Das Ministerium für Kultur wird sich mit Ihnen über die Gestaltung dieses Jubiläums verständigen.‹ Mündlich wurde dies von Kurt Hager in einer Aussprache mit mir, die am 18. Mai stattfand, ausdrücklich bekräftigt.« Zur Vorbereitung seines Gesprächs hatte Hager über Gregor Schirmer bei verschiedenen Personen, die mit Harich in regelmäßigem Kontakt standen, Berichte über diesen angefordert. So übersendete für den Akademie-Verlag Lothar Berthold (der die Angelegenheit durch Hermann Turley erledigen ließ) am 15. Mai 1987 eine Information über die Zusammenarbeit mit Dr. Wolfgang Harich.92 Darin heißt es, dass es in Abstimmung mit Gregor Schirmer und Klaus Höpcke seit Jahren bestimmte Formen der Zusammenarbeit des Akademie-Verlags mit Harich gebe. Zuerst habe man ein Projekt zur Nietzsche- ematik verfolgt, dann aber Harichs Wunsch entsprochen, eine umfangreiche Monographie zu Nicolai Hartmann zu verfertigen. An dieser arbeite er seit einigen Jahren »mit großem Fleiß« und dem Verlag würden Teile einer ersten Fassung vorliegen.93 In verschiedenen Gesprächen habe Harich in den zurückliegenden Jahren immer wieder große Befürchtungen über eine Nietzsche-Renaissance in der DDR geäußert. Gleichzeitig wies die Information darauf hin, dass Harich beabsichtige, auf den Nietzsche-Artikel von Heinz Pepperle zu reagieren und seine Antwort ebenfalls der Sinn und Form anzubieten. Gespräche habe es auch über den Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! gegeben. Dieser sei in »scharfer polemischer Form« verfasst und bediene sich »zahlreicher Verbalinjurien«. Nachdem die Verö entlichung in den Zeitschriften der DDR gescheitert sei, habe man Harich vorgeschlagen, nach Streichung aller »unsachlichen persönlichen Angri e« eine Arbeit zu diesem ema zu verfertigen, die der Akademie-Verlag als Broschüre verö entlichen könne. Harich habe zuerst zugestimmt, später jedoch den unveränderten Abdruck seines ur- 92 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 15. Mai 1987. 93 Harich informierte Berthold und Turley regelmäßig über den Stand seiner Arbeiten: Telefonisch, in persönlichen Gesprächen und in Briefen. Die entsprechenden Schriften druckt der 10. Band, S. 867–974. 3 5 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sprünglichen Beitrages gefordert, so dass das Projekt gescheitert sei. Mit Blick auf Jean Paul vertrete Harich die Befürchtung, dass dessen 225. Geburtstag ohne gebührende Beachtung durch die DDR vorübergehen könne. Abschließend nahmen Berthold/Turley noch persönlich Stellung. Man habe, gerade nach einem Gespräch vom Februar 1987, den Eindruck, dass es Harich vor allem um die Wiederherstellung seiner wissenschaftlichen und sozialen Reputation gehe. Dieser habe direkt von der Notwendigkeit einer weiteren »Resozialisierung« geredet. Harich fühle sich isoliert und sei o enbar gekränkt darüber, dass ihm von Seiten des Staates und seiner Institutionen mit Ablehnung begegnet werde. »Ich habe den Eindruck, dass er darauf wartet, in der einen oder anderen Form ö entlich wieder bekannt zu werden.« Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Im Verlauf der bisherigen Schilderungen wurde deutlich, dass sich Harich permanent neue Mauern in den Weg stellten, seine Isolation weiterging, er immer wieder problematische Entwicklungen und Tendenzen ortete usw. Die Partei hatte kein Interesse daran, dass Harich in die Ö entlichkeit zurückkehre, so dass man versuchte, ihm mit so genannten »internen Diskussionen« hinter verschlossenen Türen, Gesprächen und ähnlichem zufrieden zu stellen. Er sollte ohne »Publikum« beschäftigt werden. Eine dieser »internen« Diskussionsrunden fand am 1. Dezember 1987 im Berliner Aufbau-Verlag, Harichs ehemaliger Arbeitsstätte, statt. Ein Gespräch zum ema Über die Stellung des Werkes von Georg Lukács in den geistigen Kämpfen der Gegenwart, das die Zeitschrift für Philosophie und die Weimarer Beiträge organisiert hatten. Es ging darum, Harich gegenüber die Illusion aufrecht zu erhalten, dass man sich mit seinen Positionen auseinandersetze. Kurt Hager hatte die Veranstaltung veranlasst. Teilnehmer waren unter anderem Erich Hahn, Manfred Buhr, Vera Wrona, Sieglinde Heppener, Friedrich Tomberg, Hans-Martin Gerlach, Horst Haase, Manfred Naumann, Michael Franz, Eike Middell, Arnold Schölzel, Joachim Sailer, Werner Teichmann, Jürgen Staszak, Siegfried Rönisch. (Daneben nahmen schweigend weitere Redakteure und Mitarbeiter beider Zeitschriftenredaktionen teil.) Für die SED und die Staatssicherheit wurde ein Informationspapier zu dieser Veranstaltung angefertigt, das am 5. Januar 1988 auch an das Büro von Kurt Hager gesendet wurde.94 94 5 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 5. Januar. Abteilung Wissenschaften beim ZK der SED. Alle Angaben im Folgenden nach diesem Manuskript. 3 5 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Harich erö nete die Veranstaltung mit einem kurzen Referat. Das Informationspapier fasste seine Überlegungen wie folgt zusammen: 1) Das Vermächtnis von Lukács sei wichtig, um die globalen Probleme der Gegenwart lösen zu können. Die Wertschätzung des ungarischen Philosophen in der DDR wäre aber überaus problematisch. Um dies zu evidieren, habe Harich vor allem auf die Kolloquien verwiesen, die zum 100. Geburtstag von Lukács veranstaltet worden waren. Auf diesen habe »Mäkelei und Besserwisserei überwogen«. 2) Harich habe sich dagegen gewandt, dass die DDR im Umgang mit Lukács auf Ungarn Rücksicht nehmen müsse. Dagegen spreche, dass Lukács den größeren Teil seiner Werke in deutscher Sprache verfasste, von 1931 bis 1945 der Kommunistischen Partei Deutschlands angehört habe und zudem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges »als einer der theoretischen Wegbereiter der geistigen Erneuerung Deutschlands« anzusehen sei. 3) Es müsse geklärt werden, welche Stellung Lukács im Rahmen des marxistischen Denkens einnehme. Das Protokoll vermerkt explizit, dass Harich Lukács für den bedeutendsten marxistischen Denker des 20. Jahrhunderts nach Lenin halte. 4) Die »theoretische Hauptleistung« von Lukács sehe Harich in den Werken Eigenart des Ästhetischen und in Die Ontologie des gesellschaftlichen Seins. Beide Schriften seien mit dem Kapital von Marx vergleichbar. Zudem habe Harich hervorgehoben, was Lukács als »Philosophiehistoriker, als Literaturhistoriker und Literaturkritiker sowie in der Polemik gegen feindliche Ideologien im 20. Jahrhundert geleistet« habe. 5) Aus diesen Überlegungen habe Harich geschlussfolgert, dass eine spezielle Lukács-Forschung nicht notwendig sei, vorrangig sei es wichtiger, dessen Autorität wiederherzustellen, diesen in das geistige und wissenschaftliche Leben der DDR einzubeziehen. Es solle nicht darum gehen, sich damit zu beschäftigen, was an Lukács kritisiert werden müsse, sondern darum, was bei ihm an zentralen Einsichten zu nden sei und wo von ihm gelernt werden könne. Zudem habe Harich darauf hingewiesen, dass Lukács eindeutig vor Benjamin, Adorno und Marcuse zu stellen sei. Diese Argumente brachte Harich nicht nur in seinen verschiedenen Schriften zu Lukács sowie im Rahmen seiner Bemühungen, dessen Erbe und Vermächtnis in der DDR wieder in ihr Recht einzusetzen, vor, auch in seinen Stellungnahmen zur Nietzsche-Debatte waren sie immer wieder präsent. Ohne die eorien von Lukács sei eine brauchbare marxistische Nietzsche-Kritik nicht zu haben, so sein Credo. Harich fühlte sich, gerade in den Debatten der achtziger Jahre, dem Erbe von Lukács verp ichtet. Und er 3 5 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re vertrat die ese, dass dessen große Alterswerke, die Ästhetik und die Ontologie, den Rang »marxistischer Klassiker« hätten und gleichzeitig die Überwindung früherer Positionen durch Lukács selbst anzeigen würden. Das evidiere nicht zuletzt die in beiden statt ndende Rezeption von Arnold Gehlen und Nicolai Hartmann.95 Im weiteren Verlauf informierte das Papier dann über die Beiträge der Anwesenden, die hier nicht vollständig wiedergegeben werden müssen. Im Prinzip laufen sie alle darauf hinaus, dass Kritik an Lukács notwendig sei. Politische, ideologische, theoretische, Hauptsache Kritik. Die Argumentation war dabei meist so, dass die Diskutanten Lukács formal lobten, dann aber sofort mehrere Punkte benannten, an denen er sich ihrer Meinung nach geirrt habe – und eben diese Punkte seien wichtig. (Noch Pepperle und die Meinungen zu einem Streit in der Sinn und Form zehren von dieser Methode.) Manfred Buhr brachte dies auf einen Nenner und fasste zugleich die gegebenen Stichworte wie folgt zusammen: Er stimme Harich zu, dass das Vermächtnis von Lukács fruchtbar zu machen sei. Forschung und Edition müssten ausgebaut werden. Als Gleichgesinnte hätten die Wissenschaftler an die zu lösenden Probleme heranzugehen. »Als grundsätzlicher Kritiker aller Bemühungen um Lukács in der DDR in den zurückliegenden Jahren könne Harich da nicht produktiv werden.« Die Fronten waren dergestalt geklärt. Buhrs Meinung in dieser Runde muss als o zielle Stellungnahme der Partei verstanden werden, daran gibt es nichts zu diskutieren. In diesem Sinne attestierte abschließend Erich Hahn mit der Au orderung an Harich, dass dieser »ernsthaft durchdenken« solle, »was er (…) gehört und erfahren habe«. Politisch falsch sei es, so Hahn weiter, die Konferenz der Philosophiehistoriker (Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe), die im Januar 1988 statt nden sollte, unter die Losung »Hoch Lukács, nieder Nietzsche« zu stellen. Am 5. Januar sendete Hörnig (Abteilungsleiter) der Abteilung Wissenschaften dieses Protokoll an Kurt Hager. Er informierte Hager auch, dass Harich seine Teilnahme an der Leipziger Konferenz abgesagt habe. Gegenüber Erich Hahn habe er diese Entscheidung damit begründet, dass die Konferenz keine »scharfe Absage an eine Nietzsche-Renaissance in der DDR und eine eindeutige Anhebung der Rolle von Lukács im geistigen Leben unseres Landes« vornehmen wolle.96 95 Sie die entsprechenden Passagen und Briefe in den Bänden 10 und 11. Mit Blick auf Gehlen änderte Harich seine Einstellung, nachdem er sich mit Paul Alsberg näher auseinander gesetzt hatte. 96 Harich: Brief an Erich Hahn vom 7. Dezember 1987, in: Band 9, S. 472 f. 3 5 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Am 29. Februar und am 17. März 1988 schrieb Harich erneut an Honecker, in den beiden Briefen ging es vor allem um den 225. Geburtstag von Jean Paul, der am 21. März anstand. In seinem ersten Brief erinnerte Harich erneut an die Zusage Honeckers vom 1. April 1987, dass seine Mitarbeit bei der Würdigung des Geburtstages von Jean Paul gewünscht werde. Bei dem Tre en mit Kurt Hager am 18. Mai 1987 sei dies noch einmal »ausdrücklich bekräftigt« worden. Geschehen wäre seitdem nichts.97 Weiter schrieb er: »An sich würde es mir mein Stolz verbieten, mich hierüber bei Ihnen zu beschweren. Der umfangreichste Teil meiner wissenschaftlichen Lebensleistung ist zu eng mit der Jean- Paul-Forschung verknüpft, als dass nicht der Verdacht nahe läge, ich wolle das bevorstehende Jubiläum benutzen, mich in den Vordergrund zu drängen. So war ich schon im Begri , völlig zu resignieren. Leider haben sich mittlerweile bestimmte ideologische Diskussionen, das Erbe betre end, in einer Richtung entwickelt, die es mir verbietet, Zurückhaltung zu üben, wenn ich nicht der Reaktion Vorschub leisten will. Es ließe sich beweisen, dass in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums, in den für Philosophie und Literaturgeschichte zuständigen Zentralinstituten der Akademie der Wissenschaften und, vor allem, in der Akademie der Künste ein ussreiche Kräfte am Werk sind, die leichten Herzens die Missachtung des humanistischen Erbes von Jean Paul in Kauf nehmen, falls sie damit erreichen können, dass meine Isolation sich bis an mein Lebensende fortsetzt, dass ich aus dem Kulturleben unserer Republik de nitiv verschwinde – als Unperson.« Als Grund für dieses Verhalten vermutete Harich: »Ich halte, getreu meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen, unumkehrbar an den Errungenschaften von Franz Mehring und Georg Lukács fest und setze mich deswegen mit Entschiedenheit und Konsequenz dagegen zur Wehr, dass aus dem Westen die 97 »Ich habe danach monatelang vergebens darauf gewartet, dass jemand vom Kulturministerium sich bei mir melden werde. Auch Anfragen von mir an den Minister für Kultur, Dr. Hans Joachim Ho mann, datiert vom 2. August und vom 17. September, fruchteten nichts. Erst in einem Brief vom 5. November stellte der Minister mir in Aussicht, dass in Berlin ein würdiges Jean-Paul-Gedenken statt nden würde, mit dessen Vorbereitung die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste befasst seien. Heute, drei Wochen vor dem Gedenktag, zeichnet sich mit aller Deutlichkeit ab, dass sich da gar nichts tun wird. Und feststeht, dass jedenfalls ich von keiner der zuständigen Stellen in dieser Angelegenheit zu Rate gezogen worden bin.« 3 5 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nietzsche-Renaissance auf die DDR und die übrigen sozialistischen Länder übergreift. Das ist es, was mir, gekoppelt mit Furcht vor meiner fachlichen Überlegenheit, den Hass windiger Modefans, blasierter Ästhetizisten und Morgenluft witternder Reaktionäre zuzieht. Das Nähere ist meinem einschlägigen Beitrag zu Nietzsche in Heft 6, 1987, von Sinn und Form und den fast durchweg ablehnenden Antworten darauf in Heft 1, 1988, derselben Zeitschrift (hierzu später, AH) zu entnehmen.« Er ho e, »dass Sie, lieber Erich Honecker, sich für das Erbe des großen Jean Paul, den niemand gehässiger geschmäht hat als Nietzsche, tatkräftig einsetzen und bei der Gelegenheit mir Genugtuung verscha en werden«. Im Büro Kurt Hagers wurde man aktiv: Zwei Dinge seien nunmehr geplant, wie Harich am 17. März 1988 Honecker mitteilte. »Ein Kolloquium in Weimar am 23. März, auszurichten von den NFG Weimar, und ›noch irgendetwas in Berlin‹, zu veranstalten vom Aufbau-Verlag, wobei Termin und Rahmen indes noch ungeklärt seien; zu beidem würde man mich einladen.« Beide Vorschläge seien jedoch unangemessen und könnten das Versäumte nicht wettmachen.98 Harich unterbreitete in der Folge wieder einmal fünf Vorschläge, wie »in dieser Angelegenheit noch schnell, operativ und mit realen Durchsetzungschancen dafür gesorgt werden könnte, dass die Partei wenigstens ihre kulturpolitische-ideologische Option verdeutlicht und damit in der P ege des humanistischen Kulturerbes ihr Gesicht wahrt«. Denn Schaden, darauf wies Harich explizit hin, entstehe der Kulturpolitik und Erbep ege der DDR nicht nur dadurch, dass sie sich Nietzsche und 98 »Ich halte eins wie das andere für gänzlich unangemessen, zum Teil sogar für irreal. Ein Kolloquium, das Hand und Fuß hat, wird in so wenigen Tagen unmöglich vorbereitet werden können. Zuständig wären in der Sache die NFG Weimar hierfür allerdings. Aber Weimar war als Ort Jean Paul zu verhasst, als dass es für eine in seinem Sinne durchzuführende Gedenkveranstaltung in Betracht käme. Diejenigen in der DDR gelegenen Städte, die hierfür historisch stimmig wären, sind Berlin (wo er 1800/1801 die glänzendsten Triumphe seines Lebens gefeiert hat und wo er, über seinen ›Transmissionsriemen‹ Königin Luise, auch seine heilsamsten politisch-praktischen Wirkungen ausüben sollte – auf die späteren, bei Hof einzig von ihr protegierten preußischen Reformer nämlich, nach dem Zusammenbruch von Jena und Auerstädt), ferner Meiningen (als die Stätte seiner glücklichsten Lebensjahre und der Vollendung seines Hauptwerks, des Titan, 1802) und allenfalls noch Hildburghausen, das, als damaliges Miniaturfürstentum, ihm die Würde eines Legationsrats verlieh. Das Datum des 23. März verfehlt im Übrigen den 225. Geburtstag, der auf den 21. März fällt. Wenn aber an diesem Tage doch noch ›irgendetwas in Berlin‹ geschehen sollte, dann reichte ein Verlag als Veranstalter an die Größe Jean Pauls, die mindestens derjenigen Schillers gleichkommt, einfach nicht heran; die ›Ebene‹ wäre viel zu tief angesetzt.« 3 5 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e der Reaktion ö ne, sondern eben auch durch die Vernachlässigung des tatsächlichen, des progressiven und humanistischen Erbes. Er empfahl folgendes Vorgehen: 1) »Erstmal im Zentralorgan der Partei ein würdiger Gedenkartikel für Jean Paul, abzudrucken am 21. März. Als Verfasser schlage ich wahlweise den Literaturhistoriker Jochen Golz, Weimar, oder den Schriftsteller Günter de Bruyn, Berlin, vor, obwohl meine Au assungen von den ihren erheblich abweichen. Mein Gesundheitszustand ist derzeit zu labil, als dass ich diesen Artikel in so kurzer Frist noch selber schreiben könnte. Ich könnte aber mit heute zeitgemäßen Worten des Dichters selbst aufwarten, die ich nach Ihrem Anruf vom 9. März herausgesucht habe; zum Beispiel aus Jean Pauls Kriegserklärung gegen den Krieg. Für etwaige diesbezügliche Anfragen des ND will ich mich morgen, am Freitag, den 18. März, den ganzen Tag über zu Hause bereithalten. 2) Schnelle Entsendung einer kleinen Delegation von prominenten Jean-Paul-Freunden aus der DDR in die BRD, sei es nach Bayreuth, sei es zum Geburtsort des Dichters, nach Wunsiedel; je nachdem, wo die repräsentativere Festveranstaltung der bundesdeutschen Jean-Paul-Gesellschaft (Sitz Bayreuth) und etwaiger BRD-Kulturbehörden statt nden wird. Außer den genannten Herren de Bruyn und Golz kämen als Mitglieder der Delegation insbesondere noch die Schriftstellerinnen Helga Schütz und Irmtraud Morgner in Frage, eventuell noch Frau Dr. Dorothea Böck, Jean-Paul-Expertin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. (Mich würde eine derartige Reise zur Zeit gesundheitlich zu sehr strapazieren.) 3) Niederlegung je eines Blumengebinde der SED bzw. des DDR-Staatsrates am 21. März an zwei Gedenkstätten: a) In der DDR an deren einzigen Jean-Paul-Denkmal, im Park von Meiningen; b) in der BRD an – oder im – Geburtshaus des Dichters in Wunsiedel (eine Abbildung dieser letzteren Gedenkstätte, mit dem hübschen Jean- Paul-Brunnen davor, füge ich hier in der Anlage bei). Dabei käme es nicht so sehr darauf an, wer diese Blumengebinde, anwesend am Ort, jeweils niederlegt, sondern darauf, was auf den Schleifen steht. Und bei analogen Anlässen in der DDR stand auf analogen BRD-Schleifen der Name Richard von Weizsäcker. Eine Aufschrift: ›Dem großen Jean Paul – von Erich Honecker‹ fände ich optimal. 4) Ich bitte zu erwägen, ob nicht am 21. März entweder die Gründung einer Jean-Paul-Gesellschaft der DDR bekannt gegeben werden oder aber ein – sofort zu verö entlichender – Beschluss auf hoher Ebene gefasst werden könnte, ein Konzept für eine breitere und wirksamere Einbeziehung Jean Pauls in die sozialistische Erbe-P ege 3 5 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auszuarbeiten. Für dieses Konzept hätte ich dann eine Menge Ideen in petto. (Zu der eventuellen neuen Jean-Paul-Gesellschaft möchte ich heute nur eines bemerken: Sie wäre, im Unterschied zur Goethe-Gesellschaft, kein ›gesamtdeutscher‹ Verein, sondern einer unseres Staates, und sie hätte der bundesdeutschen Jean-Paul-Gesellschaft, mit Sitz in Bayreuth, außer den marxistisch-leninistischen Gesichtspunkten noch etwas weiteres voraus: Dass sich der gesamte Jean-Paul-Nachlass, mitsamt zahlreichen noch unverö entlichten Aphorismen, in unserer Staatsbibliothek Unter den Linden be ndet.) 5) Trotz allem in den letzten Jahren Versäumten braucht die DDR auch in puncto Jean Paul ihr Licht nicht unter den Sche el zu stellen. Dass Eduard Berend seine 1927 begonnene historisch-kritische Ausgabe der Sämtlichen Werke Jean Pauls nach seiner rassischen Verfolgung während der Nazi-Jahre doch noch weiterführen und nahezu zum Abschluss bringen konnte, ist der Akademie der Wissenschaften der DDR und den DDR-Verlagen Hermann Böhlau (Weimar) und Akademie-Verlag (Berlin) zu verdanken; um nur das Wichtigste zu nennen.« Diese Vorschläge fanden keine Berücksichtigung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Harichs Briefe nach »oben« kaum zu Verbesserungen seiner eigenen Lage führten und auch nicht zur Behebung der Probleme, die er im Kulturleben der DDR ausmachte. Wenn sie letztlich einen Zweck hatten, dann noch am ehesten den, dass er sich seinen Frust »von der Seele« schreiben konnte, dass er zumindest als Briefschreiber insofern aus der Isolation heraustrat, als man sich mit ihm auseinandersetzen musste. Man merkt den einzelnen Texten aber auch an, dass Harich sukzessive ho nungsloser wurde, dass er zumindest innerlich, unterbewusst begri , wie unerwünscht er in der DDR war. Die Angri e auf ihn verschärften sich in der Folge, auch letzte Verbündete wandten sich von ihm ab. Seine Einsamkeit und Isolation wurde immer drückender. 7. Der Ton wird rauer Der Streit um seine Aufsätze hatte Harich müde gemacht und ihm gezeigt, dass man ihn im Kultur- und Wissenschaftsleben der DDR nicht wollte. Eigentlich arbeitete er ja zu Nicolai Hartmann, Tag für Tag widmete er sich dem umfangreichen Buch, das er wegen der zahlreichen Unterbrechungen und anderen Faktoren schließlich nicht fertigstellen konnte, wollte. Zu vieles forderte seinen Widerspruch heraus. Neben der Nietzsche-Debatte entdeckte er in jenen Monaten auch, dass der von ihm lange Zeit 3 5 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e hoch geschätzte Arnold Gehlen die Hauptthesen seines Werkes (Der Mensch von 1940) von dem jüdischen Emigranten Paul Alsberg übernommen hatte, ohne diesen ausführlich gewürdigt zu haben. Auch in diesem Fall suchte er die Unterstützung der DDR und bekam sie nicht.99 Gab es Wege aus dieser aussichtslosen Lage? Konnte Harich sich Gehör verscha en? Welche Möglichkeiten hatte er, welche Türen standen ihm noch o en, um seine Anliegen vorzutragen? Im Mai 1987 war es zu einer Unterredung zwischen Kurt Hager und Harich gekommen, in deren Verlauf Hager verschiedene Zusagen gemacht hatte. (Vorausgegangen waren ja Harichs erste Briefe an Honecker.) Am 27. August 1987 schrieb Harich dem Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED, dass von den getro enen Vereinbarungen nur eine einzige bisher umgesetzt werden würde. Der Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? werde voraussichtlich im fünften Heft der Sinn und Form von 1987 erscheinen. Alle anderen Dinge seien nach wie vor ungeklärt. Dem Brief Harichs kommt von daher eine Stellung fast als eine Art Zwischenbilanz seiner Kämpfe in der DDR bis zu diesem Zeitpunkt zu. 1) »Sie hatten festgelegt, dass ich in die Vorbereitung der Philosophiehistorikerkonferenz Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe, die im Januar 1988 in Leipzig statt nden wird, einbezogen werden soll.« Sowohl Erich Hahn als auch Gregor Schirmer habe er in dieser Angelegenheit mehrfach kontaktiert, geschehen sei nichts. 2) Vor den Kollegien der Redaktionen der Deutschen Zeitschrift für Philosophie und der Weimarer Beiträge sollte Harich einem Vortrag über die Bedeutung von Lukács halten. Auch in dieser Hinsicht würden Hahn und Schirmer ausweichen, geschehen sei bisher nichts.100 99 Siehe hierzu Band 10, zu Paul Alsberg S. 523–686. Dort ebenfalls eine Einleitung des Herausgebers (Wolfgang Harich, Arnold Gehlen und die Idee einer marxistischen Anthropologie), die über die wichtigsten Schriften Harichs informiert und weitere Verbindungen zur Nietzsche-Diskussion aufzeigt (S. 11–133). 100 »Worauf es mir ankommt – und Sie schienen dies zu akzeptieren –, ist aber etwas anderes: Dass die Veranstaltung der beiden Redaktionskollegien einen ressortüberschreitenden, interdisziplinären Meinungsstreit einleitet, in dessen Verlauf dann die marxistisch-leninistischen Philosophen gewisse Literaturtheoretiker von der Verirrung abbringen, Lukács von rechts, von den Positionen Blochs, Benjamins, der Frankfurter Schule und des Neopositivismus aus, zu bekämpfen und sich dabei sogar bis zur Einbeziehung Nietzsches in unsere Erbe-P ege zu versteigen – wie dies anhaltend geschieht.« 3 6 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 3) Harichs Beteiligung an der »Vorbereitung eines würdigen und angemessenen Jean-Paul-Gedenkens (225. Geburtstag am 21. März 1988)«, die ja durch Honecker angeregt worden wäre, habe die entsprechenden Stellen nie erreicht. 4) Hager habe festgelegt, dass Harich das Manuskript Die Philosophie Friedrich Nietzsches von Heinz Malorny begutachten solle. Er habe es erst Mitte Juni erhalten. »Unter den windigsten Vorwänden – es sei im Schreibtisch einer Sekretärin verschlossen, die sich auf Urlaub be nde und deren Schlüssel man nicht nde usw. usf. – war es mir vorenthalten worden trotz feierlicher Zusagen des Verlagsleiters Prof. Berthold, es mir zu lesen zu geben.« Zu dem Buch von Malorny fällte Harich ein hartes und eindeutiges Urteil: »Alle meine Befürchtungen haben sich bestätigt. Es ist von unbeschreiblicher Niveaulosigkeit, einfach Schutt, Müll. Es wimmelt dabei von den gefährlichsten politischen Instinkt lo sigkeiten. Es macht Nietzsche von seinem privaten Dasein her sympathisch; es macht ihn interessant durch zahllose verführerische Zitate; es erklärt ihn zum Vorläufer des Gedankenguts der Grünen und Alternativen; es hebt – welch gefundenes Fressen für unsere ›Junge Gemeinde' – hervor, dass er zwischen der von ihm bekämpften christlichen Kirche und der menschlichen Größe Jesu sehr wohl zu di erenzieren gewusst habe usw., usf. Mein ausführliches Gutachten, datiert vom 17. Juni 1987, ist, o enbar auf Geheiß von Professor Manfred Buhr, vom Tisch gefegt worden. Gegen meinen dringenden und umfangreich begründeten Rat soll der Druck fortgesetzt werden, soll die Auslieferung im September bereits erfolgen; ein für Nietzsche schamlos Reklame machendes Inserat im Buchhändlerbörsenblatt kündigte das Erscheinen bereits an.«101 101 Mit mehreren Stilmitteln (Großbuchstaben, Unterstreichung des ganzen Absatzes) hob Harich seine »Warnung« vor dem Werk hervor: »Ich kann davor nur warnen! Ich schlage vor, den Druck sofort zu stoppen und jede weitere Entscheidung von einer kollektiven Beratung, die mein Gutachten gebührend mit in Betracht zieht, abhängig zu machen. Erst diese Beratung sollte eine der drei Möglichkeiten beschließen: Entweder – unveränderte Verö entlichung (falls alle meine Einwände widerlegt werden sollten); oder – Umarbeitung des Manuskripts durch den Autor von Grund auf und in allen Teilen, besonders was die skandalös falschen und gefährlichen Seiten 1 bis 90 betri t; oder – gänzliche und endgültige Beerdigung des ganzen Projekts, was, nach Lage der Dinge, dass Allerbeste wäre. Ich habe Malorny bereits ange eht, das Manuskript zurückzuziehen. Er hört nicht darauf. Seine Autorenehrgeiz lässt ihm keine Ruhe und sein Vorgesetzter Buhr stärkt ihm o enbar den Rücken.« 3 6 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Der 5. von Harich geltend gemachte Punkt betraf seine Arbeiten zu Nicolai Hartmann. Das Buch sollte ja, so war es brie ich vereinbart, im Akademie-Verlag erscheinen. Harich erhielt für diese Arbeiten sein Stipendium aus dem Kulturfonds und das Projekt war letztlich auch der Grund seiner Anbindung an den Akademie-Verlag.102 »Sie hatten festgelegt, dass ich weiter an meinem Buch über Nicolai Hartmann arbeiten soll. Es liegt jetzt ein – noch unfertiges – Manuskript von 300 Schreibmaschinenseiten vor, enthaltend sechs Teile der geplanten elf Teile, und den Anfang des siebten Teils. Ich habe dieses Ergebnis meiner bisherigen Arbeit heute dem Verlagsleiter Professor Berthold aushändigen wollen. Nachdem er mich aber hat wissen lassen, dass Malornys Nietzsche-Buch ohne Berücksichtigung meines ablehnenden Gutachtens unter allen Umständen so, wie es ist, erscheinen wird, habe ich jede Beziehung mit dem Akademie-Verlag so lange abgebrochen, bis diese Entscheidung noch einmal zur Disposition gestellt wird. Nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann es mir nicht zugemutet werden, meine Arbeit einem Verlag anzuvertrauen, dessen philosophische Produktion von Herrn Professor Buhr kontrolliert wird. Buhr hat sich in der Nietzsche-Frage als ideologisch unzuverlässig entlarvt. Dass er außerdem, wie das von ihm herausgegebene Philosophische Wörterbuch beweist, unfundierte Vorurteile gegen die Ontologie im Allgemeinen, gegen Nicolai Hartmann im Besonderen hegt, wäre nicht schlimm; mein Buch will sich mit diesen Vorurteilen sehr sachlich und sorgfältig auseinandersetzen. Aber schlimm sind Buhrs ignorante Voreingenommenheiten gegen die Gesellschaftsontologie des späten Lukács – gegen sie hat er sogar den ignoranten Schwätzer Wilhelm Raymund Beyer, zu einer Zeit, als das Werk im Ganzen noch gar nicht vorlag, mobilisiert (a. a. O., Bd. 1, S. 482 .). Und persönlich unzumutbar für mich ist, wie Buhr sich zu mir verhält. Buhr hat es von Mitte Juni bis zum heutigen Tag nicht ein einziges Mal für nötig befunden, sich mit mir und den anderen Gutachtern zusammenzusetzen, um die in meinem Gutachten enthaltenen Einwände gegen Malornys Nietzsche-Buch Punkt für Punkt durchzugehen; er hat noch nicht einmal Malorny dazu aufgefordert, sein Buch im Gespräch mit mir gegen meine Einwände zu verteidigen. Der Umgang mit Menschen wie Buhr und Berthold, denen ich nichts als O enheit, Aufgeschlossenheit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit entgegengebracht habe, ist für mich einfach unerträglich geworden. Wenn ich das Buch über Nicolai Hartmann fortsetzen soll, muss ich den Verleger wechseln. Aber täte ich dies, 102 Es wurde bereits darauf verwiesen, dass die Manuskripte in Band 10. abgedruckt sind. Dort auch die Einleitung Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs des Herausgebers (S. 11–56). Zur Ergänzung ist auch der 2. Band zu berücksichtigen. 3 6 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re bliebe ich immer noch wehrlos Herrn Minister Klaus Höpcke ausgeliefert, bei dem Frau Buhr als philosophische Beraterin wirkt, und mit dem ich mich wegen seiner ideologischen Unzuverlässigkeit in der Nietzsche-Frage und anderer Unzumutbarkeiten im November auch bereits überworfen habe.« Harich bat Hager um Hilfe, etwa durch die Ermöglichung des Übergangs zum Dietz-Verlag. »Ich bin wirklich tief, tief ratlos und bitte Sie, mir aus dieser Situation heraus zu helfen.« Seine Arbeit über Hartmann werde er bis auf Weiteres einstellen, da er nichts Zweckloses tun wolle, »nichts, wovon ich von vornherein weiß, dass es an den gegen mich herrschenden Voreingenommenheiten scheitern muss«. Es scheint in diesem Fall tatsächlich Vermittlungen gegeben zu haben, am 23. September 1987 schrieb Harich an Hager, dass seine Arbeit an dem Buch über Hartmann zügig voranschreiten würde.103 Seinen Brief an Hager beendete Harich im August 1987 mit der Bitte: »Bei alledem bewahrheitet sich Ihr Ausspruch vom 18. Mai, dass die Parteiführung gegen mich nichts habe, dass das aber ›weiter unten‹ möglicherweise noch nicht bekannt geworden sei, in allerstärkstem Maße. Es gibt nun aber rechtliche Grundlagen dafür, dem rigoros abzuhelfen. Die Amnestie zum bevorstehenden 38. Gründungstag der DDR verheißt allen, die vor dem 7. Oktober 1987 verurteilt worden sind – dazu gehöre ich doch wohl auch – gleichberechtigte Wiedereingliederung in die Gesellschaft unter Berücksichtigung ihrer beru ichen Quali kation. Ich kann mich nach dem, was ich Ihnen hier geschildert habe, beim besten Willen nicht als meiner beru ichen Quali kation entsprechend gleichberechtigt behandelt fühlen; immer noch nicht, obwohl meine Straftat seit dem Dezember 1974 verjährt ist. Bitte stellen jetzt Sie, lieber Kurt Hager, Überlegungen an, wie mir zu meinem Recht verholfen werden kann. Ich will, wenn mir dazu verholfen wird, nichts anderes tun, als in den oben geschilderten Fragen den wiedererlangten kulturpolitischen Ein uss dazu zu benutzen, das für Partei, Staat und Gesellschaft Nützliche zu fördern und Schädliches abwenden zu helfen. Das gilt für die Fragenkomplexe Lukács, Nicolai Hartmann, Nietzsche und Jean Paul, für die ich wie kein anderer in unserer Republik fachlich zuständig bin, gleichermaßen.« 103 »Es versteht sich, dass im Vordergrund meiner Tätigkeit weiterhin aber die schriftstellerische Arbeit stehen wird, so wie in den vergangenen Jahren seit meiner Rückkehr aus dem kapitalistischen Ausland. Meine Arbeit an dem Buch über Nicolai Hartmann schreitet zügig fort. Die Aufsätze über Lukács und gegen Nietzsche, die ebenfalls recht arbeitsaufwendig waren, sind in den letzten anderthalb Jahren noch hinzukommen, nebst einem umfangreichen Schriftwechsel hierüber. Alles in allem kann ich behaupten, noch nie als Autor so eißig gewesen zu sein wie jetzt als Invalidenrentner.« 3 6 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Nach diesem Beschwerdebrief schienen sich die Dinge zum Besseren zu entwickeln. Harich setzte, wie gesagt, seine Arbeiten über Nicolai Hartmann fort und bat am 23. September 1987 die Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag darum, in die SED aufgenommen zu werden. Drei Motive wären dafür vor allem maßgebend: 1) »Ich bejahe uneingeschränkt das Programm und das Statut der Partei und deren Beschlüsse; 2) Ich möchte beizeiten dafür vorsorgen, dass ich nicht eines Tages als so genannter ›heimatloser Linker‹ sterbe, sondern dass, wenn es einmal so weit sein wird, bei niemandem der geringste Zweifel darüber bestehen kann, wie ich, nach weit zurückliegenden Irrungen und Wirrungen, gedacht und wo ich gestanden habe; 3) Ich glaube, auf den Gebieten, für die ich mich zuständig fühle (Philosophie, Literaturwissenschaft), am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied besser und wirksamer teilnehmen zu können denn als Außenstehender. (Besonders Diskussionen einerseits über das Vermächtnis von Georg Lukács, andererseits über die Einschätzung Nietzsches haben mich in den letzten Jahren und Monaten in dieser Überzeugung bestärkt.)«104 Weiter schrieb er dann: »Professor Dr. Werner Mittenzwei (SED), Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste der DDR, hat sich schon mehrmals – und heute erneut wieder – dazu bereit erklärt, für mich zu bürgen.105 Lebhaft bestärkt wurde 104 Gegenüber Kurt Hager machte Harich am 23. September brie ich folgende Ergänzung: »Gestatten Sie mir aber bitte, Ihnen ein Wort der Erläuterung zu dem dritten der von mir in dem Schreiben dargelegten Motive zu sagen. Mein Wunsch, auf den Gebieten, für die ich kompetent zu sein glaube, am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied teilzunehmen, schließt zwei Bedürfnisse ein: a) Die Weitergabe meiner Kenntnisse, Erfahrungen und wissenschaftlichen Überzeugungen auf den Gebieten der Philosophie und Literaturwissenschaft an einen Kreis hierfür geeigneter Schüler bei gleichzeitigem Tonbandmitschnitt meiner Ausführungen; b) eine gleichzeitige Ein ussnahme auf denselben Gebieten auf unsere Verlagsproduktion, die, wie ich glaube, bis jetzt reiches und auch hochinteressantes humanistisches Erbe, das noch gänzlich unausgeschöpft ist, vernachlässigt (einschlägige konkrete Vorschläge und Gutachten von mir liegen z. T. seit Jahrzehnten dem Akademie-Verlag vor).« Darauf wird an anderer Stelle eingegangen. 105 An Werner Mittenzwei hatte Harich am 15. September 1987 geschrieben: »Und nun zu Ihrer liebenswürdigen und mich ehrenden Art, mich anzureden. (Mittenzwei schrieb immer: ›Lieber Genosse Wolfgang Harich!‹, AH) Seit Jahrzehnten warne ich Sie davor – und bin sofort tief gekränkt, wenn Sie’s einmal unterlassen. Nun aber möchte ich Sie beim 3 6 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ich in meiner Entscheidung von der Schriftstellerin Inge von Wangenheim (SED), die sich aber wegen der Seltenheit und Flüchtigkeit unserer persönlichen Kontakte außer Stande erklärte, eine regelrechte Bürgschaft für mich zu übernehmen. Ihre Befürwortung meines Parteieintritts resultiert lediglich aus Eindrücken, die sie aus Verö entlichungen von mir gewonnen hat. Entschieden befürwortet wird mein Parteieintritt ebenfalls von Dr. Sebastian Kleinschmidt (SED), Redakteur der Zeitschrift Sinn und Form der Akademie der Künste der DDR, der seine Bereitschaft zur Übernahme einer Bürgschaft für mich gesprächsweise andeutete. Von den Mitgliedern der Grundorganisation des Akademie-Verlages kann meine Arbeit unter dessen drei Verlagsleitern Ludolf Koven, Werner Mussler und Lothar Berthold am besten wohl Dr. Hermann Turley beurteilen. Ich würde ihn als zweiten Bürgen benennen, wenn er sich damit einverstanden erklären sollte, würde mich andernfalls aber mit der Bitte um die zweite Bürgschaft an Dr. Kleinschmidt von Sinn und Form wenden. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie über diesen Punkt mit Dr. Turley bald einmal sprächen. Ich war Mitglied der KPD seit Februar 1946 und der SED von deren Gründung bis 1956. Im Zusammenhang mit meiner Verurteilung wegen Staatsverbrechens wurde ich 1957 aus der Partei ausgeschlossen. Seit Dezember 1974 gilt meine Straftat als verjährt. Mit Rücksicht auf mein Herzleiden, das sich bei emotionalen Belastungen sehr zu verschlechtern p egt, bitte ich, mir hochnotpeinliche Befragungen über meine Vergangenheit so weit wie irgend möglich zu ersparen. Im Anschluss an meine Invalidisierung habe ich mich von April 1979 bis Oktober 1981 im kapitalistischen Ausland – mit Langzeitvisum – aufgehalten, und zwar 1979 in Österreich, 1980/1981 vor allem in der BRD, teils aber auch wieder in Österreich. Darüber, dass ich dort während dieser Zeit mit Kommunisten eng und freundschaftlich zusammengewirkt und mich in meinem Verhalten stets als meiner DDR-Staatsbürgerschaft würdig erwiesen habe, können Professor Dr. omas Schönfeld (KPÖ), Ordinarius für Chemie an der Universität Wien und Mitglied des Weltfriedensrates, sowie André Müller (DKP), wohnhaft in Köln, Chefredakteur der Zeitschrift Kultur & Gesellschaft des Demokratischen Kulturbundes der BRD, Auskunft geben.« Doch erneut machte sich schnell Ernüchterung breit. Wenn Harich mit seinem geplanten Parteieintritt und den verschiedenen Gesprächen, die er führte, die Ho nung Wort nehmen. Wenn mein Nietzsche-Aufsatz in Sinn und Form erschienen sein wird, will ich meine Aufnahme als Kandidat in die SED beantragen und dann Sie als einen der Bürgen benennen. Herzlichen Glückwunsch zu den daraus vermutlich erwachsenden Querelen! In alter Liebe und Freundschaft und junger Verehrung, Ihr Genosse« (Band 9, S. 466.) 3 6 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e verbunden hatte, dass sich auch die Nietzsche-Frage in seinem Sinne regeln werde, sah er sich enttäuscht. Am 16. Oktober 1987 schrieb er an den Kulturbund: »Friedrich Nietzsche war die negativste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart und ist dies geblieben. Mit Leuten, die dem Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die Deutsche Demokratische Republik – und damit auf die sozialistischen Länder überhaupt – Vorschub leisten, möchte ich nichts zu tun haben. Der Kulturbund tritt die Tradition seiner Gründungsväter mit Füßen, wenn er in den Räumen seines zentralen Klubs, der den Namen Johannes R. Bechers trägt, eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo ausstellt und zum Kauf feilbietet. Aus Protest dagegen erkläre ich hiermit aus dem Kulturbund und dem Klub der Kulturscha enden meinen Austritt. In der Anlage erhalten Sie mein Mitgliedsbuch zurück. (Auch die Mitgliedsbeiträge für 1985 wurden von mir bezahlt; die Beitragsmarken für dieses Jahr habe ich allerdings nicht erhalten.)« Dass in der »Angelegenheit Nietzsche« die Dinge weiterhin äußerst problematisch wären, schrieb Harich am 19. Oktober 1987 erneut an Kurt Hager. Er machte drei Tatsachen geltend: 1) »Die Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo, die mir den Anstoß zu meiner warnenden und protestierenden Eingabe vom 22. Dezember 1985 gab, wird nicht nur nach wie vor im Buchhandel angeboten, sondern jetzt auch im zentralen Klub der Kulturscha enden ›Johannes R. Becher‹ in der Nuschkestraße. Ihre Hinweise auf dem Kulturbund-Kongress in Karl-Marx-Stadt, die sich ohne Nennung des Namens gegen Nietzsche richteten, scheinen also nicht verstanden worden sein. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen, unter Protest aus dem Kulturbund und dem Klub der Kulturscha enden auszutreten. (Die Kopie meines diesbezüglichen Schreibens füge ich hier bei.) 2) Mein Gutachten vom 17. Juni 1987, das mit ausführlicher Begründung davor warnt, Heinz Malornys Buch Die Philosophie Friedrich Nietzsches zu verö entlichen, ist mir bisher in keinem einzigen Punkt widerlegt worden. Mein Gutachten wird aber nicht beachtet. Sowohl der Autor als auch der Akademie-Verlag und selbstverständlich auch die Leitung des Zentralinstituts für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR bleiben bei der Entscheidung, dass das Buch erscheinen soll. Die Folgen für die ideologische Diskussion in unserem Lande halte ich für katastrophal und kann vor ihnen nur warnen. 3 6 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 3) Die interne, diskrete Diskussion Nietzsche und die Folgen im ZI für Philosophie der AdW am 16. Oktober 1987« sei völlig im Sande verlaufen.106 Im Zuge der gerade geschilderten Entwicklungen wurde Harich sukzessive immer klarer, dass all seine Eingaben, Mahnungen und Beschwerden keinen Erfolg hatten, schlichtweg nichts nutzten. Er wandte sich, im Frühjahr 1987, also ein halbes Jahr vor diesem Brief, an Erich Honecker. (Mit diesem Vorgang beschäftigte sich das vorangegangene Unterkapitel.) Nachzutragen bleibt an dieser Stelle noch, dass auch Harichs Versuche, mit seinem Gutachten und persönlichen Interventionen den Druck des Nietzsche-Buches von Heinz Malorny zu verhindern, erfolglos blieben. Das ursprüngliche erste Gutachten (vom 17. Juni 1987) ist leider im Nachlass Harichs nicht erhalten, sein zweites, datiert auf den 29. April 1988, kann dagegen im vorliegenden Band präsentiert werden. Bereits am 26. April hatte Harich einen Brief an Lothar Berthold geschrieben, der sich vor allem mit der Rolle Manfred Buhrs auseinandersetzt und an anderer Stelle (im Zusammenhang mit dessen Aufsatz in der Sinn und Form) behandelt wird. Es ist nicht notwendig, Harichs Gutachten hier ausführlich zu analysieren. Wichtig war ihm der Hinweis, dass sich im zurückliegenden Jahr nationalsozialistische Tendenzen sowohl im Westen als auch im Osten verstärkt gezeigt hätten, so dass es nur noch dringlicher sei, die Nietzsche-Diskussion in der DDR zu beenden.107 Gegen Malornys Buch brachte Harich folgende Argumente vor: 106 Hierzu ausführlicher in den beiden Unterkapiteln zu den Angri en auf Harich: Nietzsches Genossen. 107 »Gegenüber dem Vorjahr, aus dem mein vom 17. Juni 1987 datiertes, bereits ebenfalls ablehnendes Gutachten stammt, hat das Wiederau eben rechtsradikaler Umtriebe und Tendenzen, dem die Nietzsche-Renaissance wohl nicht zufällig vorausgegangen ist und mit dem sie koinzidiert, sich erheblich verstärkt. Ich brauche nur an die Wahlerfolge rechtsextremer Gruppierungen und Parteien besonders in Frankreich, desgleichen in Italien und neuerdings auch in der BRD – hier namentlich vor kurzem in Baden-Württemberg –, an den bundesdeutschen Historikerstreit, der durch die infame Geschichtsklitterung Ernst Noltes ausgelöst wurde, und an ähnlich beunruhigende Erscheinungen zu erinnern. Leider strahlt dies auch auf die DDR aus; es genügt, an die brutalen Aktivitäten von Skinheads und die Schändung jüdischer Grabstätten bei uns zu denken. Ins Haus steht, vor diesem Hintergrund, der 100. Geburtstag Hitlers: am 20. April 1989. Unter derartigen Umständen sollte die Nietzsche-Diskussion bei uns endlich, endlich beendet werden.« 3 6 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Verf.s (gemeint ist Heinz Malorny, AH) Buch ist, obwohl der Intention nach gegen Nietzsche gerichtet, geeignet, ihr (der Nietzsche-Renaissance, AH) neue Nahrung zuzuführen und sie auszuweiten. Schon die zu erwartenden Rezensionen, in Ost und West, von links wie von rechts, würden dafür sorgen. Und nicht nur die DDR, auch die übrigen sozialistischen Ländern, bis hin nach China und Korea, würden davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Allein die Bereitschaft, Nietzsche weiterhin die Würde eines Gegenstandes geistiger Auseinandersetzung zuzubilligen, wäre in ihren Folgen verheerend. Die Verantwortung dafür, dem de nitiv Einhalt zu gebieten, fällt dem sozialistischen Teil des Geburtslandes von Marx und Engels, dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, zu. Ich bestreite, dass Verf.s Buch und dessen Befürworter dem Rechnung tragen. Die Bildungslücken des Verf.s, seine oft primitiven Argumentationen – primitiv gerade auch da, wo er sachlich recht hat – und seine unbeholfene Schreibweise bringen den Marxismus-Leninismus, den er vertritt, in Misskredit und geben zugleich seinen zahlreichen Zitaten aus Nietzsche sowie seinen Skizzierungen des Inhalts Nietzschescher Werke eine Folie, die sie doppelt und dreifach als aufregend interessant und attraktiv erscheinen lässt und den Appetit der Leser auf die Originaltexte, statt ihn zu dämpfen, weckt und anreizt bzw. weiter steigert. Es lässt sich, folglich, voraussehen, dass der Druck auf unsere kulturpolitischen Institutionen und unsere Verlage, Nietzsche bei uns frei verkäu ich auf den Markt zu bringen, sich durch Verf.s Buch und die dann unvermeidlichen Auseinandersetzungen darüber noch enorm verstärken wird. Verf. selbst ist viel zu bieder und unbedarft, um dann den Befürwortern Nietzsches, die an dem zutre enden Teil seiner Einschätzungen Anstoß nehmen werden, gewachsen zu sein.« Schließlich nahm Harich auch noch einmal zu dem Zusammenhang von Nietzsche und Lukács Stellung und machte gleichzeitig darauf aufmerksam, welche Einstellungen und Erfahrungen den Bürgern und den Jugendlichen der Gesellschaft der DDR mit Blick auf den Nationalsozialismus und auf Nietzsche verdeutlicht werden müssten: »So sehr es anzuerkennen ist, dass Verf. nunmehr, im Unterschied zur Erstfassung seines Manuskripts, damit aufgehört hat, die Verdienste von Lukács zu unterschlagen bzw. in ihrer Bedeutung herabzusetzen, so unangemessen ist es, dass er jetzt die Priorität seiner Leistungen im Kampf der KPD gegen Nietzsche dadurch in Frage stellt, dass er sie – zu Gunsten des inhaltlich bei weitem schwächeren Hans Günther – nicht wahrhaben möchte. Er erreicht das dadurch, dass er die bahnbrechende erste Abrechnung Lukács’ mit Nietzsche, nämlich die mit dessen in faschistische Ideologie einmündenden ästhetischen Au assungen, einfach unerwähnt lässt. Lukács’ betre ender Aufsatz von 1934 ist den 3 6 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Arbeiten von Hans Günther zum ema Nietzsche vorausgegangen und hat diese entscheidend inspiriert. Günther war in dieser Frage – und nicht nur in ihr – Lukács’ Schüler. Dabei gehört auch das Vermächtnis von Lukács, jedenfalls was seine zwischen 1931 und 1945 gescha enen Arbeiten anbelangt, in nicht geringerem Maße als das von Günther, zur Tradition der KPD, der Lukács damals als Mitglied angehört hat. (Er war davor, 1929 bis 1931 Mitglied der KPdSU gewesen und wurde erst 1945 wieder Mitglied der ungarischen Partei.) Übrigens ist auch hier wieder zu sagen, dass, was Verf. abermals verschweigt, ich das Verdienst habe, Mehring, Lukács und Günther als die gleichsam klassischen Vertreter marxistischer Nietzsche-Kritik herausgestellt zu haben. Verf.s emphatische Beteuerungen, dass Nietzsche kein Faschist gewesen sei, sind, auch wenn er sich da auf weit zurückliegende Äußerungen Lukács’ und Günthers berufen kann, zwar nicht falsch, aber mindestens müßig – so wie es müßig wäre, festzustellen, dass Jesus zu keiner christlichen Kirche gehört hat, dass Rousseau kein Jakobiner gewesen ist, dass gar Marx über sich selbst einmal gesagt hat: ›Je ne suis pas marxiste‹ – und überdies im Hinblick auf die heutige Situation und Problemlage wenig hilfreich, um nicht zu sagen irritierend und daher sogar schädlich. Worauf es heute ankommt, ist, der jetzt lebenden Generation und insbesondere den Jugendlichen klarzumachen, dass Nietzsche die faschistische Ideologie in ihrer strategischen Substanz gescha en hat, die dann nach ihm von den diversen Faschismen verschiedener Länder deren unterschiedlichen Bedingungen taktisch angepasst und dementsprechend modi ziert werden musste, so in Hitlerdeutschland dem Klassenauftrag der reaktionärsten, aggressivsten Kräfte der imperialistischen Bourgeoisie, die im kapitalistischen Teil der Welt damals beispiellos starke revolutionäre (KPD) und reformistische (SPD) politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung brutal nieder zu werfen und dies mit einem ungeheuren Aufwand an Sozialdemagogie (daher der irreführende Begri ›Nationalsozialismus‹) ideologisch zu ankieren. Daraus – und daraus allein – ergeben sich Di erenzen zu dem originären Nietzsche, deren wahrer Bedeutung man mit abwiegelnden Versicherungen, Faschist sei er nicht gewesen, nicht beikommt. Ohne Re exion dieses geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhanges geraten sie zur Apologie. Richtiger wäre es, zu sagen, er war ideologisch Faschist, noch bevor die Reaktion einen reellen politischen, einen praktischen Faschismus nötig hatte.« Harichs Urteils zu Malornys Projekt blieb konsequent: »Ich kann nicht inständig genug vor diesen Buch warnen. Auch so, wie es jetzt vorliegt, ist es und bleibt es überwiegend schädlich.« 3 6 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 8. Nietzsches Genossen 1: Stephan Hermlin und die Schriftsteller der »Republik« Harichs Revision des marxistischen Nietzschebildes? (wie bereits erwähnt: erschienen im 5. Heft der Sinn und Form von 1987) schlug ein wie eine Bombe. Im Westen gab es verschiedene Zeitungsartikel sowie mediale Beiträge. Am 7. April 1988 schrieb Harich beispielsweise an Gregor Schirmer, dass »der Gegner im Westen mich sowieso aufs Heftigste angreift mit der Begründung, dass ich, als der ›Savonarola‹ der ›Altstalinisten‹ um Kurt Hager, meine Philippika gegen unsere Nietzsche-Verteidiger vom Stapel gelassen hätte. (So Die Zeit, Hamburg, Nr. 46, vom 6. November 1987, Seite 57.)« Auch im Osten war in den nächsten Monaten und Jahren die Kritik an Harich freigegeben. Er galt nun als ein Relikt des Stalinismus, fordere er doch die Gängelung und Kontrolle der Sphären der Kultur und Wissenschaft mit staatlichen Mitteln und Verboten. Kritisiert wurde er paradoxerweise von Personen, die so eng mit dem SED-Regime verwoben waren, dass das sprichwörtliche Blatt Papier zwischen ihnen und dem bürokratischen Parteiapparat nur schwer einen Platz gefunden hätte. Harich selbst war froh, dass er sich in der Sinn und Form endlich hatte zu Wort melden dürfen und begri dabei nicht, dass ihn die Partei bloßgestellt hatte. Im zeitlichen Umfeld der Publikation seines Aufsatzes schien sich für ihn die Situation zu verbessern und seine Anliegen auf ein »o enes Ohr« zu stoßen. Die Publikation und auch die endlich beginnende »interne Selbstverständigung« über Nietzsche und Lukács deutete er als positives Zeichen. Am 4. September 1987 hatte ihn Manfred Buhr zu einer Diskussion über Nietzsche und die Folgen eingeladen, die am 16. Oktober statt nden sollte.108 Über diese Veranstaltung äußerte sich Harich – auch in diesem Fall machte sich schnell Ernüchterung breit – in einem Brief an Kurt Hager vom 19. Oktober 1987 wie folgt: »Die interne, diskrete Diskussion Nietzsche und die Folgen im ZI für Philosophie der AdW am 16. Oktober 1987, zu der auch ich eingeladen war, ist ausgegangen wie das Hornberger Schießen. Mit meinen Forderungen, die darauf gerichtet waren, ein Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die DDR und die übrigen sozialistischen Länder zu verhindern, 108 Harich schrieb am 25. September 1987 an Manfred Buhr: »Ihre vom 4. September datierte Einladung habe ich erst bei der Rückkehr von einer Reise zu Hause vorgefunden. Haben Sie vielen Dank dafür. Ich werde ihr gerne Folge leisten und zu der Diskussion über Nietzsche und die Folgen am Montag, dem 16. Oktober 1987, 10:00 Uhr, in Raum 415 erscheinen, zusammen mit meiner Frau, die mich wegen meiner Invalidität bei derartigen Gelegenheiten zu begleiten p egt.« 3 7 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re habe ich mich nicht durchsetzen können, obwohl es keinem der Anwesenden, auch nicht den Nietzsche-Befürwortern Middell, Reschke und Tomberg, gelungen ist, meinen in Sinn und Form, Heft 5, 1987, abgedruckten Aufsatz auch nur teilweise zu entkräften. (Der in dem Aufsatz kritisierte Heinz Pepperle war zu der Versammlung, obwohl eingeladen, nicht einmal erschien.) Die Propagierung Nietzsches bei uns wird unabsehbar fortgehen. Ich bin überzeugt, dass in dieser Situation nur noch ein unmissverständliches Machtwort der Partei, von Ihnen sozusagen ex cathedra ausgesprochen und begleitet von entsprechenden Verbotsmaßnahmen, drohendes Unheil abwenden kann.« Vom 24. bis zum 27. November 1987 fand in Berlin der X. Schriftstellerkongress der DDR statt. Auf dieser Veranstaltung wurde die Kritik an Harichs Nietzsche-Verständnis dann »o ziell« genehmigt. Anne Harich schrieb in ihren Erinnerungen: »Der Verbandsvorstand der Schriftsteller hatte sich, laut Protokoll, dazu entschlossen, den Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der SED und weitere ranghohe Genossen aus den verschiedenen Ministerien sowie namhafte Schriftsteller im Präsidium Platz nehmen zu lassen. Kurt Hager und Klaus Höpcke zählten zu den auserwählten ›Freunden und Genossen'. Stephan Hermlin erinnerte in seiner Erö nungsrede an den ersten Schriftstellerkongress nach dem Krieg – an dem auch Wolfgang Harich teilgenommen und dort gesprochen hatte109 –, und er erinnerte an sich: ›Ich kam damals als Eingeladener aus Frankfurt am Main, ich war der vielleicht jüngste Teilnehmer und gehörte auf Wunsch der Veranstalter sogar zu den Rednern.'110 Am Ende seiner Einführung äußerte er: ›In den vergangenen Jahren waren wir uns nach langem Zögern ziemlich einig darüber, dass der Literatur eine wesentliche Aufgabe bei der Vermenschlichung des Menschen zufällt. Ich wünsche mir, dass darüber gesprochen wird.‹ Danach ergri Hermann Kant das Wort. In seiner Rede streute er ganz nebenbei ein Lob an Kurt Hager ein, der ›über Kafka so respektvoll wie meines Wissens kein Politiker vergleichbaren Ranges‹ vor der Akademie der Künste so befreiend gesprochen hatte. Und im Ton, als sei er abschwei g geworden, fuhr er fort: ›Doch halt, jetzt soll ja nicht von Freunden, sondern von Pech und Schwefel die Rede sein. Nach denen schmeckt mir ein Beitrag in Sinn und Form, dessen Verfasser uns zwar vor Nietzsche bewahren möchte, die Gelegenheit aber nutzt, mühsam erreichte Kulturpositionen in Frage zu 109 Harichs Redebeiträge auf den ersten drei Schriftstellerkongressen der SBZ/DDR, 1947– 1952, werden präsentiert in: Band 1.3, S. 1554–1580. Dort auch eine Einleitung (Die ersten Schriftstellerkongresse der DDR) des Herausgebers (S. 1521–1553). 110 Hermlin sei korrigiert: Der jüngste Teilnehmer und Redner war ausgerechnet Harich. 3 7 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e stellen. Es geht um unseren Umgang mit Geschichte und kulturellem Erbe und schwieriger Kunst, und da man diesen Aufsatz mehrfach als eine Wegweisung für unseren Kongress missdeutet hat, sei klipp und klar erklärt, dass wir mit derlei Polpotterien nicht zu scha en haben. Niemand braucht zu besorgen, es gehe hier künftig nun, weil Untern Linden wieder eine alte Bronze steht, rückwärts nach Preußen.‹ Nach dem beruhigenden Hinweis Kants folgte ein Beitrag von Hermlin, der ausschließlich der Person Wolfgang Harich und seinem Aufsatz in Sinn und Form gewidmet war. Er teilte den Zuhörern nicht mit, warum sich Harich sträube, Nietzsche aus dem humanistischen Erbe auszuschließen. Hermlin gab in seinem Beitrag zu, dass er kein Nietzsche-Experte sei, dennoch fragte er sich, ›was ein solcher anachronistischer Müll im Jahre 1987 in der Zeitschrift unserer Akademie zu suchen hat!.«111 Hermlins Rede wird gleich im Zusammenhang mit der Publikation der Meinungen zu einem Streit, die die Sinn und Form in ihrem 1. Heft von 1988 herausbrachte, analysiert, da an dieser Stelle Hermlins Beitrag zum Abdruck kam und Harich ihn erst in diesem Zusammenhang wahrnahm. Anne Harich fällte über Hermlins Auftritt folgendes Urteil: »Die mutige Stimmen der Opposition hatte sich zu Wort gemeldet. Honecker, Hager, Höpcke, die Antifaschisten im Saal hatten die Stimme vernommen. Sie blieben stumm. Die Verachtung ex cathedra traf nicht das Erbe Nietzsches, sondern Harich. Das, was er von der Führung eines sozialistischen Staates verlangte, traf ihn selbst. Dafür hatte er eigens den Weg gebahnt, hatte die Ideen zu einer erfolgreichen Inszenierung geliefert, nun saß er fassungslos über den Ausgang seiner Bestrebungen da.«112 An anderer Stelle schrieb sie: »Ich weiß nicht, wer Harich über die Reden, die Kant und Hermlin während des Schriftstellerkongresses gehalten haben, unterrichtet hat. Wir besaßen kein Fernsehgerät. Ich weiß nur, er erzählte mir, Kant habe ihn als Pol Pot bezeichnet und Hermlin habe ›Furchtbares‹ über ihn gesagt. Er trug das ›Furchtbare‹ mit sich herum. Das schwebte zwischen uns. Wir getrauten uns nicht, laut darüber zu reden. Das ›Furchtbare‹ ließ ihn immerzu mit dem Kopf schütteln, als wollte er etwas loswerden, und das ›Furchtbare‹ bohrte he rum in seiner dünnhäutigen Seele, die sich dafür an seinem Körper, an seinem Wohlbe nden 111 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 285 f. 112 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 287. 3 7 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re rächte. P ichtgemäß setzte er sich an den Schreibtisch. Die Hartmann-Konzeption musste zu Ende gebracht werden. Mit der Arbeit stand er in der Schuldigkeit des Akademie-Verlages. Bei aller Liebe zu ihr, plagte er sich oft mit und in ihr. Es el ihm schwer, sich darauf zu konzentrieren. Die äußeren Umstände nagten an ihm. Tauchte er aus der geistigen Konzentration zurück in das Alltägliche, stürmte das verdrängte ›Furchtbare‹, die Schmach, die ihm angetan wurde, in ihn zurück. Bedrückt sah er mich an. In solch einem Zustand verhielt er sich nie launisch, mürrisch oder grob zu mir. Im Gegenteil, er suchte, nahe bei mir zu sein. Ein Außenstehender hätte nichts bemerkt. Und dann verschwand das ›Furchtbare‹ wie eine vorübergehende Krankheit: Hatte ihn ein Unheil getro en, suchte er nach dessen Ursachen – er selbst rechtfertigte sich nie –, packte es nach rei icher Überlegung dem Überstandenen hinzu und machte sich aufs Neue daran, das zu sagen, was gesagt werden muss.«113 Es war schon merkwürdig (und ist es heute noch). Hermann Kant verglich Harich mit Pol Pot, Hermlin verteidigte die Freiheit – alle waren sie gegen Harich, in der Tat mutig wie selten zuvor. Und doch hat die Sache einen Haken: Die Bilder, die dem Protokollband des Schriftstellerkongresses beigefügt sind, zeigen uns Kant und Hermlin jeweils lachend neben Erich Honecker. Widerstand und die Suche nach Freiheit stellt man sich dann doch etwas anders vor. In den Weißenseer Blättern erschien im Dezemberheft 1987 einer der ganz wenigen Texte, die sich in der DDR positiv zu Harich stellten. Unter dem Titel Das geht auch uns an hatte sich Hanfried Müller wie folgt geäußert: 113 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 291 f. Honecker und Hermlin Honecker und Kant 3 7 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Am 24. November 1987 gegen 19:30 Uhr wurde der Bildschirm der Aktuellen Kamera zum Tribunal. Das Delikt: Schmähung Nietzsches; der Delinquent: Wolfgang Harich; Ankläger und Richter: Stephan Hermlin; das Urteil: ›reaktionäre Rückwärtswendung in Richtung erledigter Positionen'; Beweismittel: Aufsatz des Reaktionärs in Sinn und Form, Heft 5, 1987, S. 1018–1053, zum ema: Revision des marxistischen Nietzschebildes? Der Prozess fand ö entlich statt: Vor dem Plenum des Schriftstellerkongresses der DDR. Was geht uns das an? Schwerlich können wir tolerieren, dass die Toleranz von Toleranzforderern eben dort ihre Grenze ndet, wo es gilt, die Wahrheit zu tolerieren. Makaber erscheint es uns, wenn Antidogmatiker ›dogmatisierend‹ als ›Dogmatiker‹ mit ihren geistigen Gegnern umgehen, und dabei Töne anschlagen, deretwegen sie den Meinungsstreit, wie er in den fünfziger Jahren geführt wurde, oft über Gebühr verurteilen. Es kann uns nicht kalt lassen, wenn der o ene geistige Kampf um bessere Erkenntnis, den wir wollen, sich selbst diskreditiert, indem dabei die durch die Geschichte gewonnene Einsicht diskriminiert und mundtot gemacht wird. Aber all das ist nicht die Hauptsache. Nicht um die Form, sondern um die Sache geht es. Nichts gegen klare Worte, auch wenn sie hart klingen! Nichts gegen gerechte Urteile, auch wenn sie streng sind! Kein Einspruch, wenn man Nietzsche einen Reaktionär nennt und eine Nietzsche-Renaissance als eine ›reaktionäre Rückwendung in Richtung erledigter Positionen‹ bezeichnet. Hermlin aber – und nicht nur er – sagt das Gegenteil.«114 Von der vorwiegend negativen Aufnahme seines Nietzsche-Artikels und den Attacken auf dem Schriftstellerkongress war Harich sehr enttäuscht und schwer getro en (wie gerade in den Schilderungen Anne Harichs zu lesen war). Es wurde ihm dadurch aber auch bewusst, wie wichtig sein Kampf gegen Nietzsche und sein Eintreten für Lukács war. Dennoch war er nicht mehr bereit, sich von der Partei quasi am Nasenring durch die Manege führten zu lassen. Er wollte diskutieren, nicht aber zur Schau gestellt werden. In diesem Sinne reagierte er sehr gereizt auf eine Anfrage, die ihn am 25. November 1987 erreichte: Er sollte an einem Streitgespräch mit Heinz Pepperle über Nietzsche teilnehmen, veranstaltet vom Kulturbund Magdeburg. Seine Antwort war harsch: 1) »Ich bin aus dem Kulturbund unter Protest ausgetreten, weil die zentrale Leitung des Kulturbundes es zugelassen hat, dass eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo im Klub der Kulturscha enden ›Johannes R. Becher‹ in der 114 Müller, Hanfried: Das geht auch uns an, in: Weißenseer Blätter, Heft 12, 1987. Zit. nach: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 289 f. 3 7 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nuschkestraße 3, Berlin 1080, ausgestellt und zum Verkauf feilgeboten worden ist. Es versteht sich, dass, nachdem ich diesen Schritt getan habe, ich nun nicht an Kulturbundveranstaltungen mehr aktiv teilnehmen kann. 2) Herr Pepperle hatte Gelegenheit, zu meiner Kritik an seinen Äußerungen über Nietzsche Stellung zu nehmen, und hat davon keinen Gebrauch gemacht. Eingeladen zu einer diesbezüglichen Diskussion unter Fachleuten, zu der auch ich gebeten worden war, ist er, ohne einen Grund für sein Fernbleiben mitzuteilen, einfach nicht erschienen. Mit ihm gemeinsam eine Veranstaltung zu bestreiten, lehne ich nach dieser feigen Brüskierung ab. 3) Als der eigentliche Schöpfer der faschistischen Ideologie kann Nietzsche in einem sozialistischen Land nicht Gegenstand geistiger Auseinandersetzung sein. Wenn ich mich trotzdem einmal dazu hergegeben habe, so nur deswegen, weil die Verö entlichung von Pepperles Elaborat und die alarmierende Tatsache, dass es viele – auch ein ussreiche – Leute bei uns es für höchst kritisch hielten, mir keine andere Wahl mehr ließen. Damit muss es nun aber genug sein. Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, dass Nietzsche bei uns im Gespräch bleibt, werde ich in keiner Weise mehr unterstützen. Im Übrigen habe ich Besseres zu tun.« Und er ergänzte: »Das Datum Ihres Briefes erweckt in mir den Verdacht, dass Sie zu Ihrer Anfrage an mich durch das Auftreten Stephan Hermlins auf dem Schriftstellerkongress animiert worden sind. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass Hermlin von Philosophie nicht die geringste Ahnung hat, also zu Aussagen über Nietzsche gar nicht kompetent ist, dass nun aber auch seine politisch-ideologische Urteilskraft sich als höchst problematisch erwiesen hat, nachdem ihm meine Darlegungen über Nietzsches Kriegshetze, seinen Rassismus und Antisemitismus, seine Verächtlichmachung des weiblichen Geschlechts usw., nicht zu denken gegeben haben.«115 115 Am nächsten Tag sendete Harich einen kurzen zweiten Brief hinterher: »Der Brief, den ich gestern an Sie geschickt habe, tut mir nach ruhiger Überlegung leid. Ich habe einzig und allein in das Datum Ihrer an mich gerichteten Einladung und, in diesem Zusammenhang, in die Anrede als Genosse eine Provokation hineininterpretiert, die ich, natürlich, in keiner Weise beweisen kann. Ich kann die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Ihr Brief an mich auch durchaus wohlwollend oder, zumindest, rein sachlich interessiert gemeint ist. So bitte ich Sie, mir meine Ausfälle gegen Pepperle und auch den Ton, den ich Ihnen gegenüber angeschlagen habe, nachzusehen. Bei meiner Absage muss es nichtsdestoweniger bleiben, weil ich a) aus dem Kulturbund ausgetreten bin, b) Pepperles Ausweichen vor einer Auseinandersetzung mit mir nicht ohne Weiteres hinnehmen kann 3 7 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Einen Ausblick auf die weiteren Ereignisse der Nietzsche-Debatte, verbunden mit der Stellungnahme zu den aktuellen Problemen, gibt ein Brief vom 27. Dezember 1987, den Harich an Max Walter Schulz, den Chefredakteur der Sinn und Form, sendete: »In Sinn und Form, Heft 1, 1988, werden mehrere Beiträge erscheinen, die sich ablehnend auf meinen Beitrag zu Nietzsche in Heft 5, 1987, beziehen, darunter eine Antwort Heinz Pepperles, mit der die Diskussion in Sinn und Form ihren Abschluss nden sollen. Bitte machen Sie mir diese Arbeiten so schnell wie möglich zugänglich und sorgen Sie dafür, dass ich noch in Heft 2, 1988, dazu Stellung nehmen kann. Ich glaube, darauf besonders im Hinblick auf den neuerlichen Beitrag Pepperles einen Anspruch zu haben. Pepperle hat sich einer Diskussion mit mir unter Fachkollegen, zu der er eingeladen worden war, ohne ein Wort der Entschuldigung entzogen. Es wäre im höchsten Maße ungerecht gegen mich, behielte er jetzt trotzdem in der Ö entlichkeit das letzte Wort. Die Berechtigung meines Wunsches werden Sie um so mehr einsehen, wenn Sie sich die Leserzuschrift angesehen haben werden, die Robert Steigerwald (DKP) in der Düsseldorfer Deutschen Volkszeitung (Die Tat) verö entlicht hat und von der ich Ihnen hier eine Abschrift übersende (auch die Xerokopie steht Ihnen bei Bedarf zur Verfügung). Sie ersehen aus Steigerwalds Beitrag, das im Frühjahr 1988 in der BRD eine von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal ausgerichtete Konferenz über das Verhältnis der Linken zu Nietzsche statt nden wird. Es ist leicht abzusehen, dass dabei die Nietzsche-Diskussion in der DDR eine erhebliche Rolle spielen wird. Was aber weiß man über meine Argumentation dazu? Mein Beitrag ist praktisch unter Ausschluss der Ö entlichkeit erschienen, und die Berichterstattung darüber war sowohl bei uns, gelegentlich des Schriftstellerkongresses, als auch in der Presse der BRD (von der Welt über die Zeit bis zur Deutschen Volkszeitung), desgleichen in Rundfunk und Fernsehen beider deutscher Staaten unsachlich und gegen mich im höchsten Maße gehässig. Ich kann mir eine solche Behandlung nicht länger gefallen lassen.« Doch es war nie geplant, Harich erneut in Sachen Nietzsche ö entlich zu Wort kommen zu lassen. Die Ecke, in die er gedrängt worden war, sagte der Partei mehr als nur zu, und sie wollte, dass er darin verbleibe. Gegenüber Gregor Schirmer machte er in einem Brief vom 25. Januar 1988 daher völlig umsonst geltend, dass ihm versprochen und c) überhaupt nie mehr dazu beitragen möchte, dass die unleidige, schädliche Nietzsche-Diskussion sich noch weiter ausdehnt, sondern sie lieber beendet sähe.« 3 7 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re worden sei, dass sein Beitrag die letzte Äußerung zu Nietzsche sein werde.116 Harichs Einspruch hatte keinen Erfolg, das Heft der Sinn und Form mit den Meinungen zu einem Streit erschien im Frühjahr 1988.117 Er sprach nach dem Erscheinen immer von einer herben Enttäuschung, die er erlitten habe. Beispielsweise in einem Brief an Walter Grab vom 25. September 1988 von »für mich sehr deprimierenden Meinungen zu diesem Streit«. Abgedruckt wurden unter anderem die Rede Stephan Hermlins vom Schriftstellerkongress, eine Stellungnahme Manfred Buhrs, verschiedene kleinere Wortmeldungen und ein abschließender Aufsatz von Heinz Pepperle. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass allen Lesern klar war, dass mit den esen von Hermlin und Buhr die Meinung der Partei präsentiert wurde. Im weiteren Verlauf bietet es sich an, der gerade vorgestellten Chronologie bei der Rekonstruktion zu folgen. Stephan Hermlin hatte, wie gesagt, seine Rede Von älteren Tönen bereits auf dem Schriftstellerkongress gehalten, Harich nahm ihren Inhalt aber erst durch den Abdruck in der Sinn und Form im genauen Wortlaut zur Kenntnis. Bis dahin kannte er sie nur vom Hörensagen. Hermlin begann seine Ausführungen damit, dass er im Sommer 1987 einen dreizehnseitigen Brief erhalten habe, von einem Schreiber, der ihn jedes Jahr mit ein oder zwei langen Briefen bedenke, die er nicht beantworte. (Gemeint ist der bereits behandelte Brief Harichs an Hermlin vom 9. Mai 1987.) Dieser Brief werde mit dem Satz erö net, dass er, Hermlin, behauptet habe, dass in der DDR »keine 116 »Sie werden sich erinnern, dass bei unserer Besprechung am 18. Mai 1987 im Haus an der Spree vom Politbüromitglied und Sekretär des Zentralkomitees, Professor Kurt Hager, festgelegt worden war, dass mit dem Abdruck meines Beitrags zu Nietzsche in Sinn und Form die Diskussion dort ihren Abschluss nden soll. Diese Festlegung wird dort nun nicht eingehalten. In Heft 1, 1988 von Sinn und Form werden mehrere gegen mich Stellung nehmende Zuschriften erscheinen, und das letzte Wort wird dazu im selben Heft Dr. Heinz Pepperle haben. Dies ist um so ungerechter gegen mich, nachdem Pepperle sich einer Diskussion mit mir unter Fachleuten, die am 16. Oktober 1987 zum ema Nietzsche und die Folgen im ZI für Philosophie der AdW stattfand und zu der auch er eingeladen war, ohne ein Wort der Entschuldigung entzogen hat. Nachdem mir die Dispo si tion zu diesem ema in Heft 1, 1988 von Sinn und Form bekannt gegeben worden war, habe ich mich am 18. Dezember 1987 (27. Dezember 1988, AH) darüber in einem Brief an Prof. Max Walter Schulz beschwert und ihm erklärt, dass ich für mich das Recht in Anspruch nähme, auf Pepperles neuen Beitrag und die Zuschriften gegen mich zu replizieren. Hierauf hat Prof. M. W. Schulz mir bis heute nicht geantwortet. Eine solche Behandlung kann ich mir unmöglich gefallen lassen.« 117 Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 179–220. 3 7 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e ungedruckten Manuskripte« existieren würden. »Es gäbe aber zumindest eines, nämlich einen ungedruckten Aufsatz von ihm«. Und wenn er diesem nicht zum Druck verhelfen werde, so sehe sich der Briefschreiber, Harich, gezwungen, ihn »ö entlich zu desavouieren«. »Weitaus schlimmer« wäre es für Hermlin jedoch, »irrtümlich belobigt« zu werden, da der Aufsatz inzwischen erschienen sei – Harichs Nietzsche-Beitrag.118 Harichs Ansichten seien ein Relikt der Stalin-Shdanowschen Kulturpolitik. (Was, unabhängig vom Fall Nietzsche, insofern tatsächlich eine echte Unterstellung, Verdrehung war, als Harich als einer von ganz wenigen schon vor dem Tod Stalins und Shdanows für eine Liberalisierung von Kultur und Wissenschaften sich unter erheblichen persönlichen Problemen eingesetzt hatte. Erinnert sei nur daran, dass er als einziger Intellektueller der DDR der Trauerfeier für Stalin fernblieb. Erinnert sei an sein, gemeinsam mit Bertolt Brecht geleistetes, Engagement gegen die Staatliche Kunstkommission im Zuge des Aufstandes von 1953. Von Harichs damaliger Haltung legen ebenfalls seine Reformschriften aus dem Jahr 1956, allen voran das Vademecum, Zeugnis ab. Harich agierte in Zeitumbrüchen, in denen Hermlin schwieg – damals wäre Protest beschwerlicher und gefährlicher gewesen als 1987.) Hermlin formulierte: »Für Harich manifestiert sich Kulturpolitik vor allem durch Verbote und Vernichtung.« Ihre letzte Begegnung liege knapp 15 bzw. 20 Jahre zurück, damals habe Harich, ebenfalls in einem Artikel für die Sinn und Form, das Verbot der Stücke von Heiner Müller gefordert.119 Sein aktueller, »von Hysterie und einem in doppeltem Sinne zu verstehenden Verfolgungswahn geprägter Aufsatz« wende sich nun gegen den Versuch, »Nietzsches schwierige und tragische Gestalt anders darzustellen, als es nach Harichs Meinung erlaubt sein sollte«.120 Hermlin dagegen sah Nietzsche »als einen der anregendsten Schriftsteller der letzten hundert Jahre«, von dem »leider mehr als eine Verbindung zum Faschismus hin reicht«, an dem aber nichtsdestotrotz kein Künstler, Schriftsteller oder Musiker vorbeigekommen sei. »Nietzsche existiert nicht in der DDR; ich halte das für einen Mangel, weil Sozialisten an keiner wesentlichen Gestalt vorbeigehen können.« Für Hermlin war klar, 118 Hermlin, Stephan: Von älteren Tönen, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 179. 119 Gemeint ist: Harich: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der Macbeth-Bearbeitung Heiner Müllers, in: Sinn und Form, Heft 1, 1973, S. 189–254. 120 Hermlin: Von älteren Tönen, S. 180. 3 7 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re dass die Beschäftigung mit Nietzsche Konsequenz der Ausweitung und Ö nung der Kulturpolitik der DDR sein müsse.121 »Was hier statt ndet und uns allerdings besonders betri t, ist eine reaktionäre Rückwärtswendung in Richtung auf erledigte Positionen, die hunderten von fortschrittlichen Künstlern in vielen Ländern die Beschädigung oder die Auslöschung ihres Werks und selbst den Tod einbrachten und sozialistischen Ländern die Schmach zugefügten, mit Faschisten verglichen zu werden. Schon ist bei diesem Amokläufer wieder von ›spätbürgerlicher Kulturzersetzung‹, von ›Fäulniserscheinungen‹ die Rede und verwandelt sich die Avantgarde in eine Pseudoavantgarde – er schreibt wörtlich von einer ›deutschen, französischen, spanischen, russischen Pseudoavantgarde'. Noch einmal versucht Harich unter Verwendung einiger Taschenspielertricks eine ganze Epoche der Weltkunst von Georg Heym, Trakl und Werfel über Lorca, Aragon und Breton bis zu Majakowski in einen uns entfremdeten Bereich zu verwandeln, noch einmal wirft er den expressionistischen Malern, die längst Klassiker sind, vor, sie hätten die Perspektive missachtet und sich ›zu anderweitig bequemer Primitivität‹ ermutigen lassen. Man wundert sich über das Fehlen des Begri s ›entartet' – an dieser Stelle, und wo sonst, hätte dieses Wort seinen Platz gehabt. Ich frage mich, was ein solcher anachronistischer Müll im Jahr 1987 in der Zeitschrift unserer Akademie zu suchen hat.«122 In der Folge wendete sich Hermlin gegen weitere Einschätzungen der Kultur und Literatur durch Harich. Er wies dessen Kritik an Heinrich Manns Göttinnen zurück. Auch omas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen hätten notwendigerweise neu gedruckt werden müssen, da in ihnen »Richtiges und Falsches, Erschreckendes und Herzerschütterndes« zusammenstehe. Dort, wo Harich von der »sadistischen Phantasie« der frühen Novellen omas Manns spreche, stehe bei ihm, Hermlin, vermittelt durch eben diese Lektüre, »die erste Erweckung zum Mitleid mit den Misshandelten und zur Solidarität mit den Schwachen«. Nicht Gebote oder Verbote müssten die sozialistische Kultur und Kulturau assung bestimmen, sondern der Bürger als Ästhet solle sich 121 Hermlin: Von älteren Tönen, S. 180 f. Außerdem: »Die Äußerungen Harichs haben natürlich auch etwas Komisches. Glaubt er im Ernst, wir hätten so viele mit unsinnigen Diskussionen vertane Jahre vergessen, Jahre, die uns niemand zurückgibt, Diskussionen, in denen wir von Kulturfeldwebeln unter Verweis auf dieses oder jenes ›humanistische Element‹ Gnade für den einen oder anderen verfemten Künstler zu erwirken suchten?« (Ebd., S. 181.) 122 Hermlin: Von älteren Tönen, S. 181. 3 7 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e selber ein Urteil bilden, die Kultur sei eben vielfältig, habe auch verworfene Seiten, die dennoch ein Teil von ihr wären.123 »Es gehört zu allem Bisherigen, dass Harich es nicht bei Anmerkungen zur Literatur und Philosophie und Malerei belässt, sondern auch ein neues Geschichtsverständnis aufs Korn nimmt. Er tadelt strengt die DDR, weil sie zu bedeutenden, problematischen Gestalten der Vergangenheit wie Luther, Friedrich der Große und Bismarck ein neues Verhältnis gewinnt. Ihm genügt nun einmal, die Dinge so zu sehen, wie er sie sieht. Er hält die Ansichten früherer Marxisten für unantastbar, ohne daran zu denken, dass die Wissenschaftler von einst vielleicht nicht über Materialien verfügten, die uns zugänglich sind, oder dass sie nicht einmal die Zeit hatten, ihren Gegenstand genau zu prüfen, weil sie in damals aktuelle Auseinandersetzungen und Kämpfe verstrickt waren. Ihm ist auch unbegrei ich, dass eine Gesellschaft, die der Zukunft zustrebt, sich ihrer Vergangenheit versichern muss.«124 Mit dieser Einschätzung lag Hermlin freilich völlig falsch. Denn Harich wusste sehr wohl zu di erenzieren und hob die auch aus seiner Sicht teils bedeutenden Leistungen bei der Annäherung an Luther, Friedrich II. oder Bismarck hervor. Er wollte diese Fälle eben nur von Nietzsche deutlich unterschieden wissen. Um ein Beispiel für diese seine Einstellung zu bringen, kann auf einen Brief verwiesen werden, den er am 25. September 1988 an den Historiker Walter Grab schrieb. Darin formulierte er mit Blick auf die neue Erbe-Politik der DDR: »Die neue, großzügigere Einstellung der DDR etwa zu Luther, Friedrich II. oder auch Bismarck nde ich unbedenklich. Was Luther angeht, so ist die DDR nun einmal der an Einwohnerzahl und territorialer Ausdehnung größte fast rein protestantische Staat, den es in der deutschen Geschichte jemals gegeben hat. Also musste Luther hier anlässlich seines 500. Geburtstages gebührend geehrt werden. An Momenten kritischer Distanzierung fehlte es dabei gleichwohl nicht, und wenn sie leiser, behutsamer aus elen als bei den marxistischen Klassikern, so lässt die Vorbereitung des omas-Müntzer-Gedenkjahres 1989 eindeutig erkennen, dass unsere Partei- und Staatsführung bewusst darauf Kurs nimmt, mit der bevorstehenden Gedenkfeier für den ihr um Vieles wichtigeren, teureren Führer des deutschen Bauernkriegs die richtigen Proportionen wieder herzustellen (ich nenne nur das Panoramabild des Bauernkrieges, das der hervorragende realistische Maler 123 Hermlin: Von älteren Tönen, S. 182. 124 Hermlin: Von älteren Tönen, S. 181 f. 3 8 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Tübke gescha en hat). Friedrich II. p ege ich nicht den ›Großen‹ zu nennen. Er war aber nicht schlimmer als andere feudalabsolutistische Herrscher des europäischen 17. und 18. Jahrhunderts auch, und ganz gewiss hätte, sagen wir, Moses Mendelssohn es unter Maria eresias Zepter unvergleichlich schlechter gehabt als unter dem seinen; ein Wiener Pendant zur Berliner Aufklärung wäre undenkbar gewesen. Der Bestimmung, König von Preußen zu werden, hat Friedrich sich zu entziehen versucht. Wäre sein Fluchtversuch ihm (und dem Helfer Katte) geglückt, so hätte er zu einem Komponisten vom Rang der Bachsöhne werden können oder auch zu einem Philosophen von der Art der unmittelbaren Vorläufer Kants, zu einem weiteren Tetens oder Lambert. Ingrid Mittenzweis Buch über Friedrich hält, nde ich, marxistischen Kriterien durchaus stand, und das Reiterstandbild Unter den Linden ist unzweifelhaft von großer Schönheit. Es den Berlinern weiter vorzuenthalten, nachdem seit 1945 dasjenige August des Starken in Dresden nie angefochten war, wäre ein Unding gewesen. Schließlich Bismarck: Daran, den aufzuwerten, denkt hier niemand, schon deswegen nicht, weil das von ihm gegründete Reich genau das kurzlebige Provisorium war – und bleiben sollte –, das, zum Segen für Europa und die Welt, die deutsche Zweistaatlichkeit eben nicht ist. Rühmenswert sind an Bismarck für unsere Obrigkeit lediglich seine Vorsicht, sein Realismus, seine Abneigung gegen jedwedes Abenteurertum. Das Sozialistengesetz und andere Abscheulichkeit bleiben dabei unvergessen. Bei alledem ist das Buch von Engelberg nicht charakteristisch für eine neue Linie der Bewertung, sondern das Zufallsprodukt einer sehr, sehr langatmigen Arbeitsweise in diesem einen Fall. Mich interessiert es, nebenbei bemerkt, überhaupt nicht, weil mich die vielen, ganz unerheblichen Privatgeschichten darin, die Verlobungen, das Schuldenmachen usw., usf., einfach langweilen. (Ein endgültiges Urteil wird freilich erst der noch ausstehende zweite Band erlauben.) Hingegen Nietzsche, das ist eine gänzlich anders gelagerte Geschichte. Bei ihm handelt es sich um den eigentlichen Schöpfer der faschistischen Ideologie, um die negativste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart, um den antihumanistischsten Schreibtischtäter schlechthin. Und wenn der in der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern auch nur einen Millimeter an Boden zurückgewönne, so wäre das eine in ihren Konsequenzen nicht vorstellbare Katastrophe – namentlich im Hinblick auf die globalen Bedrohungen, die heute die Fortexistenz des Lebens auf der Erde, das Überleben des Homo Sapiens in Frage stellen.« Zurück zu Hermlin. Dieser hatte seine Rede auf dem Schriftstellerkongress mit den Worten beendet: 3 8 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e »Mancher mag denken, ich hielte mich zu lange mit diesem Nonsens auf und mit jemand, der, was das Politische angeht, sich unter Sozialismus immer nur eine Art Kriegskommunismus, ein System der Repression vorzustellen vermochte. Aber herostratische Naturen sind keine Unikate und nicht zu verachten. Wo eine solche Stimme sich erhebt, warten andere auf ihren Einsatz. Es ist die Stunde der gebrannten Kinder. Auch ich bin ein gebranntes Kind.«125 Der Spiegel kommentierte diese Passage wie folgt: »Zielscheibe seiner, nun seinerseits brennenden Polemik war der DDR-Philosoph Wolfgang Harich – aber Streuwirkung war sicher beabsichtigt.«126 Stimmen, die sich erhoben, um Harich beizup ichten, ihn zu verteidigen, gar ihm nachzueifern – diese gab es so gut wie nicht, weder in den letzten Monaten der DDR noch in den Zeiten nach der Wende. Seinem ktiven Dialogpartner Peter Falck legte er 1989 in dem Vorwort zu Nietzsche und seine Brüder eine Danksagung an fünf Personen – davon zwei in der DDR lebend – in den Mund (bzw. besser in die Schreibmaschine), die ihn in seinem Kampf unterstützt hätten: »Wolfgang Harich hatte eigentlich die Absicht, dieses Buch vier Persönlichkeiten zu widmen, die er als seine ›Helfer in Not‹ bezeichnet. Es bleibt aber keine Zeit mehr, die Betre enden um Erlaubnis für dieses Vorhaben nachzusuchen. Ich darf den Herren auf diesem Wege seinen Dank dafür übermitteln, dass sie ihm ö entlich ihre Zustimmung und Solidarität bekundet haben. Es handelt sich um David Binder, einen Korrespondenten der New York Times, Professor Dr. omas Metscher von der Universität Bremen, Pfarrer Hanfried Müller, den Herausgeber der Weißenseer Blätter, Berlin (Ost), und Wolfgang Schneider, den Chefredakteur von Konkret, Hamburg. Ein fünfter Helfer, Prof. Dr. em. Rudolf Schottlaender, ist inzwischen in hohem Alter in Berlin (Ost) verstorben.« Nachdem er Hermlins Ausführungen in der Sinn und Form zur Kenntnis genommen hatte, schrieb Harich diesem am 13. Februar 1988 ein Brief. Hermlins Rede »enthält eine Reihe von Unwahrheiten, von denen ich dahingestellt lasse, ob sie auf Gedächtnislücken beruhen oder ob es sich um bewusste Lügen handelt«. Harich machte fünf Punkte geltend: 125 Hermlin: Von älteren Tönen, S. 182. 126 Der Spiegel: X. Schriftstellerkongress der DDR in Ost-Berlin. Literatur im »Glasnost«-Wind, Nr. 49, 1987, S. 274–276. 3 8 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 1) »Ich bedenke Dich nicht ›in jedem Jahr mit ein oder zwei langen Briefen‹, die Du nicht beantwortest. Meinen vorvorletzten Brief, von 1981 oder 1982, der die Hemmungen Friedrich Lufts betraf, aus Minderwertigkeitskomplexen angesichts Deines Abendlichts eigene Memoiren zu Papier zu bringen, hast Du beantwortet, Dich allerdings auch geweigert, Luft zu ermutigen. Mein vorletzter Brief, von Anfang 1986, war ein – zugegeben – un ätig formulierter Wutanfall angesichts des Nietzscheschen Gedichts An den Mistral. Ein Tanzlied. Für den Ton habe ich mich gleich danach bei Dir entschuldigt. Dass meine Wut aber berechtigt war, daran halte ich auch heute noch fest. Denn ich habe miterlebt, dass in der Nazizeit im Schulunterricht dieses zutiefst antihumanistische Gedicht dazu benutzt (nicht etwa missbraucht) wurde, die Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ ideologisch zu rechtfertigen. Wenn Du diesen Brief an Dich schon ö entlich zitierst, hättest Du wenigstens darauf hinweisen sollen, dass ich darin Dir für Deine alten Jahre Gesundheit und p egliche Behandlung etwaiger Leiden gewünscht habe. (Mir fällt das Gedicht um so mehr in dem Maße auf die Nerven, wie ich, mit meiner Herzkrankheit, fürchterlich unter Klimawechseln zu leiden habe.) 2) Ob Deine Behauptung Anfang Mai, es gäbe in der DDR keine unterdrückten Manuskripte, albern oder ernst gemeint war, entzieht sich meiner Beurteilung. Jedenfalls hast Du verbürgtermaßen diese Behauptung von Dir gegeben und damit etwas wiederholt, was Du schon bei der vorausgegangenen Hamburger PEN-Tagung behauptet hattest. Um Zeugen bin ich nicht verlegen. 3) Ich habe Dich in dem 13 Seiten langen Brief vom Mai 1987 nicht darum, Dich für den Druck nur eines meiner damals unterdrückten Manuskripte (desjenigen gegen Nietzsche) stark zu machen gebeten, sondern darum, Dich für deren zwei einzusetzen. Das zweite, betitelt Mehr Respekt vor Lukács! (in der dritten Fassung abgeschlossen am 2. August 1986) ist in der DDR immer noch nicht erschienen, bis heute nicht. Ich musste es im Ausland, in der linkssozialistischen Wiener Zeitschrift Aufrisse, Heft 2, 1987, verö entlichen, wo es endlich im Juli 1987 erschienen ist. Die Veröffentlichung in der DDR, an der mir sehr gelegen wäre, steht nach wie vor aus. 4) Ich habe nie ›das Verbot der Stücke von Heiner Müller gefordert‹, wie Du mir jetzt unterstellst. Ich habe lediglich an Heiner Müllers Macbeth-Bearbeitung eine – wie ich im Übrigen meine – sehr berechtigte Kritik geübt, Anfang 1973 in Sinn und Form; wobei ich die damalige Au ührung des Stücks (in Brandenburg war sie erfolgt) ausdrücklich guthieß. Weise mir, bitte, eine einzige Zeile von Verbotsforderungen in dieser meiner Kritik oder in irgendeiner anderen schriftlichen oder mündlichen Äußerung von mir zu diesem ema nach oder nimm Deine Verleumdung mit dem 3 8 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Ausdruck des Bedauerns zurück! (Dass ich von Heiner Müller nichts halte, jedenfalls nichts von seinen Elaboraten, steht auf einem anderen Blatt. Persönlich mögen wir uns gern, und er wird sicher bereit sein, mir als Zeuge gegen Deine ehrabschneiderischen Lügen zur Verfügung zu stehen.) 5) Bei den frühen Novellen omas Manns verschweigt Du auf Seite 182 den Weg zum Friedhof. Darin besonders und in Luischen und in Tobias Mindernickel ist in der Tat von Nietzsche entfesselte sadistische Phantasie am Werk; es lässt sich mit Händen greifen. (Meine Invektive gegen den ›kleinen Herrn Friedemann‹ nehme ich nach nochmaliger Lektüre hiermit zurück.) Abschließend kam er noch einmal auf sein Erbe-Verständnis zu sprechen. Sogar über »Expressionismus und, meinethalben, sogar einige Vertreter des Futurismus ließe sich diskutieren. Über Nietzsche nicht.« Eben dies war die Grenze, die Harich nie fallen, nie ohne Verteidigung ließ. Viele seiner Kritiker konnten diese Di erenzierung nicht nachvollziehen oder sahen sie nicht. Geschuldet war sie, wie bereits erwähnt, dem strikten Antifaschismus Harichs. Am 15. Oktober 1988 schrieb Harich ein letztes Mal an Hermlin (es war der insgesamt fünfte Brief, der vierte mit Nietzsche-Bezug, den er in den achtziger Jahren an diesen sendete). Hermlin hatte sich in der Jungen Welt besorgt über die Erstarkung faschistischer Tendenzen in der DDR geäußert. Harich machte erneut geltend, dass die Nietzsche-Renaissance diesen Erscheinungen vorangegangen sei und dass Hermlin nun eigentlich seine Einstellung zu »Friedrich Nietzsche und zu meinem Beitrag über ihn neu durchdenken« könne, müsse. Zudem kam er, mit etwas zeitlichem Abstand gegen- über den Verleumdungen Hermlins auf dem Schriftstellerkongress, die ihn sehr getroffen hatten, noch einmal auf ein wichtiges Anliegen zurück: »Ich bin gern bereit, zuzugeben, dass es unklug war, einen Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? mit Ausfällen gegen modernistische Kunst und Literatur zu verquicken. Und ich bin desgleichen bereit, ö entlich zu erklären, dass mir jeder Gedanke daran fern liegt, eine Unterdrückung betre ender Werke zurück zu wünschen (was jeder glaubwürdig nden muss, der weiter zurückliegende Äußerungen von mir zu diesem ema wirklich kennt, so meinen Artikel gegen die Staatliche Kunstkommission von 1953 und so auch meine Kritik an Heiner Müllers Macbeth-Bearbeitung von 1973). Es wäre schön, bestünde bei Dir die Bereitschaft, einzuräumen, dass die Passagen gegen Nietzsches Rassismus, gegen seine Kriegshetze, gegen seine Ablehnung weiblicher Emanzipation in 3 8 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re meinem Sinn und Form-Beitrag von 1987 als verdienstvoll anzusehen sind, dass eine analoge Verurteilung seines Rufs nach Vernichtung ›lebensunwerten Lebens‹ gleichfalls fällig und von Nutzen wäre und dass diese Aspekte seiner Philosophie – es sind die absolut dominierenden – hinreichen sollten, ihn für immer aus dem geistigen Leben der DDR und der übrigen sozialistischen Länder zu verbannen. Auf dieser Linie sollten wir, denke ich, uns einigen können, unter beiderseits bedauernder Zurücknahme hässlicher Invektiven (die ich freilich nie ö entlich geäußert habe, sondern nur in Zuschriften an Dich).