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Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Werner Sesselmeier (ed.)

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not."

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4376-9, ISBN online: 978-3-8288-7358-2, https://doi.org/10.5771/9783828873582

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte Band 3 „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“ Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive Herausgegeben von Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari & Werner Sesselmeier Tectum Verlag Die Schriftenreihe Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird vom Dekanat Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Koblenz- Landau herausgegeben. Als aktuell verantwortlicher Reihenherausgeber fungiert Professor Dr. Lothar Bluhm. Band 3: „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“ Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Herausgegeben von Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari & Werner Sesselmeier © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 eISBN: 978-3-8288-7358-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4376-9 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 2569-507X Umschlagabbildung: shutterstock.com, Nr. 709023277 © panitanphoto Titelzitat: Aus Johann Wolfgang Goethe, Faust. Eine Tragödie, 1808. Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Artikel 1 Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 Inhalt Einleitung 9 Konstantin Wecker „Und wenn sie euch sagen“ 17 Lothar Bluhm Konstantin Wecker lesen. Produktive Rezeptionen. Ein Werkstattbericht 19 Achim Hofer Konstantin Wecker hören. Notizen zur Musikanschauung eines Poeten, Sängers und Komponisten 35 Janin Aadam Konstantin Wecker verstehen. Ein Werk im Spiegel der Menschenrechte 51 Markus Schiefer Ferrari Teilhabe für alle. Biblische Hoffnungsgeschichten dis/abilitykritisch gelesen 71 Judith Distelrath „Hab nur Mut“. Rezeption biblischer Heilungsnarrative in Kinderbibeln 93 Walter Kühn „Brich aus in lauten Klagen“. Heines literarische Kämpfe für die Menschenrechte. Eine Skizze 119 Lothar Bluhm „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“. Schuld, Würde und Identitätsbewahrung in Bernhard Schlinks Romanen der 1990er Jahre 143 Gregor Schuhen Spaltungen, Risse, Ungleichheiten. Französische Gegenwartsliteratur und die Kehrseite der Menschenrechte 167 Katharina Turgay Diskriminierung durch Sprache. Ein Überblick 191 Matthias Bahr Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? Überlegungen aus theologisch-ethischer Perspektive 213 Werner Sesselmeier Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? Überlegungen aus ökonomischer Perspektive 229 Andrea Zeller Menschenrechte in der Weltwirtschaft. Idealbild und Realität 251 Julia Renner Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen in Ostafrika am Beispiel des Naivashasees in Kenia. Eine empirische Analyse 281 Stefan Joller Die Menschenrechte als Universalmoral? Über den Kult des Individuums und das moralische Selbstverständnis gegenwärtiger Gesellschaften 305 Björn Hayer Eine Würde der Tiere? Tierethische Positionsbestimmungen als Randzone des Menschenrechtsdiskurses 325 Beiträgerinnen und Beiträger 345 9 Einleitung „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not. […] Wer hat dir Henker diese Macht Über mich gegeben! Du holst mich schon um Mitternacht. Erbarme dich und laß mich leben! Ist’s morgen früh nicht zeitig genung?“ Johann Wolfgang Goethe Mit der Veröffentlichung wird eine Reihe von Sammelbänden mit Beiträgen öffentlicher Ringvorlesungen fortgesetzt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler der verschiedensten Disziplinen mit übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Phänomenen auseinandersetzen. Im Fokus der Veranstaltung im Sommersemester 2018 stand das Thema Menschenrechte. Der Titel der Ringvorlesung und dieses anschließenden Sammelbandes „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“ ist der berühmten Kerker- Szene aus dem ersten Teil von Goethes Faust-Tragödie entnommen. Das verführte und als Kindsmörderin auf den Henker wartende Gretchen erfleht vom vermeintlichen Henker, der in ihr Verlies tritt, Erbarmen in ihrer Not. In ihrem unglücklichen Schicksal und ihrer Verzweiflung und nicht zuletzt im Bewusstsein seiner eigenen Schuld eröffnet sich dem als Retter scheiternden Faust der ‚Menschheit ganzer Jammer‘. In der Szene wird unmittelbar fassbar, was die Rede über Menschenrechte und was Menschenrechtsdiskurs im Kern meint: Es geht um die Verletzung dieser Rechte, um die Depotenzierung des Menschen, um die Herabwürdigung seines Menschseins. Aber zugleich geht es um ein Aufbegehren gegen diese Verletzungen, um die Möglichkeit von Heilung, Schutz und Bewahrung. Damit ist der weite Raum ausgemessen, dem sich die nachfolgenden Beiträge in ihren jeweils eigenen Problemanzeigen und -diskussionen zuwenden. Sie setzen sich mit dem Menschenrechtsdiskurs im Allgemeinen oder mit Einleitung 10 speziellen Fragestellungen aus ihren jeweils eigenen fachwissenschaftlichen Blickwinkeln auseinander und führen in die Breite des Diskursfeldes ein. Dass das Thema Menschenrechte den gemeinsamen Fokus einer öffentlichen Ringvorlesung im Fachbereich 6: Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau der Universität Koblenz-Landau bildete, ist auf das Engste mit der jüngeren Geschichte dieser Einrichtung verbunden. Vor dem Hintergrund der seit Jahren zu beobachtenden fortschreitenden Erosion der liberal-demokratischen Kultur in Deutschland und der Bedrohung der Demokratie in der Rückkehr vergessen geglaubter Nationalismen entschloss sich der Fachbereich 2014 zu einer gemeinsamen Neuausrichtung aller seiner Einrichtungen – seiner Institute, Abteilungen und Fächer, aber auch seines Lehrprogramms. Die Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs starteten eine gemeinsame Initiative, um ab dem Sommer 2015 der universitären Lehramts- wie auch der nicht auf das Lehramt bezogenen Ausbildung in ihrem Verantwortungsbereich durch die Inklusion von ‚Menschenrechtsbildung‘ eine eigene Fundamentierung zu geben und das Bekenntnis zu Humanität und Menschenrechten in aktives Tun umzusetzen. Das Thema Menschenrechte und die Menschenrechtsbildung wurden zu einem gemeinsamen Bezugspunkt sämtlicher Lehre, gleichermaßen in den Philologien, in Germanistik, Anglistik oder Romanistik, wie in den Theologien, in der Kunst- und in der Musikwissenschaft oder in den Sozialwissenschaften, in der Soziologie, den Wirtschafts- und in den Politikwissenschaften. Die Vermittlung von Wissen über Menschenrechte und die Beförderung eines Bewusstseins von den sich daraus ableitenden Handlungsnotwendigkeiten sind zu einer begleitenden Aufgabe jedweder fachwissenschaftlichen oder fachdidaktischen Lehre im Fachbereich erhoben worden. Als Bezugspunkt diente und dient eine im Januar 2016 veröffentlichte Selbstverpflichtung der Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs, das „Landauer Manifest“. Zur gemeinsamen Arbeit gehört darüber hinaus ein von allen Instituten getragener Zertifikatsstudiengang als zusätzliches fächerübergreifendes Lehrangebot für die Studierenden. Gemeinsame Workshops und das Angebot, in einem Projekt mitzuarbeiten, vertiefen die Initiative. Der Gedanke, dieses gemeinsame Unternehmen zur Beförderung einer Menschenrechtsbildung in der Lehre auch in einer vom Fachbereich angebotenen Ringvorlesung zur Geltung zu bringen, lag also nahe. Die Herausgeber 11 Bei der Zusammenführung verschiedener Projekte des Fachbereichs bot sich im Sommer 2018 zudem als weitere Möglichkeit die Verknüpfung einer entsprechenden Ringvorlesung mit der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur durch den Fachbereich an. In Erinnerung an den deutsch-amerikanischen Karikaturisten und Gesellschaftskritiker Thomas Nast, einen großen Sohn der Stadt Landau in der Pfalz, vergibt der Fachbereich in unregelmäßigen Abständen eine solche Gastprofessur an herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft oder Kultur, die sich im Schnittfeld von Kunst oder Wissenschaft und politischer Aufklärung bewegen und sich mit künstlerischen oder wissenschaftlichen Mitteln der politischen Aufklärung verpflichtet sehen. Nachdem diese Ehrenbezeugung des Fachbereichs zuletzt 2015 dem Kunstgraphiker Klaus Staeck verliehen worden war, wurde 2018 der Lyriker, Sänger und Schauspieler Konstantin Wecker als einer der profiliertesten politischen Künstler der Bundesrepublik geehrt. Dass Konstantin Wecker, der seit Jahren und Jahrzehnten ebenso stimmgewaltig wie unzweideutig das politische Leben in Deutschland künstlerisch kommentierend begleitet, die Ringvorlesung mit einem musikalischen Gastvortrag ergänzte, war eine ebenso große Ehre, wie es einen unzweifelhaften Gewinn und ein wunderbares Vergnügen darstellte – nicht zuletzt rückte sein Beitrag die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Probleme in Deutschland – neuer Nationalismus, Fremdenhass, politisches Versagen u.a.m. – dezidiert ins Blickfeld. So sind auch die Eingangsbeiträge des Sammelbandes ganz augenfällig mit der Person und dem Werk dieses Künstlers verbunden. Den eigentlichen Eingang bildet ein Gedicht, das KONSTANTIN WECKER für den Band bereit gestellt hat. „Und wenn sie euch sagen“ ist eine engagierte künstlerische Wortmeldung zur sogenannten ‚Flüchtlingsdebatte‘ und eine Auseinandersetzung mit der verlogenen Phraseologie jener fremdenfeindlichen Verdummungsrhetorik, die die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre häufig begleitet und zur Vergiftung des innenpolitischen Klimas in Deutschland beigetragen hat. Die Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur 2018 an Konstantin Wecker und dessen Teilnahme an der Ringvorlesung wurden vorbereitet und begleitet von Lehrveranstaltungen in verschiedenen Fächern und Lehrprogrammen des Fachbereichs, so in der Kunstwissenschaft, der Musikwissenschaft, der Katholischen Theologie und in der Germanistik. Im Beitrag „Konstantin Wecker lesen“ stellt der Germa- Einleitung 12 nist und Literaturwissenschaftler LOTHAR BLUHM nach einer Würdigung des Lyrikers Wecker einige Seminararbeiten von Studierenden vor, die sich über den Weg der ‚produktiven Rezeption‘ mit dem Lyriker und Liedermacher und dessen Werk auseinandergesetzt haben. ACHIM HOFER versucht in seinem Beitrag „Konstantin Wecker hören“ das Bild vom politischen Liedermacher – ein Ausdruck, den Wecker als einengenden „Stempel“ empfindet – um weniger bekannte Facetten zu erweitern. Denn der Musiker und Musik-Schriftsteller Wecker sieht in der ‚wahren Musik‘ (entgegen der Ware Musik) auch Möglichkeiten der Ich-Findung, der Selbst-Verwirklichung, des Authentischen. Als vermeintliche Innerlichkeit ist dies kein Widerspruch zur kämpferischen Verteidigung von Menschenrechten auf künstlerischer Ebene, sondern Mit-Bedingung für eine humane Welt. JANIN AADAM betrachtet in ihrem Beitrag „Konstantin Wecker verstehen“ das poetische Werk des Künstlers im Spiegel der Menschenrechte. Im Anschluss an eine Bezugsetzung von Poesie und Menschenrechten widmet sich der Artikel ausgewählten Gedichten und Liedern Weckers, die im Spiegel einzelner Menschenrechte reflektiert werden, um über die Fokussierung ein eigenes Verständnis von Weckers Werk zu eröffnen. In einem zweiten Block werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das weite Themenfeld der Menschenrechte versucht, wobei sehr unterschiedliche Facetten vorgestellt und diskutiert werden. Ausgehend von der kulturprägenden Wirkung der Bibel setzt sich MARKUS SCHIEFER FERRARI in seinem Beitrag „Teilhabe für alle Biblische Hoffnungsgeschichten dis/abilitykritisch gelesen“ mit der Frage auseinander, inwieweit gerade die Tradierung von Bildern einer zukünftigen Heilsgemeinschaft aller und die damit vielfach verbundene undifferenzierte Gleichsetzung von Heil und Heilung dazu beigetragen haben, solche Vollkommenheitsphantasien auf irdische Verhältnisse zu übertragen und daher Menschen mit Behinderung auszuschließen – ganz im Widerspruch zu dem von der UN-Behindertenrechtskonvention (2008) eingeforderten Menschenrecht der Partizipation aller an allen Bereichen der Gesellschaft. Daran anschlie- ßend untersucht JUDITH DISTELRATH am Beispiel der Erzählung von der Heilung eines Gelähmten (Mk 2,1-12), inwieweit Kinderbibeln bei der Rezeption biblischer Heilungsnarrative auf klassische Deutungsstrategien von Behinderung zurückgreifen und damit (bewusst oder Die Herausgeber 13 unbewusst) klischeehafte, in Bezug auf Behinderung wenig sensible Vorstellungen festschreiben. Die Texte werden auf der Grundlage allgemeiner Überlegungen zum Behindertenbegriff, die sich den sogenannten Dis/ability Studies verdanken, kritisch in Hinblick auf die Konstruktion von Behinderung bzw. Nicht-Behinderung gelesen. Thematisieren Ferrari Schiefer und Distelrath menschenrechtliche Fragen aus dem Blickwinkel der Theologie, so tun dies die folgenden drei Beiträge aus literaturwissenschaftlicher Sicht. WALTER KÜHN untersucht Heinrich Heines literarischen Einsatz für die Menschenrechte. In einem werkchronologischen Zugang wird Heines jüdischem Selbstverständnis am Beispiel der Gedichte An Edom! und Brich aus in lauten Klagen (1824), dem mit Autoren des ‚Jungen Deutschland‘ verbundenen ästhetischen Kampf Heines für die Verwirklichung der Ideale der Französischen Revolution seit den 1830er Jahren sowie Heines literarisch-politischem Vermächtnis in späten Gedichten des Romanzero nachgegangen. LOTHAR BLUHM verfolgt die Dilemmatik von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung in Bernhard Schlinks Romanen der 1990er Jahre, wobei er vor allem auf den Bestseller Der Vorleser schaut. Die Analyse von Schlinks literarischem Werk wird mit rechtswissenschaftlichen und rechtsphilosophischen Problemstellungen verbunden, die den Juristen Schlink an anderer Stelle beschäftigten. Der Beitrag von GREGOR SCHUHEN untersucht auf der Basis soziologischer und erzähltheoretischer Theoriebildung, inwieweit in französischen Romanen des 21. Jahrhunderts das Thema sozialer Ungleichheit und Spaltung reflektiert wird. In autosoziobiografischen Texten von Didier Eribon, Édouard Louis und Aurélie Filipetti werden solche gesellschaftlichen Spaltungstendenzen vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Chancengleichheit, Bildungsaufstieg und gesellschaftliche Teilhabe von Deprivilegierten verhandelt. Deutlich wird, dass sich in Frankreich insgesamt ein neuer Trend zu einer littérature engagée beobachten lässt, die den Anspruch vertritt, den Ausgeschlossenen und Marginalisierten eine Stimme zu verleihen, um auf diesem Weg die Gültigkeit der Menschenrechte für alle Bürgerinnen und Bürger einzufordern. Den literaturwissenschaftlichen Studien schließt sich eine sprachwissenschaftliche Untersuchung an, die den Fokus auf das Medium Sprache richtet. In ihrem Beitrag gibt KATHARINA TURGAY einen Überblick über Sprache, die Gewalt ausübt und die Macht besitzt, beispielsweise in Form von Beleidigungen, Menschen zu verletzen. Dabei Einleitung 14 rückt vor allem die verbale Gewalt in den Fokus des Beitrags, die Menschen aufgrund von rassistischen Äußerungen diskriminiert. Im Anschluss an die kulturwissenschaftlichen Perspektivierungen wendet sich ein weiterer Block dem Themenfeld Ökonomie, Politik und Gesellschaft zu. Den Ausgangspunkt macht die kontroverse Verhandlung der Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus zum einen sozialethischem und zum anderen wirtschaftswissenschaftlichem Blickwinkel. MATTHIAS BAHR stellt klar, dass die Frage aus theologisch-ethischer Sicht zwar verneint werden müsse, dass sie aber zu Reflexionen über Ursachen und Ziele menschlichen Handelns führe. Dabei stoße man auf gravierende Verwicklungen und Abgründe menschlichen Handelns, die innerhalb der ethischen Tradition des Christentums schon seit Jahrhunderten aufgewiesen würden und sich auch im 21. Jahrhundert noch keinesfalls erledigt hätten. Vielmehr stellt sich für Bahr die Frage nach angemessenen sozialpolitischen und -ethischen Interventionen, um Abstürze in die Unmenschlichkeit zu vermeiden. WERNER SESSELMEIER erhellt, dass man die ‚Ökonomie‘ auf drei Ebenen betrachten müsse: Die Wirtschaft als die praktische Ausformung von Ökonomie, als die Wissenschaft vom ökonomischen Handeln und als die Individuen, also alle, die tagtäglich in unterschiedlichen Rollen als wirtschaftlich tätige Subjekte agieren. Bei der Betrachtung der Auswirkungen ‚der Ökonomie‘ auf Menschenrechte haben folglich auch diese Ebenen unterschieden zu werden. Sesselmeier zeichnet dieses Beziehungsgefüge unter Berücksichtigung aller drei Ebenen differenziert nach. Greifbar wird, dass die ökonomischen Verhältnisse auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene letztlich nur durch die Einbindung sozialer Menschenrechte in individuelle Entscheidungen vorangebracht werden können. Die beiden folgenden Beiträge weiten aus wirtschafts- und aus politikwissenschaftlicher Perspektive den Blick auf das internationale Wirtschaftsgeschehen aus. ANDREA ZELLER widmet sich dem Schutz von Menschenrechten in diesen Zusammenhängen. Nach der Darstellung der Entstehung und Verbriefung menschenrechtlicher Normen vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler Interessen wird am Beispiel zweier wichtiger Konsumgüter untersucht, inwieweit die Menschenrechte im Wirtschaftsleben verwirklicht werden. Dabei werden die bisherigen Kontrollmechanismen einer kritischen Überprüfung unterzogen und mögliche strukturelle Ursachen von Menschenrechtsverletzungen aufgezeigt. JULIA RENNER konzentriert den Die Herausgeber 15 Blick auf den Zusammenhang von Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Klima am Beispiel von Wasserkonflikten und Menschenrechtsverletzungen in Ostafrika. Der Beitrag analysiert am Fall des Naivashasees in Kenia, inwieweit Wasserverknappung durch Menschenhand zu Menschenrechtsverletzungen beiträgt. Deutlich wird, dass dabei nicht nur ein Sicherheitsproblem für die lokale Bevölkerung entsteht, sondern sich aus solcherart Entwicklung auch regionale und nationale Konfliktherde ergeben können. STEFAN JOLLER wendet sich mit der Frage nach den Menschenrechten als Universalmoral einer grundsätzlichen Problemdiskussion zu, die eine der zentralen Probleme der Soziologie fokussiert: Was hält die Gesellschaft eigentlich zusammen und welche Rolle spielt hierbei der Mensch? Entgegen der oft behaupteten Eindeutigkeit einer Universalität der Menschenrechte beleuchtet der Beitrag die gesellschaftstheoretische Einbettung der Menschenrechte im Kontext konkurrierender moralischer Selbstverständnisse und zeigt auf, dass die Zentralstellung des Schutzes des Individuums zum Schutze des Menschen als soziales Wesen (kollektivistische) Alternativen kennt. An den Grau- und Randzonen des Menschenrechtsdiskurses stellt sich die Frage, ob auch Lebewesen anderer Spezies Teil der darin angelegten moralischen Gemeinschaft werden können. Auf Basis insbesondere moderner Positionen innerhalb der Tierethik lotet BJÖRN HAYER Chancen, Herausforderungen und Risiken der Ausweitungen der Grenzziehungen aus, wobei er philosophische, juridische und gesellschaftstheoretische Ansätze einbezieht. „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“, lässt Goethe seine Tragödienfigur in ihrer Verzweiflung flehen. Das Thema der Entwürdigung des Menschen und der Verletzung seiner Grundrechte war der Bezugspunkt einer Stafette von Vorträgen im Rahmen einer Ringvorlesung, dem sich im Sommersemester 2018 Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Kultur- und Sozialwissenschaften zugewandt haben. Die Perspektivierungen sollten und konnten nur Einblicke in ein weites Problemfeld und dessen Diskussion vermitteln. Ein weiterreichender Anspruch wäre vermessen angesichts der Komplexität dieses gerade für unsere Zeit so wichtigen Themas. Wozu der Band gleichwohl beitragen kann, ist die Beförderung der Vergegenwärtigung des Problemfeldes und des begleitenden Reflexionsprozesses. Beides gehört zu jener Menschenrechtsbildung, von deren Notwendigkeit die Dozentinnen und Dozenten des Fach- Einleitung 16 bereichs 6: Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau der Universität Koblenz-Landau zutiefst überzeugt sind. Menschenrechtsbildung selbst generiert keine Lösungen, aber sie trägt dazu bei, ein Bewusstsein zu bilden und am Leben zu erhalten, das zu einem Eintreten für Menschlichkeit und eine am Humanum orientierte liberaldemokratische Kultur befähigt. Im wissenschaftlichen Diskurs kommt einer geschlechtersensiblen Sprache inzwischen ein beinahe selbstverständlicher Stellenwert zu. In welcher Weise sie schriftsprachlich umgesetzt wird, ist den Beiträgerinnen und Beiträgern des Sammelbandes freigestellt worden. Im Sommer 2019 Lothar Bluhm Markus Schiefer Ferrari Werner Sesselmeier 17 Konstantin Wecker Und wenn sie euch sagen das Boot ist voll wir können keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen dann antwortet ihnen: denkt mit dem Herzen. Über zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sowie fast zwölf Millionen ehemalige Zwangsarbeiter und ausländische KZ-Insassen mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden Die Integration der Vertriebenen in das massiv zerstörte und verkleinerte Nachkriegsdeutschland schien zunächst kaum lösbar. Und wenn sie euch sagen viele von denen haben doch sogar eigenes Geld dann: denkt mit dem Herzen denn wenn ihr fliehen müsstet und alles verlassen was euch lieb ist und teuer dann würdet ihr doch auch versuchen alles was ihr besitzt und je besessen habt zu verkaufen um Geld mitzunehmen auf diese ungewisse schier ausweglose Reise. Und wenn sie euch sagen da kommen ja fast nur junge Männer an und kaum Frauen mit Kindern dann: denkt mit dem Herzen. Würdet ihr nicht auch versuchen im äußersten Elend die kräftigsten eurer Familie auf die Reise zu schicken damit sie euch vielleicht sogar eines Tages nachholen können? Und wenn sie euch sagen die prügeln sich doch in ihren Unterkünften: denkt mit dem Herzen. „Und wenn sie euch sagen“ 18 Wie lange würdet ihr es wohl aushalten eingepfercht zu sein, oft ohne Strom und Wasser und bei schlechter Ernährung, ohne nicht einmal aggressiv zu werden ohne durchzudrehen? Und wenn sie euch sagen was haben wir mit denen zu tun die glauben doch an einen anderen Gott die sind von einer fremden Kultur dann: benützt euren Verstand: Kulturelle Reinheit ist eine Illusion. Und die führte bei uns zu der schrecklichsten Diktatur der Menschheitsgeschichte. Menschen sind wichtiger als Kulturen sagt das all jenen die sich so gerne mit Fakten schützen deren Herkunft viel unsicherer ist als das eigene Mitgefühl sagt es ihnen nicht hasserfüllt doch bestimmt. Erinnert sie an ihre eigenen Kinder versucht ihnen zu vermitteln wie es sich anfühlen würde wäre man selbst an der Stelle dieser Ärmsten. Wer anderen die Herberge verwehrt verdient es sein Heim zu verlieren. Denken wir mit dem Herzen. Besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit. 19 Konstantin Wecker lesen Produktive Rezeptionen. Ein Werkstattbericht Lothar Bluhm I. Im Sommersemester 2018 durfte der Fachbereich 6: Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Koblenz-Landau im Rahmen zweier Veranstaltungsformate den Lyriker und Liedermacher Konstantin Wecker begrüßen. In der Ringvorlesung „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not“ über die Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive hielt er einen musikalischen Gastvortrag, der sich in das Themenprofil der Veranstaltung einpasste. In einer zweiten Veranstaltung wurde Konstantin Wecker am 13. Juni 2018 in einem öffentlichen Festakt die vom Fachbereich vergebene Thomas-Nast-Gastprofessur 2018 verliehen, mit der der Fachbereich in Erinnerung an diesen berühmten Sohn der Stadt Landau herausragende Wissenschaftler und Künstler für ihre Verdienste um die liberaldemokratische Kultur und für fortschrittliches politisches Engagement und Zivilcourage im Schnittfeld von Kultur und Politik würdigt. Beide Veranstaltungen standen im Zusammenhang mit dem ‚Projekt Menschenrechtsbildung‘, in dem die verschiedenen Kultur- und Sozialwissenschaften des Fachbereichs gemeinsam einen zentralen, fächerübergreifenden Bezugspunkt für die Lehramtsausbildung entwickeln.1 Mit der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur an Konstantin Wecker wurde vom Fachbereich 6 einer der profiliertesten politischen 1 Siehe dazu insbesondere den Sammelband: Menschenrechtsbildung. Handreichung für Schule und Unterricht. Hrsg. von Matthias Bahr, Bettina Reichmann und Christine Schowalter. Ostfildern 2018, sowie die Webseite des Projekts (www.uni-koblenz-landau.de/de/landau/fb6/mrb; Stand: 11.9.2018). Konstantin Wecker lesen 20 Künstler der Bundesrepublik geehrt, der seit über 40 Jahren das gesellschaftliche und politische Leben in Deutschland künstlerisch kommentierend begleitet – als Wortkünstler poetisch, als politische Natur unzweideutig und als Sänger stimmgewaltig. Dabei ist er einem breiten Publikum nicht nur als Liedermacher, sondern ebenso als Schauspieler in den verschiedensten Fernsehproduktionen mehr als vertraut. Lieder wie Willy aus Genug ist nicht genug von 1977 oder sein Sage nein! von 1993 sind heute noch so präsent wie zu ihrer Zeit. Sie stehen wie das Gesamtwerk für ein Programm des gesellschaftlichen und politischen Engagements in der Kunst, dessen Aktualität ungebrochen ist. II. Bemerkenswert ist das künstlerische Werk Konstantin Weckers sicherlich nicht zuletzt durch seine außerordentliche Vielfalt und seine vielen Facetten: Wecker ist Literat, insbesondere Lyriker, er ist Liedermacher, Schauspieler, Musiker und mehr. Das Verzeichnis seines Gesamtwerks ist mehr als beeindruckend.2 So haben sich Studierende im Sommersemester 2018 in Lehrveranstaltungen verschiedener Fachrichtungen und Fächer – Germanistik, Katholische Theologie, Musik, Kunst sowie im Zertifikatsstudiengang Menschenrechtsbildung – aus fachspezifisch jeweils unterschiedlicher Perspektive mit dem Werk Weckers auseinandergesetzt. In einer Präsentation studentischer Arbeiten wurde im Rahmen des Festakts anlässlich der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur an Konstantin Wecker eine Auswahl davon auch vorgestellt. In seiner musikalisch begleiteten Dankesrede hat der Geehrte unter Bezugnahme auf die studentischen Arbeiten zur Frage nach der Rolle des Künstlers in der Gesellschaft Stellung genommen. In der germanistisch-literaturwissenschaftlichen Lehre richtete sich das Interesse am Werk Weckers natürlich besonders auf dessen Lyrik. In einer Modulveranstaltung im lehramtsbezogenen Bachelorstudiengang im Fach Germanistik in der Fachrichtung Neuere deutsche Literaturwissenschaft gewann die Beschäftigung mit dem lyrischen Werk Weckers sogar einen eigenen thematischen Schwerpunkt. Die Fokussierung auf Weckers Lyrik war sicherlich zuerst einmal natürlich vor allem fachbedingt moti- 2 Einen umfänglichen Überblick vermittelt die offizielle Homepage www.wecker.de (Stand: 11.9.2018). Lothar Bluhm 21 viert. Zugleich trug sie der Einschätzung Rechnung, dass Wecker offenkundig eine Persönlichkeit ist, dem „die Lyrik sozusagen angeboren“ scheint, wie Herbert Rosendorfer – selbst ein namhafter Literat und Künstler – im Vorwort einer Sammlung von Gedichten Weckers schrieb.3 Rosendorfer begründet seine Hochschätzung des Lyrikers und Liedermachers Wecker damit, dass dessen „Lyrik […] keine elitäre, keine krampfhaft erarbeitete“ sei und keine „Kopfgeburten“ präsentiere, sondern „Herzblut“, und dass das Werk eine „Symbiose von Herz und Verstand“ zeige.4 Zur Lyrik Weckers gehört, dass das Politische und das Poetische miteinander verbunden sind, mehr noch, dass Poesie als Widerstand gegen politische und gesellschaftliche Fehlentwicklungen verstanden wird.5 Für den Autor gehören Schreiben und Wut eng zusammen. „Schreiben ist Schreien –“, heißt es in einem Gedicht: „kein Flüstern mehr, Freunde. / Wer flüstert, ist schuldig, / bekennt.“6 Der Bekenntnischarakter seiner Literatur und seiner Liedkunst ist authentisch und rebellisch. ‚Schreiben und Schreien‘ laufen oftmals ineins: „Das Wort muss eine Faust sein,“ fasst Wecker in einem kurzen Gedicht sprachlich, formal und gedanklich konzise zusammen: „kein Zeigefinger: / Zuschlagen. / Treffen.“7 Selbst wenn auf der Oberfläche das Politische und Rebellische nicht selten zu dominieren scheint, ist es vom Poetischen nicht zu trennen. Neben dem „wütende[n] Schrei nach Gerechtigkeit“ steht bei Konstantin Wecker untrennbar der „hauchzarte[r] Liebesgesang“ – erneut ein Wort 3 Herbert Rosendorfer: Vorwort. In: Konstantin Wecker: Jeder Augenblick ist ewig. Die Gedichte. München 2012, S. 7. 4 Ebd. 5 Geradezu programmatisch dazu auch der Untertitel der jüngsten Veröffentlichung von Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand. Mit einem Vorwort von Gerald Hüther. Gütersloh 2018. Siehe dazu auch Lothar Bluhm: „Und wenn ich hier über Poesie schreibe, dann als Poet …“. Konstantin Weckers Suche nach dem Wunderbaren. In: Musenblätter. Das unabhängige Kulturmagazin. Hrsg. von Frank Becker. Ausgabe am 26. September 2018 (https://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=23152& neu=1. – Stand: 27.09.2018). 6 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 40 („Schreiben ist Schreien“ aus: Ders.: Ich will noch eine ganze Menge leben. München 1978). 7 Ebd., S. 37 („Das Wort muss eine Faust sein“ aus: Ders., Ich will noch eine ganze Menge leben). Konstantin Wecker lesen 22 Herbert Rosendorfers.8 Wecker ist ein Poet, der „sich sehnt, der träumt, der trauert“, der sich von einer „Sehnsucht nach einer besseren Welt“ leiten lässt, der von „einer Welt der Gerechtigkeit“ und „des Friedens“, der „Humanität“, der „Menschlichkeit“ träumt.9 Vielleicht wird das nirgendwo deutlicher als im Gedicht Ich habe einen Traum, dessen Titel nicht zufällig an Martin Luther Kings große Rede anlässlich des Marschs auf Washington für Arbeit und Freiheit am 28. August 1963 anknüpft. Konstantin Weckers Gedicht ist ein Lied, das 2014 unter dem Eindruck jener Flüchtlingskatastrophe vom Oktober 2013 geschrieben wurde, bei der eine Vielzahl an Menschen, wahrscheinlich über 700, auf ihrer Flucht an der Küste Europas ertrunken sind.10 Die Bilder und Berichte vom großen Bootsunglück vor Lampedusa erschütterten in diesen Wochen die Weltöffentlichkeit und legten Zeugnis ab vom offenkundigen Unwillen und der Unfähigkeit eines sich verschließenden Europa, sich tätig zu seinen eigenen humanitären Grundsätzen zu bekennen. Die Entwicklungen haben sich seitdem bekanntlich nochmals verschärft und so beschreibt Weckers Gedicht und Lied von 2014 einen Traum, der auch heute noch geträumt werden muss: Ich hab’ einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein, alle die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein.11 Die konkrete Utopie wird in der Schlussstrophe noch einmal intensiviert: 8 Rosendorfer, Vorwort, S. 7. 9 Ebd., S. 8. 10 Siehe etwa die Berichterstattung in Spiegel Online vom 6.10.2013: Katastrophe vor Lampedusa: „Meine Freunde konnten nicht schwimmen“ (www.spiegel.de/panorama/lampedusa-katastrophe-der-fluechtlinge-auseritrea-a-926324.html; Stand: 11.9.2018). – Der Artikel ist Teil einer intensiven Berichterstattungskette; siehe in Spiegel Online auch die entsprechenden Artikel vom 3., 4. und 5. Oktober 2013. 11 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 255. Lothar Bluhm 23 Ja ich hab’ einen Traum von einer Welt, und ich träume ihn nicht mehr still: Es ist eine grenzenlose Welt, in der ich leben will.12 Mit derselben Verve wendet er sich gegen die Verdummungsrhetorik, wie man sie in der Migrationsdebatte in der jüngeren und jüngsten Zeit so oft hört. Ein Beispiel für Konstantin Weckers Entgegensetzung bietet sein Eingangsgedicht zu diesem Sammelband: „Und wenn sie euch sagen / das Boot ist voll / wir können keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen / dann antwortet ihnen: / denkt mit dem Herzen.“13 Mit dieser Empfehlung steht Wecker nicht allein: „Mit dem Herzen denken“, rieten schon der Dalai Lama14 und viele andere, ebenso wie Antoine de Saint-Exupery seinen kleinen Prinzen sagen ließ, dass man nur mit dem Herzen sehe, weil das Wesentliche für die Augen unsichtbar sei. Konstantin Weckers Wachheit für das Humane und sein Eintreten für ein Miteinander in Menschlichkeit ist über die Jahre dauerhaft konstant geblieben. Auch auf den erneuten Stimmungsumschwung und den offenen wie verdeckten gesellschaftlichen Rechtsruck, der die letzten Jahre kennzeichnete und der die Veränderungen der politischen Landschaft und des kulturellen Klimas in Deutschland und Europa seitdem begleitet hat, reagierte Konstantin Wecker mit der seinem Protest eigenen Poesie und Wut. Dabei wird er immer mehr ein – noch einmal in den Worten Herbert Rosendorfers von 2012 – „zorniger Prophet“ und erinnert dabei an die „kompromisslosen Rufer in der Wüste, von denen die Bibel spricht“.15 Rosendorfers Hochschätzung des Lyrikers Wecker ist verbunden mit dem Aufruf, vor dem ‚Rufer in der Wüste‘ die Ohren nicht zu verschließen: „Konstantin Wecker ist ein Wacher“, schreibt er, er ist „ein Wächter, wir tun gut daran, auf ihn zu hören.“16 Doch ist sich Rosendorfer der biblisch bezeugten Vergeblichkeit des warnenden Prophetenworts ohne Zweifel bewusst, so dass dem Aufruf sicherlich auch ein Moment der Resignation eingeschrieben ist. 12 Ebd., S. 256. 13 Siehe dazu auch Konstantin Wecker: Dann denkt mit dem Herzen. Ein Aufschrei in der Debatte um Flüchtlinge. Gütersloh 2016. 14 Dalai Lama: Mit dem Herzen denken. München 1997. 15 Rosendorfer, Vorwort, S. 8. 16 Ebd., S. 9. Konstantin Wecker lesen 24 Jenseits allen gesellschaftlich-politischen Protests gehört zu Weckers poetologischem Selbstverständnis ein starkes literaturgeschichtliches Traditionsbewusstsein. Im Horizont einer modernen Poetologie ist Poesie für ihn Literatur aus Literatur. Weckers Poesie zeigt vielfältige Bezüge zur Lyrik insbesondere der Romantik, vornehmlich eines Novalis, und der ästhetischen Moderne zwischen Rilke und den Expressionisten Trakl und Heym. In einem früheren Gedicht Über die Dichter erzählt eine Stimme, in der man mit dem notwendigen Vorbehalt, der für jede poetische Selbstaussage gelten muss, durchaus Konstantin Wecker selbst hören kann, vom Vertrag der Dichter mit den Göttern. Sie sind nun mal ganz gut angesehen da oben, haben Kredit, führen andere Gespräche So ganz gefahrlos ist das Gespräch mit den Göttern für die Dichter in Weckers Gedicht indes nicht – sie können stürzen, und sie „stürzen tiefer“,17 wie das Schicksal so mancher Dichterexistenz belegt. Ihnen bleibt über das überlieferte Wort gleichwohl der sichere Kontakt untereinander sowie zu ihrer Leserschaft. Im Sehnsuchtsbild des lyrischen Ichs spazieren die den Göttern nahen Dichter vergangener Zeiten „draußen in Wäldern rum und werfen / sich die Worte zu.“18 Das Gedicht mündet im Wunsch und der Hoffnung, von der göttlichen Kraft des Dichterwortes profitieren zu dürfen, wobei auch ein Stück Selbstgewissheit zu hören ist: „Irgendwann / werden sie mir schon auch ein paar / rüberschicken.“19 Für die Leserschaft von Weckers Gedichten und die Hörer seiner Lieder werden diese ‚Göttergeschenke‘ nicht zuletzt im Prozess der produktiven Rezeption und im intertextuellen Spiel vielfältig greifbar. III. Die Beschäftigung mit Konstantin Weckers lyrischem Werk im Sommersemester 2018 in einer literaturwissenschaftlichen Modulveranstaltung im 17 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 60 („Über die Dichter“ aus: Ders.: Man muss den Flüssen trauen. München 1980). 18 Ebd. 19 Ebd., S. 61. Lothar Bluhm 25 lehramtsbezogener Bachelorstudiengang des Fachs Germanistik stand im Zeichen des produktiven Dialogs. Auf der Grundlage arbeitsseminaristischer Vertiefungen in Weckers Lyrik setzten sich im Rahmen eines handlungs- und produktionsorientierten Projektunterrichts mehrere Arbeitsgruppen selbstständig mit ausgewählten Themenschwerpunkten auseinander. Im Blickpunkt standen insbesondere Weckers poetische Auseinandersetzungen mit Geschichte und Politik sowie seine Romantik- und im engeren Sinne seine Novalis-Rezeption. Ziel war die Initiierung produktiver Rezeptionen, die unter Nutzung verschiedener Medien von den Lehramtsstudierenden mit Blick auf mögliche Vermittlungen in einem schulischen Raum auszuarbeiten waren. Aus den Arbeitsprojekten sollen in der Folge quasi als eine Form des Werkstattberichts einige Dokumente solcher produktiven Auseinandersetzung der Studierenden mit dem Werk Konstantin Weckers schlaglichthaft vorgestellt werden. Zu den studentischen Projektarbeiten gehörten mehrere Videoclips zu Weckers Liedern Absurdistan und zu Uferlos, eine mit einem Rap unterlegte Auseinandersetzung mit rechter Hetze und Propaganda unter dem Titel „Gib Parolen keine Chance“, ein Comic „Tim sagt Nein!“, ein Audio zu Novalis und Wecker, verschiedene essayistische Annäherungen an Werk und Persönlichkeit Weckers, ein Poster zum romantischen Konzept einer Poetisierung der Welt, die szenische Inszenierung eines Gesprächs zweier Aufklärer über das soeben gelesene Novalis-Gedicht Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sowie eine Reihe von Fortschreibungen von Weckers produktiver Rezeption dieses bekannten Novalis- Gedichts. Auf eine Mehrzahl der produktiven Rezeptionen, etwa die Videoclips, die sich als bevorzugtes Medium in der produktiven Auseinandersetzung mit Weckers Werk erwiesen, kann aus ganz praktischen Gründen hier nicht eingegangen werden, so sehr sie es verdienten. Wenigstens ein kurzes Filmstill sei beispielhaft gezeigt: Konstantin Wecker lesen 26 Abb. 1: Filmstill aus dem Videoclip „Gib Parolen keine Chance“ (2018) Der Videoclip setzt handlungsorientiert Weckers Lied von 2017 Den Parolen keine Chance um,20 mit dem der Liedermacher auf den aktuellen Rechtspopulismus reagiert und dessen unheilvolle Tradition mit Strophen wie den folgenden in Erinnerung ruft: Volk, Nation und Vaterland sind ihr krudes Kampfgebrüll alles was dadurch verbrochen war doch längst entsorgt im Müll. […] Kriege mit Millionen Toten haben sie uns eingebracht Folter, Mord und Diktaturen Siegeszug brutaler Macht. 20 https://www.wecker.de/de/weckers-welt/start_entries/20/item/757-Den- Parolen-keine-Chance.html (Stand: 20.09.2018). Lothar Bluhm 27 Dagegen wird der Traum von einer „herrschaftsfreien Welt“ und einem menschlichen Miteinander gesetzt. Das Lied schließt mit einer Handlungsaufforderung: „Lasst uns jetzt zusammen stehen / es bleibt nicht mehr so viel Zeit“, die im Videoclip aufgenommen und praktisch umgesetzt wird. Das Video zeigt – im Rhythmus eines Rap –, wie sich Studierende für Aufklärung und die Offenlegung der in der rechtspopulistischen Propaganda kaum verdeckten Inhumanität einsetzen. Das Standbild unterstreicht, wie sehr Weckers Lied Sage nein! von 1993 in den Vordergrund des studentischen Interesses getreten ist. Der Aufruf steht im Zentrum der Aufklärungsaktionen. Die besondere Aufmerksamkeit für das Lied lässt sich erst einmal ohne Zweifel damit erklären, dass es musikalisch „äußerst wirkungsvoller ‚Art-Pop‘“21 ist, hängt sicherlich aber auch mit der protestkulturellen und intertextuellen Dimension des Textes zusammen, der „einerseits an ein gleichnamiges Gedicht des Nachkriegsschriftstellers Wolfgang Borchert“, andererseits an „eines der Mottos der Münchner Lichterkette gegen Fremdenfeindlichkeit“ vom 6. Dezember 1992 anknüpft.22 Vor allem hängt es aber mit der gesellschaftspolitischen Aktualität gerade in unseren Tagen zusammen, auf die eine aufgeklärte junge Generation wach, sensibel und mit der notwendigen Entgegensetzung reagiert. Verse wie die folgenden aus Weckers Lied beschreiben eben auch Gegenwart – und fordern zur Aktion auf, sie stehen für das von Wecker vertretene poetologische Programm der „Poesie als Mittel zum Widerstand“.23 21 Roland Rottenfußer: Ein Hauptwerk und eine Mammut-Tournee. In: Konstantin Wecker mit Günter Bauch und Roland Rottenfußer: Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biographie. Gütersloh 2017, S. 205-216, hier S. 210. 22 Ebd. – Bezugspunkt von „Sag Nein!“ ist Wolfgang Borcherts Prosatext von 1947 Dann gibt es nur eins! Ders.: Das Gesamtwerk. Erweiterte und revidierte Neuausgabe. Reinbek 2007, S. 527-530. Es handelt sich nicht nur um den sicherlich bekanntesten Text des Nachkriegsschriftstellers; das Leitmotiv „Sag NEIN!“ ist ein in der Folge vielfältig aufgenommenes und zitiertes protestkulturelles Programmwort in Deutschland geworden. Eine Textstelle aus Dann gibt es nur eins! unter dem Leitwort „Sag NEIN!“ findet sich auch auf einer Tafel am Eppendorfer Marktplatz in Hamburg-Eppendorf. 23 Konstantin Wecker: „Die Dinge singen hör ich so gern“. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 41-46, hier S. 46. Konstantin Wecker lesen 28 Wenn sie jetzt ganz unverhohlen wieder Nazi-Lieder johlen, über Juden Witze machen, über Menschenrechte lachen, wenn sie dann in lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönen, denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen, dann steh auf und misch dich ein: Sage nein!24 Roland Rottenfußer, der mit dem Autor befreundete Redakteur des ‚Magazins für Kultur & Rebellion‘ „Hinter den Schlagzeilen“25 und Mitautor von Konstantin Weckers Biographie Das ganze schrecklich schöne Leben, bringt es wohl auf den Punkt, wenn er von der „aufwiegelnde[n] Kraft“ des Liedes spricht und dem Vermögen, die Hörer zu einer „Entrüstungsgemeinschaft“ zusammenzuschweißen.26 Mit Blick auf das studentische Interesse gerade an diesem Text und Lied und die handlungsorientierte Umsetzung im Medium eines Videoclips findet sich Rottenfußers Rede zumindest indirekt bestätigt. Als handlungs- und produktionsorientiertes Mittel im schulischen Bereich eignet sich die Form des Videoclips – seine Verwendung wie seine Produktion – natürlich in besonderer Weise für den Sekundarbereich. Eher an den Primarbereich dachten die Studierenden bei der Anfertigung des Comics „Tim sagt NEIN!“. 24 https://www.wecker.de/de/musik/album/1-Uferlos/item/29-Sage-Nein- 1993.html (Stand: 20.09.2018). S.a. Rottenfußer, Ein Hauptwerk und eine Mammut-Tournee, S. 211. 25 www.hinter-den-schlagzeilen.de (Stand: 11.09.2018). 26 Ebd. Lothar Bluhm 29 Abb. 2: Comic „Tim sagt Nein!“ von Yade Goekhan und Caroline Seelinger (2018) Erzählt wird in einer Bildfolge von drei Sequenzen vom Rückblick eines Großvaters auf das Terrorregime des 3. Reichs und den Widerstand dagegen in einer Gute-Nacht-Geschichte für den Enkel. Aufgerufen werden die Erinnerungen an die Judenverfolgung und den Holocaust (Abb. 3) sowie an den Protest der ‚Weißen Rose‘ in Hamburg und München (Abb. 4). Hans und Sophie Scholl sowie Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn werden als Mitglieder der Widerstandsgruppen genannt und der zuhörende Tim wird als Urenkel von Hans Leipelt und Marie-Luise Jahn eingeführt.27 Die Bilderzählung mündet im Wunsch des Enkels, das Andenken an den Mut und den Widerstand der Urgroßeltern zu bewahren und ihrem Beispiel auch im eigenen Leben zu folgen: „Und so schlief Tim ein und er träumte von seinen Urgroßeltern und wie sie immer und 27 Siehe dazu aus der ‚Bibliothek der Erinnerung‘ Band 10: Marie-Luise Schultze-Jahn (unter Mitarbeit von Anne Barb-Hertkorn): … und ihr Geist lebt trotzdem weiter! Berlin 22004. Konstantin Wecker lesen 30 immer wieder NEIN! sagten und er nahm sich vor bei jedem Mal, wenn er Ungerechtigkeit sehe ganz laut NEIN! zu sagen.“ (Abb. 5). Abb. 3-5: Comic „Tim sagt Nein!“ von Yade Goekhan und Caroline Seelinger (2018) Auffällig sind die Märchenanklänge im Eingang der Bilderzählung, mittels der die Verfasserinnen ebenso wie mit der Kinderperspektive den Rezeptionsvorlieben von Schülerinnen und Schülern im Primarbereich Rechnung zu tragen suchen. Ebenso wie im Video-Clip ist in diesem Lothar Bluhm 31 Comic das Leitmotiv „Sage Nein!“ unübersehbar. Der Themenwahl und nicht zuletzt diesem Schluss eingeschrieben ist ohne Zweifel auch die produktive Auseinandersetzung der Arbeitsgruppe mit Weckers 1983 erstveröffentlichtem Lied und Gedicht Die Weiße Rose. „Laut schreien kann ich sehr gut“, verspricht Tim seinem Großvater am Schluss der Comicerzählung und erinnert damit an die Abschlussverse von Weckers Gedicht über die Widerstandsgruppe: „ihr habt geschrien, wo alle schwiegen – / es geht ums Tun und nicht ums Siegen!“28 Neben der poetischen Auseinandersetzung Weckers mit Geschichte und Politik stand im Seminar seine poetische Rezeption der Romantik im Blickpunkt des studentischen Interesses. Ein besonderer Fokus kam Weckers intensiver Auseinandersetzung mit Novalis und ausdrücklich mit dessen Gedicht Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren zu. Ausgangspunkt war Weckers entsprechende Adaption und Weiterschreibung dieses romantischen Programmgedichts: Novalis Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen, wenn die so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen, wenn sich die Welt ins freie Leben und in die Welt wird zurückbegeben, wenn dann sich wieder Licht und Schatten zu echter Klarheit werden gatten und man in Märchen und Gedichten erkennt die wahren Weltgeschichten, dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort. Erst wenn Gedichte und Geschichten das Herz wieder gerade richten, wenn wir den eignen Melodien nicht mehr so hilflos taub entfliehen, wenn nicht das Streben nach Gewinn des Lebens kläglich karger Sinn und wir an Zins und Dividenden keinen Gedanken mehr verschwenden, 28 Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 137f., hier S. 138. Konstantin Wecker lesen 32 wenn die so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen, dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.29 Dem Text ist ein Postskript angefügt, das den Bezug zum romantischen Gedicht und dessen Bedeutung für den Spurengänger Wecker noch einmal unterstreicht: „Mit Dank an Novalis“. Weckers Gedicht ist eine Weiterschreibung. Das Novalis-Gedicht bildet die erste Strophe.30 Man wird die Übernahme weniger als Zitat verstehen dürfen, sondern als Einverleibung. Das Gesamtzeugnis des Romantikers wird integraler Bestandteil des eigenen Textes. Dieses amalgamierende Verfahren begegnet in Weckers Lyrik häufig, ein wenig komplexer gestaltet etwa in Der Krieg – „Mit Dank an Georg Heym“31 – oder versteckt in Ohne Warum (sunder warumbe), das an Meister Eckhart, vor allem aber ganz unmittelbar an eine Spruchdichtung des schlesischen Mystikers Angelus Silesius anknüpft.32 Als Lied gehört das Gedicht Novalis zum Standardrepertoire Wecker’scher Konzerte. Man wird dem Gedicht sicherlich einen Bekenntnischarakter zuerkennen dürfen. Eine Einordnung versucht Roland Rottenfußer: Ein Romantiker ist Wecker immer schon gewesen, wenn auch selten so explizit wie hier im Novalis-Lied. Nicht nur seine intensive Rezeption der Klänge Puccinis, Verdis, Schuberts oder Schumanns, der Gedichte von Eichendorff und anderen machen ihn dazu. Auch sein radikal ‚subjektives‘ Programm der schöpferischen Selbstentfaltung der Seele, sein Drang zur Auflösung aller Formen und Normen, zum Transzendieren und Sich-Verströmen, zum Schrankenlosen, Geheimnisvollen und Wunderbaren. Wecker ist der Sänger der veränderten 29 Ebd., S. 260. 30 Siehe Novalis: Werke. Herausgegeben und kommentiert von Gerhard Schulz. München 2001, S. 426. 31 Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 261f. 32 Ebd., S. 257. Siehe dazu Angelus Silesius (Johannes Scheffler): Cherubinischer Wandersmann. Kritische Ausgabe. Hrsg. von Louise Gnädinger. Stuttgart 1985, S. 69 (Buch 1, 289: Ohne warumb): „Die Ros’ ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet // Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.“ Lothar Bluhm 33 Bewusstseinszustände, der Zwischenwelten aus Rausch, Ahnung und Traum, die das fokussierte rationale Bewusstsein gleichsam immer umlagern – als Verheißung und als Gefahr. Schon darin ist er Romantiker.33 Das ‚geheime Wort‘ aus dem Novalis-Gedicht, das Wecker in seiner Weiterdichtung so augenfällig aufnimmt und parallel an den Schluss der eigenen Strophe stellt, hebt auf das dichterische Wort und seine wirklichkeitserschließende Kraft ab und stellt eine wichtige Kategorie in Weckers poetischer Poetologie dar.34 Nicht nur die poetologische Bedeutung, sondern auch das Phänomen, dass Konstantin Wecker seine eigene Weiterdichtung bei späterer Gelegenheit nochmals um eine Strophe ergänzt hat, 35 motivierte eine Reihe der Studierenden im Rahmen einer eigenen produktiven Rezeption, Fortschreibungen vorzunehmen, von denen eine exemplarisch angeführt sein soll: Wenn doch in unserm Weltgetriebe dies Lied nicht auf der Strecke bliebe! Wenn wir uns statt uns abzuhetzen mit Liedern auseinandersetzen, wenn wir uns ab und zu verschenken und nicht mehr an uns selber denken, wenn wir uns nicht mehr täuschen lassen, den Wert der Liebe ganz erfassen, wenn das, was wirklich zählt im Leben, wird unser Wollen, unser Streben, 33 Roland Rottenfußer: „Ohne Warum“: Mystik und Widerstand. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 351-356, hier S. 353. 34 Sehr abgewogen und feinsinnig Walter Hinck zur Tradition des Novalis- Gedichts: „Im Zeitalter totaler Technisierung und Überflutung durch statistische Daten wie dem unseren kann solche Reaktion mit neuem Verständnis rechnen. Das Vertrauen in die Erlösungskraft ‚Eines geheimen Wortes‘ freilich ist geringer, die Skepsis gegen die Erwartung einer von allem ‚verkehrten Wesen‘ befreiten ‚goldenen Zeit‘ stärker geworden.“ Ders.: Das eine geheime Wort. In: Stationen der deutschen Dichtung. Von Luther bis in die Gegenwart – 100 Gedichte mit Interpretationen. Göttingen 22001, S. 78. 35 https://www.wecker.de/de/musik/album/325-Ohne-Warum/ start_entries/10/item /358-Novalis.html (Stand: 20.09.2018). Konstantin Wecker lesen 34 dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort. (Text: Astrid Biegert; 2018) Bereits formal greifbar ist der Anschluss an Weckers Weiterschreibung – die Anzahl der Verse, der Rhythmus und der Versfall sowie die Zitation der programmatischen Schlussverse des Novalis-Gedichts sind augenfällig. Der Aufruf zu einer Umkehr ist fortschreitend individualisiert, bewegt sich aber unverkennbar im Horizont von Weckers Weiterschreibung. IV. Der Werkstattbericht wollte einen Einblick in die produktive Rezeption und Auseinandersetzung von Lehramtsstudierenden im Bachelorstudiengang der Fachrichtung Germanistik vermitteln, die sich mit dem Werk des Poeten und Liedermachers Konstantin Wecker auseinandergesetzt haben. Ein Werkstattbericht ist immer etwas Unfertiges und Ausschnitthaftes. Vorgestellt und eingeordnet wurden einige wenige Dokumente, die ihrerseits nur eine Station im Prozess der produktiven Rezeption und der weiteren Wissens- und Kompetenzaneignung markieren. Das Spezifische bestand nicht zuletzt darin, dass im Horizont eines handlungs- und produktionsorientierten Unterrichtskonzepts nach Wegen gesucht wurde, Vermittlungsformen für die und in der Schule zu erproben. Sichtbar geworden ist aber auch das starke Interesse an der Verbindung von Kunst und Politik. Das Einspruchsvermögen der Kunst in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist nach wie vor gefragt. 35 Konstantin Wecker hören Notizen zur Musikanschauung eines Poeten, Sängers und Komponisten Achim Hofer 1. Einleitung „[…] wir tun gut daran, auf ihn zu hören.“ Der im vorangegangenen Beitrag („Konstantin Wecker lesen“) von Lothar Bluhm zitierte Satz Herbert Rosendorfers erscheint wie eine passende Überleitung zum hier vorliegenden Aufsatz, auch wenn es nicht um das musikalische Hören geht, das doch der Titel „Konstantin Wecker hören“ impliziert. Auf Wecker zu hören aber setzt voraus, ihn gehört zu haben, wenn er sich Gehör verschafft hat. Manche werden dabei hellhörig, aber natürlich gibt es auch Menschen, die das, was sie von ihm gehört haben, unerhört finden (und dann mitunter aufhören, ihn – oder auf ihn – zu hören). Solcherlei Bedeutungen um den Begriff des Hörens gehen etymologisch zurück auf unsere Ohren als eines der Sinnesorgane, die uns den Zugang zur Welt ermöglichen. Die musikalischen und nicht-musikalischen Konnotationen des Hörens bilden gleichsam die Folie für die nachfolgenden Ausführungen. Denn weder kann Konstantin Wecker ausschließlich in einem engeren Sinne „musikalisch“ gehört werden, etwa beim Vortrag seiner Gedichte (obgleich der Musiker Wecker auch vom „Rhythmus und den Melodien der Poesie“1 spricht), noch ist das Zu- Hören auf seine Lieder beschränkt. Und wenn Wecker den Protagonisten seines Romans Der Klang der ungespielten Töne sagen lässt, ein 1 Konstantin Wecker: „Das Wasser hat mich gesucht, bevor ich ein Dürstender war“. In: Konstantin Wecker mit Günter Bauch und Roland Rottenfußer: Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biographie. Gütersloh 2017, S. 310-317, hier S. 311. 36 Konstantin Wecker hören „Schweigen“ sei für ihn „unüberhörbar“2 gewesen, und er, Wecker, bekennt, es sei ja „überhaupt schwer, über Musik zu sprechen“3 (was er aber vielfach getan hat), dann wird vollends deutlich, dass man dem Thema des vorliegenden Beitrags nur gerecht werden kann, wenn man sich die ,musikalische Biographie‘ Weckers, seine Anschauungen über die Musik und seine Haltung zur Musik vergegenwärtigt. Insoweit möchten die „Notizen zu Weckers Musikanschauung“4 mit Facetten bekannt machen, die das verkürzte Bild vom vermeintlichen ,Liedermacher‘ etwas zurechtrücken, schätzt doch Wecker selbst die Bezeichnung „Liedermacher“ nicht sonderlich. Sie wirke, so sagt er, „wie ein Stempel, den man aufgedrückt bekommt“5 oder wie ein „Etikett“: „Da stellt man sich jemanden vor, der vier Harmonien zur Gitarre zupft – auch wenn ich das nie gemacht habe.“6 Vielmehr definiert sich Konstantin Wecker primär als Musiker: „Während viele Liedermacher vom Text kommen und irgendwann mal zur Gitarre gegriffen haben, bin ich von meiner Kindheit an mit Musik, mit klassischer Musik, groß geworden.“7 Was sich dahinter verbirgt, ist vielfach von ihm selbst und von anderen beschrieben worden, darunter insbesondere die Begegnung mit ,klassischen‘ Werken durch seinen Vater, mit dem er gemeinsam Schu- 2 Konstantin Wecker: Der Klang der ungespielten Töne. Roman. Neuauflage. Gütersloh 2017, S. 91. 3 „Sobald ich ein Bild sehe, stellt sich bei mir etwas ein.“ Konstantin Wecker im Gespräch mit Béatrice Ottersbach. In: Filmmusik-Bekenntnisse, hrsg. von Béatrice Ottersbach und Thomas Schadt, Konstanz 2009 (= Praxis Film, Bd. 55), S. 181-191, hier S. 189. 4 Ohne den Eindruck erwecken zu wollen, ich stimmte mit allen musikalischen Ansichten Weckers überein (was ihm vermutlich ohnehin nicht recht wäre), ist hier nicht der Raum für ins Detail gehende Diskussionen. Um wenigstens ein Beispiel zu geben: Wecker („Das Wasser hat mich gesucht“, S. 316) hörte 2003, wie in Bagdad ein Orchester versuchte, Mozart zu spielen – falsch und mit zu wenigen und verstimmten Instrumenten. Aber „sie konnten […] Mozart nicht kaputtspielen, ach, was sag ich: Sie adelten ihn, sie spielten den wahrhaftigsten Mozart, den ich jemals gehört hatte, ehrlich, leidenschaftlich, ohne Gage […].“ Man versteht, was Wecker damit sagen will, und doch kann ich dieser ,Überhöhung‘ nicht folgen (es sei denn, sie ist ,poetisch‘ gemeint, um dem, was Wecker sagen will, Nachdruck zu verleihen). 5 Konstantin Wecker im Gespräch mit Béatrice Ottersbach, S. 189. 6 Ebd. 7 Ebd., S. 181. Achim Hofer 37 bert’sche Lieder und vor allem Auszüge bzw. Duette aus italienischen Opern (Puccini, Verdi) sang. Obgleich Wecker seine berufliche Zukunft zunächst im Bereich der ,klassischen‘ Musik sah (er studierte einige Semester Gesang an der Münchner Musikhochschule, aber sein Wunsch war, Dirigent zu werden), nahm sein musikalischer Werdegang doch einen anderen Verlauf. Gleichwohl profitierte er von der ,klassischen Grundlegung‘ sein Leben lang, denn sie beeinflusste nicht nur sein musikalisches Schaffen („Die musikalische Prägung meiner Kindheit ist ein Füllhorn, das ich immer ausschütten kann“8), sondern auch sein Denken über die Musik und das Hören, vielleicht, wie es scheint, mit zunehmendem Alter ,tiefer‘ und intensiver. 2. Zum Stand der Forschung Dass sich auch wissenschaftlich über Musik ungleich schwerer als über Poesie schreiben lässt, findet seinen Niederschlag in Arbeiten über Konstantin Wecker, denn Sie kommen, soweit es sie gibt,9 zumeist aus der Germanistik10 und befassen sich auch dann kaum mit musikalischen Aspekten von Konstantin Weckers künstlerischem Schaffen, wenn ihre Titel es erwarten lassen. Genannt sei etwa die umfangreiche Dissertation Pop and Poetry – Pleasure and Protest. Udo Lindenberg, Konstantin Wecker 8 Ebd., S. 182. 9 Man fühlt sich – ausgehend von Weckers Selbstbild als „Bänkelsänger“ (Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 313) – erinnert an eine schon fast 40 Jahre alte Bemerkung Werner Schneyders, die gleichwohl Annette Blühdorn noch ihrem Buch (siehe Fußnote 11) als Motto voranstellt: „Gebrauchslyriker, Chansonschreiber, Bänkelsänger werden im deutschen Raum nur selten, ungern und immer mit Vorbehalt als Vertreter einer legitimen Sparte der Dichtkunst anerkannt. Zu mächtig ist die Germanistenlobby der Orakelkacker.“ Werner Schneyer: Erich Kästner. Ein brauchbarer Autor. München 1982, S. 68. 10 Es sind überdies außerhalb Deutschlands entstandene Arbeiten, etwa Inke Pinkert-Saeltzer: „Immer noch werden Hexen verbrannt“. Gesellschaftskritik in den Texten Konstantin Weckers. Bern u.a. 1990 (= New York University Ottendorfer Series, Bd. 37). Siehe auch die zwei folgenden Fußnoten. 38 Konstantin Wecker hören and the Tradition of German Cabaret (2003) von Annette Blühdorn,11 die auch in ihrer nur auf Wecker bezogenen Folgestudie Konstantin Wecker: Political Songs between Anarchy and Humanity (2007) 12 vor allem die Liedtexte thematisiert. Dass sich auch der Germanist Volker Mertens einmal mit Wecker befasste, mag an der Verbindung zu einem seiner ,eigentlichen‘ Forschungsgebiete, dem Minnesang, liegen; in seinem Aufsatz Möglichkeiten und Grenzen einer aufführungsbezogenen Interpretation des Minnesangs: Konstantin Wecker singt Walthers „Lindenlied“ 13 (2009) sieht er Parallelen insbesondere in der Aufführungspraxis (dazu unten). Vonseiten der musikwissenschaftlichen Disziplinen ist das Ergebnis noch ernüchternder, obgleich sich das Fach heute ausnahmslos allen musikalischen Erscheinungen und ihren Kontexten widmet. Christoph Specht14 befasst sich, neben Werken anderer Autoren, mit dem Musical Ludwig,2 das Wecker allerdings nur in Verbindung mit zwei anderen Musikern schrieb, so dass Roland Rottenfußer in einem Beitrag zur Wecker- Biographie resümierte, Weckers Musical-Schaffen sei zwar ambitioniert, aber auch etwas „,zerfahren‘“ gewesen: „Mal hier ein halbes Musical, mal dort drei Songs zu einem Bühnenprojekt oder sieben für ein Kinderspektakel, aber nie das ganz große Werk aus einem Guss.“15 (Urteile wie dieses in der eigenen publizierten Biographie zuzulassen, macht sie umso glaubwürdiger, geht es Wecker doch darum, als Mensch, der er ist, mit 11 Annette Blühdorn: Pop and Poetry – Pleasure and Protest. Udo Lindenberg, Konstantin Wecker and the Tradition of German Cabaret. Oxford u.a. 2003 (= German Linguistic and Cultural Studies, Bd. 13). 12 Annette Blühdorn: Konstantin Wecker: Political Songs between Anarchy and Humanity. In: Protest Song in East and West Germany since the 1960s, hrsg. von David Robb, Rochester NY u.a. 2007 (= Studies in German Literatur, Linguistics, and Culture), S. 169-198. 13 Volker Mertens: Möglichkeiten und Grenzen einer aufführungsbezogenen Interpretation des Minnesangs: Konstantin Wecker singt Walthers Lindenlied. In: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture, 54. Jg., Freiburg 2009 (= Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg [ab 2014: Zentrum für Populäre Kultur und Musik]), S. 63-88, hier S. 75. 14 Christoph Specht: Das neue deutsche Musical. Musikalische Einflüsse der Rockmusik auf das neue deutsche Musical, Berlin 2009 (= Potsdamer Forschungen zur Musik und Kulturgeschichte, Bd. 1), S. 106–151 und S. 211– 216. 15 Roland Rottenfußer: „Oh, die unerhörten Möglichkeiten“. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 269-277, hier S. 276f. Achim Hofer 39 allen Unvollkommenheiten, Fehlern und Unzulänglichkeiten, aber auch mit dem, was er kann – sprich: authentisch und ,ehrlich‘ – zu erscheinen.) Als eine Art Pionierleistung im Hinblick auf das Desiderat einer musikwissenschaftlichen Beschäftigung mit Konstantin Wecker kann die im Herbst 2018 an der Universität Würzburg beendete Abschlussarbeit von Raphael Hußl angesehen werden: Einflüsse und Vorbilder im künstlerischen Schaffen von Konstantin Wecker.16 Der Autor hat eine schier unglaubliche Detailkenntnis von Weckers Musikschaffen. Verdienstvoll ist die gründlich verfasste Studie deshalb, weil sie nicht einfach mehr oder weniger Bekanntes referiert, sondern versucht, die thematisierten Einflüsse (darunter solche des familiären Umfelds und der Eltern, von Komponisten wie Giacomo Puccini, Carl Orff, Franz Schubert, von Liedermachern wie Franz Josef Degenhardt, Georg Kreisler, Hanns Dieter Hüsch, Hannes Wader, von populären Musikstilen und „Weltmusik“) anhand des Notentextes (25 Ausschnitte) und der erklingenden Musik (81 Musikbeispiele auf CD) konkret zu belegen und auch erfahrbar zu machen. Beispielsweise findet der von Wecker verehrte Puccini („Wer noch nie bei Puccini geweint hat, kann nicht zur menschlichen Spezies gezählt werden.“17) Berücksichtigung in Niemals Applaus (Für meinen Vater). Es gehört „zu einer besonderen Art von Stücken innerhalb des Wecker’schen Liederkanons, nämlich der des gesprochenen Gedichts, das 16 Raphael Hußl: Einflüsse und Vorbilder im künstlerischen Schaffen von Konstantin Wecker. Abschlussarbeit zur Erlangung des Akademischen Grades Bachelor of Arts an der Universität Würzburg, 2018 (unveröffentlicht). Für die Überlassung einer Kopie sei Herrn Hußl herzlich gedankt, ebenso Herrn Prof. Dr. Friedhelm Brusniak, der mich als Betreuer der Arbeit auf diese Studie aufmerksam machte. – Es fällt im Übrigen auf, dass sich die wissenschaftliche Literatur aus musikalischer Perspektive vor allem in unveröffentlichten (Abschluss-)Arbeiten dokumentiert. Hußl nennt vier weitere, die sich im Archiv Wecker (München) befinden: Hannes Potthoff: Konstantin Wecker. Versuch über den Zusammenhang von Leben und Lied (1995); Corinne Scheidt: Konstantin Wecker: Entre dieux et démons. Un artiste et son œuvre (Strasbourg 1997); Stefan Stückler: Konstantin Wecker. Eine Auseinandersetzung mit Leben und (Lied-)Schaffen (Graz 1998); Julian Johannes: Konstantin Weckers Carmina Bavariae. Ein Werk aus dem Geist Carl Orffs? (Linz 2016). 17 So der Protagonist in Weckers ,musikalischem‘ Roman Der Klang der ungespielten Töne, S. 23. 40 Konstantin Wecker hören musikalisch untermalt wird von einem Werk aus der Kunstmusik, das in nahezu unveränderter Form wiedergegeben wird.“18 In diesem Fall ist es das von Cello und Klavier gespielte „Nessun dorma“ aus Turandot. Wo Hußl an einzelnen Stellen Ähnlichkeiten im Notentext von Wecker einerseits und Puccini, Orff und Schubert andererseits aufzeigt, ist ein daraus gefolgerter Einfluss mitunter spekulativ, was dem Autor aber bewusst ist, wenn er etwa schreibt, die aufgezeigten Parallelen seien „zwar keine eindeutigen Beweise für einen Einfluss Puccinis, da ähnliche Merkmale in einer Vielzahl verschiedener Musikarten auftauchen, jedoch Hinweise auf die Möglichkeit, dass Puccinis Musik Wecker weitaus mehr beeinflusst haben könnte, als es auf den ersten Blick erkennbar ist.“19 Gleichwohl geht es hier erstmals in einer recht großen Breite primär nicht um die Texte, sondern um die Musik. Eine Analyse des Zusammenhangs von Text und Musik, die sich als musikwissenschaftlich versteht, hätte darüber hinaus die verschiedenen Formen der Darbietung, der ,Inszenierung‘ mit einzubeziehen, zum Beispiel jene, die Wecker im Kontext von Improvisationen beschreibt (s.u.) oder eine solche, wie sie Mertens in einem Vergleich von Weckers Lied Der Lindenbaum mit dem Minnelied Under der Linden thematisiert: „Die ,Aufführungsform‘ des Minnesangs […] ist nicht eine Zutat zum Lied […], keine ,Zweitverwendung‘ des Gedichts, sondern die eigentliche ,Existenzform‘ des ,Werkes‘ Lied. Da jede Realisierung einmalig ist, gibt es keine feste Werkgestalt. […] Im Rahmen der Konventionen sind die Stimm- und Auftrittsdramaturgie situativ variant; das ermöglicht die mehr oder weniger intensive Realisierung von Spannungsverhältnissen zwischen Autor-Ich und Singer-Ich und der Gesellschaft. Dem Sänger (dem Körper des Sängers) als Träger der ‚Aufführung‘ kommt die Bedeutung eines ,zweiten Autors‘ zu.“20 3. Himmlische Melodien und ,absichtslose‘ Improvisation Einzelne Gedanken des bereits oben genannten Romans, auf den im nächsten Abschnitt noch einzugehen ist, sind – vor allem in seinen autobiographischen Teilen – zweifellos dem Leben, Er-Leben, Komponieren 18 Hußl, Einflüsse und Vorbilder, S. 21. 19 Ebd., S. 22. 20 Mertens, Konstantin Wecker singt Walthers Lindenlied, S. 75. Achim Hofer 41 und Musizieren seines Autors entsprungen, allen voran seine Vorstellungen von Melodien. Das Melodische Die „ersten Begegnungen mit dem Wunderbaren, Unbegreiflichen, nicht zu Benennenden“ erlebte Wecker, wie er sagt, „wenn mich Melodien überfielen und ich mich in diesem Rausch aus der Zeit fallen lassen durfte.“21 Nicht er suchte nach Melodien, sondern sie suchten ihn auf, „plötzliche Zu-Fälle“, deren Herkunft ihm „stets unbegreiflich“22 war. Die Faszination für das Melodische geht zurück auf seine Kindheit, und natürlich haben die damals gehörten und gesungenen Melodien („die bei den von mir bewunderten Meistern direkt aus dem Himmel zu strömen scheinen“23), auch ihn beeinflusst, wie Hußl an einigen Beispielen demonstriert.24 „Im Grunde“, so Wecker an anderer Stelle, „bin ich ein unverbesserlicher Melodiker […]. Und es schien mir immer als eine wunderbare Möglichkeit, mehr von all dem zu verstehen, was so unverständlich ist und so unfassbar. Mozarts Melodien zum Beispiel waren für mich schon immer eine Leiter, die direkt in den Himmel führt.“ 25 Seinen „Hang zu großen getragenen Melodien“26 konnte Wecker vor allem in der Filmmusik ausleben, nicht aber in seinen eher „kammermusikalische[n]“ 27 Liedern. Nach der Filmmusik zu Kir Royal (1986) bezeichnet Rottenfußer die Musik zu Stonk (1992) aufgrund der Musettewalzer- oder Tangoparodien als Gipfel von Weckers „Mainstream-Abstecher“.28 („Das war postmoderne Beliebigkeit, in der mancher Purist wohl ästhetischen 21 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 311. 22 Ebd., S. 310. 23 Ebd. 24 Hußl, Einflüsse und Vorbilder, S. 16-22 (Puccini) und S. 27-30 (Schubert). Wecker habe „die Traditionen klassischer und romantischer Musik sehr genau verinnerlicht“ und füge „einzelne Facetten dieser Musik, sei es bewusst oder unbewusst, dem Spektrum seiner musikalischen Ausdrucksmittel“ hinzu (S. 30). 25 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 312. 26 Konstantin Wecker im Gespräch mit Béatrice Ottersbach, S. 182. 27 Ebd. 28 Roland Rottenfußer: Lautes Glück und feine Gesellschaft. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 178-186, hier S. 184f. 42 Konstantin Wecker hören Klassenverrat gesehen haben mochte.“29) In seinen Liedern hingegen, so Wecker, „folgt meine Musik immer den Worten, dem Rhythmus und den Melodien der Poesie. Nur selten hatte ich eine Melodie im Kopf, der dann eine Liedzeile folgte.“30 Und ganz im Gegensatz zu der genannten Filmmusik waren schon Weckers Melodien zur ersten Schallplatte „nicht unbedingt trällerbar“ (Günter Bauch).31 Sie sind es auch heute nicht: Meine Lieder sind Momentaufnahmen, auf mich und meine Fähigkeiten zugeschnitten, weder perfekt, noch geeignet, dem Kanon des klassischen Liedguts hinzugefügt zu werden. Auch als Popsongs eignen sie sich eigentlich nicht, da sie dann doch wieder zu sperrig sind und zu wenig massentauglich. Sie existieren in einer eigentümlichen Zwischenwelt.32 Dabei schätzt Wecker das ,Einfache‘ an Melodien, wie es etwa den Carmina burana von Carl Orff, die Wecker auch im rhythmisch Einfachen beeinflussten,33 eigen ist. Bei Orff „packt [es] einen fast mystisch […], ähnlich wie jetzt Arvo Pärt zum Beispiel, er erreicht mich auch sehr, gerade mit seiner einfachen, ehrlichen Art.“34 Vor allem das immer wieder aufscheinende Wecker’sche „Ehrliche“ ist rational nicht leicht zu fassen, kann Musik doch nicht lügen, wohl aber in gewisser Weise ,falsch‘ sein. In seinem Roman heißt es: Dem geschulten Ohr fällt auf, wenn Menschen lügen. Wer lügt, verspannt sich, und seine Stimme gleicht dem Ansatz einer Melodie, die noch auf der Suche nach ihrer tonalen Zugehörigkeit ist. Ehrliche Melodien dagegen sind sich selbst genug. Welch ein grässliches Konzert menschlicher Unaufrichtigkeit bietet sich doch dem Horchsamen!35 29 Ebd., S. 185. 30 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 311. 31 Günter Bauch: Sadopoetische Gesänge. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 85-87, hier S. 86. 32 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 313. 33 Hußl, Einflüsse und Vorbilder, S. 23-27. 34 Ebd., Anhang, zehnseitiges Interview mit Raphael Hußl am 8.6.2018, Zeile 1-515, hier Zeile 348-350. 35 Wecker, Der Klang der ungespielten Töne, S. 20. Achim Hofer 43 Das Improvisatorische Die „Zu-Fälle“, von denen Wecker sprach, als ob die Melodien ihn (auf-) suchen (und nicht umgekehrt), scheinen das Ergebnis ,absichtsloser‘ Improvisation zu sein. Mit der Improvisation begebe ich mich in einen rein emotionalen Raum, ich nenne das den ,Raum der Inspiration‘. Da kriegt man plötzlich ohne intellektuelle Querschüsse ein paar Dinge geschenkt. Ich kann es nur so erklären. Das ist auch bei meinen lyrischen Texten so. Das ist dann pure Freude und macht das Leben schön. So ist es auch manchmal, wenn ich auf der Bühne stehe – und deshalb spiele ich bis heute so gern vor Publikum. Ich schaue dann weder nach hinten noch nach vorne, es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Ich bin dann nur im Moment, im ,Nu‘, wie man es im Mittelalter nannte, der Moment, der die Ewigkeit ist.36 Das Improvisieren am Flügel habe ihn „oft vor intellektueller Sturheit“ bewahrt. Immer wenn er sich seines vermeintlich richtigen Weltbildes sicher war („rational durchdacht und bestens abgesichert durch gut fundamentierte Denkgebäude“), entdeckte er seine – wie er selbst formulierte – „eigene, nach außen und vor mir selbst versteckte Weichheit, und ich wurde wieder kurz offen für das Wesentliche in mir.“37 Diese durchs Improvisieren erfahrene Begegnung mit dem „Wesentlichen“ ist schwer zu benennen, kreist aber um das „Nicht-Erklärbare“, das in Weckers Musikanschauung eine so große Rolle spielt (im Kontext der Poesie spricht er von „Unerhörtem“, das sich unsere Ratio „nicht annähernd ausdenken kann“38): Ich wollte es [die Erfahrung des Wesentlichen] nie Gott nennen, allerdings habe ich heute kein Problem mehr damit, dieses Wort auszusprechen. Im Gegenteil, ich konnte diesen Begriff für mich so herauslösen aus jeglichem kirchlichen Kontext, dass ich mich sogar dem Religiösen wieder zuwenden kann.39 36 Konstantin Wecker im Gespräch mit Béatrice Ottersbach, S. 185. 37 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 314 (alle drei Zitate). 38 Hußl, Einflüsse und Vorbilder, Anhang (Interview), Zeile 32f. 39 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 314. 44 Konstantin Wecker hören Der Gedanke vom Unsagbaren findet sich in der Nachfolge der Romantiker (E.T.A. Hoffmann) auch beispielsweise in dem Gedicht An die Musik (1918) von Rainer Maria Rilke, ein auch von Wecker hoch geschätzter Dichter: „Musik: […] Du Sprache wo / Sprachen enden“. In der Musikwissenschaft sind solche ,Anwandlungen‘ nicht unumstritten, wenn etwa Albrecht Riethmüller zu diesem Rilke-Zitat schreibt: „Das wärmt zwar die Seele und prägt das Bewußtsein, dient der Analyse der Phänomene aber wenig.“40 Auch dem Gedanken, sich dem ,Wesentlichen‘ der Musik mit einer poetischen Sprache zu nähern, steht Riethmüller skeptisch gegenüber und hält es für fraglich, ob man „eine Kunst, nämlich die Tonkunst, besser erfassen kann, wenn man sie durch eine andere Kunst, nämlich die Poesie, zu umschreiben versucht“.41 Dies verkennt dann doch die Bedeutung einer Feststellung wie die von Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich. Es ist das Mystische.“42 Eben dieses „sich Zeigen“, das nicht „benannt“ werden kann, bildet einen Kern von Weckers bereits 2004 erschienenem Roman Der Klang der ungespielten Töne, dem er u.a. das genannte Wittgenstein’sche Zitat voranstellt – nur dass er in seinem Roman noch einen Schritt weitergeht. 4. Der Klang der ungespielten Töne Das Buch erschien 2017 in einer Neuauflage mit einem Vorwort des Schauspielers Michael Dangl, der auch eine szenische Aufführung für drei Sprecher, Violoncello und Orchester erstellte, die 2018 am Münchner Gärtnerplatztheater uraufgeführt wurde. Das Buch, das der Autor nach wie vor für sein bestes hält,43 ist zu Teilen, vor allem was die Jugend des Protagonisten betriff, autobiographisch, aber auch in seiner weiterge- 40 Albrecht Riethmüller (Hrsg.): Musik und Sprache. Perspektiven einer Beziehung, Laaber 1999 (= Spektrum der Musik, Bd. 5), Vorwort (Riethmüller), S. 8. 41 Zit. nach Sabine Ketteler: Analogie oder Hierarchie. Aspekte der Kolloquiums-Diskussion, in: Riethmüller, Musik und Sprache, S. 165-174, hier S. 173. 42 Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus (1918), Abschnitt 6.522. 43 Roland Rottenfußer: Der Klang der ungespielten Töne. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 318-320, hier S. 320. Achim Hofer 45 sponnenen Fiktion artikuliert es Gedanken seines Autors, die um das der Musik innewohnende Wahrhaftige, Unaussprechliche, Mystische, Irrationale und Spirituelle kreisen, also um etwas, das die Musik auch mit der Poesie verbindet; nicht ohne Grund schreibt Wecker im Nachwort zur Neuauflage, das Buch sei „eher ein Gedicht als ein Roman.“44 Sein Kern ist – der Titel drückt es bereits aus – die Bedeutung der Stille. Es hätte auch heißen können Die Stille hören; es ist, obgleich in seinen Anfängen autobiographisch, nicht ohne Grund ein Roman, weil man den Ich- Erzähler – real genommen – für verrückt halten könnte, so wie auch die vermeintlich intakte reale Welt des Romans den Protagonisten in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses bringt. Und so wird das Autobiographische verlassen mit zunehmend befremdlich erscheinendem Verhalten, das jedoch umso tiefer sich einer Wahrheit nähern möchte, je ‚verrückter‘ der Protagonist sich verhält. Abb.1: Motiv aus dem Buchumschlag des Romans Der Klang der ungespielten Töne (mit freundlicher Genehmigung von Gute Botschafter GmbH, Haltern am See) 44 Wecker, Der Klang der ungespielten Töne, Nachwort, S. 154f., hier S. 154. 46 Konstantin Wecker hören Die Frage: „muss nicht alle Musik, die wir zum Klingen bringen, erst aus der Stille erfahren werden?“ (S. 19)45 steht am Anfang einer Entwicklung, in der sich die Stille zunehmend verselbständigt und zu „Klang“ wird. Der Hauptfigur des Romans, dem Klavierspieler Anselm Cavaradossi Hüttenbrenner, 46 ist zunächst noch nicht verständlich, was ihm sein Lehrmeister Karpoff sagt: „Erst die Stille gibt der Musik den Raum, sich im Herzen zu entfalten. Hier werden die Töne erlebt. Lausche der Stille, dem Klang der ungespielten Töne.“ (S. 47) Zwischenzeitlich hatte sich Anselm, Karpoff nicht verstehend, „vollends abgewandt […] von der Musik der Töne hin zur Herstellung gut verkäuflichen Lärms.“ (S. 68) Verzweiflung packt ihn, weil er auch später zunächst „immer noch nichts anzufangen [wusste] mit diesem Ruf nach Stille“ (S. 75): In einem Dialog, in dem Anselm meint, es sei doch vielleicht besser für ihn zu schweigen, antwortet Karpoff: Es geht nicht ums Schweigen, lieber Freund, es geht um die Stille. Das Schweigen hat nur insofern mit der Stille zu tun, als man zuerst einmal zu schweigen hat, um in die Stille zu gelangen. Sie aber ist beredt, voller Rhythmen und Klänge, die Stille ist die leere Tafel des Meister Eckhart, denn nur auf eine leere Tafel kann Gott die Wahrheit schreiben. Um sie zu erahnen, ist uns die Musik gegeben. Man kann nicht in die Stille hineingeboren werden, man muss sie sich erhören. (S. 74) Durch die Mitwirkung an der Verbreitung „gut verkäuflicher Musik“ schwamm Anselm im Geld „und wollte durch Großzügigkeit beweisen“, dass er es sich „redlich erworben hatte“ (S. 82). In dieser Phase seines Lebens ,in Saus und Braus‘ wird ihm durchaus bewusst: „Ich habe mitgewirkt an dem, was uns den Zugang zu unserem Innersten mehr verschließt als all der sichtbare Abfall unserer Zivilisation, ich habe mitgewirkt an der Zerstörung des letzten Heiligtums: Musik.“ (S. 87) Aber erst durch die ihn tief beeindruckende Cellistin Beatrice, die, wie er sagt, in 45 Alle Seitenangaben im Haupttext beziehen sich auf den Roman. 46 Der Komponist Anselm Hüttenbrenner war ein Freund Franz Schuberts. Cavaradossi ist eine Hauptfigur in Puccinis „Tosca“, die 1986 in einer politisch ausgerichteten Inszenierung (um das 1944 von den Deutschen besetzte Rom) einen Widerstandskämpfer darstellte. Siehe Norbert Christen: Tosca. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Bd. 5, München, Zürich 1986, S. 107-113, hier S. 113. Achim Hofer 47 seine Seele blickt (S. 91), wendet sich das Blatt. Und um dem, was ,eigentlich‘ die Bezeichnung ,Musik‘ verdient, „wieder Gehör zu verschaffen, beschloss ich, von nun an nichts als Stille zu produzieren.“ (S. 108) In einem ersten Versuch bittet er ein Musiker-Ensemble, sein Aufnahmegerät einschaltend, nicht zu spielen. „Auf dem Band war unmissverständlich Warten zu hören. Anfangs noch verzagt, dann immer vehementer, geradezu fordernd: Warten. Intensives Zuwarten, Klang gewordene Ungeduld: Warten.“ (S. 112f.) Und: „Begierig darauf, nun auch wirklich alles zu hinterhören, beschloss ich, alle möglichen Formen der Stille auf Tonband aufzuzeichnen.“ (S. 113) Schließlich bietet er seine „Stille“- Aufnahmen einem „Musikvergolder“, sprich: einem Manager der Musikindustrie an (S. 117f.): „Ich habe zehn Bänder Stille produziert.“ „Wie bedauerlich.“ […] „Es ist Stille verschiedenster Art. Träumerische Stille, bedrohliche Stille […]. Ein Gegenpol zu alldem, was in Ihrem Hause sonst angeboten wird. Ein Lehrstück für alle, die sich wieder der Musik nähern möchten und vom Lärm genug haben. Möchten Sie nicht mal reinhören?“ […] „Wollen Sie elender Spinner mich verarschen?“ Weitere Steigerungen („Bin mir jetzt sicher, dass sich die Erde in Des-Dur um die eigene Achse dreht. Allerdings bezogen auf 421,6 Hz, Mozarts Stimmgabel“ [S. 125]) entfremden den Protagonisten auch von seiner Umwelt, die er nur noch musikalisch wahrnehmen kann, so dass er schließlich in der Psychiatrie landet (Psychologe scherzend: „[…] wie sehe ich heute Morgen ihrem Gehör nach aus?“ „Verzweifelt, Herr Doktor. […] ich rate ihnen, auf Cello umzusteigen.“ [S. 142]). Aus dieser Situation heraus führt ihn zunächst seine Mutter, schließlich Karpoff. ,Geläutert‘ und ,gereinigt‘ entdeckt er – weit entfernt von der Ware Musik – die ,wahre‘ Musik: „Musik, die vielleicht niemanden interessiert, die aber jeden angeht, der sich ihr widmet. Musik – erschaffen um da zu sein, nicht um zu blenden.“ (S. 152) Die Idee eines ,Klangs der Stille‘ ist bereits bei John Cage’ Stück 4’33’’ (1952) vorgedacht und kompositorisch umgesetzt worden: ein dreisätziges Stück mit einer Dauer von vier Minuten und 33 Sekunden, in denen scheinbar nichts erklingt, tatsächlich aber je nach Aufführungsort unterschiedliche Geräusche wahrgenommen werden, die eben dadurch, 48 Konstantin Wecker hören dass nur sie erklingen, ,musikabel‘ werden. Insoweit gibt es durchaus den ,Klang nicht gespielter Töne‘. Während er bei Cage aber durch ein zeitlich befristetes Kontinuum gleichsam sein Dasein als ,Musik der Stille‘ offenbart, verselbständigt sich der Klang der ungespielten Töne in Weckers Roman nach und nach zum Absoluten und verkehrt sich ins Gegenteil. Zweifellos ist die Stille, ebenso wie die Pausen, ungemein wichtig für das Hören, und sicherlich kann man auch, wenn man so will, die Stille selbst hören. Das setzt voraus, dass es eine absolute Stille, d.h. das Fehlen jeglicher Schallwellen, zwar geben mag, aber nicht erfahrbar ist. Nun ist Der Klang der ungespielten Töne aber keine psycho-akustische Abhandlung über das Hören, sondern ein Roman, der, wie sein Autor sagt, von seinen „Sehnsüchten und der Hoffnung“ handelt, sich „mit Hilfe der Musik und des lyrischen Wortes näher zu kommen.“47 5. Die Einheit von Musik und Leben Worum es Wecker geht, kann umschrieben werden mit Begriffen wie Konzentration, Einfachheit, Aufmerksamkeit, Authentizität, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Ernsthaftigkeit, Spritualität, „Zu-sich-selbst-Finden“ – etwas, das er auch in der Musik Arvo Pärts, von dem er eindrucksvolle Sätze seinem Roman als erstes Motto voranstellt, findet: „Sie ist aufrichtig und nie gekünstelt und zeugt von der spirituellen Reife des Komponisten.“48 Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit haben jedoch nichts zu tun mit der Qualität einer Musik als Kunst. So sagt Wecker zu seinen frühen, ,klassischen‘ Liedvertonungen (Mörike, Eichendorff, Uhland u.a.): „Keine große Kunst, so vermessen war ich nie. Aber wenigstens nicht gekünstelt“49 – was aber wohl zutrifft auf den „gut verkäuflichen Lärm“, lässt er seine Romanfigur doch sagen: Der Zwang, jeden Ton sofort vergolden zu müssen, verdirbt nun einmal den Geschmack, und die Eitelkeit, neben den aktuell Erfolgreichen im Rampenlicht zu stehen, tötet jedes aufrichtige Gefühl für Melodie und Anliegen, Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit.50 47 Wecker, Der Klang der ungespielten Töne, Nachwort, S. 154. 48 Ebd., S. 155. 49 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 311. 50 Wecker, Der Klang der ungespielten Töne, S. 117. Achim Hofer 49 Auch gegenüber sich selbst ist Wecker ehrlich. Gerne hätte er acht Sinfonien geschrieben („um dann mit der neunten direkt in den Olymp zu schweben“) oder Klarinettenkonzerte wie das von Mozart und anderes: „aber all das blieb mir verwehrt. Ich konnte und kann es nicht.“51 Und von den technischen Fähigkeiten eines klassischen Pianisten sei er „weit entfernt“, aber: „ich habe mir meine zehn Finger ganz gut auf das, was ich sagen will, eingerichtet.“52 „Was ich sagen will“: Es liegt die Frage nahe, was haben die ,musikphilosophischen‘ Gedanken, wie Konstantin Wecker sie in seinem Roman vom Klang der ungespielten Töne und in vielen anderen Texten und Interviews artikuliert, zu tun mit dem Rebellen und politischen Sänger? Vorwürfen, er habe sich vom politischen zum „innerlichen Sänger“ entwickelt, begegnet Wecker mit dem Satz: „Ich bin der Meinung, ich war nie ein äußerlicher Sänger.“53 Er trennt nicht zwischen seinen Musikanschauungen, dem Poetischen und dem, was deutlich gesagt werden muss im Hinblick auf Menschenrechtsverletzungen jeglicher Art – und dies keineswegs mit der Attitüde des ,Besserwissenden‘: „Indem ich fast alles, was ich andern hätte vorwerfen können, schon selbst durchlebt habe, bin ich toleranter geworden.“54 Ein Vorbild zu sein, weist er weit von sich: Dem Satz: „Wer Wecker verstanden hat, wird nicht versuchen, wie Wecker zu sein.“ folgt unmittelbar das Aperçu: „Das ist auch sicher gesünder für ihn.“55 Sein Einstehen für Pazifismus, Demokratie und Menschenrechte, sein Kampf gegen Rassismus, Intoleranz, Unrecht, Kapitalismus und Diktaturen jedweder Couleur ist keine ,Welt‘ abseits seiner musikalischen Überzeugungen. Gefragt, ob (sein) „Liederschreiben die Verteidigung von Menschenrechten auf künstlerischer Ebene“ sei, antwortet er mit einem entschiedenen „Ja, immer schon gewesen.“56 Und doch geht seine Musik 51 Wecker, „Das Wasser hat mich gesucht“, S. 311. 52 Ebd., S. 313. 53 Zit. nach Blühdorn, Konstantin Wecker: Political Songs between Anarchy and Humanity, S. 171. 54 Zit. nach Roland Rottenfußer: „Mönch und Krieger“. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 339-345, hier S. 345. 55 Ebd. 56 Wider die Faschisierung Europas. Interview mit Olaf Neumann und Britta Bielefeld [anlässlich der Aufzeichnung mit dem Göttinger Friedenspreis]. In: Göttinger Tageblatt vom 12.3.2018, online zugänglich unter 50 Konstantin Wecker hören weit darüber hinaus. Wissend, dass eine humane Welt auch ,ehrlicher‘ Menschen bedarf, die ,innerlich frei‘ sind, braucht es auch eine ,wahre‘ und ‚ehrliche‘, d.h. nicht unbedingt kunstvolle, aber in keinem Fall gekünstelte Musik, um sich selbst zu finden (was der ,gut verkäufliche Lärm‘ eher verhindert) und eine durch Sprache nicht vermittelbare Vorstellung von sich und einer Welt zu bekommen, wie sie sein könnte: „Musik ist vielleicht die einzige Möglichkeit, um etwas zu erahnen von der eigentlichen Wirklichkeit.“57 www.goettinger-tageblatt.de/Thema/Specials/Thema-des-Tages/Widerdie-Faschisierung-Europas (Zugriff am 10.2.2019). 57 Konstantin Wecker: Mein München: Wo Flussmenschen dahoam sind. In: Ders., Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 22-40, hier S. 37. 51 Konstantin Wecker verstehen Ein Werk im Spiegel der Menschenrechte Janin Aadam 1. Poetisch – politisch – polemisch Wut und Zärtlichkeit, Zwang und Widerstand – dies sind nur einige Begriffe, auf die man stößt, wenn man sich mit dem Werk des Liedermachers Konstantin Wecker auseinandersetzt. Seit Jahrzenten singt Wecker gegen den Faschismus und für die Menschenrechte. Sage nein! ist dabei zu einer Leitparole geworden, die die Hörer dazu bewegen soll, sich gegen Rassismus und Faschismus in der Gesellschaft zu wehren. Dieser Beitrag soll Weckers poetisches Werk in Hinblick auf die Verknüpfung des Poetischen mit der Forderung nach Moral und Menschlichkeit betrachten. Zu Beginn wird der Blick auf die Verbindung von Poesie und Menschenrechte im Allgemeinen gerichtet, bevor ausgewählte Gedichte Konstantin Weckers in Bezug auf die Menschenrechte analysiert werden. Hinzugezogen werden biographische Aspekte und Weckers kritische Schriften. Menschenrechte bilden einen festen Bestandteil der liberalen Demokratie. Stefan-Ludwig Hoffmann stellt eine Verbindung zwischen Recht und Sprache her: Die Menschenrechte sind die Doxa unserer Zeit, jene Überzeugungen einer Gesellschaft, die als verinnerlichte, evidente Ordnung stillschweigend vorausgesetzt werden und den Raum des Denkbaren und Sagbaren umgrenzen.1 1 Stefan-Ludwig Hoffmann: Einführung. Zur Genealogie der Menschenrechte. In: Ders. (Hrsg.): Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert. Göttingen 2010, S. 7-37, hier S. 7. Konstantin Wecker verstehen 52 Worte wie „verinnerlicht“, „stillschweigend“, „Denkbare[s] und Sagbare[s]“ weisen darauf hin, dass Menschenrechte nicht nur etwas sind, was wahrgenommen, sondern eben auch internalisiert werden soll. ‚Stillschweigend‘ meint hierbei mehr eine Selbstverständlichkeit als eine unterlassene Gegenwehr. Geschwiegen hat Konstantin Wecker noch nie gerne. Auch in seinen kritischen Schriften – von ihm selbst als polemisch markiert – spricht er sich klar und laut gegen jegliche Diskriminierung aus: Solidarität! Der Schritt zu einer globalen Demokratie kann nur eingeleitet werden, wenn wir uns von nationalen Identitäten lösen und Homophobie, Frauenunterdrückung und alle anderen Diskriminierungsformen ein für alle Mal auf den Müllhaufen der Geschichte werfen, die Menschen die Art und Weise ihres Menschseins diktieren oder absprechen wollen. Nur so wird genug Einigkeit entstehen, um dem drohenden sozialen Apartheidstaat ein massenhaftes Aufbegehren entgegenzusetzen.2 In diesem Zusammenhang geht Wecker vor allem auf Artikel 1 und 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ein: 1. Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit und 2. Verbot der Diskriminierung.3 Der Aufruf zu Solidarität ist zu Beginn bei Wecker deutlich gekennzeichnet. Er beschreibt seine Vision einer demokratischen Welt, in der jeder Rechte hat, unabhängig von Geschlecht, Nationalität oder sexueller Orientierung. Mit der Metapher „Müllhaufen der Geschichte“ geht er auf vergangene Kriege und Diskriminierungen ein. Die Verwendung des Begriffs ist ohne Zweifel ein Versuch, die in den letzten Jahren gerade in der rechtspopulistischen Phraseologie häufig genutzte Sprachformel zurückzugewinnen, um sie gegen die Sprachverdrehung und die Inhumanität einer rechten Hetze zu wenden. Seine Meinung tut Wecker wirkungsmächtig natürlich nicht nur über Schriften kund, sondern als Liedermacher über das gesungene Wort: „Schreiben ist Schreien – / kein Flüstern mehr, Freunde. / 2 Konstantin Wecker u. Prinz Chaos II.: Aufruf zur Revolte. Eine Polemik. Gütersloh 2013, S. 35. 3 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. In: Konrad Hilpert: Ethik der Menschenrechte. Zwischen Rhetorik und Verwirklichung. Paderborn u.a. 2019, S. 290-296, hier S. 291. Janin Aadam 53 Wer flüstert, ist schuldig“.4 Deutlich nutzt er die Öffentlichkeit, um sich sozial zu engagieren. Mit der Praxis, kontroverse Themen im Lied zu behandeln, stellt sich Konstantin Wecker in die Tradition der ‚Liedermacher‘: Deren „Beiträge können grotesk, märchenhaft, ironisch, satirisch, kritisch und provokativ sein.“5 Innerhalb der verschiedenen Stilrichtungen gehört Wecker dabei mit einem Gutteil seines Lied-Werks zu den spezifisch gesellschaftskritischen und politischen Künstlern. Aber ein Liedermacher macht eben nicht nur Lieder, sondern ist als Verfasser eigener Texte auch Poet. Bei Konstantin Wecker wird das Poetische dabei in besonderer Weise greifbar: Seine Gedichte und Lieder sind häufig Fort- oder Umschreibungen bekannter Werke aus der Literaturgeschichte. Lothar Bluhm hat dieses Moment bei Gelegenheit einer Literaturrezension hervorgehoben: „Weckers Poesie ist ein wunderbares Beispiel produktiver Rezeption und poetischer Dialogizität. Er nimmt poetische Texte auf, die bei ihm weiterleben und fortgeschrieben werden“.6 Nicht selten sind bereits den Originalen politische Botschaften eigen, die Wecker dann in einen neuen, aber vergleichbaren Kontext stellt. So schreibt er mit seinen Elegien etwa Rilkes Duineser Elegien (1912-22) fort, die im Zusammenhang von Krieg und Zerstörung stehen, worauf später noch eingegangen wird. Festzuhalten ist aber schon einmal, dass ähnlich wie die Elegien zwischen Klage und Liebe schwanken, auch Weckers Werk zwischen „Wut und Zärtlichkeit“ changiert.7 Weckers Poetik hat eine stark handlungsorientierte und operative Ausrichtung. Es geht ihm darum, die Macht der Sprache zu nutzen: Das Wort muss eine Faust sein, kein Zeigefinger: 4 Konstantin Wecker: Jeder Augenblick ist ewig. Die Gedichte. 6. Aufl. München 2017, S. 40. 5 Heinz Seeger: Liedermacher – Geschichtenerzähler. In: Ders. (Hrsg.): Liedermacher-Lesebuch. Würzburg 1982, S. 156. 6 Lothar Bluhm: „Und wenn ich hier über Poesie schreibe, dann als Poet …“. Konstantin Weckers Suche nach dem Wunderbaren. In: Musenblätter. Das unabhängige Kulturmagazin. Hrsg. von Frank Becker. – Rubrik: Literatur-Rezensionen. 26.09.2018. https://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=23152&neu=1 (letzter Zugriff: 31.12.2018). 7 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 239. Konstantin Wecker verstehen 54 Zuschlagen. Treffen.8 Sprache wird zu einem Instrument der Gewalt, wenn sie mit der Faust verglichen wird. Dabei geht es um Widerstand, nicht um Unterdrückung. Für Herbert Rosendorfer ist Wecker „ein zorniger Poet, ein Prophet“,9 ein Rufer, der das Wort verkündet, ohne an eine bestimmte Religion gebunden zu sein. Zu der Verbindung von Wort und Faust passt auch die Assoziation von Poesie als Waffe, die der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther mit Blick auf Weckers Lyrik einbringt: „Zu einer Waffe wird die Poesie erst dann, wenn sie unter die Haut geht.