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Walter Kühn, „Brich aus in lauten Klagen“. Heines literarische Kämpfe für die Menschenrechte. Eine Skizze in:

Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Werner Sesselmeier (ed.)

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not.", page 119 - 142

Menschenrechte in kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4376-9, ISBN online: 978-3-8288-7358-2, https://doi.org/10.5771/9783828873582-119

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 3

Tectum, Baden-Baden
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119 „Brich aus in lauten Klagen“ Heines literarische Kämpfe für die Menschenrechte. Eine Skizze Walter Kühn I. Die Würde von Heines Person und Werk ist angetastet worden. In heinisch-leichter Weise hat der Germanist Helmut Koopmann diesen Befund formuliert: „Allzugut ist Heinrich Heine von den Deutschen nicht behandelt worden“. 1 Heine hatte viele Gegner. Mit Fug und Recht spricht Klaus Briegleb, Herausgeber der Studien- und Lesesaugabe von Heines Sämtlichen Schriften, von einer auch „feindlichen Wirkungsgeschichte“.2 Diese baute sich früh auf. Eine Schar konservativer Rezensenten etikettierte den Dichter als „irreligiösen Materialisten“, „Verführer der Jugend“, „Charakterlose[n]“, „Lügner“, „Franzosenfreund“, „Vaterlandsverächter“ – als „Juden“.3 Bereits 1831 wurde in der Münchner Zeitschrift Eos der vierte Band von Heines Reisebilder als „schmähliche[s] Er- 1 Helmut Koopmann: Einleitung. In: Heinrich Heine. Hrsg. von Helmut Koopmann. Darmstadt 1975, S. IX. 2 So Klaus Brieglebs Formulierung im Zusammenhang mit der von ihm editorisch und begrifflich gefassten Gattung „Schriftstellernöte“ (Heinrich Heine. Sämtliche Schriften in sieben Bänden. Hrsg. und kommentiert von Klaus Briegleb. Bd. V: Schriften 1831-1855. München 1974, S. 574). 3 Karl Theodor Kleinknecht: Einleitung. In: Heine in Deutschland. Dokumente seiner Rezeption 1834–1956. Hrsg. von Karl Theodor Kleinknecht. Tübingen 1976, S. XVIIIf. Zur Heine-Rezeption seit Beginn der 1830er Jahre gehören auch die Kritik an dem vermeintlich „mit der Revolution nur Spielende[n]“ wie auch die von „Einsicht“ zeugenden Äußerungen, dass „[sich] Heine generell jedem Versuch, ihn auf eine Position festzulegen, [...] entziehe“ (ebd.). „Brich aus in lauten Klagen“ 120 zeugnis der verworfensten Judenfrechheit“4 beschimpft. Diese feindliche Wirkungsgeschichte bestand bekanntlich fort. Sie versuchte sich zu behaupten gegen eine neue liberale Leserschicht, die seit Mitte der 1830er Jahre den Autor des Buchs der Lieder rühmte. Anstoß nahmen Rezensenten, von denen manche zuvor Zielscheibe von Heines gefürchtetem Spott geworden waren, nicht zuletzt an Heines Deutschland. Ein Wintermärchen von 1844. Man verriss das satirische Versepos des seit 1831 in Paris lebenden Exilanten als „Schmähschrift“ eines „Vaterlandsverräters“.5 Die Liste spinnt sich fort. Während Friedrich Nietzsche Heine als den „ersten Artisten der deutschen Sprache“6 lobte, schlugen antisemitische Äußerungen wie jene des Historikers Heinrich von Treitschke über Heines „jüdischen Verstand“ in dem vielfach wiederaufgelegten fünfbändigen Hauptwerk Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert (1879-1894) das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte auf.7 Bezeichnend sind dabei die 4 Zitiert nach: Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen. Band 1: Rezensionen und Notizen zu Heines Werken von 1821 bis 1831. Hrsg. und kommentiert von Eberhard Galley. Hamburg 1981, S. 549. 5 So publizierte, um nur ein Beispiel zu nennen, der konservative Jurist August Sutor (1812-1884) Ende Oktober 1844 anonym einen Verriss im Hamburger Blatt Die Jahreszeiten. Im Wintermärchen sei, wie Winfried Woesler Sutor zitiert, „die Poesie erfroren“, Heines „schmutzige Witze“ hätten „das Leben derselben getödtet“, „feiner Spott“ sei zur „ächzenden Krähe geworden, die sich ihren Unterhalt auf dem Schindanger sucht“ usw. Hauptsächlich die Hamburg-Capita von Heines Versepos, die die „Verhöhnung alles dessen“ sei, „was einem gewöhnlichen Menschen heilig ist“, erregten beim Lokalpatrioten Anstoß. Zitiert nach: Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: Heinrich Heine. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. In Verbindung mit dem Heinrich-Heine- Institut herausgegeben von Manfred Windfuhr. Bd. IV: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum. Deutschland. Ein Wintermärchen. Bearbeitet von Winfried Woesler. Hamburg 1985, S. 1005f. 6 Friedrich Nietzsche: Ecce homo. In: Kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. 6. Abteilung. Bd. 3: Der Fall Wagner. Götzen-Dämmerung. Der Antichrist. Ecce homo. Dionysos-Dithyramben. Nietzsche contra Wagner. Berlin 1969, S. 284. 