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Björn Hayer, Eine Würde der Tiere? Tierethische Positionsbestimmungen als Randzone des Menschenrechtsdiskurses in:

Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Werner Sesselmeier (Ed.)

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.", page 325 - 344

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4376-9, ISBN online: 978-3-8288-7358-2, https://doi.org/10.5771/9783828873582-325

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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325 Eine Würde der Tiere? Tierethische Positionsbestimmungen als Randzone des Menschenrechtsdiskurses Björn Hayer 1. Zur Diskussion um die Tierethik Es liegt in der Natur von Definitionen, dass sie auf Ein- und Abgrenzungsversuchen beruhen. Wenn demnach eine Begründung von Menschenrechten forciert wird, so impliziert die damit einhergehende moralische Gemeinschaft den Ausschluss von Wesen anderer Spezies. Konkret bedeutet dies, dass sie nicht in den Genuss der darin geltenden Schutzrechte gelangen können. Zu eruieren wäre allerdings, welche Kriterien überhaupt einen Eintritt in diesen vermeintlich klar konturierten Rechtsraum gewähren. Spätestens mit dieser Grundsatzfrage wird deutlich, dass der Menschenrechtsdiskurs nicht exklusiver Natur, sondern in einem größeren, transdisziplinären Forschungsfeld zu situieren ist. Im vorliegenden Beitrag, der sich gewissermaßen an die Grauzonen und Randbezirke des in diesem Band behandelten Gegenstandes begibt, sollen philosophische, juridische, politikwissenschaftliche und theologische Argumentationen aus dem Spektrum der Tierethik als einer Bereichsethik1 1 Margreiter definiert das Feld folgendermaßen: „Tierethik als Frage nach dem angemessenen Umgang ist systematisch mit zwei anderen Fragen verbunden: (1) mit der Frage nach der ‚Natur‘ der Tiere und (2) mit der Frage nach der Möglichkeit, überhaupt etwas über Tiere wissen zu können.“ Reinhard Margreiter: Philosophische Tierethik. In: Human-Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende. Mit Beiträgen von Reinhard Heuberger und Reinhard Margreiter. Von Gabriela Kompatscher, Reingard Spannring und Karin Schachinger. Münster 2017, S. 111. Zur Bereichsethik vgl. Julian Nida-Rümelin: Tierethik I: zu den philosophischen und ethischen Grundlagen des Tierschutzes. In: Ders: Ange- Eine Würde der Tiere? 326 herangezogen werden, welche die Anstrengung unternehmen, letztlich die vermeintlich strikten Grenzziehungen zwischen humaner und animaler Spezies neu auszuloten. Als Konsequenz des ‚Animal Turn‘ innerhalb der Kulturwissenschaften ergibt sich die Einsicht, dass die Grenze zwischen Mensch und Tier niemals gegeben ist, sondern immer hergestellt werden muss, und dass sie als das Gemachte immer ein Moment der Unbestimmtheit in sich trägt: Zwischen Mensch und Tier verläuft keine scharfe Linie, sondern findet sich eine ‚Schwelle‘ bzw. ‚Zone‘.2 Bevor – aufbauend auf dieser Hypothese – vor allem moderne Positionen des 20. und 21. Jahrhunderts in den Fokus geraten, soll kurz eine grobe Ordnung jenes Feldes der praktischen Philosophie vorgenommen werden. Wie von Friederike Schmitz vorgeschlagen,3 lassen sich die diachronen Auseinandersetzungen um die Mensch-Tier-Grenze sowie die damit verbundenen ethischen Implikationen grob in drei Stadien einteilen: 1. den radikalen und 2. den gemäßigten Anthropozentrismus sowie 3. die sich davon weitestgehend lösenden modernen Sichtweisen. Für ersteren stehen beispielsweise Aristoteles, Augustinus und René Descartes ein, der in Tieren bekanntermaßen nicht mehr als seelenlose Maschinen zu erkennen vermochte.4 Während diese traditionalistische Riege, welche sich noch um viele weitere Autoren ergänzen ließe, dem Menschen ein uneingeschränktes Primat in der Natur zuspricht, sehen Vertreter der zweiten Gruppe, darunter die englischen Empiristen Hobbes und Locke oder der utilitaristische Denker Jeremy Bentham, dessen Exklusivstellung als problematisch an. Der letztgenannte trägt mit seiner Überlegung „The question is not, Can they reason?, nor Can they talk? but, Can they suffer?“5 für eine wandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Stuttgart 1996, S. 459. 2 Roland Borgards: Cultural Animal Studies. In: Ecocritism. Eine Einführung. Hrsg. von Gabriele Dürbeck und Urte Stobbe. Köln/Weimar/Wien 2015, S. 68-80, hier S. 73. 3 Friederike Schmitz: Tierethik – eine Einführung. In: Tierethik. Grundlagentexte. Hrsg. von ders. Berlin 2014, S. 13-73. 4 Vgl. Margreiter, Philosophische Tierethik, S. 133. 5 Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation. Hrsg. von J. H. Burns und H.L.A. Hart. Oxford 1996, S. 235-236. Björn Hayer 327 Perspektivverschiebung in einen bis ins 18. Jahrhundert hinein verkrusteten Diskurs bei. Bis dahin erstrecken sich die theoretischen Ansätze vor allem auf die Etablierung und Verfestigung von distinkten Merkmalen, die einerseits eine Nobilitierung der Spezies Mensch und andererseits eine Inferiorisierung der Spezies Tier zum Ziel haben. Um nur einige davon zu nennen, sei etwa auf die Sprachkompetenz, die Fähigkeit zur Zukunftsgestaltung sowie im Allgemeinen auf ein Todes-, Fremd- und Selbstbewusstsein hingewiesen.6 Bei Bentham findet sich erstmals der kritische Einwand, ob überhaupt bestimmte Fähigkeiten relevant erscheinen müssen, um ethische Entscheidungen über den Lebenswert einer Kreatur oder eben dessen Fehlen zu treffen. Lori Gruen greift diese Frage im 20. Jahrhundert auf und konstatiert: „Die Selbst-/Anderer-Unterscheidung muss den Wert anderer nicht verringern, sondern kann dabei helfen, uns sowohl die Belastbarkeit als auch die Verletzbarkeit des eigenen Selbst in Beziehung zu anderen vor Augen zu führen.