“10 Inwiefern werden nun poetische Texte als Waffe zur Verteidigung der Menschenrechte genutzt? 2. Poesie für Menschenrechte Dass Poesie als Instrument verwendet wird, um auf Menschenrechte und deren Verletzungen aufmerksam zu machen, ist kein Spezifikum von Konstantin Wecker allein. Eine Verbindung von Lyrik und Menschenrechtsthematik ist vielmehr in unterschiedlichen Austragungsformen zu finden – auf Demonstrationen, Lesungen, in Musik oder Kampagnen. Letzteres wird nicht zuletzt von Amnesty International genutzt. Im Rahmen des Projekts „Human Rights through Poetry“ wurden etwa die sogenannten „Poems of Horror“ veröffentlicht. Unter dem Slogan „Ohne abzuschrecken emotional involvieren“ startete die deutsche Kampagne im Jahr 2014 mit dem Aufruf „Stop Folter“.11 Man setzte sich dabei vor allem für das Folteropfer Raif Badawi ein, einen saudi-arabischen Blogger, der seit 2012 im Gefängnis sitzt, nachdem er sich für Frauenrechte, Meinungs- und Versammlungsfreiheit in seinem Land eingesetzt hatte. Damit trat er für die Artikel 1, 19 und 20 der Menschenrechte-Erklärung 8 Ebd., S. 37. 9 Herbert Rosendorfer: Vorwort. In: Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 7-9, hier S. 9. 10 Gerald Hüther: Vorwort. In: Konstantin Wecker: Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Poesie ist Widerstand. Gütersloh 2018, S. 7-9, hier S. 8. 11 Amnesty International: Stop Folter! https://www.amnesty.de/allgemein/kampagnen/stop-folter (letzter Zugriff: 31.12.2018). Janin Aadam 55 ein. Amnesty International beruft sich mit der Kampagne besonders auf Artikel 5 der Erklärung, der die Folter verbietet. Bei den Gedichten handelt es sich nicht um klassisch in Buchform publizierte Lyrik, sondern um Poesie, die auf eine starke publike Wirkung abzielt. Die einzelnen Gedichte erscheinen in großformatigen Postern oder bildfüllend im Netz. Die Zugehörigkeit zur Kampagne wird optisch durch die gelbe Unterlegung des schnörkellosen Textes erkennbar gemacht. Die Farbe Gelb hat zum einen die Aufgabe eines Textmarkers: Aufmerksamkeit erregen. Zum anderen ist die Farbe häufig eher negativ assoziiert und fügt sich so in das Gewaltthema ein. Zudem wird sie mit Amnesty International in Verbindung gebracht. Die Verwendung von Großbuchstaben unterstützt die Wirkung des Textes und unterstreicht den Gestus der Anklage: EIN KAHLER RAUM SEIT TAGEN KEIN SCHLAF MÜDE KURZ VORM EINSCHLAFEN EIN SCHLAG INS GESICHT MÜDE KURZ VORM EINSCHLAFEN EIN SCHLAG INS GESICHT EIN SCHLAG INS GESICHT EIN SCHLAG INS GESICHT12 Hinzugefügt ist nach einem Absatz noch „BIS DU WAS DAGEGEN TUST. / AUF AMNESTY.DE/STOPFOLTER“.13 Formal entsprechen die Texte der Kampagnen den Merkmalen der Lyrik: Der Text ist in Verse unterteilt und weicht von der Alltagssprache ab, indem er eher subjektiv und kurz Eindrücke und Erfahrungen abbildet. Die Wiederholungen bilden die repetitiven Vorgänge der Folter auf Wortebene ab. Durch diese Repetitionen wird das Gelesene eindrücklicher, was natürlich die Intention der Kampagne verstärkt. Darüber hinaus betont Schweppenhäu- 12 Zitiert nach der zuständigen Kreativagentur dieckert/schmidt: Kurt Georg Dieckert u. Stefan Schmidt: Amnesty International. Ohne abzuschrecken emotional involvieren. https://dieckertschmidt.com/project/amnesty-international-ohneabzuschrecken-emotional-involvieren (letzter Zugriff: 31.12.2018). 13 Ebd. Konstantin Wecker verstehen 56 ser eine weitere Wirkung: „Die Leser sollen sich als moralische Akteure wahrnehmen – auch wenn sie nicht unmittelbar involviert sind.“14 Selbst diejenigen, die das Thema nicht direkt tangiert oder diese Themen eher ignorieren, sollen durch die Prägnanz des Gedichts erreicht werden. Ähnliches beschreibt Susan Sontag in Bezug auf die Fotografie von Grausamkeit und Gewalt: „The photographs are a means of making ,real‘ […] matters that the privileged and merely safe might prefer to ignore.“15 Gerade durch die Nachahmung der Folter auf ästhetischer Ebene und die reduzierte Sprache wird trotz lyrischer Form ein Realitätseffekt im Barthes’schen Sinne erzielt.16 Als weitere Kampagne von Amnesty International sei noch auf den Poetry Slam Fem Slam hingewiesen, eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Aktionsgruppe gegen Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen, auf der zum 100-jährigen Bestehen des Frauenwahlrechts poetische Texte vorgetragen wurden.17 Amnesty International hat online ein komplettes didaktisches Konzept zu „Human Rights through Poetry“ veröffentlicht.18 Die Reihe mit Beispielen von Poesie für Menschenrechte ließe sich noch erweitern. Unter dem Motto „Poeten für mehr Menschlichkeit“ fand 2017 sogar eine Demonstration von Lyrikern statt, die sich für Menschenrechte einsetzten. Deutlich wird, dass Lyrik durchaus vielfältig als Sprachrohr für eine freie Meinungsäußerung eingesetzt wird und selbstbewusst Kritik an Missständen poetisch zu formulieren bereit und fähig ist. Vor diesem Hintergrund ist nach dem Stellenwert der Menschenrechte im Werk Konstantin Weckers zu fragen. 14 Gerhard Schweppenhäuser: Design, Philosophie und Medien. Perspektiven einer kritischen Entwurfs- und Gestaltungstheorie. Würzburg 2018, S. 175. 15 Susan Sontag: Regarding the Pain of Others. New York 2003, S. 4. 16 Auch in Konstantin Weckers Werk findet man klare Positionen gegen Folter: „Folter, Mord und Diktaturen – / Siegeszug brutaler Macht“, heißt es beispielsweise in Weckers bekanntem Lied Den Parolen keine Chance. (Wecker, Auf der Suche nach dem Wunderbaren, S. 127). 17 Amnesty International: Poetry Slam „Fem Slam“. https://www.amnesty.de/allgemein/termine/deutschland-poetry-slamfemslam (letzter Zugriff: 31.12.2018). 18 Amnesty International: Resource: Human Rights through Poetry: https://www.amnesty.org.uk/resources/resource-human-rights-throughpoetry (letzter Zugriff: 31.12.2018). Janin Aadam 57 3. Menschenrechte im Werk Konstantin Weckers „Widerstand ist ein Menschenrecht“19 – so beginnt ein Gedicht im Band Auf der Suche nach dem Wunderbaren (2018) von Konstantin Wecker. Diesen Widerstand versucht Wecker über die Poesie zu leisten – als „ein widerständiger Poet und ein poetischer Widerständler“,20 wie Hüther ihn beschreibt. Rosendorfer verbindet ihn mit einer anderen Figur, die des Predigers: „Konstantin Wecker ist ein Bekenner, ein Rufer, ein – ja auch, im besten Sinn – Prediger, der uns ins Gewissen redet.“21 Hier lässt sich auch eine Verbindung zu der Kindheit Weckers ziehen: Als bayerischer Junge ist er katholisch erzogen worden. Obwohl er in seiner Biographie betont, den Katholizismus damals als quälend empfunden zu haben,22 bekennt er, dass Gott dennoch eine Rolle für ihn spiele: „Worte sind Symbole. Gott ist ein Symbol. Liebe ist ein Symbol.“23 Symbole für das Moralische in Weckers Liedern sind viele zu finden. Freie Äußerung von Worten, Religion und Liebe sind Themen, die sich durch das Werk ziehen. Aber auch die Grausamkeit der NS-Zeit begegnet immer wieder in den Gedichten und Liedern Konstantin Weckers. In Die Weiße Rose behandelt er das tragische Schicksal der Geschwister Sophie und Hans Scholl. Er widmet es denjenigen Menschen, die sich heute noch gegen den Faschismus auflehnen. Zentral ist die Vorstellung, dass die Menschlichkeit aus Deutschland ausgewandert sei: Denn die Menschlichkeit, man kann’s verstehen, ist hierzuland eher ungern gesehen und beschloss deshalb auszuwandern.24 19 Wecker, Auf der Suche, S. 17. 20 Hüther, Vorwort, in: Wecker, Auf der Suche, S. 9. 21 Rosendorfer, Vorwort, S. 9. 22 Vgl. Konstantin Wecker: Mein München: wo Flussmenschen dahoam sind. In: Ders. u.a.: Das ganze schrecklich schöne Leben. Die Biographie. 2. Aufl. Gütersloh 2017, S. 22-37, hier S. 24. 23 Konstantin Wecker: Meine Kindheit: behütet. In: Ders., Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 18-21, hier S. 21. 24 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 137. Konstantin Wecker verstehen 58 In dieser Metapher wird deutlich, dass die Menschlichkeit mit den Verbrechen während des Dritten Reichs in Deutschland dauerhaft beschädigt wurde und verschwand, so dass Staat, Gesellschaft und Kultur seitdem einer permanenten Gefährdung ausgesetzt seien. Gleichermaßen skeptisch wie sensibel beobachtet er die aktuellen Entwicklungen in Hinblick auf die Gefahren eines Rückfalls in überwunden geglaubte Barbarismen: Ich weiß nicht, ob wir den ganzen Wahnsinn aufhalten können, dieses aus den tiefsten Grüften der Unvernunft von gewissenlosen Populisten wiedererweckte völkische, nationalistische, rassistische, kleingeistige und zutiefst inhumane Gespenst. Ein Rückschritt in dunkelste Zeiten, der uns als Fortschritt verkauft werden soll.25 Er verwendet das Bild des ‚inhumanen Gespenstes‘, das wiedererweckt wird in der Gegenwart. Wie ein Gespenst bedeutet es für die Menschen Verführung und Verlockung, ist aber tatsächlich eine Schreckensgestalt, die in Elend und Tod führt. Die Warnung vor dem ‚Rückschritt in dunkelste Zeiten‘ verweist auf das Phänomen des erstarkten Rechtextremismus in Deutschland, der die Einhaltung der Menschenrechte gefährdet. In der Folge soll ein konzentrierter Einblick in ausgewählte Artikel der Menschenrechtserklärung folgen und skizziert werden, wie Wecker die jeweilige Thematik in seinem Œuvre verarbeitet. Die Auswahl wurde nach der Relevanz in Weckers Werk getroffen. 3.1. Artikel 1: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit Artikel 1 der Menschenrechte besagt, dass alle Menschen „frei und gleich an Würde und Rechten geboren“26 sind. Weitere Kernpunkte sind Vernunft und Gewissen und die Begegnung im Geist der Brüderlichkeit. Das Gedicht Nach abgestandenem Männerfleisch besteht aus drei reimlosen Quartetten, die das Asyl der Obdachlosen bei Nacht thematisieren. Der Text beginnt mit einer Synästhesie, denn die Luft riecht nicht nach Männerfleisch, sondern schmeckt danach. Die zweite Strophe geht auf die Gleichheit der dort Obdach suchenden Menschen ein: 25 Konstantin Wecker: Nachwort. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 447-452, hier S. 449f. 26 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, in: Hilpert, Ethik, S. 291. Janin Aadam 59 Und Bett an Bett und Welt an Welt, ein gleicher Atemzug, der sich in allen wiederholt.27 Durch den Parallelismus werden die Wörter „Bett“ und „Welt“ miteinander in Bezug gesetzt. Evoziert wird der Eindruck, dass für die Obdachlosen das Bett in dieser Nacht die Welt sei. Zugleich wird die Vorstellung aufgerufen, dass, so wie die Betten aneinandergestellt sind, eine Welt auf die andere trifft, da sie zwar in ihrer Anordnung gleich zu sein scheinen, aber alle eine unterschiedliche Geschichte erzählen. Auch das Thema Gleichheit wird eingeführt: Denn eines haben alle hier Obdach Suchenden gemein, das Atmen. Als lebende Wesen sind alle Menschen in diesem Merkmal gleich und ohne Unterschied – sie sind Teil des einen gemeinsamen Lebens. Zugleich ist es eine stark reduzierte Welt, die hier gespiegelt wird. Unter den Bedingungen der Obdachlosigkeit ist keine Individualität möglich, zumindest tritt sie nicht in Erscheinung. Dass Wecker oft in Gegensätzen denkt, sei am Thema Anderssein aufgezeigt. Es wird etwa in Weckers ‚Neun Elegien‘ Uns ist kein Einzelnes bestimmt behandelt, die an Rilkes Duineser Elegien angelehnt sind. Rilke vollendete die Elegien 1922, wobei er auf die Zerstörung des Schlosses Duino im Ersten Weltkrieg reagierte, wie er in einem Brief an Georg Reinhart am 19.12.1923 festhielt: Der Umstand, daß das alte feste Duineser Schloß am Ende des Krieges völlig zerstört worden ist, hat dazu beigetragen, daß ich mich entschloß, den Namen des untergegangenen Hauses für immer in den Zusammenhang jenes Kreises von Dichtungen einzubeziehen.28 Das Schloss von Marie von Thurn und Taxis an der Adria ist der Ort, an dem Rilke 1912 mit dem Verfassen der Elegien begann. In den Elegien versammeln sich also Beginn und Zerstörung, Kreation und Einschnitt, das Gegensatzpaar Leben und Tod. Im klassischen Sinn ist die Elegie „formal […] ein in ‚elegischen‘ Distichen verfaßtes Gedicht […] über Ge- 27 Ebd., S. 20. 28 Rainer Maria Rilke: Briefwechsel mit den Brüdern Reinhart 1919-1926. Hrsg. v. Rätus Luck. Frankfurt a. M. 1988, S. 109. Konstantin Wecker verstehen 60 genstände der Klage oder Trauer oder auch über Themen der Liebe.“29 Damit greift auch die ästhetische Gestaltung des Gedichtbands die Gegensätzlichkeit auf. Um das Vorbild Rilke zu markieren, dessen Verse er über- und weiterschreibt, setzt Konstantin Wecker einen Ausschnitt aus Rilkes achter Elegie an den Anfang. Dort bezeichnet das lyrische Ich die Menschheit als ewigen Zuschauer. Die Menschheit wird auch in Weckers zweiter Elegie beschrieben: „Der Menschen Anderssein / ist höchstens lehrreich“.30 Wie bei Rilke werden Menschheit und Zeit in den Blick genommen. Auch die Figur des Engels tritt auf, die bei Rilke als eine Art kulturelles Gedächtnis begegnet, da die Engel sehen, was den Menschen im Wandel der Zeit unsichtbar geworden ist.31 Dazu passt wiederum der Schluss von Weckers erster Elegie: „Nichts ist erklärbar. / Nur im Unsichtbaren / lernen wir zu sehen.“32 Man muss sich mit der Geschichte auseinandersetzen, um zu erkennen und man muss sich bei dieser Betrachtung von den Zufälligkeiten und Bedingtheiten seiner Zeitlichkeit zu lösen versuchen. In der fünften Elegie Weckers werden Gleichheit und Freiheit im Farbenspektrum gesucht: Farben lösen sich auf ins Nichts und werden bunter und alles wird ohne Gestalt erst vielgestalt.33 Nicht die einzelne Farbe besitzt für sich allein Existenz, sie gewinnt ihre Farbigkeit erst im Ensemble des Regenbogens. In diesem Ensemble ist die einzelne Farbe ohne Gestalt, sie wird gleich. Mit dieser Gleichheit ist die Auflösung der verschiedenen Farben als Singularitäten verbunden. Sicherlich ist Weckers Metaphorik politisch ausgerichtet: In der Auflösung gerade des Nationalen gewinnt Gemeinschaft eine neue Qualität und Farbigkeit. Es bildet sich eine positive Diversität heraus, wenn keine Un- 29 Dirk Kemper: Elegie. In: Klaus Weimar (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. I. 3. neubearb. Aufl. Berlin [u.a.] 1997, S. 429- 432, hier S. 429. 30 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 114. 31 Vgl. Rainer Maria Rilke: Briefe aus Muzot, 1921 bis 1926. Hrsg. v. Ruth Sieber-Rilke u. Carl Sieber. Leipzig 1935, S. 337. 32 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 113. 33 Ebd., S. 118. Janin Aadam 61 terschiede mehr gemacht werden. Das Schöne im Diversen wird durch den Begriff ‚vielgestalt‘ ausgedrückt. Das Thema Brüderlichkeit, das sich hier ebenfalls abzeichnet, gewinnt auch in Nein, ich hör nicht auf zu träumen Eingang: Nein, ich hör nicht auf zu träumen von der herrschaftsfreien Welt, wo der Menschen Miteinander unser Sein zusammenhält. Lasst uns jetzt zusammen stehen es bleibt nicht mehr so viel Zeit, lasst uns lieben und besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit.34 Die Negation direkt zu Beginn des Gedichts verleiht dem darauffolgenden Text Nachdruck. Das lyrische Ich betont den Glauben an eine anarchistische Vision der Welt. Die Alliteration „Menschen Miteinander“ in Vers drei verstärkt den Gedanken der Brüderlichkeit. Der letzte Vers der ersten Strophe beschreibt, dass das Sein des Menschen zusammengehalten wird. Menschsein ist hier nicht als egoistisches Glück des Einzelnen auf Kosten anderer gedacht, sondern als Erfüllung in der sozialen Verantwortung. Das ist es – wie der gemeinsame Endreim in Zeile zwei und vier andeutet –, was die „Welt“ tatsächlich „zusammenhält“. Dies gilt auch für die zweite Strophe, in der die beiden Wörter „Zeit“ und „Zärtlichkeit“ miteinander verknüpft werden können. „Lieben und besiegen“ werden in ihrer Kombination durch den Binnenreim verstärkt. Die Antithese am Ende ist wieder typisch für Weckers Lyrik. Auch die Vision der Anarchie zeichnet sich oft in Weckers Werk ab, wie man an Titeln wie Wenn jeder eine Blume pflanzte oder Das Hohelied der Anarchie erkennen kann. 3.2. Artikel 2: Verbot der Diskriminierung Besonders oft setzt sich Konstantin Wecker gegen die Diskriminierung von Menschen ein, seien es Bevölkerungsgruppen, Geflüchtete, sexuelle Orientierungen oder Berufsgruppen. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist festgehalten, dass jeder Freiheiten habe, ohne Unter- 34 Wecker, Auf der Suche nach dem Wunderbaren, S. 48. Konstantin Wecker verstehen 62 schied, „etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft […].“35 Zudem dürfe kein Unterschied gemacht werden wegen der „politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung eines Landes.“36 In Weckers Gedicht Jetzt eine Insel finden träumt das lyrische Ich von einem Rückzugsort, um vor Diskriminierung und Fremdenhass zu flüchten. Im sechsten von insgesamt 22 Quartetten, die zumeist aus Kreuzreimen bestehen, heißt es: Seh mich gejagt als Nigger in dem Schmutz einer zurückgebliebenen weißen Fettwanstwelt, seh mich als Jäger, der sich zum Schutz einer entmenschlichten Moral gefällt.37 Themen wie Apartheid, aber letztlich auch der ganz alltägliche Rassismus, wie er in Deutschland seit Jahren festgemacht wird, kommen in dem Gedicht zur Sprache, wenn vom Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß die Rede ist, wobei in der diffamierenden Bezeichnung „Nigger“ augenfällig die Perspektive der diskriminierenden Instanz gesetzt ist. Das lyrische Ich erscheint nicht nur als Gejagter, sondern auch als Jäger auf der Suche nach Moral und Menschlichkeit. Das Wort „gefällt“ kann ambig gedeutet werden, einerseits im Sinne von ‚mögen‘, andererseits in Zusammenhang mit dem Bild des Jägers als ‚fällen‘. Das Gedicht bildet also Verstöße gegen das Menschenrecht ab, wenn Diskriminierungen aufgrund von Hautfarbe und Bevölkerungsgruppen behandelt werden. Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung werden etwa in Elegie für Pasolini verarbeitet: Du warst für sie immer eine schwule Sau, dekadent und pervers, ein Träumer, den Rechten zu viel Kommunist und deiner Partei zu viel Mensch.38 35 Hilpert, Ethik der Menschenrechte, S. 291. 36 Ebd. 37 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 148. 38 Ebd., S. 99. Janin Aadam 63 In diesem Auszug aus der ersten Strophe nimmt das lyrische Ich Bezug auf das Leben des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini, der wegen seiner Homosexualität in seiner Zeit vielfach geächtet wurde. Die abwertende Bezeichnung „schwule Sau“ bildet die Meinung vieler Zeitgenossen des Künstlers ab. Als Künstler galt er als umstritten und in seiner unparteilichen humanen Grundeinstellung allen politischen Lagern gleichermaßen als suspekt. Politische Themen werden auch in dem Gedicht Vaterland (2001) verarbeitet, wenn „die Toten und die Kriege“39 in der Geschichte Deutschlands thematisiert werden. Was soll das noch, ein Vaterland in den vernetzten Zeiten? Wollen wir denn wirklich immer noch Um Blut und Rasse streiten?40 Rassismus und Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen werden im Zusammenhang mit dem Streit um „Blut und Rasse“ thematisiert. Die rhetorischen Fragen des lyrischen Ichs zielen auf die Absurdität des Rassismus in einer vernetzten Welt ab. Über die Ablehnung des Nazismus hinaus ist es ein grundsätzliches antinationales, anarchistisches Bekenntnis für ein Leben ohne Grenzen und überkommene Patriotismen. 3.3. Artikel 3: Recht auf Leben und Freiheit Der dritte Artikel der Menschenrechte hält das „Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit“41 fest. Ein freies und sicheres Leben wird in vielen Werken Weckers behandelt. Dafür werden Metaphern und Personifikationen in vielfältiger Form eingesetzt. Im Gedicht Der Baum singt heißt es: „Ich wechsle die Farbe, den Namen, die Form, / aber nie den Sinn. / Und hab eine kräftige Stimme gegen den Wind.“42 Das lyrische Ich tritt als personifizierter Baum auf. Dass der Baum Farbe, Namen und Form wechseln kann, deutet auf die Vielzahl an Arten hin, die als Sinnbild für verschiedene Nationalitäten interpretiert werden kann. Das Recht auf Leben wird durch die kräftige Stimme gegen Widerstände betont. Es heißt weiter, dass die Bäume nie verloren seien, denn „unter der Erde / 39 Ebd., S. 223. 40 Ebd., S. 224. 41 Hilpert, Ethik der Menschenrechte, S. 291. 42 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 57. Konstantin Wecker verstehen 64 unsere Wurzeln berühren sich leis“.43 Damit entsteht ein Kollektiv an Bäumen, im übertragenen Sinn lässt sich das Bild auf die Menschen als Gemeinschaft transferieren, die als Menschen allesamt auf dieselben Wurzeln blicken können. Zudem geht die dritte Elegie von Konstantin Weckers Rilke-Adaption auf das Thema Freiheit ein: Aber wer, rufen die Freien, wer ist nicht frei im freien Land? Seht doch, wie sie uns schützen vor den Unfreien, schwärmen die Freien, […]44 Erneut wird eine Antithetik sichtbar: die Freien gegen die Unfreien. Die Aufforderung zum Sehen und Erkennen ist ein intertextueller Hinweis auf Rilkes Vorlage. In Rilkes neunter Elegie heißt es: „Siehe, ich lebe. Woraus? Weder Kindheit noch Zukunft / werden weniger…“.45 Auch hier thematisiert das lyrische Ich das Leben und fordert den Leser zum bewussten Hinschauen auf. Bei Wecker liegt das Paradoxon der Unfreien im freien Land, womit er Kritik übt an denen, die Freiheit als selbstverständlich betrachten, ohne Rücksicht auf Menschen, die nicht frei leben können. Im Vers „schwärmen die Freien“ verweist Wecker auf das Paradox, dass die Freien die Freiheit wohl ausschließlich für sich selbst reklamieren und Schutz suchen vor den Unfreien, die sie durch ebendiese Ausgrenzung allerdings selbst zu einem Unfreisein verdammen. Freiheit ist in dieser kritischen Perspektivierung Weckers in Umkehrung des bekannten Diktums von Rosa Luxemburg eben nicht die Freiheit des Andersdenkenden, nicht die Freiheit des Anderen überhaupt, sondern eben immer nur die eigene. Der Gegensatz zwischen frei und unfrei findet sich auch in Konstantin Weckers Biographie in Zusammenhang mit Freiheit und Verhaftung 43 Ebd. 44 Ebd., S. 89. 45 Rainer Maria Rilke: Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. v. Manfred Engel. Bd. 2: Gedichte 1910-1926. Frankfurt a. M. 1996, S. 229. Janin Aadam 65 wieder, da Wecker selbst zwei Mal in Haft war: das erste Mal wegen Diebstahls, das zweite Mal wegen Drogenkonsums. In seiner Biographie hält er jedoch fest, dass die Erfahrung, gefangen zu sein, ihm das Gefühl von Freiheit verlieh: „[…] freier war ich nie mehr geworden. Was konnte mir noch passieren? Man konnte mir nichts mehr wegnehmen, denn ich besaß nichts mehr“.46 Das freie Leben in Zusammenhang mit dem Bild einer entgrenzten Welt kommt im Gedicht Ich habe einen Traum zu tragen, das offensichtlich Martin Luther Kings berühmte Rede I have a Dream verarbeitet: Ich hab’ einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein, alle die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein.47 Bewusst werden Menschen genannt, denen ein Leben in Freiheit und Sicherheit nicht möglich ist: Menschen, die Hunger leiden müssen oder vor Kriegen flüchten. Damit nimmt Wecker Bezug auf die Flüchtlingskrise der letzten Jahre und kritisiert vor allem diejenigen, die nicht helfen. Seine Vision – wie damals Martin Luther Kings Traumvorstellung – ist die von einer Welt, in der es keine Grenzen mehr gibt und alle Geflüchtete aufgenommen werden. Das Recht auf Asyl spielt im Werk Weckers eine bedeutende Rolle, was im Folgenden in Bezug auf Artikel 14 der Menschenrechte betrachtet werden soll. 3.4. Artikel 14: Asylrecht Artikel 14 Absatz 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass jeder das Recht hat, „in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.“48 Lediglich die Strafverfolgung wird ausgeklammert. Leider scheint dieses Recht seit der Flüchtlingskrise bei vielen nicht mehr selbstverständlich zu sein, was Konstantin Wecker in vielen Gedichten und Liedern scharf kritisiert. In einer Schrift, die Wecker gemeinsam mit dem Journalisten, Kabarettisten und Liedermacher Florian 46 Konstantin Wecker: Zum ersten Mal im Gefängnis – und endlich frei. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 55-57, hier S. 57. 47 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 255. 48 Hilpert, Ethik, S. 293. Konstantin Wecker verstehen 66 Ernst Kerner, der sich hinter dem Künstlernamen Prinz Chaos II. verbirgt, heißt es: Unser allergrößter Respekt und unsere Solidarität gelten dann auch denen, die in niedergedrückter Lage aufstehen und die Revolte dort beginnen, wo Widerstand am aussichtslosesten erscheint – wie die hungerstreikenden Flüchtlinge.49 In einigen Gedichten wird das Fremdsein in einem neuen Land durch Metaphern wie dem vom herrenlosen Hund zum Ausdruck gebracht, wie etwa in Vier Sonette an einen herrenlosen Hund: „Wer sonst, wenn nicht die Herrenlosen, / Verachteten, Getretenen, / soll fähig sein zu neuen Losen, / […]“.50 Am Ende der Sonette folgt die Konklusion, dass man nicht versuchen soll, über den herrenlosen Hund zu bestimmen, sondern ihn nach seinem eigenen Entscheiden sich entfalten lassen sollte, womit wieder ein Bezug zum Thema Freiheit hergestellt werden kann. Das Bild des herrenlosen Hundes beinhaltet nicht zuletzt die Vorstellung von Angst, davor, dass der Hund beißen könnte. Die Angst vor Fremdheit findet sich auch in Weckers achter Elegie wieder: Weil sie uns fremd sind, haben wir Angst. Schelten sie einfältig oder verblendet ach, weil wir alles viel besser verstehen und in Büchern belegen, mit Kriegen beweisen.51 Besonders der Abschluss der Strophe ist voller Ironie: Das Führen von Krieg spricht schließlich nicht gerade für intelligentes Handeln. Mit Blick auf Fremdheit ist es eher paradox, vor ihr Angst zu haben. Vor allem zeugt es in einem Land wie Deutschland von einer akuten Geschichtsvergessenheit, insbesondere wenn man auf die Geschichte dieses Landes blickt, wo ein Teil der eigenen Bevölkerung im Schatten eines Krieges ermordet wurde. Das lyrische Ich versetzt sich in die Lage des einfachen Menschen, um offen zu legen, dass deren Angst unbegründet ist. In Weckers Folie, Rilkes Duineser Elegien, wird Fremdheit mit der Figur des Engels verknüpft. Bei der Gestaltung des Engels orientierte sich Rilke 49 Wecker/Prinz Chaos II., Aufruf zur Revolte, S. 20. 50 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 82. 51 Ebd., S. 121. Janin Aadam 67 bekanntlich nicht an den Engeln des Christentums, sondern an denen des Islam: „Der ‚Engel‘ der Elegien hat nichts mit dem Engel des christlichen Himmels zu tun (eher mit den Engelsgestalten des Islam)…“.52 Hier wird eine Figur in Verbindung mit zwei unterschiedlichen Religionen gebracht, womit zum nächsten Punkt übergeleitet werden kann, dem Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit. 3.5. Artikel 18: Gedanken-, Gewissens-, Religionsfreiheit Das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit schließt mit ein, dass sich jeder frei dazu entschließen kann, seine Religion zu wechseln.53 Klar seine Meinung und Gedanken zu äußern, stellt einen wesentlichen Teil des Schaffens des Liedermachers dar. Im Gedicht Statistisch erwiesen wird an verschiedenen Stellen das Thema Freiheit verarbeitet: „Das Reden wird irgendwann viel zu gefährlich, / verbreitet im Gaumen Geschwüre“54 Das lyrische Ich bekennt, dass es sicherer ist, zu schweigen. Die Verse wirken so wie das, was man einem Kind erzählen würde, damit es etwas unterlässt; eine Lügengeschichte, um abzuschrecken. In der achten Strophe dieses Gedichts ist von aufdringlichen Missionaren die Rede: „und Missionare / sind zuerst mal nur penetrant.“55 Doch Wecker stellt sich nicht gegen die Religion, sondern nur gegen das Aufoktroyieren von Meinungen, der Mensch soll selbst frei bestimmen, woran er glaubt. Frei über eine Meinung zu verfügen und diese dann auch kundzugeben, wird in Weckers Dichtung häufig mit dem Verb ‚schreien‘ verbunden. Im Lied Lied / Das macht mir Mut lauten zwei Verse aus der vierten Strophe: „Und wenn dir was wehtut, / dann musst du schreien.“56 Damit ist nicht nur der physische Schmerz, sondern vor allem der psychische gemeint: Man solle nicht ertragen, worunter man leidet, sondern sich mit Worten zur Wehr setzen. Man solle Worte als Widerstand verwenden, wie es einst Sophie und Hans Scholl taten: 52 Rilke, Werke Bd. 2, S. 337. 53 Vgl. Hilpert, Ethik, S. 293. 54 Wecker, Jeder Augenblick ist ewig, S. 69. 55 Ebd., S. 70. 56 Ebd., S. 71. Konstantin Wecker verstehen 68 Ihr habt geschrien, wo alle schwiegen, obwohl ein Schrei nichts ändern kann, ihr habt gewartet, ihr seid geblieben, ihr habt geschrien, wo alle schwiegen – es ging ums Tun und nicht ums Siegen!57 Im bereits thematisierten Gedicht Die Weiße Rose stehen Schweigen und Schreien antithetisch gegenüber. Diese Antithetik dehnt sich auf das Wort ‚Ihr‘, also Sophie und Hans Scholl, aus, das in Kontrast zu ‚alle‘ steht. Damit wird das Auflehnen weniger gegen die breite Masse gestärkt, selbst wenn es nur aus Worten besteht. Die Anapher und die Wiederholungen machen den Text eingängig. Auf der Metaebene macht das lyrische Ich das, wozu es aufruft: es fungiert als Sprachrohr. Konstantin Wecker ist das Sprechen, wenn alle schweigen, besonders vor dem Hintergrund der NS-Zeit wichtig. In der 1989 erschienenen LP Stilles und Glück, trautes Heim befindet sich ein Lied, das die gegenwärtige politische Lage Deutschland beinahe visionär voraussieht: […] da hat man sich vierzig Jahre lange verstecken müssen und schweigen, doch jetzt geht’s wieder los. Jetzt werden wir’s denen mal wieder so richtig zeigen.58 Roland Rottenfußer erläutert in Weckers Biographie dazu: „Im Hintergrund stand noch der Schock, dass ein Rechtspopulismus oberhalb der 5- Prozent-Hürde in Deutschland nach 1945 wieder möglich sein könnte.“59 Die Verse sind natürlich ironisch, aber damals wie heute berechtigt. Es geht wieder los, doch die Lyrik bietet eine wichtige Möglichkeit, gehört zu werden. Diese nutzt Wecker und schreit weiterhin. 57 Ebd., S. 137. 58 Konstantin Wecker zitiert nach: Roland Rottenfußer: Kein rechtes Herz fürs Vaterland. In: Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 187- 192, hier S. 187. 59 Ebd. Janin Aadam 69 4. Fazit In einer kurzlebigen Welt schafft Konstantin Wecker Verse, die die Menschen nachhaltig wachrütteln sollen: Jeder Augenblick ist ewig, wenn du ihn zu nehmen weißt. Ist ein Vers, der unaufhörlich Leben, Welt und Dasein preist.60 In der Poesie werden Worte ewig verwandelt. Dem Lyriker und Liedermacher Wecker ist es wichtig, wie dargelegt wurde, für seine Überzeugung einzustehen und seine Meinung laut kundzutun. Dies kann für ihn vor allem über die Poesie geschehen: „Die Poesie lehrt uns, / dass nichts zu Ende interpretierbar ist / und dass man die Interpretationshoheit / nicht den Herrschenden überlassen darf.“61 Die Offenheit des Deutungsspielraums ist der Ansatzpunkt für den Streit um Worte und um den richtigen Umgang mit den Angelegenheiten des menschlichen Lebens. Mit dem Bewusstsein des Aufklärers ist ihm wichtig, dass sich die Menschen ihres Verstandes bedienen und zu eigenen Deutungen kommen. Das Interpretieren soll keinen Obrigkeiten überlassen werden, dies würde in einer begrenzten Sicht enden und allein den Interessen der Deutenden dienen. Der Beitrag konnte zeigen, dass es Wecker vor allem für ein gemeinsames Einstehen für die Menschenrechte durch die Poesie geht. Wecker zielt in durchaus operationaler Weise darauf ab, die Lyrik als Sprachrohr für Kritik zu nutzen. Er steht damit im Zusammenhang mit Bemühungen in der Gegenwart, einen Zusammenschluss von Lyrik und Menschenrechtsbildung zu generieren. Beispielhaft wurde auf die „Poems of Horror“ hingewiesen, die im Rahmen einer Kampagne von Amnesty International entstanden und das Thema Folter poetisch transformieren. Wichtig ist stets die Rezeption: Die Gedichte sollen möglichst viele Menschen erreichen, berühren und etwas bewirken. Sie sollen Bewusstsein und Handeln ändern. Missstände durch Poesie zu verändern, ist letztlich das Hauptziel von Konstantin Weckers poetischem Schaffen. Das zu verstehen, heißt Konstantin Weckers Literaturverständnis verstanden zu haben. 60 Wecker, Das ganze schrecklich schöne Leben, S. 250. 61 Wecker, Auf der Suche nach dem Wunderbaren, S. 19. Konstantin Wecker verstehen 70 Als Besonderheit von Weckers Werk wurde zudem das Verfahren der Fortschreibung bekannter Gedichte herausgearbeitet. Wecker schreibt Verse nicht einfach neu, sondern nutzt das lyrische Wort, indem er es in neue Kontexte stellt. Er aktualisiert die Lyrik, indem er brisante gegenwärtige Themen in Politik und Gesellschaft in Bezug zu den damaligen Texten setzt. So entsteht ein Dialog mit einem lyrischen Text, ohne dass die Verbindungen zu den ursprünglichen Themen verloren gingen. Am Beispiel von Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien, die Wecker in neun Elegien umschrieb, konnte dies festgemacht werden. Relevante Punkte wie Fremdheit und Zerstörung durch den Krieg kommen bei Rilke und Wecker gleichermaßen vor. Detailliert wurde Konstantin Weckers Poesie anhand ausgewählter Menschenrechte analysiert. Dabei ziehen sich Themen wie Freiheit, Selbstbestimmung, Krieg, Diskriminierung und Asylpolitik durch sein Werk. Stilistisch werden Parallelismen, Alliterationen, Reime, Anaphern, Metaphern und Personifikationen verwendet, um die Lyrik eingängig werden zu lassen. Nicht zuletzt durch das Fortund Umschreiben bekannter Vorlagen macht Wecker Lyrik nachhaltig und eröffnet neue Deutungshorizonte. Jeder Mensch soll frei und selbständig zu eigenen Lesarten kommen. Poesie ist für ihn ein Mittel zum Widerstand, gleichzeitig auch ein ewiges Starkmachen für die Menschenrechte. 71 Teilhabe für alle Biblische Hoffnungsgeschichten dis/abilitykritisch gelesen Markus Schiefer Ferrari 1. Teilhabe als Menschenrecht – UN-Behindertenrechtskonvention (2008) „Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation“1 Unter diesem Titel gab die Bundeszentrale für politische Bildung Ende 2017 einen Sammelband heraus, in dem verschiedene AutorInnen dezidiert der Frage nachgehen, „wie […] es um die Wirklichkeit dieses normativen Anspruchs bestellt“2 ist. Einerseits sei „Teilhabe im Sinne von Teilnahme und Beteiligtsein […] in vielen gesellschaftlichen Bereichen zum Leitmotiv geworden“ und der Begriff stehe „für Gewährleistung gleicher Verwirklichungschancen, Einbeziehung in die Gesellschaft und Schutz vor willkürlicher Ungleichbehandlung“. Andererseits stünden oftmals „stereotype Vorstellungen von Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung einer umfassenden Partizipation entgegen“, führten „Armut oder Behinderung zu gesellschaftlicher Ausgrenzung“ oder würden „Menschen benachteiligt, weil in ihrer Lebensgeschichte Zuwanderung eine Rolle“ spiele.3 1 Elke Diehl (Hrsg.): Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 1506) Bonn 2017. 2 Ankündigungstext (http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/256651/teilhabe-fueralle [Stand: 18.12.2018]). 3 Ebd. Teilhabe für alle 72 Im einleitenden Grundsatzartikel „Teilhabe als Menschenrecht“4 stellt die Direktorin des „Deutschen Instituts für Menschenrechte“ in Berlin, Beate Rudolph, dar, „wie sich das Recht auf Teilhabe und der damit verbundene Schutz vor Diskriminierung zu einem umfassenden Recht auf Partizipation in allen Lebensbereichen entwickelt“ haben, und macht „auf die Wechselwirkung dieses Rechts mit Inklusion als menschenrechtlichem Grundsatz sowie der menschenrechtlichen Anerkennung von Vielfalt aufmerksam“.5 Ohne einzelne Etappen „[i]nternationale[r] Menschenrechtsverträge und Politikfelder als Wegbereiter für ein umfassendes Verständnis von Teilhabe“6 nachzuzeichnen, etwa die UN-Antirassismuskonvention von 1965, die UN-Frauenrechtskonvention von 1979 oder die UN-Kinderrechtskonvention von 1989,7 seien exemplarisch wenigstens einige wesentliche Aspekte der UN-Behindertenrechtskonvention benannt. Die UN-BRK wurde Ende 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und trat am 3. Mai 2008 international in Kraft, seit März 2009 auch in Deutschland.8 So werden in der 4 Beate Rudolf: Teilhabe als Menschenrecht – eine grundlegende Betrachtung. In: Elke Diehl (Hrsg.): Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 1506) Bonn 2017, S. 13-43. 5 Elke Diehl: Vorwort, in: Dies. (Hrsg.): Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation. (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung 1506) Bonn 2017, S. 10. 6 Rudolf, Teilhabe als Menschenrecht, S. 19. 7 Vgl. ebd., S. 20-22. 8 Vgl. https://www.behindertenrechtskonvention.info/in-kraft-treten-derkonvention-3138/ (Stand: 18.12.2018); Heiner Bielefeldt: Inklusion als Menschenrechtsprinzip: Perspektiven der UN-Behindertenkonvention. In: Johannes Eurich/Andreas Lob-Hüdepohl (Hrsg.): Inklusive Kirche. (Behinderung – Theologie – Kirche 1) Stuttgart 2011, S. 64; Theresia Degener: Die neue UN-Behindertenrechtskonvention aus der Perspektive der Disability Studies. In: Behindertenpädagogik 48 (2009), Nr. 3, S. 263-283, bes. S. 264, hebt u.a. hervor, „dass Menschen mit Behinderungen in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß an der Erarbeitung einer internationalen Rechtsnorm beteiligt waren; auf allen Ebenen und in allen Funktionen: als Betroffene und als ExpertInnen als Zivilgesellschafts- und als RegierungsvertreterInnen. Der in der internationalen Behindertenbewegung in den 1980er Jahren entwickelte Slogan ‚Nothing about us without us‘ konnte in diesem Prozess umgesetzt werden, wenngleich dies mit den bekannten demokratischen Legitimationsproblemen einherging.“ Markus Schiefer Ferrari 73 UN-BRK, hier zitiert nach der sogenannten Schattenübersetzung,9 unter den allgemeinen Grundsätzen in Artikel 3 u.a. folgende Punkte genannt: a) [D]ie Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Selbstbestimmung; b) die Nichtdiskriminierung; c) die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft; d) die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit. Zum einen bekräftigt die UN-BRK damit den menschenrechtlichen Universalismus der allgemeinen Menschenrechte, zum anderen konkretisiert sie diese. Sie schafft also keine Spezialkonvention oder ein Sonderrecht, sondern entwickelt das ganze Spektrum der Menschenrechte weiter.10 Das Recht auf „assistierte Selbstbestimmung“ 11 und Teilhabe wird dann u.a. im Artikel 26, Abs. 1 näher ausgeführt: Die Vertragsstaaten treffen wirksame und geeignete Maßnahmen, einschließlich durch peer support, um Menschen mit Behinderungen in die Lage zu versetzen, ein Höchstmaß an Selbstbestimmung, umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten sowie 9 Auf der Seite der Bundesbeauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen findet sich neben der englischen Originalversion der „Convention on the Rights of Persons with Disabilities“ und der amtlichen, gemeinsamen Übersetzung von Deutschland, Österreich, Schweiz und Lichtenstein auch die Anfang 2017 von der Bundesbeauftragten herausgegebene Schattenübersetzung vom NETZWERK ARTIKEL 3 e.V. (https://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/Publikationen/U N-Konvention_Schattenuebersetzung.pdf?__blob=publicationFile&v=2 [Stand: 18.12.2018]). 10 Vgl. Bielefeld, Inklusion als Menschenrechtsprinzip, S. 65-68. 11 Zum Begriff „assistierte Selbstbestimmung“ vgl. z.B. Rudolf, Teilhabe als Menschenrecht, S. 38; Sigrid Graumann: Assistierte Freiheit. Von einer Behindertenpolitik der Wohltätigkeit zu einer Politik der Menschenrechte. Frankfurt/M. 2011, S. 78. Teilhabe für alle 74 die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens zu erreichen und zu bewahren.12 Damit ist die UN-BRK der erste Menschenrechtsvertrag, der ausdrücklich Teilhabe in einen inneren Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl und dem (menschenrechtlichen) Achtungsanspruch jedes Menschen stellt. […] Systematischer Ausschluss von Teilhabe verletzt die Menschenwürde und den in ihr gründenden Anspruch auf Achtung als Mensch mit dem gleichen und vollen Recht auf selbstbestimmte Lebensgestaltung. Wer Ausgrenzung erfährt, erfährt damit zugleich Abwertung.13 Im Folgenden soll nun nicht, was im Kontext einer universitären (LehrerInnen-)Bildung naheliegen würde, auf ein „inklusives Bildungssystem“ (Art. 24 Abs. 1) und die „volle und gleichberechtigte Teilhabe an der Bildung“ (Art. 24 Abs. 3) eingegangen werden. Vielmehr soll an ausgewählten Textbeispielen der Frage nachgegangen werden, was die jüdischchristliche Tradition speziell in ihren biblischen Hoffnungsgeschichten zur vollen Einbeziehung und Teilhabe aller Menschen an allen Aspekten des Lebens beitragen konnte bzw. – im Gegensatz dazu – in welchen Punkten sie diese möglicherweise sogar erschwerte. Die Übertragung der Frage nach vollen Teilhabemöglichkeiten aller an der Gesellschaft auf biblische Visionen von einer zukünftigen Gemeinschaft erscheint insofern berechtigt, als man von einer jahrhundertelangen kulturprägenden Wirkung der Bibel ausgehen darf, in der sich beispielsweise auch Tradierung himmlischer Heilsvorstellungen einerseits und Gestaltung irdischer Lebensrealitäten andererseits gegenseitig bedingt haben. Die Rezeption partizipativer Bilder biblischer Erzählungen dürfte sich ebenso wie die Rezeption diskriminierender Tendenzen in kulturellen (Normalitäts-) Codes spiegeln bzw. umgekehrt von diesen beeinflusst sein. 12 Ebd. 13 Rudolf, Teilhabe als Menschenrecht, S. 24. Markus Schiefer Ferrari 75 2. Behinderung neu denken – Dis/ability Studies14 Um das mit dieser Fragestellung verbundene Anliegen deutlicher machen zu können, sei wenigstens knapp skizziert, von welchem Behinderungsbegriff bei den weiteren Überlegungen ausgegangen werden soll. Die UN-BRK weist in der Präambel (Buchstabe f) darauf hin, dass das Verständnis von Behinderung sich ständig weiterentwickelt und dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht. Zu den Menschen mit Behinderungen zählen nach Art 1 der UN-BRK Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können. Im Gegensatz zu einem medizinischen Modell, das Behinderung als Schädigung des Körpers versteht und objektiv beschreibbare Naturvorgänge voraussetzt, folgt die UN-BRK damit dem sogenannten sozialen Behinderungsmodell, das sich am besten mit dem Slogan „Man ist nicht behindert, man wird behindert!“ zusammenfassen lässt. Nach diesem Modell entsteht Behinderung (disability) durch systematische Ausgrenzung und ist nicht einfach das Ergebnis medizinisch festgestellter Pathologie. Menschen werden nicht aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigung behindert, sondern durch das soziale System, das ihnen eine marginalisierte Position zuweist und Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet. Entsprechend wird Behinderung in den Kontext sozialer Unterdrückung und Diskriminierung gestellt und als soziales Problem thematisiert, das wohlfahrts- 14 Vgl. im Folgenden zum Teil wörtlich Markus Schiefer Ferrari: Art. Dis/ability Studies. 2019. In: Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon im Internet (https://www.bibelwissenschaft.de/de/wirelex/wirelex/ [Stand: 15.05. 2019]). Teilhabe für alle 76 staatlicher Unterstützung und gemeinschaftlicher (Selbsthilfe-)Aktion bedarf.15 Das soziale Behinderungsmodell übersieht allerdings, dass Behindertsein (impairment) und Behindertwerden (disability) keineswegs trennscharfe Kategorien [sind] (im Sinne von: hier das natürlich, körperlich Gegebene, dort die darauf bezogene gesellschaftliche Praxis), sondern verschiedene Dimensionen ein und desselben gesellschaftlichen, also sozial hergestellten Phänomens, die sich wechselseitig durchdringen und aufeinander verweisen.16 Insofern bedarf es einer Ergänzung des sozialen Behinderungsmodells durch das sogenannte kulturelle Modell, das vor allem von US-amerikanischen und deutschen VertreterInnen der Disability Studies favorisiert wird.17 Nach Anne Waldschmidt, die an der Universität zu Köln Disability Studies lehrt, ist ein kulturwissenschaftlicher Perspektivwechsel notwendig, nach dem es nicht genügt, Behinderung als individuelles Schicksal oder diskriminierte Randgruppenposition zu kennzeichnen. Vielmehr geht es um ein vertieftes Verständnis der Kategorisierungsprozesse selbst, um die Dekonstruktion der ausgrenzenden Systematik und der mit ihr verbundenen Realität. Nicht nur Behinderung, sondern auch ihr Gegenteil, die gemeinhin nicht hinterfragte ‚Normalität‘ soll in den Blickpunkt der Analyse rücken. Denn behinderte und nicht behinderte Menschen sind keine binären, strikt getrennten Gruppierungen, sondern einander bedin- 15 Werner Schneider/Anne Waldschmidt: Disability Studies. In: Stephan Moebius (Hrsg.): Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies. Eine Einführung. Bielefeld 2012, S. 139. 16 Ebd., S. 142. 17 Daneben findet sich, so Degener, Die neue UN-Behindertenrechtskonvention aus der Perspektive der Disability Studies, S. 274, auch ein sogenanntes menschenrechtliches Modell von Behinderung, das „auf die Modelle der Disability Studies“ rekuriert, „aber als zentralen Bezugspunkt die Menschenrechte und den rechtsbasierenden Ansatz in der Behindertenpolitik“ nimmt. „Dieser rechtsbasierende Ansatz […] ist als Gegenpool zu einer an Bedürftigkeit orientierten Fürsorge- und Wohlfahrtspolitik zu verstehen, in der Behinderte als Objekte der Sozialpolitik nicht aber als Bürgerrechtssubjekte gelten.“ Markus Schiefer Ferrari 77 gende, interaktiv hergestellte und strukturell verankerte Komplementaritäten.18 Behinderung neu bzw. anders zu denken, bedeutet auf der Grundlage des kulturellen Modells also, dass „nicht die Abweichung, die Pathologie, die irritierende Andersartigkeit, ‚der Störfall‘ […] in den Blick“ zu nehmen ist; vielmehr ist die Kategorie Behinderung zu verwenden, „um die ‚Mehrheitsgesellschaft‘ […] zu rekonstruieren und von deren Analyse aus nach den Auswirkungen und Folgen für Behinderte zu fragen.“19 Konsequenterweise sind daher dis/ability und Dis/ability Studies mit Schrägstrich zu schreiben, um so „die Verschränkungen und Verknüpfungen, das Wechselspiel von ‚normal‘ und ‚behindert‘“20 deutlich zu machen und zu zeigen, dass Behinderung als kontingent, das heißt als soziokulturelle bzw. -historische Konstruktion und gesellschaftliche Differenzkategorie zu denken ist. Die sogenannte Dis/ability History sieht in der Kategorie Behinderung ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft Europas seit der Aufklärung. „Tradierte Vorstellungen über den Umgang mit verkörperten Andersheiten in antiken und mittelalterlichen Gesellschaften“, wie etwa die von permanenter Vernachlässigung oder Verstoßung, werden hinterfragt.21 „So seien die Bandbreite der familiären und gesellschaftlichen Reaktionen und Verhaltensweisen [...] sehr viel größer“ gewesen und hätten „Sorge und Pflege ebenso [...] wie die konkrete Zuweisung sozialer und wirtschaftlicher Funktionen“ eingeschlossen.22 18 Anne Waldschmidt: Disability Studies. Individuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung. In: Psychologie und Gesellschaftskritik 29 (2005), Nr. 1, S. 25. 19 Markus Dederich: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. (Disability Studies 2) Bielefeld 2007, S. 29; vgl. auch Anne Waldschmidt: „Behinderung“ neu denken. Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies. In: Dies. (Hrsg.): Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies. Tagungsdokumentation. Kassel 2003, S. 11-22, bes. S. 16. 20 Ebd., S. 20. 21 Elsbeth Bösl: Dis/ability History: Grundlagen und Forschungsstand. In: H-Soz-Kult, 07.07.2009, abrufbar unter: www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1113 (Stand: 18.12.2018), S. 17. 22 Ebd. Teilhabe für alle 78 Mit Markus Dederich ist heute außerdem von einem Menschenbild auszugehen, „bei dem nicht mehr in der Tradition der europäischen Aufklärung einseitig Autonomie und Selbstbestimmung im Vordergrund“ stehen, „sondern Aspekte wie Abhängigkeit und Angewiesenheit, Fragilität und Zerbrechlichkeit verstärkt hervortreten.“23 Aus differenzphilosophischer Sicht ist damit die Vielfalt als Regelfall zu betrachten und Konzepte der Abweichung sind zurückzuweisen.24 Im Gegensatz zu einer häufig vertretenen, aber reduktionistischen Sicht handelt es sich bei Behinderung also nicht im alltagsweltlichen Sinne um eine eindeutige Kategorie, sondern um einen höchst komplexen, eher unscharfen Oberbegriff, der sich auf eine bunte Mischung von unterschiedlichen körperlichen, psychischen und kognitiven Merkmalen bezieht, die nichts anderes gemeinsam haben, als dass sie mit negativen Zuschreibungen wie Einschränkung, Schwäche oder Unfähigkeit verknüpft werden.25 3. Literarisch vermittelte Differenzmerkmale – Biblische Erzählungen Geht man, wie oben erwähnt, von der kulturprägenden Wirkung des Christentums aus, muss sich die Theologie ebenso wie andere Geistesund Kulturwissenschaften fragen (lassen), inwieweit nicht auch sie über Jahrhunderte zu einer Konstruktion von Differenzvorstellungen beigetragen und beispielsweise die binären Gegensätze von normal/abweichend und behindert/nicht behindert entscheidend mitgeformt hat. Daraus erwächst auch für die Bibelwissenschaft die Aufgabe, zum einen biblische Texte und ihre Rezeption auf solche Differenzkonstruktionen hin zu reflektieren und zum anderen die aktuelle Vermittlungspraxis kritisch auf implizit damit verbundene Normalitäts- und Perfektibilitätsvoraussetzungen zu befragen. 23 Dederich, Körper, Kultur und Behinderung, S. 188. 24 Vgl. ebd. 25 Anne Waldschmidt: Warum und wozu brauchen Disability Studies die Disability History? Programmatische Überlegungen In: Elsbeth Bösl/Anne Klein/Dies. (Hrsg.): Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte, eine Einführung. (Disability Studies 6) Bielefeld 2010, S. 13-27, bes. S. 14. Markus Schiefer Ferrari 79 Im literarischen Kontext, also auch bei biblischen Erzählungen, ist z.B. konkret auf folgende Aspekte bei der Analyse eines Textes zu achten: 1) Inwieweit bedient ein Text etwa mit Hilfe von Kategorisierungen und Grenzziehungen binäre Vorstellungen von behindert/nicht behindert bzw. abweichend/normal? 2) Trägt ein Text dazu bei, Menschen auf ein oder mehrere Differenzmerkmale, z.B. blind, taub oder gelähmt, zu reduzieren und damit Differenzvorstellungen zu verstärken? 3) Werden zusätzlich Defizite mittels Stigmatisierung und damit verbundener Assoziationshöfe konstruiert, indem Menschen mit Behinderung in verschiedensten Lebensbereichen weitere spezifische Eigenschaften zugesprochen werden, beispielsweise wenn behauptet wird, Blinde hätten „besondere Informationskanäle, die anderen nicht zugänglich“ seien, oder man müsse sie „anschreien, als wären sie taub“, oder „stützen, als wären sie verkrüppelt“26? 4) Werden Defizite und Differenzmerkmale noch weiter vertieft, indem versucht wird, das kulturell Selbstverständliche und Normale kontrastierend auf der Folie des kulturell Anderen und Fremden besonders plastisch erfahrbar zu machen?27 5) Dienen Menschen mit Behinderung nicht nur als Gegenbilder zu einer heilen Wirklichkeit, sondern gleichzeitig als Bildrepertoire für eigene Schwächen und damit zur Konstruktion von Normalität, was sich etwa in verharmlosenden Redewendungen wie „sind wir nicht alle ab und zu blind für etwas“ ausdrückt? Um die Stellvertreterfunktion behinderter Charaktere in literarischen Texten besonders deutlich zu machen, verwenden die beiden USamerikanischen LiteraturwissenschaftlerInnen David T. Mitchell und 26 Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 140) Frankfurt/M. 1975, S. 14. 27 Vgl. Dederich, Körper, Kultur und Behinderung, S. 107-123. Teilhabe für alle 80 Sharon L. Snyder das Bild der „narrativen Prothese“.28 So wie eine physische Prothese gleichermaßen auf die Behinderung und auf das Normgerechte verweist, versucht auch eine von einer Behinderung handelnde Erzählung sowohl von der Entstehung als auch „von der Auflösung, Korrektur oder dem Ausschluss einer Abweichung“ zu berichten, indem sie das Geschehen deutet und es „in einen kulturellen Bezugsrahmen“ einordnet. 29 Zu denken ist etwa an den Film Ziemlich beste Freunde (2011), in dem Behinderung mit Humor und Happy End dargestellt und so letztlich in die Normalität der Alltagswelt aufgelöst wird. Oder an den letzten großen Roman des 2018 verstorbenen US-amerikanischen Autors Philipp Roth Nemesis (2011), benannt nach der griechischen Rachegöttin, in dem die große Polioepidemie im letzten Kriegsjahr zum Spiegel der Nachkriegswelt und zum Anlass der Frage nach dem Sinn des Lebens wird. Umgekehrt können literarische Texte aber auch Gegenbilder gegen Negativbewertungen von Behinderung hervorbringen und populäre Erwartungen an menschliches Behindertsein erschüttern, indem sie den Prozess der Unsichtbarmachung, der stigmatisierenden Hervorhebung, der Normalisierung oder der Auslöschung unterlaufen und beispielsweise den behinderten Körper nicht als Sinnbild für andere soziale oder menschliche Probleme missbrauchen.30 4. Weltverändernde Kraft Gottes – Neutestamentliche Wundererzählungen31 Wendet man sich konkreten Textbeispielen der Bibel zu, um sie auf ihren Beitrag zur Partizipation aller Menschen zu befragen, bieten sich unter den biblischen Hoffnungsgeschichten vor allem neutestamentliche Wundererzählungen an, da sie nicht nur für die erzählte Gegenwart die weltverändernde Kraft Gottes anzeigen, sondern auf neue, zukünftige 28 Vgl. David T. Mitchell/ Sharon L. Snyder: Narrative Prosthesis. Disability and the Dependencies of Discourse. (Corporealities) Ann Arbor 2000. 29 Vgl. Dederich, Körper, Kultur und Behinderung, S. 117-119. 30 Ebd., S. 123. 31 Vgl. im Folgenden z.T. wörtlich Markus Schiefer Ferrari: Exklusive Angebote. Biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen. Ostfildern 2017, S. 19-24. Markus Schiefer Ferrari 81 Dimensionen verweisen und damit für alle gleichermaßen die Teilhabe am göttlichen Heil erhoffen lassen. Insbesondere in der Religionspädagogik werden die erzählten Wunder Jesu als Hoffnungsbilder gedeutet, die „mit ihrer Gegenerfahrung von heilem Leben ein Zeichen des Protestes gegen die Wirklichkeit“32 setzen. „Mit dieser Vision glaubwürdiger und tragfähiger Hoffnung überschreiten sie die Grenzen des Alltags“ und „bewahren vor Resignation oder Verzweiflung“.33 Das zentrale Thema der Grenzüberschreitung wird in den einzelnen Gattungen der neutestamentlichen Wundergeschichten unterschiedlich realisiert, etwa in Rettungswundern und Exorzismen durch die Befreiung aus Bedrohungssituationen oder in Epiphanien und Normenwundern durch Offenbarung des Göttlichen im Kontext menschlicher Verschlossenheit und Verblendung. In Therapien (Heilungswundern) und Geschenkwundern, die im Folgenden exemplarisch etwas genauer betrachtet werden sollen, begegnen hingegen Grenzen durch Mangel an „gesundmachender, belebender ‚Kraft‘“ oder Nahrungsmitteln.34 Diese Einschränkungen der Lebensmöglichkeiten des Menschen seien, so Gerd Theißen, nur „durch Partizipation an Kraft und Gütern, durch Ausstrahlen von und Schenken von Gaben zu überwinden.“35 Insgesamt enthielten Wundergeschichten „eine Sinndeutung konkreter Negativität als Bedrohung, Mangel und Verschlossenheit“ und seien „symbolische Handlungen, in denen diese Negativität transzendiert“ werde.36 32 Bernd Kollmann: Neutestamentliche Wundergeschichten. Biblisch-theologische Zugänge und Impulse für die Praxis. (Kohlhammer Urban-Taschenbücher 477) Stuttgart 32011, S. 222f. 33 Ebd.; vgl. auch Christian Höger: Art. Wunder, bibeldidaktisch. 2016. In: Das Wissenschaftlich-Religionspädagogische Lexikon im Internet (http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100150/), [Stand: 18.12. 2018]); Manfred Köhnlein: Wunder Jesu – Protest- und Hoffnungsgeschichten. Stuttgart 2010; Anita Müller-Friese: Hoffnungsgeschichten. Wunder in der Sonderschule. In: entwurf o. Jg. (2006), Nr. 4, S. 31-35; Ingo Baldermann: Gottes Reich – Hoffnung für Kinder. Entdeckungen mit Kindern in den Evangelien. Neukirchen-Vluyn 1991. 34 Vgl. Gerd Theißen: Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien. (Studien zum Neuen Testament 8) Gütersloh 71998, S. 121-125, bes. S. 123. 35 Ebd., S. 124. 36 Ebd., S. 124f. Teilhabe für alle 82 Ausgehend von der Frage nach Teilhabevisionen erscheinen unter den Geschenkwundern besonders die neutestamentlichen Massenspeisungen paradigmatisch für die Hoffnung auf die Partizipation aller. So werden bei der Speisung der Fünftausend in Mk 6,30–44 (vgl. Mt 14,13– 21; Lk 9,10b–17; Joh 6,1–16) und bei der Speisung der Viertausend in Mk 8,1–10 (vgl. Mt 15,32–39) alle Anwesenden gesättigt, nachdem sie Jesus spontan an einen abgelegenen Ort gefolgt sind (6,31.35) oder sich schon drei Tage bei ihm versammelt haben (8,2). Obwohl die Menschenmassen nichts zu essen haben, reichen fünf Brote und zwei Fische (6,38.41) bzw. sieben Brote (8,5f.) für alle (6,42; 8,8). Da Jesus Mitleid mit ihnen hat (6,34a; 8,2), lehrt er sie nicht nur (6,34b), sondern spricht den Lobpreis bzw. das Dankgebet, bricht die Brote und gibt sie seinen Jüngern zum Verteilen (6,41; 8,6; vgl. 14,22a). Schließlich werden nicht nur fünftausend (6,44) bzw. viertausend Männer (8,9) satt, sondern bleiben sogar noch zwölf Körbe mit Brotbrocken und Resten von Fischen (6,43) bzw. sieben Körbe voll Brotstücken (8,8) übrig. Mit Blick auf mögliche partizipative Ansätze in biblischen Hoffnungsgeschichten ist unter den verschiedenen Deutungszugängen die insbesondere in religionspädagogischen Kontexten beliebte Interpretation der Brotvermehrungen in Mk 6 bzw. Mk 8 als „Wunder gegenseitigen Teilens“ zu erwähnen. Wenn alle ihre Herzen und Taschen öffneten, vor allem die, die mehr als andere hätten, werde ein derartiges Wunder möglich, zumal es angesichts eines liebenden Miteinanders und gemeinsamen Glücks ohnehin nicht viel brauche, um satt zu werden.37 Bei einer solchen ethisierenden Deutung stellt sich allerdings nicht nur die Frage, ob SchülerInnen der Anspruch, eine Gemeinschaft des Teilens und der Teilhabe zu pflegen, nicht mit Hilfe einer weniger übertriebenen Erzählung aus dem eigenen Erfahrungsalltag besser vermittelt werden könnte. Nicht 37 Vgl. z.B. Annegret Langenhorst: Die wunderbare Kompetenzvermehrung. Eine Doppelstunde zu Mk 6 (Speisung der 5000) in der 7. Klasse. In: Kontakt. Informationen zum Religionsunterricht im Bistum Augsburg 8 (2015), S. 46-55; Christiane Rösener: Geschichten, die man nicht vergisst: Auf der Suche nach der „wahren“ Geschichte von den Broten und den Fischen. In: Susanne Bürig-Heinze/Dies. u.a.: Anforderungssituationen im kompetenzorientierten Religionsunterricht. 20 Beispiele. Göttingen 2014, S. 131f.; Renate Maria Zerbe: Jesus – ein wunderbarer Mensch. Wundererzählungen im Religionsunterricht der 3. und 4. Klasse. Mit Kopiervorlagen und Schülerlexikon. Donauwörth 2009, S. 35; im literarischen Kontext vgl. Luise Rinser: Mirjam. Frankfurt/M. 1983, S. 132f. Markus Schiefer Ferrari 83 erklärt wird damit vor allem das Motiv des Überflusses, das am Ende der Speisungserzählungen mittels der zwölf bzw. sieben Körbe mit Fischund Brotresten so deutlich unterstrichen wird. Die besondere Bedeutung dieses Überflussmotives für das Verständnis der beiden Geschenkwunder zeigt sich, wenn es wenige Verse nach der Speisung der Viertausend in einem Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern während einer Bootsfahrt (8,14–21) erneut aufgegriffen wird. Da sich die Jünger offenbar nicht um die Warnung Jesu vor den Pharisäern und Herodes kümmern (8,15), sondern sich lediglich Gedanken machen, weil sie vergessen haben, Brot mitzunehmen (8,16), greift sie Jesus heftig an: „Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt? Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören?“ 38 (8,17c–18; zit. Jer 5,21) Obwohl sie seine anschließende Frage, ob sie sich an die Zahl der Körbe mit übriggebliebenen Brotstücken erinnern könnten, als er für die Fünftausend die fünf und für die Viertausend die sieben Brote gebrochen habe, richtig beantworten (8,19f.), reagiert Jesus einmal mehr ungewöhnlich scharf, wenn er ihnen in 8,21 abschließend vorhält: „Versteht ihr immer noch nicht?“ Offensichtlich richtet sich diese vorwurfsvolle Frage nicht nur an die Jünger, sondern ebenso an die LeserInnen des Markusevangeliums. Nicht zuletzt aufgrund der vorausgegangenen (Speisungs-)Wunder könnten sie eigentlich uneingeschränkt – auch in aktuellen Mangel- oder Notsituationen – auf Jesus und die weltverändernde Kraft Gottes vertrauen. Zugleich sollten sie erkennen, dass mit den zwölf bzw. sieben Körben – beides in der biblischen Tradition Zahlen der Ganzheit und Vollständigkeit – ein über den Augenblick hinausreichender Überfluss an ‚Lebensmitteln‘ und damit die Vision vom zukünftigen Heil angezeigt wird (vgl. Abb. 1). Das Motiv der Fülle verweist auf ein abundantes endzeitliches Freudenmahl und eröffnet damit ein Hoffnungsbild, das sich wiederum aus einem paradiesischen Urzustand speist. Durch eine solche Verschränkung der Zeiten verändern die Brotvermehrungen nicht nur die erzählte Welt, sondern können bereits für die Gegenwart der LeserInnen ansatzweise Wirklichkeit werden, indem sie den Protest gegen soziale Ungerechtigkeiten und Hoffnung auf eine bessere Zukunft nähren.39 38 Diese und die nachfolgenden Übersetzungen biblischer Zitate sind der EÜ 2016 entnommen. 39 Vgl. z.T. wörtlich Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 21-24; Michael Labahn: Wunder verändern die Welt. Überlegungen zum sinnkonstituie- Teilhabe für alle 84 Abb. 1: Verschränkung der Zeiten Zudem knüpfen die Speisungswunder an die Mahlpraxis Jesu an, mit Menschen aller Schichten „Reich-Gottes-Happenings“40 zu feiern, Mähler also, die von gemeinsamer Freude erfüllt waren und einen Geschmack auf die erhoffte Heilszeit zu geben vermochten.41 So erweisen sich die neutestamentlichen Speisungsgeschichten gerade auch aus einer partiziparenden Charakter von Wundererzählungen am Beispiel der so genannten „Geschenkwunder“. In: Bernd Kollmann/Ruben Zimmermann (Hrsg.): Hermeneutik der frühchristlichen Wundererzählungen. Geschichtliche, literarische und rezeptionsorientierte Perspektiven. (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 339) Tübingen 2014, S. 369-393, bes. S. 376f. 40 Joachim Kügler: Hungrig bleiben!? Warum das Mahlsakrament trennt und wie man die Trennung überwinden könnte. Würzburg 2010, S. 18–23, bes. S. 20, bezeichnet die Mahlgemeinschaften Jesu treffend mit diesem Begriff aus der modernen Kunst, um zu zeigen, dass mittels dieser prophetischen Zeichen – ebenso wie in den Exorzismen und Krankenheilungen – Königsherrschaft Gottes geschehe (engl. happens). 41 Vgl. Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus. Mk 1–8,26. (Evangelisch Katholischer Kommentar zum Neuen Testament 2/1) Neukirchen- Vluyn/Düsseldorf 62008, S. 253-264, bes. S. 263. Markus Schiefer Ferrari 85 tiven Perspektive als hoffnungsvolle Bilder einer Gemeinschaft in Vielfalt.42 5. Deutungsverändernde Wirkung menschlicher Fragilität – Neutestamentliche Heilungserzählungen Heilungsgeschichten im unmittelbaren Kontext der beiden Speisungswunder mit Hilfe der gleichen Deutungsmatrix zu interpretieren, legt sich nicht nur aufgrund des gemeinsamen Erzählzusammenhangs nahe, sondern auch, weil es in beiden Wundergattungen, wie gezeigt, um die Überwindung von Situationen der Lebenseinschränkungen oder des Mangels durch Partizipation an Kraft und Gütern geht. Allerdings stellt sich dieser Interpretationsansatz mittels der Verschränkung der Zeiten für die Deutung der Heilungswunder als höchst problematisch dar, wenn man diese mit dem Menschenbild der Dis/ability Studies konfrontiert, das wie erwähnt, vor allem durch „Aspekte wie Abhängigkeit und Angewiesenheit, Fragilität und Zerbrechlichkeit“43 charakterisiert ist und – zumindest in diesen Punkten – dem christlichen Bild vom Menschen sehr nahesteht. Exemplarisch seien für die weitere Betrachtung zwei aufeinander bezogene Heilungsgeschichten ausgewählt, und zwar die Heilung eines Taubstummen (7,31–37), die sich unmittelbar vor der Speisung der Viertausend (8,1–9) findet, und die Heilung eines Blinden bei Betsaida (8,22– 26) am Ende der größeren Erzähleinheit44 6,30–8,26, die eingeleitet wird von der Speisung der Fünftausend (6,30–44). Deutlich miteinander verbunden sind die beiden Heilungswunder aufgrund eines vergleichbaren Erzählablaufes und ähnlicher Motive. Im Gegensatz zur später erzählten Heilung des blinden Bettlers Bartimäus (10,46–52), der selbst sehr laut- 42 Vgl. z.T. wörtlich Markus Schiefer Ferrari: Wunderbare Aussichten – Biblische Heilungs- und Speisungsgeschichten im inklusiven Religionsunterricht am Beispiel von Mt 15,29–39. In: Heike Lindner/Monika Tautz (Hrsg.): Heterogenität und Inklusion. Herausforderungen für die Religionspädagogik, Theorieband. (Kölner Studien zur Religionspädagogik 2) Münster u.a. 2018, S. 162. 43 Dederich, Körper, Kultur und Behinderung, S. 188. 44 Vgl. zu diesem Gliederungsvorschlag z.B. Ludger Schenke: Das Markusevangelium. Literarische Eigenart – Text und Kommentierung. Stuttgart 2005, S. 15, S. 164-196. Teilhabe für alle 86 stark das Erbarmen Jesu sucht (10,47f.), bringen in beiden Heilungserzählungen andere – denkbar wäre die Familie, Freunde oder auch die dörfliche Gemeinschaft, nicht erwähnt sind in beiden Perikopen die Jünger – einen anonym bleibenden Taubstummen bzw. Blinden zu Jesus (7,32a; 8,22a) und bitten Jesus darum, ihm die Hand aufzulegen bzw. ihn zu berühren (7,32b; 8,22b). Beide Male nimmt Jesus den Patienten beiseite (7,33a) bzw. führt ihn sogar, ähnlich wie ein Blindenführer, aus dem Dorf hinaus (8,23a) und berührt jeweils das kranke Organ mit Speichel (7,33b; 8,23b). Auch wenn Jesus dem Blinden ein zweites Mal die Hände auflegen muss, da der Blinde zunächst in einer Art Selbstanamnese angibt, die Menschen nur als herumgehende Bäume wahrnehmen zu können (8,24), werden beide Heilungen schließlich als erfolgreich beschrieben und damit als Wunder konstatiert (7,35; 8,25). Als irritierend für heutige LeserInnen dürfte sich – insbesondere aus einer inklusiven Sicht – der Befehl Jesu an den geheilten Blinden darstellen, auf keinen Fall in das Dorf zurückzukehren (8,26), obwohl er, wie erwähnt, von dort in einem Akt der solidarischen Hilfsbereitschaft zu ihm gebracht worden ist (8,22). Diese Anweisung am Ende der Blindenheilung lässt sich wohl ähnlich wie das – letztlich kontraproduktiv wirkende (7,36b) – Verbot Jesu, jemandem von der Heilung des Taubstummen zu erzählen (7,36a), mit dem markinischen Geheimhaltungsgebot erklären. Jesus soll nicht als außergewöhnlicher ‚Wundermann‘ – gleichsam in Konkurrenz zu Wundertätern im hellenistischen Raum – missverstanden werden; vielmehr sind seine Wunder erst vom Kreuz und von der Auferstehung her und damit als Ausdruck des anbrechenden Reiches Gottes zu deuten.45 Selbstverständlich finden sich auch Unterschiede in den beiden Heilungserzählungen. So endet die Heilung eines Taubstummen im Gegensatz zur Heilung des Blinden mit einer Admiration und Akklamation (7,37): „Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.“ Mit der Einspielung von Gen 1,31 („Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“) und Jes 35,5f. („Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. 45 Vgl. z.T. wörtlich Markus Schiefer Ferrari: Blindenheilung für Blinde Wechselnde Perspektiven auf Mk 8,22–26. In: I&M. Zeitschrift für den katholischen Religionsunterricht an Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen sowie an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren o.Jg. (2019), Heft 1, S. 24-31. Markus Schiefer Ferrari 87 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe.“) unterstreicht der Evangelist nachdrücklich, dass „Gott selbst als Schöpfer eschatologisch heilsschaffend am Werk“46 ist und Heilungen Kranker und Nahrung in Überfülle als Zeichen für den Anbruch der Endzeit zu verstehen sind. Wie die beiden Anspielungen auf Gen 1,31 und Jes 35,5f. inhaltlich nahelegen, lässt sich dieser paradiesischeschatologische Deutungshorizont, wenn auch nicht explizit erwähnt, ebenso auf die Blindenheilung in 8,21–26 beziehen und bestätigt einmal mehr den Interpretationsansatz, ausgehend von den beiden Speisungserzählungen auch die Heilungserzählungen mittels einer Verschränkung der Zeiten zu erschließen. Im Übrigen lassen sich auch in Jes 29,18 („Die Tauben werden an jenem Tag die Worte des Buches hören und aus Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen.“) Bilder der Überwindung aller Einschränkungen und Begrenzungen finden, die sich als soteriologischer Interpretationsrahmen für die beiden aufeinander bezogenen markinischen Erzählungen von der Heilung eines Taubstummen (7,31 37) und der eines Blinden (8,22 26) anbieten.47 Aufgrund des Kontextes und der mehrfachen Hinweise auf das Unverständnis der Jünger, die „keine Augen [haben], um zu sehen, und keine Ohren um zu hören“ (8,18), werden die beiden Heilungserzählungen allerdings meist metaphorisch als symbolische Handlungen Jesu an Jüngern und LeserInnen gedeutet. Wie bei dem Behinderten will Jesus ihnen die Ohren öffnen und die Zunge lösen, damit sie seine Lehre aufnehmen und weitersagen. […] Wie an dem leiblich Blinden wird Jesus auch an den blinden Jüngern […] handeln. Stufe um Stufe werden sie von ihm zum Sehen der Wirklichkeit und der Basileia Gottes gebracht.48 Aus einer dis/abilitykritischen Sicht erscheint eine solche metaphorisierende Deutung der beiden Heilungserzählungen aber ebenso fragwürdig wie eine soteriologische Interpretation mittels der Verschränkung der Zeiten. Beim ersten Deutungszugang werden körperliche Beeinträchtigungen als Bilder für das Unverständnis der Jünger und LeserInnen und die Heilung von diesen Einschränkungen als Metaphern für die Über- 46 Schenke, Markusevangelium, S. 191. 47 Vgl. Schiefer Ferrari, Blindenheilung. 48 Schenke, Markusevangelium, S. 191, S. 196. Teilhabe für alle 88 windung der mangelnden Einsicht verstanden. Auf diese Weise werden Menschen mit Behinderung – zumindest aus einer heutigen Perspektive – zu Gegenbildern von Menschen die in der (spirituellen) Nachfolge Jesu stehen. Aber auch wenn man die für die Speisungswunder beschriebene Verschränkung der Zeiten auf die beiden Heilungswunder überträgt,49 wird es höchst problematisch: Analog bedeutet dies nämlich (vgl. Abb. 1), dass sich die Veränderung in der erzählten Zeit, also die Heilung, aus einem für die Endzeit zu erwartenden Körperideal ableiten lassen muss, das wiederum dem paradiesischen Urzustand entspricht. So, wie der erzählte Überfluss den aktuellen Hunger zwar nicht aufheben kann, aber diese Gegenwart auf Zukunft hin als überwindbar erscheinen lässt, kann die erzählte Dynamis Jesu hinein in die Gegenwart der LeserInnen wirken und Krankheit und Behinderung angesichts der zu erwartenden körperlichen Vollkommenheit als letztlich nur vorläufig erscheinen lassen. Wenn Speisungswunder unter dieser Deutungsperspektive als Hoffnungsund Protestgeschichten zu begreifen sind, dann sind auch Heilungswunder als Hoffnung auf Überwindung von Krankheit und Leid bzw. als Protest dagegen zu lesen. Indem die Heilungserzählungen auf diese Weise Alltagserfahrungen durchbrechen und am Realitätssinn geschulte Erwartungen überbieten, eröffnen sie narrativ insbesondere auch im Kontext der eingespielten prophetischen Heilsvisionen ebenso für die LeserInnen heute ‚exklusive Angebote‘ und ‚wunderbare Aussichten‘. Unausgesprochen werden mit solchen Hoffnungsbildern und der unreflektierten Gleichsetzung von Heilung und Heil aber auch Vorstellungen davon transportiert, was im Allgemeinen als normal und wünschenswert angesehen wird. Wenn die Heilungen Jesu Zeichen für Befreiung und Neubeginn sind, verweisen Krankheit und Behinderung umgekehrt auf einen Zustand, den es zu überwinden gilt. Wie die folgenden drei Beispiele nachdrücklich zeigen, können sich biblische Heilungsgeschichten nicht nur die Heilung eines Taubstummen in Mk 7,31–37 und die eines Blinden in 8,22 26 insofern als exklusiv erweisen, als sie für die Zukunft eben nicht eine Teilhabe aller Menschen – unabhängig von körperlichen, seelischen oder geistigen Voraussetzungen – erhoffen lassen. Beispielsweise schreibt bereits 1998 die feministische Theologin Dorothee Wilhelm, selbst Rollstuhlfahrerin, treffend: 49 Vgl. im Folgenden z.T. wörtlich Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 9f., S. 24f.; ders., Blindenheilung. Markus Schiefer Ferrari 89 Die Vision vom Reich Gottes ist exklusiv. Da die Heilung der ‚Krüppel‘ metaphorisch anzeigt, daß das Reich Gottes nahe ist, kommt zur spirituellen Ausbeutung die Ausbeutung als Metapher hinzu: Unsere Körper dienen den ‚Normalen‘ als Zeichen für etwas, das nicht wir sind, sie benutzen unsere Körpererfahrung, von der sie nichts verstehen und die ihnen nicht gehört, für ihre Zwecke.50 Wilhelm betont, dass ihr die biblischen Heilungsgeschichten auf die Nerven gingen – und zwar massiv. ChristInnen hätten sie als Bilder für Befreiung, Neubeginn und Hoffnung verstehen gelernt, eigentlich würden sie aber von Normalisierung und Anpassung erzählen, von einem wundersamen Emporheilen zum Status der „Normalen“.51 Auch die auf den ersten Blick so hoffnungsfroh stimmenden Bilder aus Jes 29,18 und Jes 35,5f. lesen sich aus der Perspektive derer, die ihre Einschränkung als Teil ihrer körperlichen Identität begreifen, erheblich anders. So betonte beispielsweise Julia Watts Belser, Rabbinerin und Professorin für Religionswissenschaft und Jüdische Studien an der Georgetown Universität in Washington, auf dem Evangelischen Kirchentag 2017 sehr nachdrücklich: Es gibt vieles in Jesajas Vision einer erneuerten Welt, das ich schätze: sein Versprechen, dass die Tyrannen ein Ende haben werden; sein Versprechen, dass Armut zu Ende sein und dass Bösartigkeit keinen Platz mehr haben werde. Aber ich kritisiere die Art und Weise, wie er sich über Behinderungen äußert. Ich schreibe aus meiner eigenen Perspektive: der Perspektive einer Rollstuhlfahrerin, einer behinderten Perspektive. […] Behinderung ist in Jes 29 ein negativer Zustand. Blindheit und Gehörlosigkeit sind etwas, von dem man befreit sein oder werden muss. Dieses Motiv erscheint auch in Jes 35 […]. Dieser Text stellt uns vor die Frage, wie wir den Platz unseres Körpers in der kommenden, der zukünftigen Welt verstehen. Gibt es einen Platz für Behinderung in unserer Hoffnung für die Zukunft? […] wenn es einen Himmel gibt, dann würde es mich sehr enttäuschen, wenn der Himmel nicht barrierefrei wäre. Ich wäre enttäuscht, wenn es keine Rollstuhlfahrer*innen im Himmel gäbe, wenn ‚Springen wie ein Hirsch‘ 50 Dorothee Wilhelm: Wer heilt hier wen? Und vor allem: wovon? Über biblische Heilungsgeschichten und andere Ärgernisse. In: Schlangenbrut o. Jg. (1998), Nr. 62, S. 11. 51 Vgl. ebd., S. 10-12. Teilhabe für alle 90 eine Bedingung zum Eintritt wäre. Für manche Leute mit Behinderungen ist Heilung sicherlich ein Wunsch. Wenn ich krank bin, hoffe auch ich auf schnellstmögliche Heilung. Aber Behinderung ist für mich keine Krankheit, kein Leiden, kein Übel, sondern es ist ein Teil meiner Identität, ein alltäglicher Aspekt meines Lebens. So wurde ich geschaffen, so kenne ich mein Leben. Es ist mal kompliziert, es ist mal frustrierend, aber es ist auch freudig, einfallsreich und kreativ. Ich kann mir mich selber ohne Behinderung kaum vorstellen. Alles was ich weiß, weiß ich durch diesen Körper: meine Spiritualität, meine Erkenntnis von Gott, meine politische Sensibilität, meine Freundschaften und Gemeinschaften, meine intellektuelle Arbeit, mein ganzes Selbstverständnis ist mit Behinderung verbunden. Ich lehne es ab, das alles abzuschaffen, als ob es Nichts wäre.52 Nach Susanne Krahe, einer nach ihrem Studium erblindeten Theologin und Schriftstellerin, 53 vermitteln dagegen gerade die paradoxen Bilder von einer paradiesischen Zukunft in Jes 29,18 und in Jes 35,6, nach denen Taube sogar Geschriebenes hören und Blinde auch im Dunkeln sehen sollten, Stumme jauchzen und nicht bloß reden und Lahme nicht nur gehen, sondern springen könnten, „eine Ahnung der (noch) verborgenen, aber durchaus überraschenden Begabungen behinderter Menschen“.54 Im Gegensatz zu den biblischen Visionen, die zukünftiges Heil und körperliche Heilung miteinander verknüpfen, ist aber auch für sie eine neue Schöpfung vorstellbar, „in der das ‚Heilwerden‘ die gebrochene Gegenwart nur insofern übertrifft, als es das Nichtheile, das Krumme und Minderbemittelte nicht mehr als Störfaktor betrachtet“, und zu deren Menschenfreundlichkeit es gehört, „Behinderte so behindert, wie sie sind, als einen Teil der geschöpflichen Vielfalt zu begrüßen, statt sie als Mängel- 52 Julia Watts Belser/Marie Hecke: „Die Augen der Blinden werden sehen“ Jes 29,18. In: Predigthilfe & Materialien für die Gemeinde zum 27.01.2018, hrsg. von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V., S. 26-28. 53 Vgl. im Folgenden z.T. wörtlich Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 34-37. 54 Vgl. Susanne Krahe: Sonderanfertigung oder Montagsmodell. Behinderte Menschen in der Bibel. In: Gottfried Lutz/Veronika Zippert (Hrsg.): Grenzen in einem weiten Raum. Theologie und Behinderung. Eine Publikation des „Konvents von behinderten SeelsorgerInnen und BehindertenseelsorgerInnen e.V.“ (kbS). Leipzig 2007, S. 170. Markus Schiefer Ferrari 91 wesen zu beklagen“.55 Dabei wäre keineswegs die Hoffnung auf einen schmerzfreien Zustand ausgeschlossen, sondern nur das pauschale Urteil über das ‚Leiden‘ Behinderter.56 6. Resümee In den biblischen Hoffnungs- und insbesondere neutestamentlichen Speisungs- und Heilungserzählungen begegnen sich offenbar die weltverändernde Kraft (Dynamis) Jesu bzw. Gottes auf der einen Seite und die deutungsverändernde Wirkung menschlicher Zerbrechlichkeit auf der anderen Seite – in unterschiedlicher Gewichtung, je nachdem, ob man stärker den Kontext des Textes oder den der LeserInnen berücksichtigt. Einerseits ‚realisieren‘ sich in ihnen – zumindest anfanghaft – aus paradiesischen Urbildern abgeleitete Endzeiterwartungen und vermögen auf diese Weise bei den LeserInnen Hoffnung auf Teilhabe aller an einer endzeitlichen Mahlgemeinschaft zu wecken. Andererseits wird der Artikel 3d der UN-BRK, nämlich „die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit“, offenbar nicht eingelöst, wenn Bilder vom Paradies ebenso wie zukünftige Heilserwartungen mit unhinterfragten Vorstellungen von körperlicher Vollkommenheit verbunden werden. Ein dis/abilitykritischer Perspektivwechsel muss dagegen wegführen von einer auch in der Theologie in Bezug auf Behinderung vielfach üblichen „Defizitperspektive“57 zu einer „schöpfungstheologische[n] und soteriologische[n] Doppelperspektivität der Gleichheit aller Menschen“,58 also zu einer Sicht, nach der Menschen mit und ohne Behinderung in 55 Vgl. Susanne Krahe/Ulrike Metternich: Kraft oder Kränkung – Heilungsgeschichten im Neuen Testament kontrovers diskutiert. In: Ilse Falk u.a. (Hrsg.): So ist mein Leib. Alter, Krankheit und Behinderung – feministisch-theologische Anstöße, hrsg. im Auftrag der Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD). Gütersloh 2012, S. 38. 56 Vgl. ebd., S. 37-39. 57 Vgl. Henning Luther: Alltagssorge und Seelsorge. Zur Kritik am Defizitmodell des Helfens. In: Wege zum Menschen 38 (1986), S. 12f. 58 Frank Mathwig: Behindertenseelsorge – oder behindert Seelsorge? Bemerkungen zum theologisch-ethischen Verständnis von Menschen mit Behinderung. In: Behinderung & Pastoral o. Jg. (2006), Nr. 7, S. 18. Teilhabe für alle 92 gleichem Maße von Anfang an zur guten Schöpfung Gottes gehören und mit Blick auf die Endzeit ebenso teilhaben am zukünftigen Heil Gottes.59 „Teilhabe für alle“ bedeutet aus der inklusiven Sicht einer dis/abilitykritischen Hermeneutik biblischer Hoffnungsgeschichten nicht, dass die neutestamentlichen Heilungswunder in Zukunft ausgespart werden müssten oder über sie nicht mehr erzählt werden dürfte, sondern nur, dass Heilung nicht notwendige Voraussetzung für die Partizipation am erhofften Heil ist. Unsere Bilder vom Himmel – und es sind wohlgemerkt nur Bilder – müssen sich auch von den für alle erhofften vielfältigen Lebensmöglichkeiten auf Erden leiten lassen.60 59 Vgl. z.T. wörtlich Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 13, S. 17, S. 30f. 60 Vgl. z.B. Jürgen Homann/Lars Bruhn: Cripping Heaven. Inklusive Anmaßungen an Theologie und Kirche. In: Ilona Nord (Hrsg.): Inklusion im Studium Evangelische Theologie. Grundlagen und Perspektiven mit einem Schwerpunkt im Bereich von Sinnesbehinderungen. Leipzig 2015, S. 99- 118, bes. S. 114-116. 93 „Hab nur Mut“ Rezeption biblischer Heilungsnarrative in Kinderbibeln Judith Distelrath 1. Wenn der Durchblick fehlt – Behindertenfeindliche Interpretation biblischer Heilungserzählungen Er wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder sehen zu können. Ihm entgehen die Farben, die Konturen, die klare Sicht der Dinge. Seine Lebensqualität ist eingeschränkt. Er sieht nicht, was Sache ist, und findet sich kaum zurecht. Wie gut kennen wir diese Befindlichkeit! Selbst wenn wir sehen, sehen wir manchmal nicht. Wie Blinde tasten wir durchs Leben, auch wenn unsere Augen gesund sind. Mehr oder weniger verzweifelt suchen wir den Weg aus einer verworrenen Situation, in die wir ungefragt hineingeraten sind. Der Durchblick fehlt, und wir tappen im Dunkeln.1 Diese Aussagen finden sich in einer Kinderbibel als Erläuterungen zur Erzählung von der Heilung des blinden Bartimäus (Mk 10,46-52). Aus Sicht einer sehenden Person wird hier dargestellt, wie defizitär das Leben eines blinden Menschen sein muss: Ihm entgeht nicht nur so vieles, was das Leben ausmacht – mehr noch, er kann sich nur durch sein Leben „tasten“, „tappt im Dunkeln“. Scheinbar führt die Sehbehinderung auch zu einem Nichtsehen auf metaphorischer Ebene, wenn es heißt, der Mensch, der blind sei, sehe „nicht, was Sache ist“. So scheint ganz klar, dass er sich nicht im Leben zurechtfinden kann, dass er angesichts seiner Behinderung verzweifelt ist, und dass sein größter Wunsch sein muss, sehen zu können. Schließlich wird darauf verwiesen, dass dies jedoch keine Erfahrung sei, die nur blinde Menschen machten, sondern eine, die 1 Vreni Merz: Die Bibel an der Bettkante. Ein Familienbuch. Vorlesegeschichten – Erzählideen – Rituale. München 2007, S. 14. „Hab nur Mut“ 94 jeder in seinem Leben immer wieder mache: Auch wenn man nicht blind sei, wisse man, wie es sich anfühle, keinen Durchblick zu haben und aus einer verworrenen Situation nicht mehr herauszukommen. Was hier – wenn auch nicht bewusst, sondern in bester Absicht – geschieht, ist eine Abwertung und damit Diskriminierung eines Menschen mit einer Sehbehinderung. Er wird auf seine Behinderung reduziert und als bemitleidenswertes, infantiles Fürsorgeobjekt dargestellt. Die Verwendung des Personalpronomens „wir“ führt unweigerlich zu einer Kontrastierung von Menschen mit und ohne Behinderung und einem Ausschluss eines Menschen mit Behinderung aus einer nicht genauer beschriebenen Gemeinschaft. Zudem wird die Behinderung als Metapher verwendet und symbolisch aufgeladen, was bereits durch die Verwendung des wertend eingesetzten Begriffes „Befindlichkeit“ deutlich wird, der in der Regel einen seelischen Zustand bezeichnet, nicht aber auf etwas Körperliches wie die Blindheit hindeutet. Der vorliegende Beitrag möchte ausgehend von diesem Textauszug anhand weiterer Beispiele aufzeigen, wie die Rezeption biblischer Heilungserzählungen durch Kinderbibeln auf klassische Deutungsstrategien von Behinderung zurückgreift und damit bewusst oder unbewusst klischeehafte Vorstellungen weitergibt, die, wenn sie nicht behindertenfeindlich sind, so doch zweifelsohne wenig sensibel in Bezug auf Behinderung. Dazu sollen in einem ersten Schritt einige knappe Überlegungen zum Behinderungsbegriff angestellt werden, bevor anhand der Perikope Mk 2,1-12 und ihrer Rezeption durch verschiedene Kinderbibeln die eingangs bereits angedeutete Problemstellung näher entfaltet wird, indem die Texte auf die Frage hin untersucht werden, wie sie Behinderung darstellen. 2. Modelle von Behinderung aus Sichtweise der Disability Studies Nicht nur der Begriff „Behinderung“ hat „eine komplexe und wechselhafte Geschichte“2, sondern Behinderung an sich hat eine Entwicklung 2 Markus Dederich: Behinderung im Wandel der Zeit – sozial- und begriffsgeschichtliche Anmerkungen. In: Johannes Eurich/Andreas Lob-Hüdepohl (Hrsg.): Inklusive Kirche. (Behinderung – Theologie – Kirche 1) Stuttgart 2011, S. 9-22, hier S. 9. Judith Distelrath 95 durchlaufen und wurde so zu einer „Differenzierungskategorie“. 3 Auf diesen „mit der Entwicklung der Moderne parallel verlaufenen Prozess“4 kann hier nicht eingegangen werden. Stattdessen soll aber anhand einiger Überlegungen zu verschiedenen Modellen von Behinderung verdeutlicht werden, auf welcher Folie sich die Ausführungen des vorliegenden Beitrages bewegen.5 So muss zunächst das medizinische oder individuelle Modell von Behinderung genannt werden, das Behinderung als körperliche Schädigung versteht. Da die Behinderung mit einer funktionalen Beeinträchtigung gleichgesetzt wird,6 ist ihre Ursache nicht außerhalb, sondern in der Person selbst zu suchen, und gilt demnach „als schicksalhaftes, persönliches Unglück, das individuell zu bewältigen ist.“7 Behinderung wird in diesem Sinne als Krankheit gedeutet, was dazu führt, dass als Lösungsansätze schließlich medizinisch-therapeutische Maßnahmen angesehen werden, die von ExpertInnen angeleitet werden.8 Dieses Modell war lange Zeit nicht nur in wissenschaftlichen Diskursen, sondern ist immer noch, wie Waldschmidt bereits 2005 feststellt, „auch lebensweltlich die vorherrschende Perspektive“.9 Trotzdem wird es stark kritisiert, denn [d]ieses medizinische Erklärungsmodell fasst Behinderung als Defizit auf. Der körperliche, geistige oder psychische Zustand eines Menschen wird als Abweichung von der Norm und als negative persönliche Eigenschaft betrachtet. Demzufolge ist ein Mensch mit Behinderung ein Mängelwesen.10 3 Anne Waldschmidt: Warum und wozu brauchen die Disability Studies die Disability History? Programmatische Überlegungen. In: Elsbeth Bösl/Anne Klein/Dies. (Hrsg.): Disability History. Konstruktionen von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung. (Disability Studies 6) Bielefeld 2010, S. 13-27, hier S. 25. 4 Ebd. 5 Vgl. dazu auch den Beitrag von Markus Schiefer Ferrari in diesem Band. 6 Vgl. Waldschmidt, Warum und wozu, S. 17. 7 Anne Waldschmidt: Disability Studies: Invididuelles, soziales und/oder kulturelles Modell von Behinderung? In: Psychologie und Gesellschaftskritik 29 (2005), Nr. 1, S. 9-31, hier S. 17. 8 Vgl. ebd. 9 Ebd., S. 16/17. 10 Simone Bell-D’Avis: Den Anschluss nicht verpassen. Barrierefreiheit als Beitrag der Kirche zur Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt behinderter Menschen. In: Johannes Eurich/Andreas Lob-Hüdepohl (Hrsg.): Inklusive „Hab nur Mut“ 96 Als Ausdruck dieser Kritik lässt sich das soziale Modell von Behinderung verstehen. Nach diesem Erklärungsmodell ist Behinderung kein individuelles Problem einer aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen benachteiligten Person, sondern ein soziales Problem. 11 Menschen sind demnach nicht behindert, sondern werden durch das soziale System behindert, „das Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet.“12 Zur Lösung wird hier eine Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen angestrebt, um Menschen mit Behinderung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.13 Dieses Modell, welches „Behinderung in den Kontext sozialer Unterdrückung und Diskriminierung“14 stellt, hat also eine politische Dimension. „Auf politischer Ebene führt diese Sichtweise dazu, dass die Benachteiligung von Menschen mit Behinderung als Menschenrechtsthema betrachtet wird.“15 So basiert auch das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Convention on the Rights of Persons with Disabilities), das 2006 durch die Vereinten Nationen erarbeitet wurde und seit 2009 auch für Deutschland rechtsbindenden Charakter hat,16 auf dem sozialen Modell von Behinderung.17 Dies wird deutlich, wenn in der Präambel (Buchstabe e) festgehalten wird, dass Behinderung aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren entsteht, die sie an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern.18 Kirche. (Behinderung – Theologie – Kirche 1) Stuttgart 2011, S. 238-245, hier S. 239. 11 Vgl. Werner Schneider/Anne Waldschmidt: Disability Studies. (Nicht-)Behinderung anders denken. In: Stephan Moebius (Hrsg.): Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies. Eine Einführung. Bielefeld 2012, S. 128-150, hier S. 139. 12 Waldschmidt, Disability Studies, S. 18. 13 Vgl. Bell-D’Avis, Den Anschluss nicht verpassen, S. 239. 14 Waldschmidt, Disability Studies, S. 19. 15 Bell-D’Avis, Den Anschluss nicht verpassen, S. 239. 16 Vgl. Theresia Degener: Die neue UN-Behindertenrechtskonvention aus der Perspektive der Disability Studies. In: Behindertenpädagogik 48 (2009), Nr. 3, S. 263-283, hier S. 263. 17 Vgl. Bell-D’Avis, Den Anschluss nicht verpassen, S. 239. 18 Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die amtliche, gemeinsame Übersetzung von Deutschland, Österreich, Schweiz und Lichtenstein, zitiert nach: Judith Distelrath 97 Degener spricht auch von einem speziell „menschenrechtlichen Modell“, dessen Ausgangspunkt die Menschenwürde sei.19 Ähnlich wie das soziale Modell basiert [es] auf der Erkenntnis, dass die weltweit desolate Lage behinderter Menschen weniger mit körperlichen, intellektuellen oder psychischen Beeinträchtigungen als vielmehr mit der gesellschaftlich konstruierten Entrechtung (gesundheitlich) beeinträchtigter Menschen zu erklären ist.20 Im Vergleich zum sozialen Modell ist das menschenrechtliche Modell allerdings stärker juristisch ausgerichtet, da es „als zentralen Bezugspunkt die Menschenrechte und den rechtsbasierenden Ansatz in der Behindertenpolitik“21 ansieht. Innerhalb der sogenannten Disability Studies, einer Querschnittsdisziplin, die sich aus der politischen Behindertenbewegung der 1970er Jahre gebildet hat, und die danach fragt, „[w]ie, warum und wozu […] – historisch, sozial und kulturell – ‚Andersheit‘ als Behinderung hergestellt, verobjektiviert und institutionalisiert“22 wird, gibt es jedoch auch am sozialen Behinderungsmodell Kritik. Diese zielt hauptsächlich auf die „Körpervergessenheit“23 des Modells ab, die übersieht, „dass sich eine binäre Trennung zwischen ‚Körper‘ und ‚Gesellschaft‘, zwischen ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ als kurzschlüssig erweist.“24 Aus diesem Grund wird innerhalb des Diskurses von einigen USamerikanischen und deutschen VertreterInnen der Disability Studies eine Perspektive der Kulturwissenschaften eingenommen, um Behinderung neu zu denken. Bei diesem als Ergänzung zum sozialen Behinderungsmodell durch Waldschmidt vorgeschlagenen kulturellen Modell soll es darum gehen, „[n]icht nur Behinderung, sondern auch ihr Gegenteil, die https://www.behindertenbeauftragte.de/SharedDocs/Publikationen/UN_ Konvention_deutsch.pdf?__blob=publicationFile&v=2 (Stand: 11.04.2019) 19 Vgl. Degener, Die neue UN-Behindertenrechtskonvention, S. 273. 20 Ebd., S. 272. 21 Ebd., S. 274. 22 Schneider/Waldschmidt, Disability Studies, S. 129. 23 Waldschmidt, Disability Studies, S. 21. 24 Schneider/Waldschmidt, Disability Studies, S. 141. „Hab nur Mut“ 98 gemeinhin nicht hinterfragte ‚Normalität‘ […] in den Blickpunkt der Analyse [zu] rücken.