7 Heine, so Treitschke im dritten Band Bis zur Juli-Revolution, habe aufgrund seines „jüdische[n] Verstand[es] [...] [v]on der menschlichen Größe unserer classischen Dichter [..] nichts“ besessen. Heine sei „[g]eistreich ohne Tiefe, witzig ohne Überzeugung, selbstisch, lüstern, verlogen und doch zuweilen unwiderstehlich liebenswürdig, [...] charakterlos und darum Walter Kühn 121 vergeblichen Versuche dreißig Jahre nach Heines Tod, den Dichter am Rhein mit einem Denkmal zu würdigen. Der völkisch-antisemitische Schriftsteller Adolf Bartels (1862-1945) stemmte sich gegen die Denkmalspläne in seinem Pamphlet Heinrich Heine – auch ein Denkmal (1906): Muss er durchaus ein Denkmal haben, so kann ihm ja einfach das Judentum eines setzen [...]. Sollte es jedoch heißen: HEINRICH HEINE DAS DEUTSCHE VOLK, so kann niemand dafür stehen, daß das Denkmal nicht eines Tages (ich spreche hier natürlich nur bildlich) in die Luft fliegt – und vielleicht noch verschiedenes mit.8 Die Kulturpolitik der Nationalsozialisten schloss daran an. Man zerstörte Heine-Denkmäler in Frankfurt und Hamburg, verstieg sich zu groteskdümmlichen Urteilen wie ‚jüdischer Nestbeschmutzer‘ und sang die Loreley in deutschen Bierstuben. Nach 1945 folgten der Zeit umfassendster Verleumdung in den 1950er und 1960er Jahren eine rasche Etablierung Heines zum Vorläufer des Sozialismus in Ost- und eine zögerliche, konservativ-verharmlosende Rezeption in Westdeutschland, woraufhin in den 1970er Jahren die „Konsolidierung der Heine-Renaissance“ und in den 1980er Jahren Heines „Kanonisierung“ erfolgten. 9 Legendär geworden ist der ‚Streit um Heine‘. Während Heine in Ostdeutschland bereits in den 1950er Jahren in den Rang eines ‚Klassikers‘ gehoben wurde,10 tat man sich in Westdeutschland in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten sichtlich schwemerkwürdig ungleich in seinem Schaffen“, das ebenso „der Schönheit [...] wie der Niedertracht“ mächtig gewesen sei. Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zitiert nach: Heine in Deutschland, S. 58 u. 71. 8 Adolf Bartels: Heinrich Heine – auch ein Denkmal. C.A. Kochs Verlagsbuchhandlung, Dresden und Leipzig 1906, S. 375. 9 Jürgen Habermas: Zeitgenosse Heine. Endlich ist er „unser“ – aber was sagt er uns noch. Dankrede. In: Heine-Jahrbuch 2013. Stuttgart/Weimar 2013, S. 190. 10 Im Heine-Gedenkjahr 1956 fand anlässlich von Heines 100. Todestag der erste internationale wissenschaftliche Heine-Kongress in Weimar statt und im Aufbau-Verlag erschien die fünfbändige Heine-Werkausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker. Der Literaturwissenschaftler Hans Kaufmann veröffentlichte im Aufbau-Verlag die Monographie Heinrich Heine – Geistige Entwicklung und künstlerisches Werk (Berlin 1967). „Brich aus in lauten Klagen“ 122 rer, bis um 1970 die akademischen Schlachten einsetzten, in denen konservative und marxistische Heine-Bilder konkurrierten. Die ideologisch bestimmte Auseinandersetzung um den Dichter ging daraufhin zurück. Bleibende Verdienste stellen die beiden stattlichen historisch-kritischen Heine-Ausgaben dar, aus denen die Fachwissenschaft größten Nutzen gezogen hat und weiterhin ziehen wird: Die in Weimar und Paris 1970 begonnene Säkularausgabe11 sowie v.a. die von Manfred Windfuhr zwischen 1973 und 1997 herausgegebene Düsseldorfer Ausgabe12 haben, so konstatiert Gerhard Höhn in seinem profunden Handbuch, „das ‚Monument‘ eines neuen, gesamtdeutschen ‚Klassikers‘“13 errichtet. Heines Wertschätzung reicht heute weit über die fachwissenschaftlichen Grenzen hinaus. „Der Kämpfer für Freiheit und Fortschritt“, stellt Höhn fest, „wird heute überall gefeiert und geehrt. Kaum ein anderer der älteren Klassiker scheint so populär zu sein und wird in den Medien so oft zitiert wie Heinrich Heine.“14 Heines Rang dokumentiert die verstärkte Aufnahme seiner Texte in die Lehr- und Lektürepläne von Schulen und Universitäten. Fest im kulturellen Gedächtnis verankert ist vor allem ein Zitat aus Heines frühem Toleranzstück Almansor (1823). Auf vielen Mahnmalen und Gedenkstätten ist folgende Warnung der Figur Hassan angesichts einer Verbrennung des Korans durch den Großinquisitor Francisco Jiménez de Cisneros (1436-1517) zu lesen: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ 11 Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Düsseldorfer Ausgabe. Hrsg. v. Manfred Windfuhr. Hamburg 1973-1997. Im Folgenden wird mit dem Kürzel „DHA“, der Nummer des Bandes und der Seitenangabe zitiert. 12 Heinrich Heine. Werke, Briefwechsel, Lebenszeugnisse. Säkularausgabe. Hrsg. von den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und dem Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. Berlin/Paris 1970ff. Im Folgenden wird mit dem Kürzel „HSA“, der Nummer des Bandes und der Seitenangabe zitiert. 