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Matthias Bahr, Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? Überlegungen aus theologisch-ethischer Perspektive in:

Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Werner Sesselmeier (Ed.)

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.", page 213 - 228

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4376-9, ISBN online: 978-3-8288-7358-2, https://doi.org/10.5771/9783828873582-213

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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213 Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? Überlegungen aus theologisch-ethischer Perspektive Matthias Bahr Die Fragestellung erweckt den Eindruck, als ginge es um eine grundsätzliche anthropologische Bestimmung. Ich denke, man kann sie aus der Perspektive der Ethik – bzw. hier genauer aus einer christlichen Ethik – rasch beantworten: Ja, es gibt Böses im Menschen und Böses, das aus dem Menschen entstammt und sich zerstörerisch äußert. Ob man deswegen gleich sagen kann und sagen darf, dass die Ökonomie das ewig Böse im Menschen sei, das allerdings muss wohl differenzierter betrachtet werden. Grundsätzlich werden wir zunächst sagen müssen: Ja, Menschen denken ökonomisch, sie wirtschaften, treiben Handel, bieten Waren und Dienstleistungen an, die ermöglichen, dass sie leben können. Der oder die eine hat etwas, das der oder die verwenden möchte, die wiederum etwas hat oder kann, das er oder sie anbieten kann. All das ist mit Arbeit verbunden und dient der eigenständigen Sicherung des Lebensunterhaltes, zumindest dort, wo nicht allein Kapital vorhanden ist, das man für sich arbeiten lassen kann. Insofern muss man wohl festhalten: Nein, die Ökonomie ist nicht (per se) das ewig Böse im Menschen. Vielmehr gehören ökonomisches Denken und Handeln zum Vollzug eines eigenständigen Menschseins. Ohne ein solides ökonomisches Denken und Handeln besteht die Gefahr, die Eigenständigkeit zu verlieren, in Abhängigkeit, Verarmung und Elend zu geraten – zumindest dort, wo keine anderen sozialen Absicherungssysteme existieren, die Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität also unwirksam sind. Und dennoch muss man auch auf andere Feststellungen hinweisen: Ja, ökonomisches Handeln und ökonomische Entscheidungen können negative, zerstörerische Folgen mit sich bringen. Es ist – bei aller Notwendigkeit und Legitimität, ökonomisch zu denken und zu handeln – nicht sofort gesichert, dass dieses Denken und Handeln positive Wirkun- Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 214 gen mit sich bringt. Die Gründe, weshalb dies so ist, kann man in einer allgemeinen Weise damit beantworten, dass (a) die Menschen sind, wie sie sind, und (b) ein Rahmen gegeben sein muss, der es zulässt, dass das ökonomische Handeln von Menschen böse oder falsch ist und dem Leben entgegensteht. In einem Dreischritt sollen diese Zusammenhänge nun bedacht werden, die auf dem Hintergrund einer theologischen Perspektive christlichethische oder eigentlich jüdisch-christlich-ethische Reflexe und Reflexionen aufwerfen. 1. Beobachtungen Als Impuls möchte ich mich auf die V. Biennale zum Sozial-Politischen Plakat „Kreativ für Menschenrechte“ der Stiftung für die Internationale Jugendbegegnungsstätte in m/Auschwitz (Polen) beziehen. Diese Kunstaktion setzt sich seit anderthalb Jahrzehnten mit der Menschenrechtsthematik auseinander und gehört inzwischen zu einem markanten Ereignis in der politischen Plakatkunst.1 Für die Anliegen der Menschenrechtsbildung bietet sie erhebliches Anregungspotential, verweist aber auch auf unseren Kontext ökonomischer Fragestellungen. 1.1. Der Einsturz des Rana Plaza in Sabhar (Bangladesh) Am 23. April 2013 stürzt in Sabhar das Rana Plaza ein. 1135 Menschen werden getötet, 2438 verletzt. Die meisten von ihnen waren Textilarbeiterinnen. Bereits einen Tag vorher haben sich Risse gezeigt, dennoch wurden die Arbeiterinnen wieder hineingetrieben. Konzerne wie C&A, Mango, KiK oder Adler ließen dort produzieren mit einem Gesamtumsatz von 20 Milliarden Dollar. 2 Die Arbeiterinnen wurden geschlagen und zu Überstunden gezwungen. – 2014 hat Sara Podwysocka zur V. Biennale des Sozial-Politischen Plakats „Kreativ für Menschenrechte“ eine Arbeit eingereicht, die sich auf dieses Ereignis bezieht, und damit eine Art Denkmal geschaffen, das eigentlich nur wenig zeigt, dennoch mitten in die Problematik führt. 