“ 25 Eine solche kulturwissenschaftliche Sichtweise „führt vor Augen, dass die Identität (nicht)behinderter Menschen kulturell geprägt ist und von Deutungsmustern des Eigenen und des Fremden bestimmt wird.“26 Dabei wird die „Perspektive umgedreht […]: Nicht behinderte Menschen als Randgruppe, sondern die Mehrheitsgesellschaft wird zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand.“27 So werden schließlich aus den Disability Studies konsequenterweise die Dis/ability Studies. Die Einführung des Schrägstrichs signalisiert: Nunmehr geht es nicht allein um die Kategorie Behinderung als eine Form der sozialen Ausgrenzung, sondern um die Verschränkungen und Verknüpfungen, das Wechselspiel von ‚normal‘ und ‚behindert‘, kurz, um das Transversale und Intersektionale, das zum eigentlichen Forschungsgegenstand wird.28 3. Dis/abilitykritische Hermeneutik von Kinderbibeln Wenn innerhalb der Dis/ability Studies danach gefragt wird, inwiefern auch literarische Texte Behinderung konstruieren,29 liegt bei einem so kulturprägenden Werk wie der Bibel die Frage auf der Hand, inwiefern auch biblische Texte und ihre Interpretation zur Entstehung von Differenzmerkmalen und dadurch indirekt oder direkt zur Unterscheidung und schließlich zur Diskriminierung von Menschen aufgrund von Behinderung beigetragen haben bzw. immer noch beitragen.30 25 Waldschmidt, Disabilty Studies, S. 25. 26 Ebd. 27 Ebd., S. 26/27. 28 Schneider/Waldschmidt, Disability Studies, S. 149. 29 Vgl. Markus Dederich: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. (Disability Studies 2) Bielefeld 2007, S. 107-123. 30 Markus Schiefer Ferrari: Exklusive Angebote. Biblische Heilungsgeschichten inklusiv gelesen. Ostfildern 2017, S. 14. Judith Distelrath 99 Wie können die Überlegungen der Dis/ability Studies also für das Lesen biblischer Erzählungen, insbesondere Heilungserzählungen,31 beziehungsweise deren Rezeption durch Kinderbibeln fruchtbar gemacht werden? Worum geht es bei einer dis/abilitykritischen Lektüre solcher Texte? [Dabei] geht es um einen Lektürezugang, der mittels der hermeneutischen Leitkategorie ‚dis/ability‘ gerade solche impliziten Exklusionsund Normalisierungstendenzen aufzudecken sucht und die LeserInnen dazu provoziert, biblische Heilungserzählungen konsequent aus der Perspektive eines inklusiven Anspruchs zu bedenken und zu interpretieren.32 Bei der Wahl eines solchen Lektürezugangs zu biblischen Texten bleibt stets zu beachten, dass es sich bei diesen um Texte handelt, die innerhalb eines bestimmten zeitlichen und kulturellen Rahmens entstanden sind, innerhalb dessen sie zunächst einmal zu interpretieren sind. Die Kategorie dis/ability als „Produkt der bürgerlichen Gesellschaften in Europa seit der Aufklärung“33 kann nicht ohne Weiteres auf die antiken Texte übertragen werden. Trotzdem kann danach gefragt werden, „inwieweit gerade die Darstellung von Behinderung und ihre metaphorische Deutung in der Literatur solche Klischees mit hervorbringen und unterstützen.“34 Nach Stimpfle muss auch aus Sicht heutiger LeserInnen der biblischen Texte „die Sensibilität für Menschen mit Behinderung respektieren, dass im bib- 31 Ebd., S. 75: „Die Notwendigkeit und Bedeutung einer dis/abilitykritischen Hermeneutik lassen sich […] insbesondere an biblischen Heilungsgeschichten aufzeigen. Bei diesem Ansatz handelt es sich aber nicht um einen ausschließlich gattungsspezifischen Zugang, sondern um eine Perspektive, die auch für andere biblische Texte höchst relevant erscheint.“ 32 Markus Schiefer Ferrari: Gestörte Lektüre. Dis/abilitykritische Hermeneutik biblischer Heilungserzählungen am Beispiel von Mk 2,1-12. In: Bernd Kollmann/Ruben Zimmermann (Hrsg.): Hermeneutik der frühchristlichen Wundererzählungen. Geschichtliche, literarische und rezeptionsorientierte Perspektiven. (WUNT 339) Tübingen 2014, S. 627-646, hier S. 631/632. 33 Elsbeth Bösl: Dis/ability History: Grundlagen und Forschungstand. In: H- Soz-Kult, 07.07.2009. https://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-1113 (Stand: 12.04.2019). 34 Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 67. „Hab nur Mut“ 100 lischen Text sehr wohl sein kann, was nicht sein darf.“35 So ergibt sich für eine dis/abilitykritische Lektüre als erster Grundzug eine doppelte Kontextanalyse.36 „Dabei sind sowohl die biblischen Texte als auch die heutigen LeserInnen der Texte in ihren jeweiligen kulturellen, sozio- ökonomischen und situativen Bezügen ernst zu nehmen.“37 Kinderbibeln als Untersuchungsgegenstand bilden hier einen Sonderfall, indem sie zwar den biblischen Text selbst sprechen lassen, ihn aber gleichzeitig durch Vereinfachungen, Hinzufügungen, Erläuterungen oder Ähnliches interpretieren und damit immer auch die Sichtweise heutiger BibelleserInnen durchscheinen lassen. So ist hier also in besonderer Weise im Sinne einer doppelten Kontextanalyse danach zu fragen, inwiefern Behinderungsformen instrumentalisiert werden –38 zum einen durch den biblischen Text selbst, zum anderen durch dessen Neubearbeitung für die Präsentation in einer Kinderbibel. Schiefer Ferrari stellt hierzu ein Raster an klassischen Deutungsstrategien39 vor, derer sich die exegetische Literatur häufig bedient, wenn in biblischen Texten Menschen mit Behinderung eine Rolle spielen. Dabei geht es vor allem darum, aufzuzeigen, welche klischeehaften Differenzvorstellungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, wenn auch in der Regel unbewusst, aufgegriffen und in den Text 35 Alois Stimpfle: Hermeneutische Zugänge zu neutestamentlichen Heilungserzählungen und dis/ability. In: Wolfgang Grünstäudl/Markus Schiefer Ferrari/Judith Distelrath (Hrsg.): Verzwecktes Heil? Studien zur Rezeption neutestamentlicher Heilungserzählungen. (BToSt 30), Leuven u. a. 2017, S. 3-33, S. 20. 36 Vgl. Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 73. 37 Ebd. 38 Vgl. ebd., S. 74. 39 Vgl. die Übersicht in ebd., S. 56, oder in Markus Schiefer Ferrari, (Un)gestörte Lektüre von Lk 14,12-14. Deutung, Differenz und Disability. In: Wolfgang Grünstäudl/ders. (Hrsg.): Gestörte Lektüre. Disability als hermeneutische Leitkategorie biblischer Exegese. (Behinderung – Theologie – Kirche 4) Stuttgart 2012, S. 13-47, hier S. 18. Schiefer Ferrari erläutert am Beispiel von Lk 14,12-14 die folgenden Strategien sowie ihre jeweilige Wirkungsweise: Kontrastierung, Subsumierung, Infantilisierung, Anonymisierung, Metaphorisierung, Funktionalisierung, Stigmatisierung, Ästhetisierung, Ethisierung, Pragmatisierung. Judith Distelrath 101 eingetragen werden und welche Wirkungsweisen damit verbunden sind.40 Spannend ist die Frage nach solchen Deutungsstrategien vor allem in Hinblick darauf, dass Kinderbibeln häufig deshalb verwendet (und auch produziert) werden, weil davon ausgegangen wird, „dass die ‚Vollbibel‘ nicht für Kinder geschrieben und aufgrund ihrer Komplexität diesen nicht oder nur schwer zugänglich ist.“41 Es wird also zu sehen sein, was KinderbibelautorInnen ihren AdressatInnen in Bezug auf den Komplex Behinderung „zutrauen“. Grundsätzlich wären für die Untersuchung einer solchen Fragestellung zwei Ausrichtungen denkbar: Vor dem Hintergrund der sogenannten Dis/ability History wäre sicher eine diachrone Untersuchung verschiedener Kinderbibeln interessant. So müsste zuerst einmal überprüft werden, ob und in welchem Umfang die einzelnen Werke Heilungserzählungen in ihre Textauswahl einbeziehen. Damit wäre bereits ein erster Hinweis darauf gegeben, welche Rolle die Differenzkategorie dis/ability innerhalb der jeweiligen Bibel einnimmt. Anschließend könnten die einzelnen Erzählungen Aufschluss über den Umgang mit Behinderung geben – und darüber, ob und inwiefern dieser sich ändert, je nachdem aus welcher Zeit die jeweilige Kinderbibel stammt. Angesichts der großen Fülle an Veröffentlichungen – allein ca. 200 deutschsprachige Werke seit der Jahrtausendwende – 42 sollen hier allerdings lediglich exemplarisch einige seit den frühen 2000ern erschienene Kinderbibeln herausgegriffen werden, um auf synchroner Ebene zu untersuchen, wie diese die Perikope Mk 2,1-12 darstellen. 40 Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 55. 41 Michael Fricke: Art. Kinder- und Jugendbibeln. In: Das Wissenschaftlich- Religionspädagogische Lexikon im Internet (https://www.bibelwissenschaft.de/de/wirelex/wirelex/ [Stand: 12.04.2019]). 42 Ebd. „Hab nur Mut“ 102 4. Mk 2,1-12 in ausgewählten Kinderbibeln Der biblische Text: Mk 2,1-12 Bevor die ausgewählten Kinderbibeln im Einzelnen analysiert werden, soll nun knapp der biblische Text selbst in den Blick genommen werden, um zu zeigen, worauf sich die analysierten Texte beziehen. Die Perikope Mk 2,1-12 ist eingebettet in ein Evangelium, für das die Wunderthematik zentral ist. Markus präsentiert Jesus damit als Wundertäter analog zu hellenistischen Wundertätern. Jesu Wunder sind allerdings erst aus der nachösterlichen Perspektive richtig zu verstehen, und zwar als Zeichen für den Anbruch des Gottesreiches.43 Die Wundererzählung von der Heilung eines Gelähmten beginnt mit der Verbreitung der Nachricht, Jesus halte sich in einem Haus in Kafarnaum auf (V. 1), woraufhin eine große Menschenmenge herbeiströmt, welcher Jesus das Wort verkündet (V. 2). Vier Männer versuchen, einen auf einer Bahre liegenden Gelähmten zu Jesus zu bringen, schaffen dies jedoch aufgrund des großen Gedränges nur, indem sie das Dach abdecken und den Gelähmten so auf seiner Trage zu Jesus herablassen, der dem Gelähmten seine Sünden vergibt, nachdem er den Glauben der Träger gesehen hat (V. 3-5). Daraufhin entwickelt sich ein Konflikt zwischen Jesus und den Schriftgelehrten, die sich daran stoßen, dass Jesus Sünden vergibt. Zwar sprechen sie dies nicht aus, Jesus jedoch erkennt ihre Gedanken und fasst den Vorwurf selbst ihn Worte (V. 6-9). Den Vorwurf widerlegt er schließlich zum einen durch ein sogenanntes „Menschensohnlogion“44 (V. 10), zum anderen durch die Heilung des Gelähmten (V. 11). Dieser steht nach der Aufforderung Jesu auf, nimmt seine Bahre und geht vor den Augen aller weg, was zum Lobpreis Gottes aller Anwesenden führt (V. 12). In der exegetischen Literatur wird v. a. aufgrund der ungewöhnlichen Verbindung zwischen der erzählten Heilung und einem Streitgespräch 43 Vgl. Detlev Dormeyer: Die Wunder im Markusevangelium. Hinführung. In: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen Bd. 1. Die Wunder Jesu, Gütersloh 2013, S. 193-202, insb. S. 193-195. 44 Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus (Mk 1-8,26). (EKK, Bd. II/1) Neukirchen-Vluyn 41994, S. 96. Judith Distelrath 103 diskutiert, inwieweit der Text einheitlich ist oder Überarbeitungen und Erweiterungen vorliegen.45 Thematisiert werden außerdem Fragen, die sich aus dem durch die Perikope vorgegebenen Zusammenhang zwischen Sündenvergebung und Heilung ergeben, insbesondere nach dem Zusammenhang zwischen Sünde und Krankheit bzw. zwischen Heil und Heilung. Die meisten Autoren gehen davon aus, es handele sich „bei diesem Heilungsvorgang um ein einziges Gesamtgeschehen“, 46 innerhalb dessen „Körperliches und Geistliches in einem Korrespondenzverhältnis“47 stehen, was sich nicht nur in der Person des Gelähmten, sondern auch in der Personengruppe der Pharisäer und Schriftgelehrten zeige.48 Auf diese Fragestellung soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, da dabei unter dis/abilitykritischer Perspektive wiederum mitbedacht werden muss, ob Differenzvorstellungen bereits von den biblischen Autoren selbst oder im Laufe der Wirkungs- und Interpretationsgeschichte eingetragen wurden.49 Auch die Frage nach Unterschieden zwischen Mk 2,1-12 und der Parallelüberlieferung soll hier nicht weiter untersucht werden. Sicher ist davon auszugehen, dass Texte in Kinderbibeln, auch wenn sie sich vorrangig auf einen biblischen Text beziehen, die Parallelüberlieferung sowie die Wirkungsgeschichte teilweise mit aufgreifen. Für die Fragestellung der vorliegenden Untersuchung sind solche Unterschiede allerdings nicht relevant. 45 Vgl. z. B. Rudolf Pesch: Das Markusevangelium 1,1-8,26. (HThK NT, Bd. II/1), Freiburg 1976, S. 151ff.; Gnilka, Das Evangelium nach Markus, S. 95ff.; Wilfried Eckey: Das Markusevangelium. Orientierung am Weg Jesu. Ein Kommentar. Neukirchen-Vluyn 22008, S. 112ff.; Paul-Gerhard Klumbies: Die Heilung eines Gelähmten und vieler Erstarrter (Die Heilung eines Gelähmten). Mk 2,1-12 (Mt 9,1-8; EvNik 6). In: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen Bd. 1. Die Wunder Jesu, Gütersloh 2013, S. 235-247. 46 Klumbies, Die Heilung eines Gelähmten und vieler Erstarrter, S. 236. 47 Ebd. 48 Vgl. ebd. 49 Vgl. dazu für Mk 2,1-12 Schiefer Ferrari, Gestörte Lektüre, insb. S. 633- 644. „Hab nur Mut“ 104 Die große Gabriel Kinderbibel: „Ein gelähmter Mann kann wieder gehen“ 50 Die große Gabriel Kinderbibel von Martin Polster mit Illustrationen von Rike Janßen erzählt Mk 2,1-12 unter der Überschrift Ein gelähmter Mann kann wieder gehen. Mit relativ kurzen, einfachen Sätzen wird das Geschehen im Präsens wiedergegeben. Dabei ist die Erzählung inhaltlich nah am biblischen Text, schmückt diesen aber an einigen Stellen aus. So wird beispielsweise davon gesprochen, dass der Gelähmte der Freund derjenigen ist, die ihn zu Jesus bringen. So scheint es unvorstellbar, dass Menschen, die sich in der vorgestellten Weise um einen anderen Menschen kümmern, nicht mit ihm befreundet sind. Unterstützt wird diese Interpretation durch das Ausschmücken der Situation, in der die vier Männer das Dach abdecken. Sehr ausführlich wird hier beschrieben, welche Arbeit sie auf sich nehmen, um ihren Freund zu Jesus bringen zu können. Die in der biblischen Vorlage nicht weiter konkretisierte Lähmung51 wird in der Kinderbibel folgendermaßen gedeutet: „Er kann nicht gehen. Seine Beine sind gelähmt.“ Schließlich wird für ihn auch die Bezeichnung „der Kranke“ gewählt. Selbst wenn davon ausgegangen werden kann, dass es sich bei der Lähmung des Mannes um eine Krankheit handelt, ist die Bezeichnung als „Kranker“ insbesondere deshalb kritisch zu hinterfragen, weil sie hier sozusagen als sprechender Name verwendet wird – der vorgestellte Mensch wird nicht nur auf seine Lähmung reduziert, sondern damit als „krank“ charakterisiert. Während von den Gefühlen des Gelähmten an keiner Stelle die Rede ist, heißt es über die Männer, die ihn zu Jesus bringen: „Die vier Männer vertrauen fest darauf, dass Jesus ihrem Freund helfen wird.“ Ob dieser Freund selbst Jesus aufsuchen oder gar von ihm geheilt werden möchte, ob er überhaupt der Meinung ist, Hilfe zu brauchen, wird nicht deutlich. Implizit wird schließlich allerdings doch etwas über seine Gefühlswelt ausgesagt, als Jesus, bevor er ihm seine Sünden vergibt, zu ihm sagt: „Hab nur Mut.“ Scheinbar braucht der Gelähmte diesen Zuspruch. Unterstützt wird die Darstellung durch die hinzugefügte Illustration. Diese lässt sich in drei Ebenen einteilen: Vor einem dunklen Hintergrund 50 Martin Polster/Rike Janßen: Die große Gabriel Kinderbibel. Stuttgart/Wien 2012, S. 112. 51 Vgl. Schiefer Ferrari, Gestörte Lektüre, S. 639-644 für eine genauere Analyse des Begriffes (paralytikós) und der damit verknüpften Deutungsansätze. Judith Distelrath 105 ist im unteren Bereich eine Menschenmenge zu sehen, aus der eine Person besonders hervorsticht – Jesus. Wie alle anderen Abgebildeten hebt auch er den Kopf nach oben und streckt dem Gelähmten seinen rechten Arm entgegen, während der linke Arm zum Boden zeigt. Am oberen Bildrand ist das Loch zu sehen, das die vier Männer in das Dach gerissen haben. Einer der Freunde hält ein Seil, das an der Bahre des Gelähmten befestigt ist, und scheint große Mühe zu haben, dieses festhalten zu können. Ein weiterer Mann kniet am Rand der Öffnung und beugt sich so darüber, dass er die Menschen im Inneren des Hauses sehen kann. Er lächelt freundlich und winkt jemandem zu, wahrscheinlich gilt sein Gruß Jesus. Auf der mittleren Ebene ist der Gelähmte auf einer Bahre zu sehen. Er scheint bereits aufstehen zu wollen: Sein linkes Bein liegt nicht mehr ganz auf der Trage, sondern er streckt es der Menschenmenge entgegen. Zusätzlich stützt er sich mit seinen Händen am Rand der Bahre ab, sodass sein Oberkörper leicht aufgerichtet ist. Er scheint es kaum abwarten zu können, bei Jesus anzukommen. Hinzu kommt, dass der Mann älter als die übrigen Anwesenden wirkt. Er hat eine Halbglatze, sein Gesicht scheint voller Falten. Seine Augen sind geschlossen – fast wirkt es so, als sei er blind. Sein Mund ist leicht geöffnet, womöglich zu einer Klage. Interessant ist außerdem, dass innerhalb der Menschenmenge weitere Menschen mit einer Gehbehinderung abgebildet sind. Im Gegensatz zu dem Mann auf der Bahre wirken diese aber nicht alt und krank, müssen nicht auf außergewöhnlichen Wegen zu Jesus gebracht werden, sondern sind Teil der Menge, die ihm zuhört. Nun muss noch betrachtet werden, wie der zuvor Gelähmte nach der Heilung durch Jesus dargestellt wird. So wird er direkt vor Jesu Worten an ihn noch als „der Kranke“ bezeichnet. Im Anschluss an die Heilung heißt es: „Der Mann richtet sich auf. Er steht fest auf beiden Beinen. Seine Bahre nimmt er auf den Rücken und trägt sie fort.“ Hier bleibt die Kinderbibel relativ nah an ihrer Vorlage. Die Aussage, er stehe fest auf beiden Beinen, erinnert jedoch an einen Phraseologismus, was die LeserInnen zu einer metaphorischen Deutung der Lähmung ermutigen könnte. In diesem Zusammenhang ist auch die Aussage Jesu „Du kannst gehen.“ als Zusatz zu den Heilungsworten zu sehen. Zusammenfassend lässt sich zu diesem Beispiel sagen, dass der Text zwar nah an der biblischen Vorlage bleibt, trotzdem jedoch einige Aspekte hinzufügt werden, die bei einer dis/abilitykritischen Lesart als problematisch erscheinen und insgesamt dazu führen, Mk 2,1-12 als persönliche Hoffnungsgeschichte zu lesen. „Hab nur Mut“ 106 Herders Kinderbibel: „Jesus heilt einen Gelähmten“ 52 Während Die große Gabriel Kinderbibel neutral in die Erzählung einsteigt, zeigt sich in Herders Kinderbibel von Ursel Scheffler, illustriert von Betina Gotzen-Beek, ein anderes Bild. Hier wird unter der Überschrift Jesus heilt einen Gelähmten sofort auf Krankheit als übergeordnetes Thema hingewiesen. So heißt es im ersten Satz: „Jesus […] heilte Kranke, sogar Aussätzige, Geisteskranke, Stumme, Taube und Blinde.“ Unabhängig von den gewählten Bezeichnungen ist hier anzumerken, dass zum einen all die genannten Phänomene als Krankheit charakterisiert werden, zum anderen durch die Verwendung des Adverbs „sogar“ als besonders schlimm dargestellt werden. Auch hier werden die Männer, die den Gelähmten zu Jesus bringen, als seine Freunde charakterisiert. Es wird deutlich gemacht, wie sehr sich die vier für ihren Freund einsetzen: „Aber die vier Freunde gaben nicht auf.“ Das honoriert schließlich auch Jesus: Jesus war von dem Glauben der Männer und von der Beharrlichkeit, mit der sie ihrem Freund helfen wollten, beeindruckt. Er sah auf den Gelähmten und sagte: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Die Worte Jesu zur Sündenvergebung sind hier zwar ohne Änderung der Einheitsübersetzung entnommen, allerdings werden sie in einen neuen Kontext gestellt. Dadurch ergeben sich folgende Fragen: Vergibt Jesus dem Gelähmten etwa nur deshalb seine Sünden, weil die vier Freunde ihn so beeindruckt haben? Geht es Jesus hier also eigentlich überhaupt nicht um den Gelähmten selbst, sondern will er mit der Sündenvergebung lediglich dessen Freunde belohnen? Der Eindruck, dass die Freunde hier im Mittelpunkt stehen, nicht aber der Gelähmte, dass es um ihren Wunsch der Heilung geht, nicht aber darum, was der Gelähmte selbst sich wünscht, wird verstärkt, wenn nicht nur von der negativen Reaktion einiger Schriftgelehrter erzählt wird, sondern wenn es heißt: „Betroffen sahen die Freunde vom Dach aus in den Raum zu Jesus hinunter. Sünden vergeben? Heilen sollte er ihren Freund!“ 52 Ursel Scheffler/Betina Gotzen-Beek: Herders Kinderbibel. Freiburg 22001, S. 150f. Judith Distelrath 107 Auch die Heilung wird hier in besonderer Weise ausgeschmückt: Jesus spricht nicht nur zu dem Gelähmten, sondern „[e]r legte die Hand auf die Stirn des Gelähmten und sagte: ‚Nimm dein Bett und geh nach Hause.‘“ Im Gegensatz zur Vorlage ist die Heilung hier kein rein performativer Akt, sondern zusätzlich zu den Worten Jesu wird eine Berührung notwendig, was eine auffällige Betonung der Körperlichkeit nach sich zieht. Die Reaktion des Mannes zeigt ein weiteres Mal, wie sehr die Erzählung hier als Hoffnungsgeschichte gesehen wird. Scheint der Mann anfänglich noch nicht wirklich glauben zu können, dass er geheilt ist, wird anschließend auf drei unterschiedliche Weisen erzählt, welche körperlichen Funktionen er nun (zurück-)erlangt hat: „Er streckte vorsichtig seine Arme und Beine aus. Oh, er konnte sich wieder bewegen! Er konnte Fuß vor Fuß setzen. Er konnte laufen!“ Die Verwendung der Interjektion „oh“ sowie der Ausrufezeichen impliziert die große Freude des Mannes über das Geschehene. Schien er vor der Heilung eher eine passive Randfigur zu sein, tritt er – der nun „der ehemals Gelähmte“ genannt wird – im letzten Drittel der Erzählung in Aktion. Fast entsteht der Eindruck, als habe er mit seinen Freunden die Rollen getauscht, von denen es heißt, sie „trauten ihren Augen nicht“. Dass ausgerechnet dieser Phraseologismus gewählt wurde, zeigt, wie sehr die Erzählung auf das Funktionieren körperlicher Phänomene hin ausgerichtet ist. Was zunächst positiv zu sein scheint, ist die Reaktion der anwesenden Menschen: „Respektvoll machte ihm die Menge Platz.“ Doch auch hier entstehen Fragen: Wird dem Mann deshalb Respekt entgegengebracht, weil er gehen kann? Hat man ihn als Menschen nicht respektiert, als er noch gelähmt war? Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Interpretation von Mk 2,1-12 in Herders Kinderbibel den Gegensatz von Krankheit und Gesundheit stark hervorhebt, wobei implizit an verschiedenen Stellen eine Wertung vorgenommen wird. „Hab nur Mut“ 108 Nele, Ben und das geheimnisvolle Buch: „Abgeseilt“ 53 In Nele, Ben und das geheimnisvolle Buch von Kerstin Schmale-Gebhard werden ausgewählte biblische Geschichten mit Hilfe einer Rahmengeschichte erzählt, innerhalb derer die Geschwister Nele und Ben beginnen, in der Bibel zu lesen. Dabei werden die beiden Kinder selbst Teil der Geschichten. Auf diese Weise wird auch die Heilung eines Gelähmten sehr ausführlich unter der Überschrift Abgeseilt erzählt. Im Vergleich zu den bisher untersuchten Kinderbibeln wird hier in besonderem Maße auf die Lähmung eingegangen, die als schwere Krankheit charakterisiert wird: Einer ihrer Freunde war krank. Schwer krank. Solange sie denken konnten, hatte er unbeweglich auf seinem Lager gelegen, stets auf die Hilfe anderer angewiesen, denn er war gelähmt.54 Durch den indirekten Verweis darauf, dass es sich um eine Wundererzählung handelt, wird die Schwere der Krankheit weiter verstärkt: „Unserem Freund kann nur noch ein Wunder helfen.“55 Insgesamt ergibt sich ein Bild großer Hoffnungslosigkeit. Dabei zeigt die Erzählung, wie sehr der Blick der Nichtbetroffenen auf die Behinderung entscheidend zu sein scheint: Zwischen den Zeilen erfahren die LeserInnen, dass der Gelähmte selbst gar nicht auf die Idee gekommen ist, sich an Jesus zu wenden. Er lässt sich von seinem Umfeld dazu überreden – dieses prägt ihn so sehr, dass er schließlich selbst davon überzeugt ist, geheilt werden zu müssen: Sie beschlossen, ihren kranken Freund zu ihm [Jesus] zu bringen. Nun mussten sie nur noch den Kranken von ihrem Plan überzeugen. Sie hatten ihn ermutigt und ihm zugeredet, bis er schließlich selbst seine ganze Hoffnung in diese Begegnung gesetzt hatte.56 Als die Freunde ihn alleine lassen müssen, weil sie ihn zwar durch das Loch im Dach zu Jesus lassen können, aber selbst auf dem Dach bleiben 53 Kerstin Schmale-Gebhard: Nele, Ben und das geheimnisvolle Buch. Die spannendsten Geschichten der Bibel für Kinder neu erzählt. Mit Bildern von Sieger Köder. Ostfildern 2006, S. 100-109. 54 Ebd., S. 100/101. 55 Ebd. 56 Ebd., S. 101. Judith Distelrath 109 müssen, wird die Dankbarkeit des Gelähmten dafür gezeigt, dass sein Umfeld ihn in seiner großen Abhängigkeit zuvor stets unterstützt hat. So sagt er: „Bis dahin habt ihr so viel für mich getan, das werde ich schaffen“57. So groß, wie die Hoffnungslosigkeit zu Beginn der Erzählung zu sein scheint, ist auch die Freude über die Heilung am Ende der Erzählung. Relativ umfassend wird von der überschwänglichen Reaktion der Freunde erzählt, die jubelnd vom Dach heruntersteigen: „Sie stürzten ihm entgegen, fielen ihm um den Hals, stützten ihn und lachten und weinten gleichzeitig.“ Die Schilderung der äußeren Umstände verstärkt den Eindruck der hoffnungslosen Situation, wenn das Wetter zur Metapher für die Hoffnungslosigkeit des Gelähmten und seiner Freunde wird: „Heute war wohl doch kein Tag für Wunder! Die Sonne schien erbarmungslos vom Himmel herab […].“ Sowohl die Reaktion des Gelähmten auf die Sündenvergebung als auch seine Reaktion auf Jesu Heilungsworte werden parallel dazu schließlich ebenfalls durch die Wettermetaphorik ausgedrückt: „Meine Sünden sind mir vergeben“, dachte er erstaunt. Es war wie ein warmer Regen, dann wie eine Flut, die seine Angst, seine stille Verzweiflung und die Verbitterung über seine Krankheit mit sich fortschwemmte. […] „Steh auf und geh!“ Die Worte fielen in ihn wie ein lang ersehnter Regen auf ausgedörrtes Land.“ Interessanterweise wird hier die Metapher des Wassers gewählt, die häufig für das Leben steht. Die Lähmung wird hier demnach indirekt mit dem Tod assoziiert. Diese Interpretation scheint sich zu bestätigen, wenn es schließlich heißt: „Seine Beine begannen zu zittern, es schmerzte, aber was er da fühlte, war das Leben, das in seinen bewegungslosen Körper strömte.“58 Zwei Mal heißt es während der Erzählung: „Staub tanzte im (Sonnen)Licht.“59 Das erste Mal findet sich diese Aussage, als der Gelähmte zu Jesus gebracht wird und dabei einige Sonnenstrahlen durch das Dach kommen. Auch nachdem der Mann das Haus verlassen hat, findet sich diese Aussage wieder. Ist die Sonne zu Beginn der Erzählung parallel zur 57 Ebd., S. 104. 58 Ebd., S. 108. 59 Ebd., S. 105/109. „Hab nur Mut“ 110 Hoffnungslosigkeit aller Beteiligten erbarmungslos und absolut negativ konnotiert, scheint ihr Licht nun Sinnbild für die wiedergewonnene Hoffnung. Könnte der Staub auch als Symbol für absolute Hoffnungslosigkeit gelten, löst sich diese durch Jesu Anwesenheit auf, wenn der Staub beginnt zu tanzen. In dem Moment, in dem er Jesus begegnet, scheint der Gelähmte also neue Hoffnung zu schöpfen. Diese Lesart wird verstärkt, wenn es über Jesu Verhalten heißt: „Im Licht der Sonnenstrahlen, die durch das Loch fielen, beugte sich Jesus wieder zu dem Kranken hinunter, er nahm seine Hand und sah ihn freundlich an.“60 Wenn an zwei entscheidenden Stellen der Erzählung das Bild vom Staub im Sonnenlicht gewählt wird, kann festgehalten werden: Auf einer metaphorischen Ebene wird die Heilung anfänglich vorweggenommen, bevor sie am Ende noch einmal bestätigt wird, wenn der Staub parallel zu den Bewegungen des Geheilten tanzt. Interessant ist ebenfalls, wie die Kinderbibel mit der Anonymität des Mannes, der durch Jesus geheilt wird, umgeht. Wird er zunächst als „Gelähmter“, aber auch als „Kranker“ bezeichnet, ist er am Ende der „Gesunde“. Ähnlich wie die bisher vorgestellten Kinderbibeln wird die Erzählung von der Heilung eines Gelähmten hier als Hoffnungsgeschichte gelesen, wobei dieser Aspekt v. a. durch die metaphorische Ebene der Wetterphänomene besonders stark gemacht wird. König auf einem Esel: „Durch ein Loch im Dach“ 61 Die Erzählbibel König auf einem Esel. Höre, was erzählt wird. Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament für die ganze Familie von Nico ter Linden bettet die Erzählungen aus dem Neuen Testament in einen besonderen Erzählrahmen ein: Zwei Jünger Jesu, Lukas und Matthäus, tauschen nach Ostern ihre Jesuserinnerungen aus. Unter der Überschrift „Durch ein Loch im Dach“ erzählt Matthäus dabei von einer Frau, die in Kafarnaum die Heilung eines Gelähmten miterlebte. Wie in der gesamten 60 Ebd., S. 107. 61 Nico ter Linden: König auf einem Esel. Höre, was erzählt wird. Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament für die ganze Familie. Übersetzt von Wolfgang Rescheleit. Mit Illustrationen von Ceseli Josephus Jitta. Hannover 2011, S. 335f. Judith Distelrath 111 Kinderbibel ist auch in dieser Erzählung die metaphorische Ebene von besonderer Bedeutung. So wird erzählt: Drinnen erzählte Jesus von Gott und es war, als ob über ihnen der Himmel aufging. Und tatsächlich sahen sie über sich auch den Himmel, denn die vier Freunde waren über Außentreppe aufs flache Dach gestiegen, hatten den Boden geöffnet, und an den vier Ecken seiner Matte ließen sie nun ihren gelähmten Freund durch das Loch langsam nach unten. Im Gegensatz zu den übrigen Kinderbibeln scheint Jesus hier nicht zuerst die Freunde, sondern den Gelähmten selbst im Blick zu haben. Allerdings wird auch hier die Heilungsgeschichte als persönliche Hoffnungsgeschichte interpretiert, wenn die Erwartungen des Mannes zur Sprache kommen: Jesus war gerührt, als er den gelähmten Mann sah, der ihn erwartungsvoll anschaute. Und Jesus war gerührt wegen des Glaubens der vier Kerle, die sich durch nichts und niemanden hatten abhalten lassen, ihren Freund vor seine Füße herunterzulassen. Analog dazu, dass der Gelähmte hier als Person im Mittelpunkt zu stehen scheint, wird er nicht wie sonst als „Gelähmter“ oder gar als „Kranker“ bezeichnet, sondern es ist meist von einem „Mann“ oder einem „Menschen“ die Rede. Die grundsätzliche Frage nach dem Zusammenhang von Sünde und Krankheit, die in der Interpretation von Mk 2,1-12 meist thematisiert wird, wird hier sozusagen auf der Metaebene angesprochen, indem Lukas Matthäus beim Erzählen unterbricht, nachdem dieser von der Sündenvergebung durch Jesus gesprochen hat. Er verstehe nicht, warum Jesus dem Mann seine Sünden vergebe, obwohl dieser doch gekommen sei, um geheilt zu werden. An dieser Stelle wäre innerhalb der Erzählung die Chance, das Unverständnis als Frage im Raum stehen zu lassen. Stattdessen wird aber der Versuch unternommen, Jesu Verhalten zu erklären, indem die Lähmung auf eine metaphorische Ebene gerückt wird. So heißt es: „Meistens kann man nichts dafür, dass man krank wird, aber es kommt auch vor, dass ein Mensch sich selbst krank macht. Wahrscheinlich sah Jesus, dass es im Leben dieses Mannes etwas gab, das ihm quer lag.“ Auf die Frage des Lukas, warum Jesus zu dem erwachsenen Mann sage: „Kind, deine Sünden sind dir vergeben“, antwortet Matthäus: „Hab nur Mut“ 112 […] er war gleichwohl ein Kind Gottes. Und wenn der Mensch das nun glauben könnte, so könnte auch sein Leben zurückkehren, er könnte die Lähmung von sich abschütteln und fortan wieder stehen und gehen, wohin er wollte. Diese Antwort ist aus dis/abilitykritischer Sicht höchst problematisch, wenn suggeriert wird, die Lähmung sei wie ein Kleidungsstück, das man nach Belieben ablegen könne, wenn man nur wolle. Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn es in der folgenden Erzählung von der „Berufung des Levi“ heißt: Gerade noch hatte er [Jesus] in der Nähe, in Kafarnaum, einem gelähmten Mann neuen Lebensmut gegeben. Eigentlich war er, Levi, auch wie gelähmt.“ Das Ende der Erzählung verweist noch einmal auf die Hoffnung des Gelähmten auf Heilung, die nun durch Jesus erfüllt wurde: „Durch das Dach war er gekommen. Durch die Tür ging er hinaus. Er konnte wieder leben. Draußen fiel er seinen Freunden um den Hals.“ Scheint dieses Beispiel zwar zunächst den Gelähmten stärker als Mensch im Blick zu haben als die übrigen Beispiele, ähnelt es diesen dann aber in der Art und Weise, wie die Erzählung als Hoffnungsgeschichte interpretiert wird. Besonders auffällig ist hier die metaphorische Deutung der Lähmung, die an die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sündenvergebung und Heilung angeschlossen wird. Insbesondere, dass der Text versucht, alle Leerstellen der biblischen Vorlage zu füllen, ist in Bezug auf die Heilung problematisch. Die Bibel an der Bettkante: „Ein Lahmer kann gehen“ 62 Die Bibel an der Bettkante von Vreni Merz wird im Untertitel als Ein Familienbuch charakterisiert, das Vorlesegeschichten – Erzählideen – Rituale enthält. Die darin enthaltene Erzählung „Ein Lahmer kann gehen“ bleibt sprachlich sehr nah am Text der Einheitsübersetzung und nimmt nur wenige Änderungen auf, die den Inhalt dabei aber nicht umdeuten. Insofern wäre aus dis/abilitykritischer Sicht zu diesem Beispiel wenig zu sagen, da der Text sich nicht merklich von seiner Vorlage entfernt und damit „Raum für eigene Vorstellungen“63 lässt. 62 Merz, Bibel an der Bettkante, S. 84-86. 63 Ebd., S. 32. Judith Distelrath 113 Warum diese Kinderbibel trotzdem hier aufgenommen wird, liegt zum einen an den Vorbemerkungen zur Erzählung und zum anderen an dem „praktische[n] Vorschlag am Schluss“ der Geschichte, der „als Anregung gedacht [ist], um beim jeweiligen Text noch einen Moment zu verweilen und ihn zusammen mit dem Kind zu vertiefen.“64 Die Vorbemerkungen beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, wie die biblischen Erzählungen heutige Menschen ansprechen. So wird festgestellt: „Sobald wir sie übertragen auf Situationen, die wir im eigenen Leben kennen, gewinnen sie an Aktualität.“65 Im Anschluss an diese Äu- ßerung wird anhand zweier Erzählungen überlegt, inwiefern sie „mit uns heute“ zu tun haben. Dazu werden interessanterweise zwei Heilungserzählungen herausgegriffen: die Heilung des blinden Bartimäus (vgl. den Anfang des vorliegenden Beitrages) sowie die Heilung eines Gelähmten. Zu Mk 2,1-12 heißt es: In einer andern [sic!] Geschichte wird von einem Gelähmten berichtet […]. Seine Glieder sind lahm, er kann nicht mehr gehen. Auch diese Erfahrung kennen viele von uns, sich zeitweise wie gelähmt zu fühlen und kraftlos zu sein. Antriebslosigkeit ist denn auch kein seltenes Phänomen unserer Zivilisation, fast so, als müssten wir uns manchmal wehren gegen die ständige Betriebsamkeit, die uns pausenlos fordert. Da gibt es durchaus Phasen, in denen wir es kaum schaffen, uns aufzuraffen. Die Energie ist abhandengekommen; man fühlt sich geschwächt. „Es geht nicht gut“, sagen wir dann, oder „bei mir läuft im Moment gar nichts“. – Nichts „geht“ und nichts „läuft“ – wie beim biblischen Gelähmten, dessen Gefährten schlussendlich unkonventionelle Vorkehrungen treffen, damit die Heilung möglich wird.66 Zunächst wird die Lähmung auf dreifache Weise ausgedrückt (Gelähmter – lahme Glieder – kann nicht gehen). Anschließend wird diese Körpererfahrung – ähnlich wie im eingangs dargestellten Beispiel zu Mk 10,46-52 – als kollektive Erfahrung vereinnahmt. Sie wird metaphorisch verwendet, was durch die Einführung gängiger Phraseologismen wie „es geht nicht gut“ unterstrichen wird. Die Gehbehinderung des Gelähmten wird lediglich dafür genutzt, die eigene Gefühlswelt zu verdeutlichen, um schließlich zeigen zu können, dass die Heilung durch Jesus nicht unbedingt 64 Ebd., S. 31. 65 Ebd., S. 14. 66 Ebd., S. 15. „Hab nur Mut“ 114 wörtlich verstanden werden muss. Zwischen den Zeilen scheint am Ende mitzuschwingen, man müsse nur die richtigen Maßnahmen finden, um die Heilung möglich werden zu lassen. Durch die Verwendung bestimmter Begriffe wie beispielsweise „aufraffen“ wird indirekt eine negative Bewertung der Behinderung vorgenommen. So scheint es, als müsse jemand, der gelähmt sei, sich lediglich „aufraffen“, um wieder gehen zu können. Der Umgang dieses Beispiels mit Behinderung ist als stark relativierend und damit abwertend einzustufen. Der praktische Vorschlag im Anschluss an die biblische Erzählung lautet schließlich folgendermaßen: Ermuntern Sie Ihr Kind, zu spielen, was dem Gelähmten geschah. Es kann sich regungslos hinlegen wie der lahme Mann – unfähig, sich zu bewegen. Plötzlich kann es aufstehen, gehen und springen wie der Gelähmte, der geheilt ist.67 Während die Vorbemerkungen die Metaphorisierung auf der sprachlichen Ebene vollziehen, kommt hier nun eine weitere Ebene hinzu, wenn die Lähmung nachgespielt, nachgespürt werden soll. Menschen mit Behinderung werden dadurch auf wenige Differenzmerkmale reduziert – damit wird verstärkt, was im biblischen Text bereits durch die Bezeichnung des Mannes als „Gelähmter“ angelegt ist. Was im Spiel zusätzlich vollzogen wird, lässt sich mit Dorothee Wilhelm zudem als „Normalisierung: Anpassung der Abweichenden an das, was als Normalität gilt“,68 beschreiben. Durch diese Perspektive der Normalisierung wird die Differenz zwischen „normal“ und „abweichend“, zwischen „behindert“ und „nichtbehindert“, zwischen „ability“ und „disability“ besonders stark betont – im Spiel wird sie sogar erst produziert. 5. Fazit Biblische Texte müssen „grundsätzlich als fremde Welten gelesen werden, die wir ganz neu erkunden müssen“69 – es handelt sich um Texte aus ei- 67 Ebd., S. 86. 68 Dorothee Wilhelm: „Normal“ werden – war’s das? Kritik biblischer Heilungsgeschichten. In: BiKi 61 (2006), Nr. 2, S. 103-105, S. 104. 69 Stefan Alkier/Bernhard Dressler: Wundergeschichten als fremde Welten lesen lernen. Didaktische Überlegungen zu Mk 4,35-41. In: Bernhard Judith Distelrath 115 ner uns fremden Zeit, aus einer uns fremden Kultur, verfasst in einer uns fremden Sprache. Gleichzeitig enthalten sie auch inhaltlich Einiges, was uns zunächst fremd erscheint. Hier sei nur an die in Mk 2,1-12 erzählte Sündenvergebung zu denken. Beim Lesen dieser Texte schwingt daher immer die Frage mit: „Ist Teilhabe an fremder Erfahrung möglich?“70 Für Heilungserzählungen scheint diese Frage in mehrfacher Hinsicht zu gelten.71 Wie sehr gerade auch die AutorInnen der Kinderbibeln mit ihnen ringen, wenn sie versuchen, sowohl die dargestellte Behinderung als auch die erzählte Heilungserfahrung in die Welt von Kindern zu integrieren und für diese erfahrbar zu machen, zeigt, dass die Texte zu den besonders fremden Orten innerhalb der biblischen Welten gehören, dass der Umgang mit ihnen heute in vielerlei Hinsicht als problematisch angesehen werden kann. Diese Schwierigkeiten zu umgehen, indem Heilungserzählungen bei der Begegnung heutiger Menschen mit der Bibel ausgespart werden, kann nicht die Lösung sein. Stattdessen scheint ein Umgang mit ihnen geboten, der um die Schwierigkeiten weiß, der die Fremdheit nicht zu glätten versucht und der sensibel ist nicht nur für den biblischen Text selbst, sondern auch für die Menschen heute. Dies gilt insbesondere im Sinne einer dis/abilitykritischen Sicht, die Konstruktionen von Nicht-Behinderung aufzudecken versucht. Was hat ein solch dis/abilitykritischer Blick in verschiedene Kinderbibeln gezeigt? Allen Beispielen gemeinsam ist die Lesart der Heilungsgeschichte Mk 2,1-12 als (persönliche) Hoffnungsgeschichte. Dies gilt selbst für diejenigen Texte, die ansonsten nah an der biblischen Vorlage bleiben. Einige Beispiele betonen diesen Interpretationszugang stärker als andere, doch alle hier vorgestellten Kinderbibeln machen zu Beginn der Erzählung die große Hoffnungslosigkeit des Gelähmten deutlich, die sich auflöst, sobald er auf Jesus trifft. Wundergeschichten mit Kindern als Dressler/Michael Meyer-Blanck: Religion zeigen. Religionspädagogik und Semiotik. Münster 1998, S. 166. 70 Ruster, Thomas: Die Welt verstehen „gemäß den Schriften“. Religionsunterricht als Einführung in das biblische Wirklichkeitsverständnis In: rhs 43 (2000), S. 189-203, S. 191. 71 Vgl. z. B. Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 123, der sowohl auf das moderne Wirklichkeitsverständnis, welches Wundergeschichten für heutige LeserInnen fremd werden lässt, als auch auf die fehlende „Kenntnis vorausgesetzter Realien und die Möglichkeit der Vergleichbarkeit mit modernen Krankheitsbildern oder Behinderungsvorstellungen“ verweist. „Hab nur Mut“ 116 Hoffnungsgeschichten zu lesen, ist allerdings gerade deshalb so problematisch, weil dies nach Andreas Nicht „die Gefahr [birgt], Behinderung implizit als defizitäres menschliches Leben zu sehen.“72 In einigen der vorliegenden Beispiele erscheint der Gelähmte zusätzlich unglücklich, in manchen fast depressiv, seine Situation trostlos. Es dominiert der medizinische Blick auf Behinderung – in einem Beispiel ist die Rede vom „Kranken“,73 in einem anderen heißt es, er sei „schwer krank“.74 Dabei wird eine womöglich schon im biblischen Text angelegte Kontrastierung zwischen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung verstärkt. Ähnliches geschieht, wenn die absolute Abhängigkeit des Gelähmten von anderen und seine Unfähigkeit, irgendetwas anderes zu tun, als zu liegen, ausgeschmückt werden.75 Die im biblischen Text bereits vorgenommene Anonymisierung wird durch die Kinderbibeln aufrechterhalten. Zusätzlich wird der anonyme Gelähmte häufig nicht als eigenständige Person mit eigenen Rechten wahrgenommen, wenn die Männer, die ihn zu Jesus bringen, im Mittelpunkt stehen. Ein Beispiel lässt Jesus sogar zuerst einmal diese Männer sehen, bevor der Gelähmte selbst von ihm wahrgenommen wird.76 Schließlich lässt sich in einigen Beispielen erkennen, dass die Lähmung metaphorisch gedeutet wird. Insbesondere das zuletzt vorgestellte Beispiel77 zeigt, wie der Gelähmte dadurch zum Gegenbild einer heilen Wirklichkeit wird. Alle Beispiele machen besonders durch die große Freude des Gelähmten und seiner Umgebung, die sie am Ende der Erzählung darstellen, deutlich, wie sehr der „normale“, der „gesunde“ Körper als Idealbild gesehen wird, das durch die Heilung hergestellt wird. All dies ist im Zusammenhang mit Kinderbibeln deshalb so problematisch, weil diese Kinder zur „Vollbibel“ und damit auch zum christlichen Glauben hinführen wollen.78 Häufig stellen sie den ersten Kontakt zwischen Kindern und biblischen Texten dar. Hinzukommt, dass Menschen sich häufig ein Leben lang sehr genau an ihre erste Kinderbibel er- 72 Andreas Nicht: „Steht auf, nimm dein Bett und geh!“ Die Heilung am Teich Betesda im gemeinsamen Unterricht, in: Grundschule religion 48 (2014), Nr. 3, S. 22-25, hier S. 22. 73 Polster, Die große Gabriel Kinderbibel, S. 112. 74 Schmale-Gebhard, Nele, Ben und das geheimnisvolle Buch, S. 100. 75 Vgl. ebd., S. 100f. 76 Scheffler, Herders Kinderbibel, S. 150. 77 Merz, Die Bibel an der Bettkante, S. 15. 78 Vgl. Fricke, Art. Kinder- und Jugendbibeln. Judith Distelrath 117 innern. Durch eine wenig behindertensensible Interpretation von Heilungsgeschichten würde also bereits im frühen Kindesalter die Konstruktion von Behinderung gefördert79 und so zur Fest- und Weiterschreibung von Differenzkategorien beigetragen. Zwar scheinen Kinderbibeln aufgrund ihres Versuches, die teilweise sperrigen, fremdartigen biblischen Texte für Kinder verständlicher zu machen und sie an die Erfahrungswelt der Kinder anzubinden, besonders anfällig für eine wenig sensible Lesart in Bezug auf die Differenzierungskategorie dis/ability, doch dass sie trotz der hier aufgeführten Schwierigkeiten Heilungserzählungen nicht aus ihrer Textauswahl streichen, muss abschließend als positives Signal gewertet werden – es bietet die Chance, weiter über das Phänomen Nicht-Behinderung und seine literarische Konstruktion nachzudenken. 79 Vgl. Schiefer Ferrari, Exklusive Angebote, S. 119. 119 „Brich aus in lauten Klagen“ Heines literarische Kämpfe für die Menschenrechte. Eine Skizze Walter Kühn I. Die Würde von Heines Person und Werk ist angetastet worden. In heinisch-leichter Weise hat der Germanist Helmut Koopmann diesen Befund formuliert: „Allzugut ist Heinrich Heine von den Deutschen nicht behandelt worden“. 1 Heine hatte viele Gegner. Mit Fug und Recht spricht Klaus Briegleb, Herausgeber der Studien- und Lesesaugabe von Heines Sämtlichen Schriften, von einer auch „feindlichen Wirkungsgeschichte“.2 Diese baute sich früh auf. Eine Schar konservativer Rezensenten etikettierte den Dichter als „irreligiösen Materialisten“, „Verführer der Jugend“, „Charakterlose[n]“, „Lügner“, „Franzosenfreund“, „Vaterlandsverächter“ – als „Juden“.3 Bereits 1831 wurde in der Münchner Zeitschrift Eos der vierte Band von Heines Reisebilder als „schmähliche[s] Er- 1 Helmut Koopmann: Einleitung. In: Heinrich Heine. Hrsg. von Helmut Koopmann. Darmstadt 1975, S. IX. 2 So Klaus Brieglebs Formulierung im Zusammenhang mit der von ihm editorisch und begrifflich gefassten Gattung „Schriftstellernöte“ (Heinrich Heine. Sämtliche Schriften in sieben Bänden. Hrsg. und kommentiert von Klaus Briegleb. Bd. V: Schriften 1831-1855. München 1974, S. 574). 3 Karl Theodor Kleinknecht: Einleitung. In: Heine in Deutschland. Dokumente seiner Rezeption 1834–1956. Hrsg. von Karl Theodor Kleinknecht. Tübingen 1976, S. XVIIIf. Zur Heine-Rezeption seit Beginn der 1830er Jahre gehören auch die Kritik an dem vermeintlich „mit der Revolution nur Spielende[n]“ wie auch die von „Einsicht“ zeugenden Äußerungen, dass „[sich] Heine generell jedem Versuch, ihn auf eine Position festzulegen, [...] entziehe“ (ebd.). „Brich aus in lauten Klagen“ 120 zeugnis der verworfensten Judenfrechheit“4 beschimpft. Diese feindliche Wirkungsgeschichte bestand bekanntlich fort. Sie versuchte sich zu behaupten gegen eine neue liberale Leserschicht, die seit Mitte der 1830er Jahre den Autor des Buchs der Lieder rühmte. Anstoß nahmen Rezensenten, von denen manche zuvor Zielscheibe von Heines gefürchtetem Spott geworden waren, nicht zuletzt an Heines Deutschland. Ein Wintermärchen von 1844. Man verriss das satirische Versepos des seit 1831 in Paris lebenden Exilanten als „Schmähschrift“ eines „Vaterlandsverräters“.5 Die Liste spinnt sich fort. Während Friedrich Nietzsche Heine als den „ersten Artisten der deutschen Sprache“6 lobte, schlugen antisemitische Äußerungen wie jene des Historikers Heinrich von Treitschke über Heines „jüdischen Verstand“ in dem vielfach wiederaufgelegten fünfbändigen Hauptwerk Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert (1879-1894) das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte auf.7 Bezeichnend sind dabei die 4 Zitiert nach: Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen. Band 1: Rezensionen und Notizen zu Heines Werken von 1821 bis 1831. Hrsg. und kommentiert von Eberhard Galley. Hamburg 1981, S. 549. 5 So publizierte, um nur ein Beispiel zu nennen, der konservative Jurist August Sutor (1812-1884) Ende Oktober 1844 anonym einen Verriss im Hamburger Blatt Die Jahreszeiten. Im Wintermärchen sei, wie Winfried Woesler Sutor zitiert, „die Poesie erfroren“, Heines „schmutzige Witze“ hätten „das Leben derselben getödtet“, „feiner Spott“ sei zur „ächzenden Krähe geworden, die sich ihren Unterhalt auf dem Schindanger sucht“ usw. Hauptsächlich die Hamburg-Capita von Heines Versepos, die die „Verhöhnung alles dessen“ sei, „was einem gewöhnlichen Menschen heilig ist“, erregten beim Lokalpatrioten Anstoß. Zitiert nach: Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. In Verbindung mit dem Heinrich-Heine- Institut herausgegeben von Manfred Windfuhr. Bd. IV: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum. Deutschland. Ein Wintermärchen. Bearbeitet von Winfried Woesler. Hamburg 1985, S. 1005f. 6 Friedrich Nietzsche: Ecce homo. In: Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 6. Abteilung. Bd. 3: Der Fall Wagner. Götzen-Dämmerung. Der Antichrist. Ecce homo. Dionysos-Dithyramben. Nietzsche contra Wagner. Berlin 1969, S. 284. 7 Heine, so Treitschke im dritten Band Bis zur Juli-Revolution, habe aufgrund seines „jüdische[n] Verstand[es] [...] [v]on der menschlichen Größe unserer classischen Dichter [..] nichts“ besessen. Heine sei „[g]eistreich ohne Tiefe, witzig ohne Überzeugung, selbstisch, lüstern, verlogen und doch zuweilen unwiderstehlich liebenswürdig, [...] charakterlos und darum Walter Kühn 121 vergeblichen Versuche dreißig Jahre nach Heines Tod, den Dichter am Rhein mit einem Denkmal zu würdigen. Der völkisch-antisemitische Schriftsteller Adolf Bartels (1862-1945) stemmte sich gegen die Denkmalspläne in seinem Pamphlet Heinrich Heine – auch ein Denkmal (1906): Muss er durchaus ein Denkmal haben, so kann ihm ja einfach das Judentum eines setzen [...]. Sollte es jedoch heißen: HEINRICH HEINE DAS DEUTSCHE VOLK, so kann niemand dafür stehen, daß das Denkmal nicht eines Tages (ich spreche hier natürlich nur bildlich) in die Luft fliegt – und vielleicht noch verschiedenes mit.8 Die Kulturpolitik der Nationalsozialisten schloss daran an. Man zerstörte Heine-Denkmäler in Frankfurt und Hamburg, verstieg sich zu groteskdümmlichen Urteilen wie ‚jüdischer Nestbeschmutzer‘ und sang die Loreley in deutschen Bierstuben. Nach 1945 folgten der Zeit umfassendster Verleumdung in den 1950er und 1960er Jahren eine rasche Etablierung Heines zum Vorläufer des Sozialismus in Ost- und eine zögerliche, konservativ-verharmlosende Rezeption in Westdeutschland, woraufhin in den 1970er Jahren die „Konsolidierung der Heine-Renaissance“ und in den 1980er Jahren Heines „Kanonisierung“ erfolgten. 9 Legendär geworden ist der ‚Streit um Heine‘. Während Heine in Ostdeutschland bereits in den 1950er Jahren in den Rang eines ‚Klassikers‘ gehoben wurde,10 tat man sich in Westdeutschland in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten sichtlich schwemerkwürdig ungleich in seinem Schaffen“, das ebenso „der Schönheit [...] wie der Niedertracht“ mächtig gewesen sei. Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zitiert nach: Heine in Deutschland, S. 58 u. 71. 8 Adolf Bartels: Heinrich Heine – auch ein Denkmal. C.A. Kochs Verlagsbuchhandlung, Dresden und Leipzig 1906, S. 375. 9 Jürgen Habermas: Zeitgenosse Heine. Endlich ist er „unser“ – aber was sagt er uns noch. Dankrede. In: Heine-Jahrbuch 2013. Stuttgart/Weimar 2013, S. 190. 10 Im Heine-Gedenkjahr 1956 fand anlässlich von Heines 100. Todestag der erste internationale wissenschaftliche Heine-Kongress in Weimar statt und im Aufbau-Verlag erschien die fünfbändige Heine-Werkausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker. Der Literaturwissenschaftler Hans Kaufmann veröffentlichte im Aufbau-Verlag die Monographie Heinrich Heine – Geistige Entwicklung und künstlerisches Werk (Berlin 1967). „Brich aus in lauten Klagen“ 122 rer, bis um 1970 die akademischen Schlachten einsetzten, in denen konservative und marxistische Heine-Bilder konkurrierten. Die ideologisch bestimmte Auseinandersetzung um den Dichter ging daraufhin zurück. Bleibende Verdienste stellen die beiden stattlichen historisch-kritischen Heine-Ausgaben dar, aus denen die Fachwissenschaft größten Nutzen gezogen hat und weiterhin ziehen wird: Die in Weimar und Paris 1970 begonnene Säkularausgabe11 sowie v.a. die von Manfred Windfuhr zwischen 1973 und 1997 herausgegebene Düsseldorfer Ausgabe12 haben, so konstatiert Gerhard Höhn in seinem profunden Handbuch, „das ‚Monument‘ eines neuen, gesamtdeutschen ‚Klassikers‘“13 errichtet. Heines Wertschätzung reicht heute weit über die fachwissenschaftlichen Grenzen hinaus. „Der Kämpfer für Freiheit und Fortschritt“, stellt Höhn fest, „wird heute überall gefeiert und geehrt. Kaum ein anderer der älteren Klassiker scheint so populär zu sein und wird in den Medien so oft zitiert wie Heinrich Heine.“14 Heines Rang dokumentiert die verstärkte Aufnahme seiner Texte in die Lehr- und Lektürepläne von Schulen und Universitäten. Fest im kulturellen Gedächtnis verankert ist vor allem ein Zitat aus Heines frühem Toleranzstück Almansor (1823). Auf vielen Mahnmalen und Gedenkstätten ist folgende Warnung der Figur Hassan angesichts einer Verbrennung des Korans durch den Großinquisitor Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517) zu lesen: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ 11 Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Düsseldorfer Ausgabe. Hrsg. v. Manfred Windfuhr. Hamburg 1973-1997. Im Folgenden wird mit dem Kürzel „DHA“, der Nummer des Bandes und der Seitenangabe zitiert. 12 Heinrich Heine. Werke, Briefwechsel, Lebenszeugnisse. Säkularausgabe. Hrsg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und dem Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. Berlin/Paris 1970ff. Im Folgenden wird mit dem Kürzel „HSA“, der Nummer des Bandes und der Seitenangabe zitiert. 13 Gerhard Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. Stuttgart, Weimar 2004, S. VII. 14 Ebd. Walter Kühn 123 II. Anfang der 1820er Jahre zählte Heine in einem Brief an seinen Freund Christian Sethe unter dem Stichwort „Was ich liebe“ Folgendes auf: „Wahrheit, französische Revolution, Menschenrechte, Lessing“.15 Diese Zusammenstellung verwundert nicht. Napoleon, dem Heine in Ideen. Das Buch le Grand ein literarisches Denkmal in Erinnerung an dessen Einzug in Düsseldorf im Jahr 1811 gesetzt hat, wurde für Heine zu einer mythologischen Größe. Sein Bekenntnis zu Napoleon und den Errungenschaften der Französischen Revolution fußte auch darauf, dass Heine die Verletzung der Würde der Person wiederholt erfahren musste. Eine frühe Prägung schilderte Heine in seinen Fragment gebliebenen Memoiren über seine Jugendzeit in der „Franziskanerschule“. An einem „Sonntage“ habe er einmal die „Gelegenheit“ wahrgenommen, meinen Vater zu befragen: wer mein Großvater gewesen sey? Auf diese Frage antwortete er halb lachend halb unwirsch: „Dein Großvater war ein kleiner Jude und hatte einen großen Bart.“ Den andern Tag, als ich in den Schulsaal des Klosters trat, wo ich bereits meine kleinen Kameraden versammelt fand, beeilte ich mich sogleich ihnen die wichtige Neuigkeit zu erzählen, daß mein Großvater ein kleiner Jude war welcher einen langen Bart hatte. Kaum hatte ich diese Mittheilung gemacht, als sie von Mund zu Mund flog, in allen Tonarten wiederholt ward, mit Begleitung von nachgeäfften Thierstimmen, die Kleinen sprangen über Tisch und Bänke, rissen von den Wänden die Rechentafeln welche auf den Boden purzelten nebst den Tintenfässern, und dabey wurde gelacht, gemeckert, gegrunzt, gebellt, gekräht, ein Höllenspektakel dessen Refrain immer der Großvater war, der ein kleiner Jude gewesen und einen großen Bart hatte. Der Lehrer […] vernahm den Lerm und […] fragte gleich nach dem Urheber dieses Unfugs. […] und ich büßte meine Schuld durch eine bedeutende Anzahl Prügel.16 Die, wie Heine im April 1832 in seiner „Beylage zu Artikel VI.“ der Französischen Zustände pathetisch schrieb, im „Jahr der Gnade 1789“ verkündete Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die wie „Christus“ und der sozialrevolutionäre Priester in der Zeit des Bauernkriegs 15 Heinrich Heine an Christian Sethe, 14. April 1822. In: HSA XX, S. 49. 16 Heinrich Heine: Memoiren. In: DHA XV, S. 75. „Brich aus in lauten Klagen“ 124 „Thomas Münzer“ (1489-1525) für „Gleichheit und Brüderschaft der Menschen“ eintritt, war Quelle seiner Wertschätzung für Napoleon.17 Ein weiteres wichtiges Dokument des Kampfes um die Menschenrechte stellt der Code Napoléon (1804) dar. Durch ihn sollte sich die rechtliche Situation der Juden vor allem im Königreich Westphalen erstmals grundlegend ändern: Als erstes europäisches Gesetzbuch beinhaltete es keine eigene Gesetzgebung für Juden, sodass alle Bürger unter dem gleichen Gesetz verbunden wurden. Von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konnte indes in der Restaurationszeit keine Rede sein. Schlaglichter sind auf publizistische Angriffe zu werfen, auf die Heine mit brieflichen Äußerungen wie „Wär ich ein Deutscher – und ich bin kein Deutscher, siehe Rühs, Fries an vielen Orten“ 18 reagieren sollte. 1815 erschien das radikal antijüdische Pamphlet Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht, worin der Berliner Historiker und Hochschullehrer Friedrich Rühs „dem fremden Volk“ 19 das deutsche Bürgerrecht absprach, falls dieses nicht „den Uebertritt zum Christentum“20 vollzöge. 1816 verfasste Jakob Friedrich Fries eine Rezension zu Rühs Streitschrift für die Heidelberger Jahrbücher, die auch als Flugschrift unter dem Titel Über die Gefährdung des Wohlstands und Charakters der Deutschen durch die Juden erschien. In dieser Polemik befürwortete der Philosoph, dass Juden ein Zeichen an ihrer Kleidung tragen sollten. Er machte die Juden für den wachsenden gesellschaftlichen Einfluss von Geld verantwortlich und forderte, dass diese „Kaste mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden“21 solle. Hinzu kam, dass die restaurative Politik des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. zur Folge hatte, dass sich für jüdische Studierende die Türen zu Akademien verschlossen.22 Darüber 17 DHA XII/I, S. 142f. 18 Heinrich Heine an Moses Moser, 23. August 1823. In: HSA XX, S. 106. 19 „Die Gerechtigkeit der Christen gegen sich selbst erfordert, den Gliedern eines fremden Volks, das sich unter ihnen als solches behaupten will, die Rechte zu versagen, deren sie zum Theil nur durch das Christenthum genießen“. Friedrich Rühs: Ueber die Ansprüche der Juden an das deutsche Bürgerrecht. Zweiter, verbesserter und erweiterter Nachdruck. Mit einem Anhange über die Geschichte der Juden in Spanien. Berlin 1816, S. 39. 20 Ebd., S. 35. 21 Jakob Friedrich Fries: Ueber die Gefährdung des Wohlstands und Charakters der Deutschen durch die Juden. Heidelberg 1816, S. 18. 22 Dies erklärt Heines Taufe im Juni 1825. Er hoffte, durch den geheim gehaltenen Übertritt zum Protestantismus ein „Entre Billet zur Europäi- Walter Kühn 125 hinaus zeigten 1819 die gewalttätigen Hep-Hep-Ausschreitungen von Handwerkern, Händlern und Studenten in Städten des Deutschen Bundes wie Würzburg, Prag, Graz und Wien sowie in Amsterdam, Kopenhagen, Helsinki, Krakau und kleineren Orten in Russisch-Polen, wie anfällig Teile der Bevölkerung für neue Formen antijüdischer Haltung waren. Die Bildung einer kleinen kurzlebigen Gruppe versprach eine Stabilisierung des Ich. Am 7. November 1819 gründeten junge jüdische Intellektuelle in Berlin im Gefolge der Hep-Hep-Krawalle einen Verein, zunächst unter dem Namen „Verein zur Verbesserung des Zustandes der Juden im deutschen Bundesstaate“, später umbenannt in „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Leopold Zunz, der Hegel-Schüler Eduard Gans und Moses Moser. Heine, der dem Berliner „Kulturverein“ im August 1822 beitrat, fühlte sich verbunden mit den selbstbewussten jungen jüdischen Intellektuellen und war gewillt, ein Sprecheramt zu übernehmen. So teilte er Moses Moser brieflich Folgendes mit: Daß ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthousiastisch sein werde, das gestehe ich, und in schlimmen Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß es in deutschen Bierstuben und Palästen wiederschallt.23 Sehr drängt es mich, in einem Aufsatz für die Zeitschrift, den großen Judenschmerz (wie ihn Börne nennt) auszusprechen [...].24 Aus dem Plan, einen Aufsatz für die Zeitschrift zu verfassen, wurde das Vorhaben, einen Roman unter dem Titel Der Rabbi von Bacherach zu schreiben. schen Kultur“ (Heinrich Heine: Prosanotizen. In: DHA X, S. 313) zu bekommen. 23 Heinrich Heine an Moses Moser, 3. August 1823. In: HSA XX, S. 107. 24 Heinrich Heine an Moses Moser, 18. Juni 1823. In: HSA XX, S. 97. Heine bezog sich auf Ludwig Börnes Rezension des 1794 verfassten Schauspiels Der Jude von Richard Cumberland: „Wie viele Tausende jenes unglücklichen Volkes mußte Cumberland haben dulden sehen, bis er den ungeheuren Judenschmerz, einen reichen dunklen Schatz, von Geschlecht zu Geschlecht herabgeerbt, auch nur zu ahnen vermochte, bis er zu erlauschen vermöchte die Leiden, die nicht klagen, weil sie kein Ohr zu finden gewohnt sind?“ Ludwig Börne: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Inge und Peter Rippmann. Bd. 1. Dreieich 1977, S. 286f. „Brich aus in lauten Klagen“ 126 Spätestens mit Blick auf diesen Roman ist auf Heines Arbeitsweise, die bereits in seinen früheren Produktionen von erheblichem schriftstellerischen Nutzen gewesen ist, hinzuweisen. Heine ist ein auf historisches Denken verpflichteter Autor gewesen. „[B]eeindruckend“, schreibt Gerhard Höhn, ist „das Quellenstudium“ dieses Studenten gewesen.25 Die akribisch erarbeiteten materialreichen Apparat-Teile der Düsseldorfer Heine-Ausgabe legen davon ein beredtes Zeugnis ab. So dokumentiert der von Manfred Windfuhr besorgte fünfte Band, dass Heine sich bereits während seiner Arbeit an seiner 1821 erstpublizierten Tragödie Almansor in historische Studien in deutscher, englischer und französischer Sprache vertieft hatte, besonders unter dem Gesichtspunkt Inquisition. Heine intensivierte dieses Vorgehen bei seinem Rabbi-Projekt. Dies zeigt Windfuhr in seinem Anhang, für den der Philologe u. a. Dokumente wie Heines Exzerpte zusammengetragen und sachgerecht ausgewertet hat.26 Sie lassen Folgendes rekonstruieren. Unter den verwendeten Quellen ragt ein mehrbändiges Werk des Kirchenhistorikers und reformierten Theologen Jacques Basnage (1653-1723) heraus: Histoire des juifs, depuis Jesus- Christ jusqu’ à present, 1706 in einer fünfbändigen ersten Auflage und 1716 in einer 15-bändigen endgültigen Auflage erschienen.27 Ein Leichtes ist es, mittels des Apparats der Düsseldorfer Heine-Ausgabe den produktionsästhetischen Stellenwert dieser Lektüre, die Heine von seinen Vereinsfreunden vermittelt wurde, zu skizzieren. Die Lektürearbeit stand in enger Korrespondenz mit den Zielen des Vereins: Aufklärung über die bisher vernachlässigte jüdische Geschichte „in den traurigen Zeiten ihrer Zerstreuung“28 und über die von weit herkommenden „herrschenden Meinungen und Mährchen“29 in Bezug auf Juden. Heine las und schrieb gleichsam aus der „Froschperspektive der 25 Höhn, Heine-Handbuch, S. 46. 26 DHA V, S. 498-768. 27 Siehe DHA V, S. 707-728. 28 Moses Moser: Memorandum, vorgetragen am 7. November 1819. Zitiert nach: Siegfried Ucko: Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums (Motive des Kulturvereins vom Jahre 1819). In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland 5 (1935), H. 1, S. 16. 29 Leopold Zunz: Grundlinien zu einer künftigen Statistik der Juden. Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums 1 (1823), H. 3, S. 528. Zitiert nach: Regina Grundmann: „Rabbi Faibisch, Was auf Hochdeutsch heißt Apollo“. Judentum, Dichtertum, Schlemihltum in Heinrich Heines Werk. Stuttgart, Weimar 2008, S. 295. Walter Kühn 127 schwächsten […] Bevölkerungsgruppe“,30 um jüdischen Leidensdruck literarisch zu verarbeiten. Er notierte sich „Belege zu den Bereichen Blutige Massaker, Vertreibungen, Falsche Anschuldigungen (angebliche Ritualmorde, Hostienschändungen)“ und „Diskriminierungen anderer Art“.31 In diesem Zuge entstanden zwei Briefgedichte, die als Gradmesser für Heines jüdisches Selbstverständnis im Kontext seines informellen und institutionellen Kontakts zu dem Kreis jüdischer Intellektueller anzusehen sind: An Edom! und Brich aus in lauten Klagen. Heine sandte sie Moses Moser, seinem engsten Vertrauten zu dieser Zeit, am 25. Oktober 1824, zu. An Edom! leitete Heine mit seinem Kommentar für Moser ein, dass „die schmerzliche Lektüre“ von Basnages Werk „Mitte des vorigen Monaths endlich vollendet“ worden sei. Die „vielen [...] Ideen und Gefühle“, die es angeregt hatte, sollten durch „folgende Reflexion angedeutet“ werden: An Edom! Ein Jahrtausend schon und länger, Dulden wir uns brüderlich, Du, du duldest daß ich athme, Daß du rasest dulde Ich. Manchmal nur, in dunklen Zeiten, Ward dir wunderlich zu Muth, Und die liebefrommen Tätzchen Färbtest Du mit meinem Blut’. Jetzt wird unsre Freundschaft fester, Und noch täglich nimmt sie zu; Denn ich selbst begann zu rasen, Und ich werde fast wie Du.32 30 Alfred Bodenheimer: „Die Engel sehen sich alle ähnlich“. Heines Rabbi von Bacherach als Entwurf einer jüdischen Historiographie. In: Heinrich Heine und die Religion. Hrsg. von Ferdinand Schlingensiepen und Manfred Windfuhr. Düsseldorf 1998, S. 53. 31 DHA V, S. 513. 32 Heinrich Heine an Moses Moser, 25. Oktober 1825. In: HSA XX, S. 176f. „Brich aus in lauten Klagen“ 128 Heines Identifikation mit den Gejagten, die in der „Kollektiverfahrung einer aus Trauer und Schmerz bestehenden Tradition“33 gründet, kommt hier in einer Strafpredigt an die Jäger zum Ausdruck. Signalwert hat „Ein Jahrtausend schon und länger“. Das Gedicht ist in einer historischen und in einer überhistorischen Perspektive deutbar. Edom, der Nachbarstaat Israels in der Frühgeschichte Palästinas, ist für Heine zum Namen für den Feind der Juden geworden. Das „Grundverhältnis“ zwischen Du und Ich ist ein „dialektisches“.34 So ist „dulden“ doppeldeutig. ‚Dulden‘ im Sinn von ‚gestatten‘ ist im dritten Vers angesichts des Hinweises gemeint, dass Juden im „Jahrtausend“ des Zusammenlebens mit Christen zeitweise unter ihrer Macht „athmen“ konnten. Die weitaus stärker zu gewichtende Bedeutung des ‚Duldens‘ im Sinn von ‚Erleiden‘ kommt bei „Daß du rasest, dulde Ich“ zum Ausdruck. Heine aktualisierte die biblische Bilderwelt, indem er an das alte Motiv des Bruderstreits zwischen Isaaks Söhnen Esau, dem der Name Edom gegeben wurde,35 und Jakob um die Vormachtstellung des Erstgeborenen anknüpfte. Das lyrische Ich tritt dem Angesprochenen sarkastisch mit „liebefrommen Tätzchen“ entgegen, bis hin zu der das ‚Rasen‘ aus der ersten Strophe wieder aufnehmenden, ohnmächtigen Warnung, dass „Rache der Juden an ihren Feinden“36 verübt werden könnte: „Denn ich selbst begann zu rasen, / Und ich werde fast wie Du“. Das zweite Briefgedicht Heines ist nicht von ohnmächtiger Wut, sondern von Zärtlichkeit grundiert. Er kennzeichnete es in seinem Brief an Moses Moser ausdrücklich als eine Dankesgabe, die möglicherweise in den öffentlichen Diskurs eingefügt werden sollte. So teilte er seinem Freund „die Freude“ mit, „wenn ich Dir mahl den Rabbi zuschicken kann, und ich dichtete schon die Verse die ich auf dem weißen Umschlag des Exemplars als Vorwort für Dich schreiben“ würde: 33 Robert C. Holub: Deutscher Dichter jüdischer Herkunft. In: „Ich Narr des Glücks“. Heinrich Heine 1797-1856. Bilder einer Ausstellung. Hrsg. von Martin Hollender, Joseph A. Kruse und Ulrike Reuter. Stuttgart, Weimar 1997, S. 50. 34 Manfred Windfuhr: „Der Rabbi von Bacherach“. Zur Genese und Produktionsästhetik des zweiten Kapitels. In: Heine Jahrbuch 1989, S. 90. 35 Gen 25,25.30. 36 Dieter Lamping: Von Kafka bis Celan. Jüdischer Diskurs in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Göttingen 1998, S. 50. Walter Kühn 129 Brich aus in lauten Klagen, Du düstres Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenstillen Gemüth’. Es dringt in alle Ohren, und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herr’n, Die Frauen und Blumen weinen, Es weinen am Himmel die Stern’. Und alle die Thränen fließen Nach Süden, im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all’ in den Jordan hinein.37 In diesem Gedicht ist die Kennzeichnung als Lied im zweiten Vers maßgeblich. Sie begründet eine „empfindsam-fromm[e]“ 38 Haltung, in der Mensch und Natur, Seelisches und Stoffliches eine Einheit aus „Thränen“ bilden. Während An Edom! sich fast als eine ohnmächtige Kriegserklärung deuten lässt, mündet Brich aus in lauten Klagen in die Hoffnung auf Versöhnung: „[A]ll’“, sogar eingeschlossen die Feinde bzw. „die kalten Herr’n“, verbinden sich „im stillen Verein“ in den „Jordan“ als das Land der Väter. Zentrum des Gedichts sind die Verse: „Ich habe gewaltig beschworen / Den tausendjährigen Schmerz“. Die im Oktober 1824 geäußerte Absicht, das Moser gewidmete Gedicht Brich aus in lauten Klagen dem Rabbi vom Bacherach als „Vorwort“ voranzustellen, blieb unausgeführt. Ebenso unausgeführt blieb der Roman. Als Fragment veröffentlichte Heine ihn schließlich 1840 angesichts der Damaskus-Affäre, in der die alte Ritualmordlegende benutzt wurde, um Juden zu foltern – mit einer „heiter grüßend[en]“ Widmung an Hei- 37 Heinrich Heine an Moses Moser, 25. Oktober 1825. In: HSA XX, S. 177f. 38 Manfred Windfuhr: „Der Rabbi von Bacherach“. Zur Genese und Produktionsästhetik des zweiten Kapitels. In: Heine Jahrbuch 1989, S. 90. „Brich aus in lauten Klagen“ 130 nes jungdeutschen Schriftstellerkollegen Heinrich Laube.39 Die Änderung der Widmung ist Teil der zweiten Werkphase von Heine. III. Heine definierte seine Rolle in den 1830er Jahren wie folgt: „Ein Schwert“, heißt es in Reise von München nach Genua, „sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreyungskriege der Menschheit.“ 40 Bemerkenswert ist, worauf Höhn hinweist, die häufig wiederkehrende „agonal-militärische Metaphorik“41 seit Heines zweiter Werkphase: „Ich bin ganz Freude und Gesang, ganz Schwert und Flamme!“42, „Aux armes citoyen! [...] Aux armes citoyens!“43 Heine nutzte nun wiederholt die Soldatenchiffre, um sein intellektuell-poetisches Arbeiten als literarischen Kampf für die Würde des Individuums zu kennzeichnen. In Anknüpfung an das aus der Fachgeschichtsschreibung bekannte „Modell des ‚Wissenschaftskriegs‘“44 seien wenigstens skizzenhaft Gegner, Mitkämpfer, Waffen, Auftrag und Schlachtverlauf ins Auge gefasst. 39 „Seinem / geliebten Freunde, / Heinrich Laube, / widmet / die Legende des / Rabbi von Bacherach, / heiter grüßend, / der Verfasser“ (DHA 5, S. 108). 40 Heinrich Heine: Reisebilder. Dritter Theil. Reise von Menschen nach Genua. In: DHA VII/I, S. 74. 41 Höhn, Heine-Handbuch, S. 3. 42 Heinrich Heine: Ludwig Börne. Eine Denkschrift. In: DHA XI, S. 50. 43 Heinrich Heine: Reisebilder. Vierter Theil. Die Stadt Lukka. In: DHA VII/I, S. 205. 44 Lothar Bluhm: Wissenschaft als eine „Gemeinschaft von Freunden“. Zur Verzahnung heterogener Wissenschaftsprojekte in der frühen Deutschen Philologie (12. Januar 2004). In: Goethezeitportal. URL: http://www.goethezeitportal.dedbwiss/epoche/ bluhm_gemeinschaft.pdf, S. 3 [letzter Zugriff am 31. Dezember 2018]. Vgl. auch ders.: „compilierende oberflächlichkeit“ gegen „gernrezensirende Vornehmheit“. Der Wissenschaftskrieg zwischen Friedrich Heinrich von der Hagen und den Brüdern Grimm. In: Romantik und Volksliteratur. Beiträge des Wuppertaler Kolloquiums zu Ehren von Heinz Rölleke. Hrsg. von Lothar Bluhm und Achim Hölter. Heidelberg 1999, S. 49-70. Walter Kühn 131 Der Gegner ist klar zu identifizieren: Thron und Altar. Diese auf Beharrung des Alten bestehenden Kräfte schossen bekanntlich besonders scharf 1835 zurück: Da wurden auf Beschluss des damaligen Deutschen Bundestages die Schriften der Jungdeutschen durch die Fürsten verboten. Amtlicherseits wurden folgende Schriftsteller als Verbündete einer „literarische Schule“ bezeichnet: Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt. In der Eile offenkundig vergessen hatte man Ludwig Börne. Im Hinblick auf Mitkämpfer ist Folgendes zu umreißen. Heine war der Held für eine eher lose verbundene Gruppe von Autoren, die von der Julirevolution von 1830 beflügelt waren. Ihr Gruppenbewusstsein entwickelte sich u.a. durch Adolf Wienbarg. Durch ihn wurde der Name „Junges Deutschland“ populär. Wienbarg leitete seine Sammlung von 24 Vorlesungen mit dem Titel Ästhetische Feldzüge, 1834 bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen, mit den programmatischen Worten ein: „Dir, junges Deutschland, widme ich diese Reden, nicht dem alten“.45 Der Vorbildcharakter Heines lässt sich klar belegen. Die jungen Autoren schätzten seine Reisebilder als form- und stilbildend. Den Rang des verehrten Dichters dokumentiert, um nur ein Beispiel zu nennen, Karl Gutzkows und Ludolf Wienbargs briefliche Einladung an Heine zwecks Mitarbeit an der neuzugründenden Zeitschrift Deutsche Revue: „Ihrem Genius ist unsere Wochenschrift dediziert, denn Ihr Name klingt uns wie Poesie und wie der frühmorgendliche Klang des Jagdhorns.“46 Fragt man nach den Waffen, so fällt als erstes ein operativer Literaturbegriff ins Auge: Man setzte auf die Veröffentlichung von Prosa in Zeitungen und Zeitschriften. In Bezug auf die Entwicklung des Literaturmarkts hat man die Vormärzzeit als „zweite Blütezeit“47 der Journalistik nach der Aufklärung bezeichnet. Heine und Ludwig Börne prägten in der Übergangszeit von feudaler Ständegesellschaft zu bürgerlicher Klassengesellschaft auf je unterschiedliche Weise einen neuen Dichtertypus: den des Zeitschriftstellers. Fügen will sich hier, dass Heine als Korrespondent der namhaften Augsburger Zeitung, die eine sehr hohe Leser- 45 Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg 1834, S. V. 46 Ludolf Wienbarg und Karl Gutzkow an Heinrich Heine, 15. September 1835. In: HSA XXIV, S. 334. 47 Manfred Windfuhr: Heinrich Heines Modernität. In: Zur Literatur der Restaurationsepoche 1815-1848. Hrsg. von Jost Hermand und Manfred Windfuhr. Stuttgart 1970, S. 455. „Brich aus in lauten Klagen“ 132 schaft hatte, aktiv wurde und Berichte verfasste, die Historikern wie Germanisten Aufschlüsse geben. Ort seiner Korrespondententätigkeit war Paris, aber auch London – die beiden Zentren im 19. Jahrhundert. Paris: Ort der Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte, Ort zweier siegreicher Revolutionen; London: Ort der Dynamik der kapitalistischen Entwicklung. Der Zeitschriftsteller bevorzugte Prosa. Für den Übergang zu einer poetischen Prosa hatte sich auch Wienbarg ausgesprochen, „weil wir unsere Person und Rechte nachdrücklicher in Prosa vertheidigen können, als in Versen“.48 Die Aufwertung der ästhetisch noch vernachlässigten Prosa ging einher mit dem Witzstil als Schreibideal. Im Unterschied zur verbreiteten Auffassung, dichterische Sprechweise sei grundsätzlich erhaben und würdig, nennt Wienbarg den Witz die Sprechweise des freien Bürgers und das geeignetste Mittel in der Auseinandersetzung mit der Aristokratie. So lautet es in der 24. Vorlesung von Wienbargs Ästhetischen Feldzügen: [I]n der unsrigen [Zeit] hat sich der Witz einen Kampfplatz aufgesucht, wo er mit der Freiheit vereint gegen verrostete Helme und Kapuzen zu Felde zieht und gottlob, es liegen schon Splitter und Stücke genug auf dem Boden, welche seine Schärfe und Kraft beurkunden.49 Gemeinsamer Auftrag war die Verwirklichung der Menschenrechte im Sinn der Ideale der Französischen Revolution. „Befreyungskrieg“ hatte dabei eine umfassende Bedeutung. Will man das programmatische Anliegen der Jungdeutschen auf einen Nenner bringen, so scheint der Begriff der „Emanzipation“ passend zu sein. Wie ein „Magnet“ richtete laut Karl Martin Grass und Reinhart Koselleck dieser Ausdruck damals den „politisch-sozialen Sprachraum“ aus.50 „Das epochale ‚Signal‘ hatte Heine gegeben.“51 In Reise von München nach Genua, 1830 im dritten Band der Reisebilder veröffentlicht, stellte Heine inmitten der Zeit der Restauration die kardinale Frage: 48 Wienbarg, Aesthetische Feldzüge, S. 135. 49 Ebd., S. 306 50 Karl Martin Grass, Reinhart Koselleck: Emanzipation. In: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Bd. 2: E-G. Unter Mitarbeit von Christian Meier redigiert von Reinhart Koselleck. Stuttgart 1975, S. 167. 51 Höhn, Heine-Handbuch, S. 21. Walter Kühn 133 Was ist aber diese große Aufgabe der Zeit? Es ist die Emanzipation. Nicht bloß die der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt vom eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie.52 Diese, schreibt Gerhard Höhn, „universelle, nicht mehr nationale, sondern menschheitliche Forderung nach Freiheit und Gleichheit politischsozial unterdrückter Gruppen, Völker bzw. des Menschengeschlechtes“53 durchziehe nun Heines gesamtes Denken. Manche Schlachten wurden gewonnen, die große verloren. Siegreich sollte man schließlich nach dreißigjährigem Kampf auf dem Feld der Meinungsfreiheit sein. In den aufstrebenden Literaturmarkt wurde seitens der Obrigkeit seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 eingegriffen. Insbesondere das Pressegesetz ver- oder behinderte die Verbreitung von Gedanken, die damals als aufrührerisch galten, aus heutiger Sicht aber als fortschrittlich bewertet werden. Die zentrale Reglementierung sah vor, dass alle Veröffentlichungen unter 20 Bogen, d. h. 320 Seiten, einer Vorzensur unterlagen; umfangreichere Schriften mussten sich einer Nachzensur unterziehen. Heine stand auch hier an vorderster Front. Dabei ist „[d]ie Dynamik von staatlichem Druck“, der Freiräume ließ, „und schriftstellerischem Gegendruck [...] konstitutiv für die Struktur seines Witzstils und seiner Schreibweise geworden.“54 Berühmt geworden ist, um nur ein Beispiel zu nennen, wie Heine 1827 im Buch Le Grand die Zensur mit dem folgenden, vorgeblich zensierten Text satirisch zu unterlaufen verstand: 52 Heinrich Heine: Reisebilder. Dritter Theil. Reise von Menschen nach Genua. In: DHA VII/I, S. 69. 53 Höhn, Heine-Handbuch, S. 21. 54 Ebd., S. 23. „Brich aus in lauten Klagen“ 134 Kapitel XII. Die deutschen Censoren ------------------------ --------------------------------------------------------------------- ---------------------Dummköpfe--------------------------- --------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------55 Die preußischen Zensurmaßnahmen verschärften sich angesichts des Hambacher Fests von 1832. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 wurden auf drastische Weise ausgeweitet. Die Einschränkung der Pressefreiheit war Teil eines Bündels von Maßnahmen: Personen des bürgerlichen Spektrums, die im Verdacht standen, mit revolutionären Ideen zu sympathisieren, wurden verhaftet und Universitäten wurden überwacht. Anhand der komplexen, konflikt- und facettenreichen Entstehungsgeschichte von Heines Französischen Zuständen (1833) hat die Forschung gezeigt, wie schwerwiegend die Zensur eingegriffen hat: „Von allen Werken Heines hat keines so gewaltige Ströme polizeilicher Tinte gekostet wie die Vorrede zu seinen Französischen Zuständen“, schrieb Heinrich Hubert Houben 1926. 56 Zensiert wurde etwa folgende Passage. Heine bezieht sich auf die am 28. Juni 1832 bei der 22. Sitzung der Bundesversammlung in Kraft getretenen Sechs Artikel, die in Ergänzung zu der Wiener Schlussakte von 1820 Maßregeln zur Aufrechthaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe in Deutschland beinhalten.57 Die republikanische Bewegung sollte zum Erliegen gebracht werden – Heine wehrte sich: [K]raft meiner Machtvollkommenheit als öffentlicher Sprecher, erhebe ich gegen die Verfertiger dieser Urkunde meine Anklage und klage sie an des gemißbrauchten Volksvertrauens, ich klage sie an der belei- 55 Heinrich Heine. Reisebilder. Zweyter Theil. Ideen. Das Buch Le Grand. In: DHA VI, S. 201. 56 Heinrich Hubert Houben: Eine Vorrede Heinrich Heines. In: Polizei und Zensur. Längs- und Querschnitte durch die Geschichte der Buch- und Theaterzensur. Paderborn 2015 [Nachdruck des 1926 im Berliner Gersbach-Verlag erschienenen Originals], S. 64. 57 Abgedruckt in: Deutsche Verfassungsdokumente 1803-1850. Band 1: Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte. Hrsg. von Ernst Rudolf Huber. Stuttgart 1978, S. 132f. Online bereitgestellt von Wolfgang Fricke: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/dokumente/sechs-art.shtml. [letzter Zugriff am 28. Dezember 2018] Walter Kühn 135 digten Volksmajestät, ich klage sie an des Hochverrats am deutschen Volke, ich klage sie an!58 Ebenso wurde das Schlussbild der Vorrede von der Zensur getilgt. Das deutsche Volk wird hier als ein „großer Narr“ gefasst: Oh! der große Narr wird euch immer treu und unterwürfig bleiben [...]. Aber habt ihr gar keine Furcht, daß dem Narren mal all die Lasten zu schwer werden, und daß er eure Soldaten von sich abschüttelt und euch selber, aus Überspaß, mit dem kleinen Finger den Kopf eindrückt, so daß euer Hirn bis an die Sterne spritzt?59 Ein Zweig der Heine-Forschung hat angesichts solcher Auskünfte Heine im Schnittpunkt von Spätjakobinismus und Frühsozialismus verortet. Bodo Morawe hat hier und an zahlreichen anderen Passagen in Heines Pariser Werk das „Recht zum Widerstand“60 als die letzte Konsequenz einer spezifischen Erklärung der Menschenrechte in Anschlag gebracht. Im Anschluss an Jan-Christoph Hauschild61 rekonstruiert Morawe, dass der „Pariser Heine“ – ebenso wie auch der „Straßburger [Georg] Büchner“ – 62 sich auf die im April 1793 vorgeschlagene Rechteerklärung von Robespierre bezieht, die Heine durch das 1828 entstandene Hauptwerk Filippo Buonarrotis Babeufs Verschwörung für die Gleichen kannte.63 „Der 58 Heinrich Heine: Französische Zustände. Vorrede. V XII/I, S. 72. 59 Ebd., S. 76. 60 Bodo Morawe: Heines Republikanismus. In: Ders.: Citoyen Heine. Das Pariser Werk. Bd. 1: Der republikanische Schriftsteller. Bielefeld 2010, S. 83. Siehe auch Morawes Kapitel „Verschiedenartige Geschichtsauffassung, das Recht zu leben und die Fortschritte des Republikanismus“ in seiner Monographie „Heines ‚Französische Zustände‘. Über die Fortschritte des Republikanismus und die anmarschierende Weltliteratur (Heidelberg 1997, S. 40-77). 61 DHA X, S. 918. Siehe auch: Ders.: Die Austreibung der Kritik. Zensur und Exil. In: Heinrich Heine. Einblicke und Assoziationen. Hrsg. von Joseph A. Kruse. Düsseldorf 1988, S. 112. 62 Morawe, Heines Republikanismus, S. 84. Siehe auch: Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. Stuttgart 2000, S. 89, S. 116 u. 118. 63 Die zunächst in Brüssel, 1830 dann in Paris erschienene zweibändige Conspiration pour l’égalité dite de Babeuf des italientisch-französischen Politikers und Babeuf-Gefährten Filippo Buonarotti (1761-1837) wurde zu einem „politische[n] Theorie- und Kulttext“ des „‚neuen‘ Republikanismus“ „Brich aus in lauten Klagen“ 136 Hunger und Hunger ‚nach Wissen‘“ gelten darin als die „beiden Grundbedürfnisse, aus denen sich [...] die grundlegenden Rechte des Volkes ableiten: das Recht zu leben [...], das Recht zu essen, [...] das Recht zu wissen“ und „das Recht zum Widerstand als die letzte Konsequenz aller anderen Menschenrechte.“64 Das Recht zu essen und das Recht zu wissen verklammerte Heine 1833 in seiner Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland: Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.65 Mit Deutschland verband Heine eine Hassliebe. Heine, von Paris aus auf „pädagogischer Mission“, 66 kritisierte wiederholt den deutschen Stillstand. Der „schlafende Riese“ war 1830 nur kurz „durch den Kanonendonner aus den Kissen hochgeschreckt, bevor er sich erneut die Nachtmütze“ für viele Jahre wieder „tief ins Gesicht zog“.67 Den Stillstand hat Heine in vielen ironischen Mitteilungen bedacht, etwa im Dritten Brief von Über die Französische Bühne: Mit Verwunderung betrachten sie [die Franzosen, Anm. d. Verf.] uns Deutsche, die wir oft sieben Jahre lang die blauen Augen der Geliebten anflehen, ehe wir es wagen, mit entschlossenem Arm ihre Hüften zu umschlingen. Sie sehen uns an mit Verwunderung, wenn wir erst die ganze Geschichte der französischen Revolution samt allen Kommentarien gründlich durchstudieren und die letzten Supplementbände abwarten, ehe wir diese Arbeit ins Deutsche übertragen, ehe wir eine (Morawe, Heines Republikanismus, S. 84). In Form der von Albert Dulin de Laponneraye (1808-1849) kommentierten Flugschrift erlebte die Rechte- Erklärung Robespierres bis zum Herbst 1833, abgesehen von anderweitigen Nachdrucken, „nicht weniger als 23 Auflagen“ (ebd.). 64 Morawe, Heines Republikanismus, S. 83. 65 Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Erstes Buch. In: DHA VIII, S. 13. 66 Höhn, Heine-Handbuch, S. 26. 67 Ebd., S. 6. Walter Kühn 137 Prachtausgabe der Menschenrechte, mit einer Dedikation an den König von Bayern ...68 Diesen König von Bayern hat Heine nicht nur einmal aufs Korn genommen. Berühmt geworden sind Heines Monarchensatiren, darunter Lobgesänge auf König Ludwig. Sie wurden erstmals 1844 in den von Karl Marx und Arnold Ruge herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlicht. Dass speziell König Ludwig Zielschiebe seines Spotts wurde, hat durchaus auch einen biographischen Hintergrund. Heine machte Ludwig I. von Bayern dafür verantwortlich, dass ihm eine schon sicher geglaubte Professur nicht verliehen worden war. Heine vermutete ein Komplott, bei dem der Schriftsteller August von Platen seine Fäden gezogen hatte. Verbunden war damit ein tiefernster Streit gewesen. Platen hatte Ende der 1820er Jahre im fünften Akt des Lustspiels Der romantische Ödipus Heine namentlich als „Petrark des Laubhüttenfestes“ bezeichnet, als „des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester“, als Juden, der „Synagogenstolz“ habe, dessen „Küsse [...] Knoblauchsgeruch absondern“ und anderes mehr.69 Heine rächte sich an Platen, indem er ihn in Anspielung auf dessen Homosexualität in Die Bäder von Lukka u. a. als „Dichter“ bezeichnete, der „nur für Männer glüht, in warmer Freundschaft“.70 Weitaus weniger abgründig als dieser Streit zwischen einem „Außenseiter der Abkunft“ und einem „Außenseiter der Geschlechtlichkeit“71 nimmt sich Heines Spott gegen Ludwig I. aus. Heine nutzte seine literarischen Mittel: direkte Anrede, Aktualisierung von geschichtlichen und mythischen Elementen, Imperative, Wortspiele, Rollenmonologe und 68 Heinrich Heine: Ueber die französische Bühne. Vertraute Briefe an August Lewald. Dritter Brief. DHA XII/I, S. 245. 69 Zitiert nach: Wolfgang Fricke: Heinrich Heine. Leben, Leiden, Werk und Hintergrund. http://www.heinrich-heine-denkmal.de/andere_texte/oedipus.shtml [letzter Zugriff am 28. Dezember 2018]. 70 Heinrich Heine. Reisebilder. Dritter Teil. Die Bäder von Lukka. DHA VII/I, S. 129. 71 Hans Mayer: Der Streit zwischen Heine und Platen. In: Ders.: Außenseiter. Frankfurt a. M. 1981, S. 218. „Brich aus in lauten Klagen“ 138 vor allem „sprühende Reimkomik“. 72 Wenigstens zwei Strophen aus Heines Lobgesängen auf Ludwig I. seien zitiert: Das ist Herr Ludwig von Baierland, Desgleichen giebt es wenig; Das Volk der Bavaren verehrt in ihm Den angestammelten König. [...] Herr Ludwig ist ein grosser Poet, Und singt er, so stürzt Apollo Vor ihm auf die Kniee und bittet und fleht: Halt ein! ich werde sonst toll, O! Heines Spott bezog sich keineswegs nur auf Thron und Altar. Seit Ende der dreißiger Jahre stritt Heine vermehrt mit Dichterkollegen. Zwar wusste er sich angesichts des gemeinsamen Gegners in Übereinkunft mit ihnen, doch distanzbewusst war er erstens im Hinblick auf deren naive Ansicht, dass sich die Dinge schnell zum Guten wenden würden, und zweitens, dies weit wichtiger, im Hinblick auf deren Verrat an der Kunst. Die „Tendenzpoesie“ war Heines Sache nicht. Spöttisch reagierte er auf verunglückte Verse wie folgende aus dem Gedicht Aufruf von Georg Herwegh: „Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird’s verzeihn.“73 Eine der literarischen Antworten Heines war lyrische Rollenrede in Die Tendenz,: „Girre nicht mehr wie ein Werther, / [...] Rede Dolche, rede Schwerter“.74 Mit der Tendenzpoesie setzte sich Heine nicht zuletzt in seinem Versepos Atta Troll. Ein Sommernachtstraum auseinander. Am Schluss des Versepos, das 1843 in der Zeitung für die Elegante Welt erstmals abgedruckt wurde, wird eine Grabinschrift formuliert, die dem stümpernden Bayernkönig Ludwig I. in den Mund gelegt wird. Empfohlen wird die von König Ludwig I. geförderte Weihestätte Walhalla als Standort für den Bären. Die Grabinschrift solle wie folgt lauten: 72 Höhn, Heine-Handbuch, S. 108. 73 Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen. Fünfte Auflage. Zürich, Winterthur 1842, S. 6. 74 Heinrich Heine: Neue Gedichte. Die Tendenz. In: DHA II, S. 120. Walter Kühn 139 „Atta Troll, Tendenzbär; sittlich Religiös; als Gatte brünstig; Durch Verführtsein von dem Zeitgeist, Waldursprünglich Sanskülotte; Sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung Tragend in der zott’gen Hochbrust; Manchmal auch gestunken habend; Kein Talent, doch ein Charakter!“75 Atta Troll ist eine „zusammengesetzte Figur, die mit Zügen unterschiedlicher, realer ‚Bären‘“ 76 bzw. Gegner des Autors Heine in den späten 1830er Jahren ausgestattet wurde. „Das Epitaph verweist“ dabei insbesondere „auf den kunstfeindlichen Jakobiner, der Ludwig Börne für Heine war.“77 Im fünften und sechsten Caput parodiert Heine den Kampf für Freiheit und Brüderlichkeit. So heißt es hier unter anderem aus dem Mund des Tiers, den die Erzählerrede als „frechen / Gleichheitsschwindel“78 zurückweist: Und im Kampf mit andern Bestien Werd ich immer treulich kämpfen Für die Menschheit, für die heil’gen Angebornen Menschenrechte.79 Trotz der „verfremdende[n] Fiktion eines gerechten, gleichen, freien [...] Animalreiches“, die „zusammen mit der Bärenlogik alle fortschrittlichen Ideen als illusionistische Schlagworte“80 entlarvt, war die Verpflichtung auf Menschenrechte keineswegs grundsätzlich aberkannt. In hymnischem Ton verkündet der Heimkehrer drei Jahre darauf in der satirischen Verserzählung Deutschland. Ein Wintermärchen (1844), dem Höhepunkt der politischen Dichtung des Vormärz, die allgemeine Befreiung als das Gebot der Stunde: 75 Heinrich Heine: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum. In: DHA IV, S. 79. 76 Höhn, Heine-Handbuch, S. 87. 77 Ebd. 78 DHA IV, S. 24. 79 Ebd., S. 25. 80 Höhn, Heine-Handbuch, S. 86. „Brich aus in lauten Klagen“ 140 Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten.81 Schönen Versen wie diesen von 1844 sind resignativ-zeitkritische Zeilen von 1849 an die Seite zu stellen. IV. Im Gedicht Im Oktober 1849 heißt es angesichts der gewaltsamen Niederschlagung der Aufstände in der ungarischen Republik, die im Frühjahr 1848 ausgerufen worden war: Es muß der Held, nach altem Brauch, Den thierisch rohen Mächten unterliegen.82 Von einer Enttäuschung über die Revolution von 1848 und die nachrevolutionären Entwicklungen zeugt das ebenfalls 1849 entstandene Gedicht Enfant perdü, das wie Im Oktober 1849 in Heines drittem Lyrikband Romanzero veröffentlicht worden ist. Im Blickpunkt sollen hier die erste und die letzte Strophe stehen: Verlor’ner Posten in dem Freyheitskriege, Hielt ich seit dreyzig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus. […] 81 Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: DHA IV, S. 92. Heines Verssatire wurde zwischen dem 23. Oktober und dem 30. November 1844 im Wochenblatt Vorwärts! Abgedruckt, auf das Karl Marx, in persönlichem Kontakt mit Heine, seit Juli desselben Jahres Einfluss nahm. 82 Heinrich Heine: Romanzero. In: DHA III/I, S. 118. Walter Kühn 141 Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen Der eine fällt, die andern rücken nach – Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen – nur mein Herze brach.83 Dieses Gedicht ist als Heines „poetisch-politisches Vermächtnis“ 84 bezeichnet worden. Der Bildbereich des „verlorenen Postens“, den Lothar Bluhm grundlegend ausgelotet hat,85 bündelt einen resignativen Blick auf den verlorenen Kampf für die Würde des Individuums. Bemerkenswert ist die Platzierung des Gedichts im Grundaufbau des Romanzero. Das erste Buch ist mit Historien, das zweite mit Lamentazionen und das dritte mit Hebräische Melodien betitelt. Enfant perdü ist das letzte Gedicht der Lamentazionen, genauer: einer Gruppe von 20 Gedichten, die mit Lazarus überschrieben und in das zweite Buch der Lamentazionen aufgenommen worden sind. Wendet man sich nun dem Lazarus-Teil zu, fällt ins Auge, dass das Grundthema, das im ersten Buch Historien mit Versen wie „Und das Heldenblut zerrinnt / Und der schlechtre Mann gewinnt“ eröffnet wird, im Lazarus-Prolog-Gedicht Weltlauf, einer „Kontrafaktur“ der biblischen „‚Gleichnisse vom Reiche Gottes‘“,86 weitergeführt wird: 83 Ebd., S. 121f. 84 Michael Werner: „Enfant perdu“. Heines poetisch-politisches Vermächtnis. In: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine. Hrsg. von Bernd Kortländer. Stuttgart 1995, S. 180-194. Werner erweitert mit diesem Titel Alberto Destros Deutung, dass das Gedicht „um ein Hauptmotiv von Heines Reflexion über seinen Auftrag als Dichter [kreist]: die politischen Implikationen seines Werks“ (DHA III/II, S. 856). Vgl. auch: Manfred Windfuhr: Ein Posten ist vakant. In: Frankfurter Anthologie. Gedichte und Interpretationen. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. Bd. II. Frankfurt a.M. 1977, S. 57-60. 