13 Gerhard Höhn: Heine-Handbuch. Zeit, Person, Werk. Stuttgart, Weimar 2004, S. VII. 14 Ebd. Walter Kühn 123 II. Anfang der 1820er Jahre zählte Heine in einem Brief an seinen Freund Christian Sethe unter dem Stichwort „Was ich liebe“ Folgendes auf: „Wahrheit, französische Revolution, Menschenrechte, Lessing“.15 Diese Zusammenstellung verwundert nicht. Napoleon, dem Heine in Ideen. Das Buch le Grand ein literarisches Denkmal in Erinnerung an dessen Einzug in Düsseldorf im Jahr 1811 gesetzt hat, wurde für Heine zu einer mythologischen Größe. Sein Bekenntnis zu Napoleon und den Errungenschaften der Französischen Revolution fußte auch darauf, dass Heine die Verletzung der Würde der Person wiederholt erfahren musste. Eine frühe Prägung schilderte Heine in seinen Fragment gebliebenen Memoiren über seine Jugendzeit in der „Franziskanerschule“. An einem „Sonntage“ habe er einmal die „Gelegenheit“ wahrgenommen, meinen Vater zu befragen: wer mein Großvater gewesen sey? Auf diese Frage antwortete er halb lachend halb unwirsch: „Dein Großvater war ein kleiner Jude und hatte einen großen Bart.“ Den andern Tag, als ich in den Schulsaal des Klosters trat, wo ich bereits meine kleinen Kameraden versammelt fand, beeilte ich mich sogleich ihnen die wichtige Neuigkeit zu erzählen, daß mein Großvater ein kleiner Jude war welcher einen langen Bart hatte. Kaum hatte ich diese Mittheilung gemacht, als sie von Mund zu Mund flog, in allen Tonarten wiederholt ward, mit Begleitung von nachgeäfften Thierstimmen, die Kleinen sprangen über Tisch und Bänke, rissen von den Wänden die Rechentafeln welche auf den Boden purzelten nebst den Tintenfässern, und dabey wurde gelacht, gemeckert, gegrunzt, gebellt, gekräht, ein Höllenspektakel dessen Refrain immer der Großvater war, der ein kleiner Jude gewesen und einen großen Bart hatte. Der Lehrer […] vernahm den Lerm und […] fragte gleich nach dem Urheber dieses Unfugs. […] und ich büßte meine Schuld durch eine bedeutende Anzahl Prügel.16 Die, wie Heine im April 1832 in seiner „Beylage zu Artikel VI.“ der Französischen Zustände pathetisch schrieb, im „Jahr der Gnade 1789“ verkündete Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die wie „Christus“ und der sozialrevolutionäre Priester in der Zeit des Bauernkriegs 15 Heinrich Heine an Christian Sethe, 14. April 1822. In: HSA XX, S. 49. 16 Heinrich Heine: Memoiren. In: DHA XV, S. 75. „Brich aus in lauten Klagen“ 124 „Thomas Münzer“ (1489-1525) für „Gleichheit und Brüderschaft der Menschen“ eintritt, war Quelle seiner Wertschätzung für Napoleon.17 Ein weiteres wichtiges Dokument des Kampfes um die Menschenrechte stellt der Code Napoléon (1804) dar. Durch ihn sollte sich die rechtliche Situation der Juden vor allem im Königreich Westphalen erstmals grundlegend ändern: Als erstes europäisches Gesetzbuch beinhaltete es keine eigene Gesetzgebung für Juden, sodass alle Bürger unter dem gleichen Gesetz verbunden wurden. Von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konnte indes in der Restaurationszeit keine Rede sein. Schlaglichter sind auf publizistische Angriffe zu werfen, auf die Heine mit brieflichen Äußerungen wie „Wär ich ein Deutscher – und ich bin kein Deutscher, siehe Rühs, Fries an vielen Orten“ 18 reagieren sollte. 1815 erschien das radikal antijüdische Pamphlet Über die Ansprüche der Juden auf das deutsche Bürgerrecht, worin der Berliner Historiker und Hochschullehrer Friedrich Rühs „dem fremden Volk“ 19 das deutsche Bürgerrecht absprach, falls dieses nicht „den Uebertritt zum Christentum“20 vollzöge. 1816 verfasste Jakob Friedrich Fries eine Rezension zu Rühs Streitschrift für die Heidelberger Jahrbücher, die auch als Flugschrift unter dem Titel Über die Gefährdung des Wohlstands und Charakters der Deutschen durch die Juden erschien. In dieser Polemik befürwortete der Philosoph, dass Juden ein Zeichen an ihrer Kleidung tragen sollten. Er machte die Juden für den wachsenden gesellschaftlichen Einfluss von Geld verantwortlich und forderte, dass diese „Kaste mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden“21 solle. Hinzu kam, dass die restaurative Politik des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. zur Folge hatte, dass sich für jüdische Studierende die Türen zu Akademien verschlossen.22 Darüber 17 DHA XII/I, S. 142f. 18 Heinrich Heine an Moses Moser, 23. August 1823. In: HSA XX, S. 106. 19 „Die Gerechtigkeit der Christen gegen sich selbst erfordert, den Gliedern eines fremden Volks, das sich unter ihnen als solches behaupten will, die Rechte zu versagen, deren sie zum Theil nur durch das Christenthum genießen“. Friedrich Rühs: Ueber die Ansprüche der Juden an das deutsche Bürgerrecht. Zweiter, verbesserter und erweiterter Nachdruck. Mit einem Anhange über die Geschichte der Juden in Spanien. Berlin 1816, S. 39. 20 Ebd., S. 35. 21 Jakob Friedrich Fries: Ueber die Gefährdung des Wohlstands und Charakters der Deutschen durch die Juden. Heidelberg 1816, S. 18. 