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Konstantin Wecker, Und wenn sie euch sagen in:

Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Werner Sesselmeier (Ed.)

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.", page 17 - 18

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4376-9, ISBN online: 978-3-8288-7358-2, https://doi.org/10.5771/9783828873582-17

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
17 Konstantin Wecker Und wenn sie euch sagen das Boot ist voll wir können keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen dann antwortet ihnen: denkt mit dem Herzen. Über zwölf Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene sowie fast zwölf Millionen ehemalige Zwangsarbeiter und ausländische KZ-Insassen mussten nach dem Ende des Krieges eine neue Heimat finden Die Integration der Vertriebenen in das massiv zerstörte und verkleinerte Nachkriegsdeutschland schien zunächst kaum lösbar. Und wenn sie euch sagen viele von denen haben doch sogar eigenes Geld dann: denkt mit dem Herzen denn wenn ihr fliehen müsstet und alles verlassen was euch lieb ist und teuer dann würdet ihr doch auch versuchen alles was ihr besitzt und je besessen habt zu verkaufen um Geld mitzunehmen auf diese ungewisse schier ausweglose Reise. Und wenn sie euch sagen da kommen ja fast nur junge Männer an und kaum Frauen mit Kindern dann: denkt mit dem Herzen. Würdet ihr nicht auch versuchen im äußersten Elend die kräftigsten eurer Familie auf die Reise zu schicken damit sie euch vielleicht sogar eines Tages nachholen können? Und wenn sie euch sagen die prügeln sich doch in ihren Unterkünften: denkt mit dem Herzen. „Und wenn sie euch sagen“ 18 Wie lange würdet ihr es wohl aushalten eingepfercht zu sein, oft ohne Strom und Wasser und bei schlechter Ernährung, ohne nicht einmal aggressiv zu werden ohne durchzudrehen? Und wenn sie euch sagen was haben wir mit denen zu tun die glauben doch an einen anderen Gott die sind von einer fremden Kultur dann: benützt euren Verstand: Kulturelle Reinheit ist eine Illusion. Und die führte bei uns zu der schrecklichsten Diktatur der Menschheitsgeschichte. Menschen sind wichtiger als Kulturen sagt das all jenen die sich so gerne mit Fakten schützen deren Herkunft viel unsicherer ist als das eigene Mitgefühl sagt es ihnen nicht hasserfüllt doch bestimmt. Erinnert sie an ihre eigenen Kinder versucht ihnen zu vermitteln wie es sich anfühlen würde wäre man selbst an der Stelle dieser Ärmsten. Wer anderen die Herberge verwehrt verdient es sein Heim zu verlieren. Denken wir mit dem Herzen. Besiegen wir den Hass durch Zärtlichkeit.

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Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.