85 Lothar Bluhm: Auf verlorenem Posten. Ein Streifzug durch die Geschichte eines Sprachbildes. Trier 2012, insb. S. 37-43. Siehe auch Jessica Romana Dümler: Heinrich Heines Enfant perdü. Deutungen und Missdeutungen eines Titels. In: Wirkendes Wort 64 (2014), H. 1, S. 31-45. 86 Bodo Morawe: Der „Lazarus“-Prolog. Kontrafaktur und Kollektivwerk. In: Ders., Citoyen Heine, S. 332. „Brich aus in lauten Klagen“ 142 Weltlauf Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen. Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, Ach, so lasse dich begraben Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur die etwas haben. Fast, so will es den Anschein haben, hat die Stimme der Feinde gewonnen. Am Ende der Lamentazionen scheinen aber kleine Ansätze zu einer etwas positiveren Geschichtsperspektive aufzutreten. In Enfant perdü wird der Geschichte, „die unendlich viele Niederlagen in dem ‚Freyheitskriege‘ kennt“, 87 vielleicht doch ein Ziel gesetzt: „die andern rücken nach.“ Zumindest ist es die Hoffnung auf eine Fortsetzung dieses Kampfes. 87 DHA III/II, S. 550. 143 „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ Schuld, Würde und Identitätsbewahrung in Bernhard Schlinks Romanen der 1990er Jahre Lothar Bluhm 1. „Bist du ein Mensch […]“ Der Sammelband zitiert im Titel einen Vers aus der Kerker-Szene in Goethes Faust, mit der der ‚Tragödie Erster Teil‘ bekanntlich endet. 1 Nachdem er Gretchen verführt, ihren Bruder im Streit getötet und die Stadt fluchtartig verlassen hat, kehrt Faust in der Geschichte heimlich zurück, um die inzwischen als Kindsmörderin eingekerkerte und zum Tode verurteilte Geliebte mit der Hilfe des Teufels zu befreien. Er steht dann aber doch erst einmal zögernd vor den feuchten Mauern des Verlieses: „Mich faßt ein längst entwohnter Schauer,“ bricht es aus ihm heraus: „Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.“ (vv 4404f.) Dieser ‚Menschheit ganzer Jammer‘ wird im Schicksal der gebrochenen und zerstörten Geliebten ganz konkret fassbar: Sie ist in ihrem Elend dem Wahnsinn verfallen und erkennt anfänglich selbst den Geliebten nicht wieder. In Erwartung des Henkers und im Bewusstsein ihrer untilgbaren Schuld wälzt sie sich in Todesangst zu Füßen des in den Kerker eingedrungenen Faust: „Bist du ein Mensch,“ fleht sie, „so fühle meine Not.“ (vv 4525) Fausts Versuche, die Verzweifelte zur Flucht zu bewegen, schlagen gleichwohl fehl. In der Entscheidungssituation gewinnt die Zerstörte ihre Würde zurück und bekennt sich in einem Akt der Identitätsbewahrung zu ihrer Schuld und nimmt ihr Geschick an: „Gericht Gottes! 1 Johann Wolfgang Goethe: Faust. Texte. Hrsg. von Albrecht Schöne. (Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, I. Abt. Bd. 7/1) Frankfurt/M. 1994, S. 192-199. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 144 Dir hab’ ich mich übergeben!“ (vv 4605) Dem profanen Urteil Mephistos „Sie ist gerichtet!“ setzt eine „Stimme von oben“ das letztgültige „Ist gerettet!“ (vv 4612-4614) entgegen. Im dramatischen Schluss der Gretchen- Erzählung werden von Goethe Schuld, Würde und Identitätsbewahrung auf der Folie einer legendarischen Erlösungsgeschichte zu einem Ausgleich gebracht, wobei der Dichter auf die Hagiographie der Heiligen Margarethe zurückgriff, die er aus dem in seinem Besitz befindlichen Chorus Sanctorum Omnium Georg Witzels von 1563 kannte.2 Vor allem in der katholischen Welt ist die heilige Margarethe als eine der drei weiblichen der insgesamt vierzehn Nothelfer noch heute präsent. 2. Entwicklung der Fragestellung Die Begriffe und die Vorstellungen von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung gehören relevant zum Diskurs um Menschsein und Menschenrechte und werden von der Literatur im Horizont der jeweiligen historischen und kulturellen Gegebenheiten immer wieder aufgegriffen und verhandelt. In der Folge soll der Blick auf das vor allem literarische sowie in Teilen auch auf das rechtswissenschaftliche Werk des Schriftstellers und Juristen Bernhard Schlink und auf den allerdings großzügig bemessenen Zeitausschnitt der 1990er Jahre gerichtet werden.3 Kulturgeschichtlich sind diese 1990er Jahre als eine Art Scharnierstelle für den Übergang des vereinten Deutschland in eine neue Welt- und europäische Ordnung von besonderem Interesse, weil in diesem Zeitfenster die neuen Selbstverständlichkeiten und allgemein die Parameter eines sich neu herausbildenden kulturellen Systems in Deutschland verhandelt und neu justiert wurden. Dies ging einher mit einer wohl letzten „massiven Erinnerungsex- 2 Johann Wolfgang Goethe: Faust. Kommentare. Von Albrecht Schöne. (Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, I. Abt. Bd. 7/2) Frankfurt/M. 1994, S. 376f. 3 Siehe insgesamt auch Lothar Bluhm: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Anmerkungen zu Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser. In: Deutschsprachige Erzählprosa seit 1990 im europäischen Kontext. Interpretationen, Intertextualität, Rezeption. Hrsg. von Anne-Marie Corbin und Volker Wehdeking. Trier 2003, S. 149-161. Der Beitrag greift in Teilen auf die Ausführungen zurück und führt sie weiter. Lothar Bluhm 145 plosion“4 mit Bezug auf die Zeit des Dritten Reichs und im engeren Sinne auf den Holocaust sowie mit dem Einsetzen einer neuen erinnerungskulturellen Bewegung, die sich der DDR und dem sogenannten Wende- Prozess zuwandte. Im literarischen Werk Bernhard Schlinks werden beide Erinnerungswelten verhandelt, wobei das Schwergewicht auf der Auseinandersetzung mit dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und den Verbrechen im Dritten Reich liegt. Als Folie der Betrachtung dienen die Kriminalromane Bernhard Schlinks, insbesondere die Geschichten um die Erzählfigur des Privatdetektivs Gerhard Selb. Themenzentriert fokussiert wird vor allem Schlinks literarisches Debüt, der gemeinsam mit dem Freund Walter Popp verfasste Kriminalroman Selbs Justiz von 1987, der 1991 von Nico Hoffmann unter dem Titel Der Tod kam als Freund für das ZDF auch verfilmt wurde. Dem Erstling schlossen sich im Rahmen der Reihe 1992 Selbs Betrug an, für den Schlink im folgenden Jahr den Deutschen Krimi- Preis erhielt, sowie 2001 Selbs Mord. Wenn das literarische Werk Schlinks in den 1990er Jahren in den Blick genommen wird, muss natürlich ein besonderer Akzent auf den 2008 von Stephen Daldry prominent verfilmten Bestseller-Roman Der Vorleser von 1995 gesetzt werden, der inzwischen längst den Status eines Schulklassikers erlangt hat5 und bei Umfragen nach den ‚Lieblingsbüchern‘ der Deutschen auf gute Platzierungen verweisen kann.6 Ein wenigstens kurzer Seitenblick sei zuletzt auf den Erzählband Liebesfluchten aus dem Jahr 2000 gerichtet, dessen Erzählung 4 Anne Fuchs: Die Schmerzensspuren der Geschichte. Zur Poetik der Erinnerung in W. G. Sebalds Prosa. Köln 2004, S. 13. – Für Fuchs zeigt sich das Phänomen seit der Mitte der 1980er Jahre. 5 Vgl. etwa Sascha Feuchert/Björn Bergmann: Immer wieder Schlink? Der Vorleser und seine literaturdidaktischen Chancen und Grenzen im Spiegel schulischer Praxis in Deutschland. In: Colloquia Germanica 48 (2015), No. 1/2. Themenheft: Bernhard Schlinks Der Vorleser, S. 83-102. In einer gewissen Verengung wird Schlinks „Erfolgsroman“ als „Beginn des Aufschwungs der sogenannten Erinnerungsliteratur“ und deren „repräsentativstes Beispiel“ gesehen – so bei Michaela Kopp-Marx: „Netze der Schuld“: Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser. In: Yvonne Nilges (Hrsg.): Dichterjuristen. Studien zur Poesie des Rechts vom 16. bis 21. Jahrhundert. Würzburg 2014, S. 237. 6 Siehe etwa Christoph Cornelißen: Platz 14. Bernhard Schlink: Der Vorleser. In: Christoph Jürgensen (Hrsg.): Die Lieblingsbücher der Deutschen. Kiel 2006, S. 39-59. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 146 Der Andere 2008 eine ebenfalls prominente Verfilmung gefunden hat. Einbezogen in die Literaturanalyse werden zudem die Essays des Autors über Recht, Schuld, Gegenwart und Vergangenheit sowie die eine oder andere im engeren Sinne rechtswissenschaftliche Schrift des Rechtsphilosophen und Rechtswissenschaftlers. Da hier grundlegende Fragen unseres Kultur-, Gesellschafts- und Rechtsverständnisses berührt werden, soll den rechtlichen und insbesondere menschenrechtlichen Grundfragen ein eigener Raum gegeben werden. Entsprechend wird in der Folge neben der Literaturbetrachtung auch und besonders dem Rechtsdiskurs Aufmerksamkeit geschenkt. Im Fokus werden stets das Spannungsfeld von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung und seine Verhandlung stehen. Dem Begriff der Würde kommt dabei ein zentraler Stellenwert zu. Der Blick auf Bernhard Schlinks Werk lässt eine spezifische Verschiebung erkennbar werden: Bei den drei fokussierten Vorstellungen und Begriffen handelt es sich um Komplexe, die fundamental etwas mit Moral zu tun haben, und es handelt sich um Vorstellungen und Begriffe, die – gerade in der sich zunehmend verrechtlichenden Welt der Gegenwart – fundamental auch etwas mit Recht zu tun haben. Dabei finden wir das Spannungsverhältnis, in dem diese Begriffe und Vorstellungen bei Bernhard Schlink verhandelt werden, in besonders augenfälliger Weise gerade in seinem literarischen Werk aufgenommen und zur Anschauung gebracht. Warum dies gerade in der Literatur geschieht, drängt sich als Eingangsfrage geradezu auf: Bernhard Schlink ist immerhin zuerst einmal nicht Schriftsteller, sondern Jurist und Universitätsprofessor. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg und Berlin wurde er 1975 mit einer Dissertation über Abwägung im Verfassungsrecht promoviert und 1981 mit einer Arbeit über die Amtshilfe im Rahmen der Lehre von der Gewaltenteilung habilitiert. Ab 1982 hatte er eine Professur für Öffentliches Recht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn inne, wechselte 1991 kurz auf eine Professur für Öffentliches Recht, Sozialrecht und Rechtsphilosophie an die Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, um von 1992 bis 2009 den Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin zu übernehmen. Daneben war er über viele Jahre, von 1987 bis 2006, Richter am Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen sowie in der ‚Wendezeit‘ 1989/90 Berater beim Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches der DDR. Also: Eindeutig ein Jurist und eine Fachgröße erster Güte dazu. Als Rechtswissenschaftler ist sein Name vor allem verbunden mit einem grundlegenden Lothar Bluhm 147 juristischen Fachbuch, das gemeinsam mit dem Kollegen Bodo Pieroth verfasste, in über 30 Auflagen vertriebene Standardwerk Grundrechte. Staatsrecht II.7 Fragen um Schuld, Würde und Identität werden in diesem Werk juristisch grundlegend aufgearbeitet. Es handelt sich um ein Standardwerk auch und gerade in der universitären rechtswissenschaftlichen Lehre. Warum also eine zusätzliche Verhandlung juristisch relevanter Fragen in literarischen Werken? 3. Von den Dilemmata und den Grenzen des Rechts Die Frage, warum ein Jurist rechtsrelevante Fragen auch im Horizont der Literatur verhandelt, hängt zusammen mit der Frage nach den Dilemmata und den Grenzen des Rechts. In Bezug auf Bernhard Schlink mag der Hinweis einen Ansatzpunkt bieten, dass Schlinks Habilitation bei einem Schüler von Joachim Ritter entstanden ist, bei Ernst-Wolfgang Böckenförde, einem namhaften Staats- und Verwaltungsrechtler sowie Rechtsphilosophen und von 1983 bis 1996 Richter am Bundesverfassungsgericht. Von diesem stammt das viel zitierte Böckenförde-Diktum, das das Verhältnis von Recht und Moral8 in der für unser Rechtsverständnis geltenden Form auf den Punkt bringt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt“, so Böckenförde 1976, „von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“9 Bernhard Schlink zitiert dieses Diktum seines Lehrers nicht zufällig 1991 in der Rezension eines Buchs über Recht und Staat in der Literatur in einer literaturwissenschaftlichen 7 Herangezogen werden Bodo Pieroth/Bernhard Schlink: Grundrechte. Staatsrecht II. Heidelberg 1985. – Dies.: Grundrechte. Staatsrecht II. 11., überarbeitete Auflage. Heidelberg 1995. – Bodo Pieroth/Bernhard Schlink/Thorsten Kingreen/Ralf Poscher: Grundrechte. Staatsrecht II. 31., neu bearbeitete Auflage. Heidelberg 2015. – In der Folge ändert sich die Verfasserschaft: Thorsten Kingreen/Ralf Poscher: Grundrechte. Staatsrecht II. Mit ebook: Lehrbuch, Entscheidungen, Gesetzestexte. 33., neu bearbeitete Auflage des von Bodo Pieroth und Bernhard Schlink begründeten Lehrbuchs. Heidelberg 2017. Zuletzt in einer 34., neu bearbeiteten Auflage, Heidelberg 2018. 8 Siehe dazu auch den von Stefan Joller aus soziologischer Sicht enggeführten Beitrag in diesem Band. 9 Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Frankfurt/M. 1976, S. 60. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 148 Fachzeitschrift, dem IASL, Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur.10 Dem Diktum liegt die Einsicht in die Notwendigkeit eines das Recht grundierenden verbindenden Ethos zugrunde. Recht ist in der freiheitlichen, modernen Gesellschaft ohne ein solches Ethos nicht denkbar, so wie ein Ethos das Recht als gesellschaftliche Institution benötigt. Es ist aber zugleich die Beschreibung eines Dilemmas, insofern Recht und Moral zwar notwendig aufeinander bezogen, aber nicht deckungsgleich sind. Mit Blick auf das Recht bedeutet das konkret, dass von Grenzen des Rechts gesprochen werden muss. In einem Spiegel-Essay reflektiert Schlink Anfang 2005 diese ‚Grenze des Rechts‘ mit Bezug auf die Diskussionen um das neue Luftsicherheitsgesetz vom 11. Januar 2005, das eine ‚Abschussbefugnis‘ von Passagierflugzeugen als äußerste Maßnahme in Terrorsituationen für rechtlich zulässig erklärte. Schlinks Position in der Streitsache ist eindeutig und in Hinsicht auf das Verhältnis von Recht und Moral grundsätzlich: Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist, und es kann dies schon gar nicht, wenn, was moralisch richtig ist, problematisch ist. Gute Gesetze reduzieren den Konflikt zwischen Gesetz und Moral, sie können ihn aber nicht ausschließen. Auch wenn unsere Gesellschaft mehr und mehr Lebensbereiche und -aspekte vergesetzlicht und verrechtlicht hat, haben Gesetz und Recht ihre Grenze.11 Zum neuen Bundesgesetz für Luftsicherheit ist Schlinks Position unmissverständlich: So bleibt der Abschuß des Passagierflugzeugs, zu dem das Luftsicherheitsgesetz ermächtigt, ebenso Verletzung von Leben und Würde wie die Folter. Der Pilot oder Polizist, der sich gleichwohl dazu entschließt, mag Verständnis finden und auf eine milde Bestrafung oder Begnadigung hoffen. Aber das Verständnis ist kein Grund, die Grenze des Rechts dahin zu verschieben, wo Leben und Würde quantifiziert, verrechnet und nach Kalkül geopfert werden, wo das Fundament 10 Hier zitiert nach Bernhard Schlink: Vergewisserungen. Über Politik, Recht, Schreiben und Glauben. Zürich 2005, S. 295. 11 Bernhard Schlink: An der Grenze des Rechts. Aus: Ders.: Vergewisserungen, S. 167-178, hier S. 176. (Erstmals in Der Spiegel v. 17. Januar 2005). Lothar Bluhm 149 preisgegeben wird, auf dem das Deutschland des Grundgesetzes angetreten und auf das es gegründet ist.12 Das Luftsicherheitsgesetz vom 11. Januar 2005 wurde – wie bekannt – schließlich höchstrichterlich gekippt. Nach einer eingehenden Prüfung entschied das Bundesverfassungsgericht am 15. Februar 2006, dass die im Gesetz fixierte Ermächtigung zur unmittelbaren Einwirkung mit Waffengewalt auf entführte Passagierflugzeuge als für in vollem Umfang unvereinbar mit dem Grundgesetz und als Verstoß gegen die Menschenwürde zu werten und somit nichtig sei. 4. Schuld, Würde, Identität im Rechtsdiskurs zur deutschen Grundordnung Die Frage nach den Dilemmata und den Grenzen des Rechts als Anknüpfungspunkt für die Frage, warum ein Jurist wie Bernhard Schlink zur Verhandlung dieser Problembereiche auch auf das Mittel der Literatur und die Literarisierung zurückgreift, berührt über die von Schlink hier essayistisch geführten Diskussionen hinaus grundlegende staatstheoretische und rechtsphilosophische Fragen unseres gesellschaftlichen und kulturellen Selbstverständnisses. Da Bernhard Schlinks Literatur auf der Verhandlung dieser Fragen aufruht, sollen sie in der Folge am Faden der rechtswissenschaftlichen Erörterungen, wie sie der Jurist Schlink in seiner Fachliteratur vornimmt, wenigstens grob aufgezeigt werden. Dabei ist für jedwede, das Grundsätzliche fokussierende rechtsspezifische Diskussion die Anknüpfung an den allgemeinen rechtlichen Rahmen, wie ihn die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 194813 vornimmt, zu erinnern. Bezugspunkt ist insbesondere Artikel 1, Satz 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“14 Freiheit und Gleichheit, Würde und Rechte sind die zentralen Grundsätze, die hier genannt werden. Sie leiten sich nicht vonei- 12 Schlink, An der Grenze des Rechts, S. 177. 13 Resolution 217 (III). A. Universal Declaration of Human Rights, 10 December 1948, in: United Nations, Official Records of the Third Session of the General Assembly, Part I: Resolutions (Doc. A/810), S. 71ff. 14 In der englischen Textfassung: „All human beings are born free and equal in dignity and rights.“, ebd., S. 72. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 150 nander ab, sondern sie bedingen einander. Das am 23. Mai 1949 erlassene Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist diesen Grundsätzen verpflichtet. In Abschnitt I fasst es den Katalog der Grundrechte zusammen. In herausgehobener Position an seiner Spitze rangiert mit Artikel 1 Absatz 1 eine zentrale Proklamation, die die Gedanken der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aufnimmt und einen besonderen Akzent auf den Würdebegriff setzt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“15 Mit diesem Rechtssatz formulierte der das Grundgesetz ausarbeitende Parlamentarische Rat im Dezember 1948 auf der Grundlage langer Diskussionen die „Generalklausel für den ganzen Grundrechtskatalog“ und den „eigentliche[n] Schlüssel“ für das gesamte Grundgesetz, wie Carlo Schmid, einer der Väter und Mütter des Grundgesetzes, ihn nannte.16 Das Grundgesetz ist im Laufe der Jahre und Jahrzehnte an vielen Stellen verändert und angepasst worden. Artikel 1 Absatz 1 aber blieb unverändert. Und mehr noch: Jedwede Veränderung ist ausgeschlossen; selbst bei Verfassungsrevisionen darf er nicht berührt werden. Er gehört zum Kernbestand an Freiheitsgewährleistungen, deren Unantastbarkeit garantiert ist. Dafür sorgt ein eigener Artikel im Grundgesetz, der gelegentlich als ‚Ewigkeitsklausel‘ bezeichnete Artikel 79 Absatz 3, in dem unmissverständlich fixiert wird: „Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“17 Zu den unantastbaren Prinzipien der bundesrepublikanischen Verfasstheit gehört neben den staatlichen Grundprinzipien, wie sie in Artikel 20 beschrieben werden, 18 mithin der Menschenwürdekern des gesamten Grundrechte- Katalogs, dem der Artikel 1 Absatz 1 voransteht und den er fundamentiert. 15 Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. 16 Carlo Schmid: Rede im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948. Abgedruckt in: Deutscher Bundestag/Bundesarchiv (Hrsg.): Der Parlamentarische Rat 1948-1949, Bd. 5/I, 1993, Dok. Nr. 5, S. 64. 17 Artikel 79 Absatz 3 Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. 18 Bei den in Artikel 20 niedergelegten fünf staatlichen Grundprinzipien handelt es sich um Föderalismus (Bundesstaatsprinzip), das Republikprinzip, das Demokratieprinzip, das Rechtsstaatsprinzip und das Sozialstaatsprinzip. Lothar Bluhm 151 Daraus ergibt sich erst einmal eine grundlegende Erkenntnis: Nicht nur das häufig als zentral genannte Prinzip der demokratischen Wahl – so wichtig es ist – oder sonst eine Praxis des demokratischen Lebens machen das Fundament unserer demokratischen Kultur aus. Der Menschenwürdekern aller Grundrechte gilt der Verfassung als ebenso unab- änderlich zugrundeliegend. In dieser Fundamentierung realisiert sich das, was in der oft zitierten und vielerorts als Floskel missverstandenen oder manchmal sogar überhaupt nicht verstandenen Rede von einer „Wertegemeinschaft“ als Inhalt gemeint ist. Schaut man allgemein in die juristische Kommentarliteratur zum ersten Satz von Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes – nicht zuletzt in das genannte Standardwerk von Pieroth und Schlink –, so fallen einem schnell zwei zentrale Zuschreibungen auf, die – zumindest auf den ersten Blick – in einem gewissen Spannungsverhältnis zueinander stehen: Zum einen wird darauf hingewiesen, dass es sich bei der Aussage „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ um ein ‚tragendes Konstitutionsprinzip‘ des Grundgesetzes handelt und das Bekenntnis zur Würde des Menschen den ‚obersten Wert‘ für eine freiheitliche Demokratie schlechthin darstellt.19 Das bedeutet, dass durch diese Proklamation der Inhalt und die Struktur sämtlicher Gesetze im Grundsatz bestimmt sind; es bedeutet, dass dieser Satz das gesamte Recht, vor allem das Staatsrecht, fundamentiert und es grundlegend bestimmt. Verstöße gegen dieses ‚Konstitutionsprinzip‘ sind demnach nicht nur einfache Rechtsverstöße gegen eine Einzelbestimmung, sondern sie stellen Verletzungen der Grundlagen des gesamten Rechtssystems dar, sie setzen damit die Gesamtheit unseres Rechtssystems und unserer liberal-demokratischen Kultur außer Kraft. Der Hinweis auf die grundlegende Bedeutung des Bekenntnisses zur Würde steht in der juristischen Kommentarliteratur in einem gewissen Spannungsverhältnis zur Beschreibung dieses ‚Konstitutionsprinzips‘ als ‚unbestimmt‘, da der Begriff der Würde für sich interpretationsabhängig sei.20 Zu dieser Unbestimmtheit trägt bei, dass der Begriff auf eine lange Begriffs- und Vorstellungsgeschichte zurückblickt und zeit- und situationsabhängig immer wieder verschieden akzentuiert wurde. Er speist sich 19 Pieroth/Schlink, Grundrechte. Staatsrecht II (1985), S. 87 (Rn. 397). Vgl. Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts (BVerfGE), Band 109, 279, 311 (2004). 20 Pieroth/Schlink, Grundrechte. Staatsrecht II (1985), S. 87 (Rn. 398). „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 152 aus einer langen Tradition antiker, christlicher, humanistischer und aufklärerischer Grundsätze und Überzeugungen. Doch wie immer man – auch heute noch – den Begriff der Menschenwürde definieren und den ersten Satz von Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes bestimmen mag, bleiben einige Kernvorstellungen, die als verbindlich angesehen werden müssen. Der Grundrechtsartikel ist – wie die Fixierung der anderen Grundrechtsartikel im Grundgesetz auch – eine Reaktion auf die historischen Erfahrungen der Deutschen mit dem Gewalt- und Unrechtssystem des Dritten Reichs. So zielt er zuerst einmal auf die Begrenzung der Möglichkeit von staatlicher Gewaltanwendung, indem er den Einzelnen unter besonderen Schutz stellt. Jeder Einzelne hat grundsätzlich als Subjekt angesehen zu werden, niemals nur als Objekt oder Mittel zum Zweck. Der Einzelne muss vielmehr als der Zweck an sich verstanden werden; jedwedes staatliche Handeln hat sein Wohl und Wehe als letztgültiges Ziel zu verfolgen. Dies ist – wenn man so will – übrigens die staatsrechtliche Seite des häufig kritisch akzentuierten ‚Kults des Individualismus‘. Das Recht auf Menschenwürde als zentralen rechtlichen Bezugspunkt mag man als ‚Moralisieren‘ abtun, wie es allzu leichtfertig immer wieder geschieht, aber dieser Bezugspunkt sichert den Einzelnen vor staatlicher Gewalt, indem er Schutzbereiche21 setzt: Eine relevante Setzung ist die rechtliche Gleichheit aller Menschen. 22 Sie schützt den Einzelnen vor Sklaverei oder Leibeigenschaft, vor ethnischer oder sonstiger Diskriminierung. Die Forderung nach der Wahrung menschlicher Identität und Integrität23 bezieht sich erst einmal auf die körperliche Integrität, etwa den Schutz vor Folter und physischer Misshandlung. Ebenfalls geboten ist die Achtung der geistig-seelischen Integrität und Identität. Staatliche Maßnahmen dürfen weder auf Demütigungen oder Erniedrigungen oder auf den Versuch abzielen, den Willen eines Einzelnen zu brechen. Das berührt sich mit der Begrenzung staatlicher Gewaltanwendung.24 So sind etwa in Strafverfahren grundsätzlich und unaufhebbar die rechtsstaatlichen Verfahrensgarantien zu beachten. Nicht zuletzt gehört die Sicherung individuellen und sozialen Lebens25 zu den relevanten Schutzbereichen der Menschenwürde. Zu den Pflich- 21 Siehe ebd., S. 88f. 22 Ebd., S. 90 (Rn. 407). 23 Ebd. (Rn. 408). 24 Ebd. (Rn. 409). 25 Ebd., S. 91 (Rn. 410). Lothar Bluhm 153 ten des Staates gehört die Gewährleistung einer menschenwürdigen Existenz – auch dort, wo der Einzelne sich selbst vielleicht der Verletzung der Menschenwürde Anderer schuldig gemacht hat oder macht. Um den Grundsatz des Schutzes der Menschenwürde greifbar zu machen, sei auf einen Beispielfall aus der rechtswissenschaftlichen Lehre zurückgegriffen, wie ihn Pieroth und Schlink vorstellen: […] Das Entführungsdrama A und B entführen den herzkranken Industriellen I. Sie fordern von den Angehörigen des I ein hohes Lösegeld. I schwebt in äußerster Lebensgefahr, da er seine gewohnten Medikamente nicht einnehmen kann. Selbst wenn die Forderung der Entführer erfüllt würde, dauerte das Verfahren der Übergabe des Lösegelds und der Freilassung doch so lange, dass die medikamentöse Hilfe zu spät käme. Der zwischenzeitlich festgenommene B weiß, wo I von A versteckt gehalten wird, weigert sich aber, dies preiszugeben. Um das Leben des I zu retten, entschließt sich die Polizei, den B mit Folter zum Sprechen zu bringen. Verstößt sie gegen Art. 1 Abs. 1?26 Am Beispielfall dieses ‚Entführungsdramas‘ illustrieren die Verfasser des Lehrbuchs das Grundrecht des Schutzes der Menschenwürde gemäß Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes. Das Lehrbuch war 1985 in erster Auflage erschienen, lag 1995 bereits in einer 11. überarbeiteten und liegt seit 2015 in erweiterter Koautorschaft in einer neu bearbeiteten 31. Auflage vor. Seit 2017 erscheint es in der alleinigen Verantwortung der Koautoren in neu bearbeiteter 33. Auflage, der bereits 2018 als weitere Neubearbeitung eine 34. Auflage folgte. Der Beispielfall selbst ist über alle Redaktionen hinweg beibehalten geblieben. Der geschilderte Fall ist unmissverständlich: Ein Entführer, an dessen Tat kein Zweifel besteht, weigert sich, den Aufenthaltsort eines Entführten zu verraten, obwohl dessen Leben auf dem Spiel steht. Verstößt die Polizei – so die Zentralfrage des Beispielfalles – gegen den grundlegenden Artikel 1 Absatz 1, wenn sie den Entführer mit Gewaltandrohung oder sogar Gewaltanwendung zu zwingen versucht, sein Wissen preiszugeben, um damit das Leben des unschuldigen Entführungsopfers zu retten? Bzw. 26 Pieroth/Schlink u.a., Grundrechte. Staatsrecht II (2015), S. 89; Kingreen/Poscher, Grundrechte. Staatsrecht II (2017), S. 107 bzw. (2018), S. 109. Vgl. auch Pieroth/Schlink, Grundrechte. Staatsrecht II (1985), S. 87. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 154 noch schärfer zugespitzt: Was hat im Rahmen unseres Rechtsverständnisses einen höheren Beachtungs- und Stellenwert: Das Recht des Entführers als Mensch auf Wahrung der Unverletzlichkeit seiner körperlichen und geistig-seelischen Integrität, mithin die Achtung seiner Menschenwürde, oder ist der Schutz des unschuldigen Opfers und ist dessen Leben höher zu gewichten, das hier ja bedroht ist? Eine verzwickte Konstellation und eine auf den ersten Blick augenfällige Kollision von Grundrechten. Im Horizont unseres Rechtsverständnisses ist der Fall gleichwohl eindeutig. Die in der juristischen Falldiskussion weitausgreifende Begründung kann und soll hier im Detail nicht nachgezeichnet werden. Im Kern gilt ohne jedes Wenn und Aber, dass selbst in dieser Konfliktkonstellation die Vertreter des Rechtsstaates, die Polizei, das fundamentale und konstituierende Prinzip der Würde zu beachten haben, also der Schutz der körperlichen und geistig-seelischen Integrität des Rechtsbrechers unbedingten Vorrang vor Leben und Gesundheit des Opfers hat. „Die unbedingte Verpflichtung, die Würde von B [dem Entführer] nicht zu verletzen,“ heißt es in der Lösungsskizze des Lehrbuchs, „verbietet daher auch die Folter unbedingt.“27 In den älteren Auflagen des Lehrbuchs formulierten die Verfasser diese Fallentscheidung noch einmal deutlich schärfer und ließen dadurch die tatsächliche Wertehierarchie in unmissverständlicher Klarheit zu Tage treten: „Bei I“, also dem herzkranken Entführten, „ist nun eben nur das Leben und nicht die Menschenwürde bedroht“.28 Kriminalität ist zwar als eine „Geißel jeder Gesellschaft“ zu bekämpfen, „aber kein Angriff speziell auf die Menschenwürde“,29 während dies bei Folter oder Androhung von Folter durch die Polizei dagegen gegeben wäre. Die Würde ist im Vergleich zu ‚eben nur dem Leben‘ als unbedingt prioritär zu beachten und zu wahren. Dass sich dieses fundamentale Rechtsprinzip immer wieder am alltäglichen Gerechtigkeitssinn reibt, ist leicht einsichtig. Dessen ungeachtet ist es nicht verhandelbar. 27 Pieroth/Schlink u.a., Grundrechte. Staatsrecht II (2015), S. 96. 28 Pieroth/Schlink, Grundrechte. Staatsrecht II (1985), S. 93 und ebd. (1995), S. 95. 29 Ebd. (1985), S. 93 und (1995), S. 95. Lothar Bluhm 155 5. Zur Dilemmatik von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung im literarischen Werk Bernhard Schlinks Mit der rechtsphilosophischen Einschätzung, dass ‚das Gesetz nicht immer wiedergeben kann, was moralisch richtig ist,‘ und dies ‚schon gar nicht, wenn, was moralisch richtig ist, problematisch ist‘, 30 benennt Schlink in seinem Spiegel-Essay An der Grenze des Rechts ein Dilemma des Rechtsdiskurses, konkret der Gesetzgebung und der Rechtsprechung, an dem der Jurist innehalten muss. Eine befriedigende und tatsächlich befriedende Lösung im Sinne der Gewährleistung von Gerechtigkeit entsprechender Dilemmata ist aus der Perspektive des Rechts nicht zu leisten. Allenfalls kann durch einen Rechtsspruch eine Entscheidung gesetzt werden, die aber immer nur auf schwankendem Boden erfolgen und keinen wirklichen Rechtsfrieden herstellen kann. Der Raum der Moral reicht deutlich über die Grenze des Rechts hinaus. Im Zusammenhang mit Schuld, Würde und Identitätsfragen ergibt sich zudem ein spezifisches Problem des Rechtsdiskurses: „Schließlich ist die Sache des Juristen Eindeutigkeit und Verbindlichkeit“,31 wie Schlink festhält. Dagegen stehen die „Mehrdeutigkeit und Fragwürdigkeit“, die sich bei Fragen um Schuld, Würde und Identität aus der Komplexität und Dilemmatik von Problemkonstellationen ergeben. Sie gestatten letztendlich eine eindeutige und verbindliche Entscheidung nur um den Preis der Vereinseitigung. An eben dieser Stelle setzt der literarische Diskurs an. Ihm geht es nicht um Eindeutigkeit und Verbindlichkeit, nicht einmal um die Formulierung einer Antwort auf aufgeworfene Fragen. Das Feld der Literatur ist das der Veranschaulichung von Sachverhalten, des In-Szene- Setzens. Es werden Fragen und Problemkonstellationen verhandelt, ohne dass sie einer Beantwortung zugeführt werden müssen. Erfolgt eine solche, ist sie im Horizont moderner Poetologie aber häufig genug eine, die sich im Rahmen einer Ästhetik des Vorbehalts bewegt, mithin keine Eindeutigkeit produziert, sondern ein Spiel der Möglichkeiten und Optionen, die sich oft wechselseitig ausschließen oder zumindest relativieren. Literatur löst keine Probleme, sie legt sie offen. Schauen wir dazu auf Schlinks Der Vorleser von 1995. Der weltweite Erfolg des Romans hat sicherlich mit dem Genre zu tun, der gern so be- 30 Vgl. Schlink, An der Grenze des Rechts, S. 176. 31 Schlink, Vergewisserungen, S. 289. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 156 zeichneten ‚Holocaust fiction‘; er verdankt sich aber auch der in diesen Roman eingearbeiteten ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen einem fünfzehnjährigen Jungen und einer mehr als doppelt so alten Frau, von der sich später herausstellen wird, dass sie einmal SS-Aufseherin in einem Außenlager des KZs Auschwitz gewesen war. In der Diskussion des Romans wird immer wieder auf den besonderen Stellenwert hingewiesen, der der Auseinandersetzung mit ethischen Problemen zukommt. Schlink selbst geht so weit, den weltweiten Erfolg des Romans vornehmlich auf eben diesen Aspekt zurückführen zu wollen: Das Buch wirft eine Reihe von moralischen Problemen auf, und ich denke, Leser sehen sich gern durch ein Buch gefordert, sich mit moralischen Problemen auseinander zu setzen.32 Im Vordergrund des literaturwissenschaftlichen wie -kritischen Interesses am Buch steht fast durchgängig die Schulddiskussion, also die Frage nach der Verantwortlichkeit der Tätergeneration für die Verbrechen im 3. Reich und deren Bewertung. Doch ist der Roman zugleich durch einen eigenen Würde-Diskurs geprägt. Die den Roman einleitende frühe – durchaus problematische – Liebesgeschichte des jungen Michael Berg mit der älteren Hanna Schmitz endet mit einer Art ‚Liebesverrat‘. Die ungleiche Liebesbeziehung prägt das Leben Michael Bergs auch in der Folge. Jahre später, im Frühjahr 1966, begegnet die Erzählfigur als Jura-Student der früheren Geliebten als einer der Angeklagten in einem NS-Prozess, ohne dass es jedoch zu einer direkten Kontaktaufnahme kommt. Bei der Beobachtung des Prozesses erkennt Berg, dass seine frühere Geliebte Analphabetin ist, die aus Scham ihren Mangel verschweigt und selbst für solche Verbrechen, die sie nicht zu verantworten hatte, die Verantwortung übernimmt, um ihre Schwäche zu verbergen. In Gesprächen mit Freunden, Kommilitonen und dem Vater, einem Philosophieprofessor, fragt Berg nach seiner eigenen moralischen Verantwortung in Hinblick auf dieses Wissen: Darf er, soll er, muss er sein Wissen um die verminderte Verantwortlichkeit und Schuldfähigkeit der Angeklagten ohne deren Zustimmung dem Gericht mitteilen? 32 Bernhard Schlink im Gespräch mit Gunhild Kübler: „Als Deutscher im Ausland wird man gestellt.“ In: Die Weltwoche, Nr. 4 vom 27.1.2000, S. 36. Lothar Bluhm 157 Das Buch ist, wie man gelegentlich lesen kann, ein Roman über die Lebenslüge der Hanna Schmitz, für die sie schließlich ihr ganzes Leben opfert. Ihrer Verbrechen als KZ-Schergin angeklagt, ist sie einzig darauf bedacht, ihre Entdeckung als Analphabetin zu verhindern und befördert stattdessen sogar ihre Bloßstellung als Verbrecherin. Die Angeklagte kämpfte vor Gericht, so resümiert der Erzähler Michael Berg im Roman rückschauend, „um ihre Wahrheit, ihre Gerechtigkeit“,33 die letztlich nur darin besteht, ihre Lebenslüge für sich behalten zu können. Selbst wenn es eben „eine klägliche Wahrheit und eine klägliche Gerechtigkeit“ sein mochte, wie der Erzähler wertet, waren es aber „ihre und der Kampf darum war ihr Kampf“.34 Die von Schlink bewusst provozierten Irritationen ergeben sich aus der – vom Standpunkt eines aus der Opfer- und Mitleidsperspektive wertenden Gerechtigkeitsempfindens – empörenden Konstellation, dass hier einer Person, die als brutale KZ-Aufseherin selbst die Würde Anderer auf das Schlimmste verletzt hat, eine ganz individuelle und schützenswerte Würde zugesprochen wird. Die Verbindung von Schuldverstrickung und Würdeanspruch mit Blick auf die Person der Hanna Schmitz ist immer wieder Gegenstand heftiger Kritik an diesem Roman und mündet im Vorwurf einer „Anmaßung der Opferrolle“.35 Der Würde-Begriff hat im fiktiven Fall der Hanna Schmitz erkennbar eine andere Dimension als im juristischen Fallbeispiel aus dem Lehrbuch von Pieroth und Schlink. Gleichwohl lässt er sich auch hier greifen und ist erneut in einen Reibungskonflikt eingebunden. Die Projektion des Würdeanspruchs auf eine KZ-Wärterin spitzt die Problemlage noch einmal beträchtlich zu. Gleichwohl zeigt sich die Gültigkeit des Prinzips einer allgemeinen, ausnahmslosen Menschenwürde aber eben gerade dort, wo sie auf dem Prüfstand steht: Der Anspruch auf persönliche Identität und Integrität besteht, wie der Roman narrativ entwickelt, auch dort, wo das Empfinden des Betrachters sich sträuben mag. Dass Täter, wie in diesem Fall Hanna Schmitz im Roman, als menschlich, sogar sympathisch dargestellt werden, gibt der Konstellation eine zusätzliche Dimension und macht sie lebensnäher. Der Autor hat auf dieses Moment 33 Bernhard Schlink: Der Vorleser. Roman. Zürich 1995, S. 128 (Hervorhebung L.B.). 34 Ebd. 35 So etwa Moritz Baßler: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. München 2002, S. 75. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 158 seiner Figurenzeichnung bei Gelegenheit eines Interviews explizit hingewiesen: Wenn die Täter Monster gewesen wären, hätten wir ja kein Problem. Mit Monstern haben wir nichts gemein, man kann sie sich vom Leibe halten. Gerade dass die Täter keine Monster waren, macht die Sache so vertrackt.36 Das gilt für das Terrorsystem des 3. Reichs wie für jedes andere. Für die Erzählfigur Michael Berg besteht die ‚vertrackte‘ Situation auch in der Frage, welchen Stellenwert er der Entscheidungsfreiheit von Hanna Schmitz zuerkennen solle, die offenkundig bereit ist, über ihre eigenen Vergehen hinaus schlimmste Schuldzuweisungen auf sich zu nehmen, die sie ganz offenkundig tatsächlich aber nicht zu verantworten hatte, um dafür eine vergleichsweise nichtige Peinlichkeit, nämlich ihren Analphabetismus, verbergen zu können? Der Entscheidungsfall, der sich Michael Berg konkret stellt, ist, ob er um des „Glück[s]“ 37 der Ex- Geliebten oder überhaupt eines anderen Menschen und um der „Gerechtigkeit“38 willen dem Gericht sein Wissen um den Analphabetismus der Angeklagten selbst gegen deren offenkundigen Willen mitteilen dürfe, solle oder müsse, um eine Strafmilderung zu erwirken? Die ethische Fragestellung, die sich im Vorleser aus dem Wissen der Erzählfigur Michael Berg um die Lebenslüge der Angeklagten ergibt, wird im Roman in einer gesprächsweisen philosophischen Erörterung zwischen Vater und Sohn Berg ausführlich diskutiert. Dabei hebt der Vater auf den Zusammenhang von „Würde und Freiheit“ ab und versteht das Problem auch konkret fassbar zu machen: „Erinnerst du dich nicht mehr, wie es dich als kleinen Jungen empören konnte, wenn Mama besser wußte als du, was für dich gut war? [...] Wir reden nicht über Glück, sondern über Würde und Freiheit. Schon als kleiner Junge hast du den Unterschied gekannt. Es hat dich nicht getröstet, daß Mama immer recht hatte.“39 36 Schlink/Kübler, Als Deutscher im Ausland, S. 36. 37 Schlink, Vorleser, S. 136. 38 Ebd., S. 153. 39 Ebd., S. 136. Lothar Bluhm 159 Die vom Vater angebotene Lösung des Problems – „Wenn man weiß, was für den anderen gut ist und daß er die Augen davor verschließt, muß man versuchen, ihm die Augen zu öffnen.“40 – ist in ihrer theoretischabstrakten Logik bestechend, in praxi, d.h. im konkreten Einzelfall, aber nicht überzeugend: „Mit Hanna reden? Was sollte ich ihr sagen?“, reflektiert der Sohn die gegebenen Beschränkungen: „Konnte ich ihr ihre Lebenslüge wegnehmen, ohne ihr eine Lebensperspektive zu eröffnen? Ich wußte keine langfristige [...].“41 Aber selbst in diesem Fall wäre das Problem der ‚Freiheit‘ der persönlichen Entscheidung nicht aus dem Weg geräumt. Denn erkennbar gehört es zum Selbstverständnis von Hanna Schmitz, zu ihrer Integrität und Identität, das von Michael Berg als Lebenslüge bewertete Geheimnis ihres Analphabetentums so entschieden abzuschirmen, dass das Bemühen, ihr ‚die Augen zu öffnen‘, schon deshalb die Gefahr birgt, ihre Würde zu verletzen. Denn bei diesem Akt müsste offen gelegt werden, dass die Lebenslüge der Frau entdeckt ist. Mit der Offenlegung ihrer Lebenslüge würde dann aber der „Geheimnischarakter“ ihres Innenlebens verletzt, mithin ihre Identität und Integrität. Die Einsicht, dass Liebe sowie Achtung und Schutz der Menschenwürde auch bedeuten können, behutsam mit den Lebenslügen der Anderen umzugehen, könnte durchaus als ein Subtext des Romans verstanden werden. Nicht zufällig vermag in Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser das Argument, durch das Aufdecken von Hannas Lebenslüge würde geholfen werden, ein „Fehlurteil“ zu vermeiden, den zurückblickenden Rechtshistoriker, die Erzähl- und Erzählerfigur Michael Berg, nicht zu überzeugen, da ein solcher Eingriff das höhere Gut der persönlichen Würde einer selbstverantwortlich handelnden Person verletzt haben würde. Der Akt wäre aus der zurückschauenden Perspektive weniger der Versuch gewesen, moralisch verantwortlich zu handeln, sondern Ausdruck des uneingestandenen Wunsches, die Persönlichkeit der Hanna Schmitz den eigenen Wünschen gemäß umzugestalten. Mehr noch: Es wäre der Versuch gewesen, eine eigene Überzeugung über die Selbstbestimmung eines Anderen zu setzen: „Ich sagte mir,“ erinnert sich die Erzähl- und Erzählerfigur an ihre frühere Zerrissenheit, 40 Ebd., S. 137. 41 Ebd., S. 138. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 160 ich müsse ein Fehlurteil verhindern. Ich müsse dafür sorgen, daß Gerechtigkeit geschieht, ungeachtet Hannas Lebenslüge, Gerechtigkeit sozusagen für und gegen Hanna. Aber es ging mir nicht wirklich um Gerechtigkeit. Ich konnte Hanna nicht lassen, wie sie war oder sein wollte. Ich mußte an ihr rummachen, irgendeine Art von Einfluß und Wirkung auf sie haben, wenn nicht direkt, dann indirekt.42 Der Einzelne bestimmt aber selbst, was seine Würde ausmacht: „Mit der Verbürgung der Menschenwürde ist die Aufoktroyierung von Würdekonzeptionen unvereinbar“, referieren entsprechend die Rechtswissenschaftler Pieroth und Schlink in ihrem Lehrbuch eine gemeinsame Überzeugung der verschiedenen rechtsphilosophischen Theorien.43 Und dieses Recht hat der Prozessbeobachter Michael Berg der Ex-Geliebten im Roman schließlich zugestanden – ein bemerkenswerter Vorgang, selbst wenn er bei der Erzählfigur weniger aus der Einsicht in den Rechtsgrund zustande gekommen sein mochte als aus Unentschiedenheit und Schwäche. Dass die Wahrung der eigenen Würde nicht immer Glück bedeutet, ist hinsichtlich der Figur Hanna Schmitz augenfällig – zur Tragik der Erzählfigur Michael Berg gehört es, dies sehen, anerkennen und aushalten zu müssen: An der Entscheidungsfreiheit von Hanna Schmitz gemessen, ist die Glücksvorstellung des Prozessbeobachters ein nachgeordneter Wert. Die Behauptung von Freiheit und Würde der selbstverantwortlich handelnden Persönlichkeit steht gegen von außen an sie heran getragene Glücksvorstellungen und ihr kommt im Entscheidungsfall ein höherer Stellenwert zu. Diese Maxime kann ohne Zweifel als ein weiterer Subtext des Romans gelesen werden. Zieht man Pieroths und Schlinks Begründung ihrer Lösungsskizze zum Beispielfall des entführten herzkranken Industriellen hinzu, bedeutet diese Akzentuierung letztlich sogar, dass in Fällen, wo „eben nur das Leben und nicht die Menschenwürde bedroht“44 ist, der Würde gegenüber dem Leben die unbedingte Priorität zukommt. Die augenfällige Präsenz des Themenfeldes von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung im literarischen Werk Schlinks soll in der Folge wenigstens kurz an jeweils einem Beispiel aus der Kriminalliteratur und aus den Erzählungen des Autors ergänzt und vertieft werden. In Schlinks erstem, gemeinsam mit Walter Popp geschriebenen Kriminalroman um 42 Ebd., S. 153. 43 Pieroth/Schlink, Grundrechte. Staatsrecht II (1985), S. 92. 44 Pieroth/Schlink, Grundrechte. Staatsrecht II (1985), S. 93; (1995), S. 95. Lothar Bluhm 161 den Privatdetektiv Gerhard Selb, in Selbs Justiz, wird der Leser Zeuge eines seltsamen Gesprächs zwischen dem Protagonisten, dem 68-jährigen ehemaligen Nazi-Staatsanwalt Selb, und seinem Auftraggeber Ferdinand Korten, dem Generaldirektor der Rheinischen Chemiewerke (RCW). Die beiden sind verschwägert und – wie es verschiedentlich heißt – ‚alte Freunde‘. Selb hat seinen Auftrag, einen Computer-Hacker zu stellen, der ins Rechensystem der RCW eingebrochen ist, erledigt. Doch haben sich beim Detektiv Skrupel eingestellt: „‚[...] irgendwie fand ich Mischkey sympathisch, und es ist mir nicht leichtgefallen, ihn zu überführen‘“, bekennt er dem Freund und Auftraggeber gegenüber, um dann ein wenig hilflos um Milde dem Überführten gegenüber zu bitten: „‚Ich fände es schön, wenn ihr ihn nicht so ganz streng, nicht ganz hart – du verstehst schon, nicht wahr?‘“ Die Reaktion Kortens ist ernüchternd, ja verletzend. Ausgestattet mit einem intimen Wissen über die unrühmliche Vergangenheit des Freundes als junger, scharfer NS-Staatsanwalt, der selbst Todesurteile durchgefochten hat, repliziert er unverkennbar ironisch: „‚Selb, unser Seelchen [...]. Aber vielleicht ist gerade das deine Stärke – sensibel kommst du hinter Sachen und Leute, sensibel pflegst du deine Skrupel, und letztlich funktionierst du doch.‘“ Selb ist aufs Tiefste verletzt: „Kortens Bemerkung hatte mich erwischt, wo es weh tat, und er wußte das [...].“ Die Reaktion des Privatdetektivs ist vielleicht sogar schon mit einer ersten Ahnung davon verbunden, dass er ohne es zu merken immer wieder von seinem Freund und Schwager manipuliert, funktionalisiert, schlichtweg benutzt wurde – schon als NS-Staatsanwalt. Auch bei diesem Fall wird es wieder geschehen. Am Ende wird Selb in einem Akt der Selbstjustiz reagieren – er wird Korten die Klippen hinunter ins Meer stürzen. – Was Selb bei den ironischen Anspielungen Kortens besonders verletzt hat, war eine bestimmte Grenzüberschreitung: „Selbst wenn an seinen Worten was dran war –“, sinniert er, „heißt Freundschaft nicht, behutsam mit den Lebenslügen des anderen umzugehen?“ Ob und inwieweit die Erzählfigur Korten die Lebenslüge seines Gegenübers korrekt beschreibt, mag dahingestellt sein – Selb zumindest wehrt die Zuweisung für sich ab, wobei vielleicht gerade in dieser Abwehr: „Aber es war nichts dran.“,45 eine Bestätigung der Beschreibung liegen mag. Auffällig ist auf jeden Fall, wie bei Schlink hier der Gedanke der personalen Identität und der Wahrung der Integrität an die Akzep- 45 Bernhard Schlink, Walter Popp: Selbs Justiz. Roman. Zürich 1987, S. 115. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 162 tanz einer Lebenslüge durch Andere gebunden ist. Selb erinnert darin an die Figur der Hanna Schmitz im Vorleser. Das grundlegende Dilemma im Hinblick auf Schuld, Würde und Identitätsbewahrung liegt in der persönlichen Bürde des Privatdetektivs begründet. Seine Vergangenheit als NS-Staatsanwalt ist im juristischen Sinne entschuldet. Als Nutznießer des seinerzeit und späterhin hochumstrittenen 131er-Gesetzes von 1951, demzufolge alle öffentlich Bediensteten des 3. Reichs, die bei den Entnazifizierungsverfahren nach 1945 nicht als Kriegsverbrecher oder vergleichbar eingestuft worden waren, auf ihren früheren Positionen wieder eingestellt werden müssten, hätte er seine Karriere im Justizsystem auch in der Bundesrepublik unbeschadet weiterbetreiben können. Im Bewusstsein seiner Schuld im moralischen Sinne verzichtete in der fiktiven Geschichte Selbs die rechtlich ja entlastete Erzählfigur gleichwohl auf die existenzsichernde Wiedereinstellung in den Staatsdienst, um sich als Privatdetektiv eher schlecht als recht über Wasser zu halten. Das Bewusstsein von der Untilgbarkeit der moralischen Schuld ist schließlich auch die Folie für den Akt der Selbstjustiz, dem Mord am langjährigen Freund und Schwager, den Selb als Hauptverantwortlichen für Verbrechen und Mord entdeckt hat, für die er juristisch gleichwohl nicht zu belangen ist. Der Akt ist zudem eine Reaktion aus der plötzlichen Erkenntnis der Erzählfigur, dass die mühsam errichtete neue Identität nach 1945, die auf der Behauptung einer neuen Selbstbestimmung im Zeichen von Unabhängigkeit und moralischer Verantwortung beruhte, als Lebenslüge offengelegt wurde. Tatsächlich erwies sich Selbs Handeln auch nach 1945 wie schon in den Jahren zuvor als abhängig, manipuliert und in Schuld verstrickt. Jenseits aller identitätsstiftenden und -bewahrenden Selbsttäuschung ist er – wie Korten offenlegt – letztlich geblieben, was er immer war – ein vielleicht skrupulöser, aber gleichwohl verlässlich ‚funktionierender‘ Mittäter oder doch zumindest Mitverantwortlicher bei der Durchsetzung von Unrecht und Gewalt. Und jenseits aller möglichen juristischen Schuld tritt zu einer unbezweifelbaren moralischen hinzu, im Dienste einer salvierenden Identitätsbewahrung vor diesem Sachverhalt die Augen verschlossen zu haben. Selbs Akt der Selbstjustiz ist somit nicht nur eine Affekthandlung aus Verletztheit und Empörung angesichts der endlich durchschauten Manipulation durch den Freund, sondern mindestens ebenso ein Akt, die eigene Lebenslüge für sich aufrecht erhalten und die darauf aufruhende Identität weiterführen zu können. Lothar Bluhm 163 Der Blick in die Erzählung Der Seitensprung aus dem Sammelband Liebesfluchten von 2000 soll die Beobachtungen zur literarischen Ausarbeitung des Spannungsverhältnisses von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung abschließen: In der Erzählung wird vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Vereinigung eine Dreiecksgeschichte erzählt. Die Erzählerfigur, ein Berliner Sozialrichter, wird von der Ehefrau eines ostdeutschen Freundes verführt. Diese reagiert mit ihrem Seitensprung auf die Entdeckung, dass ihr Mann, Sven, als Informeller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der DDR seinerzeit seinen Westfreund, seine ostberliner Freunde, ja selbst die eigene, systemkritische und politisch aktive Frau Paula bespitzelt hatte. Svens Rechtfertigungsversuch, dass er der Stasi Informationen über Internes und Intimes lediglich weitergegeben habe, um sie, die Ehefrau und Mutter des gemeinsamen Kindes, zu schützen und vor einer drohenden Inhaftierung zu bewahren, wird von Paula heftig zurückgewiesen: „So hast du mich gerettet, und wie ich bin, war dir völlig gleichgültig. Daß ich für das, was ich für richtig halte, mich auch verhaften lasse, lieber verhaften lasse, als es zu verraten, und daß meine Tochter lieber eine Mutter in Bautzen als eine Verräterin zur Mutter haben soll – auf all das habe ich ein Recht, das ist mein Leben, ist mein Glaube, bin ich als Mutter meiner Tochter. Du hast es mir weggenommen, hinterrücks, feige, gemein. Und sag nicht, daß du es aus Liebe gemacht hast. Das ist keine Liebe.“46 Neben aller persönlichen Enttäuschung liegt Paulas Vorhaltungen die Forderung zugrunde, auch dort frei über sich selbst entscheiden zu können, wo ihre Freiheit Selbstgefährdung und Glücksverlust bedeutet. Svens manipulativer Eingriff in ihr Leben bedeutet für Paula, ungeachtet aller möglichen guten Absicht, eine Verletzung ihrer persönlichen Identität und Integrität. Aber auch für den Ehemann, für Sven, bedeutet die Entdeckung des Verrats eine Verletzung seiner Persönlichkeit. Schuldig geworden, kann er in einer gleichberechtigten Partnerschaft nicht mehr bestehen. Paulas Seitensprung ist nicht zuletzt der Versuch, durch einen eigenen Verrat dem schuldig gewordenen Ehemann die Rückkehr in eben diese Partnerschaft wieder zu ermöglichen. Aus der Opfer-Täter- Entgegensetzung ist die Möglichkeit für ein Miteinander geworden, in dem beide Seiten gleichermaßen Opfer wie Täter sind. 46 Bernhard Schlink: Liebesfluchten. Geschichten. Zürich 2000, S. 84. „Das Gesetz kann nicht immer wiedergeben, was moralisch richtig ist“ 164 6. Rückblick In den Blick genommen wurden die unabdingbar zum Diskurs um Menschsein und Menschenrechte gehörenden Begriffe und Vorstellungen von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung, wie sie im literarischen, im publizistischen und im rechtswissenschaftlichen Werk Bernhard Schlinks verhandelt und zur Anschauung gebracht werden. Den Zeitrahmen markierten Schlinks Kriminalromandebüt Selbs Justiz aus den späteren 1980er Jahren und sein Erzählband Liebesfluchten aus dem Jahr 2000. Ein besonderes Gewicht kamen dem Roman Der Vorleser und den rechtswissenschaftlichen Ausführungen des Autors zum Würde-Begriff im von ihm mitverfassten Lehrbuch Grundrechte. Staatsrecht II zu. Ausgehend von der Frage, warum ein Jurist rechtsrelevante Fragen auch und gerade im Horizont von Literatur verhandelt, wurden die Dilemmata und Grenzen des Rechts sowie Schlinks Reflexion der entsprechenden Spannungsfelder zwischen Recht und Moral skizziert. Dabei traten der Begriff der Würde und dessen grundgesetzliche Verbürgung ins Blickfeld. Am Leitfaden von Schlinks rechtswissenschaftlichen Ausführungen wurde das Beziehungsgeflecht von Schuld, Würde und Identität im Rechtsdiskurs der deutschen Grundordnung ausgeleuchtet, um in der Folge die Frage ihrer Dilemmatik im publizistischen Werk Schlinks aufzugreifen und in seinem literarischen Werk in ihrer konkreten narrativen Entwicklung nachzuverfolgen. Die Dilemmatik von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung findet sich in Der Vorleser mit einer Liebesgeschichte verbunden und auf die Folie der Aufarbeitung des Holocaust und der untrennbar damit verbundenen Schuldfrage transponiert. Doch wird die Dilemmatik auch ganz grundsätzlich in Bezug auf die Verflochtenheit von Entscheidungsfreiheit, Verantwortung, Glück, Lebenslüge und Würde verhandelt. Auch in der Erzählung Der Seitensprung und im Kriminalroman Selbs Justiz ist ein von Schlink narrativ jeweils umkreistes Kernproblem das der Würde des Einzelnen. Mit Bezug auf Selb bedeutet die Offenlegung einer Lebenslüge, die Teil seiner individuellen Identitätskonstitution ist, ebenso eine Verletzung dieser Würde wie in der Der Seitensprung die aus Fürsorge unternommene, verdeckte Fremdbestimmung Paulas durch ihren Mann. Der Begriff der Schuld verliert in der Komplexität der literarisch jeweils skizzierten Verhältnisse seine Eindeutigkeit. Er changiert zwischen Mo- Lothar Bluhm 165 ral und Recht, er wird problematisch, ohne dabei entwertet oder auch nur relativiert zu werden. Der Blick auf das literarische Werk Schlinks erhellt in der narrativen Verhandlung der genannten Problemkonstellationen auch eine Spezifik von Literarizität. Deren kulturgrundierende Leistung besteht im Kern darin, nicht die vorgeblich eindeutige Antwort zu geben, die letztlich immer eine vereinseitigende ist, sondern darin, Fragen aufzuwerfen, Problemräume zu eröffnen und zu verunsichern. Bernhard Schlink schließt seinen Essay An der Grenze des Rechts mit einer Reflexion, die es verdient, ausführlich zitiert zu werden: Situationen, in denen die Anforderungen des Rechts mit den Anforderungen des Herzens, Glaubens oder Gewissens in Konflikt geraten, lassen sich nicht völlig vermeiden. Die Gesellschaft kann nicht darauf verzichten, im Recht die Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens fest- und durchzusetzen. Der einzelne kann nicht darauf verzichten, seinem Herzen, Glauben oder Gewissen ausnahmsweise mehr zu gehorchen als dem Recht. Damit ist die Möglichkeit des Konflikts er- öffnet. Das Recht gäbe sich auf, wenn es dem einzelnen den Konflikt ersparen, wenn es im Konflikt vor dem einzelnen zurückweichen würde. Es muß vom einzelnen verlangen, den Konflikt auszuhalten und eine Entscheidung zu treffen und zu verantworten. Es verwehrt ihm nicht die Hoffnung auf Verständnis, Milde oder Gnade. Aber es besteht darauf, daß er das Recht gebrochen und eine Sanktion zu gewärtigen hat. Das kann zu tragischen Ergebnissen führen. An der Grenze des Rechts haben die Konflikte und hat auch die Tragik ihren Ort. Sie gehören zu unserem Menschsein, und wir müssen mit ihnen leben.47 Und eben dort, wo die menschlichen Konflikte und die Tragik ihren Ort haben, da ist auch der Ort der Literatur. Das weiß der Jurist Bernhard Schlink – und das wissen auch die Leserinnen und Leser von Literatur.48 47 Schlink, Vergewisserungen, S. 178. 48 Für die kritische Durchsicht des Beitrags danke ich Herrn Bodo Bützler, Köln. 167 Spaltungen, Risse, Ungleichheiten Französische Gegenwartsliteratur und die Kehrseite der Menschenrechte Gregor Schuhen 1. Vom Verlust der Einheit1 Angesichts des 70-jährigen Jubiläums der UN-Menschenrechtscharta wird auch stets auf die aktuellen Bedrohungen hingewiesen, die zu Beginn des neuen Jahrtausends zu beobachten sind: Ob im Zusammenhang mit den globalen Migrationsbewegungen, dem Brexit, der US-Wahl 2016, mit deutsch-deutschen Strukturproblemen und natürlich anlässlich der letzten französischen Präsidentschaftswahl und deren Folgen – eine Denkfigur taucht in nahezu jedem Artikel oder Fernsehbericht auf und dominiert die Berichterstattung über die jüngsten Ereignisse der Weltpolitik: Diagnostiziert werden Spaltungen, Brüche oder immer häufiger Risse, die die Gesellschaft teilen und destabilisieren. Die Menschenrechte gelten in den Verlautbarungen von Politik und Medien mithin als bedrohtes und zu verteidigendes Kulturgut. Das Bild des Risses, und das macht es nicht zuletzt auch für die Literaturwissenschaft interessant, ist (wie das der Spaltung und des Bruches) natürlich eine Metapher, genau gesagt eine „Trennungsmetapher“2. Diese ist zwar ubiquitär und damit scheinbar prägnant und leicht nachvoll- 1 Einige Passagen aus dem ersten Teil dieses Beitrags stammen aus: Gregor Schuhen: Geteiltes Paris in schwarz-weiß. Mathieu Kassovitz’ La Haine (1995). In: Walburga Hülk/Stephanie Schwerter (Hrsg.): Mauern. Grenzen. Zonen. Geteilte Städte in Literatur und Film. Heidelberg 2018, S. 77– 93. 2 Vgl. Bernhard Waldenfels: Gebrochene Erfahrung. In: Katharina Alsen/Nina Heinsohn (Hrsg.): Bruch – Schnitt – Riss. Deutungspotenziale von Trennungsmetaphorik in den Wissenschaften und Künsten. Berlin 2014, S. 39–61, hier: S. 39. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 168 ziehbar – Jean Paul würde von einer „verblasste[n] Metapher“3 sprechen, auf Französisch spricht man von einer „métaphore morte“ –, wird aber im Hinblick auf ihre Phänomenologie, Funktion und ja, auf ihre Metaphorizität kaum problematisiert. Allein die eingangs skizzierten Anlässe belegen, dass die gespaltene Gesellschaft im Grunde die gespaltene Nation meint, also den Verlust nationaler Identität und Einheit. Bevor ich mit Blick auf den derzeitigen Krisendiskurs den Versuch einer Typologie der Spaltung vornehmen möchte, scheint es aus phänomenologischer Sicht gegeben, mit ein paar allgemeinen Bemerkungen zur Trennungsmetaphorik einzuleiten. Wie Katharina Alsen und Nina Heinsohn konstatieren, können Bruch, Riss und Schnitt „einerseits als Akt bzw. Prozess, andererseits als Zustand oder Resultat“ interpretiert werden, „ohne dass eine der Betrachtungsweisen priorisiert wird.“4 Diese Eigenschaft verbindet die Trennungsmetaphorik, wie man bei Reinhart Koselleck nachlesen kann,5 mit dem Begriff der Krise, der ebenfalls sowohl situativen als auch prozessualen Charakter besitzen kann, wobei hier sicherlich letzteres überwiegt. Im Sinne Kosellecks kann das den Begriffen inhärente Moment des Scheidens oder Ent-scheidens, d. h. ihre grundsätzlich binäre oder besser: oppositionelle Ausprägung als eine weitere Gemeinsamkeit verstanden werden. Die semantische Verwandtschaft von Trennungsmetaphorik und Krisen-Begriff vermag kaum zu verwundern, ist doch die Diagnose der Spaltung, des Risses bzw. des Bruchs zuallererst Zeichen einer Krise, vor allem im soziologischen Kontext, aber auch im medizinischen Diskurs, wo sowohl der Knochenbruch als auch die gespaltene Persönlichkeit Versehrtheit feststellen. Ebenfalls gemein ist beiden Semantiken, dass sie in ihrer gegenwartsdiagnostischen Ausrichtung sowohl einen vergangenen Zustand vermeintlicher Ganzheit und Einheit idealisieren und zugleich einen unsicheren und daher mit Angst besetzten Zukunftsentwurf heraufbeschwören, der häufig genug das Narrativ vom Ende des Abendlandes bemüht. Albrecht Koschorke postuliert, dass das große Versprechen der Moderne, das „Fortschritt für alle“ in Aussicht stellte, an Überzeugungskraft eingebüßt habe und damit den Erfolg rechtspopulistischer Strömungen 3 Jean Paul: Vorschule der Ästhetik, hrsg. von Wolfhart Henckmann. Hamburg 1990, S. 184. 4 Katharina Alsen/Nina Heinsohn: Deutungspotenziale von Trennungsmetaphorik. Interdisziplinäre Perspektiven. In: Dies. (Hrsg.): Bruch – Schnitt – Riss. Deutungspotenziale von Trennungsmetaphorik in den Wissenschaften und Künsten. Berlin 2014, S. 1–37, hier: S. 12. 5 Vgl. Reinhart Koselleck: Krise. In: Otto Brunner/ders. (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 3. Stuttgart 1982, S. 617–650. Gregor Schuhen 169 zumindest in Teilen erkläre. Koschorke verwendet im weiteren Verlauf des Artikels den Begriff des Narrativs: War es bislang die Offenheit des liberalen Projekts, die ihm breiten Anklang verschafft hat, so führt nun die Schließung des Zukunftshorizonts seine Krise herbei. Als großes Narrativ der industriellen Moderne hat das liberale Versprechen vom ‚Fortschritt für alle‘ einen Großteil seiner Zugkraft verloren.6 An dieser Diagnose ist zwar nichts zu beanstanden, aber sie geht auch nicht besonders weit. Koschorke verschweigt, welches neue Narrativ die Leerstelle ausfüllt, die sich nach dem Bedeutungsverlust der Fortschritts- Variante aufgetan hat. Stattdessen konstatiert er einen narrativen Nullpunkt, wenn er schreibt: Ohne seine alte Leitidee, ohne die Idee von Aufklärung und gesellschaftlichem Fortschritt, hat er [der Liberalismus] wenig zu bieten und nichts zu erzählen. In ‚Abstiegsgesellschaften‘ erscheint das liberale Projekt zusehends als innere Angelegenheit einer vorrangig mit sich selbst beschäftigten Elite.7 Koschorke rekurriert hier auf die Studie Die Abstiegsgesellschaft von Oliver Nachtwey,8 bleibt uns aber letztlich die Antwort auf die Frage nach dem Erbe der großen Fortschrittserzählung schuldig. Hier kommen die oben eingeführten Metaphern wieder ins Spiel. Meine These lautet, dass es eben jenes kulturpessimistische Narrativ des Bruchs ist, das an die Stelle des liberalen Fortschritts- und Aufstiegs-Narrativs getreten ist. Die Nachkriegsgesellschaften in Deutschland und Frankreich waren von diesem Narrativ geprägt; diese Euphorie lässt sich an den Bezeichnungen Wirtschaftswunder und Trentes Glorieuses ablesen. Schaut man sich prominente dystopische Krisen-Narrative an, fällt allerdings auf, dass es solche spätestens seit Beginn der Moderne immer gegeben hat: Einer der letzten großen Fundamentalabgesänge auf die westliche Welt war sicherlich Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes, dessen Erstauflage 1917 abgeschlossen wurde und 1918 auf den Markt kam, also unter dem historischen Eindruck des Ersten Weltkriegs. Relational betrachtet geht die Metapher des Bruchs dem apokalyptischen Szenario des Untergangs 6 Albrecht Koschorke: Wenn das Warten kein Ende nimmt. In: DIE ZEIT 16 (2017) vom 12. April 2017, S. 42. 7 Ebd. 8 Vgl. Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Frankfurt/M. 2016. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 170 unmittelbar voraus. Spengler setzt hier die Unversöhnlichkeit und den Krieg der Kulturen an, der das Vergehen einer Zivilisation einleite. Noch ganz dem nietzscheanischen Denken verhaftet, möchte Spengler sein Untergangs-Phantasma jedoch keineswegs als reinen Kulturpessimismus verstanden wissen, sondern als natürliches, wenngleich finales Entwicklungsstadium im weltgeschichtlichen Lauf der Kulturen: „Der Begriff einer Katastrophe“, so Spengler, „ist in dem Worte nicht enthalten. Sagt man statt Untergang Vollendung, […] so ist die ‚pessimistische‘ Seite einstweilen ausgeschaltet, ohne daß der eigentliche Sinn des Begriffs ver- ändert worden wäre.“9 Wenn heutzutage vom Bruch die Rede ist, fehlt jeglicher Optimismus. Dem Narrativ der Spaltung wohnt zwar ein verklärendes Moment der unwiederbringlich verlorenen, intakten Vergangenheit inne, aber der Blick in die Zukunft lässt kaum Hoffnung auf eine ‚Heilung‘ der zerrissenen Gesellschaft zu, und noch weniger auf Vollendung oder Erlösung, die bei Nietzsche oder Spengler anklingen. Lediglich die schlichten Parolen rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen reagieren auf das Verblassen liberaler Fortschrittsverheißungen mit der Forderung einer Rückbesinnung auf die ‚alten Werte‘, wie sie angeblich noch vor Einsetzen der Globalisierung vorherrschten. Die Rechten inszenieren sich mithin als Pharmakon des geschundenen Gesellschaftskörpers, rekurriert doch die Trennungsmetaphorik von Bruch, Riss oder Spaltung nicht zuletzt, wie bereits angedeutet, auf organische Versehrtheit. Im Französischen wird die anatomische Provenienz der Krisen-Bilder besonders deutlich, da im tagespolitischen Diskurs besonders häufig von „fracture“ oder „fissure“ die Rede ist, wenn die Zerrissenheit der Gesellschaft im Zentrum steht; fracture bedeutet zunächst Knochenbruch, fissure meint Haarriss. Wenn man sich nun der aktuellen politischen Situation in Frankreich zuwendet, fällt zunächst auf, dass in der Tagespresse das semantische Feld des Bruchs omnipräsent ist und die gesamte Klaviatur der Trennungsmetaphorik durchgespielt wird. Als Beispiel soll hier eine Ausgabe von Le Monde dienen und zwar vom 25. April 2017, d. h. zwei Tage nach der ersten Runde der letzten Präsidentschaftswahl, als klar wurde, dass erstmalig in der Geschichte der Republik in der Stichwahl keine der etablierten Parteien vertreten sein und stattdessen eine Rechtsradikale gegen ei- 9 Oswald Spengler: Pessimismus 1921 . In: Ders.: Reden und Aufsätze. München 1937, S. 59-73, hier: S. 63f. Gregor Schuhen 171 nen parteilosen Neoliberalen antreten würde.10 Schon die Titelschlagzeile lautet: „Macron – Le Pen: Les Deux France“. Des Weiteren ist auf derselben Seite zu lesen, dass der „front républicain“ im Angesicht des „Front national“ rissig oder porös werde („se fissure“). Auf Seite 3 geht es weiter: „La France traversée par une double fracture“ lautet die Überschrift eines Artikels, in dem die Wahlergebnisse nach Regionen bewertet werden. Im selben Artikel ist vom „écart grandissant“ die Rede und ein Kommentar auf eben jener Seite ist überschrieben mit „Les nouveaux clivages“, die neuen Spaltungen.11 Diese Beispiele beziehen sich wohlgemerkt nur auf die Überschriften – in den Artikeln selbst folgen noch zahlreiche weitere Diagnosen, die allesamt den geschundenen Status der Nation hervorheben und sich ähnlicher Wortfelder bedienen. Wie der häufig verwendete Plural zeigt, gibt es nicht nur den einen Bruch, sondern das gegenwärtige Frankreich ist von einer Vielzahl an Rissen gekennzeichnet, die nicht nur die politischen Lager betreffen, sondern sich sowohl regional, schichtspezifisch und nach konfessioneller Zugehörigkeit auffächern lassen. Man könnte mit Waldenfels sagen: „die Auflösung des Ganzen schreitet voran, je mehr die Empirie ihr Recht geltend macht.“12 Bevor ich von der Empirie zur Literatur übergehe, seien noch ein paar präzisierende Bemerkungen zu den Bruchlinien angeführt, die in Frankreich besonders markant erscheinen: Dem Erbe des alten Zentralismus geschuldet lässt sich immer noch eine Kluft zwischen Paris und dem Rest des Landes beobachten, zwischen Zentrum und Peripherie. Hinsichtlich der politischen Lager jedoch fügt sich diese Kluft – so zeigen es die Karten nach der Wahl – in den allgemeinen Unterschied Stadt/Provinz ein. Der Front National kann insbesondere in den strukturschwachen Grenzregionen große Erfolge verbuchen. Des Weiteren – und das ist bekanntlich nicht Frankreich-spezifisch – verläuft eine Bruchlinie zwischen den Arrivierten und den sog. Abgehängten, was von Rechtspopulisten gerne auf den Kontrast zwischen Eliten bzw. Establishment und Volk runtergebrochen wird – Klassenkampf reloaded. „Der drohende Verlust des Ganzen provoziert Gegengewalt im Dienste der Ordnung“, 13 wie man das Versprechen der rechten Heilsbringer mit Waldenfels beschreiben könnte. Ein dritter Riss, der wiederum Frankreich in besonderem Maße betrifft, weil er dem schwierigen Erbe seiner 10 Vgl. zum Ende der französischen Volksparteien Bruno Amable/Stefano Palombarini: Von Mitterrand zu Macron. Über den Kollaps des französischen Parteiensystems. Frankfurt/M. 2018, bes.: S. 152–188. 11 Alle Beispiele aus Le Monde vom 25.4.2017, S. 1–3. 12 Waldenfels, Gebrochene Erfahrung, S. 42. 13 Ebd. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 172 eigenen Kolonialgeschichte geschuldet ist, verläuft zwischen den Bürgern mit Migrationshintergrund und den sogenannten Français de souche. An diese Unterscheidung lassen sich eine Reihe binärer intersektionaler Sekundäroppositionen anschließen, wie etwa Islam und Christentum, Stadtzentrum und Banlieue sowie of colour und whiteness. Auch wenn die skizzierten drei Haupt-Bruchlinien, die die französische Gesellschaft seit einigen Jahren als besonders zersplittert erscheinen lassen, also Zentrum/Peripherie, Eliten/Abgehängte sowie Einwanderer/kein Migrationshintergrund, der besseren Beschreibbarkeit halber getrennt dargestellt wurden, ist doch evident, dass sie jeweils miteinander korrelieren, da viele der sog. Abgehängten oder Globalisierungsverlierer in den ländlichen oder urbanen Randgebieten leben, die Eliten sich in Paris konstituieren, usw. Die Tatsache, dass die Spaltungen in Frankreich als besonders gravierend wahrgenommen werden, liegt demnach im Zusammenspiel verschiedener Problemlagen begründet: im mangelhaften Umgang mit dem eigenen kolonialen Erbe, in der immer noch stark ausgeprägten Zentralisierung und in den wirtschaftlichen Herausforderungen, die zu den Folgen der Globalisierung gehören. Diese fatale Entwicklung konnte auch das bereits 1962 eigens eingerichtete Ministère de la cohésion des territoires kaum abfedern. Es gibt seit einigen Jahren eine Reihe vorwiegend soziologischer Studien und Essays, die sich dem Thema und Narrativ des gespaltenen Frankreichs von unterschiedlichen Blickwinkeln annähern. Bevor darauf eingegangen werden soll, möchte ich zunächst die diskursive Genese dieses Narrativs erläutern – vor allem in Bezug auf den gegenwärtigen Befund. Schon im 19. Jahrhundert war des Öfteren von den „deux France“ die Rede, insbesondere hinsichtlich der Opposition von Monarchisten und Republikanern, aber das soll nun nicht das Thema sein. Der heutige Diskurs geht zurück bis ins Jahr 1995, als der künftige Staatspräsident Jacques Chirac den Kampf gegen die „fractures sociales“ zum zentralen Thema seiner Kampagne erklärte. Sein Wahlkampfleiter Henri Guaino hatte den Begriff jedoch keineswegs erfunden, sondern seinerseits bei dem Historiker Marcel Gauchet entlehnt, der ihn in einer Studie zum modernen Klassenkampf entwickelt hatte. Im November 2016, d. h. noch mitten im letzten Wahlkampf, wurde Gauchet in seiner Funktion als „Erfinder“ des fractures-Diskurses von der konservativen Zeitschrift LE POINT interviewt. Darin erläutert Gauchet zunächst seine eigene Definition des Begriffes: La fracture, c’est une séparation entre des gens qui vivent pour ainsi dire dans des mondes différents. L’expression doit une part de son succès au fait que nous sommes dans un embarras extrême pour décrire la Gregor Schuhen 173 stratification de nos sociétés et ses expressions politiques. « Fracture » est donc un terme assez commode pour décrire un état de très forte hétérogénéité, qui a fait le succès, par exemple, de l’opposition entre la France d’en haut et la France d’en bas. La fracture est aussi territoriale. C’est ce que pointe avec justesse la notion de « France périphérique » du géographe Christophe Guilluy. Cette France périphérique déteste les élites, mais elle ne les affronte pas. Elle vote de moins en moins et vit à l’écart. Nous sommes devant une dynamique de fragmentation où les microconflits foisonnent, mais sans se fédérer dans des oppositions claires. C’est cette déconnexion qu’il faut essayer de comprendre. On ne peut même plus parler d’ « une » fracture sociale, il faut dire « des » fractures sociales, qui se sont accentuées et multipliées depuis le début des années 1990.14 In diesem kurzen Auszug, der auf rein inhaltlicher Ebene das bisher Gesagte noch einmal pointiert zusammenfasst, erstaunt dann noch die extrem hohe Dichte an Beschreibungskategorien, die sich allesamt aus dem semantischen Feld der Trennungsmetaphorik speisen. Mich interessiert hier vor allem auch die Tatsache, dass der Diskurs über die Spaltung dazu dient, die „stratification de nos sociétés“ zu beschreiben. Was impliziert es denn letztlich, wenn Schichtzugehörigkeiten oder die Beziehungen zwischen den sozialen Schichten aktuell in den allermeisten Fällen mithilfe von Trennungsmetaphern dargestellt werden? Gauchet evoziert ‚Unterschiedliche Welten‘, ‚starke Heterogenität‘ und ‚Dekonnexion‘ – bei letzterem handelt es sich übrigens um ein Bild aus dem Bereich der Physik, das Störungen oder Leitungsunterbrechungen bezeichnet. Was ergibt sich nun aus dem Zusammenspiel von Stratifikation und Spaltung? Es geht, so meine These, letztlich um Refeudalisierung, d. h. um eine Rückkehr zu den starren Ständegrenzen des Ancien Régime. Dem gro- ßen französischen Nationalnarrativ von der erstmaligen Überwindung derselben wird so ein ernüchterndes Gegen-Narrativ zur Seite gestellt, allerdings ohne die Refeudalisierungstendenzen explizit als solche zu benennen. Dass Narrative, insbesondere nationalitätsstiftende Narrative, immer auch auf Strategien der Vereinfachung, Selektion und Vereinheitlichung setzen, betont auch Walburga Hülk in ihrer Definition: Narrative sind kulturspezifische, individuelle und kollektive Denkmuster, die Wahrnehmungen und Verhalten bilden und ausdrücken. […] Elemente werden verknüpft, ausgewählt, weggelassen und auf das 14 Marcel Gauchet/Emmanuel Todd: De la fracture sociale à la rupture politique (Interview mit LE POINT, Nov. 2016). Online abrufbar unter: https://yetiblog.org/2112/ (letzter Zugriff: 16.12.2018; Herv. G.S.). Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 174 Narrativ hin zugespitzt. Das Narrativ erklärt und interpretiert bereits, setzt häufig Neues in Bezug mit Altem und ist sinnstiftend.15 Dass es sich bei der France fracturée um ein solches Krisen-Narrativ handelt, das seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert immer mehr an rhetorischer Wirkmacht und medialer Wucht gewinnt, und das sukzessive die große Erzählung von „égalité, liberté und fraternité“ zum Verblassen bringt, daran haben Vertreter aus der Politik einen entscheidenden Anteil, aber ebenso die Soziologen, Historiker und Philosophen, die sich dieses Phänomens vermehrt annehmen und damit mitarbeiten am kulturellen Narrativ des Risses. Der von Gauchet bereits genannte Geograph Christophe Guilluy hat 2010 einen – zumindest in Frankreich – vielbeachteten Essay geschrieben mit dem Titel Fractures françaises, 2014 einen weiteren, La France périphérique mit dem polemischen Untertitel Comment on a sacrifié les classes populaires. In beiden Studien geht es Guilluy darum aufzuzeigen, dass sich der mediale Fokus, der das Phänomen der gespaltenen Gesellschaft ausleuchtet, größtenteils nur der fehlgeschlagenen Integrationspolitik und der damit verbundenen Banlieue-Problematik widme und die defavorisierten Randregionen und die untergegangene Arbeiterklasse kaum mit dem notwendigen Interesse bedenke. Den Grund dafür deutete bereits Gauchet an: „Cette France périphérique déteste les élites, mais elle ne les affronte pas.“ Guilluy zufolge bietet die abgehängte Arbeiterklasse aufgrund mangelnder Sichtbarkeit schlicht keine guten Geschichten – ganz im Gegensatz zu den Bewohnern der Banlieues, die bereits seit den ersten Ausschreitungen im Jahre 1979 in Lyon weitaus mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das liege daran, so der Geograph, dass die größtenteils gewalttätigen Aufstände junger Männer mit Migrationshintergrund sich besser vermarkten ließen; Guilluy attestiert den Medien eine „obsession des banlieues“16 und diagnostiziert eine „pipolisation“, d. h. eine Boulevardisierung der Problemviertel.17 Das resultierende Narrativ zeige als Akteure lediglich junge gewaltbereite Männer und erzeuge ein mitunter karikaturales Bild: „La jeunesse agitée est en décrochage des quartiers ne représente qu’une faible minorité. […] En banlieue, il semble malgré tout que les jeunes restent toujours jeunes.“18 Guilluy schlussfolgert aus dieser Beobachtung, dass 15 Walburga Hülk: Narrative der Krise. In: Dies./Uta Fenske/Gregor Schuhen (Hrsg.): Die Krise als Erzählung. Transdisziplinäre Perspektiven auf ein Narrativ der Moderne. Bielefeld 2013, S. 113–131, hier: S. 118. 16 Christophe Guilluy: Fractures françaises. Paris 2010, S. 19. 17 Ebd., S. 29. 18 Ebd., S. 22. Gregor Schuhen 175 sich die soziale Frage in Frankreich zusehends in eine ethnische verwandelt habe: „La question sociale, pourtant déterminante comme on l’a vu, est le plus souvent délaissée pour donner la priorité à ce qui se voit.“19 Der Dschihadismusforscher Gilles Kepel kommt zu einem ähnlichen Befund, auch wenn er sich weniger mit den Parallelgesellschaften in den Vorstädten beschäftigt als mit dem Diskurs über islamistischen Terror in Frankreich, der bereits 239 Todesopfer gefordert hat und der von den Linken allzu oft unter Islamophobie-Verdacht gestellt werde und damit dem Front National seine Wähler scharenweise in die Arme treibe. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines letzten Werks La Rupture resümiert er: Entweder die politischen Entscheidungsträger, die Presse und die Akademiker leugnen weiterhin den Dschihadismus, seine Beziehung zum Salafismus und zu anderen Formen des Islamismus, und die Öffentlichkeit, die sich mit der Gewalt konfrontiert sieht und zu Recht beunruhigt ist, verliert das Vertrauen und lässt sich von den einseitigen Erklärungen der extremen Rechten verführen, was zu einer Spaltung der Gesellschaft entlang ihrer kulturellen und ethnischen Bruchlinien führt.20 Auch Kepel ergänzt, dass diese Auseinandersetzung den ländlichen Raum und die „zu einem kläglichen Rest geschrumpfte Arbeiterklasse“21 zusehends aus dem Fokus verbanne, da Bilder von Terroranschlägen, Razzien und zu beklagenden Opfern der Presse die spektakuläreren oder sensationelleren Storys böten. Dieser kurze Überblick über die verschiedenen kulturellen, ethnischen, geographischen und sozialen Bruchlinien der französischen Nation reicht aus, um die besondere Schärfe und Explosivität der gegenwärtigen Lage deutlich zu machen. Ob es Emmanuel Macron gelingen wird, diese Risse, Spaltungen und Brüche zumindest vorübergehend zu kitten, bleibt abzuwarten. In dem Streit um seine Person treffen schließlich abermals zwei Narrative aufeinander: das des jupiterhaften Elitenlieblings und das der Abgehängten. Es handelt sich damit um eine Konstellation, die weiteres Spaltungspotenzial in sich birgt, das sich bereits anderthalb Jahre nach seiner Wahl in Protestbewegungen wie den Gilets Jaunes entlädt. 19 Ebd., S. 27. 20 Gilles Kepel: Der Bruch. Frankreichs gespaltene Gesellschaft. München 2017, S. 19. 21 Ebd., S. 20. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 176 2. Die gespaltene Gesellschaft in der Literatur Auch wenn es in sämtlichen Studien, Artikeln und Interviews, die ich kursorisch vorgestellt habe, immer um Geschichten geht, die mehr oder weniger stark rezipiert werden, um Strategien politischen und medialen Storytellings, wie es der Kommunikationswissenschaftler Christian Salmon ausdrücken würde,22 fällt doch auf, dass der gesamte Bereich der Kultur nirgends Erwähnung findet – weder Film noch Literatur noch Theater spielen in den Ausführungen eine Rolle. Das müssen sie natürlich auch nicht. Erwähnenswert ist diese Leerstelle aber insofern, als sich nicht verleugnen lässt, dass insbesondere die gegenwärtige französische Erzählliteratur sehr viel stärker Bezug nimmt auf nationalpolitische Problemlagen als beispielsweise die aktuelle deutsche Literatur – ja man kann sagen, dass die französische Literatur nach Jahren des Experimentierens und der Skandale wieder zurück zur littérature engagée im Sinne Sartres findet.23 Das französische Kino erschöpft sich zurzeit eher darin, solche Probleme in wohlfeile Komödienformate (à la Bienvenue chez les Ch’tis) zu verpacken, wenn man von vereinzelten Ablegern des Cinéma de banlieue absieht. Ich möchte daher zunächst einen kursorischen Überblick vermitteln über einige französische Romane der letzten 14 Jahre, die nicht nur in Frankreich gelesen und diskutiert werden. Im Jahr 2003 erscheint der autobiografische Roman Les derniers jours de la classe ouvrière von Aurélie Filippetti, der vom Schicksal italienischer Einwanderer in Lothringen erzählt, gekoppelt an den Niedergang der regionalen Stahlindustrie. Im selben Jahr veröffentlicht der bislang eher in Frankreich renommierte Autor Pierre Jourde mit Pays perdu einen ebenfalls autofiktionalen Roman, der davon erzählt, wie zwei Brüder als Erwachsene in ihren Heimatort in der Auvergne zurückkehren, wo die verarmten Einwohner sich größtenteils der Resignation, dem Alkoholismus und dem Suizid ergeben. 2009 schließlich kommt Didier Eribons Retours à Reims in Frankreich zunächst ohne ein größeres mediales Echo auf den Markt. Erst seit der Veröffentlichung ins Englische und Deutsche (2016) erfährt dieser Mix aus autobiografischer Erzählung und soziologi- 22 Vgl. Christian Salmon: Storytelling. La machine à fabriquer des histoires et à formater les esprits. Paris 2008. 23 Vgl. Sartres Forderungen aus seinem Essay Qu’est-ce que la littérature ? (Paris 1948). Eine ähnliche Forderung für die zeitgenössische Literatur stellt der Philosoph Geoffroy de Lagasnerie: Penser dans un monde mauvais, Paris 2017, auf. Kunst dürfe, so Lagasnerie, nicht länger nur schön sein, sondern müsse – im Sinne des Kampfes für Menschenrechte – wieder politische Intervention leisten. Gregor Schuhen 177 scher Untersuchung eine enorme Aufmerksamkeit und macht aus Eribon den neuen Star der französischen Intellektuellen. Am Beispiel der Region Grand Est untersucht der Soziologe in Rückkehr nach Reims die Gründe für den Aufstieg des Front National in ländlichen Gegenden, d. h. in Regionen, in denen zuvor stets die Kommunistische Partei von der Arbeiterklasse gewählt wurde. Eribon führt diese Entwicklung auf das Versagen der etablierten Linken zurück, die sich kaum noch für die Belange ihrer ursprünglichen Klientel interessierten. Der Roman Le Bloc (2011) von Jérôme Leroy wird zwar auf dem Klappentext als Krimi angekündigt, entpuppt sich jedoch alsbald als doppeltes Psychogramm zweier Männer, die beide Mitglieder der rechtsradikalen Partei Bloc patriotique sind: Antoine, der Salonliterat und ideologische Vordenker der neuen Rechten ist zudem Ehemann der Chefin des Blocks; Stanko, brutaler Bluthund der Partei aus der Arbeiterklasse muss um sein Leben fürchten, als der Bloc tatsächlich kurz vor der Machtübernahme steht. Leroy bedient sich eines narrativen Kunstgriffs, der nicht unheikel ist: Er verschwindet als Autor komplett hinter seinen Figuren und zwingt seinen Lesern die Perspektive dieser Männer auf, was umso schwieriger ist, da seine Antihelden keine eindimensionalen Typen sind, sondern Figuren mit Gedanken, Gefühlen und einer Geschichte. Ebenfalls im Jahr 2011 macht der Roman Assommons les pauvres ! der indisch-französischen Autorin Shumona Sinha Furore. Hierbei handelt es sich um den autobiografisch anmutenden Bericht einer indischen Übersetzerin in einer französischen Asylbehörde. Eines Tages schlägt sie einem Flüchtling in der Metro eine Flasche auf den Kopf, da sie die Lügengeschichten der Asylsuchenden nicht mehr erträgt. Drei Jahre später veröffentlicht der 22jährige Édouard Louis mit En finir avec Eddy Bellegueule seinen Debütroman, der ihn zum neuen Shootingstar der französischen Literaturszene macht. Ebenfalls in Form einer Autobiografie erzählt Louis von seiner Herkunft als schwuler Jugendlicher aus der Arbeiterklasse. Diese teils drastische Schilderung verknüpft Louis mit der Darstellung von Homophobie und Rassismus in den ländlichen Regionen Frankreichs, hier am Beispiel der Pikardie. Für den wohl größten Skandal seiner bisherigen Karriere sorgt Michel Houellebecq mit seinem Roman Soumission im Januar 2015, dessen Veröffentlichung mit den Attentaten auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo zusammenfällt. Erzählt wird in diesem kontroversen Roman aus der Sicht eines opportunistischen Literaturprofessors von der Machtübernahme einer muslimischen Partei in Frankreich. Diese wurde überhaupt erst möglich, weil die anderen Parteien den Front National als Regierungspartei verhindern wollten – nun herrscht in Frankreich die Scharia. In den Jahren 2017 und 2018 Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 178 erscheinen mit Philippe Bessons Arrête avec tes mensonges und dem Goncourt-Gewinner Leurs enfants après eux von Nicolas Mathieu zwei weitere Romane, die teils autobiografisch vom Leben und Lieben, aber vor allem vom Leiden in und an der französischen Peripherie erzählen. Aus thematisch-inhaltlicher Sicht bedarf es kaum näherer Erläuterungen, da in den vorliegenden Romanen nahezu sämtliche Bruchlinien verhandelt werden, die bereits ausführlich dargestellt wurden. Insofern müssen von literaturwissenschaftlicher Warte aus betrachtet die Befunde von Gauchet und Guilluy zumindest dergestalt relativiert werden, dass bestimmte „fractures“ in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielen, allen voran der Riss zwischen dem urbanen Raum und den ländlichen Regionen bzw. zwischen Eliten und Arbeiterklasse. Gleich sechs der ausgewählten Texte thematisieren diese Beziehung, die von wechselseitigem Hass, Misstrauen und Verachtung geprägt ist. Was mich jedoch über die rein inhaltliche Ebene hinaus interessiert, ist das Zusammenspiel von Inhalt und Erzählweise dieser Romane. So ist es auffällig, dass es sich bei allen Texten um Autobiografien oder zumindest um autofiktionale, mithin autodiegetisch vermittelte Lebensberichte handelt. Anders formuliert: Der klassische allwissende Erzähler scheint ausgedient zu haben. Selbst im Krimi oder in der soziologischen Studie wird die gegenwärtige politische Lage verstärkt über Einzelschicksale erzählt, was als Ausgangsbefund zumindest bemerkenswert erscheint. Im Folgenden sollen drei Texte ausführlicher betrachtet werden, die jeweils der von Bourdieu inspirierten Gattung der Autosoziobiografie zugeordnet werden können,24 nämlich die nicht-fiktionalen Autobiografien von Filippetti, Eribon und Louis. 3. Vom gespaltenen Habitus zur Autosoziobiografie: Eribon, Louis, Filippetti Als im Sommer 2016 mit Rückkehr nach Reims die deutsche Übersetzung von Didier Eribons Retour à Reims erschien, wurde es nahezu einhellig von den zahlreichen Pressestimmen als „Buch der Stunde“ erkannt – das Pressedossier des Verlages listet nicht weniger als 40 Seiten Besprechungen nur aus den deutschsprachigen Feuilletons. Eribon galt in Deutschland bis dato vornehmlich als Foucault-Experte, in Frankreich hingegen als einer der einflussreichsten Theoretiker der LGBT-Community. Seit 24 Vgl. Carlo Spoerhase: Politik der Form. Autosoziobiografie als Gesellschaftsanalyse. In: Merkur 71 (2017), S. 27–37. Gregor Schuhen 179 Rückkehr nach Reims und insbesondere seit dem französischen Wahlkampf hat er sich, gemeinsam mit seinen Schülern Édouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie, in den hiesigen Feuilletons als Vorzeige- Intellektueller der französischen Linken etabliert, sehr viel stärker übrigens als in Frankreich. Für einige Aufmerksamkeit hat vor allem sein öffentlicher Aufruf gesorgt, dass die Wähler im Falle eines Duells Macron vs. Le Pen besser gar nicht wählen gehen sollten. Die Tatsache, dass Rückkehr nach Reims von der Literaturkritik als Buch der Stunde gefeiert wurde, muss insofern verwundern, als die Originalausgabe Retour à Reims in Frankreich bereits 2009 erschienen ist. Zu fragen wäre also zunächst, woran es liegt, dass ein Werk, das sich vordergründig mit zeitaktuellen Problemen beschäftigt – konkret: dem Rechtsruck in Frankreich –, auch nach sieben Jahren offenbar nichts an Aktualität eingebüßt hat. Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Der Rechtsruck hält immer noch an; an den gesellschaftlichen Problemen hat sich in der Zwischenzeit nur wenig geändert – im Gegenteil. Mir scheint aber diese Erklärung zu kurz gegriffen. Einige Rezensionen fokussieren sich sehr stark auf diesen sozialanalytisch orientierten Teil des Buches. Für Literaturwissenschaftler jedoch ist das Werk nicht nur zeitdiagnostisch von Relevanz, sondern vor allem auch aufgrund seiner gattungsspezifischen Hybridität. Tatsächlich ist es schwierig, Eribons Text in eine Schublade zu stecken, da er seinen Lesern eben nicht nur eine profunde soziologische Studie über die aktuelle politische Lage in Frankreich anbietet, sondern diese einbettet in seine eigene Autobiografie. Insofern stellt Retours à Reims die Verquickung von autodiegetischer Mikro- und gesellschaftspolitischer Makroebene dar. Auch wenn diese Ebenen im Werk selbst auf den ersten Blick eher getrennt bzw. alternierend verhandelt werden, ist es nicht möglich, nur die eine oder nur die andere Komponente in den Blick zu nehmen, da es Eribon gelingt, beide Seiten miteinander zu verzahnen und zwar mithilfe zweier literarischer Stilfiguren: der Synekdoche einerseits und dem Chiasmus andererseits. Durch den Wechsel zwischen autobiografischem Narrativ und gesellschaftsdiagnostischen Passagen scheint Eribon sein Einzelschicksal parspro-toto-haft einzubetten in ein gesamtgesellschaftliches Panorama. Dieser Befund erweist sich jedoch bei genauerer Betrachtung als trügerisch, da beide Ebenen chiastisch miteinander verknüpft sind: Während das erzählende Ich die Aufstiegsgeschichte vom Arbeiterkind zum Intellektuellen vermittelt, erzählt der Soziologe das Gegenstück, nämlich den Wandel der französischen Nachkriegsgesellschaft von der Siegernation zur Abstiegsgesellschaft. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 180 Bereits ein Jahr vor Rückkehr nach Reims erschien hierzulande mit Das Ende von Eddy das als Roman deklarierte autobiografische Erstlingswerk von Édouard Louis, paratextuell eingeleitet durch eine Widmung für Didier Eribon. Die Bedeutung dieser Widmung erschließt sich erst vollends nach der Lektüre des schmalen Textes, da der Lebensbericht sehr stark an die autobiografischen Passagen aus Retour à Reims erinnert. In Frankreich erschien En finir avec Eddy Bellegueule im Jahr 2014, d. h. fünf Jahre nach der Veröffentlichung von Eribons Werk. Wie in Retour à Reims stehen bei Louis vor allem zwei Aspekte im Vordergrund: soziale Scham und sexuelle Stigmatisierung. Ich werde mich im Folgenden primär auf den ersten Punkt und damit auf die schichtspezifischen Aspekte konzentrieren. Im dritten Text, der die Klassen-Thematik bereits im Titel trägt, handelt es sich ebenfalls um ein literarisches Debüt: Les derniers jours de la classe ouvrière von Aurélie Filippetti. Die deutschen Übersetzer haben dem Titel die Erläuterung „Ein Familienroman“ hinzugefügt. Der Untertitel der deutschen Ausgabe ist insofern durchaus programmatisch, als Filippetti weniger ihre eigene Autobiografie schreibt als diejenige ihrer Familie: Es ist damit die Geschichte italienischer Einwanderer, die in den 1920er Jahren in großen Mengen vor dem Faschismus nach Frankreich geflüchtet waren, um sich dort vor allem in Lothringen niederzulassen, dem „Herzen des Stahls“, wie es im Roman selbst refrainartig wiederholt wird. Sowohl aus extra- als auch intradiegetischer Sicht lässt sich demnach festhalten, dass es sich bei allen drei Texten um Aufsteigergeschichten handelt: Eribon avanciert – in der Gefolgschaft Bourdieus – zu einem der derzeit meist beachteten Soziologen Frankreichs; Filippetti schafft es als Kulturministerin unter François Hollande in höchste Regierungskreise; Louis studiert an der ENS, ist erfolgreicher Schriftsteller, Gastprofessor an der Freien Universität Berlin und positioniert sich zusehends als Intellektueller der radikalen Linken. Es wäre demnach zu erwarten, dass den drei autobiografischen Texten im Kern etwas Hoffnungsvolles, Optimistisches, ja Versöhnliches innewohnt: Schaut her, der Aufstieg ist möglich, wir haben es geschafft – ‚The American Dream à la française‘ sozusagen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall und das liegt in erster Linie an der Erzählweise der Texte. Beginnen möchte ich meine Anmerkungen mit Louis’ Eddy Bellegueule, dem aus erzähltechnischer Sicht sicherlich konventionellsten der drei Texte. Dass es sich hierbei um eine Autobiografie im klassischen Sinne handelt, erschließt sich nicht auf den allerersten Blick, auch wenn gleich der erste Satz des Romans den autodiegetischen Erzähler einführt: Gregor Schuhen 181 „De mon enfance, je n’ai aucun souvenir heureux.