22 Dies erklärt Heines Taufe im Juni 1825. Er hoffte, durch den geheim gehaltenen Übertritt zum Protestantismus ein „Entre Billet zur Europäi- Walter Kühn 125 hinaus zeigten 1819 die gewalttätigen Hep-Hep-Ausschreitungen von Handwerkern, Händlern und Studenten in Städten des Deutschen Bundes wie Würzburg, Prag, Graz und Wien sowie in Amsterdam, Kopenhagen, Helsinki, Krakau und kleineren Orten in Russisch-Polen, wie anfällig Teile der Bevölkerung für neue Formen antijüdischer Haltung waren. Die Bildung einer kleinen kurzlebigen Gruppe versprach eine Stabilisierung des Ich. Am 7. November 1819 gründeten junge jüdische Intellektuelle in Berlin im Gefolge der Hep-Hep-Krawalle einen Verein, zunächst unter dem Namen „Verein zur Verbesserung des Zustandes der Juden im deutschen Bundesstaate“, später umbenannt in „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Leopold Zunz, der Hegel-Schüler Eduard Gans und Moses Moser. Heine, der dem Berliner „Kulturverein“ im August 1822 beitrat, fühlte sich verbunden mit den selbstbewussten jungen jüdischen Intellektuellen und war gewillt, ein Sprecheramt zu übernehmen. So teilte er Moses Moser brieflich Folgendes mit: Daß ich für die Rechte der Juden und ihre bürgerliche Gleichstellung enthousiastisch sein werde, das gestehe ich, und in schlimmen Zeiten, die unausbleiblich sind, wird der germanische Pöbel meine Stimme hören, daß es in deutschen Bierstuben und Palästen wiederschallt.23 Sehr drängt es mich, in einem Aufsatz für die Zeitschrift, den großen Judenschmerz (wie ihn Börne nennt) auszusprechen [...].24 Aus dem Plan, einen Aufsatz für die Zeitschrift zu verfassen, wurde das Vorhaben, einen Roman unter dem Titel Der Rabbi von Bacherach zu schreiben. schen Kultur“ (Heinrich Heine: Prosanotizen. In: DHA X, S. 313) zu bekommen. 23 Heinrich Heine an Moses Moser, 3. August 1823. In: HSA XX, S. 107. 24 Heinrich Heine an Moses Moser, 18. Juni 1823. In: HSA XX, S. 97. Heine bezog sich auf Ludwig Börnes Rezension des 1794 verfassten Schauspiels Der Jude von Richard Cumberland: „Wie viele Tausende jenes unglücklichen Volkes mußte Cumberland haben dulden sehen, bis er den ungeheuren Judenschmerz, einen reichen dunklen Schatz, von Geschlecht zu Geschlecht herabgeerbt, auch nur zu ahnen vermochte, bis er zu erlauschen vermöchte die Leiden, die nicht klagen, weil sie kein Ohr zu finden gewohnt sind?“ Ludwig Börne: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Inge und Peter Rippmann. Bd. 1. Dreieich 1977, S. 286f. „Brich aus in lauten Klagen“ 126 Spätestens mit Blick auf diesen Roman ist auf Heines Arbeitsweise, die bereits in seinen früheren Produktionen von erheblichem schriftstellerischen Nutzen gewesen ist, hinzuweisen. Heine ist ein auf historisches Denken verpflichteter Autor gewesen. „[B]eeindruckend“, schreibt Gerhard Höhn, ist „das Quellenstudium“ dieses Studenten gewesen.25 Die akribisch erarbeiteten materialreichen Apparat-Teile der Düsseldorfer Heine-Ausgabe legen davon ein beredtes Zeugnis ab. So dokumentiert der von Manfred Windfuhr besorgte fünfte Band, dass Heine sich bereits während seiner Arbeit an seiner 1821 erstpublizierten Tragödie Almansor in historische Studien in deutscher, englischer und französischer Sprache vertieft hatte, besonders unter dem Gesichtspunkt Inquisition. Heine intensivierte dieses Vorgehen bei seinem Rabbi-Projekt. Dies zeigt Windfuhr in seinem Anhang, für den der Philologe u. a. Dokumente wie Heines Exzerpte zusammengetragen und sachgerecht ausgewertet hat.26 Sie lassen Folgendes rekonstruieren. Unter den verwendeten Quellen ragt ein mehrbändiges Werk des Kirchenhistorikers und reformierten Theologen Jacques Basnage (1653-1723) heraus: Histoire des juifs, depuis Jesus- Christ jusqu’ à present, 1706 in einer fünfbändigen ersten Auflage und 1716 in einer 15-bändigen endgültigen Auflage erschienen.27 Ein Leichtes ist es, mittels des Apparats der Düsseldorfer Heine-Ausgabe den produktionsästhetischen Stellenwert dieser Lektüre, die Heine von seinen Vereinsfreunden vermittelt wurde, zu skizzieren. Die Lektürearbeit stand in enger Korrespondenz mit den Zielen des Vereins: Aufklärung über die bisher vernachlässigte jüdische Geschichte „in den traurigen Zeiten ihrer Zerstreuung“28 und über die von weit herkommenden „herrschenden Meinungen und Mährchen“29 in Bezug auf Juden. Heine las und schrieb gleichsam aus der „Froschperspektive der 25 Höhn, Heine-Handbuch, S. 46. 26 DHA V, S. 498-768. 27 Siehe DHA V, S. 707-728. 28 Moses Moser: Memorandum, vorgetragen am 7. November 1819. Zitiert nach: Siegfried Ucko: Geistesgeschichtliche Grundlagen der Wissenschaft des Judentums (Motive des Kulturvereins vom Jahre 1819). In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland 5 (1935), H. 1, S. 16. 29 Leopold Zunz: Grundlinien zu einer künftigen Statistik der Juden. Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums 1 (1823), H. 3, S. 528. Zitiert nach: Regina Grundmann: „Rabbi Faibisch, Was auf Hochdeutsch heißt Apollo“. Judentum, Dichtertum, Schlemihltum in Heinrich Heines Werk. Stuttgart, Weimar 2008, S. 295. Walter Kühn 127 schwächsten […] Bevölkerungsgruppe“,30 um jüdischen Leidensdruck literarisch zu verarbeiten. Er notierte sich „Belege zu den Bereichen Blutige Massaker, Vertreibungen, Falsche Anschuldigungen (angebliche Ritualmorde, Hostienschändungen)“ und „Diskriminierungen anderer Art“.31 In diesem Zuge entstanden zwei Briefgedichte, die als Gradmesser für Heines jüdisches Selbstverständnis im Kontext seines informellen und institutionellen Kontakts zu dem Kreis jüdischer Intellektueller anzusehen sind: An Edom! und Brich aus in lauten Klagen. Heine sandte sie Moses Moser, seinem engsten Vertrauten zu dieser Zeit, am 25. Oktober 1824, zu. An Edom! leitete Heine mit seinem Kommentar für Moser ein, dass „die schmerzliche Lektüre“ von Basnages Werk „Mitte des vorigen Monaths endlich vollendet“ worden sei. Die „vielen [...] Ideen und Gefühle“, die es angeregt hatte, sollten durch „folgende Reflexion angedeutet“ werden: An Edom! Ein Jahrtausend schon und länger, Dulden wir uns brüderlich, Du, du duldest daß ich athme, Daß du rasest dulde Ich. Manchmal nur, in dunklen Zeiten, Ward dir wunderlich zu Muth, Und die liebefrommen Tätzchen Färbtest Du mit meinem Blut’. Jetzt wird unsre Freundschaft fester, Und noch täglich nimmt sie zu; Denn ich selbst begann zu rasen, Und ich werde fast wie Du.32 30 Alfred Bodenheimer: „Die Engel sehen sich alle ähnlich“. Heines Rabbi von Bacherach als Entwurf einer jüdischen Historiographie. In: Heinrich Heine und die Religion. Hrsg. von Ferdinand Schlingensiepen und Manfred Windfuhr. Düsseldorf 1998, S. 53. 31 DHA V, S. 513. 32 Heinrich Heine an Moses Moser, 25. Oktober 1825. In: HSA XX, S. 176f. „Brich aus in lauten Klagen“ 128 Heines Identifikation mit den Gejagten, die in der „Kollektiverfahrung einer aus Trauer und Schmerz bestehenden Tradition“33 gründet, kommt hier in einer Strafpredigt an die Jäger zum Ausdruck. Signalwert hat „Ein Jahrtausend schon und länger“. Das Gedicht ist in einer historischen und in einer überhistorischen Perspektive deutbar. Edom, der Nachbarstaat Israels in der Frühgeschichte Palästinas, ist für Heine zum Namen für den Feind der Juden geworden. Das „Grundverhältnis“ zwischen Du und Ich ist ein „dialektisches“.34 So ist „dulden“ doppeldeutig. ‚Dulden‘ im Sinn von ‚gestatten‘ ist im dritten Vers angesichts des Hinweises gemeint, dass Juden im „Jahrtausend“ des Zusammenlebens mit Christen zeitweise unter ihrer Macht „athmen“ konnten. Die weitaus stärker zu gewichtende Bedeutung des ‚Duldens‘ im Sinn von ‚Erleiden‘ kommt bei „Daß du rasest, dulde Ich“ zum Ausdruck. Heine aktualisierte die biblische Bilderwelt, indem er an das alte Motiv des Bruderstreits zwischen Isaaks Söhnen Esau, dem der Name Edom gegeben wurde,35 und Jakob um die Vormachtstellung des Erstgeborenen anknüpfte. Das lyrische Ich tritt dem Angesprochenen sarkastisch mit „liebefrommen Tätzchen“ entgegen, bis hin zu der das ‚Rasen‘ aus der ersten Strophe wieder aufnehmenden, ohnmächtigen Warnung, dass „Rache der Juden an ihren Feinden“36 verübt werden könnte: „Denn ich selbst begann zu rasen, / Und ich werde fast wie Du“. Das zweite Briefgedicht Heines ist nicht von ohnmächtiger Wut, sondern von Zärtlichkeit grundiert. Er kennzeichnete es in seinem Brief an Moses Moser ausdrücklich als eine Dankesgabe, die möglicherweise in den öffentlichen Diskurs eingefügt werden sollte. So teilte er seinem Freund „die Freude“ mit, „wenn ich Dir mahl den Rabbi zuschicken kann, und ich dichtete schon die Verse die ich auf dem weißen Umschlag des Exemplars als Vorwort für Dich schreiben“ würde: 33 Robert C. Holub: Deutscher Dichter jüdischer Herkunft. In: „Ich Narr des Glücks“. Heinrich Heine 1797-1856. Bilder einer Ausstellung. Hrsg. von Martin Hollender, Joseph A. Kruse und Ulrike Reuter. Stuttgart, Weimar 1997, S. 50. 34 Manfred Windfuhr: „Der Rabbi von Bacherach“. Zur Genese und Produktionsästhetik des zweiten Kapitels. In: Heine Jahrbuch 1989, S. 90. 35 Gen 25,25.30. 36 Dieter Lamping: Von Kafka bis Celan. Jüdischer Diskurs in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Göttingen 1998, S. 50. Walter Kühn 129 Brich aus in lauten Klagen, Du düstres Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im flammenstillen Gemüth’. Es dringt in alle Ohren, und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herr’n, Die Frauen und Blumen weinen, Es weinen am Himmel die Stern’. Und alle die Thränen fließen Nach Süden, im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all’ in den Jordan hinein.37 In diesem Gedicht ist die Kennzeichnung als Lied im zweiten Vers maßgeblich. Sie begründet eine „empfindsam-fromm[e]“ 38 Haltung, in der Mensch und Natur, Seelisches und Stoffliches eine Einheit aus „Thränen“ bilden. Während An Edom! sich fast als eine ohnmächtige Kriegserklärung deuten lässt, mündet Brich aus in lauten Klagen in die Hoffnung auf Versöhnung: „[A]ll’“, sogar eingeschlossen die Feinde bzw. „die kalten Herr’n“, verbinden sich „im stillen Verein“ in den „Jordan“ als das Land der Väter. Zentrum des Gedichts sind die Verse: „Ich habe gewaltig beschworen / Den tausendjährigen Schmerz“. Die im Oktober 1824 geäußerte Absicht, das Moser gewidmete Gedicht Brich aus in lauten Klagen dem Rabbi vom Bacherach als „Vorwort“ voranzustellen, blieb unausgeführt. Ebenso unausgeführt blieb der Roman. Als Fragment veröffentlichte Heine ihn schließlich 1840 angesichts der Damaskus-Affäre, in der die alte Ritualmordlegende benutzt wurde, um Juden zu foltern – mit einer „heiter grüßend[en]“ Widmung an Hei- 37 Heinrich Heine an Moses Moser, 25. Oktober 1825. In: HSA XX, S. 177f. 38 Manfred Windfuhr: „Der Rabbi von Bacherach“. Zur Genese und Produktionsästhetik des zweiten Kapitels. In: Heine Jahrbuch 1989, S. 90. „Brich aus in lauten Klagen“ 130 nes jungdeutschen Schriftstellerkollegen Heinrich Laube.39 Die Änderung der Widmung ist Teil der zweiten Werkphase von Heine. III. Heine definierte seine Rolle in den 1830er Jahren wie folgt: „Ein Schwert“, heißt es in Reise von München nach Genua, „sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreyungskriege der Menschheit.