“7 Dieser Spiegelungsmodus deutet bereits eine ausgeprägtere mitleidsethische Konzeption an, die im Frühstadium bei Bentham zunächst noch auf die Bemerkung der Leidensfähigkeit der Kreatur beschränkt bleibt. Eine manifeste Zäsur in sowie Ausdifferenzierung der Tierethik ist mit einigen Ausnahmen wie beispielsweise Arthur Schopenhauer oder implizit im frühromantischen Natur- und Ökodiskurs erst ab dem beginnenden 20. Jahrhundert infolge der Lebensreform- und der sich etablierenden Tierschutzbewegung zu beobachten. Dem Blick auf das tierische Andere ist allerdings zumeist noch immer ein anthropozentrischer Einschlag inhärent, wenn beispielsweise der Respekt vor diesem allein auf Mitleid oder der Barmherzigkeit gründet, was wiederum eine überlegene Position des Menschen insinuiert. Bevor der Beitrag im Folgenden nun auf neuere Ansätze eingeht, sei an dieser Stelle noch kurz, aber nicht minder nachdrücklich auf die bahnbrechenden natur- und neurowissenschaftlichen respektive behaviouristischen Forschungen der letzten Dekaden hingewiesen. Zahlreiche Studien belegen nicht nur bei den Menschenaffen eine über 90% hinaus- 6 Vgl. Teresa Präauer: Tier werden. Göttingen 2018, S. 28-29. 7 Lori Gruen: Sich Tieren zuwenden. Emphatischer Umgang mit der mehr als menschlichen Welt. In: Tierethik, Grundlagentexte, S. 390-404, hier S. 404. Eine Würde der Tiere? 328 reichende genetische Übereinstimmung mit dem Menschen.8 Auch zu Schweinen und anderen „Nutztieren“ liegen ähnliche Befunde vor. Zudem weisen diverse Tierarten in Verhaltensforschungen immer wieder Fähigkeiten zur Empathie, Trauer oder Selbsterkenntnis auf. Die stets auf die Bewusstseinsebene abhebenden Ausschlussmechanismen, wie sie in der Philosophiegeschichte lange Zeit kultiviert und essenzialisiert wurden, können schon von dieser Erkenntnisbildung her als falsifiziert bezeichnet werden und rechtfertigen nicht mehr, „nicht-menschliche Tiere als Waren, Ressourcen oder Diener/Sklaven“ zu behandeln.9 2. Menschenrechte als Tierrechte? Auch im Fokus der juridischen Diskussion um Legitimation oder Delegimation von Tierrechten steht zunächst der bereits skizzierte „Eigenschaftenansatz“.10 Die Reduktion einer Spezies wegen eines defizitären Fähigkeitsprofils, die analog zu Rassismus und Sexismus mit dem Begriff „Speziesismus“11 verbunden ist, bedingt Überlegungen, die auf eine Dekonstruktion der darauf errichteten Ordnung zielen. Zwei Vertreter sollen hierzu exemplarisch vorgestellt werden: 1. Tom Regan und 2. Bernd Ladwig. Ersterer gehört zu den Hauptvertretern der Tierrechtsbewegung und baut seine Argumentation zunächst vom Standpunkt der Menschenrechte her auf. Im Kern beruhen sie ihm zufolge auf einem fundamentalen „Zutrittsverbot“. 12 Danach „steht [es] unseren Mitmenschen moralisch 8 Vgl. O.A.: Orang-Utan und Mensch sind nahezu identisch. In: Spiegel Online vom 27.01.2011. URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/genom-vergleich-orang-utanund-mensch-sind-nahezu-identisch-a-741828.html (letzter Abruf am 23.07.2018). 9 Hilal Szegin: „Tiere sind meine Freunde.“ – Wirklich? Ethische Überlegungen zur Haustierhaltung. In: Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen. Hrsg. von Viktoria Krason und Christoph Willmitzer für das Deutsche Hygiene-Museum. Berlin 2017, S. 88-119, hier S. 92. 10 Schmitz, Tierethik, S. 50. 11 Peter Singer: Ethik und Tiere. Eine Ausweitung der Ethik über unsere eigene Spezies hinaus, in: Tierethik, Grundlagentexte, S. 77-86, hier S. 81. 12 Tom Regan: Von Menschenrechten zu Tierrechten. In: Tierethik, Grundlagentexte, S. 88-114, hier 90. Björn Hayer 329 nicht zu, uns Schaden zuzufügen“ sowie „unsere Entscheidungsfreiheit nach Belieben einzuschränken“. 13 Autonomie und Schutzrechte als Klammer gerieten allerdings nur dann in den Rang von Menschenrechten, wenn darüber Einigkeit bestünde, „dass wir sie alle gleichermaßen besitzen“ –14 also unabhängig von individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten. Um die Universalität zu gewährleisten, bedürfe es ferner eines Gerechtigkeits- und Beistandsgebotes: „In je geringerem Maße Menschen in der Lage sind, ihre Rechte einzufordern, desto mehr sind wir verpflichtet, es für sie zu tun“.15 Dies betrifft allen voran Kinder, Senioren oder auch Menschen mit geistigen bzw. physischen Behinderungen, welche eben nicht alle in der Abgrenzung vom Tier gebräuchlichen Merkmale erfüllen, wie sie gemeinhin dem Menschen zugeschrieben werden. Aufgrund dieses Umstandes fragt Regan, auf welcher Basis sich die humane Gemeinschaft konstituiert und dementsprechend Ausschlüsse von animalen Wesen rechtfertigt. Dazu arbeitet er sich an folgenden Begründungsmustern ab: Menschen haben Rechte, weil… 1. Menschen Menschen sind 2. Menschen Personen sind (Individuen, die moralisch für sich Verantw. übernehmen können) 3. Menschen über Selbstbewusstsein verfügen 4. Menschen Sprache verwenden 5. Menschen in einer moralischen Gemeinschaft leben16 Die erste Sentenz stellt aus Regans Sicht eine rein normative Behauptung dar. Die Punkte 2-3 träfen mitunter nicht auf jenen Personenkreis zu, der aufgrund unterschiedlicher Einschränkungen eines Fürsprechers bedürfe. Weiterhin lassen sich diese Aspekte, wie bereits angedeutet, inzwischen ebenso bei Tieren beobachten. Es bleibt demzufolge das letzte Argument, das der Theoretiker mit einem Gegenbeispiel zu entkräften versucht: Nehmen wir das Konzept der Hexerei. Soweit uns bekannt ist, handelt es sich dabei um ein Konzept, das in menschlichen Gemeinschaften – und nur dort – aufkommt. Nehmen wir einmal an, dass es sich tatsächlich so verhält. Und nehmen wir ferner an, dass uns die Frage 13 Ebd., S. 90. 