“25 Die Verunsicherung auf Seiten des Lesers ist dem ersten Satz noch vorgelagert und verdankt sich zum einen der Inkongruenz der beiden Eigennamen Édouard Louis und Eddy Bellegueule und zum anderen der Gattungsbezeichnung „Roman“. Um einen weiteren Terminus des Narratologen Genette zu zitieren: Die initiale Verunsicherung ist auf der Schwelle des Textes zu situieren und ist somit den Paratexten des Romans geschuldet. Zu den Paratexten zählt Genette neben Vor- und Nachwörtern, Klappentexten und Widmungen eben auch Autorennamen, Werktitel und Genrezuordnungen. Paratexte dienen Genette zufolge dazu, den Text zu rahmen, ihn zu verlängern, ihn „präsent zu machen, und damit seine Rezeption und seinen Konsum [...] zu ermöglichen.“26 Mit anderen Worten: Der Paratext führt den Leser über die Schwelle – so der Originaltitel des Buchs, Seuils – des Textes und formatiert damit auch den Erwartungshorizont des Rezipienten. Im Falle Louis kann man also beobachten, dass die beiden Paratexte, die den Autorennamen sowie den des erzählenden Helden vorstellen, eine nominale mésalliance begründen, wodurch die Erwartungen des Lesers an eine klassische Autobiografie konterkariert werden. Mit Philippe Lejeune, auf den ich noch zurückkommen werde, ließe sich sagen, dass diese nominale Inkongruenz den „autobiographischen Pakt“ zwischen Text und Leser stört.27 Zur Lösung dieses Problems mag ein Blick in Paratexte, wie den Wikipedia-Eintrag zu Édouard Louis beitragen, wo man – gleichsam als Komplementärlektüre – nachlesen kann, dass Édouard Louis 1992 als Eddy Bellegueule geboren wurde und 2013, d. h. ein Jahr vor der Veröffentlichung des Romans, seinen Namen aktenkundig geändert hat. Nach der Lektüre des Romans selbst ändert sich nichts an der diesbezüglichen Irritation, da man im Roman selbst nichts über diese Namensänderung oder die möglichen Gründe dafür erfährt. Gleichwohl wird der Name des Protagonisten gleich im ersten Kapitel des Romans thematisiert: [Mon père] avait décidé de m’appeler Eddy à cause des séries américaines qu’il regardait à la télévision (toujours la télévision). Avec le nom de famille qu’il me transmettait, Bellegueule, et tout le passé dont 25 Édouard Louis: En finir avec Eddy Bellegueule. Paris 2014, S. 13. Dt.: „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung.“ (Das Ende von Eddy. Aus dem Franz. v. Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt/M. 2015, S. 11). 26 Gerard Genette: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt/M./New York/Paris 1989, S. 9. 27 Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt. Frankfurt/M. 1994. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 182 était chargé ce nom, j’aillais donc me nommer Eddy Bellegueule. Un nom de dur.28 Auch wenn der Roman die konkreten Gründe für den Namenswechsel verschweigt, so bekommt man doch ein recht deutliches Gespür für dessen mögliche Motivation, ist doch das Leben von Eddy im Wesentlichen durch drei Faktoren geprägt: durch Ekel, soziale Scham und Gewalt. Gleich die erste Handlungssequenz des Romans beschreibt mit einem beinahe unerträglichen Realismus ein alltägliches Ritual aus Eddys Schulzeit, in dem Täter- und Opferrollen klar definiert sind: Dans le couloir sont apparus deux garçons, le premier, grand, aux cheveux roux, et l’autre, petit, au dos voûté. Le grand aux cheveux roux a craché Prends ça dans ta gueule. Le crachat s’est écoulé lentement sur mon visage, jaune et épais, comme ces glaires qui obstruent la gorge des personnes âgées ou des gens malades, à l’odeur forte et nauséabonde. […] Il suffirait d’une fraction de seconde, d’un geste minuscule pour que le crachat n’entre pas en contact avec mes lèvres, mais je ne le fais pas, de peur qu’ils se sentent offensés. […] La violence ne m’était pourtant pas étrangère, loin de là.29 Diese Ouvertüre des Romans führt in nuce – also durchaus im musikalischen Sinne des Wortes – die Kernthemen des weiteren Erzählverlaufs ein: sowohl das familiäre als auch das schulische Umfeld werden als dunkle Zonen beschrieben, in denen Ekel und Scham sowie Angst und Gewalt in allen möglichen Nuancierungen die dominanten Affekte darstellen. Um auf den Namenswechsel zurückzukommen, liest sich diese Szene – und ich möchte daran erinnern, dass es sich um die erste des Tex- 28 Louis, En finir avec Eddy Bellegueule, S. 24. Dt.: „[Mein Vater] hatte beschlossen, mich Eddy zu nennen, inspiriert von den amerikanischen Serien, die er im Fernsehen sah (das ewige Fernsehen). Dazu bekam ich die ganze Vergangenheit mit, die zu meinem Namen gehörte, Bellegueule. Ich würde also Eddy Bellegueule heißen. Der Name eines echten Kerls.“ (Das Ende von Eddy, S. 22f.). 29 Ebd., S. 13. Dt.: „Im Flur tauchten zwei Jungen auf, einer war groß und rothaarig, der andere klein und mit krummem Rücken. Der Rothaarige spuckte mich an: Da, voll in die Fresse. Die Rotze rann langsam mein Gesicht hinab, gelb und dick, wie der heisere Schleim aus der Kehle von Alten oder Kranken, sie roch stark, übelkeitserregend. [...] Ein Sekundenbruchteil, eine kleine Bewegung, und die Spucke würde meine Lippen nicht berühren, aber ich lasse es sein, aus Angst, es könnte sie beleidigen, aus Angst, sie könnten mir noch mehr zusetzen. [...] Dabei war mir Gewalt nicht fremd, alles andere als das.“ (Das Ende von Eddy, S. 11f.). Gregor Schuhen 183 tes handelt – als ein pervertiertes Taufritual, aus dem der Name Bellegueule als Stigma30 hervorgeht – sowohl auf der subjektiven als auch der sozialen Ebene. Des Weiteren erzeugt die Duplizität des Namens einen Riss, der sich durch den gesamten Roman zieht: Eddy Bellegueule verweist auf das soziale Milieu der Arbeiterklasse, während Édouard Louis emblematisch auf das Intellektuellenmilieu deutet, in dem sich das neue Leben des Autors heutzutage abspielt. Die Namensänderung, die wohlgemerkt kein Pseudonym ist, sondern einen performativen juristischen Akt kennzeichnet, verhindert jegliche Versöhnung dieser beiden Sphären: Der Bruch bleibt sichtbar und spürbar, weit über die Grenzen des Textes hinaus. Man könnte hier von einer Art Schizophrenie sprechen und das sowohl im psychologischen als auch sozialen Sinne, die auf literarische Weise den gebrochenen Charakter des Textes und des Protagonisten hervorhebt. Dieser Kunstgriff wiederum – und hier kommt einmal mehr die Narratologie ins Spiel – wird überhaupt erst durch die autodiegetische Erzählweise möglich. Anders jedoch als in klassischen Autobiografien, in denen sich erzählendes und erzähltes Ich im Verlauf der Erzählung immer weiter annähern, findet hier eine zunehmende Dissoziation beider Instanzen statt. Es sei nämlich darauf hingewiesen, dass der Text nicht im Hier und Jetzt des Autors endet, sondern schon mit seinem Eintritt in das Internat von Amiens im Jahr 2008. Es ist bezeichnend, dass uns Louis die eigentliche Erzählung seines sozialen Aufstiegs vorenthält, der – wie bereits gesagt – bis zur elitären Pariser Ecole Normale Supérieure führt. Anders formuliert: Louis beendet seine Autobiografie mit einem blanc, das ebenfalls den Bruch zwischen den beiden Welten aufrechterhält. Trotz seines persönlichen Erfolgs liefert uns Louis keine optimistische Vision – im Gegenteil: der Autor inszeniert sich überdeutlich als Ausnahme von der Regel; der Riss ist somit weiterhin intakt. Es bleibt am Ende des Textes das Gefühl zurück, dass uns hier ein Arrivierter nach der erfolgreichen Abjektion seiner sozialen Herkunft eben jenes Arbeitermilieu so pietätlos präsentiert, dass wir an gewisse TV-Formate denken müssen, die man in Deutschland gern spöttisch als „Hartz4-TV“ bezeichnet. Sie kultivieren den Sozialvoyeurismus und nehmen den sogenannten Abgehängten auch noch den letzten Rest Würde – die Arbeiterklasse wird als Menschenzoo inszeniert. Eribons Text Retour à Reims, der im Titel sicherlich nicht zufällig an Rossinis Oper Il viaggio a Reims erinnert, hat Louis zur Niederschrift seines Debütromans inspiriert, den er wie erwähnt Didier Eribon widmet. Im Gegensatz zu Louis nutzt Eribon das autobiografische Narrativ 30 Ganz im Sinne von Erving Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt/M. 1975. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 184 lediglich als alternierende Rahmenerzählung, um davon ausgehend eine Zeitdiagnose der französischen Gesellschaft vorzunehmen. Im Gegensatz zu Rossinis opera buffa, an deren Ende der Lobgesang Frankreichs und seines Monarchen steht, präsentiert uns Eribon auf vollkommen unironische Weise den Grabgesang der Grande Nation. Auch wenn sich Eribon, was die eigenwillige und zugleich hybride Komposition seines Textes angeht, von Bourdieus Esquisse pour une auto-analyse (2004) hat inspirieren lassen, so lässt sich diese Form der kompositorischen Hybridität auch als weitere Variation des Riss-Motivs lesen, da sich autobiografische und soziologische Passagen zwar gegenseitig erklären, aber sich letztlich doch recht unversöhnlich gegenüberstehen. Hier das Arbeiterkind, dort der Sozialtheoretiker; Eribon selbst charakterisiert seinen Text als „autobiographie transfigurée en analyse historique et théorique“.31 Da die autobiografischen Passagen im Kern sehr stark an Louis’ Lebensgeschichte erinnern, möchte ich lediglich auf die analytischen Teilkapitel eingehen, die das Private ins Politische überführen bzw. auf die wenigen Schnittstellen zwischen den beiden Sphären. Eribon verwendet an diesen Stellen Bourdieus Habitus-Modell und schreibt vom eigenen gespaltenen Habitus,32 d. h. er selbst benutzt für sich dieselbe Trennungsmetaphorik, die auch in den gesellschaftsdiagnostischen Passagen als heuristisches Instrument zum Einsatz kommt. Er spricht durchgängig von seinem verworfenen Selbst, wenn er die Vergangenheit thematisiert und verwendet dafür den starken Begriff der „abjection“,33 der zurzeit, nachdem ihn Julia Kristeva zu Beginn der 1980er Jahren in die psychoanalytisch-feministische Literaturwissenschaft eingeführt hatte, eine veritable Renaissance erfährt, insbesondere in der Prekariatsforschung. Imogen Tyler spricht in ihrer Analyse der neoliberalen Gesellschaft Großbritanniens von sozialer Abjektion als Prozess radikaler Unterwerfung, der aus den Abjektierten im buchstäblichen Sinne Verworfene macht, „to be one who repeatedly finds [himself] the object of the other’s violent disgust.“34 Entscheidend für meine Lesart ist das Momentum des Ekels, das den Sozialmechanismus der Abjektion bestimmt. Im Gegensatz zur radikalen Exklusion 31 Didier Eribon: Retour à Reims. Paris 2009, S. 22. Dt. Rückkehr nach Reims. Aus dem Franz. v. Tobias Haberkorn, Frankfurt/M. 2016, S. 20: „eine zur historischen und theoretischen Analyse geformte Autobiografie“. 32 Vgl. ebd., S. 14; dt.: S. 12. 33 Ebd., S. 23; dt.: S. 21. Der Begriff, der eine auf Ekel basierende Form von Abspaltung beschreibt, geht zurück auf Julia Kristeva: Pouvoirs de l’horreur. Essai sur l’abjection. Paris 1980. 34 Imogen Tyler: Revolting Subjects: Social Abjection and Resistance in Neoliberal Britain. London 2013, S. 4. Gregor Schuhen 185 handelt es sich bei der Abjektion um eine, wie Tyler es nennt, „inclusive exclusion“,35 was bedeutet, dass die mit Ekel besetzten Verworfenen keineswegs vollkommen aus der Gemeinschaft verbannt werden, sondern an den Grenzen des Gesellschaftskörpers ihre prekär-liminale Existenz fristen. So wie der lebende Organismus seinen Ausscheidungsapparat braucht, um seine Gesundheit zu erhalten, so braucht der Sozialkörper seine abjekten Teile, um sich als normiertes und normierendes Kollektiv seiner eigenen Integrität zu versichern. Man könnte nun einwenden, dass die Abjektierten aufgrund ihrer liminalen Existenz die Grenzen infrage stellen, d. h. die gesellschaftlichen Bruchlinien nivellieren – Tyler spricht von den „revolting subjects“. Sehr viel eher kann man jedoch zum Schluss kommen, dass die Verworfenen oder – wie es heute immer wieder heißt – die Abgehängten exakt diese Bruchlinie verkörpern. Beides schließt sich keineswegs aus. Die Werke von Louis und Eribon legen auf verschiedenen Ebenen Zeugnis ab von diesen Strukturprinzipien und zwar auf der gesellschaftlichen, der subjektiven und der kompositorischen Ebene ihrer Texte. Man könnte im Hinblick auf die ersten beiden von der Diffundierung gesellschaftlicher Machtstrukturen in die psychologische Tiefenstruktur ihrer Subjekte sprechen, was Foucault unter den Begriff assujettissement fasst oder was Butler als Sedimente in Psychic Life of Power kategorisiert hat.36 Übrigens haben Eribons Retour à Reims und Butlers Studie zudem gemein, dass sie jeweils Scharnierpositionen im Denken der beiden Autoren einnehmen, die von rein geschlechtsspezifischen Fragestellungen zusehends wegführen und sich vermehrt allgemeineren ethisch-machttheoretischen Problemlagen zuwenden. In den autobiografischen Passagen thematisiert Eribon diesen Umschwung im eigenen Denken, indem er sich klar macht, dass er immer nur über seine sexuelle Scham angesichts der eigenen Homosexualität, jedoch niemals über seine soziale Scham angesichts seiner Herkunft geschrieben habe. Auch hier greift der Abjektionsmechanismus und zwar hinsichtlich des sozialen Selbst – so wie wir es bereits bei Louis festgestellt haben. Bezeichnenderweise nennt sich Eribon selbst nicht einen sozialen Aufsteiger, sondern einen „transfuge de classe“, d. h. einen „sozialen Überläu- 35 Vgl. Imogen Tyler: What is social abjection? Online-Publikation, abrufbar unter: https://socialabjection.wordpress.com/what-is-social-abjection/ (letzter Zugriff: 16.12.2018). 36 Foucault entwirft sein zentrales Konzept des „assujettissement“ in vielen seiner Werke. Vgl. u. a. Michel Foucault: L’histoire de la sexualité I. La volonté de savoir. Paris 1976, S. 112; darauf Bezug nehmend Judith Butler: The Psychic Life of Power. Theories in Subjection. Stanford 1997. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 186 fer“,37 der sein altes Ich unwiederbringlich hinter sich gelassen hat und dessen Familie ihm denselben Ekel einflößt, der dieser stets von Seiten der Gesellschaft entgegengebracht wurde. Diese individuelle Perspektivierung auf die Spaltung der Gesellschaft wiederum wird ermöglicht durch die autodiegetische Rahmung des Textes. Über Louis hinausgehend verläuft der Bruch jedoch nicht nur zwischen erzähltem und erzählendem Ich, sondern besteht zudem in der Kontiguität der Textsorten Sozialstudie und Lebensbericht. Eribons Werk wurde besonders für die Tatsache gefeiert, dass er in den sozialtheoretischen Passagen deutlich macht, dass der revoltierende Gestus der ehemaligen Arbeiterklasse heute nicht mehr darin besteht, sich den radikalen Linken zuzuwenden, sondern vielmehr darin, in den neuen Rechten die einzigen zu erkennen, die sich noch für ihre existenziellen Probleme interessieren – tatsächlich war in Frankreich über Jahrzehnte hinweg die Kommunistische Partei die bevorzugte Partei der Arbeiterklasse. Sowohl Eribons als auch Louis’ Familie wählen heute den Front National – das vielfach erörterte Versagen der Linken steht in ihren Analysen entsprechend im Fokus. Eribon war jedoch nicht – wie häufig zu lesen war – der Erste, der auf diese Dynamiken aufmerksam gemacht hat. Dieser Hinweis leitet zum dritten und letzten Text über: In Les derniers jours de la classe ouvrière schreibt Aurélie Filippetti über sehr ähnliche Probleme wie Louis und Eribon. Sie gehört zwar ebenfalls zur Gruppe der sozialen Überläufer, wurde aber als Schriftstellerin mit sehr viel weniger Aufmerksamkeit bedacht. Als Tochter eines Minenarbeiters und Enkeltochter italienischer Einwanderer hat sie es ebenfalls geschafft, sich einen Studienplatz an der ENS zu verschaffen, wo sie klassische Literatur studiert hat. Ihren Debütroman hat sie lange vor dem bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere geschrieben, d. h. vor ihrer Amtszeit als Kulturministerin. Trotz der autobiografischen Anteile des Romans schreibt Filippetti nicht im autodiegetischen Stil, d. h. man findet im gesamten Text kein „je“, außer in den wenigen dialogischen Passagen. Insofern ist der deutsche Untertitel „Ein Familienroman“ durchaus gerechtfertigt: Es handelt sich bei Les derniers jours de la classe ouvrière eher um die Chronik ihrer Familie sowie um eine Hommage an ihre Heimatregion Lothringen. Nach der Theorie Le- 37 Eribon, Retour à Reims, S. 25; dt.: S. 23. Die Philosophin Chantal Jaquet hat in Anlehnung an Eribon den Begriff des „transclasse“ in die Sozialforschung eingeführt und die Unwahrscheinlichkeit solcher Biografien gezeigt. Vgl. Chantal Jaquet: Les transclasses ou la non-reproduction. Paris 2014. Gregor Schuhen 187 jeunes stellen Autobiografien, die nicht in der ersten Person Singular geschrieben sind, einen Sonderfall der Gattung dar. Von sich selbst in der dritten Person zu sprechen kann entweder einen immensen Stolz voraussetzen (etwa in den Kommentaren Cäsars oder in manchen Texten General de Gaulles) oder eine gewisse Form der Bescheidenheit. In beiden Fällen geht der Erzähler auf Distanz zu seiner eigenen früheren Person und sieht sich mit dem Blick der Geschichte.38 Was man sicherlich bei Filippetti mitbedenken muss, ist, dass sie als Absolventin im Bereich der Lettres classiques um die Ambivalenz ihrer eigenen écriture weiß, da sie sowohl mit Literaturtheorie als auch den antiken Autoren bestens vertraut sein dürfte, was sie auch im einzigen Kapitel des Romans, das ihren eigenen Werdegang behandelt und zwar ganz konkret ihre Studienzeit in Paris, zum Ausdruck bringt. Dort räsoniert sie u. a. über Berenike, über Titus – und auch über Cäsar. Immenser Stolz oder Bescheidenheit – man könnte ihr nach Lektüre des Romans sicherlich beides attestieren. Was die Länge von nur fünf Seiten angeht, die sie ihrem eigenen Lebensbericht zugesteht, läge der Bescheidenheitsverdacht sicher nahe. Das Gefühl des radikalen Andersseins, das Louis und Eribon in ihren Werken durchgängig thematisieren, taucht lediglich in diesem kurzen Kapitel auf, das mit „Au Luxembourg“ überschrieben ist – jenem Pariser Ort, der seit jeher als Distinktionsort der Oberschicht gilt. Une ombre de différence, comme un goût de râpeux dans sa bouche, chaque fois. La fierté même était douloureuse. Ça ne la quittait plus. Penser à sa famille, aux habitudes et à la vie qui avaient été elle, enfant, devenues étrangères, pire, impensables à présent, inappropriées. Deux vies, l’une pour les siens et l’autre pour elle. Rien de psychologique, que du social. C’est tout.39 38 Lejeune, Der autobiographische Pakt, S. 17. 39 Aurélie Filippetti: Les derniers jours de la classe ouvrière. Paris 2003, S. 86 (Herv. G. S.). Dt.: Das Ende der Arbeiterklasse. Ein Familienroman. Aus dem Franz. v. Angela Sanmann. Frankfurt/M. 2014, S. 96f.: „Der Schatten eines Unterschieds, wie ein herber Geschmack im Mund, jedes Mal. Selbst der Stolz tat ihr weh. Das ließ sie nicht mehr los. Der Gedanke an ihre Familie, an die Gewohnheiten und das Leben, die einmal ihr gehört hatten, als Kind, sie waren ihr fremd geworden, undenkbar jetzt, unangemessen. Zwei Leben, das eine für die ihren und das andere für sich selbst. Nichts Psychologisches, nur Soziales. Das ist alles.“ Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 188 An keiner anderen Stelle des Romans wird das Thema der Spaltung direkter verhandelt und das im einzigen genuin autobiografischen Kapitel. Vor allem im Vergleich mit Eddy Bellegueule bemerkt man hier einen anderen Erzählton. Während sich Louis eines überwiegend zynischen Hyperrealismus bedient, der den Ekel und die Wut des sozialen Dissidenten zum Ausdruck bringt, zelebriert Filippetti eine melancholische Nostalgie. Das Ergebnis ist dasselbe: die Abjektion ihres früheren Selbst – hier unterstrichen durch den Gebrauch des Plusquamperfekt. Auch Louis nutzt die Tempussemantik für die Darstellung von Stimmungen: Das Spuckritual ist im Perfekt beschrieben, während die resultierenden Gefühle von Angst, Ekel und Scham im Präsens stehen und solcherart die Persistenz des Ekels ausdrücken. Die Rezensionen von Filippettis Debüt waren erstaunlich homogen in der Beurteilung: Man würdigt die Leistung, einen nahezu unbekannten Teil französischer Regionalgeschichte geschrieben zu haben, aber moniert eine Überdosis Pathos. Der Einsatz von Pathos bestimmt vor allem die Passagen, die den Niedergang Lothringens zeichnen: vom ehemaligen industriellen Zentrum Frankreichs zu einer der Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit. So wird am Ende des Romans die wiederkehrende Formel „Lorraine, cœur de l’acier“ / „Lothringen, Herz des Stahls“ mit dem Herzen ihres eigenen Vaters Angelo parallel geschaltet, das aufhört zu schlagen, nachdem die letzte Erzmine geschlossen wurde. Abschließend soll noch die Komposition des Romans in den Blick genommen werden: Während Louis seine Autobiografie klassisch-chronologisch erzählt, erinnert Filippettis Familienchronik eher an ein kubistisches Gemälde. Die Einzelkapitel von recht unterschiedlicher Länge springen zwischen den Generationen und Zeitläuften: Sie weisen mithin kaum narrative Kohärenz auf – eine Erzähltechnik, die vielleicht nicht zufällig an die Arbeitsweise von Minenarbeitern erinnert, die immer nur Stückwerk aus den Tiefen des Erdreichs hervorbringen können. Aus narratologischer Sicht übersetzt dieser Mangel an Kohärenz vor allem den gleichsam rissigen Charakter des Textes, der wiederum nicht nur die Zerrissenheit der Erzählerin andeutet, sondern ebenfalls diejenige der Region Lothringen zwischen ihrer Arbeitertradition und den Herausforderungen der Globalisierung, zwischen ihrer sozialistisch-kommunistischen Vergangenheit und den 30% für den Front National heutzutage, zwischen Bescheidenheit und Stolz, Wut und Resignation. So wie Eribon und Louis keine Heilungsvisionen für den gespaltenen Gesellschaftskörper liefern, so bietet auch Filippetti nur eine Möglichkeit an: die Flucht aus dem Milieu. Insofern stehen alle drei Texte in der französischen Tradition der littérature engagée und stellen eher düstere Requien auf den Un- Gregor Schuhen 189 tergang der Grande Nation dar, was in den Titeln von Louis und Filippetti bereits überdeutlich anklingt. 4. Schluss: Rückkehr der littérature engagée Dieser Befund ließe sich auch für die anderen Erzähltexte geltend machen, die weiter oben kursorisch vorgestellt wurden. Das Verschwinden des auktorialen Erzählers, jenem Second Dieu Balzac’scher Prägung, zugunsten solipsistisch generierter Zeitdiagnostik befördert das Gefühl des Unbehagens in der Kultur auf gleichsam konzentrische Weise und verhindert gleichzeitig prophetische Ausblicke in die Zukunft. 40 Die gattungsbestimmende Trennung von erzählendem und erzähltem Ich sowie die interne Fokalisierung der Erzählungen befördern Unversöhnlichkeit und die Abwesenheit von Perspektiven. Die doppelte, d. h. temporale und soziale Distanzierung zur Vergangenheit und zum eigenen Herkunftsmilieu wird bei Louis u. a. durch ein bewusst platziertes blanc, bei Eribon durch den zugleich objektivierenden und abjektierenden Blick des Soziologen und bei Filippetti durch den Verzicht auf das autobiografische Je erreicht. Bei Houellebecqs Erzähler ist es der aseptische Zynismus, der die gesellschaftlichen Umwälzungen auf Distanz hält, bei Leroy wiederum das abwechselnde Erzählen in der zweiten und ersten Person Singular, wobei dort nur das „tu“ des rechten Intellektuellen distanzierend wirkt, während das „je“ des rechtsradikalen Killers eine unangenehme Nähe erzeugt, die (die Gesamtkomposition betreffend) das Gefühl der Spaltung an den Leser delegiert. Sinhas Assommons les pauvres ! zitiert nicht nur im Titel das gleichnamige Gedicht von Baudelaire, sondern die Autorin verfasst ihren düsteren Lebensbericht über die Tätigkeit in der Asylbehörde in einem solch lyrisch-elaborierten Stil, dass der Eindruck des Risses sich vor allem der Diskrepanz zwischen sprachlichem Register und Inhalt verdankt – gleiches gilt für Jourdes Pays perdu, der einzige Text übrigens, der (bisher) nicht ins Deutsche übertragen wurde. Somit bleibt am Ende Folgendes festzuhalten: Das Narrativ der gespaltenen Gesellschaft Frankreichs bestimmt nicht nur den medialen und sozialwissenschaftlichen Diskurs, sondern prägt die Erzählliteratur in gleichem Maße. Dabei schöpft die Literatur die gesamte Bandbreite ihrer Möglichkeiten aus und verhandelt das Thema nicht nur auf der Ebene 40 Auch wenn den Texten Houellebecqs immer wieder solche prophetischen Qualitäten zugesprochen werden, insbesondere Soumission. Vgl. dazu Julia Emcke: Wer ist Michel Houellebecq? Porträt eines Provokateurs. Berlin 2018, bes. S. 183-217. Spaltungen, Risse, Ungleichheiten 190 des récit, sondern vor allem auch auf der des discours: Erzählposition, Kompositionstechnik und sprachlicher Stil loten die Bruchlinien der Erfahrung aus und schreiben sie zugleich fest. 191 Diskriminierung durch Sprache Ein Überblick Katharina Turgay Es gibt Worte, die gehen in den Kopf wie Splitter ins Fleisch: Man merkt es nicht. Erst nach einer Weile fangen sie an zu schmerzen und zu eitern, und oft hat man seine liebe Not, ehe man sie wieder rauskriegt. Jeremias Gotthelf (1797–1854) 1. Verletzende Sprache Unter Gewalt wird normalerweise eine Verletzung des Körperlichen durch etwas Körperliches, also physische Gewalt verstanden. Aber auch mit Sprache kann Gewalt ausgeübt werden. Bei durch Sprache verursachter Gewalt werden psychische Verletzungen erzielt. Sprachliche Gewaltausübung ist „nicht weniger real oder effektiver als physische Gewalt“.1 Sie wird als „mögliche Vorstufe von körperlicher Gewalt“ beschrieben.2 Es gibt verschiedene Intensitätsstufen von sprachlicher Gewalt. Diese beginnen bei einfachen Beleidigungen und Drohungen, [gehen] über strukturelle Formen der Diskriminierung, der Missachtung und des sozialen Ausschlusses bis hin zu Propaganda und Verhetzung sowie neuartigen 1 Steffen K. Herrmann/Hannes Kuch: Verletzende Worte. Eine Einleitung. In: Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Verachtung. Hrsg. von Steffen K. Herrmann u. a. Bielefeld 2007, S. 179. 2 Peter Schlobinski/Michael Tewes: Sprache und Gewalt. Einführung ins Themenheft. In: Der Deutschunterricht (2007), Nr. 49.5, S. 5. Diskriminierung durch Sprache 192 Formen sprachlich-symbolischer Gewalt, die mit den neuen sozialen Medien einhergehen.3 Verbale Gewalt hat viele Gesichter. Jemanden diffamieren und diskriminieren, ihm drohen, ihn herabsetzen, ihn mobben, beschimpfen, über ihn spotten, ihn verhöhnen, bloß stellen, sich über ihn lustig machen, ihn verunglimpfen und mit Worten ausgrenzen – all dies sind Formen verbaler Gewalthandlungen.4 Demnach kann „Sprache nicht nur Gewalt beschreiben, ausdrücken oder artikulieren, sondern auch Gewalt ausüben und andere verletzen“.5 Judith Butler beschreibt Sprechen als körperlichen Akt, der Körper und Geist verbindet.6 Der Körper trägt den intentionalen Ursprung von Aussagen nach außen. Da Sprechen auch durch Mimik und Gestik geprägt ist, können para- und nonverbale Aspekte Aussagen bedrohlich oder verletzend wirken lassen, selbst wenn dies nicht die ursprüngliche Intention war. Im Extremfall kann sich das Sprechen sogar einer bewussten intentionalen Kontrolle – beispielsweise bei einem Wutanfall – entziehen. Neben vielen anderen Handlungen können gewaltsame oder beleidigende Handlungen wie bei Drohungen, Mobbing oder Propaganda durch sprachliche Äußerungen vollzogen werden. Durch eine (ideologische) Überzeugung der Sprecher*in wird das physische Wohlbefinden der Empfänger*in bedroht oder sogar verletzt. Verantwortlich für die „hate speech“ ist das Subjekt und nur selten die Urheber*in: Obgleich das Subjekt zweifellos spricht und es kein Sprechen ohne Subjekt gibt, übt das Subjekt nicht souveräne Macht über das aus, was es sagt.7 Sprache ist mächtig und „verbale Gewalt ist eine Form, um Macht über andere Menschen auszuüben“.8 3 Gerald Posselt/Matthias Flatscher: Sprachphilosophie. Wien 2016, S. 244. 4 Schlobinski/Tewes, Sprache und Gewalt. Einführung ins Themenheft, S. 5. 5 Posselt/Flatscher, Sprachphilosophie, S. 244. 6 Judith Butler: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt/M. 2006. 7 Ebd., S. 60. 8 Schlobinski/Tewes, Sprache und Gewalt. Einführung ins Themenheft, S. 5. Katharina Turgay 193 In diesem Beitrag soll es darum gehen, Aspekte sprachlicher Gewalt darzustellen, die einen solchen aggressiven Charakter haben. Verbale Aggression liegt nach Topczewska9 dann vor, wenn die Äußerung von mindestens einer Kommunikationsteilnehmer*in „als aggressiv empfunden wird“. Dies bedeutet, dass verbale Aggression nicht intendiert sein muss. Die Sprecher*in muss nicht die Absicht haben, eine andere Person anzugreifen. Die Sprecher*in verwendet dabei aber ein „Äußerungsmuster, das in der gegebenen Situation als aggressiv interpretiert werden kann“.10 In diesen Fällen liegt dann zwar nicht eine aggressive Illokution vor, der perlokutionäre Effekt kann jedoch ein aggressiver sein, der sich in Form von „Beleidigtsein, Empörung, Verärgerung, Angst, usw.“ äußert.11 Aggressive Sprechakte sind nach Searle12 Expressiva. Expressive Sprachakte sind solche, bei denen es um den direkten Ausdruck von Gefühlen und Emotionen der Sprecher*in geht, was auch negative Gefühle umfasst. Dabei müssen expressive Sprechakte von expressiven Ausdrücken unterschieden werden, auch wenn beide oft einfach als Expressiva bezeichnet werden. Expressiva im semantischen Sinne sind solche Ausdrücke, die bereits lexikalisch eine Emotion kodieren und zwar auf eine nicht-beschreibende Art und Weise. Gängige Expressiva sind beispielsweise expressive Adjektive oder, besonders relevant für diesen Artikel, negative Epitheta (Schimpfwörter) (1b): (1) a. Ich habe einen Pechtag: Der verdammte Hund hat die ganze Nacht gebellt und jetzt ist auch noch mein verfluchter Reifen platt. b. Der Idiot Hans kommt mal wieder zu spät. Wichtig ist, dass solche expressiven Ausdrücke lediglich die Gefühle der Sprecher*in zum Ausdruck bringen, anstatt den Referenten genauer zu charakterisieren. So trägt beispielsweise verdammt in (1a) nicht zu der weiteren Beschreibung des Hundes bei, sondern drückt aus, dass die Sprecher*in von (1a) negative Gefühle gegenüber diesem Hund (und der 9 Urszula Topczewska: Was sind aggressive Sprechakte? In: Verbale Aggression. Multidisziplinäre Zugänge zur verletzenden Macht der Sprache. Hrsg. von Silvia Bonacchi. Berlin 2017, S. 35. 10 Ebd. 11 Ebd. 12 John R. Searle: Intentionality. An Essay in the Philosophy of Mind. Cambridge 1985. Diskriminierung durch Sprache 194 Tatsache, dass er die ganze Nacht gebellt hat) empfindet. Der Unterschied zwischen beschreiben und ausdrücken findet sich auch bei der Unterscheidung von Sprechakten wieder. Während assertive Sprechakte eher als beschreibend bezeichnet werden, drücken expressive Sprachakte lediglich ein Gefühl aus. Der folgende Kontrast illustriert dies: (2) a. Ich habe Schmerzen. b. Aua! Expressive Sprachakte können zwar expressive Ausdrücke enthalten – wie in (2b) Interjektionen – aber sie können auch komplett aus deskriptiven Ausdrücken bestehen, wie das folgende Beispiel zeigt: (3) Mein Beileid! Auch kommen expressive Ausdrücke nicht nur in expressiven Sprechakten vor, wie die Beispiele in (1) bereits gezeigt haben. Für die Zwecke dieses Beitrags werden expressive Ausdrücke eine wichtige Rolle spielen, sodass unter Expressiva immer die Ausdrücke zu verstehen sind und nicht die Sprechaktklasse. Doch auch wenn es in Abschnitt § 2 zunächst um Sprechakte geht, die mit sprachlicher Gewalt zusammenhängen, werden dabei auch expressive Ausdrücke eine Rolle spielen. Aus diesem Grund soll an dieser Stelle bereits eine wichtige Unterscheidung eingeführt werden, die im Laufe dieses Beitrags relevant sein wird: Es werden einfache oder reine expressive Ausdrücke und sogenannte gemischte Expressiva angenommen. Bei den Ausdrücken in (1) handelt es sich um reine Expressiva, was sich daran zeigt, dass diese einfach weggelassen werden können ohne, dass sich der deskriptive Inhalt ändert. Die beiden folgenden Varianten beschreiben also den gleichen Sachverhalt und sind in den gleichen Situationen wahr. (4) a. Der verdammte Hund hat die ganze Nacht gebellt. b. Der Hund hat die ganze Nacht gebellt. Die zusätzliche Verwendung des expressiven Adjektivs in (4a) drückt auf expressiver Ebene aber noch zusätzlich eine negative Sprechereinstellung gegenüber dem Hund aus, die in (4b) nicht vorhanden ist. Ent- Katharina Turgay 195 gegen der ursprünglich von Potts13 vertretenen These, dass es entweder nur rein deskriptive oder nur rein expressive Ausdrücke gibt, die zum deskriptiven Inhalt einer Aussage nichts beitragen, wird in der neueren Forschung jedoch gezeigt, dass dies zu strikt ist, und dass es sogenannte gemischte Expressiva gibt.14 Das heißt, es gibt Ausdrücke, die lexikalisch bereits eine expressive Einstellung kodieren, aber trotzdem auch einen deskriptiven Gehalt haben. Diese Ausdrücke wurden schon bei Frege15 als Ausdrücke mit „Färbung“ diskutiert. (5) a. Der Köter hat die ganze Nacht gebellt. b. Der Hund hat die ganze Nacht gebellt. Der Unterschied zwischen (5a) und (5b) liegt darin, dass Köter eine expressive Einstellung ausdrückt, Hund allerdings nicht. Deskriptiv drücken beide Ausdrücke jedoch das gleiche aus, wodurch sich Köter von den reinen Expressiva unterscheidet, weshalb es auch nicht einfach weggelassen werden kann. Die Unterscheidung zwischen reinen und gemischten Expressiva 16 wird im Laufe dieses Beitrags an verschiedenen Stellen relevant werden, insbesondere bei der Diskussion der rassistischen Schimpfwörter. Zuvor werde ich aber wie erwähnt die aggressiven Sprechakte der Beleidigungen, Beschimpfungen und des Fluchens in § 2 näher beleuchten. Wie sich zeigen wird, ist eine Abgrenzung dieser aggressiven Sprachhandlungen nicht immer ganz so leicht. Der Fokus des Beitrags liegt dann aber auf 13 Christopher Potts: The expressive dimension. In: Theoretical Linguistics (2007), Nr. 33.2, S. 165–198; Christopher Potts: The Logic of Conventional Implicature. Oxford 2005. 14 Daniel Gutzmann: Expressive modifiers & mixed expressives. In: Empirical Issues in Syntax and Semantics 8. Hrsg. von Olivier Bonami und Patricia Cabredo Hofherr. CSSP, 2011, S. 123–141; Eric McCready: Varieties of conventional implicature. In: Semantics & Pragmatics (2010), Nr. 3.8, S. 1–57. 15 Gottlob Frege: Logik. Aus dem Nachlaß. In: Schriften zur Logik und Sprachphilosophie. Hrsg. von Gottfried Gabriel. 4. Aufl. Hamburg 1897/2001, S. 140. 16 Siehe für einen Überblick über die verschiedenen Unterklassen von expressiven Ausdrücken: Daniel Gutzmann: Expressives and beyond. An introduction to varieties of use-conditional meaning. In: Beyond Expressives. Explorations in Use-Conditional Meaning. Hrsg. von Daniel Gutzmann und Hans-Martin Gärtner. Leiden 2013, § 4. Diskriminierung durch Sprache 196 Diskriminierung durch Sprache (§ 3), in deren Rahmen dann vor allem rassistische Diskriminierung sowie rassistische Ausdrücke im Mittelpunkt stehen werden. 2. Aggressive Sprechakte 2.1. Schimpfen Schimpfen ist ein expressiver, sogar aggressiver Sprechakt. Durch die Äußerung wird eine Empfindung, nämlich Wut oder Ärger, einer anderen Person gegenüber zum Ausdruck gebracht. Die Funktion des Schimpfens ist also eine emotionale Entladung.17 Darin unterscheidet sich Schimpfen von Beschimpfen, denn bei letzterem versucht die Sprecher*in eine andere Person zu kränken, es ist somit eine Angriffshandlung.18 Nach Ljung19 enthält eine Äußerung, mit der geschimpft wird, häufig ein Tabuwort, das in einer nicht-wörtlichen Bedeutung verwendet wird: (6) a. Blöder Idiot! b. Das ist so behindert! Beim Schimpfen handelt es sich um eine Art formelhafter Sprache. Dies zeigt sich beispielsweise an untypischen Satztypen wie Exklamativsätzen oder Vokativen. Laut Ljung20 gibt diese Art der expressiven Sprache neben den Emotionen der Sprecher*in auch ihre Einstellungen wieder. Sprachlich interessant ist, dass der Sprechakt des Schimpfens nicht explizit performativ geäußert werden kann: (7) #Hiermit schimpfe ich mit dir! 17 Susanne Marten-Cleef: Gefühle ausdrücken. Die expressiven Sprechakte. Göppingen 1991, S. 309f. 18 Ebd., S. 310. 19 Magnus Ljung: Swearing. A cross-cultural linguistic study. Houndmills, Basingstoke 2011, S. 4. 20 Ebd., S. 4. Katharina Turgay 197 Folgende Spenderbereiche von Schimpfwörtern können angegeben werden:21 sexuell obszön: Wichser skatologisch (= Wörter aus dem Fäkalbereich): Scheiße, Arschloch Tiere: Esel geistige und körperliche Gebrechen: Krüppel Weltanschauung: Linker, Kapitalist Nation, Stamm oder Herkunft: Nigger, Kanake, Zigeuner Körperteile; Gebrauchsgegenstände; Tätigkeiten; Eigenschaften; Berufsbezeichnungen; Namen: Großmaul, Stinkstiefel, Lügner, Bauer, Hanswurst Bereits im römischen Reich wurden fäkalsprachliche Ausdrücke verwendet, wie das lateinische Wort merda ‚Kot, Scheiße‘.22 Heute anstößige Ausdrücke wie lat. cunnus ‚Geschlechtsteil‘, caco ‚scheißen/kacken‘ oder culus ‚Gesäß‘ galten damals als neutral.23 2.2. Fluchen Abzugrenzen ist das Schimpfen vom Fluchen. Ursprünglich war Fluchen der Ausstoß von Gotteslästerungen.24 Marten-Cleef25 beschreibt, dass anders als beim Schimpfen der Anlass „nicht ein Sachverhalt, für den der Adressat verantwortlich gehalten wird“, ist, es ist „keine Konfrontation mit einem Adressaten beabsichtigt“. Nach Marten-Cleef 26 ist Fluchen demnach „monologisches Schimpfen“. Das illokutionäre Ziel von Fluchen ist die „Abreaktion von Ärger ohne Berücksichtigung hörerbezogener Aspekte“.27 Kiener28 beschreibt, dass „diese Form verbaler Aggression 21 Ilse Achilles/Gerda Pighin: Vernäht und zugeflixt! Von Versprechern, Flüchen, Dialekten & Co. Mannheim 2008, S. 138. 22 Melissa Mohr: Holy sh*t. A brief history of swearing. Oxford 2013, S. 22. 23 Ebd., S. 17;90. 24 Achilles/Pighin, Vernäht und zugeflixt!, S. 135. 25 Marten-Cleef, Gefühle ausdrücken, S. 331. 26 Ebd., S. 331. 27 Karl Sornig: Beschimpfungen. In: Grazer Linguistische Studien (1975), Nr. 1, S. 52; Marten-Cleef, Gefühle ausdrücken, S. 332. 28 Franz Kiener: Das Wort als Waffe. Zur Psychologie der verbalen Aggression. Göttingen 1983, S. 238. Diskriminierung durch Sprache 198 zu einer gewissen Entspannung führt, indem sie für den Affektstau ein Ventil bildet und dadurch die Möglichkeit schafft, Dampf abzulassen“. Der Anlass für das Fluchen kann verschiedene Ursachen haben, die ein „frustrierendes Erlebnis“ für die Sprecher*in darstellen. Zum einen kann die Sprecher*in selbst verantwortlich für das Erlebnis sein, wie beispielsweise, wenn sie aufgrund von Unpünktlichkeit den Bus verpasst oder ihr etwas herunterfällt und kaputt geht. Aber auch etwas weiteres kann Ursache für den Anlass zum Fluchen sein, wenn beispielsweise ein unangenehmer Brief einer Behörde kommt oder Sachbeschädigung am Eigentum erfolgt. Eine dritte Ursache kann „nicht-personaler“ Natur sein, wenn beispielsweise ein Wasserschaden vorliegt.29 Fluchen kann an eine Ursache (8a) oder eine tatsächliche Adressat*in gerichtet sein, selbst wenn das Fluchen für diese nicht hörbar ist (8b), aber auch der Selbstbeschimpfung dienen (8c).30 (8) a. Diese blöde Baustelle! b. Der spinnt ja!/Du spinnst ja! c. Ich Trottel/Idiot/Esel! Ebenso wie Schimpfen kann auch Fluchen nicht explizit performativ geäußert werden: (9) #Hiermit fluche ich über diesen Stau. Zum Fluchen dienen teilweise Schimpfwörter, die sowohl sakraler, obszöner oder skatologischer Natur sein können:31 (10) a. Scheiße! b. Zum Teufel! c. So ein verdammter Mist! Im Unterschied zum Fluchen ist Verfluchen mehr ein „Verwünschen“.32 Flüche können laut Goddard33 eine übernatürliche Strafe ent- 29 Marten-Cleef, Gefühle ausdrücken, S. 332f. 30 Ebd., S. 236. 31 Kiener, Das Wort als Waffe, S. 226. 32 Ebd., S. 225. Katharina Turgay 199 halten oder auch zum Streit führen. Sie werden „zumeist in rituellen Formeln und Sprüchen vollzogen“34 und sind auf eine Person gerichtet: (11) a. Fahr zur Hölle! b. Geh zum Teufel! c. Ich wünsche dir die Pest an den Leib! Anders als Fluchen und Schimpfen kann verfluchen explizit performativ verwendet werden:35 (12) Ich verfluche dich! 2.3. Beleidigungen Wie auch beim Schimpfen enthält der aggressive Sprechakt Beleidigen häufig Schimpfwörter. Allerdings müssen verletzende Äußerungen keine Schimpfwörter enthalten.36 Wie die folgenden Beispiele zeigen, können Beleidigungen diskriminierend und auch rassistisch (13c) sein: (13) a. Du bist ein Spast./Maria ist eine Schlampe. b. Du bist so dumm./Peter ist ein Verbrecher. c. Harald sitzt den ganzen Tag nur rum. Er ist halt ein Türke. Es finden sich bereits in der Bibel einige Beleidigungen, die skatalogische, sexuelle und aus anderen Spenderbereichen (beispielsweise Tierbezeichnungen) stammende Schimpfwörter enthalten.37 (14) a. Schande des Schamteils seiner Mutter (1. Sam 20,30) 33 Cliff Goddard: Swear words and curse words in Australian (and American) English. At the crossroads of pragmatics and sociolinguistics. In: Intercultural Pragmatics (2015), Nr. 2, S. 193. 34 Anja Lobenstein-Reichmann: Sprachliche Ausgrenzung im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit. Berlin 2013, S. 129. 35 Ebd., S. 128f. 36 Diane Blakemore: Slurs and expletives. A case against a general account of expressive meaning. In: Language Sciences (2015), Nr. 52, S. 23f. 37 Stefan Schorch: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet. Schimpfworte (AT). 2008. URL: http://bibelwissenschaft.de/Stichwort/26629/ (aufgenommen am 18.06.2019). Diskriminierung durch Sprache 200 b. Hund (2. Sam 16,9) c. Glatzkopf (2. Kön 2,23) d. Nichtsnutz; Narr (Mt 5,22) e. Wandpisser (1. Sam 25,22) f. Kotbeschmutzer (Spr 30,12) g. Eselsglied (Ez 23,20) Auch im Römischen Reich finden sich Beleidigungen, wie der Schriftzug über dem Eingang eines Hauses in Pompeij zeigt:38 (15) Fortunate, animula dulcis, perfututor. / Scribit qui novit. Fortunatus, you sweet soul, you total fucker. Written by one who knows. ‚Fortunatus, du kleine Seele, du Ficker. Geschrieben von jemandem, der es weiß.‘ Fututor hat im Lateinischen nicht immer die negative Konnotation, wie sie ‚fucker‘ oder ‚Ficker‘ im Englischen oder Deutschen hat, sondern meint soviel wie „one who fucks“.39 Im Mittelalter wurden Beleidigungen für Personen verwendet, die in Sünde gefallen sind, „foule words“.40 Rassistische Beleidigungen entstehen bereits in der Kolonialzeit.41 Wird jemand beleidigt, erfolgt dies nach Neu42 nicht unbedingt absichtlich, allerdings wird gegen normative Erwartungen verstoßen bzw. die Erwartungshaltung einer Gesprächsteilnehmer*in wird nicht respektiert, was zu einer Art empfundener Wut führt. Manche reagieren daraufhin auch beleidigt, andere leiden innerlich oder reagieren überempfindlich. Es gibt zwei Arten von Verletzungen der Erwartungshaltungen: Zum einen kann dies einfach eine subjektive Empfindung sein, zum anderen kann eine solche Verletzung daran liegen, dass feststehende soziale Regeln nicht eingehalten oder ignoriert werden.43 Aber auch Selbstachtung und Selbstwertgefühl spielen eine wichtige Rolle, denn Individuen fassen Beleidigungen unterschiedlich auf: Hat ein Individuum nur niedrige Er- 38 Mohr, Holy sh*t, S. 25. 39 Ebd., S. 25. 40 Ebd., S. 90. 41 Ebd., S. 224. 42 Jerome Neu: Sticks and stones. The Philosophy of Insults. Oxford 2009, S. 3ff. 43 Ebd., S. 6. Katharina Turgay 201 wartungen, respektiert zu werden, spricht dies für eine fehlende oder eine geringe Selbstachtung. Ist ein Individuum immun gegenüber Beleidigungen, hat es ein hohes Selbstwertgefühl.44 Jedoch muss nicht jede Beleidigung auch intendiert sein, denn Intention und Beleidigung sind nicht voneinander abhängig. Intentionale Beleidigungen sind beabsichtigt und explizit gewählt.45 Auch die Wahrheit kann verletzend sein (16a). Nichtintentionale Beleidigungen können unter Umständen genauso verletzend sein wie intentionale Beleidigungen. Neu46 beschreibt Beleidigungen als Folge von Gedankenlosigkeit oder Nach-/Fahrlässigkeit (16b). (16) a. Du hast aber ganz schön zugenommen! b. [Zu einer nicht-schwangeren Frau] Oh, in welchem Monat bist du denn? Beleidigungen können nicht explizit performativ geäußert werden: (17) a. #Hiermit verspotte ich dich mit dem Wort Ausländer. b. #Hiermit beleidige ich dich als Arschloch. Performative Äußerungen können nicht nach Wahrheitsbedingungen bewertet werden, sie sind also weder wahr noch falsch. Sie können aber glücken oder misslingen (Glückensbedingungen nach Austin47) und den Status einer Person positiv oder negativ verändern. Im Fall von Beleidigungen liegt eine negative Statusveränderung vor, da diese zu einer Entmächtigung oder dem Verlust des Selbstwertgefühls führen kann. So kann die nicht beabsichtigte Beleidigung in (16a) beispielsweise dazu führen, dass sich die Adressatin nun unsicher und unwohl in ihrem Körper fühlt. Wie bereits oben beschrieben, existieren aggressive Sprechakte und auch eine Beleidigung kann eine Illokution sein, da diese Handlung mittels einer Äußerung vollzogen wird. Auch ohne Illokution kann bei nicht-intendierter Beleidigung das Beleidigtsein der perlokutionäre Effekt sein.48 Die Verwendung von (reinen oder gemischten) expressiven Ausdrücken, wie in § 1 dargestellt, stellt weder eine not- 44 Ebd., S. 8. 45 Häufig wird die Intonation bewusst dabei eingesetzt. 46 Neu, Sticks and stones, S. 8. 47 John Langshaw Austin: Zur Theorie der Sprechakte. (How to do things with words). Ditzingen 1986. 48 Vgl. Topczewska, Was sind aggressive Sprechakte?, S. 35. Diskriminierung durch Sprache 202 wendige noch eine hinreichende Bedingung für eine Beleidigung dar. Die folgenden Beispiele illustrieren dies. (18) a. Du siehst aus, als ob du jeden Tag 10 Burger isst. b. Verdammt, ich habe meinen Schlüssel vergessen. Eine Beleidigung kann rein deskriptiv erfolgen, ohne dass irgendwelche expressiven Ausdrücke vorkommen (18a), oder ein expressiver Ausdruck kann verwendet werden, ohne dass irgendeine Beleidigung vorliegt, sondern zum Beispiel eher Fluchen (18b). 3. Diskriminierung Diskriminierung „ist mit den Begriffen der Gerechtigkeit, Gleichheit und Gleichberechtigung verknüpft“, 49 denn sie verhindert die Ausführung gleicher Rechte für alle. Die sozialen Funktionen von Diskriminierung betreffen soziale Beziehungen und insbesondere die „Aufrechterhaltung von Machtbeziehungen“.50 Wie bereits für alle Arten verbaler Aggression beschrieben, wird auch Diskriminierung erst durch Sprechhandlungen geschaffen. Diskriminierung kann direkt aber auch indirekt erfolgen. Bei direkter Diskriminierung ist diese an die Kommunikationspartner*in gerichtet, bei indirekter Diskriminierung ist die diskriminierte Person nicht anwesend.51 Wagner52 versteht unter Diskriminierung die „kategoriale Behandlung einer Person verbunden mit einer Bewertung“, wie in (19): (19) Scheinasylanten 49 Carl Friedrich Graumann/Margret Wintermantel: Diskriminierende Sprechakte. Ein funktionaler Ansatz. In: Verletzende Worte. Die Grammatik sprachlicher Verachtung. Hrsg. von Steffen K. Herrmann u. a. Bielefeld 2007, S. 148. 50 Ebd., S. 157. 51 Ebd., S. 170. 52 Franc Wagner: Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt. Lexikalische Indikatoren impliziter Diskriminierung in Medientexten. Tübingen 2001, S. 13. Katharina Turgay 203 Dabei liegt eine pejorative Kategorienbezeichnung vor, die eine negative Konnotation – in diesem Beispiel ‚faul‘ – aufweist. Somit ist in der Äu- ßerung also eine Bewertung enthalten. Eine soziale Kategorie dient dazu, sich sprachlich auf eine Person zu beziehen, wobei sich die Bewertung entweder an die Person „als Vertreter dieser sozialen Kategorie“ richtet (20a) oder an die soziale Kategorie als Ganzes (20b).53 (20) a. Er ist so faul wie alle Ausländer. b. Alle Ausländer sind faul. In diesen Beispielen steht die Bewertung im Zusammenhang mit einer sozialen Kategorie. Bezieht sie sich jedoch auf ein „individuelles Merkmal der betroffenen Person, das in keinem Zusammenhang mit einer sozialen Kategorie steht“, liegt eine Beleidigung vor und keine Diskriminierung. Es wird außerdem zwischen impliziter und expliziter Diskriminierung unterschieden.54 Diskriminierende Äußerungen sind dann implizit, wenn sie nur durch die Situation und den Kontext verständlich sind. Die diskriminierenden Inhalte müssen hergeleitet werden. Häufig sind weder Schimpfwörter noch Expressiva in den Äußerungen enthalten. (21) Er verhält sich/sieht aus wie ein Türke. Bei explizit diskriminierenden Äußerungen erfolgt eine Zuschreibung einer negativen Eigenschaft an eine Person als Mitglied einer sozialen Gruppe oder einer ausgegrenzten Gruppe. Auch ohne den Kontext ist die Äußerung an sich schon diskriminierend, sie enthalten Ethnophaulismen (ethnische Spottnamen), wie in (22). Solch rassistische, diskriminierende Äußerungen werden an späterer Stelle betrachtet. (22) a. Schlitzauge b. Kartoffel c. Spaghetti-/Froschfresser d. Itaker 53 Ebd., S. 13f. 54 Graumann/Wintermantel, Diskriminierende Sprechakte, S. 170; Wagner, Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt, S. 14ff. Diskriminierung durch Sprache 204 3.1. Rassistische Diskriminierung Rassismus ist ein „dynamisches, machtvolles Konzept“ der Unterdrückung und Diskriminierung und schafft Kategorisierungen, die auf dem Merkmal ‚Rasse‘ basieren. 55 Die „Kategorie ‚Rasse‘ ist ein Konstrukt, welches erst durch Rassismus geschaffen wird“. Nach einer konstruktivistischen Sichtweise existieren „Rassen“ nur aufgrund „rassistischer Zuschreibungen und Herstellungen“.56 Diese können aufgrund „biologisierend-physiognomischer“ Merkmale wie Haut, Haar, Statur oder „kulturalisierender“ Merkmale wie einer Kultur unterstellte Mentalität, Denkoder Handlungsweisen erfolgen. Die Grundlage für Rassismus sind ‚Rassifizierung‘ und ihre Konzepte, Ideen und Vorstellungen darüber. „Rassifizierung ist der Prozess, Zuschreibungen an Personen und Personengruppen über das Aufrufen und Verwenden der Kategorisierung ‚Rasse‘ zu machen“. 57 Dabei besteht ein Unterschied zwischen Rassifizierung und Diskriminierung, wie das Beispiel (23) verdeutlicht: (23) a. Pablo hat kein Rhythmusgefühl, weil er weiß ist. b. Harald hat Rhythmusgefühl, weil er schwarz ist. Beide Äußerungen in (23) belegen Rassifizierung, zudem wird Harald in (23b) rassistisch diskriminiert, denn diskriminierende rassistische Äußerungen benennen ein „Unterdrückungsverhältnis“.58 Dies betrifft nun mal nur Menschen mit dunkler Hautfarbe, nicht aber Menschen mit heller Hautfarbe. Offensichtlich rassistisch und diskriminierend sind negative Diskriminierungen, mit denen eine Kategorisierung negativ bewertet wird 55 Lann Hornscheidt/Adibeli Nduka-Agwu: Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Sprache. In: Rassismus auf gut Deutsch: Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Hrsg. von Adibeli Nduka- Agwu und Lann Hornscheidt. Frankfurt/M. 2010, S. 12f. 56 Lann Hornscheidt: Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech. Pejorisierung als konstruktivistisches Modell zur Analyse diskriminierender SprachHandlungen. In: Hassrede/Hate Speech. Interdisziplinäre Beiträge zu einer aktuellen Diskussion. Hrsg. von Jörg Meibauer. Gießen 2013, S. 36. 57 Hornscheidt/Nduka-Agwu, Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Sprache, S. 13. 58 Ebd., S. 14. Katharina Turgay 205 (24a). Aber auch eine „übertrieben[e] positive Bewertung“ einer kategorialen Behandlung ist diskriminierend. Positive Diskriminierung verdeutlicht das Beispiel in (24b). Erfolgt eine Distanzierung einer negativ diskriminierenden Äußerung liegt Antidiskriminierung vor (24c):59 (24) a. Mit Türken würde ich keine Geschäfte machen; die ziehen einen nur übers Ohr. b. Afrikaner sind einfach die besseren Tänzer. c. Ausländer sprechen oft kein gutes Deutsch; aber das ist ein Versagen des deutschen Bildungssystems. Häufig enthalten diskriminierende Äußerungen ethnische Schimpfwörter, sogenannte Ethnophaulismen oder auch Slurs wie bereits in (22) verdeutlicht. 3.2. Rassistische Ausdrücke Nach Hom60 sind slurs neben gewöhnlichen Schimpfwörtern (wie Idiot) eine weitere Unterklasse der Pejorativa, deren Funktion es ist, Menschen bzw. ganze ethnische Gruppen zu beleidigen und herabzuwürdigen und zwar nur aufgrund von sexueller Neigung, Herkunft, Religion. Rassistische Diskriminierungen basieren auf physischen (25a) und kulturellen Merkmalen, wie beispielsweise Essgewohnheiten (25b). Auch religiöse Zugehörigkeit (25c) oder sprachliche Besonderheiten (25d) sowie Personennamen (25e) sind Grundlage für die Verwendung von rassistischen, diskriminierenden Äußerungen.61 (25) a. Schlitzauge, Rothaut, Neger b. Froschfresser, Kümmeltürke, Spaghettifresser c. Muselmann, Kopftuchschrulle, Bibelhengst 59 Wagner, Implizite sprachliche Diskriminierung als Sprechakt, S. 146. 60 Christopher Hom: A puzzle about pejoratives. In: Philosophical Studies (2012), Nr. 159.3, S. 383. 61 Vgl. Manfred Markefka: Ethnische Schimpfnamen – kollektive Symbole alltäglicher Diskriminierung (Teil 1). In: Muttersprache (1999), Nr. 109.2, S. 97–123; Maria Paola Tenchini: Zur Semantik der ethnischen Schimpfnamen. In: Lingue e Linguaggi (2013), Nr. 10, S. 125–136; Andreas Winkler: Ethnische Schimpfwörter und übertragender Gebrauch von Ethnika. In: Muttersprache (1994), Nr. 104, S. 320–337. Diskriminierung durch Sprache 206 d. Yid (‚Jude‘ von Jiddisch) e. Ali (Türke), Tommy (Engländer), Iwan (Russe) Die Verwendung solcher und anderer rassistischer Schimpfwörter (racial slurs) im Speziellen bringt nach Jeshion62 Klischees über die Referenzgruppe auf direktem Wege in das Bewusstsein. Sie gelten in ihrem Gebrauch gegenüber anderen Beleidigungen wie Idiot als besonders verwerflich („extraordinarily pernicious“) und in höherem Maße tabu als diese. Aber auch unter den Slurs gibt es solche, die anstößiger (Neger) sind als andere (Itaker). Bezüglich der Frage, wie die konkrete Bedeutung von rassistischen Slurs zu analysieren ist, gibt es in der Literatur bisher keinen Konsens. Dies betrifft nicht nur den konkreten Inhalt eines rassistischen Schimpfwortes, sondern auch welcher Art ihre Bedeutung überhaupt ist. Hier gibt es im Wesentlichen drei Möglichkeiten: Ihre Bedeutung ist rein deskriptiv, rein expressiv oder rassistische Schimpfwörter sind gemischte Expressiva und tragen somit sowohl deskriptive als auch expressive Bedeutung. Im Folgenden sollen die Positionen kurz thematisiert und die Vor- und Nachteile skizziert werden. Die intuitiv zunächst naheliegende Analyse von Slurs ist wohl die der gemischten Expressiva: Slurs denotieren deskriptiv das, was ein jeweils neutrales, rein deskriptives Gegenstück bedeutet. Hinzu kommt dann die rassistische Einstellung auf der expressiven Ebene, was der oben skizzierten Analyse von Köter entspricht: (26) Friedrich ist ein Neger. Rassistische Schimpfwörter als gemischte Expressiva: a. deskriptive Bedeutung: Friedrich hat dunkle Hautfarbe. b. expressive Bedeutung: Die Sprecher*in hat eine rassistische Einstellung gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe. Slurs sind als Argument dafür angeführt worden, dass es überhaupt gemischte Ausdrücke gibt63 und eine Analyse als gemischter Ausdruck wird 62 Robin Jeshion: Slurs and Stereotypes. In: Analytic Philosophy (2013), Nr. 54.3, S. 314. 63 Gutzmann, Expressive modifiers & mixed expressives; McCready, Varieties of conventional implicature. Katharina Turgay 207 auch in der Debatte über Slurs selbst häufig vertreten.64 Eines der Hauptargumente dafür ist die Tatsache, dass der Gebrauch eines rassistischen Schimpfworts den korrespondierenden neutralen Begriff zu implizieren scheint. Die Äußerung in (26) enthält nicht nur die Information, dass die Sprecher*in rassistische Einstellungen hat, sondern auch etwas über Friedrich. Dass beides Bestandteile der Äußerung sind, zeigt sich auch daran, dass beide Aspekte nicht widerspruchsfrei zu streichen sind:65 (27) a. #Friedrich ist ein Neger, womit ich aber nichts über seine Hautfarbe sage. b. #Friedrich ist ein Neger, womit ich aber nichts über meine Einstellung gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe sage. Eine solche gemischte Analyse erfasst auch die Tatsache, dass der rassistische Gehalt immun gegen semantische Operationen ist. So kann nicht der rassistische Aspekt verneint werden oder durch das Präteritum eine vergangene Einstellung zum Ausdruck gebracht werden, eine Eigenschaft, die als nondisplaceability bezeichnet wird.66 Das bedeutet, die beiden Äußerungen in (28) transportieren weiterhin die rassistische Einstellung.67 (28) a. #Friedrich ist kein Neger (denn ich denke nicht schlecht über Menschen mit dunkler Hautfarbe). b. #Friedrich war ein Neger (aber jetzt denke ich nicht mehr schlecht über Menschen mit dunkler Hautfarbe). 64 Adam M. Croom: Slurs. In: Language Sciences (2011), Nr. 33.3, S. 343–358; ders.: The semantics of slurs. A refutation of pure expressivism. In: Language Sciences (2014), Nr. 41B, S. 227–242; Timothy Williamson: Reference, inference and the sematics of pejoratives. In: The Philosophy of David Kaplan. Festschrift. Hrsg. von Joseph Almog und Paolo Leonardi. Oxford 2009, S. 137–159. 65 Vgl. Croom, Slurs, 347f. 66 Potts, The expressive dimension, S. 166. 67 Zu diesen und weiteren linguistischen Beschränkungen vgl. Luvell Anderson/Ernie Lepore: Slurring words. In: Noûs (2013), S. 29; Joseph A. Hedger: The semantics of racial slurs. Using Kaplan’s framework to provide a theory of the meaning of derogatory epithets. In: Linguistic and Philosophical Investigations (2012), Nr. 11, S. 75. Diskriminierung durch Sprache 208 Eine solche Analyse hat jedoch auch einige Probleme. Dies liegt vor allem daran, dass sie eine neutrale Bedeutung auf der deskriptiven Ebene annimmt. Da die deskriptive Ebene dafür verantwortlich ist, ob eine Äu- ßerung wahr ist, während die expressive Ebene eher zusätzliche Gebrauchsbedingungen an die Äußerung stellt,68 sollte eine Äußerung mit einem rassistischen Schimpfwort immer dann als wahr akzeptiert werden, wenn der entsprechende Satz mit neutralem Gegenstück akzeptiert wird, auch wenn der expressive Gehalt zurückgewiesen wird. Dies gilt in ähnlicher Form auch für die Beantwortung von Fragen, die auch nur auf den deskriptiven Gehalt abzielen. An dem Beispiel von Köter lässt sich dies gut illustrieren: (29) A: Mein Nachbar hat jetzt einen Köter. B: Ja, stimmt, aber ich habe gar nichts gegen Hunde. (30) A: Hat dein Nachbar einen Köter? B: Ja, aber ich habe gar nichts gegen Hunde. Eine analoge konversationelle Strategie (deskriptiven Gehalt akzeptieren bzw. bejahen und den expressiven Gehalt zurückweisen) scheint bei Slurs jedoch absolut unangemessen zu sein:69 (31) A: Friedrich ist ein Neger. B: #Ja, stimmt, aber ich habe gar nichts gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. (32) A: Ist Friedrich ein Neger? B: #Ja, aber ich habe gar nichts gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Ein weiteres Problem der gemischten Analyse ist, dass sie ein neutrales Gegenstück voraussetzt. Dies mag für die rassistischen Schimpfwörter vielleicht der Fall sein, wenn man aber die Analyse erweitern will auf beispielsweise sexistische Schimpfwörter, steht man vor dem Problem, dass einige sexistische Schimpfwörter kein einfaches, neutrales Gegenstück haben wie zum Beispiel Schlampe. 68 Daniel Gutzmann: Use-Conditional Meaning. Studies in Multidimensional Semantics. Oxford 2015; David Kaplan: The meaning of ouch and oops. Explorations in the theory of meaning as use. 2004 version. Ms. Los Angeles 1999. 69 Vgl. Hedger, The semantics of racial slurs, S. 81. Katharina Turgay 209 Aus diesem Grund argumentiert Hedger,70 dass rassistische Slurs rein expressive Ausdrücke sind und keinen deskriptiven Gehalt haben. Folglich erhalten Äußerungen wie in (31A) gar keinen Wahrheitswert. Demnach können Äußerungen mit rassistischen Schimpfwörtern niemals wahr sein, was ethisch gesehen natürlich ein wünschenswertes Ergebnis ist. Das Problem dabei ist jedoch, dass dies nur für prinzipiell rassistische Äußerungen wie in (31A) zu gelten scheint. Sobald der Satz mit dem Slur eingebettet wird, ist es nicht mehr ganz so klar, dass der Gesamtsatz nicht im semantischen Sinne wahr sein kann, insbesondere wenn eine Form von Perspektivierung des rassistischen Gehalts naheliegend ist wie in (33): (33) Immer wenn ein Nazi einen Menschen mit dunkler Hautfarbe sieht, dann will er den Neger beschimpfen. Hätte der Slur in (33) keinen neutralen deskriptiven Gehalt, würde der Gesamtsatz genau wie (31A) keinen Wahrheitswert erhalten können. Das andere offensichtliche Problem eines rein expressiven Ansatzes ist, dass der Schluss von Slurs auf ihr neutrales Gegenstück (oder Teilbedeutungen davon) nicht mehr ohne Weiteres erklärt werden kann, während dies direkt aus dem gemischten Ansatz folgt. Die dritte der möglichen Positionen schließlich nimmt beispielsweise Hom71 ein. Seine Position des sogenannten kombinatorischen Externalismus nimmt auch zwei Komponenten an, diese sind allerdings beide rein deskriptiv aufzufassen. Zum einem ist dies wie bei den gemischten Ansätzen die neutrale Komponente, beispielsweise Mensch mit dunkler Hautfarbe im Falle des rassistischen Schimpfworts Neger. Diese steht aber nicht allein auf der deskriptiven Ebene und macht nicht einmal den Hauptaspekt aus, sondern bildet die kausale Grundlage für eine normative, negativ abwertende Komponente, die besagt, (a) dass die Person bestimmten negativen Behandlungen auszusetzen sei, (b) weil sie bestimmte negative Eigenschaften habe, (c) und zwar eben nur, weil sie, 70 Joseph A. Hedger: Meaning and racial slurs. Derogatory epithets and the semantics/pragmatics interface. In: Language & Communication (2013), Nr. 33, S. 205–213; Hedger, The semantics of racial slurs. 71 Christopher Hom: The Semantics of Racial Epithets. In: The Journal of Philosophy (2008), Nr. 105, S. 416–440. Diskriminierung durch Sprache 210 im Falle von Neger, eine dunkle Hautfarbe hat. Dies lässt sich in Anlehnung an Hom72 wie folgt illustrieren: (34) Friedrich ist ein Neger. a. Friedrich sollte Opfer von Polizeigewalt, sozial benachteiligt sein und vom höheren Bildungssystem ausgeschlossen werden, b. weil Friedrich kriminell, gewalttätig, dumm und drogensüchtig ist, c. und das alles, weil Friedrich eine dunkle Hautfarbe hat. Hier zeigt sich, dass das neutrale Gegenstück zu dem rassistischen Slur – der unterstrichene Teil in (34c) – letztlich Teil der normativen, abwertenden Aussage bildet und präsupponiert wird. Die Kombination aus abwertend-normativer Aussage mit dem deskriptiven Teil macht einen Aspekt des kombinatorischen Externalismus aus. Der andere entscheidende Teil an Homs Analyse ist, dass die Komponenten in (34a) und (34b) nicht durch die Sprecherintention bestimmt werden, sondern durch Sprecher-externe Faktoren, die der Sprecher*in durchaus unbekannt sein können, was die Grundidee des semantischen Externalismus ist.73 In Bezug auf rassistische Slurs heißt das nach Hom, dass es nicht die Einstellungen der Sprecher*in sind, die die beleidigenden Komponenten in (34) ausmachen, sondern dass diese durch eine soziale Institution des Rassismus (‚social institutions of racism‘74) bestimmt werden. Diese Institution vertritt eine bestimmte rassistische Ideologie (worunter beispielsweise die Einstellungen unter [34a] bis [34c] fallen) und vollzieht eine Reihe von typischen rassistischen Handlungen (‚set of practices‘), die dann auch Teil des Inhalts eines rassistischen Slurs werden. Diese Handlungen sind gegen die beleidigte Volksgruppe gerichtet und beinhalten beispielsweise unhöfliches Verhalten, körperliche Gewalt, Genozid, aber eben auch sprachliche Gewalt in Form von Beleidigungen.75 Der beleidigende und rassistische Inhalt eines (Schimpf-)Worts wird somit durch die Institution und ihre Handlungen bestimmt und enthält Bedeutungsaspekte, die durch das 72 Ebd., S. 431. 73 Hilary Putnam: The meaning of meaning. In: Minnesota Studies in the Philosophy of Science 7 (1975), S. 131–193. 74 Hom, The Semantics of Racial Epithets, S. 430. 75 Ebd., S. 431. Katharina Turgay 211 gesellschaftliche Umfeld und auch die Geschichte dieser rassistischen „Traditionen“ bestimmt sind. Daraus folgt dann auch, dass die Verwendung eines Wortes wie Neger selbst dann einen verletzenden Gehalt hat, wenn die Sprecher*in nicht um diesen weiß und das Wort nicht verletzend benutzen wollte. Der verletzende Gehalt ist also (auch) externer Natur. Aus diesem Grund sind für Hom76 rassistische Beleidigungen letztlich „schlimmer“ als andere Beleidigungen, da sie sich auf eine rassistische Ideologie und eine Reihe rassistischer Handlungen beziehen. Da Rassismus wie bereits von Hornscheidt77 beschrieben ein „dynamisches Konzept“ ist, verändern sich „die Strategien zur Aufrechterhaltung von Rassismus“ und „passen sich hegemonialen Diskursen und Vorstellungen von politischer Korrektheit beispielsweise kontinuierlich an“. Daher existieren graduelle Abstufungen bei rassistischen Beleidigungen: Aspekte aktueller Diskurse, die als Basis der Beleidigung dienen, werden als verwerflicher erachtet als weniger relevante. Die Abwertung durch einen verwendeten rassistischen Ausdruck erfolgt unabhängig von der Einstellung und auch der Intention der Sprecher*in. Die Verwendung dieser Slurs unterliegt sozialen Beschränkungen, wie bereits beschrieben, gelten sie als tabu oder sind sogar teilweise verboten.78 Im Vergleich zu den anderen beiden Ansätzen weist Homs nichtexpressiver Ansatz Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf. Genau wie die gemischten Ansätze haben rassistische Äußerungen einen deskriptiven Gehalt und können deshalb einen Wahrheitswert haben, im Gegensatz zu einer rein expressiven Analyse. Da die Bedeutung, die eine Aussage wie (34) nach Hom79 erhält, aber immer falsch ist – niemand muss Repressalien ausgesetzt werden, weil er oder sie zu einer bestimmten Gruppe gehört – vermeidet man das Problem, dass man eine rassistische Aussage als wahr betrachten muss, sobald der neutrale Teil zutreffend ist. Das Problem besteht dann aber weiterhin für negierte Sätze, welche daraus folgend als wahr herauskommen sollten. Hier sind die Intuitionen nicht so deutlich, auch wenn ein Dialog wie in (35) immer noch (mindestens) unglücklich klingt. 76 Ebd. 77 Hornscheidt, Der Hate Speech-Diskurs als Hate Speech, S. 35. 78 Hom, The Semantics of Racial Epithets, S. 433. 79 Ebd. Diskriminierung durch Sprache 212 (35) A: Friedrich ist kein Neger. B: ??Ja, stimmt, aber ich habe gar nichts gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Genau wie der gemischte Ansatz kann Homs Analyse auch erklären, warum man auf den neutralen Ausdruck schließen kann, denn dieser ist Teil der Bedeutung des Slurs; ein Aspekt, der ein Problem für den rein expressiven Ansatz darstellt. Diese kurze Darstellung der verschiedenen Ansätze kann die Probleme nicht auflösen und auch weitere Feinheiten und Unterschiede zwischen ihnen nicht diskutieren. Es sollte aber deutlich geworden sein, dass die Analyse von rassistischen Slurs sehr komplex ist und es mehr bedarf als die Analyse von einfachen Schimpfwörtern wie Idiot und Köter. Zum Schluss sei noch eine interessante Beobachtung zu erwähnen, nämlich die Resignifizierung von Slurs.80 Bei Resignifizierung handelt es sich allgemein um eine politische Sprachveränderung. Diskriminierende Ausdrücke erhalten eine neue, positivere Bedeutung durch die Verwendung der diskriminierten Person. Dabei werden negative soziale Stigmata bekämpft,81 was auch zu einer Bewusstmachung der Benachteiligung und der ungerechten Behandlung führt. Die Verwendung diskriminierender Ausdrücke durch diskriminierte Personen hat außerdem die Funktion, die politische Macht der jeweiligen ausgrenzenden Gruppen (beispielsweise Rassisten) zu brechen und sorgt für eine „Abhärtung“ der Gruppenmitglieder, auf die die Slurs abzielen. Es erfolgt somit eine Abgrenzung und Stärkung der Gruppe („foster intimacy and in-group solidarity“).82 80 Vgl. beispielsweise Adam M. Croom: How to do things with slurs. Studies in the way of derogatory words. In: Language & Communication (2013), Nr. 33, S. 177–204; Hom, The Semantics of Racial Epithets; Robin Jeshion: Expressivism and the Offensiveness of Slurs. In: Philosophical Perspectives (2013), Nr. 27.1, S. 231–259. 81 Jeshion, Expressivism and the Offensiveness of Slurs, S. 238. 82 Hom, The Semantics of Racial Epithets, S. 428. 213 Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? Überlegungen aus theologisch-ethischer Perspektive Matthias Bahr Die Fragestellung erweckt den Eindruck, als ginge es um eine grundsätzliche anthropologische Bestimmung. Ich denke, man kann sie aus der Perspektive der Ethik – bzw. hier genauer aus einer christlichen Ethik – rasch beantworten: Ja, es gibt Böses im Menschen und Böses, das aus dem Menschen entstammt und sich zerstörerisch äußert. Ob man deswegen gleich sagen kann und sagen darf, dass die Ökonomie das ewig Böse im Menschen sei, das allerdings muss wohl differenzierter betrachtet werden. Grundsätzlich werden wir zunächst sagen müssen: Ja, Menschen denken ökonomisch, sie wirtschaften, treiben Handel, bieten Waren und Dienstleistungen an, die ermöglichen, dass sie leben können. Der oder die eine hat etwas, das der oder die verwenden möchte, die wiederum etwas hat oder kann, das er oder sie anbieten kann. All das ist mit Arbeit verbunden und dient der eigenständigen Sicherung des Lebensunterhaltes, zumindest dort, wo nicht allein Kapital vorhanden ist, das man für sich arbeiten lassen kann. Insofern muss man wohl festhalten: Nein, die Ökonomie ist nicht (per se) das ewig Böse im Menschen. Vielmehr gehören ökonomisches Denken und Handeln zum Vollzug eines eigenständigen Menschseins. Ohne ein solides ökonomisches Denken und Handeln besteht die Gefahr, die Eigenständigkeit zu verlieren, in Abhängigkeit, Verarmung und Elend zu geraten – zumindest dort, wo keine anderen sozialen Absicherungssysteme existieren, die Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität also unwirksam sind. Und dennoch muss man auch auf andere Feststellungen hinweisen: Ja, ökonomisches Handeln und ökonomische Entscheidungen können negative, zerstörerische Folgen mit sich bringen. Es ist – bei aller Notwendigkeit und Legitimität, ökonomisch zu denken und zu handeln – nicht sofort gesichert, dass dieses Denken und Handeln positive Wirkun- Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 214 gen mit sich bringt. Die Gründe, weshalb dies so ist, kann man in einer allgemeinen Weise damit beantworten, dass (a) die Menschen sind, wie sie sind, und (b) ein Rahmen gegeben sein muss, der es zulässt, dass das ökonomische Handeln von Menschen böse oder falsch ist und dem Leben entgegensteht. In einem Dreischritt sollen diese Zusammenhänge nun bedacht werden, die auf dem Hintergrund einer theologischen Perspektive christlichethische oder eigentlich jüdisch-christlich-ethische Reflexe und Reflexionen aufwerfen. 1. Beobachtungen Als Impuls möchte ich mich auf die V. Biennale zum Sozial-Politischen Plakat „Kreativ für Menschenrechte“ der Stiftung für die Internationale Jugendbegegnungsstätte in m/Auschwitz (Polen) beziehen. Diese Kunstaktion setzt sich seit anderthalb Jahrzehnten mit der Menschenrechtsthematik auseinander und gehört inzwischen zu einem markanten Ereignis in der politischen Plakatkunst.1 Für die Anliegen der Menschenrechtsbildung bietet sie erhebliches Anregungspotential, verweist aber auch auf unseren Kontext ökonomischer Fragestellungen. 1.1. Der Einsturz des Rana Plaza in Sabhar (Bangladesh) Am 23. April 2013 stürzt in Sabhar das Rana Plaza ein. 1135 Menschen werden getötet, 2438 verletzt. Die meisten von ihnen waren Textilarbeiterinnen. Bereits einen Tag vorher haben sich Risse gezeigt, dennoch wurden die Arbeiterinnen wieder hineingetrieben. Konzerne wie C&A, Mango, KiK oder Adler ließen dort produzieren mit einem Gesamtumsatz von 20 Milliarden Dollar. 2 Die Arbeiterinnen wurden geschlagen und zu Überstunden gezwungen. – 2014 hat Sara Podwysocka zur V. Biennale des Sozial-Politischen Plakats „Kreativ für Menschenrechte“ eine Arbeit eingereicht, die sich auf dieses Ereignis bezieht, und damit eine Art Denkmal geschaffen, das eigentlich nur wenig zeigt, dennoch mitten in die Problematik führt. 1 Vgl. www.mdsm.pl. 2 Zeit online vom 22.4.14. Matthias Bahr 215 Auf den ersten Blick ist zu sehen: ein roter Mittelpunkt, unten gerundet, mit einer Spitze oben, ein grüner Hintergrund, an den Rändern fast ins Schwarze verlaufend, und ein einziges Wort: Bangladesh. Schaut man genauer hin, dann erkennt man noch mehr: den roten Bereich in der Mitte, der wie eine Flamme oder ein Tropfen geformt ist; die Farbe ist nicht einfach rot, sie ist blutrot und gestaltet aus gefärbtem Tuch, das in dieser Form eigens arrangiert wurde. Und die grüne Farbe, die außen fast schwarz erscheint, wird, je näher sie an die rote Mitte kommt, heller und bildet bei genauerem Hinsehen einen feinen weißen Schimmer um die rote Mitte – vielleicht eine Art Nimbus? Abb. 1: Sara Podwysocka, Bangladesh (2014) – Plakat im Rahmen der V. Biennale des Sozial-Politischen Plakats „Kreativ für Menschenrechte“ (2014) Verortet und qualifiziert wird das Plakat durch den Schriftzug „Bangladesh“. Das Plakat ist eine Reaktion auf Zustände, die dort herrschten; Zustände, die man moderne Sklaverei nennen muss, und die in diesem Fall (!) durch das Unglück weltweit ungeschminkt wahrnehmbar wurden. Vielfach aber ist es bis heute Alltag; man muss nur einmal recherchieren, welche anderen, medial nicht in dieser Form feststellbaren Ereignisse auch danach an der Tagesordnung sind. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 216 1.2. „Neckermann macht’s möglich“? Das zweite Beispiel bezieht sich auf das wirtschaftlich erfolgreiche Handeln eines Josef Neckermann: In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts übernimmt der Jungunternehmer kostengünstig verschiedene Textilfabriken von jüdischen Inhabern in Nürnberg (z.B. von Karl Amson Joel3), Würzburg und Berlin. Großaufträge der Reichsregierung tragen zum Aufbau seines Geschäfts bei, etwa 1943 die Herstellung von 2,5 Millionen Winteruniformen für die Ostfront. Hergestellt werden sie von der Textilindustrie in Osteuropa. Die Menschen dort nähten buchstäblich um ihr Leben, denn solange sie nähten, waren sie vermeintlich vor Deportation und Vernichtung sicher. „Wenn ich es nicht tue, macht’s ein anderer.“,4 war das Motto in den Erinnerungen des späteren Versandhausbesitzers, Olympiasiegers im Springreiten und Trägers des Bundesverdienstkreuzes. Die Liste ließe sich fortsetzen, etwa am Beispiel der Geschäftsleitung der Deutschen Akkumulatorenfabrik (Vorgänger der Fa. Varta) u.a. in der Gestalt von Günther und Herbert Quandt, die Häftlinge aus den Konzentrationslagern in den Bleifabriken ungeschützt einsetzten, ihre Vergiftung in Kauf nahmen, weil es am Strom weiterer Zwangsarbeiter nicht fehlte. – Erst auf Druck der Öffentlichkeit wurden diese Verwicklungen und Bereicherungen historisch aufgearbeitet.5 Ich will es dabei belassen, obwohl man hier auch z.B. auf die IG Farben verweisen müsste, die in Abstimmung mit der Reichsregierung in Berlin Auschwitz III (Monowitz) baute.6 Doch darüber soll jetzt nicht weiter gesprochen werden, wer mehr wissen will, der lese etwa die Schriften von Primo Levi.7 3 Vgl. Steffen Radlmaier: Die Joel-Story. Billy Joel und seine deutsch-jüdische Familiengeschichte. München 2009. 4 Josef Neckermann: Erinnerungen. Frankfurt 1992, S. 68. 5 Vgl. Joachim Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts – Eine deutsche Unternehmerdynastie. München 2. Auflage 2011, S. 765f. 6 Vgl. Sybille Steinbacher: „Musterstadt“ Auschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien. München 2000, S. 205-223. 7 Z.B. Primo Levi: Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht. München 1992. Matthias Bahr 217 1.3. Überleitung: (K)Ein altes Thema 1948 – 2018: 70 Jahre liegen dazwischen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 wollte eigentlich dafür sorgen, dass die Barbarei von diesem Erdball verschwindet, obwohl – und das zeichnet auch den Realismus der Deklaration aus – damit zuvörderst eine Zieldimension beschrieben wurde, wie die Präambel sagt, und keineswegs ein normativ verordneter Idealzustand. Die Menschenrechtserklärung ist eine Reaktion auf die Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dort zeigte sich der bislang tiefste Abgrund an Unmenschlichkeit, zu dem auch die Vernutzung von Menschen gehört. Die wirtschaftliche Ausbeutung von Menschen durch Menschen zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch die Geschichte. Der Aufschrei, der in den Spirituals des 19. Jahrhunderts hörbar wurde und der die Sklaverei auf den Baumwollplantagen Amerikas anprangert, macht dies deutlich: „When Israel was in Egyptsland – let my people go! Oppressed so hard they could not stand – let my people go. Go down, Moses, way down in Egyptsland. Tell ol’, Pharao – let my people go“. Er kommt noch stärker zum Ausdruck, wenn man, wie Bernd Engelhard mahnt, die sprachlichen Feinheiten angemessen akzentuiert: „Tell ol’, Pharao“ – die Tiefe und Dunkelheit spiegelt sich auch in Wortwahl, Betonung und Aussprache wider.8 Das Lied von 1861 schlägt eine Brücke in die Vergangenheit. Offensichtlich, so scheint es, ist es in den eigentlich christlich geprägten USA damals mehr als dringend erforderlich, die „Weißen“ daran zu erinnern, auf welcher Grundlage sie stehen oder zu stehen hätten, wenn die Befreiung aus Ägypten herangezogen wird. Denn offensichtlich ist es mit der Verwirklichung jüdisch-christlicher Grundhaltungen bei der herrschenden Klasse nicht weit her. Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, rassistische Überheblichkeit sind eben auch ‚praktisch‘: Sie mehren den Wohlstand, zumindest den Wohlstand einiger Weniger. 8 Bernd Engelhart/Achim Hofer: „Let my people go!“ – Einen alten Song neu hören. In: Katechetische Blätter 143: Themenheft „Menschenrechtsbildung“ (2018), S. 39-43, hier S. 41. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 218 2. Lernerfahrungen: Traditionelle ethische, jüdischchristliche Deutungen des Themas im Blitzlicht 2.1. Von Egyptsland ins gelobte Land: Heilige Weisungen Ist die Ökonomie also das ewig Böse im Menschen? Schaut man mit theologisch-ethischem Interesse in die jüdisch-christliche Tradition hinein, findet man zu modernem Wirtschaftsleben natürlich keine tieferen Auskünfte. Allerdings: Einige alte Überzeugen sind es doch wert, kurz angerissen zu werden: Die Sklaverei von „Egyptsland“ ist im alttestamentlichen Sinne ein Trauma – und die Befreiung daraus die zentrale Erfahrung Israels. Mit Folgen, denn sie begründet ein neues Verhältnis der Menschen, auch untereinander: „Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen, [...] oder nach irgendetwas, was deinem Nächsten gehört. Du sollst nicht morden“ (Ex 20,1-17 und Dtn 5,6-21) – Maximen, die seit Jahrtausenden überliefert wurden und weltgeschichtliche Wirkung erzeugt haben, auch über die jüdisch-christlichen Grenzen hinaus. Bekanntlich hängt das ja nun zusammen, die Befreiungserfahrung aus Egyptsland einerseits und die Verpflichtung auf das Zehnwort, den Dekalog, andererseits, allerdings in dieser Reihenfolge. Jedes Jahr, wenn Juden Pessach feiern, rückt dies wieder neu in den Horizont, seit tausenden von Jahren, und seit zweitausend Jahren fast zeitgleich im Jahresverlauf auch bei den Christen, wenn sie das Osterfest begehen, das die Erinnerung an eine weitere Befreiungserfahrung wach hält. Gleichwohl gilt auch: Das Zehnwort ist keineswegs vom Himmel gefallen, sondern – zumindest in seinen basalen Weisungen – sehr früh der Erkenntnis geschuldet, dass dem menschlichen Handeln Grenzen gesetzt werden müssen, wenn es zu einer Gemeinschaft zwischen Menschen kommen soll. Nur so können sie gut existieren und dauerhaft überleben, ist die Überzeugung der Bibel, mit Regeln, die die Koexistenz ordnen und damit sichern – und verhindern, dass es drunter und drüber geht und allein die Ellbogenmentalität die Realität bestimmt. Schon eine genauere sprachliche Analyse macht offenkundig, dass zunächst offenbar basale Weisungen aus der Ordnung und Rechtsprechung der Sippe stammen, mitunter also als ‚profan‘ angesehen werden können und erst im Arrangement der Befreiungserfahrung Israels, die religiös gedeutet wird, eine theologische ‚Aufladung‘ erhalten. Genau so sind ja auch – gegen allen Fundamentalismus – die tradierten Erzählungen (von Mose und den Steintafeln, vgl. Dtn 5,22) zu lesen: Geschichten, nicht Berichte, dabei Matthias Bahr 219 aber mit einem Wahrheits- und Verbindlichkeitsanspruch auftretend, der Zentrales über den Menschen in Gemeinschaften sagen kann. Und, auch das ist Teil dieser Tradition: Schon die Geschichte Israels selbst zeigt, dass es einen Unterschied ausmacht, die Regeln zu kennen und auch nach ihnen zu handeln. Sonst müssten nicht die Propheten ihre persönliche Existenz in die Waagschale werfen und den Königen Israels die Stirn bieten, die ebenfalls keine Hemmungen haben, Arme und Ungeschützte (Witwen und Waisen) für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Immer wieder ist es erforderlich, auf die Einhaltung dieser alten Weisungen zu bestehen. So zeigt sich schon hier die Ambivalenz, der harte Kampf: Grundlegend ordnende Regeln werden gefunden (weil menschlicher Wille und menschliches Handeln mithilfe von Ethik und Recht begrenzt werden müssen) und verletzt (weil menschlicher Wille und menschliches Handeln bereit sind, Ethik und Recht zu missachten). Das wirft Fragen nach weiteren Einschätzungen über die menschliche Verfasstheit auf: Warum nur wendet er sich selbstbezogen immer wieder gegen andere Zeitgenossen, auch und gerade auf dem Weg ökonomischen Denkens und Handelns? 2.2. Was ist der Mensch? Akzente einer biblisch-theologischen Anthropologie Wo der Kontext unserer übergeordneten Frage (nach der Ökonomie als dem Bösen im Menschen) letztlich eine bestimmte Anthropologie unterstellt, empfiehlt sich weiteres Nachsuchen. Der Blick auch hier auf „Religion“ oder, genauer: von Judentum und Christentum, fördert nun weitere Aussagen zutage, die über Jahrhunderte im Gedächtnis jener Religionsgemeinschaften bewahrt wurden. Sie stellen Auffassungen vor, von denen Juden und Christen überzeugt sind, dass es sie auch heute noch zu bedenken gilt. Eine gewichtige Perspektive findet sich dazu konzentriert in den ersten elf Kapiteln des Alten Testaments, der sogenannten Urgeschichte, die m.E. erhebliche Bedeutung für die jüdisch-christliche Religion bzw. Ethik hat. Gen 1-11 erzählen auf den ersten Blick von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfall bzw. der Vertreibung aus dem Paradies, von Kain und Abel, der Urflut, dem Turmbau zu Babel. Erzählungen, die seit Jahrhunderten in verschiedener Form in der Kultur, in Kunst, Musik und Sprache ihre Spuren hinterlassen haben. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 220 Nimmt man sie nicht historisch, sondern als das, was sie sind, nämlich als Mythen (und nur so können wir sie richtig verstehen), dann werden hier auf den zweiten Blick Grundaussagen verdichtet dargestellt, die das Leben – oder besser: die Existenz – des Menschen deuten wollen. Als Geschichten, die erzählen, ‚was niemals war und immer ist‘ entwerfen sie ein Bild vom Menschen als dem Wesen der Ambivalenz: - So ist er kein Zufallsprodukt, kein ‚Zellhaufen‘, sondern einer, der gewollt, ja geliebt ist, mit einer Würde ausgestattet, sogar als „Gottes Ebenbild“ angesehen wird (Gen 1,26f) und als solcher in die Selbstverantwortung entlassen ist. - Allerdings wird er gesehen als jemand, der dazu neigt, sich zu entgrenzen, sich mit seinem Menschsein nicht abzufinden, sondern auszugreifen, sich zu erheben, den ihm zugewiesenen Platz zu verlassen, also vom ‚Baum der Erkenntnis zu essen‘, der ihm nicht zusteht. - Als ein solcher neigt er dazu – ‚jenseits von Eden‘ , sich über den anderen zu erheben, und wenn er nicht anerkannt wird, vor der Vernichtung des Bruders, des eigenen Fleisch und Blutes, nicht zurückzuschrecken (Kain und Abel). - Dies geht soweit, sich selbst zu übersteigern, am ‚Himmel‘ zu kratzen, sein Maß als Mensch zu verlieren, quasi zu gottähnlichen Höhen sich aufzuschwingen (Turmbau zu Babel). So finden wir in der Beschreibung dieser Konstitution des Menschen in der Sprache des Mythos beides: die Zusage des Gewolltsein um seiner selbst willen einerseits und die Benennungen der Gefahren und Entgrenzungen andererseits. Die Urgeschichte der Bibel in ihren elf Kapiteln können wir als Erzählungen über die Ambivalenz des Menschen lesen, seine in verschiedener Form vorhandenen dunklen Seiten ‚jenseits von Eden‘. Sie scheinen allerdings sehr gewichtig zu sein, diese dunklen Seiten, denn die Urgeschichte widmet ihnen auch vom Umfang her die grö- ßere Aufmerksamkeit – offenbar, so kann man vielleicht vorsichtig deuten, verdienen diese Gefahren der Selbstübersteigerung eine entsprechende Betrachtung, die ja nie nur wertfrei-beobachtend ist, sondern als Mahnung gesehen werden muss. Im christlichen Kontext wird es dann nicht viel besser: In der langen Tradition jener zweitausend Jahre Glaubens- und Kulturgeschichte bildet sich offenbar die Notwendigkeit heraus, anhaltend vor den weiterhin erkannten und festgestellten Abgründen zu warnen. Die Auseinandersetzung der Tradition fördert dabei zentrale Perspektiven zutage, die für Matthias Bahr 221 menschliches Leben als hochproblematisch eingestuft werden, nämlich (1) Hochmut, Stolz und Eitelkeit, (2) Geiz und Habgier, (3) Begehren, Ausschweifung und Wollust, (4) Rachsucht, (5) Selbstsucht und Maßlosigkeit, (6) Neid und Missgunst, (7) Trägheit, Faulheit und Ignoranz.9 Der Mensch erscheint auch hier auf die Begriffe gebracht als einer mit Abgründen. Die christliche Tradition nimmt sogar eine Klassifizierung vor, und bezeichnet diese Abgründe als sogenannte Todsünden:10 Sünden, die nicht eine bestimmte Tat meinen, sondern Haltungen bezeichnen, Haltungen, die letztlich tödlich sind. Tödlich sind sie meist und vor allem für jene, die Objekte dieser Haltungen sind, immer aber auch für den, der sich ihnen hingibt. Immer nämlich führen sie zu einem Verlust: Sie töten Beziehungen, zerstören Ordnungen, bringen Menschen aus dem Gleichgewicht, sind – theologisch gesehen – letztlich Ausdruck einer tiefen Gott-Losigkeit. Und sie haben diese andere Seite: der Selbstübersteigerung, des Machthungers, der entgrenzten Selbstbestätigung. Wenn ich das richtig sehe, dann sind die vielen Regelungen, Verordnungen, die Gebote, Verbote, Weisungen in jüdisch-christlichem Kontext dem Bemühen geschuldet, diesen Abgrund des Menschen in den Schranken zu halten – weil man um ihn weiß und weil man weiß, was an Unheil hervorbrechen kann. Daran hat sich – bis heute – aus christlicher Sicht nichts geändert, und so wurde es über Jahrhunderte auch gelehrt und verbreitet, um auf diesem Hintergrund ein notwendiges Bemühen um Ordnung und Eindämmung der Untiefen menschlichen Handelns und Soseins vorzunehmen. 2.3. Die neue Frage – und ein neues Bewusstsein Ich mache nun einen Sprung. Was Jahrhunderte in dieser Hinsicht dominierte, erhielt vor reichlich 170 Jahren eine neue Dynamik. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt eine neue Frage auf, die man so vorher noch nicht kannte. Technische Innovationen, ja Revolutionen bringen gesellschaftliche Umwälzungen mit sich, die Lebens- und Arbeitsbedin- 9 Zur existenziellen Bedeutung und Einordung vgl. z.B. Franz Furger: Einführung in die Moraltheologie. Darmstadt 1988, S. 42f. 10 Vgl. Stephan Ernst: Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung. München 2009, S. 285. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 222 gungen radikal verändern. Sie führen zu neuen Berufen (des Industriearbeiters) und sozialen Umwälzungen mit den bekannten Problemen, weil sie ganze Bevölkerungsschichten in Armut und Verelendung treiben. Innerhalb der ethischen Diskussion bringen sie die Erkenntnis: Modernen wirtschaftlichen Entwicklungen kann man nicht allein mit Individualethik begegnen. Der Appell an die Einhaltung individueller ethischer Überzeugungen, etwa des Dekalogs oder die Warnung vor im Individuum aufbrechende Abgründe verhindern vielleicht mitunter, dass das eine Individuum über das andere herfällt. Solange aber kein Rahmen geschaffen ist, der das Individuum strukturell schützt, bleiben die Lebensverhältnisse letztlich prinzipiell prekär und fragil. Ausbeuterische Arbeitsverhältnisse können individualethisch nämlich nicht verhindert werden, weil im Hintergrund immer die Regel mitläuft oder mitlaufen kann: „Wenn ich’s nicht mache (ausbeute), macht’s ein anderer“. Das betrifft auch den Bereich der sozialen Sicherung. Fragil bleibt das Leben nämlich auch dort, wo Menschen angesichts von Arbeitslosigkeit, Unfall, Krankheit und Alter strukturell nicht aufgefangen werden, sondern allein sich selbst oder den Familien überlassen werden, wie dies jahrhundertelang der Fall war. Angesichts der „neuen sozialen Frage“, wie man das im 19. Jahrhundert nannte, musste man von jetzt an also offenbar anders, sozialethisch nämlich, antworten, d.h. Vorstellungen notwendiger gesellschaftlicher und sozialpolitischer Leitbilder entwickeln, die menschliches Leben auf Dauer sichern. Diese Leitmotive, die im Zuge der nun neu benannten Sozialethik bis in 20. Jahrhundert und eigentlich bis heute entwickelt werden, heißen: Personalität, Solidarität, Subsidiarität und inzwischen auch Nachhaltigkeit. Diese ethischen Perspektiven mussten – kirchlich gesehen – in einem langen Prozess theologischer bzw. christentumsgeschichtlicher Reflexion erst mühsam gefunden werden. Aus lehramtlich römisch-katholischer Sicht findet dies mit der ersten Sozialenzyklika Rerum Novarum von 1891 ihren Niederschlag, der Prozess nimmt aber besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Fahrt auf und ist bis in die Gegenwart hinein als unabgeschlossen zu sehen, weil weitere (technische) Entwicklungen auch weiterhin entsprechende ethische Ergänzungen erforderlich machen werden. Und dennoch: So wichtig diese ethischen Perspektiven auch sein mögen – sie allein können das Humanum nicht ausreichend schützen. Denn letztlich und entscheidend müssen sie bis in die Ordnungspolitik des Staates reichen und damit als Recht bzw. als Gesetze Matthias Bahr 223 verbindlich werden. So erst bilden sie einen Rahmen, an den sich alle zu halten haben, auch jene, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Erst dann – diese Hoffnung soll ausgesprochen werden – können sie (die ethischen Prinzipien und die gesetzlichen Regelungen) Habgier, Maßlosigkeit, Eitelkeit, Selbstsucht und Ignoranz im Zaum halten. 