1 Vgl. www.mdsm.pl. 2 Zeit online vom 22.4.14. Matthias Bahr 215 Auf den ersten Blick ist zu sehen: ein roter Mittelpunkt, unten gerundet, mit einer Spitze oben, ein grüner Hintergrund, an den Rändern fast ins Schwarze verlaufend, und ein einziges Wort: Bangladesh. Schaut man genauer hin, dann erkennt man noch mehr: den roten Bereich in der Mitte, der wie eine Flamme oder ein Tropfen geformt ist; die Farbe ist nicht einfach rot, sie ist blutrot und gestaltet aus gefärbtem Tuch, das in dieser Form eigens arrangiert wurde. Und die grüne Farbe, die außen fast schwarz erscheint, wird, je näher sie an die rote Mitte kommt, heller und bildet bei genauerem Hinsehen einen feinen weißen Schimmer um die rote Mitte – vielleicht eine Art Nimbus? Abb. 1: Sara Podwysocka, Bangladesh (2014) – Plakat im Rahmen der V. Biennale des Sozial-Politischen Plakats „Kreativ für Menschenrechte“ (2014) Verortet und qualifiziert wird das Plakat durch den Schriftzug „Bangladesh“. Das Plakat ist eine Reaktion auf Zustände, die dort herrschten; Zustände, die man moderne Sklaverei nennen muss, und die in diesem Fall (!) durch das Unglück weltweit ungeschminkt wahrnehmbar wurden. Vielfach aber ist es bis heute Alltag; man muss nur einmal recherchieren, welche anderen, medial nicht in dieser Form feststellbaren Ereignisse auch danach an der Tagesordnung sind. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 216 1.2. „Neckermann macht’s möglich“? Das zweite Beispiel bezieht sich auf das wirtschaftlich erfolgreiche Handeln eines Josef Neckermann: In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts übernimmt der Jungunternehmer kostengünstig verschiedene Textilfabriken von jüdischen Inhabern in Nürnberg (z.B. von Karl Amson Joel3), Würzburg und Berlin. Großaufträge der Reichsregierung tragen zum Aufbau seines Geschäfts bei, etwa 1943 die Herstellung von 2,5 Millionen Winteruniformen für die Ostfront. Hergestellt werden sie von der Textilindustrie in Osteuropa. Die Menschen dort nähten buchstäblich um ihr Leben, denn solange sie nähten, waren sie vermeintlich vor Deportation und Vernichtung sicher. „Wenn ich es nicht tue, macht’s ein anderer.“,4 war das Motto in den Erinnerungen des späteren Versandhausbesitzers, Olympiasiegers im Springreiten und Trägers des Bundesverdienstkreuzes. Die Liste ließe sich fortsetzen, etwa am Beispiel der Geschäftsleitung der Deutschen Akkumulatorenfabrik (Vorgänger der Fa. Varta) u.a. in der Gestalt von Günther und Herbert Quandt, die Häftlinge aus den Konzentrationslagern in den Bleifabriken ungeschützt einsetzten, ihre Vergiftung in Kauf nahmen, weil es am Strom weiterer Zwangsarbeiter nicht fehlte. – Erst auf Druck der Öffentlichkeit wurden diese Verwicklungen und Bereicherungen historisch aufgearbeitet.5 Ich will es dabei belassen, obwohl man hier auch z.B. auf die IG Farben verweisen müsste, die in Abstimmung mit der Reichsregierung in Berlin Auschwitz III (Monowitz) baute.6 Doch darüber soll jetzt nicht weiter gesprochen werden, wer mehr wissen will, der lese etwa die Schriften von Primo Levi.7 3 Vgl. Steffen Radlmaier: Die Joel-Story. Billy Joel und seine deutsch-jüdische Familiengeschichte. München 2009. 4 Josef Neckermann: Erinnerungen. Frankfurt 1992, S. 68. 5 Vgl. Joachim Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts – Eine deutsche Unternehmerdynastie. München 2. Auflage 2011, S. 765f. 6 Vgl. Sybille Steinbacher: „Musterstadt“ Auschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien. München 2000, S. 205-223. 7 Z.B. Primo Levi: Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht. München 1992. Matthias Bahr 217 1.3. Überleitung: (K)Ein altes Thema 1948 – 2018: 70 Jahre liegen dazwischen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 wollte eigentlich dafür sorgen, dass die Barbarei von diesem Erdball verschwindet, obwohl – und das zeichnet auch den Realismus der Deklaration aus – damit zuvörderst eine Zieldimension beschrieben wurde, wie die Präambel sagt, und keineswegs ein normativ verordneter Idealzustand. Die Menschenrechtserklärung ist eine Reaktion auf die Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Dort zeigte sich der bislang tiefste Abgrund an Unmenschlichkeit, zu dem auch die Vernutzung von Menschen gehört. Die wirtschaftliche Ausbeutung von Menschen durch Menschen zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch die Geschichte. Der Aufschrei, der in den Spirituals des 19. Jahrhunderts hörbar wurde und der die Sklaverei auf den Baumwollplantagen Amerikas anprangert, macht