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Einleitung in:

Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Werner Sesselmeier (Ed.)

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.", page 9 - 16

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4376-9, ISBN online: 978-3-8288-7358-2, https://doi.org/10.5771/9783828873582-9

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Einleitung „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not. […] Wer hat dir Henker diese Macht Über mich gegeben! Du holst mich schon um Mitternacht. Erbarme dich und laß mich leben! Ist’s morgen früh nicht zeitig genung?“ Johann Wolfgang Goethe Mit der Veröffentlichung wird eine Reihe von Sammelbänden mit Beiträgen öffentlicher Ringvorlesungen fortgesetzt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler der verschiedensten Disziplinen mit übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Phänomenen auseinandersetzen. Im Fokus der Veranstaltung im Sommersemester 2018 stand das Thema Menschenrechte. Der Titel der Ringvorlesung und dieses anschließenden Sammelbandes „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“ ist der berühmten Kerker- Szene aus dem ersten Teil von Goethes Faust-Tragödie entnommen. Das verführte und als Kindsmörderin auf den Henker wartende Gretchen erfleht vom vermeintlichen Henker, der in ihr Verlies tritt, Erbarmen in ihrer Not. In ihrem unglücklichen Schicksal und ihrer Verzweiflung und nicht zuletzt im Bewusstsein seiner eigenen Schuld eröffnet sich dem als Retter scheiternden Faust der ‚Menschheit ganzer Jammer‘. In der Szene wird unmittelbar fassbar, was die Rede über Menschenrechte und was Menschenrechtsdiskurs im Kern meint: Es geht um die Verletzung dieser Rechte, um die Depotenzierung des Menschen, um die Herabwürdigung seines Menschseins. Aber zugleich geht es um ein Aufbegehren gegen diese Verletzungen, um die Möglichkeit von Heilung, Schutz und Bewahrung. Damit ist der weite Raum ausgemessen, dem sich die nachfolgenden Beiträge in ihren jeweils eigenen Problemanzeigen und -diskussionen zuwenden. Sie setzen sich mit dem Menschenrechtsdiskurs im Allgemeinen oder mit Einleitung 10 speziellen Fragestellungen aus ihren jeweils eigenen fachwissenschaftlichen Blickwinkeln auseinander und führen in die Breite des Diskursfeldes ein. Dass das Thema Menschenrechte den gemeinsamen Fokus einer öffentlichen Ringvorlesung im Fachbereich 6: Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau der Universität Koblenz-Landau bildete, ist auf das Engste mit der jüngeren Geschichte dieser Einrichtung verbunden. Vor dem Hintergrund der seit Jahren zu beobachtenden fortschreitenden Erosion der liberal-demokratischen Kultur in Deutschland und der Bedrohung der Demokratie in der Rückkehr vergessen geglaubter Nationalismen entschloss sich der Fachbereich 2014 zu einer gemeinsamen Neuausrichtung aller seiner Einrichtungen – seiner Institute, Abteilungen und Fächer, aber auch seines Lehrprogramms. Die Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs starteten eine gemeinsame Initiative, um ab dem Sommer 2015 der universitären Lehramts- wie auch der nicht auf das Lehramt bezogenen Ausbildung in ihrem Verantwortungsbereich durch die Inklusion von ‚Menschenrechtsbildung‘ eine eigene Fundamentierung zu geben und das Bekenntnis zu Humanität und Menschenrechten in aktives Tun umzusetzen. Das Thema Menschenrechte und die Menschenrechtsbildung wurden zu einem gemeinsamen Bezugspunkt sämtlicher Lehre, gleichermaßen in den Philologien, in Germanistik, Anglistik oder Romanistik, wie in den Theologien, in der Kunst- und in