“ 40 Bemerkenswert ist, worauf Höhn hinweist, die häufig wiederkehrende „agonal-militärische Metaphorik“41 seit Heines zweiter Werkphase: „Ich bin ganz Freude und Gesang, ganz Schwert und Flamme!“42, „Aux armes citoyen! [...] Aux armes citoyens!“43 Heine nutzte nun wiederholt die Soldatenchiffre, um sein intellektuell-poetisches Arbeiten als literarischen Kampf für die Würde des Individuums zu kennzeichnen. In Anknüpfung an das aus der Fachgeschichtsschreibung bekannte „Modell des ‚Wissenschaftskriegs‘“44 seien wenigstens skizzenhaft Gegner, Mitkämpfer, Waffen, Auftrag und Schlachtverlauf ins Auge gefasst. 39 „Seinem / geliebten Freunde, / Heinrich Laube, / widmet / die Legende des / Rabbi von Bacherach, / heiter grüßend, / der Verfasser“ (DHA 5, S. 108). 40 Heinrich Heine: Reisebilder. Dritter Theil. Reise von Menschen nach Genua. In: DHA VII/I, S. 74. 41 Höhn, Heine-Handbuch, S. 3. 42 Heinrich Heine: Ludwig Börne. Eine Denkschrift. In: DHA XI, S. 50. 43 Heinrich Heine: Reisebilder. Vierter Theil. Die Stadt Lukka. In: DHA VII/I, S. 205. 44 Lothar Bluhm: Wissenschaft als eine „Gemeinschaft von Freunden“. Zur Verzahnung heterogener Wissenschaftsprojekte in der frühen Deutschen Philologie (12. Januar 2004). In: Goethezeitportal. URL: http://www.goethezeitportal.dedbwiss/epoche/ bluhm_gemeinschaft.pdf, S. 3 [letzter Zugriff am 31. Dezember 2018]. Vgl. auch ders.: „compilierende oberflächlichkeit“ gegen „gernrezensirende Vornehmheit“. Der Wissenschaftskrieg zwischen Friedrich Heinrich von der Hagen und den Brüdern Grimm. In: Romantik und Volksliteratur. Beiträge des Wuppertaler Kolloquiums zu Ehren von Heinz Rölleke. Hrsg. von Lothar Bluhm und Achim Hölter. Heidelberg 1999, S. 49-70. Walter Kühn 131 Der Gegner ist klar zu identifizieren: Thron und Altar. Diese auf Beharrung des Alten bestehenden Kräfte schossen bekanntlich besonders scharf 1835 zurück: Da wurden auf Beschluss des damaligen Deutschen Bundestages die Schriften der Jungdeutschen durch die Fürsten verboten. Amtlicherseits wurden folgende Schriftsteller als Verbündete einer „literarische Schule“ bezeichnet: Heinrich Heine, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt. In der Eile offenkundig vergessen hatte man Ludwig Börne. Im Hinblick auf Mitkämpfer ist Folgendes zu umreißen. Heine war der Held für eine eher lose verbundene Gruppe von Autoren, die von der Julirevolution von 1830 beflügelt waren. Ihr Gruppenbewusstsein entwickelte sich u.a. durch Adolf Wienbarg. Durch ihn wurde der Name „Junges Deutschland“ populär. Wienbarg leitete seine Sammlung von 24 Vorlesungen mit dem Titel Ästhetische Feldzüge, 1834 bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen, mit den programmatischen Worten ein: „Dir, junges Deutschland, widme ich diese Reden, nicht dem alten“.45 Der Vorbildcharakter Heines lässt sich klar belegen. Die jungen Autoren schätzten seine Reisebilder als form- und stilbildend. Den Rang des verehrten Dichters dokumentiert, um nur ein Beispiel zu nennen, Karl Gutzkows und Ludolf Wienbargs briefliche Einladung an Heine zwecks Mitarbeit an der neuzugründenden Zeitschrift Deutsche Revue: „Ihrem Genius ist unsere Wochenschrift dediziert, denn Ihr Name klingt uns wie Poesie und wie der frühmorgendliche Klang des Jagdhorns.“46 Fragt man nach den Waffen, so fällt als erstes ein operativer Literaturbegriff ins Auge: Man setzte auf die Veröffentlichung von Prosa in Zeitungen und Zeitschriften. In Bezug auf die Entwicklung des Literaturmarkts hat man die Vormärzzeit als „zweite Blütezeit“47 der Journalistik nach der Aufklärung bezeichnet. Heine und Ludwig Börne prägten in der Übergangszeit von feudaler Ständegesellschaft zu bürgerlicher Klassengesellschaft auf je unterschiedliche Weise einen neuen Dichtertypus: den des Zeitschriftstellers. Fügen will sich hier, dass Heine als Korrespondent der namhaften Augsburger Zeitung, die eine sehr hohe Leser- 45 Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Dem jungen Deutschland gewidmet. Hamburg 1834, S. V. 46 Ludolf Wienbarg und Karl Gutzkow an Heinrich Heine, 15. September 1835. In: HSA XXIV, S. 334. 