dies deutlich: „When Israel was in Egyptsland – let my people go! Oppressed so hard they could not stand – let my people go. Go down, Moses, way down in Egyptsland. Tell ol’, Pharao – let my people go“. Er kommt noch stärker zum Ausdruck, wenn man, wie Bernd Engelhard mahnt, die sprachlichen Feinheiten angemessen akzentuiert: „Tell ol’, Pharao“ – die Tiefe und Dunkelheit spiegelt sich auch in Wortwahl, Betonung und Aussprache wider.8 Das Lied von 1861 schlägt eine Brücke in die Vergangenheit. Offensichtlich, so scheint es, ist es in den eigentlich christlich geprägten USA damals mehr als dringend erforderlich, die „Weißen“ daran zu erinnern, auf welcher Grundlage sie stehen oder zu stehen hätten, wenn die Befreiung aus Ägypten herangezogen wird. Denn offensichtlich ist es mit der Verwirklichung jüdisch-christlicher Grundhaltungen bei der herrschenden Klasse nicht weit her. Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, rassistische Überheblichkeit sind eben auch ‚praktisch‘: Sie mehren den Wohlstand, zumindest den Wohlstand einiger Weniger. 8 Bernd Engelhart/Achim Hofer: „Let my people go!“ – Einen alten Song neu hören. In: Katechetische Blätter 143: Themenheft „Menschenrechtsbildung“ (2018), S. 39-43, hier S. 41. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 218 2. Lernerfahrungen: Traditionelle ethische, jüdischchristliche Deutungen des Themas im Blitzlicht 2.1. Von Egyptsland ins gelobte Land: Heilige Weisungen Ist die Ökonomie also das ewig Böse im Menschen? Schaut man mit theologisch-ethischem Interesse in die jüdisch-christliche Tradition hinein, findet man zu modernem Wirtschaftsleben natürlich keine tieferen Auskünfte. Allerdings: Einige alte Überzeugen sind es doch wert, kurz angerissen zu werden: Die Sklaverei von „Egyptsland“ ist im alttestamentlichen Sinne ein Trauma – und die Befreiung daraus die zentrale Erfahrung Israels. Mit Folgen, denn sie begründet ein neues Verhältnis der Menschen, auch untereinander: „Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen, [...] oder nach irgendetwas, was deinem Nächsten gehört. Du sollst nicht morden“ (Ex 20,1-17 und Dtn 5,6-21) – Maximen, die seit Jahrtausenden überliefert wurden und weltgeschichtliche Wirkung erzeugt haben, auch über die jüdisch-christlichen Grenzen hinaus. Bekanntlich hängt das ja nun zusammen, die Befreiungserfahrung aus Egyptsland einerseits und die Verpflichtung auf das Zehnwort, den Dekalog, andererseits, allerdings in dieser Reihenfolge. Jedes Jahr, wenn Juden Pessach feiern, rückt dies wieder neu in den Horizont, seit tausenden von Jahren, und seit zweitausend Jahren fast zeitgleich im Jahresverlauf auch bei den Christen, wenn sie das Osterfest begehen, das die Erinnerung an eine weitere Befreiungserfahrung wach hält. Gleichwohl gilt auch: Das Zehnwort ist keineswegs vom Himmel gefallen, sondern – zumindest in seinen basalen Weisungen – sehr früh der Erkenntnis geschuldet, dass dem menschlichen Handeln Grenzen gesetzt werden müssen, wenn es zu einer Gemeinschaft zwischen Menschen kommen soll. Nur so können sie gut existieren und dauerhaft überleben, ist die Überzeugung der Bibel, mit Regeln, die die Koexistenz ordnen und damit sichern – und verhindern, dass es drunter und drüber geht und allein die Ellbogenmentalität die Realität bestimmt. Schon eine genauere sprachliche Analyse macht offenkundig, dass zunächst offenbar basale Weisungen aus der Ordnung und Rechtsprechung der Sippe stammen, mitunter also als ‚profan‘ angesehen werden können und erst im Arrangement der Befreiungserfahrung Israels, die religiös gedeutet wird, eine theologische ‚Aufladung‘ erhalten. Genau so sind ja auch – gegen allen Fundamentalismus – die tradierten Erzählungen (von Mose und den Steintafeln, vgl. Dtn 5,22) zu lesen: Geschichten, nicht Berichte, dabei Matthias Bahr 219 aber mit einem Wahrheits- und Verbindlichkeitsanspruch auftretend, der Zentrales über den Menschen in Gemeinschaften sagen kann. Und, auch das ist Teil dieser Tradition: Schon die Geschichte Israels selbst zeigt, dass es einen Unterschied ausmacht, die Regeln zu kennen und auch nach ihnen zu handeln. Sonst müssten nicht die Propheten ihre persönliche Existenz in die Waagschale werfen und den Königen Israels die Stirn bieten, die ebenfalls keine Hemmungen haben, Arme und Ungeschützte (Witwen und Waisen) für ihre eigenen Zwecke auszubeuten. Immer wieder ist es erforderlich, auf die Einhaltung dieser alten Weisungen zu bestehen. So zeigt sich schon hier die Ambivalenz, der harte Kampf: Grundlegend ordnende Regeln werden gefunden (weil menschlicher Wille und menschliches Handeln mithilfe von Ethik und Recht begrenzt werden müssen) und verletzt (weil menschlicher Wille und menschliches Handeln bereit sind, Ethik und Recht zu missachten). Das wirft Fragen nach weiteren Einschätzungen über die menschliche Verfasstheit auf: Warum nur wendet er sich selbstbezogen immer wieder gegen andere Zeitgenossen, auch und gerade auf dem Weg ökonomischen Denkens und Handelns? 