« In diesem Unterkapitel wurden bereits die Erinnerungen von Anne Harich angesprochen und zitiert, da in ihnen sehr gut deutlich wird, wie sich Harich während der hier zur Debatte stehenden Auseinandersetzungen fühlte, wie er agierte, was ihn mitnahm oder betro en machte. Sie ging in ihren Betrachtungen aus von jenem Brief, den Harich am 28. Januar 1986 (der Text wurde bereits wiedergegeben) an Hermlin geschrieben hatte. »Ich fand den Brief in Deinem Nachlass. Ich wünschte, Du hättest ihn nie geschrieben, ebenso den Brief an Hager, in dem Du in einer Art Kriegsstrategie loslegtest und ihm Anweisungen erteiltest, wie man am besten die Nietzschesüchtigen entwöhnen könnte. Solcherart Briefe von Dir, losgelöst von Deinem gesamten Lebenslauf gelesen, können nur mit Unverständnis, wenn nicht gar, entschuldige bitte, mit Abscheu wahrgenommen werden. Hermlin greift Dich namentlich an. Indirekt stellt er Dich vor aller Welt als einen Verbrecher aus Ruhmsucht vor. Wie konntest Du das alles aushalten? Wie konntest Du das aushalten, dass sich niemand an Ort und Stelle solidarisch, bei aller Meinungsverschiedenheit mit Dir, zu Dir bekannte? (…) Was hältst Du davon, wenn Hermlin und Kant, und zwar im Namen vieler, die der Intelligenzschicht angehörten, dich einfach fertig machen wollten? Warum? Vielleicht diente der Schriftstellerkongress als Generalprobe für das geplante Schauspiel, dessen Premiere, zwei Jahre später, im ›Deutschen eater‹ aufgeführt wurde? Was siehst Du mich an? Natürlich denke ich heute so! Jetzt, bei dieser Au ührung jedoch, dientest Du als Sündenbock, auf dem herumgeprügelt wurde, um den Anti-Gorbatschowianern im Politbüro eine Warnung zu erteilen, aus der eindeutig zu vernehmen war, dass sich ein Teil der Intelligenz, vielleicht der um Stephan Hermlin herum, oder gar im Politbüro, nicht mehr bevormunden lassen wollte. Dass das unter Vorschiebung Deiner Person geschehen konnte, dazu hattest Du reichlichst selbst beigetragen. Dich zu opfern, el beiden Seiten leicht, verärgert hattest Du sie zur Genüge. Ja, mein Lieber, und vielleicht waren ›die da oben‹ zu jener Zeit schon die Unterlegenen? Was wussten wir, was sich dort wirklich zutrug? Und heute meine ich, spätestens 3 8 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e von da an, nachdem Hermlin und Kant Dich mit dem feigen Einverständnis der eigenen Widersacher zum Freiwild erklärt hatten, hättest Du aufhören, hättest Du alles begreifen müssen, was mit Dir geschehen war! Warum hast Du mir die Broschüre (den Protokollband des Schriftstellerkongresses, AH) nicht gezeigt? Hattest Du Angst, ich könnte Dich weniger lieben? Hermlin dreht alles um, und er versucht einleitend auf eine spätere Gelegenheit, eben die, die zwei Jahre später eintreten wird, Dich auf dem Schriftstellerkongress als Lukács-Verräter zu enttarnen, nur weil Du an Lukács Kritik geübt hattest vor langer Zeit. Was hat Kritik mit Verrat zu tun? Er greift Deinen emp ndlichsten Nerv an!«127 9. Nietzsches Genossen 2: Manfred Buhr und die »Philosophen« der Partei Die parteipolitisch wichtigste Stimme der Meinungen zu einem Streit, die Sinn und Form präsentierte, stammte von Manfred Buhr, der sich mit dem Beitrag Es geht um das Phänomen Nietzsche! Unsystematische Bemerkungen anlässlich unproduktiver Polemik und halbierter Empörung äußerte.128 Buhr – das war die Meinung, die o zielle Stellungnahme der Partei. Er erklärte, dass Nietzsches Philosophie und seine Wirkungsgeschichte zusammengehören würden. Wer sich über Nietzsche äußere, der betrete automatisch das Gebiet der Politik. Buhrs Argumentation, so scheint es, liegt auf der Linie Harichs: »Die Arbeiterbewegung, zumal die deutsche, hatte von Anfang an eine klare und unmissverständliche Haltung zu Nietzsche, weil sie eine klare und unmissverständliche Haltung zum Imperialismus und zum Faschismus hatte.« Dies sei eine würdige Tradition, auf die man in der DDR stolz sein könne. Namentlich nannte er Franz Mehring, Georg Lukács, Hans Günther, Otto Grotewohl und Johannes R. Becher.129 Es gäbe »keinen zureichenden Grund« für eine Neubewertung von Nietzsche und von dessen Wirkung. Und auch das Grundsätzliche des marxistischen Nietzsche-Bildes dürfe nicht zurückgenommen werden, da dies zur »Untergrabung der antifaschistischen Tradition« führen würde.130 Und doch gibt es (neben zahlreichen kleineren) eine zentrale Di erenz zwischen Buhr und Harich. Buhr dekretierte: »Gegnerische Ideologien können nur überwunden, 127 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 287. 128 Buhr, Manfred: Es geht um das Phänomen Nietzsche! Unsystematische Bemerkungen anlässlich unproduktiver Polemik und halbierter Empörung, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 200–210. 129 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 201. 130 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 202. 3 8 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re zurückgedrängt werden, und zwar einzig und allein mit den Wa en der Kritik, dergestalt nicht per Dekret, nicht durch Verbote, Totschweigen oder Nicht-Existenz-Erklärung.«131 Angesichts der kulturellen Entwicklung der DDR von 1949 ist 1989 (der permanenten staatlichen Kontrolle und Unterdrückung von Kunst, Kultur und Wissenschaften) ist dieser Satz natürlich fast schon zynisch. Mit Blick auf Nietzsche nun verordnete Buhr, dass man (d. h. die Partei und deren Wissenschaftskader) diesen nicht verschweigen dürfe, also über ihn diskutieren müsse: »Nietzsche gehört nicht zu unserem Erbe, zum Erbe der Arbeiterklasse, zum Erbe des antifaschistischen Staates DDR. Nietzsche und seine Wirkung waren und sind aber Gegenstand marxistischer Ideologiekritik, Gegenstand des ideologischen Klassenkampfes. Insofern ist eine Auseinandersetzung mit Nietzsche und seiner Wirkung immer wieder notwendig (…), und zwar nach den Gesetzen des ideologischen Klassenkampfes (nicht aber nach Hygienevorschriften). (…) Marxistische Ideologiekritik ist nicht Zerstörung, vor allem keine Selbstzerstörung, weil sie um den Widerspruch weiß. Sie hat die Kraft, ihn zu ertragen. (…) Marxistische Ideologiekritik an Nietzsche und seiner Wirkung subsumiert nicht unter ihre Ergebnisse alles das, was jemals in Philosophie, Literatur, Kunst usw. mit Nietzsche in Berührung gekommen ist. Dergestalt denkt sie beim Namen Nietzsche nicht zugleich und in demselben Sinn an omas und Heinrich Mann, Robert Musil, Franz Kafka, Walter Benjamin, die künstlerische Avantgarde, die Expressionisten usw. Sie nimmt Nietzsche nicht für einen leicht übertragbaren tödlich wirkenden Virus. (…) Andererseits weiß sie aber auch darum, dass zwar die Toten ihre Toten begraben, dass aber die Toten noch einmal begraben werden müssen, wenn der Geruch ihrer Verwesung den Lebenden Unheil verkündet.«132 Auch mit Blick auf Buhr waren es nicht nur diese Erklärungen, sondern, wie schon bei Pepperle, viele kleinere und größere Zwischentöne, die Harichs Widerspruch herausforderten. So beispielsweise, wenn Buhr ausführte: »Nietzsche wurde und wird von der spätbürgerlichen Geistigkeit zwiespältig und vielschichtig auf- und angenommen: a) durchaus reaktionär (Höhepunkt: Faschismus), b) in kritischer Absicht (romantische Kapitalismuskritik). Beide Momente stecken in Nietzsche.«133 Buhr wies zudem darauf hin, dass es seit den sechziger Jahren auch eine »linke« Annäherung an Nietzsche gäbe. 131 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 202. 132 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 203 f. 133 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 204. An anderer Stelle heißt es: »Kaum ein Philosoph von Rang und kaum ein Schriftsteller von Rang der bürgerlichen Geistigkeit blieben seit dieser Zeit von Nietzsche unberührt. Dergestalt muss Nietzsche, muss das 3 8 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Und schließlich speise sich die bürgerliche Kritik an Marx und dem Sozialismus aus Nietzsche, in dem Sinn, dass in ihr Marx durch Nietzsche entweder ersetzt oder zwischen beiden eine Synthese hergestellt werde.134 Daher sei es wichtig, die Wirkung Nietzsches zu erklären, für die Buhr folgende Punkte geltend machte: • Nietzsche sei der erste spätbürgerliche Denker, der radikal mit den klassischen bürgerlichen Überlieferungen breche. • Die bisherige Geschichte des menschlichen Denkens erkläre er als Fehlentwicklung. • Daher relativiere er die Moral, die Ideen vom Menschen, die Geschichte usw. • Nietzsche trage »seine eoreme in einem großartigen literarischen Stil vor«. • Seine »Weltanschauung ist zugleich große Literatur«. Diese umfasse Metaphysik, Gesellschafts-, Kultur-, Kunst-, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. • »Er koppelt Philosophie und Literatur in einer bisher nie da gewesenen Weise.« • Er verneine jedwede Ideale. • Er spreche kritisch »Entfremdungserscheinungen des Kapitalismus an«, verweise »auf menschenunwürdige Züge dieser Gesellschaftsordnung«. • Zur Politik seiner Zeit habe er sich kritisch verhalten, diese Einstellung jedoch zu einer Kritik an der Politik überhaupt überspitzt. • In seiner Philosophie gehe er vom Individuum aus, verwerfe radikal jedes System. • »Er hat gleichsam zu allem etwas zu sagen – und auch wirklich etwas gesagt.«135 Zu allen diesen Punkten vertrat Harich eine andere Meinung, gegen einen, dies sei bereits jetzt eingeschoben, wendete er sich mit aller Vehemenz. In Nietzsche und seine Brüder schrieb er 1989: »PF: Ist Nietzsches Weltanschauung ›zugleich große Literatur‹? ›Koppelt‹ Nietzsche Philosophie und Literatur in einer ›bisher nie da gewesene Weise‹? WH: Nein! Mir ist unverständlich, wie ein Philosophiehistoriker – noch dazu ein marxistischer, also zu allererst der materialistischen Tradition verp ichtet –, solchen Unsinn von sich geben kann. Hat Buhr noch nie etwas von Lukrez gehört? In dessen Lehrgedicht De rerum natura ist die Philosophie Epikurs unverkürzt, dabei zugespitzt auf den Kampf gegen Götterglauben und Todesfurcht im Römischen Reich seiner Zeit, Phänomen Nietzsche ernst genommen werden, es darf in seiner Wirkung nicht unterschätzt, sollte aber auch nicht überschätzt werden.« 134 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 204 f. 135 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 205. 3 8 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re enthalten, und dies in der Form einer herrlichen Versdichtung. Diese hat, unter vielen neueren Dichtern, namentlich Goethe begeistert, und noch Brecht ist durch sie zur Nacheiferung angeregt worden, im amerikanischen Exil, als er sein fragmentarisches Lehrgedicht von der Natur der Menschen schrieb, als er wagte, das Kommunistische Manifest in Hexameter zu bringen. Gäbe es nur dieses eine Gegenbeispiel, so wäre Buhrs Synthese bereits widerlegt. Doch es gibt zahlreiche weitere, aus der idealistischen Tradition der Antike mit Vorrang die Dramatik der Dialoge Platons, besonders im Symposion, im Phaidon, im Phaidros – wenn Sie hier etwa an das Rosselenkergleichnis denken –, auch in der Politeia, aus dem Mittelalter ferner Dante, mit dem, was er im Convivio unternommen hat, und vor allem in seinem Hauptwerk, der Divina Commedia, worin umfassend, künstlerisch geschlossen das ganze Welt- und Menschenbild der europäischen Feudalzeit gestaltet ist. Vergleichen Sie damit Nietzsche! Nicolai Hartmann, in seiner Ästhetik, bescheinigt ihm, vor der selbst gestellten Aufgabe, sein ›neues Menschenideal (…) anschaulich und gestalthaft zu objektivieren‹, kläglich versagt zu haben. ›So blieb es, trotz den großen Schlagworten, die sich darum gesammelt haben, in halber Abstraktheit schweben.‹ Noch abfälliger konnte Hartmann sich hierzu mündlich äußern, wenn er, in seinen Seminarübungen, gelegentlich den schemenhaften Zarathustra an dem über zweieinhalb Jahrtausende nacherlebbar gebliebenen Sokrates bei Platon maß, sowohl an dem heroischen, tragikumwitterten Sokrates im Krition, in der Apologie wie auch an dem listigen, durchtriebenen, der seine sophistischen Gesprächspartner in die Fallgruben ihrer eigenen Pseudologik purzeln lässt. PF: Buhr ist spezialisiert auf die neuere, zumal die klassische deutsche Philosophie. WH: Dann müsste er an Lessing denken, an den Toleranzgedanken des Deismus, veranschaulicht im Nathan, an vieles bei Herder, an Schiller, an dessen – später so genannte – Gedankenlyrik, an seine Bedeutung für den Übergang von Kant zu Hegel, nicht zuletzt auch an witzsprühende philosophische Satiren jener Zeit, von Voltaires Candide bis zu Jean Pauls Clavis Fichtiana. A propos Jean Paul. Er hat zum ersten Mal in der Weltliteratur das kopernikanische Weltbild in Poesie umgesetzt. Mit ungeheurer Sprachgewalt lässt er den entgötterten Kosmos in der Rede des toten Christus zur atembeklemmenden Traumvision werden. PF: Das, zufällig, Sie Jean-Paul-Enthusiast sind, dazu aufgelegt, die Strafe für das ›Verhängnis im Schlafrock‹ zu vollstrecken, dürfen Sie Buhr nicht entgelten lassen. WH: Bei einem Philosophiehistoriker ein Minimum an Allgemeinbildung vorauszusetzen, ist legitim in einer Gesellschaft, die sich zum Ideal der allseitig gebildeten Persönlichkeit bekennt. Die ›Koppelung‹ – welch grässliches Wort! – von Philosophie und Dichtung in der Feuerbach-Rezeption Gottfried Kellers, in Wagners Abtrünnigwerden von Feuerbach, 3 8 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e seinem Hinüberwechseln zu Schopenhauer, beginnend im Ring, im Tristan sich vollendend, desgleichen der Zusammenhang von resignativer Stimmung und pessimistischer Gedanklichkeit in omas Buddenbrooks Schopenhauer-Erlebnis bei omas Mann, all das und manches mehr übertri t an Rang etwaige analoge Synthesen bei Nietzsche, falls es die da überhaupt gibt. PF: Von Ihrem letztgenannten Beispiel hat Nietzsche noch nichts ahnen können. WH: Ich nehme es zurück. Entschuldigen Sie, bitte! Und ich räume ein, dass es zu viel verlangt sein mag, an – sagen wir – Vanini denken zu sollen, in der italienischen Renaissance, an die naturphilosophischen Dialoge, die ihn auf den Scheiterhaufen der Inquisition brachten – Herder hatte sich des Falles angenommen –, oder an den Dichterphilosophen des Weltschmerzes im italienischen 19. Jahrhundert, an Leopardi. Ich erwarte nicht einmal, dass der Autor von Schriften zu Kant jemals die rhetorisch prunkvolle Wiedergabe Kantischer Philosophie in Tiedges Lehrgedicht Urania zur Kenntnis genommen hat. Inmitten des Bildungsverfalls, der uns zunehmend heimsucht, sind dies, vermutlich, allzu ausgefallene Dinge. Aber wenn denn Buhr schon auf die Entwicklung von Leibniz über Kant zu Hegel spezialisiert ist, und das im Kulturmilieu eines sozialistischen Landes, dann hätte doch mindestens der Gedanke an Heinrich Heines meisterhaftes großes Feuilleton Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland ihn davon abhalten müssen, sich hinsichtlich der ›Koppelung‹ von Philosophie und Literatur bei Gelegenheit Nietzsches zu der Überschwenglichkeit ›nie dagewesen‹ hinreißen zu lassen.« Zurück zu Buhr. Nach seinen Bemerkungen nahm er zu den Aufsätzen von Pepperle und Harich Stellung, die er als »Einlassungen« titulierte. »Jene in Heft 5, 1986, ist uns zu bieder und zu defensiv, um nicht zu sagen: Sie erinnert uns zu sehr an Gummitiere. Jene in Heft 5, 1987, ist uns zu ›katholisch‹ und zu sehr in nomine Dei geschrieben, um nicht zu sagen: Sie ist uns zu inquisitorisch (vom Stil schweigen wir, denn es gibt Dinge, denen begegnet man mit Nichtbeachtung). Beiden ist gemeinsam, dass sie Nietzsche rufen, in unterschiedlicher Tonlage zwar, doch ohne den Blick für das Phänomen Nietzsche zu haben, insofern sind sie einäugig. Und beiden ist weiter gemeinsam, dass sie die Diskussionen um Nietzsche und seine Wirkungsgeschichte, die bei uns seit Jahren an der Akademie der Wissenschaften, an den Universitäten, zum Beispiel in Halle und Jena, geführt werden, und ihre Produkte nicht zur Kenntnis nehmen und so tun, als müssten sie uns auf Nietzsche hinweisen. Ist es aber nicht gerade in Sachen Nietzsche so, dass wir nur gemeinsam zu Ergebnissen kommen?«136 136 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 209. 3 9 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Abschließend war bei Buhr zu lesen: »Für die Empörung auf die Einlassung in Heft 5, 1987, haben wir Verständnis, sie sollte allerdings keine ›protestantischen‹ Züge annehmen und eignet sich kaum für Kongresse. Emotionen sind in der geistigen Auseinandersetzung noch nie produktiv gewesen. Doch davon einmal abgesehen. Bei allem Verständnis für Empörung bleibt bei uns auch Unbehagen und Betro enheit zurück, die wir einmal so ansprechen möchten: Wird in Sachen Nietzsche (und nicht nur in diesen) eine Attacke von ›links‹ geritten, so ist man mit Empörung, Zurückweisung und dem Ruf nach Kultur des Meinungsstreites schnell bei der Hand, wird die Attacke von ›rechts‹ vorgetragen, herrscht Schweigen. Soll das der Rahmen geistiger Auseinandersetzung sein? Das wäre für uns eine nur nach einer Seite hin gestützte, die leicht umkippen könnte, weil ihr Boden klassenneutral wäre.«137 Die vordergründige (und sich eigentlich selbst beantwortende) Frage ist natürlich, ob die Maßstäbe stimmen, wenn ausgerechnet Manfred Buhr Harich vorwirft, dass dieser »inquisitorisch« oder »zu katholisch« sei. Auch Buhr sah nicht (bzw. wollte für die Partei nicht sehen, schon gar nicht ansprechen), dass Harichs Lebenswerk ganz eng dem permanenten Ausbau und der Weiterentwicklung des Marxismus verp ichtet war, mit dessen ständiger Ö nung. Erinnert sei nur an Harichs Wirken im Aufbau-Verlag und in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie sowie an die zahlreichen Editionspläne und -projekte, die er noch in den siebziger und achtziger Jahren vorlegte. (Sie alle wurden abgelehnt, scheiterten an der Parteibürokratie.) Nietzsche war für Harich »die eine« Ausnahme, die Grenze, die Faschismus und Antifaschismus scheide. Buhr wusste, als er seinen Artikel schrieb, natürlich von den Beschwerden Harichs über sein Nietzsche-Bild, über seine geplante Mitarbeit an den Ideen der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar, auch über die negativen Gutachten Harichs zu dem Nietzsche-Buch von Heinz Malorny. Aber selbst ohne diese ganzen Vorfälle hatten die beiden nie ein gutes Verhältnis, waren sich auch auf persönlicher Ebene unsympathisch. Harich seinerseits äußerte sich am 26. April 1988 in einem Brief an Lothar Berthold ausführlicher über Manfred Buhr (im Zusammenhang seiner Gutachtertätigkeit bezüglich des Buches von Heinz Malorny). Zunächst stellte er fest, dass das Lob, welches Malorny Buhr in seinem Manuskript spende, »peinlich« auf jeden wirke, der wisse, 137 Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 209 f. 3 9 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e dass Buhr dessen Vorgesetzter wäre. Außerdem sei es »sachlich absolut unangebracht und durch nichts zu rechtfertigen«. Auf Buhrs ese, dass man gegnerische Ideologien »nicht per Dekret, nicht durch Verbote, Totschweigen oder Nicht-Existenz-Erklärungen« zum Verschwinden bringen könne, erwiderte Harich: »Damit wird eindeutig für den Druck und die Verö entlichung von Werken Nietzsches in der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern plädiert und zugleich einer bei uns unbeschränkt ausufernden Nietzsche-Diskussion das Wort geredet, so wie reaktionäre Kräfte im Westen sie uns aufzuzwingen suchen.« Weiter dann: »Auf derselben Linie liegt, a. a. O., S. 203 (gemeint ist Buhrs Beitrag in der Sinn und Form, AH), Buhrs Bemerkung, marxistische Kritik an Nietzsche hätte ›die Kraft, ihn zu ertragen'; sie wisse auch ›um die Sensibilität kultureller Gebilde und ihrer Schöpfer, respektiert sie'. Mit den anschließenden Ausführungen wird dann ebenda den gefährlichen Versuchen, Nietzsche mit Rücksicht auf eine angeblich positive Wirkung auf die Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts zu retten, statt seine durchweg schädliche, reaktionär desorientierende Wirkung auf sie nachzuweisen, Vorschub geleistet. Die diesbezüglichen Bemühungen Eike Middells, eines Nietzsche verehrenden, dabei philosophisch gänzlich inkompetenten Literaturwissenschaftlers, der Lukács hasst und ihn von rechts bekämpft, ihn gerade auch in der Nietzsche-Frage bekämpft, erhalten so von Buhr das erwünschte grüne Licht. Buhrs Ausführungen, a. a. O., S. 204 f., dass Nietzsche ›derjenige bürgerliche Denker‹ sei, der ›am meisten und breit gefächert rezipiert‹ werde, dass ›spätbürgerliche Geistigkeit‹ ihn ›zwiespältig und vielschichtig‹ auf- und annehme, dass er ›nicht nur Vater gur der Ideologie ›rechter‹ Kräfte, sondern nicht minder – in den letzten Jahren vor allem – der Ideologie ›linker‹ Gruppierungen‹ sei, tragen entscheidend dazu bei, die Tatsache seiner verwirrenden, geistig wehrlos machenden Resonanz in humanistischen und progressiven Kreisen in die Lüge zu verdrehen, diese Kreise hätten ihm wertvolle Anregungen zu verdanken, was tatsächlich nie der Fall war und es auch heute nicht ist, heute weniger denn je. A. a. O., S. 205, rühmt Buhr an Nietzsche, er trage ›seine eoreme in einem großartigen literarischen Stil‹ vor, ›seine Weltanschauung‹ sei ›zugleich große Literatur. Er koppelt Philosophie und Literatur in nie da gewesene Weise.‹ Mit alledem wird der ästhetizistisch motivierten Nietzsche-Apologie zu Munde geredet, die noch stets in den liberal gesinnten Teilen der parasitären Intelligenz, unter Stimulation ihrer Massenverachtung, die brutalisierende Wirkung der Herrenmenschenideologie Nietzsches auf verzweifelte bzw. wildgewordene Kleinbürger und Lumpenproletarier, zumal in Krisenzeiten, ankiert hat. Doch nicht nur das. Buhr attestiert Nietzsche, er spreche ›kritisch Entfremdungserscheinungen des Kapitalismus‹ an, verweise ›auf men- 3 9 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re schenunwürdige Züge dieser Gesellschaftsordnung‹, verhalte sich ›kritisch zu seiner Zeit (›Wilhelminisches Reich‹)‹, steigere ›diese Kritik jedoch zur Kritik an der Politik überhaupt‹. All das hält nüchterner Prüfung nicht stand. Nietzsche hat nicht auf Menschenunwürdiges verwiesen, sondern zur Unmenschlichkeit aufgerufen.«138 Nach diesen Dingen, so Harich weiter, könne es nicht überraschen, dass Buhr »Verständnis für die Empörung über meinen Beitrag« bekunde. Mit seiner Äußerung habe Buhr nicht nur den Angri Hermlins exekutiert, sondern auch die entsprechenden Wortmeldungen des Westens in der DDR in Ausführung gebracht. »Es scheint angesichts dessen notwendig, die Frage aufzuwerfen, ob Buhr Verständnis auch für diese Unmutsäußerungen aufbringt, und mithin, auf welcher Seite der Barrikade er in dem Streit um Nietzsche überhaupt steht.« Seine Anmerkungen beendete Harich mit den Sätzen: »Die Passagen seines Beitrages, in denen Buhr dem marxistisch-leninistischen Nietzsche-Bild Tribut zollt – einen für ihn obligatorischen Tribut –, bringen inhaltlich nichts Neues, stehen zu seinen von mir oben beanstandeten Darlegungen in krassestem Widerspruch und sind daher nur geneigt, den Umstand zu verschleiern, dass auch Buhr, ganz ähnlich wie auf andere Art Pepperle, die zwielichtige Position eines die Reaktion ermutigenden, ihr Schützenhilfe leistenden ›Zwar – aber‹ einnimmt. Es hilft auch nicht viel, wenn Buhr besagtes Verständnis für besagte Empörung scheinbar einschränkt mit der Bemerkung: ›Wird in Sachen Nietzsche (und nicht nur in diesen) eine Attacke von ›links‹ geritten, so ist man mit Empörung, Zurückweisung und dem Ruf nach Kultur des Meinungsstreits schnell bei der Hand; wird die Attacke von ›rechts‹ vorgetragen, herrscht Schweigen.‹ Denn erstens bleibt schleierhaft, wieso hier Buhr links und rechts in ironisierende Anfüh- 138 Weiter heißt es: »Das strikte Gegenteil einer ›Kritik an der Politik überhaupt‹ ist die von Nietzsche proklamierte ›Große Politik‹, die mit ihm selber erst beginne. Und dem vermeintlichen kritischen ›Ansprechen‹ von ›Entfremdungserscheinungen des Kapitalismus‹ ist das Urteil Franz Mehrings entgegenzuhalten, dass Nietzsche der Philosoph des Großkapitals sei. Zu den ärgsten Verirrungen vollends versteigt Buhr sich dort, wo er, a. a. O., S. 206 f., als Wesenszug Nietzschescher Philosophie deren ›Unverbindlichkeit‹ konstatiert, die sie ›o en‹ und damit ›verfügbar für unterschiedlichste gesellschaftliche und kulturelle Erscheinungen‹ mache. Tatsächlich war sie und ist sie in unüberbietbarem Maße verbindlich, nämlich im Sinne reaktionärster Interessen und brutalster Praktiken, woraus sich ihre Verfügbarkeit für Imperialismus und Faschismus ergibt. Seine Fehlinterpretation stützt Buhr, a. a. O., S. 208, auf Stefan Zweig, der als Gewährsmann für eine marxistische Interpretation nicht in Betracht kommen kann, da er ein Paradebeispiel für die Desorientierung auch humanistischer Intellektueller bildet.« 3 9 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e rungszeichen setzt, und zweitens fährt er im nächsten Satz (a. a. O., S. 209 f.) fort: ›Soll das der Rahmen geistiger Auseinandersetzung sein? Das wäre für uns eine nur nach einer Seite hin gestützte, die leicht abgehen könnte, weil ihr Boden klassenneutral (sic!, WH) wäre.‹ Nach links zu zetern, nach rechts zu schweigen, das, im Ernst, wäre klassenneutral? Bisher galt dergleichen uns als eine klassenmäßige Parteinahme für rechts. Nur am Rande sei vermerkt, dass Buhr meinen Beitrag, über den empört zu sein er verständlich ndet, den er selber, a. a. O., S. 209, als ›zu katholisch‹ rügt, in keinem einzigen Punkt mit einem Gegenargument zu parieren weiß. Buhr stimmt in die Hetze gegen ihn mit ein, ermutigt und ermuntert sie, gewährt ihr Rückendeckung, hat aber sachlich nichts gegen meine hieb- und stichfest begründeten, sachkundigen, wissenschaftlich einwandfreien esen vorzubringen. Und wie sehr mein Beitrag als Angri sobjekt im Mittelpunkt westlicher reaktionärer Hetze gestanden hat, zuletzt in der Sendung von SFBIII am 24. März 1988, 23:00 Uhr, bestätigt einmal mehr, dass Buhr hier auf der falschen Seite der Barrikade steht. All dies, zusammen mit den Erfahrungen, die ich mit Buhrs Haltung zu dem Plan der NFG Weimar, die Klingersche Nietzsche-Büste in dem Raum, in dem Nietzsche am 25. August 1900 verstorben ist, aufzustellen, machen musste, zusammen mit seiner Befürwortung des Drucks und der Verö entlichung der ersten Fassung von Malornys Nietzsche-Buch im Akademie-Verlag – und die zweite, von ihm ebenfalls befürworte Fassung ist, so weit ich bis jetzt sehe, auch nicht nennenswert besser –, zusammen endlich mit seinem hartnäckigen Versuch, mich hierbei als Gutachter auszuschalten, all dies berechtigt mich zu dem Schluss: In der Nietzsche-Frage hat Manfred Buhr sich als fachlich inkompetent und ideologisch unzuverlässig erwiesen, politisch überdies als ein sein Mäntelchen nach dem Winde hängender Opportunist, der möglichst jedem zu Munde redet, sich möglichst nach allen Seiten hin abzusichern sucht und o enkundig weder gewillt noch im Stande ist, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen. In SuF, Heft 1, 1988, S. 208, nennt er Nietzsche einen Aal, der mit feuchten Händen schwer zu fassen sei, und gleicht dabei selbst einen solchen sich windenden Aal. Pepperle erinnert ihn, a. a. O., S. 209, an Gummitiere, und ein eben derartiges Gummitier ist auch er.« Abschließend teilte Harich Berthold dann noch mit, dass er seine Au assung auch deshalb schriftlich geäußert habe, damit der Leiter des Akademie-Verlages »sie an die zuständigen Stellen in Partei und Staat« weiterreichen könne. Harich »ermächtigte« ihn dazu ausdrücklich. In seinem Gutachten zu Heinz Malornys Nietzsche-Buch vom 29. April 1988 ergänzte Harich dann: »Buhrs hartnäckiges Bestreben, mich aus dem philosophischen Leben der DDR auszugrenzen, schädigt evidentermaßen die kameradschaftliche kollektive Arbeit der marxistisch-leninistischen Philosophen unseres 3 9 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Landes.« Wenn also Buhr sich in seinem Aufsatz darüber beklage, dass es in Sachen Nietzsche keine gemeinsame Arbeit gebe, so sei er daran schuld, dafür verantwortlich. Neben Buhr und Pepperle, dessen Schlussbeitrag gleich behandelt wird, waren in der Angelegenheit verschiedene Adjutanten bestellt, die zumeist auf zwei oder drei Seiten ebenfalls gegen Harich sich äußerten. Echte und Ernst zu nehmende Philosophen waren nicht darunter. Die einzige Ausnahme, Rudolf Schottlaender, stand im entscheidenden Punkt auf Harichs Seite. omas Böhme, ein über Harichs »unannehmbare« Schlussfolgerungen empörter Lyriker, sah »Harichs Au assung von Kunst überhaupt geprägt von einer Arroganz«, die derjenigen Nietzsches nicht nachstehe. Die »sorgfältig lektorierte Ausgabe von Nietzsches Ecce homo«, wusste er als »ehemaliger Mitarbeiter des Verlags Edition Leipzig« zu berichten, sei kein »Elaborat«. Die sozialistische Gesellschaft werde vielmehr durch diese Edition mündig, Harich versuche sie im Zustand der Unmündigkeit zu halten.139 (Zu erinnern ist daran, dass die Ausgabe für den Export bestimmt war und die wenigen in der DDR verbleibenden Exemplare extrem teuer waren.) Klaus Kändler setzte sich nach eigener Aussage nicht mit dem Nietzsche-Bild Harichs, sondern der »Praxis der Erbeaneignung in der DDR« auseinander. Der »Mantel des Schweigens«, den Harich über Nietzsches Philosophie und deren Wirkung ausbreiten wolle, sei kein zu bejahendes Mittel: »Solche Praxis, das ist nicht schwer zu belegen, hat sich nicht bewährt. Solcherart verfassungskonformes Handeln hat nicht einmal derjenige Umgang mit Erbe verlangt, der in stiller Einfalt und edler Größe seinen Maßstab gefunden hat.«140 Hans-Georg Eckardt betonte in seinem Text verschiedene Ausführungen Harichs, denen zuzustimmen sei, so beispielsweise diejenigen über Nietzsches Verständnis von der Rolle der Frau oder die Darstellung zum Rassenproblem. Aber auch diese Elemente dürften nicht dazu führen, Nietzsche »a priori abzulehnen«. Ihn »in der gesellschaftlichen Kommunikation zu meiden, heißt ihn zu tabuisieren und (…) für ihn zu interessieren«. Auch Eckhardt forderte also die Diskussion, freilich nicht über »Harichs 139 Böhme, omas: Das Erbe verfügbar besitzen, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 186–189. 140 Kändler, Klaus: Nun ist dieses Erbe zu Ende!?, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 189–192. 3 9 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Ausführungen zum Futurismus«, diese seien schlicht »erschreckend«.141 In diesem Sinne schrieb er: »Kritischer Umgang mit Philosophie und Geschichte, mit Kunst und Literatur, so auch mit Nietzsche und dem Futurismus ist nötig, wird zunehmend zum Bedürfnis in unserer Gesellschaft. Erfreulich ist – bei aller Schärfe der Polemik – ein Zuwachs an Toleranz. Die Grenzen dafür müssen abgesteckt, kulturpolitische Grundsätze immer aufs Neue überprüft bzw. erarbeitet werden. In diesem Prozess wird es mit Sicherheit auch viele Äußerungen geben, die zu späterer Zeit revidiert werden müssen, das ist der normale Gang der Dinge.«142 Diese Argumentation ist bekannt. Toleranz fordern und die angemahnten Räume nutzen, um alle anderen, die sich, und sei es als Ewig-Gestrige, ebenfalls auf sie berufen, zu entfernen. Stefan Richter machte in seinem Aufsatz geltend, dass man Harichs Text als »prononcierten Auftakt zu einer ö entlichen Auseinandersetzung über den Umgang mit spätbürgerlicher Philosophie« lesen könne.143 Damit war das ausgesprochen, was Harich seit 1982 befürchtet hatte: Die Diskussion über, die Kritik an Nietzsche, gerade verbunden mit seinem Namen, werde diesen erst interessant machen. Über Nietzsche müsse diskutiert werden, ein Autor, »ohne den die Geschichte der Literatur, der Künste allgemein, der Philosophie, der Psychologie (die Reihe ließe sich fortführen) im 20. Jahrhundert nicht zu verstehen ist, verdient es doch, insbesondere in seiner ›Verführungskraft‹ ernst genommen zu werden«. Auch für Richter war klar, die Diskussion über Nietzsche müsse fortgeführt, ja, ausgeweitet werden. Eine sozialistische Kulturpolitik setze den mündigen Bürger voraus. Und dieser könne sich selber ein Urteil bilden, zumindest müsste er dazu von der Gesellschaft befähigt werden. »Es ist meines Erachtens unverantwortlicher Leichtsinn, zu glauben, mit dem Verbot solcher Druckerzeugnisse hat man den zu Grunde liegenden Geist gleich mit erledigt. Ebenfalls unre ektiert bleibt doch bei Wolfgang Harich der Leser. (…) Müssen Mehrheiten wirklich von kompetenten ›Pädagogen‹ vor ›schlimmer Lektüre‹ bewahrt bleiben, oder wäre es nicht eine viel dankbarere Aufgabe, Umgangsformen mit Texten anzubieten, die sich dem Angebot kritisch stellen, es historisch einordnen und es so ernst nehmen, dass es dem Leser zu allererst auch ›zugemutet‹ wird.«144 141 Eckardt, Hans-Georg: Im Schnellgang überwinden?, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 195–198. 142 Eckardt: Im Schnellgang überwinden?, S. 198. 143 Richter, Stefan: Spektakulär und belastet, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 198–200. 144 Richter: Spektakulär und belastet, S. 199 f. 3 9 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Harich hatte auf diesen Einwand übrigens eine Antwort parat: In Nietzsche und seine Brüder zitierte er aus dem Redebeitrag, den Robert Steigerwald auf der DKP-Tagung »Bruder Nietzsche« in Wuppertal gehalten hatte: »Vorausgesetzt, wir wissen, sagt Steigerwald, ›dass dieser Mann (Nietzsche, AH) verheerend gewirkt hat, habe ich nichts dagegen, seine Werke zu drucken, und zwar aus folgendem Grund. Wenn wir es nicht tun, mit entsprechenden Vorworten und entsprechenden Einschätzungen und Bewertungen, bedeutet das nicht, dass diese Werke nicht doch in den Sozialismus kommen, aber mit anderen Vorworten und anderen Bewertungen. Und es kommt noch etwas hinzu. Ich halte es für elitär, wenn eine kleine Gruppe von Intellektuellen oder Arbeitern, die diese Werke lesen, für sich in Anspruch nimmt, sich ein Urteil über Nietzsche zu bilden, aber anderen die Möglichkeit vorenthält, selbst zu urteilen. Wir müssen ihnen helfen, zu einem sachgerechten Urteil zu kommen. Das ist die P icht der Marxisten unter den Ideologen. Aber wir haben nicht das Recht, ihnen zu sagen: Wir haben uns das Urteil gebildet, dann seid ihr mal so gut und begreift, dass dies das endgültige abgeschlossene Urteil ist, mehr steht euch nicht zu. Das ist elitär und im Übrigen auch nicht marxistisch. Aber wohlgemerkt, ich sage ausdrücklich, nur unter der Bedingung, dass die Marxisten selbst wissen, was sie wollen und kein Chaos anrichten, sondern im Ozean die Bojen verankern, wo die Schi e entlangfahren können – nur unter den Bedingungen bin ich dafür, so zu verfahren, sonst nicht.‹« Wie einige Teilnehmer der Nietzsche-Debatte forderte auch Steigerwald die Edition problematischer Werke (auch Nietzsches) in der DDR – versehen mit eben diesen Einleitungen oder Nachworten, in denen dann die Beauftragten der Partei richtig zu stellen hätten, was so falsch wäre. Harich machte dagegen geltend: »Die Bedingungen nämlich, die er (Steigerwald, AH) stellt – mit den Einleitungen, den Nachworten, als im Ozean verankerten ›Bojen‹, durch die dem Denken zulässige Fahrrinnen markiert werden –, sind nicht nur elitär, sondern auf durchsichtige Weise geradezu gouvernantenhaft. Gerade durch so etwas fühlen Leser sich, mit Recht, bevormundet, gegängelt. Heise berichtete mir, er sei im Kulturministerium auf eine Edition ausgewichen, die den Texten jeweils Gegentexte gegenüberstellt, und hätte daran die Bedingung geknüpft, dass diese stilistisch von gleicher Qualität sein müssten wie jene. Zu mir meinte er grinsend: ›Such mal bei uns jemanden, der als Stilist an Nietzsche erreicht!‹ Meine Retourkutsche lautete: ›Du bist es bestimmt nicht.‹ Natürlich hatte er das ganze Vorhaben damit ad 3 9 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e absurdum führen wollen. Aber man hatte seinen bewusstermaßen abstrusen Vorschlag aufgegri en, tierisch ernst, und ihn aufgefordert, so zu verfahren.« Gerd Irrlitz begann seinen Beitrag im »Meinungsstreit« der Sinn und Form mit dem Hinweis, dass er »nicht die eifernde Kritik der geifernden« vorziehe, sondern eine »ehrenhafte« fordere. Über Harichs Aufsatz schrieb er (diese seine Ansicht genau umsetzend): »Nietzscheanisch selbstherrlich und besessen vom Negieren weht es aus dieser anmutslosen Polemik, überbordend die Sturz ut verwilderter Worte und Bilder.«145 Zum Verhältnis der Philosophie Nietzsches zum Faschismus hielt er schließlich fest: »Warum übrigens den Nazi-Mythos Nietzsche samt und sonders au sérieux nehmen? Das Prinzip dieser Leute war der Schwindel. Reaktionäre Philosophie und Politik stehen zueinander nicht im Verhältnis von geistigem Finstermachen und politischem Vollzug. Zwischen beiden ist Widerspruch und im Nachä en Verzerrung. Doch das ist es nicht einmal. Eine Philosophie, wenn sie eine ist, hat politische Aussagen, aber sie ist nicht Politik. Philosophiegeschichte ohne Unterscheidung ideeller Ebenen – theoretischer, ästhetischer, politisch-praktischer – vergibt sich selbst das theoretische Niveau. Nietzsche war so viel und so wenig der Nazi wie Francis Bacon ein Rothschild. Wolfgang Harichs Nietzsche-Verdikt berührt ganz eigentümlich als eine Faszination im Hass und als die nervöse Angst, den Hass verlieren zu können.«146 In dem bereits benutzten Brief an Lothar Berthold vom 26. April 1988 beschäftigte sich Harich nicht nur mit Buhr, sondern ging auch auf die Meinungen zu einem Streit kurz ein. »Ich kann mich bei diesen ›Meinungen‹ des Eindrucks nicht erwehren, eine Eiterbeule aufgestoßen zu haben. Die Auslassung von Irrlitz gar, zumal in dem Satz ›Nun sind wir, gottlob …‹ bis ›… Schleifchen schmutzig macht‹, grenzt, nde ich, an Neofaschismus.« Was hatte Irrlitz geschrieben? »Nun sind wir, gottlob, soweit schon genesen vom Kindbett eber jener schwächenden Sektiererei, die man gerne als bei den Unseren erblich attestiert hätte, und die Wohltat lasse ich mir gefallen, dass wir auf Bismarck, Friedrich den Einzigen, Luther und Nietzsche nun doch, wie längst herbeigesprochen, mit den Augen der geistigen Großmacht sehen 145 Irrlitz, Gerd: Ich brauche nicht viel Phantasie, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 192–194. 146 Irrlitz: Ich brauche nicht viel Phantasie, S. 194. 3 9 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re und nicht mit denen einer Gouvernante, die nur sorgt, dass das Kindchen Marxismus sich kein Schleifchen schmutzig macht.«147 Unter dem Titel »Rudolf Schottlaender. Die Ausnahme« könnte ein kleines eigenes Unterkapitel geschrieben werden. Denn dieser war in den Meinungen zu einem Streit der einzige wirkliche Philosoph, der sich beteiligte, der einzige, der Harichs zentrales Anliegen unterstützte, und schließlich, wie Harich in seinem Brief an Lothar Berthold (vom 26. April 1986) formulierte, der einzige wirkliche Antifaschist.148 Schottlaenders Aufsatz war betitelt Richtiges und Wichtiges.149 Auch in diesem wurde Harich dafür kritisiert, dass er Nietzsche vollständig aus der Diskussion heraus nehmen wolle.150 Eine Zwischenposition nahm Schottlaender beispielsweise dort ein, wo er Harichs »Ironie« gegen Pepperles Versuche, Nietzsches »imperatorische Literatengeste« auf »seine Krankheiten oder seine zerbrochene Freundschaften« zurückzuführen, bejahte, gleichzeitig jedoch einwendete: »Aber ebenso wenig sollte man so wie er (Harich, AH) sich bei einem so verachteten Gegenstand die Mühe sparen, nach einer Erklärung zu suchen.«151 Die Identität zwischen Schottlaneder und Harich entstand durch die Interpretation der Wirkung und Ein ussnahme Nietzsches auf den Faschismus. Schottlaender hatte geschrieben, dass »das von Harich beigebrachte Material (…) aufschlussreiche Beiträge zur Beurteilung des Ein usses von Nietzsches Werken auf die Denkweise und Politik in Europa während der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts« enthalte: »Hierzu gehört in erster Linie sein Nachweis, dass es kein verzerrter, sondern der originale Nietzsche war, der auf Mussolini und damit auf den italienischen Faschismus bestimmend eingewirkt hat. Die rassistischen deutschen Zutaten, mit denen der Nationalsozialismus den ursprünglichen Faschismus überbot, dürfen nicht davon ablenken, dass es ein gemeinsames faschistisches Gedankengut gibt, wozu Nietzsche unentbehrliche Bestandteile geliefert hat. Es ist Harich auch darin zuzustimmen, dass die immer wieder in apolo- 147 Irrlitz: Ich brauche nicht viel Phantasie, S. 193. 148 Harich schrieb: »Und es scheint mir äußerst beschämend für uns, dass der einzige durchweg sachliche Diskussionsbeitrag von dem – inzwischen verstorbenen – alten Rudolf Schottlaender stammt, einem Mann, der o en bekennt, sich keinem marxistischen Nietzsche-Bild verp ichtet zu wissen (a. a. O., S. 183  .), dafür aber den übrigen eine ihnen heilsame – ho entlich heilsame – Lektion in Antifaschismus erteilt (…).« 149 Schottlaender, Rudolf: Richtiges und Wichtiges, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 183– 186. 150 Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 184. 151 Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 185. 3 9 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e getischer Absicht vorgetragene Beteuerung, Nietzsche sei kein Antisemit gewesen, nicht dazu ausreicht, ihn aus der Reihe der unmittelbar präfaschistischen Autoren herauszunehmen. Auch Mussolini war kein radikaler Rassenantisemit im Sinne Hitlers. Selbst Harich allerdings verliert kein Wort darüber, dass der von Nietzsche jahrelang bewunderte, später von ihm angegri ene Richard Wagner in noch höherem Grade als Nietzsche zu den Ahnherren des Hitlerfaschismus zu zählen ist. Darüber wird in der DDR nichts gedruckt, obwohl es überreichliche Belege dafür gibt.«152 Durch diese gemeinsame Einschätzung war es Harich möglich, Schottlaender als Diskussionspartner in dieser Angelegenheit zu akzeptieren und auch dessen Kritik positiv-produktiv zu verarbeiten. Dies betri t beispielsweise auch die im Abschluss von Schottlaender kurz angerissene Nietzsche-Verehrung, Schottlaender sprach von einem »Nietzsche-Kult«, die mit den Namen Alfred Rosenberg und Alfred Bäumler verbunden sei.153 Wer zuviel beweist, beweist nichts – das war der Titel des Aufsatzes, mit dem Heinz Pepperle die Meinungen zu einem Streit abschloss.154 Er begann damit, sich über Art und Weise und Tonfall des Beitrags von Harich zu beschweren, und stellte dann fest, dass er zwar vom Hörensagen seit längerem gewusst habe, wie Harich über Nietzsche denke. Es »war schon bestürzend«, dies dann aber schwarz auf weiß zu lesen. »Wenn ich richtig sehe, geht Harichs Haupteinwand dahin, dass ich, anstatt Lukács’ Nietzsche-Kritik zeitgemäß weiterzuentwickeln, sie zurücknehme.« Dies sei jedoch keinesfalls zutre end. Sein Text sei »von Anfang bis Ende« kritisch gegenüber Nietzsche. Er fuße »grundsätzlich auf Lukácsschem Gedankengut«.155 Anschließend äußerte sich Pepperle zu den von Harich benannten sechs Feldern (das erste überging er), die Herausforderungen für eine moderne marxistische Nietzsche-Kritik wären: 152 Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 183 f. 153 Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 186. Mit beiden eoretikern hatte sich Harich in den fünfziger Jahren – etwa im Rahmen seiner Studien und Vorlesungen zu Hegel und im Kontext seiner Dissertation zu Herder – intensiv auseinandergesetzt. Siehe die Bände 5, 6.2, 4 und 1.2. In den achtziger Jahren wendete er seine damals gebildeten esen in den Hartmann-Manuskripten erneut an. Siehe Band 10. 154 Pepperle, Heinz: Wer zuviel beweist, beweist nichts, in: Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 210–220. 155 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 211. 4 0 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 1) Aus dem ersten Punkt, in dem sich Harich mit dem Expressionismus und Futurismus auseinandergesetzt hatte, schlussfolgerte Pepperle: »Was dies auf gut deutsch heißt, ist unzweideutig. Harich will die alte Debatte über den Expressionismus noch einmal aufrollen und über den in seinem Sinn verstandenen Nietzscheein uss dieser Strömung dann – über Lukács hinausgehend – das endgültige Urteil sprechen.«156 2) Zu der von Harich vertretenen Position, dass die frauenfeindlichen Elemente in Nietzsches Denken stärker betont werden müssten, hielt Pepperle fest:« »Verwunderlich wäre, wenn er mehr als Gelächter ernten würde.«157 3) Mit Blick auf die Rassenfrage verzerre Harich sowohl die Intentionen von Nietzsche als auch die Ausführungen von Lukács. 4) Analog verhalte er sich mit Blick auf den Antisemitismus. In beiden Fällen wähle Harich nur die ihm jeweils genehmen Beispiele aus und gehe daher an Nietzsche vorbei. 5) Der »Kriegshetzer« Nietzsche. Hierzu Pepperle: »Ich werde Nietzsches Verherrlichung des Krieges nicht ›bagatellisierend an den Rand schieben‹, allerdings auch beweisen, dass Nietzsche darum den Krieg noch lange nicht als ›Selbstzweck‹ betrachtete, dass er über seine Wurzeln und Funktion in der Klassengesellschaft Beachtliches zu sagen wusste und die bourgeoisen Eroberungskriege um Land und Geld keineswegs guthieß.«158 6) Harichs Auseinandersetzung mit der neuen Ausgabe von Colli und Montinari sei wissenschaftlich nicht solide. In allen diesen Punkten würde Harich immer nicht nur Nietzsche völlig missverstehen, sondern auch Lukács verzerren und über Gebühr kritisieren. Zudem verkenne er die größeren Tendenzen und Intentionen von Pepperles Ansatz und verliere sich »ernsthaft in eine Vielzahl leicht widerlegbarer Einzelheiten«.159 An anderen Stellen, bei denen Harich falsch liege, resultiere dies daraus, dass er Lukács zu stark folge, beispielsweise mit Blick auf die »liberale Phase« Nietzsches.160 Alle diese »Kleinigkeiten« außer Acht gelassen, wären Harich drei Faktoren entgegenzuhalten. 156 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 212. 157 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 212. 158 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 214. 159 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 216. 160 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 217. Dort heißt es: »Was macht nun Harich? (…) Nein, er redet Lukács nach, der nach dem Motiv fragt und meint, dass Nietzsche damals den Sozialismus mit der Demokratie habe zurückdrängen wollen. Manchmal scheinen mir bei Harich die Gedanken außer Kontrolle zu geraten.« 4 0 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 1) Nur selten werde Nietzsches Gesamtwerk fokussiert, auch in den großen Nietzsche-Monographien würden, unabhängig von den in diesen jeweils gesetzten Akzenten, zumeist »zwei bis drei Dutzend markante Passagen« fehlen. Mit dem Zweck der Absicherung der eigenen subjektiven Sichtweise. »Nun aber stellt sich heraus, dass es jemanden gibt, der diese Methode bis zum Äußersten treibt. Es ist Harich, der nun seinerseits diese zwei bis drei Dutzend ›Zitate‹ nimmt und daraus ein Nietzsche-Bild konstruiert. Dass man auch auf einer solchen schmalen Basis ein Bild suggerieren kann, beweist seine Erwiderung. Es hat nur einen kleinen Mangel. Bei der ersten Berührung mit der Wirklichkeit, und das sind in diesem Fall die Texte Nietzsches, fällt die ganze Konstruktion wie ein Kartenhaus zusammen. Das könnte allein Harich angehen. So ist es aber nicht, weil ich fürchte, ja, mir dessen gewiss bin, dass dann die gegenteilige Reaktion einsetzt und all das zum Teufel geht, was Harich Richtiges sagt oder wenigstens meint. (…) Dabei ist zu betonen, dass sich natürlich auch bei Harich der Kreis der Gedanken schließt. Wenn er so vehement gegen die Nietzsche-Editionen wettert, ja, nicht davor zurückschreckt, eine weltweit anerkannte wissenschaftliche Leistung eines italienischen Kommunisten zum ›Verbrechen‹ zu stempeln, so macht dies nur unter einem Gesichtspunkt einen Sinn: Niemand soll schlicht die Schriften kennen, weil nur unter dieser Voraussetzung die ganze Konstruktion einen Anschein von Bestand haben kann.«161 2) Harich Konzeption müsse auch deswegen zurückgewiesen werden, weil sie nicht ausbaufähig sei. Sie setze sich mit allem möglichen auseinander und doch mit nichts gründlich. 3) Die Ausführungen Harichs würden »ernsthafter Prüfung« nicht standhalten, da sie die »enorme weltanschauliche Dimension« des Denkens von Nietzsche ausschlössen. Harichs Aufsatz greife keine einzige »weltanschauliche Grundlage auf« oder entwickle zu dieser eine überzeugende Argumentation.162 »Nach meiner Au assung ist bei dieser Einstellung ein wirkungsvoller Beitrag in den geistigen Kämpfen unserer Zeit nicht zu leisten, die gerade dadurch gekennzeichnet sind, dass sich in ihnen auch letzte Weltanschauungsfragen immer gebieterischer stellen. In diesem Sinne war auch mein Haupteindruck nach der Lektüre (natürlich abgesehen vom arroganten, selbstgefälligen und belehrenden Ton der Polemik) eben jene bei einem 161 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 218 f. 162 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 219. 4 0 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re marxistischen Anspruch nicht mehr verständliche Geringschätzung der eigentlichen Philosophie. Man liest und liest und denkt, wann kommt das Eigentliche? Aber siehe da, es kam nichts. Zum Schluss erfolgt ein Hieb auf die Kulturpolitik in diesem Land mit der nichtssagenden Phrase von ihrer ›Großzügigkeit‹, und dann war es zu Ende.«163 Letztendlich warf Pepperle Harich also vor, dass dieser nicht weltanschaulich genug argumentiere, zu Klassenfragen, zu Marxismus und Sozialismus, zur Ideologie keine Stellung nehme. Nun ja, diesem Argument sei ein Sonderstatus in der Debatte zugebilligt. Es ist das vielleicht absurdeste. Harich wäre dergestalt der erste Stalinist und Dogmatiker ohne festes Gerüst, ohne Ankergrund, mithin ohne Dogma. In dem Kapitel IV. Ist das der ganze Nietzsche? seines Buches Nietzsche seine Brüder nahm Harich zu einem der Vorwürfe Pepperles Stellung. Im Folgenden wird die Passage etwas ausführlicher wiedergegeben, um die Argumentationsstruktur von Harich nachvollziehen zu können: »PF: Und deshalb frage ich Sie: Ist das der ganze Nietzsche, den Sie mir da vorgeführt haben? WH: Nein, natürlich nicht. Doch die Einschränkungen, die Ausnahmen, die zusätzlichen Elemente, die ein Versuch, ihn vom marxistischen Standpunkt aus umfassend zu beurteilen, berücksichtigen müsste, machen die Sache nur um so schlimmer. PF: Genau so argumentieren oft Dogmatiker und Sektierer, wenn sie irgend ein ›Kind mit dem Bade ausschütten‹. Sind Sie sich dessen bewusst? ›Was? Die SPD hat in der und der Frage recht? Um Himmels willen, damit schläfert sie unsere Wachsamkeit gegenüber ihrem Opportunismus ein!‹ ›Wie? Den Romantikern haben wir schöne Gedichte zu verdanken? Weg damit, denn gerade dadurch könnte ihre Verherrlichung des Mittelalters verführerisch wirken!‹ ›Hans Driesch ein aufrechter Demokrat, ein Vorkämpfer für Völkerverständigung, ein Warner vor den Faschisten? Darüber wollen wir lieber nicht reden, weil sonst eine versöhnliche Einstellung zu seinem Neovitalismus Platz greift.‹ Solche Torheiten des ›Je besser, desto schlimmer‹ sollten wir, dächte ich, hinter uns haben. WH: Wem sagen Sie das? Ich engagiere mich für eine gerechte Einschätzung Nicolai Hartmanns. In früheren marxistischen Arbeiten über ihn begegnet mir häu g der Vorwurf, gerade mit seinen vernünftigen Gedanken hätte Hartmann eine ›letzte Au angbarriere‹ gegen den dialektischen und historischen Materialismus errichtet. Wer immun sei gegen die subjektivistischen und irrationalistischen Hauptströmungen des spätbürgerlichen 163 Pepperle: Wer zuviel beweist, beweist nichts, S. 219 f. 4 0 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Denkens, werde durch seine Ontologie von der Konsequenz abgehalten, den Klassenstandpunkt zu wechseln. Weil die Abbildtheorie sich auch bei ihm fände, glaube mancher, sich nicht mit Lenin befassen zu müssen, und was dergleichen Dummheiten mehr sind. PF: Trotz dieser Erfahrung bestehen Sie darauf, Nietzsche total zu verwerfen, wollen Sie an ihm kein gutes Haar lassen, rufen Sie ›um so schlimmer!‹, falls jemand da doch eines entdeckt. WH: Was an Denkern wie Driesch oder Nicolai Hartmann zu beanstanden ist, oder, meinetwegen, an der Romantik, hält mit der absolut einzigartigen, exorbitanten Feindschaft gegen jede Vernunft und Humanität, die im Mittelpunkt von Nietzsches Vermächtnis steht, keinen Vergleich aus. Schon deswegen können Elemente seines Scha ens, die diese Hauptsache an ihm eingängig machen, wirklich nur ›um so schlimmer‹ sein, und sie wären dies selbst dann, ließe sich ihnen ein für sich genommen beständiger Wert abgewinnen. Dass dies der Fall sei, bestreite ich jedoch auch. PF: Mit dieser Au assung stehen Sie, soweit ich sehe, allein da. Sie müssten sie begründen. Ist zum Beispiel Nietzsches Philosophie – ich nehme das Wort jetzt im engeren, eigentlichen Sinne – uneingeschränkt wertlos? Sie sind auf die bis jetzt immer nur am Rande eingegangen, schon 1987 und in unseren Gesprächen erst recht. Behandelt haben Sie fast nur seine politische Ideologie. Das wird Ihnen auch von Pepperle, in dessen Schlusswort, vorgehalten; wie mir scheint, nicht von ungefähr. WH: Pepperle knüpft daran die Bemerkung, mir sei billigerweise zu unterstellen, dass ich die eigentlich philosophische Seite als durch Lukács bereits erledigt betrachten würde. Er hat recht damit. So verhält es sich. Ich halte es für müßig, mich etwa zu Nietzsches Erkenntnistheorie zu äußern. Dem, was Lukács hierzu ausführt, wüsste ich so gut wie nichts hinzuzufügen; außer dem einen: Dass ich die Geduld, die Angelegentlichkeit, mit der Lukács sich in dieser obskure Materie vertieft hat, bewundere. Ich brächte das nicht fertig. Mit einem Philosophen kann ich mich nur auseinandersetzen, wenn seine Lehre elementaren wissenschaftlichen Kriterien standhält, so etwa mit Rickert oder mit Husserl oder mit Külpe. Ich muss, bei aller Kritik, auch etwas von ihm lernen können, wie eben von Nicolai Hartmann. Was soll ich mit Nietzsche anfangen? Was mit seiner ›Wiederkehr des Ewiggleichen'? Sie steht noch unter dem Niveau der Horoskopspalte in der Bildzeitung. Was mit seiner Projektion des Machtwillens in alle Seinsbereiche, bis hinab zu den Atomen? Sie nötigt mir nur ein Achselzucken ab. Was mit seiner Lehrweise, seiner Methode? Jürgen Habermas hat 1968, auf Nietzsche bezugnehmend, das Wort von der ›impliziten Form einer nicht nur unsystematisch vorgetragenen, sondern der Argumentation vorsätzlich entrückten Philosophie‹ geprägt. Damit ist alles gesagt.« 4 0 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re So Harich, ein gutes Jahr später. Entscheidend war, dass durch die Texte von Hermlin, Buhr, teilweise auch Pepperle, durch das Fehlen überzeugender positiver Stimmen die, es wurde bereits gesagt, Kritik an Harich freigegeben war. Um ein Beispiel zu nennen: Günther K. Lehmann verö entlichte im 5. Heft des Jahres 1988 der Sinn und Form den Aufsatz Das Schöne und der Widerstand oder die Aporie der Schönheit.164 Lehmann gehörte in der DDR zu den Lukács-Kritikern, worauf Harich in seinem Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! aufmerksam gemacht hatte.165 In dem hier zur Analyse stehenden Text tadelte er beispielsweise die »schulmeisterliche Strenge«, mit der Lukács »über die Totalität und Unversehrtheit der Form« wache,166 und bezog zu Nietzsche eine »di erenzierende« (Lehmann sprach u. a. von »Zwiespältigkeiten«)167 Position. Er schrieb: »Nietzsches Attacken gegen die ›Unaufrichtigkeit‹ der bürgerlichen Kunst und ihre Ästhetik, gegen ihr Festklammern an der Versöhnungsillusion unter unversöhnlichen Verhältnissen, enthalten einen rationellen Kern. (…) Dennoch, im Dionysisch-Urwüchsigen der Musik o enbarte sich für Nietzsche der ›einzige reine, lautre, läuternde Feuergeist‹, der die ›lügnerisch verhüllte Form‹ tilgt. Von einer ähnlichen Intention des Widerstandes und eines Wahrheitsdranges wurden die Moderne und die Avantgarde beherrscht, da sie gegen die apollinische Schönheit – auch sie meinten die bürgerlich korrumpierte, repressive Schönheit – rebellierten. Dies hat Lukács verkannt, was größtenteils der weltanschaulich notwendigen Abrechnung mit Nietzsche als dem ›Begründer des imperialistischen Irrationalismus‹ (Lukács) geschuldet ist. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit über Nietzsche. Weit hinter Lukács fällt Wolfgang Harich zurück, der das Konfrontations-Modell des Kalten Krieges aus den fünfziger Jahren seinem Nietzsche-Verhältnis zu Grunde 164 Lehmann, Günther K.: Das Schöne und der Widerstand oder die Aporie der Schönheit, in: Sinn und Form, Heft 5, 1988, S. 967–992. 165 Dort heißt es neben den bereits gebrachten Zitaten u. a.: »Günther K. Lehmann stellt in Heft 4/1985 (der Weimarer Beiträge, AH) Vergleiche an zwischen Lukács und Bloch, die für den letzteren ersichtlich schmeichelhafter ausfallen. Dabei erkühnt er sich, zu dekretieren, Blochs weiterer und reicherer Erbebegri stünde ›uns‹ näher. Wie äußerst eng Lukács das Erbe fasst, muss Lehmann wissen, da er, wie bemerkt, ja das Nachwort zur Eigenart des Ästhetischen geschrieben hat. Als Blochschüler muss er aber auch wissen, dass sein Lehrer diese atembeklemmende, ›uns‹ einschnürende Enge keineswegs zu Gunsten freieren Genusses von Avicenna oder omasius, von Karl May oder Johann Peter Hebel zu lockern verstanden hat. Blochs Schatzkästlein ist dermaßen geräumig, dass darin Nietzsche Platz ndet. In Band III seines Hauptwerkes Das Prinzip Ho nung, Aufbau-Verlag, Berlin, 1959, kann man es nachlesen.« Band 9, S. 439. 166 Lehmann: Das Schöne und der Widerstand, S. 978. 167 Lehmann: Das Schöne und der Widerstand, S. 977. 4 0 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e legt und Nietzsche – was weder logisch noch sachlich einen Sinn macht – in das ›Nichts‹ stoßen möchte.«168 An Reinhard Mocek schrieb Harich am 12. November 1988 – bezugnehmend auf eben diese Passage: »Das heißt, wenn ich Lukács’ Nietzsche-Kritik verteidige, aber zugleich unter Berufung auf die ökologische Krise, die fällige Frauenemanzipation, die heute mehr denn je nötige Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus und die Gefahr des die Existenz der Menschheit bedrohenden Raketenkernwa enkriegs dafür plädiere, sie zeitgemäß verschärfend auf neuen Stand zu bringen, dann bin ich ein rückfälliger kalter Krieger, dann befürworte ich die Rückkehr zur Konfrontationspolitik der fünfziger Jahre. Und darauf darf ich ö entlich nicht antworten. So ist es hierzulande um meine ›Freiheit des Andersdenkenden‹ bestellt. In Sinn und Form üben die Nietzscheaner eine Meinungsdiktatur aus, kaschiert durch den Abdruck von Lukács’ Leninschrift aus dem Jahre 1924169 (die natürlich, ginge es mit rechten Dingen zu, in die Einheit gehörte – das nur nebenbei). Was sagen Sie dazu?« An Max Walter Schulz von der Sinn und Form ergänzte er eine Woche später (am 19. November 1988): »Der Abdruck meines Beitrags zu Nietzsche in Heft 5, 1987, der von Ihnen geleiteten Zeitschrift wurde davon abhängig gemacht, dass ich eine Verstümmelung des Originaltextes im Abschnitt IV hinnahm. Der in dem Beitrag von mir kritisierte Dr. Heinz Pepperle hatte mehrfach, zuerst am 10. Oktober 1987, Gelegenheit, sich in einem Kreis von ihm wohlwollend gesinnten Fachkollegen mit mir über unsere Meinungsverschiedenheiten auseinander zu setzen. Er hat sich dem bisher stets ohne ein Wort der Erklärung seines Fernbleibens entzogen. Trotzdem erteilten Sie ihm in den Meinungen zu einem Streit in Heft 1, 1988, das letzte Wort. Als ich Sie daraufhin bat, mir die Möglichkeit einer Replik einzuräumen, lehnten Sie das brie ich am 20. Januar 1988 mit der Begründung ab, dass dabei, ob pro oder contra, Nietzsche, als ›das Objekt, das nun von allen Seiten angeleuchtet wird‹, der ›eigentliche Sieger‹ bleiben würde. Wie soll ich es verstehen, dass danach in Sinn und Form, Heft 5, 1988, S. 967 ., ein von Günther K. Lehmann, Leip- 168 Lehmann: Das Schöne und der Widerstand, S. 977 f. 169 Lukács, Georg: Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, in: Sinn und Form, Heft 5, 1988, S. 893–957. (Entstanden im Februar 1924.) 4 0 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re zig, verfasster Aufsatz erscheint, der Nietzsche überwiegend positiv ›anleuchtet‹, um nicht zu sagen: anstrahlt, und auf Seite 978 mich als ein Relikt des Kalten Krieges der fünfziger Jahre abquali ziert? Wird damit das Interesse an Nietzsche von Ihnen nicht ganz bewusst erneut angeheizt? Und womit eigentlich habe ich eine solch ungerechte, mich tief verletzende Behandlung verdient? Selbst wenn der mich beleidigende Passus in dem Beitrag jedoch fehlen würde, könnte ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Günther K. Lehmann drauf und dran ist, den humanistischen Grundkonsens der politischen und gesellschaftlichen Kräfte unseres Landes aufzukündigen. Es schiene mir hoch an der Zeit, dass Sie hierüber mit sich und Ihren Mitarbeitern einmal gründlich zu Rate gingen.« Durchaus zynisch gesprochen, war der Aufsatz von Lehmann ein Wendepunkt in der Auseinandersetzung der DDR mit Harich. Seit der Mitte der siebziger Jahre, als Harich den Herrschenden der DDR mit seinen ökologischen Forderungen auf ihrer umweltschmutzigen Füße getreten war, hatten diese ihn noch konsequenter als bis zu diesem Zeitpunkt bereits praktiziert aus dem Leben der DDR ausgeschlossen. Von einigen Ausnahmen abgesehen erschienen von ihm so gut wie keine Texte mehr, es wurde nicht über ihn geredet. So gibt es ja zum Beispiel mit dem Erscheinungsdatum 1979 den völlig absurden III. Band der Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre, in dem unter der Leitung von Vera Wrona lauter heute zu Recht vergessene Autoren das, man kann es durchaus so nennen, Kunststück vollbringen, Harichs Beteiligung an den Debatten der jungen DDR-Philosophie und seine Rolle im wissenschaftlichen und philosophischen Leben der DDR zu kritisieren, ohne ihn an den entscheidenden Stellen namentlich zu nennen, teilweise gar, ohne seine Texte (zum Beispiel die ausführlich kritisierten Reformschriften von 1956) gelesen zu haben.170 Nach dem X. Schriftstellerkongress und den Meinungen zu einem Streit war die Situation nun o ensichtlich eine andere: Man durfte Harich wieder kritisieren, im Idealfall ohne ihn zu zitieren, selbstverständlich so, dass dieser mundtot blieb. Eines der aufschlussreichen Argumente aus den Meinungen zu einem Streit stammt von Klaus Kändler, der seinen Beitrag mit den Worten beendete: »Diese Bemerkungen betre en eigentlich gar nicht den ›Fall Nietzsche‹, wohl aber eine Reihe von Argumenten, die da in der Polemik gebraucht worden sind.«171 Ein zufälliges Eingeständnis. 170 Wrona, Vera (Hrsg.): Geschichte der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR. Von 1945 bis Anfang der sechziger Jahre, Berlin, 1979. 171 Kändler:,Nun ist dieses Erbe zu Ende!? S. 192. 4 0 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Denn in der Tat: Von den Streitenden beschäftigte sich kaum einer mit Nietzsche und den von Harich vorgetragenen Argumenten. Dies hat Harich zu Recht beklagt. Vielmehr war das Vorgehen ein anderes: Man nahm sich einen Punkt, vielleicht einen wichtigen, zumeist einen beiläu g erwähnten, vertrat dabei eine andere Position als Harich und schlussfolgerte schließlich, dass wenn dieser sich an dieser Stelle irre, der Rest seines Aufsatzes auch nichts taugen könne. Eine Position, die den »Streitenden« dann gegenseitig deswegen als aufschlussreich erschien, da die gemeinsame Klammer die vorgetragene Erregung über den Tonfall, die Polemik Harichs war. Ähnlich waren, ebenfalls von einigen Ausnahmen abgesehen, Politik Bürokratie und Parteikader bereits mit Georg Lukács umgegangen. Das Verfahren hatte sich bewährt und kam erneut zur Anwendung. Harich hat sich in verschiedenen privaten Briefen und auch in Schreiben an die Herrschenden darüber beschwert, dass er nie Gelegenheit bekommen habe, auf die Kritik an ihm zu reagieren. Gleichzeitig wollte er aber auch nicht in den Westmedien antworten, obwohl sich dafür für ihn mehrfach die Gelegenheit bot, sondern hielt den Streit für eine »interne Angelegenheit« der DDR. So blieb er bis zum Untergang des Staates in Sachen Nietzsche ungehört. 10. Der Brief an Honecker vom Mai 1988 Nach all den erlebten Schmähungen und Verleumdungen, den Angri en, auf die er nicht reagieren durfte, konnte, wendete sich Harich am 18. Mai 1988 erneut brie ich an Erich Honecker. »Die mir aufgezwungene Isolierung nötigt mich zum Briefeschreiben. Manche halten dies für eine Neurose. Vielleicht haben sie recht. Doch die Ursachen hierfür sind woanders zu suchen als in einer von Natur aus abnormen Gemütsverfassung.« Es ist dieser Brief ein Text, der seine ganze Verzwei ung dokumentiert, die trotz allem immer noch vorhandenen Wünsche und Ho nungen, die Sorge um die kulturpolitische Ausrichtung der DDR. Nach dem Brief Honeckers aus dem April 1987 habe Kurt Hager ihm gegenüber erneut bekräftigt, dass gegen ihn keine Einwände mehr bestünden und seine Mitarbeiter auf kulturpolitischen Gebiet erwünscht sei. Außerdem wäre jene Amnestie in Kraft getreten, »die bestimmt, dass vor dem 7. Oktober 1987 verurteilte DDR-Bürger gleichberechtigt entsprechend ihrer beru ichen Quali kation wieder in die Gesellschaft einzu- 4 0 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re gliedern seien«. Zu diesem Personenkreis würde er gehöre. Unter Berücksichtigung seiner »Quali kation wäre es keineswegs abwegig gewesen, mein Ansehen sichtbar anzuheben, etwa durch Berufung zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Meine Leistungen würden dies vollauf rechtfertigen. O enbar ist dergleichen indes von niemandem auch nur in Erwägung gezogen worden. Im Gegenteil, ich werde weiterhin diskriminiert.« Honecker selbst sei ein Zeuge der Vorgänge um das Jean-Paul-Jubiläum, das an Widerständen im Ministerium für Kultur sowie der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste gescheitert wäre. »Ihre ausdrücklichen Wünsche wurden dabei empörend desavouiert, und mir wurde eine tiefe Kränkung zugefügt. Auch verstieß man gegen den Vorrang des progressiven Erbes.« Weiter schrieb er: »Diesen Punkt bitte ich nicht misszuverstehen. Hermann Kant hat, auf dem X. Schriftstellerkongress, mir zu Unrecht die ›Polpotterie‹ vorgeworfen, mühsam errungene Positionen preisgeben zu wollen. Stephan Hermlin irrt sich, wenn er meint, die DDR werde von mir ›streng getadelt, weil sie zu bedeutenden, problematischen Gestalten der Vergangenheit wie Luther, Friedrich der Große und Bismarck ein neues Verhältnis gewinnt'. Ich nde, beispielsweise, Ingrid Mittenzweis Buch über Friedrich II. vortre ich und freue mich, voller Dankbarkeit, die namentlich Ihnen gilt, über die Wiedererrichtung seines Reiterstandbildes unter den Linden. Doch die Staatsmänner und Militärs der preußischen Reformzeit stehen uns halt näher als der Alte Fritz, und wenn Jean Paul der wichtigste literarische Wegbereiter dieser Reformer – und der analogen in den Rheinbundstaaten – gewesen ist, dann sollte er nicht deswegen schnöde missachtet werden, weil ich das heraus ge funden und in die diesbezüglichen historischen Beweise zehn Jahre Forschungsarbeit investiert habe. Da stimmen die Proportionen nicht.« Auf dieser Linie liege auch der Umgang mit Nietzsche, der »wichtigste ideologische Wegbereiter der faschistischen Diktatoren, Mussolinis und Hitlers«. Er, Harich, kämpfe nach wie vor erbittert gegen die Nietzsche-Renaissance. Aktuell werde ihm beispielsweise verweigert, auf die neuerlichen Ausführungen von Heinz Pepperle in der Sinn und Form (Heft 1, 1988) zu reagieren. Nur weil bestimmte Einsichten von ihm formuliert würden, lehne man sie ab.172 Damit schade man der Kulturpolitik der DDR 172 »Über die frühere marxistische Kritik an Nietzsche gehe ich in wesentlichen und höchst aktuellen Punkten hinaus, indem ich zum Beispiel seine Rolle als Gegner der Frau eneman zi pation entlarve, die Legende widerlege, dass Antisemitismus und Rassismus ihm ferngelegen hätten, und den Nachweis erbringe, dass er der schlimmste Gewaltverherrlicher und Kriegshetzer aller Zeiten gewesen ist. Nur weil diese Einsichten von mir artiku- 4 0 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e und untergrabe das marxistische Selbstverständnis. »Die Großzügigkeit auch gegenüber problematischem Erbe muss, meine ich, hier ihre Grenze haben. Sie haben die Angriffe, denen ich wegen meiner unversöhnlichen Haltung zu Nietzsche auf dem X. Schriftstellerkongress ausgesetzt war, miterlebt. Die Medien des Westens triumphierten. Sie feierten dies als ›Glasnost'.« Angesichts dieser Entwicklungen reiche es nicht mehr aus, sich ausschließlich intern kritisch zu Nietzsche zu äußern. Nicht zuletzt, da beispielsweise entsprechende Äußerungen von Kurt Hager nie mit einer Würdigung der Argumentation von Harich einhergehen würden. »Sie ersehen daraus, lieber Erich Honecker, dass ich keine rein egoistischen Ziele verfolge, wenn ich Sie darum bitte, sich für meine gleichberechtigte Inanspruchnahme einzusetzen. Einen Zuwachs an Ansehen und Ein uss brauche ich, um e ektiver im Interesse der Republik Nützliches fördern und Schädliches abwenden zu können. Was hierbei Nietzsche anbelangt, so mögen die Versuche, ihn uns aufzudrängen, bei einigen unserer Poeten und Schöngeister rein ästhetizistisch motiviert sein, wie ehemals. Unsere P icht bleibt es dennoch, diese Bestrebungen mit gebührender Wachsamkeit vor dem Hintergrund des in Westeuropa erstarkenden Rechtsradikalismus zu sehen und dabei die leider auch bei uns zu beobachtenden Aktivitäten neofaschistischer Kräfte – ich denke an die Brutalität der Skinheads – nicht außer acht zu lassen. Dem Vermächtnis Nietzsches hierzulande auch nur einen Millimeter Raum zu gewähren, widerspricht der antifaschistischen Tradition unseres Staates ebenso wie dessen Verfassung. Und nicht allein das. Gefährliche Globalprobleme gebieten mehr denn je, dass in aller Welt die Kräfte der Vernunft zu Nietzsche unbeirrbar, kompromisslos eine ablehnende Haltung einnehmen. Besonders dadurch, dass Frieden und Abrüstung zu Überlebensfragen des Homo Sapiens geworden sind, muss Nietzsche uns absolut unerträglich sein. Bedroht sind wir und unsere Nachkommen – um nur ein weiteres Globalproblem anzudeuten – von einer weltweiten Pestkatastrophe neuer Art, genannt Aids. Wie soll diese Seuche mit Mitteln, die den Geboten der Humanität Genüge leisten, eingedämmt werden, wenn es geschehen kann, dass sogar in einem sozialistischen Land ein Gedicht Nietzsches Verbreitung ndet, das, gemäß seiner Parole ›Was fallen will, das soll man auch noch stoßen‹ die Ausrottung kranker Menschen gutheißt? Die schwungvollen Verse, an denen der Herausgeber, Stephan Hermlin, sich berauscht, machen ihren inhumanen Inhalt nicht um einen Deut besser.« liert worden sind, emp ndet man es als peinlich, sie sich zu eigen zu machen, und verzichtet darauf, aus ihnen Belehrung zu schöpfen.« 4 1 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Weiter schrieb Harich, dass er seinen Lebensrest »trotz Herzkrankheit möglichst produktiv verbringen« wolle. In diesem Zusammenhang sei ihm die Problematik seiner Verurteilung von 1957 bewusst, sie »war politisch notwendig und juristisch einwandfrei begründet. Die Straftaten, die ich 1956 begangen hatte, sind dabei aufs Engste verknüpft gewesen mit analogen politischen Fehlern meines Lehrers und Meisters Georg Lukács.« Es sei ein Teil seiner Reue, so Harich, dass er den damaligen politischen Ein uss von Lukács auf sein Denken bedaure und nunmehr rückblickend sehr kritisch beurteile. »Aber: Ich habe deswegen doch nie aufgehört, Lukács als Gelehrten, als eoretiker zu bewundern, an seinen Errungenschaften festzuhalten, sie in meiner eigenen Arbeit auszuwerten und mich dazu auch freimütig zu bekennen. Auf Kulturpolitiker in unserem Mittelbau und, mutmaßlich, auch auf Experten bei unseren Sicherheitsorganen mag dies seit Jahrzehnten irritierend wirken. Für daraus resultierendes Misstrauen bringe ich ein gewisses Maß an Verständnis auf. Die Angelegenheit hat heute jedoch dadurch einen neuen, veränderten Stellenwert, dass die gewohnte und geduldete Mäkelei an Lukács, von jenen Funktionären unbemerkt, allmählich in die Unart umgeschlagen ist, den Mann von rechts zu kritisieren, seine Errungenschaften über Bord zu werfen, sie preiszugeben zu Gunsten reaktionärer bürgerlicher Ideologien und eorien. Dass ich davon mitbetro en bin, ist ein – untergeordneter, verhältnismäßig unwichtiger – Teilaspekt eines umfassenderen, wieder Aspekte der sozialistischen Kultur berührenden Missstandes. Weil ich mitbetro en bin, kann es mir aber auch nicht verargt werden, dass ich den Missstand in seinen größeren Dimensionen besonders klar erkenne und alles in meiner Macht Stehende tue, ihn beheben zu helfen. Wenn ich hierbei wenig Unterstützung nde, so hat das naheliegende Gründe. Noch schädlicher als alles Übrige, worüber ich mich bei Ihnen beklage, ist es und bleibt es trotzdem.« Der Rückgri auf das theoretische, ästhetische und philosophische Scha en von Lukács (gemeint war vor allem der späte Lukács der Ästhetik und der Ontologie) sei wichtig und notwendig. Mit seiner Hilfe könne man den Krisen und Herausforderungen der Gegenwart besser begegnen. Und nicht zuletzt sei Lukács, was man nicht vergessen dürfe, »in wahrlich schicksalsschweren Jahren deutscher Geschichte« Mitglied der KPD gewesen und habe sich immer zur deutschen Sprache und Kultur, zum Humanismus und progressiven Erbe bekannt.173 Im Anschluss an diese Probleme richtete Harich an 173 »Der Kampf um die Bewältigung der oben erwähnten Globalprobleme muss, soll ihm Erfolg beschieden sein, durch eine weltweite O ensive zur Rettung und Weiterentwicklung 4 1 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Honecker »noch ein Wort zu demjenigen Anliegen, das mir am meisten am Herzen liegt«. »Das Staatsverbrechen, das ich 1956 begangen habe, kann durch nichts ungeschehen gemacht werden. Ich kann daher keinerlei Rehabilitation beanspruchen, juristisch nicht und politisch schon gar nicht. Aber ich bejahe uneingeschränkt das Parteiprogramm und das Statut der SED. Und ich möchte nicht als heimatloser Linker in die Grube fahren. Wenn es einmal soweit sein wird, darf es bei Freund und Feind nicht den geringsten Zweifel darüber geben, wo ich gestanden habe. Und bis es so weit sein wird, möchte ich auf den Gebieten, von denen ich mehr zu verstehen glaube als viele andere, als Kommunist unter Kommunisten, beteiligt am kollektiven Meinungsbildungsprozess der Partei, eingebunden in ihre Disziplin, noch ein paar Weichen in die Zukunft stellen helfen. Deshalb habe ich bei der Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag, bei dem ich ›angebunden‹ bin, den Antrag gestellt, mich als Kandidaten aufzunehmen. Professor Dr. Werner Mittenzwei, Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste, und Dr. Hermann Turley, der seit ca. zwei Jahrzehnten meine Arbeit für den Akademie-Verlag am besten zu beurteilen vermag, waren bereit, für mich zu bürgen. Im März erhielt ich von der BPO den niederschmetternden Bescheid, dass wegen meines Umstrittenseins es der Parteileitung nicht zugemutet werden könne, den der humanistischen Kultur ankiert werden. Hierfür haben Kommunisten nächst den Lehren ihrer marxistisch-leninistischen Klassiker auf dem Gebiet der Philosophie und insonderheit hinsichtlich aller kulturtheoretischen, ästhetischen und auch moralischen Fragen nichts Besseres aufzubieten, nichts Gewichtigeres in die Waagschale der geistigen Auseinandersetzungen unserer Zeit zu werfen als das gewaltige Gedankenvermächtnis von Georg Lukács. Und nicht zuletzt deutschen Kommunisten fällt die Verp ichtung zu, sich darüber restlos klar zu werden. Es ist völlig falsch, wenn bei uns die Meinung verbreitet wird, Lukács habe deswegen in der DDR wieder eine Chance, weil wir auf den Nationalstolz der Volksrepublik Ungarn Rücksicht nehmen müssten. Lukács ist in wahrlich schicksalsschweren Jahren deutscher Geschichte, in den Jahren 1931 bis 1945, unter der Führung Ernst älmanns und Wilhelm Piecks Mitglied der KPD gewesen. Es würde Ihnen, lieber Erich Honecker, zu hohem Ruhm gereichen, wenn Sie, anknüpfend an diese Ihre Vorgänger, der von Ihnen geführten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und deren deutschsprachigen Bruderparteien diese historische Tatsache erneut ins Gedächtnis riefen. Und es würde mich mit Genugtuung erfüllen, wenn Sie dabei in Ihrem Innern, ohne dass Sie es auszusprechen brauchten, meinem Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! im Kern zustimmten. (1986 habe ich ihn zweimal umgearbeitet. Dennoch wollte, bis heute, keine der in Betracht kommenden Zeitschriften der DDR ihn abdrucken, so dass mir nichts übrig blieb, als ihn in einer linkssozialistischen Zeitschrift in Wien zu verö entlichen. Nun ja, Mitglied der KPÖ war Lukács ja auch einmal, von 1919 bis 1929; danach von 1929 bis 1931 Mitglied der KPdSU – dies nur am Rande.)« 4 1 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Genossen der BPO meinen Antrag vorzulegen. Die Kampfabstimmung, zu der es dann kommen würde, wäre weder für die Partei noch für mich ratsam und hilfreich. Ich weiß, dass Mitglieder des ZK und gar solche des Politbüros in derartigen Fällen nicht eingreifen dürfen. Dennoch kann, unter Einhaltung der Bestimmungen des Statuts, von oben indirekt Hilfe geleistet werden.« Um seinen Eintritt in die Partei zu ermöglichen habe er Kurt Hager gebeten, seine intern geäußerte Positionierung gegen Nietzsche ö entlich zu wiederholen und dabei »den hartnäckigen Kampf, den ich gegen die Nietzsche-Renaissance führe, lobend hervorheben«. Auf diese Weise wäre es möglich, die »Widerstände, die es in der BPO des Akademie-Verlages gegen mich geben mag, zu überwinden«. Hager habe dieses Ansinnen zwar nicht direkt abgelehnt, sich aber zu ihm auch nicht positiv geäußert. Zudem wären weitere Versuche Harichs, ihn zu einer Entscheidung zu bringen, im Sand verlaufen. Harichs Brief ist also auch insofern ein wichtiges Dokument, als er verdeutlicht, dass er das Vertrauen in die handelnden Personen der DDR, mit denen er im Kontakt stand, verloren hatte. Honecker selber scheint er aus dieser Gruppe ausgenommen zu haben. In seinem bereits erwähnten Brief an Stephan Hermlin vom 9. Mai 1987 hatte Harich geschrieben, dass Honecker »kulturpolitische Einzelfragen o enbar fernliegen«. Und an anderer Stelle, im selben Brief: »Honecker kennt eben die Details nicht.« Harich sah Honecker als »Opfer« von Intrigen, von einer falschen Informationspolitik und ähnlichem. Er schrieb ihm im Mai 1988: »Nach Lage der Dinge erschienen es mir wenig sinnvoll, wenn Sie diesen Brief, sei es selbst befürwortend, zur Erledigung nur wieder an Kurt Hager weiterleiteten. Selbst wenn ich bei ihm eine mir gegenüber sachliche, unbefangene, vielleicht sogar freundliche Haltung unterstelle, kann ich mich nach meinen Erfahrungen in den letzten zweieinhalb Jahren doch nicht des Eindrucks erwehren, dass er fällige Entscheidungen vor sich her schiebt und ihm wichtige Dinge aus der Hand gleiten. Ich kann aber auch nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, dass partielle Meinungsverschiedenheiten mit mir ihn zögern lassen, sich bei Anfeindungen, denen ich im Westen wie auch hierzulande ausgesetzt bin, hinter mich zu stellen. Bei unserer Unterredung vor einem Jahr wusste er über Lukács nichts anderes zu sagen, als dass er ihn für einen ›politischen Dummkopf‹ hielte. Im Lichte dieser Äußerung kommt es mir, nachträglich, sehr bedenklich vor, dass Kurt Hager im März 1985 dem Kolloquium anlässlich des 100. Geburtstages von Lukács fernblieb und, 4 1 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e im selben Monat, vor einer Plenartagung der Akademie der Künste eine Rede hielt, die weder Lukács namentlich erwähnte noch wesentlichen Erkenntnissen von ihm gebührend Rechnung trug. In Anbetracht dessen drängt sich bei mir die Frage auf, ob es pure Nachlässigkeit ist, wenn Kurt Hager meine im September 1987 an ihn gerichtete Bitte, mir in geeigneter Form wieder die Ausbildung von Schülern zu ermöglichen, bis heute keiner Antwort für würdig befunden hat und dass jetzt, seit Ende März, die Abteilung Wissenschaft beim ZK diese Angelegenheit mit einer mich nervlich zermürbenden Taktik des Hinhaltens behandelt.«174 Wie wahrscheinlich kaum anders zu erwarten, wurde Harichs Brief vom Büro Honeckers trotz der geäußerten Bedenken Kurt Hager übergeben. Dieser machte Honecker am 1. Juni eine Stellungnahme zugänglich, die Gregor Schirmer mit dem Datum 31. Mai 1988 erarbeitet hatte.175 In seinem Begleitschreiben an Honecker schrieb er, dass die Abteilung Wissenschaften dafür sei, Harich wieder in die Partei aufzunehmen. In der Grundorganisation des Akademie-Verlages sei dies aber nicht möglich, da man Harich »dort genau kennt«. Anzustreben sei, Ein uss auf die Bezirksleitung Berlin auszuüben, um seine Aufnahme auf diese Weise zu ermöglichen. Er selbst habe sich im Januar 1988 ausführlich zu Nietzsche geäußert (auf dem Bundeskongress des Kulturbundes und auf der Tagung der Dozenten des gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudiums), dabei aber Harich nicht namentlich genannt, »da ich mit den Methoden seines Vorgehens nicht einverstanden bin«. Und zu den abschließenden Bemerkungen Harichs beschrieb er: Ich betrachte »sie als denunziatorisch und werde darauf nicht weiter eingehen«.176 174 Abschließend hieß es dann: »Verzeihen Sie bitte, lieber Erich Honecker, dass ich Ihnen angesichts Ihrer überreichen Arbeitsverp ichtungen mit einem so langen Brief Zeit raube. Aber es sind nicht nur – und nicht einmal in erster Linie – persönliche Belange von mir, die hier einer Entscheidung harren. Es sind sachliche und nicht unaktuelle Probleme der Kulturpolitik und der ideologischen Klassenauseinandersetzung, um die es mir geht und die ich Ihnen und Ihren engsten Mitarbeitern zu Bedenken geben möchte. Indem ich Ihnen persönlich Gesundheit und Glück und Ihrer schweren, verantwortungsreichen Arbeit im Dienste des Friedens und des sozialen Fortschritts in unser aller Interesse jeden nur denkbaren Erfolg wünsche, verbleibe ich, Ihnen tief vertrauend, mit kommunistischem Gruß Ihr« 175 6 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 31. Mai 1988. Abteilung Wissenschaften beim ZK der SED. Alle Angaben, wenn nicht anders gekennzeichnet, im Folgenden nach diesem Manuskript. 176 Hager, Kurt: Brief an Erich Honecker vom 1. Juni 1988, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 4 1 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re In seiner Stellungnahme setzte sich Schirmer in sieben Punkten mit Harich und dessen Brief an Honecker auseinander. Diese Gliederung kann im Folgenden, leicht modi ziert, nachvollzogen werden. 1) Schirmer begann mit der Feststellung, dass Harich 1979 »gegen den Rat der Partei und nach langwierigen Gesprächen die DDR verlassen« habe. Im Westen habe er linkssektiererische Ideen vertreten, sich aber auch nicht zur Hetze gegen die DDR missbrauchen lassen.177 Sein Versuch, im Westen politisch Ein uss zu gewinnen, sei gescheitert, so dass Harich 1981 in die DDR zurückgekehrt wäre. Hier habe man vieles getan, um für ihn zu sorgen: • Zuweisung einer »Intelligenz«-Rente und nanzielle Unterstützung aus dem Kulturfond; • Der Doktortitel, der ihm im Zuge seiner Verurteilung von 1957 aberkannt worden war, wurde ihm wieder zuerkannt; • Beim Akademie-Verlag sei er als eine Art »freier Mitarbeiter« tätig, es bestehe die Vereinbarung, dass er sich mit Nicolai Hartmann auseinandersetze; • Versorgung mit Wohnraum, ärztliche Betreuung; • Seine Reisen in den Westen würden großzügig genehmigt werden. Da Harich im Westen gescheitert wäre, so Schirmer weiter, seien seine politischen Ambitionen in der DDR ständig gestiegen. Seit seiner Rückkehr in die DDR habe er den Status eines Invalidenrentners, der beispielsweise die Berufung zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften ausschließe. Wobei Schirmer ergänzte, dass Harich »wahrscheinlich nicht gewählt werden würde«. 2) Mit Blick auf Jean Paul habe Harich recht, dieser würde in der DDR nicht genügend gewürdigt werden. Allerdings habe die Partei bereits reagiert, Korrekturen des Jean- Paul-Bildes wurden eingeleitet, weitere »subtile« Forschungen seien nötig. Harich sei vorzuwerfen (»nach der Meinung kompetenter Wissenschaftler«), dass er die Stellung Jean Pauls in der Literaturgeschichte überhöhe, indem er versuche, diesen noch vor Friedrich Schiller zu stellen. Harich wären im Zuge der Jean-Paul-Forschung mehrere Angebote gemacht worden: a) Teilnahme an einer wissenschaftlichen Tagung in Weimar, b) Auftritt auf einem Kolloquium in Wickersdorf, c) Verfassung eines Artikels für den Sonntag. Alle Angebote habe Harich abgelehnt. 177 Die entsprechenden Texte, Manuskripte, Vorträge usw. präsentiert der 8. Band. 4 1 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 3) Gegenüber Nietzsche und der westdeutschen Nietzsche-Renaissance vertrete Harich »scharf ablehnende Positionen«, die die Partei unterstützen könne und auch unterstützt habe. Allerdings verbinde Harich seinen Kampf mit Forderungen, die zu weit gingen. Schirmer sprach von »abenteuerlichen Ideen zur Art und Weise der Auseinandersetzung mit Nietzsche« und meinte konkret die Schleifung von Nietzsches Grab, den Verzicht auf Forschung über diesen, das von Harich geforderte »o zielle Verdikt der Partei«. Außerdem verbinde Harich seine Nietzsche-Kritik mit »Angri en auf wesentliche Seiten der Kulturpolitik der Partei« in der Erbe-Frage. Gemeint war beispielsweise die Einstellung zu omas Mann, zum Bauhaus, zum Expressionismus. Schirmer machte ebenfalls geltend, dass Harich »beleidigende Äußerungen« gegen alle jene vortrage, die nicht seiner Meinung folgen würden, darunter »ausgewiesene Fachleute« wie Manfred Buhr. All dies würde es erschweren, sich Harichs Einstellung zu nähern, die von namhaften Intellektuellen der DDR – Schirmer nannte Hermann Kant, Stephan Hermlin, Manfred Wekwerth, Werner Mittenzwei – abgelehnt würde. Die Nietzsche-Diskussion in der Sinn und Form bezeichnete Schirmer als von »vornherein über üssig«. Ihr Abbruch mit der Nr. 1 von 1988 wäre politisch richtig und wichtig. Notwendig sei nun, und daran werde auch gearbeitet, dass eine wissenschaftlich begründete Auseinandersetzung mit der spätbürgerlichen Philosophie, ein »di erenziertes, vom politischen Dialog geleitetes Herangehen« statt nde. Daran könne sich Harich beteiligen. 4) Zur Frage Georg Lukács nehme Harich ebenfalls eine »extreme Position« ein. Er stelle diesen gleich hinter Marx, Engels und Lenin und damit auf eine Stufe mit Rosa Luxemburg. Sein Eintreten für eine stärkere Beachtung Lukács’ verharmlose dessen theoretische und politische Fehler. Anlässlich des 100. Geburtstages von Lukács, 1985, habe die DDR einen ausgewogenen Standpunkt erarbeitet. Der Artikel Mehr Respekt vor Lukács! habe wenig Substanz gehabt und statt dessen »viele zum Teil beleidigende Angri e und abfällige Bemerkungen gegen angebliche Lukács-Gegner in der DDR, gegen das ND usw.« enthalten. Hätte Harich diese gestrichen, so wäre sein Artikel verö entlicht worden. Wichtig war Schirmer zudem der Hinweis: »Die Behauptung, Genosse Kurt Hager habe über Lukács nichts anderes zu sagen gewusst, als dass er ein ›politischer Dummkopf‹ sei, entspricht nicht der Wahrheit.« 5) Harichs Wunsch, wieder in die Partei einzutreten, sei »echt«. Er wolle eine politische Heimat nden. Bei Abwägung aller Faktoren solle dem entsprochen werden. Die 4 1 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re »unvermeidlichen Auseinandersetzungen« mit Harich seien dann innerhalb der Partei zu führen. Schirmer wies gleichzeitig darauf hin, dass »namhafte Genossen Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler« Harich für einen »wilden Dogmatiker« hielten, so dass es zu »Irritationen« kommen könne. 6) Von einer Isolierung Harichs von Seiten der Partei könne nicht gesprochen werden, seit Jahren bemühe man sich, diesen in das geistige Leben einzubinden. Verschiedene Angebote habe er abgelehnt, aus dem Kulturbund sei er selber ausgetreten. Die »Ausbildung von Schülern« sei nicht hintertrieben worden, Harich habe vielmehr seine Forderungen erweitert. Er wolle, so Schirmer weiter, sogar in die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK. Dies wäre jedoch politisch nicht richtig. Wenn von einer Isolierung Harichs gesprochen werden könne, dann sei diese durch ihn selbst verschuldet. Eine Reihe von Genossen lehnten es ab oder seien nur durch Anweisung dazu zu bringen, mit ihm zu sprechen. Sie würden die »Rechthaberei und ideologischer Herrschsucht« Harichs »als unerträglich emp nden«. 7) Die Persönlichkeit Harichs schätzte Schirmer auf Grund »langjähriger Erfahrungen« wie folgt ein: Dieser sehe nur Feinde, die Nietzsche »in die DDR einschleusen und Lukács beseitigen sowie ihn – Harich – ausschalten wollen«. Die Funktionäre seien unfähig und würden das nicht bemerken. Er sehe alle Belange des geistigen Lebens nur unter der Formel: Für Lukács, gegen Nietzsche. Harich propagiere »linkssektiererische Au assungen und grobschlächtige Methoden«. Nach wie vor vertrete er die Positionen aus Kommunismus ohne Wachstum. Der Kulturpolitik der Partei stehe er mit Vorbehalten gegenüber, die bis zur schro en Ablehnung gehen würden. Gleichzeitig verfüge er über »enorme philosophie- und literaturhistorische Kenntnisse«. Und weiter: »Er ist sehr ehrgeizig, herrschsüchtig, rechthaberisch und Argumenten kaum zugänglich. Wer nicht absolut für ihn ist, der wird von ihm angegri en, wobei er in der Wahl seiner Mittel nicht fein ist und auch mit Verdrehungen arbeitet.« Hierfür ließen sich zahlreiche Beispiele beibringen. Abschließend machte Schirmer folgende konkrete Vorschläge: a) Es sei eine endgültige Entscheidung über die Parteimitgliedschaft Harichs zu fällen. b) Die eingeleiteten Schritte zur stärkeren Einbeziehung Harichs in das geistige Leben der DDR seien fortzuführen. 