3. Zum wirtschaftsethischen, ordnungspolitischen Potential der Menschenrechte Die fragwürdige Frage nach der „Ökonomie als dem Bösen im Menschen“ ist damit zumindest teilweise beantwortet. Sie soll aber noch in einen umfassenderen Rahmen gestellt werden, der mit dem Bezug auf die Menschenrechte gegeben ist. Und das ist auch notwendig und gut so, übersteigen die Menschenrechte doch jeden nationalen oder kontinentalen Rahmen. Das, was für Deutschland und inzwischen für viele Länder Europas auf dem Hintergrund meist durchgesetzter ethischer bzw. sozialrechtlicher Standards gewonnen wurde, ist weltweit gesehen vielerorts noch unerreicht. Der universale Anspruch der Menschenrechte hingegen entwirft eine Zieldimension, die einerseits global ist und damit als erstrebenswerte Perspektive gesehen werden kann, enthält aber andererseits genug kritisches Potential, um eine selbstbezogene, ausgrenzende Politik (z.B. der Industrienationen) gegenüber anderen Ländern entsprechend zu hinterfragen. Welche Rolle können nun Menschenrechte für ökonomische Entscheidungen spielen? (1) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist eine moderne Zusammenstellung von Leitbildern auf dem Hintergrund der Katastrophen des 20. Jahrhunderts und wirkt insofern orientierend. Die Herausbildung der Menschenrechtserklärung von 1948 ist aus historischen Unrechtserfahrungen entstanden, auf dem Hintergrund des Vernichtungspotentials des 2. Weltkrieges und des „Zivilisationsbruches“ (Dan Diner) des Holocausts. Die Präambel betont die Notwendigkeit dieser Erklärung ungeschminkt, „[...] da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschen mit Empörung erfüllen [...]“. Deshalb sei es Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 224 dringlich, die Menschenrechtserklärung als universale Perspektive und notwendige Neubestimmung entgegenzusetzen. Damit beansprucht sie, eine Zieldimension zu formulieren, die bei der Freiheit, Gleichheit und Würde des Menschen im Sinne einer allgemeinen Wesensbestimmung ansetzt (Art. 1) und insofern eine klare Antwort auf alle rassistischen Haltungen gibt, die hier Unterschiede vorgenommen haben und in Zukunft vornehmen wollen. Die nähere Beschreibung sieht den Menschen als mit Vernunft und Gewissen ausgestattet, dem damit Entscheidungsfreiheit und Entscheidungsnotwendigkeit zugesprochen ist, vor allem also die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können und insofern ein moralisches Subjekt zu sein – Rückgriffe auf Einsichten, die zur abendländischen Geistesgeschichte gehören und deren rassistische Aussetzung im 20. Jahrhundert in verstörender Weise erfahrbar wurde. Von dieser prinzipiellen Bestimmung ausgehend ergeben sich zentrale weitere säkulare Positionen der Menschenrechtserklärung, insbesondere von sozialer Sicherung und der Notwendigkeit einer stabilen Rechtsordnung. Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist seit 1948 ein verfasster Orientierungsrahmen entworfen worden, der als Zielperspektive mit normativem Anspruch in der Weltgesellschaft auftritt, um gegen das zu schützen, was sonst (wieder) droht: die Barbarei. Bezogen auf die Frage nach dem Stellenwert der Ökonomie heißt das: Auch sie muss diesen Orientierungsrahmen respektieren, will sie sich nicht zum Handlanger realmöglicher Abgründe machen. (2) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sensibilisiert als säkulares Projekt jenseits von Nationen und Religionen für Verletzungen des Humanum. Die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sind wie ein „Brennglas“, durch das sich gesellschaftliche, ökonomische oder politische Zustände schärfer wahrnehmen und einschätzen lassen. Mit dem Wissen um Menschenrechte geht ein erhöhtes Bewusstsein um ihre Verletzung einher, auch in der Gegenwart. Die Menschenrechte sind somit ein Signal an die Aufmerksamkeit. Man nennt dies den „Skandalcharakter“ der Menschenrechte.11 So bilden sie die ‚Wahrnehmungsfolie‘ und wirken an einer zunehmenden Sensibilisierung mit, wenn und wo die 11 Konrad Hilpert: Die Menschenrechte. Geschichte – Theologie – Aktualität. Düsseldorf 1991, S. 19. Matthias Bahr 225 Rechte von Menschen verletzt werden. Als säkulares und transnationales Projekt ist diese Wahrnehmung gewissermaßen rücksichtslos, stellt Öffentlichkeit her und konfrontiert so mit dem Anspruch ihrer Gültigkeit jenseits von Eigeninteressen, seien sie ökonomisch, politisch, kulturell oder religiös begründet. Diesem kritischen Stachel, solange er anhaltend eingesetzt wird, können selbst langfristig bestehende Menschenrechtsverletzungen nicht standhalten. Das belegen immer wieder Veränderungsprozeduren, denen sich auch weltweit agierende Konzerne unterwerfen (vgl. etwa die IWAY-Standards von IKEA), oftmals auf Druck der Öffentlichkeit. (3) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte fordert (vor allem) das ordnende Handeln von Institutionen ein, die ein humanes Zusammenleben befördern und sicherstellen können und müssen. Menschliches Leben ist immer bedroht: etwa durch ‚naturhafte‘, ‚zufällige‘ Bedrohungen wie Naturkatastrophen, Krankheiten, Unglücksfälle. Im Unterschied dazu nehmen Menschenrechte die Bedrohungen durch Unrecht, Unfreiheit und Gewalttätigkeit in den Blick, die auf Veranlassung von Menschen zurückgehen und letztlich auch als vermeidbar angesehen werden können.12 Die ‚Adresse‘ der Menschenrechte sind dabei allerdings vorrangig staatliche Ordnungen, gesellschaftliche Institutionen, Strukturen des Zusammenlebens, die Unrechtshandlungen dulden, beauftragen oder durch Unterdrückung entsprechender Regelungen zulassen.13 Sie sind Adressaten und müssen ihrer steuernden Verantwortung gerecht werden. Damit geht der Bezug auf die Menschenrechte letztlich mit einem eminent politischen Handeln einher, denn nur dort, auf dieser Ebene, lassen sich strukturelle Wirkungen realisieren. (4) Im Zusammenhang mit wirtschaftlich relevanten Entscheidungen und Entwicklungen rücken ausgewählte Perspektiven der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in den Vordergrund. Zu nennen sind hier die Menschenwürde (Art. 1), das Lebensrecht (2), das Verbot der Sklaverei (3), das Eigentumsrecht (17), Soziale Sicherheit 12 Vgl. ebd., S. 19. 13 Vgl. ebd., S. 20. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 226 (22), Recht auf Arbeit und gerechte Entlohnung (23), Recht auf Erholung und Freizeit (24), Gesundheit und soziale Sicherung (25), Recht auf Bildung (26), Recht auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die verkündeten Rechte und Freiheiten gewährleistet sind. Damit bilden sie einen Rahmen, der nach weiteren Ausgestaltungen drängt. Diese können und müssen über gesetzliche Regelungen realisiert werden. Geschieht dies nicht, ist die Gefahr groß, dass Handlungsräume eröffnet werden, die allein dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden – mit der Gefahr schwerwiegender Beschädigungen menschlichen Lebens, wie sie zu Beginn exemplarisch benannt wurden. Bei all dem spielt die rechtliche Ordnung eine wichtige Rolle, weil erst sie dem Individuum die Möglichkeit eröffnet, sich gegen Willkür und Ausbeutung zur Wehr setzen zu können. Interessant ist, welch großer Raum in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der rechtlichen Sicherung eingeräumt ist, die Art. 6-12 spiegeln dies wider. Wo keine Rechtsordnung existiert oder eine funktionierende Rechtsordnung sukzessive außer Kraft gesetzt wird, stehen letztlich auch grundlegende weitere Rechte des Menschen und schließlich seine Unversehrtheit und seine Würde zur Disposition. Das alles ist nicht harmlos. „Diese Wirtschaft tötet“: Mit dieser pointierten Aussage hat der amtierende Papst Franziskus sein Urteil über das herrschende Wirtschaftssystem gesprochen (Enzyklika Evangelium Gaudium Nr. 53). Gemeint ist der neoliberale Kapitalismus, der beanspruche, alle gesellschaftlichen Bereiche einschließlich der Politik zu unterwerfen. Ursache sei eine Vergöttlichung des Geldes, die Sucht nach Macht, die Gier nach Luxus und Konsum. Daraus folge eine „Ablehnung der Ethik“ und – ganz christlich-katholisch formuliert – „eine Ablehnung Gottes“.14 Die Folge ist soziale Exklusion, wie sie weltweit anzutreffen ist, eine Globalisierung der Gleichgültigkeit, 15 die empfindungslos den Notleidenden gegenüber sei. Die Stichworte dieses prominenten Anwalts der Armen berühren Anliegen, die auch im Landauer Manifest zur Menschenrechtsbildung vertreten werden.16 14 Enzyklika Evangelium Gaudium, Nr. 57, vgl. Norbert Mette: Nicht gleichgültig bleiben! Die soziale Botschaft von Papst Franziskus. Ostfildern 2017, S. 41. 15 Vgl. Mette, Nicht gleichgültig bleiben, S. 28. Matthias Bahr 227 4. Perspektiven Der Durchgang durch die unterschiedlichen Felder, die sich vor allem einer theologisch-ethischen Perspektive gewidmet haben, kann einige Akzente herausstellen, die für die Auseinandersetzung strukturierend sein dürften. Zentrale Aufgabe angesichts der Ausgangsfrage ist es, aus sozialethischer Sicht dafür einzutreten, dass im Sinne der Sicherung der Personenwürde Prinzipien wie Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit erinnert, angemahnt und – wo fehlend oder beschädigt – strukturell eingefordert und umgesetzt werden. Allerdings: In einer komplexen, vernetzten, globalisierten Welt geht dies nicht im nationalen Rückzug, sondern nur in transnationalen Allianzen. Eine klassische und doch zeitgemäße Sozialethik wie auch eine moderne Menschenrechtsbildung muss das verfolgen. So wird sie für die Stärkung von Institutionen wie z.B. die Vereinten Nationen eintreten, aber auch größere Verbünde von Staaten begrüßen, die sich auf gemeinsame Regeln verständigen (z.B. die Europäische Union, Afrikanische Union, Mercosur) und sich untereinander auf Augenhöhe begegnen, um zum Wohle ihrer Bürger ihre eigenen Vorstellungen zu artikulieren. Ein religiöser Beitrag wird sich darum bemühen müssen, den anthropologischen Abgründen menschlichen Handelns angemessen Rechnung zu tragen und die entsprechenden theologischen bzw. pastoraltheologischen und religionspädagogischen Aufgaben zu lösen. Trotz erheblicher Unterschiede in der inhaltlichen Ausrichtung der Weltreligionen ist insgesamt in ihnen doch das Interesse an einem ‚guten Leben‘ leitend. Dabei müssen gerade auch den dunklen Seiten des Menschseins angemessene Aufmerksamkeit gezollt und entsprechende Entwürfe zu ihrer Bearbei- 16 Vgl. www.menschenrechtsbildung.uni-landau.de, vgl. dazu auch Matthias Bahr: Das „Landauer Manifest zur Menschenrechtsbildung“. Profil einer Initiative an der Universität Koblenz-Landau, in: Ders./Bettina Reichmann/Christine Schowalter (Hrsg.): Menschenrechtsbildung. Handreichung für Schule und Unterricht. Ostfildern 2018, S. 42-55, hier S. 54; Bettina Reichmann: Didaktische Grundlegung zur Menschenrechtsbildung. In: Bahr u.a. (Hrsg.), Menschenrechtsbildung, S. 56-70, hier insb. S. 64-68. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 228 tung bereitgestellt werden. Diese Herausforderungen, die Religionen seit tausenden von Jahren beschäftigen, bleiben auch im 21. Jahrhundert bestehen. Das ist letztlich auch deshalb so, weil sich jeder Mensch mit der Tatsache seiner Endlichkeit und (wenn er ein ehrlich Fühlender ist) damit auch seiner Existenzangst stellen muss. Die Frage, ob und wie er sie bewältigt, und ob dazu auch Missbrauch gehört und die Kompensation des eigenen Daseins auf Kosten anderer erfolgt, oder (im Sinne einer religiösen Deutung) ein tragendes Grundvertrauen in das Leben und die Welt das individuelle Koordinatensystem geschwisterlich-menschlich sein lässt, ist eine entscheidende Alternative, an der sich Religionen lebensfreundlich-fördernd abzuarbeiten haben. Das ist ihre erste Aufgabe. Den Menschenrechten kommt in der Frage nach einem humanen Zusammenleben unter den gegebenen ökonomischen Kontexten hier vor allem auf der Ebene der strukturellen Ordnung m.E. zukunftsweisende Bedeutung zu, weil sie ein säkulares Programm sind mit der Potenz, Gesellschaften (und Menschen) jenseits bestimmter kultureller Prägungen und religiöser Überzeugungen konstruktiv orientieren und zusammenführen zu können. Denn für ihre Wirksamkeit ist eine bestimmte religiöse Rückbindung nicht vorausgesetzt, und gleichzeitig zeigen sie einen Horizont auf mit Lebensmöglichkeiten für alle. Darüber hinaus verkörpern sie eine Position, die von ihrer historischen Genese her die Erinnerung an ihr Gegenteil bewahrt. Und trotzdem sind die Menschenrechte zunächst einmal ‚schwach‘: 17 Erforderlich ist, dass sie in verbindliche, einklagbare Regeln hinein entfaltet werden, wie man sie etwa in Verfassungen wiederfinden kann. Vielleicht werden sie einmal – wenn die Zeit gekommen ist – Bestandteil einer ‚Weltinnenpolitik‘ sein, auf die schon vor Jahrzehnten etwa Carl-Friedrich von Weizsäcker hingewiesen hat. 17 Vgl. Konrad Hilpert: Ethik der Menschenrechte. Zwischen Rhetorik und Verwirklichung. Paderborn 2019, S. 39. 229 Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? Überlegungen aus ökonomischer Perspektive Werner Sesselmeier Die ökonomische Wissenschaft sollte sich stärker als Sozialwissenschaft begreifen, die nicht auf Naturgesetze vertrauen und sich die Welt wie ein Ingenieur konstruieren kann. Dafür hilfreich wären mehr interdisziplinäre Arbeit und die Einsicht, dass das in den Köpfen der Menschen steckende wirtschaftliche Wissen nur ihnen bekannt ist und daher nicht von Volkswirten in mathematische Formeln gegossen werden kann. Thomas Mayer 1. Einleitung Die Ökonomie, insbesondere in der in den letzten Jahren vielfach „verteufelten“ Variante des Neoliberalismus, ist vielen eine offensichtliche Schuldige für spezifische gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa eine zunehmende Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen oder prekäre Arbeitsverhältnisse und damit einer Gefährdung oder sogar Verletzung sozialer Menschenrechte auf nationaler wie internationaler Ebene. Dabei bleibt oft sehr vage, was denn unter „der Ökonomie“ verstanden werden soll. Der nachfolgende Beitrag dient hauptsächlich einer Konkretisierung dieser „Ökonomie“. Daneben sollen gleich zu Beginn soziale Menschenrechte definiert werden. Bei den sozialen Menschenrechten geht es der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948 folgend um soziale Rechte materieller wie gesundheitlicher Art, also um den Schutz vor Verarmung, Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 230 ein Recht auf Arbeit, Bildung, Gesundheit, Nahrung oder Wohnen.1 Die Aussage, „die soziale Frage ist längst eine globale soziale Frage“,2 sollte dabei insofern mit Vorsicht betrachtet werden, denn der Satz darf keineswegs so interpretiert werden, dass es auf einer nationalstaatlichen Ebene wie beispielsweise der deutschen keine Verletzungen sozialer Menschenrechte gäbe. Eher soll der Satz darauf hinweisen, dass es sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu Verletzungen sozialer Menschenrechte kommt.3 Und schließlich geht es um den Zusammenhang von „Ökonomie“ und sozialen Menschenrechten, konkret um die Frage, ob und, wenn ja, wie die „Ökonomie“ eine Berücksichtigung sozialer Menschenrechte beeinträchtigt. Die These, die für die folgende Argumentation handlungsleitend sein soll, lautet: Wir nehmen Menschenrechtsverletzungen zu Gunsten individueller Vorteile in Kauf. Damit soll bereits an dieser Stelle verdeutlicht werden, dass wir die Frage nach dem (bösen) Charakter der Ökonomie nicht ausschließlich dadurch beantworten können, dass wir auf andere, meist auf die Unternehmen, zeigen, sondern dass wir auch individuelles Verhalten betrachten müssen. Das (Konsum-)Verhalten in den westlichen Industrieländern bietet uns hierfür eine breite Palette an Beispielen: Wir kaufen billige Bekleidung aus asiatischen oder ukrainischen Produktionsstätten, obwohl wir genügend Informationen über die dortigen Arbeitsbedingungen haben. Diese nehmen wir jedoch nur dann (kurz) wahr, wenn in den dortigen Produktionsstätten größere Unfälle passieren. 1 Andreas Fischer-Lescano/Kolja Möller: Der Kampf um globale soziale Rechte. Zart wäre das Gröbste. Berlin 2012, S. 47. 2 Ebd., S. 9. 3 Gleichwohl wird die Notwendigkeit sozialpolitischer Forschung und praktischer Sozialpolitik auch und gerade auf internationaler Ebene in der Wissenschaft unter dem Stichwort „Weltsozialpolitik“ realisiert. Siehe hierzu etwa Marius Busemeyer u.a.: Wohlfahrtspolitik im 21. Jahrhundert. Neue Wege der Forschung. Frankfurt/New York 2013 sowie Lutz Leisering: The Global Rise of Social Cash Transfers: How States and International Organizations Constructed a New Instrument for Combating Poverty. Oxford 2019 und Anja Weiß: Soziologie Globaler Ungleichheiten. Berlin 2017. Werner Sesselmeier 231 Wir sorgen uns um unsere Umwelt und rühmen uns für den Abbau von Umweltverschmutzung, entsorgen jedoch hochgiftigen Müll in Afrika. Darüber hinaus wird dieser Müll dort nicht nur entsorgt, sondern ohne besondere Schutzvorkehrungen zerlegt und auf wiederverwertbare Substanzen untersucht. Wir produzieren mehr Plastikmüll, als wir recyceln oder verbrennen können, und verschiffen diesen zur weiteren Vernichtung nach China und neuerdings Malaysia. Wir verarbeiten Mais oder Soja zu Biodiesel statt zu Lebensmitteln und produzieren damit Preissteigerungen in spezifischen nationalen Lebensmittelmärkten sowie langfristige Verödungen ganzer Landstriche. Wir entdecken „hippe“ Lebensmittel wie etwa Avocado und verursachen damit sowohl eine Verknappung dieser Lebensmittel in den Ländern, wo diese Hauptnahrungsmittel sind, als auch eine Verschwendung natürlicher Ressourcen bei der Produktion dieser Güter. Wir privatisieren über Jahrzehnte hinweg Einrichtungen des sozialen Wohnungsbaus und wundern uns dann über Wohnungsmangel insbesondere für bestimmte Bevölkerungsgruppen und mindestens in Großstädten. Wir bestaunen den bis vor das Bundesverfassungsgericht getragenen Streit um die „richtige“ Höhe des Existenzminimums und dessen Kürzungen bei Sanktionen im Bereich des Arbeitslosengelds II und riskieren den Ausstieg gerade junger Arbeitsloser aus dem, wenn auch unzulänglichen System. Wir sind seit Jahren unfähig, in der Debatte um Grundsicherung im Alter eine für die Betroffenen sinnvolle Lösung herbeizuführen und lassen die Betroffenen in (verschämter) Altersarmut verharren. Diese Beispiele verdeutlichen unter Bezug auf die weiter oben formulierte These, dass neben dem Begriff der „Ökonomie“ auch das „Wir“ geklärt werden muss. Wer trägt zu den Verletzungen sozialer Menschenrechte bei und schließlich: Wer kann dazu beitragen, diese Verletzungen zu minimieren oder sogar zu verhindern? Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 232 2. Wer oder was ist „die Ökonomie“? Mit der Klärung des Begriffs der Ökonomie wird gleichzeitig auch deutlich, wer hinter dem „wir“ steht. Letztendlich jede und jeder Einzelne jeder Gesellschaft, weil wir beständig als wirtschaftlich handelnde Personen auftreten.4 Die „Ökonomie“ kann man auf drei Ebenen betrachten: Die Wirtschaft als die praktische Ausformung von Ökonomie, die Wissenschaft vom ökonomischen Handeln (Ökonomik) und die Individuen, also wir alle, die wir in unterschiedlichen Rollen als wirtschaftlich tätige Subjekte tagtäglich agieren. 2.1. Die Wirtschaft Meist wird von der Ökonomie sofort auf die Wirtschaft oder die Unternehmen geschlossen, verbunden mit der Einschätzung, dass diese die Arbeitnehmer ausbeuten und die Konsumenten mit möglichst hohen Preisen über den Tisch zu ziehen versuchen, um einen möglichst hohen Gewinn zu machen.5 Dabei wird oft vergessen, dass gesellschaftlich nicht klar ist, wann Arbeitsbedingungen ausbeuterisch werden, wann ein Preis oder ein Gewinn hoch oder zu hoch sind, und dass derartige Festlegungen in der Praxis eher auf der Basis gesellschaftlicher Normen entstehen denn in ökonomischen Modellen. 6 Letztendlich hängt die menschenrechtliche Risikoanalyse der Unternehmen von deren Einbettung in die 4 Hier kommt das eigentlich „Böse“ an der Ökonomie zum Tragen: Sie führt uns immer vor Augen, dass die materiellen Möglichkeiten nicht mit unseren Bedürfnissen Schritt halten können und wir deshalb immer vor Entscheidungen gestellt werden. 5 An dieser Stelle sollte nicht übersehen werden, dass Unternehmen prinzipiell Gewinne machen sollen, um etwa mit Hilfe von Investitionen wettbewerbsfähig zu bleiben oder Arbeitsplätze schaffen zu können. 6 In ökonomischen Modellen sind „richtige“ Preise auf den Güter-, Arbeitsund Kapitalmärkten, also Preis, Lohn und Zins, immer aus den Angebotsund Nachfragekonstellationen ableitbar und hängen letztendlich von der jeweiligen Wettbewerbsintensität ab. Die gesellschaftliche Rahmung derartiger ökonomischer Gleichgewichte wiederum hängt stark den nationalen Gepflogenheiten ab: So ist die breite Ablehnung einer allgemeinen Krankenversicherung in der US-amerikanischen Bevölkerung aus europäischer Sicht völlig unverständlich. Werner Sesselmeier 233 betriebswirtschaftliche Risikoanalyse ab. 7 Werden Risiken von Menschenrechtsverletzungen in unternehmerische Kosten übersetzt – etwa Gerichts- und Bürokratiekosten, Reparationszahlungen oder Reputationsschäden –, so sind Unternehmen gezwungen, Kosten der Einhaltung gegen mögliche Kosten der Nichteinhaltung von Menschenrechten abzuwägen. Wie stark dieser Zwang zur „Einpreisung“ von menschenrechtlichen Risiken ist, hängt schließlich von der Härte der Regulierung, aber auch von der Fähigkeit und Willigkeit zur Kontrolle der Einhaltung sowie allgemein vom Machtgleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und natürlich auch zwischen Anbietern und Nachfragern (also uns) ab.8 Unter dem Stichwort Corporate Social Responsibility berücksichtigt laut einer TNS Emnid Umfrage bereits eine große Anzahl der Führungskräfte in Großunternehmen diese Problematik.9 2.2. Die Ökonomik Die Ökonomik als die Wissenschaft vom ökonomischen Handeln ist bei weitem nicht so werturteilsfrei wie die Mehrheit der ökonomischen Zunft dies sieht. Die meist mathematische Sprache und die ihr unterstellte Objektivität führen uns hier in die Irre. Folglich kann die Ökonomik in ganz unterschiedlicher Weise zu einer Verletzung sozialer Menschenrechte beitragen. Zu diesen unterschiedlichen Möglichkeiten gehören die Theorie selbst, die Benutzung der Theorie im Prozess der wirtschaftspo- 7 Vgl. hierzu Deniz Utlu/Jan-Christian Niebank: Das kalkulierte Risiko. Ökonomische versus menschenrechtliche Anforderungen an eine unternehmerische Risikoanalyse. Deutsches Institut für Menschenrechte. Berlin 2017 sowie Christoph Lütge: Die Frage nach der sozialen Verantwortung von Unternehmen ist längst beantwortet. In: ifo Schnelldienst 24/2018, S. 6-9. 8 Letzteres Argument kann sogar einen Konsens mit Ökonomen herbeiführen, die üblicher Weise einen Mindestlohn ablehnen. Existiert ein regional dominantes Unternehmen, also ein Monopson, so kann dieses die Lohnbedingungen bei positiven Abwanderungskosten der Arbeitnehmer bis zu einem bestimmten Grad und (im Vergleich zur Situation vollkommener Konkurrenz) zu Lasten der Arbeitnehmer festlegen. Mindestlöhne können die Situation zu Gunsten der Arbeitnehmer verbessern. 9 Bertelsmann Stiftung: Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen, https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Emnid.pdf. Zuletzt abgerufen am 09.02.2019. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 234 litischen Beratung sowie die wirtschaftspolitische Anwendung durch den Staat bzw. die Institution, die legitimiert ist, Wirtschaftspolitik durchzuführen. Die Ökonomik im Sinne von Wirtschaftswissenschaften ist im Kern eine Entscheidungslehre bzw. Wahlhandlungstheorie. Technisch gesprochen wird eine Nutzenmaximierung unter Nebenbedingungen durchgeführt. Die Wirtschaftswissenschaften geben uns Kriterien an die Hand, mit denen wir zwischen Alternativen entscheiden können. Diese Kriterien sind die mit einer Entscheidung verbundenen individuellen Kosten und Nutzen. So ist die Ökonomik in der Lage, Marktergebnisse relativ einfach zu rekonstruieren, aber auch zu prognostizieren. Gleichzeitig führt aber eine breite Anwendung des ökonomischen Kalküls auf alle möglichen Aspekte menschlichen Handelns, wie es etwa der Nobelpreisträger Gary S. Becker prominent propagiert, zu einer Ökonomisierung der Gesellschaft mit der Folge, dass „die basalen Prinzipien von Gleichwertigkeit und Unversehrtheit erodieren und abwertende und diskriminierende Übergriffe mit der Legitimation ökonomischer Prinzipien möglich werden“.10 Die Menschen verengen ihren Blick bei anstehenden Entscheidungen also zunehmend auf die Abwägung von Kosten und Nutzen – und blenden sämtliche (menschenrechtliche) Aspekte aus, die nicht unmittelbar diesen beiden Kategorien zuordenbar sind. Betrachtet man beispielsweise das neoklassische Arbeitsmarktmodell11 aus diesem „misanthropischen Grundmuster der Ökonomik“, 12 so zeigt sich, „dass die Grundannahmen zum menschlichen Verhalten im Modell negativ sind“13 10 Wilhelm Heitmeyer/Kirsten Endrikat: Die Ökonomisierung des Sozialen. Folgen für „Überflüssige“ und „Nutzlose“. In: Deutsche Zustände: Folge 6. Hrsg. von Wilhelm Heitmeyer. Frankfurt am Main 2008, S. 56. 11 Siehe hierzu Werner Sesselmeier/Lothar Funk/Bernd Waas: Arbeitsmarkttheorien. Eine ökonomisch-juristische Einführung. 3. vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Heidelberg u.a. 2010. 12 Sebastian Thieme: Der Ökonom als Menschenfeind? Über die misanthropischen Grundmuster der Ökonomik. Opladen, Berlin & Toronto 2013. 13 Ebd., S. 30. Dies ist nicht nur in der Arbeitsmarkttheorie der Fall. So sind etwa die letzten 20 bis 30 Jahre Wirtschaftspolitik durch ein beständiges Misstrauen gegenüber individuellem Handeln geprägt. Das scheint auch daher zu rühren, dass außerhalb der Ökonomik der Begriff des Eigennutzes sofort mit Egoismus übersetzt wird. Aus Sicht der Finanzbehörden beispielsweise ist es wenig vorstellbar, dass jemand aus eigennützigen Gründen Steuern bezahlt, um damit etwa eine funktionierende Infrastruk- Werner Sesselmeier 235 und „die neoklassische Logik jeglichem echten sozialstaatlichen Engagement entgegensteht“, 14 weil der Sozialstaat den Disziplinierungsdruck von Arbeitsmärkten und damit die Kommodifizierung von Arbeit relativiert. Dies kommt immer wieder etwa in den Arbeitsmarktkapiteln der Jahresgutachten des Sachverständigenrates zum Ausdruck, aber eben auch in der praktischen Wirtschafts- und Sozialpolitik, wenn der österreichische Bundeskanzler Kurz, wie aktuell geschehen, davon spricht, dass Mindestsicherung diejenigen Arbeitslosen bekommen sollen, denen sie zusteht, und nicht diejenigen, die sie benötigen. Und die bereits erwähnten Sanktionen beim deutschen Arbeitslosengeld II behandeln „Arbeitslose als potenzielle Faulpelze, denen man die Faulpelzerei austreiben müsse“. 15 Neben dem negativen Menschenbild arbeitet Thieme noch zwei weitere misanthropische Grundmuster der Ökonomik heraus: die Idee des Wettbewerbs, die „Individuen in ein Konkurrenzverhältnis setzt“16 und Personen damit automatisch in Gewinner und Verlierer dieses Wettbewerbs einteilt und somit die Ungleichwertigkeiten betont.17 Und schließlich führt die Abstraktheit und Verdinglichung ökonomischer Modellierung, wenn auch wohl nicht intendiert, dazu, dass Subjekte objektiviert werden. tur mitzufinanzieren und benutzen zu können. Näher ist dagegen das Bild des egoistischen, potenziellen Steuerhinterziehers. Auch die Herausarbeitung asymmetrischer Informationen zwischen Vertragsparteien betont immer, dass dies zu Lasten desjenigen geht (nicht: gehen kann), der mit geringeren Informationen ausgestattet ist. 14 Ebd., S. 31. 15 Heribert Prantl: Ist das Gericht befangen? In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 11 vom 14.01.2019, S. 4. Praktische Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik hängt somit immer auch von den zugrundeliegenden „theoretischen“ Brillen ab; siehe hierzu Gisela Kubon-Gilke/Aysel Yollu-Tok/Werner Sesselmeier/Nils Goldschmidt: Theorien der Sozialpolitik auf dem Prüfstand. Schwerpunktheft Sozialer Fortschritt, 7-8/2017. 16 Thieme, Der Ökonom als Menschenfeind?, S. 87. 17 Hier zeigt sich schon ein Problem des gleich zu behandelnden Neoliberalismus im Speziellen sowie der Ökonomik allgemein, nämlich deren Hang zur Quantifizierung individuellen wie gesellschaftlichen Handelns. Siehe hierzu Steffen Mau: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin 2017 und Oliver Schlaudt: Die politischen Zahlen. Über Quantifizierung im Neoliberalismus. Frankfurt am Main 2018. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 236 An dieser Stelle sei nochmals auf den anfangs erwähnten Neoliberalismus zurückgekommen. Kennzeichnend für den Neoliberalismus ist sicherlich – und das ist der Anknüpfungspunkt zum vorherigen Absatz –, dass er den Markt als ein Disziplinierungsinstrument betrachtet und dass er durch zwei Kernpunkte charakterisiert werden kann:18 „(1) eine in unterschiedlichen Ausprägungen und Begründungen propagierte Präferenz für private Lösungen. (2) Man vertraut eher nicht dem natürlichen Lauf der Dinge, sondern propagiert eine aktivistische Transformationsprogrammatik und Gestaltung ‚neoliberaler Governance‘“.19 Hier deutet sich schon an, dass es auch in der Ökonomik mehrere, sich teils ergänzende und teils widersprechende Theoriestränge gibt, die oft parallel zueinander existieren, sich aber auch und gerade in ihrer Bedeutung für die praktische Wirtschaftspolitik abwechseln. Nach dem zweiten Weltkrieg dominierte der Keynesianismus für rund 30 Jahre die Politik auf nationaler und internationaler Ebene. Im Kern ging es dem britischen Ökonom John Maynard Keynes um eine pointiert stärkere Rolle des Staates, um z.B. in konjunkturschwachen Phasen fehlende private Nachfrage durch staatliche zu ersetzen und damit die Unternehmen – und somit die Ökonomie eines Landes – zu schützen. Mit der Abnutzung keynesianischer Ideen und Instrumente im Zeitablauf setzte sich ab Mitte der 1970er Jahre eine zu diesem Zeitpunkt schon bekannte und eingeführte Theorierichtung durch, die wir heute als Neoliberalismus bezeichnen. Hinter diesem Begriff steht in seiner angelsächsischen Tradition 20 ein starker 18 Richard Sturn: Marktvertrauen und Schattenpolitik. In: Dem Markt vertrauen? Beiträge zur Tiefenstruktur neoliberaler Regulierung. Hrsg. von Richard Sturn und Nenad Pantelic. Marburg 2019. 19 Ebd., S. 12. Walter O. Ötsch und Stephan Pühringer sprechen denn auch von Marktfundamentalismus. Dies: Marktfundamentalismus als Kollektivgedanke. Mises und die Ordoliberalen. In: Sturn/Pantelic (Hrsg.), Dem Markt vertrauen?, S. 185-210. 20 Hier darf nicht unerwähnt bleiben, dass es auch einen deutschen Neoliberalismus gibt, der aber relativ schnell in Ordoliberalismus umbenannt wurde und stark mit der Freiburger Schule der 1940er Jahre und den Ökonomen Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow verbunden ist. Seinen Niederschlag in der Politik fand er mit der Sozialen Marktwirtschaft des damaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard und seines Staatssekretärs Alfred Müller-Armack. Die wohl prägnanteste Beschreibung stammt von Karl Schiller, der die Soziale Marktwirtschaft umschrieb mit „So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig“. In die- Werner Sesselmeier 237 Marktoptimismus, der mit der Idee verbunden ist, dass prinzipiell gut funktionierende Märkte möglichst wenig Regulierungen brauchen.21 Begründet und einer breiteren Öffentlichkeit zugeführt wurden diese Ideen bereits in den Schriften des österreichischen Ökonomen Ludwig von Mises sowie seines Schülers und späteren Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek wie auch mit den Veranstaltungen der Mont Pèlerin Gesellschaft. Übersetzt in Politik wurden diese Ideen und Theorien mit der Wirtschaftspolitik des US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan („Reaganomics“)22 und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher sowie im „Washington Consensus“, wo der Neoliberalismus mit Hilfe entsprechender Think-Tanks23 auf nationaler und auch auf internationaler Ebene in die Zusammenarbeit der Nationalstaaten sowie die Arbeit supranationaler Institutionen wie IWF oder Weltbank einfloss und ser unterschiedlichen Betonung der Rolle des Staates liegt denn auch der Unterschied zwischen angelsächsischem und deutschem Neoliberalismus, siehe hierzu auch Ötsch/Pühringer, Marktfundamentalismus als Kollektivgedanke. In: Sturn/Pantelic (Hrsg.), Dem Markt vertrauen?, S. 185-210. 21 Gleichwohl sollte der Neoliberalismus nicht ausschließlich als Phänomen der letzten Jahrzehnte betrachtet werden, denn die „Geschichte der Moderne ist in erster Linie eine Chronik der Unterwerfung des gesellschaftlichen Lebens unter Marktbeziehungen“ (Cesar Rendueles: Kanaillen-Kapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft. Berlin 2018, S. 24.). Die Geschichte ist dabei immer durch einen Wettkampf zwischen ökonomischen und nichtökonomischen Sphären gekennzeichnet, wobei gerade aus den letzten Jahrzehnten Aussagen von Politikern im Gedächtnis blieben, die die wirtschaftliche Sphäre über die gesellschaftliche stellten, so etwa Bill Clinton mit seinem vielzitierten Ausspruch „It’s the economy, stupid!“ oder Angela Merkels Worte von der marktgerechten Demokratie. 22 Dass die Präsidentschaft Ronald Reagans mit Blick auf den Anstieg der Militärausgaben während dieser acht Jahre durchaus keynesianische Züge hatte, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Dies war quasi ein Nebenprodukt der Auseinandersetzung mit der damaligen UdSSR. Bezogen auf die nichtmilitärischen öffentlichen Ausgaben und die generelle Rolle von Markt und Staat war die ideologische Ausrichtung seiner Wirtschaftspolitik jedoch neoliberal. 23 Siehe hierzu beispielhaft Christoph Pasrucker: Interessenpolitik, Politikberatung und wirtschaftsliberale Think-Tanks in Österreich. In: Sturn/ Pantelic (Hrsg.), Dem Markt vertrauen?, S. 123-156. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 238 ein „lex mercatoria“, 24 ein staatsfernes Recht der globalisierten Wirtschaft, mitkreierte.25 Während der ökonomische Mainstream, die Neoklassik, klar zwischen privater und öffentlicher Sphäre trennt – die Wirtschaftssubjekte verfolgen ihre Interessen und die öffentliche Hand setzt die Rahmenbedingungen dafür – werden im Neoliberalismus diese Sphären insofern vermischt, als etwa im internationalen Handel private Schiedsgerichte an Stelle von öffentlichen Institutionen wie der WTO zum Einsatz kommen. Auch wenn der Neoliberalismus also private und öffentliche bzw. ökonomische und diese regulierende Sphäre vermischt,26 so ist dennoch zu fragen, wer wirtschaftspolitisch handelt. Gerade in Deutschland und Europa wäre die natürliche Antwort auf die geschilderten Beispiele, dass der Staat hier regulierend eingreifen muss, davon unabhängig ist die Frage zu beantworten, welcher Art die Regulierungen sein sollen. Doch wer ist der Staat und kann bzw. will dieser Staat dann auch eingreifen? 24 Fischer-Lescano/Möller, Der Kampf um globale soziale Rechte, S. 10. 25 Auch wenn im nächsten Gliederungspunkt das Individuum im Mittelpunkt der Argumentation steht, muss doch bereits an dieser Stelle darauf Bezug genommen werden. Der Neoliberalismus ist den Menschen nicht nur von oben übergestülpt worden, vielmehr gab es parallel dazu eine „massive Vermarktlichung von unten“ (Andreas Reckwitz: Der Markt unserer Wünsche. In: Die Zeit Nr. 49 vom 29.11.2018, S. 47). Damit ist die Individualisierung unserer Gesellschaft sowohl durch den Übergang von der industriellen zur postindustriellen Ökonomie gemeint als auch und vor allem eine Verschiebung unserer Werte in Richtung Selbstverwirklichung; ausführlich hierzu: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin 2017, sowie zu einer generellen Kritik an der Individualisierung der Gesellschaft: Ottfried Höffe: Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne. München 2015. 26 Siehe hierzu Fritz Helmedag: Von der Sozialen Marktwirtschaft zum globalen Kapitalismus. In: Ralf-M. Marquardt/Peter Pulte (Hrsg.): Mythos Soziale Marktwirtschaft, Arbeit, Soziales und Kapital. Festschrift für Heinz-J. Bontrup. Köln 2019, S. 123-140 sowie auch Sturn, Marktvertrauen und Schattenpolitik. In: Sturn/Pantelic (Hrsg.), Dem Markt vertrauen?, S. 11-38, der zudem darauf hinweist, dass dies über alle politischen Lager hinweg festzustellen ist, denn „Politikskepsis und ihre rhetorische Zuspitzung [haben] einen beachtlichen Platz im Repertoire sowohl libertärmarktanarchistischer als auch illiberal-populistischer politischer Strategen“ (S. 21). Werner Sesselmeier 239 Im Großen und Ganzen denken wir zur Beantwortung der ersten Frage immer noch in nationalstaatlichen Rahmen. Einzugreifen hätte also die deutsche Regierung, wenn wir zu viele Avocados nachfragen. Doch wäre damit irgendjemandem in den Herstellungsländern von Avocados geholfen? Wohl eher nicht, denn wir sind nicht die einzigen, die Avocados konsumieren, und die dortigen Anbaubedingungen können wir auch nicht mit deutschen Gesetzen beeinflussen.27 Zudem sind die handelnden Unternehmen meist multinational aktiv und können sich so nationalen Gesetzen entziehen. Unternehmen und Staaten agieren unter den Bedingungen der Globalisierung, d. h. wir sind international aktiv, Produktionen sind über viele Grenzen hinweg organisiert. Entscheidungen eines Staates können wie ein Tropfen im Meer wirken. Jedoch ist dies kein „Freifahrtschein“ für nationale Regierungen, sich nicht gegen Missstände zu positionieren oder Veränderungen anzustoßen. Nationale Gesetze können durchaus politische und mediale Wirkung entfalten und so indirekt andere Nationen und den Welthandel beeinflussen. Aktuell ist dies am Beispiel der Plastiktüten zu sehen: 2008 als nationaler Alleingang in Ruanda gestartet (in der EU begann es 2011 mit Italien) ist das Thema inzwischen im Gesetzgebungsprozess der EU angekommen. Unabhängig davon sind internationale Abkommen sowie internationale und supranationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO) oder der Internationale Währungsfonds (IWF) notwendig. Dass es diese und andere Institutionen zwar bereits gibt, sie aber nicht optimal funktionieren, weist uns auf zwei weitere Probleme hin: Nationalstaaten haben je eigene Interessen und sind deshalb nicht automatisch zur Einigung fähig. Und Nationalstaaten sowie internationale und supranationale Institutionen bzw. deren Akteure entscheiden auf der Basis ökonomischer Theorien.28 27 Und man muss für derartige Beispiele auch gar nicht Europa verlassen, wie etwa die Reportage von Gilles Reckinger: Bittere Orangen. Ein neues Gesicht der Sklaverei in Europa. Bonn 2018, zum Orangenanbau in Süditalien zeigt. 28 Die Mitarbeiter öffentlicher Einrichtungen sind natürlich nicht alle auf einmal Ökonomen. Unter dem Schlagwort „Austerität“ wurde aber in den letzten Jahren eine im neoliberalen Sinne positive Ausdünnung staatlicher Institutionen betrieben, die dazu führte, dass deren Handlungsfähigkeit oft nur durch die Beschäftigung von Unternehmensberatern aufrecht erhalten werden konnte und kann. Sie zu letzterem Sven Becker u.a.: Die Berater- Republik. In: Der Spiegel Nr. 5/2019, S. 15-22 sowie allgemein Lukas Haf- Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 240 In der gegenwärtigen Organisation gesellschaftlicher Interessen ist der Nationalstaat die hervorragende Institution und jeder Staat bzw. jede Regierung ist seinen bzw. ihren Bürgern gegenüber verantwortlich und soll deren Nutzen mehren. Zur Lösung internationaler Probleme wie der Verletzung sozialer Menschenrechte sind vor allem kooperative Lösungen zwischen den Nationalstaaten nötig. Daraus folgt aber oft eine sogenannte Gefangenendilemmasituation, 29 da es immer einen Staat geben wird, der besser fährt, wenn er sich nicht kooperativ verhält. So verhindert etwa das Vereinigte Königreich aus nationalem Interesse die Anerkennung der Jungferninseln als Steuerparadies, was wiederum für das Gelingen internationaler Abkommen zur Vermeidung von Steuerflucht hilfreich wäre. Zudem sind die Interessen in den Nationalstaaten höchst unterschiedlich und verschieden durchsetzbar.30 Typischerweise sind unternehmerische Interessen homogener und folglich leichter organisierbar als die vielfältigen und oft widersprüchlichen Interessen von Konsumenten. So forderte die Bundesregierung in Brüssel eine stärkere Beschränkung der fert: Die schwarze Null. Über die Schattenseiten ausgeglichener Haushalte. Berlin 2016 und Florian Schui: Austerität. Politik der Sparsamkeit: Die kuze Geschichte eines großen Fehlers. München 2014. 29 Bei dem aus der Spieltheorie entlehnten Konzept müssen zwei Gefangene unabhängig voneinander entscheiden, ob sie ein Verbrechen gestehen oder nicht. Wenn nur ein Gefangener gesteht, wird er eine milde Strafe erhalten, während der andere eine schwere Strafe erhält. Gesteht keiner von beiden, wird die Strafe milder ausfallen als bei einem Geständnis beider Gefangener. Dieses für beide optimale Resultat wird aber nicht erzielt, da sich keiner der beiden auf den anderen verlassen mag und deshalb gesteht. 30 Und zudem ist oft nicht klar, was denn der Nutzen oder die Interessen sind, weil auch die Gesellschaften in ihren nationalen Eigenheiten ganz unterschiedlich „ticken“, siehe hierzu Helmut Leipold: Kulturvergleichende Institutionenökonomik. Studien zur kulturellen, institutionellen und wirtschaftlichen Entwicklung. Stuttgart 2006; Birgit Pfau-Effinger: Wohlfahrtsstaatliche Politiken und ihre kulturellen Grundlagen. In: ÖZS 34 (2009), Nr. 3, S. 3-21, sowie Helmut Rainer u.a.: Deutschland 2017 – Studie zu den Einstellungen und Verhaltensweisen der Bürgerinnen und Bürger im vereinigten Deutschland. Ifo Institut München 2018. So sind die Deutschen laut einer Untersuchung des Basel Institute of Commons and Economics im internationalen Vergleich am ehesten bereit, Abgaben zur Finanzierung öffentlicher Güter zur Sicherung sozialer Menschenrechte zu leisten. Werner Sesselmeier 241 Werbung für Tabakwaren und kämpfte gleichzeitig für mehr Subventionen an die pfälzischen Tabakbauern. Erst als letztere zu schwach für eine wirksame Lobbyarbeit waren, wurden die Subventionen nicht mehr verlängert. Die Regierung muss also zugleich die Unternehmen als wirtschaftliche Basis des Landes und des Wohlstands der Bevölkerung unterstützen, gleichzeitig aber die Gesundheit ihrer Bürger (und somit deren soziale Menschenrechte) schützen – ein Inbegriff widerstrebender Interessen. Auch wenn die Nationalstaaten für die Einhaltung sozialer Menschenrechte plädieren, so treten in der Realität genügend Situationen auf, in denen der nationale Vorteil bzw. der Vorteil einzelner Gruppen im Nationalstaat Entscheidungen zu Lasten der sozialen Menschenrechte dominieren. Mit dem Zusammenspiel gut organisierbarer Unternehmensinteressen und der neoliberalen Unterfütterung staatlicher Organisationen und Institutionen auf diversen Ebenen scheint sich die wirtschaftspolitische Haltung letzterer, welche zur Inkaufnahme von Verletzungen sozialer Menschenrechte führt, zu verstärken. Dass dies nicht nur ursächlich, aber eben auch mit dem Neoliberalismus zu tun hat, ist auf das nationalstaatliche Wahlregime nationaler Regierungen zurückzuführen. Letztere sind an ihrer Wiederwahl interessiert und werden sich entsprechend am Wählerwillen orientieren. 2.3. Die Individuen Nun könnte das Individuum selbst die Lage sozialer Menschenrechte verbessern, indem es sich entsprechend verhält und nachhaltig konsumiert. Dies findet, bezogen auf die westliche Bevölkerung, auch vereinzelt statt: NGOs arbeiten von der lokalen bis zur internationalen Ebene. Aber das Gros der Individuen verfolgt andere Interessen. Damit soll nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass der Mensch das „Böse“ in sich verfolgt, sondern vielmehr, dass er in vielfältigen Gefangenendilemmasituationen steckt, die sich daraus ergeben, dass er zwar die Probleme seines Verhaltens sieht, aber der Meinung ist, allein kaum Einfluss auf die Einhaltung von Menschenrechten zu haben, dafür aber Nachteile in Kauf nehmen muss, wenn er sie beachtet. Selbst unter den restriktiven Rationalitätsannahmen des neoklassischen Homo Oeconomicus,31 die eine ho- 31 Philip Corr/Anke Plagnol: Behavioral Economics. The basics. London and New York 2019, Kapitel 3. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 242 he Reflexionsfähigkeit von Menschen unterstellen, kann es folglich rational sein, die Einhaltung sozialer Menschenrechte zu missachten. Und schließlich folgt aus der Einsicht in die Notwendigkeit eines bestimmten Verhaltens noch lange nicht dieses Verhalten selbst.32 Doch kann an dieser Stelle zudem verhaltensökonomisch argumentiert werden,33 denn der Mensch entspricht in seinen „psychologischen Normalfällen“34 eben nicht den Vorstellungen der ökonomischen, genauer neoklassischen Theorie, derzufolge er eigeninteressiert seinen Nutzen maximiert bei vollständigen Informationen, Rationalität in sachlicher und zeitlicher Hinsicht sowie feststehenden Präferenzen. Vielmehr unterliegen die Individuen neoklassischen Anomalien:35 Verlustaversion Die Bewertung von Gewinnen und Verlusten erfolgt nicht absolut, sondern relativ zu einem Referenzpunkt, wobei Verlusten ein deutlich höherer Wert beigemessen wird als Gewinnen in gleicher Höhe. 32 Siehe hierzu am Beispiel der Alterssicherung Marlene Haupt/Werner Sesselmeier/Aysel Yollu-Tok: Ungeklärte Diskrepanzen. Der verhaltensökonomische Blick auf die Altersvorsorge. In: Angst im neuen Wohlfahrtsstaat. Kritische Blicke auf ein diffuses Phänomen. Hrsg. von Sigrid Betzelt und Ingo Bode. Baden-Baden (2018), S. 341-368. 33 Siehe hierzu beispielsweise Corr/Plagnol, Behavioral Economics, 2019. Ronald Schettkat: Animal Spirits: Die Verhaltensökonomischen Grundlagen der Keynesschen Theorie. Schumpeter Discussion Papers. Bergische Universität Wuppertal 2018, zeigt mit Hilfe der Argumentation in den Schriften von Keynes, dass verhaltensökonomische Argumente in der Ökonomie nichts Neues sind, sondern vielmehr über Jahrzehnte hinweg immer wieder thematisiert wurden, aber nicht die heutige Aufmerksamkeit erlangten. 34 Marlene Haupt/Werner Sesselmeier/Aysel Yollu-Tok: Das Nudging- Konzept und die Altersvorsorge – der Blick zu knuff und puff in Schweden. In: DIW-Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung 2/2018, S. 20. 35 Siehe zur folgenden Auflistung ebd., S. 17-31. Diese Liste ist keine abschließende Aufzählung neoklassischer Anomalien, sondern nur solcher, die eine Vernachlässigung sozialer Menschenrechte begünstigen. Werner Sesselmeier 243 Verzerrung des Status quo Aus der Verlustaversion leitet sich eine Folgeanomalie ab, nach der Individuen eine starke Tendenz aufweisen, im Status quo zu verharren, da die Nachteile, diesen zu verlassen, gravierender erscheinen als die Vorteile. Einmal getroffene Entscheidungen werden entweder nicht mehr hinterfragt oder es kommt erst gar nicht zu einem Vertragsabschluss, da die Situation ohne einen solchen Abschluss als unbedenklicher erscheint. Besitzeffekt und versunkene Kosten Ebenfalls aus der Verlustaversion abgeleitet, beschreibt diese Anomalie das Zögern von Individuen, ein Gut aus dem eigenen Besitz zu verkaufen. Ursächlich sind hier gefühlsmäßige Verbindungen zu dem Gut (langfristiger Besitzeffekt) oder bereits angefallene Kosten in Verbindung mit einer Verlustaversion (kurzfristiger Besitzeffekt). Einmal getroffene Entscheidungen wie die Ausgestaltung des abgeschlossenen Vertrages werden aufgrund der gefühlsmäßigen Verbindung nicht kritisch hinterfragt beziehungsweise es wird nicht nach Produktalternativen gesucht. Informationspräsentation Die Art der Informationspräsentation, das heißt, ob und wie eine positive oder negative Darstellung einer Aussage erfolgt, beeinflusst die danach getroffenen Entscheidungen. Bei der Fokussierung auf einen Gewinn neigen Individuen zu einer Risikoaversion, bei der Fokussierung auf einen Verlust hingegen zur Risikobereitschaft. Relevant ist auch die Reihenfolge der Informationspräsentation, also wann eine Information erhalten oder gegeben wird. Kurzsichtiges Verhalten und Gegenwartspräferenz Individuen tendieren dazu, die in der entfernten Zukunft liegenden Konsequenzen ihres Verhaltens in der gegenwärtigen Situation nicht ausreichend zu berücksichtigen. Weiterhin werden gegenwärtige Bedürfnisse gegenüber zukünftigen bevorzugt. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 244 Mangelnde Selbstkontrolle Durch ein Gefüge von lang- und kurzfristigen Präferenzen kommt es durch fehlende Selbstkontrolle zur Verletzung der intertemporalen Nutzenmaximierung. Das Individuum kann sich als „Planer“ oder als „Macher“ verhalten. Ersterer ist auf die Nutzenmaximierung über den Lebenszyklus ausgerichtet und kann sich an Regeln binden. „Macher“ hingegen haben einen kurzfristigen Zeithorizont, sind auf den gegenwärtigen Konsum fokussiert und unterliegen eher alltäglichen Versuchungen und Verlockungen als „Planer“. Diese Denkmuster und Verhaltensweisen führen nun dazu, dass wir Verletzungen sozialer Menschenrechte zu Gunsten unseres Nutzens in Kauf nehmen und Kosten unseres Lebensstils in andere Gesellschaften externalisieren. Inwieweit wir das absichtlich oder unabsichtlich tun, hängt zudem davon ab, ob wir tatsächlich in der Lage sind, die mit unserem Handeln verbundenen Externalitäten zu erkennen. 2.4. Zwischenfazit Menschenrechte werden in vielfältiger Hinsicht privatisiert und externalisiert. Dies kann zum einen in den Unternehmen sein, solange die Verletzung sozialer Menschenrechte keine relevante Rolle in ihren betriebswirtschaftlichen Risikoanalysen spielt. Zum zweiten sehen sich Individuen einer Reihe von Rationalitätsfallen gegenüber, die sie ebenfalls zu einer Missachtung dieser Menschenrechte verleiten. Und schließlich spielt die Ökonomik selbst eine wesentliche Rolle. Die Art und Weise, wie Theorien formuliert und vermittelt werden, sowie die Theorien selbst unterstützen das Handeln von Unternehmen, Individuen und auch der Politik, da letztere im Sinne der Arbeitsteilung auch auf die ökonomische Expertise angewiesen ist. 3. Internalisierung von Menschenrechten Soziale Menschenrechte müssen also stärker als bisher in das Entscheidungskalkül von Wirtschaftssubjekten integriert werden. Dies kann auf verschiedenen Ebenen – national wie international – sowie in diversen Härtegraden der Regulierung geschehen. Klar sollte jedoch sein, dass entgegen den Vorstellungen des Neoliberalismus hinsichtlich privaten bzw. Werner Sesselmeier 245 privat organisierten Regulierungen die Regulierungskompetenz bei (bestehenden oder neuen) Institutionen der öffentlichen Hand zu liegen hat.36 3.1. National oder international? Die Antwort auf diese Frage sollte weniger mit der akademischen Tradition des „Das kommt darauf an“ beginnen, als vielmehr damit, das „oder“ durch ein „und“ zu ersetzen. Zwar können soziale Menschenrechte auf nationaler wie internationaler Ebene missachtet werden, nationale Regulierungen werden aber wohl meist eine internationale Rahmung nach sich ziehen (müssen), soll es zu keinen Wettbewerbsverzerrungen auf Grund von nationalen Alleingängen kommen. 37 Ein Beispiel für die Kombination nationaler mit internationaler Regulierung sind die Nationalen Aktionspläne zur Umsetzung der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen. Daneben können nationale Alleingänge zu Verletzungen anderer Abkommen wie beispielsweise Freihandelsabkommen führen und Vertragsverletzungsverfahren nach sich ziehen. Schließlich ist die Kombination auch deshalb wichtig, weil es auf internationaler Ebene keine harte Regulierung (hard law) für Unternehmen gibt. Diese kann nur auf nationaler Ebene beschlossen und auch überwacht werden. 36 Siehe hierzu nochmals Sturn, Marktvertrauen und Schattenpolitik. In: Sturn/Pantelic (Hrsg.), Dem Markt vertrauen?. 37 Auch bei vordergründig rein nationalen Entscheidungen wie beispielsweise die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns muss letztendlich die Wettbewerbsfähigkeit damit produzierter Güter und Dienstleistungen bedacht werden, was nicht gegen einen Mindestlohn spricht, sondern für eine sorgfältig durchdachte Einführung und Berücksichtigung von dessen relativer Höhe innerhalb der gesamtwirtschaftlichen Lohnstruktur, vgl. hierzu Werner Sesselmeier: Niedriglohnbeschäftigung und Mindestlohn. In: Gesundheits- und Sozialpolitik, 1/2015, S. 23-31 sowie Monika Köppl- Turyna/Michael Christl/Dénes Kucsera: Beschäftigungseffekte von Mindestlöhnen: Die Dosis macht das Gift. In: ifo Schnelldienst 72 (02), 2019, S. 40–46. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 246 3.2. Harte oder weiche Regulierung? Regulierungen können als ein Kontinuum von freiwilligen Absprachen wie etwa Selbstverpflichtungen bis hin zu Zwangsmaßnahmen (hard law) verstanden werden. Zwischen diesen beiden Polen gibt es ein breites Feld unterschiedlichster weicher bzw. harter Maßnahmen, zu denen auch Nudges zählen. Damit ist gemeint: Any aspect of the choice architecture that alters people’s behavior in a predictable way without forbidding any options or significantly changing their economic incentives. To count as a mere nudge, the intervention must be easy and cheap to avoid. Nudges are not mandates. Putting the fruit at eye level counts as a nudge. Banning junk food does not.38 Diese auch als sanfter, liberaler oder libertärer Paternalismus bezeichneten Nudges sollen Verhalten anstoßen, auch in Form von Informationen und Bildung, die ausdrücklich keine Anordnungen oder Verbote sind und ohne größeren Aufwand zu umgehen sein müssen, also keine Entscheidungsoptionen einschränken. Nudges dienen als Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Der Verhaltensökonom Kahneman geht davon aus, dass alle Menschen ein unbewusstes automatisches System beziehungsweise Denkmuster (System 1) und ein reflexives System haben, in dem sie erst im eigentlichen Sinne ihre Alternativen reflektieren und bewusst und durchdacht handeln (System 2).39 Nudges setzen am Interaktionsmechanismus beider Systeme an und verfolgen das Ziel einer annähernden Übereinstimmung des automatischen und instinktiven Systems mit dem reflexiven System. Hierbei kann ein Nudge entweder direkt am System 1 ansetzen und ein Verhalten im Sinne des reflexiven Systems herbeiführen, oder aber ein Nudge setzt durch Informationen und Bildung am System 2 ein, damit das automatische instinktive Verhalten dem reflektierenden und bewussten Verhalten folgt. Das Ziel des Nudging ist es, durch einen kleinen Schubs beziehungsweise Stups das automatische System 1 so zu beeinflussen, dass Menschen sich letztlich genauso entscheiden, wie sie es gemäß ihres reflexiven Systems 2 getan hätten. Sun- 38 Siehe grundlegend zu Nudges Richard Thaler/Cas Sunstein: Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth an Happiness. New Haven 2008, hier S. 6. 39 Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow. London 2011. Werner Sesselmeier 247 stein unterscheidet 10 Nudges: Standardvorgaben und automatische Beitrittsregelung als Voreinstellung, Vereinfachungen statt Komplexität, Ausnutzung sozialer beziehungsweise gesellschaftlicher Normen, Abbau von Hürden, verständliche und leicht zugängliche Informationen beziehungsweise Transparenz, Warnhinweise, Selbstbindung und Selbstverpflichtung, Erinnerungen und Ermahnungen, Appell an eigene gute Vorsätze, Aufklärung über mögliche Konsequenzen und vergangene Entscheidungen.40 Unterschieden nach Individuen und Unternehmen sollten Nudges gegenüber Unternehmen sicherlich härtere Regulierungen sein als gegen- über Individuen, da schwer zu prognostizieren ist, wie die Individuen in den Unternehmen auf relativ weiche Nudges reagieren.41 Die bereits erwähnte Integration menschenrechtlicher Aspekte in unternehmerische Risikoanalysen könnte auf der ganzen Bandbreite von soft bis hard law initialisiert werden. Wie strikt ihre Verbindlichkeit tatsächlich ausfällt, könnte beispielsweise von einer Einigung auf internationaler Ebene abhängen. Die gegenwärtig große Problematik aus verhaltensökonomischer Sicht liegt hier – in der Kombination von Unternehmensebene und Internationalität – in der Frage, wessen Verhalten denn beeinflusst werden soll.42 Einfacher scheint es bei Fragen der nationalen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu sein.43 Sollen allerdings Standards gesetzt werden, scheint an hard law kein Weg vorbei zu führen.44 40 Cass R. Sunstein: Nudging: A Very Short Guide. Journal of Consumer Policy, 37 (4), 2014, S. 583-588. 41 Siehe hierzu Deutsches Institut für Menschenrechte: Fachgespräch Unternehmensverhalten und Menschenrechte: Themen für Arbeitsgruppen. Berlin 2018. 42 Siehe hierzu Anne van Aaken: Behavioral International Law and Economics. Law and Economics Research Paper Series WP No. 2013-21, University of St. Gallen Law School. 43 Siehe hierzu Gisela Kubon-Gilke/Werner Sesselmeier/Aysel Yollu-Tok: Verhaltensökonomie. (K)ein Thema für die lebensverlaufsorientierte Sozialpolitik? WISO Diskurs 20/2016, FES. 44 Interessant sind in diesem Zusammenhang Alternativberechnungen der OECD zu Sozialleistungsquoten in diversen Mitgliedsländern. Im Unterschied zu den üblichen Berechnungen fließen hier Abgaben auf Sozialleistungen ebenso ein, wie verpflichtende und freiwillige Leistungen von privater Seite. Im Ergebnis dieser Berechnungen haben Dänemark und die USA in etwa die gleichen Sozialleistungsquoten. Allerdings sind gerade die Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 248 4. Fazit Soziale Menschenrechte und ihre Einhaltung scheinen Individuen als Konsumenten, Unternehmer oder Politiker insbesondere bei internationalen Zusammenhängen zu überfordern. Dass wir mit unserem Verhalten „neben uns die Sintflut“45 hinnehmen, ist zu konstatieren, aber nicht generell als Vorwurf festzuhalten.46 Gleichwohl scheint die Ökonomisierung der Gesellschaft zu ihrer Verrohung und Entsolidarisierung beigetragen zu haben.47 Will die Gesellschaft hier zu einer stärkeren Berücksichtigung sozialer Menschenrechte in den individuellen Entscheidungen beitragen, so müssen die Randbedingungen dafür entsprechend geändert werden. Dies kann nur durch die öffentliche Hand mit Druck durch die Wähler geschehen. Die Durchsetzung mit Hilfe verschieden harter Regulierungen hängt vom Zielsubjekt und von der durchführenden Ebene ab. Eine gelungene Einbindung sozialer Menschenrechte in individuelle Entfreiwilligen Leistungen Privater weder einklagbar noch stabil, so dass hier nicht von standardsetzenden Leistungen ausgegangen werden kann. Siehe hierzu Willem Adema/Pauline Fron/Maxime Ladaique: Is the European Welfare State Really More Expensive?: Indicators on Social Spending, 1980-2012; and a Manual to the OECD Social Expenditure Database (SOCX), OECD Social, Employment and Migration Working Papers No. 124, http://dx.doi.org/10.1787/5kg2d2d4pbf0-en, download am 08.06.2019. 45 Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Berlin 2016. 46 Lessenich selbst setzt seinem Buch folgendes Zitat von Rob Nixon voran: „Es ist ein charakteristisches Merkmal von Imperien, weite Teile des Planeten zu beeinflussen, ohne dass sich die Bevölkerung des Imperiums dieses Einflusses bewusst wäre – oder dass sie auch nur von der Existenz vieler der betroffenen Orte wüsste“. Damit wird nochmals an die (zu) oft unterstellte hohe Reflexionsfähigkeit der Individuen erinnert. Aus gesellschaftlicher Sicht scheint auch hier eine geringere Ökonomisierung von Bildung notwendig. Es sollte weniger um die Frage der Bildung wofür und damit ihrer ökonomischen Verwertbarkeit gehen als vielmehr um Bildung an sich und der daraus erwachsenden individuellen Freiheit; vgl. Nico Stehr: Die Freiheit ist eine Tochter des Wissens. Wiesbaden 2015. 47 Siehe hierzu die empirischen Analysen, die Wilhelm Heitmeyer in seinen periodisch erschienenen Deutschen Zuständen über Jahre hinweg publiziert hat. Werner Sesselmeier 249 scheidungen kann somit die ökonomischen Verhältnisse auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene voranbringen.48 48 Für zahlreiche Anregungen und Hinweise danke ich Charlotte Fechter, Gisela Kubon-Gilke, Sabine Schindler und Aysel Yollu-Tok. Alle Unzulänglichkeiten gehen natürlich zu meinen Lasten. 251 Menschenrechte in der Weltwirtschaft Idealbild und Realität Andrea Zeller 1. Einleitung Der weltumspannende Handel und die Globalisierung sind eng miteinander verbunden: Nachdem sich wegweisende Erfindungen wie die Dampfmaschine im 19. Jahrhundert ausbreiteten und sowohl die industrielle Revolution vorantrieben als auch die Transportkosten stark senkten, stieg die Bedeutung des Fernhandels. Etwa ab dem Jahr 1870 beeinflusste der staatliche Außenhandel erstmals das Leben „einfacher Leute“. Nun wurden neben den bis dato dominierenden Luxusgütern auch Güter des täglichen Bedarfs gehandelt und die Produktions- und Verbrauchsorte entfernten sich immer weiter voneinander. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Zweiten Weltkrieg nahm der globale Handel erst Mitte der 1980er Jahre wieder richtig an Fahrt auf. Seither ermöglichen technologische Innovationen in der Informations- und Kommunikationstechnologie neue Dimensionen globaler Vernetzung. Nicht wenige Unternehmen agieren nun als „globale Akteure“. Abgesichert werden ihre „länderspezifischen Risiken“ von einem starken Finanzsektor, welcher die „globale Fragmentierung der Produktion“ finanziert. Die neuen globalen Akteure zeichnen sich zudem aus durch Mobilität und erschweren so ihre Kontrolle durch politische Institutionen.1 Ob sich der Handel positiv auf alle Marktteilnehmer auswirkt, wie ursprünglich im Theorem der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo postuliert, hängt von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Sind diese optimal, kann wirtschaftliche Entwicklung ausgelöst wer- 1 Vgl. Nikolaus Wolf: Kurze Geschichte der Weltwirtschaft. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 2014, 1-3/2014, S. 11ff. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 252 den und mehr Menschen können am Wohlstand partizipieren. Langfristig stieg das wirtschaftliche Wachstum immer dann, wenn sich die Handelsbeziehungen verstärkten. Wahr ist jedoch auch, dass es weniger entwickelten Staaten nicht immer gelang, eine eigene Industrie aufzubauen oder die Entwicklung im Inland anzukurbeln.2 In den internationalen Wirtschaftsbeziehungen spielten und spielen die Menschenrechte maximal eine untergeordnete Rolle. In der Politikwissenschaft ist die fortschreitende Globalisierung nicht unbemerkt geblieben. Die eingeschränkte staatliche Steuerungsfähigkeit infolge steigender Interdependenz und sinkender Bedeutung territorialer und funktionaler Handlungsgrenzen bildet den Ausgangspunkt der Governance-Forschung. 3 Der hierarchisch-bürokratische Staat koordiniert die Produktion öffentlicher Güter nicht (mehr) allein. Die Regelung kollektiver Sachverhalte sowie das Management von Interdependenzen erfolgen mittels Kooperation und Koordination staatlicher und nicht-staatlicher Akteure und übersteigen staatliche und gesellschaftliche Organisationsgrenzen. Dabei kann die Interaktion zwischen den Akteuren verschiedene Formen annehmen. Hier wird unterschieden zwischen Hierarchie, politischem und marktförmigem Wettbewerb, Netzwerken, Verhandlungen und Gemeinschaften.4 Insgesamt zielte die Governance-Forschung darauf, den „Glauben an die Allmacht des Staates und die Unersetzlichkeit von Staatlichkeit zu überwinden“ sowie ein Bewusstsein dafür zu schaffen, „dass neben Staaten und Regierungen noch eine Reihe weiterer Akteure wirkmächtig zur Ordnung des Weltgeschehens beitragen.“ Zudem war man bestrebt, „Unternehmen nicht länger nur als bad guys zu betrachten, deren Wirkung in der Politik eingeschränkt werden muss, weil sie den Gemeininteressen immer widerspricht.“5 Mit diesem Fokus übersah man jedoch, dass Un- 2 Vgl. ebd., S. 15. 3 Vgl. Edgar Grande: Governance-Forschung in der Governance-Falle? – Eine kritische Bestandsaufnahme. In: Politische Vierteljahresschrift (PVS) 2012, 53. Jg., 4/2012, S. 566ff. 4 Vgl. Arthur Benz/Susanne Lütz/Uwe Schimank/Georg Simonis: Einleitung. In: Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder. Hrsg. dies. Wiesbaden 2007, S. 13ff. 5 Melanie Coni-Zimmer/Annegret Flohr: Vom Wolf im Schafspelz. Blinde Flecken in der Forschung zu transnationalen Unternehmen und neuen Governance-Formen. In: Ordnung und Regieren in der Weltgesellschaft. Andrea Zeller 253 ternehmen wiederholt bearbeitungsbedürftige Gemeinwohlprobleme verursachen. Der Bearbeitung dieser Probleme versuchen sie mit Hilfe von Lobbying und window dressing zu entgehen. Gerade hier fehlt streckenweise ein kritischer Blick und es sind mehrere blinde Flecken zu verzeichnen.6 Mit dem Fokus auf den Schutz von Menschenrechten im internationalen Wirtschaftsgeschehen soll eines der möglicherweise verursachten Gemeinwohlprobleme etwas erhellt werden. Nachfolgend soll darum geklärt werden: a) Welche Akteure sich für die Niederschrift der Menschenrechte einsetz(t)en. b) Inwieweit die Menschenrechte im Wirtschaftsleben verwirklicht werden. c) Wer deren Einhaltung überprüft und gegebenenfalls durchsetzt. d) Welche strukturellen Ursachen Menschenrechtsverletzungen auch heute noch ermöglichen. Die Untersuchung erfolgt beispielhaft anhand von zwei Konsumgütern, die im deutschen Alltag eine wichtige Rolle spielen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. In Deutschland wurden im Jahr 2017 durchschnittlich 59,7 kg Fleisch pro Kopf konsumiert.7 Um dieses Fleisch zu erzeugen, sind Futtermittel erforderlich. Hier bildet Soja als hochwertiges Eiweißfuttermittel einen wichtigen Bestandteil, weshalb der Anbau von Soja in einem für den Welthandel relevanten Anbaugebiet untersucht werden soll. Um strukturelle Ursachen möglicher Menschenrechtsverletzungen besser eingrenzen zu können, werden dabei auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Erzeugerstaates knapp skizziert. Im August 2017 verfügten 81 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren über ein Smartphone.8 Dieses benötigt für seinen Betrieb elek- Hrsg. v. Mathias Albert/ Nicole Deitelhoff/Gunther Hellmann. Wiesbaden 2018, S. 298f. 6 Vgl. ebd., S. 299. 7 Vgl. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): Fleischkonsum pro Kopf in Deutschland in den Jahren 1991 bis 2017 (in Kilogramm). https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36573/umfrage/pro-kopfverbrauch-von-fleisch-in-deutschland-seit-2000/ (Stand 18.12.2018). 8 Bitkom: Anteil der Smartphone-Nutzer in Deutschland in den Jahren 2012 bis 2017. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 254 trische Kondensatoren, für welche wiederum das Roherz Coltan erforderlich ist.9 Analog zum Sojaanbau soll auch hier ein bedeutsames Abbaugebiet näher betrachtet werden. Der Aufbau der Untersuchung gliedert sich wie folgt: Nach der Vorstellung der untersuchungsleitenden Fragen und der Untersuchungsgegenstände wird im zweiten Kapitel die Entstehung und Verbriefung menschenrechtlicher Normen vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler Interessen nachvollzogen. Das Folgekapitel ist der Überwachung bestehender menschenrechtlicher Normen gewidmet und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen nationalen Souveränitätsansprüchen und dem kollektiven Regelungsanspruch internationaler Regime. Im vierten Kapitel werden schließlich konkrete Menschenrechtsvergehen und deren Verursacher am Beispiel des Sojaanbaus sowie des Coltanabbaus benannt und im Kontext des Spannungsfelds eingegangener staatlicher Verpflichtungen, staatlicher Durchsetzungsmöglichkeiten und wirtschaftlicher Interessen betrachtet. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse. 2. Idealbild: Verbriefte Menschenrechte Der Schutz der Menschenrechte zählt neben der Sicherung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit zu den originären Aufgaben der Vereinten Nationen: Nach dem Ersten Weltkrieg erkannte die Staatengemeinschaft die Wichtigkeit, Staaten das Recht zum Krieg abzusprechen. Während des Zweiten Weltkriegs gelangte man zu der Einsicht, dass auch grundlegende Menschenrechte mit Hilfe verbindlicher internationaler Normen geschützt werden müssen: Jeder Mensch verfügt über angeborene und unveräußerliche Rechte, die unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion und Alter besonders schutzbedürftig sind.10 Der Weg, diese rechtsverbindlich zu verbriefen, war und ist lang und konfliktreich. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/585883/umfrage/anteil-dersmartphone- nutzer-in-deutschland/ (Stand 18.12.2018). 9 Vgl. Florian Neukirchen/Gunnar Ries: Die Welt der Rohstoffe. Lagerstätten, Förderung und wirtschaftliche Aspekte. Berlin/Heidelberg 2016, S. 122. 10 Vgl. Sven Gareis/Johannes Varwick: Die Vereinten Nationen. Aufgaben, Instrumente und Reformen. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Bonn 2003, S. 177. Andrea Zeller 255 Nachfolgend werden wichtige Akteure und Meilensteine dieses Weges skizziert. 2.1. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) wurde am 10. Dezember 1948 auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündet.11 Bereits ihre Entstehung war konfliktbehaftet: Auf der Gründungsversammlung der Vereinten Nationen in San Francisco im Juni 1945 hatten sich die Delegierten der zugelassenen Staaten noch nicht auf eine Liste von Rechten einigen können. Den westlichen Demokratien ging es um individuelle bürgerliche Freiheitsrechte: Das Individuum sollte über liberale Schutzrechte gegenüber staatlicher beziehungsweise gesellschaftlicher Willkür und Gewalt verfügen.12 Zu diesen bürgerlichen Freiheitsrechten der Ersten Generation zählen das Recht auf Leben, die Meinungs-, Rede- und Religionsfreiheit sowie die Rechtsstaatlichkeit.13 Die kommunistischen Staaten forderten hingegen individuelle wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, insbesondere ein Recht auf Nahrung.14 Diese individuellen Anspruchs- und Teilhaberechte des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bereichs gelten als Menschenrechte der Zweiten Generation. Hierunter fallen beispielsweise das Recht auf Arbeit, auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen oder eine materiell gesicherte Existenz.15 Da zwischen den Positionen der westlichen und der kommunistischen Welt kein Kompromiss möglich war, wurde die damalige UN-Menschenrechtskommission beauftragt, eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte auszuarbeiten. Im Schlussdokument, das 1948 in Paris verabschiedet wurde, hat sich im Wesentlichen die Position der 11 Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR). Resolution der Generalversammlung 217 A (III). 1948. http://www.un.org/Depts/german/ menschenrechte/aemr.pdf (Stand: 14.12.2018). 12 Vgl. Jean Ziegler: Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden. Aus dem Französischen übertragen von Hainer Kober. München 2017, S. 70f. 13 Vgl. Gareis/Varwick, Die Vereinten Nationen, S. 179f. 14 Vgl. Ziegler, Der schmale Grat der Hoffnung, S. 70f. 15 Vgl. Gareis/Varwick, Die Vereinten Nationen, S. 180. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 256 westlichen Staaten durchgesetzt. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sind nur bedingt enthalten.16 Bei der AEMR handelt es sich um eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Diese hat keine rechtlich bindende Wirkung gegenüber den Mitgliedstaaten. Eine Einigung auf einen rechtsverbindlichen Vertrag wäre aufgrund der ideologischen Gegensätze, insbesondere vor dem Hintergrund des beginnenden Ost-West-Konflikts kaum möglich gewesen.17 Die AEMR enthält 30 Artikel. Im Hinblick auf die wirtschaftlichen Rechte des Individuums sind die nachfolgenden von besonderer Bedeutung: Artikel 2: Jeder hat Anspruch auf Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied. Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Artikel 4: Niemand darf in Sklaverei gehalten werden. Artikel 12: Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben ausgesetzt werden. Artikel 17: Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden. Artikel 22: Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit.18 Insbesondere die Artikel 23 bis 25 geben ein Idealbild der Menschenrechte mit Bezug auf die Arbeit vor: Artikel 23: (1) Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit. (2) Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. (3) Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, 16 Vgl. Ziegler, Der schmale Grat der Hoffnung, S. 71. 17 Vgl. Gareis/Varwick, Die Vereinten Nationen, S. 188. 18 Initiative „Recht auf Menschenrecht“: Die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in gekürzter Fassung. O.J. http://recht-aufmenschenrecht.de/pdf/humanrights_shortform.pdf (Stand: 15.12.2018). Andrea Zeller 257 gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen. (4) Jeder hat das Recht, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten. Artikel 24: Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit, insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub. Artikel 25: (1) Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen […]19 2.2. Zivilpakt, Sozialpakt und die Erklärung von Wien Ein Jahr nach der Verabschiedung der AEMR begann die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen mit dem Entwurf eines rechtlich verbindlichen Menschenrechtspaktes. Wiederum erschwerte der Ost- West-Konflikt die Verhandlungen. Die sozialistischen Staaten bestanden noch immer auf der Einbeziehung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte, während die westlichen Staaten zivile und politische Freiheiten festschreiben wollten. Nachdem es nicht möglich war, die Menschenrechte der Ersten und der Zweiten Generation in einem Dokument zu vereinigen, beauftragte die Generalversammlung die Menschenrechtskommission mit dem Entwurf zweier getrennter Pakte. Am 16. Dezember 1966 wurden schließlich der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte (IPBPR - Zivilpakt) sowie der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (IPWSKR – Sozialpakt) in der Resolution 2200A (XXI) verabschiedet. Der Sozialpakt enthält dabei folgende Teilhaberechte: Als wirtschaftliche Rechte das Recht auf Arbeit, gerechte und zumutbare Arbeitsbedingungen sowie soziale Sicherheit. Hinsichtlich der sozialen Rechte den Schutz der Familie sowie die Verpflichtung der Staaten, einen angemessenen Lebensstandard sowie körperliche und geistige Gesundheit der Bürger zu fördern. Als kulturelle Rechte einen individuellen Anspruch auf Bildung sowie das Recht, am kulturellen Leben sowie am wissenschaftlichen Fortschritt teilzunehmen. Erst zehn Jahre später, am 3. Januar 1976 (Sozialpakt) und am 23. März 1976 (Zivilpakt) traten die Pakte in Kraft, denn erst zu diesem 19 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR). Menschenrechte in der Weltwirtschaft 258 Zeitpunkt hatten jeweils 35 Staaten ihre Ratifikationsurkunden beim Generalsekretär der Vereinten Nationen hinterlegt. Beide Pakte sind für die teilnehmenden Staaten völkerrechtlich bindend. Bis zur Einigung der Staatengemeinschaft auf internationale Solidaritätsrechte, wie es beispielsweise das Recht auf Entwicklung, Frieden oder eine intakte Umwelt darstellen, sollten wiederum viele Jahre vergehen. Die erstmalige Bezeichnung dieser kollektiven Anspruchsrechte als Menschenrechte der Dritten Generation im Jahr 1974 geht zurück auf den damaligen Leiter der UNESCO-Menschenrechtsabteilung, Karel Vasak. Damit diese Rechte verbrieft werden konnten, mussten die verhandelnden Staaten nicht nur gegensätzliche Auffassungen zwischen Ost und West überwinden, sondern auch die Nord-Süd-Problematik. Einen ersten Etappensieg stellte die 1986 verabschiedete „Erklärung zum Recht auf Entwicklung“ dar. Der Durchbruch ließ jedoch bis zur Wiener Menschenrechtskonferenz 1993 auf sich warten.20 Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 berief Boutros Boutros-Ghali, seinerzeit Generalsekretär der Vereinten Nationen, 1993 die zweite Menschenrechtskonferenz seit der Generalversammlung von 1948 ein. Er wollte damit einen Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Ost und West leisten und sowohl Freiheits- als auch Teilhaberechte in einer gemeinsamen Erklärung vereinen. Die hieraus resultierende, von 171 Staaten verabschiedete Erklärung von Wien betont die „Universalität, Unteilbarkeit sowie Interdependenz der Menschenrechte“. Sie beinhaltet auch die Menschenrechte der Dritten Generation, etwa das Recht auf Entwicklung oder auf Schuldenerleichterung für Entwicklungsländer.21 Ferner enthalten sind Rechte der eingeborenen Bevölkerung sowie die Vermeidung extremer Armut: 14. Das Bestehen weitverbreiteter extremer Armut behindert die volle und wirksame Durchsetzung der Menschenrechte; ihre sofortige Linderung und längerfristige Beseitigung muss nach wie vor für die internationale Gemeinschaft hohe Priorität haben.22 20 Vgl. Gareis/Varwick, Die Vereinten Nationen, S. 188ff. 21 Vgl. Ziegler, Der schmale Grat der Hoffnung, S. 71ff. 22 Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V. (DGVN): Gleiche Menschenrechte für alle. Dokumente zur Menschenrechtsweltkonferenz der Vereinten Nationen in Wien 1993. https://menschenrechte-durchsetzen.dgvn.de/fileadmin/user_upload/ Andrea Zeller 259 Die Wiener Weltkonferenz verdeutlichte auch, dass Menschenrechte ein internationales Anliegen darstellen und nicht an staatliche Grenzen gebunden sind. Zugleich wurden Grundlagen für den Aufbau des Hochkommissariats für Menschenrechte bei den Vereinten Nationen geschaffen. In der Resolution A/RES/48/121 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Ergebnisse der Konferenz von Wien noch im selben Jahr bestätigt, wiederum jedoch ohne völkerrechtlich bindende Wirkung. Navanethem Pillay, die 2008 bis 2014 amtierende Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, bezeichnete die Erklärung von Wien und das zugehörige Aktionsprogramm dennoch als die bedeutendsten Menschenrechtsdokumente der letzten 25 Jahre.23 Einen völkerrechtlich verbindlichen Schutz der Menschenrechte bieten nur grundlegende Menschenrechtsabkommen wie der Zivilpakt und der Sozialpakt oder das 1990 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte des Kindes und das 2010 in Kraft getretene internationale Übereinkommen zum Schutz aller Menschen vor gewaltsamem Verschwinden. Angemahnt (und gegebenenfalls eingefordert) werden können die darin verbrieften Rechte jedoch nur in Staaten, welche diese Abkommen ratifiziert haben. Zudem enthalten die verschiedenen Übereinkommen teilweise unterschiedliche Institutionen und Verfahrensregeln zur Gewährleistung der Menschenrechte.24 Besonders weit vorangeschritten ist der rechtsverbindliche Menschenrechtsschutz in Europa. Hier sind die Menschenrechte in der „Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten“, die am 4. November 1950 unterzeichnet wurde und am 3. September allgemein in Kraft trat, völkerrechtsverbindlich verbrieft. Die 47 menschenr_durchsetzen/bilder/Menschenrechtsdokumente/2.1_Wiener_Erklaerung_ und_Aktionsprogramm_web.pdf (Stand: 10.05.2018). 23 Vgl. Informationsplattform humanrights.ch: Vereinte Nationen: Weltkonferenzen. Wiener Weltkonferenz über Menschenrechte von 1993. 2013. https://www.humanrights.ch/de/internationale-menschenrechte/unoabkommen/soft-law/weltkonferenzen/ (Stand: 22.01.2019). 24 Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte: Menschenrechtsabkommen. 2019. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsinstrumente/vereinte-nationen/menschenrechtsabkommen/ (Stand 23.01.2019). Hier sind zudem weiterführende Informationen zu den verschiedenen Menschenrechtsabkommen zu finden. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 260 teilnehmenden Staaten verpflichten sich darin, die Menschenrechte sowie grundlegende Freiheitsrechte sowohl im eigenen Staatsgebiet, als auch untereinander anzuerkennen.25 3. Berichte: Vergleich mit der Realität Eine wesentliche Problematik des internationalen Menschenrechtsschutzes besteht zwischen den staatlichen Souveränitätsansprüchen einerseits und der kollektiven Sicherstellung der Menschenrechte durch ein internationales Regime andererseits. Der Widerstand einzelner Staaten gegen eine umfassende Überwachung ihrer menschenrechtlichen Standards kann als Strategie zur Vermeidung von Eingriffen in innere Angelegenheiten gedeutet werden. Die Befugnisse der 1946 gegründeten Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen waren darum anfangs beschränkt auf die Erarbeitung menschenrechtlicher Normen. Erst mit den verschiedenen Menschenrechtsabkommen wurden ihre Kompetenzen erweitert, denn Inspektionen und Mechanismen zur Durchsetzung der Menschenrechte mussten zunächst vertraglich fundiert werden, um zur Anwendung zu kommen. Zur Überprüfung des Menschenrechtsschutzes in den einzelnen Staaten hatte man sich in den Verhandlungen zum Zivil- und Sozialpakt unter anderem auf das Staatenberichtsverfahren geeinigt. Darin willigen die Vertragsparteien ein, einem bestimmten, im Vertrag definierten Ausschuss über den Stand der Umsetzung und die Einhaltung der beschlossenen Normen regelmäßig Bericht zu erstatten. Alle nachfolgenden Menschenrechtsabkommen enthalten diese Berichtspflicht. Wie der zuständige Fachausschuss zu prüfen hat, ist jedoch nicht konkret festgeschrieben. Zwischenzeitlich hat es sich bewährt, dass die berichtenden Staaten eigene Repräsentanten zum Prüfungsverfahren entsenden, damit nach der Überprüfung der Berichte durch die Fachausschüsse weiterführende Informationen oder Stellungnahmen geliefert werden können. Da die Berichte öffentlich behandelt werden und auch Nichtregierungsorganisati- 25 Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte: Europ. Menschenrechtskonvention und Gerichtshof für Menschenrechte. 2019. https://www.institutfuer-menschenrechte.de/menschenrechtsinstrumente/europarat/europmenschenrechts-konvention-und-gerichtshof-fuer-menschenrechte/#c2079 (Stand 23.01.2019). Andrea Zeller 261 onen (NGO), Medien oder Wissenschaftler ergänzende Informationen zur Verfügung stellen können, sollte es im Interesse der berichtenden Staaten liegen, eine realitätsnahe Beschreibung der Implementierung und Befolgung der vereinbarten Normen bereitzustellen. 26 So werden Staatenberichte zum Bindeglied zwischen dem Idealbild der verbrieften Menschenrechte und der Realität. Sie können jedoch nur für Staaten angefertigt werden, die ein oder mehrere Menschenrechtsabkommen ratifiziert haben und beziehen sich lediglich auf den Bereich des jeweiligen Abkommens. Neben der Berichtspflicht enthalten die Menschenrechtsabkommen teilweise weitergehende Maßnahmen zur Durchsetzung und zum Schutz der Menschenrechte wie etwa das Verfahren der Staatenbeschwerde oder das Individualbeschwerdeverfahren. Wie für die Staatenberichte gilt auch hier: Diese Verfahren sind nur für die Vertragsstaaten bindend und gelten nur für die im Abkommen festgehaltenen Normen. In Europa, das sich einem weitreichenderen Menschenrechtsschutz verschrieben hat, können Menschenrechtsverletzungen ferner vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gebracht werden. Dieser spricht Recht, wenn einzelne Personen, Personengruppen oder Staaten ihre in der Europäischen Menschenrechtskonvention verbrieften Rechte verletzt sehen. Nach Ausschöpfung des nationalen Rechtswegs können sich die Bürger der Vertragsstaaten mit ihren Beschwerden direkt an ihn wenden. Die Urteile des EGMR sind für die beteiligten Staaten bindend.27 Um trotz der begrenzten Teilnahme an den Menschenrechtsabkommen eine kollektive Umsetzung der Menschenrechte zu forcieren, weiteten die Vereinten Nationen ihre Monitoring-Kompetenzen sukzessive mit Hilfe von Resolutionen der Generalversammlung und des Wirtschafts- und Sozialrats (ECOSOC) aus.28 Der 2006 ins Leben gerufene Menschenrechtsrat, welcher die Menschenrechtskommission im selben Jahr ablöste, ist ein Nebenorgan der Generalversammlung. Er hat 47 Mitgliedstaaten, die von der Generalversammlung jeweils für drei Jahre 26 Vgl. Gareis/Varwick, Die Vereinten Nationen, S. 203ff. 27 Vgl. Council of Europe: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. 2018. https://www.coe.int/en/web/portal/gerichtshof-fur-menschenrechte (Stand 21.01.2019). 28 Vgl. Gareis/Varwick, Die Vereinten Nationen, S. 214. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 262 gewählt werden und nach einem festgelegten Schlüssel aus allen Weltregionen stammen. Ergänzend zu den regulären Sitzungen gibt es dort Sondersitzungen zu bestimmten Themen und Ländersituationen. Hierfür werden Sonderberichterstatter ernannt. Zudem wird in zeitlich wiederkehrenden Abständen im sogenannten Allgemeinen Periodischen Überprüfungsverfahren die Einhaltung der Menschenrechte in den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen überprüft. Bei systematischen Menschenrechtsverletzungen kann ein vertrauliches Untersuchungsverfahren zur Anwendung kommen.29 Damit gibt es mittlerweile für Staaten, die kein Menschenrechtsabkommen ratifiziert haben, ein Berichtswesen zum Stand ihrer Verwirklichung der Menschenrechte. Auch verschiedene NGOs haben sich den Menschenrechten verschrieben. Sie dokumentieren Menschenrechtsverletzungen und verfassen zum Teil eigene Länderberichte. Ihre oftmals medienwirksame Berichterstattung bringt unterschiedlichste Vergehen ins Licht der Öffentlichkeit und kann helfen, die staatlichen Informationen etwa beim Staatenberichtsverfahren zu verifizieren. International im Bereich der Menschenrechte tätig sind beispielsweise Amnesty International, Anti-Slavery International, Human Rights Watch, Brot für die Welt oder Misereor. Daneben gibt es verschiedene Institutionen mit nationalem Fokus wie etwa im Falle von Deutschland das Deutsche Institut für Menschenrechte oder Germanwatch. Um „unabhängige“ Informationen zur Lage in den einzelnen Staaten zu bekommen, ist grundsätzlich bei allen Berichten zu prüfen, wer diese mit welchen Zielen in Auftrag gegeben und finanziert hat und ob eine seriöse Vorgehensweise gewählt wurde. Denn unterschiedliche Akteure verfolgen unterschiedliche Ziele und niemand möchte gerne öffentlich für Menschenrechtsverletzungen angeprangert werden. 4. Realität: Menschenrechte in der Weltwirtschaft Um zu klären, inwieweit die Menschenrechte, wie sie als Idealbild in der AEMR und der Erklärung von Wien verbrieft sind, im realen Wirtschaftsleben umgesetzt werden, soll beispielhaft der für die Fleischpro- 29 Vgl. Deutsches Institut für Menschenrechte: Menschenrechtsrat. 2019. https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsinstrumente/vereinte-nationen/menschenrechtsrat/ (Stand 21.01.2019). Andrea Zeller 263 duktion wichtige Anbau von Soja sowie der für die Herstellung von Akkus erforderliche Abbau von Coltan untersucht werden. Hierzu werden vor allem Berichte seitens der Vereinten Nationen sowie von NGOs herangezogen. Um die Bedingungen vor Ort richtig einschätzen zu können, werden auch die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der jeweiligen Staaten kurz skizziert. 4.1. Soja Die Sojabohne (Glycine max) zählt zur Familie der Hülsenfrüchte und stammt ursprünglich aus China, wo sie seit Jahrtausenden als Nahrungsmittel kultiviert wird. Ihr hoher Eiweißgehalt macht diese Pflanze jedoch auch als Tierfutter interessant. Zudem steigt die Bedeutung von Soja als Biotreibstoff. Nach der Ernte werden die Sojabohnen in der Regel in Ölmühlen gepresst. Dadurch werden circa 20 Prozent der Bohne zu Öl verarbeitet. Die verbleibenden 80 Prozent der Bohne werden gemahlen und als Sojaschrot in Umlauf gebracht. Dieses Schrot bildet als Proteinquelle einen wichtigen Futter-Baustein für Nutztiere wie Rinder, Schweine, Geflügel oder Fische. Aufgrund des steigenden weltweiten Fleischkonsums wird es verstärkt nachgefragt.30 Der nachfolgenden Abbildung 1 kann entnommen werden, dass China seit 2007 der wichtigste Abnehmer von international gehandelten Sojabohnen ist. Obwohl der importierte Mengenanteil der EU-28 im Jahr 2017 mit zehn Prozent verhältnismäßig klein ausfällt, verbergen sich dahinter doch 14,4 Millionen Tonnen eingeführte Sojabohnen. Nicht in der Abbildung enthalten sind ferner 20,8 Millionen Tonnen Sojaschrot sowie 0,3 Millionen Tonnen Sojaöl, die 2017 ebenfalls in die EU importiert wurden.31 Von diesem eingeführten Soja werden laut Recherchen des WWF beispielsweise in Deutschland mehr als 50 Prozent an Schweine, 30 Prozent an Geflügel sowie knapp 20 Prozent an Rinder verfüttert. 32 30 Vgl. World Wide Fund For Nature (WWF): Soja. Wunderbohne mit Nebenwirkungen. 2014. http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Hintergrundpapier_Soja.pdf (Stand 19.12.2018). 31 Verband der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID): Export/Import. Sojabohnen nach Ländern 2007-2017. 2018. https://www.ovid-verband.de/unsere-themen/handel/oelsaatenmarkt/ (Stand 19.12.2018). 32 Vgl. World Wide Fund For Nature (WWF), Soja, S. 1. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 264 Nur ein sehr geringer Anteil der Sojabohnen wird zu Lebensmitteln wie Tofu und Sojamilch verarbeitet. Quelle: Verband der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID)33 Abb. 1: Export/Import von Sojabohnen nach Ländern 2007 – 2017 Wie aus Abbildung 1 ebenfalls abgelesen werden kann, hat sich die globale Handelsmenge von Sojabohnen seit dem Jahr 2007 etwa verdoppelt. Von den 2017 weltweit gehandelten 149 Millionen Tonnen Sojabohnen exportierte allein Brasilien 45 Prozent. Im Erntejahr 2018/19 liegt Brasilien mit einem prognostizierten Erntevolumen von 118 Millionen Tonnen Soja vor den USA mit geschätzten 116,48 Millionen Tonnen und Argentinien mit geschätzten 56 Millionen Tonnen. 34 In Deutschland wurden im Jahr 2017 hingegen lediglich 0,03 Millionen Tonnen Soja angebaut.35 Brasilien nimmt daher beim Anbau sojabasierter Futtermittel 33 Verband der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID): Export/Import. Sojabohnen nach Ländern 2007-2017. 2018. https://www.ovid-verband.de/positionen-und-fakten/oviddiagramme/#gallery-1 (Stand 19.12.2018). 34 Vgl. USDA Foreign Agricultural Service: Erntemenge der führenden Anbauländer von Sojabohnen weltweit in den Erntejahren 1980/1982 bis 2017/18 (in Millionen Tonnen). 2019. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/28614/umfrage/produktion-von-sojabohnen-in-ausgewaehlten-laendern-seit-1980/ (Stand 09.01.2019). 35 Vgl. Verband der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (O- VID): Infografiken zum Thema Soja. Geringer Sojaanbau in Deutschland. Andrea Zeller 265 für die weltweite Fleischproduktion eine Schlüsselrolle ein. Um die Einhaltung der Menschenrechte bei der europäischen beziehungsweise deutschen Fleischproduktion zu überprüfen, ist es daher geboten, einen Blick auf Brasilien und den Futtermittelanbau vor Ort zu werfen. Brasilien ist mit einer Fläche von 8,5 Millionen Quadratkilometern das fünftgrößte Land der Erde. Mit seinen 208,8 Millionen Einwohnern ist es zudem der bevölkerungsreichste Staat Südamerikas. Brasilien ist eine präsidiale Bundesrepublik, deren Staatsoberhaupt alle vier Jahre direkt gewählt wird. Das Parlament (Congresso Nacional) besteht aus dem Abgeordnetenhaus (Câmara dos Deputados) und dem Senat (Senado Federal). In den vergangenen Jahren wurde das Land von einem beispiellosen Korruptionsskandal erschüttert. Im Jahr 2016 wurde die seit 2011 amtierende Präsidentin Dilma Rousseff von der Partido dos Trabalhadores (PT) vom Kongress ihres Amtes enthoben, weil sie mutmaßlich gegen die brasilianischen Haushaltsgesetze verstoßen hatte. Noch am selben Tag wurde der damalige Vizepräsident Michel Temer von der Partido do Movimento Democrático Brasileiro (PMDB) als Staatspräsident vereidigt und beendete damit die 14 Jahre währende Regierung der PT. Auch seine Regierung wurde mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert: Dies führte allein zwischen Mai und Dezember 2016 zur Amtsniederlegung von insgesamt fünf Ministern. Insgesamt betraf der Korruptionsskandal rund um den Baukonzern Odebrecht neun Minister, 42 Mitglieder des Abgeordnetenhauses, 29 Senatoren, drei Gouverneure und fünf Ex-Präsidenten.36 Brasilien rangiert im Jahr 2018 beim weltweiten Korruptionswahrnehmungsindex mit einem Wert von 35 auf Rang 105 von 180 Ländern und hat sich im Vergleich zu den Vorjahren signifikant verschlechtert.37 Im Oktober 2018 gewann der teilweise als rechts- 2017. https://www.ovid-verband.de/unsere-themen/oelsaaten/soja/ (Stand 19.12.2018). 