2.2. Was ist der Mensch? Akzente einer biblisch-theologischen Anthropologie Wo der Kontext unserer übergeordneten Frage (nach der Ökonomie als dem Bösen im Menschen) letztlich eine bestimmte Anthropologie unterstellt, empfiehlt sich weiteres Nachsuchen. Der Blick auch hier auf „Religion“ oder, genauer: von Judentum und Christentum, fördert nun weitere Aussagen zutage, die über Jahrhunderte im Gedächtnis jener Religionsgemeinschaften bewahrt wurden. Sie stellen Auffassungen vor, von denen Juden und Christen überzeugt sind, dass es sie auch heute noch zu bedenken gilt. Eine gewichtige Perspektive findet sich dazu konzentriert in den ersten elf Kapiteln des Alten Testaments, der sogenannten Urgeschichte, die m.E. erhebliche Bedeutung für die jüdisch-christliche Religion bzw. Ethik hat. Gen 1-11 erzählen auf den ersten Blick von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfall bzw. der Vertreibung aus dem Paradies, von Kain und Abel, der Urflut, dem Turmbau zu Babel. Erzählungen, die seit Jahrhunderten in verschiedener Form in der Kultur, in Kunst, Musik und Sprache ihre Spuren hinterlassen haben. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 220 Nimmt man sie nicht historisch, sondern als das, was sie sind, nämlich als Mythen (und nur so können wir sie richtig verstehen), dann werden hier auf den zweiten Blick Grundaussagen verdichtet dargestellt, die das Leben – oder besser: die Existenz – des Menschen deuten wollen. Als Geschichten, die erzählen, ‚was niemals war und immer ist‘ entwerfen sie ein Bild vom Menschen als dem Wesen der Ambivalenz: - So ist er kein Zufallsprodukt, kein ‚Zellhaufen‘, sondern einer, der gewollt, ja geliebt ist, mit einer Würde ausgestattet, sogar als „Gottes Ebenbild“ angesehen wird (Gen 1,26f) und als solcher in die Selbstverantwortung entlassen ist. - Allerdings wird er gesehen als jemand, der dazu neigt, sich zu entgrenzen, sich mit seinem Menschsein nicht abzufinden, sondern auszugreifen, sich zu erheben, den ihm zugewiesenen Platz zu verlassen, also vom ‚Baum der Erkenntnis zu essen‘, der ihm nicht zusteht. - Als ein solcher neigt er dazu – ‚jenseits von Eden‘ , sich über den anderen zu erheben, und wenn er nicht anerkannt wird, vor der Vernichtung des Bruders, des eigenen Fleisch und Blutes, nicht zurückzuschrecken (Kain und Abel). - Dies geht soweit, sich selbst zu übersteigern, am ‚Himmel‘ zu kratzen, sein Maß als Mensch zu verlieren, quasi zu gottähnlichen Höhen sich aufzuschwingen (Turmbau zu Babel). So finden wir in der Beschreibung dieser Konstitution des Menschen in der Sprache des Mythos beides: die Zusage des Gewolltsein um seiner selbst willen einerseits und die Benennungen der Gefahren und Entgrenzungen andererseits. Die Urgeschichte der Bibel in ihren elf Kapiteln können wir als Erzählungen über die Ambivalenz des Menschen lesen, seine in verschiedener Form vorhandenen dunklen Seiten ‚jenseits von Eden‘. Sie scheinen allerdings sehr gewichtig zu sein, diese dunklen Seiten, denn die Urgeschichte widmet ihnen auch vom Umfang her die grö- ßere Aufmerksamkeit – offenbar, so kann man vielleicht vorsichtig deuten, verdienen diese Gefahren der Selbstübersteigerung eine entsprechende Betrachtung, die ja nie nur wertfrei-beobachtend ist, sondern als Mahnung gesehen werden muss. Im christlichen Kontext wird es dann nicht viel besser: In der langen Tradition jener zweitausend Jahre Glaubens- und Kulturgeschichte bildet sich offenbar die Notwendigkeit heraus, anhaltend vor den weiterhin erkannten und festgestellten Abgründen zu warnen. Die Auseinandersetzung der Tradition fördert dabei zentrale Perspektiven zutage, die für Matthias Bahr 221 menschliches Leben als hochproblematisch eingestuft werden, nämlich (1) Hochmut, Stolz und Eitelkeit, (2) Geiz und Habgier, (3) Begehren, Ausschweifung und Wollust, (4) Rachsucht, (5) Selbstsucht und Maßlosigkeit, (6) Neid und Missgunst, (7) Trägheit, Faulheit und Ignoranz.9 Der Mensch erscheint auch hier auf die