4 1 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Am 21. Juni 1988 führte Schirmer dann im Beisein von Bernd Ihme ein Gespräch mit Harich über dessen Brief an Honecker vom 18. Mai. Auch hierüber wurde eine Aktennotiz angelegt, die Schirmer am 28. Juni Hager zur Verfügung stellte.178 Ein Verfasser ist nicht angegeben, aber Schirmer kann als solcher angenommen werden, zumindest scheint er den Text letztinstanzlich korrigiert zu haben. Auch bei diesem Protokoll kann der vorgegebenen Einteilung zur Rekonstruktion gefolgt werden. 1) Schirmer habe Harich darüber informiert, dass der Akademie der Wissenschaften der DDR die Empfehlung gegeben wurde, seine Aufnahme in die Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag einzuleiten. Harich solle die notwendigen Unterlagen und Bürgschaften übergeben, wobei dieser als Bürgen Mittenzwei und Turley nannte. Es sei ihm erläutert worden, dass seine Straftat verjährt wäre und damit in dem Aufnahmeverfahren keine Rolle spiele. Deswegen könne auch nicht von Rehabilitation gesprochen werden. Harich habe dem »voll und ganz« zugestimmt. 2) Harich wurde ein Plan übergeben, in dem verschiedene emen- und Terminvorschläge hinsichtlich interner Diskussionen gemacht wurden. Zu den Veranstaltungen über Nietzsche im Zentralinstitut für Philosophie werde Harich weiterhin eingeladen. Am Zentralinstitut werde ihm auch die Möglichkeit gegeben, im monatlichen Rhythmus vor Philosophiestudenten und Nachwuchswissenschaftler zu reden. In diesen Vorschlägen habe Harich eine »Verwirklichung seiner Anregungen«, wie er sie in einem Brief an Schirmer vom 16. April 1988 dargelegt habe, gesehen. 3) Wegen der Invalidität und dem Alter Harichs sei es nicht möglich, diesen zum Professor zu berufen und als Ordentliches Mitglied in die Akademie der Wissenschaften zu wählen. Schirmer habe aber darauf verwiesen, dass Harich seit seiner Rückkehr in die DDR in vielfältiger Hinsicht unterstützt worden wäre. 4) Mit Blick auf Nietzsche habe Harich noch einmal seine bekannten esen geäußert und »in der ihm eigenen Art« die wissenschaftlichen Arbeiten von Buhr, Malorny, Middell und Rudolph angegri en. Buhr habe er in diesem Zusammenhang beschimpft als »fachlich inkompetent«, »ideologisch unzuverlässig« und als »politischen Opportunisten«. Nach seinem Eintritt in die Partei wolle Harich dort seinen Kampf gegen die Nietzsche-Befürworter fortsetzen, da diese »innere Feinde« seien. Schirmer »unterstrich 178 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 31. Mai 1988. Abteilung Wissenschaften beim ZK der SED. Alle Angaben im Folgenden nach diesem Manuskript. 4 1 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re mit Nachdruck, dass eine solche grobschlächtige Art und Weise der Auseinandersetzung unter Genossen nicht üblich ist und auch nicht geduldet werden darf«. Zudem machte Schirmer geltend, dass die Partei »Harichs Methoden nicht billige«, gerade was auf die Angri e auf Buhr betre e. Harich habe daraufhin versichert, »dass er sich bemühen werde, seine Ansichten sachlich darzulegen, sich zu mäßigen«. Nach wie vor wende er sich jedoch entschieden gegen die Verö entlichung der Arbeiten von Malorny und Rudolph zu Nietzsche. Abschließend habe Schirmer dann seine »Empörung« über die Bemerkungen Harichs zu Kurt Hager in dem Brief an Honecker zum Ausdruck gebracht. Diese hätten einen »beleidigenden und denunzierenden Charakter«. So etwas sei der Partei fremd. Es herrsche vielmehr eine »Atmosphäre des Vertrauens und der Aufrichtigkeit«, die Harich stören würde. Dieser habe alle Argumente zur Kenntnis genommen und sein Bedauern geäußert. Mit dem Verlauf des Gespräches und den gemachten Vorschlägen habe er sich einverstanden erklärt. Im vorliegenden Band sind verschiedene Briefe Harichs an Gregor Schirmer abgedruckt. Wie viele andere Schergen der SED spürte auch Schirmer das Bedürfnis, eine Autobiographie zu verfassen,179 was sich nur in den seltensten Fällen als Zeichen von Aufrichtigkeit oder historischer Wahrheitsliebe entpuppt hat. Dankenswerterweise muss man, wenn man sich über Schirmers »Interpretation« seiner Kontakte zu Harich informieren will, nicht das Buch kaufen oder es gar vollständig lesen. Es existiert eine fünfseitige Kurzfassung der entsprechenden Passagen. Die gerade wiedergegebenen Schilderungen, all die internen und hinter verschlossenen Türen sich abspielenden Intrigen sowie seine Einschätzung seiner Beziehung zu Harich stellte Schirmer in diesem Beitrag einleitend mit den Worten dar: »Ich war in den achtziger Jahren von Kurt Hager gewissermaßen als Wolfgang Harichs ›Anlaufstelle‹ im ZK der SED für seine Anliegen an die Parteiführung bestimmt worden. Ich war damals stellvertretender Leiter der Abteilung Wissenschaft des ZK. Harichs Frau Anne nannte mich seinen ›Aufpasser, den Genossen Funktionär‹, was ich freilich anders sehe. Ich habe mich als sein Diskussionspartner betrachtet und war bemüht, ihm aus seiner Isolierung heraus zu helfen. Mit keinem anderen Wissenschaftler habe ich so viele persönliche Kontakte gehabt, wie mit Wolfgang Harich. Auch seine Briefe an Erich Honecker und Kurt 179 Schirmer, Gregor: Ja, ich bin dazu bereit, Berlin, 2014. 4 1 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Hager landeten meist zur Beantwortung auf meinem Schreibtisch. Meine Gespräche mit Harich waren anstrengend und spannend.«180 Seinem Selbstverständnis nach war Schirmer also nicht der »Bewacher«, sondern ein Diskussionspartner Harichs. Dieses Urteil muss hier nicht kommentiert werden. Zudem hat er sich dagegen verwahrt, von Anne Harich eben als »Aufpasser« und auch als »Genosse Funktionär« bezeichnet zu werden.181 Doch dabei unterschlug er, dass Harichs Frau auch von der »Schadenfreude« sprach, die aus einem Brief Schirmers (anlässlich des geplanten Scheiterns von Harichs erneuter Vorlesungstätigkeit) ihr »entgegensprang«. Schirmer war maßgeblicher Teil jenes bürokratischen Apparats, der für Harichs permanente und sich ständig verschärfende Unterdrückung, Isolation, Erniedrigung und Demütigung in den achtziger Jahren verantwortlich war. Dieser Einschätzung gibt es nichts abzuhandeln. Es bietet sich vielmehr an, einen Hinweis, dieses Unterkapitel abschließend, weiter zu verfolgen, der in den beiden gerade besprochenen Dokumenten auftaucht: Harichs mehrfach vorgetragene Bitte, ihm in der DDR die Ausbildung von Schülern zu erlauben, d. h. seine Rückkehr in den Vorlesungssaal zu ermöglichen. Nach verschiedenen tastenden Vorschlägen in dieser Richtung wiederholte Harich gegenüber Gregor Schirmer am 9. April 1988 die Bitte, die er bereits am 23. September 1987 gegenüber Kurt Hager vorgetragen hatte: »Mein Wunsch, auf den Gebieten, für die ich kompetent zu sein glaube, am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied teilzunehmen, schließt zwei Bedürfnisse ein: a) Die Weitergabe meiner Kenntnisse, Erfahrungen und wissenschaftlichen Überzeugungen auf den Gebieten der Philosophie und Literaturwissenschaft an einen Kreis hierfür geeigneter Schüler bei gleichzeitigem Tonbandmitschnitt meiner Ausführungen; b) eine gleichzeitige Ein ussnahme auf denselben Gebieten auf unsere Verlagsproduktion, die, wie ich glaube, bis jetzt reiches und auch hochinteressantes humanistisches Erbe, das noch gänzlich unausgeschöpft ist, vernachlässigt (einschlägige konkrete Vorschläge und Gutachten von mir liegen z. T. seit Jahrzehnten dem Akademie-Verlag vor).« 180 Schirmer, Gregor: Wolfgang Harich, Nietzsche und die SED, in: »Ins Nichts mit ihm!« Ins Nichts mit ihm? Zur Rezeption Friedrich Nietzsches in der DDR, Berlin, 2016, S. 59–63, hier S. 59. 181 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 360. 4 2 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re O ensichtlich antwortete Schirmer zustimmend auf Harichs Anliegen (der Brief ist im Nachlass nicht erhalten), so dass dieser am 16. April 1988 ergänzte, dass er sich die Vermittlung seines Wissens an zwei Hörerkreise vorstellen könne. Zum einen jene emen, »zu denen ich mich gern vertraulich – wenn auch unter Bandmitschnitt – zu jeweils ein, zwei geeigneten Gesprächspartnern äußern möchte«. Dabei handelte es sich um jene philosophischen Fragen und Herausforderungen, mit denen Harich in den achtziger Jahren rang. Er nannte die Gebiete: (1) »Vorschläge zur Entfaltung einer wissenschaftlichen Diskussion über ethische Proble me, die für uns relevant sind, unter Auswertung humanistischen philosophischen Erbes. (Die darauf abzielenden editorischen Vorschläge an den Akademie-Verlag beziehen sich nur auf eine – freilich wichtige – Seite dieser umfassenderen Anregung.) (2) Meine Ansichten zur philosophischen Anthropologie im Allgemeinen, zu Paul Alsberg und Arnold Gehlen im Besonderen. (Ein hinsichtlich Gehlens, der Nazi war, ziemlich delikates ema. Als geeignetste Gesprächspartner bietet sich mir Udo Tietz an. Dass noch ein weiterer, vom ZI für Philosophie der AdW autorisierter hinzugezogen werden möge, habe ich in zwei Jahren mehrmals Heinz Malorny vorgeschlagen.) (3) Zur Weiterentwicklung der marxistisch-leninistischen philosophischen Historiographie, ausgehend von Lücken und Disproportionalitäten, auch einiger Fehleinschätzungen, die ich in unserem Philosophenlexikon zu sehen glaube. (4) Zur di erenzierenden Beurteilung nichtmarxistischer Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts. (Hierfür wäre mir die Kenntnis jüngster, noch unverö entlichter Ausführungen Manfred Buhrs und eventuell weiterer Marxisten der DDR wichtig, zumal was das 20. Jahrhundert angeht.) (5) Zur Gliederung marxistischer philosophischer Systematik, d. h. des dialektischen und historischen Materialismus, ausgehend von bisherigen einschlägigen Kompendien und unter vergleichender Berücksichtigung nichtmarxistischer Systeme (von Aristoteles über Hegel bis zu Nicolai Hartmann). (6) Zur Einschätzung modernistische Kunst und Literatur. Dabei: Strategie und Taktik zur stärkeren Durchsetzung des sozialistischen Realismus und des ihm vorausgegangenen, ihn vorbereitenden klassischen und kritisch-realistischen Kulturerbes. Dabei ferner: Klärung der Vorgeschichte des Begri s ›entartete Kunst‹, seines Ursprungs bei Max Nordau, seines Missbrauchs durch die deutschen Faschisten sowie der heutigen Versuche, diesen Missbrauch mit der Kunst- und Literaturpolitik der Ära Stalin/ Shdanow gleichzusetzen (nach der Manier sonstiger ›Totalitarismus‹theorie). (7) Strategie und Taktik bei der weiteren Bekämpfung der Nietzsche-Renaissance.« 4 2 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Zu diesen Bereichen suchte er also tatsächlich Diskussionspartner, den Austausch und natürlich auch die Möglichkeit, mit seiner Meinung die jeweiligen Partner zu beein- ussen bzw. auch von ihnen beein usst zu werden. Der zweite Bereich betre e jenen »Lehrsto , den ich gern noch an einen Kreis geeigneter Schüler weitergäbe (im Idealfall, unter der Voraussetzung eigener Parteimitgliedschaft, im Rahmen der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK, bei etwa vierzehntägig statt ndenden, je zweistündigen Veranstaltungen – falls ich das gesundheitlich scha e, was zu erproben wäre)«. Auch hier machte er Vorschläge: (1) »Geschichte der griechischen und hellenistisch-römischen Philosophie unter besonderer Berücksichtigung Platons und Aristoteles’.182 (2) Die Philosophie Kants als Ausgangspunkt der Geschichte der klassischen deutschen Philosophie.183 (3) Die Philosophie Nicolai Hartmanns und ihre Rezeption durch den späten Georg Lukács im Lichte meiner einschlägigen Forschungsergebnisse.184 (Hier entspricht die nach der Chronologie angeordnete Reihenfolge nicht derjenigen der Vordringlichkeit. Das ema 2 würde ich als erstes behandeln wollen. Zum ema 1 hätte ich auf Grund vorhandener Vorlesungsmanuskripte von einst noch Bildungssto zu vermitteln, der die thematisch einschlägigen Arbeiten anderer Marxisten ergänzt, zum Teil – vielleicht – auch korrigieren hilft. Mich zu ema 3 zu äußern würde mir, aus nahe liegenden Gründen, besonders leicht fallen.)« Die Partei tat sich lange Zeit schwer mit der Idee, schließlich kam es aber doch zur ersten und, so viel sei vorausgeschickt, einzigen Veranstaltung dieser Art. Anne Harich schrieb in ihren Erinnerungen: 182 Mit der antiken Philosophie hatte sich Harich während seiner Vorlesungstätigkeit an der Berliner Humboldt-Universität ausführlich auseinandergesetzt. In Band 6.1 kommt sein Vorlesungszyklus in der Version zum Abdruck, die er ab September 1951 hielt (S. 53–424) Dort auch ausführlich zu Platon und Aristoteles. Auch im Rahmen vieler anderer philosophischer und philosophiegeschichtlicher Arbeiten ging Harich auf die Antike ein. 183 Mit Harichs Studien zu Kant beschäftigt sich der 3. Band, weitere kleinere und größere Ausführungen in anderen Texten dieser Edition. In vielen seiner Vorlesungen zur deutschen Philosophie ging Harich auf Kant ein, dessen Philosophie dort von entweder als Höhepunkt der Aufklärungsphilosophie oder als Ausgangspunkt der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus begri en wurde (siehe die Bände 6.1 und 6.2). 184 Es wurde bereits mehrfach erwähnt, dass sich Harich zeitgleich zur Nietzsche-Debatte intensiv mit Hartmann auseinandersetzte. Dabei kam er auch immer wieder auf die Alterswerke von Lukács zu sprechen. (Siehe die Bände 9 und 10.) 4 2 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re »Noch immer war das Problem, Harich zurück ans Lehrpult, ungelöst. Hager war aufgefordert, dem Anliegen Harichs zu entsprechen, doch scheint es, dass dieses Problem nicht nur ihm Ohrensausen bereitet hat, sondern dass es als eine unbequeme, unübersehbare Tatsache zu erstehen drohte, die, erst einmal in die Ö entlichkeit geraten, Aufsehen in Ost und West erregen würde. Wie also konnte dieser ewige Quertreiber dazu gebracht werden, seinen Traum, endlich wieder vor Studenten zu lehren, für immer als unerfüllbar zu begreifen? Wie Harich aus dem Universitätsbetrieb, aus der Ö entlichkeit fernhalten, das war jetzt die beunruhigende, sorgenreiche Frage? Und Harich gab auch in diesem Punkt nicht nach. Seit seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Bautzen, er war zu jener Zeit 41 Jahre alt, war es gelungen, ihm den Weg zum Katheder zu versperren. Nun sollte das eine Ende haben? Notgedrungen gewährten ›die da oben‹ dem fallengelassenen Mann seinen Wunsch nach ihrer Vorstellungen. Sie hatten die Macht und zahllose dienstbare Helfer dazu. Am 21. Oktober 1988 sollte das bedeutende Ereignis seinen Lauf nehmen.«185 Anne Harich hat auch über den Verlauf der Veranstaltung berichtet und zeigt in ihrer Schilderung die ganze Absurdität des bürokratischen Apparats der DDR samt der entsprechenden Entscheidungen und Handlungen: »Wir fuhren an diesem Tag nicht zur Humboldt-Universität, sondern zur Akademie der Wissenschaften der DDR. Wir betraten einen engen Raum, vor dessen Fenstern dunkle Vorhänge hingen. An der verhangenen Fensterwand stand ein langer Tisch, und an der Stirnseite etwas seitlich davon eine Tafel. Ein Funktionär, Genosse K., aus irgend einem Sekretariat im ZK, emp ng uns und ließ Harich nicht einen Augenblick allein. Am Tisch saßen die Teilnehmer oder Interessenten oder Zwangsdelegierte, die von dieser Maßnahme erfasst worden waren, ausgebildete erwachsene Wissenschaftler. Was wird ihnen gesagt worden sein, damit sie zu der ›Vorlesung‹ erscheinen? Etwas abseits, an der Wand, hatten sich drei richtige wichtige Philosophen, die mir bekannt waren, niedergelassen. Vielleicht passten sie auf ihre Schützlinge auf, die hierher verp ichtet worden waren? Oder hatten sie sich als Gasthörer beworben? Ich saß auch mit an dem Tisch. Harich stand an der Tafel, beklommen, wie ein Prü ing, der eine Aufgabe zu lösen hat. Er begann, in dieser absurden Konstellation, seinen langersehnten Vortrag über Kant in einer mie gen Beamtenzimmeratmosphäre, die ihn zu erdrücken, zu ersticken drohte. Ich erkannte ihn nicht wieder. Er wirkte wie ein Automat, und ich wartete die ganze Zeit auf das ihn erlösende, ihn befreiende ›so‹, das Zeichen für mich, seine Unsicherheit ist überwunden, jetzt geht es erst richtig los. Aber es kam ihm nicht über seine Lippen. Es galt nur noch durchzu- 185 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 359. 4 2 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e halten. Während der Pause machte sich der Genosse Funktionär anheischig, Harich Vorschläge zu unterbreiten, wie er seinem Vortrag besser aufbauen könne. Harich blieb still. Er sah durch den Mann hindurch. Er hatte längst begri en. Er wehrte sich nicht, er sagte kein Wort. Die Demütigung war gelungen, ihm kam es nur noch darauf an, diese Leute, diesen Raum in aller Form zu verlassen.«186 Und weiter, resümierend: »O ja, ich habe das nicht vergessen, mein geduldiger Lehrer, mein allerbester Freund. Ich habe die alle beobachtet, und ich habe auch nicht vergessen, wie demonstrativ teilnahmslos, wie reglos alle dahockten, am Ende Deines Vortrags kaum auf Dich reagierend, Dir noch eins zusätzlich zu versetzen. Das Kollektiv hat zusammengehalten, der Auftrag war überfüllt. Als wir endlich im Taxi saßen, brach es aus Dir heraus: Furchtbar! Widerlich! Ekelhaft! Du musstest Dich schütteln, als hättest Du eben ein Stück schlecht riechendes Fleisch heruntergeschluckt. Zu Hause angelangt, schriebst Du unverzüglich an Prof. Schirmer, um mitzuteilen, dass Du nicht einverstanden bist, unter solchen Bedingungen Vorlesungen zu halten, dass Du Dich überwacht und bevormundet fühltest und aus diesem Grund auf weitere Vorträge Deinerseits verzichten möchtest.«187 In seinem Brief machte Harich drei Gründe geltend:188 1) »Ich hatte Herrn Kirchhof gebeten, vor Anfängern sprechen zu dürfen. Er wies dies mit der Begründung zurück, dass sich das nur in einer Volkshochschule würde bewerkstelligen lassen. Dabei wäre es bei gutem Willen durchaus möglich gewesen, für die Teilnahme an der Veranstaltung Philosophie-Studenten des ersten Studienjahres der Humboldt-Universität zu gewinnen. Das ist nicht geschehen, weil es an diesem guten Willen einfach fehlt. 2) Ich wurde mit den Hörern nicht etwa alleingelassen, sondern es wohnten meinem Vortrag gleich drei hauptberu iche Mitarbeiter des Instituts bei, so dass ich mich förmlich beaufsichtigt, um nicht zu sagen: unter Kuratel gestellt fühlen musste. 3) Die Beteiligung war viel zu gering, als dass sich eine Fortsetzung lohnen würde. Die wenigen Hörer, die erschienen waren, ließen mich überdies – und zwar in einer 186 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 359 f. 187 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 360. 188 Der Brief an Schirmer ist datiert auf den 17. Oktober 1988, also o ensichtlich eine Fehlangabe. 4 2 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Weise, die man leicht als verabredet deuten könnte – ihre Missachtung spüren. So versagten sie mir jeden Beifall, ja, erwiderten nicht einmal meinen Wiedersehensgruß am Ende.« Abschließend schrieb er dann an Schirmer, dass er festhalten wolle, dass es nicht an ihm liege, »wenn mein bereits im September 1987 an Professor Kurt Hager gerichteter Wunsch, mir wieder die Ausbildung von Schülern zu ermöglichen, unerfüllt bleibt«. Die Türen der Universität blieben Harich verschlossen. 11. In der Isolation Die Nietzsche-Debatte der DDR kann mit den bisherigen Ausführungen als dargestellt angesehen werden. Bis zum Ende des Staates erschienen verschiedene kleinere Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, die erwähnten Bücher wurden weiter projektiert und vor oder nach 1989 verö entlicht. Harich setzte mit Briefen und Eingaben, Gesprächen usw. sein Engagement gegen Nietzsche fort. Die entsprechenden Texte sind in diesem Band nachzulesen. Am 16. Dezember 1988 hielt er beispielsweise im Rahmen der »internen Diskussion« Nietzsche und die Folgen den Vortrag Nietzsche als Schöpfer der faschistischen Ideologie. Am 16. Juli 1989 ergänzte er seine esen in einem weiteren Vortrag an selber Stelle. Es ist zum Abschluss dieser Einleitung noch auf drei wichtige Punkte bzw. Ereignisse zu verweisen, deren Kenntnis zur Komplettierung von Harichs Nietzsche-Bild sowie seinem Wirken in den achtziger Jahren in der DDR zentral ist. 1) Der erste Hinweis betri t Harichs Einstellung zum kulturellen Erbe der DDR. Von den Anschuldigungen Hermlins war er, wie bereits gesagt, wirklich getro en, da sie einfach nicht stimmten. Im ersten Halbjahr 1989 verfasste er den Dialog Nietzsche und seine Brüder, in dem er auch auf diese Problematik noch einmal einging. Eine längere Passage kann seine Haltung zu diesem emenkomplex verdeutlichen: »PF: Auf die Stelle mit dem Alten Fritz, mit der Frau Mittenzwei und mit dem Denkmal scheint sich der Vorwurf Hermlins zu beziehen: ›Es gehört zu allem Bisherigen, dass Harich es nicht bei Anmerkungen zur Literatur und Philosophie und Malerei belässt, sondern auch ein neues Geschichtsverständnis aufs Korn nimmt. Er tadelt streng die DDR, weil sie zu bedeutenden problematischen Gestalten der Vergangenheit, wie Luther, 4 2 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Friedrich der Große und Bismarck, ein neues Verhältnis gewinnt.‹ Tun Sie das denn wirklich? WH: Keine Spur. Ich habe lediglich die bei uns neuerdings bestehende Bereitschaft konstatiert, ›an problematische Gestalten deutscher Geschichte, wie Luther, Friedrich II. von Preußen und Bismarck, großzügiger als früher heranzugehen‹. Beanstandet habe ich dies mit keinem Wort. Ich meine nur, dass es irgendwo eine Grenze haben sollte und dass, auf alle Fälle, Nietzsches Vermächtnis wegen seiner zentralen Bedeutung für den Faschismus jenseits dieser Grenze liegt. PF: Die Ehrung der DDR für Luther, 1983, aus Anlass seines 500. Geburtstages, billigen Sie demnach. WH: Durchaus. Ich würde sie noch mehr billigen, wenn es damals möglich gewesen wäre, manch allzu überschwänglicher Lobpreisung des gefeierten großen Mannes mit der Einschätzung der Reformation durch Marx, Engels und Mehring zu begegnen. Dass dieses Korrektiv überhaupt nicht zur Geltung kam, war bedenklich. Durch die Müntzer-Ehrung ist das allerdings später ausgeglichen worden. PF: Auch dass das Denkmal Friedrichs II. an seinem alten Platz, Unter den Linden in Berlin, wieder aufgestellt wurde, nden Sie gut. WH: Davon war ich und bin ich sehr angetan, zumal es sich um ein herrliches Kunstwerk handelt. PF: Und die Bücher Ingrid Mittenzweis über Friedrich II., Ernst Engelbergs über Bismarck, sagen die Ihnen zu? WH: Für Frau Mittenzwei emp nde ich große Hochachtung. Mit ihrem Buch bin ich auf der ganzen Linie einverstanden. Das von Engelberg habe ich bislang noch nicht gelesen, weil mich die privaten Seiten von Bismarcks Leben, o en gestanden, wenig in teres sie ren. Dagegen, dass Bismarck di erenziert dargestellt wird, habe ich grundsätzlich nichts einzuwenden. Ob ich, nach Lektüre, den Urteilen Engelberg im einzelnen zustimmen werde, vermag ich nicht vorauszusehen. Sagen kann ich vorläu g nur, dass Nietzsche – der mag nun bei Engelberg in dem noch ausstehenden zweiten Band vorkommen oder nicht – Bismarck von rechts bekämpft hat. PF: Aber modernistische Kunst und Dichtung verwerfen Sie, und das stört Hermlin – und ebenso Kant – an Ihrem Beitrag am meisten. WH: Hören Sie: Außer Ingrid gibt es noch deren Mann, Werner Mittenzwei. Schlagen Sie doch, bitte, einmal in dessen zweibändige Brecht-Biographie, Berlin und Weimar, 1986 – sie hat ein Namensregister –, die auf mich bezugnehmenden Stellen nach, um sich ein Bild davon zu machen, wie ich mich, noch zu Zeiten Stalins und Shdanows, Ulbrichts und Holtzhauers, unter schweren, um nicht zu sagen gefährlichen Bedingungen 4 2 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re für die Freiheit moderner Kunst und Literatur engagiert habe! Die Annahme, dass ausgerechnet ich mich nach jenen Zeiten zurücksehnen würde, ist abwegig. Nur: Es ist eines, bestimmte Kunstrichtungen zu tolerieren, und etwas ganz anderes, sie kritiklos gutzuhei- ßen. Ich habe nichts gegen Ausstellungen expressionistischer Bilder oder gegen ö entliche Konzerte mit atonaler Musik. Sie zu verbieten, wäre schädlich. Ich wehre mich jedoch dagegen, dass ich verp ichtet sein soll, dergleichen ausnahmslos schön zu nden, mir jede Kritik daran zu versagen. Und das, im Grunde, ist es, was Kant und Hermlin verlangen. Wer Liebermann über Kandinsky stellt oder, womöglich, Ra ael noch über Liebermann, Gottfried Keller über Kafka, Beethoven über Schönberg, ist, in ihren Augen, ein Stalinist, ein Shdanow-Jünger und hat gefälligst den Mund zu halten. Man gleicht Pol Pot, wenn man sich herausnimmt, Beuys für einen Scharlatan zu erklären und Kompositionen von Stockhausen oder Nono nicht anhören zu können. So bildet sich eine monolithische Meinungsdiktatur heraus, mit der den Bildungsbedürfnissen der Massen entfremdete Bürokraten, voller Furcht vor der realistischen Gestaltung gesellschaftlich belangvoller Sujets, verschanzt hinter ihren Tabus, sich bei den von ihnen privilegierten Snobistencliquen anbiedern. PF: Das haben nun aber Sie gesagt. Diesmal können Sie sich nicht hinter meinem breiten Rücken verstecken. Es fehlte nur noch, dass Sie sich über das Sputnik-Verbot beklagen. WH: Da ich nun einmal gerade im Fahrt bin, sei's drum. Ich plädiere dafür, es aufzuheben. Im Moment geht es aber um etwas anderes: Um's geschichtliche und kulturelle Erbe. Sehen Sie: Luther, der Alte Fritz und Bismarck oder Beuys und Stockhausen und, von mir aus, auch noch Cosi fan tutte in Motorradfahrermonturen, inszeniert von Ruth Berghaus – all das mag hingehen. Wenn es daneben jedoch passieren kann, dass im Jahr des 150. Todestages von Goethe, 1982, keine Berliner Bühne, außer dem winzigen Tip, mit der Premiere eines seiner Dramen aufwartet, dass der große Jean Paul weder 1963 noch 1975 noch 1988 aus Jubiläumsanlass angemessen gewürdigt wird, dass man auch in diesem Jahr wieder, 1989, seiner folgenreichen Inspiration durch die Französische Revolution nicht gedenkt, dann stimmen die Proportionen nicht. Der kulturpolitischen Erbe-P ege in der DDR ist vorzuwerfen, dass sie halbgebildet, konzeptionslos und widerspruchsvoll ist und Werte, die sie hochhalten müsste, manchmal vergisst. Und nun, zu allem Über uss, auch noch Nietzsche.« 2) Am 12. November 1988 schrieb Harich einen Brief an Reinhard Mocek, in dem er sich für dessen »so freundlichen Brief« vom 9. November bedankte und den Hinweis anschloss: »Sie können kaum ahnen, wie sehr er mehr wohlgetan hat angesichts von 4 2 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Demütigungen und Verletzungen, denen ich ausgesetzt bin.« Anhand des Falles C. G. Carus, den Mocek ins Spiel gebracht hatte, machte Harich deutlich: »Grundsätzlich möchte ich aber bemerken, dass ich in Fragen des Kulturerbes, des philosophischen und wissenschaftlichen wie des literarischen, alles andere als ein puristischer Eiferer bin. Einerseits können und dürfen wir meines Erachtens nicht – um nur ein paar Beispiel herauszugreifen – Fichte wegen Nationalismus oder Hegel wegen Kriegsbejahung oder Dickens, Wilhelm Raabe u. a. wegen antisemitischer Einstellung, erkennbar in Oliver Twist, David Copper eld, Der Hungerpastor, wegwerfen, erst recht nicht Richard Wagner, in dessen Musikschöpfungen sein Antisemitismus überhaupt nicht erkennbar sein kann (weil halt die Musik, laut Hanns Eisler, eine für jeden verfügbare Hure ist). Andererseits stehe besonders ich sogar ausgesprochenen Nazis, sofern sie Wertvolles, Humanes zu Wege gebracht haben, von Hamsun bis etwa Agnes Miegel – und natürlich auch hier wieder Komponisten, etwa P tzner –, mit einer gewissen Sympathie gegenüber. (Victoria war in der Jugend für meine Generation das, was für frühere der Werther; von der A nität des Autos zu Nietzsche, Hitler und Quisling ist in dem Buch nicht zu merken.) Dieser Einstellung – ohne die meinige jahrzehntelange Anhänglichkeit an Arnold Gehlen nicht denkbar wäre – entspricht es, dass ich prinzipiell gegen eine Neuverö entlichung von Carus’ naturphilosophischem Hauptwerk – obwohl ich Dringlicheres kenne – a priori kaum etwas einzuwenden habe, auch wenn darin ein, wie Sie schreiben, ›handfester Rassismus‹ zu nden sein sollte. Besser wäre es freilich, die Leute auf Carus, samt seiner Problematik, bevor man ihn verö entlicht, erst einmal vorzubereiten und, falls man sich zur Verö entlichung entschließt, vorsorglich-manipulativ gebührend kritische Rezensionen zu gewährleisten. (Kritische Nachworte bzw. Einleitungen im Werk selbst nützen nichts. Sie erzeugen beim Leser das Gefühl, bevormundet zu werden, und so zugleich Voreingenommenheit gegen jede – sei es noch so berechtigte – Kritik.)« Doch Nietzsche eben sei ein »Sonderfall«, müsse als solcher behandelt und von eben diesen Tendenzen und Bestrebungen abgegrenzt werden. Auch daran ließ Harich in diesem Zusammenhang keinen Zweifel.189 In einigen Andeutungen entwickelte Harich 189 »Dies vorausgeschickt, bestehe ich gleichwohl darauf, Nietzsche als Sonderfall zu behandeln, und zwar total und für immer. Warum? Weil es in einem sozialistischen Land keinen Raum geben darf für faschistische Ideologie. Und warum dies nicht? Weil die faschistische Bewegung die – in Defensive und O ensive – aggressivste, brutalste, fanatischste politisch-militärisch organisierte Kraft zur Bekämpfung der Arbeiterbewegung und des Sozialismus, mit dem Ziel, diese de nitiv zu vernichten, war, ist und – gegebenenfalls, dann aber in alles Bisherige übertre ender Schrecklichkeit – wieder sein wird. Die faschistische 4 2 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re dann noch einmal die Grundzüge seines Nietzsche-Verständnisses, bevor er auf das zu sprechen kam, »was mich deprimiert«. Zu lesen war: 1) »Kollege Heinz Pepperle hatte am 16. Oktober 1987 in Buhrs Institut – Sie waren zugegen – Gelegenheit, zu meiner Kritik an ihm sachlich Stellung zu nehmen, und wäre dabei mindestens von Kollegen Tomberg und Kollegin Reschke unterstützt worden. Er entzog sich dem ohne ein Wort der Erklärung seines Fernbleibens. Trotzdem erhielt er in Sinn und Form, Heft 1, 1988, das letzte Wort, und mir wurde von der Redaktion eine Replik darauf bis heute verwehrt. Jetzt ist in Sinn und Form, Heft 5, 1988, ein Beitrag von Günther K. Lehmann, Leipzig, Das Schöne und der Widerstand etc., a. a. O., S. 967 ., erschienen, worin es S. 977 f. heißt: ›Nietzsches Attacken gegen die ›Unaufrichtigkeit‹ der bürgerlichen Kunst und ihrer Ästhetik (…) enthalten einen rationellen Kern. (…) Dies hat Lukács verkannt, was größtenteils der weltanschaulich notwendigen Abrechnung mit Nietzsche als dem ›Begründer des imperialistischen Irrationalismus‹ (Lukács) geschuldet ist. Das ist allerdings nicht die ganze Wahrheit über Nietzsche. Weit hinter Lukács fällt Wolfgang Harich zurück, der das Konfrontationsmodell des kalten Krieges aus den fünfziger Jahren seinem Nietzsche-Verständnis zu Grunde legt und – was weder logisch noch sachlich einen Bewegung hat sich, nicht zufällig, formiert in der revolutionären Krise, die zwischen 1917/1918 auf die Oktoberrevolution folgte und bis Ende 1923 anhielt, sie ist damals, 1922, zuerst in Italien zur Macht gelangt und hat den Ausgang der nächsten revolutionären Krise, der von 1929 bis 1934 (ich sage 1934 wegen Frankreich), dann in Deutschland, mit den bekannten ungeheuerlichen Konsequenzen, zu Gunsten der reaktionärsten etc. Teile der imperialistischen Großbourgeoisie entschieden. Eigene Ideen hat die faschistische Bewegung – ihr Begründer heißt Mussolini (Hitler war sein ihn bewundernder Schüler) – in keinem Fall hervorgebracht (wie auch sollte sie?). In allen Fällen jedoch stammt die strategische Substanz ihrer Ideologie von niemand anderem als Nietzsche, der sie zwischen 1871 und 1888, schon da nicht zufällig, weil aus panisch angsterfülltem Hass auf die Pariser Kommune und die trotz Bismarcks Ausnahmegesetz weiter erstarkende deutsche Sozialdemokratie, gescha en hat. Und in jedem besonderen Fall wird diese Nietzscheanische Substanz von den betre enden faschistischen Bewegungen taktisch angereichert und verknüpft mit jeweils vorgefundenen anderweitigem, von Land zu Land, von Situation zu Situation variierendem Gedankengut nichtfaschistischer Provenienz, vornehmlich mit erzreaktionärem, aber auch mit harmlosem (P ege von Brauchtum etc.), ja, mit bedingt progressivem, wie etwa dem ›nationalsozialen‹ und ›Volksgemeinschafts‹gedanken der Deutschen Demokratischen Partei, der in Deutschland zu deren Dezimierung, bei gleichzeitiger Gewinnung ihrer Anhänger, von den Nazis missbraucht worden ist. Derartiger Missbrauch ist von dem Gebrauch nicht spezi sch faschistischer reaktionärer Traditionen und diese wieder sind von der Nietzscheanischen strategischen Substanz zu unterscheiden.« 4 2 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e Sinn macht – Nietzsche in das ›Nichts‹ stoßen möchte.‹ (Harichs Kommentar dazu wurde bereits wiedergegeben, AH.) 2) Die Replik auf die Angri e in SuF, Heft 1, 1988, wurde mir mit der Begründung verwehrt, dass man Nietzsche nicht unnötig hochspielen und dadurch erst populär machen wolle. Das ist völlig verlogen, da längst wieder Schriften über ihn, die ihn loben, erschienen sind und andere, von Autoren dieses Landes verfasste, die ihn ›di erenziert‹ zu beurteilen empfehlen, zum Druck vorbereitet werden. Zwei davon, ein Buch von Malorny und eines von Günther Rudolph, habe ich in ausführlichen Gutachten für den Akademie-Verlag, teils aus Bedenken, die sich gegen mangelndes wissenschaftliches Niveau richten, teils aus Gründen des zu beanstandenden ideologischen Gehalts, mit beschwörender Warnung abgelehnt. Weder das Verlagslektorat noch die anderen – befürwortenden – Gutachter, deren Namen ich nicht kenne, noch die Autoren selbst noch auch die zuständigen staatlichen Instanzen haben es für nötig befunden, sich mit mir an einen Tisch zu setzen und meine Argumente einer sachlichen Erwiderung zu unterziehen. Trotzdem wurde mein Rat in den Wind geschlagen und der Druck der Bücher angeordnet. Es ist die schlimmste Missachtung meiner wissenschaftlichen Kompetenz, die mir in meinem ganzen Leben zugestoßen ist. 3) Bis zum heutigen Tag wird in der DDR mein 1986 für die Weimarer Beiträge verfasster und, nach der Ablehnung dort, vergebens auch Sinn und Form und der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angebotener Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! unterdrückt. Stephan Hermlin hat, auf dem Schriftstellerkongress und in Sinn und Form, Heft 1, 1988, die Tatsache unterschlagen, dass ich ihn im Mai 1987 brie ich auch darum gebeten habe, sich für die Verö entlichung dieses Aufsatzes bei uns einzusetzen, sondern hat nur von dem späteren, Nietzsche betre enden, der dann – in verstümmelter Form – in SuF, 5, 1987, erschienen ist, gesprochen. Die Verweigerung einer Replik zu den Angri en in SuF, 1, 1988, schließt auch ein, dass ich diesen Sachverhalt nicht ö entlich richtig stellen darf. 4) All dies muss vor dem Hintergrund der Tatsache gesehen werden, dass – übrigens gegen einen mehrfach geäußerten ausdrücklichen Wunsch von Erich Honecker – von ein ussreichen Stellen die in diesem Jahr fällige Würdigung Jean Pauls, aus Anlass seines 225. Geburtstages, auf der ganzen Linie sabotiert worden ist, und zwar o ensichtlich nur deswegen, weil eine seiner Bedeutung angemessene Ehrung auch mich, als den führenden marxistischen Jean-Paul-Forscher im internationalen Maßstab, und mein einschlägiges Buch, die umfangreichste und gehaltsvollste meiner Verö entlichungen, nunmehr in der DDR aufgewertet hätte. Die Nietzsche-Ma a und die 4 3 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Anti-Lukács-Ma a im Kulturministerium sowie in den Akademien der Wissenschaften und der Künste wollten das nicht. 5) Mein Wunsch, mich, gemäß der Amnestie vom 7. Oktober 1987, wieder beru ich gleichberechtigt zu behandeln, ist im Juni von dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Wissenschaft beim ZK, Prof. Dr. Gregor Schirmer, unter dem Vorwand meiner Invalidität zurückgewiesen worden. Meine Bitte vom September 1987, mir wieder die Ausbildung von Schülern zu ermöglichen, wurde im Oktober 1988 in Buhrs Institut so diskriminierend ›erfüllt‹, dass ich keine andere Wahl sah, als diesen entwürdigenden Versuch nach dem ersten Vortrag, über Kant, abzubrechen. Man weigerte sich, mich an Anfänger, Philosophiestudenten des ersten Studienjahres, heranzulassen, sondern genehmigte mir nur, meine Kant-Interpretation vor ausgesuchten Fortgeschrittenen vorzutragen, denen dann meine Au orderung, doch auch Fragen an mich zu richten, nicht zuzumuten war. Gleich drei hauptberu iche Mitarbeiter des Instituts, darunter der eifrig mitschreibende Malorny, durch meine Kritik an seinem Nietzsche-Manuskript gegen mich aufs Höchste erbost, saßen als Aufpasser dabei. Ich sah mich förmlich unter Kuratel gestellt. Erschienen waren nur ungefähr acht bis zehn Personen, die mir am Schluss, o enbar verabredet, jeglichen Beifall versagten und nicht einmal mein ›Auf Wiedersehen‹ beantworteten. Und davon, dass das Institut bereit gewesen wäre, dafür zu sorgen, dass ich zu Hause abgeholt und dann wieder nach Hause zurückgebracht würde, war, ungeachtet meiner labilen gesundheitlichen Verfassung, keine Rede.« 3) Harichs Schlussfolgerung aus alledem lautete: »So werde ich behandelt – wie der letzte Dreck.« Die permanenten Angri e und Enttäuschungen setzten ihm, daran kann kein Zweifel bestehen, tatsächlich zu. Am 3. April 1989 zog er in einem Brief an den Akademie-Verlag die Konsequenzen. »Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich jede Beziehung zu Ihnen mit sofortiger Wirkung abbreche. Dem Akademie-Verlag ist künftighin, sowohl zu meinen Lebzeiten als auch für die Zeit nach meinem Tode, untersagt, irgendwelche Arbeiten von mir herauszubringen.« Gleichzeitig teilte er dem Verlag mit, dass er seine Arbeit an dem Werk über Nicolai Hartmann einstellen werde. In der Tat blieb das Manuskript unvollendet, es fehlte nur noch das letzte abschließende Kapitel (d. h. in diesem Fall der letzte Dialog).190 Zum Zeitpunkt dieses »Endes mit Schrecken« (das laut Volksmund dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen ist) arbeitete Harich bereits 190 Die gefundenen Entwürfe, Manuskripte, die fast fertig gestellten Hartmann-Dialoge und den von Harich in Sachen Hartmann geführten Briefwechsel präsentiert der 10. Band. Dort alle weiteren Hinweise und Informationen. 4 3 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e intensiv an seinem letzten, zu Lebzeiten verö entlichten Werk. Gemeint ist der bereits mehrfach genannte und verwendete Dialog Nietzsche und seine Brüder. Welche Gründe machte Harich für den Bruch mit dem Verlag geltend? 1) »Die BPO der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands beim Akademie-Verlag hat meinen Antrag, mich als Kandidat in die Reihen der Partei aufzunehmen, nach langem, für mich entwürdigendenm Hinauszögern einer Entscheidung, 1988 zurückgewiesen. 2) Der Verlag hat meinem wiederholt geäußerten Wunsch, von meinem seit vielen Jahren vergri enen Hauptwerk, Jean Pauls Revolutionsdichtung (Erstdruck 1974), eine Neuau age zu veranstalten, nie entsprochen. Sowohl der 225. Geburtstag Jean Pauls als auch mein eigener 65. Geburtstag sind vorübergegangen, ohne dass die Verlagsleitung oder das Lektorat in dieser Hinsicht initiativ geworden wären. Auch anlässlich des Jubiläumsjahres der Französischen Revolution tat sich und tut sich nichts. 3) Der Verlag ist nie auf irgend einen meiner editorischen Vorschläge eingegangen, weder auf philosophiehistorischem noch auf literaturwissenschaftlichem Gebiet, und schon gar nicht nach der Übernahme der Verlagsleitung durch Professor Berthold 1976. Alle meine darein investierte Arbeit blieb immer vergebens. Als besonders gravierend in jüngster Zeit betrachte ich dabei die Missachtung meiner in gründlich vorbereitetem, ausführlichem Gespräch mit den Herren Doktoren Turley und Egel vorgetragenen Vorschläge, die durch einen – von meiner Frau überdies abgeschriebenen – Tonbandmitschnitt, vom 20. April 1988, dokumentiert sind, und die Weigerung des Verlages, meinen vom 4. August 1988 datierten Vorschlag einer Paul-Alsberg-Ausgabe zu realisieren. 4) Sowohl in meinem Bemühen um eine angemessene Würdigung des Erbes von Georg Lukács in unserer Republik als auch in meinem Kampf gegen die Nietzsche-Renaissance hat der Akademie-Verlag mich durch Jahre schmählich im Stich gelassen. Empörend ist besonders im Kontext der letzteren Frage, dass mein mehrfaches dringendes Abraten von der Verö entlichung des Nietzsche-Buchs von Heinz Malorny in den Wind geschlagen wurde, ohne dass meine diesbezüglichen Argumente in meinen sorgfältigen, ausführlichen Gutachten vom 17. Juni 1987, vom 26. April 1988 und vom 29. April 1988 mit mir, in mündlicher Auseinandersetzung zwischen dem Autor, dem Lektorat, den anderen Gutachtern und mir, jemals besprochen worden wären. Empörend ist weiter, dass man mich bis heute im Unklaren darüber lässt, was aus der Rudolphschen Edition des Nietzschekultus von Ferdinand Tönnies 4 3 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re wird, von der ich ebenfalls aus triftigen Gründen abgeraten habe. Der Verlag hat mich vor allem in diesen Fragen fortgesetzt behandelt wie den letzten Dreck. 5) Die Herren Berthold und Turley haben die Zusagen, die sie mir hinsichtlich der Finanzierung meiner weiteren wissenschaftlichen Arbeiten am 22. Dezember 1988 in meiner Wohnung gegeben haben, gebrochen. Sie haben weder in der ersten Januarhälfte 1989 für die Fortzahlung meines Stipendiums aus dem Kulturfonds gesorgt noch mir in der zweiten Januarhälfte 1989 den mir in Aussicht gestellten Vertrag über mein Nicolai-Hartmann-Buch vorgelegt noch den in Betracht kommenden Gutachtern hierfür, den Herren Professoren Dr. Michael Franz und Dr. Karl-Friedrich Wessel, bis heute entsprechende Aufträge erteilt. Was, darüber hinaus, mir erst Ende März an zusätzlichen Arbeiten für den Verlag vorgeschlagen wurde, kann ich nur als Provokation emp nden. Mir wird in allen diesen Punkten um so übler mitgespielt, als ich bis zur Vollendung meines 65. Lebensjahres stets korrekt Einnahmen, die über das Lohndrittel hinausgingen, an den Kulturfonds habe abführen lassen. Schon die nanziell schwierige Lage, in die ich durch die bösartigen, schikanösen, bestenfalls von grenzenloser Gleichgültigkeit mir gegenüber zeugenden Versäumnisse des Verlages hinsichtlich meines materiellen Lebensunterhaltes geraten bin, zwingen mich dazu, diesem Unternehmen nunmehr den Rücken zu kehren und andere Verdienstmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen.« Seinen Brief beendete Harich mit dem Worten, dass er »mit Leuten, zu denen ich keinerlei Vertrauen mehr habe, nicht zusammenarbeiten« könne. Er fühle sich als »Gegenstand einer sich durch Jahre hinziehenden Beschäftigungstherapie«. Kurz vor dem Untergang der DDR hatte Harich endlich begri en, oder er wollte es ab diesem Moment wahrhaben, welches Spiel die Partei und ihre Beauftragten ein knappes Jahrzehnt mit ihm getrieben hatten. Der Bruch war hart, endgültig und schlichtweg notwendig. Nach dem Zusammenbruch des Staates und in den ersten Jahren der Bundesrepublik el es ihm weiterhin schwer, zu Nietzsche zu publizieren. Für Nietzsche und seine Brüder fand er erst 1994 ein Verlag. Und gegen verschiedene Zeitungsartikel, die seiner Ansicht nach seine Rolle in der Nietzsche-Debatte falsch bewerteten, ging er in Briefen an die jeweiligen Autoren, die zuständigen Zeitungsredaktionen usw. vor, freilich ebenfalls ohne Gehör zu nden, ohne gedruckt zu werden. Wichtig war ihm in all diesen Texten der Darstellung seiner Rolle, dass er ein »Einzelkämpfer« gewesen sei und keineswegs der verlängerte Arm des Politbüros. Ganz im Gegenteil: Eben die Partei hätte die Nietzsche-Renaissance zuerst nicht umfassend genug abgewehrt, dann gefördert, gewünscht und, in letzter Konsequenz, auch gebraucht. In einem Brief vom 4 3 3W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e 02. Juli 1990 machte er auf mehrere Punkte aufmerksam, die ihm wichtig waren und mit deren Wiedergabe diese Darstellung beendet werden kann: 1) »Die Nietzsche-Renaissance hatte in der DDR ihren eifrigsten Förderer in Kurt Hager. Und warum? Weil der, in seiner grenzenlosen Inkompetenz, den Nietzsche-Nachlass den Nietzsche-Enthusiasten Colli und Montinari anvertraut hatte und dies keine Fehlentscheidung, geschweige denn eine den Neofaschismus begünstigende, gewesen sein durfte. 2) Auf Hagers Geheiß war der Leitung von Sinn und Form ›empfohlen‹ worden, meine ›Attacken‹, wie Sie sie zu nennen belieben, nicht abzudrucken. Es passierte dann freilich, Anfang Mai 1987, das Malheur, dass eine – sehr prominente – Kreatur Hagers (gemeint ist Stephan Hermlin, AH) sich im Westen zu der Behauptung hinreißen ließ, in der DDR gäbe es keine unterdrückten Manuskripte. Nur weil ich diesen Mann ö entlich als Lügner bloßzustellen drohte, musste Hager in den Abdruck meines Beitrags, in Heft 5, 1987, von SuF, doch noch einwilligen. Allerdings knüpfte er daran die Bedingung, dass ich die Passage zu streichen hätte, in der der – von Hager und Buhr – favorisierte Plan, in Weimar eine Nietzsche-Gedenkstätte zu errichten, von mir satirisch angegri en wurde. 3) Die Angri e auf mich auf dem Schriftstellerkongress im Herbst 1987 waren von Hager zumindest abgesegnet, wenn nicht sogar angeordnet worden. Hager auch trägt die Verantwortung für die Fortsetzung der Kampagne gegen mich in SuF, Heft 1, 1988, und dafür, dass ich auf die nie habe antworten dürfen. 4) Im Einvernehmen mit Hager – wenn nicht auf dessen Anweisung – hat Robert Steigerwald mein Angebot, in der Edition Marxistische Blätter eine Polemik gegen Bruder Nietzsche? zu verö entlichen, zurückgewiesen. 5) Hagers langer Arm dürfte auch im Spiel gewesen sein, als der Konkret-Literatur-Verlag in Hamburg zwischen Juli und Oktober 1989 den Druck meines Buches Nietzsche und seine Brüder im Westen vereitelte. Dies lässt sich allerdings nicht schlüssig beweisen. Aber ein wichtiges Indiz hierfür gibt es: Dass die Anti-Gorbatschow Agitation Hermann L. Gremlizas in Konkret ganz auf Hagers Linie (›Tapetenwechsel‹ usw.) lag. Gremlizas Schwester leitet im selben Haus den Konkret-Literatur-Verlag. Sie hatte einen Vertrag mit mir, der keine Umfangbegrenzung festlegte, und lehnte dann das Buch unter dem Vorwand, es sei zu lang geraten, ab. 6) Wenn Freimut Duve und Ingke Brodersen bei Rowohlt nichts mehr von mir drucken wollten, so wohl deshalb, weil sie inzwischen die Janka-Kampagne gegen mich gefangennahm, die sie dann ja auch nach Kräften unterstützt haben.« 4 3 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 12. Schlussanmerkungen Mit dem Untergang der DDR verlor natürlich auch die Debatte um Nietzsche ihre aktuelle Dimension – gleichzeitig wurde der Umgang mit Nietzsche aber in neue Kontexte gestellt. Harich blickte so mancher neuen Diskussion entgegen und neben vielen tagespolitischen Herausforderungen, denen er sich mit aller notwendigen Energie stellte – zuvorderst ist dabei natürlich sein bis in die vierziger Jahre zurückreichendes Engagement für die deutsche Einheit zu nennen, das ihn nunmehr an die Spitze der Alternativen Enquetekommission führte191 –, blieb er auch seinen alten (inzwischen verstorbenen) Freunden ebenso wie den eorien der frühen Jahre verbunden. Von daher überrascht es nicht, dass sein letztes Buch, welches er noch verö entlichen konnte, mit Nietzsche und seine Brüder betitelt ist (entstanden 1989, danach mit aktualisierenden Anhängen versehen und schließlich als »Stinkbombe«192 zum Nietzsche-Jubiläum 1994 gedruckt). Und es ist auch kein Zufall, dass das Werk erneut Diskussion mit und für Lukács ist – Harichs immerwährender Kampf. Im Rückblick auf die Nietzsche-Debatte heißt es: »Für Lukács wäre es eine nicht nachvollziehbar irrsinnige Vorstellung gewesen, dass Nietzsche im sozialistischen Teil der Welt jemals auch nur einen Millimeter an Boden zurückgewinnen könnte. Desgleichen hätte er das Auftreten von Nietzscheanern auf einem DKP-Symposium für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten. Und nicht dem leisesten Zweifel kann es unterliegen, dass er, hätte er diesen Tiefstand noch erlebt, davor aufs Eindringlichste gewarnt und mit aller Energie dagegen angekämpft haben würde. Soviel steht fest.« Yves Deville, der sich als Übersetzer und Herausgeber um Harich und Lukács in Frankreich echte Verdienste erwarb, hat Nietzsche und seine Brüder im Scha en Harichs verankert: »Harich hat in seinem Kulturleben viele Kämpfe ausgefochten, immer zu Gunsten eines zu Unrecht Angegri enen oder Verkannten. Er ist für Brecht eingetreten – dem ›Formalismus‹ vorgeworfen worden war –, er hat für Hegel eine Lanze gebrochen – dieser sollte 191 Hierzu: Prokop, Siegfried: Wolfgang Harich und die Alternative Enquetekommission, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 70–82. 192 So Harich in seinen Briefen an: Brief an German Werth vom 16. Januar 1994, Brief an Reinhard Semmelmann vom 19. März 1994, Brief an Ruth Kiesow vom 25. April 1994. 4 3 5W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e in der DDR der 1950er Jahre der Bedeutungslosigkeit anheimfallen –, er hat sich um das Werk Georg Lukács’ stark verdient gemacht, um die Anerkennung der Ontologie Nicolai Hartmanns und für ein neues Verständnis von Jean Paul gekämpft. Er machte sich stets Gedanken über die Probleme von Wandel und Kontinuität der kulturellen Werte in einem Land, das den Sozialismus aufbaut. Doch sein ausgesprochen integrativer Geist sperrt sich, als Nietzsche ihm in die Quere kommt. Nietzsches Werk erregt bei ihm nur Kritik und Widerwillen.«193 Harich erscheint bei Deville anders als üblich nicht als ewiger »Nörgler« oder Stalinist, sondern habe ganz bewusst Entscheidungen für und wider philosophische Lehren und eoreme getro en. Und ein Weiteres ist wichtig: Deville sieht die Kontinuität der Nietzsche-Kritik Harichs: »Harich legt genauso viel Elan in seine Widerlegung Nietzsches wie in seine früheren solidarischen Hilfeleistungen bei anderen Denkern. Er zeigt den gleichen Mut und die gleiche Entschlossenheit, diesmal aber erfüllt er zähneknirschend den selbstgestellten Auftrag. Seine Verdrossenheit gegenüber Nietzsche ist schon alt, älter als seine Hinwendung zum Marxismus oder die Gründung der DDR, sie tritt in den 1980er Jahren wieder auf und ergibt sich aus einer kritischen Beurteilung mancher Entwicklungen im eigenen Land und in ganz Europa. Bereits mit 19 Jahren schrieb er an Ina Seidel, deren Sohn er vom Studium kannte: ›Ich betrachte Nietzsche doch als meinen persönlichen Feind!‹ Sein bewährter Freund heißt damals Hegel.«194 Dieser »Geist« habe Harichs Nietzsche und seine Brüder geprägt – eine Schrift, die in Frankreich positiv aufgenommen wurde. Wenn Harichs Stellung zu Nietzsche in den Fokus rückt, dann ist dem zumeist sein Diktum beigegeben: »Ins Nichts mit ihm!«195 Und dieser Ausspruch, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus beendet, wird dann zumeist so gedeutet, dass Harich, etwa im Besitz des Feuerzeuges von Erich Honecker, den Nachlass Nietzsches und jede Gedenkstätte, hätte man ihn nur gelassen, den Flammen überantwortet hätte. Aber es ist doch Zweierlei, es ist zu di erenzieren zwischen dem, was man in einer Debatte zugespitzt fordert, und dem, wie man tatsächlich handeln würde. Noch 193 Deville, Yves: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus. Anlässlich der Übersetzung von Harichs Nietzsche-Streitschrift ins Französische, in: Heyer: Harich in den Kämpfen seiner Zeit, Hamburg, 2016, S. 310. 194 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 310 f. 195 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1053. 4 3 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re einmal kann Yves Deville zitiert werden, der von Frankreich aus genauer sah als so mancher deutsche Kritiker: »Harich geht es nicht darum, Nietzsche ins Nichts zu entlassen bzw. zu schleudern; in tiefster Besorgnis um eine demokratische Zukunft, möchte er jedoch auf die ernsthaften Implikationen hinweisen, die ein nonchalanter Umgang mit Nietzsche mit sich bringen würde. Er stemmt sich vehement gegen die gängige Meinung, Nietzsche sei als kulturelle Autorität und Meister der Philosophie einzuschätzen. Er selbst kennt keinen gewichtigen Grund, ›uns erneut, uns immer noch einem Nietzsche zuzuwenden‹.«196 In diesem Sinn sind auch die letzten Sätze Harichs aus Nietzsche und seine Brüder zu lesen. Dort heißt es: »WH: Wir können es uns unter keinen Umständen leisten, die Identität der DDR aufs Spiel zu setzen, und die steht und fällt mit ihrem zuverlässigen, kompromisslosen Antifaschismus, um den es schlecht bestellt wäre, gäbe sie dem Druck nach, Nietzsche in ihre Erbep ege aufzunehmen. PF: Also doch: Ins Nichts mit ihm? WH: Im Nichts be ndet er sich nicht. Er hat sich nie darin befunden, so wenig wie sein Schüler Hitler, der ja, leider, auch nicht ungeschehen gemacht werden kann. Aber wie Hitlers runde Gedenktage sollten weiterhin diejenigen Nietzsches sang- und klanglos bei uns vorübergehen. Ihm so wenig wie Hitler sollten Denkmäler oder sonstige Gedenkstätten errichtet werden. Es sollten Werke Nietzsches nicht in Büchern stehen, deren Ti telblät ter das Signet eines DDR-Verlages tragen. Das gebietet unsere Selbstachtung, unsere antifaschistische Ehre. Denn die Schande, dass einst Nietzsche in deutscher Sprache gedacht und geschrieben hat und damit Anklang fand, ist ebenso groß wie die, dass Deutsche sich einmal von Hitler haben regieren lassen. Dessen müssen wir uns bewusst bleiben, und eine P icht des sozialistischen deutschen Staates ist es, dieses Bewusstsein für immer wachzuhalten.« So manches Wichtige ist damit zur Kritik Nietzsches durch Harich gesagt, andere mögen hinzufügen, was ihnen als bedeutsam erscheint, also bewahrenswert ist. Es sei erlaubt, zum Abschluss noch einige Überlegungen anzustellen. 196 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 317. 4 3 7W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e In der DDR war von Anfang an umstritten und umkämpft – erinnert sei nur an Hegel, auch an Goethe und Heine (bei diesen beiden ging es um den Grad der Wärme und Inanspruchnahme), die bürgerlichen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts und manches andere – welches Erbe der Staat anzutreten habe, welche Bekenntnisse zur Vergangenheit abzulegen und welche nicht, wen er, um es etwas pathetisch zu formulieren, aus der Vergangenheit mit in die vermeintliche Zukunft nehmen solle/müsse. Erbantritt bedeutet aber immer auch, das ist die Kehrseite, dass man ablehnen kann – und eben dies geschah in den vierziger Jahren mit Blick auf jene Personen und eorien, von denen man meinte, dass sie, explizit oder implizit, mehr oder weniger deutlich, Teil der faschistischen Ideologie waren oder das faschistische Weltbild geprägt hatten. Das zeigt rückblickend gerade der ja auch von Hermlin bemühte I. Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 8. Oktober 1947 in Berlin an verschiedenen Veranstaltungsorten stattfand. Der Aufruf zum Kongress war auf vielfältige Zustimmung gestoßen. Insgesamt waren knapp 280 Schriftsteller, Verleger und Wissenschaftler an der Konferenz beteiligt. »Es trafen sich zum ersten Mal Autoren aus allen vier Besatzungszonen: Schriftsteller der inneren und äußeren Emigration, Menschen unterschiedlicher geistiger und politischer Herkunft, mit ungleichen Gegenwarts- und Zukunftserwartungen und sehr verschiedener Literaturau assung. Auch durch die Anwesenheit von Autoren anderer Völker, die unter deutscher Okkupation gelitten hatten, erhielt die Tagung einen für diese Jahre ungewöhnlichen Charakter. Die Militärregierungen der Alliierten hatten das Tre en toleriert und zum Teil sogar gefördert.«197 Nicht eingeladen waren Künstler, die mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hatten.198 Ging es doch um die Bündelung aller humanistischen Kräfte, die dem Nationalsozialismus und seinen Verlockungen (Macht, Geld, Ideologie etc.) widerstanden hatten. »Nicht unmittelbar nach der Zerschlagung des Hitler-Regimes gri en die aus dem Exil heimgekehrten Künstler zu diesem Instrument kollektiver Arbeit. Das unvorstellbare Ausmaß an 197 Reinhold, Ursula; Schlenstedt, Dieter: Vorgeschichte, Umfeld, Nachgeschichte des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses, in: Reinhold, Ursula; Schlenstedt, Dieter; Tanneberger, Horst (Hrsg.): Erster Deutscher Schriftstellerkongress. 4.-8. Oktober 1947, Berlin, 1997, S. 13 f. 198 Siehe: Gansel, Carsten: Zur Vorgeschichte, Durchführung und den Folgen des II. und III. Schriftstellerkongresses 1950 und 1952 in der DDR, in: Gansel, Carsten; Walenski, Tanja (Hrsg.): Erinnerung als Aufgabe? Dokumentation des II. und III. Schriftstellerkongresses in der DDR 1950 und 1952, Göttingen, 2008, S. 9 f. 4 3 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re materieller und geistiger Zerstörung ließ einen Schriftstellerkongress nicht sofort zu. Erst 1947 war ein solches Tre en möglich, zugleich aber auch zu einem dringenden Gebot der Stunde geworden.«199 Es war eine eigene, ganz spezi sche Generation, die auf philosophischem und kulturellem Gebiet mit dem Aufbau des Sozialismus begann. Generation nicht in dem Sinne eines identischen Geburtsjahres, vielmehr mit Blick auf die gleichen leidvollen Erfahrungen und denselben Ho nungshorizont. Den Protagonisten der Jahre zwischen 1945 und 1956 war so manches gemein: Viele hatten in zwei Weltkriegen, in den Weimarer Jahren für den Kommunismus gekämpft und gelitten, ihr klares Nein galt dem Faschismus, dem Krieg, dem Imperialismus. Dieser Generation – von Becher bis Lukács, von Rilla bis Harich, von Abusch bis Zweiling – war klar, dass Nietzsche und der Faschismus zusammengehörten. Und es erschienen ihnen ein legitimes Ansinnen, ihn »aus der Gründung« der DDR auszuschließen. Diese Prägung wurde brüchig im Laufe der Jahrzehnte – eben deswegen kämpfte Harich so verbissen um die Erinnerung an Lukács. In den siebziger und achtziger Jahren fehlte so manchem auch in der DDR das direkte Gespür für jene historische Situation, die das Nietzsche-Verdikt notwendig gemacht hatte, fehlte das »Gewachsene« in der und die Verbundenheit mit der Tradition. Sie vermeinten, für intellektuelle Freiheit zu kämpfen, wenn sie Nietzsche-Lektüre forderten. Dass Hermlin dafür den X. Schriftstellerkongress nutzte, Harich persönlich verleumdete, es gereicht ihm nicht zur Ehre, für einen Oppositionsstatus ist es ebenfalls nicht ausreichend. Anne Harich formulierte: »Der X. Schriftstellerkongress war wie gescha en dafür, Dir, Deinem Denken, Deiner Gesinnung in aller Ö entlichkeit den Garaus zu machen, wie 1956/1957! Und damals ging es auch nicht allein um Dich! Aber Du warst eben unverbesserlich und unbelehrbar, und gerade Du hättest die Zusammenhänge erkennen müssen, dass Du Dich zum zweiten Mal benutzen ließest, gerade Du, der mich gelehrt hat, in Zusammenhängen zu denken. Warum bist Du nicht ein bisschen misstrauisch geworden? Du wusstest doch lange genug, dass es nicht mehr um die Verteidigung der Lehren von Marx, Engels und sonst jemandem ging, sondern dass man sich gern ihrer entledigen wollte, um als die 199 Bock, Sigrid: Literarische Programmbildung im Umbruch. Vorbereitung und Durchführung des I. Deutschen Schriftstellerkongresses 1947 in Berlin, in: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 22. Band, 1979, S. 121. 4 3 9W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e wahren, die unterdrückten Reformer im Land vor der Welt da draußen dazustehen. Du hättest begreifen müssen, dass Du zum Sündenbock für die unzufriedene Intelligenz gebraucht wurdest, und Du hast Dich dafür zur Verfügung gestellt, hast Dich vor den Karren spannen lassen, hast dabei, wie so oft in deinem Leben, Perlen vor die Säue geworfen. Oder hast Du Dich etwa unwissend gestellt? Wie bitte? Was sagst Du? Du hättest Perlen neben die Säue geworfen? Das ist ja alles noch schlimmer! Nach so vielen Jahren fällt es leichter, das Spiel zu erkennen, bei dem Dir so viel kostbare Zeit verloren gegangen war, die Du nutzen wolltest, um den alten Menschheitstraum, dem eines besseren Lebens für alle, ohne Kriege, erfüllt zu sehen. Und nun sagst Du mir wieder: Ja, also, wenn man sich im Leben für eine Sache, für ein Ziel entschieden hat, dann darf man die Auseinandersetzung nicht scheuen, und wenn sich Fehler einschleichen, dann muss man darauf hinweisen, ob das nun passt oder nicht, das ist nun mal so!«200 Anne Harich hat die Parallelität der Ausgrenzung Harichs aus dem ö entlichen Leben der DDR von 1956 und in der Nietzsche-Debatte betont. Es ist in der Tat eine signi- kante Übereinstimmung festzustellen: In beiden Fällen wurde Harich vor der Ö entlichkeit bloßgestellt, angeklagt und durfte sich nicht verteidigen. In beiden Fällen stand seine Meinung, die er vertreten, der entsprechend er gehandelt hatte, im Mittelpunkt. Aus dieser Sicht ließe sich die Analogie Anne Harichs sogar noch fortschreiben: • Wegen seines Denkens verweigerten die Nazis Harich das Abitur; • der französisch lizenzierte Kurier setzte ihn 1946 vor die Tür; • in Westberlin wurde er verhaftet, weil er es wagte, gegen die Atombombe zu demonstrieren; • seine Meinung führte zu den heute noch bekannten Diskussionen der jungen DDR-Philosophie über die Logik und über Hegel; • seine Reformschriften von 1956 führten zu seiner zehnjährigen Zuchthausstrafe; • das Bekenntnis zur Ökologie trieb ihn aus der DDR, führte zum Vorwurf des Öko-Stalinismus (Günther Maschke und andere); • sein Eintreten für den Antifaschismus und gegen Nietzsche erbrachte die geschilderten Ergebnisse, letztlich die völlige Isolation in der untergehenden DDR; • nach der Wende führte ihn seine Meinung zum Vorsitz der Alternativen Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte, erneut stand er quer, zur PDS ebenso wie zu den konservativen Strömungen des Westens, die sich auf die neuen Bundesländer ausgedehnt hatten. 200 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 288 f. 4 4 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re In diesem Sinne kann durchaus gesagt werden, dass jene, die sich in den achtziger Jahren und danach »nur« wegen einem, banal gesagt, philosophischem und kulturellem Weltbild, es mag einem zusagen oder nicht, gegen Harich stellten, das Geschäft von Walter Ulbricht und Günther Maschke weiter betrieben, heißen sie nun Gerd Irrlitz, Matthias Steinbach oder Bernd Florath, war ihr Arbeitgeber das ZK oder die Havemann-Gesellschaft. Es war schon eine wirklich verrückte, absurde Konstellation, die da in jenen Monaten und Jahren entstanden war. Die Führer der »Opposition«, Hermann Kant und Stephan Hermlin, verteidigten, stellvertretend für die Intelligenz der DDR, ihre Freiheit. Unterstützt wurden sie von Erich Honecker und dem Politbüro. Es assistierten auf Ka derebe ne Klaus Höpcke, Kurt Hager, Gregor Schirmer, Erich Hahn. Es assistierten für die »Philosophie« Gerd Irrlitz, Heinz Pepperle, Friedrich Tomberg, Renate Reschke, Manfred Buhr. Nietzsche ist Freiheit! So riefen sie, schlimmstenfalls haben sie gedacht: Nietzsche ist Sozialismus. Harich, der Harich aus Bautzen, war das Übel der Gesellschaft geworden. Eine Sache nun freilich unterscheidet Harich von all diesen seinen Kritikern: Vom Staat hat er keine Auszeichnung bekommen, keinen Professorentitel, keine Urkunde, keine Belobigung, keine Prämie. Solche Korruption sucht man bei ihm vergebens. Eine eigene Meinung kann also auch teuer sein. Bestraft wird sie, regressp ichtig ist sie sowieso. Oder, wie Der Spiegel in seinem Artikel zum X: Schriftstellerkongress etwas bösartig formulierte: »Erst Mitgliedschaft im Schriftstellerverband macht den angehenden Poeten zum staatlich anerkannten Autor; zwei Bürgen müssen für den Kandidaten zeugen. Er genießt Steuervorteile, soziale Sicherung, Hilfe bei Wohnungssuche und Ferienplätzen; Privilegien, die binden.«201 Zwei Dinge unterscheiden Harich zudem von dem von ihm so hoch geschätzten Lukács – mit Blick auf den Umgang, der mit ihnen gep egt wurde. Erste Di erenz, zu Beginn der DDR: Als Harich 1949, kurz vor dem Beginn seiner Freundschaft zu dem ungarischen Philosophen, dessen Goethe-Bild in einem Zeitungsartikel für die Tägliche Rundschau kritisierte, wurde er von Hanns Eisler, Ernst Bloch und anderen heftig angegri en: »Das kannst Du doch nicht machen, der hat doch 201 Der Spiegel: X. Schriftstellerkongress der DDR in Ost-Berlin. Literatur im »Glasnost«-Wind, Nr. 49, 1987, S. 274–276. 4 4 1W ol f ga ng H a ric h u nd d ie D eb a tte ü b er N ietz sc h e schon so viele Probleme …« Auf Harich fand dieses Paradigma in den achtziger Jahren keine Anwendung. Zweite Di erenz, vor dem Ende der DDR: Auf der Beerdigung von Lukács sagte der sowjetische Botschafter 1971 zu Frank Benseler, dem Herausgeber der westdeutschen Gesamtausgabe: »Jetzt ist er tot, jetzt können wir in Ehren.« Als Harich ein Vierteljahrhundert später, 1995, zu Grabe getragen wurde, da hörte seine Frau die Stimmen: »Jetzt ist er tot, jetzt können wir ihn fertig machen.« Kritik und »Opposition« hatten ihr Verhalten, ihr Menschenbild geändert. Der sowjetische Spätstalinismus war in den siebziger Jahren der selbsternannten DDR-Opposition, dem ostdeutschen Spätstalinismus, also auch im menschlichen Bereich voraus. Das Schlusswort soll Wolfgang Harich gehören – es ist datiert auf den 7. Juni 1991: »Heute stolzieren seine Verächter (Lukács, AH) aus der ostdeutschen Provinzelite, Leute, die Kandinsky, Schwitters und Beuys, die Schönberg, Nono und Stockhausen zu genießen vorgeben, nicht zu vergessen die ›di erenzierenden‹ Neubewerter des Zarathustra, Matadore künstlichen Formzertrümmerns, gedanklichen Nomadisierens, mit einer Selbstgefälligkeit einher, als wären sie Märtyrer, die sich ebenso tapfer wie mühselig ihrer Fesseln entledigt haben. Bestenfalls irren sie. Manche tischen, ihre tatsächlichen Erfahrungen verdrängend, über ihre Nationalpreise sich ausschweigend, uns Lügen auf. Ich erlaube mir, in ihnen Hätschelkinder der spätstalinistischen Oligarchie zu sehen, die es unzureichend fand, die parasitäre Intelligenzija ja bloß materiell zu korrumpieren, sondern sich erst sicher fühlte, wenn sie auch deren tiefere Sehnsüchte, faschistoide nicht ausgenommen, zufriedengestellt sah. Lukács hätte dem im Weg gestanden. Es gereicht ihm zum Ruhm.«202 * * * * * 202 Band 9, S. 482. 4 4 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Denkschrift zur Nietzsche-»Rezeption«1 (Juni–Juli 1982) (AH) Für den Akademie-Verlag sollte Harich 1982 zu verschiedenen Nietzsche-Vorhaben Stellung nehmen. Er begann im Juni bzw. Juli dieses Jahres mit verschiedenen Vorarbeiten für seine Denkschrift. Im Folgenden kommt das erste Kapitel, Persönliche Vorbemerkungen, zum Abdruck. Nach der Verfertigung dieses Kapitels scheint sich Harich umentschieden zu haben und kleidete das, was er in der Denkschrift sagen wollte, in die Form eines Briefes an Hermann Turley, datiert auf den 26. Juli, der im Anschluss zum Abdruck kommt. Zumindest sind weitere Vorstudien zur Denkschrift nicht erhalten. Nach meiner Rückkehr in die Deutsche Demokratische Republik haben meine privaten Lebensumstände hier sich so gestaltet, dass ich darauf angewiesen bin, zu meiner – an sich sehr reichlich bemessenen – Rente noch etwas hinzu zu verdienen, und zwar möglichst in der gesetzlich zulässigen Höhe von 400,– Mark brutto im Monat. Ich will dies in der Weise zu erreichen suchen, dass ich, einerseits, mich meinem früheren Arbeitgeber, dem Akademie-Verlag, für editorische Aufgaben und für die Abfassung von Gutachten zur Verfügung stelle und, andererseits, dem Zentralinstitut für Literaturwissenschaft bei der Akademie der Wissenschaften der DDR meine Mitarbeit als Berater für das Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte, am besten gegen monatliches Honorar xum, antrage. In diesem letzteren Zusammenhang möchte ich zunächst vorschlagen, von meinen philosophiehistorischen Kenntnissen bei der Vorbereitung des Buches Gebrauch zu machen, das Kollege Eike Middell über die Wirkung Friedrich Nietzsches auf die Literatur zu schreiben vorhat. Dieser als Literarhistoriker und Dichterbiograph renommierte Kollege soll, dem Vernehmen nach, sich außer Stande erklärt haben, Nietzsche als Philosophen zu beurteilen. Hier glaube ich ihm helfen zu können, vorausgesetzt natürlich, dass er dem zustimmt. An sich verspreche ich mir, o en gestanden, von einem Werk über diese ematik nichts Gutes. Nach meiner Meinung vielmehr sollte in der DDR tunlichst alles vermieden werden, was dazu führen mag, dass Nietzsche überhaupt wieder ins Gespräch kommt, wieder diskussionswürdig wird. Da ich aber kaum Aussicht haben dürfte, mich mit dieser Au assung durchzusetzen, will ich wenigstens alles in meiner Macht Stehende tun, um dem Missverständnis entgegenzutreten, es sei Nietzsche zu Gute zu halten, progressive, humanistische Autoren beeindruckt zu haben. 1 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, vermutlich Juni-Juli 1982. 4 4 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Es spricht dies, meiner Überzeugung nach, niemals für Nietzsche, sondern stets nur gegen die betre enden Schriftsteller. (Das gilt, meine ich, auch im Falle omas Manns, bei dem sich hierin – hierin unter anderem – Begrenzungen o enbaren, die durch seine Klassenposition und durch Vorurteile seiner Zeit bedingt sind; auf Nietzsche gehen – um nur dies zu erwähnen – omas Manns Essay-Schwafeleien zurück, die ganz anders – generell viel negativer – zu bewerten sind als seine Leistungen auf dem Gebiet des Romans und zumal der Novelle. Ähnlich erweist Bernard Shaw sich dort am problematischsten, wo er unter Nietzsches Ein uss steht – in Mensch und Übermensch und Zurück zu Methusalem –, und nicht wegen, sondern trotz Nietzsche hat er uns sogar hier noch Wertvolles gegeben. Auf Knut Hamsun einzugehen, scheint sich zu er- übrigen, da es ihm ohnehin nicht äußerlich gewesen ist, sich zum Parteigänger Hitlers verstiegen zu haben. Nichtsdestoweniger war Hamsun ein überragend großer Dichter. In demjenigen Werk jedoch, auf das Nietzsche und Dostojewski am stärksten eingewirkt haben, in den Mysterien, ist Hamsun, was ihm sonst als Dichter mehr oder weniger fern lag, bereits lange vor seiner späteren politischen Verirrung ausgesprochen faschistoid. Ich deute dies anhand der eben genannten Beispiele nur an, um von vornherein klarzustellen, auf welcher Linie meinerseits die Diskussion mit Kollegen Middell sich bewegen wird – falls es zu ihr kommt.) Meine Bekanntschaft mit Nietzsche begann (und endete für viele Jahrzehnte) in den Jahren 1938/1939. Ich gehörte damals, als Vierzehn- bis Sechzehnjähriger, einem philosophisch-literarisch-musikalischen Zirkel des »Bayreuther Bundes« an, dessen Neuruppiner Ortsgruppe von einem Studienrat Dr. Werner Kuntz geleitet wurde. Dieser war vor 1933 SPD-Mitglied gewesen, dachte aber nicht entfernt daran, uns mit marxistischem Gedankengut vertraut zu machen, sondern führte uns in Kant, Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und Spengler ein. Das spielte sich vor dem Hintergrund der damaligen Sudetenkrise und des beginnenden Zweiten Weltkrieges ab. In dieser Situation vertrat meine Mutter die Ansicht, zu Kriegen käme es immer wieder vor allem deswegen, weil die Menschen nicht genügend Phantasie besäßen, sich vorzustellen, was George Bernard Shaw 1936 4 4 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ein Krieg ist. Damit ich davon eine illusionslose, realistische Vorstellung gewönne, gab sie mir systematisch die im Ersten Weltkrieg spielenden Bücher von Remarque, Renn, Barbusse, Arnold Zweig und anderen Kriegsgegnern zu lesen. Unter dem Ein uss dieser Lektüre lernte ich Nietzsche von Grund auf und mit großer Nachhaltigkeit verabscheuen. Auch später hat er nie auf mich irgend einen Ein uss ausgeübt. Nachdem ich mich dem Marxismus zugewandt hatte, akzeptierte ich die einschlägigen Darlegungen Franz Mehrings und besonders Georg Lukács’ als das endgültig und abschlie- ßend Zutre ende, was über Nietzsche gesagt werden kann. An dieser Überzeugung halte ich auch heute nach wie vor fest. Wenn ich mich gleichwohl vor einigen Monaten nach langer, langer Zeit mit Nietzsche wieder zu beschäftigen begonnen habe, so ist das auf folgende Umstände zurückzuführen: Nach meiner Heimkehr suchte ich im Dezember 1981 Herrn Prof. Dr. sc. jur. Gregor Schirmer, den stellvertretenden Leiter der Abteilung Wissenschaften beim Zen tralko mi tee der SED, auf. Ich erö nete ihm, unter anderem, dass ich, in den Grenzen meiner Leistungsfähigkeit als Invalidenrentner, gerne wissenschaftlich noch etwas arbeiten würde, und fragte ihn, auf welchem Gebiet ich, nach seiner Meinung, hierbei noch Nützliches würde leisten können. Er antwortete: »Auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie.« Darüber habe ich in den Wochen und Monaten danach, konkreter ratsuchend, mit mehreren Bekannten und Freunde diskutiert. Gertraude Wieland, eine ehemalige Kollegen aus dem Akademie-Verlag, die seit einiger Zeit im Zentralinstitut für Philosophie bei der AdW tätig ist, meinte, das Beste, was ich bisher geleistet hätte, habe sich von Anfang an thematisch immer im Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegt. Ich erschiene ihr daher prädestiniert dafür, über Nietzsche zu arbeiten, einen erzreaktionären Philosophen, der ideologisch desorientierend besonders auf Schriftsteller und auf literarisch interessierte Intellektuelle wirke. Zeitgemäß sei die Wahl dieser ematik deswegen, weil sich im Westen Tendenzen einer Art Nietzsche-Renaissance abzeichneten, deren Ausstrahlung auch auf die DDR zu verspüren wären. Andere Kollegen bestätigt das. Frau Wieland vermittelte mir dann die Bekanntschaft des Nietzsche-Experten aus dem Zentralinstitut für Philosophie, Dr. Heinz Malorny. Dieser machte mir, während ich gleichzeitig, vor Ekel geschüttelt, den Zarathustra wieder las, neueste Sekundärliteratur über Nietzsche zugänglich, namentlich die dreibändige Biographie von Curt Paul Janz 4 4 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte (Hanser, München, 1979). Malorny auch stimmte meiner totalen negativen Einstellung zu Nietzsche lebhaft zu. Durch Gerede im ZIPh der AdW scheint es dann dazu gekommen zu sein, dass der dort ebenfalls tätige Kollege John Erpenbeck dem erwähnten hohen Wissenschaftsfunktionär Professor Schirmer die Idee eingab, mich zur Beschäftigung mit Nietzsche zu ermuntern. Als ich bei Schirmer ein zweites Mal Ende Mai 1982 vorsprach und meine Gespräche mit Frau Wieland und Herrn Malorny erwähnte, erklärte Schirmer jedenfalls, dass er selbst von der Materie zwar nichts verstünde, dass er Erpenbecks Anregung aber deswegen einleuchtend fände, weil allein schon die Existenz des Nietzsche-Archivs in der DDR es uns nahelege, uns ein eigenständiges Urteil über Nietzsche zu bilden. Wenn ich in wissenschaftlich seriöser Weise dabei mithelfen wolle, sei das sicher sehr zu begrüßen. Ähnlich äußerte sich später der Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlagswesen und Buchhandel der DDR, Klaus Höpcke. Er dringe seit Jahren auf eine Auseinandersetzung mit Nietzsche, und von mir glaube er, ich sei geeignet, wesentlich zu ihr beizutragen, weil ich einerseits gegen eine Beein- ussung durch Nietzsche immun sein dürfte, andererseits aber auch nicht primitiv, mit dem Holzhammer zu argumentieren p egte. Was mir bei alledem au el, war, dass in bestimmten Teilen der philosophisch und literarisch versierten Parteiintelligenz hinsichtlich der Einschätzung Nietzsches Meinungsverschiedenheiten zu bestehen scheinen. John Erpenbeck zum Beispiel wollte es, ganz im Gegensatz zu Malorny, geradezu gereizt mir verwehren, mich »so pejorativ« über Nietzsche zu äußern, und vertrat die – meines Erachtens völlig abwegige – Ansicht, Nietzsche habe einen fruchtbaren Beitrag zur Wertproblematik geliefert. Stephan Hermlin soll – so hörte ich – sich sogar in gedruckter Form voller Respekt über Nietzsche geäußert haben. In Jena soll Kollege Friedrich Tomberg der tonangebende Befürworter einer Nietzsche-Renaissance mit »linkem« Vorzeichen sein, wie sie zumal in Frankreich und Italien sich zu entfalten begonnen habe. Von dieser sprach, mit allerdings negativem Vorzeichen der Bewertung, zu mir auch eine mit der DDR sympathisierende Germanistin der Universität Montpellier, Frau Heidi Urbahn de Jauregui. All dies war für mich Grund genug, mich mit Nietzsche zu befassen. Im Zuge meiner Vorstudien und einschlägigen Informationen bin ich dann allerdings keineswegs zu dem Gedanken künftiger Verö entlichungen über Nietzsche animiert worden, ganz im Gegenteil. Was nottut, ist vielmehr zweierlei: Es sollte bei uns den längst vorliegen- 4 4 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re den, dem Wesen der Sache nach nicht mehr zu überbietenden und auch nicht nennenswert korrekturbedürftigen Einschätzungen Nietzsches durch Franz Mehring und, vor allem, durch Georg Lukács wieder mehr autoritatives Gewicht verliehen werden, und falls sich dagegen Einspruch erheben sollte, wäre dafür zu sorgen, dass einschlägige Meinungsverschiedenheiten in interner Diskussion geklärt und behoben werden, ohne dass dadurch Nietzsche selbst zu neuer Publizität gelangt. Alles, was ein Interesse an ihm zu erwecken und zu fördern vermag, und sei es selbst in der Form einer noch so kritischen Abrechnung mit ihm, wäre nur von Schaden. Was aber die französische und italienische »linke« Nietzsche-Renaissance betri t, so ist sie erstens an keinen einzigen nennenswerten lebenden Denker, kein einziges auch nur dem Titel nach bekanntes Werk geknüpft und zweitens dem deutschen Sprachraum bisher ferngeblieben. Wir können es folglich damit genug sein lassen, vorerst nur diskret, nur intern Material zu ihrer künftig vielleicht notwendigen Bekämpfung bereitzustellen, ohne damit voreilige Publizier-Ambitionen zu verbinden. Je länger Nietzsche Unperson bleibt, je weniger wir ihn einer ö entlichen Diskussion für Wert be nden, desto besser. An der Erarbeitung eines solcherart kritischen Materials mit aller Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit in den nächsten Jahren mitzuwirken, dazu bin ich bereit, obwohl es in der geistesgeschichtlichen Überlieferung nichts gibt, was mich mehr anwidern würde als eben diese Materie. Wozu ich nicht bereit bin, das wäre ein Buch von Harich über Nietzsche, das Sensation macht, das schlafende Hunde weckt, das schädliche Diskussionen in Gang gesetzt, die sich – nach der momentanen Lage der Dinge jedenfalls – durchaus vermeiden lassen. Meine früheren Polemiken sollten hierbei nicht falsch gedeutet werden: Sie waren immer von Ekel und Widerwillen diktiert, nie von Lust, und die Selbstüberwindung, ohne die sie nicht zu Stande gekommen wären, hielt höchstens – im Falle der Abrechnung mit Heiner Müllers Macbeth-Bearbeitung – 30 Druckseiten lang an. Wenn ich mehr an Umfang in Anspruch nahm, dann für die lustvolle Entdeckung wertvollen Kulturerbes – siehe Herder, Goethe, Heine, Jean Paul! –, eines Erbes, das bei Nietzsche nun einmal nicht vorhanden ist. Als »regulatives Prinzip« mag nichtsdestoweniger ein eigenes Nietzsche-Buch vorschweben. In der Praxis sollte es sich aber nur um eine für den Bedarfsfall mögliche Option handeln, die besser unrealisiert bleibt. 4 4 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Hermann Turley 2 (26. Juli 1982) Lieber Herr Kollege Turley! Gestatten Sie bitte, dass ich die Denkschrift zur Nietzsche-»Rezeption«, die ich Ihnen zugesagt habe, in die Form eines an Sie gerichteten Briefes kleide. Mir scheint dies zweckmäßig zu sein, da ich im Folgenden ein Arbeitsvorhaben plausibel machen muss, dem ich mich im Grunde kaum noch gewachsen fühle. Nach meiner Rückkehr in die DDR haben meine privaten Lebensumstände sich hier so gestaltet, dass ich, leider, darauf angewiesen bin, zu meiner – an sich reichlich bemessenen – Rente noch etwas hinzu zu verdienen, und zwar möglichst in der gesetzlich zulässigen Höhe von brutto 400,– Mark im Monat. Ich will dies in der Weise zu erreichen suchen, dass ich, einerseits, mich dem Akademie-Verlag, als meinem früheren Arbeitgeber, für die Abfassung von Gutachten und für editorische Aufgaben zur Verfügung stelle und, andererseits, dem Zentralinstitut für Literaturwissenschaft bei der Akademie der Wissenschaften der DDR meine Mitarbeiter als Berater für das Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte, am besten gegen monatliches Honorar xum, antrage. In diesem letzteren Zusammenhang möchte ich zunächst vorschlagen, von meinen philosophiehistorischen Kenntnissen bei der Vorbereitung des Buches Gebrauch zu machen, das Kollege Eike Middell über Friedrich Nietzsches Wirkung auf die Literatur zu schreiben vorhat. Dem Vernehmen nach soll dieser als Literarhistoriker und Dichterbiograph renommierte Kollege sich außer Stande erklärt haben, Nietzsche philosophisch zu beurteilen. Hier glaube ich, aushelfen zu können, vorausgesetzt natürlich, dass Middell dem zustimmt. Mein Beitrag soll dabei hervorwachsen aus eigenen umfassenderen Nietzsche-Studien, wie sie durch die editorische Leistung von Colli und Montinari und durch die fast jeden Tag aus Nietzsches Leben dokumentierende Biographie von Curt Paul Janz (3 Bände, Hanser, München, 1979) nunmehr möglich geworden sind. Das Ziel, dass ich mir bei diesen Studien setzte, ist ein eigenes Buch über Nietzsche. Ich will mir redliche Mühe geben, das noch zu scha en. Allerdings bin ich mir völlig klar darüber, dass dem subjektiv und auch von der Sache her ungeheure Schwierigkeiten im Wege stehen. Ich hielte es daher für unlauter, mit dem Akade- 2 (AH) 16 Blatt, maschinenschriftlich, 26. Juli 1982, adressiert: An Herrn Dr. Hermann Turley, Akademie-Verlag. 4 4 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re mie-Verlag hierüber einen Vertrag oder Vorvertrag abzuschließen und mir auf dieser Grundlage womöglich gar Vorschüsse zahlen zu lassen. Vollends würde es mich bis zu restloser Sterilität, wenn nicht sogar mit der Folge tödlicher Erkrankung, seelisch belasten, falls ich bei der Arbeit unter dem Druck einer vertraglich xierten Terminsetzung stünde. Gerechnet werden muss durchaus mit der Möglichkeit, dass ich nur Beiträge, nur vorläu ge, fragmentarische Ausarbeitungen zu Wege bringe, die dann eine künftige marxistische Nietzsche-Forschung auswerten mag, ohne dass für meine Erben daraus nanzielle Ansprüche gegenüber der Akademie bzw. dem Akademie-Verlag entstünden. Finanziell wäre meine Arbeitsleistung durch die an mich zu Lebzeiten zu zahlenden Honorar xa abgegolten. Am geeignetsten für die Bearbeitung des durch mich zu erstellenden Materials über Nietzsche halte ich Herrn Dr. Heinz Malorny vom Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR, einen Mann, dessen uneingeschränkt kritische Einstellung zu Nietzsche ich in vollem Umfang teile. Ausschließen möchte ich, dass Kollegen, die zu Nietzsche versöhnlicher stehen, die bei ihm ein in irgendeiner Hinsicht wertvolles Gedankenerbe vermuten, sich meiner einschlägigen Hinterlassenschaft annehmen. Dieser Haltung entspricht es, dass ich auch Kollegen Middell von etwaiger Nachsicht gegenüber Nietzsche, falls er hierzu neigen sollte, abbringen zu können ho e. Dass Nietzsche progressive, humanistische Autoren beeindruckt hat, spricht nämlich nie für ihn, sondern stets nur gegen diese Autoren. Das gilt, meine ich, auch im Falle omas Manns, bei dem sich eben darin Begrenzungen o enbaren, die durch seine Klassenposition und durch modische Vorurteile seiner Zeit bedingt sind. Auf Nietzsche gehen – um nur dies zu erwähnen – omas Manns exzessive Essay-Schwafeleien zurück, die ganz anders – generell viel negativer – zu bewerten sind als seine Leistungen auf dem Gebiet des Romans und zumal der Novelle. Ähnlich erweist Bernard Shaw sich dort am problematischsten, wo er unter Nietzsches Ein uss steht, in Mensch und Übermensch und Zurück zu Methusalem, und nicht wegen, sondern trotz Nietzsche hat er uns selbst hier noch Wertvolles gegeben. Auf Knut Hamsun einzugehen, scheint sich insofern zur erübrigen, als es ihm ohnehin nicht äußerlich gewesen ist, sich zum Parteigänger Hitlers und Quislings verstiegen zu haben. Nichtsdestoweniger war Hamsun ein überragend großer Dichter. In demjenigen Werk indes, auf das Nietzsche und Dostojewski besonders stark eingewirkt haben, in dem Roman Mysterien, ist Hamsun, was ihm sonst als Dichter mehr oder weniger fern lag, bereits lange vor seiner späteren politischen Einstellung ausgesprochen faschistoid. Und ist Stephan Hermlins Empfehlung, an Nietzsche di erenzierend heranzugehen, etwa nicht Zubehör seiner snobistischen 4 4 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Allüren? Können die klammheimlichen Sympathien Peter Brückners für terroristische Gewaltakte überraschen, wenn man in seiner Autobiographie liest, er habe als Halbwüchsiger in der Nazizeit bei Nietzsche, ausgerechnet!, »Zu ucht gesucht«? Ich deute dies anhand der eben genannten Beispiele nur kurz an, um von vornherein klarzustellen, auf welcher Linie meinerseits die Diskussion mit dem Kollegen Middell, falls sie zu Stande kommt, sich bewegen wird. Meine Bekanntschaft mit Nietzsche begann in den Jahren 1938/1939. Ich gehörte damals, als Vierzehn- bis Sechzehnjähriger in Neuruppin einem philosophisch-literarisch-musikalischen Zirkel des Bayreuther Bundes an, dessen dortige Ortsgruppe von einem Studienrat Dr. Werner Kuntz geleitet wurde. Dieser war vor 1933 SPD-Mitglied gewesen, dachte aber nicht entfernt daran, uns mit marxistischem Gedankengut vertraut zu machen, sondern führte uns in Kant, Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und Oswald Spengler ein. Das spielte sich ab vor dem Hintergrund der damaligen Sudetenkrise und des beginnenden Zweiten Weltkriegs. In dieser Situation vertrat meine Mutter die Ansicht, zu Kriegen käme es vor allem deswegen immer wieder, weil die Menschen nicht genügend Phantasie hätten, sich vorzustellen, was ein Krieg ist. Damit ich davon eine realistische, illusionslose Vorstellung gewönne, gab sie mir systematisch die im Ersten Weltkrieg spielenden Bücher von Barbusse, Gläser, Remarque, Renn, Arnold Zweig und anderen Kriegsgegnern zu lesen. Unter dem Ein uss dieser Lektüre lernte ich den gleichzeitig genossenen Nietzsche nachhaltig und von Grund auf verabscheuen. Auch später hat er mich nie interessiert, geschweige denn irgend einen Ein uss auf mich ausgeübt. Nachdem ich mich dem Marxismus zugewandt hatte, akzeptierte ich die einschlägigen Darlegungen Franz Mehrings und besonders Georg Lukács’ als das endgültig und abschließend Zutre ende, was über Nietzsche gesagt werden kann. An dieser Überzeugung halte ich auch heute nach wie vor fest. Dabei können mir nicht einmal Nietzsches Kritik am Christentum und seine viel gerühmte »entlarvende Psychologie« imponieren. Beides nde ich um Vieles besser und überdies mit humaner Grundtendenz bei Ludwig Feuerbach, dessen Verdrängung durch die Schopenhauer-Mode aus dem bürgerlichen Bildungsbesitz mir die Voraussetzung für Nietzsches maßlose Überschätzung gewesen zu sein scheint, um von der dem Bürgertum ohnehin fernliegenden Religions- und Ideologiekritik des Marxismus noch ganz zu schweigen. Ja, selbst von Nietzsches stilistischen Qualitäten halte ich nicht viel. In dieser Beziehung folge ich dem sehr nüchternen, gesunden Urteil Kurt Tucholskys. 4 5 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Wenn ich mich gleichwohl vor einigen Monaten nach langer Zeit mit Nietzsche wieder zu beschäftigen begonnen habe, so ist das auf folgende Umstände zurückzuführen. Bald nach meiner Heimkehr aus dem kapitalistischen Ausland (Österreich, BRD) suchte ich im Dezember 1981 den Stellvertreter des Leiters der Abteilung Wissenschaften beim Zentralkomitee der SED, Herrn Professor Dr. sc. jur. Georg Schirmer, auf. Ich erklärte ihm, unter anderem, dass ich, in den Grenzen meiner Leistungsfähigkeit als schwerbeschädigter Invalidenrentner, gerne wissenschaftlich noch etwas arbeiten würde, und fragte ihn, auf welchem Gebiet ich, nach seiner Meinung, hierbei noch Nützliches würde leisten können. Schirmer antwortete: »Auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie.« Darüber habe ich in den Wochen und Monaten danach, konkreter ratsuchend, mit mehreren Bekannten und Freunden diskutiert, deren Erwägungen und Vorschläge mich aber meist allzu sehr in den »Elfenbeinturm« verwiesen. Einzig Gertraude Wieland, eine ehemalige Kollegin aus dem Akademie-Verlag, seit einiger Zeit tätig bei der Editionsabteilung des Zentralinstituts für Philosophie der AdW, hatte einen Gedanken, der auf aktuelles Engagement abzielte. Sie meinte, das Beste, was ich bisher geleistet hätte, habe sich thematisch immer im Grenzgebiet von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegt, weshalb ich ihr prädestiniert dafür erschiene, über Nietzsche zu arbeiten, einen erzreaktionären Philosophen, der ideologisch des orien tie rend besonders auf Schriftsteller und literarisch interessierte Intellektuelle wirke. Zeitgemäß sei die Wahl dieser ematik insofern, als sich derzeit im Westen, von Italien und Frankreich ausgehend, Tendenzen einer Art Nietzsche-Renaissance abzeichneten, von der Ausstrahlungen auch in die DDR spürbar wären, gefördert und befürwortet namentlich von dem in Jena wirkenden Friedrich Tomberg. Andere Kollegen bestätigten das. Kollegin Wieland vermittelte mir sodann die Bekanntschaft des Nietzsche-Experten aus dem ZIPh der AdW, Kollegen Dr. Heinz Malorny. Dieser machte mir – während ich bereits begonnen hatte Also sprach Zarathustra, vom Ekel geschüttelt, wieder zu lesen – neueste Sekundärliteratur über Nietzsche zugänglich, darunter die oben ge- Tucholskys letzter Eintrag in sein „Sudelbuch“ 4 5 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte nannte große Biographie von Janz, deren Lektüre ich dieser Tage abgeschlossen habe und aus der ich nun zu exzerpieren anfangen will. Malorny auch stimmte meiner total negativen Einschätzung Nietzsches lebhaft zu. Einschlägige Artikel von ihm, die er mir zu lesen gab, nde ich richtig und angemessen, wenn auch nicht sehr glanzvoll geschrieben. Wenn es zu dem von mir angestrebten Gedankenaustausch mit Eike Middell kommen sollte, würde ich dafür plädieren, Malorny mit hinzuzuziehen und aus den drei Beteiligten – Middell, Malorny und mir – ein kleines, informelles Forschungskollektiv zu bilden, das zu wechselseitiger Kontrolle, Information, Förderung und Kritik regelmäßig zusammentri t. Durch Gerede im ZIPh der AdW scheint es dann dazu gekommen zu sein, dass der dort ebenfalls tätige Kollege Dr. John Erpenbeck dem oben genannten hohen Wissenschaftsfunktionär der SED, Professor Schirmer, die Idee eingab, mich zur Beschäftigung mit Nietzsche zu ermuntern. Jedenfalls erklärte Schirmer mir, als ich Ende Mai 1982 bei ihm ein weiteres Mal vorsprach und bei der Gelegenheit meine Zusammenkünfte mit den Kollegen Wieland und Malorny erwähnte, dass er selbst von der Materie zwar so gut wie nichts verstünde, aber die Anregung Erpenbecks deswegen einleuchtend fände, weil allein schon die Existenz des Nietzsche-Archivs in der DDR es uns nahelege, uns ein eigenständiges Urteil von Nietzsche zu bilden. Wenn ich in fundierter, wissenschaftlich seriöser Weise dabei mithelfen wolle, so sei das zu begrüßen. Ähnlich äußerte sich später der Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlagswesen und Buchhandel der DDR, Klaus Höpcke. Er dringe, sagte er mir, schon seit Jahren auf eine Auseinandersetzung mit Nietzsche, und von mir glaube er, ich sei geeignet, dazu wesentlich beizutragen, da ich einerseits gegen eine Beein ussung durch Nietzsche immun sein dürfte, es aber andererseits auch nicht meine Art sei, primitiv, gleichsam »mit dem Holzhammer« zu argumentieren. Was mir bei meinen parallel dazu laufenden Recherchen au el, war, dass in bestimmten Teilen der philosophisch und literarisch-künstlerisch interessierten Partei- bzw. Sympathisanten-Intelligenz o enbar hinsichtlich der Einschätzung Nietzsches krasse Divergenzen bestehen. Ich nannte unter denen, die nachsichtig, um nicht zu sagen positiv beurteilen, bereits Hermlin und Tomberg. John Erpenbeck ging noch weiter: Ganz im Gegensatz zu Malorny wollte er es mir, in geradezu gereiztem Ton, verwehren, mich »so pejorativ« über Nietzsche zur äußern. Auch vertrat Erpenbeck die – meines Erachtens ziemlich abwegige – Ansicht, dass Nietzsche einen gerade heute für uns fruchtba- 4 5 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ren Beitrag zur Erhellung der Wertproblematik geliefert habe. Mich wollte er dazu gewinnen, dieses »philosophische Erbe« herauszuarbeiten. Mir ist verständlich, dass bei dieser Lage der Dinge die wissenschafts- und kulturpolitischen Instanzen von Partei und Staat Wert darauf legen, dass über Nietzsche Klarheit gescha en werde, dies um so mehr, als ja wichtige Nietzsche-Gedenkstätte (Röcken, Naumburg, Schulpforta, Leipzig, Weimar) auf dem Territorium der DDR liegen und, beispielsweise, das Grab in Röcken Wallfahrtsort für versnobte Insassen von CD-Limousinen ist. Wenn ich dazu beitragen kann, ein wissenschaftlich fundiertes Nietzsche-Bild zu scha en, das, wenigstens, auf progressive Kräfte überzeugend wirkt und bei ihnen diesbezügliche Meinungsverschiedenheiten beilegen hilft, so will ich mich einer solchen Aufgabe keineswegs verschließen. Was ich im Zuge meiner Recherchen bisher über eine angebliche Nietzsche-Re nais sance in Italien und Frankreich erfahren konnte, ist eher vage und nebulös. Ich muss mich da noch um weitere Informationen bemühen und eventuell auch das Gespräch hierüber mit Kollegen Tomberg suchen. Es könnte in der Zukunft geschehen, dass die imperialistische Reaktion versucht, die globalen Menschheitsprobleme, wie sie zu Beginn der siebziger Jahre der Club of Rome ins Bewusstsein gerückt hat, durch einen großangelegten Völkermord in der Dritten Welt zu »lösen«. Dies könnte ideologisch unter anderem durch einen Rückgri auf Nietzsche vorbereitet werden und Nietzsche könnte in diesem Zusammenhang unter Umständen eine noch größere Rolle spielen als in der Vorgeschichte des italienischen und deutschen Faschismus, einfach deswegen, weil seine Lieblingsmaskierung als »guter Europäer« und seine Distanzierung von deutschtümelndem Nationalismus ihn als prädestiniert erscheinen lassen, nunmehr den geistigen Ahnherrn eines westeuropäischen oder gar atlantischen übernationalen Faschismus und Rassismus abzugeben. Dass die derzeitige Nietzsche-Renaissance dem Vernehmen nach ein »linkes« Vorzeichen trägt, hindert dies durchaus nicht. Im Gegenteil: Nietzsche ist stets mit der Prätention und Attitüde eines Rebellen aufgetreten. Und hat der Nietzsche-Enthusiast Mussolini seine Laufbahn nicht etwa auch schon »links«, nämlich als »Sozialist«, begonnen? Wirrköpfen, die in den APO-Jahren auf Bakunin schworen und Netschajew nacheiferten, ist im Übrigen so manches zuzutrauen. Wenn man überdies um Nietzsches Aversion gegen die Antisemiten weiß (die freilich konkurrenzbedingt gewesen ist) und sich dabei vergegenwärtigt, dass heute die Aggressivität Israels die Speerspitze jenes künftigen Völkermordes bildet, dann schließt sich der Kreis. Versteht sich, dass es mir nicht an gutem Willen fehlt, den Anfängen einer derartigen 4 5 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Entwicklung nach Kräften wehren zu helfen. Wo Linke sich auf Nietzsche »besinnen«, will ich tun, was ich kann, ihnen die Dummheit und Gemeingefährlichkeit dieser Verirrung zu Bewusstsein zu bringen. Guter Wille ist allerdings eines, die Fähigkeit, diesen in die Tat umzusetzen, etwas ganz anderes. Daher jetzt ein Wort zu den Schwierigkeiten, die ich sehe. Ich fange, lieber Herr Turley, mit den subjektiven an. Schreiben ist mir seit jeher schwer gefallen und bei meinem angegri enen Gesundheitszustand bereitet es mir in wachsendem Maße immer größere physische Qualen. Die Friedensbewegung im Westen hat es mir gelegentlich abverlangt, aus P ichtgefühl habe ich mich gefügt, aber die wenigen Artikelchen, die dabei herausgekommen sind, haben mir jedes Mal grässliche Beschwerden – Herzschmerzen, Schwindelgefühl, Erschöpfung und Angstzustände – verursacht.3 Auch bei einer Niederschrift wie der vorliegenden spüre ich eine Verschlechterung meines Be ndens. Doch ist sie einigermaßen gemildert dadurch, dass ich nur eine interne Denkschrift zu Papier bringe, noch dazu in der Form eines Briefes, was mir den perfektionistischen Wahn nimmt, der mich andernfalls Gesagtes bis zu zwanzig Mal umschreiben ließe. Geho t hatte ich, dass mit meiner Anerkennung als Schwerbeschädigter und meiner Invalidisierung meine schriftstellerische Laufbahn beendet sein würde, dass ich mich darauf würde beschränken können, Vorlesungen und Vorträge zu halten, Zirkelarbeit zu leisten, mich an Diskussionen zu beteiligen, d. h. Dinge zu tun, die, auch wenn sie anstrengend sind, mich beleben und erquicken. Sollten Äußerungen von mir es wert sein, festgehalten zu werden, so könnte das durch Tonbandmitschnitte geschehen. Der Aufgabe, noch ein Buch zu schreiben, fühle ich mich kaum gewachsen. Ich will es versuchen. Ich verspreche, mir jede erdenkliche Mühe dabei zu geben. Aber ich kann nicht für das Gelingen garantieren und vollends eine dahingehende Verp ichtung zu übernehmen, das in vertraglicher Form, unter Inanspruchnahme von Vorschüssen zu tun, käme mir wie ein Betrug vor und würde zugleich auf meine Scha enskraft nur eine lähmende Wirkung ausüben. Von einem Vertrag zwischen uns kann nur die Rede sein, wenn bereits ein Manuskript von mir vorliegt, das ich für abgeschlossen und druckreif halten. Und ob es dazu noch jemals kommen wird, ist zweifelhaft. Zweitens: Um mich »fundiert und wissenschaftlich seriös« (Schirmer) über Nietzsche zur äußern, muss ich mindestens zwei Jahre lang sehr konzentriert umfangreiche Vorarbeiten in in der Form von Lektüre und Anfertigung von Experten leisten. Dabei 3 (AH) Siehe die entsprechenden Texte des 8. Bandes. 4 5 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re handelt es sich um die Bewältigung von vier Komplexen: a) Lektüre der von Colli und Montinari besorgten Kritischen Gesamtausgabe (de Gruyter, Berlin, 1967  .) unter Vergleichung mit der so genannten Großoktav-Ausgabe (Naumann und Kröner, Leipzig, 1905  .), aus der in der früheren Sekundärliteratur meist zitiert zu werden p egt, hierbei Anfertigung eines großen, nach Problembereichen gegliederten Konspekts. b) Studium zumindest der wesentlichen, auch bei strenger Auswahl noch sehr umfangreichen Sekundärliteratur unter schriftlicher Fixierung meines kritischen Kommentars dazu. c) Studium des Nietzsche-Umfeldes, das, von den geschichtlich-gesellschaftlichen Grundlagen noch abgesehen, klassische Philologie, Musik, Philosophie und Belletristik umfasst und mir zum erheblichen Teil gar nicht oder nur sehr ober ächlich bekannt ist. (Beispiele: Die theoretischen Schriften Richard Wagners, die natürlich nur im Zusammenhang mit seinen Libretti voll verständlich werden. Autoren, gegen die Nietzsche polemisiert hat, wie etwa Eduard von Hartmann und der späte David Friedrich Strauß. Autoren, die gegen ihn polemisiert haben, wie etwa Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf. Werke der Nietzsche-Freunde Paul Deussen, Erwin Rohde, Franz Overbeck, Paul Rée u. a. Werke von Nicht-Philosophen, die Nietzsches Philosophie beein usst haben, zum Beispiel die kulturhistorischen Leistungen Jacob Burckhardts, Stifters Nachsommer usw.) d) Studium von Problembereichen der systematischen Philosophie im Hinblick auf einschlägige Au assungen Nietzsches. (Beispiel: Um der oben erwähnten Ansicht John Erpenbecks, die Wertproblematik betre end, Paroli bieten zu können, müssen diejenigen bürgerlichen Denker mit herangezogen werden, die hierzu wirklich Ergiebiges geleistet haben, das allenfalls kritisch angeeignet zu werden verdiente, wie etwa Herbart, Lotze, die südwestdeutsche Schule des Neukantianismus sowie Max Scheler und Nicolai Hartmann, an Sekundärliteratur Heyde, O. Kraus, Messer, Jaensch, v. Rintelen, J. Cohn. Anderes Beispiel: Die Auseinandersetzung mit Nietzsches Erkenntnistheorie hat die Herausarbeitung der di erierenden und übereinstimmenden Momente bei Neukantianern, Positivisten, Pragmatisten u. dgl. mit einzuschließen.) Obwohl die wichtigsten Quellen Nietzsches – die antike Sophistik, Kant, Schopenhauer, Heine, Feuerbach – mir sehr genau bekannt und jederzeit geläu g sind, bleiben die noch auszufüllenden Wissenslücken enorm. Diese Vorstudien glaube ich gesundheitlich einigermaßen gut verkraften zu können. Aber da sie sich mindestens zwei Jahre lang hinziehen werden, werde ich, falls dann noch am Leben, über sechzig Jahre alt sein, wenn ich mit der Niederschrift des eigenen Buches beginnen. Und wie erst werden dann die Beschwerden aussehen, die mich beim Schreiben, zumal von Arbeiten, die zur Verö entlichung bestimmt sind, zu plagen 4 5 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte p egen? Es ist sehr wahrscheinlich, dass die mit der Ausarbeitung des Manuskripts verbundenen Mühen mich dann binnen kurzer Frist zum Aufgeben zwingen oder aber umbringen werden. Es kommt hinzu, dass ich an der Beschäftigung mit Nietzsche ja keinerlei Freude habe. Die Inhalte, die dieser Ideologe zu bieten hat, sind mir in jeder Beziehung verhasst, widerwärtig, ekelhaft. Und durch die Formen, in denen er sich mitteilt, weiß er sich jeder Argumentation zu entziehen. Wenn es nach meinen Neigungen, Interessen und soliden Vorkenntnissen ginge, gäbe es auf den Gebieten der Philosophie und Philosophiegeschichte eine nicht geringe Anzahl anderer emen, mit denen mich zu befassen mir größere Befriedigung gewähren würde (wohlgemerkt emen, die mit meinen hauptsächlichen Interessengebieten während des letzten Jahrzehnts, mit politischer Ökologie, Futurologie, Friedens- und Kon iktforschung, ebenfalls nichts zu tun haben). Ich wüsste nur nicht, wie da meine »Feierabendbeschäftigung« so »angebunden« werden kann, dass ein regelmäßiger Verdienst herausspringt, wie ich ihn angesichts meiner privaten Situation weiter nötig habe. Es fragt sich indes, ob meine Angst vor einer von vornherein auf Verö entlichung festgelegten schriftstellerischen Betätigung nicht gesellschaftlichen Interessen und Erfordernissen, denen eine Nietzsche-Forschung in der DDR Rechnung zu tragen hat, entgegenkommen könnte. Indem ich dies zu bedenken gebe, komme ich jetzt auf die objektiven Schwierigkeiten zu sprechen, die ich auch sehe. Nietzsche ist der schlechthin menschenfeindlichste, reaktionärste, überdies am meisten den Krieg verherrlichende Ideologe, den die Geschichte kennt. Niemand sonst hat die arbeitenden Menschen aller Länder und Zeiten, die Armen, Ausgebeuteten, Unterdrückten, angefangen von den Sklaven der Antike bis zum modernen Industrieproletariat, mit gleicher Unverfrorenheit verachtet und geschmäht und für immer niederzuhalten empfohlen. Eine Nietzsche-Rezeption kann in einem sozialistischen Land daher gar nicht in Betracht kommen, falls unter »Rezeption«, dem Wortsinn gemäß, »Annahme«, »Aufnahme«, »Übernahme«, also etwas, was einer Erbeaneignung nahe käme, verstanden wird. Nietzsche-Forschung kann vielmehr hier immer nur auf Bekämpfen, Entlarven, Anprangern hinausführen und muss, vor allem, den Zweck im Auge haben, eine überzeugende Legitimation dafür zu scha en, dass Werke dieses Autors im Machtbereich von Arbeiter- und Bauernstaaten nie gedruckt und verbreitet werden. (Nebenbei bemerkt, dies ist der hauptsächliche Grund dafür, dass ich vorliegender Denkschrift die Form eines Briefes an Sie gebe: Ich vermeide so, verehrter Kollege Turley, das in unserem Vertrag vorkommende Wort »Rezeption«, das ich in einer regulären Überschrift dieses Manuskript wohl hätte wiederholen müssen.) 4 5 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Nun fragt es sich dabei aber – wenn es sich so verhält –, ob nicht eine Konstellation denkbar – wenn nicht sogar voraussehbar wahrscheinlich – ist, in der wir uns davor hüten müssen, Nietzsche durch dessen ö entliche Bekämpfung erst interessant und diskussionswürdig zu machen und damit jener oben erwähnten derzeitigen Nietzsche-Renaissance womöglich erst voll zum Durchbruch zu verhelfen, ob es nicht vielmehr ratsam bleiben mag, der Bekämpfung eine unau älligere, diskretere, aber eben deswegen desto wirksamere Form zu geben. Wie dem auch sei, auf alle Fälle tun wir, meine ich, gut daran, und zumindest die Option für eine solche diskretere Bekämpfung o en zu halten, auch wenn zugleich Manuskripte über Nietzsche im Entstehen begriffen sein sollten. Und im Hinblick darauf könnte es geradezu ein Glücksfall sein, dass die mir seit jeher einge eischte neurotische Arbeitsweise – immer erneutes Umschreiben unter dem Zwang von Perfektionswahn – mir durch mein Herzleiden lebensgefährlich geworden ist: Mein Ehrgeiz, mich gedruckt zu sehen, ist nacktem Selbsterhaltungstrieb gewichen, und so eigne ich mich dafür, der bloßen internen Selbstverständigung dienende Ausarbeitungen zu scha en, die nicht unbedingt auch zur Verö entlichung bestimmt zu sein brauchen. Ich erkläre mich näher. Es gibt, dessen bin ich gewiss, keine bessere, gültigere, philosophisch und historisch korrektere Einschätzung des Werks von Nietzsche als das 3. Kapitel von Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft (Aufbau, Berlin, 1955, S. 244  .). Das Nietzsche-Buch, das mir vorschwebt, würde diese Einschätzung lediglich mit mehr Details anreichern und würde nur in fünf Punkten etwas Anderes, etwas Neues bieten. Erstens würde ich die philosophische Wertproblematik aufrollen mit dem Vorsatz, Spekulationen darüber, es gäbe hier bei Nietzsche ein Erbe anzutreten, zu widerlegen bzw. ad absurdum zu führen. Zweitens würde ich einer di erenzierenden Beurteilung der gedanklichen Lebensleistung Richard Wagners den Raum geben, der ihr im Rahmen einer umfassenden Nietzsche-Kritik gebührt, selbstverständlich mit relativ positiverer Einstellung zu Wagner – und sogar auch zu Schopenhauer – als zu Nietzsche. Drittens würde ich, in Auswertung bestimmter Ergebnisse christlicher Nietzsche-Kritik, die aber unabhängig sind vom weltanschaulichen Standpunkt des betre enden Verfassers, E. Sandvoss (Musterschmidt, Göttingen, 1969), nachweisen, dass Hitlers Mein Kampf viel direkter – stellenweise bis zum Plagiat – aus Nietzsche bezogen ist, als es Lukács bekannt bzw. bewusst war. Viertens: Die Den Willen zur Macht betre enden Forschungsresultate von Schlechta sowie Colli und Montinari würden mich, anders als Lukács, dazu nötigen, in die Probleme der Nietzsche-Philologie »einzusteigen«, um, konform mit den einschlägigen Au assungen des Kollegen 4 5 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Malorny, der Legende entgegenzutreten, dass, wenn man die auf das Schuldkonto Elisabeth Förster-Nietzsches und Heinrich Köselitz’ (alias Peter Gasts) gehenden Textverfälschungen berichtigt, man einen »neuen«, »wahren« Nietzsche erhält, der weniger inhuman und weniger präfaschistisch sei. Fünftens: Während in Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft biographisches Material über die daran behandelten Irrationalisten »von Schelling bis Hitler« nur ganz selten und ausnahmsweise geboten wird, müsste ich auf Nietzsches Leben und die Struktur seiner Persönlichkeit eingehen, und in dem Zusammenhang könnte ich gar nicht umhin, alle Gründe für die Ansicht zusammenzutragen, die sich im Zuge meiner derzeitigen Nietzsche-Studien bei mir bereits herausgebildet hat: Dass nämlich Nietzsche die Geisteskrankheit seiner letzten elf Lebensjahre, von Januar 1889 an, simuliert haben dürfte. Diese Ansicht – ich teile sie immerhin mit gleichlautenden »schauerlichen Ahnungen«, die gelegentlich die beiden getreuesten Freunde Nietzsches, Franz Overbeck und Heinrich Köselitz, übrigens unabhängig voneinander, be elen – würde im Rahmen einer Arbeit von mir jedoch nicht im psychologisierenden Räsonnement stecken bleiben, sondern hinüberleiten zur ökonomisch-sozialen Pathologie einer Gesellschaft und ihrer herrschenden Klassen, die es fertig gebracht haben, einen Neurotiker solchen Kalibers zum bedeutenden Denker hochzuloben, und die damit, mit dem Nimbus um seine Person und die Elaborate seiner Feder, Generationen fast der gesamten Intelligenzschicht Deutschlands gegenüber den Höllen des Faschismus und den Millionen und Abermillionen Menschenleben kostenden beiden Weltkriegen geistig und moralisch wehrlos machten. Nun stellen Sie sich, lieber Herr Turley, aber bitte einmal konkret vor, was eine derartige Abrechnung mit Nietzsche und dessen Verehrern, geschrieben mit der Brillianz, deren ich als Autor manchmal fähig bin, verknüpft mit meinem ohnedies sensationsumwitterten Namen, unter Umständen auslösen könnte: Einen ganz und gar nicht wünschenswerten Nietzsche-Rummel, noch angefacht etwa durch den empörten Widerspruch feingeistig gestimmter liberaler Seelen Ida und Franz Overbeck, 1875 4 5 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re vom Schlage eines Hermlin! Ich habe es einmal erlebt, dass ein inhumanes, mich schmerzendes und anekelndes Literaturwerk, das ich durch eine glanzvolle Polemik zur Strecke zu bringen gedachte, gerade dadurch erst ins Gerede gebracht worden ist und dass sein Verfasser, Heiner Müller, der einzige war, der mir dafür ein freundliches, ja, dankbares Wohlwollen bewahrte. Aus dieser Erfahrung habe ich gelernt und ich bin inzwischen – es hat lange gedauert – verantwortungsbewusst genug geworden, keinen Anlass dafür bieten zu wollen, dass eine ähnliche Sensationsmache sich in größeren Dimensionen und zum Ruhm eines weit gefährlicheren inhumanen Ideologen, eben Friedrich Nietzsches, der geistige Urheber folgenreicher Passagen aus Mein Kampf, wiederholt! Beachten Sie aber, bitte, auch die Einschränkung, die in den Worten »unter Umständen« liegt. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass ein derartiger Nietzsche-Rummel über kurz oder lang sowieso und aus ganz anderen Anlässen entsteht und dass dann eine solche Abrechnung möglicherweise doch einmal hilfreich sein könnte. So wie die Dinge im Augenblick liegen, und auf absehbare Zeit, wäre sie es gewiss nicht, im Gegenteil. Aber das kann sich ändern und wir müssen die denkbare Richtung eventueller Veränderungen, die bezüglich dieser ematik eintreten mögen, im Auge behalten, um auf alles vorbereitet zu sein. Das bedeutet aber, dass ich unmöglich jetzt schon das Exposee eines Nietzsche-Buches vorlegen kann. Ich könnte es sowieso nicht, weil meine Studien auch nicht im Entferntesten dafür weit genug gediehen sind. Und selbst wenn ich dazu im Stande wäre, würde ich es für verfehlt halten, weil niemand wissen kann, wie die politisch-ideologische Situation in drei bis fünf Jahren konkret aussehen wird. Die Optionen für stillschweigendes Unterdrücken oder knochentrockene gelehrte Analyse oder wildes polemisches Gemetzel müssen vorderhand allesamt o en gehalten werden. All diesen Erwägungen entsprechen die folgenden Vorschläge: 1) Einige Philosophen und Literaturwissenschaftler unserer Republik sollten sich binnen kurzem zusammensetzen, um zu klären, ob ein Schnellschuss in Sachen Nietzsche not tut oder nicht. Wenn ja, dann wäre ein kleiner Sammelband mit den drei Nietzsche-Aufsätzen von Franz Mehring und den beiden einschlägigen Arbeiten von Georg Lukács (Der deutsche Faschismus und Nietzsche, aus Schicksalswende, Berlin, 1956, S. 7  ., das dritte Kapitel aus Die Zerstörung der Vernunft, Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, Berlin, 1955, S. 244  .) herauszubringen. 4 5 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Eben diesen Band habe ich bereits Mitte der fünfziger Jahre angeregt und er ist damals denn auch, in der Reihe Philosophische Bücherei des Aufbau-Verlages, erschienen. Seine Neuau age könnte jetzt vielleicht durch einschlägige Passage aus Büchern von Wolfgang Heise, S. F. Odujew, B. Stuschkow, sowie durch Artikel Heinz Malornys u. a. vermehrt werden. 2) Zur Vorbereitung einschlägiger Arbeiten auf weitere Sicht sollte ein kleines, informelles Forschungskollektiv, bestehend aus den Kollegen Malorny, Middell und mir, gebildet werden, dessen Mitglieder mit verteilter Aufgabenstellung über Nietzsche arbeiten und regelmäßig zusammentre en, um sich auszutauschen, gegenseitig anzuregen, gemeinsam den Verlauf der – vermeintlichen oder tatsächlichen – Nietzsche-Renaissance zu beobachten und angemessen auf sie zu reagieren. 3) Ich könnte, durch das Zusammenwirken mit den beiden anderen Kollegen kon trolliert, es übernehmen, zwei Jahre lang durch konzentriertes Studium der Werke Nietzsches, der Sekundärliteratur über ihn, seines Umfeldes und der von ihm behandelten Problembereiche ein eigenes Werk über Nietzsche vorzubereiten. 4) Nach diesen zwei Jahren sollte eine Entscheidung darüber getro en werden, was mit diesen Vorarbeiten zu geschehen hat. Je nach Bescha enheit der dann bestehenden Situation könnte anschließend eine der folgenden Varianten realisiert werden: Entweder die Ausarbeitung interner Materialien, die marxistischen Philosophen, Philosophiehistorikern und Literaturwissenschaftlern zugänglich gemacht werden, bei gleichzeitiger unau älliger Unterdrückung Nietzsches, wie sie mir jetzt, so wie die Dinge im Augenblick liegen, einzig angebracht zu sein scheint; oder die Abfassung eines Buches über Nietzsche, das, im Hinblick auf die konkrete Lage, unter dem vorrangigen Gesichtspunkt politischer Zweckmäßigkeit sowohl inhaltlich als auch in seinem Ton auszugestalten wäre, hierüber dann Lieferung eines Exposees; oder eine Kombination von Ausarbeitung interner Materialien mit kleineren Verö entlichungen zu bestimmten einschlägigen emen in Form von Zeitschriften-Aufsätzen und Broschüren; oder, gegebenenfalls, das Abblasen jeder weiteren Beschäftigung mit Nietzsche und bloße Archivierung der erarbeiteten Materialien. 5) Während der oben genannten zwei Jahre würde ich gerne, sei es allein, sei es gemeinsam mit Kollegen Malorny, dem Kollegen Eike Middell als philosophischer Berater bei der Abfassung seines Werkes über die Wirkungsgeschichte Nietzsches in der (interna- 4 6 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re tionalen? deutschsprachigen?) Literatur zur Verfügung stehen, vorausgesetzt natürlich, diese Hilfe ist Kollegen Middell nicht unerwünscht. Das wär’s. Zusammenfassend betone ich nochmals: Ich sehe wohl die Notwendigkeit einer Beschäftigung mit Nietzsche, sehe aber vorderhand nicht, dass diese Beschäftigung unter allen Umständen in eine – womöglich gar spektakuläre – Buchverö entlichung einmünden muss. Sollte diese meine Skepsis sich von der Sache her als gerechtfertigt erweisen, so käme dem der Umstand entgegen, dass mein Autorenehrgeiz erloschen ist und ich auch rein physisch schwerlich im Stande zu sein glaube, noch einmal ein Buch zu schreiben. Eben deswegen jedoch halte ich mich durchaus für geeignet, die Erforschung Nietzsches und die Vorbereitung von Beiträgen über ihn zu übernehmen. Ich ho e, Sie, lieber Herr Turley, und die anderen zuständigen Kollegen im Verlag und in der Akademie könne mit diesem Brief und dieser Denkschrift etwas anfangen. Brief an Lothar Berthold4 (02. Oktober 1982) Lieber Herr Professor Berthold! In Erfüllung des Auftrages, den Sie mir bei unserer Unterredung am 9. September 1982 erteilten, und im Sinne der beiden Gespräche, die ich davor, noch im August, mit Herrn Kollegen Turley zu führen Gelegenheit hatte, erlaube ich mir heute, Ihnen auf diesem Wege, in der Anlage das Exposé zu dem von mir vorgeschlagenen, von Ihnen als Projekt grundsätzlich gutgeheißenen Sammelband Beiträge zur Nietzsche-Kritik (vorläu ger Arbeitstitel) zu überreichen. Ihren zweiten Auftrag, die so genannte »Regenbogenreihe« betre end, werde ich in Angri nehmen, sobald mir, im Sinne unserer Absprache, durch Kollegen Turley der Katalog der Felix Meinerschen Philosophischen Bibliothek zugänglich gemacht worden ist, und danach voraussichtlich in der Woche zwischen 25. und 29. Oktober erledigt haben. (In der Woche davor, vom 16. bis 24. Oktober, will ich nach Hiddensee verreisen. Vor meiner Abreise werde ich mich bei Ihnen noch telefonisch melden.) Damit Kollege Turley nach seiner Rückkehr aus seinem Urlaub alsbald informiert sei, bitte 4 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 02. Oktober 1982, adressiert: An Herrn Prof. Dr. Lothar Berthold, Direktor des Akademie-Verlages. 4 6 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte ich Sie, dafür Sorge zu tragen, dass ihm dieser Brief samt Anlage zur Kenntnisnahme ausgehändigt wird. Bei Kollegen Turley will ich mich telefonisch am 6. oder spätestens 8. Oktober melden. Das hier beigefügte Exposé enthält, unter anderem, auf den Seiten 5 bis 7, unter Punkt 6) a bis i, eine Aufstellung der emen, deren eine heutige marxistische Nietzsche-Forschung und -Interpretation sich, nach meiner Meinung, annehmen sollte, um die – im Übrigen zu bekräftigenden – Ergebnisse von Mehring, Lukács und Hans Günther zeitgemäß zu ergänzen. Da Kollege Heinz Malorny vom Zentralinstitut für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften an meinen diesbezüglichen Au assungen stark interessiert ist, übermittle ich ihm, Ihr Einverständnis voraussetzend, eine Kopie meines Exposés mit der Bitte, dasselbe vorläu g vertraulich zu behandeln. Ich darf bei dieser Gelegenheit meine Bitte an Sie erneuern, mir als Honorar für dieses und das nächste Exposé jeweils 320,– M netto auf mein Konto bei der Berliner Stadtsparkasse (Kontonummer weggelassen, AH), zu überweisen, womit die Arbeit, die ich in den Monaten September und Oktober 1982 für den Akademie-Verlag leiste, abgegolten wären. Der Stellvertreter des Ministers für Kultur der DDR und Leiter der Hauptverwaltung Verlagswesen und Buchhandel, Herr Minister Klaus Höpcke, hat mir inzwischen, am 15. September, versprochen, dass mir künftig aus einem Fonds des Ministeriums 400,– M monatlich für meine Forschungen über Nietzsche und daraus resultierende einschlägige Beiträge gezahlt werden würden; und zwar ab November dieses Jahres. Da ich, wenn ich meine Rente nicht gefährden will, nicht mehr als 4 800,– M im Jahr hinzuverdienen darf, bedeutet dies, dass ich ab November für den Akademie-Verlag so quasi umsonst werde arbeiten können, oder aber, dass mir zustehende Honorare an jenen Fonds zu zahlen sein werden und nicht an mich. Das wird bereits auch für das Projekt des im beiliegenden Exposé vorgeschlagenen und erörterten Sammelbandes Beiträge zur Nietzsche-Kritik gelten, desgleichen für die Verlagsprojekte (»Regenbogenreihe«), die ich, Ihrem Auftrag gemäß, in meinem nächsten Exposé begründen soll. Mit guten Wünschen für Ihre Reise und freundlichen Grüßen, auch an Kollegen Turley, verbleibe ich Ihr 4 6 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 4 6 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Exposé für den geplanten Sammelband Beiträge zur Nietzsche-Kritik5 (01. Oktober 1982) I. Es wird vorgeschlagen, den Band entweder in der Reihe Schriften zur Philosophie und ihrer Geschichte oder im Rahmen der Philosophiegeschichtlichen Studientexte oder auch als Einzelpublikation des Akademie-Verlages, außerhalb irgend einer Serie desselben, zu verö entlichen. Die Anregung Professor Wolfgang Heises, die Verö entlichung im Reclam-Verlag vorzunehmen, erscheint als unglücklich deshalb, weil uns schwerlich daran gelegen sein kann, der Diskussion über Friedrich Nietzsche ein übertriebenes Maß an Publizität zu verleihen. II. Herausgeber: Wolfgang Harich; zugleich Verfasser der redaktionellen Vorbemerkung, des inhaltsbezogenen kritischen Kommentars und des Nachwortes. Fachliche und ideologische Beratung: Heinz Malorny vom Zentralinstitut für Philosophie der AdW. Technische Mithilfe: Ein Lektor des Akademie-Verlages. III. Die Texte sind, unter Wahrung des Lautbestandes, in Orthographie und Zeichensetzung zu modernisieren. Von einer Umschreibung der in den Texten vorkommenden Quellenangaben auf die historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Nietzsches, ed. Colli und Montinari, ist abzusehen, da es nicht der Sinn des Bandes sein kann, für diese Edition, und damit für Nietzsche überhaupt, zu werben. IV. Inhalt: A) Vorbemerkung des Herausgebers B) Neu zu edierende Texte (1) Georg Adler (1863–1908): Friedrich Nietzsche, der Sozialphilosoph der Aristokratie. Aus: »Nord und Süd. Eine deutsche Monatsschrift«, März-Heft des Bandes 56, 1891. (2) Eduard von Hartmann (1842–1906): Nietzsches »neue Moral«. Aus: »Preußische Jahrbücher«, Juni-Heft des Bandes 67, 1891. (3) Franz Mehring (1846–1919): Zur Philosophie und Poesie des Kapitalismus, (Nietzsche)-Kapitel IX der gegen Paul Lindau gerichteten Schrift »Kapital und Presse«, 1891. 5 (AH) 7 Blatt, maschinenschriftlich, 01. Oktober 1982, adressiert: An den Akademie-Verlag. 4 6 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re (4) Hermann Türck (1856–1933): Friedrich Nietzsche und seine philosophischen Irrwege, 1891. (5) Ludwig Stein (1859–1930) Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren. Ein kritischer Essay, 1893. Unver- änderter Nachdruck eines ursprünglich in Fortsetzungen verö entlichten Beitrags aus dem Jahrgang 1893 der »Deutschen Rundschau«. (6) Franz Mehring: Nietzsche gegen den Sozialismus. Aus: »Neue Zeit«, 15. Jahrgang, 1. Band, 1896/1897. (7) Julius Dubos (1829–1903): Anti-Nietzsche. Erweiterte Neufassung eines Beitrages aus des Verfassers Sammelband »Jenseits vom Wirklichen«, beide Fassungen 1897. (8) Ferdinand Tönnies (1855–1936): Der Nietzsche-Kultus, 1897. (9) Franz Mehring: Über Nietzsche. Aus: »Neue Zeit«, 27. Jahrgang, 1. Band, 1898/1899. (10) G. W. Plechanow (1857–1918): Über Nietzsche. (Ein bislang noch nicht ins Deutsche übersetzter Artikel, nach dem zur Zeit Kollege Malorny fahndet.) (11) Georg Lukács (1875–1971): Nietzsche als Vorläufer der faschistischen Ästhetik, 1934. (12) Hans Günther (1899–1938): Der Fall Nietzsche, 1935. (13) Georg Lukács: Der deutsche Faschismus und Nietzsche, 1943. (14) Georg Lukács: Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, 1954. Kapitel III aus: »Die Zerstörung der Vernunft«, 1954. C) Nachwort des Herausgebers D) Kritischer Kommentar des Herausgebers, in der Form von Anmerkungen zu den neu zu edierenden Texten (1) bis (14) V. Der Band soll den Kampf gegen das Erbe Friedrich Nietzsches und gegen heutige Versuche, es wiederzubeleben, auf eine möglichst breite Grundlage stellen. Seine Spannweite reicht daher von den hervorragendsten einschlägigen Arbeiten marxistischer Autoren (Mehring, Plechanow, Lukács, H. Günther) bis zu einem dezidierten Konser- Eduard von Hartmann 4 6 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte vativen wie Eduard von Hartmann, der seinerzeit Nietzsches antidemokratische Haltung »rühmend anerkannt« und gleichwohl die daraus erwachsende Menschenfeindlichkeit verworfen und philosophische Grundtheorien Nietzsches in ihrer wissenschaftlichen Unhaltbarkeit und Absurdität scharfsinnig kritisiert hat. Der Band vereinigt in sich, bei streng chronologischer Anordnung der in ihm enthaltenen Texte, philosophische und soziologische Stellungnahmen aus einer Zeit, da auch bürgerliche Ideologen es noch wagen konnten, auf Nietzsches Gemeingefährlichkeit hinzuweisen und ihn als Scharlatan anzuprangern, mit mehr oder weniger bekannten Publikationen der eben aufgeführten Marxisten. Dabei wird auch manch Verschollenes und Vergessenes – vergessen zumal deshalb, weil die Traditionswahl der Bourgeoisie es aus dem Bildungsbesitz zu verdrängen wusste – nach langer Zeit zum ersten Mal wieder zu Tage gefördert und erweist sich oft als frappierend interessant, ja, mitunter sogar als aktuell. Verzichtet wurde auf: a) verstreute einzelne Äußerungen, die von ihren Urhebern (D. F. Strauß, Gottfried Keller, Heinrich v. Treitschke, F. Overbeck, Cosima Wagner, R. Schellwien, W. Dilthey, J. C. Kreibig, W. Windelband) nicht mindestens zu kurzen Artikeln ausgearbeitet worden sind; b) rein philologiekritische Fachsimpeleien (etwa Ritschls oder Wilamowitz-Möllendorfs); c) rein medizinische Erörterungen des psychopathologischen Falles Nietzsche (etwa von Steiner, Ziegler, Möbius); d) Buchver- ö entlichungen, die, von der naheliegenden Umfangsschwierigkeit noch ganz abgesehen, stets einen apologetischen Zug zu haben p egen (etwa A. Riehls, R. Richters, A. Drews); e) theologische Kritiken an Nietzsche; f ) Einschätzungen durch überwiegend belletristische Autoren (wie zum Beispiel die Brüder Mann); g) Abrechnungen aus der Sicht der Situation nach 1945, sofern der bürgerlichen Standort der betre enden Verfasser (etwa Flakes oder Glasers) eine Fehleinschätzung des Klassencharakters der faschistischen Diktatur beinhaltet (daher hier Beschränkung auf den klassischen Text von Lukács, siehe Nr. 14); h) Arbeiten, die sich lediglich auf die Wirkungsgeschichte Nietzsches beziehen. Die nach diesen Auswahlkriterien verbliebene Texte (1) bis (14) ergänzen und berichtigen sich zum Teil untereinander, sei es indirekt, in Folge der unterschiedlichen philosophischen und politischen Positionen, die von den diversen Verfassern prinzipiell eingenommen werden, sei es direkt dadurch, dass diese nicht nur Nietzsche angreifen, sondern auch kritisch aufeinander Bezug nehmen. Beabsichtigt ist überdies, dass der 4 6 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re kritische Kommentar des Herausgebers unter anderem auch eine Beurteilung jedes hier zu Wort kommenden Autors, außer knappen Informationen über dessen jeweiliges Leben und Scha en, und desgleichen eine Kritik an besonders problematischen Punkten seines hier zur Verö entlichung gelangenden Beitrags bieten soll. Daran, die Beiträge in sich zu kürzen, ist freilich in keinem Fall gedacht. Mit Ausnahme der Arbeiten von Lukács und Günther, die aber auch keine Devisen erfordern, sind sämtliche Texte urheberrechtlich frei. VI. Die Vorbemerkung des Herausgebers soll lediglich über die Grundsätze der Textverarbeitung Rechenschaft geben. Anders das Nachwort des Herausgebers. Darin werden einige Fragenkomplexe behandelt werden, denen wissenschaftliche und politisch-ideologische Relevanz zukommt: 1) Denkbare Perspektiven einer neuerlichen Beanspruchung Nietzsches durch die imperialistischen Reaktion zur ideologischen Vorbereitung, Rechtfertigung, Begründung ihrer globalstrategischen Konzepte. 2) Was bedeuten, im Hinblick darauf, die Anzeichen einer mit »linkem« Vorzeichen versehenen Nietzsche-Renaissance heute? In diesem Zusammenhang: a) Hinweis da rauf, dass derartige Bestrebungen durchaus nicht neu sind (siehe zum Beispiel den Text von Ludwig Stein, der bereits 1893, als bürgerlicher Ideologe, ihre Absurdität aufgezeigt hat). b) Charakteristik des heutigen »linken« Nietzscheanismus und paradigmatische Polemik gegen den einen oder anderen typischen Vertreter dieser Richtung. 3) Würdigung der Tradition des Kampfes gegen Nietzsche, nun auch unter Erwähnung von Stimmen, die, aus verschiedenen Gründen, im Textteil fehlen müssen. Zugehörigkeit dieser Tradition zum – freilich kritisch anzueignenden – humanistischen Kul turer be des Sozialismus, zu dem Nietzsche selbst in keiner wie auch immer gearteten Hinsicht gerechnet werden kann. 4) Ausdrückliche Bekräftigung der nach wie vor gültigen Einschätzungen Nietzsches durch Franz Mehring, Georg Lukács und Hans Günther. 5) Inwiefern werden deren einschlägige Leistungen durch die im Textteil vertretenen bürgerlichen Nietzsche-Gegner zwar nicht berichtigt, wohl aber unterstrichen und, unter Umständen, auch ergänzt? 4 6 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 6) Welches sind die hauptsächlichen Desiderate heutiger marxistischer Nietzsche-Kritik sowohl gegenüber den bürgerlichen als auch den marxistischen Texten, die der vorliegende Sammelband bietet? a) Schärfere, speziellere, mehr ins Detail gehende Abrechnung mit Nietzsches Kriegsverherrlichung, mit seinen Empfehlungen zu gesteigerter Unterdrückung und Ausbeutung der Völker kolonialer und halbkolonialer, in Rückständigkeit gehaltener Länder und Kontinente sowie mit seiner hasserfüllten und höhnischen Zurückweisung jedes weiblichen Emanzipationsstrebens. b) Widerlegung der – von Nicolai Hartmann und anderen in die Welt gesetzten – Legende, dass es Nietzsche gewesen sein, der die philosophische Wertproblematik entdeckt bzw. wiederentdeckt und das Verständnis für sie in seiner Zeit am meisten und nachhaltigsten gefördert habe. c) Zurückweisung aller Versuche, vermeintliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Marxismus und Nietzsche daraus herzuleiten dass dieser von rechts Positionen bekämpft hat, die durch den Marxismus von links kritisiert werden (sokratisch-platonische Philosophie, Christentum, Romantik, liberales Bildungsphilistertum, Schopenhauer, Eduard von Hartmann, Richard Wagner, Dühring u. a.). d) Nachweis, dass Hitlers Mein Kampf viel direkter, oft bis zu wörtlicher Übereinstimmung von Nietzsche beein usst ist, als selbst Lukács und Günther sich das vorgestellt haben. e) Die volle Wahrheit über Nietzsches vermeintliche Abgrenzungen gegen Antisemitismus, Nationalismus, Deutschtümelei und dergleichen, die einerseits sein grundsätzliches Verfallensein an diese Ideologien nie außer Kraft gesetzt haben, andererseits ihn für den heutigen und künftigen Imperialismus ideologisch noch brauchbarer machen, als er es für die hitlerfaschistische Variante gewesen ist. f ) Auseinandersetzung mit den Konsequenzen aus Nietzsches groteskem Mangel an historischem Sinn, d. h. mit der Geistesverfassung, die sowohl in seiner Rechtfertigung der Wagner-Oper aus haltlosen Konstruktionen über die antike Tragödie zum Ausdruck kommt als auch darin, dass er es fertig bringt, die Parolen des pro-oligarchischen Flügels der späten Sophistik (Recht des Stärkeren; Unrechttun besser als Unrechtleiden 4 6 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re usw.; siehe Kallikles im Gorgias, rasymachos im Staat von Platon), abermals über eine Distanz von Jahrtausenden hinweg, direkt, unvermittelt in seinem Kampf gegen die Arbeiterbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts hineinzutragen. g) Herausarbeitung des Verhältnisses von Nietzsche zu Heine, den Junghegelianern und Feuerbach, des Umstandes, dass er deren Erbe unter Elimination des progressiven, humanistischen Gehalt ausgeschlachtet hat und es, mit dem Erfolg einer erschlichenen Pseudo-Originalität, deswegen zugleich ausschlachten und ins Menschenfeindliche pervertierten konnte, weil nach der Revolutionsniederlage von 1848/1849 Hegel und Feuerbach durch die jahrzehntelang anhaltende Schopenhauer-Mode aus dem Bildungsbesitz, dem Traditionsbewusstsein der bürgerlichen Intelligentsja völlig verdrängt worden waren: Nietzsches Plagiate elen nun ebenso wenig mehr auf, wie seine enthumanisierende Verstümmelung des Vermächtnisses der Plagiierten Empörung erweckte. h) Stellungnahme zu den neuesten Ergebnissen der Nietzsche-Philologie. Widerlegung der Legende, dass die Forschungsresultate von Schlechta sowie von Colli und Montinari ein ganz »neues«, »wahres« Nietzsche-Bild ergäben, das weniger inhuman und präfaschistisch wäre als das frühere, durch Nachlassmanipulationen von Elisabeth Förster-Nietzsche und Peter Gast bestimmte. i) Stärkere Beachtung der von der marxistischen Forschung bisher vernachlässigten biographischen und charakterologischen Aspekte. Durch die Ausführungen des Nachwortes, die sich auf die Punkte 6 a) bis i) beziehen, soll künftige Nietzsche-Forschung angeregt und gleichzeitig den diesbezüglichen eigenen Bemühungen des Herausgebers ein – versteht sich: vorläu ges – Programm gegeben werden. Die stärkere Herausarbeitung von Nietzsches Kriegsverherrlichung, seiner Befürwortung uneingeschränkter Männerherrschaft und seiner Rolle als Ideologe des Kolonialismus (und, antizipatorisch, auch des Neokolonialismus) soll dabei natürlich, unausgesprochener Weise, dem »linken« Nietzscheanismus von heute Schläge versetzen, die ihn von der heutigen Friedens- und Frauenbewegung und von den mit der Dritten Welt solidarischen Kräften isolieren helfen, eine Aufgabe, an die die Texte von Mehring, Lukács und Günther allein nicht heranreichen. Mit anderen Worten: Die von diesen marxistischen eoretikern betonte feindselige Haltung Nietzsches zur Arbeiterklasse soll zwar erneut herausgestellt werden, zugleich aber ergänzt durch den Hinweis auf noch andere Aspekte seiner Herrenmenschen-Ideologie, auf die die so genannte »Neue 4 6 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Linke« besonders allergisch reagiert, die doch allem Anschein nach gerade der Adressat der sich zumal in Frankreich und Italien abzeichnenden »linken« Nietzsche-Re nais sance ist. Das Buch hätte so, zusammen mit dem Nachwort, den Sinn eines Vorbeugungsmittel gegen die Auswirkungen aktueller ideologischer Manipulation. (AH) Die Fertigstellung des Exposés (sowie die Betreuung des projektierten Bandes) sollte eigentlich Harichs letzte Arbeit zu Nietzsche werden. Kurz darauf begann er mit seinen Studien zu Nicolai Hartmann, an denen er bis zum Januar 1989 saß. Aber diese ihm so wichtige Arbeit über seinen frühen philosophischen Lehrer wurde immer wieder unterbrochen: Das Gedenken an Jean Paul drohte ins Hintertre en zu geraten, Harich entdeckte Paul Alsberg (siehe hierzu den 11. Band), die Nietzsche-Frage schob sich immer zeitraubender in den Vordergrund und in diesem Kontext wurde dann auch die erneute Beschäftigung mit Georg Lukács für Harich wichtig (siehe hierzu den 9. Band). Als er die Hartmann-Dialoge dann im Jahr des Untergangs der DDR weglegte, wendete er sich erneut ausschließlich Nietzsche zu, es entstand das bereits präsentierte Buch Nietzsche und seine Brüder. Seine Studien zu Hartmann beendete er nicht, auch der vorliegende Band enthält dazu verschiedene Hinweise. (Abgedruckt sind die Schriften aus den achtziger Jahren in Band 10. Harichs frühe Schriften, die noch im Weltkrieg unter dem Ein uss Hartmanns und Eduard Sprangers entstanden, präsentiert der 2. Band.) Brief an Klaus Höpcke6 (03. August 1985) (AH) Klaus Höpcke stand (wie so manch anderer Politiker der PDS – vor allem Gregor Gysi, Sarah Wagenknecht) nicht mit Informationen usw. zur Verfügung. Daher können in diesem Band nur die Briefe Harichs verö entlicht werden, von denen es in seinem Nachlass Durchschläge gab. Obwohl Höpcke und andere o ensichtlich keinerlei Interesse an der wissenschaftlichen und ideologieneutralen Aufarbeitung des Lebenswerkes von Harich habe, scheuen sie sich nicht, eigene Memoiren, Schriften usw. zu verfassen, in denen sie mit einigen interpretatorischen Kni en ihre eigenen Biographien in ein Licht stellen, das ihnen – auch mit Blick auf ihre Rolle in den jeweiligen Kampagnen gegen Harich – als wärmend erscheint. Die Geschichtsaufarbeitung wird in den nächsten Jahren alle diese Fälle weiter aufklären. Zum Schaden der Wahrheit wird es nicht sein. Lieber Klaus Höpcke! Obwohl ich bis über beide Ohren in meiner Nicolai-Hartmann-Arbeit stecke und für anderes eigentlich kaum Sinn habe, möchte ich Ihnen doch meine Dienste für die Abwehr des Drucks anbieten, unter den Sie, wie ich höre, von Seiten der Verehrer Nietzsches gesetzt werden. 1982 habe ich doch erhebliche Kenntnisse über diese Ma- 6 (AH) 4 Blatt, handschriftlich, 03. August 1985, auf dem Brief nicht adressiert. 4 7 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re terie wieder au rischen oder auch neu erwerben können. Außer der Kunde von Ihrer Bedrängung sind es zwei Dinge, die mich dazu veranlassen, diesen Brief an Sie zu richten. Einmal habe ich aus den Beiträgen von Eike Midell zum Lukács-Gedenken in den Weimarer Beiträgen, Heft 4, den sehr bestimmten Eindruck gewonnen, dass das Buch, an dem er arbeitet, Nietzsche beweihräuchern wird, was ich für außerordentlich schädlich halte. Da das Buch im Akademie-Verlag erscheinen soll, wollte ich schon der Verlagsleitung und dem Lektorat mich als Gutachter in Empfehlung bringen, kam dann aber auf die Idee, mich erst einmal an Sie mit der Anfrage zu wenden, ob das überhaupt von Nutzen sein kann. Zum anderen stieß ich auf die Betrachtungen eines Unpolitischen von omas Mann, in Band 2 seiner Aufsätze, Reden, Essays, Aufbau-Verlag, 1983, p. 164  ., und da wieder auf die Passage p. 627  ., die für Nietzsches Wirkung auf die deutsche Literatur repräsentativ und typisch ist in einem solchen Grade, dass jedes weitere Wort zu diesem ema sich im Grunde schon erübrigt. Ich nde übrigens, dass eine derartige Lobpreisung des Krieges bei uns nichts zu suchen hat, und wenn sie tausendmal von omas Mann stammt, der, nebenbei bemerkt, von einer Neuau age der Betrachtungen mit Recht nichts hat wissen wollen, so dass sie auch im Westen erst nach seinem Tode erfolgte (1956). Doch das ist eine Frage für sich. Worauf es mir jetzt ankommt, das ist der Beleg dafür, dass es nicht für Nietzsche spricht, auf omas Mann gewirkt zu haben, sondern gegen omas Mann, einmal auf Nietzsche hereingefallen zu sein. Und so verhält es sich in jedem analogen Fall, bis hin zu dem Extrem, dass unter dem Ein uss Nietzsches ein großes Talent wie Richard Dehmel eines Tages nur noch Schund produziert hat. Eine anregende, befruchtende Wirkung Nietzsches auf Literatur hat es nie gegeben. Wieso also bei uns das Buch eines Nietzsche-Verehrers (und Lukács-Verächters, also Marxismus-Gegners), der das Gegenteil beweisen will? Und der damit, natürlich, einer Edition von Nietzsches Werken bei uns die Bahn brechen möchte? Klaus Höpcke, 1983, auf der „Lutherkonferenz“ 4 7 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Mir stehen viele Argumente zu Gebote, dieses Ansinnen als Absurdität zurückzuweisen. Und glauben Sie mir, bitte: In der ganzen Welt würde man volles Verständnis dafür haben, wenn Nietzsche bei uns de nitiv die Unperson bliebe, die er zu sein verdient. Wie gesagt: Ich stehe Ihnen zur Verfügung, freilich nur zu Bedingungen, die ausschlie- ßen, dass dadurch eine Nietzsche-Diskussion noch zusätzlich belebt wird. Mir liegt daran, sie ersticken zu helfen. Herzliche Grüße! Brief an Klaus Höpcke7 (02. September 1985) Lieber Klaus Höpcke! Ihren Brief vom 25. August 1985 habe ich erhalten. Haben Sie vielen Dank dafür. Er war Balsam für meine Seele. Inzwischen glaube ich, Professor Werner Mittenzwei und seine Frau davon überzeugt zu haben, wie schädlich und schändlich es wäre, noch jemals in der DDR irgendetwas von Nietzsche neu herauszubringen. Wir hatten sie eigens zu diesem Zweck zu uns eingeladen, und beide zeigten sich von meiner Argumentation stark beeindruckt. Für die Beein ussung anfälliger Literaturwissenschaftler, mit Einschluss des Herrn Middell, ist das, glaube ich, von Wert. Die Zusammenkunft fand bei uns am 14. August statt. Durch Mittenzweis erfuhr ich nun bei der Gelegenheit, dass von Professor Wolfgang Heise eine vierbändige Nietzsche-Auswahl für den Aufbau-Verlag vorbereitet werde. Diese Kunde beunruhigt mich stark. Es hat seither Nächte gegeben, in denen sie mir stundenlang den Schlaf raubte. Mitunter beeinträchtigt sie auch am Tage meine Konzentrationsfähigkeit, zum Beispiel wieder heute, weshalb ich mir keinen besseren Rat weiß, als mich in einem Brief an Sie abzureagieren. Am 23. August habe ich an Wolfgang Heise einen – sehr freundlichen – Brief geschrieben mit der Bitte, mir Gelegenheit zu geben, ihn in einem Gespräch oder, wenn es sein muss, in mehreren von seinem Vorhaben abzubringen. Ich ho e, dass er bereit sein wird, meinen Argumenten Gehör zu schenken. Bis jetzt liegt mir allerdings noch 7 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 02. September 1985, adressiert an Herrn Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. 4 7 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re keine Antwort vor. Sollte ich bei ihm nichts ausrichten können, so würde ich mich mit einschlägigen Eingaben an das Kultusministerium, zu Ihren Händen, und, eventuell, an die Abteilungen Wissenschaft und Kultur beim ZK wenden müssen, mit dem Ziel, eine endgültige und abschließende Klärung darüber herbeizuführen, dass von Nietzsche nichts, aber auch gar nichts, zu dem gehört, was bei uns als Kulturerbe zu p egen, anzueignen (wie kritisch auch immer!!) oder auch nur zu dulden wäre. Mein Urteil über Nietzsche zu überprüfen und, gegebenenfalls, zu berichtigen, hatte ich, wie Sie wissen, ein volles Jahr lang durch intensive Beschäftigung mit ihm Gelegenheit: 1982. Ich darf hier das äußerste Konzentrat der Ergebnisse, zu denen ich gelangt bin, kurz zusammenfassen: 1) Nietzsche ist der seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts durch alle Wendungen der Geschichte hindurch konstanteste und zentralste ideologische Hauptfeind der Arbeiterbewegung und des Sozialismus. 2) Er ist der schlechthin reaktionärste, menschenfeindlichste Philosoph, den es in der Geschichte des Denkens überhaupt jemals gegeben hat. 3) Seine Inhumanität richtet sich insbesondere, außer gegen den Sozialismus, gegen die ethisch wertvollen Elemente der antiken Philosophie, des Christentums und des neuzeitlichen, progressiv-bürgerlichen liberalen und demokratischen Gedankenguts. 4) Die Traditionen der in der DDR miteinander verbündeten politischen Kräfte, die unter der Führung der Arbeiterklasse gemeinsam den Sozialismus aufbauen, namentlich die der SED, der LDPD und der CDU, werden von Nietzsche nicht nur problematisiert, sondern radikal verworfen, verhöhnt, in den Schmutz getreten. 5) Die Einschätzungen Nietzsches durch Mehring, Lukács und Hans Günther sind völlig korrekt und zutre end. Es gibt ihnen nichts abzuhandeln. Zu ergänzen wären sie allerdings heute noch in folgenden Punkten: a) Die Emanzipation des weiblichen Geschlechts hat in Nietzsche einen der erbittertsten Widersacher. In seinem Gesamtwerk stellt der Satz »Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht« nur die Spitze eines Eisbergs dar. b) Nietzsche hat aufs eindringlichste die Versklavung der farbigen Völker empfohlen. Beispiel: Er hält die Sklaverei für die notwendige Bedingung jeder Kultur, war aber der Meinung, dass sie den weißen Arbeiter Europas sozialreformistisch erspart 4 7 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte werden könne unter der Bedingung, dass Chinesen als Sklaven importiert werden. c) Nietzsche lobpreist den Krieg als Selbstwert und Selbstzweck. Die Rechtfertigung von Kriegen für gute Zwecke verdreht er dahin, dass jeder Zweck durch einen guten Krieg gerechtfertigt sei. 6) Die relativ harmloseren Einfälle von Nietzsche laufen etwa auf solche schädlichen Dummheiten hinaus wie die, dass es dem »Leben« abträglich sei, wenn man sich mit Geschichte beschäftige u. dgl. 7) Nietzsche ist niemals durch den Faschismus missbraucht worden. Mussolini und Hitler haben ihn völlig richtig verstanden und seine Lehren so beherzigt, wie sie gemeint waren. Die höllischen Bestialitäten des Faschismus waren die Erfüllung von Nietzsches Philosophie. Aus alledem kann nur der Schluss gezogen werden, dass es die DDR besudeln hieße, dass es den Sozialismus verhöhnen würde, wenn man zuließe, dass irgendwann einmal in einem DDR-Verlag wieder ein Werk von Nietzsche erschiene, welches es auch sei. Nietzsche kann auch nicht Gegenstand von Diskussionen unter Sozialisten sein. Es ist unerträglich, dass zwischen Vorträgen, die Goethe und Brecht behandeln, auch über Nietzsche referiert wird, wenn die Arbeit der Weimarer Archive ö entlich zur Debatte steht; dass es möglich ist, in Berlin, Hauptstadt der DDR, mit einer Nietzsche »di erenziert« wertenden Arbeit zu habilitieren und dann Ästhetikstudenten in diesem Sinne auszubilden; dass DDR-Vertreter an Konferenzen der Nietzsche-Gesellschaft teilnehmen und dort frohlockend verkünden, in dieser Frage breche nun auch bald bei uns das Eis. Das alles ist furchtbar. Man muss sich fragen, wie es geschehen konnte, dass so etwas einreißt? Wohin sind wir gekommen? Ich will nicht ins Uferlose geraten. Aber noch eines bitte ich Sie zu beachten. Es sind keine zweieinhalb Jahre mehr, dann wird sich, am 22. Februar 1988, der Geburtstag Arthur Schopenhauers zum 200. Male jähren. Auch Schopenhauer war ein erzreaktionärer Denker, und es besteht, meines Erachtens, kein Anlass, ihn zu feiern. Immerhin aber hat es einem Jean-Paul-Freund wie mir immer wieder zu denken gegeben, dass Jean Paul Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung, als das Werk noch nicht in Mode war, gelobt hat. Und kein Geringerer als Karl Marx hat, nach dem glaubwürdigen Zeugnis Franziska Kugelmanns, gesprächsweise wenigstens einmal für Schopenhauer eine Lanze eingelegt, 1867. Und was fand Max wertvoll an Schopenhauer? Die 4 7 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re aus der Wesenheit alles Organischen abgeleitete P icht, weder Mensch noch Tier Leiden zuzufügen. »Tiefer ethisch-sozial«, soll Marx gesagt haben, »hätte keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet.« Nun, gerade dies ist der Punkt in dem Nietzsche Schopenhauer am heftigsten bekämpft. Nietzsche emp ehlt uns, Mitleid und Nächstenliebe in uns abzutöten. Das mochte man prickelnd »interessant« nden, darüber mochte man geistreich schwadronieren, als es die beiden Weltkriege noch nicht gab. Aber heute? Nach Hitler? Nach Auschwitz? Nach 20 Millionen ermordeten Sowjetbürgern? Heute? Angesichts der atomaren Vernichtung, die die Menschheit bedroht? Im sozialistischen deutschen Staat kann es keinen Platz für Nietzsche oder irgend eine Art von Nietzscheanertum, Nietzsche-Rezeption oder dgl. geben. Friedrich Nietzsche?? Ins Nichts mit ihm!!! In diesem Sinne stehe ich zu Diensten. Herzliche Grüße Ihr Brief an Klaus Höpcke8 (05. Oktober 1985) Lieber Klaus Höpcke! Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 30. September 1985. Ich beeile mich, ihn zu beantworten. In Sachen Nietzsche hatte ich mit Wolfgang Heise ein Gespräch am 1. Oktober 1985. Es war für mich sehr unerquicklich. Meine Frau, die dabei war, sagte mir hinterher, sie hätte befürchtet, ich würde den Gast wieder hinauswerfen. Um so erstaunter sei sie gewesen, dass ich es verstanden hätte, ihn, der zuerst als pikierte Leberwurst dagesessen habe, durch emenwechsel, Anekdötchen, Humor, Bericht über eigene Arbeiten etc., freundlich und gelöst zu stimmen. Ich hielt dies für meine P icht, um des Gesprächsfadens willen, der, für den Bedarfsfall, wieder aufnehmbar bleiben soll. Aber es war für mich ungeheuer strapaziös. Mein Herz war zwei Tage lang völlig überanstrengt, meine Konzentration auf Nicolai Hartmann nur schwer wieder herstellbar. Engagement, 8 (AH) 11 Blatt, maschinenschriftlich, 05. Oktober 1988, adressiert an Herrn Minister Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. 4 7 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte gezügelt durch Altersweisheit und Diplomatie, sollte mir ärztlicherseits verboten werden. Heise eiert herum. Er gibt sich als unerschütterlich überzeugten, uneingeschränkten Nietzsche-Gegner. Alles, was ich gegen Nietzsche habe, er weiß es längst, hat es sich an den Schuhsohlen abgelaufen. Sein für den Aufbau-Verlag vorgesehenes Projekt ist dem Kampf gegen Nietzsche gewidmet. Er soll von diesem zwar Texte bringen, aber nur mit Gegentexten, die sie überzeugend widerlegen sollen. Ich habe, gänzlich perplex, drei Tage lang nachgedacht, wie das wohl aussehen mag. Vielleicht so: Nietzsche: »Was fallen will, das soll man auch noch stoßen!« Gegenext Heise: »Höchstens auf Bruchholz im Wald anwendbar. Kranken Rentnern gilt unsere ganze Fürsorge!« Oder: Nietzsche: »Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht!« Gegentext Heise: »Gehst du zu einer Kollegin, so wirb bei ihr um Verständnis dafür, dass das ZK vorläu g noch nicht zur Hälfte aus Frauen zusammengesetzt sein kann, was wir aber anstreben!« Das Schönste ist, dass Heise verlangt – von sich selbst o enbar –, dass die Gegentexte sprachlich mindestens so brillant und faszinierend sein müssten wie die Texte von Nietzsche. Da ich Heise, seit dessen Tätigkeit als eaterkritiker der Tribüne, durch Jahrzehnte also, gelegentlich lese, bin ich natürlich sehr gespannt. Meine Argumentation begann ich damit, dass wir aus Mangel an Papier in der Verlagsproduktion richtige Prioritäten setzen müssten. Ihm, als Ästhetikprofessor, sollte die Vordringlichkeit der Ästhetik von Friedrich eodor Vischer, eines von Marx exzerpierten Standardwerks, zu dessen kritischer Aneignung Lukács die Grundlagen gescha en hat, am Herzen liegen. Für ein antiquarisches Exemplar würde ich bis zu 500,– M zu zahlen bereit sein. Desgleichen sei Lotzes Geschichte der Ästhetik, seit jeher Desiderat in unserem Buchangebot, um Vieles wichtiger für uns als Nietzsche, selbst wenn man, was ich energisch bestreiten würde, davon ausginge, dass auch von dem irgendwann einmal etwas gedruckt werden könne. Darauf Heise: Ich (Harich) spräche von Kul turer be. Darum gehe es im Falle Nietzsches aber gar nicht. Ihn gelte es zu bekämpfen. Und eben darauf ziele sein dem Aufbau-Verlag empfohlenes Projekt. Von der Papierfrage war nicht mehr die Rede. (Leider vergaß auch ich es, Sie nochmals auf Tapet zu bringen.) Warum also muss Nietzsche »bekämpft« werden? Nach Heise aus zwei Gründen. Erstens gäbe es da eine Nietzsche-Welle, die jetzt gerade von Frankreich in die BRD und von da natürlich zu uns »überschwappt«. Zweitens gäbe es eine neue Generation, die 4 7 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nach Nietzsche dürste und an der wir, die Alten, vorbeiredeten. Demnach handelt es sich um eine ganz akute Gefahr, die schnelles Handeln verlangt. Aber andererseits: Die Gefahr scheint Heise nicht aus der Ruhe zu bringen. Meine Beunruhigung beschwichtigte er nämlich mit der Erklärung, er, Heise, werde erst in zwei Jahren (!) darüber nachzudenken beginnen (!!), wie an das Problem heranzugehen sei. Wieder dieses Herumeiern also, nach besagten Texten und Gegentexten nunmehr zeitlich dimensioniert. Sollte es sich wieder einmal, wie seit Jahrzehnten oft, um die übliche Heisesche Projektschmiederei handeln, um sein ewiges »Man müsste mal …, man sollte …, wie wär’s, wenn man würde …«?? Ich fürchte, diesmal liegt etwas Schlimmeres vor. Die dürstende junge Generation bei uns, an der wir vorbeireden und zu der westliche Nietzsche-Wellen »überschwappen«, besteht nämlich aus einem drallen, knackigen weiblichen Wesen namens Dr. Renate Reschke. Und an dem Punkt setzt bei mir sympathetisches Mitschwingen des eigenen Gedächtnisses ein. Heise sagte über Frau Reschke nicht, dass sie seine klügste Schülerin sei. Er sagte: »Sie ist die klügste Frau, die ich kenne.« Und das nun kenne ich an mir selber zur Genüge. Bei mir war einmal Gisela May und dann, nach einer Weile, Evchen P sterer aus Linz, »die klügste Frau, die ich kenne«. Die eine versuchte ich, statt Ruth Berghaus, in die Position der BE-Intendantin hinein zu intrigieren, der anderen schrieb ich die Diplomarbeit über ein ökologisch-politisches ema (worauf hin Evchen, nachdem sie das Linzer Examen mit Auszeichnung bestanden hatte, mir wieder auf und davon ging – Sie erinnern sich. Wir Männer zwischen 50 und 70 müssen da auf der Hut sein.) Ich möchte Heise nicht auf Grund bisher unzureichenden empirischen Materials in ein schiefes Licht setzen. Aber wenn ich für Frau Reschke das empfände, was ich einmal für Evchen empfunden habe, und wenn Evchen eine so enthusiasmierte Nietzscheanerin wäre, wie es Frau Reschke in der Tat ist, dann steckte ich wahrscheinlich in dem Dilemma, zwar gänzlich unangefochten von alledem, weiterhin wacker gegen Nietzsche zu »kämpfen«, aber so, dass dabei doch eine Schützenhilfe für Frau Reschkes akademische Karriere herausspringt. Das ist mir nun erst gestern Abend eingefallen. Als Heise bei mir war, klemmte dieser Groschen bei mir noch, und ich erklärte, dass ich Frau Reschke spießig und horrend ungebildet fände. Meinen – von Heise angeregten – Bemühungen, mit ihr ernstlich 4 7 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte über Nietzsche zu diskutieren, sei sie im Übrigen bei den zwei, drei Mal, die wir uns 1982/1983 getro en hätten, immer ausgewichen, mir sogar »in allem Wesentlichen« recht gebend. Aber dann hätten in den Weimarer Beiträgen über Nietzsche, von ihr verfasst, Dinge gestanden, die sie als Nietzsche-Schwärmerin erkennen ließen – dabei sehr töricht begründete, von philosophiehistorischer Unkenntnis zeugende Dinge. Heise bestritt das nicht, sagte nur traurig: »Ja, ja, ich habe auch schon mit ihr über Nietzsche zu reden versucht, aber man kommt da nicht weiter …« Alles sehr rührend, aber muss denn nun deswegen ich, angesichts meiner jetzt zehnjährigen Stieftochter, die einen scharfen logischen Verstand zeigt und bereits Kants Formulierung des kategorischen Imperativ auswendig hersagen kann, den Rest meiner Erdentage in der bangen Sorge verbringen, dass sie einst von einer mächtigen Frau Professor Dr. Reschke, Nachfolgerin Heises, zur Nietzsche-Jüngerin verpfuscht werden könnte? Nein, ich bestehe darauf, an die junge Generation sehr, sehr andere Fackeln weiter zu reichen. So sagte ich zu Heise: »So wie Frau Reschke denkt, gehört sie nicht als Dozentin an eine unserer Universitäten.« Er schwieg. Zur Generationsfrage gab ich meine zweieinhalbjährigen West-Erfahrungen mit junger Generation zum besten. Bei den Grünen, den Alternativen, in Österreich, Westberlin, Schweiz, Spanien, BRD, spiele Nietzsche keine Rolle, nirgends. Und wenn da einmal einer aus der Glucksmann-Ecke für ihn zu werben versuche, genügten ein paar knappe Hinweise auf Nietzsches Stellung zur Frauenemanzipation, zu den farbigen Völkern, zur Frage Krieg oder Frieden, und der Fall sei erledigt. Dazu Heise: »Ja, aber bei uns …« Klartext hätte lauten müssen: »Ja, aber die klügste Frau, die ich kenne …« Das Schlimmste an Heise: Er ist im Grunde ein Liberaler. Er meinte, Nietzsches ungeheure Wirkung am Beginn dieses Jahrhunderts sei leider auch ein Stück unserer Geschichte, das sich nicht einfach eliminieren lasse. Zu meinem Gegeneinwand, diese ungeheure Wirkung hänge doch ursächlich mit den weiteren Ungeheuerlichkeiten zusammen, die sich in unserer Geschichte dann im Verlauf dieses Jahrhunderts ereignet hätten, wusste er nichts zu sagen. Er gab zu, dass ich recht hätte, murmelte aber etwas von der Art, dass man so etwas nicht los werde, indem man es unter den Teppich kehre. Meinen Standpunkt, etwas besonders Schädliches könne man sehr wohl gleichzeitig unterdrücken und obendrein argumentativ bekämpfen, wollte er nicht gelten lassen. 4 7 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ich: »Das tun wir doch aber oft.« Heise: »Leider, schlimm genug …« Ich fühlte mich an C. F. v. Weizsäcker erinnert. Der hat einmal zu mir gesagt: »Ich bin so liberal, dass ich sogar zu einem Illiberalen wie Ihnen liberal bin.« Als ich am 1. Oktober zu Heise einmal beiläu g äußerte: »Nimm’s mir nicht übel, aber …«, da erwiderte er: »Übelnehmen? Du unterschätzt die Grenzen meines Liberalismus.« So, genau so will er sich zu Nietzsche und dessen Anhängern verhalten. Er will ihnen mit Fairness begegnen. Der Gedanke, Nietzsche zu bekämpfen, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, bereitet ihm Bauchschmerzen. Daher sein famoses Projekt. Am Beispiel Reschke werden Ihnen, lieber Klaus Höpcke, nun bereits die Grenzen Ihres Kompetenzbereichs eingefallen sein. In der Tat: Der Fall Nietzsche ist nicht nur eine verlags-, er ist auch, ja, vielleicht mehr noch eine hochschulpolitische Angelegenheit. Wenn ich – durch Heinz Malorny – recht unterrichtet bin, ist in Jena ein weiterer akademischer Streiter für Nietzsche am Werk: Friedrich Tomberg. Eine Gegenoffensive müsste also auf ressortüberschreitender Breite – aber um Himmels willen nicht in Form einer ö entlichen Diskussion!! – in Gang gesetzt werden. Und dabei kann es, leider, leider, eben nicht nur um Abwehr Nietzsches gehen. Auch diese Überzeugung hat sich bei mir durch das Gespräch mit Heise erhärtet (ich sage: erhärtet, weil sie mir schon vorher nicht gänzlich fern lag). Ich stellte Heise eine Falle, indem ich sagte: »Nun ja, warum denn gleich Nietzsche? Warum nicht lieber den Dilthey, einen feinen, humanen Geist …?« Ich sagte das mit Einschränkungen, in dem Ton, in dem man einen Ganoven mäßigen würde: »Warum denn wegen lumpiger 1800 Mark gleich einen Raubmord; die Summe lässt sich doch durch Taschendiebstähle bescha en …?« Heise reagierte begeistert: »Siehst du, sehr gut. Und es geschieht längst. Rainer Rosenberg und ich haben das bereits in die Wege geleitet: Dilthey, Das Erlebnis und die Dichtung.« Dazu möchte ich Ihnen, lieber Klaus Höpcke, nun folgenden Kommentar liefern. Nietzsche ist bei uns, wenn man die Verfassung ernst nimmt – Artikel 18, Absatz 1 –, eine Polizeifrage, und in den Reihen der Partei etwas, worüber es unter Genossen keine Diskussion mehr geben kann (vielmehr: keine sollte geben können). Bei Dilthey handelt es sich um etwas ganz, ganz anderes. Dilthey ist durchaus diskussionswürdig. Und nicht nur das: Über Dilthey hat Rainer Rosenberg sehr kluge, ausgewogene, niveauvolle, kompetente Sachen geschrieben. Und doch muss ich auch hier Bedenken anmelden. 4 7 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Sie betre en erstens die zu beachtenden Prioritäten. Es wäre ein Unding, wenn bei uns Diltheys Erlebnis und die Dichtung erschienen, bevor wir die Hauptwerke von Rudolf Haym (nicht nur dessen Herder) und die komplette Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts von Hettner (nicht nur den Teil über Deutschland), aber natürlich auch den gesamten Lukács!! neu herausgegeben hätten. Die Reihenfolge würde nicht stimmen, die zu wahrenden Proportionen zwischen Fortschrittlichem und Tolerierbar-Konservativem wären erst recht verfehlt. Es wäre, vergleichsweise, so, als wenn wir bei uns den Lesern die Ringparabel aus Nathan der Weise unterschlügen, ihnen aber deren romantisch-reaktionäre Zurücknahme in Brentanos Gockel und Hinkel in die Hand drückten (einem, übrigens, antisemitisch angehauchten Werk, verfasst von einem ohnehin notorischen Judenhasser; siehe Clemens Brentano: Gedichte, Erzählungen, Märchen, Union-Verlag, Berlin, 1978, 2 Bände; dazu die Einleitung von Hans-Georg Werner in Band 1, S. 7  ., besonders S. 54; dies nur am Rande.) Es war, meine ich, ein schweres Versäumnis, dass, als in den siebziger Jahren bei uns neue Begeisterung für die Romantik einsetzte – verlagspolitisch überreichlich befriedigt –, nicht zugleich gegengesteuert wurde, wenn schon nicht mit entschiedener Lukács-Propagierung, so wenigstens mit Rudolf Hayms Romantischer Schule. Die fehlte, sie fehlt bis heute, und ich sehe nicht, dass es Pläne gäbe, dem Versäumnis endlich abzuhelfen. Es ist Rainer Rosenberg (Zehn Kapitel zur Geschichte der Germanistik, Akademie-Verlag, Berlin, 1981), der Hayms kritische Position zu Romantik unterstreicht und zugleich, zutre end, feststellt, dass Haym sowohl mit seinem Herder als auch mit der Romantischen Schule eine Forschungsarbeit geleistet habe, die »von der bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung auch nicht mehr überholt wurde«, um hinzuzufügen: »Auch die Vertreter der deutschen Geistesgeschichte, für deren Romantik-Begeisterung Haym nichts hergab außer einer ungeheuren Fülle gewissenhaft aufgearbeiteten Materials, wussten sich nicht anders zu behelfen als durch Neuau agen seines Buches.« (Rosenberg, a. a. O., S. 77.) Unsere Romantik-Enthusiasten wissen sich »anders zu behelfen«, zum Beispiel durch die Athenäums-Editionen der Friedrich-Schlegel-Enthusiastin Gerda Heinrich, die in schneller Aufeinanderfolge mit sich erweiterndem Umfang 1978 und 1984 bei Reclam (Universalbibliothek Nr. 752) erschienen sind – schade um das Papier!!! –, ankiert durch Unterdrückung und Ignorierung des einschlägigen Werks von Haym. Rosenberg kann nicht umhin, ihn zu nennen. Aber auch er unterdrückt ihn im Grunde, indem er ihm in seiner genannten Arbeit nur wenige Zeilen widmet (a. a. O., S. 76 f.), dafür 4 8 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re aber Dilthey zur Zentral gur deutscher Literaturgeschichtsschreibung hochstilisiert. Die Proportionen stimmen hinten und vorne nicht. Dies erstens. Und zweitens: Dilthey ist nun einmal der Begründer der irrationalistischen Lebensphilosophie, der reaktionärsten philosophischen Hauptströmung im 20. Jahrhundert. Wenn man jetzt Nietzsche »di erenzierter zu sehen« beginnt und gleichzeitig Dilthey wiederentdeckt, dann hat man nächstens bei uns eine komplette Renaissance der präfaschistischen Ideologieszene beisammen. Gerade die großzügige Behandlung der deutschen Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, wie sie von den neu gegründeten Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Berlin erwartet wird, verlangt aber, wenn sie nicht ideologisch »ins Auge gehen« soll, genau das Gegenteil. Hier muss nun wirklich, aus dringlicheren Gründen noch als bei der Romantik-Renaissance, sehr energisch gegengesteuert werden. Man darf nicht einen Augenblick versäumen, mit größtem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass Nietzsche-Kult und Lebensphilosophie selbst revolutionäre Ansätze in der Literatur und Kunst der ersten Jahrhunderthälfte im Dienste des Imperialismus gelähmt, pervertiert und ins Reaktionäre, Antihumane, Vernunftfeindliche umgelenkt haben. Gegengesteuert werden muss vor allem mit Hilfe des Erbes von Georg Lukács. Und nicht zufällig wurde an Lukács, unter dem Vorwand einer Distanzierung von seinen politischen Fehlern, herumgemäkelt, während man gleichzeitig, nach der Rehabilitation eines Friedrich Schlegel, nun auch noch die Wiederbelebung Nietzsches und Diltheys in Angri nimmt. Subjektiv mag es sich dabei um Neurosen handeln – um die Neurosen einer am eigenen Provinzialismus erstickenden Möchte-gern-Opposition –, objektiv läuft es auf Subversion hinaus. Heise spielt dabei o enkundig eine Schlüsselrolle: Einerseits stellt er der Partei für eine ferne Zukunft Gegentexte zu Nietzsche in Aussicht, über die er in zwei Jahren nachzudenken beginnen will, während »die klügste Frau, die er kennt« die bis dahin verstreichende Zeit nutzt, an der Humboldt-Universität eine Phalanx von Nietzsche-Jüngern heranzubilden, und andererseits sorgt er dafür, dass künftig die Dilthey-Schule den Platz einnimmt, den, nach marxistischem Verständnis, in unserer Philosophie- und Literaturgeschichtsschreibung die Traditionslinie Gervinus-Danzel-Hettner-Haym- Mehring-Lukács-Rilla einnehmen müsste. Ich sagte zu Heise: »Die Tatsache, dass Lukács bei unseren Politikern lange Zeit in Verschiss war, ist dazu ausgenutzt worden, seine marxistisch-leninistischen Positionen in der Philosophie und Literaturwissenschaft von 4 8 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte rechts zu bekämpfen.« Darauf Heise, kleinlaut: »Doch auch von links.« Darauf wieder ich: »Nein, von rechts, aber oft mit linker Maskierung, unter linken Phrasen.« Er schwieg. Fortsetzung vom 6. Oktober 1985 Ihnen ist, ho e ich, klar, lieber Klaus Höpcke, dass ich mit der Abfassung dieses Briefs an Sie bereits den Gründungstag der DDR festlich begehe. Aber es wird Zeit, dass ich das auf weniger strapazierte Art tue. Daher, der Ordnung halber, nur noch folgende kleine Ergänzungen. Es stellte sich, natürlich, heraus, dass Heise doch »etwas dran« ndet an Nietzsche, das nicht nur zu bekämpfen sei. Ich bestritt das, mich auf relativ harmlose Werke Nietzsches beziehend, namentlich auf die Unzeitgemäße Betrachtung über Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, wo nur vom Nachteil die Rede ist, was gerade für unsere Zeit eine der fürchterlichsten Desorientierungen bedeute. Heise gab mir Recht. Er berief sich dann aber darauf, dass Montinari – »immerhin« ein KPI-Genosse, und etwas Besseres als die KPI gäbe es in Italien nicht – erklärt hätte, er sei unter dem Faschismus durch Nietzsche-Lektüre zum Gegner des Faschismus geworden. Dies entkräftete ich unter Hinweis auf die Autobiographie unseres Generationsgenossen Peter Brückner (»Mescalero«-Brückner), wo sich ein ähnliches Bekenntnis fände. Sähe man genauer hin, so stelle sich heraus, dass Brückner seinen elitären Ekel gegen die kleinbürgerlich-lumpenproletarische, erbsenfressende, pupsende und stinkende Massenbewegung, die der Nazismus ja gewesen sei, nachträglich mit Antifaschismus verwechsle. Nietzsche habe eben nicht Röhm gewollt, sondern Cesare Borgia. Meine Großtante Hedwig sei auch einmal begeistert für Hitler gewesen: Am 30. Juni 1934, aus Abneigung gegen die SA-Horden, aus Bewunderung für die obsiegende Reichswehrgeneralität. Damals hätte sie gesagt, nun werde alles wieder gut; denn der Führer trüge bereits einen einreihigen Smoking, habe in Bayreuth Winifred Wagner die Hand geküsst und nehme Anstandsunterricht bei Frau von Papen. Bei Montinari dürfte der vermeintliche Antifaschismus ähnlichen Ursprungs sein. Ich hielte es für verhängnisvoll, dass ein Montinari sich bei uns mausig machen dürfe. Hier gab es von Seiten Heises Protest. Wir als Deutsche dürften nicht so überheblich gegenüber Italienern sein. Ich nde, in diesem Fall dürfen wir das: Erfunden hat den 4 8 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Faschismus der Nietzsche-Bewunderer Mussolini, den, bei seinem Berlin-Besuch, Hitler durch nichts mehr zu beglücken wusste als durch Überreichung einer Prachtausgabe von Nietzsches sämtlichen Werken. Heise wollte dann noch wissen, worauf die Faszination durch Nietzsche nach meiner Meinung beruhe. Ich führte, abgesehen von der Verführung durch Formulierkünste, zwei Gründe an. Erstens: Philosophie sei eine sehr schwierige Wissenschaft, Kant und Hegel zu studieren Schwerstarbeit. Demgegenüber lutschen Nietzsches Aphorismen sich leicht weg wie eine Art Konfekt, und die Ignoranten, die sie genössen, dürften sich einbilden, nun auch über Philosophie mitreden zu können. So erkläre es sich, dass Literaten haufenweise – und ausnahmslos zu ihrem Schaden – auf Nietzsche hereingefallen seien, während die Fachphilosophie ihm sehr lange wacker Widerstand geleistet habe. Zweitens mache Nietzsche das meisterhaft vor, was alle Intellektuellen gern tun würden: Die Regierung gleichzeitig stürzen wollen und von ihr einen Orden kriegen. Hier strahlten Heises Augen: »Natürlich, das ist es. Du meinst die rebellischen Gesten …« Ich: »Natürlich, rebellische Gesten, bei denen man nichts riskiert, verbunden mit Inhalten, die das, was die Herrschenden wollen, noch überbieten. Aber das steht doch nun alles schon bei Lukács. Der hat das doch unübertre ich analysiert.« Heise zog einen Flunsch, aber wusste nichts zu erwidern. Dann die Frage, wie Nietzsche zu bekämpfen sei. Ich meinte, am besten durch möglichst weitgehendes Totschweigen; wir dürften uns keine Diskussion über ihn aufzwingen lassen, schon gar keine ö entliche. Damit ist Heise nicht einverstanden. Er scheint es aus irgendwelchen psychotherapeutischen Erwägungen für falsch zu halten. Ferner sagte ich: Man muss, gut dosiert, Sachen von Bürgerlichen, die gegen ihn waren, drucken. Zum Beispiel gäbe es eine Forschungsarbeit aus den zwanziger Jahren, die nachweise, dass die »großen« Aphoristiker – Lichtenberg, Friedrich Schlegel, Novalis und Nietzsche – eines gemeinsam gehabt hätten: Brennenden Ehrgeiz, gepaart mit stinkender Faulheit. Oder: Ich hätte für den Akademie-Verlag eine ganze Liste mit bürgerlichen Anti-Nietzsche-Publikationen zusammengestellt. Aber der Akademie-Verlag scheine eine Arbeit zur Publikation ausgewählt zu haben: Ferdinand Tönnies’ Der Nietzschekultus von 1897. Heise und ich waren einig darin, dass das nützlich sein könne. Heise forderte eine angemessene Einleitung, die auf Tönnies’ Progressivität hinweise; Tönnies habe 1932 als Liberaler zur KPD gehalten. 4 8 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Wir sprachen dann noch ein bisschen weiter über Tönnies. Heise meinte, mit dessen »Gemeinschafts«begri dürften wir es uns auch nicht so einfach machen; er sei demokratisch angesetzt gewesen. Ich gab das zu und ergänzte: »Vielleicht sogar urkommunistisch.« Hinterher ist mir eingefallen, dass hinter Heises Erwärmung für Tönnies vielleicht auch wieder sein tiefes, neiderfülltes, geradezu neurotisches Ressentiment gegen Lukács steckt. Leitet doch Lukács in Die Zerstörung der Vernunft das gegen die deutsche Soziologie der imperialistischen Periode gerichtete Kapitel mit einer Kritik an Tönnies’ Werk Gemeinschaft und Gesellschaft, von 1897, ein. Aber Lukács wertet hier, seinerseits, Tönnies durchaus di erenzierend. Zum Schluss des Gespräches kamen wir noch auf Arnold Gehlen zu sprechen. Heise meinte, zwischen meinem Hass auf Nietzsche und meiner positiven Einstellung zu Gehlen bestünde ein Widerspruch.9 Ich entgegnete, Gehlen sei für mich einfach der Held des Kampfes gegen die Rassentheorie, mitten in der Nazizeit. Dass er damit Hitler habe »verbessern« wollen, ändere 9 (AH) An Helmut Klages schrieb Harich am 01. Juni 1988 (3 Blatt, maschinenschriftlich, Abdr. in: Band 11). »Ihnen wird nicht entgangen sein, dass in der Deutschen Demokratischen Republik heftige Diskussionen um das kulturelle und historische Erbe entbrannt sind. In diesem Zusammenhang habe ich wenig einzuwenden gegen eine neue, großzügigere Einstellung zu Luther, dem Alten Fritz oder auch Bismarck. Aber eine Grenze ziehe ich unerbittlich: In der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern sollte Friedrich Nietzsche keinen Millimeter an Boden zurückgewinnen. Meine einschlägige Argumentation nden Sie in Sinn und Form, Heft 5, 1987, und die gehässigen Anfeindungen, denen ich deswegen ausgesetzt bin, in Heft 1, 1988. Noch ist dieser Kampf nicht entschieden. In diesem Kampf gäbe ich mir aber schreckliche Blößen, wenn ich zwar gegen Nietzsche eiferte, aber gleichzeitig einem Mann meine Referenz erwiese, der einen höchst aktiver Nazi gewesen ist und in der Nachkriegszeit politisch und ideologisch weit rechts gestanden hat. (Ich erinnere nur an das schreckliche Buch Moral und Hypermoral.) Natürlich traue ich mir zu, einem Fachkollegen in subtiler Beweisführung plausibel zu machen, dass Hass auf Nietzsche mit Respekt vor Gehlen zu vereinbaren sei. (Denn was hat Gehlen, um nur dies zu nennen, außer der Formel vom ›nicht festgestellten Tier‹ von Nietzsche sonst noch lernen können? Ich nde: nichts.) Aber Stephan Hermlin etwa, ein ein ussreicher Mann mit erheblichem Vertrauensvorschuss aus glorreichen Jungkommunistentagen, und ich ringen hier in Sachen für oder wider Nietzsche um die Seelen von Parteifunktionären aller ›Ebenen‹. Und vor denen stünde ich sofort unglaubwürdig da.« Ferdinand Tönnies 4 8 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nichts an der Richtigkeit seiner – für die Anthropologie bahnbrechenden – Resultate. Seine reaktionäre Soziologie müsse man davon unterscheiden. Im Übrigen sei Gehlen nirgends und niemals inhuman – wie Nietzsche. Aber auch ihn habe politisch Nietzsche desorientiert. Damit möchte ich schließen. Ich habe Ihnen, lieber Klaus Höpcke, diesen Bericht – und meinen Kommentar dazu – gern gegeben, und füge hinzu, dass ich Ihnen auch weiter gern zur Verfügung stehe, wenn Ihnen an einer Meinungsäußerung von mir liegt. Aber das Schreiben strengt mich wahnsinnig an, und ich will mich nach dem 7. Oktober nun auch unbedingt wieder auf meine Arbeit über Nicolai Hartmann konzentrieren. Lässt es sich, für künftige Fälle, einrichten, dass ich mich, falls Sie etwas von mir wissen wollen, nicht schriftlich zu äußern brauche, sondern von Ihnen – oder einem Ihrer Mitarbeiter, Berater etc. – mündlich, beim Tee, konkret befragt werde und mündlich darauf antworte, während ein Band mitschneidet. Ich habe ein Tonbandgerät, nur müssten mir die Kassetten gegebenenfalls ersetzt werden. Dem 7. Oktober sehe ich diesmal mit besonderer Freude, in besonders froher Stimmung entgegen. Dies aus zwei Gründen. Einmal konnte ich dem ND vom 4. Oktober (40. Jahrg., Nr. 233, Seite 2, Spalte 6, Absatz 2) mit einem Gefühl tiefer, dankbarer Zuversicht entnehmen, dass Gorbatschow – wie soll ich es ausdrücken? – »ganz schön grün« ist, mehr als ich dachte. Und dann kam Ihr für mich ganz herrlicher Brief vom 30. September, der mir die Gewissheit gibt, nicht umsonst gegen den Gedanken von Nietzsche-Neudrucken bei uns »gewütet« zu haben. Es ist Ihnen doch recht, dass ich einem Mitbürger namens Hacks zum Festakt die Freude bereite, ihn wissen zu lassen, dass nun Sie in der Sache Nietzsche Schritte unternehmen werden, oder? Leider konnte ich Sie in Ihrem Büro nicht erreichen. Man sagte mir, Sie seien bis 16. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse. Ich werde morgen mit guten Gedanken und Wünschen bei Ihnen sein. In Herzlichkeit Ihr PS.: Noch ein Problem sehe ich: Wie mit der Tatsache fertig werden, dass Colli und Montinari die dreißigbändige historisch-kritische Nietzsche-Ausgabe,1967  ., zumindest was den Nachlass betri t, mit DDR-Unterstützung im Weimarer Nietzsche-Archiv erarbeiten konnten? Für eine Antwort darauf scheinen mir zwei Varianten in Betracht zu kommen. Entweder: Dies war ein Fehler Holtzhauers und des ihn ungenügend kontrollierenden damaligen Ministers für Kultur. Oder: Nun ja, in die DDR ist ein wissenschaftsfreudiges Land; sie unterstützt daher auch die Philologen, und wenn sich Philologen nden, die Wert darauf legen, Nietzsches Nachlass korrekt zu edieren, dann legt sie dem kein Hindernis in den Weg. 4 8 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Wie die Antwort aber auch ausfallen mag, auf keinen Fall kann aus ihr der Schluss gezogen werden, dass nun auch die DDR genötigt sei, sich in Anbetracht irgendwelcher Ergebnisse Collis und Montinaris ein neues, eigenes Nietzsche-Bild zuzulegen, abweichend von dem, das Mehring, Lukács, Hans Günther bereits gescha en haben, oder Herrn Montinari, einer philosophischen Null, das Recht einzuräumen, sich in den Meinungsbildungsprozess der DDR-Philosophen einzumischen und hier etwa einen Nietzsche-Diskussion zu entfachen. Im Übrigen: Elisabeth Förster-Nietzsche, die Unselige, und Heinrich Köselitz alias Peter Gast sind keineswegs die Nachlassverfälscher, als die man sie hinstellt. Sie haben den Nachlass, nach authentischen Plänen Nietzsches, nur anders gruppiert, aber keineswegs aus einem Humanisten einen Antihumanisten gemacht, wie man es Leichtgläubigen zu suggerieren versucht. Die Au ösung des Willens zur Macht in den Nachlass, durch Colli/Montinari, gibt nicht den geringsten Grund, dem Urteil von Lukács über Nietzsche zu widersprechen, es zu berichtigen. Nein, es muss heute, aus Gründen, die sich aus der weltgeschichtlichen Lage ergeben, ins noch Negativere verschärft werden. Noch ein weiterer Rat: Viel kompetenter als Heise ist, nach meiner Meinung, in Sachen Nietzsche Heinz Malorny, den ich als Ratgeber nur wärmstens empfehlen kann.10 Brief an Hans Joachim Ho mann11 (08. Oktober 1985) Eingabe Verehrter Herr Minister! Wie ich aus zwei voneinander unabhängigen, mir als vertrauenswürdig erscheinenden Quellen höre, haben die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar den Beschluss gefasst, in ihrem Gästehaus, das sich zur Zeit in Rekonstruktion be ndet, ein Gedenkzimmer für Friedrich Nietzsche einzurichten, der hier am 25. August 1900 verstorben ist. Als ausgewiesener Kenner der Philosophie- und Literaturgeschichte, der 10 (AH) Handschriftlicher Zusatz: Auch meine »Klügste, die ich kenne« lässt grüßen! 11 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 08. Oktober 1985, adressiert: An die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, Ministerium für Kultur, Herrn Minister Hans Joachim Ho mann. Eine Kopie dieses Briefes machte Harich Klaus Höpcke zugänglich, darauf der handschriftliche Zusatz: »Lieber Klaus Höpcke! Ich übergehe Sie ungern – nur, weil Sie nicht am Ort sind. Herzlichst Ihr« 4 8 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sich in den Jahren 1982/1983 noch einmal intensiv und gründlich mit Nietzsche befasst hat, möchte ich Sie hiermit dringend darum ersuchen, gegen diesen Plan der NFG Weimar rechtzeitig einzuschreiten. Ganz abgesehen davon, dass, nach meiner wohlbegründeten Überzeugung, jeder Art P ege von Nietzsche-Tradition bei uns gegen die Verfassung der DDR verstieße (besonders gegen die Präambel; gegen Artikel 6, Absatz 5; gegen Artikel 18, Absatz 1), ist es ein makaberer und mir jedenfalls unerträglicher Gedanke, dass künftig an den Geburtstagen unseres Staatsoberhaupts von Leuten, die gern im Trüben schen, in Weimar stille Gedenkfeiern für den Verfasser von Also sprach Zarathustra, den Künder des Herrenmenschenidols, Verherrlicher der »blonden Bestie« und Befürworter der Abtötung des menschlichen Gewissens, veranstaltet werden könnten; dies noch dazu in unmittelbarer Nähe des einstigen KZ Buchenwald, wo zwischen 1933 und 1945 von Deutschen, die wahrlich nicht zuletzt durch Ideen Nietzsches irregeführt waren, die höllischsten Verbrechen an zahllosen politisch und rassisch Verfolgten des Naziregimes begangen worden sind, und auf dem geheiligten Boden der Hauptstadt unserer klassischen humanistischen Kultur, deren Vermächtnis Nietzsche mit Füßen getreten hat. Hans Joachim Ho mann (Mitte), Brecht-Woche 1973 Zur Einschätzung Nietzsches durch den Marxismus-Leninismus verweise ich auf die einschlägigen Arbeiten von Franz Mehring (Aufsätze zur Geschichte der Philosophie, Leipzig, 1975, Seiten 188 bis 220); Georg Lukács (Beiträge zur Geschichte der Ästhetik, Berlin, 1954, Seiten 286 bis 317; Die Zerstörung der Vernunft, Berlin, 1955, Seiten 244 4 8 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte bis 317; Schicksalswende. Beiträge zu einer neuen deutschen Ideologie, 2. Au age, Berlin, 1956, Seiten 7 bis 28); Hans Günther (Der Herren eigner Geist, Berlin und Weimar, 1981, Seiten 255 bis 321); S. F. Odujew (Auf den Spuren Zarathustras. Der Ein uss Nietzsches auf die bürgerliche deutsche Philosophie, deutsch, Berlin, 1977, ganz); sowie auf die in verschiedenen Sammelbänden und Zeitschriften verstreut erschienenen Beiträge von Dr. Heinz Malorny, Mitarbeiter des Zentralinstituts für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von all diesen Arbeiten über Nietzsche kann ich nur sagen, dass ich sie nach sorgfältiger, gewissenhafter Überprüfung auf ihre Stichhaltigkeit hin in den Jahren 1982/1983 als völlig korrekt und zutre end und durch anderweitige Forschung nicht widerlegbar befunden habe, wofür ich mich als Wissenschaftler hiermit verbürgen möchte. Ich bin freilich auch zu dem Resultat gelangt, das die Urteile von Mehring, Lukács, Günther und Odujew heute insofern noch ergänzt werden müssten, als die hinter uns liegenden geschichtlichen Erfahrungen und die gegenwärtige aktuelle weltweite politische Lage im Hinblick auf Probleme der Frauenemanzipation, auf unsere Solidarität mit den Völkern der Dritten Welt und, vor allem, unter dem Gesichtspunkt des Kampfes gegen die Kriegsgefahr, für die Bewahrung des Friedens verlangen, Nietzsche jetzt noch negativer zu sehen. Dies habe ich näher angedeutet in einem Brief, den ich am 2. September 1985 an Ihren Stellvertreter, den Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, Herrn Klaus Höpcke, gerichtet habe und der von ihm, mit Schreiben vom 30. September 1985 an mich, außerordentlich positiv und dankbar aufgenommen worden ist. Was die Beurteilung Nietzsches im Zusammenhang mit Kriegsgefahr und Friedenskampf anbelangt, so möchte ich Sie, Herr Minister, besonders nachdrücklich auf einen kürzlich erschienenen Beitrag meines verehrten Kollegen Heinz Malorny aufmerksam machen: Friedrich Nietzsches Wiederkehr, in: Spectrum. Monatszeitschrift der Akademie der Wissenschaften der DDR, 16. Jahrgang, Heft 5, 1985, Seite 25  . Ich denke, dass allein dieser kurze Artikel hinreichen müsste, meint Anliegen als in vollem Umfange begründet erscheinen zu lassen und entsprechende Schritte von Regierungsseite nach sich zu ziehen. Von einem der Gewährsleute, die mir über die Weimarer Vorgänge berichteten, Herrn stud. phil. med. Andreas Maercker, wurde glaubwürdig die Au assung vertreten, dass 4 8 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re die NFG Weimar mit der Einrichtung besagten Nietzsche-Gedenkzimmers nicht einem Bedürfnis unserer Bürger Rechnung tragen, sondern mehrfach geäußerten Wünschen ausländischer Besucher unserer Republik entgegenkommen wollen. Mir scheint dies eine äußerst problematische Konzession bestenfalls an das Sensationsbedürfnis, schlimmstenfalls an subversive Bestrebungen von Touristen, ausländischen Missionsmitgliedern, westlichen Journalisten usw. zu sein, die besser daran täten, es unserer souveränen Entscheidung zu überlassen, welche Traditionen unseres Landes wir der P ege für würdig erachten und welche nicht. Mir ist es schon passiert, dass ich von einem Ausländer bei einem Spaziergang nach dem Grab von Horst Wessel gefragt wurde. Auch dieses in Berlin wieder herzurichten und beliebigen Besuchern zugänglich zu machen, läge auf der Linie des Weimarer Vorhabens, wäre ein nächster Schritt in gleicher Richtung. Der übernächste Schritt müsste dann logischerweise ein Hitler-Gedenkstein auf dem Gelände der einstigen Reichskanzlei, zwischen Grotewohlstraße und Mauer, sein, wie wär’s? Es ist empörend genug, dass besonders amerikanische und japanische Diplomaten aus dem Nietzsche-Grab in Röcken bei Lützen eine Wallfahrtsstätte gemacht haben. Wann wird die Evangelische Kirche, eingedenk des Umstandes, dass Nietzsche sich voll Stolz den »Antichrist« nannte, diesem Umstand endlich ein Ende bereiten, zum Beispiel dadurch, dass sie das Grab anders belegt, das doch wohl kein Ehrengrab ist. Unsere staatlichen Stellen könnten die Kirche daran erinnern, dass Nietzsche das, was uns mit ihr verbindet, den humanen Gehalt der Lehre Jesu, den Aufruf zu Mitleid und Nächstenliebe zu zerstören bestrebt war. Vielleicht hülfe das, in Röcken endlich eine längst, spätestens seit 1945 fällige Entscheidung durchzusetzen, und zwar so rechtzeitig, dass es auf keinen Fall am 15. Oktober 1994, zum 150. Geburtstag Nietzsches, zu einer uns aufgezwungenen Welt-Nietzsche-Ehrung auf dem Boden unserer Republik kommen kann. Ich stelle anheim, Herr Minister, auch in diesem Punkt Überlegungen anzustellen. Mit der Bereitschaft, Ihnen in der hier angeschnittenen Frage jederzeit gern zur Verfügung zu stehen, und mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich Ihr 4 8 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Klaus Höpcke12 (12. Oktober 1985) Lieber Klaus Höpcke! Zu meinem Bedauern muss ich Sie – und mich selber – heute noch ein weiteres Mal in der Nietzsche-Angelegenheit belästigen. Die Sache stellt sich mir jetzt ernster dar, als sie nach meinem – Ihnen vorliegenden – Brief vom 5. Oktober aussieht. Am 10. und 11. Oktober hatte ich Gespräche mit Heinz Malorny. Den wichtigsten Teil des zweiten Gesprächs, am 11. Oktober, nahmen wir für Sie auf Tonband auf. Das Tonband füge ich hier bei. Leider ist die Tonqualität, besonders der Seite 1, so schlecht, dass ich genötigt bin, Ihnen hier noch eine schriftliche Erläuterung zugehen zu lassen. Malorny machte mich mit einem Dokument bekannt, dass ich Ihnen dringend zur Lektüre empfehlen möchte; Sie können es bei ihm im Zentralinstituts für Philosophie der AdW anfordern (Telefonnummer weggelassen, AH). Es stand im Mittelpunkt unserer Gespräche. Es handelt sich um den Aufsatz von Norbert Kapferer (BRD): Nietzsche und Heidegger in der gegenwärtigen DDR-Philosophie, mit dem der Autor in diesem Jahr zu irgendeiner Ostforscher-Konferenz beigetragen zu haben scheint und den er dem Amerikaner Denis M. Sweet zur Kenntnis gibt, der seinerseits Spezialist für DDR-Philosophie ist. Sweet ist in der DDR gewesen und hat hier Fachgespräche geführt, unter anderem mit Malorny in Berlin und mit Tomberg in Jena. Kapferer berichtet, dass Tomberg im Sommer 1982 Sweet zugesagt habe, ihm Xerokopien der Beiträge zu einem Streitgespräch zu übermitteln, das damals zum ema Nietzsches Orte in der humanistischen Tradition in der DDR stattgefunden hätte. Tomberg hätte das Versprochene aber nicht geschickt, sondern im März 1983 Sweet wissen lassen, dass die Zeit zur Verbreitung dieser Materialien noch nicht reif sei. Nietzsche müsse erst von Grund auf neu durchdacht werden. Kapferers Aufsatz lässt erkennen, dass im Westen, auf der Grundlage sehr genauer, wissenschaftlich fundierter Kenntnis über kulturpolitische Vorgänge bei uns, großes Interesse an Renaissancen Nietzsches und Heideggers in der DDR besteht und dass die Interessenten ihre Ho nungen im Zusammenhang mit Nietzsche besonders an Renate Reschke und Friedrich Tomberg (sowie an das Fortwirken des Erbes von Bloch) 12 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 12. Oktober 1985, adressiert an Regierung der DDR, Ministerium für Kultur, Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, z. Hd. Herrn Minister Klaus Höpcke. 