47 Manfred Windfuhr: Heinrich Heines Modernität. In: Zur Literatur der Restaurationsepoche 1815-1848. Hrsg. von Jost Hermand und Manfred Windfuhr. Stuttgart 1970, S. 455. „Brich aus in lauten Klagen“ 132 schaft hatte, aktiv wurde und Berichte verfasste, die Historikern wie Germanisten Aufschlüsse geben. Ort seiner Korrespondententätigkeit war Paris, aber auch London – die beiden Zentren im 19. Jahrhundert. Paris: Ort der Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte, Ort zweier siegreicher Revolutionen; London: Ort der Dynamik der kapitalistischen Entwicklung. Der Zeitschriftsteller bevorzugte Prosa. Für den Übergang zu einer poetischen Prosa hatte sich auch Wienbarg ausgesprochen, „weil wir unsere Person und Rechte nachdrücklicher in Prosa vertheidigen können, als in Versen“.48 Die Aufwertung der ästhetisch noch vernachlässigten Prosa ging einher mit dem Witzstil als Schreibideal. Im Unterschied zur verbreiteten Auffassung, dichterische Sprechweise sei grundsätzlich erhaben und würdig, nennt Wienbarg den Witz die Sprechweise des freien Bürgers und das geeignetste Mittel in der Auseinandersetzung mit der Aristokratie. So lautet es in der 24. Vorlesung von Wienbargs Ästhetischen Feldzügen: [I]n der unsrigen [Zeit] hat sich der Witz einen Kampfplatz aufgesucht, wo er mit der Freiheit vereint gegen verrostete Helme und Kapuzen zu Felde zieht und gottlob, es liegen schon Splitter und Stücke genug auf dem Boden, welche seine Schärfe und Kraft beurkunden.49 Gemeinsamer Auftrag war die Verwirklichung der Menschenrechte im Sinn der Ideale der Französischen Revolution. „Befreyungskrieg“ hatte dabei eine umfassende Bedeutung. Will man das programmatische Anliegen der Jungdeutschen auf einen Nenner bringen, so scheint der Begriff der „Emanzipation“ passend zu sein. Wie ein „Magnet“ richtete laut Karl Martin Grass und Reinhart Koselleck dieser Ausdruck damals den „politisch-sozialen Sprachraum“ aus.50 „Das epochale ‚Signal‘ hatte Heine gegeben.“51 In Reise von München nach Genua, 1830 im dritten Band der Reisebilder veröffentlicht, stellte Heine inmitten der Zeit der Restauration die kardinale Frage: 48 Wienbarg, Aesthetische Feldzüge, S. 135. 49 Ebd., S. 306 50 Karl Martin Grass, Reinhart Koselleck: Emanzipation. In: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Bd. 2: E-G. Unter Mitarbeit von Christian Meier redigiert von Reinhart Koselleck. Stuttgart 1975, S. 167. 51 Höhn, Heine-Handbuch, S. 21. Walter Kühn 133 Was ist aber diese große Aufgabe der Zeit? Es ist die Emanzipation. Nicht bloß die der Irländer, Griechen, Frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt vom eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie.52 Diese, schreibt Gerhard Höhn, „universelle, nicht mehr nationale, sondern menschheitliche Forderung nach Freiheit und Gleichheit politischsozial unterdrückter Gruppen, Völker bzw. des Menschengeschlechtes“53 durchziehe nun Heines gesamtes Denken. Manche Schlachten wurden gewonnen, die große verloren. Siegreich sollte man schließlich nach dreißigjährigem Kampf auf dem Feld der Meinungsfreiheit sein. In den aufstrebenden Literaturmarkt wurde seitens der Obrigkeit seit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 eingegriffen. Insbesondere das Pressegesetz ver- oder behinderte die Verbreitung von Gedanken, die damals als aufrührerisch galten, aus heutiger Sicht aber als fortschrittlich bewertet werden. Die zentrale Reglementierung sah vor, dass alle Veröffentlichungen unter 20 Bogen, d. h. 320 Seiten, einer Vorzensur unterlagen; umfangreichere Schriften mussten sich einer Nachzensur unterziehen. Heine stand auch hier an vorderster Front. Dabei ist „[d]ie Dynamik von staatlichem Druck“, der Freiräume ließ, „und schriftstellerischem Gegendruck [...] konstitutiv für die Struktur seines Witzstils und seiner Schreibweise geworden.“54 Berühmt geworden ist, um nur ein Beispiel zu nennen, wie Heine 1827 im Buch Le Grand die Zensur mit dem folgenden, vorgeblich zensierten Text satirisch zu unterlaufen verstand: 52 Heinrich Heine: Reisebilder. Dritter Theil. Reise von Menschen nach Genua. In: DHA VII/I, S. 69. 53 Höhn, Heine-Handbuch, S. 21. 54 Ebd., S. 23. „Brich aus in lauten Klagen“ 134 Kapitel XII. Die deutschen Censoren ------------------------ --------------------------------------------------------------------- ---------------------Dummköpfe--------------------------- --------------------------------------------------------------------- ---------------------------------------------------------------------55 Die preußischen Zensurmaßnahmen verschärften sich angesichts des Hambacher Fests von 1832. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819 wurden auf drastische Weise ausgeweitet. Die Einschränkung der Pressefreiheit war Teil eines Bündels von Maßnahmen: Personen des bürgerlichen Spektrums, die im Verdacht standen, mit revolutionären Ideen zu sympathisieren, wurden verhaftet und Universitäten wurden überwacht. Anhand der komplexen, konflikt- und facettenreichen Entstehungsgeschichte von Heines Französischen Zuständen (1833) hat die Forschung gezeigt, wie schwerwiegend die Zensur eingegriffen hat: „Von allen Werken Heines hat keines so gewaltige Ströme polizeilicher Tinte gekostet wie die Vorrede zu seinen Französischen Zuständen“, schrieb Heinrich Hubert Houben 1926. 