14 Ebd. 15 Ebd., S. 94. 16 Ebd., S. 96. Eine Würde der Tiere? 330 gestellt wird, ob es Hexen gibt. Niemand, der auch nur einigermaßen sorgfältig zu denken versteht, würde antworten: ‚Die Erklärung für die Existenz von Hexen liegt darin, dass das Konzept der Hexerei in unserer (menschlichen) Gemeinschaft verwendet und verstanden wird.‘ Dass wir ein Konzept von Hexen haben, trägt nicht das Geringste zur Erklärung der Existenz (oder Nichtexistenz) von Hexen bei. Es gibt keinen Grund, warum dies im Fall der Rechte anders sein sollte.17 Die moralische Gemeinschaft wird von dem Tierrechtler folglich mittels eines Gedankenexperiments zu einer willkürlichen Konstruktion deklariert. Nachdem er die Tragfähigkeit der fünf Kriterien in summa infrage gestellt hat, konstatiert er angesichts fehlender allgemeingültiger Gemeinsamkeiten (Ethnie, Geschlecht, Religion, Fähigkeiten…) unter den Mitgliedern der humanen Spezies: „Wie sehr wir Menschen uns auch voneinander unterscheiden mögen, hier liegen unsere fundamentalen Ähnlichkeiten. […] Die Ähnlichkeiten sind jedoch wichtig genug, um einen eigenen Ausdruck zu rechtfertigen“.18 Der Philosoph setzt letztlich die Hürde zur Anerkennung des Status Menschsein herab. Der Finalsatz expliziert, dass Regan letztlich keine besonderen Merkmale entdecken kann, welche die humane Exklusivität konstituieren. Als gemeinsame Basis bringt er stattdessen einen eigenen Begriff ins Spiel: Ausgehend von der Annahme, dass alle „Subjekt[e]-eines-Lebens“ 19 seien, kommt er zum Schluss, dass diese definitorische Eingrenzung ebenso Tiere integrieren müsse. Was versteht er genau unter dem Terminus? Näher führt er aus, dass „wir alle der Welt gewahr sind“ […], „weil das, was mit uns geschieht, für uns von Bedeutung ist.“ 20 Konkretisieren lässt sich diese Form von Wahrnehmungsbewusstsein über ein gemeinsames Sinnesvermögen oder gemeinsame Verhaltensweisen und Affekten wie Trauer, Freude oder Angst.21 Ergo: Zwischen den Spezies „gibt [es] eine Gleichheit inmitten aller Unterschiedlichkeit. Im Hinblick auf unseren Status als Subjekteeines-Lebens sind wir Artverwandte.“22 Aufgrund der kognitiv-mentalen 17 Ebd., S. 100. 18 Ebd., S. 101. 19 Ebd. 20 Ebd., S. 103. 21 Vgl. Friederike Schmitz: Tierethik. Münster 2017, S. 22-24. 22 Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten, S. 104. Björn Hayer 331 Ähnlichkeit im Hinblick auf die Fähigkeit, sich selbst und die Umwelt in grundlegender Weise erfassen zu können, hält Regan die Legitimation distinkter Merkmale für nicht mehr angemessen. Denkt man diesen Ansatz weiter, so würde er die Kappung sämtlicher Mensch-Tier-Beziehung implizieren:23 „Den VerfechterInnen der Tierrechte stellt sich daher eine Mammutaufgabe: wir müssen die Käfige leeren, nicht vergrößern.“24 Diese finale Aussage fällt im ethischen Diskurs in die Kategorie einer „idealen Theorie“, weil sie letztlich auf eine Egalisierung zwischen Mensch und Tier hinausliefe, insofern beiden Spezies prinzipiell dieselben Schutzund Freiheitsrechte zustünden. Zwingend ist dies jedoch nicht. Im Sinne einer „nicht-idealen Theorie“ nach Garner25 könnten auch trotz der Feststellung von Ähnlichkeiten den jeweiligen Speziesvertretern unterschiedliche Rechte zugeschrieben werden. Zudem ließe sich für Kritiker der generellen Egalisierung auch mit einer konditionalen Einstufung bzw. Differenzierung argumentieren, wie sie etwa Wischermann vorschlägt: Wenn manche Tiere ausführlich und erwidernd kommunizieren, wenn sie eine eigene Lebens- und Entwicklungsgeschichte haben, wenn diese zunehmend in der Koevolution mit menschlichen Lebensgeschichten gesehen wird, wenn sich in dieser Beziehung die menschliche wie die tierliche Person verändern, dann stellt sich die Aufgabe, Tiere als Subjekte zu erfassen und zu denken.26 23 Vgl. Björn Hayer: Vom Lieben und Töten. Jenseits von Schrecken und Perversion: Eine Neuaufstellung der Mensch-Tier-Verhältnisse ist, wenn wir unsere Menschlichkeit behaupten wollen, dringender denn je. In: Neues Deutschland vom 13.10.2017. URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/ 1066775. tierrechtevom-lieben-und-toeten.html?sstr=bj%C3%B6rn|hayer (letzter Abruf am 28.9.2018). 24 Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten S. 113. 25 „Diese Theorie besagt im Ergebnis, dass wir Tieren kein Leid zufügen sollten, sie aber weiter nutzen und auch zu unseren Zwecken töten dürften“, s. Schmitz, Tierethik, S. 198. 26 Clemens Wischermann: Zwischen „Vieh“ und „Freund“. Historische Annäherungen an das Selbst eines Tieres. In: Tierisch beste Freunde. Über Haustiere und ihre Menschen. Hrsg. von Viktoria Krason und Christoph Willmitzer für das Deutsche Hygiene-Museum. Berlin 2017, S. 49-87, hier S. 70. Eine Würde der Tiere? 