4 9 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re knüpfen, während sie im Erbe von Lukács das Haupthindernis ihrer Bestrebungen erblicken. Was die Wiedererweckung Nietzsches in der DDR betri t, so äußert sich dazu Tomberg, in einem Brief an Sweet, den Kapferer zitiert, unter anderem wie folgt: »Je mehr sich unsere Literaturwissenschaftler mit der modernen bürgerlichen Literatur beschäftigten, um so mehr gerieten sie in Verlegenheit: Überall stießen sie auf den Ein uss Nietzsches. Hoch geschätzte Autoren, so bemerkte man, standen, trotz aller Kritik, im Ganzen erstaunlich positiv zu ihm. Mithin sind wir jetzt in einem Dilemma: Die Philosophen haben bisher fast einzig (d. h. mit Ausnahme von Tomberg und Reschke, WH) den Quasifaschisten (Nietzsche, WH) zur Kenntnis genommen; die Literaturwissenschaftler haben den bedeutenden Literaten vor Augen. Es bleibt nichts anderes übrig, als dass wir uns alle zusammensetzen, nachdem wir das Gesamtwerk (Nietzsches, WH) studiert haben. Das steht aber noch bevor.« Die letzten Sätze lassen, meine ich, ein Programm erkennen, nach dem Tomberg die ihm am Herzen liegende Nietzsche-Renaissance in der DDR in Szene zu setzen vorhat. Ich empfehle, um dieses Programm zu durchkreuzen, Folgendes: 1) Keinerlei Verö entlichungen irgendwelcher Werke Nietzsches in der DDR; zu keinem Zeitpunkt, unter keinen Umständen. 2) Keine ö entliche Nietzsche-Diskussion in der DDR. 3) Es sollte damit Schluss gemacht werden, dass mehrere Philosophen und Literaturwissenschaftler sich überhaupt weiter mit dem ema Nietzsche beschäftigen. Mir allein sind sieben bekannt, die sich damit befassen: Dietzsch, Harich, Heise, Malorny, Middell, Reschke, Tomberg. Das ist völlig absurd. Alle – und etwa sonstige noch – sollten anderen emen zugeführt werden (einzige Ausnahme: Malorny). 4) Man muss der Konstruktion eines Gegensatzes von marxistischer Philosophie- und Literaturforschung in der Nietzsche-Frage und, vor allem, dem Versuch, einen solchen Gegensatz künstlich herbeizuführen, energisch entgegenwirken. Es gibt einen solchen Gegensatz nicht. Er könnte aber entstehen, weil die Philosophen literarisch und die Literaturwissenschaftler philosophisch ungebildet sind. Wären sie es nicht, so wüssten sie, dass es – für beide verp ichtend – ein einheitliches marxistisches Nietzsche-Bild seit langem gibt. 4 9 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 5) Man muss die Autorität dieses einheitlichen marxistischen Nietzsche-Bildes voll wiederherstellen. Es stammt von Mehring, Plechanow, Lukács, Günther, Kaufhold, Odujew, Malorny, auch von dem früheren Heise und, nicht zu vergessen, von Otto Grotewohl (Die geistige Situation der Gegenwart und der Marxismus, in: Deutsche Kulturpolitik, Dresden, 1952). Dieses Nietzsche-Bild ist in keinem Punkt überholt oder widerlegt, und zwar weder durch philologische Forschungsergebnisse (Schlechta bzw. Colli und Montinari) noch durch Forschungen zur Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts. 6) Im Lichte unserer geschichtlichen Erfahrungen und im Hinblick auf aktuelle weltpolitische Probleme muss das marxistische Urteil über Nietzsche heute eher noch negativer ausfallen als bei den genannten Marxisten. In diesem Zusammenhang ist an die Frauenemanzipation, an den Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt und an die Gefahr eines atomaren Weltkrieg zu denken. In der spannungsgeladenen Welt von heute, mit ihren ungeheuren Kon iktpotenzialen, angesichts des Umsichgreifens von Terrorismus und politischem Abenteurertum sowie der Brutalisierung westlicher Medien (Fernsehen!!) in dieser Welt, kann die sozialistische DDR, die auf eine weltweite Koalition der Vernunft setzt, unmöglich einem Nietzsche, dem ärgsten Zerstörer von Vernunft, eine Renaissance bereiten helfen. Man denke allein daran, was in dieser Welt Nietzsches Parole »Gefährlich leben!« für Unheil anrichten kann. 7) Forscher, die sich mit Nietzsches Wirkung auf die Literatur des 20. Jahrhunderts befassen, wie Middell, müssen zwei Axiome beachten: a) Positive Werturteile über Nietzsche, von wem auch immer – und sei es von omas Mann –, sind falsch. b) Die Wirkung Nietzsches auf Literatur und Kunst war negativ, ohne Ausnahme. – Will jemand diese Axiome in Frage stellen, so muss er erst einmal Philosophie studieren, um über Nietzsche überhaupt ein kompetentes Urteil fällen zu können, und zwar marxistisch-leninistische Philosophie sowie Geschichte der Philosophie – von der Antike bis zur Gegenwart – auf marxistisch-leninistischer Grundlage. Wer über solche Kenntnisse nicht verfügt, hat das Nietzsche-Bild der oben – unter Punkt 5 – genannten Marxisten als wahr zu unterstellen. 8) Bei den Philosophen müssen Tomberg und Reschke, ohne dass ihnen Gelegenheit zu einer ö entlichen Diskussion geboten wird, bekämpft und, wenn nötig, isoliert werden, wobei schwankende liberale Figuren vom Typ Heise von ihnen loszureißen und in den Kampf gegen sie hinein zu ziehen sind. Reschke muss dabei ihrer horrenden 4 9 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Unbildung und mangelnden Logik überführt werden. Anschließend sollte sie der Bearbeitung anderweitiger emen zugeführt werden, damit sie zu Nietzsche erst einmal Abstand gewinnt. Tomberg sollte, in diskreter individueller Auseinandersetzung, vor die Alternative gestellt werden, Lukács’ Urteil über Nietzsche, im 3. Kapitel von Zerstörung der Vernunft, entweder Punkt für Punkt zu widerlegen – was ihm nie gelingen kann – oder als zutre end zu bestätigen – womit sich jeder weitere Tombergsche Senf zu diesem ema erübrigen würde. 9) Die ganze eorie, dass Nietzsche ja kein Faschist gewesen sei, muss zerschlagen werden. Diese eorie ist genau so richtig, aber auch genauso blödsinnig wie eine etwaige Behauptung, Jesus sei kein Katholik (oder Protestant), Rousseau kein Jakobiner gewesen; nicht einmal Marx war Marxist, und er betonte er auch einmal: »Je ne suis pas Marxiste.« Worauf es umgekehrt ankommt, ist, dass die Faschisten Nietzscheaner waren (und sind!!!). Dabei sollten wir aber nicht immer nur an Hitler denken – obwohl natürlich immer auch an den –, sondern ganz besonders an sein – sechs Jahre älteres, elf Jahre länger in Rom an der Macht be ndliches – Idol Benito Mussolini. Schon zu einer Zeit, als Mussolini noch Sozialist war – und zwar linker, radikaler, antireformistischer Sozialist –, 1912, als Chefredakteur des Avanti, brachte er es fertig, gleichzeitig enthusiastischer Anhänger Nietzsches zu sein. Das ist es doch, was die »linken« Nietzsche-Freunde von heute so hoch verdächtig macht, und die Sache wird nicht besser, wenn sie, wie die Herren Colli und Montinari, aus Italien kommen. 10) Da – laut Kapferers Aufsatz – die Ostforscher in der BRD auf eine etwaige Heidegger-Renaissance in der DDR ebenso große Ho nungen setzen wie auf die Nietzsche-Gruppierung und in dem Zusammenhang Hans-Martin Gerlach als ganz besonders interessant und aussichtsreich bewerten, wäre es, meines Erachtens, wichtig, Gerlach davon in Kenntnis zu setzen und ihn zugleich von vornherein in die gegen Tomberg und Reschke zu errichtende Anti-Nietzsche-Front mit einzubeziehen. Leistet Gerlach einen Beitrag zur Abwehr Nietzsches, so wird einem möglichen künftigen Bündnis zwischen ihm und Tomberg-Reschke vorgebeugt. (Zu der Frage ob und wie weit Gerlach Heidegger-gefährdet ist oder ob es sich hier um eine Fehlspekulation Kapferers handelt, kann ich mich im Moment nicht fundiert äußern. Dazu müsste ich mich erst mit allen Publikationen Gerlachs über Heidegger vertraut machen. Heute kann ich nur soviel sagen, dass Gerlach irrt, wenn er – in Bürgerliches Philosophieren in unserer Zeit, Dietz-Verlag, Berlin, 1982, S. 184 – in Heideggers Weigerung, 1933 einem Ruf nach Berlin zu folgen, bereits ein Abrücken von der Nazibewegung erblickt und 4 9 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte die heimattümelnde Begründung für bloße Absicherung hält. Nachweisen lässt sich, dass Heidegger mit derselben Begründung bereits 1930 einen Ruf nach Berlin zurückgewiesen hat.) 11) Hochschul- und forschungspolitisch müsste aus der ganzen A äre der Schluss gezogen werden, dass unsere Überspezialisierung der philosophischen und literaturwissenschaftlichen Kader, auf Kosten ihrer Allgemeinbildung, mit der Folge des Aussterbens universell gebildeter Persönlichkeiten von der Art Lukács’, ideologischen Diversionsversuchen objektiv Vorschub leistet. Nur wo systematische Philosophie und Philosophiegeschichte getrennt werden, nur wo philosophisch ungebildete Germanisten – e vice versa – geduldet werden, nur wo Nietzsche-, Heidegger-, Nicolai Hartmann- und sonstige One-Point-Spezialisten gezüchtet werden, kann ein Programm wie dasjenige Tombergs – alle müssten erst einmal den ganzen Nietzsche lesen und sich dann »zusammensetzen«, um ein neues Nietzsche-Bild zu erarbeiten – auf fruchtbaren Boden fallen. Aber das ist ein weites Feld … Tief traurig über diese neuerliche Ablenkung von meiner eigentlichen Arbeit verbleibe ich mit herzlichen Grüßen Ihr Brief an Heinz Malorny13 (28. November 1985) Lieber Heinz Malorny! Nach gründlichem Überdenken unseres gestrigen Gesprächs muss ich Ihnen ganz o en sagen, dass ich auch Ihr Vorhaben, ein eigenes Buch über Nietzsche herauszubringen, für verfehlt halte. Sie gehen darin auch Biographisches ein. Wozu? Sie geben andeutungsweise den Inhalt von Nietzsches Büchern wieder. Wozu? So etwas kann, nach Lage der Dinge, nur schaden. Das Schlimmste ist, dass Sie zur Verö entlichung von Rezensionen über Ihr Buch zwingen. Sie tragen damit nur dazu bei, eine ö entliche Diskussion anzufachen, die stillschweigend erstickt werden sollte. Was es Neues zu Nietzsche zu sagen gäbe, zum Beispiel im Hinblick auf seine neuesten französischen Bewunderer, könnten Sie leicht in der Form von Aufsätzen erledigen, 13 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 28. November 1985, adressiert an Malornys Privatadresse. 4 9 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re wie bisher. Das in der Sowjetunion und in China um sich greifende Interesse für Nietzsche, von dem Sie gestern berichteten, könnte dort am wirkungsvollsten mit einem Sammelband der bei uns vorliegenden Arbeit gegen Nietzsche, von Mehring, Lukács, Günther, bereichert durch die einschlägigen Äußerungen Grotewohls, durch den Beitrag von Kaufhold und, vor allem, durch Ihre bisherigen Aufsätze, bekämpft werden. Alles andere wäre Unsinn, bestenfalls höchst über üssig, schlimmerenfalls nur von Schaden. Nun noch ein Wort zu dem beabsichtigten internen Nietzsche-Kolloquium, das, nach Ihren Mitteilungen, das Zentralinstitut für Philosophie an der AdW vorbereitet. Sie äußerten zu mir, dass Sie Zweifel hätten, ob bei Buhr die Bereitschaft bestünde, mich dazu einzuladen. Für mich würde eine Teilnahme ein Opfer an Zeit und Nervenkraft und, möglicherweise, eine Schädigung meiner Gesundheit bedeuten. Dieses Opfer würde ich auf mich nehmen, wenn ich die Gewissheit haben könnte, dass das Kolloquium dem Zweck dient, bei uns eine ö entliche Nietzsche-Diskussion zu verhindern, alle Pläne für eine Publikation Nietzschescher Werke de nitiv zu durchkreuzen, die Duldung von Universitätslehrern, die Nietzsche wohlwollend gegenüberstehen, zu beenden, und jeder Art von Nietzsche-Ehrung in der DDR ein für alle Mal unmöglich zu machen, auch und besonders im Zusammenhang mit dem 150. Geburtstag 1994. Das schließt selbstverständlich ein, dass Buhr seine Bereitschaft, an der »Gestaltung« des Nietzsche-Gedenkzimmers im Gästehaus der NFG Weimar mitzuwirken, widerruft und alles in seinen Kräften Stehende tut, dieses unsinnige Vorhaben doch noch zu unterbinden. Sollte er dazu nicht bereit sein, so würde ich es ablehnen, mich mit ihm an einen Tisch zu setzen. Und Ihre Aufgabe – wessen sonst? – ist es, Buhr dies plausibel zu machen. Die Eingabe an den Kulturminister, gegen das Weimarer Projekt ein Machtwort zu sprechen, hätte von Buhr und Ihnen kommen müssen. Mit freundlichem Gruß Ihr Otto Grotewohl, 1950 4 9 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Max Walter Schulz14 (02. Dezember 1985) Sehr geehrter Herr Schulz! Ihr Mitarbeiter, Kollege Dr. Sebastian Kleinschmidt, hat neulich, als er mich wieder einmal besuchte, den Gedanken geäußert, ich solle – und könne – zwischen Peter Hacks und Sinn und Form, die Schwierigkeiten miteinander hätten, vermitteln. Die Sache hat für mich drei Haken: 1) Am wenigsten wichtig – jedoch nicht zu unterschätzen – ist der, dass Hacks stark raucht und mir Nähe von Rauchern ärztlicherseits streng untersagt und auch ganz unerträglich ist; wir könnten also nur miteinander telefonieren. Bei Fortfall des zweiten und, vor allem, des dritten Haken aber würde ich mir eine Gasmaske besorgen und Hacks um einen Termin bitten. 2) Ich hatte inzwischen, nach dem Gespräch mit Kollegen Kleinschmidt, André Müller, einen gemeinsamen vertrauten Freund sowohl von Hacks als auch von mir, zu Besuch. (Im Hinblick auf seine letzte Buchpublikation und zur Unterscheidung von einem anderen Herrn Müller möchte ich ihn hier den Knoblauch-Müller nennen.) Er gab mir ein Bericht über seine Erfahrungen mit Sinn und Form, an dem zu zweifeln ich keinen Grund sehe. O en gesagt, über das Gehörte kann ich nur den Kopf schütteln. Ich schätze Knoblauch-Müller ganz besonders wegen seiner Shakespeare-Studien, die für mich in einigen Fällen Schlüsselerlebnisse waren und die ich durchaus Sinn und Form-würdig fände. 3) Ich missbillige aufs Äußerste die Linie, die Sie, gemeinsam mit dem Lustmord-Müller, in der Nietzsche-Frage – die keine mehr ist, keine mehr sein sollte – eingeschlagen haben. In Heft 5, 1985 versucht ein Herr Gosse – nomen est omen –, Nietzsche dadurch bei uns salonfähig zu machen, dass er ihn als – vermeintlichen – Heine-Verehrer dem Heine-Verächter Karl Kraus gegenüberstellt. Wieso druckten Sie das? Im selben Heft steht Lustmord-Müllers Bildbeschreibung, der abscheulichste sadistische Dreck, den ich in meinem ganzen Leben – ich werde demnächst 62 Jahre alt – gelesen habe. In Heft 6, 1985 nun fügt Sinn und Form – zufällig oder dank Ihrer Regiekunst – beides zusammen: Lustmord-Müller erklärt sich für Nietzsche und gegen Hegel. Wo soll das hinführen? 14 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 02. Dezember 1985, adressiert: An Herrn Max Walter Schulz, »Sinn und Form«, c/o Akademie der Künste der DDR, o zielle Adresse. 4 9 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Kollege Kleinschmidt kündigte mir Gesprächsweise den Abdruck eines Anti-Nietzsche-Beitrags für Heft 2, 1986 an. Ich atmete auf. Aber als ich äußerte, das sei doch dann wohl ho entlich der Schlusspunkt zu diesem ema, konnte und wollte er mir das, pluralistisch gesinnt, wie er ist, nicht zusagen. Weshalb denn keine Leserzuschriften, wenn sie dazu einträfen, abdrucken, fragte er mich. Wollen Sie wirklich so weit gehen, Herr Schulz, bei uns einen Nietzsche-Diskussion zu dulden oder gar zu entfachen? Ich kenne mich in dieser Materie sehr genau aus und kann mir nichts Schädlicheres vorstellen. Und: An einer Zeitschrift mitzuarbeiten, die in diesem Punkt Schaden anrichten hilft – wo die Nietzsche-Ratten sowieso schon aus allen Löchern kriechen –, kann ich niemandem empfehlen. Peter Hacks schon gar nicht. Ihm wäre es einfach nicht zuzumuten. Bei Nietzsche trennten sich die Geister. Mit freundlichem Gruß Brief an Willi Stoph15 (22. Dezember 1985) Hochverehrter Herr Ministerpräsident! Hiermit möchte ich Sie dringend darum ersuchen, wirksam den in Gang be ndlichen Bestrebungen entgegenzutreten, in der Deutschen Demokratischen Republik eine »Renaissance« des Erbes von Friedrich Nietzsche herbeizuführen. Es handelt sich um eine ressortüberschreitende Angelegenheit. Sie betri t mehrere Ministerien; zumindest die für Kultur, Volksbildung und Hoch- und Fachschulwesen; wahrscheinlich aber auch, wegen einschlägiger rechtlicher Fragen, welche die Einhaltung der Verfassung der DDR (Artikel 6, Absatz 5; Artikel 18, Absatz 1) berühren, das Ministerium der Justiz; möglicherweise sogar auch die Sicherheitsorgane. Im Hinblick auf das daraus erwachsende Kompetenzproblem wende ich mich an Sie als den Regierungschef. Außerdem habe ich zu Ihnen persönlich in der zur Klärung anstehenden Frage besonders großes Vertrauen, nachdem ich mit höchstem Interesse und tiefer, freudiger Zustimmung Ihre im Neuen Deutschland, Nr. 299, Seite 4, wört- 15 (AH) 9 Blatt, maschinenschriftlich, 22. Dezember 1985, als »Eingabe« adressiert an: Herrn Ministerpräsident Willi Stoph, Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzenden des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik. Der Brief wurde Mitte Januar an das Büro Kurt Hager übergeben. 4 9 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte lich zitierten Ausführungen auf der jüngsten Arbeitstagung des Nationalen Rates der DDR zur P ege und Verbreitung des deutschen Kulturerbes, eines Organs des Ministerrates, vom 20. Dezember 1985, zur Kenntnis genommen habe. Willi Stoph und Willy Brandt, Erfurt, 1970 Ich darf Ihre Worte hier wiedergeben. Sie sagten da unter anderem: »Tatsache ist und bleibt: Während die herrschende imperialistische Ideologie und Kultur der reaktionären Traditionslinie des Erbes verp ichtet ist, sehen wir unsere Aufgabe darin, alles Große und Edle, Humanistische und Revolutionäre in Ehren zu bewahren und weiterzuführen.« Und: Eine der wesentlichsten Erfahrungen dieser Beratung besteht da rin, »dass wir für den Umgang mit Erbe und Tradition immer die Frage ihres Bezugs zur Gegenwart und Zukunft gestellt haben, ihres Beitrags für eine Welt des Friedens und der Menschlichkeit, ihres Beitrags für die weitere Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft in der DDR«. Diese Ihre klaren, eindeutigen Feststellungen geben mir die Gewissheit, dass ich mich mit meinem Anliegen an Sie, verehrter Herr Ministerpräsident, nicht vergebens wenden werde. Nietzsche ist die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung, die es in der gesamten Entwicklung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart gegeben hat. Er verneint und bekämpft alle humanistischen Werte der antiken Kultur, des Christentums 4 9 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re und der Neuzeit, hier vor allem die des liberalen Bürgertums, der Demokratie und des Sozialismus/Kommunismus. Er fordert die Wiederherstellung der Sklaverei als angeblich unerlässliche Bedingung höherer Kultur, einer Kultur der Herrenmenschen. Er verherrlicht den Krieg als Selbstzweck. Er predigt die Abtötung des Gewissens und jeglichen menschlichen Mitgefühls. Er schmäht das weibliche Geschlecht und stellt sich einer Emanzipation mit beispielloser Entschiedenheit entgegen. Er schmäht die farbigen Völker und erklärt in diesem Zusammenhang, dass es gut sein würde, für die Sklavenarbeit nach Europa Chinesen zu importieren. Sein infernalischster Hass aber gilt der modernen Arbeiterbewegung. Er war daher auch der wichtigste ideologische Wegbereiter des Faschismus, und zwar zuerst des italienischen – Benito Mussolini zählte schon vor dem Ersten Weltkrieg zu seinen glühendsten Verehrern –, und dann auch des deutschen – es gibt keinen Ideologen, der auf Hitler und Alfred Rosenberg größeren Ein uss ausgeübt hat. Dass Nietzsche sowohl auf seinem ureigensten Gebiet, dem der klassischen Philologie, wie auch als Philosoph ein reiner Scharlatan gewesen ist, und dass die Versuche, mit denen er als Dichter und Komponist dilettiert hat, ohne jeden Wert sind, sei nur am Rande erwähnt. Nur in der Atmosphäre des Imperialismus war es möglich, ihn zu einem großen Denker hochzujubeln. Die deutsche Kultur konnte nicht tiefer sinken als mit der Nietzsche-Mode und dem Nietzsche-Kult. Der Vorgang hängt aufs Engste mit den ökonomisch-gesellschaftlichen Ursachen zusammen, aus denen die beiden Weltkriege hervorgegangen sind. All das ist von bedeutenden Marxisten, aber auch von fortschrittlichen bürgerlichen Philosophie- und Literarhistorikern und von christlichen eologen beider Konfessionen längst klargestellt worden. Es gehört zu den selbstverständlichen Grunderkenntnissen, die den in unserer Republik freundschaftlichen zusammenwirkenden Kräften, den in der Nationale Front der DDR vereinten Parteien und Massenorganisationen und auch uns mit den Kirchen gemeinsam sind. Trotzdem sind bei uns bedauerliche Tatsachen zu verzeichnen: 1) Bei einigen unserer Schriftsteller erfreut sich Nietzsche wachsender Beliebtheit. In Sinn und Form, Heft 6/1985, erklärt zum Beispiel Heiner Müller, ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR, Nietzsche sei Hegel vorzuziehen. 4 9 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 2) Ein Teil unserer Literaturwissenschaftler fordert, unter Verkennung der ausschließlich negativen Wirkung, die Nietzsche auf die europäische und zumal auf die deutsche Literatur des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts ausgeübt hat, und unter Missachtung der einschlägigen marxistisch-leninistischen Urteile, die in keinem Punkt widerlegt oder überholt sind, eine positive Einbeziehung seines Vermächtnisses in unserer Erbe-P ege. Das Buch eines Nietzsche-Verehrers namens Eike Middell, eines philosophischen Ignoranten, das hierfür die Begründung scha en soll, be ndet sich in Vorbereitung. Das Manuskript soll im Sommer 1986 dem Akademie-Verlag vorliegen. Das Zentralinstitut für Literaturgeschichte bei der Akademie der Wissenschaften unterstützt dieses Vorhaben. 3) Mehrere Verlage der DDR planen die Herausgabe von Werken Nietzsches. Mir sind allein drei bekannt: Der Aufbau-Verlag, bei dem Prof. Wolfgang Heise eine vierbändige Auswahl herausbringen will; der Reclam-Verlag, bei dem Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtungen erscheinen sollen; der Kiepenheuer-Verlag. Eine Prachtausgabe des Faksimiles von Nietzsches Ecce homo, besorgt von dem Leiter des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar, Prof. Karlheinz Hahn, wird bereits im Buchhandel der DDR angeboten. 4) In wichtigen kulturpolitischen Zeitschrift der DDR, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, wird bereits eifrig für Nietzsche geworben – von Eike Middell, Renate Reschke, Peter Gosse und, wie gesagt, Heiner Müller. 5) An den Universitäten Berlin und Jena lehren Dozenten der Fachrichtung Philosophie (bzw. Ästhetik), die unter dem Deckmantel »di erenzierender Wertung« für Nietzsche eintreten. Es handelt sich um Prof. Friedrich Tomberg (Jena) und Dr. Renate Reschke (Berlin), die jüngst mit einer Arbeit über und für Nietzsche sogar habilitiert hat. Auf einer Tagung der westdeutschen Nietzsche-Gesellschaft verkündete Frau Reschke frohlockend, dass bei uns in der Nietzsche-Frage »das Eis brechen« werde, wofür einer der reaktionärsten Philosophen der BRD, Günter Rohrmoser, ein eifriger Gefolgsmann und Vertrauter von Josef Strauß, sie mit Lob bedachte. Wie ein o ensichtlich auf einer westlichen »Ostforschungs«tagung vorgetragener Vortrag eines Herrn Kapferer beweist, setzen reaktionäre Kreise im Westen auf eine Reaktivierung des Erbes von Nietzsche durch Tomberg und Reschke bei uns große Ho nungen. Im Zentralinstitut für Philosophie der AdW, Editionsabteilung, setzt sich, dem Vernehmen nach, Dr. Ste en Dietzsch dafür ein, dass in der DDR Nietzsches Werke verö entlicht werden sollen. 5 0 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 6) Die Grabstätte von Nietzsche und seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in Röcken bei Lützen ist längst zu einem Wallfahrtsort geworden. Jetzt soll aber auch im Gästehaus der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten in Weimar das Zimmer, in dem Nietzsche gestorben ist, auf Beschluss der NFG und mit Zustimmung des Ministeriums für Kultur im Zuge der Rekonstruktion des Hauses »gestaltet« werden, unter anderem durch Aufstellung der Nietzsche-Büste Max Klingers. Der Direktor des Zentralinstituts für Philosophie der AdW, Professor Buhr, will sich dazu hergeben, bei diesem Vorhaben beratend mitzuwirken. 7) Ob und in welcher Form Nietzsche, der auf dem Boden der heutigen DDR geboren und gestorben ist, aus Anlass seines bevorstehenden 150. Geburtstages am 15. Oktober 1994 gedacht werden soll, scheint noch unklar zu sein. Auf jeden Fall aber rechnet das Ministerium für Kultur, wie aus einem Brief von Kulturminister H. J. Ho mann an mich vom 1. November 1985 hervorgeht, damit, dass es bei Gelegenheit des Nietzsche-Jubiläums 1994 zu einem Andrang ausländischer Besucher bei uns an den Nietzsche-Stätten, und das besonders in dem Weimarer Gästehaus der NFG, kommen wird. Nimmt man die oben genannten Punkte 1 bis 6 zusammen, so lässt sich klar erkennen, dass Kräfte am Werk sind, die der DDR spätestens für 1994 eine internationale Nietzsche-Ehrung auf ihrem Boden aufzwingen wollen, und dass dies jetzt schon auf den vielfältigsten Ebenen durch Entfachung einer ö entlichen Nietzsche-Diskussion bei uns, durch fortschreitende Einbeziehung Nietzsches in unserer Erbe-P ege vorbereitet und angebahnt wird. Und o ensichtlich gibt es in unserer Republik ein ussreiche Kulturpolitiker, die dem daraus resultierenden Problem ziemlich ratlos, und andere, die ihm mit erstaunlicher Lässigkeit gegenüberstehen. Was mich betri t, so habe ich mich, als Kenner sowohl der europäischen Philosophiegeschichte als auch der Weltliteratur, besonders der deutschen Literatur, ausgewiesen durch Leistungen in Lehre, Forschung, Edition und Eigenpublikation, schon seit Postament des Wagner-Denkmals von Max Klinger, im Klingerhain 1930 5 0 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte langem natürlich auch mit Nietzsche eingehend beschäftigt. In den Jahren 1982 und 1983 widmete ich mich nochmals seinen Werken und auch einem erheblichen Teil der Sekundärliteratur über ihn, mit Einschluss der neuesten. Ich verbürge Ihnen, Herr Ministerpräsident, mein Wort als Wissenschaftler dafür, dass es an dem negativen Urteil solcher bedeutenden Marxisten wie Franz Mehring, Georg Lukács, Hans Günther und anderer über Nietzsche, und wahrlich nicht zuletzt am Wort Ihres Vorgängers im Amt, des unvergessenen Mitbegründers der SED und langjährigen Regierungschefs der DDR, Otto Grotewohl, zu diesem Punkt, auf einer seinerzeitigen Kulturkonferenz der DDR, auch heute keinerlei Abstriche geben kann. Im Gegenteil, die heutige prekäre Weltlage zwingt dazu, Nietzsche, diesen Künder der »blonden Bestie« und des Herrenmenschentums, diesem Verherrlicher des Krieges als eines Selbstzwecks, durch den jede Sache geheiligt werde, den Mann, von dem die SS die Parole »Gefährlich leben!« übernahm, jetzt noch negativer einzuschätzen als je zuvor. In der Welt der Vernunft, des Friedens und der Menschlichkeit, die die DDR, als Glied der sozialistischen Staatengemeinschaft, errichtet hat und weiter ausbaut und in der sie die von ihr mitzugestaltende Zukunft der Menschheit erblickt, kann es für Nietzsches Erbe keinen Raum geben. In dieser Erkenntnis richte ich an Sie, Herr Ministerpräsident, den beschwörenden Appell, sowohl als Mitglied des Politbüros der SED wie auch auf der Ebene Ihrer hohen Staatsämter alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, den eben angedeuteten Missständen und Fehlentwicklungen, die den Sinn sozialistischer Erbe-P ege ins Gegenteil zu verkehren drohen, wirksam und nachhaltig zu begegnen. In den Jahren 1979 bis 1981 habe ich während eines ausgedehnten Auslandsaufenthaltes in Österreich, der BRD, der Schweiz, Spanien, Italien, Westberlin feststellen können, dass die Reaktion dort versucht, in die neu sich formierenden linken Bewegungen, der Jugend, der Frauen, der Natur- und Umweltschützer, der Friedenskämpfer usw., mit Hilfe von Nietzsche Verwirrung hineinzutragen. Es ist sehr leicht, dem entgegenzutreten. Man braucht nur auf Nietzsches Einstellung zur Frage Krieg und Frieden, zu den farbigen Völkern und zur Frauenemanzipation hinzuweisen, und man hat als Kommunist gewonnenes Spiel. Es wäre aber sehr schwer, wenn die DDR sich zu Nietzsches Vermächtnis duldsam verhielte oder es gar in Ihre Erbe-P ege mit einbezöge. Das würde die DKP, SEW, 5 0 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re KPÖ, PdA in ihren intensiven Bemühungen lähmen, unvernünftige Tendenzen bei den neuen linken Gruppierungen überwinden zu helfen und deren gesunde Kräfte wieder an den Marxismus-Leninismus heranzuführen. Auch das bitte ich zu bedenken. Auf der anderen Seite scheint, dem Vernehmen nach, Irritation durch Nietzsche auch in sozialistischen Ländern, sogar in der Sowjetunion, ja, selbst in der VR China, an Boden zu gewinnen. Als das deutschsprachige sozialistische Land hat die DDR, meine ich, auch hier eine besondere Verantwortung dafür, dass diesen ungesunden Tendenzen nicht die geringste Konzession gemacht wird. Seit meiner Rückkehr aus dem Ausland, 1981, habe ich mich, obwohl ich nicht gesund bin und mir in der schöpferischen Arbeit andere, erfreulichere emen sehr viel wichtiger sind, immer wieder darum bemüht, der Gefahr einer Nietzsche-»Renaissance« bei uns entgegenzuwirken. Ich tat es in Gutachten für den Akademie-Verlag; in Briefen an den Stellvertreter des Ministers für Kultur, den Leiter der HV Verlage und Buchhandel, Herrn Klaus Höpcke; in Briefen an den Leiter des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar, Prof. Hahn; in zahlreichen Gesprächen mit zuständigen Wissenschaftlern und interessierten Intellektuellen; schließlich auch in einer Eingabe an den Minister für Kultur, Herrn Ho mann. Zu Ihrer näheren Information, verehrter Herr Ministerpräsident, füge ich dieser meiner Eingabe an Sie die Dokumente dieser Aktivität, soweit sie mir noch vorliegen, hier in der Anlage bei. Weiteren einschlägigen Schriftverkehr könnten Sie, bei Bedarf, bei Klaus Höpcke, dem ich leider nicht immer mit Kopie geschrieben habe, und beim Akademie-Verlag anfordern lassen. Aktueller Anlass meines Schreibens an Sie ist der Umstand, dass mir heute, beim Besuch einer Buchhandlung in der Friedrichstraße, die erste DDR-Publikation eines Werkes von Nietzsche seit 1945 zu Gesicht gekommen ist – ein für mich erschütterndes, nervenaufreibendes Ereignis, geeignet, mir den Schlaf zu rauben. Was das für mich für ein Schlag war, werden Sie nachvollziehen können, wenn Sie sich vorstellen, Sie sähen sich plötzlich bei uns mit, sagen wir, der Zulassung eines SS-Traditionsverbandes konfrontiert. Ihre Worte vom 20. Dezember noch frisch im Gedächtnis, sah ich den einzigen tröstenden Ausweg darin, Sie, verehrter Herr Ministerpräsident, bei der Abwendung eines bösen Unheils für unser Land, für unsere Kultur um Hilfe anzu ehen. In festem Vertrauen darauf, dass Sie helfen werden, wünsche ich Ihnen Gesundheit, Erfolg und Tatkraft für das neue Jahr! In Herzlichkeit und mit dem Ausdruck großer Hochachtung Ihr 5 0 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Klaus Höpcke16 (25. Januar 1986) Lieber Klaus Höpcke! Dr. Heinz Pepperle, dessen Namen Sie mir gegenüber neulich beiläu g fallen ließen, behauptete gestern zu mir, dass das Vorhaben, bei Rütten & Loening bzw. im Aufbau-Verlag eine vierbändige Auswahl von Werken Friedrich Nietzsches zu veranstalten, auf eine Initiative von Ihnen zurückginge und dass Professor Dr. Wolfgang Heise, sehr gegen sein Widerstreben, durch Sie dazu bewogen worden sei, hierbei als Herausgeber und als Verfasser di erenzierender Begleittexte zu fungieren. Ich gehe davon aus, dass dies eine glatte Verleumdung ist. Selbstverständlich werde ich die Angelegenheit streng diskret behandeln (mit der einzigen Ausnahme, dass ich, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, gestern Abend mit meiner Frau darüber gesprochen habe). Es wäre mir aber willkommen, wenn Sie mir Argumente an die Hand gäben, die geeignet wären, mich in dieser meiner Au assung zu bestätigen und mich in die Lage versetzten, derartigem Gerede gegebenenfalls fundiert und mit gebührendem Nachdruck entgegenzutreten. Pepperle ist übrigens der Verfasser des Aufsatzes über Nietzsche, der im Manuskript seit längerer Zeit bei Sinn und Form vorliegt. Dr. Sebastian Kleinschmidt hatte mir von diesem Aufsatz erzählt, sich aber geweigert, mir den Namen des Verfassers zu nennen. Was mich gegen den Aufsatz skeptisch stimmt, ist der Umstand, dass auch Pepperle die Ansicht aller p aumenweichen Liberalen vertritt, Nietzsche werde von Lukács zu »undi erenziert« gesehen. Bei dieser Gelegenheit noch etwas anderes. Der ehemalige Leiter des Aufbau-Verlages, Dr. Fritz-Georg Voigt, Ihr Gegenüber in der Wilhelm-Pieck-Straße 220, ist als in invalidisierter Bypassoperierter ein Leidensgefährte von mir. Zufällig trafen wir uns vor ein paar Tagen, am 21. Januar 1986, im Warteraum unserer gemeinsamen Kardiologin. Dabei kamen wir auch auf das Heisesche Nietzsche-Projekt zu sprechen. Voigt sagte zu mir, die Nietzsche-Renaissance in der DDR habe einen sehr prominenten und ein ussreichen Befürworter in Stefan Hermlin und es sei daher sinnlos, etwas dagegen 16 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 25. Januar 1986, adressiert an Herrn Minister Klaus Höpcke, persönlich. 5 0 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re unternehmen zu wollen. Außerdem teilte Voigt mir mit, dass Heise die Edition von Werken Nietzsches bei Rütten & Loening an Frau Rosemarie Reschke abgeben wolle. In Gesprächen mit Frau Reschke, die auf Veranlassung Heises 1982/1983 stattfanden, habe ich mich davon überzeugen können, dass es sich bei ihr um eine enthusiastische Verehrerin Nietzsches handelt. Dies hat auch Heise in dem Gespräch, das ich mit ihm am 1. Oktober 1985 führte, nicht bestritten. Was Hermlin betri t, so halte ich ihn philosophisch für gänzlich inkompetent. Sein notorischer Hyperliberalismus scheint mir im Übrigen neurotischen Ursprungs zu sein. Andererseits: Rütten (und Loening) war einmal der Verleger des Buches Die Heilige Familie. Kritik der kritischen Kritik, von Friedrich Engels und Karl Marx, Rütten, Frankfurt am Main, 1845. Die Prachtausgabe von Nietzsches Ecco homo ist aus dem Schaufenster der NDPD-Buchhandlung bis jetzt noch nicht verschwunden. Ich muss Ihnen sagen, dass alle diese Dinge mich emotional ungeheuer belasten. Sie rauben mir den Schlaf. Ich bin immer wieder gezwungen, zu stärksten Schlafmitteldosen zu greifen, um nachts überhaupt ein paar Stunden Ruhe nden so können. Sie beeinträchtigen meine sexuelle Potenz, so dass ich auf die Dauer um den Erhalt meines Familienlebens Ängste ausstehen muss. Sie verschlimmern mein Herzleiden. Sie lassen mich bei meiner wissenschaftlichen Arbeit nicht zur Konzentration kommen. Der näher rückende Termin des 1. September 1987, zu dem ich den ersten Band meines Buches über Nicolai Hartmann, in Erfüllung des Vorvertrages, abzuliefern verp ichtet bin, wird mehr und mehr für mich zu einem Albtraum. Der Zustand wird nicht gerade dadurch gelindert, dass die übernommene P icht mit dem Bewusstsein verknüpft ist, für ein Vorhaben, dessen Realisation so, wie die Dinge liegen, von mir nicht mehr garantiert werden kann, nun schon drei Jahre lang aus dem Kulturfonds dotiert worden zu sein. Mit freundlichem Gruß 5 0 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 5 0 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Brief an Stephan Hermlin17 (28. Januar 1986) Ich würde die mir verbleibenden Kräfte gern ganz in den Dienst einer schönen, konstruk ti ven Aufgabe stellen, einer freilich sehr schwierigen, auf dem Gebiet der Philosophiegeschichte. Tag für Tag ringe ich mit dem ungeheuer komplizierten Sto . Was mich immer wieder ablenkt und stört und mir Zeit und Nerven raubt, das ist die Nietzsche-Renaissance, die bei uns aus allen Rattenlöchern kriecht. Seit Jahr und Tag kämpfe ich – mit Verlagsgutachten, mit gesprächsweiser Überzeugungsarbeit, mit Eingaben an Regierungsstellen usw. – dagegen an, dass die reaktionärste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart, dass der wichtigste geistige Wegbereiter des Faschismus bei uns gedruckt, geehrt, mit lobhudelnder Besprechung bedacht und überhaupt in die Erbe-P ege einbezogen wird. Nun höre ich, aus sehr zuverlässiger Quelle, das alles werde doch keinen Sinn haben, da unter anderen Prominenten, die sich für Nietzsche stark machten, auch Sie, mit Ihrem großen Ein uss, sich befänden. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Hermlin für Nietzsche? Hermlin? Der Friedenskämpfer? Der Humanist? Der Antifaschist? Der Kommunist? Ich war drauf und dran, den betre enden Informanten barsch als Verleumder zurecht zu weisen. Mir kam sogar der Gedanke, Sie zu tätiger Mithilfe bei meinen Bemühungen um Abwehr Nietzsches aufzufordern. Und um mich recht einzustimmen in Ihr – versteht sich – grundhumanes Erbe-Verständnis, gri ich zu dem von Ihnen vor zehn Jahren bei Reclam edierten Deutschen Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht. Hätte ich es mir doch schon damals genauer angesehen, mir wäre ein Jahrzehnt euphemistischer Fehleinschätzung Ihrer Person, Herr Hermlin, erspart geblieben. Sie sind es, dem wir Nietzsches Wiederkehr bei uns verdanken. Und was wählten Sie aus? Ausgerechnet das Gedicht An den Mistral. Der Mistral ist ein eiskalter Fallwind, der zwischen Ebromündung und Golf von Genua, wenn er da rast, die Gesundheit zahlreicher Menschen schädigt, Alte und Kranke umbringt, auch aller sonstigen Vegetation äußerst nachteilig ist, jedes Mal. Nietzsche, wie es seine Art ist, preist den Mistral eben deswegen. (Zitat aus dem Gedicht, hier weggelassen.) 17 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 28. Januar 1986, adressiert an Hermlins Privatadresse in Berlin. Unter der Adresse ohne Anrede. Oben auf dem Brief der schreibmaschinenschriftliche Zusatz: »Herrn Minister Klaus Höpcke zur Kenntnis (mit der Bemerkung, dass die für den Mistral erteilte Druckgenehmigung auch nicht gerade ein Ruhmesblatt war).« 5 0 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Von Harich mehrfach verwendeter Anhang 5 0 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ich frage mich, was eigentlich Sie, Herr Hermlin, davon abgehalten hat, sich in jungen Jahren zum Apologeten der »Vernichtung lebensunwerten Lebens« aufzuschwingen? Dichten und Feuilletons schreiben konnten Sie da doch schon. Oder sollten Sie gar nicht gemerkt haben, was es mit dem Tanzlied Nietzsches auf sich hat? Sie nannten sich doch einmal einen spätbürgerlichen Schriftsteller. Sollte das Größenwahn gewesen sein? So weit ich mich zu erinnern vermag, p egten spätbürgerliche Schriftsteller des Lesens mächtig zu sein – und zu verstehen, was sie lasen. Ich wünsche Ihnen einen besseren, würdigeren, angenehmeren Lebensabend, als Nietzsche ihn den Krüppelgreisen, der Krankenbrut, den dürren Brüsten, den mutlosen Augen zu bereiten empfohlen hat. Mögen Sie lange leben und sich bester Gesundheit erfreuen und umhegt und umsorgt und geborgen sein! Aber verschonen Sie uns, bitte, künftighin mit kulturpolitischen Ratschlägen, Herr Hermlin! In Fragen des Kulturerbes, das der sozialistischen Gesellschaft anstünde, sind Sie inkompetent! Und hüten Sie sich vor allem, über Dinge mitreden und mitbe nden zu wollen, für die einzig die marxistisch-leninistische Philosophie und Literaturwissenschaft zuständig ist! Brief an Kurt Hager18 (30. Januar 1986) Lieber Kurt Hager! Haben Sie vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben vom 27. Januar. Es stimmt mich sehr froh. In puncto Nietzsche fällt mir jetzt für mich ein Stein vom Herzen. Und dass Sie nun gar mich in dieser Sache um Rat fragen, erfüllt mich mit so tiefer, dankbarer Genugtuung, dass ich es noch gar nicht fassen kann. Ich beeile mich, Ihnen zu antworten. Für ideal hielte ich folgendes Vorgehen: 1) Erster Schritt: Interne, diskrete Selbstverständigung zu dem Zweck, einen harten Kern marxistischer Nietzsche-Gegner aus Philosophie, Literaturwissenschaft und, nicht zu vergessen, Kulturpolitik zu scha en. Gelegenheit dazu böte ein Klausur-Seminar zum ema Nietzsche, das in diesem oder im nächsten Jahr sowieso, zur Diskussion des einschlägigen Manuskripts von Heinz Malorny, am Zentralinstitut für Philosophie 18 (AH) 7 Blatt, maschinenschriftlich, 30. Januar 1986, adressiert: Herrn Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 5 0 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte der Akademie der Wissenschaften der DDR statt nden soll. Ich schlage vor, es zeitlich vorzuziehen, und zwar so, dass noch rechtzeitig vor dem XI. Parteitag innerparteilich Klarheit über folgende Fragen erzielt werden kann: a) Wo sind die Ursachen der bei uns sich abzeichnenden »Nietzsche-Renaissance« zu suchen? b) In welchen Kreisen, an welchen Schwachpunkten dringt sie vor? c) Welche Argumente führt sie ins Tre en? d) Wie lauten unsere Gegenargumente? e) Was ist, unsererseits, zu tun? Was zu unterlassen? Einleiten sollte die Klausur Malorny mit einem Referat zu diesen Fragen. Einmünden sollte die Diskussion darüber dann in den Entwurf einer Beschlussvorlage, der über den Lehrstuhl Philosophie der Partei-Akademie für Gesellschaftswissenschaften an die Führung der Partei weitergeleitet wird, an Sie. 2) Zweiter Schritt: Knallharte ö entliche Verdammung Nietzsches »ex cathedra«, am besten auf dem Parteitag, am besten durch Sie. Dies scheint mir aus folgenden Gründen dringend nötig: a) Ohne ein Machtwort der Partei ist dem von Ihnen apostrophierten »Schaden, der bereits bei uns an Universitäten und durch Verlagspublikationen angerichtet wurde«, kein Einhalt mehr zu gebieten. b) Unser di erenzierendes Herangehen neuerdings auch an problematische Gestalten deutscher Geschichte und Kultur, das im Falle Luthers, Friedrichs II. von Preußen, Bismarcks und anderer voll zu bejahen ist, das uns politisch stärken, unser Geistesleben bereichern kann, hat den unerwünschten Nebene ekt von Irritationen bei Freunden und Gegnern. Freunde werden vom Sog eines kritiklosen Liberalismus gegenüber beliebigen reaktionären Überlieferungen ergri en. Gegner machen sich das zu Nutze in der Ho nung, eine Atmosphäre scha en zu können, in der alles möglich wird. So muss eine Grenze gesetzt, ein P ock eingerahmt werden: »Bis hierher und nicht weiter!« Der Fall Nietzsche bietet uns eine einzigartige Gelegenheit, genau das jetzt zu tun. Tun wir’s doch! Jeder in der Welt wird uns verstehen. Vom Vatikan bis in die Bonner SPD-Baracke, unter Christen, Liberalen, Demokraten, Reformisten, Grünen, Alterna- 5 1 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re tiven usw. usf. fände niemand es erstaunlich, hätten niemand etwas dagegen, dass Kommunisten mit Nietzsche nichts im Sinn haben; ganz im Gegenteil! c) Die neu gegründeten Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Berlin, zuständig für die Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, brauchen unbedingt, wenn ihre Arbeit nicht schwammig und rückgratlos werden soll, das umfassende, uneingeschränkte und endgültige Nein zu Nietzsche. Das ist die Voraussetzung für ein di erenzierendes Bild all der großen Begabungen, die teils an Nietzsche zu Schanden gingen – wie Richard Dehmel –, teils im Widerspruch gegen ihn, in qualvoller Loslösung von ihm erst zu sich selbst fanden – wie omas Mann –, teils trotz beachtlicher gesellschaftskritischer Leistung bei jeder a rmativen Äußerung ihren unheilbaren, unfreiwillig komischen Übermenschen-Tick verrieten – wie Carl Sternheim usw. usf. d) Es dürfen keine falschen Schlüsse mehr gezogen werden aus dem Umstand, dass die historisch-kritische Nietzsche-Ausgabe der Colli und Montinari aus Archivmaterial in der DDR erarbeitet worden ist. Entweder war das damals ein Fehler von Holtzhauer, begünstigt durch mangelnde Dienstaufsicht seitens des damaligen Kulturministers, dann müsste das gesagt werden. Oder wir haben, wissenschaftsfreundlich, wie wir als Kommunisten sind, den Philologen Gelegenheit zu einer einwandfreien Textedition geboten, die Legendenbildungen erschwert, die aber nicht bedeutet, dass wir den Inhalt des Textes billigten oder ihn bei uns auch nur duldeten. Gesagt werden müsste das dann erst recht, schon um den in seinen Forschungsgegenstand verliebten Herrn Montinari auf seine Grenzen aufmerksam zu machen und seinen hiesigen Freunden einen warnenden Wink zu erteilen. Die zweite Variante hielte ich für die bessere. e) Je früher wir aller Welt unzweideutig klarmachen, dass es in der DDR niemals eine Nietzsche-Ehrung, welcher Art auch immer, gegeben wird, desto besser. Desto leichter wird es uns nämlich fallen, den 150. Geburtstag Nietzsches, 1994, stillschweigend, sang- und klanglos vorübergehen zu lassen. 3) Dritter Schritt: In Auswertung des XI. Parteitages sollte, nun wieder diskret, ohne ö entliches Aufsehen zu erregen, mit Nietzsche-anfälligen Autoren, Verlegern, Dozenten, Literaturforschern usw., individuell, abgestimmt auf die jeweils speziellen Hirngespinste, diskutiert werden, mit Hilfe der wissenschaftlichen Argumente, die der unter 1) genannte »harte Kern« sich erarbeitet hat. Nötigenfalls müssten Sendboten dieses »Kerns« ausschwärmen und sich an die schlimmsten Schadstellen begeben. 5 1 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 4) Negative ankierende Maßnahmen: Verlagen und Redaktionen wird empfohlen, nichts von Nietzsche zu drucken, bei Bezugnahmen auf ihn zu prüfen, ob sie überhaupt nötig sind, und, wenn ja, dafür zu sorgen, dass sie es nicht an kritischer Distanzierung fehlen lassen. Noch wichtiger wäre entsprechende Wachsamkeit gegenüber Lehrveranstaltungen an Hoch- und Fachschulen. Eventuell müsste auch einmal ein Exempel statuiert werden, dass ein Nietzsche-Befürworter als Dozent nicht geduldet wird. 5) Positive ankierende Maßnahmen: Verstärkung der P ege progressiver, humanistischer Überlieferungen. Da gäbe es noch viel zu tun. Da gilt es emen zu bearbeiten, mit denen zur Räson gebrachte Nietzsche-Jünger sich noch und noch nutzbringend beschäftigen ließen. Uns fehlen zum Beispiel die große Ästhetik von Friedrich eodor Vischer – die Marx so wichtig fand, dass er sie exzerpierte – und Hermann Lotzes Geschichte der Ästhetik in Deutschland, beide von der Bourgeoisie aus dem Traditionsbewusstsein verdrängt. Wie wäre es, wenn Prof. Dr. Wolfgang Heise und Frau Dr. Renate Reschke sich daran editorisch und mit marxistischer Kommentierung versuchten, statt bei Rütten & Loening Nietzsche herauszugeben? Oder: Ich behaupte, es gibt eine materialistische Traditionslinie in der deutschen bürgerlichen Philosophie bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, die noch in der Nazizeit ideologischen Widerstand inspiriert hat; Widerstand auch gegen Nietzsche, auch gegen seinen Nazinachfolge, auch gegen die Rassentheorie – im Westen vergessen, bei uns noch terra incognita.19 Nun, im Kontext der drei genannten Schritte und der sie ankierenden Maßnahmen wäre ein Sammelband Stimmen zu Nietzsche, mit ausschließlich negativen Stimmen, nützlich und sinnvoll. Aber ohne derartige Schritte und Maßnahmen, rein für sich genommen, in der Situation, so wie sie jetzt aussieht, wäre es schädlich, die besten marxistischen Kritiken an Nietzsche, die von Mehring, Lukács und Hans Günther, die ja vorliegen, jetzt noch einmal zu einem Band eigens zusammenzufassen. Das würde, als isolierte Aktion, nur au allen und unweigerlich genau die unkontrollierbar ausufern de Diskussion entfachen, die der Gegner uns aufzwingen will, an der aber uns nicht das Geringste gelegen sein kann, weil sie die derzeitige Lage nur noch verschlimmern würde. 19 (AH) Harich meinte damit vor allem Nicolai Hartmann und Friedrich Jodl, für deren Druck in der DDR er sich mehrfach stark machte. Wichtige Hinweise nden sich in den Bänden 9 und, vor allem, 10. Siehe außerdem: Heyer: Zur Rezeption Friedrich Jodls in der DDR, in: Aufklärung und Kritik, Nr. 3: Friedrich Jodl und das Erbe der Aufklärung, 2014, S. 191–198. 5 1 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Das liegt nun daran, dass bei uns seit Jahrzehnten der bis dato scharfsinnigste und unversöhnlichste marxistische Nietzsche-Gegner, Georg Lukács, gewohnheitsgemäß bestenfalls umstritten ist, so dass jeder sich aufgefordert fühlt, an ihm herumzumäkeln. Unsere Nietzscheaner würden also, insbesondere in Rezensionen des Sammelbandes, unter dem Vorwand der Distanzierung von Lukács ihren Nietzsche gegen »undi erenzierte«, »dogmatische«, »längst überholte« Kritik in Schutz nehmen, würden daraus die Forderung ableiten, dem »mündigen Bürger« doch nun endlich mal die Nietzsche-Texte selbst, möglichst in Massenau age, zugänglich zu machen, »damit man sich ein eigenes Urteil bilden kann«, und das würde einer Diskussion die Schleusen ö nen, die so liefe, wie wir es nicht wollen, und der dann Leute wie Malorny völlig hil os gegen- überstünden. Nur im Vergleich zu dieser Möglichkeit hielte ich ein Totschweigen Nietzsches für besser, für das kleinere Übel.20 Heißt das, dass ich dafür plädiere, erst einmal, womöglich »ex cathedra«, die Autorität von Lukács ö entlich wiederherzustellen? Ich schlage vor, andersherum zu verfahren: Erst das Machtwort der Partei gegen Nietzsche, das sehr streng den Rahmen der Meinungsbildung über ihn festlegt; dann der Sammelband – aber gemischt, mit Beiträgen marxistischer und bürgerlich-humanistischer und auch christlicher Nietzsche-Gegner (ganz à la Volksfront, im Stil des VII. Weltkongresses der Komintern, ganz auch im Sinne antifaschistisch-demokratischer Blockpolitik, obendrein mit interessanten Leuten wie, sagen wir, Ferdinand Tönnies, von denen unser »mündiger Bürger« auch nie eine Zeile vorgesetzt bekommen hat). Und damit stellt die Autorität von Lukács sich ganz von selbst wieder her, einfach deswegen, weil seine Nietzsche-Kritik, verglichen mit den nichtmarxistischen, Dank der von ihm meisterhaft gehandhabten materialistisch-dialektischen Methode nun einmal die gescheiteste ist. Bleibt das Problem derjenigen SED-Genossen, die zwar in der Nietzsche-Frage eine im Prinzip durchaus richtige, parteiliche Einstellung haben, jedoch gegenüber Lukács an Berührungsängsten leiden und deswegen von Nietzsche-Anhängern so leicht zu entwa nen sind (ebenso wie von Kafka-Enthusiasten, von Modernismus-Begeisterten e tutti quanti). Diesen Genossen sollten Beispiele aus der Parteigeschichte ins Gedächtnis gerufen werden, in denen schon früher politische und ideologische Gegnerschaft auseinanderkla ten: Lenin und Plechanow zum Beispiel waren in Bezug auf die Stellung zur Revolution von 1905 politische Gegner, was nicht hinderte, dass sie im Kampf gegen den Machismus übereinstimmten, quer durch die politischen Fraktionen, phi- 20 (AH) Harich hatte diesen Satz unterstrichen. 5 1 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte losophisch auch gegen die Machisten in den Reihen der Bolschewiki (im Kampf gegen Bogdanow bestand der Unterschied lediglich darin, dass Plechanow ihn mit »Herr« anredete). Daran lässt sich die Frage knüpfen: Warum soll denn ein politischer Gegner – oder einer, der’s mal war – nicht als Philosoph ein sehr schätzenswerter Marxist sein? (Was nicht ausschließt, dass es, namentlich für eine Partei, die an der Macht ist, politisch taktisch-geboten sein mag, diese schätzenswerte Seite mit ein bisschen Verspätung zu entdecken bzw. wiederzuentdecken.) In bestimmter Hinsicht steht nun die Nietzsche-Kritik von Mehring, Lukács und Hans Günther, so richtig sie in allem ist, in der Tat nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Aber nicht, weil es irgendwelche neuen Erkenntnisse gäbe, die uns nötigten, sie abzuschwächen; ganz im Gegenteil! Die »Links«-Nietzscheaner warten heute mit Legenden auf, von deren Blödsinnigkeit sich Mehring, Lukács und Günther noch gar keinen Begri machen konnten, weil sie damit noch nicht konfrontiert waren. Ich nenne nur die »philologische« Legende, die da besagt, dass Nietzsche, an sich ein ehrenwerter Humanist, nur durch seine böse faschistische Schwester ins Reaktionäre verfälscht worden sei, und dass die neue Edition, von Colli und Montinari, es erlaube, das falsche Bild endlich zu korrigieren. Wie sollte der arme Lukács auch nur die Möglichkeit eines solchen Schwachsinns vorausahnen!! Das ist die eine Seite. Hinzu kommt, andererseits, dass die frühere marxistische Nietzsche-Kritik für unsere heutigen Bedürfnisse im politischen und ideologischen Kampf in vier Punkten nicht ausreicht: 1) Sie rechnet nicht ab mit dem geschworenen Feind jeglicher Frauenemanzipation. 2) Sie lässt Nietzsches geradezu satanischen Rassismus außer acht; o enbar deswegen, weil sich bei ihm philosemitische Äußerungen nden, über denen sein Hass auf die farbigen Völker vergessen wurde, der aber heute, im Zeichen unserer Solidarität mit dem Befreiungskampf der Völker der Dritten Welt, als etwas besonders Schädliches gebrandmarkt werden muss. (Nebenbei bemerkt braucht man sich den viel gerühmten Philosemitismus Nietzsches nur etwas genauer anzusehen, und er verursacht einen ebensolchen Brechreiz wie die antisemitischen Stellen, die sich bei ihm durchaus auch nachweisen lassen. Zum Beispiel sagt Nietzsche einmal sinngemäß: »Ja, die Juden, die 5 1 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sind wundervoll, die haben Geist und haben Geld. Die müssten sich nur noch mit den ostelbischen Junkern vermischen, und das ergäbe dann die Herrenrasse, die berufen wäre, Europa zu beherrschen!« Ich möchte den heutigen Juden sehen, und sei er Partei gän ger des Likutblocks, der sich für einen solchen Philosemitismus nicht schönstes bedanken würde!) 3) Vernachlässigt wird – man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist so – von Mehring, Lukács und Hans Günther Nietzsches extrem reaktionäre Rolle bei der Verherrlichung des Krieges als Selbstzweck. Das tritt bei diesen bedeutenden Marxisten, aus ihrer Zeit heraus verständlich, hinter der Polemik gegen Nietzsche als Feind der Arbeiterklasse zurück. Nietzsche greift, beispielsweise, im Zarathustra die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen auf und gibt ihr die folgende Wendung: »Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: Der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt!« Allein wegen dieses Ausspruchs muss Nietzsche heute von uns in Grund und Boden verdammt werden, ohne Pardon, und das muss heute überhaupt die wichtigste Begründung für seine totale und endgültige Ablehnung sein!!! 4) Lukács arbeitet mit unübertre ichem Scharfsinn, mit genialer Handhabung seines ideologiekritischen Seziermessers die Momente der Kontinuität heraus, die Nietzsche mit den reaktionären Ideologien Schopenhauers und Wagners verbinden. Dabei versäumt er aber – ebenso wie bisher alle Marxisten, von Mehring bis Malorny –, darauf hinzuweisen, dass in einer Kernfrage der Humanität, nämlich gegenüber der Alternative Mitgefühl oder Grausamkeit, zwischen Schopenhauer und Wagner auf der einen und Nietzsche auf der anderen Seite ein Gegensatz besteht, wie er krasser nicht gedacht werden kann. Und eben in dieser Frage hatte unser Karl Marx – worüber wir durch Franziska Kugelmann unterrichtet sind – für Schopenhauer eine stille Vorliebe. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin weit entfernt davon, daraus den Schluss zu ziehen, dass wir uns für den ansonst erzreaktionären Schopenhauer begeistern sollten. Aber es ist wichtig, heute, angesichts zunehmender Gefühllosigkeit gegenüber Grausamkeit und Brutalität, unserer vor den Bildschirmen hockenden Jugend mit aller Klarheit einzuschärfen: Der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus steht nicht nur mit Goethe (»Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«), er steht sogar auch mit dem reaktionären, pessimistischen Schopenhauer (»Nichts empört so im tiefsten Grunde 5 1 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte unser moralisches Gefühl wie Grausamkeit«) Seite an Seite gegen Nietzsche, der das menschliche Mitgefühl verächtlich gemacht, die Abtötung des Gewissens gepredigt und in höchsten Tönen die »schöne« Grausamkeit gefeiert hat. Dies klarzustellen ist, übrigens, schon deswegen nötig, damit im Rahmen des Sammelbandes die christliche Nietzsche-Kritik uns darin nicht den Rang abläuft. In dieser Frage dürfen wir uns von niemandem übertre en lassen, und der Hinweis auf Marx’ Einstellung zu Schopenhauer erhöht in eben dieser Frage unsere Glaubwürdigkeit. Kurz, ich bin, unter den genannten Voraussetzungen und mit der vorgeschlagenen Erweiterung, für den Anti-Nietzsche-Sammelband. Ich bin auch sehr dafür, dass Malorny den Band betreut und als sein Herausgeber zeichnet. Ein Exposee von mir, dass ich 1982 einmal für den Akademie-Verlag verfasst habe, könnte dabei hilfreich sein. Malorny sollte den Band aber mit einer Einleitung versehen, der die marxistische Nietzsche-Kritik, ohne jedwede negative, herabsetzende Wertung des von Mehring, Lukács und Hans Günther Geleisteten, in den eben aufgeführten Punkten zeitgemäß ergänzt. Ich kenne Malorny; wir verstehen uns ausgezeichnet, und ich wäre, wenn er dies wünschen sollte, bereit, ihm bei dieser Arbeit zu helfen. Nur möchte ich nicht, dass meine Hilfe, wie seinerzeit bei der Feuerbach-Ausgabe im Zusammenwirken mit Schu enhauer, in zeitraubendem redaktionellen und philologischen Subalternkram besteht. Ich sitze an einer sehr anspruchsvollen und schwierigen Arbeit, über Nicolai Hartmann, die meine Kräfte ausgelastet und die ich, a la longue, für wichtiger halte als alles, was mit dem ekelhaften Nietzsche zusammenhängt. Ich darf nochmals meiner Freude und Dankbarkeit darüber Ausdruck verleihen, dass Sie eine Meinungsäußerung von mir erbeten haben, und schließe mit der Versicherung, dass Sie, lieber, verehrter Kurt Hager, mit mir rechnen können! Auch Herrn Ministerpräsidenten Willi Stoph bitte ich meinen Dank für die Klarstellung zu übermitteln, die er auf der kürzlichen Tagung des Nationalen Rates der DDR für die P ege deutschen Kulturerbes formuliert hat. In großer Herzlichkeit und mit allen guten Wünschen Ihr 5 1 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Brief an Kurt Hager21 (04. Juni 1986) Lieber Kurt Hager! Die Nietzsche-Frage bereitet mir leider nach wie vor Sorge. Deshalb erlaube ich mir, mich, anknüpfend an unseren Briefwechsel vom Jahresbeginn, heute nochmals an Sie zu wenden. Gestern erstand ich eine Neuerscheinung aus dem Dietz-Verlag: Die SED und das kulturelle Erbe, voller Ho nung, darin Unterstützung für mein Anliegen zu nden. In mancher Hinsicht sah ich mich enttäuscht. Auf Seite 40 wird eine völlig richtige Äu- ßerung Johannes R. Bechers gegen »linke« Nietzsche-Anhänger mit einer mir suspekt vorkommenden Einschränkung versehen. Auf Seite 424 ist von »reaktionären Elementen« in der Philosophie Nietzsches die Rede, so als gäbe es da auch noch andere. Auf Seite 429 fordert man eine »wissenschaftlich-kritische Durchsicht (sic!) spätbürgerlich-philosophischer Positionen, wie sie etwa in dem folgenreichen (sic!) Werk Friedrich Nietzsches vorliegen«, statt dass zum Kampf gegen dessen in jeder Hinsicht verhängnisvolles Vermächtnis aufgerufen würde. Es sind nur Nuancen. Aber seit der scheinbar so wenig besagen Di erenz zwischen der Leninschen und der Martowschen Formulierung im § 1 des Statuts, London anno 1903, wissen wir doch, was alles in Parteitexten hinter Nuancen stecken kann. Ich werde den Argwohn nicht los, dass das von Horst Haase geleitete Autorenkollektiv mit Bedacht Formulierung gewählt hat, die der Partei zumindest die Option o en halten sollen, irgendwann einmal die Einbeziehung Nietzsches, wenigstens von Teilen seines Werks, in die Erbe-P ege der DDR zu bewerkstelligen. Das derartige Erwägungen in der Gewi-Akademie beim ZK, in deren Institut für Marxistisch-Leninistische Kultur- und Kunstwissenschaften, aufkommen können, nde ich schlimm. Ganz unverhältnismäßiges Lob spenden Haase und seine Mitarbeiter auf Seite 429 auch dem von Stephan Hermlin 1976 im Auftrag der Akademie der Künste herausgegebenen Deutschen Lesebuch, das, wie sie meinen, »ein glanzvolles Panorama der nationalen humanistischen und revolutionären literarischen Tradition« darbietet. Hermlin, 21 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 04. Juni 1986, adressiert: Herrn Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 5 1 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte o enbar verführt durch seinen für Inhalte blinden Sprachästhetizismus, hat in diese Sammlung Nietzsches Gedicht An den Mistral aufgenommen (S. 504 bis 506), dessen Verse 7 bis 9 einst wichtig gewesen sind für die ideologische Vorbereitung der faschistischen »Vernichtung lebensunwerten Lebens« (a. a. O., S. 505 f.). Ich habe die Verse neulich einer mir nahestehenden Frau gezeigt, die seit 20 Jahren als Krankenschwester tätig ist, davon die letzten 4 Jahre auf der Intensivstation der Rettungsstelle im Krankenhaus Friedrichshain. Sie brach, fassungslos darüber, dass dergleichen bei uns erscheinen kann, in Tränen aus. Humanistische Tradition? Revolutionäre Tradition? Glanzvolles Panorama? »Das Lesebuch vereinigt deutsche Stimmen des Humanen«, erklärt Hermlin in seinem Geleitwort (a. a.O., S. 20). Ich kann da nur den Kopf schütteln. Vor solchem Hintergrund bitte ich Sie, lieber Kurt Hager, den Unmut zu sehen, in den mich nun ein Brief versetzt, den ich, mit dem bedruckten Kopf des Ministeriums für Kultur, mit dem Datum des 2. Juni, heute von Klaus Höpcke erhalte. Es geht darin um den Plan der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar, bei der Rekonstruktion ihres Gästehauses, des ehemaligen Nietzsche-Archivs, die Räume, in denen Nietzsche zuletzt gelebt hat und gestorben ist, zu »gestalten«, unter anderem durch Aufstellung der Nietzsche-Büste Max Klingers (von 1904). Am 8. Oktober 1985 hatte ich eine Eingabe an den Minister für Kultur, Dr. Hans-Joachim Ho mann, gerichtet, mit der dringenden Bitte, dieses Vorhaben zu vereiteln. Ich erhielt einen abschlägigen Bescheid, Anfang November. Eine Kopie meiner Eingabe und die Antwort des Ministers fügte ich dann den Anlagen bei, mit denen ich mein Gesuch an den Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Herrn Willi Stoph, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, am 22. Dezember 1985 versah. Auf dieses Gesuch und die Beilagen haben dann Sie mir am 27. Januar 1986 überaus freundlich und mit lebhafter Zustimmung geantwortet. Sie kündigten an, gegen die schädlichen Aktivitäten, die auf die Herbeiführung einer Nietzsche-Renaissance in der DDR abzielen, die erforderlichen Maßnahmen zu veranlassen. Ich musste annehmen, dass damit jener Plan der NFG Weimar gestorben sei. Dem Schreiben Höpckes an mich entnehme ich jetzt, dass das nicht der Fall ist. Ich füge das Schreiben hier bei. Es scheint mir zu beweisen, dass eine Empfehlung von Ihrer Seite bei der zuständigen Stelle weiter unten gar nicht angekommen ist oder von ihr nicht voll verstanden wird. 5 1 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Die Sache wird, meines Erachtens, dadurch nicht besser, sondern eher noch schlimmer, dass DDR-Bürger zu besagten Räumen gar keinen Zugang haben sollen, es sei denn, es handelt sich um Wissenschaftler, die Studienzwecken nachgehen. So etwas kann doch nur böses Blut scha en, und das bei allen Beteiligten. Leute wie Malorny oder ich werden sich darüber ärgern, dass da die Büste steht, und Nietzsche-Freunde darüber, dass sie sie nicht sehen und bekränzen dürfen, dass das »mal wieder« den Ausländern vorbehalten bleibt (wie die obere Etage im Restaurant des Hotels »Metropol«, wo gegen Devisen gespeist wird). Und was soll man sich unter jenen »Studienzwecken« eigentlich vorstellen, was unter der »Auseinandersetzung« mit Nietzsche, für die Professor Dr. Manfred Buhr und seine Mitarbeiter geeignete Materialien in jene Räume zu scha en versprochen haben? Malorny erzählt mir, Buhr hätte diese Aufgabe zwar übernommen, stünde aber nun der Frage, wie sie gelöst werden könne, ziemlich ratlos gegenüber. Und wie auch nicht? Soll etwa der Jugendstil Van de Veldes mit Transparenten überdeckt werden, auf denen Aussprüche Otto Grotewohls und Johannes R. Bechers gegen Nietzsche zu lesen sind? Oder will man Vitrinen aufstellen, in denen Bücher von Mehring, Lukács und Hans Günther gezeigt werden, worin Polemiken gegen Nietzsches Philosophie zu nden sind? Damit würden wir uns doch bei denselben Ausländern, denen wir mit der »Gestaltung der Räume« einen Gefallen zu tun ho en, nur lächerlich machen! Hämische Feuilletons der Westgazetten gegen unseren Nietzsche-Krampf werden nicht lange auf sich warten lassen. Es wird einen Skandal geben. Und einen zweiten Skandal wird es geben, wenn uns, zwecks Behebung des ersten, nichts anderes übrig bleiben wird, als Büste, Vitrinen und Spruchbänder aus unserem Nietzsche-O enstall wieder zu entfernen. Es ist doch würdiger, in dem ominösen Haus mit der Ignorierung Nietzsches ungeniert fortzufahren, nachdem sie sich durch Jahrzehnte bestens bewährt hat. Überlassen wir es doch der Kirche, für die Seele des Mannes, der sich großspurig den »Antichrist« nannte, zu beten! Verweisen wir Ausländer, die seiner gedenken möchten, doch an den Friedhof in Röcken bei Lützen! Bekennen wir uns doch dazu, dass wir mit ihm nichts zu tun haben wollen! Und falls die Devisen, die uns ein Tourismus ins »Nietzsche-Land DDR« einbringen könnte, nicht zu verschmerzen sein sollten, dann brächte uns ein Verkauf des gesamten Nietzsche-Nachlasses an, sagen wir, die Bibliothek des Britischen Museums in London (aber bitte nicht an irgend eine Institution in der BRD und bitte auch nicht an die Universität Basel!!!) doch sehr, sehr viel mehr ein. Lieber, verehrter Kurt 5 1 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Hager, bringen Sie doch diesen Einfall einmal dem Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK Günter Mittag nahe. Ich bin überzeugt davon, dass er ihn schmunzelnd akzeptieren wird. Erinnern darf ich Sie bei dieser Gelegenheit noch einmal an die Denkschrift vom 30. Januar 1986, die ich Ihnen zur Beantwortung Ihres Schreibens vom 27. Januar übermittelt habe. Es war sicher verfrüht und übereilt, dass ich darin ein internes Selbstverständigung-Kolloquium noch vor dem XI. Parteitag vorgeschlagen habe. Aber an den sonstigen darin geäußerten Gedanken möchte ich doch festhalten und Sie bitten, sie sich jetzt, nachdem der Parteitag vorbei ist, nochmals anzusehen. (Sicherheitshalber füge ich Ihnen hier auch noch eine Kopie dieser Denkschrift bei. Sie brauchen Sie mir nicht zurückzuschicken; ich habe noch einen zweiten Durchschlag.) In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen aber, auch auf die Gefahr hin, leicht intrigant zu erscheinen, eine Information nicht länger vorenthalten, die vielleicht erklärt, worauf das Stocken der fälligen internen Abrechnung mit »linker« Nietzsche-Nachfolge bei uns zurückzuführen ist. Es gibt bei uns einen »Rat für Grundfragen der ideologischen Klassenauseinandersetzung zwischen Sozialismus und Imperialismus«. Die Philosophie ist darin vertreten durch die Herren Professoren Dr. Eberhard Fromm (von der Gewi-Akademie beim ZK), Dr. Manfred Buhr (ZI für Philosophie der AdW), Dr. Reinhard Mocek (Universität Halle) und Dr. Friedrich Tomberg (Universität Jena). Mit Tomberg ist da, wie man so sagt, ein Bock zum Gärtner gemacht worden. Denn Tomberg befürwortet Nietzsche. Er tut das in einem solchen Maße, dass er für eine Neuedition von Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen, die, unbegrei icherweise, beim Reclam-Verlag Leipzig vorbereitet wurde, eine Einleitung bzw. ein Nachwort verfasst hat, worin Nietzsches »Übermensch« als Vorahnung dessen gefeiert wird, was den Marxisten als der »neue Mensch« des Sozialismus/Kommunismus vorschwebt; an einem schro ablehnenden Gutachten Malornys, das besonders diese Ungeheuerlichkeit beanstandet, ist das Verlagsvorhaben gescheitert. Professor Mocek, Halle, nahm eine weiche, unschlüssige Haltung zu Nietzsche ein, so lange, bis ich ihn in einem langen, für mich sehr anstrengenden Gespräch, am 8. Mai in meiner Wohnung, nach vorausgegangener einschlägiger Korrespondenz eines Besseren belehrte. Bei dieser Zusammenkunft nun äußerte Mocek die Vermutung, dass die nötige interne Selbstverständigung über Nietzsche von Buhr hinausgezögert werde, 5 2 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re weil der befürchte, dass sie sein gutes Einvernehmen mit Tomberg, besonders in jenem »Rat für Grundfragen etc.«, stören könne. Buhr ist, andererseits, aber auch in das Weimarer Vorhaben verwickelt. Und Frau Buhr, wiederum, ist zuständig für Philosophie im Büro Höpckes, der das Weimarer Vorhaben nach wie vor verteidigt. Mir drängt sich bei alledem der Eindruck einer personellen Ver lzung auf. Es ist gewiss kein materiell motivierter Filz, schon gar kein politisch oder ideologisch feindlicher. Aber von einem Filz aus Lässigkeit und Schlendrian wird man, denke ich, sprechen dürfen. Der unmittelbare Auslöser meiner Eingabe vom 22. Dezember 1985 an den Vorsitzenden des Ministerrates der DDR war der mich alarmierende Anblick der Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Ecce homo im Schaufenster eines Buchladens in der Friedrichstraße. Als ich Höpcke im Januar davon berichtete – noch bevor Ihr Schreiben bei mir eintraf –, da meinte Höpcke nur: »Was? Diese Ausgabe sollte doch nur für das andere, das schmutzige Geld zu haben sein, und auf einmal wird sie in unserem Buchhandel vertrieben? Na sowas!« Aus jener Buchhandlung in der Friedrichstraße, im Haus der NDPD-Führung und des Verlags der Nation, verschwand der Nietzsche denn auch prompt. Aber noch im April stand er in der Chausseestraße im Schaufenster ausgerechnet der Brecht-Buchhandlung und noch im Mai konnte man ihn in dieser kaufen. Beide Buchhandlungen liegen etwa 200 Meter voneinander entfernt, eine Strecke, die zu durchmessen dem Schlendrian und der Lässigkeit bereits schwerfällt. Dies schreibt nicht nur der Bürger Harich an den Staatsmann Hager. Es schreibt auch ein alter Mann an einen noch älteren. Es hat, long, long ago, tiefgreifende Kon ikte zwischen uns gegeben (die von meiner Seite nur zu bereuen sind). Aber hätten wir uns je träumen lassen, dass wir irgendwann noch einmal zur Verteidigung von Selbstverständlichkeiten fest würden zusammenstehen müssen? Es gibt keinen lieben Gott im Himmel, und der Regen fällt von oben nach unten. So, genau so selbstverständlich sollte es sein, dass Nietzsche für Sozialisten einfach indiskutabel ist, dass es für ihn in einer sozialistischen Gesellschaft keinen Millimeter Raum geben darf. Plötzlich ist das nicht mehr selbstverständlich. Das muss uns alte Männer, die noch zu Füßen von Hermann Duncker gesessen haben, auf die höchste Alarmstufe bringen. Mögen unsere Jugendträume ein bisschen übertrieben gewesen sein, heilig müssen sie uns bleiben, bis zum letzten Atemzug, und ihnen sind wir schuldig, unseren Lebensrest, die uns noch verbliebenen Energien mit aller Beharrlichkeit dafür zu nutzen, dass in 5 2 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte gewissen Kern- und Grundfragen der ideologischen, der philosophischen, der kulturellen Entwicklung die Weichen richtig gestellt bleiben und dass eine Kerntruppe von jungen Marxisten da ist, die auch nach uns unbeirrbar dafür sorgt, dass sie nicht ins Rutschen geraten. In diesem Sinne können Sie fest auf mich bauen. Voller Vertrauen und mit allen guten Wünschen grüße ich Sie in Herzlichkeit. Ihr Brief an Stephan Hermlin22 (09. Mai 1987) Lieber Stephan Hermlin! Du trittst überall mit der Beteuerung auf, dass es unverö entlichte Manuskripte, die unterdrückt würden, bei uns nicht gäbe. Aus eigener Erfahrung weiß ich es besser. Zwei Beiträge von mir, die, für Zeitschriften verfasst, thematisch gut zueinander passen und so zusammen auch ein Buch ergäben, werden unterdrückt. Mit dieser Mitteilung verbinde ich die Erwartung, dass jetzt Du Dich meiner Sache annimmst und damit von einer günstigen Gelegenheit Gebrauch machst, Deine eigene Glaubwürdigkeit zu retten. Hier die Tatsachen: Die Mäkelei und Besserwisserei, mit der hierzulande Georg Lukács von inkompetenten Leuten bekrittelt zu werden p egt – und das geschah auch anlässlich seines 100. Geburtstages –, verdrießt mich seit langem. Als ich feststellte, dass Bücher von ihm mit Nachworten versehen werden, in denen Gegner seiner Positionen ihn von rechts kritisieren, etwa mit Argumenten Adornos, beschwerte ich mich darüber bei Klaus Höpcke. Er empfahl mir, hierzu einen Aufsatz für die Weimarer Beiträge zu schreiben. Das tat ich. Der Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! lag deren Redaktion im Mai 1986 vor.23 Am 23. Juni erschien bei mir der Chefredakteur, Siegfried Rönisch, und setzte mir in einer langen Aussprache seine Änderungswünsche auseinander. Denen trug ich in zwei Umarbeitungen, die mich große Mühe kosteten, Rechnung. Anfang August händigte ich Rönisch die dritte Fassung aus. Daraufhin hörte ich sechs Wochen lang nichts mehr. 22 (AH) 13 Blatt, maschinenschriftlich, 09. Mai 1987, adressiert: Hermlins Privatadresse. 23 (AH) Im 9. Band sind dieser erste Version (Mai 1986) und die Version letzter Hand (August 1986) des Aufsatzes Mehr Respekt vor Lukács! abgedruckt (S. 433–461). Dort alle weiteren Informationen. 5 2 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re In der Annahme, nun sei alles in Ordnung, bat ich die Redaktion am 18. September, mir die Korrekturfahnen an meine Urlaubsadresse zu schicken. Zu meiner Verblü ung wurde mir erö net, das Redaktionskollegium hätte beschlossen, den Beitrag so nicht zu bringen. Worin eine weitere Änderung bestehen sollte, wusste mir konkret niemand zu sagen. Ich zog den Aufsatz zurück und bot ihn nun Max Walter Schulz für Sinn und Form an. Der hatte zwar, wie er mir schrieb, gegen den Inhalt keine Einwände, erklärte sich jedoch, mit Rücksicht auf die strenge Essay-Tradition der von ihm geleiteten Zeitschrift, außer Stande, die inhaltlich sehr wichtigen Anmerkungen, auf die ich großen Wert lege, mit abzudrucken. Da es Vorbehalte gegen Anmerkungen in der damit stets reich gesegneten Deutschen Zeitschrift für Philosophie nicht geben kann, leitete Sebastian Kleinschmidt über seinen Kollegen Ste en Dietzsch das Manuskript an deren Chefredakteur, Günter Klimaszewsky, weiter. Dieser soll es sich gar nicht erst angesehen haben. Jedenfalls entschied er noch am selben Tage, es nicht bringen zu wollen, obwohl es, wohlgemerkt, streckenweise philosophischen Inhalts ist und daher auch in die Deutsche Zeitschrift für Philosophie gepasst hätte; in sie vielleicht am besten. Im November erhielt ich das Manuskript von Sinn und Form zurück. Was ich an dieser Geschichte am empörendsten fand, war der Umstand, dass die Weimarer Beiträge bei alledem nicht einmal das Redaktionsgeheimnis gewahrt hatten. Von zwei Literarhistorikern aus dem Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR hörte ich, dass ihnen – und nicht nur ihnen – mein Beitrag zur Lektüre zugänglich gemacht worden sei. Im Institut sei übrigens über ihn diskutiert worden. Der eine fügte hinzu, sogar im Schriftstellerverband habe eine Diskussion darüber stattgefunden. Beide kannten den Inhalt in- und auswendig. Nun entschloss ich mich, von Möglichkeiten einer Verö entlichung im Ausland Gebrauch zu machen; aber nicht, ohne vorher Kurt Hager hierzu um eine Stellungnahme zu ersuchen. Er bat um das Manuskript. Noch am selben Tage, an dem ich seinen diesbezüglichen Brief erhielt, am 4. Dezember 1986, brachte ich es zur Poststelle des Zentralkomitees am Marx-Engels-Platz. Seither schmort es in seinem Sekretariat. Bis zum heutigen Tage hat er sich weder zu einer schriftlichen Äußerung darüber noch zu einem einschlägigen Gespräch mit mir aufra en können. Und davon, dass er, meiner Bitte entsprechend, den Weimarer Beiträgen oder einer der beiden anderen in Betracht 5 2 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte kommenden Zeitschriften der DDR den Abdruck empfohlen hätte, konnte erst recht keine Rede sein. Zum Redaktionsschluss, Weihnachten 1986, ist die einzige Kopie meiner Arbeit dann an die linkssozialistische Zeitschrift Aufrisse, die in Wien erscheint, gegangen. André Müller, Mitglied der DKP, ein Freund von Peter Hacks und mir, wollte den identischen Text in der bundesdeutschen Kulturbundzeitschrift Kultur & Gesellschaft, Köln, abdrucken. Von beiden bevorstehenden Auslandspublikationen unterrichtete ich am 5. Januar dieses Jahres telefonisch das Büro Hager und schlug dabei vor, sie jeweils im Vorspann als Vorabdrucke einer in den Weimarer Beiträgen erfolgenden Verö entlichung zu deklarieren. Hager ließ mir ausrichten, dies sei über üssig; im Übrigen werde er sich bei mir mit einer Stellungnahme melden. Sie ist bis heute nicht erfolgt. Nun zu der zweiten Geschichte. Sie betri t Nietzsche. Es bereitet mir seit Jahren gro- ße Sorgen, dass die Nietzsche-Renaissance aus dem Westen auch auf unserer Republik übergreift. 1985, kurz vor Weihnachten, kam bei uns im Buchhandel eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Ecce homo heraus. Kurz zuvor hatte Willi Stoph, vor einem Gremium, das für die P ege nationalen Kulturerbes bei uns zuständig ist, betont, dass in der DDR »alles Große und Edle, alles Humanistische und Revolutionäre« aus deutscher Vergangenheit geehrt und gep egt würde, wir aber keinerlei Wert auf reaktionäre Traditionen legten. In einer Eingabe, datiert vom 22. Dezember 1985, nahm ich Stoph beim Wort und bat ihn, dagegen einzuschreiten, dass bei uns in zunehmendem Maße auch Nietzsche in die Erbep ege einbezogen wird. Unter anderem wies ich ihn darauf hin, dass im Oktober 1985 mein Protest gegen das schamlose Vorhaben der NFG Weimar, die Nietzsche-Büste von Max Klinger aufzustellen, von Kulturminister Ho mann zurückgewiesen worden war. Nicht von Stoph, sondern von Kurt Hager erhielt ich im Januar 1986 eine Antwort. Hager dankte mir für mein Brief, erklärte sich in allem Wesentlichen mit mir einverstanden und bat mich am Ende seiner Ausführungen sogar um Ratschläge. Datiert vom 30. Januar (sic!) ließ ich ihm eine Denkschrift mit detaillierten Vorschlägen zugehen. Da ich auch in diesem Falle, wie bei Lukács, siehe oben, die Angelegenheit nicht in die Ö entlichkeit tragen wollte, war der Kern dessen, was ich da empfahl, eine diskrete, interne Selbstverständigung unter sachkundigen marxistischen Philosophen, Literar- 5 2 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re historikern, Kulturhistorikern und Kulturpolitiker. Hager antwortete mir nicht mehr. Im Sommer 1986 häuften sich die Anzeichen einer bei uns bevorstehenden Nietzsche-Renaissance. Am 4. Juni wandte ich mich erneut an Hager und fügte dem Brief eine Kopie meiner Denkschrift vom Januar bei. Es rührte sich nichts. Dann erschien in Heft 5, 1986 von Sinn und Form der Nietzsche-Aufsatz von Heinz Pepperle – eine mit durchsichtig pseudo-kritischen Vorbehalten sich absichernde Nietzsche-Apologie, verfasst von einem subalternen Burschen, der keine Ahnung hat, aber, so wie die Dinge nun einmal leider liegen, außerordentlich geeignet scheint, den Befürwortern der Einbeziehung Nietzsches in unserer Erbep ege die ihnen erwünschte Schützenhilfe zu leisten. Ich schäumte vor Wut, als Höpcke mir auf eine Anfrage hin schrieb, dieser doch sehr kritische Artikel erfülle den Zweck, die Diskussion über Nietzsche bei uns »einzugrenzen«, und sich seinerseits auch für die Aufstellung der Klingerschen Nietzsche-Büste in Weimar aussprach. Da Höpcke außerdem keinen Finger dafür gerührt hatte, für den Abdruck meines – von ihm selber angeregten – Lukács-Beitrages in den Weimarer Beiträgen zu sorgen, brach ich in einem geharnischten Schreiben alle Beziehungen zu ihm ab. Max Walter Schulz wollte, anscheinend als Exekutor der Höpckeschen »Eingrenzungs« direktive, kritische Zuschriften zu Pepperle auf höchstens fünf Seiten begrenzt wissen. Monatelang bemühte ich mich damit ab, in diesen engen Rahmen das zu pressen, was ich zu sagen hatte. Es war nicht zu machen. Es ging einfach nicht. Im Januar teilte ich Schulz das mit und beanspruchte für meinen Beitrag dieselbe Länge, die Pepperle zugebilligt worden war. Unter Berufung auf einem Beschluss der Redaktion von Sinn und Form, es zu einer ausufernden Diskussionen über Nietzsche, die diesen erst populär machen würde, nicht kommen zu lassen, und mit Anspielung auf ein eigenes »kurzes Telefongespräch« mit Hager, der mit mir selber sprechen werde, wies Schulz meine Forderung zurück. Ich selbst war gegen eine ö entliche Nietzsche-Diskussion gewesen. Von mir stammte der Vorschlag der internen, diskreten Selbstverständigung. Die Gegenseite hatte mit Hilfe Pepperles das ö entliche Plädoyer für Nietzsche gewagt. So sah nun auch ich mich zu ö entlicher Polemik gegen Pepperle gezwungen. Wieder, wie bei den drei Fassungen meiner Arbeit zu Lukács, nahm ich, ein schwer herzkranker Mann, Invalidenrentner seit acht Jahren, von einer di zilen philosophischen Arbeit zu anderen, unerfreulicheren emen unnötig abgelenkt, riesige Mühe auf mich, um in der kürzest 5 2 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte möglichen Form meine Ansichten über Nietzsche, soweit sie von den einschlägigen Einschätzungen Mehrings, Lukács’ und Hans Günthers im Hinblick auf die heutige, neue Problemsituation abweichen, darzulegen und bei der Gelegenheit den horrenden Irrtümern Pepperles (zum Beispiel, dass Nietzsche kein Rassist gewesen sei, dass sein Gedanke des Übermenschen sich schon bei Herder, Goethe, Jean Paul und dem jungen Marx fände usw. usf.) entgegenzutreten. Nach Ablieferung meines Beitrages wimmelte Max Walter Schulz mich mit der unerträglichen Zumutung ab, ich solle mich mit dem Abdruck nur der Hälfte des von mir Geschrieben zufrieden geben und es ganz der Redaktion überlassen, wann sie das verö entlichen werde. Als ich darauf nicht einging, stellte Schulz mich als jemanden hin, der »Alles oder Nichts« fordere und damit ein »Spiel« treibe, das halt auch das Risiko des Nichts in sich berge. Nun frage ich Dich: Wer ist Pepperle, gemessen an mir? Wie kann man es wagen, einer solchen Niete, von der – und sie ist immerhin 56 Jahre alt – bislang nichts Nennenswertes vorliegt (in diesem Alter lagen meine beiden Jean-Paul-Bücher seit zehn bzw. fünf Jahren vor) –, in Sinn und Form 36 Seiten zur Verfügung zu stellen und mir nur etwa die Hälfte davon zuzubilligen? Am 10. März habe ich mich mit einer Beschwerde an Erich Honecker gewandt. Seine Antwort traf bei mir am 2. April ein. Honecker schreibt mir, meine Mitarbeit auf den wichtigen Gebieten der Philosophie und Literaturwissenschaft werde bei uns begrüßt und gewünscht. Und: »Ich meine, dass keine Vorteile gegen Sie bestehen und die alten Geschichten erledigt sind. Wie gesagt: Wir wünschen Ihre Mitarbeit auf kulturpolitischem Gebiet und ho en auf eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den entsprechenden kulturellen Institution. Über Ihr Schreiben habe ich Genossen Hager verständigt, der sich mit Ihnen in Verbindung setzen wird.« Bis heute hat sich Hager nicht mit mir in Verbindung gesetzt, obwohl seit 4. Dezember mein Lukács-Beitrag im Originalmanuskript bei ihm liegt und er seit Januar über meine Polemik in Sachen Nietzsche gegen Pepperle unterrichtet ist. Wie ist sein Verhalten zu erklären? Ich sehe nur zwei Möglichkeiten. Manche meinen, Hager sei ein überforderter alter Mann, dem die Dinge aus der Hand gleiten. Gegen diese Hypothese spricht die Vitalität, mit der er riesenlange Reden hält (zum Beispiel die im heutigen ND abgedruckte). Bleibt also die andere Erklärung: In Dingen, von denen er wenig Ahnung hat, haben falsche Ratgeber ihn in eine Sackgasse hineinmanövriert, aus der er jetzt schwer heraus ndet. Auf die Handschrift falscher Ratgeber 5 2 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re lässt die Nonchalance schließen, mit der 1985 bei Gründung der NFG Berlin für Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts, in Sachen Expressionismus, Bauhaus, atonale Musik usw., kurz, in Bezug auf den ganzen Komplex der spätbürgerlichen Kulturzersetzung, von Hager nicht nur bewährte marxistisch-leninistische Einschätzungen, die von Lukács stammen, sondern auch Erkenntnisse Rillas, Girnus’, Bechers, Abuschs, Rodenbergs usw. einfach vom Tisch gewischt worden sind. Wenn das bei der Gelegenheit Wekwerth getan hätte oder, allenfalls, noch Ho mann, der Kulturminister, um den Leuten von den NFG bei ihrer künftigen Arbeit nicht Lust und Liebe zu verderben, wäre alles nicht so schlimm. Aber war es nötig, das Politbüro und das Sekretariat des ZK der Partei durch den Mund ihres höchsten kulturpolitischen Vertreters gegen eigene frühere Beschlüsse, die in der Substanz völlig richtig sind, auf eine derartige neue Linie festzulegen? Nun, wer A sagt, muss auch B sagen. Die Rehabilitation des Expressionismus hat die des Futurismus logisch zur Folge, und dann kann die von Nietzsche nicht ausbleiben. Lukács stört dabei. Hager scheint sich dessen nicht bewusst gewesen zu sein. Seine falschen Ratgeber aber dürften sich ins Fäustchen lachen. Und wer steht hinter ihnen? Ich weiß es nicht. Nur eins weiß ich: Käme Nietzsche bei uns durch, gäbe es nichts mehr, was nicht möglich wäre. Anders liegen die Dinge bei Honecker, dem kulturpolitische Einzelfragen o enbar fernliegen. Ich konnte am 10. März an Honecker nur einen ganz kurzen Brief schreiben;24 keinen so lange wie an Dich. Ich wollte erreichen, dass er persönlich ihn liest. Aber die Unterdrückung meiner beiden Aufsätze musste ich zur Sprache bringen; das war – und ist – für mich die Hauptsache. Honecker antwortete mir, was diese Fragen betre e, so »haben die Redaktionen der Zeitschriften, die Sie erwähnen, entsprechend ihrer Verantwortung sich mit Ihren Beiträgen befasst und Ihnen auch Vorschläge zur Überarbeitung unterbreitet bzw. die Gründe dargelegt, weshalb Ihr Beitrag nicht ver- ö entlicht werden konnte. Es ist doch zweifellos das Recht der Redaktion einer Zeitschrift, über die Verö entlichung oder Nichtverö entlichung eines Artikels zu entscheiden. Andererseits könnte durch eine größere Bereitschaft des Autors zur Bearbeitung des von ihm eingereichten Artikels möglicherweise auch eine vernünftige Lösung gefunden werden.