36 Vgl. Central Intelligence Agency (CIA): The World Factbook. South America: Brazil. 2019. https://www.cia.gov/library/publications/theworld-factbook/geos/br.html (Stand 25.01.2019). Vgl. Der neue Fischer Weltalmanach 2018: Brasilien. Frankfurt a. M. 2017, S. 67ff. 37 Vgl. Transparency International: Corruption Perceptions Index 2018. https://www. transparency.org/cpi2018 (Stand 25.01.2019). Der Korruptionswahrnehmungsindex, der 180 Länder und Gebiete nach ihrer Einschätzung der Korruption im öffentlichen Sektor einordnet, kann Werte zwischen 0 (hoch korrupt) und 100 (nicht korrupt) annehmen. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 266 extrem eingestufte Ex-Militär Jair Bolsonaro von der Partido Social Liberal (PSL) die Präsidentschaftswahlen mit 55 Prozent der Stimmen. Er trat sein Amt am 1. Januar 2019 an.38 Im Jahr 2017 belief sich das brasilianische Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 2.056 Milliarden US-Dollar und erholte sich damit erstmals von der seit 2013 andauernden Phase der Rezession.39 Mit nur sechs Prozent Anteil ist der Beitrag der Landwirtschaft zum BIP verhältnismäßig gering im Vergleich zum Anteil der Industrie (21 Prozent) und des Dienstleistungssektors (73 Prozent). Betrachtet man jedoch die brasilianischen Exporte ergibt sich ein anderes Bild: 26 Prozent der 2016 exportierten Waren im Wert von 185,2 Milliarden US-Dollar waren Rohstoffe, 24 Prozent stammten aus dem Bereich der Nahrungsmittel. Dies ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass die brasilianische Volkswirtschaft größtenteils „auf dem Export von [unverarbeiteten, A.Z.] agrarischen Rohstoffen, Bodenschätzen oder Pflanzen für die industrielle Verwendung [basiert].“40 Inländische und ausländische Wirtschaftsakteure investieren hohe Summen in den Abbau von Mineralien oder in die Industrialisierung der Landwirtschaft sowie in Infrastrukturprojekte, um die agrarindustrielle Produktion auszuweiten. Dieses sozioökonomische Entwicklungsmodell wird auch als Neo-Extraktivismus bezeichnet. Die einheimische Industrie ist durch ihren Fokus auf die Produktion von Maschinen, Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln ebenfalls auf dieses Entwicklungsmodell ausgerichtet. Problematisch ist hierbei vor allem die hohe Abhängigkeit von den Weltmarktpreisen und der Nachfrage sowie die geringe Wertschöpfung vor Ort. Zugleich besteht meist eine Abhängigkeit von Industrieimporten für den Konsum. Die langjährige brasilianische Wirtschaftskrise war nicht zuletzt dem 2012 einsetzenden Preisverfall vieler für den Export bedeutsamer Rohstoffe geschuldet.41 Im Jahr 2016 lag die 38 Vgl. Deutsche Welle: Präsidentschaftswahlen in Brasilien. Wer ist Jair Bolsonaro? 2018. https://www.dw.com/de/wer-ist-jair-messias-bolsonaro/a-45071913 (Stand 25.01.2019). Vgl. CIA, The World Factbook, Brazil. 39 Vgl. The World Bank: GDP (current US$). Brazil. https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD?locations =BR (Stand 25.01.2019). 40 Ulrich Brand: Neo-Extraktivismus. Aufstieg und Krise eines Entwicklungsmodells. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 66. Jg., 39/2016, S. 21. 41 Vgl. Brand, Neo-Extraktivismus, S. 21ff. Andrea Zeller 267 durchschnittliche Arbeitslosenquote bei 11,5 Prozent, die Inflation belief sich auf 8,7 Prozent im Jahresdurchschnitt.42 Zur Darstellung der menschlichen Entwicklung wird der Human Development Index (HDI) herangezogen.43 Dieser betrug für Brasilien im Jahr 2018 0,759 und entspricht einem hohen Stand menschlicher Entwicklung. Damit belegt das Land im weltweiten Vergleich Rang 79.44 Brasilien trat im Januar 1992 dem Zivil- und dem Sozialpakt bei, es hat die beiden Menschenrechtsabkommen jedoch nicht ratifiziert.45 Damit unterliegt das Land keiner völkerrechtlichen Verpflichtung zur Umsetzung menschenrechtlicher Normen. Aus dieser Tatsache wird geschlossen, dass der Menschenrechtsschutz auf staatlicher Seite keine hohe Priorität einnimmt. Die Einhaltung der Menschenrechte wird seitens der Vereinten Nationen lediglich im Rahmen des Allgemeinen Periodischen Überprüfungsverfahrens untersucht. Allerdings berichten verschiedene NGOs über die Einhaltung der Menschenrechte in Brasilien. Nachfolgend werden Menschenrechtsverletzungen, die im Zusammenhang mit dem Sojaanbau in Brasilien stehen und in den erwähnten 42 Vgl. Der neue Fischer Weltalmanach 2018, Brasilien, S. 67. 43 Vgl. United Nations Development Programme (UNDP): Technical notes. Calculating the human development indices—graphical presentation. 2016. http://hdr.undp.org/ sites/default/files/hdr2016_technical_notes_0.pdf (Stand 07.12.2018), S. 1ff. Der HDI berücksichtigt die drei Dimensionen langes und gesundes Leben, Wissen, und einen angemessenen Lebensstandard. Ein HDI-Wert von über 0,8 bedeutet einen sehr hohen menschlichen Entwicklungsstand. Werte zwischen 0,7 und 0,799 entsprechen einem hohen Stand menschlicher Entwicklung, Werte zwischen 0,550 und 0,699 einem mittleren und Werte unter 0,550 einem geringen menschlichen Entwicklungsstand. 44 Vgl. United Nations Development Programme (UNDP): Human Development Reports. Brazil. O.J. http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/BRA (Stand 09.01.2019). 45 Vgl. United Nations Treaty Collection: Chapter IV. Human Rights. 3. International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights. New York, 16 December 1966. 2019. https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src= TREATY&mtdsg_ no=IV-3&chapter=4&clang=_en (Stand 09.01.2019). Vgl. United Nations Treaty Collection: Chapter IV. Human Rights. 4. International Covenant on Civil and Political Rights. New York, 16 December 1966. 2019. https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails. aspx?src=TREATY&mtdsg_ no=IV-4&chapter=4&lang=en (Stand 09.01.2019). Menschenrechte in der Weltwirtschaft 268 Berichten dokumentiert sind, wiedergegeben. Aufgrund der vielfältigen Verstöße gegen die Menschenrechte kann dies nur beispielhaft anhand von ausgewählten Themenbereichen erfolgen. Das erste Beispiel betrifft Landraub und Vertreibung und dokumentiert primär willkürliche Beraubungen des Eigentums, aber auch Verstö- ße gegen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit: Over past decades, indigenous peoples have been subjected to forced dis-placement owing to the expansion of agribusiness and large-scale development projects. In addition to concerns related to development projects in Amazonas, the Working Group was alarmed to learn from civil society and federal prosecutors about the lack of effective consultation with indigenous peoples and violent social conflict in Mato Grosso do Sul, perpetrated by armed militias and private security companies in the context of the intrusion of agribusiness on indigenous land and ineffective or incomplete demarcation of indigenous land.46 Ich war in Mato Grosso, das heißt übersetzt „dichter Busch“. Es war früher ein Regenwaldgebiet mit indigenen Kleinbauern. Jetzt sieht man nur noch klägliche Überreste des Waldes und dafür Felder bis an den Horizont. […] Das Ausmaß der Umweltzerstörung war bedrückend ebenso, wie Menschen unter Druck gesetzt, bedroht und vertrieben werden. Menschen werden sogar von Killern der Großgrundbesitzer ermordet. Betroffene erzählten mir, wie sie mit dem Tod bedroht worden sind und ihnen die Pistole an den Kopf gehalten wurde.47 46 United Nations General Assembly, Human Rights Council: Report of the Working Group on the issue of human rights and transnational corporations and other business enterprises on its mission to Brazil. A/HRC/32/45/Add.1. 2016. https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/G16/ 096/43/ PDF/G1609643.pdf?OpenEle-ment (Stand 12.12.2018), S. 14. 47 Anton Hofreiter im Interview in: Deutsche Welle: Wissen & Umwelt. Deutsche Fleischproduktion gefährdet Menschenrechte und zerstört Regenwald. 2016. https://www.dw.com/de/deutsche-fleischproduktion-gef%C3%A4hrdetmenschenrechte-und-zerst%C3%B6rt-regenwald/a-19322490 (Stand 12.2.2018). Andrea Zeller 269 Oft wurde und wird der Sojaanbau mit illegalen Methoden vorangetrieben. Einheimische Kleinbauernfamilien und Indigene, die das Land traditionell bewirtschaften, werden vertrieben. Dabei sind nicht selten die Polizei und private Sicherheitsfirmen involviert. Landräuber fälschen auch Besitztitel für Land, bestechen die örtliche Verwaltung und bringen einheimische Bauern so um ihre Rechte. Denn gerade Angehörige der indigenen Völker nutzen oft Land, das seit langer Zeit im Gemeinbesitz und verwaltungstechnisch nicht erfasst ist.48 Im zweiten Beispiel werden Gesundheitsgefahren für Arbeiter und lokale Anwohner sowie die Verantwortungsverschiebung auf Subunternehmer aufgezeigt: 54. The Working Group was also informed about issues relating to health and safety at work, including exposure of agricultural workers to poisonous chemicals that are banned in Europe and that some labour prosecutors would like banned in Brazil. It was also told about problems relating to the increased use of outsourcing, specifically a lack of control and oversight of supply chains, leading to a lack of accountability for abuses suffered by workers in the supply chain. Labour prosecutors reported that, despite the fact that Brazil has ratified ILO Labour Clauses (Public Contracts) Convention, […], it was not being adequately implemented or enforced and it should be, […] as it applies to work carried out by subcontractors or assignees of contracts.49 Das dritte Beispiel widmet sich Bedrohungen beim Einsatz für die Menschenrechte: 49. Human rights defenders in Brazil increasingly face death threats for raising their voices when their rights are compromised by economic interests, as documented in a 2014 Global Witness report that revealed that, out of 116 killings in 17 countries in 2014, 29 occurred in Brazil and were mainly relating to conflict over land ownership, control and use, and were commonly committed by the police and private 48 Brot für die Welt: Sojaanbau in Lateinamerika. Tierfutter statt Nahrungsmittel. 2019. https://www.brot-fuer-die-welt.de/themen/haehnchenexport/sojaanbauin-lateinamerika/ (Stand 25.01.2019). 49 United Nations General Assembly, Report A/HRC/32/45/Add.1, S. 17. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 270 security providers. Regarding the latter, […] the Swiss transnational agribusiness company, Syngenta, was required to compensate the family of Valmir Mota de Oliveira, who was killed by Syngenta security guards, provided by NF Segurança, in October 2007, during a protest at a Syngenta research site in Santa Tereza do Oeste, Paraná.50 4.2. Coltan Coltan steht für Columbit-Tantalit und ist das wichtigste Erz für Tantal. Der Begriff Coltan wurde zunächst nur für Erzkonzentrate in Zentralafrika eingesetzt, wird mittlerweile jedoch allgemeiner verwendet. In der Natur sind Columbit und Tantalit immer gemeinsam anzutreffen. Sie verfügen über einen extrem hohen Schmelz- und Siedepunkt (z.B. Tantal: 2996°C und 5429°C), sind wenig reaktiv, nur zu einem sehr geringen Grad korrosionsgefährdet und halten Säuren stand. Sowohl Columbit als auch Tantalit kommen deshalb bei der Herstellung von Speziallegierungen und besonders harten Stahlsorten zum Einsatz. Für den medizinischen Bereich werden Schrauben und Prothesen aus Tantal gefertigt. Die wichtigste Eigenschaft von Coltan ist jedoch die extrem hohe Fähigkeit von Tantal, elektrische Ladung zu speichern (elektrische Kapazität). Erst dadurch wird es möglich, sehr kleine elektrische Kondensatoren (Elkos) mit hoher Kapazität herzustellen. Ohne diese könnten zahlreiche elektrische Geräte wie Handys oder Computer nicht fabriziert werden. Insgesamt fließen mehr als 50 Prozent des produzierten Tantals in die Herstellung von Elkos.51 Im Jahr 2016 wurden weltweit insgesamt 1.730 Tonnen Tantal abgebaut. 52 Konkrete Angaben zu möglichen Importen nach Deutschland können jedoch nicht in Erfahrung gebracht werden, da die „Daten zur Höhe der deutschen Importe der Warengruppe 2615.90 [Tantalhaltige Erze und Konzentrate, A.Z.] […] laut DESTATIS […] einer Sperrfrist 50 United Nations General Assembly, Report A/HRC/32/45/Add.1, S. 15. 51 Vgl. Florian Neukirchen/Gunnar Ries: Die Welt der Rohstoffe. Lagerstätten, Förderung und wirtschaftliche Aspekte. Berlin/Heidelberg 2016, S. 122f. 52 Vgl. Sophie Damm: Rohstoffrisikobewertung – Tantal. DERA Rohstoffinformation. Deutsche Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Berlin 2018, S. 30. Andrea Zeller 271 bzw. einem Sperrvermerk unterliegen.“53 Für das Jahr 2016 ist jedoch bekannt, dass Deutschland 31 Tonnen Tantal, tantalhaltige Waren sowie Abfälle und Schrott aus Tantal, 70 Tonnen Tantal in Rohform inklusive gesinterter Stangen und Tantal-Pulver sowie 23 Tonnen Waren aus Tantal importiert hat. Zudem wurden 19 Tonnen an Waren aus Tantal exportiert. Als deutsche Produzenten waren tätig: H.C. Starck; Tantec GmbH; Cronimet; Merson Deutschland und AMG GfE.54 Abgebaut wurden tantalhaltige Erze vor dem Jahr 2009 sowohl in modernen Minen in Australien, Brasilien, Kanada, China und verschiedenen afrikanischen Staaten als auch im informellen Bergbau in Zentralafrika. Als die Nachfrage infolge der Wirtschaftskrise stark abnahm und die Mine Wodgina in Australien, welche bis dato über 50 Prozent der Weltproduktion geliefert hatte, aufgrund hoher Förderkosten 2009 geschlossen wurde, stieg der Tantal-Anteil aus dem informellen Bergbau rasant an. Nachdem weitere Minen ihre Arbeit einstellten, ging die Weltproduktion von Tantal um über die Hälfte zurück. 55 Infolge der Minenschließungen kam es zu einer Verschiebung von der industriellen Produktion in Australien, Brasilien und Kanada zum Artisanal- und Kleinbergbau vorwiegend in Zentralafrika. Hier hat die Region der Großen Seen, und speziell das Gebiet an der Grenze der Demokratischen Republik Kongo (DRK) zu Ruanda, eine Schlüsselposition inne. Von dort stammten im Jahr 2016 allein 880 Tonnen Tantal, das heißt 51 Prozent der weltweiten Produktion. Die Region gilt damit als weltweit bedeutendste Tantal-Förderregion.56 Um die Einhaltung der Menschenrechte bei der Herstellung von Smartphones zu überprüfen, muss daher auch die Produktion von Tantal in diesem Gebiet untersucht werden. Die Demokratische Republik Kongo (DRK) liegt in Zentral-Afrika und ist mit einer Fläche von 2,3 Millionen Quadratkilometern das elftgrößte Land der Erde. Sie war bis zu ihrer Unabhängigkeit 1960 eine belgische Kolonie und hat 85,3 Millionen Einwohner. Ihren Namen erhielt die DRK im Jahr 1997. Laut der Verfassung von 2006 handelt es sich um 53 Damm, Rohstoffrisikobewertung – Tantal, S. 47f. 54 Vgl. Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR): Tantal. Rohstoff-wirtschaftliche Steckbriefe. 2018. https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Min_ rohstoffe/Downloads/rohstoffsteckbrief_ta.pdf?__blob=publicationFile&v=3 (Stand 30.01.2019). 55 Vgl. Neukirchen/Ries, Die Welt der Rohstoffe, S. 122f. 56 Vgl. Damm, Rohstoffrisikobewertung – Tantal, S. 7. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 272 eine Präsidialrepublik, deren Staatsoberhaupt alle fünf Jahre direkt gewählt wird. Das Parlament besteht aus der Nationalversammlung (Assemblée Nationale) und dem Senat (Sénat). Im Mai 1997 wurde der langjährige Diktator Joseph alias Sese Seko Mobuto von Laurent Kabila mit Hilfe einer von Ruanda und Uganda gestützten Rebellion gestürzt. Vorausgegangen waren ethnische Unruhen, welche 1994 durch einen massiven Zustrom von Flüchtlingen aus den Konfliktgebieten in Ruanda und Burundi ausgelöst wurden. Laurent Kabila, der nach dem Umsturz die Präsidentschaft übernahm, wurde jedoch selbst durch einen von Ruanda und Uganda unterstützten Aufstand herausgefordert. Zu seiner Unterstützung griffen Truppen aus Angola, Tschad, Namibia, Sudan und Simbabwe in den Konflikt ein. Nach der Ermordung Laurent Kabilas im Januar 2001 wurde dessen Sohn Joseph Kabila im selben Monat zum Staatsoberhaupt ernannt. Im Jahr 2002 sollten mit dem Pretoria-Abkommen die seit dem Sturz Mobutus im Staatsgebiet immer wieder aufflammenden Kämpfe der diversen Kriegsparteien aus den Anrainerstaaten beendet werden. Zugleich wurde eine Regierung der nationalen Einheit angestrebt. Nach einem erfolgreichen Verfassungsreferendum im Dezember 2005 fanden im Jahr 2006 Wahlen statt, die Joseph Kabila für sich entschied. Wenig später flammte der Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo erneut auf. Im Jahr 2009 kam es zur Unterzeichnung eines Friedensabkommens mit dem Nationalen Kongress zur Verteidigung des Volkes (CNDP), einer hauptsächlich aus Tutsis bestehenden Rebellengruppe. Deren Mitglieder, die nicht in das kongolesische Militär integriert werden konnten, bildeten im Jahr 2012 die bewaffnete Gruppe M23. Der Konflikt mit der M23 führte zu erheblichen Menschenrechtsverletzungen und Fluchtbewegungen, bevor die Gruppe Ende 2013 in einer Großoffensive aus der DRK nach Uganda und Ruanda gedrängt wurde. Auch in den vergangenen Jahren kam das Land nicht zur Ruhe. Es kam weiterhin zu Gewalt durch bewaffnete Gruppen, wie die Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas, die Alliierten Demokratischen Kräfte oder verschiedene Milizen. Bei den nationalen Wahlen im November 2011 konnte sich Joseph Kabila aufgrund strittiger Ergebnisse im Amt behaupten. Er durfte jedoch gemäß der Verfassung nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren. Die ursprünglich für November 2016 vorgesehenen nationalen Wahlen wurden von der Regierung der DRK auf Dezember 2018 verschoben. Dies führte zu Straßenprotesten der Kabila- Gegner und hat die Spannungen in den östlichen Gebieten der DRK wei- Andrea Zeller 273 ter verschärft. 57 Die Ende Dezember 2018 durchgeführten Präsidentschaftswahlen gewann der Kandidat der Opposition Félix Tshisekedi. Mit der Übernahme der Präsidentschaft ist dies der erste friedliche Machtwechsel in der DRK seit ihrem Bestehen.58 Nachdem sich das BIP der DRK zwischen 2001 und 2015 ausgehend von einem Wert von 7,4 Milliarden US-Dollar mehr als verfünffacht hatte, belief es sich im Jahr 2017 auf 37,6 Milliarden US-Dollar und befand sich damit auf einem ähnlichen Niveau wie in den beiden Vorjahren.59 Im Jahr 2016 betrug der Anteil der Landwirtschaft am BIP 21 Prozent, die Industrie trug 33 Prozent bei, die Dienstleistungen 46 Prozent. Die 2016 exportierten Waren im Wert von 5,8 Milliarden US-Dollar bestanden vorwiegend aus Grundmetallen, Rohöl, Diamanten, Holz und Kaffee.60 Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) schätzt, dass in der DRK etwa zwei Millionen Menschen im artisanalen Bergbau arbeiten um Coltan, Zinn und Diamanten abzubauen.61 Der Artisanal- und Kleinbergbau ist gekennzeichnet durch einen geringen Mechanisierungsgrad. Die Gewinnung erfolgt manuell und nahe an der Oberfläche in Schächten und Tunneln, welche mittels Hacke und Schaufel geschlagen werden. Eine typische Wertschöpfungskette in der DRK vom Minenarbeiter zum internationalen Markt gestaltet sich wie folgt: Die Minenarbeiter verkaufen das Erz an Kooperativen, lokale Händler oder Subunternehmer von Bergbauunternehmen. Diese reichern das Erz zu Konzentraten an und verkaufen die Konzentrate wiederum an Ex- 57 Vgl. Central Intelligence Agency (CIA): The World Factbook. Africa: Congo, Democratic Republic of the. 2019. https://www.cia.gov/library/publications/resources/the-world-factbook /geos/cg.html (Stand 25.01.2019). Vgl. Der neue Fischer Weltalmanach 2018: Kongo Demokratische Republik. Frankfurt a. M. 2017, S. 264ff. 58 Vgl. Süddeutsche Zeitung: Machtwechsel. Oppositioneller gewinnt überraschend Präsidentenwahl im Kongo. 10.01.2019. https://www.sueddeutsche.de/politik/kongo-wahlen-1.4281885 (Stand 25.01.2019). 59 Vgl. The World Bank: GDP (current US$). Congo, Dem. Rep. https://data.world-bank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.CD?locations =CD&view=chart (Stand 25.01.2019). 60 Vgl. Der neue Fischer Weltalmanach 2018, Kongo Demokratische Republik, S. 264. 61 Vgl. Neukirchen/Ries, Die Welt der Rohstoffe, S. 122f. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 274 porteure, internationale Händler oder direkt an internationale Hütten und Raffinadeproduzenten.62 Aufgrund der vorherrschenden Armut und der geringen Löhne ist das handwerklich abgebaute Erz günstiger als der Abbau in modernen Minen in anderen Weltregionen. Für die Arbeiter bietet der Erzabbau trotz der prekären, nicht selten gefährlichen Arbeitsbedingungen oftmals die einzige Perspektive.63 Zur Erwerbslosigkeit in der DRK liegen keine Daten vor, die jährliche Inflationsrate 2017 wurde auf 41,5 Prozent geschätzt.64 Beim weltweiten Korruptionswahrnehmungsindex rangierte das Land im Jahr 2018 mit einem Wert von 20 auf Rang 161 von 180 Ländern und hat sich im Vergleich zu den Vorjahren signifikant verschlechtert.65 Der HDI der DRK 2018 entspricht mit einem Wert von 0,457 einem geringen menschlichen Entwicklungsstand. Damit belegt das Land im weltweiten Vergleich Rang 176. So beträgt etwa die Lebenserwartung bei der Geburt 60 Jahre. Der Anteil der „working poor“ mit einer verfügbaren Kaufkraft von unter 3,10 Dollar/Tag beläuft sich auf 90,5 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung.66 Damit zählt der Staat trotz seiner zahlreichen Rohstoffe aufgrund jahrelanger Kriege, politischer Instabilität und Korruption zu den ärmsten Ländern der Welt. Im Oktober 1983 trat die DRK dem Zivil- und dem Sozialpakt bei, sie hat die beiden Menschenrechtsabkommen jedoch wie Brasilien nicht ratifiziert. 67 Damit unterliegt auch die DRK keiner völkerrechtlichen Verpflichtung zur Umsetzung menschenrechtlicher Normen. Auch hier wird aus dieser Tatsache geschlossen, dass der Menschenrechtsschutz auf staatlicher Seite keine hohe Priorität einnimmt. Die Vereinten Nationen untersuchen die Einhaltung der Menschenrechte in der DRK daher vorwiegend im Rahmen des Allgemeinen Periodischen Überprüfungsverfah- 62 Vgl. Damm, Rohstoffrisikobewertung – Tantal, S. 15ff. 63 Vgl. Neukirchen/Ries, Die Welt der Rohstoffe, S. 122f. 64 Vgl. CIA, The World Factbook Africa: Congo, Democratic Republic of the. 65 Vgl. Transparency International, Corruption Perceptions Index 2018. 66 Vgl. United Nations Development Programme (UNDP): Human Development Reports. Congo (Democratic Republic of the). O.J. http://hdr.undp.org/en/count-ries/profiles/COD (Stand 09.01.2019). 67 Vgl. United Nations Treaty Collection, Chapter IV. Human Rights. 3. International Covenant on Economic, Social and Cultural Rights. Vgl. United Nations Treaty Collection, Chapter IV. Human Rights. 4. International Covenant on Civil and Political Rights. Andrea Zeller 275 rens. Zudem befassen sich diverse NGOs mit den Menschenrechten in der DRK. Bevor die verschiedenen Menschenrechtsverletzungen näher thematisiert werden, gilt es einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen dem kongolesischen Bürgerkrieg und dem Abbau von Rohstoffen zu werfen: Auslöser des Krieges, der mehr als fünf Millionen Menschen das Leben gekostet hat, war die Dynamik nach dem Genozid in Ruanda. […] Rohstoffe wie Coltan, Gold und Diamanten bildeten für alle Bürgerkriegsparteien die wichtigste Geldquelle, um den Krieg zu finanzieren. In vielen Kämpfen ging es um nichts anderes als um die Kontrolle von Minen, deren Erlös den Kauf von Waffen ermöglichte. Die Beteiligten profitierten dabei von der hohen Nachfrage an Tantal durch die […] boomende Mikroelektronik.68 Die USA reagierten hierauf mit der Verabschiedung des Dodd-Frank- Gesetzes im Jahr 2010. Darin werden US-börsennotierte Unternehmen verpflichtet, einen Nachweis für eine „saubere Herkunft“ zu erbringen. Ähnliches beabsichtigte die EU mit ihrer 2017 verabschiedeten Verordnung zur Festlegung von Pflichten zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten in der Lieferkette von Tantal sowie Wolfram, Zinn und Gold aus Konfliktund Hochrisikogebieten.69 Daher muss bei der Untersuchung der Menschenrechtssituation bei der Tantal-Produktion unterschieden werden zwischen zertifizierten und nicht-zertifizierten Minen. Generell kommt es zu so vielfältigen und gravierenden Menschenrechtsverletzungen, dass in den Berichten vorwiegend die Gesamtsituation in bestimmten Gebieten thematisiert und weniger auf konkrete Wirtschaftsbereiche eingegangen wird. Da sich das Coltan, wie viele weitere Rohstoffe, in den Konfliktgebieten befindet, werden im Folgenden beispielhaft einige thematisierte Aspekte aus diesen Gebieten vorgestellt. Das erste Beispiel befasst sich mit Verstößen gegen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person in den Konfliktgebieten und betrifft auch die Arbeiter im Bergbau respektive Coltan-Abbau: 25. The Committee is concerned at reports that serious human rights violations, including rape, torture and extrajudicial killings, have been and continue to be committed against civilians in conflict areas where 68 Neukirchen/Ries, Die Welt der Rohstoffe, S. 123. 69 Vgl. Damm, Rohstoffrisikobewertung – Tantal, S. 7. Menschenrechte in der Weltwirtschaft 276 various armed groups and militias are active. It is also concerned at reports that many such violations, which have resulted in the displacement of large numbers of people, have been committed by agents of the State. In this regard, the State’s lack of an adequate legislative and regulatory framework for addressing the situation of internally displaced persons is troubling.70 Im zweiten Beispiel wird auf die prekäre Situation von Kindern verwiesen: 45. The Committee […] is concerned at the number of children in street situations who are exposed to various forms of abuse […]. The Committee also reiterates its concern about: (a) the large-scale involvement of children in armed conflict; (b) the low rate of birth registration in the State party; and (c) the persistence of economic exploitation of children, including in the mining sector.71 Das dritte Beispiel thematisiert die Verletzung elementarer Arbeitsstandards im informellen Bergbau: Die lokalen geografischen Gegebenheiten wie eine schlechte Infrastruktur, mangelnde Verwaltungsstrukturen sowie Korruption und Missmanagement in der DR Kongo haben außerdem die Bedingungen für informelle Bergbauaktivitäten und kriminelle Besteuerung begünstigt. Dieser informelle Charakter und die gering mechanisierte Arbeitsweise des Artisanal- und Kleinbergbaus bedeuten häufig eine Nichtberücksichtigung elementarer Arbeitsstandards.72 Auch bei der Arbeit in einer zertifizierten Mine in der DRK ist nicht alles in Ordnung. Aus einem Dokumentarfilm zum Coltanabbau geht hervor, dass die Arbeiter kaum über technische Ausrüstung verfügen, von 70 Human Rights Committee: Concluding observations on the fourth periodic report of the Democratic Republic of the Congo. CCPR/C/COD/ CO/4. 2017. http://tbinternet.ohchr.org/_layouts/treatybodyexternal/Download.aspx ?symbolno=CCPR/C/COD/CO/4&Lang=En (Stand 19.12.2018). 71 Human Rights Committee, Report CCPR/C/COD/CO/4. 72 Damm, Rohstoffrisikobewertung – Tantal, S. 24f. Andrea Zeller 277 den Händlern abhängig sind und aufgrund der niedrigen Bezahlung teilweise Hunger leiden.73 5. Fazit und Ausblick Der vorliegende Beitrag widmete sich der Entstehung, Einhaltung und Überprüfung verbriefter Menschenrechte im internationalen Wirtschaftsgeschehen, um die globale Governance rund um den Schutz von Menschenrechten im Rahmen der gebotenen Möglichkeiten näher zu beleuchten. Im zweiten Kapitel wurde skizziert, welche Akteure sich für die Niederschrift menschenrechtlicher Normen einsetzten: Im Falle der AEMR, des Zivil- und Sozialpakts sowie der Erklärung von Wien waren es vorwiegend die in der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen versammelten Delegierten der teilnehmenden Staaten und ihre Staatsund Regierungschefs. Wesentliche Impulse sind jedoch auch Einzelpersonen wie dem ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Boutros-Ghali, zu verdanken. Dominiert wurde das Ringen um die festzuhaltenden Normen – soweit dies aus der kurzen Beschreibung des Vorgangs abzulesen ist – von Verhandlungen und Netzwerken, die sich vornehmlich im Gegensatz von Ost und West erahnen lassen. Das dritte Kapitel widmete sich den Überprüfungs- und Durchsetzungsmöglichkeiten der verbrieften menschenrechtlichen Normen. Hier zeigte sich deutlich das Spannungsfeld zwischen einzelstaatlichen Souveränitätsansprüchen und Ansprüchen zur kollektiven Sicherstellung von Menschenrechten durch ein internationales Regime. Solange sich Staaten als die wesentlichen Akteure beim Menschenrechtsschutz nicht freiwillig völkerrechtlichen Verpflichtungen unterwerfen, kann die Garantie der verbrieften Menschenrechte innerhalb eines Staatsgebietes nicht von internationalen Regimen eingefordert werden. Menschenrechtsverletzungen können in diesem Fall lediglich dokumentiert und thematisiert werden. Selbst völkerrechtlich verpflichtende Verträge wie der Zivil- und Sozialpakt sehen kaum harte Sanktionen bei Verstößen vor. Wichtige 73 Vgl. Roland Brockmann: Kongo: Kampf um Koltan. Misereor. Berlin 2016. https://www.misereor.de/informieren/rohstoffe/coltan/ (Stand 19.12.2018). Menschenrechte in der Weltwirtschaft 278 Akteure bei der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen sind der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen und verschiedene auf dem Gebiet der Menschenrechte engagierte NGOs. Im vierten Kapitel wurde schließlich anhand der beiden aus dem Leben in der westlichen Welt kaum wegzudenkenden Konsumgüter Fleisch und Smartphone die Einhaltung der Menschenrechte bei deren Herstellung stichpunktartig überprüft. Dies erfolgte am Beispiel zweier für die Herstellung essentieller Bestandteile. Sowohl beim Sojaanbau in Brasilien als auch beim Coltanabbau in der Demokratischen Republik Kongo offenbarten sich hierbei gravierendste Menschenrechtsverletzungen, die in den Berichten der Vereinten Nationen oder verschiedener NGOs dokumentiert wurden. Erklärbar, wenn auch nicht nachvollziehbar, werden diese Menschenrechtsverstöße beim Blick auf die vorherrschenden Strukturen und die unterschiedlichen beteiligten Akteure. Weder Brasilien noch die DRK haben den Zivil- und Sozialpakt ratifiziert. Hieraus wird geschlossen, dass Menschenrechte für die jeweiligen Staatsführungen keine Priorität haben. Hinzu kommen in Brasilien weniger als in der DRK, jedoch auf hohem Niveau die grassierende Korruption und eine störanfällige, stark von Weltmarktpreisen abhängige Wirtschaft. Führende politische Akteure in Brasilien und in der DRK sind zudem nicht Willens oder nicht in der Lage, innerhalb ihres Staatsgebiets verbindliche Regeln für wirtschaftliches Handeln hierarchisch durchzusetzen. Damit agieren die in diesen Staaten unternehmerisch tätigen Akteure in ihrem Streben nach Gewinnmaximierung quasi ohne rechtliche Beschränkungen. An die menschenrechtlichen Standards der Vereinten Nationen fühlen sich viele nicht gebunden. Außer Wettbewerbern, Kunden oder moralischen Bedenken hindert sie niemand an Arbeitszeitausweitungen, Lohndumping, Sparmaßnahmen zulasten der Arbeitssicherheit, drakonischen Strafmaßnahmen oder schlimmeren Vergehen. Wird dieses Handeln angeprangert, wissen sie sich mit Hilfe von Subunternehmern, Lobbying oder Korruption der Kontrolle durch politische Institutionen zu entziehen. An diesen Beispielen zeigt sich über 70 Jahre nach der Verkündung der AEMR noch immer eine Diskrepanz zwischen dem Idealbild der Menschenrechte in der Weltwirtschaft (AEMR, Erklärung von Wien, Zivil- und Sozialpakt) und der Realität. Hier verursachen staatliche und wirtschaftliche Akteure gemeinsam ein bearbeitungsbedürftiges Gemeinwohlproblem. Erstere durch Korruption und Untätigkeit, letztere durch Ausnutzung rechtlicher Spielräume. Die Vereinten Nationen können Andrea Zeller 279 dieses Problem nicht lösen, solange sie über keinen wirksamen Mechanismus verfügen, um die Menschenrechte weltweit zu garantieren. Da bislang kein Staat zum Schutz seiner Einwohner gezwungen werden kann, könnten gegebenenfalls die Unternehmen direkt zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet werden. Die Menschenrechte könnten beispielsweise in das Regelwerk der Welthandelsorganisation integriert werden. Verstöße würden damit ähnlich geahndet wie Verstöße gegen die sonstigen Regeln der Welthandelsorganisation. In jedem Fall gilt es, Lösungsansätze zu entwickeln und umzusetzen. Wenn sich alle zur Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet fühlen und verbindliche Regeln zu deren Umsetzung erarbeiten und umsetzen, können die Menschenrechte vielleicht eines Tages für alle Menschen Realität werden. 281 Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen in Ostafrika am Beispiel des Naivashasees in Kenia Eine empirische Analyse Julia Renner 1. Einleitung Die Generalversammlung der Vereinten Nationen „erkennt das Recht auf einwandfreies und sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung als ein Menschenrecht an, das unverzichtbar für den vollen Genuss des Lebens und aller Menschenrechte ist“.1 Die Resolution der Vereinten Nationen (nachfolgend UN) 64/292 Das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung wurde auf der 108. Plenarsitzung am 28. Juli 2010 mit 122 Stimmen ohne Gegenstimmen und 41 Enthaltungen angenommen. Dadurch, dass das Recht auf Wasser im Rahmen einer UN-Resolution als Menschenrecht anerkannt wurde, findet es in der 30 Artikel umfassenden Menschenrechtscharta keine Erwähnung.2 Ungeachtet der Enthaltung einiger Länder bei der Abstimmung über die Resolution 64/292 in der UN-Vollversammlung ist und bleibt Wasser die wichtigste Ressource im menschlichen Leben – ohne Wasser würde es kein Leben geben. Über den täglichen Gebrauch hinaus ist Wasser essentiell zum Erhalt fast aller Lebensformen, es ist wichtig für die Nahrungsmittelproduktion, zur Erwirtschaftung landwirtschaftlicher Erzeugnisse aber auch für die Betriebstechnik. Wenngleich Wasser eine erneuerbare Ressource darstellt, sind derzeit knapp 3,6 Milliarden Men- 1 United Nations: Resolution 64/292. Das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung. New York 2010. 2 United Nations: Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Resolution 217 A (III) der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948. New York 1948. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 282 schen von Wassermangel betroffen. 3 Somit lebt knapp die Hälfte der Weltbevölkerung in Gebieten, die von Wassermangel betroffen sind. 4 Der World Water Development Report identifiziert vor allem weite Teile Chinas, Indiens sowie den Nahen Osten als wasserknappe Gebiete. Auf Grund des Klimawandels und des damit einhergehenden projektierten Temperaturanstieges um 2.8°C bis 2060 und bis 2090 um bis zu 4.5°C werden extreme Naturkatastrophen wie Wüstenbildungen und Überschwemmungen zunehmen.5 Des Weiteren prognostizieren die Autoren, dass auf Grund des Bevölkerungswachstums besonders der Verbrauch der privaten Haushalte deutlich steigen könnte – in Afrika und Asien könnte sich allein der private Verbrauch verdreifachen.6 Durch die UN Resolution 64/292 sowie die ausgerufene „International Decade for Action“ und die „Water for Life Agenda“ haben Wasser und das Recht auf Wasser deutlich an Bedeutung auf der internationalen Ebene gewonnen. Immer häufiger äußerten seitdem sowohl Regierungs- als auch Nichtregierungsorganisationen die Befürchtung, dass durch den Klimawandel die Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen abnehmen und dadurch das Konfliktpotential steigen würde. Dieser Vermutung liegen die wissenschaftlichen Überlegungen von Thomas Homer-Dixon zu Grunde, der argumentiert, dass umweltinduzierte Ressourcenverknappung das Konfliktpotential erhöhe. 7 Während in den Medien der Zusammenhang zwischen Ressourcenverknappung und Konflikt nur verkürzt dargestellt wird und in der Populärwissenschaft bereits 3 United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization: The United Nations World Water Development Report 2018. NATURE- BASED SOLUTIONS FOR WATER. Paris 2018. 4 United Nations Department of Economic and Social Affairs (2018): Population: https://www.un.org/development/desa/en/key-issues/population.html. (aufgenommen am 23.10.2018). 5 IPCC: Climate Change Impacts, Adaptation and Vulnerability. Cambridge 2014. 6 UNESCO WWAP 2018. 7 Thomas F. Homer-Dixon: Environmental Scarcities and Violent Conflict. Evidence from Cases. In: International Security 19, 1994, 1, S. 5; ders.: Environment, scarcity, and violence. Princeton 1999. Julia Renner 283 von „Klimakriegen“ 8 gesprochen wird, ist der eben genannte Zusammenhang bis heute unzureichend verstanden. Während die Wissenschaft und die tagesaktuelle Politik sich bei der Betrachtung des Nexus Ressourcen-/Wasserverknappung und Konflikt zumeist auf geographische Gebiete fokussiert, die auf Grund ihrer klimatischen Gegebenheiten als wasserarm klassifiziert werden, so erlebt auch die Bevölkerung in wasserreichen Gebieten Wasserverknappung und ist damit ebenso anfällig, wasserbezogene Konflikte zu erfahren. Diese Ambivalenz von gleichzeitig auftretendem Wasserreichtum und von Wasserverknappung findet sich u.a. auch in der Ostafrikanischen Union wieder. Da Wasser, wie eingangs bereits erwähnt, essentiell zum Erhalt fast aller Lebensformen und auch bei der wirtschaftlichen Produktion nicht wegzudenken ist, kann Wasser als ein Treiber von Konflikten angesehen werden, da ohne ausreichend Wasser das persönliche Leben nicht realisierbar ist. In diesem Beitrag wird aufgezeigt, dass Wasserkonflikte an wasserreichen Seen Menschenrechtsverletzungen mit sich bringen. Insbesondere treten diese Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen auf sub-nationaler Ebene auf. In den Fokus der Analyse wird daher die lokale Bevölkerung, die in und um die Wasserressource lebt, rücken. Als Fallbeispiel für die detaillierte Betrachtungsweise des angedeuteten Nexus wird der Naivashasee in Zentralkenia dienen. Zunächst werden in einem ersten Schritt die theoretischen Konzeptionen der Ressourcen-Konflikt-Literatur einerseits und der klassischen Friedens- und Konfliktliteratur andererseits gegenübergestellt. Darauf aufbauend wird die Relevanz der Ressource Wasser in den Vordergrund rücken und die Wassersituation sowie die Wassernutzung in Kenia werden genauer betrachtet werden. Die Grundlage für die Analyse der Konflikt- und Akteurskonstellationen am Naivashasee sowie die Darstellung unterschiedlicher Intensitäten von Wasserkonflikten und ihrem Ausmaß ist ein im August 2018 durchgeführter Forschungsaufenthalt in Kenia und am Naivashasee im Speziellen. Abschließend soll kritisch diskutiert werden, inwieweit Wasserkonflikte Menschenrechtsverletzungen darstellen. 8 Harald Welzer: Climate Wars: What People Will Be Killed For in the 21st Century. Cambridge 2012. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 284 2. Theoretische Konzeption 2.1. Environmental Security Environmental Security (ES) sowie Political Ecology (PE) untersuchen die Verbindung von Umweltveränderungen, Ressourcendegradierungen, Verknappungen und gewaltsamen Konflikten. Die Kernaussage der ES- Literatur ist, dass Ressourcenverödung und -verknappung Treiber von gewaltsamen Konflikten sind. PE dagegen argumentiert, dass ein effektives Ressourcenmanagement wichtiger ist, als deren Verfügbarkeit. Unter ES wird hinlänglich „the absence of risk or threat to the environment a person or community depends on and lives in“ 9 verstanden. Thomas Homer-Dixon, der Hauptvertreter dieser Theorieschule argumentiert, dass Ressourcenverknappung in Kombination von ungleichmäßiger Ressourcenverteilung und von Bevölkerungsanstieg sehr wahrscheinlich zu gewaltsamen Konflikten führt. 10 Dieser von der neo-malthusianischen Schule postulierte Nexus wird scharf von PE kritisiert. Deren Theoretiker warnen vor solchen Vereinfachungen und bekräftigen, dass sowohl der politische, soziale als auch der institutionelle Kontext bei einer detaillierten Betrachtungsweise von Konflikten um natürliche Ressourcen berücksichtigt werden müssen.11 Die ES-Literatur unterscheidet zwei Stränge von Ressourcenverknappung. Die angebotsinduzierte (supply induced scarcity) Verknappung wird u.a. auf die Degradierung der Ressource zurückgeführt, die schneller verläuft, als die Ressource sich regenerieren kann. Letzteres kann u.a. auf längere Dürreperioden zurückgeführt werden. Die nachfrageinduzierte (demand induced scarcity) Verknappung wird u.a. durch Bevölkerungswachstum ausgelöst und kann in ungleicher Ressourcenverteilung resultieren.12 Die Debatte um Environmental Security und deren 9 Janani Vivekananda, Janpeter Schilling, Shreya Mitra und Nisha Pandey: On Shrimp, Salt and Security: Livelihood Risks and Responses in South Bangladesh and East India. In: Environment, Development and Sustainability 16, 2014, 6, S. 1141-1161, hier S. 1143. 10 Homer-Dixon, Environmental Scarcities and Violent Conflict. 11 Nancy Lee Peluso und Michael Watts: Violent Environment. London 2001. 12 Vgl. Theodora-Ismene Gizelis und Amanda E. Wooden: Water resources, institutions, & intrastate conflict. In: Political Geography 29, 2010, S. 444- 453; Homer-Dixon, Environment, scarcity, and violence. Julia Renner 285 Kritik wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts wiederbelebt. Dies ist vor allem auf das gestiegene weltweite Interesse an Fragen des Klimawandels und dessen gesamtgesellschaftlichem Einfluss zurückzuführen.13 Qualitative und quantitative Studien betrachten aus unterschiedlichen Perspektiven die aus dem Klimawandel resultierenden Konfliktimplikationen. Während quantitative Studien insbesondere den Zusammenhang von Umweltveränderungen und gesamtgesellschaftlichen Konfliktdynamiken auf globaler und nationaler Ebene erklären können,14 erörtern qualitative Studien die Verbindung von Ressourcendegradierungen, -verknappung und Konflikte auf lokaler und regionaler Ebene.15 Während bei quantitativen Studien die Verknüpfung von globalen und nationalen Konfliktdynamiken mit lokalen eine Black Box bleibt, so schenken qualitative Studien supra-nationalen Faktoren und insbesondere globalen Akteuren und Dynamiken kaum Aufmerksamkeit. Einerseits erklären qualitative und quantitative Studien den Zusammenhang von Ressourcenverknappung und Konflikten unzureichend, anderseits rücken zumeist geographische Regionen in das Zentrum der Aufmerksamkeit, die als wasserarm auf Grund ihrer klimatischen Situation klassifiziert werden. 13 Vgl. u.a. IPCC, Climate Change Impacts, Adaptation and Vulnerability; Welzer, Climate Wars; UNESCO, The United Nations World Water Development Report 2018. 14 Vgl. u.a. Adrien Detges: Close-Up on renewable resources and armed conflict: The spatial logic of pastoralist violence in northern Kenya. In: Political Geography 42, 2014, 1, S. 57-65; Jean-Francois Maystadt, Margeritha Calderone und Liangzhi You: Local warming and violent conflict in North and South Sudan. In: Journal of Economic Geography 15, 2015, 3, S. 649-671; Jürgen Scheffran, Michael Brzoska, Jasmin Kominek, P. Michael Link und Janpeter Schilling: Disentangling the Climate-conflict Nexus. Empirical and Theoretical Assessment of Vulnerabilities and Pathways. In: RES 4, 2012, S. 1-13; Tobias Ide: Research Methods for Exploring the Links Between Climate Change and Conflict. In: Wiley Interdisciplinary Reviews: Climate Change 8, 2017, S. 1-14. 15 Vgl. etwa Scheffran u.a., Disentangling; Ide, Research Methods; Janpeter Schilling, Moses Akuno, Jürgen Scheffran und Thomas Weinzierl: On Raids and Relations: Climate Change, Pastoral Conflict and Adaptation in Northwestern Kenya. In: Salome Bronkhorst und Urmilla Bob (Hrsg.): Conflict-Sensitive Adaptation to Climate Change in Africa. Berlin 2014; Hanne Seter, Ole Magnus Theisen und Janpeter Schilling: All About Water and Land? Resource-Related Conflicts in East and West Africa Revisited. In: GeoJournal 2016, S. 1-19. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 286 Vereinzelte wissenschaftliche Studien untersuchen, wie u.a. Umweltdegradierungen durch Erdölförderung die klimatische Verwundbarkeit von Pastoralisten in Nordkenia beeinflussen.16 Vivekananda und andere zeigen auf, dass Krabbenfischer in Bangladesch Uferbefestigungen zerstören, um den Salzgehalt des Wassers zu erhöhen. Während dies die Sicherheit für die Krabbenfischer erhöht, die Fangzahlen konstant auf hohem Niveau zu halten, mündet dieses umweltschädliche Verhalten in verstärkten Überflutungen und Wasserversalzungen.17 Wie später genauer dargestellt wird, ist die Wasserverknappung am Naivashasee in Zentralkenia weniger auf klimatische Veränderungen zurückzuführen, als auf menschliche Aktivitäten. Diese kurz skizzierten Beispiele zeigen, dass es bei einer genaueren Betrachtung des politischen Bereiches der Umweltsicherheit wichtig ist, alle Akteure, sowohl die globalen und nationalen als auch die Akteure auf sub-nationaler und auf lokaler Ebene, miteinzubeziehen. Dieser weitgefasste Blick auf die Akteursgruppen ist wichtig, da die Beeinträchtigung des täglichen Lebens unabhängig davon passiert, ob die Auswirkungen auf die Umwelt oder die Ressource eine natürliche oder menschliche Ursache hat. Auf die Argumentationslinie der PE- Literatur zurückgreifend, kann der Nexus Wasserverknappung und Konflikt nur adäquat hergestellt werden, wenn einerseits der politische, soziale sowie auch institutionelle Kontext Berücksichtigung finden (vgl. Kapitelpunkt 3), aber man sich andererseits diesem Nexus auch aus der theoretischen Perspektive der Konfliktursachenforschung nähert, da PE lediglich globale Prozesse betrachtet und lokalen Akteuren und politischen Dynamiken keine Bedeutung beimisst. 2.2. Konfliktursachenforschung „Die Erforschung der Bedingungen, unter denen miteinander konkurrierende politische Akteure entweder kooperieren oder Konflikte austragen, gehört seit jeher zu den Kernaufgaben der Politikwissenschaften“.18 Im 16 Janpeter Schilling, Raphael Locham, Thomas Weinzierl, Janani Vivekananda und Jürgen Scheffran: The Nexus of Oil, Conflict, and Climate Change: Vulnerability of Pastoral Communities in Northwest Kenya. In: Earth System Dynamics 6, 2016, S. 703-717. 17 Vgl. Vivekananda u.a., On Shrimp. 18 Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel: Sicherheitsrisiko Klimawandel. Berlin, Heidelberg 2007, S. 25. Julia Renner 287 Hinblick auf die Fokussierung auf Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen, vor allem auf lokaler Ebene, wird Konflikt für diesen Artikel folgendermaßen definiert: A conflict emerges between at least two actors whose behaviours, interests, positions, needs and/or priorities are incompatible and who fail to achieve their goals and to manage their difference to tolerable levels. Ausgehend von der genannten Definition, kann in Anlehnung an Friedrich Glasl geschlossen werden, dass ein Konflikt ein sozialer Tatbestand ist, bei dem eine Interaktion, bei der es Unvereinbarkeiten gibt, von den verschiedenen Konfliktparteien als Beeinträchtigung erlebt wird. 19 Für eine detaillierte Analyse der Dynamiken, Interessen und Positionen sowie des Zusammenspieles der Akteure, die von Wasserkonflikten betroffen sind, wird die Konfliktdefinition mit Hilfe zweier Konfliktanalysemodelle durchgeführt. Das United Nations Development Program definiert Konfliktanalyse als eine „[detailed description] of the profile, causes, actors and dynamics of [a] conflict“.20 Der Definition folgend, wird in Anlehnung an Johan Galtung und Floyer Acland die Konfliktanalyse zweistufig aufgebaut. In einem ersten Schritt werden die Primär- und Sekundärakteure sowie tertiäre Akteure identifiziert. Unter Primär- und Sekundärakteuren werden hinlänglich die direkt am Konflikt beteiligten Akteure verstanden, während tertiäre Akteure indirekt zum Konfliktverlauf beitragen.21 Im Anschluss an die Akteursidentifizierung wird zwischen den Positionen der am Konflikt beteiligten Akteure und ihren unterschwelligen Interessen und Bedürfnissen unterschieden. 19 Christa Kolodej: Strukturaufstellung für Konflikte, Mobbing und Meditation. Von sichtbaren Unsichtbaren. Wiesbaden 2016. 20 United Nations Development Program: Conflict-sensitive approaches to development, humanitarian assistance and peace building: tools for peace and conflict impact assessment. New York 2015, hier S. 1. 21 Simon A. Mason und Sandra Rychard: Conflict Analysis Tools. Swiss Agency for Development and Cooperation. Zürich 2005. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 288 Abb. 1: Modell nach Acland 22 Vor allem die Positionen der Akteure sind oftmals diametral entgegengesetzt (Abb. 1). Während die Positionen für die nach außen sichtbaren Verhaltensweisen ursächlich sind, bleiben die Interessen und Grundbedürfnisse oftmals für die anderen Akteure unsichtbar. Aclands Pyramidenmodell zu Grunde legend, werden nach der Definition der Akteure zunächst die Positionen der Akteure analysiert. Die Positionen der Akteure werden über das sichtbare Verhalten definiert. Die teilweise für die anderen Akteure sichtbaren Interessen werden durch die Wünsche, etwas erreichen oder haben zu wollen, charakterisiert. Die unterschwelligen Grundbedürfnisse, die Acland mit „needs“ bezeichnet, sind für die Akteure nicht sichtbar. Diese Grundbedürfnisse zeigen auf, was die einzelnen Akteure brauchen, um allein ihr persönliches Überleben sicherzustellen. Ausgehend von dieser detaillierten Betrachtungsweise ist es schließlich möglich, in Anlehnung an das Konfliktdreieck von Johan Galtung, die Konkretheit, d.h. den Inhalt des Konfliktes zu bestimmen. Durch die Bestimmung des Konfliktinhaltes und unter Hinzuziehung der Positionen, Interessen sowie der Grundbedürfnisse können daraus abgeleitet die Vereinbarkeiten bzw. Unvereinbarkeiten zwischen den Akteuren herausgearbeitet werden. 22 Oliver Ramsbotham, Tom Woodhouse und Hugh Miall: Contemporary Conflict Resolution. 3. Edition. Cambridge 2012, S. 22. Shared needs and fears Shared interests and values Person A Person B Position Interest Needs What we state What we want What we must have Julia Renner 289 Letztgenannter Schritt erlaubt es, auf die Machtverhältnisse in Bezug auf das Konfliktelement zu schließen und daraus schließlich die Mitbestimmungs- und Partizipationsmöglichkeiten der einzelnen am Konflikt beteiligten Akteure abzuleiten. Im Anschluss daran können auch die Grundrechte erfasst werden, wodurch nicht zuletzt die Frage beantwortet werden kann, wie der Konflikt unter dem Gesichtspunkt der Menschenwürde zu beurteilen ist. Abschließend lässt sich festhalten, dass die Konfliktmodelle nach Acland und Galtung dynamisch sind. Sobald sich ein Konfliktelement verändert, verändern sich auch die anderen Elemente. Auf Grund dessen beeinflussen und verändern sich diese Elemente permanent. Je intensiver und je schneller sich diese verändern bzw. sich auch Stereotypen gegen- über dem einen oder anderen Akteur manifestieren, desto größer und intensiver werden die Konfliktlinien. Allerdings ist eine Konfliktanalyse nur aussagekräftig unter Berücksichtigung der gegenwärtigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation sowie aktueller umweltspezifischer Aspekte und der Konflikthistorie. 3. Wasser und Wasserverknappung Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist Wasser die wahrscheinlich wichtigste Ressource im menschlichen Leben und das Recht auf Wasser wurde 2010 durch eine Resolution der UN als Menschenrecht anerkannt. Die Anerkennung des Zugangs zu sauberem Wasser und Sanitätsversorgung als Menschenrecht war Bestandteil des im Jahr 2003 ausgerufenen „International Year of Fresh Water“ und die im Jahr 2005 verkündete „International Decade for Action“- und „Water for Life“-Agenda. Seinen Niederschlag fand Wasser während dieser Dekade in den Millennium- Entwicklungszielen (MDG) der Vereinten Nationen, insbesondere im Development Goal 7.C. Dieses Ziel beinhaltet ganz konkret das Recht auf Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Wenngleich die MDGs 2015 ausgelaufen sind, besteht das Recht auf Wasser in den Sustainable Development Goals (SDG), speziell im SDG 6.4., fort. Durch die Niederschreibung eines Rechts auf Wasser im Rahmen einer Resolution der UN-Vollversammlung wurde festgelegt, dass ab Inkrafttreten der Resolution 64/292 der Zugang zu Wasser über mehrere Punkte definiert und auch gemessen wird. Die Resolution besagt, dass jedem Menschen zwischen 50 und 100 l Wasser am Tag zur Verfügung Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 290 stehen muss, damit die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse abgedeckt werden können. Darüber hinaus darf die nächstmögliche zu erreichende Wasserquelle nicht weiter als 1000 m vom eigenen Standort entfernt sein. Ebenso muss jeder Mensch innerhalb einer halben Stunde in der Lage sein, 20 l Wasser aus einer Wasserquelle zu beziehen. Die Vollversammlung legte fest, dass 20 l Wasser mindestens notwendig sind, um das persönliche Überleben zu sichern. Weiterhin verständigte man sich darauf, dass die Kosten für Wasser nicht mehr als 3 % des Haushaltseinkommens überschreiten dürften. Zur Wahrung der Wasserqualität wurden Richtlinien für die mikrobiologische und chemische Qualitätsmessung des Wassers niedergelegt.23 Trotz der Aufwertung des Rechtes auf Zugang zu sauberem Wasser hat sich die Wassersituation für viele Menschen im Vergleich zu 2010 verschlechtert. Noch immer mangelt es ungefähr 2,1 Milliarden Menschen an Zugang zu sauberem Trinkwasser und mehr als 4,5 Milliarden Menschen haben darüber hinaus keinen ausreichenden Zugang zu sanitären Anlagen. Desweitern sind vier von zehn Menschen derzeit von akuter Wasserknappheit betroffen. Aus diesem Grund wurde zu Beginn des Jahres 2018 erneut eine „International Decade for Action on Water for Sustainable Development“ ausgerufen.24 Wenngleich durch die ausgerufene Dekade versucht wird, die Wassersituation in den einzelnen Ländern besser zu überwachen und Implementierungsmaßnahmen aus Verstößen gegen die Resolution 64/292 abzuleiten, so ist die Resolution völkerrechtlich nicht bindend und Verstöße in Bezug auf das Recht auf Wasser können folglich weder durch die internationale Staatengemeinschaft noch von Individualpersonen eingeklagt werden. 3.1. Wasserverknappung in Ostafrika Mitte der 1980er Jahre entwickelte Malin Falkenmark einen Index, um die jährliche Wasserverfügbarkeit pro Person zu bemessen, um daraus Rückschlüsse über den Zustand der Wasserressource und der Wasserverfügbarkeit in einem Land ableiten zu können. Bei einer Verfügbarkeit von über 1.700 m3 Wasser wird von einem ausreichenden Wasservorkommen gesprochen. Wasserstress tritt bei einer Verfügbarkeit von 1.000 bis 1.700 m3 und Wasserverknappung zwischen 500 und 1.000 m3 Wasser 23 Vgl. United Nations, Resolution 64/292. 24 Ebd. Julia Renner 291 auf. Von absoluter Wasserverknappung wird ab einer Unterschreitung von 500 m3 Wasser gesprochen.25 In Anlehnung an den Falkenmark-Index müssten demnach von Wasserkonflikten besonders Regionen betroffen sein, die unter Wasserverknappung und absoluter Wasserverknappung leiden. Eine regionale Einschränkung auf Afrika vornehmend, sind vor allem weite Teile des Nordens sowie im Bereich des Horns von Afrika von Wasserverknappung betroffen. Das Horn von Afrika herausgreifend, leiden vor allem Somalia, südliche Landesteile Äthiopiens, die Turkana-Region in Kenia sowie die Grenzregion von Kenia zu Uganda unter absoluter Wasserverknappung. Letzteres ist vor allem auf verminderte Niederschlagsmengen und ansteigende Temperaturen zurückzuführen, die durch den Klimawandel ausgelöst wurden.26 Seit der Jahrtausendwende hat sich die Anzahl bewaffneter Wasserkonflikte in Sub-Sahara-Afrika vervierfacht.27 Die meisten dieser Wasserkonflikte treten in Ostafrika auf. Hierbei sind Somalia, Äthiopien, Kenia und Tansania besonders anfällig für wasserbezogene Konflikte.28 Jedoch sind nicht alle Regionen, die von diesen Wasserkonflikten betroffen sind, gleichermaßen von den Auswirkungen des Klimawandels, von Umweltveränderungen und Ressourcendegradierungen betroffen. 29 Aus diesem Grund ist es notwendig, den Blickwinkel zu erweitern und die Ursachen für Wasserkonflikte mit Hilfe der zuvor vorgestellten akteurszentrierten Betrachtungsweise der Konfliktursachenforschung zu analysieren. Die Verwundbarkeit der Akteure und Regionen gegenüber Wasserverknappungen oder Umweltveränderungen ist in Anlehnung an das International Panel on Climate Change abhängig von „the characteristics of a person or group in terms of their capacity to anticipate, cope with, resist, and recover from the impact of a natural hazard“.30 Unter Bezugnahme 25 Malin Falkenmark: Fresh Water: Time for a Modified Approach. In: Ambio 15, 1986, 4, S. 192–200. 26 United Nations Department of Economic and Social Affairs, Population. 27 The World’s Water: Water Conflict Chronology. Pacific Institute. 2018. http://www.worldwater.org/conflict/map/(aufgenommen am 03.11.2018). 28 Ebd. 29 Homer-Dixon, Environmental Scarcities and Violent Conflict; Peluso, Watts, Violent Environment. 30 IPCC: Climate Change Impacts, Adaptation and Vulnerability. Cambridge 2007, hier S. 870. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 292 auf die Definition wird die Verwundbarkeit einer Region vor allem über politische, wirtschaftliche und soziale Faktoren bestimmt. Wasserknappheit muss demnach nicht zwangsläufig in Gebieten auftreten, die durch verminderte Niederschlagsmengen aufgrund klimatischer Veränderungen immer wasserärmer werden, sondern ebenso kann Wasserarmut an Gewässern auftreten, die augenscheinlich über ausreichende Wasservorkommen verfügen. 3.2. Der Naivashasee in Zentralkenia Der knapp 100 km nördlich von Nairobi gelegene Naivashasee ist der einzige Frischwassersee im Rift Valley. Umgeben von drei Nationalparks, angepriesen als Vogelbeobachtungs-Hotspot und bekannt für seine Tier- und Artenvielfalt, sind der Naivashasee und seine Umgebung ein idealer Ort für Wochenendausflüge und internationalen Tourismus.31 Abb. 2: Kontinent Afrika – Überblick32 31 AHK: Wasser und Abwasser in Kenia. Kurzanalyse. Delegation der Deutschen Wirtschaft in Kenia. Nairobi 2016. 32 https://pixabay.com/de/afrika-karte-afrikanische-35742/ (aufgenommen am 12.12.2018). Julia Renner 293 Neben dem aufkommenden Tourismusgeschäft in Form von Hotels und Gasthäusern siedelten sich seit Ende der 1980er Jahre zahlreiche internationale Betriebe, vor allem Rosenfarmen, um den See herum an.33 Die Anzahl der Rosenfarmen ist über die Jahre angewachsen und im Jahr 2018 zählte man knapp 30 von ihnen. Auf Grund dieser wirtschaftlichen Entwicklung hat sich die Bevölkerungszahl von Naivasha-Stadt von einst knapp 20.000 Einwohnern auf heute 1,2 Millionen Menschen erhöht. Der Grund für dieses explosionsartige Bevölkerungswachstum ist auf die Möglichkeit zurückzuführen, ungelernt einer bezahlten Arbeit in den Rosenfarmen und Hotels nachgehen zu können. Da Naivasha-Stadt diesem Bevölkerungswachstum infrastrukturell nicht standhalten konnte, sind um den See herum vier informelle Siedlungen entstanden, in denen vor allem Arbeiter aus den Farmen und Hotels sowie Einheimische leben, die sich das Leben in Naivasha-Stadt finanziell nicht mehr leisten können. Abb. 3: Karte Kenia34 33 Janani Vivekananda: Flower Farms in Naivasha, Kenya – not all smelling of roses. London 2013. https://www.international-alert.org/blog/flowerfarms-naivasha-kenya-%E2%80%93-not-all-smelling-roses (aufgenommen am 03.11.2018). 34 http://d-maps.com/carte.php?num_car=13932&lang=de (aufgenommen am 12.12.2018). Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 294 Während sich im Jahr 2010 und 2011 der Naivashasee wegen einer extremen Dürreperiode aufgrund klimatischer Veränderungen auf nahezu die Hälfte seiner Größe verringert hatte, war der See im Jahr 2018 durch den höchsten jemals gemessenen Wasserstand gekennzeichnet. 35 Trotz des hohen Wasserstandes leidet vor allem die lokale Bevölkerung jedoch unter Wasserknappheit. Diese Ambivalenz von ausreichendem Wasservorkommen auf der einen und Wasserverknappung auf der anderen Seite kann auf das Zusammenspiel von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten zurückgeführt werden. 3.3. Politische, wirtschaftliche und soziale Aspekte am Naivashasee Da die kenianische Wirtschaft noch immer sehr stark von landwirtschaftlichen Erzeugnissen abhängig ist, die derzeit knapp 32 % des Bruttoinlandsproduktes des Landes ausmachen,36 finden sich um den See herum zahlreiche landwirtschaftliche Aktivitäten. Die lokale Bevölkerung geht vor allem dem Fischereigewerbe sowie dem Obst- und Gemüseanbau nach. Darüber hinaus sind auch Pastoralisten (vor allem Maasai) vom Seewasser abhängig, um ihr Vieh, aber auch sich selber zu versorgen. Neben diesen drei Akteursgruppen ist auch die lokale Bevölkerung, die um den See herum, aber hauptsächlich in den informellen Siedlungen lebt, auf das Seewasser angewiesen, da es keine Wasserleitungen in Naivasha und in den Siedlungen gibt und eine Wasserversorgung für die lokale Bevölkerung durch den nationalen Wasserversorger in Form von Wassertrucks finanziell zu kostspielig ist. Die lokale Bevölkerung nutzt das Wasser hauptsächlich zum Reinigen von Kleidungsstücken, Fahrrädern oder Autos, aber eben auch für die Nahrungsmittelzubereitung. Neben diesen lokalen Akteuren ist eine zweite Akteursgruppe vom Wasser abhängig. Diese politischen und wirtschaftlichen Akteure benötigen das Wasser zum Betreiben der Hotelanlagen, zum Bewässern der Rosen in den Blumenfarmen sowie zur Kühlung der technischen Anlagen in den Industrieanlagen. 35 European Commission: Global Surface Water Explorer. Brüssel 2018. 36 Global Economy: Kenia: BIP Anteil Landwirtschaft. 2018. https://de.theglobaleconomy.com/Kenya/Share_of_agriculture/ (aufgenommen am 04.11.2018). Julia Renner 295 Nach dem Zuzug der wirtschaftlichen Akteure ab den 1980er Jahren hat sich die Gegend um den Naivasahasee von einer ursprünglichen Maasai-Region zu einer „very cosmopolitan area“ entwickelt, die zahlreiche unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Interessen, auch in Bezug auf die Wassernutzung, beheimatet.37 Auf Grund der klimatischen Veränderungen38 in Kenia im Allgemeinen, aber vor allem auf Grund längerer Dürreperioden in der Turkana-Region sowie in den Grenzregionen zu Uganda im Westen und Äthiopien und Südsudan im Norden, bevölkern zeitweise auch andere Pastoralistengruppen mit ihrem Vieh die Landflächen um den Naivashasee auf der Suche nach Weidegras und Wasser. Durch die forcierte Agenda der kenianischen Regierung, für die gesamte kenianische Wirtschaft höhere wirtschaftliche Gewinne durch Rosenfarmen und Hotelanlagen zu erzielen, sind einerseits immer mehr Touristen am See, aber auch verschiedene kenianische Bevölkerungsgruppen ansässig, u.a. Kikuyu oder Luo, die sich auf der Suche nach Arbeit am See ansiedeln.39 Die verschiedenen Akteure üben Druck auf die verfügbaren Ressourcen auf und tragen damit zur Überbeanspruchung der Ressourcen bei. Über diese wirtschaftlichen und sozialen Faktoren hinaus, müssen politische sowie auch die historischen Faktoren berücksichtigt werden. Historische Prozesse sind besonders in Postkonflikt-Situationen relevant, da sie ein typisches Sicherheitsdilemma bereithalten, welches oftmals schwer aufzulösen ist, da ein früherer Konflikt andere Risikofaktoren verschärft, was wiederum die Konfliktwahrscheinlichkeit erhöht.40 Die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Situation hat ihren Ursprung in der britischen Kolonialzeit. Während dieser Zeit erfanden die Briten einige ethnische Gruppen bzw. belegten damals existierende ethnische Gruppierungen mit neuen Merkmalen. Der erste Präsident und „Vater der Unabhängigkeit“ Jomo Kenyatta, Mitglied der ethnischen Gruppe der Kikuyu, siedelte Angehörige seiner eigenen Ethnie überall im Land an, um einerseits Zugang zu den Regionen und andererseits Kontrolle 37 International Alert: Peace Audit Kenya. London 2015. 38 Nach einem Bericht des IPCC aus dem Jahr 2014 ist in den letzten 50 Jahren die jährliche Durchschnittstemperatur in Kenia um 1° C gestiegen. Bis 2050 wird ein Anstieg der Durchschnittstemperatur von 3° C erwartet. 39 Vgl. Vivekananda, Flower Farms in Naivasha. 40 Paul Collier und Lani Elliott: Breaking the Conflict Trap. Civil War and Development Policy. A World Bank Policy Research Report. Washington 2003. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 296 über das Land zu gewinnen.41 Die ethnische Gruppe der Kikuyu erfuhr durch die Regierung Kenyatta eine bevorzugte Behandlung, wodurch andere ethnische Gruppierungen (Luo, Kalenjins, Luhyas) in Bezug auf Landrechte oder auch den Zugang zu Bildung und Arbeit Nachteile erlitten. Die Spaltung der kenianischen Gesellschaft entlang ethnischer Linien wurde in der Vergangenheit, wird aber auch heutzutage noch als politische Strategie genutzt, um (ethnische) Gemeinschaften zu politisieren und teilweise auch um eine politische Opposition zu eliminieren. 42 Durch häufige Machtwechsel seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1963 und die damit zusammenhängende Gewaltanwendung gegenüber der jeweiligen anderen ethnischen Gruppe sowie die bevorzugte Behandlung der eigenen ethnischen Gruppe ist das gegenwärtige politische System Kenias durch ein hohes Korruptionslevel, schlechte Regierungsführung und schwache institutionelle Strukturen gekennzeichnet. 43 Die schwachen politischen Strukturen schlagen sich nicht zuletzt im Bereich des Wassermanagements nieder. 4. Wasserverknappung und Menschenrechtsverletzungen 4.1. Wasserverknappung und Konfliktdynamiken Rückgreifend auf die Konfliktdefinition, werden Konflikte und Konfliktdynamiken zumeist auf Unvereinbarkeiten von verschiedenen Verhaltensweisen der beteiligten Konfliktparteien zurückgeführt. Um die Verhaltensweisen (Behaviour), die die eine Ecke von Galtungs dynamischem Konfliktdreieck ausmachen (vgl. Abb. 4), erklären zu können, werden diese unter Zuhilfenahme von Aclands drei Analyseeinheiten Positionen, Interessen und unterschwellige Grundbedürfnisse bestimmt und 41 Susanne D. Mueller: Kenya and the International Criminal Court (ICC): politics, the election and the law. In: Journal of Eastern African Studies 8, 2014, 1, S. 25-42. 42 Karuti Kanyinga: The legacy of the white highlands: Land rights, ethnicity and the post-2007 election violence in Kenya. In: Journal of Contemporary African Studies 27, 2009, 3, S. 325-344. 43 Bertelsmann Transformations Index: Kenya Country Report. 2018. https://www.bti-project.org/es/berichte/laenderberichte/detail/itc/ken/ (aufgenommen am 07.11.2018). Julia Renner 297 erklärt.44 Zur exemplarischen Darstellung der Positionen, Interessen und Grundbedürfnisse der Akteure in und um den Naivashasee werden im Folgenden zwei Akteursgruppen herausgegriffen: Einerseits die lokalen Akteure, die um den See leben (u.a. Pastoralisten, Farmer und Fischer), und andererseits die wirtschaftlichen Akteure, die sich ab den 1980er Jahren sukzessive unter Fürsprache der politischen Elite angesiedelt haben. Während die Positionen der lokalen Akteure hauptsächlich durch unterschiedliche Prioritäten in Bezug auf das Wasser bestimmt werden (u.a. Wasser zur Versorgung des Viehs, der landwirtschaftlichen Nutzfläche bzw. für den Eigenbedarf), ermöglicht die politische Elite aus Nairobi, aber auch der County-Regierung den Rosenfarmen, Hotels bzw. Energiefirmen einen bevorzugten Zugang zum Wasser, um ihren eigenen Machterhalt zu sichern. Sie erhalten seitens der politischen Eliten die Möglichkeit, einst öffentliches Land über Nacht in Privatbesitz umzuwandeln. Diese nach außen sichtbaren Positionen werden durch zahlreiche Interessen angetrieben. Die lokalen Akteure sind hauptsächlich an Arbeit in der Region interessiert und möchten, wie vor allem die Maasai, das Recht auf ihr Heimatland erhalten. Desweitern sind sie an einem wirtschaftlichen Wachstum der Region interessiert und erwarten eine Gleichbehandlung in Bezug auf Wassernutzung und Wasserzuteilung. Auf der anderen Seite sind die Interessen der wirtschaftlichen und politischen Akteure an der wirtschaftlichen Prosperität des Landes ausgerichtet und verfolgen aus diesem Grund eine wirtschaftliche Agenda, die verstärkt auf industrielle Güterproduktion ausgerichtet ist. Darüber hinaus sind die Interessen der politischen Eliten auf Grund der ethnischen Gruppierung zur Erhaltung politischer Macht und politischen Einflusses stark am Neopatrimonialismus orientiert, d.h. einer Zuteilung von Landflächen entlang ethnischer Linien. Diese teilweise nach außen artikulierten Interessen werden über die unterschwelligen Grundbedürfnisse definiert, die nach außen nicht sichtbar sind. Die lokalen Akteure am Naivashasee sind vor allem angetrieben vom Wunsch, dauerhafter Armut zu entkommen, private Sicherheit zu erlangen und einen sicheren Zugang zu sauberen Wasservorkommen zu erhalten, um das eigene Überleben sicherzustellen. Wirtschaftliche und politische Akteure möchten vor allem öffentliche Sicherheit herstellen und sind ebenso an sicheren Zugängen zu Wasservorkommen, vor allem 44 Vgl. Ramsbotham, Woodhouse, Miall, Contemporary Conflict Resolution. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 298 zum Betreiben der Industrieanlagen, interessiert. Während sich die Grundbedürfnisse und teilweise die Interessenslagen der verschiedenen Akteursgruppen überschneiden,45 ist für die nach außen sichtbare Verhaltensweise, die sich oftmals in kooperierendem oder feindseligem Verhalten manifestiert, hauptsächlich die Analyseeinheit Position ausschlaggebend. Durch die Darstellung der drei Analyseeinheiten wird deutlich, dass sich vor allem im Bereich der Positionen und teilweise auch im Bereich der Interessen die Ziele der einzelnen Akteure in Bezug auf den Themenschwerpunkt Wasser unterscheiden. Auf Grund dieser (Un-)Vereinbarkeiten der Ziele manifestieren sich Haltungen (contradiction, vgl. Abb. 4) der beteiligten Akteure, die entweder von kooperierenden oder feindseligen Verhaltensweisen charakterisiert werden. Die Konfliktlinien im Falle des Naivashasees verlaufen weniger auf der Ebene der staatlichen Akteure gegenüber der lokalen Bevölkerung, sondern werden hauptsächlich zwischen den lokalen Bevölkerungsgruppen ausgetragen. Abb. 4: Modell nach Galtung46 Die feindseligen Haltungen zwischen den lokalen Akteuren (Pastoralisten, Farmer und Fischer) haben sich über die Jahre entwickelt und zeigen sich auf unterschiedlichen Ebenen. Auf einer ersten Ebene sind die Akteure bemüht, das Leben und die Lebensweisen der jeweiligen anderen Akteursgruppe zu sabotieren, in dem etwa Zäune um landwirtschaftliche Nutzflächen gezogen werden, um Pastoralistengruppen daran zu hindern, dieses Land als Weideland für ihr Vieh zu nutzen. Die lokalen Fischer blockieren die Seezugänge, um zu vermeiden, dass Farmer dieses 45 Vgl. ebd. 46 Ebd., S. 10. Contradiction Attitude Behaviour Julia Renner 299 Land als landwirtschaftliche Nutzflächen bearbeiten oder Wasser zur Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen erhalten. Auf der zweiten Ebene wird konfliktträchtiges Verhalten der beteiligten Akteure genutzt, um die anderen Akteursgruppen daran zu hindern, ihren Lebensstil auszuüben und bewusst davon zu exkludieren, so dass diese sich gezwungen sehen, die Region um den See zu verlassen. Gewalttätiges Verhalten äu- ßert sich auch in Form der Verunreinigung des Wassers durch toxische Chemikalien, die Erzwingung von Dammbrüchen zur bewussten Flutung von Ackerland, die Zerstörung von Wasserleitungen sowie das Verbrennen von Wassertanks und die Zerstörung von Brunnenanlagen. Während das gewalttätige Verhalten auf der ersten und zweiten Ebene nicht von physischer Gewaltanwendung gekennzeichnet ist, findet dies auf der dritten Ebene statt. In der Vergangenheit erfolgte ein gegenseitiges Abschlachten von Viehherden, aber es kam ebenso zu tödlichen Zwischenfällen zwischen den Akteursgruppen, wenn diese etwa versuchten, die See-Küstenlinie zu erreichen. Auch wenn solche Vorfälle am Naivashasee zuletzt nur sehr selten vorgefallen sind, kam es doch im Norden des Landes zu einer Serie von Zusammenstößen um die Ressource Wasser, bei der 130 Personen ihr Leben verloren haben.47 Selbst wenn an allen drei „Ecken“ des Galtung-Modells Gegensätze und Unvereinbarkeiten auftreten, heißt das nicht, dass letztendlich ein Konflikt ausbricht. Ein Konflikt ist keine objektive Kategorie, sondern ein komplexes Interaktionsgeschehen zwischen Menschen.48 Durch die aus der Historie entstandenen Unvereinbarkeiten der Ziele in Bezug auf die Ressource Wasser und die daraus resultierenden Gewaltanwendungen auf den drei verschiedenen Ebenen werden die inneren Einstellungen und Gefühle der Konfliktparteien beeinflusst (Attitude, vgl. Abb. 4). Daraus entstehen oft negative Affekte und Stereotypen den anderen Konfliktparteien gegenüber, kommen Emotionen wie Zorn, Hass oder auch Angst zum Tragen. Da Konflikte etwas Dynamisches sind und sich auf Grund der Häufung von Konfliktlinien negative Stereotypen und innere Einstellungen den anderen Akteuren gegenüber manifestieren, nehmen die Akteure ihre Positionen immer häufiger als Nullsummenspiele wahr. Dies 47 Armed Conflict Location and Event Data Project: Data. 2018. https://www.acleddata.com/data/ (aufgenommen am 14.11.2018). 48 Siehe erneut Ramsbotham, Woodhouse, Miall, Contemporary Conflict Resolution. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 300 kann sich bis zu einer drastischen Gruppenklassifizierung in „trusted“ und „suspicious“ entwickeln. Eingebettet in die Konfliktgeschichte und unter Berücksichtigung der gegenwärtigen politischen, aber auch wirtschaftlichen Situation intensivieren sich die Konfliktlinien und Gewaltanwendungen innerhalb der drei vorgestellten Ebenen. So tritt gewalttätiges Verhalten immer häufiger und intensiver auf. Im Vergleich zur ersten Dekade des 21. Jahrhunderts hat sich die Anzahl an Konflikten, die durch die Ressource Wasser ausgelöst wurden, um 41 registrierte Fälle auf 67 erhöht.49 Dabei umfasst diese Zahl an registrierten Konflikten nicht alle vor Ort tatsächlich manifesten Vorfälle. Primär bezieht sich diese Zahl auf Konflikte, bei denen Wasser entweder als Auslöser, Waffe oder als Opfer eines Konfliktes auftritt. 4.2. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen Wie aufgezeigt, sind Wasserkonflikte nicht zwangsläufig auf Umweltver- änderungen zurückzuführen, die durch Temperaturanstiege oder extreme Witterungsbedingungen ausgelöst wurden, etwa durch Dürren, Starkregen oder Überschwemmungen. Wasserkonflikte sind vielmehr auch das Resultat menschlicher Ursachen. Selbst wenn Wasser in der Menschenrechtscharta nicht explizit Erwähnung findet, lassen sich doch aus Wasserkonflikten zahlreiche Menschenrechtsverletzungen mit direktem Bezug zu einzelnen Artikeln der Menschenrechtscharta ableiten. Im Folgenden werden fünf Menschenrechtsverletzungen herausgegriffen, bei denen ein direkter Bezug zu ausgewählten Artikeln der Charta hergestellt werden kann. Artikel 3 der Charta besagt, dass „[j]eder […] das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person [hat]“.50 Durch den Ausschluss einzelner Bevölkerungsgruppen (vor allem Farmer und Fischer) von einem freien und problemlosen Zugang zum See sowie die gegenseitige Blockierung der noch existierenden 14 Zugänge haben diese Bevölkerungsgruppen nur eingeschränkte Möglichkeiten, ihren Lebensstil auszuüben und ihren beruflichen Tätigkeiten nachzugehen. Da das menschliche Leben ohne Wasser nicht möglich ist, wird somit gegen Artikel 3 der Charta verstoßen. Eng in Verbindung mit Artikel 3 steht Artikel 25.1. der All- 49 World’s Water, Water Conflict Chronology. 50 United Nations, Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Julia Renner 301 gemeinen Erklärung der Menschenrechte. Artikel 25.1. bezieht sich auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit und beinhaltet ebenso das Recht auf Nahrung. Durch die Verschmutzung des Wassers durch Abfälle der Hotels bzw. von Chemikalien aus den Rosenfarmen enthält das Wasser unerwünschte Schadstoffe, die es nicht nur für den menschlichen Verbrauch unbenutzbar macht, vielmehr sterben durch die ins Wasser einlaufenden Chemikalien auch die Fischpopulationen bzw. werden die Lebensweise und das Wachstum der Fische nachhaltig beeinträchtigt. Durch den Rückgang der Fischpopulationen haben sich die Fangquoten der Fischer in den vergangenen Jahren reduziert, was die finanziellen Einnahmen aus dem Fischverkauf minimiert. Die Betroffenen sind dadurch zunehmend von Armut bedroht. Die Auswirkungen sind tiefgreifend, da im politischen System Kenias keine sozialen Leistungen verankert sind, die im Falle von Arbeitslosigkeit den Menschen Unterstützung gewähren. Nicht nur die Fischereibetriebe sind von der Wasserverschmutzung betroffen. Da die Mehrheit der Bewohner in den informellen Siedlungen auf das Wasser aus dem See zur Nahrungsmittelzubereitung angewiesen ist, gelangen Bakterien, vor allem Kolibakterien, in die Mahlzeiten, was wiederum Auswirkungen auf den Gesundheitszustand dieser Bevölkerungsgruppen hat. Im Falle einer Blockierung der Wasserzugänge ist darüber hinaus eine Nahrungsmittelzubereitung schlichtweg nicht möglich. Durch die Bevorzugung nationaler und multi-nationaler Unternehmen seitens der kenianischen Behörden, aber auch auf Grund der ethnischen Zugehörigkeiten werden ausgewählte Bevölkerungsgruppen von einem ausreichenden Zugang zu Land und Wasser ausgeschlossen. In Folge der Blockierung und systematischen Schließung von Wasserzugangswegen haben vor allem Pastoralisten, Farmer, Fischer und die Bewohner der informellen Siedlungen keine Möglichkeit auf eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Letztlich wird ebenso gegen Artikel 7 und 8 der Charta der Menschenrechte verstoßen. Auf Grund mangelnder Infrastrukturmaßnahmen finden sich in den informellen Siedlungen und entlang des Sees keine medizinischen Versorgungstellen. Da eine medizinische Versorgung ohne sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen kaum zu erreichen ist und Menschen, die durch die Benutzung verunreinigten Wassers gesundheitliche Einschränkungen zu erleiden haben, de facto von einer medizinischen Erstversorgung ausgeschlossen sind, ist das Recht auf Gesundheit und eine angemessene Gesundheitsversorgung nicht gegeben. Wasserkonflikte und Menschenrechtsverletzungen 302 Da Wasser in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte keine explizite Erwähnung findet, wurde das Rechts auf Wasser im Rahmen der von der UN-Generalversammlung verabschiedeten Resolution 64/292 über mehrere Punkte definiert. Während die Resolution zwar, wie oben bereits erwähnt, besagt, dass jedem Menschen zwischen 50 und 100 l Wasser am Tag zur Verfügung stehen müsse, stehen einem durchschnittlichen Bewohner der informellen Siedlungen tatsächlich nur etwa zwei Kanister Wasser zur Verfügung, also insgesamt maximal 10 l. Weiterhin wurde festgelegt, dass die nächstmögliche zu erreichende Wasserquelle nicht weiter als 1000 m vom eigenen Standort entfernt sein dürfte. Die vier informellen Siedlungen liegen zwischen 2 km und 10 km von den Wasserzugangsstellen entfernt, die die meisten Bewohner zu Fuß zurücklegen müssen. Die Bewohner des Naivashasees sind aus ganz praktischen Gründen mithin nicht wie gefordert in der Lage, innerhalb einer halben Stunde 20 l Wasser aus einer Wasserquelle beziehen zu können, um das persönliche Überleben sicherstellen zu können. Auf Grund der in den See einlaufenden Chemikalien und Müllprodukte entspricht die Wasserqualität keinesfalls den vorgeschriebenen mikrobiologischen und chemischen Qualitätsmerkmalen, die in der Resolution festgehalten wurden. 5. Schluss Wasserkonflikte in Kenia, aber auch allgemein in Subsahara-Afrika, sind vielmals nicht nur auf Umweltveränderungen zurückzuführen, sondern werden zu einem nicht unerheblichen Anteil auch durch Menschenhand und das politische und wirtschaftliche System verursacht. Dabei verlaufen die Konfliktlinien weniger entlang der Trennungslinie zwischen den Regierenden und der Bevölkerung, sondern werden hauptsächlich auf sub-nationaler Ebene ausgetragen. Ein Zusammenhang zwischen Wasserkonflikten und Menschenrechtsverletzungen ist besonders in solchen Ländern am stärksten, die über schwache staatliche Strukturen und Kapazitäten im Bereich der Regierungsführung verfügen. Die Länder Subsahara-Afrikas, die Wasserkonflikte austragen, werden politisch meistens als defekte Demokratien bzw. moderate Autokratien charakterisiert.51 Sie verfügen über schwache staatliche Strukturen und schlecht ausgestattete Institutionen und weisen eine hohe Korrupti- 51 Bertelsmann Transformations Index, Kenya Country Report. Julia Renner 303 onsanfälligkeit auf. Sie sind von gewaltsamen innerstaatlichen Auseinandersetzungen, durch häufige Regimewechsel, insgesamt volatile Machtverhältnisse und die einseitige Bevorzugung bestimmter ethnischer Gruppierungen charakterisiert, was Konfliktlinien befördert und intensiviert. Während die Wirtschaft der meisten Länder Subsahara-Afrikas noch immer sehr stark auf landwirtschaftliche Erzeugnisse ausgerichtet ist und die natürlichen Wasserressourcen für die landwirtschaftliche Produktion unabdingbar ist, steht die wirtschaftliche Agenda der politischen Eliten dieser landwirtschaftlichen Ausrichtung oftmals diametral entgegen. Durch den prognostizierten Bevölkerungsanstieg bis 2050 und die zunehmenden Migrationsbewegungen aus den von Bürgerkriegen heimgesuchten Nachbarländern wird der Druck auf die verfügbaren Wasserressourcen in der Zukunft mutmaßlich noch zunehmen. Damit steigen dann sicherlich auch die Häufigkeit und Intensität von Wasserkonflikten und in der Folge von Menschenrechtsverletzungen. Diese Negativentwicklung wiederum wird langfristig auch das Konfliktpotential zwischen der Bevölkerung und den Regierenden erhöhen und zu einer weiteren regionalen Destabilisierung beitragen. Die internationale Gemeinschaft konzentriert sich derzeit sehr stark auf Gebiete, die bereits heute von Wasserverknappung betroffen sind, doch leiden auch Menschen in wasserreichen Regionen unter Wasserverknappung, die vor allem durch Menschenhand ausgelöst wird. Die daraus resultierenden Wasserkonflikte werden zunehmen und es ist zu befürchten, dass die Bevölkerung in der Folge noch häufiger von Menschenrechtsverletzungen betroffen sein wird. Da das Recht auf Wasser nur im Rahmen einer Resolution zu einem Menschenrecht wurde, ist ein Verstoß gegen das Recht und sind damit einhergehende Menschenrechtsverletzungen durch die internationale Gemeinschaft nicht sanktionierbar. Dennoch ist es wichtig, die Entwicklungen ins Blickfeld der Internationalen und Nationalen Gemeinschaft zu rücken, auch um zukünftigen Wasserkonflikten und Menschenrechtsverletzungen in wasserreichen Gebieten vorzubeugen, denn Wasser ist und bleibt der Urstoff und der Urgrund allen Lebens in dieser Welt. Thales von Milet schrieb im 6. Jahrhundert vor Christus: „Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser, denn Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück“.52 52 Werner Jaeger: Aristotelis Metaphysica. Oxford Classical Text. Oxford 1963, S. 20f., Vers 983b. 305 Die Menschenrechte als Universalmoral? Über den Kult des Individuums und das moralische Selbstverständnis gegenwärtiger Gesellschaften Stefan Joller Wenn danach gefragt wird, worin der besondere Nutzen der Soziologie als jener Disziplin zu liegen kommt, die sich mit der Gesellschaft als Ganzem in Relation zu ihren Teilen befasst, dann könnte die Antwort kurz gefasst lauten: in ihrer Entzauberung. Und obschon Max Weber, der die These von der „Entzauberung der Welt“1 angesichts eines voranschreitenden Rationalisierungsprozesses formulierte, keineswegs alleine oder auch nur primär die Soziologie als treibende Kraft vor Augen hatte, so zeigt sich dieses Potenzial doch im Rahmen der jüngst wieder aufflammenden und hitzig geführten Debatten um die Festlegung und Durchsetzung moralischer Selbstverständnisse in einer zunehmend globalisierten Welt. Denn gerade dort, wo unterschiedliche moralische Positionen aufeinandertreffen und die Frage nach gemeinsamen Werten die Grundmauern des Zusammenlebens zu erschüttern droht, zeigt sich eine nüchterne Beschreibung situativ wirkender Kräfte besonders leistungsfähig. Nicht, weil dergestalt der soziale Zusammenhalt gesichert werden könnte, sondern vielmehr deswegen, weil die Kontingenz der Situation erkennbar wird. Entzauberung kann in diesem Sinne also bedeuten, die Andersmöglichkeit moralischer Grundpfeiler zu erkennen und deren Artikulation und Durchsetzung immer auch als Resultat gesellschaftspolitischer Prozesse ernst zu nehmen. Sicherlich scheint dies vorerst trivial. Doch ebendiese vermeintliche Trivialität ist auch dafür verantwortlich, dass die vielerorts wenig erfolgreiche Durchsetzung der Menschenrechte als alleiniges Resultat machtpolitischer Motive diskutiert wird und selten als moralische Herausforderung Einzug in die Debatten findet – gerade 1 Max Weber: Wissenschaft als Beruf. In: Max Weber. Schriften 1894-1922. Hrsg. von Dirk Käsler. Stuttgart 2002, S. 488. Die Menschenrechte als Universalmoral? 306 weil die moralische Kontingenz in aller Regel nicht in Rechnung gestellt wird. Die Frage lautet eben üblicherweise nicht, ob oder inwiefern die Würde des Menschen unantastbar sei, sondern weswegen sie hier oder dort nicht angemessen geschützt wird. Der universelle Anspruch der Menschenrechte – oder vielmehr: der universelle Anspruch jener, die sich als ihre Fürsprecher verstehen – steht außer Zweifel. Auf welcher Basis ein solcher Universalismus jedoch steht, gilt es im Folgenden zu klären. Der Titel der Ringvorlesung an der Universität Koblenz-Landau, im Rahmen derer sich unterschiedliche Fachdisziplinen mit den Menschenrechten auseinandersetzten und der auch dieser Beitrag entstammt, adaptiert die Gretchenfrage aus Goethes Faust in treffender Weise. Anstelle der skeptischen Frage „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“,2 mit der sich Gretchen Gewissheit über Fausts Gesinnung verschaffen möchte, steht hier der Appell „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“3 Die damit angedeutete ‚Gretchenfrage der Menschenrechte‘ zielt folglich auf die Klärung der Bedingung, die Gretchen ihrem Flehen nach Empathie voranstellt: Wer ist Mensch und was zeichnet das Menschsein eigentlich aus? Nun scheint diese Frage leicht zu beantworten, von der Figur des Mephistopheles einmal abgesehen. Vielleicht auch als eine Frage, die abseits universitärer Debatten kaum ernsthaft gestellt wird. Dennoch lohnt es sich, einmal etwas genauer auf sie einzugehen. Denn die Geschichte der Menschenrechte lehrt uns, dass die Antwort auf die Frage ‚Wer ist Mensch‘ durchaus ambivalent ausfällt und dass diese Frage bei näherer Betrachtung sowohl theoretisch als auch empirisch ihre vermeintliche Trivialität verliert. 1. Historische Hinführung: Wer ist Mensch? Wagt man einen flüchtigen Blick auf die historische Genese der Menschenrechte, finden sich zahlreiche Stellen, deren Erwähnung mühelos zu rechtfertigen wäre. Schwieriger erscheint die Auswahl einiger weniger Elemente, die hier ganz im Sinne einer dramaturgischen Hinführung und keineswegs mit dem Anspruch auf Vollständigkeit getroffen wird. Wenngleich sich ideengeschichtlich also nahezu beliebig zurückgreifen 2 Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Stuttgart 1971, S. 103. 3 Ebd., S. 134. Stefan Joller 307 lässt und ein exakter Startpunkt kaum auszumachen ist, so steht doch außer Zweifel, dass die Idee von Menschenrechten mit universalistischem Impetus keine Erfindung der Moderne ist. Exemplarisch sei etwa auf das gerne als erste Menschenrechtscharta bezeichnete Artefakt aus dem Jahr 539 v. Chr. verwiesen, den Kyros- Zylinder. Dieser Tonzylinder enthält eine Proklamation des altpersischen Königs Kyros II. in babylonischer Sprache (Keilschrift). In literarischer Aufbereitung finden sich darauf die Geschichte der Eroberung Babylons und eine Darstellung dessen, wie Kyros König von Babylonien wurde.4 Diese Erzählung ist an dieser Stelle deswegen von Bedeutung, weil die Niederschrift – so unterschiedlich ihre Interpretationen auch ausfallen5 – mitunter als frühe Zusicherung von Religionsfreiheit gedeutet wird. Inwiefern aber diese Religionsfreiheit tatsächlich Form annahm, ist durchaus strittig. Wenig strittig ist indes, dass die Proklamation auf dem Tonzylinder kaum mit einer präzisen Beschreibung historischer Gegebenheiten gleichgesetzt werden kann und dass auch das Nebeneinander unterschiedlicher Götter Grenzen kannte. So weist etwa Klaas Veenhof darauf hin, „daß die Achämeniden [unter Kyros II.] die Wirtschaftsmacht der großen Tempel in mehreren Ländern beschnitten“6 und der Proklamation dergestalt hier und dort entgegenwirkten oder diese zumindest relativierten. Ungefähr zeitgleich etablieren sich weitere wegbereitende Ideen im antiken Griechenland, als der Mensch als autonomes Individuum im Verhältnis von Staat und Gesellschaft entdeckt und so zu einer relevanten Größe der öffentlichen Ordnung wird.7 Die Frage nach der 4 Hanspeter Schaudig: Der Einzug Kyros’ des Großen in Babylon im Jahre 539 v. Chr. In: Pracht und Prunk der Großkönige – Das Persische Weltreich. Hrsg. vom Historischen Museum der Pfalz. Stuttgart 2006, S. 33. 5 Kritisch zur Überreichung eines Replikats des Zylinders (das Original befindet sich im British Museum in London) an die UN durch die Iranische Regierung im Jahr 1971 etwa: Ali Ansari: Iran. A Very Short Introduction. Oxford 2014, S. 21. Ebenso (jedoch in provokativer Aufbereitung): Matthias Schulz: Der falsche Friedensfürst. In: Spiegel 28 (2008), S. 126- 128. 6 Klaas Veenhof: Geschichte des alten Orients bis zur Zeit Alexanders des Großen. Göttingen 2001, S. 290. 7 Axel Herrmann: Idee der Menschenrechte. In: Informationen zur politischen Bildung 297 (2007). http://www.bpb.de/izpb/8322/idee-der-menschenrechte (Stand: 28.03.2019). Die Menschenrechte als Universalmoral? 308 Stellung, den Pflichten und den Rechten des Einzelnen gewinnt im Zuge dessen sowohl philosophisch als auch politisch an Relevanz.8 So weit gestreut solche historischen Vorläufer auch zu finden sind und so universalistisch die formulierten Ideen anmuten, so muss doch bemerkt werden, dass die faktische Umsetzung stets eng an machtpolitische und kulturelle Selbstverständnisse gebunden blieb. Es erstaunt in diesem Sinne nicht, wenn die Möglichkeit des Nebeneinanders verschiedener Götter zu einer durchaus unterschiedlichen Behandlung der koexistierenden Kulte führt. Sichtbarer wird die Bedeutung dieses Argumentes womöglich bei den Griechen. Denn wenn die Rolle, die Rechte und die Pflichten des autonomen Individuums zur Debatte standen, dann herrschte Einigkeit darüber, über wen gesprochen wurde: ausschließlich über freie Männer. Ähnliche Selbstverständlichkeiten finden sich auch in der sozialen Ordnung des Mittelalters, wenn es um die Freiheit und die Würde des Menschen geht und radikaler noch: um das Recht auf Besitz und Leben – sie gelten vielerorts nicht für Heiden oder Abtrünnige.9 Denn außerhalb der Kirche gibt es kein Heil (extra ecclesiam salus non est), wie der vielzitierte Satz von Cyprian klarstellt, der während des 17. Konzils der römisch-katholischen Kirche programmatisch festgehalten wurde. Der Mensch als Gottes Schöpfung kommt in dieser Auslegung nur dann zu seiner Würde (und seinen Rechten), wenn er sich für (den richtigen) Gott (und die dazugehörige Kirche) entscheidet. Um diesem äußerst kurzen und unsystematischen historischen Abriss ein weiteres Exempel anzufügen, sei abschließend auf die Virginia Declaration of Rights aus dem Jahre 1776 verwiesen. Diese bedeutende Erklärung war es, die nicht nur der Unabhängigkeitserklärung der USA und der Formulierung der Bill of Rights, sondern ebenso der französischen Déclaration des droits de l’homme et du citoyen Pate stand. Doch auch in dieser weit fortgeschrittenen und universalistisch angelegten Erklärung fördert unsere Gretchenfrage zu Tage, was sich im Selbstverständnis der Zeit verbirgt. Denn obwohl der Artikel 1, „That all men are by nature 8 Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch im Buddhismus (6. Jh. v. Chr.), in Indien (2./3. Jh. n. Chr.) und in China (ab. 6 Jh. v. Chr.) beobachten, wobei der Konfuzianismus stärker auf die Pflichten des Einzelnen fokussiert. Siehe Herrmann, Idee der Menschenrechte. 