der Musikwissenschaft oder in den Sozialwissenschaften, in der Soziologie, den Wirtschafts- und in den Politikwissenschaften. Die Vermittlung von Wissen über Menschenrechte und die Beförderung eines Bewusstseins von den sich daraus ableitenden Handlungsnotwendigkeiten sind zu einer begleitenden Aufgabe jedweder fachwissenschaftlichen oder fachdidaktischen Lehre im Fachbereich erhoben worden. Als Bezugspunkt diente und dient eine im Januar 2016 veröffentlichte Selbstverpflichtung der Dozentinnen und Dozenten des Fachbereichs, das „Landauer Manifest“. Zur gemeinsamen Arbeit gehört darüber hinaus ein von allen Instituten getragener Zertifikatsstudiengang als zusätzliches fächerübergreifendes Lehrangebot für die Studierenden. Gemeinsame Workshops und das Angebot, in einem Projekt mitzuarbeiten, vertiefen die Initiative. Der Gedanke, dieses gemeinsame Unternehmen zur Beförderung einer Menschenrechtsbildung in der Lehre auch in einer vom Fachbereich angebotenen Ringvorlesung zur Geltung zu bringen, lag also nahe. Die Herausgeber 11 Bei der Zusammenführung verschiedener Projekte des Fachbereichs bot sich im Sommer 2018 zudem als weitere Möglichkeit die Verknüpfung einer entsprechenden Ringvorlesung mit der Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur durch den Fachbereich an. In Erinnerung an den deutsch-amerikanischen Karikaturisten und Gesellschaftskritiker Thomas Nast, einen großen Sohn der Stadt Landau in der Pfalz, vergibt der Fachbereich in unregelmäßigen Abständen eine solche Gastprofessur an herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft oder Kultur, die sich im Schnittfeld von Kunst oder Wissenschaft und politischer Aufklärung bewegen und sich mit künstlerischen oder wissenschaftlichen Mitteln der politischen Aufklärung verpflichtet sehen. Nachdem diese Ehrenbezeugung des Fachbereichs zuletzt 2015 dem Kunstgraphiker Klaus Staeck verliehen worden war, wurde 2018 der Lyriker, Sänger und Schauspieler Konstantin Wecker als einer der profiliertesten politischen Künstler der Bundesrepublik geehrt. Dass Konstantin Wecker, der seit Jahren und Jahrzehnten ebenso stimmgewaltig wie unzweideutig das politische Leben in Deutschland künstlerisch kommentierend begleitet, die Ringvorlesung mit einem musikalischen Gastvortrag ergänzte, war eine ebenso große Ehre, wie es einen unzweifelhaften Gewinn und ein wunderbares Vergnügen darstellte – nicht zuletzt rückte sein Beitrag die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Probleme in Deutschland – neuer Nationalismus, Fremdenhass, politisches Versagen u.a.m. – dezidiert ins Blickfeld. So sind auch die Eingangsbeiträge des Sammelbandes ganz augenfällig mit der Person und dem Werk dieses Künstlers verbunden. Den eigentlichen Eingang bildet ein Gedicht, das KONSTANTIN WECKER für den Band bereit gestellt hat. „Und wenn sie euch sagen“ ist eine engagierte künstlerische Wortmeldung zur sogenannten ‚Flüchtlingsdebatte‘ und eine Auseinandersetzung mit der verlogenen Phraseologie jener fremdenfeindlichen Verdummungsrhetorik, die die Fluchtbewegungen der vergangenen Jahre häufig begleitet und zur Vergiftung des innenpolitischen Klimas in Deutschland beigetragen hat. Die Verleihung der Thomas-Nast-Gastprofessur 2018 an Konstantin Wecker und dessen Teilnahme an der Ringvorlesung wurden vorbereitet und begleitet von Lehrveranstaltungen in verschiedenen Fächern und Lehrprogrammen des Fachbereichs, so in der Kunstwissenschaft, der Musikwissenschaft, der Katholischen Theologie und in der Germanistik. Im Beitrag „Konstantin Wecker lesen“ stellt der Germa- Einleitung 12 nist und Literaturwissenschaftler