332 Inkludiert werden bei diesen Bedingungen nachweislich zumindest die Tierarten in der Landwirtschaft. Für eine weitere juridische Behandlung tierethischer Fragestellungen tritt der Rechtswissenschaftler Bernd Ladwig ein. Sein Plädoyer geht von einem Syllogismus für Tierrechte aus: I. Alle Menschen sind Tiere. II. Alle Menschen haben Rechte. III. Also haben manche Tiere Rechte.27 Zunächst zur ersten These. Diese bezeichnet der Autor als eine empirisch verbürgte, wobei er auf biologische Einordnungen referiert. Denn sie ist biologisch unstrittig; auch wir sind Tiere: Stamm Chordatiere, Unterstamm Wirbel- oder Schädeltiere, Reihe Landwirbeltiere, Klasse Säugetiere, Unterklasse höhere Säugetiere, Ordnung Primaten, Unterordnung Trockennasenaffen, Familie Menschenaffen. Wir sind aus derselben Naturgeschichte hervorgegangen wie die Angehörigen aller anderen Arten.28 Die zweite Annahme beruht hingegen auf einem normativen Postulat: „Niemand muss sich seine basalen Rechte erst verdienen oder sich durch besondere Vermögen für sie qualifizieren, keiner kann sie verwirken“.29 Es bleibt demnach die Frage, warum animalen Kreaturen der Zugang verwehrt sein soll. Offensichtlich muss der Mensch über zusätzliche Eigenschaften verfügen. Dass aus bestimmten Charakteristika jedoch zugleich eine rechtliche Höherstellung folgen muss, sieht Ladwig als nicht gegeben an. „Es ist im Tierreich eben nichts Besonderes, etwas Besonderes zu sein, jede Art unterscheidet sich irgendwie von jeder anderen, sonst wäre sie keine.“30 Lässt man sich allerdings auf den Eigenschaftenansatz ein, so kommt für das Surplus der humanen Spezies einzig die Moral infrage. Als rele- 27 Bernd Ladwig: Warum manche Tiere Rechte haben – und wir nicht die einzigen sind. In: MRM – MenschenRechtsMagazin Heft 2/2015, S. 75-86, hier S. 75. 28 Ebd. 29 Ebd. 30 Ebd., S. 77. Björn Hayer 333 vant erweist sich aus Ladwigs Sicht allerdings mehr als bloß die Befähigung zu ihr. So sind wir stets moralfähig und moralbedürftig, Akteure wie Nutznießer kategorisch geschuldeter Beachtung und Achtung. Und moralbedürftig sind wir nicht nur, weil wir moralfähig sind. Wir sind es auch schon als leiblich existierende leidensfähige, endliche und bindungsbedürftige Kreaturen.31 Indem der Rechtswissenschaftler somit den Moralbegriff ausweitet, kann er Tiere, die ja ebenso als leidensfähige Wesen anzusehen sind, berücksichtigen. Aufgrund der über die Speziesgrenze hinausgehenden Verletzlichkeit dürfe keinerlei Form von Willkür oder Schieflage im Hinblick auf Machtbeziehungen wie bisher32 geduldet werden. „Moral gebietet die Gleichbehandlung gleicher Fälle“.33 Man könnte dagegen einwenden, dass der Umstand der Moralbedürftigkeit nicht zwingend zum allgemeinen Moralbegriff gehören muss und allein die reflexive Kompetenz entscheidend sei. Dies hätte zur Folge: Nur mündige Menschen können beurteilen oder diskursiv feststellen, in welchen inhaltlichen Hinsichten sie einander unbedingt beachten müssen; und nur dies macht dann auch den zusätzlichen Schritt möglich, die geschuldete Beachtung auf vergleichbar verletzliche Dritte auszudehnen, die nicht für sich selbst sprechen können. In diesem epistemologischen Sinne ist jede Moral notwendig anthropozentristisch.34 Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, Demente, Komapatienten oder Kleinkinder müssten demnach aus der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Gerade deren logisch folgerichtige Nicht-Einbeziehung würde verdeutlichen, dass eine zu enge Definition von Moral nicht hinreichend ist. Bereits Regan weist in diesem Kontext auf das Gerechtigkeits- und Beistandsgebot bzw. den Universalitätsgrundsatz der Menschenrechte hin: „In je geringerem Maße Menschen in 31 Ebd., S. 80. 32 Vgl. Szegin, „Tiere sind meine Freunde“, S. 92. 33 Ladwig: Warum manche Tiere Rechte haben, S. 81. 34 Ebd., S. 83. Eine Würde der Tiere? 334 der Lage sind, ihre Rechte einzufordern, desto mehr sind wir verpflichtet, es für sie zu tun“.35 Im Sinne der Bedürftigkeitsergänzung scheint ein weiteres Kriterium zentral: Zum Kollektiv der Rechtssubjekte gehört offenbar „wenigstens ein Interesse, das unter Menschen rechtlichen Schutz verdient“.36 Als Voraussetzungen dafür gelten neben der Empfindungs- ferner die Erlebensfähigkeit. Menschen und Tiere eint das spezifische Interesse am Wohlergehen bzw. Weiterleben. Dieses fundamentale Interesse können menschliche Subjekte bei nahezu jedem Tier beobachten, das zum Beispiel bei der Jagd davonläuft.37 Es gibt reichlich Videodokumente, die sogar belegen, dass „Nutztiere“ den Schlachthof mit Tod assoziierten und, wenn sie die Möglichkeit hatten, panisch geflüchtet sind. Einen alle Kreaturen umfassenden Lebenswunsch führt auch schon Albert Schweitzer in seinen tierethischen Grundlagentexten an: „Von der Welt weiß der Mensch nur, dass alles, was ist, Erscheinung vom Willen zum Leben ist, wie er selber.“38 Mit Ladwig wird zwar erneut die starre interspeziesistische Grenzziehung fragil. Gleichwohl betont er, dass Vertreter beider Spezies „Subjekte ihres eigenen Lebens“39 seien und nicht obligatorisch genau dieselben Rechte, ergo alle Menschenrechte, besitzen müssten. Dies sei nicht einmal innerhalb einer Spezies garantiert. Kinder dürften etwa nicht wählen gehen. Und auch nicht jeder Mensch darf, so ließe sich ergänzen, per se ein Kraftfahrzeug bedienen. 3. Die Würde des Tiers? Postulate wie „Subjekte eines Lebens“ korrelieren mit dem in den westlichen, freiheitlich-demokratischen Verfassungen anzutreffenden Begriff 35 Regan, Von Menschenrechten zu Tierrechten, S. 94. 36 Ladwig, Warum manche Tiere Rechte haben, S. 84. 