Begriffe gebracht als einer mit Abgründen. Die christliche Tradition nimmt sogar eine Klassifizierung vor, und bezeichnet diese Abgründe als sogenannte Todsünden:10 Sünden, die nicht eine bestimmte Tat meinen, sondern Haltungen bezeichnen, Haltungen, die letztlich tödlich sind. Tödlich sind sie meist und vor allem für jene, die Objekte dieser Haltungen sind, immer aber auch für den, der sich ihnen hingibt. Immer nämlich führen sie zu einem Verlust: Sie töten Beziehungen, zerstören Ordnungen, bringen Menschen aus dem Gleichgewicht, sind – theologisch gesehen – letztlich Ausdruck einer tiefen Gott-Losigkeit. Und sie haben diese andere Seite: der Selbstübersteigerung, des Machthungers, der entgrenzten Selbstbestätigung. Wenn ich das richtig sehe, dann sind die vielen Regelungen, Verordnungen, die Gebote, Verbote, Weisungen in jüdisch-christlichem Kontext dem Bemühen geschuldet, diesen Abgrund des Menschen in den Schranken zu halten – weil man um ihn weiß und weil man weiß, was an Unheil hervorbrechen kann. Daran hat sich – bis heute – aus christlicher Sicht nichts geändert, und so wurde es über Jahrhunderte auch gelehrt und verbreitet, um auf diesem Hintergrund ein notwendiges Bemühen um Ordnung und Eindämmung der Untiefen menschlichen Handelns und Soseins vorzunehmen. 2.3. Die neue Frage – und ein neues Bewusstsein Ich mache nun einen Sprung. Was Jahrhunderte in dieser Hinsicht dominierte, erhielt vor reichlich 170 Jahren eine neue Dynamik. In der Mitte des 19. Jahrhunderts kommt eine neue Frage auf, die man so vorher noch nicht kannte. Technische Innovationen, ja Revolutionen bringen gesellschaftliche Umwälzungen mit sich, die Lebens- und Arbeitsbedin- 9 Zur existenziellen Bedeutung und Einordung vgl. z.B. Franz Furger: Einführung in die Moraltheologie. Darmstadt 1988, S. 42f. 10 Vgl. Stephan Ernst: Grundfragen theologischer Ethik. Eine Einführung. München 2009, S. 285. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 222 gungen radikal verändern. Sie führen zu neuen Berufen (des Industriearbeiters) und sozialen Umwälzungen mit den bekannten Problemen, weil sie ganze Bevölkerungsschichten in Armut und Verelendung treiben. Innerhalb der ethischen Diskussion bringen sie die Erkenntnis: Modernen wirtschaftlichen Entwicklungen kann man nicht allein mit Individualethik begegnen. Der Appell an die Einhaltung individueller ethischer Überzeugungen, etwa des Dekalogs oder die Warnung vor im Individuum aufbrechende Abgründe verhindern vielleicht mitunter, dass das eine Individuum über das andere herfällt. Solange aber kein Rahmen geschaffen ist, der das Individuum strukturell schützt, bleiben die Lebensverhältnisse letztlich prinzipiell prekär und fragil. Ausbeuterische Arbeitsverhältnisse können individualethisch nämlich nicht verhindert werden, weil im Hintergrund immer die Regel mitläuft oder mitlaufen kann: „Wenn ich’s nicht mache (ausbeute), macht’s ein anderer“. Das betrifft auch den Bereich der sozialen Sicherung. Fragil bleibt das Leben nämlich auch dort, wo Menschen angesichts von Arbeitslosigkeit, Unfall, Krankheit und Alter strukturell nicht aufgefangen werden, sondern allein sich selbst oder den Familien überlassen werden, wie dies jahrhundertelang der Fall war. Angesichts der „neuen sozialen Frage“, wie man das im 19. Jahrhundert nannte, musste man von jetzt an also offenbar anders, sozialethisch nämlich, antworten, d.h. Vorstellungen notwendiger gesellschaftlicher und sozialpolitischer Leitbilder entwickeln, die menschliches Leben auf Dauer sichern. Diese Leitmotive, die im Zuge der nun neu benannten Sozialethik bis in 20. Jahrhundert und eigentlich bis heute entwickelt werden, heißen: Personalität, Solidarität, Subsidiarität und inzwischen auch Nachhaltigkeit. Diese ethischen Perspektiven mussten – kirchlich gesehen – in einem langen Prozess theologischer bzw. christentumsgeschichtlicher Reflexion erst mühsam gefunden werden. Aus lehramtlich römisch-katholischer Sicht findet dies mit der ersten Sozialenzyklika Rerum Novarum von 1891 ihren Niederschlag, der Prozess nimmt aber besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Fahrt auf und ist bis in die Gegenwart hinein als unabgeschlossen zu sehen, weil weitere (technische) Entwicklungen auch weiterhin entsprechende ethische Ergänzungen erforderlich machen werden. Und dennoch: So wichtig diese ethischen Perspektiven auch sein mögen – sie allein können das Humanum nicht ausreichend schützen. Denn letztlich und entscheidend müssen sie bis in die Ordnungspolitik des Staates reichen und damit als Recht bzw. als Gesetze Matthias Bahr 223 verbindlich werden. So erst bilden sie einen Rahmen, an den sich alle zu halten haben, auch jene, die wirtschaftliche Entscheidungen treffen. Erst dann – diese Hoffnung soll ausgesprochen werden – können sie (die ethischen Prinzipien und die gesetzlichen Regelungen) Habgier, Maßlosigkeit, Eitelkeit, Selbstsucht und Ignoranz im Zaum halten. 