LOTHAR BLUHM nach einer Würdigung des Lyrikers Wecker einige Seminararbeiten von Studierenden vor, die sich über den Weg der ‚produktiven Rezeption‘ mit dem Lyriker und Liedermacher und dessen Werk auseinandergesetzt haben. ACHIM HOFER versucht in seinem Beitrag „Konstantin Wecker hören“ das Bild vom politischen Liedermacher – ein Ausdruck, den Wecker als einengenden „Stempel“ empfindet – um weniger bekannte Facetten zu erweitern. Denn der Musiker und Musik-Schriftsteller Wecker sieht in der ‚wahren Musik‘ (entgegen der Ware Musik) auch Möglichkeiten der Ich-Findung, der Selbst-Verwirklichung, des Authentischen. Als vermeintliche Innerlichkeit ist dies kein Widerspruch zur kämpferischen Verteidigung von Menschenrechten auf künstlerischer Ebene, sondern Mit-Bedingung für eine humane Welt. JANIN AADAM betrachtet in ihrem Beitrag „Konstantin Wecker verstehen“ das poetische Werk des Künstlers im Spiegel der Menschenrechte. Im Anschluss an eine Bezugsetzung von Poesie und Menschenrechten widmet sich der Artikel ausgewählten Gedichten und Liedern Weckers, die im Spiegel einzelner Menschenrechte reflektiert werden, um über die Fokussierung ein eigenes Verständnis von Weckers Werk zu eröffnen. In einem zweiten Block werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das weite Themenfeld der Menschenrechte versucht, wobei sehr unterschiedliche Facetten vorgestellt und diskutiert werden. Ausgehend von der kulturprägenden Wirkung der Bibel setzt sich MARKUS SCHIEFER FERRARI in seinem Beitrag „Teilhabe für alle Biblische Hoffnungsgeschichten dis/abilitykritisch gelesen“ mit der Frage auseinander, inwieweit gerade die Tradierung von Bildern einer zukünftigen Heilsgemeinschaft aller und die damit vielfach verbundene undifferenzierte Gleichsetzung von Heil und Heilung dazu beigetragen haben, solche Vollkommenheitsphantasien auf irdische Verhältnisse zu übertragen und daher Menschen mit Behinderung auszuschließen – ganz im Widerspruch zu dem von der UN-Behindertenrechtskonvention (2008) eingeforderten Menschenrecht der Partizipation aller an allen Bereichen der Gesellschaft. Daran anschlie- ßend untersucht JUDITH DISTELRATH am Beispiel der Erzählung von der Heilung eines Gelähmten (Mk 2,1-12), inwieweit Kinderbibeln bei der Rezeption biblischer Heilungsnarrative auf klassische Deutungsstrategien von Behinderung zurückgreifen und damit (bewusst oder Die Herausgeber 13 unbewusst) klischeehafte, in Bezug auf Behinderung wenig sensible Vorstellungen festschreiben. Die Texte werden auf der Grundlage allgemeiner Überlegungen zum Behindertenbegriff, die sich den sogenannten Dis/ability Studies verdanken, kritisch in Hinblick auf die Konstruktion von Behinderung bzw. Nicht-Behinderung gelesen. Thematisieren Ferrari Schiefer und Distelrath menschenrechtliche Fragen aus dem Blickwinkel der Theologie, so tun dies die folgenden drei Beiträge aus literaturwissenschaftlicher Sicht. WALTER KÜHN untersucht Heinrich Heines literarischen Einsatz für die Menschenrechte. In einem werkchronologischen Zugang wird Heines jüdischem Selbstverständnis am Beispiel der Gedichte An Edom! und Brich aus in lauten Klagen (1824), dem mit Autoren des ‚Jungen Deutschland‘ verbundenen ästhetischen Kampf Heines für die Verwirklichung der Ideale der Französischen Revolution seit den 1830er Jahren sowie Heines literarisch-politischem Vermächtnis in späten Gedichten des Romanzero nachgegangen. LOTHAR BLUHM verfolgt die Dilemmatik von Schuld, Würde und Identitätsbewahrung in Bernhard Schlinks Romanen der 1990er Jahre, wobei er vor allem auf den Bestseller Der Vorleser schaut. Die Analyse von Schlinks