« 24 (AH) Die Briefe Harichs an Honecker vom 10. März 1987 und vom 30. April 1987 nden sich in Band 9 (S. 426–433), da sie sich vor allem mit Lukács beschäftigen, alle anderen in diesem Band. 5 2 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Das ist alles wahr. Nur, zu den empörenden Tatsachen, die ich Dir eben geschildert habe, steht es in gar keiner Beziehung. Honecker kennt eben die Details nicht. Nachdem Hager wieder vier Wochen lang nichts von sich hören ließ, habe ich an Honecker einen weiteren Brief gerichtet, am 30. April. Darin steht: »Wüsten Sie, was geschehen ist und geschieht, so würden Sie – davon bin ich fest überzeugt – darin sofort einen skandalösen Missstand erkennen, der, abgesehen von seiner entnervenden, zermürbenden psychologischen Wirkung auf mich, für Partei, Staat, Gesellschaft und Kulturleben unserer Republik ernste Gefahren in sich birgt und uns auch im Ausland Schaden zufügen kann.« Mit dem Ausland meine ich in Lukács’ Fall nicht nur die VR Ungarn – die sowieso –, sondern ein quantitativ kleines, qualitativ sehr bedeutungsvolles Häu ein der Anhänger seiner Spätphase in verschiedenen westlichen Ländern, dem unsere ganze Sympathie und Solidarität gebührt. Im Falle Nietzsches sind die fortschrittlichen, friedliebenden Menschen auf dem ganzen Erdball gemeint, darunter nicht zuletzt die KPdSU und ihre Führung. Gewönne in der DDR Nietzsche auch nur einen Millimeter an Boden zurück, so wäre das für sie, international gesehen, eine Katastrophe. Neben der Nietzsche-Büste könnten wir in Weimar auch gleich die Büsten Mussolinis und Hitlers aufstellen. Ich sage Dir das als ein beschlagener Kenner von Nietzsches Gesamtwerk. Doch Du gurierst ja als Gewährsmann der bei uns angeblich obwaltenden Liberalität gegenüber Manuskripten. Die Details der Unterdrückung meiner jüngsten Manuskripte kennst Du jetzt. Fass Dir ein Herz, begibt Dich zu unserem Landesvater, deinem Mitstreiter aus glorreichen Jungkommunistentagen, und kläre ihn über diese ihm noch unbekannten Details auf. Ich befürchte, er verlässt sich einerseits auf den – o enbar schlecht beratenen – Kurt Hager und steht andererseits vielleicht sogar auch unter dem Ein uss einer Valutalobby, die so etwas wie ein »Interhotel Friedrich Nietzsche« für devisenbringende Ausländer in Röcken bei Lützen planen mag, wenn nicht gar bei Weimar, womöglich zwischen Weimar und Buchenwald – das fehlte noch. (Kulturminister Ho mann schrieb mir im Oktober 1985, bei Begründung seiner Ablehnung meiner gegen die Büste gerichteten Eingabe, dass er für 1994 – zum 150. Geburtstag Nietzsches – mit einem starken Andrang im Gästehaus der Weimarer NFG, dem einstigen Nietzsche-Archiv, rechne.) Also, auf zu Honecker, Stephan! 5 2 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Auch für Dich steht in diesem Zusammenhang einiges auf dem Spiel: Deine Glaubwürdigkeit, wie gesagt. Überlege Dir einmal folgendes: André Müller war Ende vergangenen Jahres Feuer und Flamme, meinen Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! in Kultur & Gesellschaft (Köln), gleichzeitig mit dem Abdruck in den Aufrissen (Wien), zu bringen. Wenige Wochen später musste er mir mitteilen, das ginge nicht; er hätte sich diesmal bei der »Mehrheit der Redaktion« (?!) nicht durchsetzen können. Sie sei im Grunde gegen Lukács, verschanze sich freilich hinter dem Argument, sich nicht in eine interne Angelegenheit der DDR einmischen zu wollen. Der Text lag Müller und seiner Redaktion (?!) noch gar nicht vor. Wer garantiert Dir, dass André Müller nicht der Kragen platzt, wenn ihm Deine Verlautbarungen über Liberalität gegenüber Manuskripten zur Kenntnis gelangen? Nun, Müller ist ein diszipliniertes DKP-Mitglied. Schlimmer liegen die Dinge in Wien. Am 26. April erhielt ich von dort telefonisch Bescheid, dass die Redaktion wegen interner Meinungsverschiedenheiten auseinander gelaufen sei und sich in neuer Zusammensetzung habe konstituieren müssen; das Heft 2, das spätestens im April habe erscheinen sollen, werde in Folge dessen erst Ende Mai oder sogar erst im Juni herauskommen. Bei dem Streit hätte auch mein Lukács-Aufsatz eine Rolle gespielt. Wörtlich: »Dieselben Leute, von denen der Aufsatz in Berlin unterdrückt wird, haben sein Erscheinen auch in Wien zu verhindern versucht.« Das sei allerdings nicht gelungen. Der Aufsatz geht jetzt in Satz und in Kürze würden mir die Korrekturfahnen zugehen. (Natürlich habe ich sicherheitshalber dafür gesorgt, dass nicht nur ich Korrektur lesen werde.) Der Übermittler der Nachricht gehört zu dem kleinen Kreis jener oben erwähnten Anhänger von Lukács’ Spätphase; ein ganz junger Mann. Ältester Vertreter dieses Kreises ist der in Köln lebende Leo Ko er, der eben seinen 80. Geburtstag feierte; ein alter Freund von mir. Auch von Ko er wird ein Beitrag in jenem Heft stehen. Ko er ist Ehrenbürger in Wien. Im Herbst wird in Wien ein Kolloquium zu Ehren Ko ers statt nden; man hat auch mich dazu eingeladen. Willst Du Dich vor diesen Leuten blamieren, Stephan? Doch nicht nur die Unterdrückung meines Lukács-, auch die meines Nietzsche-Beitrages könnte Dir Peinlichkeiten bereiten. Denke an Walter Jens. Jens hat unter den Schriftstellern der BRD am entschiedensten gegen die dortige Nietzsche-Renaissance Front gemacht und ist deswegen stark angefeindet worden. Du hast im Juni 1986, bei Gelegenheit der Tagung des internationalen PEN in Hamburg, auch dort die hiesige 5 2 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Liberalität gegenüber Manuskripten zu rühmen gewusst. Die Hamburger Reden von Jens und Dir stehen in demselben Heft 5, 1986 von Sinn und Form, in dem S. 934 bis 969 der Nietzsche-Aufsatz von Pepperle steht. Vielleicht hast Du Glück; Jens ist kein Philosoph; Pepperles Absichten und seine Ignoranz werden von Jens möglicherweise nicht in vollem Umfange erkannt werden; über manche Passage dürfte freilich auch er den Kopf schütteln. Aber was geschähe, wenn Jens erführe, dass eine von mir verfasste Kritik an Pepperle, die diesen als Nietzsche-Apologeten entlarvt, unterdrückt worden ist? Ich kenne Jens, er mag mich. 1980 war ich ihm in Tübingen ein o enbar lieb erwünschter Gast. Doch das ist nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist, dass es sich bei Jens um ein korrespondierendes Mitglied unserer Akademie der Künste handelt, die Sinn und Form herausgibt. Ich meine: Schlimm für dich. Bist Du ganz sicher, dass Du nicht bei Jens Deinen Integritätsnimbus einbüßt? Bescheinigen könnte ich Dir, dass Du im Juni 1986 in Hamburg wahrscheinlich sogar die Wahrheit gesagt hast. Mein Lukács-Beitrag lag damals in erster Fassung und der zu Nietzsche überhaupt noch nicht vor. Aber beim Berliner Schriftstellertre en neulich hast Du – ich unterstelle: bona de – erneut erklärt, es gäbe bei uns keine unterdrückten Manuskripte. Und jetzt bist Du mit der Tatsache konfrontiert, dass es sie bei uns doch gibt. Ich denke, Du hast nun allen Grund, Deine ö entlichen Beteuerungen – besser gesagt: Prophezeiungen – wahr zu machen. So darf ich Dich darum ersuchen, Dich für die folgende Lösung stark zu machen: 1) Die Weimarer Beiträge bringen meinen Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács!, unverändert in der dritten Fassung, die auch in den Wiener Aufrissen zu lesen sein wird. Dies müsste spätestens im Septemberheft der Weimarer Beiträge geschehen; aus zwei Gründen: a) Damit mir nicht im September in Wien, anlässlich des Ko er-Kolloquiums, Fragen gestellt werden können, bei deren Beantwortung ich Dich desavouieren müsste; b) damit der Aufsatz noch das im Januar 1988 in Leipzig statt ndende Tre en der Philosophiehistoriker der DDR beein usst, worauf ich fachlich größten Wert lege. 2) Sinn und Form bringt in Heft 5, 1987 meinen Beitrag Revision des marxistischen Nietzschebildes? mitsamt der zu ihr gehörenden Polemik gegen Pepperle. Hier bin ich bereit, über Einzelheiten der Formulierung mit mir reden zu lassen. Der von mir vorgeschlagene Termin der Verö entlichung aber ist für mich, ebenfalls im Hinblick 5 3 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re auf das Leipziger Kolloquium, unverzichtbar. Die Teilnehmer dieser Veranstaltung müssen Zeit haben, sich mit meiner Argumentation zu Nietzsche vertraut zu machen und über sie nachzudenken, noch bevor sie ihren in Leipzig zu haltenden Referaten den letzten Schli geben. 3) Kann ich die Gewissheit haben, dass die unter 1 und 2 genannten Bedingungen mir erfüllt werden, so werde ich bereit sein, den Lukács-Aufsatz in Heft 2 der Wiener Aufrisse mit dem Vorspann zu versehen: »Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung der Weimarer Beiträge.« Es wäre allen Beteiligten geholfen, wenn Du, lieber Stephan Hermlin, das große Ansehen, das Du in unserer Republik genießt, den großen kulturpolitischen Ein uss, den Du hier ausübst, im Sinne dieser meiner Vorschläge geltend machtest. Bitte tu’s! Mit freundlichem Gruß und besten Wünschen für Deine Gesundheit und Deine Arbeit Brief an Kurt Hager25 (27. August 1987) Lieber Kurt Hager! Von den Festlegungen, die Sie bei unserer Unterredung am 18. Mai 1987 getro en haben, wird, wenn die Dinge so weiterlaufen sollten wie bisher, nur eine von den Zuständigen Ernst genommen und verwirklicht werden: Mein Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? wird voraussichtlich in Heft 5, 1987 (September), von Sinn und Form erscheinen. Mit allem Anderen liegt es aber im Argen. Hier die Einzelheiten: Sie hatten festgelegt, dass ich in die Vorbereitung der Philosophiehistorikerkonferenz Sozialistische Gesellschaft und philosophisches Erbe, die im Januar 1988 in Leipzig statt- nden wird, einbezogen werden soll.26 Ich habe dies Herrn Professor Dr. Erich Hahn, dem Vorsitzenden des in dieser Angelegenheit federführenden Rates für Marxistisch-Le- 25 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 27. August 19867, adressiert: Herrn Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Handschriftlicher Zusatz: Persönlich! 26 (AH) Zur Leipziger Konferenz siehe die verschiedenen Verweise in den Bänden 9, 10 und 11. 5 3 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte ninistische Philosophie, in Briefen vom 21. Mai und 9. Juni dieses Jahres mitgeteilt und ihn um eine einschlägige Unterredung gebeten. Als ich von Hahn bis Mitte Juli noch keiner Antwort gewürdigt worden war – und bis zum heutigen Tage steht die immer noch aus –, wandte ich mich an Prof. Dr. Gregor Schirmer. Dieser emp ng mich in seinem Büro am 31. Juli und gab mir einen ausweichenden, hinhaltenden Bescheid, dem ich aber immerhin entnehmen musste, dass der Fragenkreis, der auf der Konferenz behandelt werden soll, bereits hinter meinem Rücken, ohne dass man mich als Berater hinzugezogen hätte, in einem Sinne eingegrenzt worden ist, der dem, was ich für wichtig und zeitgemäß halte, nicht entspricht. Sie hatten festgelegt, dass ich vor den Redaktionskollegien der Deutschen Zeitschrift für Philosophie und der Weimarer Beiträge einen internen Vortrag über die Bedeutung von Georg Lukács halten soll. Ich habe dies Prof. E. Hahn ebenfalls in meinen Briefen vom 21. Mai und 9. Juni und desgleichen den zuständigen Chefredakteuren Dr. Rönisch (Weimarer Beiträge) und Dr. Klimaszewsky (DZfPh) mitgeteilt und sie gebeten, das Nötige zu veranlassen. Bis heute ist auch in dieser Hinsicht nichts erfolgt. Und auch in dieser Frage verhielt sich Prof. Schirmer am 31. Juli ausweichend. Seinen diesbezüglichen Darlegungen konnte ich nur entnehmen, dass auch hier versucht wird, Ihren Intentionen zuwider zu handeln, sie abzubiegen: Ich soll lediglich vor Wissenschaftlern sprechen, die sich, wie etwa Vera Wrona, speziell mit Lukács befasst haben. Worauf es mir ankommt – und Sie schienen dies zu akzeptieren –, ist aber etwas anderes: Dass die Veranstaltung der beiden Redaktionskollegien einen ressortüberschreitenden, interdisziplinären Meinungsstreit einleitet, in dessen Verlauf dann die marxistisch-leninistischen Philosophen gewisse Literaturtheoretiker von der Verirrung abbringen, Lukács von rechts, von den Positionen Blochs, Benjamins, der Frankfurter Schule und des Neopositivismus aus, zu bekämpfen und sich dabei sogar bis zur Einbeziehung Nietzsches in unsere Erbe-P ege zu versteigen – wie dies anhaltend geschieht. Sie hatten, in ausdrücklicher Bekräftigung einer mir am 2. April zugegangenen Anregung des Generalsekretärs Erich Honecker festgelegt, dass ich an der Vorbereitung eines würdigen und angemessenen Jean-Paul-Gedenkens (225. Geburtstag am 21. März 1988) maßgebend beteiligt werden soll, und hatten mir, ebenso wie schon vorher der Generalsekretär, angekündigt, dass das Ministerium für Kultur sich in dieser Angelegenheit alsbald mit mir in Verbindung setzen werde. Als bis zum 2. August 1987 nichts dergleichen erfolgt war, wandte ich mich dieserhalb Kulturminister Dr. Ho mann. 5 3 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Gestern endlich erhielt ich von Herrn Scholz, Mitarbeiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, den Bescheid, dass das Ministerium erst durch mich von diesem Interesse des Generalsekretärs erfahren habe und sich nun überhaupt erst eine Konzeption zu den Modalitäten des Jean-Paul-Gedenkens erarbeite; wohlgemerkt: Auch hier wieder, ohne vorher meine Meinung dazu einzuholen, ohne mich zu dieser Erarbeitung der Konzeption von vornherein hinzuzuziehen. (Dass die Jean-Paul-Frage zu einem Politikum ersten Ranges durch die Naziumtriebe in dem Geburtsort des Dichters, im fränkischen Wunsiedel, geworden ist – im Zusammenhang mit dem Tod und der Beisetzung des Hitler-Stellvertreters Heß –, ist keinem der zuständigen Kulturfunktionäre bisher in den Sinn gekommen. Auch zu diesem Punkt hätte ich Gravierendes zu sagen; zum Beispiel dies, dass in Wunsiedel, 32 Jahre nach Jean Pauls Geburt, auch der Student und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand, Mörder des russischen Staatsrats und deutschen Dichters Kotzebue, geboren worden ist – ein Hintergrund, dessen Brisanz, meine ich, von uns von vornherein wohl durchdacht werden muss! Jean Pauls Kriegserklärung gegen den Krieg etwa, seine Friedenspredigt für Deutschland u. dgl. erhalten jetzt ein ganz neues Gewicht!) Sie hatten festgelegt, dass ich das Manuskript Heinz Malornys, Die Philosophie Friedrich Nietzsches, für den Akademie-Verlag begutachten soll. Um dieses Manuskript hatte ich mich seit Februar 1987 vergebens bemüht. Unter den windigsten Vorwänden – es sei im Schreibtisch einer Sekretärin verschlossen, die sich auf Urlaub be nde und deren Schlüssel man nicht nde usw. usf. – war es mir vorenthalten worden trotz feierlicher Zusagen des Verlagsleiters Prof. Berthold, es mir zu lesen zu geben. Erst Mitte Juni erhielt ich es. Alle meine Befürchtungen haben sich bestätigt. Es ist von unbeschreiblicher Niveaulosigkeit, einfach Schutt, Müll. Es wimmelt dabei von den gefährlichsten politischen Instinktlosigkeiten. Es macht Nietzsche von seinem privaten Dasein her sympathisch; es macht ihn interessant durch zahllose verführerische Zitate; es erklärt ihn zum Vorläufer des Gedankenguts der Grünen und Alternativen; es hebt – welch gefundenes Fressen für unsere »Junge Gemeinde« – hervor, dass er zwischen der von ihm bekämpften christlichen Kirche und der menschlichen Größe Jesu sehr wohl zu di erenzieren gewusst habe usw., usf. Mein ausführliches Gutachten, datiert vom 17. Juni 1987, ist, o enbar auf Geheiß von Professor Manfred Buhr, vom Tisch gefegt worden. Gegen meinen dringenden und umfangreich begründeten Rat soll der Druck fortgesetzt werden, soll die Auslieferung im September bereits erfolgen; ein für Nietzsche scham- 5 3 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte los Reklame machendes Inserat im Buchhändlerbörsenblatt kündigte das Erscheinen bereits an. Ich27 kann davor nur warnen! Ich schlage vor, den Druck sofort zu stoppen und jede weitere Entscheidung von einer kollektiven Beratung, die mein Gutachten gebührend mit in Betracht zieht, abhängig zu machen. Erst diese Beratung sollte eine der drei Möglichkeiten beschließen: Entweder – unveränderte Verö entlichung (falls alle meine Einwände widerlegt werden sollten); oder – Umarbeitung des Manuskripts durch den Autor von Grund auf und in allen Teilen, besonders was die skandalös falschen und gefährlichen Seiten 1 bis 90 betri t; oder – gänzliche und endgültige Beerdigung des ganzen Projekts, was, nach Lage der Dinge, dass Allerbeste wäre. Ich habe Malorny bereits ange eht, das Manuskript zurückzuziehen. Er hört nicht darauf. Seine Au toren ehr geiz lässt ihm keine Ruhe und sein Vorgesetzter Buhr stärkt ihm o enbar den Rücken. Sie hatten festgelegt, dass ich weiter an meinem Buch über Nicolai Hartmann arbeiten soll. Es liegt jetzt ein – noch unfertiges – Manuskript von 300 Schreibmaschinenseiten vor, enthaltend sechs Teile der geplanten elf Teile, und den Anfang des siebten Teils. Ich habe dieses Ergebnis meiner bisherigen Arbeit heute dem Verlagsleiter Professor Berthold aushändigen wollen. Nachdem er mich aber hat wissen lassen, dass Malornys Nietzsche-Buch ohne Berücksichtigung meines ablehnenden Gutachtens unter allen Umständen so, wie es ist, erscheinen wird, habe ich jede Beziehung mit dem Akademie-Verlag so lange abgebrochen, bis diese Entscheidung noch einmal zur Disposition gestellt wird. Nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, kann es mir nicht zugemutet werden, meine Arbeit einem Verlag anzuvertrauen, dessen philosophische Produktion von Herrn Professor Buhr kontrolliert wird. Buhr hat sich in der Nietzsche-Frage als ideologisch unzuverlässig entlarvt. Dass er außerdem, wie das von ihm herausgegebene Philosophische Wörterbuch beweist, unfundierte Vorurteile gegen die Ontologie im Allgemeinen, gegen Nicolai Hartmann im Besonderen hegt, wäre nicht schlimm; mein Buch will sich mit diesen Vorurteilen sehr sachlich und sorgfältig auseinandersetzen. Aber schlimm sind Buhrs ignorante Voreingenommenheiten gegen die Gesellschaftsontologie des späten Lukács – gegen sie hat er sogar den ignoranten Schwätzer Wilhelm Raymund Beyer, zu einer Zeit, als das 27 (AH) Die folgenden Sätze, bis »Ich habe«, hatte Harich extra durch mehrere Stilmittel hervorgehoben: Großbuchstaben, zusätzliche handschriftliche Anstreichung. 5 3 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Werk im Ganzen noch gar nicht vorlag, mobilisiert (a. a. O., Bd. 1, S. 482  .). Und persönlich unzumutbar für mich ist, wie Buhr sich zu mir verhält. Buhr hat es von Mitte Juni bis zum heutigen Tag nicht ein einziges Mal für nötig befunden, sich mit mir und den anderen Gutachtern zusammenzusetzen, um die in meinem Gutachten enthaltenen Einwände gegen Malornys Nietzsche-Buch Punkt für Punkt durchzugehen; er hat noch nicht einmal Malorny dazu aufgefordert, sein Buch im Gespräch mit mir gegen meine Einwände zu verteidigen. Der Umgang mit Menschen wie Buhr und Berthold, denen ich nichts als O enheit, Aufgeschlossenheit, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit entgegengebracht habe, ist für mich einfach unerträglich geworden. Wenn ich das Buch über Nicolai Hartmann fortsetzen soll, muss ich den Verleger wechseln. Aber täte ich dies, bliebe ich immer noch wehrlos Herrn Minister Klaus Höpcke ausgeliefert, bei dem Frau Buhr als philosophische Beraterin wirkt, und mit dem ich mich wegen seiner ideologischen Unzuverlässigkeit in der Nietzsche-Frage und anderer Unzumutbarkeiten im November auch bereits überworfen habe. Was soll ich tun? Können Sie, lieber Kurt Hager, mir einen Zugang zum Dietz-Verlag erö nen, auf den, soweit ich sehe, Höpcke und Buhr keinen Ein uss haben? Aber die philosophische Produktion von Dietz steht wieder unter der Kontrolle von Erich Hahn, und der scheint mich so wenig ausstehen zu können oder von solchen Berührungs- ängsten mir gegenüber erfüllt zu sein, dass er mir nicht einmal auf Briefe, die ich an ihn richte, antwortet. Ich bin wirklich tief, tief ratlos und bitte Sie, mir aus dieser Situation heraus zu helfen. Vorläu g stelle ich hiermit meiner Arbeit an dem Buch über Nicolai Hartmann, obwohl sie mir viel Freude macht und ich von ihrer Nützlichkeit überzeugt bin, ein. Ich will nichts Zweckloses tun, nichts, wovon ich von vornherein weiß, dass es an den gegen mich herrschenden Voreingenommenheiten scheitern muss. Bei alledem bewahrheitet sich Ihr Ausspruch vom 18. Mai, dass die Parteiführung gegen mich nichts habe, dass das aber »weiter unten« möglicherweise noch nicht bekannt geworden sei, in allerstärkstem Maße. Es gibt nun aber rechtliche Grundlagen dafür, dem rigoros abzuhelfen. Die Amnestie zum bevorstehenden 38. Gründungstag der DDR verheißt allen, die vor dem 7. Oktober 1987 verurteilt worden sind – dazu gehöre ich doch wohl auch – gleichberechtigte Wiedereingliederung in die Gesellschaft unter Berücksichtigung ihrer beru ichen Quali kation. Ich kann mich nach dem, was ich Ihnen hier geschildert habe, beim besten Willen nicht als meiner beru ichen Qua- 5 3 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte li kation entsprechend gleichberechtigt behandelt fühlen; immer noch nicht, obwohl meine Straftat seit dem Dezember 1974 verjährt ist. Bitte stellen jetzt Sie, lieber Kurt Hager, Überlegungen an, wie mir zu meinem Recht verholfen werden kann. Ich will, wenn mir dazu verholfen wird, nichts anderes tun, als in den oben geschilderten Fragen den wiedererlangten kulturpolitischen Ein uss dazu zu benutzen, das für Partei, Staat und Gesellschaft Nützliche zu fördern und Schädliches abwenden zu helfen. Das gilt für die Fragenkomplexe Lukács, Nicolai Hartmann, Nietzsche und Jean Paul, für die ich wie kein anderer in unserer Republik fachlich zuständig bin, gleichermaßen. Ich fahre jetzt auf Urlaub – meinen Nerven nach dem Erlittenen dringend nötig – und will mich vom 29. August bis 12. September in der Nähe von Rheinsberg aufhalten. Hier meine Urlaubsanschrift (weggelassen, AH). Ich vertraue darauf, dass Sie bis zu meiner Rückkehr Entscheidungen getro en haben werden, die die unhaltbaren Dinge, die Ihnen oben von mir geschildert worden sind, ein für alle Mal aus der Welt scha en. Dies ist um so nötiger, als ich im November ins Ausland fahren will, einer Einladung der Stadt Wien Folge leistend, die vom 13. bis 15. November 1987 ein Kolloquium zu Ehren unseres jetzt achtzigjährigen alten Kollegen und Freundes Leo Ko er, eines Wiener Ehrenbürgers (aber wohnhaft in Köln), veranstalten wird. Auf meinen Vorschlag an Professor Schirmer werden die Wiener noch einen zweiten DDR-Kollegen zur Teilnahme einladen: Prof. Dr. Schliwa von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. Zu den Anregern und aktiven Gestaltern des Kolloquiums in Wien gehören dieselben Leute, die meinen – in der DDR nach wie vor unterdrückten – Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! verö entlicht haben (Zeitschrift Aufrisse, Heft 2, 1987); er ist dort, ohne mein Verschulden, mit der Beanstandung der Tatsache abgedruckt worden, dass ich in der DDR ausgegrenzt werde, weil ich als »zu dogmatisch« eine »schlechtliberale pluralistische Kulturpolitik störe«.28 Was sollen Professor Schliwa und ich den Wienern 28 Es fand sich dort folgende einführende Anmerkung der Redaktion: »Wolfgang Harich, studierte in Berlin unter anderem bei Nicolai Hartmann Philosophie, Dozent in Berlin, Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Lektor des Aufbau-Verlages, 1956 verhaftet, langjährige Haft, lebt als Bezieher einer Invalidenrente in Berlin/DDR, Mitherausgeber der Feuerbach-Gesamtausgabe. Verö entlichungen: Rudolf Haym und sein Herderbuch, Jean Pauls Revolutionsdichtung, Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus, Kommunismus ohne Wachstum? Wolfgang Harich arbeitet an einem großen Buch über 5 3 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re antworten, wenn sie in uns dringen, auf diesen Vorwurf zu reagieren? Bis jetzt fehlen mir die Argumente, auf die gestützt ich überzeugend bestreiten könnte, in der DDR ausgegrenzt zu werden. Und in welche Lage brächte ich den Kollegen Professor Schliwa, wenn ich, bestenfalls, nur mit den Achseln zu zucken wüsste? Im Vertrauen darauf, dass Sie eine Lösung nden werden, die meinen Anliegen gerecht wird und zugleich Partei und Staat zum Nutzen gereicht, verbleibe ich mit herzlichem Gruß Ihr Brief an Kurt Hager29 (23. September 1987) Lieber Kurt Hager! Bezugnehmend auf das Schreiben, das ich am 27. August 1987 an Sie gerichtet habe, freue ich mich, Ihnen heute mitteilen zu können, dass ich inzwischen, am 15. September, von Professor Dr. Erich Hahn, Mitglied des ZK der SED, einer ausführlichen Unterredung gewürdigt worden bin, die in angenehmer Atmosphäre und im Geist sehr weitgehender sachlicher Übereinstimmung stattfand. Auch wurde ich von Professor Dr. Manfred Buhr zu einer internen Diskussion zum ema Nietzsche und die Folgen am 12. Oktober 1987 in das von ihm geleitete Institut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften eingeladen. Damit ist ein wesentlicher Teil der Festlegungen, die Sie am 18. Mai im Gespräch mit mir getro en haben, erfüllt. Nicolai Hartmann.« Am Ende des Aufsatzes folgte dann: »Nachtrag der Redaktion: Selten bedauert eine Redaktion den Abdruck eines guten Beitrages. Im Falle Harichs allerdings müssen wir feststellen, dass wir gerne auf eine Publikation verzichtet hätten: Der ›natürliche Ort‹ wären die Weimarer Beiträge gewesen. Der Ein uss der von Harich Kritisierten verhinderte dies. Auch in Sinn und Form konnte der Beitrag nicht erscheinen. Selbstverständlich beklagen wir nicht ›mangelnden Pluralismus‹ der DDR-Redaktionen. Es berührt uns bloß seltsam, wenn die Beiträge alter Kommunisten als o enbar zu ›dogmatisch‹ eine schlechtliberale ›pluralistische‹ Kulturpolitik stören und ausgegrenzt werden. Mag die Kritik Harichs von Wien aus ihren Weg nden! Wir ho en, Harich nicht mehr publizieren zu müssen.« 29 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 23. September 1987, adressiert: Herrn Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 5 3 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Dies erleichtert es mir, den seit langem von mir gehegten Vorsatz, mich um Aufnahme als Kandidat in die Reihen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu bewerben, nunmehr zu verwirklichen. Um Sie über den Schritt, den ich in dieser Richtung jetzt tue, zu informieren, erlaube ich mir, eine Kopie meines einschlägigen Schreibens an die SED-Grundorganisation des Akademie-Verlages hier in der Anlage beizufügen. Eingedenk der Bestimmung des Parteistatuts erwarte ich dazu selbstverständlich keinerlei Äußerung von Ihrer Seite. Kurt Hager im Gespräch mit Hermann Kant und Stephan Hermlin, 1985 Gestatten Sie mir aber bitte, Ihnen ein Wort der Erläuterung zu dem dritten der von mir in dem Schreiben dargelegten Motive zu sagen. Mein Wunsch, auf den Gebieten, für die ich kompetent zu sein glaube, am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied teilzunehmen, schließt zwei Bedürfnisse ein: a) Die Weitergabe meiner Kenntnisse, Erfahrungen und wissenschaftlichen Überzeugungen auf den Gebieten der Philosophie und Literaturwissenschaft an einen Kreis hierfür geeigneter Schüler bei gleichzeitigem Tonbandmitschnitt meiner Ausführungen; b) eine gleichzeitige Ein ussnahme auf denselben Gebieten auf unsere Verlagsproduktion, die, wie ich glaube, bis jetzt reiches und auch hochinteressantes humanistisches Erbe, das noch gänzlich unausgeschöpft ist, vernachlässigt (einschlägige konkrete Vorschläge und Gutachten von mir liegen z. T. seit Jahrzehnten dem Akademie-Verlag vor).30 Es versteht sich, dass im Vordergrund meiner Tätigkeit weiterhin aber die schriftstellerische Arbeit stehen wird, so wie in den vergangenen Jahren seit meiner Rückkehr 30 (AH) Siehe die abgedruckten Dokumente und Hinweise in den Bänden 6.2, 9 und 10. 5 3 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re aus dem kapitalistischen Ausland. Meine Arbeit an dem Buch über Nicolai Hartmann schreitet zügig fort. Die Aufsätze über Lukács und gegen Nietzsche, die ebenfalls recht arbeitsaufwendig waren, sind in den letzten anderthalb Jahren noch hinzukommen, nebst einem umfangreichen Schriftwechsel hierüber. Alles in allem kann ich behaupten, noch nie als Autor so eißig gewesen zu sein wie jetzt als Invalidenrentner. Wenn ich neben dem Schreiben nun auch noch einmal wöchentlich zwei, drei Stunden lang zu Schülern spräche und außerdem Ratschläge für unsere Verlagsproduktion erteilte, wäre mein Invalidenstatus etwas paradox. Ich würde ihn daher jetzt gerne meinen Ärzten gegenüber zur Disposition stellen, falls sich bis zu meinem Eintritt ins reguläre Rentenalter (ab Dezember 1988) die Möglichkeit einer im Sinne meiner geschilderten Wünsche sinnvollen Berufstätigkeit ergäbe, ohne dass mir daraus wesentliche materielle Einbußen erwüchsen. Eine solche Tätigkeit könnte ich mir sowohl bei der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK, wo Unterrichtung von Schülern in allgemeiner Geschichte der Philosophie bis jetzt nicht statt ndet, als auch irgendwo im Rahmen der AdW vorstellen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Ihnen hierzu eine Lösung ein ele und Sie sie mich wissen ließen. Auch zu einem Gespräch hierüber, falls es Ihre Zeit erlaubt, stünde ich Ihnen oder auch dem einen oder anderen Ihrer zuständigen Mitarbeiter gern zur Verfügung. Nachdem das hier in der Anlage beigefügte Schreiben an die BPO des Akademie-Verlages abgeschickt ist, darf ich Ihnen heute einen nicht herzlichen, sondern auch Kommunistengruß entbieten. Ihr Brief an GO der SED im Akademie-Verlag31 (23. September 1987) Liebe Kollegen! Hiermit ersuche ich um Aufnahme als Kandidat in die Reihen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Drei Motive sind dafür vor allem maßgebend: 1) Ich bejahe uneingeschränkt das Programm und das Statut der Partei und deren Beschlüsse; 31 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 23. September 1987, adressiert: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Kreisleitung Akademie der Wissenschaften der DDR, Grundorganisation Akademie-Verlag. Maschinenschriftlicher Vermerk: Zur Kenntnisnahme an Prof. Dr. Kurt Hager. 5 3 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 2) Ich möchte beizeiten dafür vorsorgen, dass ich nicht eines Tages als so genannter »heimatloser Linker« sterbe, sondern dass, wenn es einmal so weit sein wird, bei niemandem der geringste Zweifel darüber bestehen kann, wie ich, nach weit zurückliegenden Irrungen und Wirrungen, gedacht und wo ich gestanden habe; 3) Ich glaube, auf den Gebieten, für die ich mich zuständig fühle (Philosophie, Literaturwissenschaft), am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied besser und wirksamer teilnehmen zu können denn als Außenstehender. (Besonders Diskussionen einerseits über das Vermächtnis von Georg Lukács, andererseits über die Einschätzung Nietzsches haben mich in den letzten Jahren und Monaten in dieser Überzeugung bestärkt.) Da ich seit 1979 Invalidenrentner bin, müsste ich mich genau genommen mit meinem Anliegen bei der Parteiorganisation des Wohnbezirks melden. Meine »Anbindung« an den Akademie-Verlag rechtfertigt es aber, so glaube ich, dass ich mich an Sie wende. Professor Dr. Werner Mittenzwei (SED), Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste der DDR, hat sich schon mehrmals – und heute erneut wieder – dazu bereit erklärt, für mich zu bürgen.32 Lebhaft bestärkt wurde ich in meiner Entscheidung von der Schriftstellerin Inge von Wangenheim (SED), die sich aber wegen der Seltenheit und Flüchtigkeit unserer persönlichen Kontakte außer Stande erklärte, eine regelrechte Bürgschaft für mich zu übernehmen. Ihre Befürwortung meines Parteieintritts resultiert lediglich aus Eindrücken, die sie aus Verö entlichungen von mir gewonnen hat. Entschieden befürwortet wird mein Parteieintritt ebenfalls von Dr. Sebastian Kleinschmidt (SED), Redakteur der Zeitschrift Sinn und Form der Akademie der Künste der DDR, der seine Bereitschaft zur Übernahme einer Bürgschaft für mich gesprächsweise andeutete. Von den Mitgliedern der Grundorganisation des Akademie-Verlages kann meine Arbeit unter dessen drei Verlagsleitern Ludolf Koven, Werner Mussler und Lothar Berthold am besten wohl Dr. Hermann Turley beurteilen. Ich würde ihn als zweiten Bürgen benennen, wenn er sich damit einverstanden erklären sollte, würde mich andernfalls aber mit der Bitte um die 32 (AH) An Werner Mittenzwei hatte Harich am 15. September 1987 geschrieben: »Und nun zu Ihrer liebenswürdigen und mich ehrenden Art, mich anzureden. (Mitenzwei schrieb immer: ›Lieber Genosse Wolfgang Harich!‹, AH) Seit Jahrzehnten warne ich Sie davor – und bin sofort tief gekränkt, wenn Sie’s einmal unterlassen. Nun aber möchte ich Sie beim Wort nehmen. Wenn mein Nietzsche-Aufsatz in Sinn und Form erschienen sein wird, will ich meine Aufnahme als Kandidat in die SED beantragen und dann Sie als einen der Bürgen benennen. Herzlichen Glückwunsch zu den daraus vermutlich erwachsenden Querelen! In alter Liebe und Freundschaft und junger Verehrung, Ihr Genosse« (Band 9, S. 466.) 5 4 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re zweite Bürgschaft an Dr. Kleinschmidt von Sinn und Form wenden. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie über diesen Punkt mit Dr. Turley bald einmal sprächen. Ich war Mitglied der KPD seit Februar 1946 und der SED von deren Gründung bis 1956. Im Zusammenhang mit meiner Verurteilung wegen Staatsverbrechens wurde ich 1957 aus der Partei ausgeschlossen. Seit Dezember 1974 gilt meine Straftat als verjährt. Mit Rücksicht auf mein Herzleiden, das sich bei emotionalen Belastungen sehr zu verschlechtern p egt, bitte ich, mir hochnotpeinliche Befragungen über meine Vergangenheit so weit wie irgend möglich zu ersparen. Im Anschluss an meine Invalidisierung habe ich mich von April 1979 bis Oktober 1981 im kapitalistischen Ausland – mit Langzeitvisum – aufgehalten, und zwar 1979 in Österreich, 1980/1981 vor allem in der BRD, teils aber auch wieder in Österreich. Darüber, dass ich dort während dieser Zeit mit Kommunisten eng und freundschaftlich zusammengewirkt und mich in meinem Verhalten stets als meiner DDR-Staatsbürgerschaft würdig erwiesen habe, können Professor Dr. omas Schönfeld (KPÖ), Ordinarius für Chemie an der Universität Wien und Mitglied des Weltfriedensrates, sowie André Müller (DKP), wohnhaft in Köln, Chefredakteur der Zeitschrift Kultur & Gesellschaft des Demokratischen Kulturbundes der BRD, Auskunft geben. Mit kommunistischem Gruß Brief an Manfred Buhr33 (25. September 1987) Lieber Manfred Buhr! Ihre vom 4. September datierte Einladung habe ich erst bei der Rückkehr von einer Reise zu Hause vorgefunden. Haben Sie vielen Dank dafür. Ich werde ihr gerne Folge leisten und zu der Diskussion über Nietzsche und die Folgen am Montag, dem 12. Oktober 1987, 10:00 Uhr, in Raum 415 erscheinen, zusammen mit meiner Frau, die mich wegen meiner Invalidität bei derartigen Gelegenheiten zu begleiten p egt. 33 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 25. September 1987, adressiert an Professor Dr. Manfred Buhr, Direktor des Zentralinstituts für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR. 5 4 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Von Herrn Kollegen Malorny wurde mir mitgeteilt, dass Sie mich noch vorher zu sprechen wünschen. Dies kann an einem der Tage, die der Diskussion vorausgehen, geschehen, am besten in meiner Wohnung in den Nachmittagsstunden ab 15:30 Uhr, vor 19:00 Uhr. Es würde mich freuen, wenn Sie mich zum Tee besuchten. Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich unmittelbar vor besagter Diskussion, am Morgen desselben Tages, nicht mit Ihnen zusammentre en möchte. Ich habe lange an derartigen Veranstaltungen nicht mehr aktiv teilgenommen und muss mich daher ungestört ganz auf das zu behandelnde ema einstellen können. Mit freundlichen Grüßen Brief an den Kulturbund34 (16. Oktober 1987) Sehr geehrte Damen und Herren! Friedrich Nietzsche war die negativste, menschenfeindlichste Erscheinung der Weltkultur von der Antike bis zur Gegenwart und ist dies geblieben. Mit Leuten, die dem Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die Deutsche Demokratische Republik – und damit auf die sozialistischen Länder überhaupt – Vorschub leisten, möchte ich nichts zu tun haben. Der Kulturbund tritt die Tradition seiner Gründungsväter mit Füßen, wenn er in den Räumen seines zentralen Klubs, der den Namen Johannes R. Bechers trägt, eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo ausstellt und zum Kauf feilbietet. Aus Protest dagegen erkläre ich hiermit aus dem Kulturbund und dem Klub der Kulturscha enden meinen Austritt. In der Anlage erhalten Sie mein Mitgliedsbuch zurück. (Auch die Mitgliedsbeiträge für 1985 wurden von mir bezahlt; die Beitragsmarken für dieses Jahr habe ich allerdings nicht erhalten.) Hochachtungsvoll 34 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 16. Oktober 1987, adressiert: An die Leitung des Kulturbundes DDR, An den Klub der Kulturscha enden. Maschinenschriftlicher Zusatz: Herrn Professor Kurt Hager mit der Bitte um Kenntnisnahme. 5 4 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Revision des marxistischen Nietzschebildes?35 (September–Oktober 1987) I Mir ist nicht klar, wie Heinz Pepperle die von ihm aufgeworfene Frage beantwortet wissen möchte. Mit einem eindeutigen Nein? Das stünde auf zu schwachen Füßen bei ihm. Die Kritik, die er an Mazzino Montinari übt, an vielen Urteilen eines in den eigenen Forschungsgegenstand vernarrten Philologen, der weder philosophisch noch kulturgeschichtlich Nennenswertes mitzuteilen hatte, besagt wenig. Denn im selben Atemzug wendet Pepperle, insoweit Montinari zustimmend, sich auch gegen einen der großen Denker dieses Jahrhunderts. In Georg Lukács greift er den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus an. Und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz Malorny, würdigt er keiner Silbe. So entsteht ein Ungleichgewicht, durch das seine Verteidigung marxistischer Positionen, sollte sie beabsichtigt sein, Schlagseite kriegt: nach rechts. Ich will versuchen, sie vorm Kentern zu bewahren. II Was früher von marxistischer Seite zu Nietzsche geäußert worden ist, bedarf in der Tat heute der Ergänzung – durch ein paar zeitgemäße Betrachtungen. Hier sind sie: 1. Neu überdenken, mit aktuelleren Akzenten versehen sollten wir unsere unterschiedliche Wertung Nietzsches und Schopenhauers. Lukács arbeitet, namentlich mittels seines Begri s der »indirekten Apologetik« des Kapitalismus, energisch die sie verbindenden Momente reaktionärer Kontinuität heraus. Die Gegensätze beider stellen sich ihm dabei mitunter ziemlich verkürzt dar, und so lässt er Lücken o en, die wir nun ausfüllen müssen. Dass Nietzsche eine moralische Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen nur innerhalb der Herrenkaste bejaht, die er zugleich dazu anspornt, sich zu den Ausgebeuteten und Unterdrückten wie »frohlockende Ungeheuer« aufzuführen, das wird von Lukács erkannt, und er brandmarkt es nach Gebühr. Er weiß jedoch überhaupt nichts damit anzufangen, dass solch empörender Einengung der Ethik bereits das Umgekehrte bei Schopenhauer vorausgegangen war: Ihrer Ausweitung auf das Verhalten des Menschen auch zur Natur, mindestens zur Tierwelt. 35 (AH) Zuerst in: Sinn und Form, Heft 5, September–Oktober, 1987, S. 1018–1053. 5 4 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Karl Marx hat in dem Punkt anders gedacht. Nach glaubwürdigem Zeugnis empfand er für Schopenhauer eine gewisse Hochachtung. Sie bewog ihn dazu, dessen ober ächliche Verurteilung zu tadeln. In der Ethik, so soll Marx erklärt haben, hätte Schopenhauer aus der Wesenheit alles Organischen die P icht abgeleitet, weder Mensch noch Tier Leiden zu verursachen. Das Gebot der Gerechtigkeit führe er zum Mitleid, zu dem Satz: »Hilf allen, soviel du kannst!« Dazu Marx: »Tiefer ethisch sozial hat keine sentimentale Regung das Gebot der Nächstenliebe verkündet.« Marxisten kann diese Überlieferung in Zukunft nicht länger gleichgültig sein. Lukács, also sozusagen präökologischer Philosoph, hat ihr noch keine Beachtung geschenkt. In seiner Schopenhauer-Kritik hat sie so wenig Spuren hinterlassen wie in den Vorarbeiten zur Ethik, über denen er hochbetagt gestorben ist. Indes schon ein Jahr nach seinem Tode gri die Sowjetwissenschaft alles Vernünftige an den Warnrufen des »Club of Rome« auf. Ungefähr gleichzeitig begann damals die Sowjetliteratur – man denke an Tschingis Aitmatows Abschied von Gülsary (1966) oder an Boris Wassiljews Schießt nicht auf weiße Schwäne (1973) – der ethischen Dimension ökologischer Problematik sich gestaltend zu bemächtigen, eine Entwicklung, die bei Aitmatow im Eingangskapitel seiner Richtstatt (1986), in den Träumen einer Wöl n, jüngst einen Höhepunkt an poetischer Evidenz erreicht hat. Besänne die marxistische Philosophie der Gegenwart sich auf das zitierte Marxwort, es könnte ihr einen Impuls, dahinter nicht zurückzubleiben, verleihen. Heißt das, dass wir deswegen fortan Schopenhauer huldigen müssten? Nein. Dessen Grundformel bleibt verkehrt. Die Welt ist nicht Vorstellung und ist nicht Wille. Fernliegen werden uns immer seine pittoresken Schimpfereien auf Fichte und Hegel. Nach wie vor erweckt seine einstige Popularität uns Argwohn, da Mangel an begri icher Denkkraft und Unkenntnis exakter Wissenschaft ihr zum Vorteil gereicht haben. Vollends kann sein lähmender, weltverneinender Pessimismus uns gestohlen bleiben, gerade – und mehr denn je – angesichts der ungeheuren Gefahren, die jetzt die »Wesenheit alles Organischen« bedrohen und die es aus Lebensbejahung tatkräftig, ndig, unerschrocken zu bannen gilt. Doch wenn der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, sich emphatisch zu Mitleid und Nächstenliebe bekennend, sogar an dem reaktionären Schopenhauer die Idee einer Steigerung der Humanität ins Universale zu schätzen wusste, dann ist das Grund genug, Nietzsche, der das Gegenteil lehrt, der moralische Bindungen selbst im gesellschaftlichen Bereich auf elitäre Exklusivität eingrenzt, der daher Regungen des Mitgefühls mit den »Schlechtweggekommenen« zu 5 4 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ersticken emp ehlt, uns noch verhasster zu machen, als er es seinen bisherigen marxistischen Gegner, mit Einschluss von Lukács, gewesen ist. 2. Von den Faschisten ist Nietzsche nicht etwa missbraucht worden. Er war tatsächlich ihr wichtigster, ihr entscheidender geistiger Wegbereiter. Vor allem Lukács und Günther haben dies schon zu einer Zeit, als sie über ihn noch manche Illusion hegten – die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs stand noch aus –, über jeden Zweifel hinaus klargestellt. Weil sie sich hierbei freilich, verständlicherweise, darauf konzentrierten, den Faschismus in der ihnen unmittelbar geläu gsten, der überdies mächtigeren und brutaleren deutschen Variante zu bekämpfen, rückte das Urmodell italienischer Provenienz für sie fast ganz aus dem Blickfeld. So sind ihnen Phänomene entgangen, deren Berücksichtigung ihre Argumentation zusätzlich hätte stützen, sie mit weiteren Gesichtspunkten hätte anreichern können. Aus derselben Geisteshaltung, aus der Lukács mit Nietzsches Philosophie und der in erster Linie durch sie inspirierten »Weltanschauung« der Nazis abrechnet, greift er auch modernistische »avantgardistische« Strömungen in der Literatur und Kunst seiner Zeit an. Den Nachweis, wie eng diese Fäulniserscheinungen insgeheim geschichtlich miteinander zusammenhängen, bleibt er jedoch schuldig, so dass er seiner – im Kern berechtigten – Kritik am Expressionismus, von 1934, nach dem Krieg nur in einer Fußnote die wenig überzeugende Feststellung hinzuzufügen vermag, die spätere Verwerfung »entarteter Kunst« im Dritten Reich ändere an der historischen Richtigkeit seiner Analyse nichts. Es ist die Vernachlässigung Mussolinis, des italienischen Faschismus, die seine Position hier unnötig schwächt. Ersichtlich wird dies in seiner brie ichen Kontroverse mit Anna Seghers, 1938/1939.36 Er weist deren Forderung, »Hiebe gegen die Dekadenz« nur im Falle politischer Feinde auszuteilen, zwar mit guten Gründen zurück, begeht aber selbst den Fehler, den von der Dichterin genannten D’Annunzio und Marinetti, Anhängern Nietzsches und Parteigängern des Duce, verwirrenden Ein uss auf Linke abzusprechen. Nicht einmal bei D’Annunzio war das richtig (erinnert sei an den frühen Heinrich Mann), schon gar nicht bei Marinetti. Hätte Lukács mit dem sich näher befasst, mit dem von ihm begründeten Futurismus, mit dessen enormer Wirkung auf die deutsche, die französi- 36 (AH) Abgedruckt in: Ein Briefwechsel zwischen Anna Seghers und Georg Lukács, in: Lukács, Georg: Essays über Realismus, Berlin, 1948, S. 171–215. Siehe außerdem die verschiedenen Ausführungen und Hinweise in den entsprechenden Dokumenten des 9. Bandes. 5 4 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte sche, die spanische, auch die russische Pseudoavantgarde, ihm wäre bewusst geworden, dass faschistische Politik und spätbürgerliche Kulturzersetzung eineiige Zwillinge sind, unbeschadet des pragmatischen Interesses der zur Macht gelangten Nazis, massenwirksame Werbung für ihre Ziele durch wirksame Poeten und Maler mit einer Demagogie zu verknüpfen, die Hitler vor traditionalistisch orientiertem Bürgertum als Verteidiger der Bildungswerte gegen einen ktiven »Kulturbolschewismus« posieren ließ. Mit seiner provokanten Negierung aller überlieferten kulturellen Errungenschaften, seiner Vorliebe für Kampf und Gefahr, seiner Erhebung der Technik zum Selbstzweck, mit der Verherrlichung der Geschwindigkeit, der Gewalt, des Krieges ist der Futurismus – die Manifeste Marinettis dokumentieren es – vollständig von Nietzsches Philosophie durchdrungen. Politisch eingeschworen auf die Bestrebungen italienischer Nationalextremisten, stellte der Futurismus sich von Anbeginn in den Dienst der faschistischen Bewegung. Er war die ursprüngliche, die authentischste faschistische Kunstrichtung. Er blieb es, kulturpolitisch dominierend, bis zuletzt. Mit seinen optischen Finessen, in der »Aeropittura«, machte er Reklame für Italo Balbos Luftwa enaufrüstung. Vom Überfall auf Abessinien an überbot er jede sonstige Kriegshetze an fanatischer Verve. Und bei alledem bestand sein marktschreierisch verkündete Anspruch, Erwecker, mobilisierende Kraft der übrigen »Avantgardismen« in der Kunst und Literatur des Zeitalters zu sein, zu Recht. Die expressionistischen Maler sind von ihm zur Missachtung der Perspektive sowie zu anderweitig bequemer Primitivität ermutigt worden. Ihm haben die Dichter des Expressionismus den ekstatischen Aufschrei nachgeahmt, mochte der bei ihnen, angepasst ans Revolutionsmilieu, daher mit der linker Nuancierung auch »Oh Mensch!« lauten. Über die Kulturleistung des bald hinter uns liegenden 20. Jahrhunderts müssen wir heute Bilanz ziehen. Unabweisbar erhebt sich da vor uns die Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu sondern. Zu erwägen ist, in Anbetracht von Walkmann und Fernsehen, welche Kompositionen, Dichtungen, Gemälde, Graphiken, Skulpturen für die den betäubenden Phonostärken und der Überschwemmung durch Bildschirmreize abzuringende Muße noch der Aufnahme großer Musik, dem Fortleben von Lesebedürfnis, der andächtigen Versenkung in Meisterwerke bildender Kunst günstig sein mögen, welche anderen dem eher, mangels Genießbarkeit, den Rest geben werden. Gültig ferner, im Hinblick auch auf dieses Erbe, sofern es weiter wirken soll oder besser historisch auf der Strecke bleiben, ist unser Postulat, es kritisch anzueignen, wenn überhaupt. 5 4 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Was daran scheint kreativ fortführender Übernahme wert? Was hat die Überantwortung an sarkastischen Hohn verdient? Was verlohnt Neuentdeckung, was gar Wiedererweckung? Wo ist gegenüber unwiderru ich Abgestorbenem Trauer am Platze, wo gleichgültiges Achselzucken, wo ein sich angeekelt abwendendes Gefühl der Erleichterung, wo am Ende Scham? Die Zusammengehörigkeit von Faschismus und Futurismus lehrt, dass es ohne umfassendes, uneingeschränktes Nein zu Nietzsche keine sicheren Kriterien für die Beantwortung dieser Fragen geben kann. Seine Ablehnung durch Lukács, so goldrichtig sie ist, geht hier nicht weit genug. Auf einen breiteren gesellschafts- und geistesgeschichtlichen Zusammenhang bezogen, entbehrt sie hinreichender Konsistenz. Die herzustellen bleibt für die Ideologiekritik des Marxismus ein sie herausforderndes Desiderat. 3. Die marxistische Kritik an Nietzsche haben Männer geschrieben. Schwerlich kann ihnen verborgen geblieben sein, dass Marx die Emanzipation des weiblichen Geschlechts mehrmals für den Gradmesser erklärt hat, an dem exakt der Fortschritt der Gesellschaft, der in ihr erreichte Stand der Zivilisation sich ablesen ließe. Trotzdem sind noch von keinem Marxisten die Schmähungen, die Nietzsche sich gegenüber den Frauen he rausnimmt, in die Polemik gegen ihn mit einbezogen worden. Der Nachholbedarf in dieser Beziehung ist groß. »Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!« So steht es in Also sprach Zarathustra. Dass daraus ein ge ügeltes Wort werden konnte, jedermann geläu g, populär wie ein gängiger Juxartikel, zählt zu den Gemeinheiten, die bis heute den anhaltenden Widerstand gegen weibliche Gleichberechtigung begleiten und ihm ein ruhiges Gewissen machen helfen. »Der Mann soll zum Krieger erzogen werden« ist in der nämlichen Zarathustra-Rede zu lesen, »und das Weib zur Erholung des Kriegers; alles andere ist Torheit.« Oder auch: »Der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht.« Und: »Gehorchen muss das Weib und eine Tiefe nden zu seiner Ober- äche. Ober äche ist des Weibes Gemüt, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer. Des Mannes Gemüt aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen; das Weib ahnt seine Kraft, aber sie begreift sie nicht.« Nietzsches Mädchenlied stammt aus derselben Zeit. Darin heißt es: »Selten dass ein Weib zu denken/Wagt, denn alte Weisheit spricht:/›Folgen soll das Weib, nicht denken; /Denkt sie, nun, dann folgt sie nicht.‹« 5 4 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Schopenhauer, kehrt der den Misogyn heraus, wirkt, obgleich scheußlich genug, daneben noch gutartig. Niederträchtigkeiten solchen Kalibers sucht man vergebens bei ihm. Der Qualitätsunterschied erweist sich bei genauerem Hinsehen als geschichtlich bedingt: Zu Schopenhauers Lebzeiten existierte noch keine Frauenbewegung. Ins Jahr 1865 erst fällt die Gründung ihrer in Deutschland ältesten Organisation. Deren Bestrebungen befehdet Nietzsche. Und so, wie er gegen das kämpfende Proletariat und den Sozialismus die Rückkehr zu antiker Sklaverei emp ehlt, rät er, zur Abwehr der »Frauenrechtlerinnen«, wie sie damals abwertend genannt wurden, sich auf die sexistischen Sitten im alten China und Japan, in der Türkei und in Persien zu besinnen. Das ist gemeint, wenn besagte männliche »Tiefe« drei Jahre später, in Jenseits von Gut und Böse, von ihm wie folgt abgewandelt wird: »Ein Mann, der Tiefe hat, in seinem Geiste wie in seinem Begierden, (…) kann über das Weib immer nur orientalisch denken: – er muss das Weib als Besitz, als verschließbares Eigentum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen – er muss sich hie rin auf die ungeheure Vernunft Asiens, auf Asiens Instinkt-Überlegenheit stellen.« Marxisten verbinden ihr Eintreten für volle Gleichberechtigung der Frau mit der Distan zie rung von Tendenzen, die Frauenfrage zu verselbständigen und alle Missstände der Gesellschaft durch Au ehnung des weiblichen Geschlechts gegen die Vorherrschaft des männlichen aus der Welt scha en zu wollen. Zuweilen wurde dem Geschlechterproblem hierbei unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Clara Zetkin neigte dazu, zu bestreiten, dass Arbeiterinnen mit den Frauen der Bourgeoisie irgendwelche gemeinsamen In teres sen haben könnten. August Bebel, vor ihr, war eher bemüht gewesen, Frauen und Mädchen aus allen Volksschichten, auch bürgerliche, als Unterdrückte für die sozialistische Bewegung zu gewinnen. Der Feminismus unserer Tage hatte derlei Di erenzen, in veränderter, zum Teil zugespitzter Form, wieder au eben lassen. So oder so dazu Stellung zu nehmen, gehört nicht unmittelbar zum ema Nietzsche. Bei Gelegenheit dieses emas aber sollte eines unumstritten sein: Dass die bisherige marxistische Kritik an seiner Philosophie die Position, von der aus sie geübt wird, Nietzsche, 1862 5 4 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re dem Verdacht aussetzt, einer achtlosen, gleichgültigen Haltung zur weiblichen Emanzipation, wenn nicht Vorschub zu leisten, so doch kaum im Wege zu stehen. Das trägt dazu bei, Ein uss und Anziehungskraft der Arbeiterbewegung zu beeinträchtigen; es erschwert ihr Bündnis mit den Feministinnen und ist durch das Gedankenerbe von Marx in keiner Weise legitimiert. Folglich werden Marxisten, die sich mit Nietzsche befassen, ihn künftig als den Erz-Chauvi, der er war, und dies als eine seiner grässlichsten Seiten kenntlich zu machen haben. 4. Unklarheiten bestehen über Nietzsches Stellung zum Rassenproblem. Noch in Lukács’ zweiter Arbeit über ihn, von 1943, wird ihm attestiert, »den Antisemitismus immer verachtet zu haben«. Ähnlich euphemistisch hatte 1935 Hans Günther sich geäußert. Erst Die Zerstörung der Vernunft bringt 1953, in ihrem dritten Kapitel, ein besser fundiertes, sorgfältiger abwägendes Urteil: »Obwohl auch Nietzsche seine gesellschaftlichen Kategorien ›biologisch‹ begründet, obwohl auch seine Ethik von einer angeblichen radikalen ewigen Ungleichheit der Menschen ausgeht und diese zu beweisen sucht, obwohl also die Nietzschesche und die Gobineausche Rassentheorie in ihren moralischen und sozialen Konsequenzen grundlegend übereinstimmen, besteht ein Unterschied darin, dass Nietzsche auf die Suprematie der ›arischen‹ Rasse kein Gewicht legt, dass er nur ganz allgemein mythisch, ohne andere Bestimmungen als die moralisch-gesellschaftlichen zu berücksichtigen, Herren- und Sklavenrassen kennt. Er ist also auch in dieser Hinsicht unmittelbar eher ein Vorläufer Spenglers als einer Rosenbergs.« Der Wahrheit kommt das sehr nahe, tri t sie allerdings nicht ganz. Bemerkenswert aber und hoch anzuerkennen ist, dass Lukács, alarmiert durch die mit den albernsten Geschichtsklitterungen arbeitende Nietzsche-Apologie Walter A. Kaufmanns, von 1950, seinen eben zitierten Ausführungen bereits hellsichtig hinzufügt: »Das Betonen dieser Di erenz ist heute nur ein Mittel der ›Entnazi zierung‹ Nietzsches.« Inzwischen wird diese Di erenz von verworren denkenden Linken besonders gern benutzt, unter denen Montinari Dankbarkeit dafür bekundete, in jungen Jahren durch Nietzsche vor faschistischer Verführung bewahrt worden zu sein. Auch Pepperle, weit entfernt, gegen solche Selbsttäuschung zu protestieren, die einem Missverständnis verdrängten elitären Dünkels zuzuschreiben war, meint: »Es stimmt, dass Nietzsche von den Nazis geplündert wurde und dass sich vieles bei ihm ndet, was der faschistischen Ideologie zutiefst widerspricht. So war Nietzsche kein Antisemit. (…) Rassentheorien im üblichen Sinne lehnte er ebenfalls ab.« 5 4 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Nichts davon hält unbefangener historischer Prüfung stand. Um dies einzusehen, muss man sich zunächst klarmachen, aus welchen Motiven Nietzsche zu der antisemitischen Bewegung, die sich gegen Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu formieren begann, sehr bedingt Distanz gewahrt hat. Nur einen ihrer ideologischen Wegbereiter erwähnt er gelegentlich: Eugen Dühring. In ihm wittert er einen Anarchisten und Kommunisten. Gegen ihn polemisiert er von rechts. Er macht sich, in Zur Genealogie der Moral, Dührings – von Engels glänzend widerlegte – Gewalttheorie zwar zu eigen, weist dabei aber dass an ihr progressiv Gemeinte, die Herleitung von Recht und Gerechtigkeit aus reaktiver Gewalt, seitens der Unterdrückten, zurück, um in dem Zusammenhang eine seiner vielen Lobpreisungen hemmungsloser Aggressivität anzustimmen. »Eine Rechtsordnung, allgemein gedacht«, schreibt er, »als Mittel gegen allen Kampf überhaupt, etwa gemäß der Kommunistenschablone Dührings, (…) wäre ein lebensfeindliches Prinzip, (…) ein Zeichen der Ermüdung, ein Schleichweg zum Nichts.« Man entsinne sich, dass Bebel, der selbst einmal auf Dühring hereingefallen war, später den Antisemitismus, den er an ihm anscheinend übersehen oder nicht sonderlich tragisch genommen hatte, einen »Sozialismus der dummen Kerls« genannt hat. Jeglichen Sozialismus, den der dummen nicht weniger als den der klugen Kerls, hasste und fürchtete Nietzsche. Und er übertrug seine Abneigung gegen Dühring auf die sich organisierenden Antisemiten, einmal aus A nität zur herrschenden Klasse insgesamt, von der das Großbürgertum jüdischer Konfession nun einmal ein Teil war, zum anderen, weil die Christlich-Soziale Partei, 1878 von dem antisemitischen Hofprediger Adolf Stöcker gegründet, das Proletariat nicht nur gegen diese Fraktion der Bourgeoisie aufhetzen, seinen Klassenkampf auf die ablenken wollte, sondern den Arbeitern zugleich auch ökonomische und juristische Zugeständnisse vorgaukelte, mit denen sie der Sozialdemokratie abspenstig gemacht und für ron und Altar zurück gewonnen werden sollten, eine Bereitschaft zu partieller Nachgiebigkeit, die konsequenteren, radikalen Scharfmachern unannehmbar schien. Nietzsche nahm folglich eine Position ein, die noch reaktionärer war als die der Antisemiten seiner Zeit. Damit steht in Einklang, dass er selber an Verhöhnung der Juden, so weit sie diese im Allgemeinen und nicht speziell die wohlhabenden unter ihnen traf – die schonte, ja, ho erte er –, es keineswegs hat fehlen lassen. Ausgerechnet die Juden, die »besten Hasser«, die es je gegeben, höhnt er, hätten den »schwärmerischen Satz: ›Liebet eure Feinde!‹ er nden müssen, so wie die schönste Verherrlichung der 5 5 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Keuschheit von solchen gedichtet worden, die in ihrer Jugend wüst und abscheulich gelebt haben«. Die »Sünde«, höhnt er andernorts, sei »ein jüdisches Gefühl und eine jüdische Er ndung, und in Hinsicht auf diesem Hintergrund aller christlichen Moralität war in der Tat das Christentum darauf aus, die ganze Welt zu verjüdeln«. Auf den Einwand, inhaltlich seien solche Ausfälle für den damaligen Antisemitismus untypisch gewesen, ist zu erwidern: Um so schlimmer! Dem eben lag es noch fern, in der Manier Nietzsches und seiner späteren nazistischen Nachbeter das aus jüdisch-christlicher Überlieferung herrührende Kulturerbe an sittlichen Werten generell zu verwerfen. Doch dass, umgekehrt, Nietzsche es verschmäht hätte, ganz gewöhnliche, stockordinäre Antisemittöne bisweilen seinerseits anzuschlagen, stimmt deswegen noch lange nicht. Jüdische Gelehrte, vermutet er, hielten auf die Logik große Stücke, um mit ihr dort zu siegen, wo man ihnen ungern glaube: Denn die Logik sei »so demokratisch, ohne Ansehn der Person auch krumme Nasen für gerade zu nehmen«. Oder er behauptet, Juden hätten es noch nie nötig gehabt, körperlich zu arbeiten. Oder er nennt sie »das Volk der Anpassungskunst par excellence, (…) eine welthistorische Veranstaltung zur Züchtung von Schauspielern, (…) eine eigentliche Schauspielerbrutstätte«, weshalb denn auch »der Jude als der geborene Literat, als der tatsächliche Beherrscher der europäischen Presse« – für meine Generation duftet es hier bereits Zyklon B – »diese seine Macht auf Grund seiner schauspielerischen Fähigkeit ausübt; denn der Literat ist wesentlich Schauspieler – er spielt nämlich den ›Sachkundigen‹, den ›Fachmann‹«. Und nach Art aller Antisemiten wird der – meist falschen, manchmal tre enden – Einzelbeobachtung jedes Mal prompt die verallgemeinernde Di amierung der religiösen bzw. nationalen Minorität im Ganzen angehängt: Heinrich Heine und Siegfried Lipiner reichen dergestalt hin als »Beweis« dafür, dass »die« Juden in der Kunst nur nachahmen könnten – »›beinahe echt‹ wie ein Goldschmied sagen würde« – ; Philipp Mainländer wiederum, der »süßliche Virginitätsapostel« unter den Schopenhauerianern, wahrscheinlich »nicht zu den rechten Deutschen zu zählen«, hat für die lapidare ese herzuhalten: »Alle Juden werden süßlich, wenn sie moralisieren.« Also sprach Friedrich Nietzsche. Er konnte – zugegeben – anders sprechen: philosemitisch. Aber gerade da kommt sein reaktionärer Klassenstandpunkt nur desto deutlicher zum Vorschein. Die eben angeführten Stellen stehen in der Morgenröte, der Fröhlichen Wissenschaft und dem Nach- 5 5 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte lassstück Kunst und Künstler. Die ein paar Jahre später entstandene Schrift Jenseits von Gut und Böse, die in der eingeschlagenen Richtung wesentlich weiter geht, zieht in Erwägung, ob es nicht »vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen«. Fragt sich bloß: Zu welchem Zweck? Nietzsche schlägt vor, dem Drang reicher Juden zur Assimilation, »der vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen Instinkte ausdrückt«, entgegenzukommen – »mit aller Vorsicht, mit Auswahl; ungefähr so, wie der englische Adel dies tut«. Und dann verrät er, wie, nach seinen Wunschträumen, die zur Beherrschung Europas berufene neue Führungsschicht zu Stande kommen und durch welche Vorzüge sie sich auszeichnen soll: Es liege auf der Hand, dass »am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschtums« (von 1885!) mit jenen behutsam auszuwählenden reichen Assimilationsjuden »einlassen« könnten: »Zum Beispiel der adlige O zier aus der Mark«, das heißt der ostelbische Junker, möglichst in der Galauniform des Potsdamer Regiments Garde du Corps. Wozu? »Es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob es sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens – in beidem ist das bezeichnete Land (die Mark Brandenburg, WH) heute klassisch – das Genie des Geldes und der Geduld – und vor allem etwas Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt, hinzutun, hinzuzüchten ließe. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschtümelei und Festrede abzubrechen, denn ich rühre bereits an meinen Ernst, an das ›europäische Problem‹, wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen, über Europa regierenden Kaste.« Darauf, worüber dann, von dieser Kaste regiert, Europa für alle Zukunft herrschen soll, wird gleich zurückzukommen sein: Bei Gelegenheit des »guten Europäers«. Ist es sonderlich wichtig, wirkt es gar beruhigend, wenn zu bedenken gegeben wird, dass hier Rassismus eigentlich nicht à la Gobineau vorliege, sondern in einer anderen Version, die, statt auf »Ariertum« Wert zu legen, mit moralischen und gesellschaftlichen Kategorien, mit Befehl und Gehorsam, mit Geld und Geistigkeit, operiert? Wer solchen Nuancen Geschmack abgewinnt, muss sich gefallen lassen, etwa auf Nr. 271, die »Reinigung der Rassen« betre end, in Nietzsches Morgenröte hingewiesen zu werden. Im einschlägigen Schrifttum ist, soweit ich sehe, kein Passus zu nden, der die Wahnvorstellung einer unter Menschen herstellbaren Rassenreinheit unmissverständlicher in Worte kleiden, der kürzer und bündiger ihre Verwirklichung fordern würde. Vielleicht haben Rosenberg und Bäumler das weitschwei ge Hauptwerk von Gobineau gelesen. 5 5 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Dem Heinrich Himmler, weiland Besitzer einer Ge ügelfarm, dürfte Nietzsches Behauptung, dass »reingewordene Rassen immer auch stärker und schöner geworden« seien, dass »die Griechen uns das Muster einer reingewordenen Rasse und Kultur« gäben, mitsamt dem Wunsch, es werde »ho entlich auch einmal eine reine europäische Rasse und Kultur gelingen«, als Ansporn genügt haben, seine Erfolge beim Hühnerzüchten ins Große zu übertragen: In das Schädelmessen an sämtlichen deutschen Schulkindern, in die Praktiken des »Lebensborns«, schließlich ins unvorstellbare Grauen des industriell betriebenen Massengenozids an den Juden und den Sintis aus ganz Europa. Soviel dazu. Und jetzt zu dem von Nietzsche postulierten »guten Europäer«. Da ist eine »Kleinigkeit« zur Sprache zu bringen, die Europäern, auch heute, leider seltener ans Gewissen rührt: Die Rassenfrage in ihren globalen Ausmaßen. Wann immer Nietzsche auf farbige Völker zu sprechen kommt – nie anders als voller Verachtung –, ist er unzweideutig auf den Rassismus des Gobineauschen Typs eingeschworen. Und einzig der Gedanke an Völker anderen Pigments lässt ihn dabei, ausnahmsweise, Möglichkeiten in Betracht ziehen, wie die sonst von ihm pauschal befürwortete Wiedereinführung der Sklaverei europäischen Arbeitern gegebenenfalls doch erspart bleiben könnte. Lukács, Günther und spätere marxistische Kritiker gehen daran vorbei. Schon Mehring aber, in einem Aufsatz von 1896, hat einen diesbezüglichen Beleg erbracht, ohne freilich mit konsequenter Überwindung eurozentrischer Befangenheit dessen genaueren historischen Kontext zu re ektieren, und unter Verzicht auf die Angabe der hierfür aufschlussreichsten Quelle. Das bleibt nachzuholen. Wieder geht es um die Morgenröte. Als die Schrift erschien, 1880, wurde in den USA, unter der Präsidentschaft desselben Rutherford Hayes, der in den Südstaaten den Sieg der eingeborenen Weißen über die schwarze Bevölkerung herbeiführte, auch das Verbot aufgehoben, das bis dahin Weiße noch daran gehindert hatte, in das über mehrere heutige Staaten (Oklahoma, Kansas u. a.) sich erstreckende Indianerterritorium einzuwandern. Im gleichen Jahr erteilte Nietzsche den Arbeitern Europas den Rat, massenweise, bis zum vierten Teil der Bewohner ihrer Länder, auszuwandern; »in wilden und frischen Gegenden Welt« sollten sie »Herr zu werden versuchen«. »Außerhalb Europas«, fügte er euphorisch hinzu, »werden die Tugenden Europas mit diesen Arbeitern auf der Wanderschaft sein; und das, was zu gefährlichem Missmut und verbrecherischen Hange innerhalb der Heimat zu entarten begann« – zwei Jahre zuvor hatte Bismarck sein Gesetz gegen die »gemeingefährlichen Bestrebungen« der Sozialdemokratie erlassen –, 5 5 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte das werde »draußen eine wilde, schöne Natürlichkeit gewinnen und Heroismus heißen.« Die Ureinwohner der Neuen Welt, seither zu spärlichen Resten zusammengeschmolzen, in Reservationen kümmerlich dahinvegetierend, können von dieser Sorte »Heroismus« ein Lied singen – ein todtrauriges Lied. Doch damit nicht genug. China, das den vierten Teil der Erdbewohner stellte, lag 1880, unter der Regentschaft der Kaiserinwitwen, ökonomisch zurückgeblieben, politisch schwach, fortschreitender Zerstückelung durch die Großmächte preisgegeben, am Boden. In dieser Situation lenkte Nietzsche sein Augenmerk wie auf die Rothäute so auch auf die gelben, mit der Folge, dass in seinem Konzept europäischer Güte nicht nur den letzten Mohikanern der Gentilgesellschaft – an denen Engels »persönliche Würde, Geradheit, Charakterstärke und Tapferkeit« rühmt –, sondern im selben Atemzug gleich auch der ältesten Kulturnation der Welt das Sklavenlos zugedacht ist; nur anders, modi ziert. Sollte es in Europa, fährt die Morgenröte fort, in Folge der Auswanderung seiner aufsässigen Proletarier an Arbeitskräften mangeln, dann könne »man« ja Chinesen hereinholen, »und diese würden die Denk- und Lebensweise mitbringen, welche sich für arbeitsame Ameisen schickt«. Ich denke, das genügt. Aus alledem folgt: Durch Nietzsches philosemitische Anwandlungen brauchen wir uns nicht düpieren zu lassen. An ihnen mag die rechtsextreme Fraktion der – selber durchaus rassistisch denkenden – Zionisten sich erfreuen, erkenntlich dafür, dass er den Geist der zum Suezkanal vorstürmenden Blitzkriegssieger und ihres christlich-germanischen Lobhudlers, des Axel Cäsar Springer, herbeigesehnt hat. Millionen ermordeter Juden aber mahnen uns, nicht die geringste Vertuschung und Verharmlosung von Nietzsches Antisemitismus mehr zu dulden. Und mehr noch sind wir es den Völkern der Dritten Welt, Opfern des Kolonialismus und Neokolonialismus, wie überhaupt den Menschen anderer Hautfarbe schuldig, seinen teils zu Raubzügen auf fernen Kontinenten ermunternden, teils nach gigantischem Sklavenimport gierenden Rassenwahn schonungslos anzuprangern. 5. Die Ideengeschichte aller Zeiten kennt keinen beredteren Künder der Gewalt, keinen passionierteren Kriegstreiber als Nietzsche. »Zarathustra«, schreibt er, »muss seine Jünger zur Erderoberung aufreizen: – höchste Gefährlichkeit, höchste Art von Sieg: ihre ganze Moral eine Moral des Krieges – unbedingt siegen wollen.« »Gefährlich leben!« lautet die Losung, die er ausgibt. Als »grünes Weideglück der Herde« verachtet er ein Dasein in Frieden und Harmonie. »Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, 5 5 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsam organisierende Glut in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen große Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jene dumpfe, erdbebenhafte Erschütterung der Seelen ebenso stark und sicher mitgeteilt werden könnte, wie dies jeder große Krieg tut.« Also sprach Friedrich Nietzsche. Mehring berührt in den drei Beiträgen über ihn, die zwischen 1891 und 1899 erschienen sind, diese Seite seines unheilvollen Wirkens noch nicht. Der Erste Weltkrieg und die faschistische Machtergreifung in Deutschland haben später den marxistischen Kritikern erst den Blick hierfür geschärft. Unter ihnen hat vorab Lukács, 1934, darauf aufmerksam gemacht, dass im Mittelpunkt von Nietzsches Kunsttheorie die Bejahung des Krieges steht. Ihm folgte ein Jahr danach Hans Günther. Aus einer Zusammenstellung schlagender Beweise zieht er den Schluss: »Wer auch immer heute im Dritten Reich den Krieg verherrlicht, er geht auf Nietzsche zurück.« Wieder von Lukács ist die Begründung dieser zutre enden ese in Arbeiten von 1943 und 1953, die mit der ideologischen Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs abrechnen, gedanklich sehr vertieft und um viele weitere Belegstellen bereichert worden. Jede ernst zu nehmende, sachgerechte Beschäftigung eines Marxisten mit Nietzsche muss seither an Lukács und Günther anknüpfen – und kann dies in dem Bewusstsein tun, dass es keinerlei Grund gibt, an dem, was beide in der Beziehung erkannt haben, irgend einen beschönigenden Abstrich zu machen. Sie darf, will sie wirklich zeitgemäß sein, bei ihren Ergebnissen aber auch nicht stehen bleiben; in der Frage von Krieg und Frieden am wenigsten. Denn durch den weltweiten Rüstungswettlauf, die wahnwitzige Entwicklung der Wa entechnik sind inzwischen Umstände eingetreten, die das von beiden gefällte Urteil erheblich zu verschärften gebieten, ja, ihm, darüber hinaus, unter den Einwänden, die gegen Nietzsches Au assungen überhaupt vorzubringen sind, auch einen ganz neuen Stellenwert zuweisen. Im Zarathustra, in der Rede Vom Krieg und Kriegsvolke, stehen die Sätze: »Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr als den langen. Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg. (…) Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.« Unschwer ist zu erkennen, dass die Unterscheidung gerechter und ungerechter Kriege hier aufgegri en wird, um 5 5 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte ihren Sinn – den Sinn, den sie damals noch hatte – zynisch, verantwortungslos durch ein geistreichelndes Paradoxon ins Konträre zu verdrehen. Bereits beim damaligen Rüstungsstand begannen Engels’ Gedanken um die Möglichkeit zu kreisen, dass jedweder Krieg sinnlos geworden sein könnte. Heute setzen die Marxisten sich für eine neue Sicht der Dinge, eine neue Denkweise ein, der das Menschenleben als höchster Wert gilt, die den Gewaltverzicht zur Grundlage des Lebens der Menschengemeinschaft zu machen sucht und danach strebt, dass allenthalben die Konfrontation dem friedlichen Ausgleich der Interessen, der Argwohn gegenseitigem Vertrauen weicht. In der Deklaration von Delhi hat die Friedensbotschaft Lenins sich eng mit derjenigen Mahatma Gandhis, des im Raum der Politik geschichtlich bedeutendsten Tolstoianers, verbunden. Der Begri des gerechten Krieges erfährt so eine äußerste Eingrenzung. Aitmatow und Muhamedshanow, in ihrem Stück Der Aufstieg auf den Fudschijama, rühren mit der Tragödie Saburs weitherzig, versöhnlich an das Problem pazi stischer Einstellung bei Sowjetbürgern sogar inmitten des Großen Vaterländischen Krieges. Die sowjetische Führung will die Bereitschaft, bewa net zurück zu schlagen, auf allen beteiligten Seiten durch Dialog und Partnerschaft von vornherein gegenstandslos machen. Selbst im Hinblick auf Kon ikte in der Dritten Welt betrachtet die Prawda den Sachverhalt, dass einige Länder in gewissem Maße außerhalb der allgemeinen Bedingungen des Nuklearzeitalters stehen, als ebenso relativ wie die Eventualität einer Wiederholung vornuklearer Kollisionen und warnt, jeder lokale Krieg habe die Tendenz, sich unabsehbar auszuweiten: Zur regionalen, ja, zur Weltkatastrophe. So gesehen, daran gemessen entlarvt die Bejahung des Krieges als Selbstzweck sich als der teu ischste Einfall, den je ein Gehirn hat ausbrüten können. Es geht nicht mehr an, ihn, wie es zu Lukács’ und Günthers Lebzeiten noch zulässig war, bei der Auseinandersetzung mit Nietzsche allgemeineren Gesichtspunkten des Klassenkampfes unterzuordnen, geschweige den Einfall gleichrangig neben emen der Erkenntnistheorie, der Ästhetik, der Philosophiegeschichte, Kulturwissenschaft usw. zu erörtern. Seine Ungeheuerlichkeit erscheint heute als schlechthin zentral, ihn zu verwerfen als unabdingbare Hauptsache. Aber das ist nicht alles. Was zwingt denn zum Umdenken? Der Umstand, dass die Kriegsgefahr heute den Fortbestand des Lebens auf unserem Planeten in Frage stellt, dass durch sie die ganze Menschheit sich dem Risiko des Untergangs ausgesetzt sieht. 5 5 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ende des vorigen Jahrhunderts, mag man beschwichtigend dagegenhalten, sei eine solche Lage kaum voraussehbar gewesen. Das ist wahr. Doch nicht einmal darauf lässt ein auch nur historisch relativierendes Verständnis für Nietzsche sich gründen. Was Mehring, wenn er seine Kriegshetze stillschweigend übergeht, zu Gute gehalten werden kann, dient Nietzsche selber nicht zur Entlastung. Der nämlich, begabt mit hochgradigem Spürsinn für künftige Entwicklungen, hat die Selbstvernichtung des Homo Sapiens durchaus schon ins Auge gefasst. Dass er sie herbei gewünscht hätte, ist nicht auszuschließen. Auf sie ankommen lassen wollte er es. Soviel steht fest. Aus den Entwürfen zu einer Fortsetzung des Zarathustra teilt Lukács das, wie er mit Recht meint, »o enherzigste Programm für diese Arbeit« mit. Nietzsche wiederholt an der zitierten Stelle seine Parole »Nichts ist wahr, alles ist erlaubt« und fährt dann fort: »Zarathustra: ›Ich nahm euch alles, den Gott, die P icht – nun müsst ihr die größte Probe einer edlen Tat geben. Denn hier ist die Bahn der Ruchlosen o en – seht hin!‹ – Das Ringen um die Herrschaft, am Schluss die Herde mehr Herde und der Tyrann mehr Tyrann als je. – Kein Geheimbund! Die Folgen eurer Lehre müssen fürchterlich wüten: aber es sollen an ihr Unzählige zugrunde gehen! – Vielleicht geht die Menschheit daran zugrunde! Wohlan!« Der das gedacht, der es niedergeschrieben hat, hat Nachsicht zu keiner Zeit verdient. Für Gegenwart und Zukunft, für die unter dem Damoklesschwert des Raketenkernwa enkrieges lebende Menschheit ist er absolut unerträglich geworden. 6. In diesem Kontext wirkt ein weiterer zur Klärung anstehender Punkt nahezu lächerlich. Auf ihn einzugehen ist nichtsdestoweniger dringend vonnöten. Weder Mehring noch Lukács oder Günther konnten vorausahnen, dass es einmal eine philologische Legende geben würde, die, in unseren Tagen, Nietzsche auf Kosten seiner ihn managenden Schwester zu retten versucht und sich zu dem Zweck auf Falsi kate, die ihr vorzuwerfen sind, beruft. Auch insoweit bedürfen die früheren marxistischen Beiträge zur Nietzsche-Forschung der Ergänzung. Elisabeth Förster-Nietzsche, ca. 1894 5 5 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Elisabeth Förster-Nietzsche (1846–1935) hat tatsächlich, wie von Karl Schlechta nachgewiesen, am hinterlassenen Briefwechsel ihres Bruders Fälschungen vorgenommen. Deren Sinn besteht darin, sie als eine ihm ebenbürtige Geistesgefährtin erscheinen zu lassen, berufen, sein Vermächtnis zu wahren. Dass die Enthüllung ebenfalls Verdacht erwecken muss gegen die beiden Kombinationen des Nachlasswerks Der Wille zur Macht, an denen die Schwester maßgeblich beteiligt gewesen ist, liegt auf der Hand. Hieran knüpft die Legende ihre den Autor in günstiges Licht setzenden Spekulationen. Suggeriert wird mangelndem Sachverstand, die Au ösung des Willens zur Macht in die besser chronologisch anzuordnende Gesamtmasse der nachgelassenen Aufzeichnungen, wie die von Colli und Montinari besorgte historisch-kritische Gesamtausgabe, 1967  ., sie darbietet, ergebe ein bestürzend neues Bild des Philosophen. Es erschwere den »reaktionären Zugri « auf ihn. Es strafe zumal seine faschistische »Vereinnahmung« Lügen. Man habe ihn gänzlich verkannt. »Nichts als ein Suchender, ein sehr verzweifelter« sei er gewesen, beteuert, inständig für ihn werbend, Hans Heinz Holz (1976). Zu einem Vordenker »für Grüne und Alternative« gar möchte Rudolf Augstein (1981) ihn umfrisieren. Nicht länger lasse er sich, frohlockt Renate Reschke (1983), »schadlos einseitig der potenzierten Vereinfachung konservativer Interessenvertretung zuschlagen«; nein, zur »Entdeckung« freigegeben sei das »rebellierende Moment« an ihm, das seiner Lehre innewohnende »kritische Potenzial«. Marxistische Nietzsche-Kritik heute kann nicht umhin, mit diesen durch nichts zu rechtfertigenden Vorstellungen aufzuräumen. Sie muss sich dazu des wirklichen Standorts der Schwester vergewissern. Deren Eingri e in Brieftexte, diktiert von Beweggründen wie Wichtigtuerei und Eitelkeit, sind, bei Lichte besehen, harmlos, gemessen an den Interpretationskunststücken, die sie fertig bringt, belegbar am eindrucksvollsten aus ihren von 1906 datierten Einleitungen zum Willen zur Macht. Worauf aber laufen die hinaus? Auf genau die Verharmlosung, der Nietzsches spätere Weißwäscher, die eben zitierten eingeschlossen, mit bald liberalem, bald kirchenfrommem, bald auch »linkem« Vorzeichen noch stets das Wort geredet haben. Die Schwester hat damit angefangen, ihren Bruder zu humanisieren. Sie erklärt, beispielsweise, aus seinem Aufwachsen in religiösem Milieu, dass er, wie sie meint, das Wort »Herdenmoral«, ihm durch »Herde« und »Hirt« vertraut, allenfalls »schalkhaft« in pejorativem Sinn gebraucht hätte. Ein »von Mitleid fast gebrochenes Herz« dichtet 5 5 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sie ihm an, das nur »Ausnahmemenschen« sich halt nicht leisten dürften, und versichert: »Es ist vollständig unrichtig, dass mein Bruder das Christentum gehasst habe – ich meine jene milde und schöne Jesuslehre, die für den Mühseligen und Beladenen ein solcher Trost sein kann, die übrigens keine Glaubenslehre, sondern eine Anweisung zum Handeln ist, wie mein Bruder so richtig erkannt hat.« Karl Jaspers und andere Apologeten sind darin ihr gefolgt. Wer kann da noch glauben – und wo, im übrigen, existiert der winzigste Anhaltspunkt dafür –, dass die Tiraden gegen Mitleid und Nächstenliebe, die Paroxysmen des Hasses, der Gewalt, der Grausamkeitvon der retuschierenden Hand dieser bigotten Dame entstammen? Insonderheit war sie es, die Nietzsche, den zu Dionysos Entrückten, 1897 nach Weimar verfrachtete, damit er, als das sehenswerteste Schaustück im ihm geweihten museumsartigen Archiv, dort seinen Lebensrest verbringe, um danach am ehrenden Angedenken Wielands und Herders, Goethes und Schillers zu schmarotzen. Auf schwesterlichen Ratschluss sollten den Gütestempel »Weimar« fortan die Editionen von Nietzsches Werken tragen, was sie seither auch tun, so als sei ihr Verfasser jener klassisch-humanistischen Tradition zugehörig, die er in Wahrheit mit Füßen getreten hat. Die Bemühungen, ihn nach dem Zweiten Weltkrieg für den Ideologiebedarf des demokratisch aufgeputzten Dollarimperialismus zu »entnazi zieren«, liegen auf gleicher Linie. Und da sie, außer von Kaufmann (USA), in Italien von Giorgio Colli ausgegangen sind, konnte Montinari, können in Folge dessen, durch ihn beeindruckt, auch Holz, Augstein, Reschke e tutti quanti sich getrost als Enkelschüler der Elisabeth Förster-Nietzsche betrachten. Obwohl sie wie Rohrspatzen auf sie schimpfen, betreiben sie weiterhin ihr Geschäft. Natürlich hat die Schwester, als die tüchtige Managerin, die sie war, sich ihr Lebtag lang auf den auswechselbaren Boden der Tatsachen gestellt. Behende verstand sie sich den in bewegter Zeit einander jagenden Konjunkturen anzupassen. Sie, die gleichgesinnte Witwe des Antisemitenführers Bernhard Förster, kann sich nicht genugtun darin, Georg Simmel als Autorität zu zitieren, wenn es das Erhabensein ihres Bruders über den Gegensatz von Al- Radierung von Hans Olde nach der Fotoserie »Der kranke Nietzsche«, 1899 5 5 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte truismus und Egoismus heraus zu streichen gilt. Die auf den Sieg der deutschen Waffen setzende Monarchistin, die dem Essayschreiber omas Mann in der Phase seiner tiefsten Verirrung brie ich kundtat, ihr Bruder sei nirgendwo besser verstanden worden als in den Betrachtungen eines Unpolitischen, von 1918, soll, wie verlautet, hintendrein nach Ehrung durch die Weimarer Republik gelechzt haben. Und in dem Maße, wie, noch unter deren Ägide, die Nazibewegung erstarkte, warf sie sich wieder der an den Hals. Ich brauche nicht viel Phantasie, um mir auszumalen, wie die Rührige, über hundertjährig, vor einer westzonalen Entnazi zierungskommission beliebige Lappalien in christlich gebotenen »Widerstand« umdeutet, wie sie vor Ort in Weimar, auf »kritisches Potenzial« pochend, bei den Nationalen Forschung- und Gedenkstätten antichambriert. Frage ich mich indes, wann eigentlich Elisabeth dem brüderlichen Vermächtnis am angemessensten gehandelt hat, von Missverständnis und verlogener Auslegung am ehesten frei, dann sehe ich die rüstige Greisin mit zum Faschistengruß empor gerecktem Arm ihren Führer begrüßen. Hitlers Empfang in Weimar Ein Photo hält die Szene fest. Kam Adolf Hitler, vor wie nach 1933, nach Weimar, so p egte er, sonstige Gedenkstätten tunlichst meidend, dass Nietzsche-Archiv fast jedes Mal aufzusuchen. Bei einer dieser Gelegenheiten überreichte Elisabeth ihm als Geschenk den Spazierstock ihres Bruders. Frau Reschke nennt dies »eine besonders peinlich wirkende Anbiederung«. Sie täuscht sich. Die umfangreiche Kollationierung von Textstellen aus Mein Kampf mit deren Quellen bei Nietzsche, zuverlässig, voll Akribie durchgeführt von Ernst Sandvoss, einem evangelischen eologen, erlaubt ein anderes 5 6 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Urteil: Ideologisch hatte Hitlers sich ohnehin längst auf Nietzsche gestützt. Dessen Stecken und Stab stand ihm, in sehr wohl passender Symbolik, also zu. Und Hitler seinerseits konnte Mussolini, als dieser, im September 1937, zum Staatsbesuch in Berlin weilte, kein ihn mehr erfreuendes, sinnigeres Präsent überreichen als eine Prachtausgabe von Nietzsches sämtlichen Werken. Von Missbrauch war beim einen wie beim anderen Vorgang keine Spur. Philologischen Erörterungen über Nietzsche haben wir in Anbetracht dessen freilich heute die Frage vorauszuschicken, ob ihn zu edieren nicht überhaupt zum Verbrechen geworden sei. Ich antworte darauf unumwunden mit Ja; nicht ohne bedauernd hinzuzufügen, dass es Verbrechen gibt, die in kapitalistischen Ländern schwer abzustellen sind. Verneint man die Frage aber, dann tut die Anordnung des Nachlasses hinsichtlich des Gehalts, auf den es einzig ankommt, nichts zur Sache. Eine Reihenfolge unter systematischen Gesichtspunkten macht ihn keinesfalls, wie man uns einzureden suchten, schlimmer, als er ist, und eine chronologische fördert nichts zu Tage, was zu dem Schluss berechtigte, Mussolini und Hitler hätten sich geirrt, ihr Abgott sei im Grunde ein humaner Geist gewesen. Bezugnehmend auf den Willen zur Macht hat Montinari behauptet, Nietzsche hätte »kein Werk unter diesem Titel geschrieben«. Wahr ist nur, dass er keines selber mehr publiziert hat unter diesem Titel, der trotzdem für sein geplantes Prosahauptwerk, sogar ö entlich, so in Nr. 27/III Zur Genealogie der Moral (1887), von ihm festgelegt worden war. Und fest steht auch, dass er viel, sehr viel geschrieben hat, was mit Sicherheit für dieses Werk bestimmt ist. (Das andere Hauptwerk, den Zarathustra, verstand er grotesker Weise als Dichtung.) Montinari, dem das nur zu bekannt war, versuchte den Schwindel zu verkleistern mit dem verräterischen Zusatz, »zuletzt« habe Nietzsche den Willen zur Macht auch nicht einmal mehr schreiben »wollen«. Bis zu dem Zeitpunkt, den das Wort »zuletzt« markiert, hat er das Werk demnach zwar schreiben wollen, aber nicht geschrieben. Nur schrieb er aber bis dahin, wie gesagt, eine Menge. Warum darunter gelegentlich auch mal das, was er schreiben wollte? Und was eigentlich heißt hier »zuletzt«? Meint das Wort die Todesstunde? Oder meint es das Turiner Ereignis, das elf Jahre davor, vom Januar 1889 an, jedem Scha en, daher auch jeder Absicht, noch irgendetwas zu schreiben, ein Ende gesetzt hatte? Der ausführlichsten, dazu den neuesten Stand der Forschung wiedergeben Biographie, verfasst von Kurt Paul Janz, ist im dritten Band zu entnehmen, dass die Einsicht in die eigene 5 6 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Unfähigkeit zu großer Systematik, dass das Bewusstsein, sich mit dem Willen zur Macht übernommen zu haben, einer (nicht der einzige) der Beweggründe gewesen sein dürfte, die Nietzsche in geistiger Umnachtung Zu ucht suchen ließen. Bewährte Freunde, Köselitz alias Peter Gast sowie Overbeck, konnten sich des schauerlichen Eindrucks nicht erwehren, sein Wahnsinn sei simuliert. Nehmen wir an, dies träfe zu, dann hätte es sich, unter anderem, um einen ideologischen indi erenten Akt der Kapitulation vor eigenem Unvermögen gehandelt. Sollte der Wahnsinn jedoch echt gewesen sein, dann wäre es erst recht müßig, über das, was der Patient da wollte oder nicht mehr wollte, ideologische Relevanz beanspruchende Aussagen zu tre en. Vorher hatte er gewollt. Das muss genügen. Das allein steht zur Debatte. Wie dem auch sei, abwegig war es auf keinen Fall, es war legitim, eine mögliche Vollendung oder wenigstens Fortführung des Werks durch den Autor, so lange der noch lebte, nicht absolut auszuschließen und nach dessen Tod dann diejenigen Nachlassstücke, die sich in den emenkreis des von ihm Geplanten fügen, gemäß den Gliederungen, die unleugbar von der Hand des Verstorbenen, noch aus der Zeit vor seinem – sei es vorgetäuschten, sei es wirklichen – geistigen Kollaps, stammen, zusammenzustellen, um sie als sein opus postumum herauszugeben. So sind Köselitz und die Förster-Nietzsche verfahren. Bedenkt man, dass beide philologisch und philosophisch ungeschult waren, so muss man staunen, dass von ihnen dennoch einigermaßen respektable editorische Leistungen vollbracht worden sind. Aber natürlich haben sie hie und da auch Murks geliefert. Die später einzugestehen, lies Elisabeths Eitelkeit nicht zu. Solange sie noch lebte, wurden dahingehende Andeutungen späterer Nachlassbearbeiter, etwa die H. J. Mettes, unterdrückt oder abgeschwächt. Jene Kompilationen deswegen aber im Ganzen als Falsi kate hinzustellen, ja, so zu tun, als sei Der Wille zur Macht pure Er ndung, ist eine Geschichtsklitterung, die in den Sudelküchen tendenziös manipulierender Philosophiehistoriker ihresgleichen sucht. Was wird mit der Lüge bezweckt? Die über Nietzsche negativ Urteilenden, zumal die Marxisten unter ihnen, namentlich Mehring, Lukács und Günther, sollen als inkompetent, bestenfalls als »durch den neuesten Forschungsstand überholt« diskreditiert werden mit der Begründung, den ganzen Nachlass hätten sie ja gar nicht gekannt. Und das, obwohl dessen Studium – aber wer begibt sich schon gern in diese Riesenkloake – das negative Urteil auf der ganzen Linie als richtig bestätigt. Suggeriert werden soll 5 6 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ferner, nur im Willen zur Macht erscheine Nietzsche, weil hier von seiner Schwester verfälscht, als inhuman. Aus zwei Gründen ist dies unhaltbar. Einmal würde die Schwester, hätte sie damals wirklich gefälscht, ihren Bruder, statt seine Inhumanität zu übertreiben, gerade umgekehrt der christlichen Ethik und dem Humanismus der deutschen Klassik angeglichen haben, so wie sie es, sahen wir, mit ihrer Deutung seiner Philosophie in den Einleitungen und seiner Verp anzung nach Weimar ja versucht hat. Zum anderen bedürfte es des Willens zur Macht gar nicht. Als durch und durch inhuman erweist Nietzsche sich auch in den von ihm selbst herausgegebenen Werken, spätestens von der Morgenröte an, und als Erzreaktionär, als scharlatanhafter obendrein, in seinen noch weiter zurückliegenden Schriften, angefangen von der Geburt der Tragödie. Dass er in seiner dritten Scha ensperiode den Machtwillen in alle Seinsbereiche hinein projiziert hat, bis hinab zu den Atomen, lässt sich ohnedies nicht bestreiten. Erst jüngst ist von Martin Koch in seinem Beitrag über Nietzsches Verhältnis zu den Naturwissenschaften darauf überzeugend hingewiesen worden. So muss die marxistische Nietzsche-Kritik heute in ihren Aufgabenkreis die Zerschlagung der philosophischen Legende, die um den Nachlass gewoben wird, mit aufnehmen. Der Wert der Colli-Montinarischen Edition liegt lediglich darin, uns dies objektiv zu erleichtern, obwohl – oder gerade weil – die beiden con amore arbeitenden Herausgeber es aufs Gegenteil abgesehen haben. Es gilt, deren ideologisch irreführenden Intentionen Paroli zu bieten und sie zu durchkreuzen auch mit Hilfe des authentischen Materials, das ihre Forschung teils neu angeordnet, teils erst ans Licht gebracht hat. Ihr Nietzsche-Bild taugt nichts, und gerade aus den Texten ihrer Nietzsche-Ausgabe ist das zu belegen. Das im kapitalistischen Milieu ohnehin nicht zu vermeidende Rückfallverbrechen haben sie am ausschweifendsten begangen, doch eben damit in einer Weise, die dessen restloser, nie mehr zu widerlegender Aufklärung e ektiv die denkbar verlässlichste Handhabe bietet. Der Zweifelsfall, den das Recht einem Angeklagten zu Gute zu halten verlangt, existiert nicht mehr. Jeder Zweifel ist ausgeräumt. Das darf aber bei Leibe nicht so verstanden werden, als lohne es sich, Nietzsche in dieser Ausgabe zu lesen. Weder in ihr noch in irgendeiner anderen ist er zur Lektüre zu empfehlen. Eine Gesellschaft kann kulturell kaum tiefer sinken, als wenn sie die Kenntnis seiner Elaborate zu den Kriterien ihrer Allgemeinbildung rechnet. Die sämtlichen Schriften Christian Wol s, die lateinischen inbegri en, haben dies mehr verdient 5 6 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte als auch nur ein einziger Nietzschescher Aphorismus. Den Mann nicht für zitierfähig zu halten, sollte zu den Grundregeln geistiger Hygiene gehören. Für die Orientierung in der Welt von heute und morgen wäre nichts verderblicher, als aus ihm Belehrung schöpfen zu wollen. »Ungereimt, undurchdacht, unklar und inhaltlich schädlich« hat der große Tolstoi die Philosophie des kleinen Nietzsche gescholten. Vom »unsittlichen, lümmelhaften, aufgeblasenen und zusammenhanglosen Geschwätz eines Nietzsche« spricht Tolstoi an anderer Stelle. Er hatte recht. Wir wären gut beraten, uns daran zu halten. III Die Frage, ob Heinz Pepperle den Erfordernissen zeitgemäß weiter zu führender Nietzsche-Kritik des Marxismus Genüge leistet, ist zu verneinen. Pepperle stimmt in das landläu ge Vorurteil, Nietzsche sei kein Antisemit und Rassist gewesen, ein und berührt seine Einstellung zu farbigen Völkern dabei mit keinem Wort. Er schiebt Nietzsches Kriegshetze bagatellisierend an den Rand, ignoriert seinen Widerstand gegen die Frauenemanzipation vollständig und nimmt die gefährdete Naturbasis der Gesellschaft nicht zum Anlass, den zwischen ihm und Schopenhauer bestehenden Gegensatz in seinen ethischen Aspekten neu zu beleuchten. Der italienische Faschismus und der mit ihm verschwisterte Futurismus sind o enbar jenseits seines Geschichtshorizonts angesiedelt. Und obwohl sein Beitrag, Eingangs, eine Abgrenzung von Montinari enthält, kommt darin die von diesem wider besseres Wissen am intensivsten verfochtene philologische Legende überhaupt nicht zur Sprache. Anhänger Nietzsches ist Pepperle gewiss nicht. Er sucht er ihn, selbst lauwarm, mit einer Einstellung, die wir früher als »Objektivismus« zu tadeln p egten, sehr gelassen, so wie es durch wachsenden historischen Abstand vermeintlich geboten erscheint, einzuordnen. Heraus kommt bei ihm auf diese Weise allerdings wenig, was uns heute weiterhelfen könnte. Soweit Pepperle sich ablehnend zu Nietzsche äußert, bietet er, statt neuer Befunde oder aktuellerer Sichtweisen, nur abermals Dinge, die Mehring, Lukács und Günther schon tiefer dringend diagnostiziert, sorgfältiger begründet und in präzisere Aussagen gefasst haben. Er hätte sich das sparen können, hätte auf sie verweisen sollen. Da er aber, Leuten wie Montinari denn doch entgegenkommend, »gerne einräumt«, dass »Lukács in seiner Analyse heute in manchem vertieft werden muss«, ist es angebracht, die »di erenzierteren Einschätzungen«, die er ihm voraus zu haben wähnt und die, nach seiner Meinung, nunmehr »notwendig sind« (SuF, Heft 5, 5 6 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re 1986, S. 935), auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Von Nebensächlichkeiten abgesehen, handelt es sich um die folgenden methodischen und inhaltlichen Divergenzen: 1. Pepperle legt, für eine Marxisten erstaunlich, Wert auf höchst partikuläre Momente in Nietzsches Leben, von denen er annimmt, sie seien für dessen Scha en von großer Bedeutung gewesen, zum Beispiel darauf, dass »alle seine Freundschaften zerbrachen« (S. 942). Dahinter ist, zunächst, schon bezüglich der – bloß vermuteten oder nachweisbaren – Gegebenheiten oft ein Fragezeichen zu setzen. Was die Freundschaften angeht, so sind regelrecht zerbrochen nur einige; andere lockerten und lösten sich ohne solch dramatisches Ende; wieder andere nahmen einen wechselvollen Verlauf. Erhalten blieb die mit Franz Overbeck. Als freundschaftlich darf die noble Hilfsbereitschaft Jacob Burckhardts bezeichnet werden. Und gar in Heinrich Köselitz besaß der Philosoph einen ergebenen Jünger, der ihm noch über den Tod hinaus getreulich diente. Wer privaten Faktoren erhebliche Relevanz für die Beurteilung des Werks beimisst, muss sich mit der sie erschließenden Sekundärliteratur vertraut machen. Ich kann den Eindruck nicht los werden, dass es damit bei Pepperle bereits hapert. Hat er die dreibändige Biographie von Janz (1987) gelesen? Und, falls ja, hat er sie mit der nötigen Sorgfalt ausgewertet? Ich bezwei e es. Es spricht dagegen, wenn er behauptet, Nietzsche sei erst durch Richard Wagner auf Feuerbach aufmerksam geworden (S. 941), oder wenn er bei der Behandlung seines Verhältnisses zu Kant (S. 959  .) die von Janz bezeugte Tatsache außer acht lässt, dass Nietzsche den nie im Original studiert, sondern nur aus zweiter Hand, durch Kuno Fischers Monographie, gekannt hat (beachtlich übrigens bei einem damaligen Philosophen, Zeitgenossen des Neukantianismus, zwei Jahre jünger als Hermann Cohen). Schwerlich kann Pepperle von Harald Landrys wichtigem Buch (1931) Notiz genommen haben. Denn das hätte ihn skeptisch stimmen müssen gegen ein weiteres privates Moment, das er für belangvoll hält: Gegen die vielen Krankheiten (S. 941). Der Argwohn, den hier Landrys Hinweis weckt, Nietzsche sei jeweils stets von den Krankheiten, die er zur Lösung von Lebensproblemen gerade gebraucht hätte, befallen worden, wird durch das biographische Material gestützt, das Janz ohne derartige Deutung, rein positivistisch zusammenträgt. Vor Ausbruch des Wahnsinns – den Pepperle, der populärsten, aber sicher überholten Hypothese folgend, auf Paralyse infektiösen Ursprungs zurückführt und außerdem falsch datiert (S. 941) – ist laut Janz das Versagen bei der 5 6 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Ausarbeitung des Willens zur Macht zusammengetro en teils mit der Sorge, den Lebensunterhalt wieder durch lästige Lehrtätigkeit in Basel bestreiten zu müssen, andernteils mit einer als bedrohlich empfundenen Fehleinschätzung des in der deutschen Reichshauptstadt im Dreikaiserjahr 1888 sich verschiebenden Kräfteverhältnisses an der Staatsspitze. Die Flucht in die Krankheit scheint sich da, wieder einmal, als Ausweg angeboten zu haben, und die bis dahin in Anspruch genommenen Leiden konnten, wenn dem so war, nicht länger mit Erfolg demonstriert werden. Diese Kollokation widriger Umstände nun beunruhigte, so sei hier hinzugefügt, keinen beliebigen Neurotiker, sondern einen, der als Kulturphilosoph seit langem davon überzeugt war, dass es »fast überall der Wahnsinn ist, welcher dem neuen Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches oder Aberglaubens bricht«. »Allen jenen überlegenen Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgendeiner Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb, wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren, nichts übrig, als sich wahnsinnig zu machen oder zu stellen – und zwar gilt dies für die Neuerer auf allen Gebieten, nicht nur auf dem der priesterlichen und politischen Satzung.