37 Vgl. Björn Hayer: Denk auch an die Tiere. Die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ist willkürlich gezogen. Veganer sind keine Moralapostel, sondern Kritiker dieses Hierarchiedenkens. In: Neue Zürcher Zeitung vom 16.05.2017. URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/veganismus-denkauch-an-die-tiere-ld.1293394 (letzter Abruf am 28.09.2018). 38 Albert Schweitzer: Ehrfurcht vor den Tieren. Hrsg. v. Erich Gräßer. 2. Auf. München 2011, S. 56. 39 Ladwig, Warum manche Tiere Rechte haben, S. 86. Björn Hayer 335 der Würde. Obwohl diese traditionell ausschließlich dem Menschen vorbehalten ist, gibt es indessen bemerkenswerte Ausnahmen. So ist seit 1992 in der Schweizer und seit 2018 in der Luxemburger Verfassung die Rede von der „Würde der Kreatur“ – ein schillernder Terminus, der eine weitere Ausdeutung provoziert. Aus dem Bereich der Rechtsphilosophie ist Robert Spaemanns Argumentation ertragreich. Statt von einer Egalisierung der beiden Spezies im Hinblick auf die juridische und gesellschaftliche Stellung auszugehen, ist er prinzipiell von der grundsätzlichen Höherstellung des Humanum überzeugt, woraus neben Privilegien jedoch ebenfalls Verantwortlichkeiten erwachsen. Der Begriff der Würde steht für ihn – angelehnt an Vorlesungen Johann Fürchtegott Gellerts aus dem Jahr 1776 – in enger Verwandtschaft zu jenem der Pflichten des Menschen, deren Erfüllung erst die dem Menschen zugeschriebene Sittlichkeit begründe. Spaemann konkretisiert diese Reziprozität aus Würde und Verantwortung noch weiter: Unter Menschenwürde werde die Fähigkeit und Freiheit verstanden, auf Angenehmes und Nützliches zu verzichten, „weil es einem anderen Wesen schadet oder Schmerzen zufügt“, bzw. Unangenehmes auf sich zu nehmen, „weil es einen anderen freut, ihm nützt oder auch, weil der andere einen Anspruch darauf hat.“40 Letztlich laufen diese Gebote darauf hinaus, in bestimmten Fällen auf das egoistische Anliegen zugunsten eines sozialen Zwecks oder basaler Ansprüche des anderen zu verzichten. Wenn wir demzufolge tierische Lebewesen nur aus Gründen des Genusses ihres Fleisches konsumieren, dürfte dies im Gegensatz zu spezifischen Tierversuchen in der medizinischen Industrie als ein moralisch äußerst niedriges und nachgeordnetes Motiv zu bewerten sein. Fasst man Spaemanns Standpunkt zusammen, so inkludiert dieser ebenso einen elementaren Interessenschutz. Als Ergänzung kommt der Gedanke des Tierschutzes hinzu, dessen Gültigkeit hingegen nicht aus sich selbst heraus entsteht. Vielmehr dient dessen Beachtung und Einhaltung von menschlicher Seite her in Anlehnung an Kant als Ausweis der Humanität. Ein Mensch zu sein und Menschlichkeit gerade im Kontrast zum Tierischen zu reklamieren, schließt ein bestialisches Verhalten intuitiv 40 Robert Spaemann: Tierschutz und Menschenwürde. In: Tierschutz: Testfall unserer Menschlichkeit. Hrsg. v. Ursula M. Händel. Frankfurt/M. 1984, S. 71-81, hier S. 76-77. Eine Würde der Tiere? 336 aus. Mehr noch: Da der Mensch über ein moralisches Bewusstsein verfügt, scheint er zur Verantwortung verpflichtet.41 Erst indem sich der Mensch respektvoll gegenüber dem Animalum verhält, stellt er gewissermaßen seine moralische Integrität unter Beweis. Verfolgt man in theoretischen Auseinandersetzungen den Ansatz der Verantwortung weiter, so finden sich auch in der Theologie tierethisch relevante Überlegungen. Da die dogmatische Lehre in ihrer Breite größtenteils noch einem radikalen Anthropozentrismus verhaftet ist,42 vertreten Stimmen wie Link, Moltmann oder Sitter eher Einzelmeinungen innerhalb ihrer Fachdiskurse. Ersterer sieht im Menschen den „Statthalter auf Erden“.43 Wie die anderen beiden beruft er sich dabei vor allem auf die Genesis. Da Adam und Eva erst nach den Tieren geschaffen wurden, versteht er die humane Würde „tatsächlich nur [als] ein[en] Reflex, ein[en] Abglanz der Würde der Kreatur insgesamt.“44 Diese Sichtweise komplementierend, verweist Reiter auf den Umstand, dass der Mensch durch sein Fehlverhalten im Weiteren den Sündenfall provoziert habe und aus diesem Grund keinerlei Legitimation hätte, den Tieren ihre Würde abzusprechen.45 Moltmann favorisiert ein integratives, der zeitgenössischen Debatte um das Anthropozän angemessenes Modell, in dem er Würde „nicht gegen die Natur, sondern nur in Zusammenhang mit der Würde aller anderen geschaffenen Lebewesen“46 betrachtet. Der Mensch sei ein Teil von ihr und nicht ihr Herrscher. Sowohl für ihn als auch Flora und Fauna träfe nach Sitter daher zu, dass „alle Würde […] ihren Ur- 41 Björn Hayer/Klarissa Schröder: Tierethik in Literatur und Unterricht. Ein Plädoyer. In: Didaktik des Animalen. Vorschläge für einen tierethisch gestützten Literaturunterricht. Hrsg. v. dies. Trier 2016, S. 1-14, S. 6. 42 Vgl. Björn Hayer: Die Kirche, die Tiere und der Disput um die Seele. In: Der Tierschutz. Zeitung des Bundesverband Tierschutz e. V. 1/2018, S. 3. 43 Christian Link: Rechte der Schöpfung. Argumente für eine theologische Ökologie. In: Natur ins Recht setzen. Hrsg. v. Manfred Schneider u.a. Karlsruhe 1993, S. 71-100, hier S. 78. 44 Ebd., S. 90. 45 Vgl. Johannes Reiter: Tierversuche und Tierethik. In: Stimmen der Zeit Heft 7/1993, S. 451-463, hier S. 461. 