literarischem Werk wird mit rechtswissenschaftlichen und rechtsphilosophischen Problemstellungen verbunden, die den Juristen Schlink an anderer Stelle beschäftigten. Der Beitrag von GREGOR SCHUHEN untersucht auf der Basis soziologischer und erzähltheoretischer Theoriebildung, inwieweit in französischen Romanen des 21. Jahrhunderts das Thema sozialer Ungleichheit und Spaltung reflektiert wird. In autosoziobiografischen Texten von Didier Eribon, Édouard Louis und Aurélie Filipetti werden solche gesellschaftlichen Spaltungstendenzen vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Chancengleichheit, Bildungsaufstieg und gesellschaftliche Teilhabe von Deprivilegierten verhandelt. Deutlich wird, dass sich in Frankreich insgesamt ein neuer Trend zu einer littérature engagée beobachten lässt, die den Anspruch vertritt, den Ausgeschlossenen und Marginalisierten eine Stimme zu verleihen, um auf diesem Weg die Gültigkeit der Menschenrechte für alle Bürgerinnen und Bürger einzufordern. Den literaturwissenschaftlichen Studien schließt sich eine sprachwissenschaftliche Untersuchung an, die den Fokus auf das Medium Sprache richtet. In ihrem Beitrag gibt KATHARINA TURGAY einen Überblick über Sprache, die Gewalt ausübt und die Macht besitzt, beispielsweise in Form von Beleidigungen, Menschen zu verletzen. Dabei Einleitung 14 rückt vor allem die verbale Gewalt in den Fokus des Beitrags, die Menschen aufgrund von rassistischen Äußerungen diskriminiert. Im Anschluss an die kulturwissenschaftlichen Perspektivierungen wendet sich ein weiterer Block dem Themenfeld Ökonomie, Politik und Gesellschaft zu. Den Ausgangspunkt macht die kontroverse Verhandlung der Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus zum einen sozialethischem und zum anderen wirtschaftswissenschaftlichem Blickwinkel. MATTHIAS BAHR stellt klar, dass die Frage aus theologisch-ethischer Sicht zwar verneint werden müsse, dass sie aber zu Reflexionen über Ursachen und Ziele menschlichen Handelns führe. Dabei stoße man auf gravierende Verwicklungen und Abgründe menschlichen Handelns, die innerhalb der ethischen Tradition des Christentums schon seit Jahrhunderten aufgewiesen würden und sich auch im 21. Jahrhundert noch keinesfalls erledigt hätten. Vielmehr stellt sich für Bahr die Frage nach angemessenen sozialpolitischen und -ethischen Interventionen, um Abstürze in die Unmenschlichkeit zu vermeiden. WERNER SESSELMEIER erhellt, dass man die ‚Ökonomie‘ auf drei Ebenen betrachten müsse: Die Wirtschaft als die praktische Ausformung von Ökonomie, als die Wissenschaft vom ökonomischen Handeln und als die Individuen, also alle, die tagtäglich in unterschiedlichen Rollen als wirtschaftlich tätige Subjekte agieren. Bei der Betrachtung der Auswirkungen ‚der Ökonomie‘ auf Menschenrechte haben folglich auch diese Ebenen unterschieden zu werden. Sesselmeier zeichnet dieses Beziehungsgefüge unter Berücksichtigung aller drei Ebenen differenziert nach. Greifbar wird, dass die ökonomischen Verhältnisse auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene letztlich nur durch die Einbindung sozialer Menschenrechte in individuelle Entscheidungen vorangebracht werden können. Die beiden folgenden Beiträge weiten aus wirtschafts- und aus politikwissenschaftlicher Perspektive den Blick auf das internationale Wirtschaftsgeschehen aus. ANDREA ZELLER widmet sich dem Schutz von Menschenrechten in diesen Zusammenhängen. Nach der Darstellung der Entstehung und Verbriefung menschenrechtlicher Normen vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler Interessen wird am Beispiel zweier wichtiger Konsumgüter