« So steht das in der Morgenröte, Nr. 14, wo es wie ein Programm des Verhaltens wirkt, das der Verfasser fast zehn Jahre später selbst an den Tag gelegt hat. All dies, zusammen mit den oben zitierten Äußerungen vertrauter, wohlmeinender Freunde, ist doch wenigstens in Betracht zu ziehen, ehe die Klagen über Magenbeschwerden und schreckliche Kopfschmerzen aus den früheren Briefen auf Treu und Glauben hingenommen werden. Dafür, dass sie auf Wahrheit beruhen, gibt es keinerlei stichhaltiges Zeugnis. Gesichert ist lediglich, dass ein Professor, der damals in Basel an der Universität klassische Philologie lehrte, auch Latein und Griechisch am dortigen Gymnasium zu unterrichten hatte und so natürlich nicht den Sommer im Oberengadin und die Wintermonate in Italien verbringen konnte. Man verstehe mich recht: Ich will hier weder für eine bestimmte eorie über Nietzsches Krankheitsgeschichte plädieren – obwohl sie mir kaum weniger glaubwürdig vorkommt als die analoge Hypothese über Hölderlin bei Bertaux – noch gar Moral predigen. Ob Nietzsche wirklich oft krank war oder, als Hysteriker, sich nur einbildete, es zu sein, oder ob er schlicht simuliert hat – eins geht ins andere ja oft unmerklich über –, bleibe dahingestellt. Wenn er aber simuliert hat, sei der Nutzen, den er daraus zog, ihm gegönnt. Hassenswert an ihm ist der Inhalt seiner Schriften, und den lehrt Lukács aus der durch alle Wandlungen hindurch gleichbleibenden Konstante des Nietzscheschen Philosophierens begreifen: Aus dessen panischer Angst vor den arbeitenden Massen 5 6 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re und dem Sozialismus, einer Angst, die sich bei ihm in, je nach geschichtlich-gesellschaftlicher Lage, unterschiedlichen Konzepten der Abwehr niederschlug. Selbst wenn es mit den biographischen Momenten, die Pepperle ins Tre en führt, seine Richtigkeit hätte, würde Lukács Analyse durch sie alles andere als »in manchem vertieft« werden. Zur Erläuterung drei Beispiele. Pepperle teilt die weit verbreiteten Illusionen über Nietzsches »liberalste Phase« (S. 950  .). Lukács weist nach, dass damals Nietzsches politische Stellungnahme vorübergehend auf den Gedanken xiert war, »den drohenden Sozialismus, der unverändert der Hauptfeind bleibt, mit Hilfe der Demokratie zurückzudrängen und unschädlich zu machen«, wobei ihm als »Demokratie« das Bismarcksche Preußen-Deutschland galt. Ferner: Nach Pepperle ist Nietzsche durch »Nichtbeachtung und fehlende Anerkennung«, die negativ auf sein Selbstbewusstsein einwirkten, »zu einer sich steigernden Aggressivität, Drastik und Maßlosigkeit des Ausdrucks« gedrängt worden (S. 942). Lukács, demgegenüber, erklärt die zunehmende Aggressivität der betre enden Inhalte – und nicht etwa nur die des Ausdrucks – aus der sich abzeichnenden Vergeblichkeit des Sozialistengesetzes, die Nietzsche dazu veranlasste, den ihm nun nicht mehr hinreichend reaktionären Bismarck von rechts zu attackieren. Und schließlich: Darin, dass Nietzsche in den neunziger Jahren dann doch »zum gelesensten bürgerlichen Philosophen der neueren Zeit geworden ist«, erblickt Pepperle einen Erfolg der Vorlesungen, die ab 1889 Georg Brandes über ihn hielt (S. 964), während Lukács es als Symptom des Übergangs zur imperialistischen Phase des Kapitalismus wertet, die den präfaschistischen Ideologen nun erst für die Bourgeoisie hat brauchbar werden lassen. Wer hier tiefer sieht und wem es gut tun würde, »in manchem vertieft« zu werden, kann danach, will mir scheinen, keinem Marxisten fraglich sein. 2. Sehr häu g hat Nietzsche Gedanken anderer aufgegri en und ihnen eine neue, sie misanthropisch pervertierende Wendung gegeben. So etwa macht er die Idee Raskolnikows, die Dostojewski verurteilt: dass die Herren die Freiheit zu jedem Verbrechen besäßen, sich, sie bejahend, voll zu eigen. So auch verleiht erst er dem heroischen Typus, dem Emerson Verp ichtungen gegenüber seinen Mitmenschen auferlegt, die Fratze der Brutalität. Wo er, mit besonderer Vorliebe, in dieser Weise Anregungen, die aus dem deutschen Vormärz herrühren, missbraucht, kommt ihm zusätzlich die Chance zupass, ein ursprünglich revolutionäres Erbe zu plündern, das, nach 1848, durch die Schopenhauermode aus dem Traditionsbewusstsein der deutschen bürgerlichen Intel- 5 6 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte ligenz verdrängt worden ist. Er kann sich daher hier, geschmückt mit fremden Federn, auch noch als originell und radikal aufspielen. Pepperle beurteilt den Vorgang anders. Er möchte »di erenziertere Einschätzungen«, als Lukács sie Nietzsche angedeihen lässt, diesem vergönnt sehen durch eine Unterscheidung zwischen dessen Problemstellungen und seinen Antworten (S. 935). Auf Anhieb gelingt das passabel. Nur sollte, wer ein derartiges Postulat aufstellt, achtgeben, inwieweit die Problemstellungen wirklich neu und ob die mit ihnen verknüpft auftretenden falschen Antworten nicht längst durch wahre oder, zumindest, relativ adäquatere obsolet geworden sind. Die Frage, ob jemand, der westwärts den Atlantik überquert, nach Indien gelangen werde, ist unzweifelhaft fruchtbar gewesen, so lange die Entdeckung Amerikas noch ausstand. Aber auch danach? Auf dem Umweg über den Versuch, das Ptolemäische Weltbild partiell wiederherzustellen, hat Tycho de Brahe es zu Ergebnissen gebracht, die sich als förderlich für die Einsichten Kepler erweisen sollten. Würden wir deswegen einem heutigen Spintisierer, der uns weismachen wollte, Sonne und Mond bewegten sich gleichermaßen um die Erde, noch das Verdienst einer interessanten Problemstellung zugestehen? Man führe unter diesem Gesichtspunkt sich Pepperles Anstrengungen, Nietzsche in gute Gesellschaft, will sagen: in die Nähe von Strauß, Bruno Bauer und Feuerbach, von Stirner und Heine, ja, von Marx und Engels zu rücken (S. 943  ., 956  .), zu Gemüte. O enbar verführt von Ungereimtheiten Karl Löwiths, die Lukács schon lange erledigt hat, tritt Pepperle hier auf wie ein etwas dreister Arithmetikschüler, der auf die Vorhaltung seines Lehrers, zwei mal zwei sei nicht gleich fünf, die Erwiderung parat hat, hinsichtlich der »Problemstellung« der Multiplikation gehe er, der falschen Lösung ungeachtet, dennoch mit Adam Riese konform. Wissenschaftsgeschichtlich gesehen wäre das allein bedenklich genug. Leider geht es im vorliegenden Fall aber weder um geographische noch astronomische noch mathematische Fragen, sondern um Alternativen wie Fortschritt oder Reaktion, Sozialismus oder Imperialismus, Humanität oder Barbarei, Frieden oder Krieg. Sogar Max Stirner, wegen des überspitzten Individualismus seiner Konzeption des »Einzigen«, bei ober ächlicher Betrachtung, unter den Vormärzdenkern noch am ehesten Nietzsche vergleichbar, träumt davon, alle Menschen als höchste Menschen zu sehen, und erhebt seine Stimme gegen die wahllose und entsetzliche Vernichtung menschlicher Möglichkeiten, menschlicher Leben in den Kriegen der Völker. Selbst Stirner also ist von dem Verfasser des Zarathustra, der auch ihn sowohl plünderte als auch verschwieg, um unangefochten Schindluder mit 5 6 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ihm treiben zu können, durch Welten getrennt. Was soll man da zu der Nonchalance sagen, mit der Pepperle uns vermeintliche Gemeinsamkeiten zwischen Nietzsches Philosophie und der des Kommunistischen Manifests o eriert (S. 946 f.)? 3. In einer Reihe von Fragen, von denen ich glaubte, sie seien für die philosophische Historiographie des Marxismus de nitiv geklärt, wartet Pepperle mit davon abweichenden neuen Bewertungen auf, die mehr als anfechtbar sind. Schon was er über Nietzsches Verhältnis zur Religion im Allgemeinen, zum Christentum im Besonderen ausführt, verrät, dass er die Problematik des – von Lukács so genannten – »religiösen Atheismus« nicht begri en haben kann. Mit der Phrase »Gott ist tot«, deren Ursprung er, nebenbei bemerkt, bei Heine sucht, wiewohl sie auf die Hegelsche Religionsphilosophie zurückgeht, operiert Pepperle so, als sei sie reeller Atheismus, demjenigen Feuerbachs und Marx’ eng verwandt (S. 942  ., 957). Nach Lukács hat sie einen mythenscha enden, das heißt dem Wesen der Sache nach unverändert religiösen Charakter, da sie »bedeutet, dass es früher einen Gott gab; nur heute existiert er nicht mehr«, und steht somit zu Feuerbach, für den »Gott nie mehr als eine menschliche Vorstellung ist«, und selbstredend auch zu Marx in unversöhnlichem Widerstreit. Wer mit dem Anspruch, Marxist zu sein, die Dinge anders sieht, müsste sich mit den betre enden Stellen in der Zerstörung der Vernunft konkret auseinandersetzen. Sie nicht kennen hieße wenig beschlagen sein. Sie zu kennen und doch so zu tun, als existierten sie nicht, wäre wissenschaftlich unredlich. Ansichten, die geradezu abenteuerlich wirken, gibt Pepperle indes erst dort zum besten, wo er die Alternative »Übermensch« oder »letzter Mensch« erörtert (S. 947 f.). Für den »europäischen Menschen«, sagt er, sehe Nietzsche auf der einen Seite die Chance, dass er »über sich hinauswächst und ein neues Menschentum entwickelt«. »Das wäre die Konzeption des Übermenschen«, ein Begri (!), »auch von Herder, Goethe, Jean Paul und den jungen Marx gebraucht«. Auf der anderen Seite warne Nietzsche vor der Möglichkeit, »dass die Menschen überhaupt nicht mehr nach dem Sinn des Daseins fragen, sich über nichts mehr ernsthaft Gedanken machen und in den Tag hinein leben«. »Das wäre dann die Konzeption des Niedergangs, des ›letzten Menschen‹, der sein mittleres Glück will.« Hier stimmt nichts. Mit dem »letzten Menschen« möchte Nietzsche all das verächtlich machen, was eine demokratische und sozialistische Gesellschaft dem Einzelnen an zwischenmenschlichem Wohlwollen, an Geborgenheit, Sicherheit, Zufriedenheit und Glück zu bieten verheißt. 5 6 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Pepperle, ob er es weiß oder nicht, übernimmt diese Di amierung, indem er an ein langes einschlägiges Zitat aus Zarathustras Vorrede den Kommentar knüpft, es beschreibe »Nivellierung der Menschheit« und »Ausbreitung des Philistertums« (S. 948 f.). In dem Zitat steht unter anderem, die »letzten Menschen« hätten »die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme«. Fällig gewesen wäre hierzu aus der Feder eines Kommunisten das klare, unmissverständliche Bekenntnis: Ja, wir brauchen Wärme und sorgen für sie; ja, wir streben danach, dass niemand mehr hart, gar gefährlich zu leben braucht, und auch gegen das »Lüstchen für den Tag« und das »Lüstchen für die Nacht« sowie gegen die Ehrung der Gesundheit haben wir nicht das Mindeste einzuwenden. Der Ruf nach höherem Menschentum, so wie zuerst Ariost, im Sinne des Selbstbewusstseins der Renaissance, ihn erhoben hat, ist damit durchaus verträglich. Auf die freie Entfaltung aller wertvollen menschlichen Seelenkräfte, auf vollkommenere Menschlichkeit hatten in Deutschland Heinrich Müller und später Herder, Goethe, Hippel und Jean Paul es abgesehen, wenn sie das Wort »Übermensch« gebrauchten, und eben in ihrer Nachfolge steht Marx. Nietzsche verbindet mit dem Wort einen ganz anderen, den entgegengesetzten Sinn. »Der höhere Mensch«, verkündet er, »ist der Unmensch (sic!, WH) und Übermensch; so gehört es zusammen. Mit jedem Wachstum des Menschen in die Größe und Höhe wächst er auch in das Tiefe und Furchtbare (sic!, WH). Man soll das Eine nicht wollen ohne dass Andere – oder vielmehr: je gründlicher man das Eine will, um so gründlicher erreicht man das Andere.« Lukács hat tausendmal recht, wenn er, hiervon ausgehend, konstatiert, Nietzsches »Übermensch« sei mit den von ihm andernorts gefeierten »Herren der Erde«, mit seiner »blonden Bestie« identisch; er hätte die gleiche barbarische Moral. Muss dem noch Goethes »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut« gegen- übergestellt werden? Muss daran erinnert werden, dass Jean Pauls »hoher Mensch« als diesseitsbejahendes Wesen aus einer Tugend, ohne Hintergedanken an Vorteile für sich, auch an Lohn im Jenseits, dem Nutzen seiner Mitmenschen bereitwillig Opfer bringt? Ist es nötig, auf den »kategorischen Imperativ« des jungen Marx zu rekurrieren, der da verlangt, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«? Pepperle zwingt uns dazu, weil er in diese Tradition des Humanen den Nietzscheschen »Übermenschen« stellt, der in Wahrheit die Ansätze zur Verherrlichung des Ruchlosen bei Kallikles und rasymachos, bei Machiavelli, Friedrich Schlegel und Carlyle noch überbietet. 5 7 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Als Verdienst dagegen könnte Pepperle angerechnet werden, dass er die Lehre von der Wiederkehr des Ewiggleichen, ein Kernstück von Nietzsches Weltbild, als wissenschaftlich unannehmbar bezeichnet und dem weit verbreiteten, auch von Montinari wiederholten Missverständnis, sie sei gleichbedeutend mit einer kosmologischen Überlegungen von Engels, aus der Dialektik der Natur, entgegentritt (S. 937). Viel von dem, was Pepperle über die logische Inkohärenz dieser abstrusen Spekulation, über deren Unbrauchbarkeit für die intendierte Begründung ethischer Maximen ausführt (S. 952  .), ist beizup ichten. Um so befremdender wirkt es, wenn er ausgerechnet die Wiederkunftslehre zu Nietzsches »unschuldigen Gedanken« zählt und Lukács’ Polemik gegen sie als »überzogen« abtut (S. 937). Lukács hat richtig erkannt, worauf es Nietzsche mit dieser »Mischung von Pseudowissenschaftlichkeit und wilder Phantastik« ankommt. Glaubhaft machen soll sie, dass jede Entstehung von etwas Neuem »kosmisch« unmöglich sei, und soll so, in Anwendung auf den Geschichtsprozess, mit dem Gedanken an das Entspringen höherer aus niederen Qualitäten zugleich das Vertrauen auf die Durchsetzbarkeit grundstürzender gesellschaftlicher Fortschritte abwehren helfen. Die ominöse »Umwertung aller Werte« erhält damit ein Gegengewicht, das der sie missdeutenden Versuchung, ihr einen revolutionären Gehalt abzugewinnen, von vornherein den Boden entzieht. Dieser »Umsturz«, sagt Lukács, ist »eben nur eine Pseudorevolution, eine bloße Steigerung der reaktionären Inhalte des Kapitalismus, verziert mit revolutionären Gesten. Und die ewige Wiederkunft hat die Funktion, den letzten Sinn dieses Mythos auszusprechen: Die so gescha ene barbarisch-tyrannische Gesellschaftsordnung soll eine endgültige sein, die bewusste Verwirklichung dessen, was in der bisherigen Geschichte immer erstrebt wurde, was zumeist gescheitert, nur ab und zu gelungen ist.« Wie wenig von einem »unschuldigen Gedanken« hierbei die Rede sein kann, wird klar, sobald man beachtet, dass Goethes »Vernunft wird Unsinn Wohltat Plage«, dass ebenso Hegels weltgeschichtlich aufeinanderfolgende »Prinzipien«, deren jedes erst den Aufstieg, dann den Niedergang einer »Gestalt des Geistes« herbeiführt, ohne den im ganzen progredierenden Charakter des Gesamtprozesses aufhalten oder umkehren zu können, wohl in der Geschichtsdialektik des historischen Materialismus »aufgehoben« fortleben, aber im spätbürgerlichen Denken unter dem Ein uss Nietzsches zu Gunsten des Imperialismus abgeblockt bzw. zu den unsinnigsten Konstruktionen umgebogen worden sind. Ohne den Mythos der ewigen Wiederkehr wäre, beispielsweise, Spenglers eorie der »p anzenhaften« Kulturzyklen mitsamt ihren auf Blu gearbeiteten wüsten 5 7 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Analogisierungen schwer vorstellbar. Und bis in die Gegenwart setzt dieser Ein uss sich fort, Malorny weist darauf hin, dass »ein Armin Mohler Nietzsche mit einer gewissen Berechtigung zum philosophischen Wegbereiter des Ausbruchs aus dem Fortschrittsdenken in das zyklische Weltbild des Umlaufs, des Kreislaufs, der ewigen Wiederkehr des Gleichen und damit zur Gründer gur der so genannten ›konservativen Revolution‹ erklären konnte«. An Pepperle gewandt, fügt Malorny die nur zu berechtigte Warnungen hinzu: »Es gilt also wohl auch hier, wie stets bei Nietzsche, mit Unschuldserklärungen nicht allzu rasch bei der Hand zu sein.« 4. Das Nietzscheanertum verfügt über eine Kollektion von Einstiegsmöglichkeiten, die es Liberalen und Linken, um die zu wissbegierig aufgeschlossener Beschäftigung mit seinem Idol zu bewegen, anbieten kann. Von dem politisch gängigsten dahin lockenden Köder, dem angeblichen Nichtrassisten und »Anti-Antisemiten« war schon die Rede. Außer diesem hilft Pepperle noch zwei weitere auslegen. Es stünde, sagt er »doch bei jeder nur einigermaßen vorhandenen Kenntnis Nietzsches außer Zweifel, dass sich der Mann beim Anblick der grölenden faschistischen Horden und ihrer demagogischen und primitiven Führertypen mit Entsetzen abgewandt hätte«. Und: »Er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. Er war auch nicht gut auf die Deutschen zu sprechen und auf die verdummende Bismarcksche Machtpolitik.« (S. 965) Ein Wort aus persönlicher Erinnerung zunächst zu den »grölenden Horden«. Ich entsinne mich, dass von ihnen einst voll Entsetzten meine Großtante Hedwig, eine soignier te Dame, sich abzuwenden p egte. Da Nietzsche, wie sie, unter Kopfschmerzen gelitten haben soll, möchte ich glauben, dass er, wie sie, »beim Anblick dieser verkommenen und größenwahnsinnigen Kleinbürger ›sofort von schwerster Migräne mit all ihren Begleiterscheinungen befallen worden‹ wäre«, und bin insoweit bereit, diese von Pepperle (S. 965) zitierte Vermutung omas Manns zu unterstreichen. Nur: Als Hitler mit blutiger Metzelei derjenigen Bandenchefs der SA-Horden, von denen zu befürchten stand, sie könnten die aufs Plebejertum zugeschnittene Demagogie seines »nationalen Sozialismus« beim Wort nehmen, sich entledigt hatte, am 30. Juni 1934, zur Zufriedenheit der Monopolherren an Rhein und Ruhr, der Junker Ostelbiens, der superfeinen Reichswehrgeneralität, da hörte, wenig später, ich, ein damals zehnjähriger Junge, der das alles nicht verstand, meine Tante Hedwig jubilieren: »Gottlob, den rüden Pöbel sind wir los! In Bayreuth hat der Führer einen Smoking getragen 5 7 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re und hat Winifred Wagner die Hand geküsst. Bei Frau von Papen soll er Anstandsunterricht nehmen. Nun wird alles gut!« Nichts, bekanntlich, wurde gut. Was, frage ich heute, hätte unter Röhm denn auch schlimmer kommen können, als es ohne ihn gekommen ist? Und mittlerweile zu Marx und Lenin bekehrt, frage ich weiter: Kann die elitäre Aufgeblasenheit, mit der mutmaßlich Nietzsche zu dem von den Nazis irregeführten kleinbürgerlichen und lumpenproletarischen Massen, desgleichen zu verwirrten jugendlichen Arbeitslosen auf Distanz gegangen wäre, so vertrauenserweckend sie einem wohlerzogenen Bildungsbürgertum erscheinen mag, im Ernst den Maßstab abgeben, den Marxisten an seine Philosophie anzulegen haben? Tante Hedwig steht dafür, dass hierauf zu antworten eine Sache des Klassenstandpunkts ist. omas Mann in Ehren, aber auch sein späteres Urteil über Nietzsche, als das eines Bürgers, können wir uns nicht unbesehen, nicht in allen Punkten einfach zu eigen machen. Weiter, zum Selbstverständnis des »guten Europäers«. Mir fehlt das Talent, einen Vorzug darin zu entdecken, dass jemand »nicht gut auf die Deutschen zu sprechen ist«. Wer diese Gabe aber besitzt, sollte Skrupel haben, sich über den Geist eines hochgemut teutomanischen Kulturnationalismus auszuschweigen, der unverkennbar die Geburt der Tragödie durchweht. Erst in den Unzeitgemäßen Betrachtungen tritt die entgegengesetzte Einstellung zu Tage. Und wie ist der Sinneswandel zu erklären? Aus Enttäuschung über das 1871 gegründete Deutsche Reich? Die zur Schau zu tragen konnte einem Kostengänger des Patriziats von Basel unmöglich zum Nachteil gereichen und war an einem aus Deutschland gebürtigen jungen Professor dabei ein origineller Zug. Der simple Hintergrund leuchtet ein, sobald man, im Vertrauen auf Lukács’ illusionslose Analyse, die für Nietzsche charakteristische Attitüde eines rebellischen Nonkonformisten durchschauen gelernt hat und auf ihrem Boden die Symptome ängstlich angepasster Rückversicherung wahrzunehmen versteht. Geht man dagegen mit Pepperle davon aus, der Mann sei im Leben dem »Wahlspruch« gefolgt: »Um alles in der Welt keinen Schritt zur Akkommodation, um keinen Preis eine Bindung, die die eigene Unabhängigkeit beeinträchtigen könnte« (S. 942), dann hat man sich den Weg zu nüchterner Beurteilung seiner Motivationen verbaut. Doch gesetzt, den Sottisen Nietzsches gegen das eigene Volk wäre eine edlere Abkunft nachzusagen, würde dadurch ihr Wahrheitsgehalt sich erhöhen? Wären sie deswegen 5 7 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte als Beitrag zu lehrreicher, beherzigenswerter nationaler Selbstkritik anzusehen? Die Polemik gegen den Unsinn, den Siegern von Sedan das Zeugnis kultureller Überlegenheit über die von ihnen Besiegten auszustellen, wirkt selber ungemein töricht, wenn sie im ersten Stück der Unzeitgemäßen Betrachtungen, gegen David Friedrich Strauß, dieses Werturteil schlankweg umgekehrt und den Triumph einer niedrigeren Kultur über eine höhere beklagt. Und im zweiten Stück, das der Historie nicht als Nachteil, keinerlei Nutzen fürs Leben zubilligt, ist, hinterdrein, zu erkennen, wieso bei jener läppischen Vergleicherei kein konkretisierendes Wortes über die bei beiden Nationen unterschiedlich gedeihenden Kulturgebiete hatte laut werden dürfen, obschon etwa eines über den Roman in der Tat günstiger für die Franzosen hätte ausfallen müssen. Wäre etwas spürbar geworden von der Größe der klassischen deutschen Philosophie, so hätte die Absicht, ihre Gipfelleistung, die Hegelsche Geschichtsdialektik, in Verruf zu bringen, inhaltlich selbst durch deren erschlichene Gleichsetzung mit dem »Weltprozess« Eduard von Hartmanns, stilistisch selbst mit der Talmieleganz eines Emerson nachä enden Essaygeschwafels sich nicht in ein- und demselben Buch mehr ausführen lassen. Genau darauf aber legt die zweite Unzeitgemäße es an. Auch über Hegel, ähnlich wie über Kant, ist Nietzsche nur obenhin Aufgeschnapptes, nur aus zweiter Hand Bezogenes geläu g. Heine jedoch, eine vormärzliche Quelle, zu berühmt, als dass es für ihn ratsam wäre, sie zu verschweigen – weshalb er sie manchmal mit Lob bedenkt –, Heine hat er im Original gelesen. Durch ihn weiß er, ungefähr, dass sich in der deutschen Philosophie die Revolution verbirgt, dass Doktoren aus der Hegelschen Schule, namentlich der von ihm nie erwähnte Dr. Marx, Kommunismus predigen. Das ist es, was Nietzsche dazu bewegt, dermaßen eindringlich im Namen des »Lebens« vor der Historie zu warnen. Die Fröhliche Wissenschaft sodann, sieben Jahre später, überträgt, was Heine, überschwänglich rühmend, über das »Schulgeheimnis der deutschen Philosophie« ausgeplaudert hat, mit negativem Wertakzent, schimpfend und schmähend auf die deutsche Musik. In ihr allein hätte, heißt es in Nr. 103, »die Ver- änderung, welche Europa durch die Revolution erfuhr, einen Ausdruck bekommen: nur die deutschen Musiker verstehen sich auf den Ausdruck bewegter Volksmassen, auf jenen ungeheuren künstlichen Lärm, der nicht einmal sehr laut zu sein braucht (!?, WH), während zum Beispiel die italienische Oper nur Chöre von Bedienten oder Soldaten kennt, aber kein ›Volk‹«. Hinzu komme, dass »aus aller deutschen Musik eine tiefe bürgerliche Eifersucht auf die Noblesse herauszuhören« sei, »namentlich auf esprit 5 7 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re und elégance als Ausdruck einer hö schen, ritterlichen, alten, ihrer selbst sicheren Gesellschaft«. Dementsprechend fasst Nietzsche daselbst Beethoven als typisch deutsch-plebejischen Antipoden Goethes auf, von welch letzterem er mit Behagen vernommen hat, er habe die Revolution des Dritten Standes verachtet (Hermann und Dorothea muss ihm wieder entgangen sein). Neben Goethe erscheint Beethoven ihm »als die Halbbarbarei neben der Kultur, als Volk neben Adel«. Welchem Liberalen, welchem Linken gar, welchem Kommunisten kann da noch eine Apologie Nietzsches, die zu dessen Gunsten vorbringen, er sei »nicht gut auf die Deutschen zu sprechen« gewesen, Zutrauen ein ößen? Und nicht besser ist es um den vielgepriesenen Horror des »guten Europäers« vor dem, was er unter Nationalismus versteht, bestellt. In den Nachlassaufzeichnungen Über Völker und Vaterländer, von 1886, werden die »Kleinstaaten Europas, ich meine alle unsere jetzigen Staaten und ›Reiche‹«, als »in kurzer Zeit wissenschaftlich unhaltbar« verurteilt unter den zu begrüßenden Auspizien eines den gesamten Kontinent umfassenden, ihn übergreifenden Imperialismus, von dem es heißt, die Kolonien Englands seien für ihn ebenso unentbehrlich »wie das jetzige Deutschland, zur Einübung in seine neue Makler- und Vermittlerrolle, der Kolonien Hollands bedarf«. Um dieser Vision willen wird zur »Überwindung der Nationen« aufgerufen, wird das Deutsche Reich für uninteressant erklärt, mit dem Zusatz, es wisse nicht, was es wolle; »Frieden und Gewährenlassen ist gar keine Politik, vor der ich Respekt habe. Herrschen und dem höchsten Gedanken zum Siege verhelfen – das Einzige, was mich an Deutschland interessieren könnte.« Ein Seitenhieb nicht gegen »verdummende Machtpolitik«, nein, einer gegen Bismarcks »Saturiertheit«, gegen seine Besonnenheit, seine Vorsicht, seinen Realismus. Und wieder, wie sechs Jahre zuvor in der Morgenröte, setzt dabei Nietzsche, was die heranzuzüchtende Herrenkaste betri t, größte Ho nungen auf den preußischen Adel, weil der »gegenwärtig die männlichsten Naturen in Deutschland« stelle, sowie auf die wohlhabenden Juden, als »die geschicktesten Geldmenschen«, die unbedingt gebraucht würden, »um die Herrschaft auf der Erde zu haben«. Störend sei »die Weichheit der demokratischen Ideen, erwachsen aus dem Kampf der Nationen«, störend auch das »Aufwerfen von Rassenfragen, gesetzt nämlich, dass man nicht seine Herkunft in Borneo und Horneo hat«; dort, versteht sich, unter Kolonialo zieren, stört es nicht. Und an welchen Grundwerten soll der »guter Europäer« sich orientieren? »Ich glaube, dass alles, was wir in Europa heute als die Werte aller jener verehrten Dinge, welche ›Humanität‹, ›Menschlichkeit‹, ›Mitgefühl‹, ›Mitleid‹ heißen, mit zu verehren gewohnt 5 7 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte sind, (…) nichts anderes ist als die Verkleinerung des ganzen Typus ›Mensch‹ – seine Vermittelmäßigung, wenn man mir in einer verzweifelten Angelegenheit ein verzweifeltes Wort nachsehen will.« Im selben Jahr erschien Jenseits von Gut und Böse, ein Jahr später Zur Genealogie der Moral. Dass die Propagierung höllischer Bestialitäten in beiden Schriften mit dem politischen Programm des geforderten paneuropäisch-kolonialistischen Imperiums in engem Zusammenhang steht, ist nach dem eben Zitierten evident. Wer wagt es, uns da noch Nietzsche als einen über Staatenzwietracht erhabenen Kosmopoliten klassisch-humanen Zuschnitts, womöglich als eine Art Wegbereiter internationalistischer Solidarität anzupreisen? 5. Diverse Formulierungen Pepperles (S. 947, 964, 966 f.) leisten dem Bestreben Vorschub, aus Nietzsches Wirkung auf Literatur und Kunst eine Begründung dafür herauszuklauben, dass es unumgänglich sei, auch seinem Vermächtnis mit positiver, zumindest di erenzierender Wertung die der sozialistischen Gesellschaft würdige, aus ihr nicht fortzudenkende P ege des Kulturerbes angedeihen zu lassen. Mit Entschiedenheit ist dem entgegenzutreten. Natürlich wäre es falsch, über Nietzsche partout zu schweigen. Doch wo es unumgänglich ist, über ihn zu reden, da müssen die Maßstäbe stimmen, nach denen er beurteilt wird. Es fehlt jeder Anhaltspunkt dafür, dass die nationale wie die Weltkultur ihm irgend eine wertvolle Anregung zu verdanken hätten. In jeder Hinsicht war seine Wirkung schädlich. Sowohl anhand der Strömungen, die von ihm ausgegangen sind (zu allererst ist hier, wie gesagt, der Futurismus zu nennen), als auch an den Irritationen, denen die »Schulen« der Naturalisten, der Neuromantiker, der Expressionisten durch ihn ausgesetzt waren, lässt es sich dartun. Di erenziert zu werten sind die einzelnen Schriftsteller und Künstler, die, in der einen oder anderen Weise, Nietzsche rezipiert haben. Jeder ist da ein Fall für sich. Indes auch da führt die konkrete Analyse nie zu dem Resultat, dass seine Ideen per se einem bedeutenden Werk zustatten gekommen seien. Gewissenhaft durchgeführt, gelangt die Untersuchung stets zu dem entgegengesetzten Befund: Dass das Werk, an Rang und Gehalt durch ihn mehr oder weniger beeinträchtigt, unter Abweichung von seinen Intentionen, im Widerstand gegen ihn die eigene Qualität gewonnen hat. Die Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts, die dem Spätbürgertum prononciert konforme wie die ihm opponierende, kennt Siege des Realismus und Siege der Humanität über den Ein uss imperialistischer Ideologie, der häu g, wenn nicht meist, durch Nietzsche vermittelt ist. Sie kennt keinen derartigen Sieg, der durch ihn, mit ihm zu zu Stande gekommen wäre. 5 7 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ein von marxistischen Erwägungen weit entfernter eoretiker, Georg Hensel, bescheinigt Carl Sternheim, als Diagnostiker gesellschaftlicher Schäden vorzüglich zu sein, und beanstandet an ihm, dass die von ihm verordnete erapie, bezogen aus Nietzsches Lehre vom Übermenschen, nicht nur unannehmbar ist, sondern auch an unfreiwillige Komik grenzt. Knut Hamsun zeichnet sich unter modernen Erzähler durch eine sie allesamt überragende poetische Kraft aus. Wer jedoch seinen Erstling Hunger, gepackt bis zur letzten Zeile, aus der Hand legt, um, voller Erwartung, sich seinen von Nietzsche inspirierten nächsten Werken zuzuwenden: dem Roman Mysterien und der Dramentrilogie um Ivar Kareno, erlebt unweigerlich eine Enttäuschung, aus der erst Bücher ihn wieder herausreißen, in denen jener Ein uss sich verliert, und desto mehr, je mehr er sich verliert (um von der schmachvollen Politlaufbahn des für Nietzsche Anfälligen, der sie schrieb, ganz zu schweigen). Zu Bruch ging regelrecht an Nietzsche die Begabung Richard Dehmels. Und wie heißt der ungemein produktive, dennoch am wenigsten lesenswerte deutsche Naturalist, Gründer der Zeitschrift Die Gesellschaft, welche wahllos für »Helden« stritt? Michael Georg Conrad, unter den Vertretern der Richtung am stärksten von Nietzsche beeindruckt. Stark hat dieser, nebst seinem Jünger D’Annunzio, aber auch auf die schwächsten der Romane Heinrich Manns, auf die drei der Herzogin von Assy, unter dem Obertitel Die Göttinnen, eingewirkt, worin den »lächelnd Grausamen«, den »unbedenklichen Abenteurern, stolz und düster nach Größe, blutbe eckt frei und unverwundbar«, anstaunende Bewunderung gezollt wird. Komplettierungswahn, kein an echtem Bildungsbedürfnis orientierter Service des Verlags schlägt den elenden Schmarren wieder und wieder den Gesammelten Werken des Autos zu, den wir des Professor Unrat und der Kleinen Stadt, des Untertan und des Henry Quatre wegen lieben. Seine Göttinnen stehen zum Staubabwischen im Regal. Von D’Annunzio selbst und von Montherlant, dem wohl getreuesten belletristischen Schüler des »Einsamen von Sils Maria« will ich gar nicht erst anfangen. Schade, dass Robert Neumanns Parodierkunst sie ausgelassen hat. Pepperle kann der Vorwurf demagogischen Vorgehens nicht erspart werden, wenn er sich ganz allgemein über Nietzsches Kulturresonanz auslässt, es aber vermeidet, die an Beispielen dieser Art – die ließen sich vielfach vermehren – zu verdeutlichen, und stattdessen auf Bernard Shaw und omas Mann zum Beleg verweist. Auch da allerdings irrt er sich. Wo Shaws dichterische Praxis Nietzsche verwertet, ob in Mensch und Übermensch etwa oder in Pygmalion, macht sie sich lustig über ihn. Shaws Bekenntnisse zu ihm entpuppen sich, von da her gesehen, als pure Ironie. Bei omas Mann liegen die 5 7 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Dinge anders. Ohne Zögern gestehe ich, in ihm den größten Deutschen des Jahrhunderts zu verehren; einen der größten deutschen Erzähler mehrerer Jahrhunderte sowieso. Aber es war und bleibt ein Manko an ihm, dass er, wie alle laienhaft an Philosophie interessierten Bildungsbürger seiner Zeit, sich durchs damals Gängige, durch die Schopenhauer-Mode, den Nietzsche-Kult und die Sensationsmache um Freud, davon hat abhalten lassen, das klassische bürgerlich-progressive Gedankenerbe Deutschlands, von Leibniz bis Feuerbach, auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Was allein Feuerbach ihm hätte geben können, lässt die Satire auf Kirchenfrömmigkeit, welche die Buddenbrooks durchzieht, ahnen. Das Feuerbach ihm fremd geblieben ist, macht, neben anderem, seinen Zauberberg zu einem, seiner Kostbarkeit ungeachtet, unter dem Niveau des Grünen Heinrich stehenden Bildungsromans, der, mithin, die mögliche Vollendung der mit dem Wilhelm Meister anhebenden Tradition denn doch verfehlt. Und wie sehr erst hat Nietzsche unmittelbar omas Mann geschadet, wie peinvoll ihn förmlich beschädigt! Von sadistischer Phantasie, bis zur Widerwärtigkeit, zeugen einige seiner frühen Novellen: Der kleine Herr Friedemann, Tobias Mindernickel, Luischen, Der Weg zum Friedhof. Wer, wenn nicht Nietzsche, hat sie bei diesem sensitiven Geist, überraschend ähnlich wie zuvor bei dem urwüchsiger emp ndenden Hamsun der Mysterien, entfesseln helfen? Inhuman bis zum Unausstehlichen sind in den Betrachtungen eines Unpolitischen diejenigen Passagen, die, den Zweck, im Ersten Weltkrieg der Sache des deutschen Imperialismus zu dienen, weit übersteigen, à la Nietzsche auch noch morbide Dekadenz ins Brutale umschlagen lassen und Lobeshymnen auf Gewalt und Krieg um ihrer selbst willen, weil der Mensch sie brauche, anstimmen. Mit Bedacht, voller Scham hat der Autor aus seiner Werkausgabe letzter Hand, der zwölfbändigen von 1955, die Betrachtungen ausgeschieden. Kaum zu fassen, weil verfassungswidrig, ist, dass sie die DDR-Edition seiner Aufsätze, Reden, Essays, in Band 2, Berlin und Weimar, 1983, vervollständigen. Aber die entlarvende Psychologie omas Manns? Ist nicht die immerhin, mag eingewandt werden, so wie sein eigenes Bekenntnis es beglaubigt, ein von Nietzsche herrührendes Erbteil, dem unser Respekt gebührt? Nichts da! Aus unterschiedlichen Motiven haben große Männer ihre wahren Anreger oft verleugnet. Shaw etwa rechnet Ibsen, Strindberg und Wagner zu seinen geistigen Ahnen und verschweigt, dass er als Dramatiker am meisten von dem jüngeren Alexandre Dumas gelernt hat. Nirgends hat Ni- 5 7 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re colai Hartmann seine Abhängigkeit von Feuerbach und dessen russischen Schülern zuzugeben gewagt.37 So weit geht omas Mann nicht. Er bezeugt Tolstoi mehrmals seinen Dank. Doch nun setze man dies, bitte, in detaillierte Spurensuche um! Man versenkte sich, um nur an Anna Karenina zu denken, in die Motive von Oblonskis Liberalismus; in die Überlegungen, die sich bei Karenin nach Annas Ehebruchsgeständnis einstellen; in Wronskis »Grundsätze«, wie sie im 19. und 20. Kapitel des dritten Teils erörtert werden; in die daselbst im 15. Kapitel geschilderten Beweggründe Annas! Da sind Quellen der tie otenden, der vieles durchschauenden Seelenkennerschaft omas Manns zu nden. Bei Meister Tolstoi hat er, wie manches sonst, seine Gesellenstücke in entlarvender Psychologie verfertigen gelernt. Vielleicht sind, parallel dazu oder nachträglich, seine diesbezüglichen theoretischen Re exionen durch den einen oder anderen Nietzscheschen Aphorismus befruchtet worden. Wenn dem so war, dann jedenfalls hat mangelnde philosophische Sachkenntnis ihn daran gehindert, im rationellen Kern des Gelesenen Anleihen bei dem ehrenwerten Materialisten Paul Rée, der Nietzsche als Menschen gutmütig belächeln, ihn als Denker tief verachten gelernt hatte, dingfest zu machen und als Rées große Anreger wiederum Helvétius und Feuerbach zu feiern. Auch omas Mann, man mag es drehen und wenden, wie man will, kommt als Gewährsmann für einen lichtspendende Ausstrahlung Nietzsches auf die Kultur des 20. Jahrhunderts nicht in Betracht. Klüger geworden durch zwei imperialistische Weltkriege, das Scheitern der Weimarer Republik, die Erfahrungen mit dem Faschismus, mit den Weltverbrechen der Hitlerbande, hatte dieser große Dichter allmählich, in einem qualvollen Prozess innerer Wandlung, in heilsam gesteigerter Zuwendung zu den edelsten, den gesündesten humanistischen Traditionen, vorab zu Goethe, von seiner verhängnisvollen Sympathie für Nietzsche sich gelöst. Seine Trennung von ihm, sein Widerstand gegen ihn trugen reiche Früchte: An neuorientiert symbolträchtiger Bezugnahme auf ihn den Doktor Faustus und, als publizistisches Seitenstück dazu, Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung, beide Werke konzipiert und entstanden simultan mit den antifaschistischen Rundfunkreden an die deutschen Hörer, beide vollendet 1947. Der Faustus-Roman steht in unserer Nationalliteratur einzig da als ihre radikalste Abrechnung mit dem im Hitlerfaschismus seinen Tiefpunkt erreichenden Geistesverfall, hier versinnbildlicht 37 (AH) Diese ese hat Harich in den achtziger Jahren bei seinen Arbeiten zu Nicolai Hartmann mehrfach argumentativ entwickelt. An der Vermessung von dessen Philosophie saß er ja, als ihn die Nietzsche-Debatte immer wieder bei der Anfertigung seiner Manuskripte unterbrach. Alle wichtigen Hinweise bietet der 10. Band. 5 7 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte durch die mit diesem Niedergang, diesem Sturz koinzidierende Tragödie eines deutschen Musikers, der, atonal komponierend, mit dem Teufel im Bund, auf die Rücknahme von Beethovens Neunter hinarbeitet. Und eben dieser Held, Adrian Leverkühn, trägt Züge Nietzsches. Warum verliert Pepperle hierüber kein Wort, wenn er, um bei seinem Werben für Nietzsche dessen Kulturwirkung ins Spiel zu bringen, sich auf omas Mann beruft? Warum bringt er seinen Lesern aus dem besagten parallelen Essay nur ein paar für Nietzsche schmeichelhafte Nebensächlichkeiten zur Kenntnis (S. 938, 964 f., 967)? Warum hat zu diesem Fragenkomplex bei ihm das letzte Wort der noch in den Nietzsche-Kult verstrickte omas Mann von 1924 (S. 967)? Warum nicht der eines besseren belehrte, der 23 Jahre später gegen Nietzsche einwendet: »Da er übrigens mit erstaunlichem prophetischen Vorgefühl eine Folge ungeheurer Kriege und Explosionen, ja das klassische Zeitalter des Krieges voraussagte, ›worauf Spätere mit Neid und Ehrfurcht blicken werden‹, so scheint es ja um die humanitäre Verschneidung der Menschheit nicht gar so gefährlich bestellt zu sein, und man sieht den Grund nicht ein, weshalb sie zu dem selektiven Gemetzel noch philosophisch angespornt werden muss.« Hierin steckt die selbstkritische Berichtigung der Verirrung von 1918, aus den Betrachtungen. Über eins wie das andere schweigt Pepperle. Die Wandlung omas Manns in seiner Haltung zu Nietzsche verdient, als die eines Bürgers, höchste Wertschätzung. Wo sie dichterisch bei ihm zur Gestalt wird, ist sie unübertro en. Ihrer gedanklichen Artikulation im Essay fehlt es, vom marxistischen Standpunkt aus betrachtet, an letzter Konsequenz. Ein Marxist, der es fertig bringt, sie auf ein von omas Mann selbst überwundenes Niveau noch zurückzuschrauben, sollte auf dem abschüssigen Weg, den er damit beschreitet, innehalten, sollte einmal gründlich nachdenken und sich, möglichst bald, zur Umkehr entschließen. IV Seit rund anderthalb Jahrzehnten erleben wir im Westen eine Nietzsche-Renaissance. Auf ihre Ursachen einzugehen und ihre Erscheinungsformen zu analysieren wäre ein ema für sich. Heinz Malorny hat mehrmals auf sie aufmerksam gemacht. Jürgen Habermas, der sie vor 20 Jahren für undenkbar hielt, widmet, in spürbarer Besorgnis, ihren philosophischen Aspekten ein ganzes Vorlesungswerk freilich unzulänglicher, zahmer, sich in liberalen Grenzen haltender Kritik. In Frankreich, wo die Welle diesmal 5 8 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ihren Ausgang nahm, ist sie, bei Alain de Benoist, dem Che deologen der Neuen Rechten, zur Suche nach den »Auserwählten« unserer Zeit gediehen. Wo ndet er die? In der französischen Fremdenlegion und bei den Paras, den Ledernacken, den Kamikaze-Fliegern, der SS. Die »blonde Bestie« darf sich wieder die Pfoten lecken. Manchmal erreichen Westmoden abgemildert und mit zeitlicher Verzögerung auch unser Land. Diese Mode nun tri t hier auf Hausgemachtes. Sie ndet die Bereitschaft vor, an problematische Gestalten deutscher Geschichte, wie Luther, Friedrich II. von Preußen, Bismarck, großzügiger als früher heranzugehen. Sie verbindet sich zugleich mit einer schleichenden Tendenz zur Aushöhlung kulturpolitischer Grundsätze, die es, in ihrer Substanz, nicht verdient haben, mit Dogmatismus und überstürzten Maßnahmen der Stalinschen Ära verwechselt zu werden. Und begünstigt wird sie, nicht zu vergessen, durch einen löblich ausgeprägten Sinn für Heimatkunde. Eine Weltberühmtheit, geboren in Röcken bei Lützen und dort auch begraben, aufgewachsen und oft zu Besuch in Naumburg, mit Studium in Leipzig, mit Sterbestunde in Weimar, ist, was sie auch angestellt haben mag, bei uns ein Vorschuss an neugierigem Interesse sicher. (Wie schwer verwinden wir’s, dass Marx in Trier geboren ward und nicht in Chemnitz! Wie teuer wäre Wiebelskirchen uns erst, läge es im Mecklenburgischen!) In diesem Kontext will der Beitrag Heinz Pepperles gelesen werden. Er leistet dem Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auch auf die DDR, und damit auf die sozialistischen Länder überhaupt, Schützenhilfe, dem Autor mag es bewusst sein oder nicht. Und zwar gerade dadurch, dass der Aufsatz von keinem dezidierten Anhänger Nietzsches stammt, sondern von einem ihm gelassen, mit Vorbehalten begegnenden »Objektivsten«, ist er erfolgversprechend. Um so nötiger ist es, alles zu tun, um seine Wirkung zu durchkreuzen. Pepperles kritische Passagen (S. 944, 950, 954, 956, 962, 964  ., 968), zusammen mit seiner Zurückweisung der unsinnigsten Positionen Montinaris (S. 935 bis 938), absolvieren geradezu mustergültig die P ichtübung, die hierzulande bei der Beschäftigung mit zwielichtigen, doch bedeutsamen Entscheidungen der Vergangenheit zum Glück so selbstverständlich geworden ist, dass sie, zu unserem Unglück, unversehens zum Ritual erstarren und dann auch dem schlechthin Nichtswürdigen, dem Abschaum zur Duldung verhelfen konnte. Unkundige und Halbkundige gewinnen leicht den Eindruck: Nun ja, was dem Alten Fritz die Frau Mittenzwei war, das ist halt jetzt dem Nietzsche der Pepperle, und damit dürfte die Zeit herangereift sein, auch diesesfalls, selbstredend mit der gebührenden Reserve – der ja aber Genüge getan worden ist –, die Wiedererrichtung eines Denkmals in Angri zu nehmen. Und das, 5 8 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte meine ich, darf unter keinen Umständen geschehen. Lieber sollte dann schon für Friedrich Nietzsche bei uns der Ruf gelten, mit dem Brecht die Verurteilung des Feldherrn Lukullus enden lässt: »Ins Nichts mit ihm!« Brief an Kurt Hager38 (19. Oktober 1987) Lieber Kurt Hager! In der Angelegenheit Nietzsche nehmen die Dinge nach wie vor einen Besorgnis erregenden Verlauf. Hier die Tatsachen: 1) Die Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo, die mir den Anstoß zu meiner warnenden und protestierenden Eingabe vom 22. Dezember 1985 gab, wird nicht nur nach wie vor im Buchhandel angeboten, sondern jetzt auch im zentralen Klub der Kulturscha enden »Johannes R. Becher« in der Nuschkestraße. Ihre Hinweise auf dem Kulturbund-Kongress in Karl-Marx-Stadt, die sich ohne Nennung des Namens gegen Nietzsche richteten, scheinen also nicht verstanden worden sein. Ich habe daraus die Konsequenz gezogen, unter Protest aus dem Kulturbund und dem Klub der Kulturscha enden auszutreten. (Die Kopie meines diesbezüglichen Schreibens füge ich hier bei.) 2) Mein Gutachten vom 17. Juni 1987, das mit ausführlicher Begründung davor warnt, Heinz Malornys Buch Die Philosophie Friedrich Nietzsches zu verö entlichen, ist mir bisher in keinem einzigen Punkt widerlegt worden. Mein Gutachten wird aber nicht beachtet. Sowohl der Autor als auch der Akademie-Verlag und selbstverständlich auch die Leitung des Zentralinstituts für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR bleiben bei der Entscheidung, dass das Buch erscheinen soll. Die Folgen für die ideologische Diskussion in unserem Lande halte ich für katastrophal und kann vor ihnen nur warnen. 3) Die interne, diskrete Diskussion Nietzsche und die Folgen im ZI für Philosophie der AdW am 16. Oktober 1987, zu der auch ich eingeladen war, ist ausgegangen wie das 38 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 19. Oktober 1987, adressiert: Herrn Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 5 8 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Hornberger Schießen. Mit meinen Forderungen, die darauf gerichtet waren, ein Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die DDR und die übrigen sozialistischen Länder zu verhindern, habe ich mich nicht durchsetzen können, obwohl es keinem der Anwesenden, auch nicht den Nietzsche-Befürwortern Middell, Reschke und Tomberg, gelungen ist, meinen in Sinn und Form, Heft 5, 1987, abgedruckten Aufsatz auch nur teilweise zu entkräften. (Der in dem Aufsatz kritisierte Heinz Pepperle war zu der Versammlung, obwohl eingeladen, nicht einmal erschien.) Die Propagierung Nietzsches bei uns wird unabsehbar fortgehen. Ich bin überzeugt, dass in dieser Situation nur noch ein unmissverständliches Machtwort der Partei, von Ihnen sozusagen ex cathedra ausgesprochen und begleitet von entsprechenden Verbotsmaßnahmen, drohendes Unheil abwenden kann. Mit kommunistischem Gruß Brief an Reinhard Pitsch39 (23. November 1987) Lieber Reinhard! Mein Nietzsche-Aufsatz aus Sinn und Form ist in Kultur & Gesellschaft, der Zeitschrift des Kulturbundes der BRD, mit Kürzungen, die als solche nicht kenntlich gemacht sind und den Sinn entstellen, nachgedruckt worden. Ich befürchte nun, dass Frau Heidi Urbahn de Jaureguy in Montpellier den Aufsatz nur in dieser verstümmelten Fassung kennt und ihn so übersetzt hat. Bitte sorge Du dafür, dass in Frankreich die einzig authentische Fassung, die aus Sinn und Form, Heft 5, 1987, ungekürzt bekannt wird, und zwar mit einem Vorspann, der durch Hinweis auf den Aufsatz Heinz Pepperles in Heft 5, 1987, den Entstehungsvorgang historisch korrekt für den französischen Leser kenntlich macht. Ich erwäge außerdem, den Aufsatz in ungekürzter deutscher Urfassung, eventuell über Hannes Hofbauer, der Wiener MOZ zum Nachdruck anzubieten, um so auch im kapitalistischen Teil des deutschsprachigen Raumes Lesern, die nur die unsachlichen Angri e auf mich aus der Welt und der Zeit kennen, den authentischen Text zugänglich zu machen. Was hältst Du davon? Oder hast Du einen anderen, besseren Vorschlag? Bitte teile es mir mit. 39 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 23. November 1987, nicht adressiert. 5 8 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Für die großzügige Gastfreundschaft, die meiner Frau und mir vom 11. bis 20. November (verschiedene Namen und Adressen, hier weggelassen, AH) erwiesen worden ist, möchte ich auf diesem Wege herzlichst danken. Wir haben, mit Deinem gültigen Einverständnis, Deine Bibliothek ein wenig geplündert. Von Rüdiger Dannemanns Das Prinzip der Verdinglichung (Sendler) waren zwei Exemplare da, ich raubte mir eines davon. Geliehen habe ich dann noch die folgenden Bücher aus Deinem Besitz, die mir für meine Arbeit aktuell sehr wichtig sind: Lucien Goldmann, Lukács und Heidegger (Luchterhand); Burghart Schmidt, Das Widerstandsargument in der Erkenntnistheorie (Suhrkamp); Wilhelm von Reijen, Philosophie als Kritik (Athenäum); Jutta Matzner (Hrsg.), Lehrstück Lukács (Edition Suhrkamp, 554); Franz Koppe, Grundbegri e der Ästhetik (es 1160). Und meine Frau entlieh sich Joseph Roth Rechts und links. Von diesen Büchern kriegst Du jedes auf Abruf zurück, sobald Du es brauchst – aber bitte erst ab Ende Januar 1988 (ganz dringende Bedarfsfälle Deinerseits ausgenommen). Durch den Ausfall des Ko er-Seminars hatte mein Wienaufenthalt nun fast rein privaten Charakter. Ich traf jedoch, zufällig, von der SPÖ den Bruno Aigner (Sekretär Heinz Fischers), der von dem Ko er-Seminar nichts zu wissen vorgab oder tatsächlich nichts wusste. Dir wünsche ich für Deine Arbeit in Nantes viel Erfolg. Herzliche Grüße, auch im Namen meiner Frau, Dein Brief an den Kulturbund Magdeburg40 (02. Dezember 1987) Sehr geehrter Herr Gandner! Ihrer Einladung vom 25. November zu einem Streitgespräch über das ema Revision des marxistischen Nietzschebildes? mit Herrn Dr. Heinz Pepperle werde ich aus folgenden Gründen nicht Folge leisten: 1) Ich bin aus dem Kulturbund unter Protest ausgetreten, weil die zentrale Leitung des Kulturbundes es zugelassen hat, dass eine Faksimile-Prachtausgabe von Nietzsches Machwerk Ecce homo im Klub der Kulturscha enden »Johannes R. Becher« in der Nuschkestraße 3, Berlin 1080, ausgestellt und zum Verkauf feilgeboten worden ist. Es 40 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 02. Dezember 1987, adressiert an den Kulturbund der DDR, Stadtleitung Magdeburg, z. Hd. Herrn Gandner, 1. Stadtsekretär. 5 8 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re versteht sich, dass, nachdem ich diesen Schritt getan habe, ich nun nicht an Kul turbund ver anstaltungen mehr aktiv teilnehmen kann. 2) Herr Pepperle hatte Gelegenheit, zu meiner Kritik an seinen Äußerungen über Nietzsche Stellung zu nehmen, und hat davon keinen Gebrauch gemacht. Eingeladen zu einer diesbezüglichen Diskussion unter Fachleuten, zu der auch ich gebeten worden war, ist er, ohne einen Grund für sein Fernbleiben mitzuteilen, einfach nicht erschienen. Mit ihm gemeinsam eine Veranstaltung zu bestreiten, lehne ich nach dieser feigen Brüskierung ab. Friedenskundgebung des Kulturbundes, Deutsche Staatsoper, 1948 3) Als der eigentliche Schöpfer der faschistischen Ideologie kann Nietzsche in einem sozialistischen Land nicht Gegenstand geistiger Auseinandersetzung sein. Wenn ich mich trotzdem einmal dazu hergegeben habe, so nur deswegen, weil die Verö entlichung von Pepperles Elaborat und die alarmierende Tatsache, dass es viele – auch ein ussreiche – Leute bei uns es für höchst kritisch hielten, mir keine andere Wahl mehr ließen. Damit muss es nun aber genug sein. Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, dass Nietzsche bei uns im Gespräch bleibt, werde ich in keiner Weise mehr unterstützen. Im Übrigen habe ich Besseres zu tun. 5 8 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Das Datum Ihres Briefes erweckt in mir den Verdacht, dass Sie zu Ihrer Anfrage an mich durch das Auftreten Stephan Hermlins auf dem Schriftstellerkongress animiert worden sind. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass Hermlin von Philosophie nicht die geringste Ahnung hat, also zu Aussagen über Nietzsche gar nicht kompetent ist, dass nun aber auch seine politisch-ideologische Urteilskraft sich als höchst problematisch erwiesen hat, nachdem ihm meine Darlegungen über Nietzsches Kriegshetze, seinen Rassismus und Antisemitismus, seine Verächtlichmachung des weiblichen Geschlechts usw., nicht zu denken gegeben haben. Hochachtungsvoll Brief an den Kulturbund Magdeburg41 (03. Dezember 1987) Sehr geehrter Herr Gandner! Der Brief, den ich gestern an Sie geschickt habe, tut mir nach ruhiger Überlegung leid. Ich habe einzig und allein in das Datum Ihrer an mich gerichteten Einladung und, in diesem Zusammenhang, in die Anrede als Genosse eine Provokation hineininterpretiert, die ich, natürlich, in keiner Weise beweisen kann. Ich kann die Möglichkeit nicht ausschließen, dass Ihr Brief an mich auch durchaus wohlwollend oder, zumindest, rein sachlich interessiert gemeint ist. So bitte ich Sie, mir meine Ausfälle gegen Pepperle und auch den Ton, den ich Ihnen gegenüber angeschlagen habe, nachzusehen. Bei meiner Absage muss es nichtsdestoweniger bleiben, weil ich a) aus dem Kulturbund ausgetreten bin, b) Pepperles Ausweichen vor einer Auseinandersetzung mit mir nicht ohne Weiteres hinnehmen kann und c) überhaupt nie mehr dazu beitragen möchte, dass die unleidige, schädliche Nietzsche-Diskussion sich noch weiter ausdehnt, sondern sie lieber beendet sähe. Mit freundlichem Gruß und guten Wünschen 41 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 02. Dezember 1987, adressiert an den Kulturbund der DDR, Stadtleitung Magdeburg, z. Hd. Herrn Gandner, 1. Stadtsekretär. 5 8 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Brief an Max Walter Schulz42 (27. Dezember 1987) Sehr geehrter Herr Professor! In Sinn und Form, Heft 1, 1988, werden mehrere Beiträge erscheinen, die sich ablehnend auf meinen Beitrag zu Nietzsche in Heft 5, 1987, beziehen, darunter eine Antwort Heinz Pepperles, mit der die Diskussion in Sinn und Form ihren Abschluss nden sollen. Bitte machen Sie mir diese Arbeiten so schnell wie möglich zugänglich und sorgen Sie dafür, dass ich noch in Heft 2, 1988, dazu Stellung nehmen kann. Ich glaube, darauf besonders im Hinblick auf den neuerlichen Beitrag Pepperles einen Anspruch zu haben. Pepperle hat sich einer Diskussion mit mir unter Fachkollegen, zu der er eingeladen worden war, ohne ein Wort der Entschuldigung entzogen. Es wäre im höchsten Maße ungerecht gegen mich, behielte er jetzt trotzdem in der Ö entlichkeit das letzte Wort. Die Berechtigung meines Wunsches werden Sie um so mehr einsehen, wenn Sie sich die Leserzuschrift angesehen haben werden, die Robert Steigerwald (DKP) in der Düsseldorfer Deutschen Volkszeitung (Die Tat) verö entlicht hat und von der ich Ihnen hier eine Abschrift übersende (auch die Xerokopie steht Ihnen bei Bedarf zur Verfügung). Sie ersehen aus Steigerwalds Beitrag, das im Frühjahr 1988 in der BRD eine von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal ausgerichtete Konferenz über das Verhältnis der Linken zu Nietzsche statt nden wird. Es ist leicht abzusehen, dass dabei die Nietzsche-Diskussion in der DDR eine erhebliche Rolle spielen wird. Was aber weiß man über meine Argumentation dazu? Mein Beitrag ist praktisch unter Ausschluss der Ö entlichkeit erschienen, und die Berichterstattung darüber war sowohl bei uns, gelegentlich des Schriftstellerkongresses, als auch in der Presse der BRD (von der Welt über die Zeit bis zur Deutschen Volkszeitung), desgleichen in Rundfunk und Fernsehen beider deutscher Staaten unsachlich und gegen mich im höchsten Maße gehässig. Ich kann mir eine solche Behandlung nicht länger gefallen lassen. Mit freundlichem Gruß und guten Wünschen zum Neuen Jahr, auch an die Kollegen Zeissler und Kleinschmidt 42 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 27. Dezember 1987, adressiert: Redaktion »Sinn und Form«, z. Hd. Herrn Professor Max Walter Schulz, »Sinn und Form«, c/o Akademie der Künste der DDR, o zielle Adresse. 5 8 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Kurt Hager43 (17. Januar 1988) Lieber Kurt Hager! Nach den Briefen, mit denen ich Sie in den letzten Wochen bombardiert habe, halte ich es für richtig, Sie auf diesem Wege wissen zu lassen, dass die Verö entlichungen im Neuen Deutschland vom 16./17. Januar 1988 über die Leipziger Philosophiehistorikerkonferenz vom 12. und 13. Januar mich in weit überwiegendem Maße zufrieden stellen. Ich bin damit um so mehr einverstanden, als ich die betre enden Artikel im Zusammenhang mit Ihren Darlegungen auf der jüngsten Beratung mit Lehrern des marxistisch-leninistischen Grundlagenstudiums gelesen habe. In der Anlage übersende ich Ihnen zur Kenntnisnahme die Kopie eines Briefes, den ich mit gleicher Post an die Grundorganisation der Partei im Akademie-Verlag schicke. Mit sozialistischem Gruß Ihr Brief an GO der SED im Akademie-Verlag44 (17. Januar 1988) Lieber Kollege Eickho ! Hiermit möchte ich Ihnen, nach nochmaliger rei icher Überlegung, mitteilen, dass ich meine Entscheidung, wieder Mitglied der SED zu werden, aufrecht erhalte. Maßgebend hierfür sind nach wie vor die in meinem Schreiben vom 23. September 1987 dargelegten Motive. Ich bitte Sie, nunmehr alles zu veranlassen, was für meine Aufnahme als Kandidat erforderlich ist. Mit sozialistischem Gruß 43 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 17. Januar 1988, adressiert: Herrn Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. 44 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 17. Januar 1988, adressiert: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Kreisleitung Akademie der Wissenschaften der DDR, Grundorganisation Akademie-Verlag, z. Hd. Kollegen Einhard Eickho , GO-Sekretär. Maschinenschriftlicher Vermerk: Kopie! Prof. Dr. Kurt Hager zur Kenntnisnahme. 5 8 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Brief an Gregor Schirmer45 (25. Januar 1988) Sehr geehrter Herr Professor Schirmer! In der Anlage übersende ich Ihnen in der Angelegenheit des Wiener Ko er-Seminars zu Ihrer Information die Kopie eines Schreibens, das ich mit gleicher Post an Professor Harald Schliwa richte. Bei dieser Gelegenheit darf ich Ihnen über Folgendes mein Befremden zum Ausdruck bringen. Sie werden sich erinnern, dass bei unserer Besprechung am 18. Mai 1987 im Haus an der Spree vom Politbüromitglied und Sekretär des Zentralkomitees, Professor Kurt Hager, festgelegt worden war, dass mit dem Abdruck meines Beitrags zu Nietzsche in Sinn und Form die Diskussion dort ihren Abschluss nden soll. Diese Festlegung wird dort nun nicht eingehalten. In Heft 1, 1988 von Sinn und Form werden mehrere gegen mich Stellung nehmende Zuschriften erscheinen, und das letzte Wort wird dazu im selben Heft Dr. Heinz Pepperle haben. Dies ist um so ungerechter gegen mich, nachdem Pepperle sich einer Diskussion mit mir unter Fachleuten, die am 16. Oktober 1987 zum ema Nietzsche und die Folgen im ZI für Philosophie der AdW stattfand und zu der auch er eingeladen war, ohne ein Wort der Entschuldigung entzogen hat. Nachdem mir die Disposition zu diesem ema in Heft 1, 1988 von Sinn und Form bekannt gegeben worden war, habe ich mich am 18. Dezember 1987 (27. Dezember 1988, AH) darüber in einem Brief an Prof. Max Walter Schulz beschwert und ihm erklärt, dass ich für mich das Recht in Anspruch nähme, auf Pepperles neuen Beitrag und die Zuschriften gegen mich zu replizieren. Hierauf hat Prof. M. W. Schulz mir bis heute nicht geantwortet. Eine solche Behandlung kann ich mir unmöglich gefallen lassen. Mit freundlichem Gruß 45 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 25. Januar 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abt. Wissenschaft beim ZK der SED. 5 8 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Roland Opitz46 (26. Januar 1988) Sehr geehrter Herr Professor Opitz! Ich entnehme dem heutigen ND, dass der Reclam-Verlag 1988 das von Stephan Hermlin herausgegebene Deutsche Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht nunmehr als Taschenbuch neu zu verö entlichen gedenkt. Die Ausgabe von 1976 enthält auf Seite 504  . Friedrich Nietzsches An den Mistral. Ein Tanzlied. Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass dieses Gedicht in der Nazizeit – und ich selbst habe das als Gymnasiast miterlebt – entsprechend seinem zutiefst antihumanistischen Gehalt zur Rechtfertigung der Vernichtung »lebensunwerten Lebens« im Schulunterricht benutzt worden ist. Damit verbinde ich die Anfrage an Sie, ob auch die geplante Taschenbuchausgabe dieses Gedicht wieder enthalten wird, nachdem der Philosophiehistorikerkongress, der vom 12. bis 13. Januar 1988 in Leipzig stattfand, Klarheit darüber gescha en hat, das Texte Nietzsches in der Verlagsproduktion unseres Landes nichts zu suchen haben. Mit freundlichem Gruß Brief an die Akademie der Künste47 (26. Januar 1988) Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Wie ich dem heutigen Neuen Deutschland, Nr. 21, Seite 4, Rubrik Kultur, entnehme, beabsichtigt der Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, in diesem Jahr die im Auftrag der Akademie der Künste der DDR von Ihrem ordentlichen Mitglied Stephan Hermlin herausgegebene Anthologie Deutsches Lesebuch. Von Luther bis Liebknecht nunmehr als Taschenbuch neu zu verö entlichen. Die bis heute unverändert gebliebene Ausgabe, 1. Au age, Leipzig, 1976, enthält auf den Seiten 504  . Friedrich Nietzsches An den Mistral. Ein Tanzlied. 46 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 26. Januar 1988, adressiert an Prof. Dr. Roland Opitz, Verlagsdirektor Philipp Reclam jun. Siehe ergänzend auch die Briefe an Opitz vom 6. Januar 1988 (Band 9, S. 469–472) und vom 21. Januar 1988 (Band 10, S. 958–959). 47 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 26. Januar 1988, adressiert an die Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Republik, überschrieben als Eingabe. 5 9 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass dieses Gedicht in der Nazizeit – und ich selbst habe das damals als Gymnasiast miterlebt – entsprechend seinem zutiefst an tihu ma nistischen Ideengehalt zur Rechtfertigung der Vernichtung »lebensunwerten Lebens« im Schulunterricht benutzt worden ist. Aus diesem Grunde bitte ich Sie, darauf hinzuwirken, dass der Herausgeber dieses Gedicht in die neue Ausgabe nicht mehr mit aufnimmt. Akademie der Künste, 1955 Um meinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, verweise ich Sie zugleich auf die Ergebnisse der Philosophiehistorikerkonferenz der DDR, die am 12. und 13. Januar dieses Jahres in Leipzig stattgefunden hat. Es wurde hier darüber Klarheit gescha en, dass eine Einbeziehung Nietzsches in die Erbep ege der DDR nicht in Betracht kommt. (Vgl. ND vom 16./17. Januar 1988.) Ich berufe mich gleichzeitig auf Ihr ordentliches Mitglied Dr. Peter Hacks, der mich Ende November 1987, unmittelbar nach dem X. Schriftstellerkongress, seiner vollen Solidarität versichert und mich dazu ermächtigt hat, jedermann kundzutun, dass auch er, genau wie ich, für eine vollständige Ausschaltung Nietzsches aus der Kultur der DDR eintritt. 5 9 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Ich empfehle Ihnen in diesem Zusammenhang schließlich, sich anhand eines Korrespondentenberichts von David Binder aus der New York Times vom 28. November 1987, East Berlin Journal, unter dem Titel Marxist Embrace Nietzsche, davon zu überzeugen, welch schwerer Schaden dem Ansehen unserer Republik im Ausland dadurch zugefügt würde, wenn bei uns die Nietzsche-Renaissance weiter voranschritte. Eine Übersetzung dieses Artikels habe ich der Redaktion von Sinn und Form, zu Händen Herrn Prof. Dr. Max Walter Schulz und Herrn Dr. Sebastian Kleinschmidt, zugänglich gemacht. Eine Ablichtung des Originals be ndet sich bei mir. Mit freundlichem Gruß (AH) Manfred Wekwerth antwortete, als Präsident der Akademie, am 22. Februar 1988 (1 Blatt, maschinenschriftlich). Er schrieb, dass er über die Deklarierung des Briefes als Eingabe »etwas irritiert« sei, da der Gegenstand der Eingabe nicht zu den Bereichen gehöre, »in denen mit Administration oder gar Verboten etwas auszurichten ist. Man kann nicht von einem Meinungsstreit über unser Erbe und unsere Traditionen immer nur reden, ihn aber, wenn er da ist, nicht wollen.« Er verfolge die Meinungsäußerungen von Harich zu Nietzsche mit Interesse, könne ihnen aber nur »partiell folgen«. Der Aufnahme des Gedichtes von Nietzsche in den Band Deutsches Lesebuch sei seinerzeit eine lange Debatte vorausgegangen. Zu dem damaligen Ergebnis »maße ich mir auch als Präsident der Akademie der Künste der DDR nach zwölf Jahren keine Schiedsrichterrolle an, ich persönlich teile weitgehend die Ansichten von Heinz Pepperle und Stephan Hermlin«. Brief an Stephan Hermlin48 (13. Februar 1988) Lieber Stephan Hermlin! Der Diskussionsbeitrag, den Du auf dem X. Schriftstellerkongress gegen mich gehalten hast, den ich aber erst heute im vollen Wortlaut aus Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 179  ., kennenlerne, enthält eine Reihe von Unwahrheiten, von denen ich dahingestellt lasse, ob sie auf Gedächtnislücken beruhen oder ob es sich um bewusste Lügen handelt. 1. Ich bedenke Dich nicht »in jedem Jahr mit ein oder zwei langen Briefen«, die Du nicht beantwortest. Meinen vorvorletzten Brief, von 1981 oder 1982, der die Hem- 48 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 13. Februar 1988, adressiert an Hermlins Pri vat adresse in Berlin. 5 9 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re mungen Friedrich Lufts betraf, aus Minderwertigkeitskomplexen angesichts Deines Abendlichts eigene Memoiren zu Papier zu bringen, hast Du beantwortet, Dich allerdings auch geweigert, Luft zu ermutigen. Mein vorletzter Brief, von Anfang 1986, war ein – zugegeben – un ätig formulierter Wutanfall angesichts des Nietzscheschen Gedichts An den Mistral. Ein Tanzlied. Für den Ton habe ich mich gleich danach bei Dir entschuldigt. Dass meine Wut aber berechtigt war, daran halte ich auch heute noch fest. Denn ich habe miterlebt, dass in der Nazizeit im Schulunterricht dieses zutiefst an tihu ma nistische Gedicht dazu benutzt (nicht etwa missbraucht) wurde, die Vernichtung »lebensunwerten Lebens« ideologisch zu rechtfertigen. Wenn Du diesen Brief an Dich schon ö entlich zitierst, hättest Du wenigstens darauf hinweisen sollen, dass ich darin Dir für Deine alten Jahre Gesundheit und p egliche Behandlung etwaiger Leiden gewünscht habe. (Mir fällt das Gedicht um so mehr in dem Maße auf die Nerven, wie ich, mit meiner Herzkrankheit, fürchterlich unter Klimawechseln zu leiden habe.) 2. Ob Deine Behauptung Anfang Mai, es gäbe in der DDR keine unterdrückten Manuskripte, albern oder ernst gemeint war, entzieht sich meiner Beurteilung. Jedenfalls hast Du verbürgtermaßen diese Behauptung von Dir gegeben und damit etwas wiederholt, was Du schon bei der vorausgegangenen Hamburger PEN-Tagung behauptet hattest. Um Zeugen bin ich nicht verlegen. 3. Ich habe Dich in dem 13 Seiten langen Brief vom Mai 1987 nicht darum, Dich für den Druck nur eines meiner damals unterdrückten Manuskripte (desjenigen gegen Nietzsche) stark zu machen gebeten, sondern darum, Dich für deren zwei einzusetzen. Das zweite, betitelt Mehr Respekt vor Lukács! (in der dritten Fassung abgeschlossen am 2. August 1986) ist in der DDR immer noch nicht erschienen, bis heute nicht. Ich musste es im Ausland, in der linkssozialistischen Wiener Zeitschrift Aufrisse, Heft 2, 1987, verö entlichen, wo es endlich im Juli 1987 erschienen ist. Die Verö entlichung in der DDR, an der mir sehr gelegen wäre, steht nach wie vor aus. 4. Ich habe nie »das Verbot der Stücke von Heiner Müller gefordert«, wie Du mir jetzt unterstellst. Ich habe lediglich an Heiner Müllers Macbeth-Bearbeitung eine – wie ich im Übrigen meine – sehr berechtigte Kritik geübt, Anfang 1973 in Sinn und Form; wobei ich die damalige Au ührung des Stücks (in Brandenburg war sie erfolgt) ausdrücklich guthieß. Weise mir, bitte, eine einzige Zeile von Verbotsforderungen in dieser meiner Kritik oder in irgendeiner anderen schriftlichen oder mündlichen Äußerung von mir zu diesem ema nach oder nimm Deine Verleumdung mit dem Ausdruck 5 9 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte des Bedauerns zurück! (Dass ich von Heiner Müller nichts halte, jedenfalls nichts von seinen Elaboraten, steht auf einem anderen Blatt. Persönlich mögen wir uns gern, und er wird sicher bereit sein, mir als Zeuge gegen Deine ehrabschneiderischen Lügen zur Verfügung zu stehen.) 5. Bei den frühen Novellen omas Manns verschweigst Du auf Seite 182 den Weg zum Friedhof. Darin besonders und in Luischen und in Tobias Mindernickel ist in der Tat von Nietzsche entfesselte sadistische Phantasie am Werk; es lässt sich mit Händen greifen. (Meine Invektive gegen den »kleinen Herrn Friedemann« nehme ich nach nochmaliger Lektüre hiermit zurück.) Im Übrigen: Über Expressionismus und, meinethalben, sogar einige Vertreter des Futurismus ließe sich diskutieren. Über Nietzsche nicht. Und wie sehr Du der DDR im Ausland geschadet hast, das entnimm der New York Times vom 28. November 1987. Nichts für ungut! Deiner fälligen Selbstkritik entgegensehend Brief an Erich Honecker49 (29. Februar 1988) Lieber Erich Honecker! Auf mein Schreiben an Sie vom 10. März 1987 erhielt ich von Ihnen am 2. April 1987 eine Antwort, in der Sie mir versicherten, dass von der Partei meine Mitarbeit auf den wichtigen Gebieten der Philosophie- und Literaturgeschichte, bei der P ege des humanistischen Kulturerbes, begrüßt und gewünscht werde. Wörtlich fügten Sie dem hinzu: »Besonders ho en wir, dass Sie als ein profunder Kenner des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werden, seinen 225. Geburtstag am 21. März 1988 gebührend zu würdigen. Das Ministerium für Kultur wird sich mit Ihnen über die Gestaltung dieses Jubiläums verständigen.« Mündlich wurde dies von Kurt Hager in einer Aussprache mit mir, die am 18. Mai stattfand, ausdrücklich bekräftigt. Ich habe danach monatelang vergebens darauf gewartet, dass jemand vom Kulturministerium sich bei mir melden werde. Auch Anfragen von mir an den Minister für 49 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 29. Februar 1988, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. 5 9 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Kultur, Dr. Hans Joachim Ho mann, datiert vom 2. August und vom 17. September, fruchteten nichts. Erst in einem Brief vom 5. November stellte der Minister mir in Aussicht, dass in Berlin ein würdiges Jean-Paul-Gedenken statt nden würde, mit dessen Vorbereitung die Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Künste befasst seien. Heute, drei Wochen vor dem Gedenktag, zeichnet sich mit aller Deutlichkeit ab, dass sich da gar nichts tun wird. Und feststeht, dass jedenfalls ich von keiner der zuständigen Stellen in dieser Angelegenheit zu Rate gezogen worden bin. An sich würde es mir mein Stolz verbieten, mich hierüber bei Ihnen zu beschweren. Der umfangreichste Teil meiner wissenschaftlichen Lebensleistung ist zu eng mit der Jean-Paul-Forschung verknüpft, als dass nicht der Verdacht nahe läge, ich wolle das bevorstehende Jubiläum benutzen, mich in den Vordergrund zu drängen. So war ich schon im Begri , völlig zu resignieren. Leider haben sich mittlerweile bestimmte ideologische Diskussionen, das Erbe betre end, in einer Richtung entwickelt, die es mir verbietet, Zurückhaltung zu üben, wenn ich nicht der Reaktion Vorschub leisten will. Es ließe sich beweisen, dass in der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums, in den für Philosophie und Literaturgeschichte zuständigen Zentralinstituten der Akademie der Wissenschaften und, vor allem, in der Akademie der Künste ein ussreiche Kräfte am Werk sind, die leichten Herzens die Missachtung des humanistischen Erbes von Jean Paul in Kauf nehmen, falls sie damit erreichen können, dass meine Isolation sich bis an mein Lebensende fortsetzt, dass ich aus dem Kulturleben unserer Republik de nitiv verschwinde – als Unperson. Und was stört diese Leute so an mir? Ich halte, getreu meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen, unumkehrbar an den Errungenschaften von Franz Mehring und Georg Lukács fest und setze mich deswegen mit Entschiedenheit und Konsequenz dagegen zur Wehr, dass aus dem Westen die Nietzsche-Renaissance auf die DDR und die übrigen sozialistischen Länder übergreift. Das ist es, was mir, gekoppelt mit Furcht vor meiner fachlichen Überlegenheit, den Hass windiger Modefans, blasierter Ästhetizisten und Morgenluft witternder Reaktionäre zuzieht. Das Nähere ist meinem einschlägigen Beitrag zu Nietzsche in Heft 6, 1987, von Sinn und Form und den fast durchweg ablehnenden Antworten darauf in Heft 1, 1988, derselben Zeitschrift zu entnehmen. Damit Sie sich aber ein Bild von dem Schaden machen können, den die Nietzsche-Renaissance unserer Republik im Ausland zufügt, füge ich Ihnen hier die Übersetzung eines Artikels aus der New 5 9 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte York Times vom 28. November 1987 bei (eine Ablichtung des Originals be ndet sich bei mir). In der Ho nung, dass Sie, lieber Erich Honecker, sich für das Erbe des großen Jean Paul, den niemand gehässiger geschmäht hat als Nietzsche, tatkräftig einsetzen und bei der Gelegenheit mir Genugtuung verscha en werden, verbleibe ich mit allen guten Wünschen und kommunistischem Gruß Ihr Brief an Erich Honecker50 (17. März 1988) Lieber Erich Honecker! Haben Sie zunächst vielen Dank dafür, dass Sie in Sachen Jean Paul jetzt noch ein weiteres Mal initiativ geworden sind. Das Ergebnis ist allerdings auch jetzt in keiner Weise zufrieden stellend und, glaube ich, so auch kaum praktikabel. Ich rief gestern um 13:00 Uhr Herr Scholz von der HV Verlage und Buchhandel an und er erö nete mir, dass nunmehr zwei Dinge geplant seien: Ein Kolloquium in Weimar am 23. März, auszurichten von den NFG Weimar, und »noch irgendetwas in Berlin«, zu veranstalten vom Aufbau-Verlag, wobei Termin und Rahmen indes noch ungeklärt seien; zu beidem würde man mich einladen. Ich halte eins wie das andere für gänzlich unangemessen, zum Teil sogar für irreal. Ein Kolloquium, das Hand und Fuß hat, wird in so wenigen Tagen unmöglich vorbereitet werden können. Zuständig wären in der Sache die NFG Weimar hierfür allerdings. Aber Weimar war als Ort Jean Paul zu verhasst, als dass es für eine in seinem Sinne durchzuführende Gedenkveranstaltung in Betracht käme. Diejenigen in der DDR gelegenen Städte, die hierfür historisch stimmig wären, sind 50 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 17. März 1988, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. Vermerk: Persönlich! Ernst Förster: Jean Paul in seiner Gartenlaube 5 9 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Berlin (wo er 1800/1801 die glänzendsten Triumphe seines Lebens gefeiert hat und wo er, über seinen »Transmissionsriemen« Königin Luise, auch seine heilsamsten politisch-praktischen Wirkungen ausüben sollte – auf die späteren, bei Hof einzig von ihr protegierten preußischen Reformer nämlich, nach dem Zusammenbruch von Jena und Auerstädt), ferner Meiningen (als die Stätte seiner glücklichsten Lebensjahre und der Vollendung seines Hauptwerks, des Titan, 1802) und allenfalls noch Hildburghausen, das, als damaliges Miniaturfürstentum, ihm die Würde eines Legationsrats verlieh. Das Datum des 23. März verfehlt im Übrigen den 225. Geburtstag, der auf den 21. März fällt. Wenn aber an diesem Tage doch noch »irgendetwas in Berlin« geschehen sollte, dann reichte ein Verlag als Veranstalter an die Größe Jean Pauls, die mindestens derjenigen Schillers gleichkommt, einfach nicht heran; die »Ebene« wäre viel zu tief angesetzt. Ich habe nun hin- und herüberlegt, wie in dieser Angelegenheit noch schnell, operativ und mit realen Durchsetzungschancen dafür gesorgt werden könnte, dass die Partei wenigstens ihre kulturpolitische-ideologische Option verdeutlicht und damit in der P ege des humanistischen Kulturerbes ihr Gesicht wahrt. Die folgenden Vorschläge sind eingefallen (sollte ich mit dem einen oder anderen bereits o ene Türen einrennen – um so besser): 1) Erstmal im Zentralorgan der Partei ein würdiger Gedenkartikel für Jean Paul, abzudrucken am 21. März. Als Verfasser schlage ich wahlweise den Literaturhistoriker Jochen Golz, Weimar, oder den Schriftsteller Günter de Bruyn, Berlin, vor, obwohl meine Au assungen von den ihren erheblich abweichen. Mein Gesundheitszustand ist derzeit zu labil, als dass ich diesen Artikel in so kurzer Frist noch selber schreiben könnte. Ich könnte aber mit heute zeitgemäßen Worten des Dichters selbst aufwarten, die ich nach Ihrem Anruf vom 9. März herausgesucht habe; zum Beispiel aus Jean Pauls Kriegserklärung gegen den Krieg. Für etwaige diesbezügliche Anfragen des ND will ich mich morgen, am Freitag, den 18. März, den ganzen Tag über zu Hause bereithalten. 2) Schnelle Entsendung einer kleinen Delegation von prominenten Jean-Paul-Freunden aus der DDR in die BRD, sei es nach Bayreuth, sei es zum Geburtsort des Dichters, nach Wunsiedel; je nachdem, wo die repräsentativere Festveranstaltung der bundesdeutschen Jean-Paul-Gesellschaft (Sitz Bayreuth) und etwaiger BRD-Kulturbehörden statt nden wird. Außer den genannten Herren de Bruyn und Golz kämen als Mitglieder der Delegation insbesondere noch die Schriftstellerinnen Helga Schütz und Irmtraud 5 9 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Morgner in Frage, eventuell noch Frau Dr. Dorothea Böck, Jean-Paul-Expertin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. (Mich würde eine derartige Reise zur Zeit gesundheitlich zu sehr strapazieren.) 3) Niederlegung je eines Blumengebinde der SED bzw. des DDR-Staatsrates am 21. März an zwei Gedenkstätten: a) In der DDR an deren einzigen Jean-Paul-Denkmal, im Park von Meiningen; b) in der BRD an – oder im – Geburtshaus des Dichters in Wunsiedel (eine Abbildung dieser letzteren Gedenkstätte, mit dem hübschen Jean- Paul-Brunnen davor, füge ich hier in der Anlage bei). Dabei käme es nicht so sehr darauf an, wer diese Blumengebinde, anwesend am Ort, jeweils niederlegt, sondern darauf, was auf den Schleifen steht. Und bei analogen Anlässen in der DDR stand auf analogen BRD-Schleifen der Name Richard von Weizsäcker. Eine Aufschrift: »Dem großen Jean Paul – von Erich Honecker« fände ich optimal. 4) Ich bitte zu erwägen, ob nicht am 21. März entweder die Gründung einer Jean-Paul-Gesellschaft der DDR bekannt gegeben werden oder aber ein – sofort zu verö entlichender – Beschluss auf hoher Ebene gefasst werden könnte, ein Konzept für eine breitere und wirksamere Einbeziehung Jean Pauls in die sozialistische Erbe-P ege auszuarbeiten. Für dieses Konzept hätte ich dann eine Menge Ideen in petto. (Zu der eventuellen neuen Jean-Paul-Gesellschaft möchte ich heute nur eines bemerken: Sie wäre, im Unterschied zur Goethe-Gesellschaft, kein »gesamtdeutscher« Verein, sondern einer unseres Staates, und sie hätte der bundesdeutschen Jean-Paul-Gesellschaft, mit Sitz in Bayreuth, außer den marxistisch-leninistischen Gesichtspunkten noch etwas weiteres voraus: Dass sich der gesamte Jean-Paul-Nachlass, mitsamt zahlreichen noch unveröffentlichten Aphorismen, in unserer Staatsbibliothek Unter den Linden be ndet.) 5) Trotz allem in den letzten Jahren Versäumten braucht die DDR auch in puncto Jean Paul ihr Licht nicht unter den Sche el zu stellen. Dass Eduard Berend seine 1927 begonnene historisch-kritische Ausgabe der Sämtlichen Werke Jean Pauls nach seiner rassischen Verfolgung während der Nazi-Jahre doch noch weiterführen und nahezu zum Abschluss bringen konnte, ist der Akademie der Wissenschaften der DDR und den DDR-Verlagen Hermann Böhlau (Weimar) und Akademie-Verlag (Berlin) zu verdanken; um nur das Wichtigste zu nennen. In der Ho nung auf weitere Initiativen von Ihrer Seite, mit allen guten Wünschen und mit kommunistischem Gruß Ihr 5 9 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Brief an Gregor Schirmer51 (07. April 1988) Sehr geehrter Herr Professor Schirmer! Über unser ausführliches Gespräch vorgestern habe ich noch einmal gründlich nachgedacht. Die Kernfrage bleibt für mich meine Aufnahme als Kandidat in die Reihen der Partei. Trotz mancher Meinungsverschiedenheit zwischen uns äußerten Sie zu mir Ihr Bedauern darüber, dass dies an der Haltung der Grundorganisation des Akademie-Verlages bisher gescheitert ist und dass Sie nicht im Stande seien, daran etwas zu ändern. Und Sie schlugen mir vor, dass wenigstens wir beide, Sie und ich, uns künftig als Genossen anreden sollten. Für diese Haltung möchte ich Ihnen hiermit danken. Allerdings muss ich Ihnen auch sagen, dass ich nur bei eigener Mitgliedschaft in der Partei dazu bereit wäre, mich mit Ihnen – oder irgend einem anderen SED-Mitglied – gegenseitig als Genosse anzureden. (Zu Professor Werner Mittenzwei, der mich seit mindestens 15 Jahren immer »Genosse Harich« zu nennen p egt, verhalte ich mich nicht anders. Mittenzwei übrigens hat sich bereit erklärt, für mich zu bürgen, und auch das hat ebenso wenig wie dieselbe Bereitschaft Dr. Hermann Turleys bisher irgend etwas genützt.) Jedenfalls entnehme ich Ihrem freundlichen Angebot, dass Sie persönlich gegen meine Mitgliedschaft in der SED nichts einzuwenden hätten. Fragt sich: Was könnten Sie unter strikter Wahrung der Bestimmungen des Parteistatuts dafür tun, dass die e ektiv zu Stande kommt? Ich sehe nur die folgende Möglichkeit: Sie bewegen Professor Kurt Hager dazu, dass er seine Äußerung gegen Nietzsche vom 14. Januar 1988, vor den Dozenten des Grundlagenstudiums, nunmehr ö entlich sinngemäß wiederholt, bei der Gelegenheit mich wegen meines hartnäckigen und konsequenten Kampfes gegen die drohende Einbeziehung Nietzsches in die Erbep ege der DDR lobt und Kritik an den Leuten im Staatsapparat übt, die, o ensichtlich aus Missbilligung meiner Haltung zu Nietzsche, eine würdige Jean-Paul-Ehrung am 21. März 1988, so wie sie vom Generalsekretär der Partei und Vorsitzenden des Staatsrates, Erich Honecker, gewünscht worden war, hintertrieben und vereitelt haben. Eine solche ö entliche Äußerung von Seiten Kurt Hagers läge um so näher, als der Gegner im Westen mich sowieso aufs Heftigste angreift mit der Begründung, dass ich, 51 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 07. April 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abt. Wissenschaft beim ZK der SED. 5 9 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte als der »Savonarola« der »Altstalinisten« um Kurt Hager, meine Philippika gegen unsere Nietzsche-Verteidiger vom Stapel gelassen hätte. (So Die Zeit, Hamburg, Nr. 46, vom 6. November 1987, Seite 57.) Von meiner Einstellung zur modernistischen Kunst, zu den Futuristen, Expressionisten usw., könnte Kurt Hager sich ja gleichzeitig distanzieren. Entschlösse er sich, dem hinzuzufügen: »Nichtsdestoweniger hat Wolfgang Harich in Sachen Nietzsche das Verdienst usw. usf.