46 Jürgen Moltmann: Rechte der Menschen – Rechte der Natur: ein Interview mit Jürgen Moltmann. In: Der evangelische Erzieher Heft 43 (1991), S. 279-287, hier S. 281. Björn Hayer 337 sprung in der Würde der Natur“47 habe. Daher hat sich auch der Begriff der Mitgeschöpflichkeit etabliert.48 Die Stellung des Menschen zu Tieren und Pflanzen resultiert in diesen hier kursorisch gestreiften Konzeptionen somit aus einem gemeinsamen Ursprung allen Lebens. Statt die Genesis als ein Zeugnis für die Exklusivität von ersteren und der daraus folgenden Inferiorität aller anderen von Gott geschaffenen Wesen zu lesen, plädieren die hier zitierten Theologen nicht für Hierarchien, sondern für eine Gleichwertigkeit, woraus wiederum nicht zwingend dieselben juridischen Ansprüche abzuleiten sind. An dieser Stelle gilt es zu erwägen, ob die Würde als Grundlage für sich daran anschließende Rechtssetzungen überhaupt für ganze Spezies tragfähig sein kann, zumal sie erst in der Berücksichtigung jedes einzelnen Individuums an Bedeutung gewinnt. Taugt sie also als universelles Konstrukt zur Konstituierung von Gleichheit? Geht es bei ihr im Kontext der humanen Gemeinschaft um die Autonomie und Wertschätzung jedes Einzelnen, so müsste diese Spezifizierung auch auf die tierischen Kreaturen zutreffen. Bemüht man sich somit im Spektrum zwischen Egalisierung aller grundlegenden Rechte und dem nach wie vor in verschiedenen Institutionen wirksamen Anthropozentrismus um einen Kompromiss, wäre eventuell über ein Nebeneinander der Würde des Menschen und der Würde des Tieres nachzudenken. Garant für eine Verbindlichkeit wird sie, sobald sie eine juristisch wirksame Rolle spielt, nämlich als unhintergehbare Grundkonstanten für Menschen- oder ggf. Tierrechte. Nachdem nun die ethischen, juridischen und philosophisch-theologischen Teildiskurse beleuchtet wurden, empfiehlt sich noch ein Einblick in einen weiteren umfassenden Bereich, jenen der Politikwissenschaft, zu geben. Der hier vorzustellende Entwurf ist einerseits utopischer und andererseits pragmatischer Natur. Für jene disziplinäre Ausrichtung innerhalb der Tierethik ist Donaldsons und Kymlickas Zoopolis inzwischen zu einem Standardwerk geworden. Ausgangspunkt ist die zutreffende Beobachtung, dass nach über hundert Jahren Tierschutzbewegung keine 47 Beat Sitter: Wie läßt sich ökologische Gerechtigkeit denken? In: Zeitschrift für Evangelische Ethik 31/1987, S. 271-295, hier S. 278. 48 Vgl. Friederike Schmitz: Die Schwierigkeit der Wirklichkeit. Cora Diamond über verschiedene Formen moralischen Denkens. In: In: Tierethik transdisziplinär. Literatur – Kultur – Didaktik. Hrsg. v. Björn Hayer und Klarissa Schröder. Bielefeld 2018, S. 213-230, hier S. 224. Eine Würde der Tiere? 338 empfindlichen Fortschritte zu verzeichnen sind. 49 Im Gegenteil: Weltweit nimmt der Fleischkonsum, der in Schwellenländern wie China und Indien inzwischen als Wohlstandsindikator gilt, zu. Dasselbe lässt sich für die immer weiter voranschreitende Industrialisierung der Agrar- und Viehwirtschaft festhalten. Vor diesem Hintergrund gelangen die beiden Autoren zu dem Befund, dass sich das Insistieren auf der Idealforderung – der Befreiung animaler Lebewesen – als mehr als realitätsfern erweist, zumal es schon seit jeher Mensch-Tier-Beziehungen gab und diese wohl auch in einer besseren Zukunft erhalten bleiben dürften. Daher zielt Zoopolis primär auf die Nivellierung der gegebenen Relationen und gesetzlichen Institutionen: Unser langfristiger Plan ist nicht darauf ausgerichtet, die Verbindungen zwischen Mensch und Tier zu trennen, sondern es geht darum, die reichen Möglichkeiten solcher Verbindungen zu erkunden und zu bejahen. Dazu gehört auch, daß die Tiere nicht bloß als Einzelsubjekte mit Anspruch auf Respektierung ihrer Grundrechte anerkannt werden, sondern auch als Angehörige von Gemeinschaften – unserer und ihrer Gemeinschaft –, die durch Beziehungen der Interdependenz, der Wechselseitigkeit und der Verantwortung miteinander verflochten sind.50 Um die Neuausrichtung zu realisieren, bedarf es auch in dieser Theorie einer tierrechtlichen Grundlage. Allerdings differenziert sich diese – abgesehen von der körperlichen Unversehrtheit als unhintergehbarer Konstante – im Einzelnen aus. Im Rahmen unterschiedlicher Rechtsstatus stellen Donaldson/Kymlicka eine Hierarchie vor, die nicht zuletzt von der Distanz der jeweiligen Tiere zu den Menschen herleitet. Den höchs- 49 Auch erscheint das Ansinnen des Tierschutzes gegenüber dem Tierrechtsgedanken als problematisch, da die Berücksichtigung von tierischen Interessen so einem rein barmherzigen, d.h. übergeordneten Akt seitens des Menschen gleichkommt. Erst juristisch bindende Institutionen wirken der Hierarchisierung im Sinne des Tierrechtsansatzes entgegen. Vgl. Björn Hayer: Das große Fressen. Ernährung artet derzeit in Glaubenskrieg aus. Vor allem zulasten derer, denen Tier und Klima am Herzen liegen. Ein Plädoyer für Verantwortung. In: Neues Deutschland vom 24.9.2016. URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1026539.das-grosse-fressen.html?sstr =bj%C3%B6rn| hayer (letzter Abruf: 28.9.2018). 