untersucht, inwieweit die Menschenrechte im Wirtschaftsleben verwirklicht werden. Dabei werden die bisherigen Kontrollmechanismen einer kritischen Überprüfung unterzogen und mögliche strukturelle Ursachen von Menschenrechtsverletzungen aufgezeigt. JULIA RENNER konzentriert den Die Herausgeber 15 Blick auf den Zusammenhang von Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Klima am Beispiel von Wasserkonflikten und Menschenrechtsverletzungen in Ostafrika. Der Beitrag analysiert am Fall des Naivashasees in Kenia, inwieweit Wasserverknappung durch Menschenhand zu Menschenrechtsverletzungen beiträgt. Deutlich wird, dass dabei nicht nur ein Sicherheitsproblem für die lokale Bevölkerung entsteht, sondern sich aus solcherart Entwicklung auch regionale und nationale Konfliktherde ergeben können. STEFAN JOLLER wendet sich mit der Frage nach den Menschenrechten als Universalmoral einer grundsätzlichen Problemdiskussion zu, die eine der zentralen Probleme der Soziologie fokussiert: Was hält die Gesellschaft eigentlich zusammen und welche Rolle spielt hierbei der Mensch? Entgegen der oft behaupteten Eindeutigkeit einer Universalität der Menschenrechte beleuchtet der Beitrag die gesellschaftstheoretische Einbettung der Menschenrechte im Kontext konkurrierender moralischer Selbstverständnisse und zeigt auf, dass die Zentralstellung des Schutzes des Individuums zum Schutze des Menschen als soziales Wesen (kollektivistische) Alternativen kennt. An den Grau- und Randzonen des Menschenrechtsdiskurses stellt sich die Frage, ob auch Lebewesen anderer Spezies Teil der darin angelegten moralischen Gemeinschaft werden können. Auf Basis insbesondere moderner Positionen innerhalb der Tierethik lotet BJÖRN HAYER Chancen, Herausforderungen und Risiken der Ausweitungen der Grenzziehungen aus, wobei er philosophische, juridische und gesellschaftstheoretische Ansätze einbezieht. „Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.“, lässt Goethe seine Tragödienfigur in ihrer Verzweiflung flehen. Das Thema der Entwürdigung des Menschen und der Verletzung seiner Grundrechte war der Bezugspunkt einer Stafette von Vorträgen im Rahmen einer Ringvorlesung, dem sich im Sommersemester 2018 Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Kultur- und Sozialwissenschaften zugewandt haben. Die Perspektivierungen sollten und konnten nur Einblicke in ein weites Problemfeld und dessen Diskussion vermitteln. Ein weiterreichender Anspruch wäre vermessen angesichts der Komplexität dieses gerade für unsere Zeit so wichtigen Themas. Wozu der Band gleichwohl beitragen kann, ist die Beförderung der Vergegenwärtigung des Problemfeldes und des begleitenden Reflexionsprozesses. Beides gehört zu jener Menschenrechtsbildung, von deren Notwendigkeit die Dozentinnen und Dozenten des Fach- Einleitung 16 bereichs 6: Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau der Universität Koblenz-Landau zutiefst überzeugt sind. Menschenrechtsbildung selbst generiert keine Lösungen, aber sie trägt dazu bei, ein Bewusstsein zu bilden und am Leben zu erhalten, das zu einem Eintreten für Menschlichkeit und eine am Humanum orientierte liberaldemokratische Kultur befähigt. Im wissenschaftlichen Diskurs kommt einer geschlechtersensiblen Sprache inzwischen ein beinahe selbstverständlicher Stellenwert zu. In welcher Weise sie schriftsprachlich umgesetzt wird, ist den Beiträgerinnen und Beiträgern des Sammelbandes freigestellt worden. Im Sommer 2019 Lothar Bluhm Markus Schiefer Ferrari Werner Sesselmeier

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Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.