«, dann würde das bereits genügen, die Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag zu einer positiven Entscheidung über meinen Aufnahmeantrag zu bewegen, und eben dann wären wir – Sie und ich – tatsächlich, reell und nicht bloß verbal Genossen. Bitte lassen Sie, lieber Professor Schirmer, sich diesen meinen Vorschlag einmal durch den Kopf gehen und geben Sie mir dann Bescheid, ob Sie eine Möglichkeit sehen, ihn zu realisieren. Um es Ihnen zu ersparen, sich in Form einer schriftlichen Antwort an mich so oder so festzulegen, werde ich mir erlauben, Sie in der nächsten Woche, zwischen dem 11. und dem 15. April, anzurufen und mir bei Ihnen Bescheid zu holen. Mit herzlichen Grüßen, auch an Professor Hager und Professor Hörnig, die ich über diesen Brief zu unterrichten bitte, verbleibe ich bis dahin Ihr Brief an Gregor Schirmer52 (09. April 1988) Sehr geehrter Herr Professor Schirmer! In Ergänzung meines Briefes vom 7. April 1988 möchte ich heute Ihrer Au orderung nachkommen, Ihnen schriftlich mitzuteilen, auf welchen Gebieten und in welcher Weise ich neben meiner schriftstellerischen Arbeit (über Nicolai Hartmann) noch kulturell aktiv werden möchte. Die Antwort darauf nden Sie in einem Brief, den ich am 23. September 1987 an Professor Kurt Hager gerichtet habe, worin ich ihn gleichzeitig über meinen Antrag, als Kandidat in die SED aufgenommen zu werden, unterrichtete. Ich zitiere daraus: »Mein Wunsch, auf den Gebieten, für die ich kompetent zu sein glaube, am Meinungsbildungsprozess der Partei als deren Mitglied teilzunehmen, 52 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 09. April 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abteilung Wissenschaft beim ZK der SED. 6 0 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re schließt zwei Bedürfnisse ein: a) Die Weitergabe meiner Kenntnisse, Erfahrungen und wissenschaftlichen Überzeugungen auf den Gebieten der Philosophie und Literaturwissenschaft an einen Kreis hierfür geeigneter Schüler bei gleichzeitigem Tonbandmitschnitt meiner Ausführungen; b) eine gleichzeitige Ein ussnahme auf denselben Gebieten auf unsere Verlagsproduktion, die, wie ich glaube, bis jetzt reiches und auch hochinteressantes humanistisches Erbe, das noch gänzlich unausgeschöpft ist, vernachlässigt (einschlägige konkrete Vorschläge und Gutachten von mir liegen z. T. seit Jahrzehnten dem Akademie-Verlag vor).« (Der Text in Klammern von Harich handschriftlich unterstrichen, AH.) Was den Punkt b) betri t, so haben der Sekretär der BPO des Akademie-Verlages, Einhard Eickho , und der Verlagsleiter Prof. Lothar Berthold am 22. März 1988, als sie mir die niederschmetternde Nachricht überbrachten, meinen Antrag auf Aufnahme als Kandidat in die Partei ihrer Grundorganisationen nicht unterbreiten zu können, mich mit dem Versprechen getröstet, dass meine Vorschläge noch in der Woche vor Ostern mit mir diskutiert werden würden, in der Absicht, mich künftig als Berater für die Verlagsproduktion heranzuziehen. Bis heute ist nichts der gleichen erfolgt. Mein Lebensrest verrinnt, die Anregungen, die ich in petto habe, bleiben ungenutzt, an meiner Isolierung ändert sich nichts. So wiederhole ich heute nochmals meine Bitte an Sie, Professor Hager zu der ö entlichen Stellungnahme zu bewegen, die einzig und allein hier grundlegenden Wandel scha en könnte. Die neuen Gesichtspunkte, um die ich den Kampf Franz Mehrings, Hans Günthers und Georg Lukács’ gegen Nietzsche zeitgemäß bereichert habe (in der Frage der Frauenemanzipation, des Rassismus und Antisemitismus und der Stellung zum Krieg) sowie die Sabotierung eines würdigen Jean-Paul-Gedenkens durch die HV Verlage und Buchhandel des Kulturministeriums und durch die Verantwortlichen in der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste böten hierfür hinreichend Sto . In der Ho nung auf den Erfolg Ihrer Initiative verbleibe ich mit herzlichem Gruß Ihr 6 0 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Georg Anders53 (11. April 1988) Sehr geehrter Herr Medizinalrat! Da ich sehr starken emotionalen Belastungen ausgesetzt bin, wie sie einem Herzkranken nicht zuträglich sind, und es mich nur noch mehr aufregen würde, wenn ich Ihnen die Ursachen hierfür im persönlichen Gespräch darlegte, möchte ich den Arztbesuch bei Ihnen diesmal besser vermeiden, wofür ich Sie um Verständnis bitte. Kurz gesagt, handelt es sich darum, dass meine Bemühungen, eine würdige Jean-Paul-Ehrung der DDR zu Stande zu bringen, unter schnöder Missachtung der wissenschaftlichen Arbeit, die ich zehn Jahre lang in die Erforschung und Deutung dieses großen Dichters investiert habe, am Widerstand von persönlichen Feinden und Neidern in kulturpolitischen Institutionen unserer Republik gescheitert sind, und dass fast gleichzeitig mein Antrag, als Kandidat in die SED aufgenommen zu werden, der ich von 1946 bis 1956 als Vollmitglied angehört habe, von der für mich zuständigen BPO des Akademie-Verlages, bei dem mein größeres Jean-Paul-Buch 1974 erschienen ist, zurückgewiesen wurde. Beide Niederlagen folgten auf die hässlichen Angri e, denen ich wegen meiner Haltung zu Nietzsche auf dem X. Schriftstellerkongress ausgesetzt war. Ich habe nun Herrn Prof. Dr. Georg Schirmer, auf dessen Rat hin ich Ihr Patient geworden bin, darum gebeten, das Verhältnis der Partei zu mir auf hoher Ebene zu klären. Im Zusammenhang damit strebe ich an, im Sinne der Amnestie zum 7. Oktober 1987 meiner beru ichen Quali kation entsprechend gleichberechtigt behandelt zu werden. Nur so wäre zu gewährleisten, dass mein Lebensrest mit sinnvoller, für die Gesellschaft nützlicher und mich befriedigender kultureller Aktivität erfüllt wäre. Geschähe dies nicht, so würde es mir wenig helfen, dass ich Patient eines Arztes von hohem Rang bliebe. Geschähe es aber, so müsste meine Tätigkeit durch eine optimale medizinische Betreuung abgesichert werden, zum Beispiel in der Form hausärztlicher Betreuung im Bedarfsfall an Stelle der bisherigen aufregenden und anstrengenden Gänge zu Routineuntersuchungen, durch Verschreibung eines in meiner Wohnung be ndlichen Blutdruckmessgerät, durch telefonische Verbindung mit meiner im selben Haus lebenden Frau, eine Einrichtung, die mir trotz Ihrer ärztlichen Befürwortung im Februar von der Post bisher vorenthalten wird. 53 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 1. April 1988, adressiert an Herrn Medizinalrat Prof. Dr. Georg Anders, Chefarzt I. Medizinische Klinik des Krankenhauses im Friedrichshain. 6 0 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Ich bitte Sie, sich für all dies einzusetzen, und stelle Ihnen anheim, über diese Fragen einmal mit den Herren Prof. Schrimer und K. Rätz zu sprechen, in deren Auftrag Sie seit nunmehr einem halben Jahr meinen Gesundheitszustand beobachten. Schließlich bitte ich Sie, auch diesmal meiner Frau, die Sie an meiner Stelle aufsuchen wird, die Rezepte für die von mir bis 8. Mai benötigten Medikamente auszustellen. Indem ich Ihnen für Ihre Fürsorge danke, verbleibe ich mit herzlichem Gruß Brief an Gregor Schirmer54 (16. April 1988) Sehr geehrter Herr Professor Schirmer! Ihren – mich zuversichtlich stimmenden – Brief vom 13. April habe ich heute erhalten. Ich danke Ihnen dafür und beeile mich, ihn zu beantworten. Was Punkt a) meines Briefes vom 9. April betri t, so bitte ich unterscheiden zu dürfen zwischen aa) emen, zu denen ich mich gern vertraulich – wenn auch unter Bandmitschnitt – zu jeweils ein, zwei geeigneten Gesprächspartnern äußern möchte, und bb) Lehrsto , den ich gern noch an einen Kreis geeigneter Schüler weitergäbe (im Idealfall, unter der Voraussetzung eigener Parteimitgliedschaft, im Rahmen der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK, bei etwa vierzehntägig statt ndenden, je zweistündigen Veranstaltungen – falls ich das gesundheitlich scha e, was zu erproben wäre.) Zu Punkt a), aa: (1) Vorschläge zur Entfaltung einer wissenschaftlichen Diskussion über ethische Probleme, die für uns relevant sind, unter Auswertung humanistischen philosophischen Erbes. (Die darauf abzielenden editorischen Vorschläge an den Akademie-Verlag beziehen sich nur auf eine – freilich wichtige – Seite dieser umfassenderen Anregung.) (2) Meine Ansichten zur philosophischen Anthropologie im Allgemeinen, zu Paul Alsberg und Arnold Gehlen im Besonderen.55 (Ein hinsichtlich Gehlens, der Nazi war, 54 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 16. April 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abt. Wissenschaft beim ZK der SED. 55 (AH) Harichs Arbeiten zur Anthropologie und zu Gehlen sowie Alsberg liegen in Band 11 gedruckt vor. Dort auch wichtige Hinweise zu Harichs seit der Mitte der achtziger Jahre statt ndenden Entdeckung Alsberg sowie der damit zusammenhängenden Kritik an Gehlen – beides gri auf seine Einstellung zu Nietzsche über bzw. wurde durch diese determiniert. 6 0 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte ziemlich delikates ema. Als geeignetste Gesprächspartner bietet sich mir Udo Tietz an. Dass noch ein weiterer, vom ZI für Philosophie der AdW autorisierter hinzugezogen werden möge, habe ich in zwei Jahren mehrmals Heinz Malorny vorgeschlagen.) (3) Zur Weiterentwicklung der marxistisch-leninistischen philosophischen Historiographie, ausgehend von Lücken und Disproportionalitäten, auch einiger Fehleinschätzungen, die ich in unserem Philosophenlexikon zu sehen glaube. (4) Zur di erenzierenden Beurteilung nichtmarxistischer Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten des 20. Jahrhunderts. (Hierfür wäre mir die Kenntnis jüngster, noch unverö entlichter Ausführungen Manfred Buhrs und eventuell weiterer Marxisten der DDR wichtig, zumal was das 20. Jahrhundert angeht.) (5) Zur Gliederung marxistischer philosophischer Systematik, d. h. des dialektischen und historischen Materialismus, ausgehend von bisherigen einschlägigen Kompendien und unter vergleichender Berücksichtigung nichtmarxistischer Systeme (von Aristoteles über Hegel bis zu Nicolai Hartmann). (6) Zur Einschätzung modernistische Kunst und Literatur. Dabei: Strategie und Taktik zur stärkeren Durchsetzung des sozialistischen Realismus und des ihm vorausgegangenen, ihn vorbereitenden klassischen und kritisch-realistischen Kulturerbes. Dabei ferner: Klärung der Vorgeschichte des Begri s »entartete Kunst«, seines Ursprungs bei Max Nordau, seines Missbrauchs durch die deutschen Faschisten sowie der heutigen Versuche, diesen Missbrauch mit der Kunst- und Literaturpolitik der Ära Stalin/ Shdanow gleichzusetzen (nach der Manier sonstiger »Totalitarismus«theorie). (7) Strategie und Taktik bei der weiteren Bekämpfung der Nietzsche-Renaissance. Zu Punkt a), bb: (1) Geschichte der griechischen und hellenistisch-römischen Philosophie unter besonderer Berücksichtigung Platons und Aristoteles'.56 (2) Die Philosophie Kants als Ausgangspunkt der Geschichte der klassischen deutschen Philosophie.57 56 (AH) Mit der antiken Philosophie hatte sich Harich während seiner Vorlesungstätigkeit an der Berliner Humboldt-Universität ausführlich auseinandergesetzt. In Band 6.1 kommt sein Vorlesungszyklus in der Version zum Abdruck, die er ab September 1951 hielt (S. 53–424) Dort auch ausführlich zu Platon und Aristoteles. Auch im Rahmen vieler anderer philosophischer und philosophiegeschichtlicher Arbeiten ging Harich auf die Antike ein. 57 (AH) Mit Harichs Studien zu Kant beschäftigt sich der 3. Band, weitere kleinere und größere Ausführungen in anderen Texten dieser Edition. In vielen seiner Vorlesungen zur 6 0 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re (3) Die Philosophie Nicolai Hartmanns und ihre Rezeption durch den späten Georg Lukács im Lichte meiner einschlägigen Forschungsergebnisse.58 (Hier entspricht die nach der Chronologie angeordnete Reihenfolge nicht derjenigen der Vordringlichkeit. Das ema 2 würde ich als erstes behandeln wollen. Zum ema 1 hätte ich auf Grund vorhandener Vorlesungsmanuskripte von einst noch Bildungssto zu vermitteln, der die thematisch einschlägigen Arbeiten anderer Marxisten ergänzt, zum Teil – vielleicht – auch korrigieren hilft. Mich zu ema 3 zu äußern würde mir, aus nahe liegenden Gründen, besonders leicht fallen.) Noch ein Wort zu Punkt b) meines Briefes vom 9. April. Hermann Turley hat sich inzwischen bei mir gemeldet. Für den 20. April ist eine Besprechung mit Tonbandmitschnitt zwischen ihm, dem Philosophielektor Egel des Akademie-Verlages und mir vorgesehen. Danach rief aber – und damit entsteht vielleicht ein neues Problem – Heinz Malorny bei mir an und teilte mir mit, dass er sein Nietzsche-Manuskript nun wieder dem Akademie-Verlag habe zugehen lassen, nach einigen, die Biographie betre enden Streichungen auf den Seiten 1 bis 90. Mich stimmt dies bedenklich, weil auf der einen Seite Malorny nach wie vor o enbar nicht daran denkt, mich als Gutachter in Anspruch zu nehmen, und auch kein dahingehender Auftrag seitens Professor Buhrs an mich ergangen ist, und andererseits in so kurzer Zeit nur eine sehr ober ächliche Umarbeitung des Manuskripts vorgenommen worden sein kann, von der der Autor selbst zugibt, sie berücksichtige nur einen winzigen Bruchteil meiner Beanstandungen. Deshalb rief ich am 15. April in Ihrem Sekretariat an und bat, Ihnen die Bitte zu übermitteln, hier einem neuerlichen Kon ikt vorbeugen zu helfen. Das Manuskript der ersten Fassung war bereits gesetzt und im Börsenblatt angezeigt, bevor es auf Grund meines Gutachtens dem Autor zu gründlicher Umarbeitung zurückgegeben wurde. Unter diesen Umständen scheint es mir sowohl sachdienlich zu sein als auch meiner Würde als Wissenschaftler zu entsprechen, dass mir auch die zweite Fassung zur Begutachtung vorgelegt wird. Sollten gravierende Einwände von mir nicht berücksichtigt worden sein, so bedürfte das einer Begründung, über die sowohl der Autor als auch die deutschen Philosophie ging Harich auf Kant ein, dessen Philosophie dort von entweder als Höhepunkt der Aufklärungsphilosophie oder als Ausgangspunkt der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus begri en wurde (siehe die Bände 6.1 und 6.2). 58 (AH) Es wurde bereits mehrfach erwähnt, dass sich Harich zeitgleich zur Nietzsche-Debatte intensiv mit Hartmann auseinandersetzte. Dabei kam er auch immer wieder auf die Alterswerke von Lukács zu sprechen. (Siehe die Bände 9 und 10.) 6 0 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte anderen, mir namentlich unbekannten Gutachter sich mit mir auseinander zu setzen hätten. Ich gehe davon aus, dass dies auch Ihre Meinung ist. Mit freundlichem Gruß Ihr Brief an Lothar Berthold59 (26. April 1988) Betri t: Heinz Malorny, »Zur Philosophie Friedrich Nietzsches« (Neufassung des Anfangs, Manuskriptseiten – im folgenden abgekürzt Mt – Seiten 1 bis 91; Neufassung der Anmerkungen – im folgenden abgekürzt Ma – Seiten 1 bis 18; Umbruch, jetzt ungültig – im folgenden abgekürzt Uu –Seiten 1 bis 91; Umbruch, nach wie vor gültig – im folgenden abgekürzt Ug – Seiten 92 bis 237, unter Berücksichtigung der mit Bleistift vorgenommenen Korrekturen). Ferner: Manfred Buhr, »Es geht um das Phänomen Nietzsche. Unsystematische Bemerkungen anlässlich unproduktiver Polemik und halbierter Empörung«, in: »Sinn und Form«, 40. Jahr, 1988, Heft 1, Seite 200 bis 210, im folgenden abgekürzt: SuF bzw. a. a. O., jeweils nebst Seitenangabe. Sehr geehrter Herr Professor Berthold! Bevor ich zu der oben genannten Arbeit von Heinz Malorny nochmals und nunmehr unter Berücksichtigung der vom Verfasser (im Folgenden abgekürzt Verf.) vorgenommenen Änderungen Stellung nehme – dies demnächst, sehe ich mich genötigt, heute gesondert ein Wort in eigener Sache und dann auch eines zu Manfred Buhr zu sagen. Verf. behandelt in der Neufassung des Anfangs, auf Seiten 4 bis 17a von Mt, Fragen der Geschichte der marxistischen Nietzsche-Kritik. Nachdem er auf Seite 17 von Mt kurz auf seine eigenen einschlägigen Artikel hingewiesen hat, fährt er daselbst fort: »Unter der Überschrift Revision des marxistischen Nietzschebildes? sind Meinungen zu Nietzsche geäußert worden, die in befremdlicher Weise die in unserem Land und darüber hinaus geführten Diskussionen und vorliegenden Publikationen zu diesem ema ignorierten. Worin ich mich von diesen Äußerungen unterscheide, erhellt der vorliegende Text. Es fällt schwer, in diesem Streit Gewinne für die marxistisch-leninistische Einschätzung Nietzsches zu entdecken. Manfred Buhr hat dazu das Nötige gesagt, 59 (AH) 8 Blatt, maschinenschriftlich, 26. April 1988, adressiert: An Herrn Prof. Dr. Lothar Berthold, Direktor des Akademie-Verlages. 6 0 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re er hat noch einmal unmissverständlich die Grundprinzipien des marxistischen Herangehens an das Phänomen Nietzsche dargelegt.« Dies kann nicht unwidersprochen bleiben. Von mir werden in SuF, Heft 5, 1987, S. 1018  ., »vorliegende Publikationen« keineswegs durchweg ignoriert, und gerade Malorny kommt bei mir, unter positiver Würdigung seiner Verdienste, dreimal vor. A. a. O., S. 1018, beanstande ich, dass Heinz Pepperle in Georg Lukács den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus angreift und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz Malorny, keiner Silbe würdigt. A. a. O., S. 1044, zitiere ich ausführlich und zustimmend Malornys Bedenken gegen Pepperles Ansicht, dass es sich bei Nietzsches Lehre von der Wiederkehr des Ewiggleichen um einen »unschuldigen Gedanken« handle. A. a. O., S. 1052 beziehe ich mich auf die Nietzsche-Renaissance im Westen und füge hinzu: »Heinz Malorny hat mehrmals auf sie aufmerksam gemacht!« Die Würdigung beliebiger anderweitiger Stellungnahmen heutiger Marxisten zu Nietzsche war dabei nicht mein ema. Dass ich mich darauf beschränkt habe, die Errungenschaften der Nietzsche-Kritik Mehrings, Lukács’ und Günthers zu verteidigen, sie aber auch, drängenden Problemen unserer Zeit entsprechend, durch neue, aktuelle Gesichtspunkte zu ergänzen und zu bereichern und, von da ausgehend, gegen die horrenden Fehler Pepperles zu polemisieren, war völlig legitim. Im übrigen wirkt der Vorwurf Malornys sonderbar, wenn man bedenkt, dass er selber auf Seite 4 von Ma zwar das Heft 7/8 der WB, 1987, ed. Bauermann, Schenk, Gerlach, Brüggemann, Halle, 1987, neben anderen Publikationen schlicht mit aufzählt, sich jedoch seinerseits mit den darin enthaltenen Beiträgen zu Nietzsche von H. Kramer, H.-M. Gerlach, E. Woit, H. Mahr, A. Toepel, L.-U. Buchholz, F. Tomberg, F. Kätzel, B. Schwark, T. Conrad und M. Martelli nicht auseinandersetzt, obwohl dies bei ihm durchaus zum ema gehört hätte, und zwar sowohl zur ematik seiner Einleitung (Einige Bemerkungen zu Fragen der Geschichte marxistischer Nietzsche-Kritik, Mt, S. 4–17a) als auch zu derjenigen seines Kapitels 1 (Zur gegenwärtigen Auseinandersetzung mit Nietzsche, Mt, S. 18–37). Nun zu Manfred Buhr. Das Lob, das ihm Verf. in Mt, S. 17 f., spendet, wirkt peinlich auf jeden, der weiß, dass Buhr sein Vorgesetzter ist, und ist sachlich absolut unangebracht und durch nichts zu rechtfertigen. Buhr erklärt (SuF, Heft 1, 1988, S. 202): »Gegnerische Ideologien können nur überwunden, zurückgedrängt werden, und zwar einzig und allein mit den Wa en der Kritik, dergestalt nicht per Dekret, nicht durch Verbo- 6 0 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte te, Totschweigen oder Nicht-Existenz-Erklärungen.« Damit wird eindeutig für den Druck und die Verö entlichung von Werken Nietzsches in der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern plädiert und zugleich einer bei uns unbeschränkt ausufernden Nietzsche-Diskussion das Wort geredet, so wie reaktionäre Kräfte im Westen – siehe die SFB-III-Nachtsendung vom 24. März 1988, 23:00 Uhr, die in dieser Beziehung eine »Politik der kleinen Schritte« emp ehlt – sie uns aufzuzwingen suchen. Auf derselben Linie liegt, a. a. O., S. 203, Buhrs Bemerkung, marxistische Kritik an Nietzsche hätte »die Kraft, ihn zu ertragen«; sie wisse auch »um die Sensibilität kultureller Gebilde und ihrer Schöpfer, respektiert sie«. Mit den anschließenden Ausführungen wird dann ebenda den gefährlichen Versuchen, Nietzsche mit Rücksicht auf eine angeblich positive Wirkung auf die Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts zu retten, statt seine durchweg schädliche, reaktionär desorientierende Wirkung auf sie nachzuweisen, Vorschub geleistet. Die diesbezüglichen Bemühungen Eike Middells, eines Nietzsche verehrenden, dabei philosophisch gänzlich inkompetenten Literaturwissenschaftlers, der Lukács hasst und ihn von rechts bekämpft, ihn gerade auch in der Nietzsche-Frage bekämpft, erhalten so von Buhr das erwünschte grüne Licht. Buhrs Ausführungen, a. a. O., S. 204 f., dass Nietzsche »derjenige bürgerliche Denker« sei, der »am meisten und breit gefächert rezipiert« werde, dass »spätbürgerliche Geistigkeit« ihn »zwiespältig und vielschichtig« auf- und annehme, dass er »nicht nur Vater gur der Ideologie ›rechter‹ Kräfte, sondern nicht minder – in den letzten Jahren vor allem – der Ideologie ›linker‹ Gruppierungen« sei, tragen entscheidend dazu bei, die Tatsache seiner verwirrenden, geistig wehrlos machenden Resonanz in humanistischen und progressiven Kreisen in die Lüge zu verdrehen, diese Kreise hätten ihm wertvolle Anregungen zu verdanken, was tatsächlich nie der Fall war und es auch heute nicht ist, heute weniger denn je. A. a. O., S. 205, rühmt Buhr an Nietzsche, er trage »seine eoreme in einem großartigen literarischen Stil« vor, »seine Weltanschauung« sei »zugleich große Literatur. Er koppelt Philosophie und Literatur in nie da gewesene Weise.« Mit alledem wird der ästhetizistisch motivierten Nietzsche-Apologie zu Munde geredet, die noch stets in den liberal gesinnten Teilen der parasitären Intelligenz, unter Stimulation ihrer Massenverachtung, die brutalisierende Wirkung der Herrenmenschenideologie Nietzsches auf verzweifelte bzw. wildgewordene Kleinbürger und Lumpenproletarier, zumal in Krisenzeiten, ankiert hat. Doch nicht nur das. Buhr attestiert Nietzsche, er spreche »kritisch Entfremdungserscheinungen des Kapitalismus« an, verweise »auf menschenunwürdige Züge dieser Gesellschaftsordnung«, verhalte sich »kritisch zu 6 0 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re seiner Zeit (›Wilhelminisches Reich‹)«, steigere »diese Kritik jedoch zur Kritik an der Politik überhaupt«. All das hält nüchterner Prüfung nicht stand. Nietzsche hat nicht auf Menschenunwürdiges verwiesen, sondern zur Unmenschlichkeit aufgerufen. Die Politik seiner Zeit, und zwar diejenige Bismarcks, hat er, weil sie ihm nicht reaktionär und abenteuerlich genug war, von rechts angegri en. Unter dem »Wilhelminischen Reich« p egt das Deutsche Reich unter Wilhelm II. (Regierungszeit von 1888 bis 1918) verstanden zu werden. Zu ihm gibt es nur eine (brie iche) Äußerung Nietzsches, die von Oktober 1888 stammt und besagt: »Unser neuer Kaiser gefällt mir immer mehr. (…) Der Wille zur Macht als Prinzip wäre ihm schon verständlich.« Das strikte Gegenteil einer »Kritik an der Politik überhaupt« ist die von Nietzsche proklamierte »Große Politik«, die mit ihm selber erst beginne. Und dem vermeintlichen kritischen »Ansprechen« von »Entfremdungserscheinungen des Kapitalismus« ist das Urteil Franz Mehrings entgegenzuhalten, dass Nietzsche der Philosoph des Großkapitals sei. Zu den ärgsten Verirrungen vollends versteigt Buhr sich dort, wo er, a. a. O., S. 206 f., als Wesenszug Nietzschescher Philosophie deren »Unverbindlichkeit« konsta tiert, die sie »o en« und damit »verfügbar für unterschiedlichste gesellschaftliche und kulturelle Erscheinungen« mache. Tatsächlich war sie und ist sie in unüberbietbarem Maße verbindlich, nämlich im Sinne reaktionärster Interessen und brutalster Praktiken, woraus sich ihre Verfügbarkeit für Imperialismus und Faschismus ergibt. Seine Fehlinterpretation stützt Buhr, a. a. O., S. 208, auf Stefan Zweig, der als Gewährsmann für eine marxistische Interpretation nicht in Betracht kommen kann, da er ein Paradebeispiel für die Desorientierung auch humanistischer Intellektueller bildet. Es kann danach nicht überraschen, dass Buhr auf S. 209 von SuF, Heft 1, 1988, Verständnis für die Empörung über meinen Beitrag in Heft 5, 1987 bekundet. Diese Empörung wurde am entschiedensten artikuliert durch Stephan Hermlin auf dem X. Schriftstellerkongress im November 1987. Buhrs Verständnis muss, als er seine Stellungnahme zu Papier brachte – Heft 1, 1988 von SuF hatte Mitte Dezember 1987 Redaktionsschluss –, vor allem der Empörung Hermlins gegolten haben. Zu diesem Zeitpunkt lagen aber auch bereits die gleichermaßen empörten Angri e auf mich in der Bonner Welt, der Hamburger Zeit und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie in Sendungen des Westfernsehens vor. Es scheint angesichts dessen notwendig, die Frage aufzuwerfen, ob Buhr Verständnis auch für diese Unmutsäußerungen aufbringt, und mithin, auf welcher Seite der Barrikade er in dem Streit um Nietzsche überhaupt steht. 6 0 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Dieselbe Frage ist an Malorny zu richten, wenn der, wie gesagt, die Meinung vertritt, zu der Kontroverse Pepperle-Harich in SuF habe Buhr »das Nötige gesagt«. Hat er auch zur Empörung Hermlins »das Nötige gesagt« und auch zu den hier frenetisch applaudierenden Medienstimmen aus dem Westen? Inzwischen sind in SuF, Heft 1, 1988, S. 179–220, zusammen mit der Rede Hermlins und mit Buhrs Stellungnahme, die Diskussionsbeiträge von Böhme, Kändler, Irrlitz, Eckardt, Richter und – als Schlusswort – ein weiterer Beitrag von Pepperle erschienen. Ich kann mich bei diesen »Meinungen zu einem Streit« des Eindrucks nicht erwehren, eine Eiterbeule aufgestoßen zu haben. Die Auslassung von Irrlitz gar, zumal in dem Satz »Nun sind wir, gottlob …« bis »… Schleifchen schmutzig macht«, a. a. O., S. 193, grenzt, nde ich, an Neofaschismus. Und es scheint mir äußerst beschämend für uns, dass der einzige durchweg sachliche Diskussionsbeitrag von dem – inzwischen verstorbenen – alten Rudolf Schottlaender stammt, einem Mann, der o en bekennt, sich keinem marxistischen Nietzsche-Bild verp ichtet zu wissen (a. a. O., S. 183  .), dafür aber den übrigen eine ihnen heilsame – ho entlich heilsame – Lektion in Antifaschismus erteilt, wie Hanfried Müller in den kirchlichen Weißenseer Blättern, wie David Binder in der New York Times (vom 28. November 1987). Wie steht Malorny dazu? Und wie steht dazu Manfred Buhr? Die Passagen seines Beitrages, in denen Buhr dem marxistisch-leninistischen Nietzsche-Bild Tribut zollt – einen für ihn obligatorischen Tribut –, bringen inhaltlich nichts Neues, stehen zu seinen von mir oben beanstandeten Darlegungen in krassestem Widerspruch und sind daher nur geneigt, den Umstand zu verschleiern, dass auch Buhr, ganz ähnlich wie auf andere Art Pepperle, die zwielichtige Position eines die Reaktion ermutigenden, ihr Schützenhilfe leistenden »Zwar – aber« einnimmt. Es hilft auch nicht viel, wenn Buhr besagtes Verständnis für besagte Empörung scheinbar einschränkt mit der Bemerkung: »Wird in Sachen Nietzsche (und nicht nur in diesen) eine Attacke von ›links‹ geritten, so ist man mit Empörung, Zurückweisung und dem Ruf nach Kultur des Meinungsstreits schnell bei der Hand; wird die Attacke von ›rechts‹ vorgetragen, herrscht Schweigen.« Denn erstens bleibt schleierhaft, wieso hier Buhr links und rechts in ironisierende Anführungszeichen setzt, und zweitens fährt er im nächsten Satz (a. a. O., S. 209 f.) fort: »Soll das der Rahmen geistiger Auseinandersetzung sein? Das wäre für uns eine nur nach einer Seite hin gestützte, die leicht abgehen könnte, weil ihr Boden klassenneutral (sic!, WH) wäre.« Nach links zu zetern, nach rechts zu schweigen, das, im Ernst, wäre klassenneutral? Bisher galt dergleichen uns als eine klassenmäßige Parteinahme für rechts. Nur am Rande sei vermerkt, dass Buhr meinen Beitrag, über den empört 6 1 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re zu sein er verständlich ndet, den er selber, a. a. O., S. 209, als »zu katholisch« rügt, in keinem einzigen Punkt mit einem Gegenargument zu parieren weiß. Buhr stimmt in die Hetze gegen ihn mit ein, ermutigt und ermuntert sie, gewährt ihr Rückendeckung, hat aber sachlich nichts gegen meine hieb- und stichfest begründeten, sachkundigen, wissenschaftlich einwandfreien esen vorzubringen. Und wie sehr mein Beitrag als Angri sobjekt im Mittelpunkt westlicher reaktionärer Hetze gestanden hat, zuletzt in der Sendung von SFBIII am 24. März 1988, 23:00 Uhr, bestätigt einmal mehr, dass Buhr hier auf der falschen Seite der Barrikade steht. All dies, zusammen mit den Erfahrungen, die ich mit Buhrs Haltung zu dem Plan der NFG Weimar, die Klingersche Nietzsche-Büste in dem Raum, in dem Nietzsche am 25. August 1900 verstorben ist, aufzustellen, machen musste, zusammen mit seiner Befürwortung des Drucks und der Verö entlichung der ersten Fassung von Malornys Nietzsche-Buch im Akademie-Verlag – und die zweite, von ihm ebenfalls befürworte Fassung ist, so weit ich bis jetzt sehe, auch nicht nennenswert besser –, zusammen endlich mit seinem hartnäckigen Versuch, mich hierbei als Gutachter auszuschalten, all dies berechtigt mich zu dem Schluss: In der Nietzsche-Frage hat Manfred Buhr sich als fachlich inkompetent und ideologisch unzuverlässig erwiesen, politisch überdies als ein sein Mäntelchen nach dem Winde hängender Opportunist, der möglichst jedem zu Munde redet, sich möglichst nach allen Seiten hin abzusichern sucht und o enkundig weder gewillt noch im Stande ist, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen. In SuF, Heft 1, 1988, S. 208, nennt er Nietzsche einen Aal, der mit feuchten Händen schwer zu fassen sei, und gleicht dabei selbst einen solchen sich windenden Aal. Pepperle erinnert ihn, a. a. O., S. 209, an Gummitiere, und ein eben derartiges Gummitier ist auch er. Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Professor Berthold, diese meine Au assung nunmehr auch in der hier schriftlich geäußerten Form zur Kenntnis zu nehmen, und ermächtige Sie dazu, sie an die zuständigen Stellen in Partei und Staat weiterzuleiten. Zur Zeit bin ich in die Lektüre des umgearbeiteten Manuskripts von Malorny vertieft. Danach werde ich das von Günter Rudolph prüfen. Meine Gutachten zu beiden Arbeiten werde ich Ihnen, so schnell ich dies zu leisten vermag, zugehen lassen. Aber auch bereits dieser hier vorliegende Brief an Sie wird als Teil meines in Arbeit be ndlichen neuen Gutachtens zu Malorny zu verstehen sein. Mit freundlichem Gruß und allen guten Wünschen, auch an die Kollegen Dr. Turley und Dr. Engel 6 1 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 6 1 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Gutachten zu Heinz Malornys Nietzsche-Buch60 (29. April 1988) Betri t: Heinz Malorny: »Zur Philosophie Friedrich Nietzsches« Gutachten Von einer Verö entlichung des o. g. Buchs rate ich auch angesichts der mir jetzt vorliegenden, in den Anfangskapiteln teilweise umgearbeiteten Fassung dringend ab. Dies aus folgenden Gründen: 1) Gegenüber dem Vorjahr, aus dem mein vom 17. Juni 1987 datiertes, bereits ebenfalls ablehnendes Gutachten stammt, hat das Wiederau eben rechtsradikaler Umtriebe und Tendenzen, dem die Nietzsche-Renaissance wohl nicht zufällig vorausgegangen ist und mit dem sie koinzidiert, sich erheblich verstärkt. Ich brauche nur an die Wahlerfolge rechtsextremer Gruppierungen und Parteien besonders in Frankreich, desgleichen in Italien und neuerdings auch in der BRD – hier namentlich vor kurzem in Baden-Württemberg –, an den bundesdeutschen Historikerstreit, der durch die infame Geschichtsklitterung Ernst Noltes ausgelöst wurde, und an ähnlich beunruhigende Erscheinungen zu erinnern. Leider strahlt dies auch auf die DDR aus; es genügt, an die brutalen Aktivitäten von Skinheads und die Schändung jüdischer Grabstätten bei uns zu denken. Ins Haus steht, vor diesem Hintergrund, der 100. Geburtstag Hitlers: am 20. April 1989. Unter derartigen Umständen sollte die Nietzsche-Diskussion bei uns endlich, endlich beendet werden. Verf.s Buch ist, obwohl der Intention nach gegen Nietzsche gerichtet, geeignet, ihr neue Nahrung zuzuführen und sie auszuweiten. Schon die zu erwartenden Rezensionen, in Ost und West, von links wie von rechts, würden dafür sorgen. Und nicht nur die DDR, auch die übrigen sozialistischen Ländern, bis hin nach China und Korea, würden davon in Mitleidenschaft gezogen werden. Allein die Bereitschaft, Nietzsche weiterhin die Würde eines Gegenstandes geistiger Auseinandersetzung zuzubilligen, wäre in ihren Folgen verheerend. Die Verantwortung dafür, dem de nitiv Einhalt zu gebieten, fällt dem sozialistischen Teil des Geburtslandes von Marx und Engels, dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden, zu. Ich bestreite, dass Verf.s Buch und dessen Befürworter dem Rechnung tragen. 60 12 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 29. April 1988. 6 1 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 2) Die Bildungslücken des Verf.s, seine oft primitiven Argumentationen – primitiv gerade auch da, wo er sachlich recht hat – und seine unbeholfene Schreibweise bringen den Marxismus-Leninismus, den er vertritt, in Misskredit und geben zugleich seinen zahlreichen Zitaten aus Nietzsche sowie seinen Skizzierungen des Inhalts Nietzschescher Werke eine Folie, die sie doppelt und dreifach als aufregend interessant und attraktiv erscheinen lässt und den Appetit der Leser auf die Originaltexte, statt ihn zu dämpfen, weckt und anreizt bzw. weiter steigert. Es lässt sich, folglich, voraussehen, dass der Druck auf unsere kulturpolitischen Institutionen und unsere Verlage, Nietzsche bei uns frei verkäu ich auf den Markt zu bringen, sich durch Verf.s Buch und die dann unvermeidlichen Auseinandersetzungen darüber noch enorm verstärken wird. Verf. selbst ist viel zu bieder und unbedarft, um dann den Befürwortern Nietzsches, die an dem zutre enden Teil seiner Einschätzungen Anstoß nehmen werden, gewachsen zu sein. 3) Die Umarbeitung des Anfangs – Uu, Seiten 1 bis 91, in Mt, Seiten 1 bis 91b) – ist der Qualität des Buches zwar bis zu einem gewissen Grade zustatten gekommen. Aber einerseits sind deswegen auch hier noch keineswegs alle Mängel, die ich in meinem früheren Gutachten beanstandet habe, im Zuge der Umarbeitung behoben worden. Um hierfür nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Die von mir hinsichtlich ihrer voraussichtlichen Wirkung als besonders bedenklich bezeichneten Stellen der Seiten 1 bis 5 des früheren Manuskript, Uu S.2  ., kehren auf den Seiten 18  . von Mt nahezu unverändert wieder. Dergleichen kommt in dem neuen Manuskript dermaßen häu g vor, dass ich von einer nur sehr bedingten und unzureichenden Berücksichtigung meiner Kritik sprechen kann; diese an allen betre enden Stellen jetzt nochmals wiederholen erübrigt sich. Andererseits sind bei der Umarbeitung neue Fehler entstanden. Auch in Bezug auf sie beschränke ich mich darauf, auf ein paar gravierende Beispiele hinzuweisen: a) Mt, S. 6 (unten), behauptet Verf., im Denken der Naziführer hätte die Philosophie Nietzsches »anfangs noch keine wesentliche Rolle gespielt«; Hitlers Mein Kampf und Rosenbergs Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts seien »ohne eingehende Kenntnis Nietzsches verfasst« worden. Dies ist ein abstruser Euphemismus, ganz dazu angetan, Nietzsche zu entlasten. Rosenbergs Mythus habe ich, o en gestanden, zwar nie gelesen; ich kenne nur, was Lukács daraus zitiert. Aber Mein Kampf ist mir genau bekannt, und obwohl auch darin der Name Nietzsche nirgends fällt, ist das Buch vollständig von seinem Geist durchdrungen, weshalb denn auch Ernst Sandvoss, ein evangelischer eologe, in sorgfältiger Kollationierung der Texte über jeden Zweifel hinaus nachwei- 6 1 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sen konnte, dass darin der Autor Hitler zahlreiche Passagen in einer ans Plagiat grenzenden Weise aus Werken Nietzsches übernommen hat. (Siehe E. Sandvoss, Nietzsche und Hitler, Göttingen, 1967; von mir bereits vor Jahren auf seine Solidität hin überprüft.) Sehr wundern sollte es mich, verhielte es sich bei Rosenbergs Mythus anders. Schon vor dem Ersten Weltkrieg dürfte Nietzsche zu Hitlers Lieblingslektüre gehört haben. Das Hitler während der Zeit seiner Festungshaft in Landsberg am Lech – und damals eben entstand Mein Kampf – viel von Nietzsche gelesen hat, bezeugt sein Mitstreiter Hans Frank, der spätere Generalgouverneur in Polen. Hitlers Gewohnheit, seine Quellen meist zu verschweigen, führt sein Biograph Joachim Fest (Hitler, 1973, S. 289) auf »die immer wache Sorge des Autodidakten vor dem Verdacht geistiger Abhängigkeiten« zurück. Doch selbst wenn es wahr wäre, dass Hitler Nietzsche nicht gelesen hätte, so würde das nichts daran ändern, dass die ganze Ideologie sämtlicher Gruppierungen des Rechtsradikalismus, dass dessen Jargon und Vokabular im Ersten Weltkrieg, zur Zeit der Weimarer Republik und, natürlich, am meisten in den Jahren der Hitlerherrschaft von Gedanken und Parolen Nietzsches durchtränkt gewesen sind. »Gefährlich leben!«, »Gelobt sei, was hart macht!«, »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!«, »Was fallen will, das soll man auch stoßen!«, »Gehst du zum Weib, vergiss die Peitsche nicht!« usw., diese und viele ähnliche Slogans hatte jeder SA- und SS-Mann, ach was, jeder Jungvolkpimpf, aber auch jeder Stahlhelmer, jeder Angehörige der deutschnationalen Scharnhorstjugend, jeder Streikbrecher der »Technischen Nothilfe« unentwegt im Ohr. Verf. ist zu jung, um das noch im Gedächtnis zu haben, und o enbar, zu akademisch borniert, als dass ihm die Lächerlichkeit evident sein könnte, an Autoren wie Hitler und Rosenbergs Maßstäbe anzulegen, die gegenüber den Fußnotenapparaten und Literaturverzeichnissen seiner Fachkollegen am Platze wären. Im Übrigen rächt es sich an dieser Stelle von Mt, dass Verf. auf den Vorsatz eingeschworen ist, in meinem Beitrag für Sinn und Form, Heft 5, 1987, keinerlei »Gewinn für die marxistisch-leninistische Einschätzung Nietzsches zu entdecken« (so Verf., Mt, S.17). Denn auf Sandvoss’ Ergebnisse habe ich (a. a. O., S. 1033) aufmerksam gemacht. Wie gut die eben zitierten Parolen aus Nietzsche zur heutigen Skinhead-Mentalität passen, liegt auf der Hand. b) Mt, S. 7, käut Verf. das landläu ge Fehlurteil wieder, dass Nietzsche, im Gegensatz zu den Nazis, den Antisemitismus sowie den bornierten Nationalismus abgelehnt hätte. Die sich darauf beziehenden Legenden sind bei mir in Sinn und Form, Heft 5, 6 1 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte 1987, S. 1023  . und S. 1044  ., widerlegt worden. Wieder rächte sich, dass Verf. Resultate meiner Nietzsche-Forschung nicht auswerten will oder, mutmaßlich auf Geheiß seines Vorgesetzten Manfred Buhr, nicht auswerten darf. Er will – oder darf – sich nicht einmal kritisch mit ihnen auseinandersetzen, wo er ihnen expressis verbis widerspricht. Er will – oder soll – sie einfach totschweigen und unerwähnt vom Tisch fegen. Damit beeinträchtigt er aber seine eigenen Resultate, und zwar gerade dort, wo sie – verhältnismäßig – am wertvollsten sind, nämlich in seinem Kapitel 12 (früher 13), »Erst von mir an gibt es auf Erden große Politik«, Uu, S. 216  . Würde er den Kontext, in den ich die gelegentlich philosophischen Auslassungen Nietzsches stelle (SuF, a. a. O., S. 1026), und meine Ausführungen über dessen Haltung zum Nationalismus (a. a. O., S. 1045, 1047 f.) berücksichtigen, so erhielten seine eigenen, durchaus zu begrüßenden Darlegungen über Nietzsches Begri der »großen Politik« eine ihre Überzeugungskraft verstärkte Abrundung und Ergänzung. Darauf verzichtet Verf. zum Schaden der Sache. Und umgekehrt habe ich Grund, mich darüber zu beklagen, dass, weil Verf.s Manuskript mir nicht längst früher, im Winter 1986/1987, spätestens aber im ersten Halbjahr 1987 zugänglich gemacht worden ist, meine einschlägigen Ausführungen hinter dem zurückgeblieben sind, was sie hätten sein können. Fazit: Buhrs hartnäckiges Bestreben, mich aus dem philosophischen Leben der DDR auszugrenzen, schädigt evidentermaßen die kameradschaftliche kollektive Arbeit der marxistisch-leninistischen Philosophen unseres Landes. c) Mt, S. 7 f. und 8 f. Verf.s Bemühungen, glaubhaft zu machen, dass Nietzsche von den Nazis verfälscht worden sei, sind sachlich nicht aufrecht zu erhalten und stellen eine Unterstützung der gefährlichen Bestrebungen dar, Nietzsches Vermächtnis in die Erbe-P ege der DDR und der übrigen sozialistischen Länder mit einzubeziehen. d) Mt, S. 8 f. So sehr es anzuerkennen ist, dass Verf. nunmehr, im Unterschied zur Erstfassung seines Manuskripts, damit aufgehört hat, die Verdienste von Lukács zu unterschlagen bzw. in ihrer Bedeutung herabzusetzen, so unangemessen ist es, dass er jetzt die Priorität seiner Leistungen im Kampf der KPD gegen Nietzsche dadurch in Frage stellt, dass er sie – zu Gunsten des inhaltlich bei weitem schwächeren Hans Günther – nicht wahrhaben möchte. Er erreicht das dadurch, dass er die bahnbrechende erste Abrechnung Lukács’ mit Nietzsche, nämlich die mit dessen in faschistische Ideologie einmündenden ästhetischen Au assungen, einfach unerwähnt lässt. Lukács’ betre ender Aufsatz von 1934 ist den Arbeiten von Hans Günther zum ema Nietz- 6 1 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re sche vorausgegangen und hat diese entscheidend inspiriert. Günther war in dieser Frage – und nicht nur in ihr – Lukács’ Schüler. Dabei gehört auch das Vermächtnis von Lukács, jedenfalls was seine zwischen 1931 und 1945 gescha enen Arbeiten anbelangt, in nicht geringerem Maße als das von Günther, zur Tradition der KPD, der Lukács damals als Mitglied angehört hat. (Er war davor, 1929 bis 1931 Mitglied der KPdSU gewesen und wurde erst 1945 wieder Mitglied der ungarischen Partei.) Übrigens ist auch hier wieder zu sagen, dass, was Verf. abermals verschweigt, ich das Verdienst habe, Mehring, Lukács und Günther als die gleichsam klassischen Vertreter marxistischer Nietzsche-Kritik herausgestellt zu haben. e) Mt, S. 11 f.: Verf.s emphatische Beteuerungen, dass Nietzsche kein Faschist gewesen sei, sind, auch wenn er sich da auf weit zurückliegende Äußerungen Lukács’ und Günthers berufen kann, zwar nicht falsch, aber mindestens müßig – so wie es müßig wäre, festzustellen, dass Jesus zu keiner christlichen Kirche gehört hat, dass Rousseau kein Jakobiner gewesen ist, dass gar Marx über sich selbst einmal gesagt hat: »Je ne suis pas marxiste« – und überdies im Hinblick auf die heutige Situation und Problemlage wenig hilfreich, um nicht zu sagen irritierend und daher sogar schädlich. Worauf es heute ankommt, ist, der jetzt lebenden Generation und insbesondere den Jugendlichen klarzumachen, dass Nietzsche die faschistische Ideologie in ihrer strategischen Substanz gescha en hat, die dann nach ihm von den diversen Faschismen verschiedener Länder deren unterschiedlichen Bedingungen taktisch angepasst und dementsprechend modi ziert werden musste, so in Hitlerdeutschland dem Klassenauftrag der reaktionärsten, aggressivsten Kräfte der imperialistischen Bourgeoisie, die im kapitalistischen Teil der Welt damals beispiellos starke revolutionäre (KPD) und reformistische (SPD) politische und gewerkschaftliche Arbeiterbewegung brutal nieder zu werfen und dies mit einem ungeheuren Aufwand an Sozialdemagogie (daher der irreführende Begri »Nationalsozialismus«) ideologisch zu ankieren. Daraus – und daraus allein – ergeben sich Di erenzen zu dem originären Nietzsche, deren wahrer Bedeutung man mit abwiegelnden Versicherungen, Faschist sei er nicht gewesen, nicht beikommt. Ohne Re exion dieses geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhanges geraten sie zur Apologie. Richtiger wäre es, zu sagen, er war ideologisch Faschist, noch bevor die Reaktion einen reellen politischen, einen praktischen Faschismus nötig hatte. 6 1 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte f ) Mt, S. 18 f. All dies dient, gewollt oder ungewollt, dazu, für Nietzsche Reklame zu machen, das Interesse an ihm anzuheizen, ihn als einen unerhört interessanten, faszinierenden Geist zu propagieren, statt, wie es geboten wäre, ihn niedriger zu hängen, ihn als nichtswürdigen Scharlatan darzustellen, dessen Popularität nur durch den spätbürgerlichen Kulturverfall im 20. Jahrhundert plausibel wird. g) Mt, S. 65. »Während Wagner (…)« bis »(…) so Paul Rée«. Verf. unterstellt, dass Nietzsche durch »sich verschärfende Angri e auf die Deutschen« seine »jüdischen Freunde und Verehrer gewonnen« hätte. Verf. unterschlägt damit erstens die Darlegungen, mit denen ich (SuF, a. a. O., S. 1045  .) klargestellt habe, wie Nietzsches Sottisen gegen Deutschland und die Deutschen zu Stande gekommen sind und was wir von ihnen zu halten haben. Zweitens vertritt Verf. – was noch ärger ist – hier die Ansicht, dass eine antideutsche Einstellung das geeignete Mittel sei, sich Juden zu Freunden zu machen. Sogar heute, nach Auschwitz und Treblinka, kann davon nicht entfernt die Rede sein, und erst recht tri t es unter gar keinen Umständen, in gar keinem Fall auf die Periode zu, in der Nietzsche und Paul Rée gelebt haben. Im Gegenteil: Deutschland lag den Juden in der Regel völlig fern; man konnte allenfalls Fälle von Christenhass bei orthodoxen Juden, aber dies verhältnismäßig am seltensten, in Deutschland, England sowie den skandinavischen Ländern, beobachten. Bedeutende Juden, wie Börne, Heine, Eduard Gans, Lassalle und viele andere, sind engagierte deutsche Patrioten gewesen, haben die deutsche Kultur gefeiert und selbst dazu beigetragen, sie zu mehren – um von deutschnational eingestellten reaktionären Juden ganz zu schweigen. Und auch Paul Rée ist alles andere als deutschfeind lich gewesen. Man muss sich fragen, wie der hier geäußerte abstruse Gedanken in den Kopf des Verf.s hat gelangen können, falls dieser nicht selber antisemitischen Vorstellungen huldigt bzw. unbewusst von ihnen in ziert ist. Ich breche damit meine Kritik an MTt in der – teilweise – neuen Fassung ab, nicht ohne abschlie- Lou von Salomé, Paul Rée und Nietzsche, 1882 6 1 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re ßend zu bemerken, dass es mir leicht ele, in diesem Text noch manch weiteren Fehler als solchen kenntlich zu machen. 4) In meinem Gutachten von 17. Juni 1987 habe ich auf Seite 10 f. zu dem damaligen Manuskript, in dessen erster Fassung, erklärt, dass ich deren Seiten 1 bis 90 – sie sind ungefähr identisch mit Uu, S. 1 bis 91 – grundsätzlich ablehnen würde und sie im ganzen für verfehlt hielte, und habe zu den Seiten 91 bis 246 – ungefähr identisch mit Uu, S. 92 bis 235 – hinzugefügt: »Mit diesem Teil (…) bin ich im wesentlichen einverstanden, beanstandete aber die eine oder andere Einzelheit (und den, nach wie vor, miserablen Stil).« Da mir nun dieser Teil nur noch in der Form von Uu zugänglich gemacht worden ist, ohne Beifügung des Manuskripts, das ich im Juni 1987 gelesen und begutachtet habe, sehe ich mich außer Stande, mit der gebührenden Gewissenhaftigkeit zu überprüfen, ob meinen damaligen Beanstandungen der »einen oder anderen Einzelheit« vom Verf. Rechnung getragen worden ist oder nicht. Ich könnte also jetzt mit Fug und Recht darauf bestehen, mir nochmals das damalige Manuskript auszuhändigen, es dann mit Uu, S. 92 bis 235, kollationieren und in jedem Fall, in dem Verf. einen kritischen Hinweis von mir nicht beachtet hat, verlangen, dass er und die anderen Gutachter sich mit mir darüber auseinandersetzen. Darauf verzichte ich hiermit, erkläre mich aber bereit, mich einer solchen Auseinandersetzung, falls gewünscht wird, zu stellen. Worauf ich jedoch bestehe, ist, dass die Ignorierung meiner damaligen Einwände zu den Seiten 104 f. (o enbar ungefähr identisch mit Uu, S. 104  .) 107 (Uu, S. 107 f.), 109 bis 111 (Uu, S. 108 bis 112) und 207 bis 208 (Uu, S. 201 f.) durch den Verf., falls dieser hier die nötigen Streichungen bzw. Umarbeitungen auch weiterhin verweigern sollte, allein schon als hinreichender Grund dafür anerkannt wird, die Verö entlichung seines Buches zu unterbinden. Es handelt sich an diesen Stellen um seine gröbsten politischen Instinktlosigkeiten, die geeignet sind, oppositionell gestimmte Kräfte bei uns, insbesondere in der jungen Generation, und auch ähnlich denkende Kräfte im Westen, die aber unter den dortigen, kapitalistischen Verhältnissen zumindest partielle Verbündete der Arbeiterbewegung sind, gleichermaßen dem Nietzscheanertum in die Arme zu treiben. Ich erkläre mich näher. Nietzsche hat sich, was vor allem von Hans Günther mit Nachdruck betont worden ist, oft und oft widersprochen, so dass es ins Uferlose führen 6 1 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte würde, auf jede von ihm geäußerte Ansicht einzugehen. Man muss also, interpretiert man ihn, eine Auswahl tre en, die, wenn sie das Wesentliche herausarbeiten will, seine für ihn nicht charakteristischen Auslassungen übergeht. Verf. tut an den hier beanstandeten Stellen das Umgekehrte. Er walzt gewisse Äußerungen Nietzsches, die bei diesem eine nur ganz untergeordnete, periphere Bedeutung haben, breit aus, und zwar ausgerechnet solche, die bei den eben erwähnten Kräften den durchaus falschen, sie irritierenden und desorientierenden Eindruck erwecken müssen: »Nietzsche, das ist unser Mann!« Das gilt vor allem für diejenigen Äußerungen Nietzsches, von denen Verf., Ug, S. 107, meint, sie klängen »sehr modern, stellenweise wie ein vorweggenommenes Programm für alternative Lebensformen von heute«. Hierzu ist Folgendes zu sagen: Romantisch-reaktionäre Zivilisationskritik früherer Zeiten ist auch bei scheinbarer Ähnlichkeit mancher Formulierungen etwas gänzlich anderes als die heutige – und heute im Kern berechtigte – Verteidigung der gefährdeten Naturbasis der Gesellschaft. Den Unterschied und Gegensatz hat zum Beispiel sehr scharfsinnig und tre end Erhard Eppler, in: Wege aus der Gefahr, Reinbek (Rowohlt), 1981, S. 134–144, kenntlich gemacht. Indem Verf. diesen Unterschied und Gegensatz überspielt, stiftet er ideologische Verwirrung statt sie dort, wo sie um sich greift, überwinden zu helfen. Statt Grüne und Alternative für den Marxismus-Leninismus zu gewinnen, o eriert er ihnen ausgerechnet Nietzsche als ihren angeblich geistigen Vorläufer. Dieser Fehler wiegt um so schwerer, als Verf. nicht weiß – oder nicht wahrhaben will –, dass Nietzsche gerade in seiner Spätphase, in der er am reaktionärsten und menschenfeindlichsten war, Positionen vertreten hat, die denen der heutigen Grünen und Alternativen in nicht zu überbietender Weise entgegengesetzt sind, zum Beispiel wenn er schreibt: »Die Aufgabe ist, den Menschen möglichst nutzbar zu machen und ihn, soweit es irgend angeht, der unfehlbaren Maschine zu nähern; zu diesem Zwecke muss er mit Maschinentugenden ausgestattet werden.« Es sind eben diese und ähnliche Au assungen, die Nietzsche für den – mit der faschistischen Bewegung in Italien verschwisterten – Futurismus einst so attraktiv gemacht haben. Warum schweigt Verf. sich hierüber aus? Warum wertet er den sich hierauf beziehenden Beitrag von Lutz-Udo Buchholz in WB (Weimarer Beiträge, AH), Heft 7/8, 1987, Halle, 1987, S. 179  ., nicht aus? Nebenbei bemerkt wirkt angesichts dieses Versäumnisses seine Kritik an mir, »in befremdlicher Weise die in unserem Land 6 2 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re und darüber hinaus geführten Diskussionen und vorliegenden Publikationen zu diesem ema (zu Nietzsche, WH) ignoriert« zu haben (MT, S. 17), unglaubwürdig. Ich habe genau diese Aspekte des späten Nietzsche im Sinn, wenn ich, SuF, 5, 1987, S. 1020 f., sage, dass der Futurismus »mit seiner provokanten Negierung aller überlieferten kulturellen Errungenschaften, seiner Vorliebe für Kampf und Gefahr, seiner Erhebung der Technik zum Selbstzweck, der Verherrlichung der Geschwindigkeit, der Gewalt, des Krieges (…) vollständig von Nietzsches Philosophie durchdrungen« ist. Dies zu brandmarken scheint mir für eine wirklich zeitgemäße marxistische Nietzsche-Kritik heute unumgänglich. Aber Verf. glaubt bei mir ja keine »Gewinne für die marxistisch-leninistische Einschätzung Nietzsches entdecken« zu können. Es verschlimmert die Sache nur noch, dass Verf. seine durchaus falsche Beurteilung der gelegentlichen Momente romantisch-reaktionärer Zivilisationskritik bei dem Nietzsche eines früheren Stadiums verknüpft mit einer ausgiebigen Darbietung von – ebenfalls höchst peripheren – Zitaten, die Nietzsche geradezu als aufrichtigen Gegner des Kapitalismus erscheinen lassen (so Uu, S. 108 bis 112). Verf.s unbeholfene Beteuerungen, dass er dies aber nicht gewesen sei, helfen da wenig; sie scha en den Eindruck nicht aus der Welt, geschweige dass sie diejenigen Befürworter Nietzsches entwa nen würden, die uns diese Zitate erwartungsgemäß immer wieder unter die Nase reiben werden. Indes das Schlimmste ist – im Hinblick auf die oppositionellen Gruppierungen, die hierzulande bei der Kirche Rückendeckung suchen –, dass Verf. in Uu, S. 201 f., entgegen den ausdrücklichen Warnungen in meinem früheren Gutachten, (S. 15) Nietzsches – aus D. F. Strauß‹ Vorlesungen über Voltaire bezogene – Di erenzierung zwischen den »eigentlichen Intentionen« von Jesus und dem verabscheuungswürdigen Christentum, dem »unheilvollen Querkopf« Paulus und der von ihm gestifteten christlichen Kirche stehen gelassen hat. Zusammen mit der Hervorkehrung eines vermeintlichen Antikapitalismus bei Nietzsche, zusammen mit den Zitaten, die ihn obendrein umstilisierbar machen in einen – vermeintlichen – Wegbereiter heutiger Grüner und Alternativer, ist dies das sicherste Mittel, ihn der sich im kirchlichen Raum (siehe Zionskirche) sammelnden Opposition als Vater gur anzuempfehlen. Hat die aber erst einmal Nietzsche für sich entdeckt – und begierig auf ihn ist sie ohnehin –, dann wird sie unweigerlich zu einem Reservoir werden, aus dem die – bis jetzt noch von ihr getrennten – Skinheads neue Mitstreiter 6 2 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte rekrutieren werden. Die Verbreitung von Verf.s Buch könnte sehr leicht zum Ausgangspunkt derartiger Entwicklungen werden. Mit einem Wort: Ich kann nicht inständig genug vor diesen Buch warnen. Auch so, wie es jetzt vorliegt, ist es und bleibt es überwiegend schädlich. Es wäre das beste, es ganz und de nitiv fallen zu lassen – was keineswegs auszuschließen braucht, dass der Verf. die darin enthaltenen richtigen und wichtigen Passagen, insbesondere das Kapitel zwölf (früher 13), in der Form seiner früheren einschlägigen Artikel publiziert. Zumindest müsste es einer wirklichen, tiefgreifenden, gründlichen Umarbeitung unterzogen werden, von der vorderhand keine Rede sein kann. Mein Brief an den Direktor des Akademie-Verlages, Prof. Dr. Lothar Berthold, vom 26. April 1988, stellt einen unverzichtbaren Bestandteil dieses hier vorliegenden Gutachtens dar. Brief an Lothar Berthold61 (30. April 1988) Sehr geehrter Herr Professor Berthold! Hier schicke ich Ihnen heute das Umbruchexemplar des Buchs von Heinz Malorny, Die Philosophie Friedrich Nietzsches (Seiten 1 bis 237), und das dazu gehörende Manuskript des Verfassers, von dem Mt, S. 1 bis 91b, die Seiten 1 bis 91 des Umbruchs ersetzen soll und Ma, Seiten 1 bis 18, die Anmerkungen, teilweise in Neufassung, enthält, zurück. Dazu erhalten Sie meint vom 29. April 1988 datiertes Gutachten (Seiten 1 bis 12; das zweite, das ich zu diesem Werk geschrieben habe, nach dem vom 17. Juni 1987 datierten ersten, das sich auf die erste Fassung bezogen hatte). Den Brief, den ich Ihnen am 26. April 1988 in der gleichen Angelegenheit geschrieben habe, betrachten Sie bitte als einen unverzichtbaren Bestandteil dieses meines zweiten Gutachtens (auch er ist 8 Typoskriptseiten lang und erläutert eingangs auch die von mir verwendeten Abkürzungen). Zu Ihrer Information füge ich Ihnen ferner zwei einschlägige Schriftstücke bei, die ich mir gelegentlich zurückzugeben bitte: a) Den auf unsere Nietzsche-Diskussion bezug- 61 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 30. April 1988, adressiert: An Herrn Prof. Dr. Lothar Berthold, Direktor des Akademie-Verlages. 6 2 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re nehmenden Artikel von David Binder aus der New York Times vom 28. November 1987 in einer von mir stammenden Übersetzung (das englische Original be ndet sich bei mir), und b) die Ablichtung eines Artikels von Bernd Nitzschke aus der Hamburger Zeit, Nr. 13, vom 25. März 1988. Aus dem Artikel Binders ersehen Sie, wie sehr die Einbeziehung Nietzsches in unserer Erbep ege unserer Republik im Ausland schadet. Der Artikel von Nitzschke lässt klar erkennen, dass in der BRD diese Einbeziehung bereits als vollendete Tatsache behandelt wird, wobei meine Polemik dagegen schon gar keiner Erwähnung mehr für wert befunden wird, während man Pepperles Beitrag als unzulängliche Halbheit betrachtet und den darüber weit hinausgehenden Friedrich Tomberg lobt. So weit sind wir gekommen, so weit haben wir es gebracht. Ich frage mich, wie Herr Binder – und die Leser der New York Times – die jetzige Lage bei uns einschätzen werden. Stephan Hermlin und auch Manfred Buhr haben daran, meine ich, ihr gerüttelt Maß Schuld. Gestatten Sie, dass ich nun noch auf eine weitere Frage zurückkomme, die meine Honorierung und die meiner Frau – sie hat nach Tonbandmitschnitt das Protokoll der Besprechung zwischen den Kollegen Turley, Egel und mir am 20. April 1988 geschrieben – betri t. Als Invalidenrentner darf ich kein Honorar für mein Gutachten beanspruchen – es ginge über das Lohndrittel hinaus –, und auch meine Frau verzichtet auf ein Honorar in Geldform. Wir hätten aber eine große Bitte, die der Akademie-Verlag uns vielleicht erfüllen kann. Wir wollen gern vom 4. bis 18. Juni 1988 uns in Kagar, einem Dorf zwischen Rheinsberg und Flecken Zechlin im Kreis Neuruppin, erholen. 1986 und 1987 haben wir den Weg dorthin und zurück jeweils per S-Bahn und Omnibus zurückgelegt. Inzwischen ist mein Gesundheitszustand aber dermaßen labil geworden, dass ich fürchte, dazu physisch nicht mehr im im Stande zu sein, zumal Ko ertragen zwischen S-Bahnhof Oranienburg und Bushaltestelle damit verbunden ist. Ich werde häu g von Tachykardie-Anfällen heimgesucht, die ärztlicherseits als gefährlich bezeichnet werden und jeweils sofortige absolute Ruhestellung verlangen. Wäre es unter diesen Umständen möglich, dass uns ein Wagen mit Fahrer des Verlages – und zwar ein nicht zu kleiner Wagen, kein Trabant – am 4. Juni nach Kagar bringt und am 18. Juni – beides sind Samstage – dort wieder abholt? Wir wären dafür aufrichtig dankbar. Uns hierfür ein Taxi zu nehmen, überstiege unsere nanziellen Möglichkeiten. Mit freundlichem Gruß 6 2 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Gregor Schirmer62 (13. Mai 1988) Sehr geehrter Herr Professor Schirmer! Seit Ihrem letzten Schreiben an mich ist ein Monat ins Land gegangen. Sie hatten mir darin in Aussicht gestellt, Ende April Professor Kurt Hager zu fragen, ob er bereit ist, sich, im Hinblick auf mein Hauptanliegen, ö entlich in der Form einer Bezugnahme auf die hiesige Nietzsche-Frage und -Diskussion für mich zu engagieren, ungefähr so, wie ich das in meinem vom 7. April 1988 datierten Brief an Sie angeregt hatte. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir hierüber jetzt Bescheid gäben. Inzwischen habe ich mich in zwei weiteren Gutachten an den Akademie-Verlag, vom 26. und 29. April 1988, nochmals zu dem Nietzsche-Buch von Heinz Malorny geäu- ßert und in einem dritten zu der für 1989 geplanten neuen Edition von Ferdinand Tönnies’ Nietzschekultus, herausgegeben und mit Anhang von Dr. Dr. Günther Rudolph. Alle drei Stellungnahmen von mir dürften auch für Sie von Interesse sein. Professor Berthold wird sie Ihnen sicher gerne zugänglich machen. Ich halte die Situation in der Nietzsche-Frage für sehr bedenklich, um so mehr, als nunmehr auch Hermlins Deutsches Lesebuch bei Reclam in billiger Ausgabe erschienen ist, wieder mit dem Gedicht An den Mistral. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit freundlichem Gruß Ihr Brief an Manfred Bachmann63 (17. Mai 1988) Sehr geehrter Herr Professor Bachmann! Mit Ihrem Gruß vom 9. Mai und den beigefügten Artikeln haben Sie mir eine Freude bereitet und mir auch erheblich, wie man so sagt, »den Rücken gestärkt«, wofür ich Ihnen hiermit aufs Herzlichste danke. Ist einer politisch einmal so extrem und mit so bösen Folgen gestrauchelt, dann tut es seiner Seele doppelt wohl, ein Dokument in die 62 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 13. Mai 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abt. Wissenschaft beim ZK der SED. 63 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 17. Mai 1988, adressiert an Professor Dr., Dr. h. c. Manfred Bachmann, Generaldirektor der Dresdener Staatlichen Kunstsammlungen, Albertinum. 6 2 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Hand zu bekommen, dass ihm die Fähigkeit, den eigenen ideologischen und wissenschaftlichen Grundüberzeugungen die Treue zu waren, plötzlich ganz unverho t bestätigt. Ich hatte meinen Jünger-Artikel von 1946 – angeboten hatte ich ihm damals dem Klaus Gysi – vollständig vergessen.64 Es sind halt nicht nur und nicht immer bloß Missetaten, die man »verdrängt«. Was Insonderheit den von mir darin erwähnten Nietzsche angeht, so hatte ich den allerdings schon vorher, 1939/1940, verabscheut. Damals las ich ihn, mit 15, 16 Jahren, zum ersten Mal, freilich vor dem Hintergrund einer ganz anderen Situation als derjenigen, die den Nietzsche-Enthusiasten um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts zu Gute gehalten werden mag, was aber wiederum nicht besagen soll, dass denen Nietzsche in irgendeiner Hinsicht förderlich gewesen wäre. Die Beliebtheit Hitlers und seiner Politik war zwischen der Sudetenkrise im Herbst 1938 und bis zu der Zeit, die dem Frankreichfeldzug 1940 unmittelbar vorausging, auch in bürgerlichen Kreisen sehr gering, und beim Kriegsausbruch gar sank sie auf den Nullpunkt. Eine mit 1914 vergleichbare Euphorie hat es nicht gegeben. Just damals gab mir meine Mutter, während ich in Nietzsche vertieft war, die Antikriegsromane der Barbusse, Remarque, Ludwig Renn, Ernst Gläser (Jahrgang 1902) und Arnold Zweig (Grischa) zu lesen. Sie nämlich huldigte der – wie wir es jetzt nennen würden – »idealistischen Geschichtsau assung«, dass der Ausbruch von Kriegen auf die Phantasielosigkeit der Menschen zurückzuführen sei, die sich nicht vorstellen könnten, was ein Krieg ist. Sie selbst war 25 Jahre älter als ich, hatte also den Weltkrieg I als ihrerseits 15–20jährige erlebt. Gegen diesen Ein uss hatte Nietzsche bei mir von Anbeginn keine Chance. Seien Sie versichert, lieber Herr Professor, dass ich weiterhin – und leider, leider ist das nach wie vor nötig bei uns – mit Konsequenz und Hartnäckigkeit gegen jeden Versuch, Nietzsche in irgendeiner Form in die sozialistische Erbe-P ege mit einzubeziehen, ankämpfen werde. Mit herzlichem Gruß 64 (AH) Siehe die Hinweise in diesem Band sowie in den Bänden 1.2 und 1.3. 6 2 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Brief an Erich Honecker65 (18. Mai 1988) Lieber Erich Honecker! Gestatten Sie bitte, dass ich Sie heute nochmals mit meinen Anliegen behellige. Die mir aufgezwungene Isolierung nötigt mich zum Briefeschreiben. Manche halten dies für eine Neurose. Vielleicht haben sie recht. Doch die Ursachen hierfür sind woanders zu suchen als in einer von Natur aus abnormen Gemütsverfassung. Vor einem Jahr hat Kurt Hager, ganz im Sinne Ihres an mich gerichteten Schreibens vom April 1987, mir versichert, seitens der Partei- und Staatsführung bestünden gegen mich keine Einwände mehr und meine Mitarbeit auf kulturpolitischem Gebiet sei erwünscht. Inzwischen ist die Amnestie in Kraft getreten, die bestimmt, dass vor dem 7. Oktober 1987 verurteilte DDR-Bürger gleichberechtigt entsprechend ihrer beru ichen Quali kation wieder in die Gesellschaft einzugliedern seien. Zu diesem Personenkreis gehöre auch ich, wobei, überdies, meine Straftat seit Dezember 1974 verjährt ist. Bei Berücksichtigung meiner Quali kation wäre es keineswegs abwegig gewesen, mein Ansehen sichtbar anzuheben, etwa durch Berufung zum Ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Meine Leistungen würden dies vollauf rechtfertigen. O enbar ist dergleichen indes von niemandem auch nur in Erwägung gezogen worden. Im Gegenteil, ich werde weiterhin diskriminiert. Sie selbst, lieber Erich Honecker, sind Zeuge dafür, wie meine Bemühung, zum 21. März 1988 ein würdiges Jean-Paul-Gedenken zu Stande zu bringen, an Widerständen im Ministerium für Kultur sowie in der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste gescheitert ist. Ihre ausdrücklichen Wünsche wurden dabei empörend desavouiert, und mir wurde eine tiefe Kränkung zugefügt. Auch verstieß man gegen den Vorrang des progressiven Erbes. Diesen Punkt bitte ich nicht misszuverstehen. Hermann Kant hat, auf dem X. Schriftstellerkongress, mir zu Unrecht die »Polpotterie« vorgeworfen, mühsam errungene Positionen preisgeben zu wollen. Stephan Hermlin irrt sich, wenn er meint, die DDR werde von mir »streng getadelt, weil sie zu bedeutenden, problematischen Gestalten 65 (AH) 7 Blatt, maschinenschriftlich, 18. Mai 1988, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. Vermerk: Persönlich! 6 2 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re der Vergangenheit wie Luther, Friedrich der Große und Bismarck ein neues Verhältnis gewinnt«. Ich nde, beispielsweise, Ingrid Mittenzweis Buch über Friedrich II. vortre ich und freue mich, voller Dankbarkeit, die namentlich Ihnen gilt, über die Wiedererrichtung seines Reiterstandbildes unter den Linden. Doch die Staatsmänner und Militärs der preußischen Reformzeit stehen uns halt näher als der Alte Fritz, und wenn Jean Paul der wichtigste literarische Wegbereiter dieser Reformer – und der analogen in den Rheinbundstaaten – gewesen ist, dann sollte er nicht deswegen schnöde missachtet werden, weil ich das herausgefunden und in die diesbezüglichen historischen Beweise zehn Jahre Forschungsarbeit investiert habe. Da stimmen die Proportionen nicht. Der wichtigste ideologische Wegbereiter der faschistischen Diktatoren, Mussolinis und Hitlers, war Friedrich Nietzsche. Die Art, wie man auf meinen Kampf gegen die Nietzsche-Renaissance reagiert, liegt auf derselben Linie wie das Versäumnis in Sachen Jean Paul und hat dieselben Gründe. Nur mit Mühe habe ich erreichen könnte, dass meine Polemik gegen die Verharmlosung und Beschönigung Nietzsches durch Heinz Pepperle in Sinn und Form, Heft 5, 1987, abgedruckt wurde. Pepperle hatte im Oktober 1987 Gelegenheit, sich darüber in einem Kreis von Fachkollegen mit mir auseinander zu setzen, blieb aber unentschuldigt fern. Trotzdem behielt er dann in Sinn und Form, Heft 1, 1988, das letzte Wort. Mir wurde seitens der Redaktion eine Replik verweigert, angeblich aus Besorgnis vor weiterem Anwachsen des Interesses an Nietzsche. Diese Begründung erweist sich als verlogen angesichts des Umstandes, dass bei uns mehrere Bücher teils bereits erschienen sind, teils noch vorbereitet werden, die, in der einen oder anderen Weise, das Übergreifen der westlichen Nietzsche-Re nais sance auf die DDR und die übrigen sozialistischen Länder begünstigen. In zwei Fällen kämpfte ich noch darum, dies zu verhindern. Ob ich damit Erfolg haben werde, ist indes sehr zweifelhaft, nachdem sowohl von der Akademie der Künste als auch vom Reclam-Verlag meine Warnungen in den Wind geschlagen worden sind, in der Anthologie Erich Honecker zu Besuch bei Helmut Kohl, 1987 6 2 7D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Deutsches Lesebuch von Luther bis Liebknecht abermals Nietzsches Gedicht An den Mistral zu verö entlichen, mit dem in der Nazizeit die Vernichtung »lebensunwerten Lebens« ideologisch gerechtfertigt wurde. Die Großzügigkeit auch gegenüber problematischem Erbe muss, meine ich, hier ihre Grenze haben. Sie haben die Angri e, denen ich wegen meiner unversöhnlichen Haltung zu Nietzsche auf dem X. Schriftstellerkongress ausgesetzt war, miterlebt. Die Medien des Westens triumphierten. Sie feierten dies als »Glasnost«. Um die Einbeziehung Nietzsches in die Erbep ege der DDR durchzusetzen, empfehlen sie – so zum Beispiel der SFB in einer einstündigen gegen mich gerichteten Sendung vom 24. März 1988 – eine Taktik der »kleinen Schritte«. Genau diese Politik geht seither bei uns unvermindert weiter. Geheime, interne Äußerungen gegen Nietzsche, im Präsidialrat des Kulturbundes oder auch von Kurt Hager gegenüber Dozenten des Grundlagenstudiums, ändern daran nichts und ändern um so weniger, als sie nie mit einer Würdigung meiner einschlägigen Argumentation verbunden werden. Über die frühere marxistische Kritik an Nietzsche gehe ich in wesentlichen und höchst aktuellen Punkten hinaus, indem ich zum Beispiel seine Rolle als Gegner der Frau eneman zi pation entlarve, die Legende widerlege, dass Antisemitismus und Rassismus ihm ferngelegen hätten, und den Nachweis erbringe, dass er der schlimmste Gewaltverherrlicher und Kriegshetzer aller Zeiten gewesen ist. Nur weil diese Einsichten von mir artikuliert worden sind, emp ndet man es als peinlich, sie sich zu eigen zu machen, und verzichtet darauf, aus ihnen Belehrung zu schöpfen. Sie ersehen daraus, lieber Erich Honecker, dass ich keine rein egoistischen Ziele verfolge, wenn ich Sie darum bitte, sich für meine gleichberechtigte Inanspruchnahme einzusetzen. Einen Zuwachs an Ansehen und Ein uss brauche ich, um e ektiver im Interesse der Republik Nützliches fördern und Schädliches abwenden zu können. Was hierbei Nietzsche anbelangt, so mögen die Versuche, ihn uns aufzudrängen, bei einigen unserer Poeten und Schöngeister rein ästhetizistisch motiviert sein, wie ehemals. Unsere P icht bleibt es dennoch, diese Bestrebungen mit gebührender Wachsamkeit vor dem Hintergrund des in Westeuropa erstarkenden Rechtsradikalismus zu sehen und dabei die leider auch bei uns zu beobachtenden Aktivitäten neofaschistischer Kräfte – ich denke an die Brutalität der Skinheads – nicht außer acht zu lassen. 6 2 8 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Dem Vermächtnis Nietzsches hierzulande auch nur einen Millimeter Raum zu gewähren, widerspricht der antifaschistischen Tradition unseres Staates ebenso wie dessen Verfassung. Und nicht allein das. Gefährliche Globalprobleme gebieten mehr denn je, dass in aller Welt die Kräfte der Vernunft zu Nietzsche unbeirrbar, kompromisslos eine ablehnende Haltung einnehmen. Besonders dadurch, dass Frieden und Abrüstung zu Überlebensfragen des Homo Sapiens geworden sind, muss Nietzsche uns absolut unerträglich sein. Bedroht sind wir und unsere Nachkommen – um nur ein weiteres Globalproblem anzudeuten – von einer weltweiten Pestkatastrophe neuer Art, genannt Aids. Wie soll diese Seuche mit Mitteln, die den Geboten der Humanität Genüge leisten, eingedämmt werden, wenn es geschehen kann, dass sogar in einem sozialistischen Land ein Gedicht Nietzsches Verbreitung ndet, das, gemäß seiner Parole »Was fallen will, das soll man auch noch stoßen« die Ausrottung kranker Menschen gutheißt? Die schwungvollen Verse, an denen der Herausgeber, Stephan Hermlin, sich berauscht, machen ihren inhumanen Inhalt nicht um einen Deut besser. Hinsichtlich meines Lebensrests, den ich, trotz Herzkrankheit, möglichst produktiv verbringen möchte, verkenne ich die folgende Schwierigkeit nicht. Meine Verurteilung 1957 war politisch notwendig und juristisch einwandfrei begründet. Die Straftaten, die ich 1956 begangen hatte, sind dabei aufs Engste verknüpft gewesen mit analogen politischen Fehlern meines Lehrers und Meisters Georg Lukács. Zu meiner Reue gehört, dass ich Lukács’ damaligen politischen Ein uss auf mich bedauere und, dementsprechend, sehr kritisch beurteile. Aber: Ich habe deswegen doch nie aufgehört, Lukács als Gelehrten, als eoretiker zu bewundern, an seinen Errungenschaften festzuhalten, sie in meiner eigenen Arbeit auszuwerten und mich dazu auch freimütig zu bekennen. Auf Kulturpolitiker in unserem Mittelbau und, mutmaßlich, auch auf Experten bei unseren Sicherheitsorganen mag dies seit Jahrzehnten irritierend wirken. Für daraus resultierendes Misstrauen bringe ich ein gewisses Maß an Verständnis auf. Die Angelegenheit hat heute jedoch dadurch einen neuen, veränderten Stellenwert, dass die gewohnte und geduldete Mäkelei an Lukács, von jenen Funktionären unbemerkt, allmählich in die Unart umgeschlagen ist, den Mann von rechts zu kritisieren, seine Errungenschaften über Bord zu werfen, sie preiszugeben zu Gunsten reaktionärer bürgerlicher Ideologien und eorien. Dass ich davon mitbetro en bin, ist ein – untergeordneter, verhältnismäßig unwichtiger – Teilaspekt eines umfassenderen, wieder Aspekte der sozialistischen Kultur berührenden Missstandes. Weil ich mitbetro en bin, kann es mir aber auch nicht verargt werden, dass ich den Missstand in seinen größeren 6 2 9D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte Dimensionen besonders klar erkenne und alles in meiner Macht Stehende tue, ihn beheben zu helfen. Wenn ich hierbei wenig Unterstützung nde, so hat das naheliegende Gründe. Noch schädlicher als alles Übrige, worüber ich mich bei Ihnen beklage, ist es und bleibt es trotzdem. Der Kampf um die Bewältigung der oben erwähnten Globalprobleme muss, soll ihm Erfolg beschieden sein, durch eine weltweite O ensive zur Rettung und Weiterentwicklung der humanistischen Kultur ankiert werden. Hierfür haben Kommunisten nächst den Lehren ihrer marxistisch-leninistischen Klassiker auf dem Gebiet der Philosophie und insonderheit hinsichtlich aller kulturtheoretischen, ästhetischen und auch moralischen Fragen nichts Besseres aufzubieten, nichts Gewichtigeres in die Waagschale der geistigen Auseinandersetzungen unserer Zeit zu werfen als das gewaltige Gedankenvermächtnis von Georg Lukács. Und nicht zuletzt deutschen Kommunisten fällt die Verp ichtung zu, sich darüber restlos klar zu werden. Es ist völlig falsch, wenn bei uns die Meinung verbreitet wird, Lukács habe deswegen in der DDR wieder eine Chance, weil wir auf den Nationalstolz der Volksrepublik Ungarn Rücksicht nehmen müssten. Lukács ist in wahrlich schicksalsschweren Jahren deutscher Geschichte, in den Jahren 1931 bis 1945, unter der Führung Ernst älmanns und Wilhelm Piecks Mitglied der KPD gewesen. Es würde Ihnen, lieber Erich Honecker, zu hohem Ruhm gereichen, wenn Sie, anknüpfend an diese Ihre Vorgänger, der von Ihnen geführten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und deren deutschsprachigen Bruderparteien diese historische Tatsache erneut ins Gedächtnis riefen. Und es würde mich mit Genugtuung erfüllen, wenn Sie dabei in Ihrem Innern, ohne dass Sie es auszusprechen brauchten, meinem Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! im Kern zustimmten. (1986 habe ich ihn zweimal umgearbeitet. Dennoch wollte, bis heute, keine der in Betracht kommenden Zeitschriften der DDR ihn abdrucken, so dass mir nichts übrig blieb, als ihn in einer linkssozialistischen Zeitschrift in Wien zu verö entlichen. Nun ja, Mitglied der KPÖ war Lukács ja auch einmal, von 1919 bis 1929; danach von 1929 bis 1931 Mitglied der KPdSU – dies nur am Rande.) Zum Schluss noch ein Wort zu demjenigen Anliegen, das mir am meisten am Herzen liegt. Das Staatsverbrechen, das ich 1956 begangen habe, kann durch nichts ungeschehen gemacht werden. Ich kann daher keinerlei Rehabilitation beanspruchen, juristisch nicht und politisch schon gar nicht. Aber ich bejahe uneingeschränkt das Parteiprogramm und das Statut der SED. Und ich möchte nicht als heimatloser Linker in die Grube 6 3 0 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re fahren. Wenn es einmal soweit sein wird, darf es bei Freund und Feind nicht den geringsten Zweifel darüber geben, wo ich gestanden habe. Und bis es so weit sein wird, möchte ich auf den Gebieten, von denen ich mehr zu verstehen glaube als viele andere, als Kommunist unter Kommunisten, beteiligt am kollektiven Meinungsbildungsprozess der Partei, eingebunden in ihrer Disziplin, noch ein paar Weichen in die Zukunft stellen helfen. Deshalb habe ich bei der Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag, bei dem ich »angebunden« bin, den Antrag gestellt, mich als Kandidaten aufzunehmen. Professor Dr. Werner Mittenzwei, Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Künste, und Dr. Hermann Turley, der seit ca. zwei Jahrzehnten meine Arbeit für den Akademie-Verlag am besten zu beurteilen vermag, waren bereit, für mich zu bürgen. Im März erhielt ich von der BPO den niederschmetternden Bescheid, dass wegen meines Umstrittenseins es der Parteileitung nicht zugemutet werden könne, den Genossen der BPO meinen Antrag vorzulegen. Die Kampfabstimmung, zu der es dann kommen würde, wäre weder für die Partei noch für mich ratsam und hilfreich. Ich weiß, dass Mitglieder des ZK und gar solche des Politbüros in derartigen Fällen nicht eingreifen dürfen. Dennoch kann, unter Einhaltung der Bestimmungen des Statuts, von oben indirekt Hilfe geleistet werden. So habe ich, über die Abteilung Wissenschaft beim ZK, an Kurt Hager den Wunsch herangetragen, er möge doch das, was er am 14. Januar 1988 intern, geheim vor Dozenten des Grundlagenstudiums gegen Nietzsche geäußert hat, einmal ö entlich wiederholen und dabei den hartnäckigen Kampf, den ich gegen die Nietzsche-Re nais sance führe, lobend hervorheben. Dies würde genügen, um Widerstände, die es in der BPO des Akademie-Verlages gegen mich geben mag, zu überwinden. Kurt Hager hat dieses Ansinnen an ihn zwar nicht expressis verbis abgelehnt, aber er schweigt sich dazu aus, und die Abteilung Wissenschaft ist, was diese Frage angeht, für mich auch nicht mehr zu sprechen. Ist es vermessen, wenn ich es wage, jetzt an Sie, lieber Erich Honecker, die Bitte zu richten, doch einmal zu überlegen, ob mir und wie mir seitens der Parteiführung bei meinem Hauptanliegen geholfen werden könnte? Nach Lage der Dinge erschienen es mir wenig sinnvoll, wenn Sie diesen Brief, sei es selbst befürwortend, zur Erledigung nur wieder an Kurt Hager weiterleiteten. Selbst wenn ich bei ihm eine mir gegenüber sachliche, unbefangene, vielleicht sogar freundliche Haltung unterstelle, kann ich mich nach meinen Erfahrungen in den letzten 6 3 1D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte zweieinhalb Jahren doch nicht des Eindrucks erwehren, dass er fällige Entscheidungen vor sich her schiebt und ihm wichtige Dinge aus der Hand gleiten. Ich kann aber auch nicht mit letzter Sicherheit ausschließen, dass partielle Meinungsverschiedenheiten mit mir ihn zögern lassen, sich bei Anfeindungen, denen ich im Westen wie auch hierzulande ausgesetzt bin, hinter mich zu stellen. Bei unserer Unterredung vor einem Jahr wusste er über Lukács nichts anderes zu sagen, als dass er ihn für einen »politischen Dummkopf« hielte. Im Lichte dieser Äußerung kommt es mir, nachträglich, sehr bedenklich vor, dass Kurt Hager im März 1985 dem Kolloquium anlässlich des 100. Geburtstages von Lukács fernblieb und, im selben Monat, vor einer Plenartagung der Akademie der Künste eine Rede hielt, die weder Lukács namentlich erwähnte noch wesentlichen Erkenntnissen von ihm gebührend Rechnung trug. In Anbetracht dessen drängt sich bei mir die Frage auf, ob es pure Nachlässigkeit ist, wenn Kurt Hager meine im September 1987 an ihn gerichtete Bitte, mir in geeigneter Form wieder die Ausbildung von Schülern zu ermöglichen, bis heute keiner Antwort für würdig befunden hat und dass jetzt, seit Ende März, die Abteilung Wissenschaft beim ZK diese Angelegenheit mit einer mich nervlich zermürbenden Taktik des Hinhaltens behandelt. Verzeihen Sie bitte, lieber Erich Honecker, dass ich Ihnen angesichts Ihrer überreichen Arbeitsverp ichtungen mit einem so langen Brief Zeit raube. Aber es sind nicht nur – und nicht einmal in erster Linie – persönliche Belange von mir, die hier einer Entscheidung harren. Es sind sachliche und nicht unaktuelle Probleme der Kulturpolitik und der ideologischen Klassenauseinandersetzung, um die es mir geht und die ich Ihnen und Ihren engsten Mitarbeitern zu Bedenken geben möchte. Indem ich Ihnen persönlich Gesundheit und Glück und Ihrer schweren, verantwortungsreichen Arbeit im Dienste des Friedens und des sozialen Fortschritts in unser aller Interesse jeden nur denkbaren Erfolg wünsche, verbleibe ich, Ihnen tief vertrauend, mit kommunistischem Gruß Ihr PS.: Ich habe vor, zur Erholung mit meiner Frau mich zwischen 4. und 18. Juni in der Nähe von Rheinsberg aufzuhalten. Meine Urlaubsanschrift während dieser 14 Tage (Adresse usw. weggelassen, AH). 6 3 2 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Brief an Eberhard Fromm66 (08. Juli 1988) Lieber Eberhard Fromm! Zu Ihrem Haupteinwand gestern ist mir inzwischen noch etwas eingefallen. Sieht man von dem Sonderfall Russland, später Sowjetunion ab, dann war ja die Arbeiterbewegung, und zwar in ihrem revolutionären wie in ihrem reformistischen Flügel, zwischen 1863 und 1933 nirgendwo in der Welt auch nur entfernt so stark wie gerade in Deutschland. Und dieser Faktor traf mit dem hier ebenfalls ungewöhnlich lebendigen, vielfältigen philosophischen Leben im Überbau (oder, wie Gorbatschow und Nicolai Hartmann es ausdrücken würden: in der geistigen Sphäre) zusammen, um davon, dass der Marxismus von Deutschen gescha en worden ist, gar nicht erst zu reden. Mir scheint: Diese Umstände machen eine Überprüfung meiner aus dem geschilderten Schlüsselerlebnis erwachsenen methodologischen Hypothese an ausländischen Parallelbeispielen ziemlich über üssig – oder wie denken Sie darüber? Das gestrige Gespräch zu dritt – zu viert natürlich, verzeih mir, liebe Frau Harich – war mir sehr angenehm und wird anhaltend nützlich und lehrreich für mich bleiben. Für Ihre Teilnahme darf ich Ihnen nochmals danken. Sehr neugierig wäre ich aber auch, zu erfahren, was Sie zu der Sendung Meine Wahrheit ist furchtbar. Nietzsche in der DDR sagen. Mit herzlichem Gruß, auch von meiner Frau – und weiteren guten Genesungswünschen für Ihre Frau Brief an Manfred Buhr67 (19. August 1988) Sehr geehrter Herr Professor Buhr! Hiermit danke ich Ihnen für die Einladung zu der Veranstaltung Nietzsche und die Folgen am 17. Juni 1988. Ich konnte leider nicht daran teilnehmen, weil ich Ihren diesbezüglichen Brief erst nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub am 18. Juni zu Hause vorfand. Von Herrn Prof. Dr. Hans Schulze erhielt ich telefonisch Bescheid, dass die Veranstaltung wegen zu geringer Beteiligung am 23. September 1988 wieder- 66 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 08. Juli 1988. Adressiert an die Berliner Privatadresse. 67 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 19. August 1988, adressiert an Professor Dr. Manfred Buhr, Direktor des Zentralinstituts für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR. 6 3 3D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte holt werde und dass ich auch dazu eingeladen sei. Auch diesmal will ich gerne dabei sein. Bitten möchte ich Sie, mir Gelegenheit zu einem Koreferat zu geben. Ich habe zu dem ema, wenn es nunmehr auch auf seine literarischen Aspekte bezogen wird, einiges zu sagen, was sich schwerlich in dem einen oder anderen kurzen Diskussionsbeitrag wird unterbringen lassen. Bitte beachten Sie dabei, dass ich speziell diese Aspekte in Abschnitt III meines Aufsatzes zu Nietzsche, in Sinn und Form, Heft 5, 1987, S. 1018  ., besonders S. 1048  ., behandelt habe, dass meine Ausführungen gerade dazu vom letzten Schriftstellerkongress an wütende Angri e auf mich ausgelöst haben, so auch in Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 179  ., und dass der von mir geäußerte Wunsch, darauf zu replizieren, bisher stets zurückgewiesen worden ist. Beachten Sie bitte ferner, dass nach dem Tode meines langjährigen Freundes Wolfgang Heise, mit dem ich mich in Sachen Nietzsche einig wusste, unter den Kollegen ich der einzige bin, der sich in Philosophie- und Literaturgeschichte gleich gut auskennt. Da ich ab 13. September 1988, falls nichts dazwischen kommt, auf Einladung des Starnberger Instituts für die Erforschung globaler Strukturen, Entwicklungen und Krisen zu Fachgesprächen ungefähr eine Woche lang im Freistaat Bayern, BRD, weilen werde, hätte ich gerne noch vor meiner Abreise Bescheid. Ich erlaube mir, einen fast gleichlautenden Brief an Herrn Professor Dr. Hans Schulze, den Sekretär des Wissenschaftlichen Rats für Grundfragen des ideologischen Kampfes zwischen Sozialismus und Imperialismus, zu richten. Mit freundlichem Gruß Brief an Hans Schulze68 (19. August 1988) Sehr geehrter Herr Professor Schulze! Hiermit danke ich Ihnen für Ihren telefonischen Bescheid, dass ich auch zu der Veranstaltung »Nietzsche und die Folgen«, die, wegen zu geringer Beteiligung am 17. Juni, 68 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 19. August 1988, adressiert: An den Wissenschaftlichen Rat für Grundfragen des ideologischen Kampfes zwischen Sozialismus und Imperialismus, z. Hd. Herrn Professor Hans Schulze, c/o Zentralinstitut für Philosophie der AdW der DDR. 6 3 4 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re am 23. September 1988 wiederholt werden wird, eingeladen bin. Ich will gerne daran teilnehmen. Bitten möchte ich Sie, mir diesmal Gelegenheit zu einem Koreferat zu geben. Ich habe zu dem ema, wenn es nunmehr auch auf seine literarischen Aspekte bezogen wird, einiges zu sagen, was sich schwerlich in dem einen oder anderen kurzen Diskussionsbeitrag wird unterbringen lassen. Bitte beachten Sie dabei, dass ich speziell diese Aspekte in meinem Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes?, Sinn und Form, Heft 5, 1987, Abschnitt III, S. 1048  ., behandelt habe, dass dies, vom letzten Schriftstellerkongress an, wütende Angri e auf mich ausgelöst hat, so auch in Sinn und Form, Heft 1, 1988, S. 179  ., und dass der von mir geäußerte Wunsch, darauf zu replizieren, zurückgewiesen worden ist. Danach dürfte es nicht abwegig sein, dass ich mich wenigstens intern, im engeren Kollegenkreis, dazu äußern darf. Beachten Sie, bitte, ferner, dass nach dem Tode meines langjährigen Freundes Wolfgang Heise, mit dem ich mich in Sachen Nietzsche einig wusste, unter den Kollegen ich der einzige bin, der sich in Philosophie- und Literaturgeschichte gleich gut auskennt. Da ich, falls nicht dazwischenkommt, zwischen dem 13. und dem 22. September auf Einladung des Starnberger Instituts für die Erforschung globaler Strukturen, Entwicklungen und Krisen im Freistaat Bayern, BRD, weilen werde – erst am Morgen des 22. September will ich wieder zu Hause sein –, hätte ich gerne noch vor meiner Abreise Bescheid. Mit freundlichem Gruß Brief an Erich Honecker69 (03. September 1988) Lieber Erich Honecker! Heute richte ich an Sie den beschwörenden Appell, dem Vordringen der Nietzsche-Renaissance bei uns schnell und wirksam Einhalt zu gebieten. Um zu erkennen, was die Stunde geschlagen hat, brauchen Sie nur einen kurzen Blick in die soeben er- 69 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 03. September 1988, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. Vermerk: Persönlich! 6 3 5D ok u m ente u nd B rief e z u r N ietz sc h e- D eb a tte schienene Enzyklopädie zur bürgerlichen Philosophie im 19. und 20. Jahrhundert, Leipzig (VEB Bibliographisches Institut), 1988, zu werfen. Ungeheuerlichkeiten aus Friedrich Nietzsches reaktionärer Philosophie werden darin auf Seite 20 f. nicht etwa gebrandmarkt, sondern als Kostproben, gleichsam als Appetithäppchen dargeboten, und auf Seite 22 f. wird »ihre Wirkung bis in unsere Tage hinein« damit erklärt, dass sie »nicht nur Weltanschauung, Weltsicht und Welthaltung, sondern zugleich auch große Literatur« seien. Wo in dem Buch sonst noch von Nietzsche die Rede ist (besonders auf den Seiten 99 bis 108, 111 bis 113, 137 bis 139, 346 bis 347, 352), wird seine Rolle zumindest verharmlost. Die Errungenschaften, die wir in der Einschätzung seiner Philosophie durch Georg Lukács besitzen, werden dabei sowohl von András Gedö (VR Ungarn) als auch von Friedrich Tomberg (DDR) über Bord geworfen. Vor diesem Hintergrund ist nun die Tatsache zu sehen, dass im Akademie-Verlag, Berlin, nächstens das Buch Zur Philosophie Friedrich Nietzsches von Heinz Malorny herauskommen wird. Der Autor, aus Unbeholfenheit seiner Aufgabe nicht gewachsen, steht außerdem so unter dem Druck opportunistischer Vorgesetzter, dass er, eigentlich entschiedener Gegner Nietzsches, kaum noch zu schreiben wagt, was er wirklich denkt. Gutachten von mir weisen die Fehler nach, von denen sein Manuskript wimmelt, und raten eindringlich von dessen Drucklegung ab. Nachdem weder der Autor noch die befürwortenden Gutachter (deren Namen ich nicht einmal kenne) noch auch Vertreter der zuständigen kulturpolitischen Instanzen es jemals für nötig befunden haben, über meine Einwände mit mir auch nur zu sprechen, ist jetzt die ebenso empörende wie gefährliche Entscheidung gefallen, dass das Manuskript in Druck gehen soll. Wenn es dabei bleibt, wird das Buch schlimme Folgen auslösen. Es wird der Nietzsche-Renaissance bei uns ungeheuren, hoch brisanten Auftrieb geben. Nachhaltig wird das geistig-kulturelle Klima in unserer Republik dadurch ideologisch vergiftet werden. Epidemisch werden sich unter Intellektuellen und, was am bedrohlichsten ist, im oppositionell gestimmten Teil der jungen Generation enorm gesteigert Desorientierung und Verwirrung ausbreiten, bis hin zur Enthemmung faschistischer Denkweisen und Emotionen. Auch das Ansehen der DDR im Ausland dürfte schweren Schaden erleiden. Vor alledem warne ich. Nur rasches, energisches Eingreifen, begründet durch ein kompromissloses, unmissverständliches Machtwort der Partei, kann, meines Erachtens, noch eben rechtzeitig, im letzten Moment nicht wiedergutzumachendes Unheil abwehren helfen. 6 3 6 T eil I I : D ie N ietz sc h e- D eb a tte d er a c h tz iger J a h re Bei gleicher Gelegenheit darf ich Sie, lieber Generalsekretär der Partei, tief betro en darauf hinweisen, dass die dankenswerte Empfehlung des Zentralkomitees an die Grundorganisation der SED im Akademie-Verlag, meinem seit 17. Januar 1988 vorliegenden Antrag auf Aufnahme als Kandidat stattzugeben, bis heute zu keinem Erfolg geführt hat. Die Aus üchte, mit denen ich seit Juni hingehalten werde, kränken mich ebenso, wie die o enkundig