50 Sue Donaldson und Will Kymlicka: Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte. Berlin 2013, S. 563. Björn Hayer 339 ten Schutz genießen Haustiere und die „Nutztiere“. Sie gelten in dieser Theorie als Staatsbürger und verfügen damit nahezu über dieselben Rechte wie die Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Von besonderer Relevanz zeigt sich das Konzept der „abhängigen agency“.51 Dieser Terminus ist einer Diskussion der citizenship-Theorie entlehnt, bei der es darum geht, die Partizipation von Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen in Gesellschaft und Politik zu unterstützen: Kindern, physisch oder psychisch beeinträchtigten Menschen […] soll geholfen werden, gesellschaftspolitische Fragen zu verstehen und ihrer Meinung Gehör zu verschaffen.52 Übertragen auf die Tiere bedeutet dies: Abhängige agency wird in vertrauensvollen und durch vertrauensvolle Beziehungen zu Menschen ausgeübt, die die Fähigkeiten und das Wissen haben, dieser agency Ausdruck zu verleihen. Dazu gehört, dass Tiere die Chance wahrnehmen können, ihre subjektiven Werte und Präferenzen zu äußern, weiters die Kapazität der Tiere, sich an soziale Normen zu halten, die in vertrauensvollen Beziehungen zum Menschen entwickelt wurden sowie die Möglichkeit, Interaktionen mitzugestalten. Diese Fähigkeiten zu sozialem, kooperativem Miteinander sowie zur Anpassung an und zum Vertrauen in den Menschen sind bei domestizierten Tieren gegeben und wurden durch den Domestikationsprozess verstärkt. Sie ermöglichen eine abhängige agency und damit Partizipation in einer politischen Gemeinschaft.53 Danach folgen die „Schwellenbereichstiere oder kulturfolgenden Tiere“, die vor allem durch die menschliche Expansion in dessen Einflussbereich geraten sind.54 Nah bei uns lebende Wesen wie die Amsel, der Marder oder Tauben würde nicht in den Besitz einer staatsbürgerlichen Stellung gelangen, womit, wie im Falle der ersten Gruppe, bestimmte Fürsorgeverpflichtungen seitens ihrer Halter einhergingen, sondern befänden sich 51 Gabriela Kompatscher/Reingard Spannring/Karin Schachinger: Human- Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende. Mit Beiträgen von Reinhard Heuberger und Reinhard Margreiter. Münster 2017, S. 189. 52 Ebd. 53 Ebd., S. 192. 54 Vgl. Donaldson/Kymlicka, Zoopolis, S. 483. Eine Würde der Tiere? 340 äquivalent zu Asylsuchenden im Status der „Duldung“. „Sie sollten zwar wie alle empfindungsfähigen Tiere in ihren Grundrechten respektiert werden. Wir dürften aber durchaus Mittel ergreifen, um sie aus unseren Wohn- und Lebensbereichen fernzuhalten.“55 Keine Verantwortung trügen wir für Kreaturen, die ausgehend von unseren alltäglichen Lebensräumen ihr Dasein gewissermaßen auf „exterritorialem“ Gebiet wie dem Wald, auf Feldern oder im Gebirge verbringen würden. Zu beachten seien allerdings folgende Punkte: (1) Respekt der territorrialen Grenzen […]; (2) Begrenzung der Nebenwirkungen und Folgeschäden ([…] Verschmutzung und Verkehrstote); (3) gemeinsame Souveränität über wichtige internationale Korridore (etwa Migrationsrouten); (4) Respekt vor den Grundrechten von Besuchern; (5) Erweiterung von Hilfsangeboten, so daß auch Flüchtlinge bedacht werden.56 Hierin klingt die begriffliche Schärfe politikwissenschaftlicher Argumentation an, die vor allem Respekt als Tugend des Miteinanders prononciert. Wir seien den Autoren nach nicht verpflichtet einem kranken Igel oder Reh zu helfen, dürften sie jedoch ebenso wenig durch Praktiken der Jagd gefährden und müssten ihre souveränen Lebensbereiche achten. Was Sympathie für diese Theorie hervorruft, ist eine markante Ambivalenz: Einerseits mutet sie utopisch an, insofern ein Teil der Tiere mitunter wie Staatsbürger/-innen zu behandeln sei, andererseits wohnt ihr ein nötiger Pragmatismus inne. Indem Relationen nicht verschwinden, sondern eben neu ausgehandelt werden, ergeben sich Potenziale für einen sinnstiftenden, gesellschaftlichen Dialog.57 Obgleich auch Donaldson/Kymlicka wirksame tierrechtliche Standards voraussetzen bzw. in Teilen sogar weiter greifende Forderungen als die zuvor vorgestellten Modelle erheben, basiert ihre Einlassung in der Annahme, dass es Tier-Mensch-Beziehungen erstens schon immer gegeben habe und diese zweitens bei der rechtlichen Stellung animaler Wesen Berücksichtigung finden müssten, auf einer realistischen Einschätzung der 55 Schmitz, Tierethik, S. 207. 56 Donaldson/Kymlicka, Zoopolis, S. 483. 57 Björn Hayer/Klarissa Schröder: Vorwort. In: Tierethik transdisziplinär, S. 9-22, hier S. 14. Björn Hayer 341 Gesamtlage. Weder Tier- noch Menschenrechte entstehen im luftfreien Raum, sondern verstehen sich als Resultat sozialer Aushandlungsprozesse. Die interaktionelle Beeinflussung von Selbst- und Fremdbild hebt Donna Harraway, eine für die theoretische Grundierung der Human Animal Studies wichtige Autorin, hervor: „Durch ihr Ineinandergreifen, durch ihr ‚Erfassen‘ oder ihren ‚Zugriff‘ konstituieren Wesen einander und sich selbst. Sie existieren nicht vor ihren Verhältnissen und Beziehungen. Das ‚Erfassen‘ hat Konsequenzen“,58 und zwar ethischer Natur. Wie die bisherigen Argumentationen dokumentieren, lässt sich die weitreichende Privilegierung des Menschen in moralischer Hinsicht nicht konzise aufrecht erhalten. Dies führt dazu, dass die bis in die frühe Moderne noch geltenden anthropozentristischen Begründungsmuster aus Sicht des Bioethikers Birnbachers nun in einer Rechtfertigungspflicht stehen: In allen früheren Epochen dominierte in unserem Kulturbereich die Auffassung, dass die Beweispflicht bei demjenigen liegt, der meint, nicht nur Menschen, sondern auch Tiere seien um ihrer selbst willen schützenswert. Der Mainstream der europäischen Ethik war bis ins 19. Jahrhundert hinein nahezu durchweg anthropozentrisch orientiert. Dem Menschen wurde nicht nur eine Sonderstellung innerhalb der animalischen Natur zugewiesen, sondern eine Alleinstellung als Gegenstand moralischer Berücksichtigungswürdigkeit. Die Tiere kamen nahezu ausschließlich als Objekte, nicht als Subjekte in den Blick. Die beherrschende Auffassung war, dass gegenüber ihnen allenfalls eine indirekte, aber keine direkte moralische Verantwortung besteht. Wer ein Tier schädigt, ist danach möglicherweise gegenüber den Besitzer/ -innen oder Halter/-innen des Tiers verantwortlich, nicht aber gegen- über dem Tier selbst. Das hat sich gründlich geändert. Seit längerem sind derjenige und diejenige beweispflichtig, die meinen, Tiere seien nicht um ihrer selbst willen schützenswert.59 Mit der Umkehr der Beweislast wird die Schlechter- oder Ungleichbehandlung von tierischen Wesen gegenüber dem oder durch den Men- 58 Donna Harraway: Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen. Berlin 2016, S. 14. 