3. Zum wirtschaftsethischen, ordnungspolitischen Potential der Menschenrechte Die fragwürdige Frage nach der „Ökonomie als dem Bösen im Menschen“ ist damit zumindest teilweise beantwortet. Sie soll aber noch in einen umfassenderen Rahmen gestellt werden, der mit dem Bezug auf die Menschenrechte gegeben ist. Und das ist auch notwendig und gut so, übersteigen die Menschenrechte doch jeden nationalen oder kontinentalen Rahmen. Das, was für Deutschland und inzwischen für viele Länder Europas auf dem Hintergrund meist durchgesetzter ethischer bzw. sozialrechtlicher Standards gewonnen wurde, ist weltweit gesehen vielerorts noch unerreicht. Der universale Anspruch der Menschenrechte hingegen entwirft eine Zieldimension, die einerseits global ist und damit als erstrebenswerte Perspektive gesehen werden kann, enthält aber andererseits genug kritisches Potential, um eine selbstbezogene, ausgrenzende Politik (z.B. der Industrienationen) gegenüber anderen Ländern entsprechend zu hinterfragen. Welche Rolle können nun Menschenrechte für ökonomische Entscheidungen spielen? (1) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist eine moderne Zusammenstellung von Leitbildern auf dem Hintergrund der Katastrophen des 20. Jahrhunderts und wirkt insofern orientierend. Die Herausbildung der Menschenrechtserklärung von 1948 ist aus historischen Unrechtserfahrungen entstanden, auf dem Hintergrund des Vernichtungspotentials des 2. Weltkrieges und des „Zivilisationsbruches“ (Dan Diner) des Holocausts. Die Präambel betont die Notwendigkeit dieser Erklärung ungeschminkt, „[...] da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschen mit Empörung erfüllen [...]“. Deshalb sei es Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 224 dringlich, die Menschenrechtserklärung als universale Perspektive und notwendige Neubestimmung entgegenzusetzen. Damit beansprucht sie, eine Zieldimension zu formulieren, die bei der Freiheit, Gleichheit und Würde des Menschen im Sinne einer allgemeinen Wesensbestimmung ansetzt (Art. 1) und insofern eine klare Antwort auf alle rassistischen Haltungen gibt, die hier Unterschiede vorgenommen haben und in Zukunft vornehmen wollen. Die nähere Beschreibung sieht den Menschen als mit Vernunft und Gewissen ausgestattet, dem damit Entscheidungsfreiheit und Entscheidungsnotwendigkeit zugesprochen ist, vor allem also die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können und insofern ein moralisches Subjekt zu sein – Rückgriffe auf Einsichten, die zur abendländischen Geistesgeschichte gehören und deren rassistische Aussetzung im 20. Jahrhundert in verstörender Weise erfahrbar wurde. Von dieser prinzipiellen Bestimmung ausgehend ergeben sich zentrale weitere säkulare Positionen der Menschenrechtserklärung, insbesondere von sozialer Sicherung und der Notwendigkeit einer stabilen Rechtsordnung. Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist seit 1948 ein verfasster Orientierungsrahmen entworfen worden, der als Zielperspektive mit normativem Anspruch in der Weltgesellschaft auftritt, um gegen das zu schützen, was sonst (wieder) droht: die Barbarei. Bezogen auf die Frage nach dem Stellenwert der Ökonomie heißt das: Auch sie muss diesen Orientierungsrahmen respektieren, will sie sich nicht zum Handlanger realmöglicher Abgründe machen. (2) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sensibilisiert als säkulares Projekt jenseits von Nationen und Religionen für Verletzungen des Humanum. Die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sind wie ein „Brennglas“, durch das sich gesellschaftliche, ökonomische oder politische Zustände schärfer wahrnehmen und einschätzen lassen. Mit dem Wissen um Menschenrechte geht ein erhöhtes Bewusstsein um ihre Verletzung einher, auch in der Gegenwart. Die Menschenrechte sind somit ein Signal an die Aufmerksamkeit. Man nennt dies den „Skandalcharakter“ der Menschenrechte.11 So bilden sie die ‚Wahrnehmungsfolie‘ und wirken an einer zunehmenden Sensibilisierung mit, wenn und wo die 11 Konrad Hilpert: Die