9 Ebd. Stefan Joller 309 equally free and independent“,10 vermeintlich wenig Spielraum lässt, fällt mit den Sklaven eine durchaus beachtliche Gruppe dieser Zeit nicht in die adressierte Kategorie Mensch. Die Auseinandersetzung mit der Würde des Menschen hat folglich eine lange und vielfältige Tradition und nahezu ebenso vielfältig scheinen die Selbstverständnisse dessen zu sein, wer überhaupt als Mensch in Frage kommt. Bedingungslos, soviel können wir festhalten, ist diese Kategorie historisch besehen keineswegs. Entsprechend naiv wäre die Annahme, dass das gegenwärtige Verständnis von Menschenrechten ohne blinde Flecken daherkommt. Die Schwierigkeit ihrer Entdeckung ist jedoch ungleich größer, „[d]enn nichts ist schwieriger als die Realität in ihrer Banalität erfahrbar zu machen“, 11 zumal wir uns hierzu unserer eigenen Selbstverständlichkeiten gewahr werden müssen. 2. Die Herausforderung der Gegenwart: Recht vs. Moral Richten wir den Blick nun auf die Gegenwart, dann müssen wir konsequenterweise fragen, welche Selbstverständnisse und welche Bedingungen derzeit mit den Menschenrechten und mit der Würde des Menschen einhergehen. Und dies sollten wir tun, ohne ihre proklamierte Bedingungslosigkeit als schlicht gegeben anzunehmen. Denn universalistische Ansprüche sind, wie der historische Abriss nahelegt, nicht automatisch auch absolut inkludierend. Mit gutem Grund mahnt die Wissenssoziologie immer wieder, das fraglos Gegebene gerade nicht als bedingungslos gegeben misszuverstehen. Denn in aller Regel sind Selbstverständnisse, zumindest aus soziologischer Perspektive, äußerst voraussetzungsvoll. Eine nützliche Heuristik zur Erörterung gegenwärtiger Selbstverständnisse hinsichtlich der diskursiven Etablierung und Durchsetzung von Menschenrechten gibt Georg Lohmann zur Hand, indem er drei grundlegende (weder unmittelbar aufeinander aufbauende noch abschlie- ßend aufeinander zu reduzierende) Dimensionen der Menschenrechtsanalyse unterscheidet: die politisch-historische, die juridische und die morali- 10 National Archives: The Virginia Declaration of Rights. 1776. https://www.archives.gov/founding-docs/virginia-declaration-of-rights (Stand: 28.03.2019). 11 Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen. Frankfurt/M. 1998, S. 27. Die Menschenrechte als Universalmoral? 310 sche Dimension.12 Die politisch-historische Dimension bleibt an dieser Stelle mit Verweis auf die hinführenden Worte unterbeleuchtet. Ähnliches gilt für juridische Fragen, auf die jedoch zwecks Präzisierung der moralischen Dimension, um die es im Folgenden primär geht, anknüpfend und abgrenzend Bezug genommen wird. Es scheint ohnehin klärungsbedürftig, ob und wo eine Trennlinie zwischen einer moralischen und einer juristischen Ordnung genau gezogen werden könnte. Einerseits ist kaum eine juristische Ordnung langfristig überlebensfähig, wenn sie denn nicht (zumindest von den Machthabern) als grundsätzlich gut empfunden werden würde, und andererseits ist die stellenweise Gegensätzlichkeit von Recht und Moral ebenso sichtbar, wenn etwa das Rechtssystem Urteile hervorbringt, die als rechtmäßig, aber ungerecht beschrieben werden (können). Wenngleich also die professionelle Trennung von Recht und Gerechtigkeit den Juristen eine Selbstverständlichkeit ist, bleibt ihre öffentliche Thematisierung problematisch, da sie die moralische Deckung des Rechts und/oder die rechtliche Deckung der Moral in Frage stellt. Soll also ein differenziertes Verständnis der moralischen Dimension der Etablierung und Durchsetzung von Menschenrechten vorangetrieben werden, dann bedarf es einer entsprechenden Präzisierung dessen, was unter Moral – etwa in Abgrenzung zum Recht – verstanden werden könnte. Betrachten wir exemplarisch weitgehend isolierte Stammesgesellschaften, dann finden wir typischerweise eine solche soziale Ordnung, die gerade nicht zwischen Recht und Moral unterscheidet: Wer gegen Recht verstößt, verstößt gegen die Moral der Gemeinschaft und wird im Zuge dessen selbst verstoßen. Die Grenzen der Moral decken sich in diesem Falle mit den Grenzen des Rechts und beschreiben zugleich die Grenzen der Stammesgesellschaft.13 Dass diese besondere Kongruenz von Recht und Moral, die moralisch inkludierte Gesellschaften auszeichnet, nicht konkurrenzlos ist, liegt auf der Hand. Indikatoren für alternative Ordnungssysteme finden sich vielerorts, wie u.a. die Dieselaffäre belegt. 12 Georg Lohmann: Human Rights: Perspectives of Morality, Law and Politics (in Chinese). In: Applied Ethics: Economy, Science-Technology and Culture. Hrsg. von Shan Jigang, Gan Shaoping, Winfried Jung. Bejing 2008, S. 301-306; ders.: Zur moralischen, politischen und juridischen Dimension der Menschenrechte. In: Recht und Moral. Hrsg. von Hans Jörg Sandkühler. Hamburg 2010, S. 135-150. 13 Vgl. Stefan Joller: Skandal und Moral. Zur moralsoziologischen Begründung der Skandalforschung. Weinheim/Basel 2018, S. 81. Stefan Joller 311 Werden führende Manager deutscher Autokonzerne von Teilen der Gesellschaft für unmoralische Menschen gehalten, die nicht vor Betrug zurückschrecken, um Gewinne zu optimieren, dann führt dies noch lange nicht dazu, dass ‚die Unmoralischen‘ auch aus der Gesellschaft verstoßen werden. Vielmehr kennen wir mit der verfahrensgebundenen Rechtsprechung eine funktionale Alternative, die unsere gesellschaftliche Ordnung stabilisiert, selbst wenn sich (moralische) Skandale Bahn brechen. So kann das Recht der öffentlichen Empörung geradezu entgegenstehen, wenn das moralisch Verwerfliche – aus welchen Gründen auch immer – juristisch letztlich straffrei bleibt. Und auch der umgekehrte Fall ist bekannt: Wenn eine Straftat moralisch unbedeutend erscheint, das juristische Verfahren aber dennoch zu einer Verurteilung führt. Nicht ohne Grund kennen wir in der Alltagssprache Begrifflichkeiten wie Kavaliersdelikte oder eben auch Kapitalverbrechen,14 die konkrete juristische Vergehen moralisch konnotieren. Die Ausdifferenzierung von Recht und Moral bietet folglich unterschiedliche Möglichkeiten, wie Menschen ihr Zusammenleben regeln können, ohne dass diese Regelungsmechanismen unausweichlich zum selben Resultat führen. Deswegen ist es einerseits möglich, dass moralisch gegen rechtliche und rechtlich gegen moralische Anschuldigungen vorgegangen werden kann. Andererseits bedeutet dies, dass Moral zum innergesellschaftlichen Konfliktpotenzial wird, weil die Moral nicht länger die Grenze der Gesellschaft beschreibt. Moderne Gesellschaften sind in diesem Sinne also nicht länger als moralisch inkludierte Gesellschaften zu begreifen – gerade weil mit dem Unmoralischen innergesellschaftlich umgegangen werden kann. Für die Menschenrechte ist dies von Bedeutung, weil sie, um als Programm langfristig erfolgreich zu sein, juristische und moralische Belange in Einklang bringen und dabei recht unterschiedliche Mechanismen berücksichtigen müssen. Während juristische Verfahren (formal) äußerst voraussetzungsvoll sind, zumal es ohne gesetztes Recht und einen entsprechenden Verwaltungsapparat mit Klägern, Verteidigern und Richtern nicht geht, zeigt sich die Moral deutlich beweglicher. 14 Der Begriff des Kapitalverbrechens bezieht sich etymologisch auf ein moralisch besonders schwerwiegendes Vergehen, das einen den Kopf (lt: caput) kosten kann, und nicht etwa auf Finanzverbrechen. Die Menschenrechte als Universalmoral? 312 3. Die moralische Ordnung und ihre Grenzen Wenn Friedrich Nietzsche attestiert: „Es gibt gar keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen“,15 dann verabschiedet er sich damit von der Vorstellung, die Moral sei in den Phänomenen selbst zu suchen. Wenn die Soziologie, namentlich in den bedeutenden Arbeiten von Jörg Bergmann, Thomas Luckmann und Niklas Luhmann,16 ergänzend hinzufügt: Es gibt „nur eine moralische Kommunikation über Phänomene“,17 dann bricht sie damit zudem mit der Vorstellung, die Moral wäre alternativ im Individuum zu finden. Moral ist eine soziale Ordnung, die sich insofern von individuellen Wertvorstellungen abhebt, als dass sie erst kommunikativ als eigenständiges Ordnungsprinzip Form annimmt. Als Bedingung der Möglichkeit der Entstehung einer moralischen Ordnung lassen sich in dieser Perspektive letztlich drei Elemente identifizieren, die Bergmann und Luckmann als Proto-Moral beschreiben: eine Bewertungsleistung, ein holistischer Akteursbezug und eine unterstellte Wahlmöglichkeit (Verantwortlichkeit).18 Initiierend steht – wenig überraschend und doch nicht mit der Moral als solcher zu verwechseln – eine Bewertungsleistung zentral, die eine spezifische Handlung oder einen Sachverhalt als gut oder als schlecht einstuft. Die zweite notwendige Bedingung für die Entstehung einer moralischen Ordnung ist der Bezug ebendieser Bewertungsleistung auf eine konkrete Person als Ganzes (holistischer Akteursbezug).19 Ein moralisch bewerteter Sachverhalt verweist in diesem Sinne nicht auf eine schlechte Leistung einer Person in einer spezifischen Funktion, sondern auf eine schlechte Person insgesamt. Nicht jede Wertung ist also automatisch auch eine moralische Wertung – ich kann etwa die freie Marktwirtschaft oder ebenso die Menschenrechte gut oder schlecht finden, moralisch wird diese Wertung erst dann, wenn 15 Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. München 1954, S. 630. 16 Jörg Bergmann und Thomas Luckmann: Kommunikative Konstruktion von Moral. Opladen/Wiesbaden 1999; Niklas Luhmann: Die Moral der Gesellschaft. Frankfurt/M. 2012. 17 Bergmann/Luckmann, Kommunikative Konstruktion, S. 22. 18 Ebd., S. 25ff. 19 Die Idee der Adressierung einer Person als Ganzes stammt von Luhmann und ist in der Konzeption von Bergmann und Luckmann nicht expliziert. Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M. 2015, S. 319. Stefan Joller 313 ich sie einer konkreten Person zuschreibe und mein Handeln an dieser Zuschreibung orientiere. Was damit gemeint ist, wird deutlicher, wenn zudem die dritte notwendige Bedingung eingebunden wird: die Unterstellung einer Wahlmöglichkeit. Aus streitbaren Abgasveränderungsmaßnahmen wird also just dann eine moralische Angelegenheit, wenn die listreiche Softwareprogrammierung als Betrug eingestuft wird, wenn dieser Betrug auf das skrupellose Naturell von Herrn Winterkorn oder auch vom Management insgesamt rückgeführt wird und wenn schließlich unterstellt wird, dass sehr wohl andere Handlungsoptionen zur Verfügung standen. Die Moral sorgt folglich dafür, dass nicht die Fehlentscheidung des Managements, sondern vielmehr der verkommene Charakter der verantwortlichen Akteure Gegenstand öffentlicher Debatten wird. Denn die Erörterung der Aufdeckungswahrscheinlichkeit erfolgte ja, wie wir heute wissen, durchaus rational, was gemeinhin für ein ‚gutes‘ Management im Sinne der Zweckrationalität spricht.20 Zu betonen ist, dass die Moral in diesem Verständnis keine rein subjektive Bewertungsleistung darstellt, sondern stets eine Reaktion auf die wahrgenommene Bewertung von Handlungsoptionen durch das Gegen- über. Um beim Beispiel zu bleiben: Herr Winterkorn wird dann zum guten oder schlechten Menschen, wenn seine Wahl der ‚Option Abschaltvorrichtung‘ – und deren Bewertung als richtig oder gut – als Ausgangspunkt der eigenen Bewertung genutzt wird. Moral ist in diesem Sinne keine abgeschlossene, innere Realität, wie gerne angenommen wird, sondern eine genuin soziale Größe. Weil sie eben unterschiedliche subjektive Bewertungsleistungen intersubjektiv relationiert und verknüpft und dergestalt als Achtungskommunikation 21 das Miteinander ordnet. Inwiefern ist diese kleinteilige Auslegung für uns nun aber hilfreich? Zum einen kann sie ein Verständnis davon befördern, welche Bedeutung der Moral im Alltag zukommt. Im Unterschied zum strikt verfahrensgebundenen Recht, das die beachtliche Komplexität menschlicher Interaktionen nur bedingt aufgreifen und bewältigen kann, zeigt sich die Moral deutlich flexibler. Überall dort, wo das Recht der sich ständig ver- ändernden Gesellschaft nicht adäquat Rechnung tragen kann, hält die 20 Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule: Dieselskandal. Audi plante weitere Manipulationen. 2019. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/audidieselskandal-103.html (Stand: 28.03.2019). 21 Luhmann, Die Moral der Gesellschaft, S. 107f. Die Menschenrechte als Universalmoral? 314 Moral Einzug, indem sie beliebig komplexe Situationen oder Sachverhalte auf das einfache Schema gut versus schlecht (oder gesinnungsethisch: böse) herunterbricht. Dies gelingt ihr letztlich dadurch, dass sie ihre finale Form stets situativ in Gestalt von Achtungskommunikation entfaltet – abseits konkreter Verfahren, die eine vorab legitimierte Form der Entscheidungsfindung garantieren (und der situativen Komplexität stellenweise eben auch entgegenstehen). Die Stunde der Moral schlägt also insbesondere dann, wenn die Komplexität des Alltags eine juristische Bewältigung zu überfordern droht. Unbesehen davon, ob die unterstellte Verantwortlichkeit im juristischen Sinne haltbar ist, liefert die Moral schnelle Urteile und zeigt sich dadurch weitgehend unabhängig von der Rechtsprechung (der Skandal wartet selten auf ein Gerichtsurteil). Zum anderen kann eine feinteilige Auslegung der Moral aber auch helfen, die Grenzen der Moral zu erörtern. Der für die Moral essenzielle Bezug der eigenen Bewertungsleistung auf die Bewertung der Handlungsoptionen durch das Gegenüber setzt voraus, dass ich das Gegenüber als grundsätzlich ähnlich annehme. Dass das Gegenüber also Handlungsoptionen ebenfalls wahrzunehmen im Stande ist und diese Wahrnehmung als Bewertungs- und Entscheidungsgrundlage nutzt. In diesem Sinne hat sich der Begriff der Reziprozität der Perspektiven eingebürgert, die als Bedingung der Möglichkeit des wechselseitigen Verstehens unterstellt werden muss.22 Gehe ich nicht davon aus, dass das Gegenüber die Welt grundsätzlich ähnlich sieht wie ich selbst, dann kann ich auch nicht davon ausgehen, dass sinnvoll an die Handlungen des Anderen angeschlossen werden kann und eine belastbare intersubjektive Ordnung entsteht. Im Sinne der moralischen Dimension der Menschenrechte endet das Ordnungspotenzial also dort, wo dem Gegenüber die Ähnlichkeit abgesprochen wird, weil dadurch ein wechselseitiger Bezug der Bewertungsleistungen scheitert. Dies ist der Punkt, an dem der Moral ihr ohnehin brüchiges, weil zwangsläufig unterstelltes, ontologisches Fundament abhandenkommt. Zugegebenermaßen ist dies eine recht formalistische Beschreibung der Grenzen der Moral. Sie reicht aber aus, um zu verstehen, weshalb etwa eine moralische Ordnung zwischen Nationalsozialisten und Juden bereits am Fundament scheiterte und die Vereinten Nationen als Reakti- 22 Vgl. Christian Stegbauer: Reziprozität der Perspektiven. In: Ders. (Hrsg.): Reziprozität. Wiesbaden 2011, S. 99-106. Stefan Joller 315 on auf die beispiellose Vernichtung mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte23 die Reziprozität qua Menschsein einforderten. 4. Exkurs: Die Moderne und der Kult des Individuums Um die Tragweite dieser eher abstrakten Grundlegung deutlicher herauszustellen und insbesondere ihre gesellschaftstheoretische Dimension zu beleuchten, möchte ich in gegebener Kürze auf die prominente Arbeit Über soziale Arbeitsteilung von Émile Durkheim, einem der Gründungsväter der Soziologie, zu sprechen kommen.24 Durkheim identifiziert in seiner Dissertationsschrift aus dem Jahre 1893 eine fundamentale Veränderung der moralischen Ordnung moderner (westlicher) Gesellschaften, die an dieser Stelle dazu beitragen soll, die Menschenrechte in makrosoziologischer Perspektive gesamtgesellschaftlich einzubetten, um daraufhin zu fragen, inwiefern universalistische Ansprüche als moralische Ordnung auch tatsächlich Geltung beanspruchen können. Irritiert von der beachtlich voranschreitenden sozialen Arbeitsteilung fragt Durkheim in seiner klassischen Studie, was denn die Gesellschaft noch zusammenhält, wenn sich ihre Mitglieder mehr und mehr voneinander distanzieren. Weder hat der Fabrikarbeiter viel mit dem Bankier gemein, noch weiß der Bauer, wie sich das Leben junger Frauen in den Großstädten ausgestaltet und doch sind ihre Existenzen – so unterschiedlich sie auch sein mögen – sowohl ökonomisch als auch kulturell nicht völlig losgelöst voneinander zu verstehen. Wie kann es also sein, dass eine Gesellschaft nicht auseinanderbricht, obwohl sie sich aufgrund der verstärkten Zunahme an unterschiedlichsten Lebensentwürfen und Sozialisationsräumen immer fremder wird? Wie kann eine moralische Ordnung entstehen oder auch nur bestehen, wenn ich über das Leben und die Motive meiner Mitmenschen immer weniger weiß? In Stammesgesellschaften, die aus weitgehend gleichen Teilen bestehen und eine nur sehr geringe soziale Arbeitsteilung aufweisen, scheint das ontologische Fundament der Moral – die Reziprozitätsannahme – 23 Vereinte Nationen: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. 1948. https://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf (Stand: 30.03.2019). 24 Émile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt/M. 2012. Die Menschenrechte als Universalmoral? 316 kaum in Gefahr. Dies liegt einerseits daran, dass sich die Lebensentwürfe der unterschiedlichen Mitglieder lediglich marginal unterscheiden und dass den Mitgliedern in der Regel bekannt ist, was die anderen jeweils tun und welche Motive hinter den jeweiligen Handlungen stecken. Andererseits sichern Stammesgesellschaften ihre Homogenität dadurch, dass sie Devianz radikal ausschließen. Wer gegen die gesellschaftliche Ordnung verstößt, die in diesem Falle Recht und Moral vereint, der wird mehr oder minder freundlich entfernt. Eine Solidargemeinschaft stellt sich in solchen Gesellschaften folglich nicht zuletzt deswegen ein, weil jene Elemente, die die Reziprozitätsunterstellung gefährden könnten, systematisch ausgeschlossen werden. Durkheim spricht in diesem Sinne von einer mechanischen Solidarität, die Solidarität durch Gleichheit ermöglicht und erzwingt. Anders sieht dies in Gesellschaften aus, deren soziale Arbeitsteilung weit fortgeschritten ist. An die Stelle der Gleichheit tritt eine zunehmende Heterogenität unterschiedlichster Lebensentwürfe. Die Moral deckt sich nicht länger unweigerlich mit der Rechtsprechung und der Fremde auf der Straße wird zunehmend fremder. Problematisch ist dies insofern, als diese Arbeitsteilung gerade nicht bedeutet, dass die unterschiedlichen Lebensentwürfe auch unabhängiger würden. Eher das Gegenteil scheint zuzutreffen: Umso ausdifferenzierter eine Gesellschaft, desto größer die wechselseitige Abhängigkeit ihrer Teile. Diese Form der strukturellen Veränderung einer Gesellschaft gefährdet folglich ihre Gestalt als Solidargemeinschaft. Wo zuvor Gleichheit angenommen werden konnte, steht die Reziprozitätsannahme nun vor dem Problem einer zunehmend heterogenen Gesellschaft. Durkheim lässt sich angesichts solcher Beobachtungen aber nicht dazu verleiten, sogleich das Ende der geordneten Welt heraufzubeschwören. Denn aller Probleme zum Trotz scheinen stark arbeitsteilige Gesellschaften nicht ohne weiteres auseinanderzubrechen. Wie ist dies aber möglich? Eine Antwort findet Durkheim im fundamentalen Wandel der Solidargemeinschaft, welcher der voranschreitenden Heterogenität Rechnung trägt, indem er einen Kult des Individuums hervorbringt. Das heißt im übrigen nicht, daß das gemeinsame Bewußtsein vom völligen Verschwinden bedroht wäre. Allein, es besteht mehr und mehr aus sehr allgemeinen und sehr unbestimmten Denk- und Empfindungsweisen, die Platz schaffen für eine ständig wachsende Vielfalt von individuellen Meinungsverschiedenheiten. Sehr wohl gibt es einen Stefan Joller 317 Bereich, wo es sich gefestigt hat: dort, wo es das Individuum im Auge hat. In dem Maß, in dem alle anderen Überzeugungen und Praktiken einen immer weniger religiösen Charakter annehmen, wird das Individuum der Gegenstand einer Art von Religion. Wir haben für die Würde der Person einen Kult, der, wie jeder starke Kult, bereits seinen Aberglauben aufweist.25 Der zunehmenden Differenzerfahrung, die die Solidarität innerhalb der Gesellschaft gefährdet, wird demnach über eine kollektive Sakralisierung des Individuums entgegengewirkt. Indem also kollektiv das Individuum zentriert wird, wird die Heterogenitätserfahrung zum verbindenden Moment arbeitsteiliger Gesellschaften und zur Grundlage einer neuen organischen Solidarität. Der Schutz des Individuums ist sodann, um dies etwas zu überzeichnen, eine strukturelle Notwendigkeit der Moderne und dies gilt umso mehr, je stärker sich eine Gesellschaft ausdifferenziert. Daraus folgt aber nicht etwa, dass das (oder die/der) Fremde fortan ohne weiteres freundlich aufgenommen werden würde, aber doch, dass mit dem Fremden als struktureller Unumgänglichkeit zu rechnen ist. Der Kult des Individuums beschreibt ebendies. Als Kult droht er jedoch seine gesellschaftliche Funktion zu überspannen, weil er seinen Aberglauben, sein Potenzial zur dysfunktionalen Ideologie, bereits in sich trägt. 5. Zur Stellung des Individuums und des Menschen Würde Menschenrechte, die primär auf den Schutz des Individuums abzielen, so lässt sich Durkheims Ansatz (zugegebenermaßen gewagt) adaptieren, stellen die faktisch zunehmende Ausdifferenzierung und Globalisierung nicht nur in Rechnung, sondern können zugleich als sozialpolitisches Programm wahrgenommen werden, das die strukturellen Besonderheiten der sozialen Arbeitsteilung mit einer moralischen Forderung nach (je nach Perspektive minimalen oder maximalen) Entfaltungsräumen des Einzelnen verbindet. Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein kulturimperialistisches Programm des Westens, greift ebendiese Verknüpfung von strukturellen Herausforderungen und einem Kult des Individuums auf, ohne jedoch in diesem Kult die einzig mögliche (oder gar eine wünschenswerte) Antwort auf die Herausforderungen der Moderne zu sehen. 25 Ebd., S. 227. Die Menschenrechte als Universalmoral? 318 What is universalism to the West is imperialism to the rest.26 Der Vorwurf ist bekanntermaßen nicht neu. Bedeutend ist aber, dass er nicht darauf abzielt, dass der Westen historisch gesehen maßgeblich an der Formulierung der Menschenrechte, wie wir sie heute kennen, beteiligt war. Weder im Sinne der Lehren aus den Verbrechen des Dritten Reiches, die die Erklärung durch die Vereinten Nationen motivierten, noch in Bezug auf die Aufklärung. In seinem Kern steckt maßgeblich die Ablehnung eines Kults des Individuums, der mit der moralischen Einbettung der Menschenrechte dicht verwoben scheint. Wollen wir verstehen, auf welcher Problemlage die moralische Einbettung der Menschenrechte gesellschaftstheoretisch fußt, dann bedarf es einer Klärung der fundamentalen Werturteile, die moralisch in Menschenrechtsfragen in Anschlag gebracht werden (können). Bereits die historische Genese der Menschenrechte lässt erahnen, an welcher Stelle eine Suche nach solchen Positionen erfolgreich verlaufen könnte: im Verhältnis der sogenannten first generation human rights und den sogenannten third generation human rights.27 Unter dem Label der ersten Generation werden jene Menschenrechte versammelt, die den Schutz des Individuums im Sinne der Freiheit und Unversehrtheit sowie der Möglichkeit zur politischen Teilhabe zum Ziel haben. Zu den Menschenrechten der dritten Generation zählen diejenigen, die sich unter anderem mit Gruppen und Kollektivrechten beschäftigen, um etwa die Souveränität von Völkern oder auch Minderheiten zu schützen. In der Erklärung von 1948 fehlen allerdings diese Menschenrechte der dritten Generation, weil die damaligen Kolonialmächte opponierten. Dennoch lässt sich in Artikel 29.1 von ebendieser Erklärung erkennen, worum es dem Imperialismus- Vorwurf geht, nämlich um die moralische Ausgestaltung des Verhältnisses von Individuum und Kollektiv. Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist.28 26 Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order. New York 1996, S. 184. 27 Karel Vasak: A 30-year struggle; the sustained efforts to give force of law to the Universal Declaration of Human Rights. In: The UNESCO Courier 30 (1977), Nr. 11, S. 28-29, 32. 28 Vereinte Nationen, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 29.1. Stefan Joller 319 Dass mit der Wahrnehmung von Rechten auch Pflichten einhergehen, mag vorerst nicht wirklich überraschen, wenngleich solche Pflichten vielleicht Zweifel an der Bedingungslosigkeit der universellen Geltung der Menschenrechte mit sich bringen. Letztlich dürfte aber bekannt sein, dass damit insbesondere jene Pflichten gemeint sind, die die eigene Freiheit insofern beschneiden, als sie die Freiheit der anderen ermöglichen. Interessanter ist für uns ohnehin der zweite Teil des Artikels, der auf die Pflichten gegenüber jenen Gemeinschaften verweist, in denen allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeiten möglich ist. Doch wie lässt sich dies deuten? Unter Bezugnahme auf die vorangegangene Problemskizze kristallisieren sich zwei dominante Lesarten heraus: - Auf der einen Seite jene, die betont, dass die Pflichten ausschließlich gegenüber denjenigen Gemeinschaften bestehen, die eine freie und volle Entfaltung der Persönlichkeit nicht unterdrücken oder behindern. - Auf der anderen Seite – und dies fördert das inhärente Dilemma zu Tage – kann dieses allein auch so gelesen werden, dass die freie und volle Entfaltung einer Persönlichkeit eben nur in einer Gemeinschaft überhaupt möglich ist. Wenn die Menschenrechte also die Gemeinschaft maßregeln, um die freie Entfaltung des Menschen zu ermöglichen, so geht ein Teil des freien Entfaltungsraumes verloren, gerade weil die Gemeinschaft geregelt wird. Für die Philosophie sind dies kaum Neuigkeiten; Freiheit ist nun einmal nicht ohne Zwang zu haben. Für die Soziologie wiederum bedeutet dies, dass die freie und volle Entfaltung des Menschen als soziales und moralisches Wesen nur im Zwangskorsett der Gesellschaft möglich ist.29 Diesem Umstand einer unauflösbaren wechselseitigen Abhängigkeit von Individuum und Gesellschaft ist auch der berühmte Ausspruch von Charles Horton Cooley geschuldet, der prägnant formuliert: „Self and society are twin born“.30 Etwas ausdifferenzierter beschreibt Erving Goffman ebendiese Zwillingsgeburt, wenn er die situative Entfaltung des Selbst im 29 Auf die weiterführende Unterscheidung von Gesellschaft und Gemeinschaft wird an dieser Stelle verzichtet. Siehe hierzu Ferdinand Tönnies: Studien zu Gemeinschaft und Gesellschaft. Wiesbaden 2012. 30 Charles H. Cooley: Social Organisation. A Study of the Larger Mind. NewYork 1910, S. 5. Die Menschenrechte als Universalmoral? 320 Rahmen variierender Interaktionen in Augenschein nimmt und feststellt, dass das Selbst – oder eben: die Persönlichkeit – in letzter Konsequenz eine „Leihgabe[n] der Gesellschaft“31 ist. [Das] Selbst ist ein Produkt einer erfolgreichen Szene, und nicht ihre Ursache. Das Selbst als dargestellte Rolle ist also kein organisches Ding, das einen spezifischen Ort hat und dessen Schicksal es ist, geboren zu werden, zu reifen und zu sterben; es ist eine dramatische Wirkung, die sich aus einer dargestellten Szene entfaltet, und der springende Punkt, die entscheidende Frage ist, ob es glaubwürdig oder unglaubwürdig ist.32 Das Selbst(bewusstsein) ist keine angeborene Konstante. Vielmehr lernen wir uns selbst bewusst zu werden, indem wir in konstitutiver Wechselwirkung mit anderen Personen schrittweise erfahren, dass wir diesen ähnlich sind und uns zugleich von ihnen unterscheiden. Was unser soziales Sein bestimmt, ist nicht uns selbst überlassen. Wir können lediglich hoffen, unsere Vorstellung von uns selbst, die wiederum Resultat der Deutung der Reaktionen anderer ist, möge von den Interaktionspartnern als Darstellung akzeptiert und aufrechterhalten werden.33 Das Selbst wird also zu dem, was es darstellt, indem das Publikum die Darstellung als glaubwürdig akzeptiert und dergestalt erst die Möglichkeit schafft, dass dieses Selbst sozial Bestand hat. Wenn ich also etwa der einzige bin, der glaubt, er sei ein besonders begnadeter Handwerker, dann wird diese Selbsttäuschung früher oder später unweigerlich auf Widerstand stoßen. Zur Klarstellung: Es geht diesem Argument mitnichten nur um die soziale Entstehung und Aufrechterhaltung von irgendwelchen Eitelkeiten, sondern in einem sehr grundlegenden Sinne darum, dass der Mensch als selbstbewusstes soziales Wesen nicht ohne Gesellschaft existieren kann. 31 Jürgen Raab: Erving Goffman. Klassiker der Wissenssoziologie. Konstanz 2008, S. 74. 32 Erving Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Konstanz/München 2007, S. 93. 33 Dies ist keineswegs zynisch gemeint. Natürlich sind nicht alle Menschen Darsteller im Sinne von Manipulatoren und Schönfärber. Tatsache ist aber, dass wir nicht um eine Inszenierung unseres Selbst (oder eben dessen, was wir darunter verstehen) umhinkommen, zumal der direkte Zugang zum Bewusstsein anderer verwehrt bleibt und deswegen Kommunikation – in anderer Terminologie: Darstellung – erfordert. Stefan Joller 321 Das, was meine Persönlichkeit also auszeichnet, zeichnet sie deswegen aus, weil die Gemeinschaft bereit ist, diese oder jene Eigenschaften als Arbeitskonsens zu akzeptieren. Dies mag manchmal erhöhend und manchmal erniedrigend sein. Ohne eine entsprechende Rückmeldung der Gemeinschaft jedoch würde bereits die Selbstwahrnehmung scheitern. Die Frage nach einer vollen und freien Entfaltung der Persönlichkeit ist demnach keineswegs trivial. Und dies umso weniger, wenn es darum geht, wie diese volle und freie Entfaltung der Persönlichkeit zu schützen ist. Wer oder was ist also im Sinne der freien Entfaltung der Persönlichkeit primär schützenswert? - Eher das Individuum, das womöglich durch streitlustige und hassschürende Wortmeldungen das friedliche Miteinander der Gemeinschaft gefährdet? - Oder eher eine stabile Gemeinschaft, die letztlich die Entfaltung einer Persönlichkeit überhaupt erst ermöglicht? Wenn das Menschsein folglich wechselseitig konstitutiv an die Gemeinschaft gebunden ist, dann kann sich der Schutz des Menschen sowohl auf das Individuum richten als auch eben auf die Gemeinschaft. Und wer nun glaubt, dass diese Frage auch nur im sogenannten Westen konsistent in Richtung Individuum beantwortet wird, der beachte etwa das Wiedererstarken nationalistischer Positionen, die die Relevanz einer wie auch immer gearteten Tradition ins Zentrum rücken und letztlich zum Schutz der freien Entfaltung des Menschen primär auf den Schutz einer mehr oder minder konkreten Vorstellung von Gemeinschaft setzen. 6. Des Pudels Kern: Moralisches Selbstverständnis und politischer Anspruch Was lässt sich angesichts dieser Überlegungen nun resümierend über die moralische Dimension der Menschenrechte sagen? Und wie steht es aus soziologischer Perspektive um den universellen Anspruch, der in ihnen angelegt ist? Erst einmal können wir festhalten, dass die Moral der Menschenrechte, oder präziser: die moralische Aushandlung von Menschenrechten, nicht an beliebiger Stelle der öffentlichen Diskussion Form annimmt. Aufgrund der Charakteristik moralischer Kommunikation kennen wir einen spezifischen Ort, der die Potenziale der Moral strukturell Die Menschenrechte als Universalmoral? 322 in besonderem Maße zu verdichten scheint. Dies geschieht dort, wo funktionale Alternativen, wie etwa das Recht oder aber auch Geld, an ihre Grenzen stoßen.34 Die Durchsetzung der Menschenrechte tendiert in diesem Sinne immer dort moralisch zu werden, wo eine juristische oder monetäre Einforderung nicht ohne weiteres möglich ist. Kann ich beispielsweise das Recht, nicht gefoltert zu werden, nicht juristisch durchsetzen, weil die Folter staatlich verabreicht wird, noch mit finanziellen Mitteln verhindern, dass es überhaupt so weit kommt, dann schlägt die Stunde der Moral. Dass Menschenrechte zudem nicht nur moralisch, sondern ebenso juristisch oder politisch durchgesetzt werden können, zeigt zugleich, dass die Moral eben immer nur eine Option unter anderen darstellt. Erschwerend – im Sinne der Umsetzung der Menschenrechte als Universalmoral – kommt hinzu, dass mit dem Anspruch auf universelle Geltung keine einheitliche Deutung einhergeht. Der Anspruch auf universelle Geltung ist zwar empirisch durchaus zu beobachten – eine einheitliche oder gar absolute Deutung jedoch keineswegs. Einigkeit hinsichtlich der Bedeutung des Schutzes der menschlichen Würde geht, wie wir gesehen haben, nicht automatisch mit einer einheitlichen Beantwortung der Frage einher, wie dieser Schutz letztlich zu leisten ist und was die menschliche Würde als solche primär auszeichnet. Brisant(er) wird die Klärung dieser Frage zudem dadurch, dass gerade die Aushandlung auf moralischer Ebene aufgrund sozialisatorischer Effekte in aller Regel streitnah verläuft. Denn wie Charles Taylor anmerkt, sind „[d]as Selbst und das Gute oder, anders gesagt, das Selbst und die Moral […] Themen, die sich als unentwirrbar miteinander verflochten erweisen.“35 Begleitet wird die unauflösbare Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft folglich von dem Selbstverständnis, jeweils auf der richtigen (also: guten) Seite der Moral zu stehen. Weniger weil sich diese Wechselwirkung moralisch auflösen ließe, sondern weil die Moral (durch ihre Adressierung der Person als Ganzes) die Entscheidung für das Eine 34 Luhmann benennt als funktionale Äquivalente mitunter die Anschlussrationalität, das Recht oder auch die Liebe. Vgl. Niklas Luhmann: Soziologie der Moral. In: Theorietechnik und Moral. Hrsg von Niklas Luhmann und Stephan H. Pfürtner. Frankfurt/M. 1978, S. 63ff. 35 Charles Taylor: Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt/M. 2002, S. 15. Stefan Joller 323 und gegen das Andere mit der Selbstachtung verknüpft und aus ‚guten Gründen‘ ‚gute Gründe‘ werden lässt.36 Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte erhebt aus moralsoziologischer Perspektive also durchaus einen universellen Anspruch, von einer umfassend realisierten Universalmoral kann aber kaum die Rede sein. Denn im moralischen Wettbewerb um die Frage nach einem menschenwürdigen Leben fand und findet der Kult des Individuums in der Forderung nach einer starken Gemeinschaft einen durchaus ebenbürtigen Gegner. Abschließend möchte ich nun auf die zu Beginn formulierte Gretchenfrage der Menschenrechte zurückkommen: Wer ist Mensch und was zeichnet dieses Menschsein im Zuge der Menschenrechtsdebatte eigentlich aus? Eine vielleicht wenig befriedigende, aber klassisch soziologische Antwort könnte lauten: Mensch ist jener, der vom Kollektiv als Mensch akzeptiert wird. Und gleiches gilt für seine Würde. Aus menschenrechtsaktivistischer Perspektive ist eine solche analytische Festlegung natürlich abzulehnen. Dies hauptsächlich deswegen, weil sie der Problematik der Geschichte gerecht wird. Dass nämlich auch die Formulierung vermeintlich universeller Rechte den wiederholten Ausschluss spezifischer Gruppen nicht verhindert hat. Interessanter ist womöglich ohnehin die gesellschaftstheoretische Beantwortung der adaptierten Gretchenfrage. Denn obschon die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 explizit säkular formuliert wurde, zeigt die moralische Aushandlung der Menschenrechte eine kollektive Sakralisierung des Individuums auf der einen und eine kollektive Sakralisierung der Tradition und der Gemeinschaft auf der anderen Seite. Das vermeintlich säkulare Programm der Menschenrechte ist sodann womöglich als moralische Ordnung weit weniger säkular als bisweilen angenommen. Und gerade weil bereits die moralische Dimension der Menschenrechte offenlegt, wie weit und tief die Frage nach den Menschenrechten als Universalmoral reicht und greift, sollte ihre Proklamation in Relation zu machtpolitischen Fragen wohl temperiert erfolgen. Oder wie Michael Polany mahnend zu bedenken gibt: 36 Sicherlich findet sich hier und dort jemand, der sich auf der schlechten/bösen Seite der Moral verortet – langfristig ist dies aber ein ernstzunehmender evolutionärer Nachteil. Die Menschenrechte als Universalmoral? 324 Ich habe ja ausdrücklich versprochen, den moralischen Grundsätzen einen Platz zuzuweisen, wo sie vor dem selbstzerstörerischen Anspruch einer schrankenlosen Selbstbestimmung sicher sind. Nehmen wir die Forderung nach gesellschaftlichen und moralischen Verbesserungen und vergessen dabei nicht die Existenz der aufeinanderfolgenden Realitätsebenen. Die Gesellschaft als Organisation von Macht und Profit bildet die eine Ebene, während ihre moralischen Prinzipien eine Stufe höher liegen. Die obere Stufe wurzelt in der unteren: Moralischer Fortschritt ist nur im Rahmen einer Gesellschaft erreichbar, die durch Ausübung von Macht und das Streben nach materiellen Vorteilen funktioniert. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß alle moralischen Fortschritte wohl oder übel behaftet sind mit dem Makel dieses gesellschaftlichen Mechanismus, der sie allein erreichen kann. Wer daher absolute Moralität in der Gesellschaft zu erzwingen sucht, schwelgt in Phantasien, die nur zu roher Gewalt führen werden.37 37 Michael Polany: Implizites Wissen. Frankfurt/M. 1985 [1966], S. 79. 325 Eine Würde der Tiere? Tierethische Positionsbestimmungen als Randzone des Menschenrechtsdiskurses Björn Hayer 1. Zur Diskussion um die Tierethik Es liegt in der Natur von Definitionen, dass sie auf Ein- und Abgrenzungsversuchen beruhen. Wenn demnach eine Begründung von Menschenrechten forciert wird, so impliziert die damit einhergehende moralische Gemeinschaft den Ausschluss von Wesen anderer Spezies. Konkret bedeutet dies, dass sie nicht in den Genuss der darin geltenden Schutzrechte gelangen können. Zu eruieren wäre allerdings, welche Kriterien überhaupt einen Eintritt in diesen vermeintlich klar konturierten Rechtsraum gewähren. Spätestens mit dieser Grundsatzfrage wird deutlich, dass der Menschenrechtsdiskurs nicht exklusiver Natur, sondern in einem größeren, transdisziplinären Forschungsfeld zu situieren ist. Im vorliegenden Beitrag, der sich gewissermaßen an die Grauzonen und Randbezirke des in diesem Band behandelten Gegenstandes begibt, sollen philosophische, juridische, politikwissenschaftliche und theologische Argumentationen aus dem Spektrum der Tierethik als einer Bereichsethik1 1 Margreiter definiert das Feld folgendermaßen: „Tierethik als Frage nach dem angemessenen Umgang ist systematisch mit zwei anderen Fragen verbunden: (1) mit der Frage nach der ‚Natur‘ der Tiere und (2) mit der Frage nach der Möglichkeit, überhaupt etwas über Tiere wissen zu können.“ Reinhard Margreiter: Philosophische Tierethik. In: Human-Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende. Mit Beiträgen von Reinhard Heuberger und Reinhard Margreiter. Von Gabriela Kompatscher, Reingard Spannring und Karin Schachinger. Münster 2017, S. 111. Zur Bereichsethik vgl. Julian Nida-Rümelin: Tierethik I: zu den philosophischen und ethischen Grundlagen des Tierschutzes. In: Ders: Ange- Eine Würde der Tiere? 326 herangezogen werden, welche die Anstrengung unternehmen, letztlich die vermeintlich strikten Grenzziehungen zwischen humaner und animaler Spezies neu auszuloten. Als Konsequenz des ‚Animal Turn‘ innerhalb der Kulturwissenschaften ergibt sich die Einsicht, dass die Grenze zwischen Mensch und Tier niemals gegeben ist, sondern immer hergestellt werden muss, und dass sie als das Gemachte immer ein Moment der Unbestimmtheit in sich trägt: Zwischen Mensch und Tier verläuft keine scharfe Linie, sondern findet sich eine ‚Schwelle‘ bzw. ‚Zone‘.2 Bevor – aufbauend auf dieser Hypothese – vor allem moderne Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts in den Fokus geraten, soll kurz eine grobe Ordnung jenes Feldes der praktischen Philosophie vorgenommen werden. Wie von Friederike Schmitz vorgeschlagen,3 lassen sich die diachronen Auseinandersetzungen um die Mensch-Tier-Grenze sowie die damit verbundenen ethischen Implikationen grob in drei Stadien einteilen: 1. den radikalen und 2. den gemäßigten Anthropozentrismus sowie 3. die sich davon weitestgehend lösenden modernen Sichtweisen. Für ersteren stehen beispielsweise Aristoteles, Augustinus und René Descartes ein, der in Tieren bekanntermaßen nicht mehr als seelenlose Maschinen zu erkennen vermochte.4 Während diese traditionalistische Riege, welche sich noch um viele weitere Autoren ergänzen ließe, dem Menschen ein uneingeschränktes Primat in der Natur zuspricht, sehen Vertreter der zweiten Gruppe, darunter die englischen Empiristen Hobbes und Locke oder der utilitaristische Denker Jeremy Bentham, dessen Exklusivstellung als problematisch an. Der letztgenannte trägt mit seiner Überlegung „The question is not, Can they reason?, nor Can they talk? but, Can they suffer?“5 für eine wandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Stuttgart 1996, S. 459. 2 Roland Borgards: Cultural Animal Studies. In: Ecocritism. Eine Einführung. Hrsg. von Gabriele Dürbeck und Urte Stobbe. Köln/Weimar/Wien 2015, S. 68-80, hier S. 73. 3 Friederike Schmitz: Tierethik – eine Einführung. In: Tierethik. Grundlagentexte. Hrsg. von ders. Berlin 2014, S. 13-73. 4 Vgl. Margreiter, Philosophische Tierethik, S. 133. 5 Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation. Hrsg. von J. H. Burns und H.L.A. Hart. Oxford 1996, S. 235-236. Björn Hayer 327 Perspektivverschiebung in einen bis ins 18. Jahrhundert hinein verkrusteten Diskurs bei. Bis dahin erstrecken sich die theoretischen Ansätze vor allem auf die Etablierung und Verfestigung von distinkten Merkmalen, die einerseits eine Nobilitierung der Spezies Mensch und andererseits eine Inferiorisierung der Spezies Tier zum Ziel haben. Um nur einige davon zu nennen, sei etwa auf die Sprachkompetenz, die Fähigkeit zur Zukunftsgestaltung sowie im Allgemeinen auf ein Todes-, Fremd- und Selbstbewusstsein hingewiesen.6 Bei Bentham findet sich erstmals der kritische Einwand, ob überhaupt bestimmte Fähigkeiten relevant erscheinen müssen, um ethische Entscheidungen über den Lebenswert einer Kreatur oder eben dessen Fehlen zu treffen. Lori Gruen greift diese Frage im 20. Jahrhundert auf und konstatiert: „Die Selbst-/Anderer-Unterscheidung muss den Wert anderer nicht verringern, sondern kann dabei helfen, uns sowohl die Belastbarkeit als auch die Verletzbarkeit des eigenen Selbst in Beziehung zu anderen vor Augen zu führen.“7 Dieser Spiegelungsmodus deutet bereits eine ausgeprägtere mitleidsethische Konzeption an, die im Frühstadium bei Bentham zunächst noch auf die Bemerkung der Leidensfähigkeit der Kreatur beschränkt bleibt. Eine manifeste Zäsur in sowie Ausdifferenzierung der Tierethik ist mit einigen Ausnahmen wie beispielsweise Arthur Schopenhauer oder implizit im frühromantischen Natur- und Ökodiskurs erst ab dem beginnenden 20. Jahrhundert infolge der Lebensreform- und der sich etablierenden Tierschutzbewegung zu beobachten. Dem Blick auf das tierische Andere ist allerdings zumeist noch immer ein anthropozentrischer Einschlag inhärent, wenn beispielsweise der Respekt vor diesem allein auf Mitleid oder der Barmherzigkeit gründet, was wiederum eine überlegene Position des Menschen insinuiert. Bevor der Beitrag im Folgenden nun auf neuere Ansätze eingeht, sei an dieser Stelle noch kurz, aber nicht minder nachdrücklich auf die bahnbrechenden natur- und neurowissenschaftlichen respektive behaviouristischen Forschungen der letzten Dekaden hingewiesen. Zahlreiche Studien belegen nicht nur bei den Menschenaffen eine über 90% hinaus- 6 Vgl. Teresa Präauer: Tier werden. Göttingen 2018, S. 28-29. 7 Lori Gruen: Sich Tieren zuwenden. Emphatischer Umgang mit der mehr als menschlichen Welt. In: Tierethik, Grundlagentexte, S. 390-404, hier S. 404. Eine Würde der Tiere? 328 reichende genetische Übereinstimmung mit dem Menschen.8 Auch zu Schweinen und anderen „Nutztieren“ liegen ähnliche Befunde vor. Zudem weisen diverse Tierarten in Verhaltensforschungen immer wieder Fähigkeiten zur Empathie, Trauer oder Selbsterkenntnis auf. Die stets auf die Bewusstseinsebene abhebenden Ausschlussmechanismen, wie sie in der Philosophiegeschichte lange Zeit kultiviert und essenzialisiert wurden, können schon von dieser Erkenntnisbildung her als falsifiziert bezeichnet werden und rechtfertigen nicht mehr, „nicht-menschliche Tiere als Waren, Ressourcen oder Diener/Sklaven“ zu behandeln.9 2. Menschenrechte als Tierrechte? Auch im Fokus der juridischen Diskussion um Legitimation oder Delegimation von Tierrechten steht zunächst der bereits skizzierte „Eigenschaftenansatz“.10 Die Reduktion einer Spezies wegen eines defizitären Fähigkeitsprofils, die analog zu Rassismus und Sexismus mit dem Begriff „Speziesismus“11 verbunden ist, bedingt Überlegungen, die auf eine Dekonstruktion der darauf errichteten Ordnung zielen. Zwei Vertreter sollen hierzu exemplarisch vorgestellt werden: 1. Tom Regan und 2. Bernd Ladwig. Ersterer gehört zu den Hauptvertretern der Tierrechtsbewegung und baut seine Argumentation zunächst vom Standpunkt der Menschenrechte her auf. Im Kern beruhen sie ihm zufolge auf einem fundamentalen „Zutrittsverbot“. 12 Danach „steht [es] unseren Mitmenschen moralisch 8 Vgl. O.A.: Orang-Utan und Mensch sind nahezu identisch. In: Spiegel Online vom 27.01.2011. URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/genom-vergleich-orang-utanund-mensch-sind-nahezu-identisch-a-741828.html (letzter Abruf am 23.07.2018). 9 Hilal Szegin: „Tiere sind meine Freunde.“ – Wirklich? Ethische Überlegungen zur Haustierhaltung. In: Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen. Hrsg. von Viktoria Krason und Christoph Willmitzer für das Deutsche Hygiene-Museum. Berlin 2017, S. 88-119, hier S. 92. 10 Schmitz, Tierethik, S. 50. 11 Peter Singer: Ethik und Tiere. Eine Ausweitung der Ethik über unsere eigene Spezies hinaus, in: Tierethik, Grundlagentexte, S. 77-86, hier S. 81. 12 Tom Regan: Von Menschenrechten zu Tierrechten. In: Tierethik, Grundlagentexte, S. 88-114, hier 90. Björn Hayer 329 nicht zu, uns Schaden zuzufügen“ sowie „unsere Entscheidungsfreiheit nach Belieben einzuschränken“. 13 Autonomie und Schutzrechte als Klammer gerieten allerdings nur dann in den Rang von Menschenrechten, wenn darüber Einigkeit bestünde, „dass wir sie alle gleichermaßen besitzen“ –14 also unabhängig von individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten. Um die Universalität zu gewährleisten, bedürfe es ferner eines Gerechtigkeits- und Beistandsgebotes: „In je geringerem Maße Menschen in der Lage sind, ihre Rechte einzufordern, desto mehr sind wir verpflichtet, es für sie zu tun“.15 Dies betrifft allen voran Kinder, Senioren oder auch Menschen mit geistigen bzw. physischen Behinderungen, welche eben nicht alle in der Abgrenzung vom Tier gebräuchlichen Merkmale erfüllen, wie sie gemeinhin dem Menschen zugeschrieben werden. Aufgrund dieses Umstandes fragt Regan, auf welcher Basis sich die humane Gemeinschaft konstituiert und dementsprechend Ausschlüsse von animalen Wesen rechtfertigt. Dazu arbeitet er sich an folgenden Begründungsmustern ab: Menschen haben Rechte, weil… 1. Menschen Menschen sind 2. Menschen Personen sind (Individuen, die moralisch für sich Verantw. übernehmen können) 3. Menschen über Selbstbewusstsein verfügen 4. Menschen Sprache verwenden 5. Menschen in einer moralischen Gemeinschaft leben16 Die erste Sentenz stellt aus Regans Sicht eine rein normative Behauptung dar. Die Punkte 2-3 träfen mitunter nicht auf jenen Personenkreis zu, der aufgrund unterschiedlicher Einschränkungen eines Fürsprechers bedürfe. Weiterhin lassen sich diese Aspekte, wie bereits angedeutet, inzwischen ebenso bei Tieren beobachten. Es bleibt demzufolge das letzte Argument, das der Theoretiker mit einem Gegenbeispiel zu entkräften versucht: Nehmen wir das Konzept der Hexerei. Soweit uns bekannt ist, handelt es sich dabei um ein Konzept, das in menschlichen Gemeinschaften – und nur dort – aufkommt. Nehmen wir einmal an, dass es sich tatsächlich so verhält. Und nehmen wir ferner an, dass uns die Frage 13 Ebd., S. 90. 14 Ebd. 15 Ebd., S. 94. 16 Ebd., S. 96. Eine Würde der Tiere? 330 gestellt wird, ob es Hexen gibt. Niemand, der auch nur einigermaßen sorgfältig zu denken versteht, würde antworten: ‚Die Erklärung für die Existenz von Hexen liegt darin, dass das Konzept der Hexerei in unserer (menschlichen) Gemeinschaft verwendet und verstanden wird.‘ Dass wir ein Konzept von Hexen haben, trägt nicht das Geringste zur Erklärung der Existenz (oder Nichtexistenz) von Hexen bei. Es gibt keinen Grund, warum dies im Fall der Rechte anders sein sollte.17 Die moralische Gemeinschaft wird von dem Tierrechtler folglich mittels eines Gedankenexperiments zu einer willkürlichen Konstruktion deklariert. Nachdem er die Tragfähigkeit der fünf Kriterien in summa infrage gestellt hat, konstatiert er angesichts fehlender allgemeingültiger Gemeinsamkeiten (Ethnie, Geschlecht, Religion, Fähigkeiten…) unter den Mitgliedern der humanen Spezies: „Wie sehr wir Menschen uns auch voneinander unterscheiden mögen, hier liegen unsere fundamentalen Ähnlichkeiten. […] Die Ähnlichkeiten sind jedoch wichtig genug, um einen eigenen Ausdruck zu rechtfertigen“.18 Der Philosoph setzt letztlich die Hürde zur Anerkennung des Status Menschsein herab. Der Finalsatz expliziert, dass Regan letztlich keine besonderen Merkmale entdecken kann, welche die humane Exklusivität konstituieren. Als gemeinsame Basis bringt er stattdessen einen eigenen Begriff ins Spiel: Ausgehend von der Annahme, dass alle „Subjekt[e]-eines-Lebens“ 19 seien, kommt er zum Schluss, dass diese definitorische Eingrenzung ebenso Tiere integrieren müsse. Was versteht er genau unter dem Terminus? Näher führt er aus, dass „wir alle der Welt gewahr sind“ […], „weil das, was mit uns geschieht, für uns von Bedeutung ist.“ 20 Konkretisieren lässt sich diese Form von Wahrnehmungsbewusstsein über ein gemeinsames Sinnesvermögen oder gemeinsame Verhaltensweisen und Affekten wie Trauer, Freude oder Angst.21 Ergo: Zwischen den Spezies „gibt [es] eine Gleichheit inmitten aller Unterschiedlichkeit. Im Hinblick auf unseren Status als Subjekteeines-Lebens sind wir Artverwandte.“22 Aufgrund der kognitiv-mentalen 17 Ebd., S. 100. 18 Ebd., S. 101. 19 Ebd. 20 Ebd., S. 103. 21 Vgl. Friederike Schmitz: Tierethik. Münster 2017, S. 22-24. 22 Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten, S. 104. Björn Hayer 331 Ähnlichkeit im Hinblick auf die Fähigkeit, sich selbst und die Umwelt in grundlegender Weise erfassen zu können, hält Regan die Legitimation distinkter Merkmale für nicht mehr angemessen. Denkt man diesen Ansatz weiter, so würde er die Kappung sämtlicher Mensch-Tier-Beziehung implizieren:23 „Den VerfechterInnen der Tierrechte stellt sich daher eine Mammutaufgabe: wir müssen die Käfige leeren, nicht vergrößern.“24 Diese finale Aussage fällt im ethischen Diskurs in die Kategorie einer „idealen Theorie“, weil sie letztlich auf eine Egalisierung zwischen Mensch und Tier hinausliefe, insofern beiden Spezies prinzipiell dieselben Schutzund Freiheitsrechte zustünden. Zwingend ist dies jedoch nicht. Im Sinne einer „nicht-idealen Theorie“ nach Garner25 könnten auch trotz der Feststellung von Ähnlichkeiten den jeweiligen Speziesvertretern unterschiedliche Rechte zugeschrieben werden. Zudem ließe sich für Kritiker der generellen Egalisierung auch mit einer konditionalen Einstufung bzw. Differenzierung argumentieren, wie sie etwa Wischermann vorschlägt: Wenn manche Tiere ausführlich und erwidernd kommunizieren, wenn sie eine eigene Lebens- und Entwicklungsgeschichte haben, wenn diese zunehmend in der Koevolution mit menschlichen Lebensgeschichten gesehen wird, wenn sich in dieser Beziehung die menschliche wie die tierliche Person verändern, dann stellt sich die Aufgabe, Tiere als Subjekte zu erfassen und zu denken.26 23 Vgl. Björn Hayer: Vom Lieben und Töten. Jenseits von Schrecken und Perversion: Eine Neuaufstellung der Mensch-Tier-Verhältnisse ist, wenn wir unsere Menschlichkeit behaupten wollen, dringender denn je. In: Neues Deutschland vom 13.10.2017. URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/ 1066775. tierrechtevom-lieben-und-toeten.html?sstr=bj%C3%B6rn|hayer (letzter Abruf am 28.9.2018). 24 Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten S. 113. 25 „Diese Theorie besagt im Ergebnis, dass wir Tieren kein Leid zufügen sollten, sie aber weiter nutzen und auch zu unseren Zwecken töten dürften“, s. Schmitz, Tierethik, S. 198. 26 Clemens Wischermann: Zwischen „Vieh“ und „Freund“. Historische Annäherungen an das Selbst eines Tieres. In: Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen. Hrsg. von Viktoria Krason und Christoph Willmitzer für das Deutsche Hygiene-Museum. Berlin 2017, S. 49-87, hier S. 70. Eine Würde der Tiere? 332 Inkludiert werden bei diesen Bedingungen nachweislich zumindest die Tierarten in der Landwirtschaft. Für eine weitere juridische Behandlung tierethischer Fragestellungen tritt der Rechtswissenschaftler Bernd Ladwig ein. Sein Plädoyer geht von einem Syllogismus für Tierrechte aus: I. Alle Menschen sind Tiere. II. Alle Menschen haben Rechte. III. Also haben manche Tiere Rechte.27 Zunächst zur ersten These. Diese bezeichnet der Autor als eine empirisch verbürgte, wobei er auf biologische Einordnungen referiert. Denn sie ist biologisch unstrittig; auch wir sind Tiere: Stamm Chordatiere, Unterstamm Wirbel- oder Schädeltiere, Reihe Landwirbeltiere, Klasse Säugetiere, Unterklasse höhere Säugetiere, Ordnung Primaten, Unterordnung Trockennasenaffen, Familie Menschenaffen. Wir sind aus derselben Naturgeschichte hervorgegangen wie die Angehörigen aller anderen Arten.28 Die zweite Annahme beruht hingegen auf einem normativen Postulat: „Niemand muss sich seine basalen Rechte erst verdienen oder sich durch besondere Vermögen für sie qualifizieren, keiner kann sie verwirken“.29 Es bleibt demnach die Frage, warum animalen Kreaturen der Zugang verwehrt sein soll. Offensichtlich muss der Mensch über zusätzliche Eigenschaften verfügen. Dass aus bestimmten Charakteristika jedoch zugleich eine rechtliche Höherstellung folgen muss, sieht Ladwig als nicht gegeben an. „Es ist im Tierreich eben nichts Besonderes, etwas Besonderes zu sein, jede Art unterscheidet sich irgendwie von jeder anderen, sonst wäre sie keine.“30 Lässt man sich allerdings auf den Eigenschaftenansatz ein, so kommt für das Surplus der humanen Spezies einzig die Moral infrage. Als rele- 27 Bernd Ladwig: Warum manche Tiere Rechte haben – und wir nicht die einzigen sind. In: MRM – MenschenRechtsMagazin Heft 2/2015, S. 75-86, hier S. 75. 28 Ebd. 29 Ebd. 30 Ebd., S. 77. Björn Hayer 333 vant erweist sich aus Ladwigs Sicht allerdings mehr als bloß die Befähigung zu ihr. So sind wir stets moralfähig und moralbedürftig, Akteure wie Nutznießer kategorisch geschuldeter Beachtung und Achtung. Und moralbedürftig sind wir nicht nur, weil wir moralfähig sind. Wir sind es auch schon als leiblich existierende leidensfähige, endliche und bindungsbedürftige Kreaturen.31 Indem der Rechtswissenschaftler somit den Moralbegriff ausweitet, kann er Tiere, die ja ebenso als leidensfähige Wesen anzusehen sind, berücksichtigen. Aufgrund der über die Speziesgrenze hinausgehenden Verletzlichkeit dürfe keinerlei Form von Willkür oder Schieflage im Hinblick auf Machtbeziehungen wie bisher32 geduldet werden. „Moral gebietet die Gleichbehandlung gleicher Fälle“.33 Man könnte dagegen einwenden, dass der Umstand der Moralbedürftigkeit nicht zwingend zum allgemeinen Moralbegriff gehören muss und allein die reflexive Kompetenz entscheidend sei. Dies hätte zur Folge: Nur mündige Menschen können beurteilen oder diskursiv feststellen, in welchen inhaltlichen Hinsichten sie einander unbedingt beachten müssen; und nur dies macht dann auch den zusätzlichen Schritt möglich, die geschuldete Beachtung auf vergleichbar verletzliche Dritte auszudehnen, die nicht für sich selbst sprechen können. In diesem epistemologischen Sinne ist jede Moral notwendig anthropozentristisch.34 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, Demente, Komapatienten oder Kleinkinder müssten demnach aus der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Gerade deren logisch folgerichtige Nicht-Einbeziehung würde verdeutlichen, dass eine zu enge Definition von Moral nicht hinreichend ist. Bereits Regan weist in diesem Kontext auf das Gerechtigkeits- und Beistandsgebot bzw. den Universalitätsgrundsatz der Menschenrechte hin: „In je geringerem Maße Menschen in 31 Ebd., S. 80. 32 Vgl. Szegin, „Tiere sind meine Freunde“, S. 92. 33 Ladwig: Warum manche Tiere Rechte haben, S. 81. 34 Ebd., S. 83. Eine Würde der Tiere? 334 der Lage sind, ihre Rechte einzufordern, desto mehr sind wir verpflichtet, es für sie zu tun“.35 Im Sinne der Bedürftigkeitsergänzung scheint ein weiteres Kriterium zentral: Zum Kollektiv der Rechtssubjekte gehört offenbar „wenigstens ein Interesse, das unter Menschen rechtlichen Schutz verdient“.36 Als Voraussetzungen dafür gelten neben der Empfindungs- ferner die Erlebensfähigkeit. Menschen und Tiere eint das spezifische Interesse am Wohlergehen bzw. Weiterleben. Dieses fundamentale Interesse können menschliche Subjekte bei nahezu jedem Tier beobachten, das zum Beispiel bei der Jagd davonläuft.37 Es gibt reichlich Videodokumente, die sogar belegen, dass „Nutztiere“ den Schlachthof mit Tod assoziierten und, wenn sie die Möglichkeit hatten, panisch geflüchtet sind. Einen alle Kreaturen umfassenden Lebenswunsch führt auch schon Albert Schweitzer in seinen tierethischen Grundlagentexten an: „Von der Welt weiß der Mensch nur, dass alles, was ist, Erscheinung vom Willen zum Leben ist, wie er selber.“38 Mit Ladwig wird zwar erneut die starre interspeziesistische Grenzziehung fragil. Gleichwohl betont er, dass Vertreter beider Spezies „Subjekte ihres eigenen Lebens“39 seien und nicht obligatorisch genau dieselben Rechte, ergo alle Menschenrechte, besitzen müssten. Dies sei nicht einmal innerhalb einer Spezies garantiert. Kinder dürften etwa nicht wählen gehen. Und auch nicht jeder Mensch darf, so ließe sich ergänzen, per se ein Kraftfahrzeug bedienen. 3. Die Würde des Tiers? Postulate wie „Subjekte eines Lebens“ korrelieren mit dem in den westlichen, freiheitlich-demokratischen Verfassungen anzutreffenden Begriff 35 Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten, S. 94. 36 Ladwig, Warum manche Tiere Rechte haben, S. 84. 37 Vgl. Björn Hayer: Denk auch an die Tiere. Die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ist willkürlich gezogen. Veganer sind keine Moralapostel, sondern Kritiker dieses Hierarchiedenkens. In: Neue Zürcher Zeitung vom 16.05.2017. URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/veganismus-denkauch-an-die-tiere-ld.1293394 (letzter Abruf am 28.09.2018). 38 Albert Schweitzer: Ehrfurcht vor den Tieren. Hrsg. v. Erich Gräßer. 2. Auf. München 2011, S. 56. 39 Ladwig, Warum manche Tiere Rechte haben, S. 86. Björn Hayer 335 der Würde. Obwohl diese traditionell ausschließlich dem Menschen vorbehalten ist, gibt es indessen bemerkenswerte Ausnahmen. So ist seit 1992 in der Schweizer und seit 2018 in der Luxemburger Verfassung die Rede von der „Würde der Kreatur“ – ein schillernder Terminus, der eine weitere Ausdeutung provoziert. Aus dem Bereich der Rechtsphilosophie ist Robert Spaemanns Argumentation ertragreich. Statt von einer Egalisierung der beiden Spezies im Hinblick auf die juridische und gesellschaftliche Stellung auszugehen, ist er prinzipiell von der grundsätzlichen Höherstellung des Humanum überzeugt, woraus neben Privilegien jedoch ebenfalls Verantwortlichkeiten erwachsen. Der Begriff der Würde steht für ihn – angelehnt an Vorlesungen Johann Fürchtegott Gellerts aus dem Jahr 1776 – in enger Verwandtschaft zu jenem der Pflichten des Menschen, deren Erfüllung erst die dem Menschen zugeschriebene Sittlichkeit begründe. Spaemann konkretisiert diese Reziprozität aus Würde und Verantwortung noch weiter: Unter Menschenwürde werde die Fähigkeit und Freiheit verstanden, auf Angenehmes und Nützliches zu verzichten, „weil es einem anderen Wesen schadet oder Schmerzen zufügt“, bzw. Unangenehmes auf sich zu nehmen, „weil es einen anderen freut, ihm nützt oder auch, weil der andere einen Anspruch darauf hat.“40 Letztlich laufen diese Gebote darauf hinaus, in bestimmten Fällen auf das egoistische Anliegen zugunsten eines sozialen Zwecks oder basaler Ansprüche des anderen zu verzichten. Wenn wir demzufolge tierische Lebewesen nur aus Gründen des Genusses ihres Fleisches konsumieren, dürfte dies im Gegensatz zu spezifischen Tierversuchen in der medizinischen Industrie als ein moralisch äußerst niedriges und nachgeordnetes Motiv zu bewerten sein. Fasst man Spaemanns Standpunkt zusammen, so inkludiert dieser ebenso einen elementaren Interessenschutz. Als Ergänzung kommt der Gedanke des Tierschutzes hinzu, dessen Gültigkeit hingegen nicht aus sich selbst heraus entsteht. Vielmehr dient dessen Beachtung und Einhaltung von menschlicher Seite her in Anlehnung an Kant als Ausweis der Humanität. Ein Mensch zu sein und Menschlichkeit gerade im Kontrast zum Tierischen zu reklamieren, schließt ein bestialisches Verhalten intuitiv 40 Robert Spaemann: Tierschutz und Menschenwürde. In: Tierschutz: Testfall unserer Menschlichkeit. Hrsg. v. Ursula M. Händel. Frankfurt/M. 1984, S. 71-81, hier S. 76-77. Eine Würde der Tiere? 336 aus. Mehr noch: Da der Mensch über ein moralisches Bewusstsein verfügt, scheint er zur Verantwortung verpflichtet.41 Erst indem sich der Mensch respektvoll gegenüber dem Animalum verhält, stellt er gewissermaßen seine moralische Integrität unter Beweis. Verfolgt man in theoretischen Auseinandersetzungen den Ansatz der Verantwortung weiter, so finden sich auch in der Theologie tierethisch relevante Überlegungen. Da die dogmatische Lehre in ihrer Breite größtenteils noch einem radikalen Anthropozentrismus verhaftet ist,42 vertreten Stimmen wie Link, Moltmann oder Sitter eher Einzelmeinungen innerhalb ihrer Fachdiskurse. Ersterer sieht im Menschen den „Statthalter auf Erden“.43 Wie die anderen beiden beruft er sich dabei vor allem auf die Genesis. Da Adam und Eva erst nach den Tieren geschaffen wurden, versteht er die humane Würde „tatsächlich nur [als] ein[en] Reflex, ein[en] Abglanz der Würde der Kreatur insgesamt.“44 Diese Sichtweise komplementierend, verweist Reiter auf den Umstand, dass der Mensch durch sein Fehlverhalten im Weiteren den Sündenfall provoziert habe und aus diesem Grund keinerlei Legitimation hätte, den Tieren ihre Würde abzusprechen.45 Moltmann favorisiert ein integratives, der zeitgenössischen Debatte um das Anthropozän angemessenes Modell, in dem er Würde „nicht gegen die Natur, sondern nur in Zusammenhang mit der Würde aller anderen geschaffenen Lebewesen“46 betrachtet. Der Mensch sei ein Teil von ihr und nicht ihr Herrscher. Sowohl für ihn als auch Flora und Fauna träfe nach Sitter daher zu, dass „alle Würde […] ihren Ur- 41 Björn Hayer/Klarissa Schröder: Tierethik in Literatur und Unterricht. Ein Plädoyer. In: Didaktik des Animalen. Vorschläge für einen tierethisch gestützten Literaturunterricht. Hrsg. v. dies. Trier 2016, S. 1-14, S. 6. 42 Vgl. Björn Hayer: Die Kirche, die Tiere und der Disput um die Seele. In: Der Tierschutz. Zeitung des Bundesverband Tierschutz e. V. 1/2018, S. 3. 43 Christian Link: Rechte der Schöpfung. Argumente für eine theologische Ökologie. In: Natur ins Recht setzen. Hrsg. v. Manfred Schneider u.a. Karlsruhe 1993, S. 71-100, hier S. 78. 44 Ebd., S. 90. 45 Vgl. Johannes Reiter: Tierversuche und Tierethik. In: Stimmen der Zeit Heft 7/1993, S. 451-463, hier S. 461. 46 Jürgen Moltmann: Rechte der Menschen – Rechte der Natur: ein Interview mit Jürgen Moltmann. In: Der evangelische Erzieher Heft 43 (1991), S. 279-287, hier S. 281. Björn Hayer 337 sprung in der Würde der Natur“47 habe. Daher hat sich auch der Begriff der Mitgeschöpflichkeit etabliert.48 Die Stellung des Menschen zu Tieren und Pflanzen resultiert in diesen hier kursorisch gestreiften Konzeptionen somit aus einem gemeinsamen Ursprung allen Lebens. Statt die Genesis als ein Zeugnis für die Exklusivität von ersteren und der daraus folgenden Inferiorität aller anderen von Gott geschaffenen Wesen zu lesen, plädieren die hier zitierten Theologen nicht für Hierarchien, sondern für eine Gleichwertigkeit, woraus wiederum nicht zwingend dieselben juridischen Ansprüche abzuleiten sind. An dieser Stelle gilt es zu erwägen, ob die Würde als Grundlage für sich daran anschließende Rechtssetzungen überhaupt für ganze Spezies tragfähig sein kann, zumal sie erst in der Berücksichtigung jedes einzelnen Individuums an Bedeutung gewinnt. Taugt sie also als universelles Konstrukt zur Konstituierung von Gleichheit? Geht es bei ihr im Kontext der humanen Gemeinschaft um die Autonomie und Wertschätzung jedes Einzelnen, so müsste diese Spezifizierung auch auf die tierischen Kreaturen zutreffen. Bemüht man sich somit im Spektrum zwischen Egalisierung aller grundlegenden Rechte und dem nach wie vor in verschiedenen Institutionen wirksamen Anthropozentrismus um einen Kompromiss, wäre eventuell über ein Nebeneinander der Würde des Menschen und der Würde des Tieres nachzudenken. Garant für eine Verbindlichkeit wird sie, sobald sie eine juristisch wirksame Rolle spielt, nämlich als unhintergehbare Grundkonstanten für Menschen- oder ggf. Tierrechte. Nachdem nun die ethischen, juridischen und philosophisch-theologischen Teildiskurse beleuchtet wurden, empfiehlt sich noch ein Einblick in einen weiteren umfassenden Bereich, jenen der Politikwissenschaft, zu geben. Der hier vorzustellende Entwurf ist einerseits utopischer und andererseits pragmatischer Natur. Für jene disziplinäre Ausrichtung innerhalb der Tierethik ist Donaldsons und Kymlickas Zoopolis inzwischen zu einem Standardwerk geworden. Ausgangspunkt ist die zutreffende Beobachtung, dass nach über hundert Jahren Tierschutzbewegung keine 47 Beat Sitter: Wie läßt sich ökologische Gerechtigkeit denken? In: Zeitschrift für Evangelische Ethik 31/1987, S. 271-295, hier S. 278. 48 Vgl. Friederike Schmitz: Die Schwierigkeit der Wirklichkeit. Cora Diamond über verschiedene Formen moralischen Denkens. In: In: Tierethik transdisziplinär. Literatur – Kultur – Didaktik. Hrsg. v. Björn Hayer und Klarissa Schröder. Bielefeld 2018, S. 213-230, hier S. 224. Eine Würde der Tiere? 338 empfindlichen Fortschritte zu verzeichnen sind. 49 Im Gegenteil: Weltweit nimmt der Fleischkonsum, der in Schwellenländern wie China und Indien inzwischen als Wohlstandsindikator gilt, zu. Dasselbe lässt sich für die immer weiter voranschreitende Industrialisierung der Agrar- und Viehwirtschaft festhalten. Vor diesem Hintergrund gelangen die beiden Autoren zu dem Befund, dass sich das Insistieren auf der Idealforderung – der Befreiung animaler Lebewesen – als mehr als realitätsfern erweist, zumal es schon seit jeher Mensch-Tier-Beziehungen gab und diese wohl auch in einer besseren Zukunft erhalten bleiben dürften. Daher zielt Zoopolis primär auf die Nivellierung der gegebenen Relationen und gesetzlichen Institutionen: Unser langfristiger Plan ist nicht darauf ausgerichtet, die Verbindungen zwischen Mensch und Tier zu trennen, sondern es geht darum, die reichen Möglichkeiten solcher Verbindungen zu erkunden und zu bejahen. Dazu gehört auch, daß die Tiere nicht bloß als Einzelsubjekte mit Anspruch auf Respektierung ihrer Grundrechte anerkannt werden, sondern auch als Angehörige von Gemeinschaften – unserer und ihrer Gemeinschaft –, die durch Beziehungen der Interdependenz, der Wechselseitigkeit und der Verantwortung miteinander verflochten sind.50 Um die Neuausrichtung zu realisieren, bedarf es auch in dieser Theorie einer tierrechtlichen Grundlage. Allerdings differenziert sich diese – abgesehen von der körperlichen Unversehrtheit als unhintergehbarer Konstante – im Einzelnen aus. Im Rahmen unterschiedlicher Rechtsstatus stellen Donaldson/Kymlicka eine Hierarchie vor, die nicht zuletzt von der Distanz der jeweiligen Tiere zu den Menschen herleitet. Den höchs- 49 Auch erscheint das Ansinnen des Tierschutzes gegenüber dem Tierrechtsgedanken als problematisch, da die Berücksichtigung von tierischen Interessen so einem rein barmherzigen, d.h. übergeordneten Akt seitens des Menschen gleichkommt. Erst juristisch bindende Institutionen wirken der Hierarchisierung im Sinne des Tierrechtsansatzes entgegen. Vgl. Björn Hayer: Das große Fressen. Ernährung artet derzeit in Glaubenskrieg aus. Vor allem zulasten derer, denen Tier und Klima am Herzen liegen. Ein Plädoyer für Verantwortung. In: Neues Deutschland vom 24.9.2016. URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1026539.das-grosse-fressen.html?sstr =bj%C3%B6rn| hayer (letzter Abruf: 28.9.2018). 50 Sue Donaldson und Will Kymlicka: Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte. Berlin 2013, S. 563. Björn Hayer 339 ten Schutz genießen Haustiere und die „Nutztiere“. Sie gelten in dieser Theorie als Staatsbürger und verfügen damit nahezu über dieselben Rechte wie die Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Von besonderer Relevanz zeigt sich das Konzept der „abhängigen agency“.51 Dieser Terminus ist einer Diskussion der citizenship-Theorie entlehnt, bei der es darum geht, die Partizipation von Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen in Gesellschaft und Politik zu unterstützen: Kindern, physisch oder psychisch beeinträchtigten Menschen […] soll geholfen werden, gesellschaftspolitische Fragen zu verstehen und ihrer Meinung Gehör zu verschaffen.52 Übertragen auf die Tiere bedeutet dies: Abhängige agency wird in vertrauensvollen und durch vertrauensvolle Beziehungen zu Menschen ausgeübt, die die Fähigkeiten und das Wissen haben, dieser agency Ausdruck zu verleihen. Dazu gehört, dass Tiere die Chance wahrnehmen können, ihre subjektiven Werte und Präferenzen zu äußern, weiters die Kapazität der Tiere, sich an soziale Normen zu halten, die in vertrauensvollen Beziehungen zum Menschen entwickelt wurden sowie die Möglichkeit, Interaktionen mitzugestalten. Diese Fähigkeiten zu sozialem, kooperativem Miteinander sowie zur Anpassung an und zum Vertrauen in den Menschen sind bei domestizierten Tieren gegeben und wurden durch den Domestikationsprozess verstärkt. Sie ermöglichen eine abhängige agency und damit Partizipation in einer politischen Gemeinschaft.53 Danach folgen die „Schwellenbereichstiere oder kulturfolgenden Tiere“, die vor allem durch die menschliche Expansion in dessen Einflussbereich geraten sind.54 Nah bei uns lebende Wesen wie die Amsel, der Marder oder Tauben würde nicht in den Besitz einer staatsbürgerlichen Stellung gelangen, womit, wie im Falle der ersten Gruppe, bestimmte Fürsorgeverpflichtungen seitens ihrer Halter einhergingen, sondern befänden sich 51 Gabriela Kompatscher/Reingard Spannring/Karin Schachinger: Human- Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende. Mit Beiträgen von Reinhard Heuberger und Reinhard Margreiter. Münster 2017, S. 189. 52 Ebd. 53 Ebd., S. 192. 54 Vgl. Donaldson/Kymlicka, Zoopolis, S. 483. Eine Würde der Tiere? 340 äquivalent zu Asylsuchenden im Status der „Duldung“. „Sie sollten zwar wie alle empfindungsfähigen Tiere in ihren Grundrechten respektiert werden. Wir dürften aber durchaus Mittel ergreifen, um sie aus unseren Wohn- und Lebensbereichen fernzuhalten.“55 Keine Verantwortung trügen wir für Kreaturen, die ausgehend von unseren alltäglichen Lebensräumen ihr Dasein gewissermaßen auf „exterritorialem“ Gebiet wie dem Wald, auf Feldern oder im Gebirge verbringen würden. Zu beachten seien allerdings folgende Punkte: (1) Respekt der territorrialen Grenzen […]; (2) Begrenzung der Nebenwirkungen und Folgeschäden ([…] Verschmutzung und Verkehrstote); (3) gemeinsame Souveränität über wichtige internationale Korridore (etwa Migrationsrouten); (4) Respekt vor den Grundrechten von Besuchern; (5) Erweiterung von Hilfsangeboten, so daß auch Flüchtlinge bedacht werden.56 Hierin klingt die begriffliche Schärfe politikwissenschaftlicher Argumentation an, die vor allem Respekt als Tugend des Miteinanders prononciert. Wir seien den Autoren nach nicht verpflichtet einem kranken Igel oder Reh zu helfen, dürften sie jedoch ebenso wenig durch Praktiken der Jagd gefährden und müssten ihre souveränen Lebensbereiche achten. Was Sympathie für diese Theorie hervorruft, ist eine markante Ambivalenz: Einerseits mutet sie utopisch an, insofern ein Teil der Tiere mitunter wie Staatsbürger/-innen zu behandeln sei, andererseits wohnt ihr ein nötiger Pragmatismus inne. Indem Relationen nicht verschwinden, sondern eben neu ausgehandelt werden, ergeben sich Potenziale für einen sinnstiftenden, gesellschaftlichen Dialog.57 Obgleich auch Donaldson/Kymlicka wirksame tierrechtliche Standards voraussetzen bzw. in Teilen sogar weiter greifende Forderungen als die zuvor vorgestellten Modelle erheben, basiert ihre Einlassung in der Annahme, dass es Tier-Mensch-Beziehungen erstens schon immer gegeben habe und diese zweitens bei der rechtlichen Stellung animaler Wesen Berücksichtigung finden müssten, auf einer realistischen Einschätzung der 55 Schmitz, Tierethik, S. 207. 56 Donaldson/Kymlicka, Zoopolis, S. 483. 57 Björn Hayer/Klarissa Schröder: Vorwort. In: Tierethik transdisziplinär, S. 9-22, hier S. 14. Björn Hayer 341 Gesamtlage. Weder Tier- noch Menschenrechte entstehen im luftfreien Raum, sondern verstehen sich als Resultat sozialer Aushandlungsprozesse. Die interaktionelle Beeinflussung von Selbst- und Fremdbild hebt Donna Harraway, eine für die theoretische Grundierung der Human Animal Studies wichtige Autorin, hervor: „Durch ihr Ineinandergreifen, durch ihr ‚Erfassen‘ oder ihren ‚Zugriff‘ konstituieren Wesen einander und sich selbst. Sie existieren nicht vor ihren Verhältnissen und Beziehungen. Das ‚Erfassen‘ hat Konsequenzen“,58 und zwar ethischer Natur. Wie die bisherigen Argumentationen dokumentieren, lässt sich die weitreichende Privilegierung des Menschen in moralischer Hinsicht nicht konzise aufrecht erhalten. Dies führt dazu, dass die bis in die frühe Moderne noch geltenden anthropozentristischen Begründungsmuster aus Sicht des Bioethikers Birnbachers nun in einer Rechtfertigungspflicht stehen: In allen früheren Epochen dominierte in unserem Kulturbereich die Auffassung, dass die Beweispflicht bei demjenigen liegt, der meint, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere seien um ihrer selbst willen schützenswert. Der Mainstream der europäischen Ethik war bis ins 19. Jahrhundert hinein nahezu durchweg anthropozentrisch orientiert. Dem Menschen wurde nicht nur eine Sonderstellung innerhalb der animalischen Natur zugewiesen, sondern eine Alleinstellung als Gegenstand moralischer Berücksichtigungswürdigkeit. Die Tiere kamen nahezu ausschließlich als Objekte, nicht als Subjekte in den Blick. Die beherrschende Auffassung war, dass gegenüber ihnen allenfalls eine indirekte, aber keine direkte moralische Verantwortung besteht. Wer ein Tier schädigt, ist danach möglicherweise gegenüber den Besitzer/ -innen oder Halter/-innen des Tiers verantwortlich, nicht aber gegen- über dem Tier selbst. Das hat sich gründlich geändert. Seit längerem sind derjenige und diejenige beweispflichtig, die meinen, Tiere seien nicht um ihrer selbst willen schützenswert.59 Mit der Umkehr der Beweislast wird die Schlechter- oder Ungleichbehandlung von tierischen Wesen gegenüber dem oder durch den Men- 58 Donna Harraway: Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen. Berlin 2016, S. 14. 59 Dieter Birnbacher: Alte Fragen – neue Antworten. Die Kontinuität der Tierethik von den Anfängen bis zur Gegenwart. In: Tierethik transdisziplinär, S. 24-41, hier S. 24. Eine Würde der Tiere? 342 schen zu einem Diskriminierungstatbestand. Harraway erläutert diesen am Beispiel ihrer Hündin, wobei sie die gegenseitige Durchmischung als Kontrapunkt zur gängigen Binarisierung der Spezies setzt: Ms. Cayenne Pepper kolonisiert weiterhin all meine Zellen – ein klarer Fall dessen, was die Biologin Lynn Margulis Symbiogenese nennt. Ich wette, eine Prüfung unserer DNA würde potente Transfektionen zwischen uns aufdecken. Ihr Speichel muss die viralen Vektoren enthalten; ziemlich sicher sogar, denn die Küsse ihrer herausschießenden Zunge waren unwiderstehlich. Obwohl man uns beide dem Stamm der Wirbeltiere zuordnet, leben wir nicht nur in verschiedenen Gattungen und divergierenden Familien, sondern in völlig unterschiedlichen Ordnungen. Wie würden wir das wohl in Ordnungen bringen? Canide, Hominide; Haustier, Professorin; Hündin, Frau; Tier, Mensch; Athletin, Hundeführerin. Eine von uns trägt zur Identifizierung einen unter der Nackenhaut implantierten Mikrochip, die andere einen kalifornischen Führerschein mit Lichtbild. Eine von uns verfügt über ein schriftliches Verzeichnis ihrer Vorfahren über zwanzig Generationen, die andere kennt die Namen ihrer Großmutter nicht. Eine von uns ist Produkt einer beachtlichen genetischen Mischung und wird als ‚reinrassig‘ bezeichnet. Die andere, ebenso Produkt dieser beachtlichen Mischung, wird ‚weiß‘ genannt. Jeder dieser Namen bezeichnet einen Diskurs der Rassifizierung und wir beide erben leibhaftig die Konsequenzen dieses Diskurses.60 Gerade der letzte Satz gibt die Analogie des Tierrechtsdiskurses zu anderen Diskursen, wie dem Gender- oder Postcolonial-Diskurs zu erkennen. Es überrascht daher kaum, dass Harraway insbesondere als Feminismustheoretikerin Bekanntheit erlangt hat und sich statt für die traditionelle Klassifizierung nach Spezies, Ethnie, Religion etc. stets für ein Konzept der Gefährtinnen, worin Mensch und Tier eine gleichwertige, partnerschaftliche Behandlung erfahren, stark macht. Die Frage, die sich nach dieser kurzen tour d’horizon durch lediglich einen ausgewählten Teil der tierethischen Diskussionen stellt, ist, wie anschlussfähig eine moralische respektive rechtliche Aufwertung von Tieren an die realen gesellschaftlichen Verhältnisse sein kann. Eine faktische Egalisierung beider Spezies erweist sich angesichts eines weltweit steigenden Konsums tierischer Produkte sowie der im Hinblick auf das Staats- 60 Harraway, Manifest für Gefährten, S. 7. Björn Hayer 343 ziel des Tierschutzes augenfälligen Diskrepanz zwischen Verfassungsintention und -wirklichkeit in allen wirtschaftlich relevante Sektoren, wie Stucki belegt,61 als utopisch. Vielleicht bestünde eine zumindest mittelfristige Kompromisslösung in einer Modifizierung des Modells von Donaldson/Kymlicka. Ausgehend von den Minimalgewährleistungen einer körperlichen Unversehrtheit sowie einer spürbar angemessenen Lebensqualität der „Nutztiere“ – damit wäre im Kern auch ein Tötungsverbot gemeint – könnte man die Idee von einer institutionalisierten Zusammenarbeit im Sinne eines neuen Gesellschaftsvertrages verfolgen. So wie die Menschen für ihre Mitwesen Verantwortung übernehmen, sie versorgen und schützen, so könnte auch den Tieren ein fundamentaler Schutz vor Versehrtheit zugebilligt werden. Im Gegenzug könnten ihnen – ähnlich einem Arbeitsverhältnis – gewisse Pflichten abverlangt werden. Wenn die humane Gesellschaft etwa auf die Tötung männlicher Küken und Kälber, überhaupt Schlachtungen, verzichten würde, könnte sie weiterhin von Milch und Eiern profitieren. Ähnliche Ansätze ließen sich auf andere Kooperationsbereiche wie eine lebensgerechte Medikamentenforschung (Tierversuche) ausweiten. Ob Tieren am Ende dieselben basalen Rechte wie Menschen, also Menschenrechte, gewährt werden müssten, ist zu diskutieren. Andere Akzentuierungen sind moralisch durchaus vertretbar. Dass deren aktuelle Stellung innerhalb einer industrialisierten und anonymen Landwirtschaft – von Tiertransporten über unbetäubte Ferkelkastrationen bis hin zu nicht ordnungsgemäßen Betäubungen im akkordisierten Schlachtbetrieb – moralisch als höchst problematisch anzusehen ist und einer dringenden Verbesserung bedarf, steht jedenfalls zweifelsohne außer Frage. 61 Vgl. Saskia Stucki: Grundrechte für Tiere: Eine Kritik des geltenden Tierschutzrechts und rechtstheoretische Grundlegung von Tierrechten im Rahmen einer Neupositionierung des Tieres als Rechtssubjekt. Baden- Baden 2016, S. 395. 345 Beiträgerinnen und Beiträger Aadam, Janin, M.A., Studium der Germanistik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Johannes Gutenberg- Universität Mainz. Promotionsprojekt zur Lyrik transmedialer Formen und Funktionen der Dichtung im digitalen Zeitalter. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Lehraufträge an der JGU Mainz und der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Gastseminar an der Uniwersytet Kazimierza Wielkiego Bydgoszcz (Polen). Seit 2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Publikationen zum Lied als lyrische Form, zu Transmedialität und Lyrik im Hinblick auf Goethes Erlkönig. Bahr, Matthias, Prof. Dr. theol., Studium der Katholischen Theologie an der Theologischen Fakultät Paderborn und der Ludwig-Maximilians- Universität München. Promotion über prosoziales Lernen im Religionsunterricht. Seit 2012 Professor für Katholische Theologie mit dem Schwerpunkt Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Wissenschaftlicher Leiter der Projektgruppe „Menschenrechtsbildung“ am Fachbereich 6: Kultur- und Sozialwissenschaften. Publikationen zu einschlägigen fachdidaktischen Problemfeldern, insbesondere einer Religionspädagogik ‚nach Auschwitz‘ und zur Menschenrechtsbildung. Mitglied im Beirat der religionspädagogischen Fachzeitschrift Katechetische Blätter sowie im Rat der Stiftung für die (Polen). Bluhm, Lothar, Prof. Dr., Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Bergischen Universität Wuppertal. Promotion über das Tagebuch zum Dritten Reich; Habilitation über das Kommunikationssystem der frühen Deutschen Philologie. Vertretungsprofessur an der Bergischen Universität Wuppertal; Beiträgerinnen und Beiträger 346 Lehrstuhl für Germanische Philologie (Linguistik + Literatur) an der Universität Oulu/Finnland; seit 2006 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau, Standort Landau. Publikationen zur deutschen Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart, zur Wissenschaftsgeschichte, zur Motiv- und Topos- sowie zur Märchenforschung. Gfr. Herausgeber der Zeitschrift Wirkendes Wort. Distelrath, Judith, Studium der Germanistik an der Universität Trier sowie der Katholischen Theologie an der Theologischen Fakultät Trier. Gymnasiallehrerin für die Fächer Deutsch und katholische Religion; seit 2014 Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Biblische Theologie und Bibeldidaktik am Institut für Katholische Theologie der Universität Koblenz-Landau, Standort Landau. Promotionsprojekt zur Rezeption von Wundergeschichten in Kinderbibeln. Publikationen zur Bibeldidaktik und dis/abilitykritischen Hermeneutik neutestamentlicher Heilungserzählungen. Hayer, Björn, Dr., Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Mainz. 2015 Promotion zu den digitalen Medien in der Gegenwartsliteratur. Seit 2014 Mitarbeiter der Abteilung für Literatur- und Kulturwissenschaft am Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Zudem als Literatur-, Film- und Theaterkritiker für verschiedene Tageszeitungen und Magazine tätig. Publikationen zur klassischen und ästhetischen Moderne, zur zeitgenössischen Literatur sowie in den Bereichen der Literary Animal Studies und der germanistischen Medienwissenschaft. Hofer, Achim, Prof. Dr., Studium der Musik, Germanistik und Erziehungswissenschaft an der Universität Paderborn, anschließend Musikwissenschaft in Detmold und Mainz. Dort Promotion über die Geschichte des Marsches. Nach Schuldienst und Lehrtätigkeiten an der Universität Dortmund und der Robert Schumann-Hochschule Düsseldorf seit 1999 Professor für Musikwissenschaft und Musikpädagogik an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Publikationen zur Harmoniemusik, Bläser-, Blas- und Militärmusik, zuletzt Mendelssohn Bartholdys „Ouvertüre für Harmoniemusik“ und Lexikon der Holzblasinstrumente (beide 2018); Beschäftigung mit Brief- Editorik aktuell im DFG-Projekt „Wilhelm Wieprecht“. Beiträgerinnen und Beiträger 347 Joller, Stefan, Dr., Masterstudium in Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften, Schwerpunkt Organisation und Wissen, an der Universität Luzern (Schweiz). Promotion zur Moralsoziologie an der Universität Koblenz-Landau. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Magdeburg; seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau; seit 2018 zudem Koordinator des Forschungsschwerpunktes „Kulturelle Orientierung und normative Bindung“ an der Universität Koblenz-Landau. Publikationen zur Skandal- und Moraltheorie, zur empirischen Medienanalyse und zur Kommunikations- und Interaktionsforschung. Kühn, Walter, Dr., Studium der Neueren deutschen Literatur und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Promotion über Heidegger im literarisch-philosophischen Leben der 1950er Jahre. Seit 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Literaturwissenschaft am Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau, Standort Landau. Publikationen zu Johann Christian Günther, Heinrich von Kleist, Heinrich Heine, Martin Heidegger, Ernst Jünger, Margret Boveri, Günter Eich, Luise Rinser, Günther Neske, Wolfgang Hildesheimer, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann und Peter Rühmkorf. Renner, Julia, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Sozialwissenschaften/Abteilung Politikwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, und Associate Fellow an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz sowie am Centre for African Conflict and Developement, London; Bachelor-Studium der Geschichte und Politikwissenschaften an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mit einem einjährigen Studienaufenthalt an der National University of Ireland; Doppel-Masterstudium in Peace and Conflict Studies zunächst an der University of Kent, in Canterbury und anschließend an der Philipps-Universität Marburg. Promotionsprojekt zum Thema Wasserverknappung und innerstaatliche Konfliktintensität in Ostafrika, mit einem speziellen Fokus auf Kenia und Uganda. Schiefer Ferrari, Markus, Prof. Dr. theol., Studium der Katholischen Theologie und Mathematik für das Lehramt an Gymnasien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Promotion über die Sprache des Leids in den paulinischen Peristasenkatalogen. Seit 2007 Professor für Katholische Theologie mit den Schwerpunkten Biblische Beiträgerinnen und Beiträger 348 Theologie, Exegese des Neuen Testaments und Bibeldidaktik an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Publikationen zur rezeptionsästhetischen Hermeneutik und Didaktik, kindertheologischen Bibellektüre und Dis/ability als hermeneutische Leitkategorie biblischer Exegese. Schuhen, Gregor, Prof. Dr., Studium der Romanistik und Anglistik in Siegen und Paris. Promotion über Sexualität und Geschlecht im Werk von Marcel Proust; Habilitation über Männlichkeiten im spanischen Schelmenroman. 2010–2017 Juniorprofessor für Romanische und Allgemeine Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Men’s Studies an der Universität Siegen. Seit 2017 Professor für Romanistik/Literaturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Leiter der Forschungsstelle für Literatur & Masculinity Studies (LI- MAS) an der Universität Koblenz-Landau. Forschungsschwerpunkte in der Französischen Literatur vom 17. bis 21. Jh. im europäischen Kontext, Gender und Masculinity Studies, Pop- und Jugendkultur, Literatursoziologie, Wissenschaftsgeschichte. Publikationen zu Männlichkeiten in der spanischen und französischen Literatur, zum pikaresken Roman, zu medizinischen Diskursen in der Literatur des 19. Jh., zur Klassenfrage in der Gegenwartsliteratur. Sesselmeier, Werner, Prof. Dr., Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg. Promotion zu einem arbeitsmarkt- und gewerkschaftstheoretischen Thema an der damaligen Technischen Hochschule Darmstadt. Habilitation zu arbeitsmarktpolitischen Implikationen unterschiedlicher Grundeinkommens- und Lohnsubventionsmodelle an der Technischen Universität Darmstadt. Außerplanmäßiger Professor an der TU Darmstadt; seit 2006 Professor für Volkswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik im europäischen Vergleich an der Universität Koblenz- Landau, Campus Landau. Gfr. Editor der Zeitschrift Sozialer Fortschritt. Publikationen zu Themen der Arbeitsmarktökonomie, der Alterssicherung, Demografie und Migration sowie zu verhaltensökonomischen Aspekten. Turgay, Katharina, PD Dr. habil, Studium der Deutschen Philologie, Vergleichenden Sprachwissenschaft und Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Promotion zum Zweitspracherwerb der deutschen Präpositionalphrase; Habilitation über die Beiträgerinnen und Beiträger 349 Wortstellung im deutschen Mittelfeld. Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes Gutenberg-Universität in der deskriptiven Sprachwissenschaft; seit 2008 Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik am Institut für Germanistik der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Publikationen zum Zweitspracherwerb, zur Wortschatzarbeit, zur Syntax und Semantik. Wecker, Konstantin, Sänger, Komponist und Poet, bedeutender deutscher „Liedermacher“, musikalisch geprägt durch frühe Erfahrungen aus dem Bereich der Klassik (Klavierspiel, Kunstlieder und Arien). Untrennbar verbunden mit seinen Liedern ist Weckers politisches Engagement, sein Eintreten für Freiheit, Frieden, Solidarität und Menschenrechte, wofür er vielfach ausgezeichnet wurde, zuletzt mit der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur 2018 der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Anlässlich seines 70. Geburtstages erschien 2017 mit Poesie und Widerstand sein 23. Studioalbum, das neben seinen politischen Liedern auch die lyrische Dimension seines Schaffens hervorhebt, wie er sie in verschiedenen Gedichtbänden zum Ausdruck bringt (z.B. Auf der Suche nach dem Wunderbaren, 2018). Zeller, Andrea, M.A., Bachelorstudium der Politik- und Verwaltungswissenschaften sowie Masterstudium der Governance an der FernUniversität in Hagen. Seit 2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Zuvor Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Dualen Hochschule Ravensburg sowie Controllerin und Projektleiterin bei einem mittelständischen Unternehmen. Derzeit Promotion zu den Auswirkungen von Handelsabkommen der Europäischen Union auf nationalstaatliche Demokratien. Publikationen zur Frage nach der demokratischen Legitimität der Eurorettung, zur Entwicklung vom freien zum fairen Handel sowie zur regionalen Integration innerhalb der EU und des MERCOSUR.

Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.

References

Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.