59 Dieter Birnbacher: Alte Fragen – neue Antworten. Die Kontinuität der Tierethik von den Anfängen bis zur Gegenwart. In: Tierethik transdisziplinär, S. 24-41, hier S. 24. Eine Würde der Tiere? 342 schen zu einem Diskriminierungstatbestand. Harraway erläutert diesen am Beispiel ihrer Hündin, wobei sie die gegenseitige Durchmischung als Kontrapunkt zur gängigen Binarisierung der Spezies setzt: Ms. Cayenne Pepper kolonisiert weiterhin all meine Zellen – ein klarer Fall dessen, was die Biologin Lynn Margulis Symbiogenese nennt. Ich wette, eine Prüfung unserer DNA würde potente Transfektionen zwischen uns aufdecken. Ihr Speichel muss die viralen Vektoren enthalten; ziemlich sicher sogar, denn die Küsse ihrer herausschießenden Zunge waren unwiderstehlich. Obwohl man uns beide dem Stamm der Wirbeltiere zuordnet, leben wir nicht nur in verschiedenen Gattungen und divergierenden Familien, sondern in völlig unterschiedlichen Ordnungen. Wie würden wir das wohl in Ordnungen bringen? Canide, Hominide; Haustier, Professorin; Hündin, Frau; Tier, Mensch; Athletin, Hundeführerin. Eine von uns trägt zur Identifizierung einen unter der Nackenhaut implantierten Mikrochip, die andere einen kalifornischen Führerschein mit Lichtbild. Eine von uns verfügt über ein schriftliches Verzeichnis ihrer Vorfahren über zwanzig Generationen, die andere kennt die Namen ihrer Großmutter nicht. Eine von uns ist Produkt einer beachtlichen genetischen Mischung und wird als ‚reinrassig‘ bezeichnet. Die andere, ebenso Produkt dieser beachtlichen Mischung, wird ‚weiß‘ genannt. Jeder dieser Namen bezeichnet einen Diskurs der Rassifizierung und wir beide erben leibhaftig die Konsequenzen dieses Diskurses.60 Gerade der letzte Satz gibt die Analogie des Tierrechtsdiskurses zu anderen Diskursen, wie dem Gender- oder Postcolonial-Diskurs zu erkennen. Es überrascht daher kaum, dass Harraway insbesondere als Feminismustheoretikerin Bekanntheit erlangt hat und sich statt für die traditionelle Klassifizierung nach Spezies, Ethnie, Religion etc. stets für ein Konzept der Gefährtinnen, worin Mensch und Tier eine gleichwertige, partnerschaftliche Behandlung erfahren, stark macht. Die Frage, die sich nach dieser kurzen tour d’horizon durch lediglich einen ausgewählten Teil der tierethischen Diskussionen stellt, ist, wie anschlussfähig eine moralische respektive rechtliche Aufwertung von Tieren an die realen gesellschaftlichen Verhältnisse sein kann. Eine faktische Egalisierung beider Spezies erweist sich angesichts eines weltweit steigenden Konsums tierischer Produkte sowie der im Hinblick auf das Staats- 60 Harraway, Manifest für Gefährten, S. 7. Björn Hayer 343 ziel des Tierschutzes augenfälligen Diskrepanz zwischen Verfassungsintention und -wirklichkeit in allen wirtschaftlich relevante Sektoren, wie Stucki belegt,61 als utopisch. Vielleicht bestünde eine zumindest mittelfristige Kompromisslösung in einer Modifizierung des Modells von Donaldson/Kymlicka. Ausgehend von den Minimalgewährleistungen einer körperlichen Unversehrtheit sowie einer spürbar angemessenen Lebensqualität der „Nutztiere“ – damit wäre im Kern auch ein Tötungsverbot gemeint – könnte man die Idee von einer institutionalisierten Zusammenarbeit im Sinne eines neuen Gesellschaftsvertrages verfolgen. So wie die Menschen für ihre Mitwesen Verantwortung übernehmen, sie versorgen und schützen, so könnte auch den Tieren ein fundamentaler Schutz vor Versehrtheit zugebilligt werden. Im Gegenzug könnten ihnen – ähnlich einem Arbeitsverhältnis – gewisse Pflichten abverlangt werden. Wenn die humane Gesellschaft etwa auf die Tötung männlicher Küken und Kälber, überhaupt Schlachtungen, verzichten würde, könnte sie weiterhin von Milch und Eiern profitieren. Ähnliche Ansätze ließen sich auf andere Kooperationsbereiche wie eine lebensgerechte Medikamentenforschung (Tierversuche) ausweiten. Ob Tieren am Ende dieselben basalen Rechte wie Menschen, also Menschenrechte, gewährt werden müssten, ist zu diskutieren. Andere Akzentuierungen sind moralisch durchaus vertretbar. Dass deren aktuelle Stellung innerhalb einer industrialisierten und anonymen Landwirtschaft – von Tiertransporten über unbetäubte Ferkelkastrationen bis hin zu nicht ordnungsgemäßen Betäubungen im akkordisierten Schlachtbetrieb – moralisch als höchst problematisch anzusehen ist und einer dringenden Verbesserung bedarf, steht jedenfalls zweifelsohne außer Frage. 61 Vgl. Saskia Stucki: Grundrechte für Tiere: Eine Kritik des geltenden Tierschutzrechts und rechtstheoretische Grundlegung von Tierrechten im Rahmen einer Neupositionierung des Tieres als Rechtssubjekt. Baden- Baden 2016, S. 395.

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References

Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.