Menschenrechte. Geschichte – Theologie – Aktualität. Düsseldorf 1991, S. 19. Matthias Bahr 225 Rechte von Menschen verletzt werden. Als säkulares und transnationales Projekt ist diese Wahrnehmung gewissermaßen rücksichtslos, stellt Öffentlichkeit her und konfrontiert so mit dem Anspruch ihrer Gültigkeit jenseits von Eigeninteressen, seien sie ökonomisch, politisch, kulturell oder religiös begründet. Diesem kritischen Stachel, solange er anhaltend eingesetzt wird, können selbst langfristig bestehende Menschenrechtsverletzungen nicht standhalten. Das belegen immer wieder Veränderungsprozeduren, denen sich auch weltweit agierende Konzerne unterwerfen (vgl. etwa die IWAY-Standards von IKEA), oftmals auf Druck der Öffentlichkeit. (3) Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte fordert (vor allem) das ordnende Handeln von Institutionen ein, die ein humanes Zusammenleben befördern und sicherstellen können und müssen. Menschliches Leben ist immer bedroht: etwa durch ‚naturhafte‘, ‚zufällige‘ Bedrohungen wie Naturkatastrophen, Krankheiten, Unglücksfälle. Im Unterschied dazu nehmen Menschenrechte die Bedrohungen durch Unrecht, Unfreiheit und Gewalttätigkeit in den Blick, die auf Veranlassung von Menschen zurückgehen und letztlich auch als vermeidbar angesehen werden können.12 Die ‚Adresse‘ der Menschenrechte sind dabei allerdings vorrangig staatliche Ordnungen, gesellschaftliche Institutionen, Strukturen des Zusammenlebens, die Unrechtshandlungen dulden, beauftragen oder durch Unterdrückung entsprechender Regelungen zulassen.13 Sie sind Adressaten und müssen ihrer steuernden Verantwortung gerecht werden. Damit geht der Bezug auf die Menschenrechte letztlich mit einem eminent politischen Handeln einher, denn nur dort, auf dieser Ebene, lassen sich strukturelle Wirkungen realisieren. (4) Im Zusammenhang mit wirtschaftlich relevanten Entscheidungen und Entwicklungen rücken ausgewählte Perspektiven der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in den Vordergrund. Zu nennen sind hier die Menschenwürde (Art. 1), das Lebensrecht (2), das Verbot der Sklaverei (3), das Eigentumsrecht (17), Soziale Sicherheit 12 Vgl. ebd., S. 19. 13 Vgl. ebd., S. 20. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 226 (22), Recht auf Arbeit und gerechte Entlohnung (23), Recht auf Erholung und Freizeit (24), Gesundheit und soziale Sicherung (25), Recht auf Bildung (26), Recht auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die verkündeten Rechte und Freiheiten gewährleistet sind. Damit bilden sie einen Rahmen, der nach weiteren Ausgestaltungen drängt. Diese können und müssen über gesetzliche Regelungen realisiert werden. Geschieht dies nicht, ist die Gefahr groß, dass Handlungsräume eröffnet werden, die allein dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden – mit der Gefahr schwerwiegender Beschädigungen menschlichen Lebens, wie sie zu Beginn exemplarisch benannt wurden. Bei all dem spielt die rechtliche Ordnung eine wichtige Rolle, weil erst sie dem Individuum die Möglichkeit eröffnet, sich gegen Willkür und Ausbeutung zur Wehr setzen zu können. Interessant ist, welch großer Raum in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der rechtlichen Sicherung eingeräumt ist, die Art. 6-12 spiegeln dies wider. Wo keine Rechtsordnung existiert oder eine funktionierende Rechtsordnung sukzessive außer Kraft gesetzt wird, stehen letztlich auch grundlegende weitere Rechte des Menschen und schließlich seine Unversehrtheit und seine Würde zur Disposition. Das alles ist nicht harmlos. „Diese Wirtschaft tötet“: Mit dieser pointierten Aussage hat der amtierende Papst Franziskus sein Urteil über das herrschende Wirtschaftssystem gesprochen (Enzyklika Evangelium Gaudium Nr. 53). Gemeint ist der neoliberale Kapitalismus, der beanspruche, alle gesellschaftlichen Bereiche einschließlich der Politik zu unterwerfen. Ursache sei eine Vergöttlichung des Geldes, die Sucht nach Macht, die Gier nach Luxus und Konsum. Daraus folge eine „Ablehnung der Ethik“ und – ganz christlich-katholisch formuliert – „eine Ablehnung Gottes“.14 Die Folge ist soziale Exklusion, wie sie weltweit anzutreffen ist, eine Globalisierung der Gleichgültigkeit, 15 die empfindungslos den Notleidenden gegenüber sei. Die Stichworte dieses prominenten Anwalts der Armen berühren Anliegen, die auch im Landauer Manifest zur Menschenrechtsbildung vertreten werden.16 14 Enzyklika Evangelium Gaudium, Nr. 57, vgl. Norbert Mette: Nicht gleichgültig bleiben! Die soziale Botschaft von Papst Franziskus. Ostfildern 2017, S. 41. 15 Vgl. Mette, Nicht gleichgültig bleiben, S. 28. Matthias Bahr 227 4. Perspektiven Der Durchgang durch die unterschiedlichen Felder, die sich vor allem einer theologisch-ethischen Perspektive gewidmet haben, kann einige Akzente herausstellen, die für die Auseinandersetzung strukturierend sein dürften. Zentrale Aufgabe angesichts der Ausgangsfrage ist es, aus sozialethischer Sicht dafür einzutreten, dass im Sinne der Sicherung der Personenwürde Prinzipien wie Solidarität, Subsidiarität und Nachhaltigkeit erinnert, angemahnt und – wo fehlend oder beschädigt – strukturell eingefordert und umgesetzt werden. Allerdings: In einer komplexen, vernetzten, globalisierten Welt geht dies nicht im nationalen Rückzug, sondern nur in transnationalen Allianzen. Eine klassische und doch zeitgemäße Sozialethik wie auch eine moderne Menschenrechtsbildung muss das verfolgen. So wird sie für die Stärkung von Institutionen wie z.B. die Vereinten Nationen eintreten, aber auch größere Verbünde von Staaten begrüßen, die sich auf gemeinsame Regeln verständigen (z.B. die Europäische Union, Afrikanische Union, Mercosur) und sich untereinander auf Augenhöhe begegnen, um zum Wohle ihrer Bürger ihre eigenen Vorstellungen zu artikulieren. Ein religiöser Beitrag wird sich darum bemühen müssen, den anthropologischen Abgründen menschlichen Handelns angemessen Rechnung zu tragen und die entsprechenden theologischen bzw. pastoraltheologischen und religionspädagogischen Aufgaben zu lösen. Trotz erheblicher Unterschiede in der inhaltlichen Ausrichtung der Weltreligionen ist insgesamt in ihnen doch das Interesse an einem ‚guten Leben‘ leitend. Dabei müssen gerade auch den dunklen Seiten des Menschseins angemessene Aufmerksamkeit gezollt und entsprechende Entwürfe zu ihrer Bearbei- 16 Vgl. www.menschenrechtsbildung.uni-landau.de, vgl. dazu auch Matthias Bahr: Das „Landauer Manifest zur Menschenrechtsbildung“. Profil einer Initiative an der Universität Koblenz-Landau, in: Ders./Bettina Reichmann/Christine Schowalter (Hrsg.): Menschenrechtsbildung. Handreichung für Schule und Unterricht. Ostfildern 2018, S. 42-55, hier S. 54; Bettina Reichmann: Didaktische Grundlegung zur Menschenrechtsbildung. In: Bahr u.a. (Hrsg.), Menschenrechtsbildung, S. 56-70, hier insb. S. 64-68. Die Ökonomie – das ewig Böse im Menschen? 228 tung bereitgestellt werden. Diese Herausforderungen, die Religionen seit tausenden von Jahren beschäftigen, bleiben auch im 21. Jahrhundert bestehen. Das ist letztlich auch deshalb so, weil sich jeder Mensch mit der Tatsache seiner Endlichkeit und (wenn er ein ehrlich Fühlender ist) damit auch seiner Existenzangst stellen muss. Die Frage, ob und wie er sie bewältigt, und ob dazu auch Missbrauch gehört und die Kompensation des eigenen Daseins auf Kosten anderer erfolgt, oder (im Sinne einer religiösen Deutung) ein tragendes Grundvertrauen in das Leben und die Welt das individuelle Koordinatensystem geschwisterlich-menschlich sein lässt, ist eine entscheidende Alternative, an der sich Religionen lebensfreundlich-fördernd abzuarbeiten haben. Das ist ihre erste Aufgabe. Den Menschenrechten kommt in der Frage nach einem humanen Zusammenleben unter den gegebenen ökonomischen Kontexten hier vor allem auf der Ebene der strukturellen Ordnung m.E. zukunftsweisende Bedeutung zu, weil sie ein säkulares Programm sind mit der Potenz, Gesellschaften (und Menschen) jenseits bestimmter kultureller Prägungen und religiöser Überzeugungen konstruktiv orientieren und zusammenführen zu können. Denn für ihre Wirksamkeit ist eine bestimmte religiöse Rückbindung nicht vorausgesetzt, und gleichzeitig zeigen sie einen Horizont auf mit Lebensmöglichkeiten für alle. Darüber hinaus verkörpern sie eine Position, die von ihrer historischen Genese her die Erinnerung an ihr Gegenteil bewahrt. Und trotzdem sind die Menschenrechte zunächst einmal ‚schwach‘: 17 Erforderlich ist, dass sie in verbindliche, einklagbare Regeln hinein entfaltet werden, wie man sie etwa in Verfassungen wiederfinden kann. Vielleicht werden sie einmal – wenn die Zeit gekommen ist – Bestandteil einer ‚Weltinnenpolitik‘ sein, auf die schon vor Jahrzehnten etwa Carl-Friedrich von Weizsäcker hingewiesen hat. 17 Vgl. Konrad Hilpert: Ethik der Menschenrechte. Zwischen Rhetorik und Verwirklichung. Paderborn 2019, S. 39.

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Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.