56 Zensiert wurde etwa folgende Passage. Heine bezieht sich auf die am 28. Juni 1832 bei der 22. Sitzung der Bundesversammlung in Kraft getretenen Sechs Artikel, die in Ergänzung zu der Wiener Schlussakte von 1820 Maßregeln zur Aufrechthaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe in Deutschland beinhalten.57 Die republikanische Bewegung sollte zum Erliegen gebracht werden – Heine wehrte sich: [K]raft meiner Machtvollkommenheit als öffentlicher Sprecher, erhebe ich gegen die Verfertiger dieser Urkunde meine Anklage und klage sie an des gemißbrauchten Volksvertrauens, ich klage sie an der belei- 55 Heinrich Heine. Reisebilder. Zweyter Theil. Ideen. Das Buch Le Grand. In: DHA VI, S. 201. 56 Heinrich Hubert Houben: Eine Vorrede Heinrich Heines. In: Polizei und Zensur. Längs- und Querschnitte durch die Geschichte der Buch- und Theaterzensur. Paderborn 2015 [Nachdruck des 1926 im Berliner Gersbach-Verlag erschienenen Originals], S. 64. 57 Abgedruckt in: Deutsche Verfassungsdokumente 1803-1850. Band 1: Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte. Hrsg. von Ernst Rudolf Huber. Stuttgart 1978, S. 132f. Online bereitgestellt von Wolfgang Fricke: http://www.heinrich-heine-denkmal.de/dokumente/sechs-art.shtml. [letzter Zugriff am 28. Dezember 2018] Walter Kühn 135 digten Volksmajestät, ich klage sie an des Hochverrats am deutschen Volke, ich klage sie an!58 Ebenso wurde das Schlussbild der Vorrede von der Zensur getilgt. Das deutsche Volk wird hier als ein „großer Narr“ gefasst: Oh! der große Narr wird euch immer treu und unterwürfig bleiben [...]. Aber habt ihr gar keine Furcht, daß dem Narren mal all die Lasten zu schwer werden, und daß er eure Soldaten von sich abschüttelt und euch selber, aus Überspaß, mit dem kleinen Finger den Kopf eindrückt, so daß euer Hirn bis an die Sterne spritzt?59 Ein Zweig der Heine-Forschung hat angesichts solcher Auskünfte Heine im Schnittpunkt von Spätjakobinismus und Frühsozialismus verortet. Bodo Morawe hat hier und an zahlreichen anderen Passagen in Heines Pariser Werk das „Recht zum Widerstand“60 als die letzte Konsequenz einer spezifischen Erklärung der Menschenrechte in Anschlag gebracht. Im Anschluss an Jan-Christoph Hauschild61 rekonstruiert Morawe, dass der „Pariser Heine“ – ebenso wie auch der „Straßburger [Georg] Büchner“ – 62 sich auf die im April 1793 vorgeschlagene Rechteerklärung von Robespierre bezieht, die Heine durch das 1828 entstandene Hauptwerk Filippo Buonarrotis Babeufs Verschwörung für die Gleichen kannte.63 „Der 58 Heinrich Heine: Französische Zustände. Vorrede. V XII/I, S. 72. 59 Ebd., S. 76. 60 Bodo Morawe: Heines Republikanismus. In: Ders.: Citoyen Heine. Das Pariser Werk. Bd. 1: Der republikanische Schriftsteller. Bielefeld 2010, S. 83. Siehe auch Morawes Kapitel „Verschiedenartige Geschichtsauffassung, das Recht zu leben und die Fortschritte des Republikanismus“ in seiner Monographie „Heines ‚Französische Zustände‘. Über die Fortschritte des Republikanismus und die anmarschierende Weltliteratur (Heidelberg 1997, S. 40-77). 61 DHA X, S. 918. Siehe auch: Ders.: Die Austreibung der Kritik. Zensur und Exil. In: Heinrich Heine. Einblicke und Assoziationen. Hrsg. von Joseph A. Kruse. Düsseldorf 1988, S. 112. 62 Morawe, Heines Republikanismus, S. 84. Siehe auch: Gerhard P. Knapp: Georg Büchner. Stuttgart 2000, S. 89, S. 116 u. 118. 63 Die zunächst in Brüssel, 1830 dann in Paris erschienene zweibändige Conspiration pour l’égalité dite de Babeuf des italientisch-französischen Politikers und Babeuf-Gefährten Filippo Buonarotti (1761-1837) wurde zu einem „politische[n] Theorie- und Kulttext“ des „‚neuen‘ Republikanismus“ „Brich aus in lauten Klagen“ 136 Hunger und Hunger ‚nach Wissen‘“ gelten darin als die „beiden Grundbedürfnisse, aus denen sich [...] die grundlegenden Rechte des Volkes ableiten: das Recht zu leben [...], das Recht zu essen, [...] das Recht zu wissen“ und „das Recht zum Widerstand als die letzte Konsequenz aller anderen Menschenrechte.“64 Das Recht zu essen und das Recht zu wissen verklammerte Heine 1833 in seiner Schrift Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland: Was helfen dem Volke die verschlossenen Kornkammern, wozu es keinen Schlüssel hat? Das Volk hungert nach Wissen und dankt mir für das Stückchen Geistesbrot, das ich ehrlich mit ihm teile.65 Mit Deutschland verband Heine eine Hassliebe. Heine, von Paris aus auf „pädagogischer Mission“, 66 kritisierte wiederholt den deutschen Stillstand. Der „schlafende Riese“ war 1830 nur kurz „durch den Kanonendonner aus den Kissen hochgeschreckt, bevor er sich erneut die Nachtmütze“ für viele Jahre wieder „tief ins Gesicht zog“.67 Den Stillstand hat Heine in vielen ironischen Mitteilungen bedacht, etwa im Dritten Brief von Über die Französische Bühne: Mit Verwunderung betrachten sie [die Franzosen, Anm. d. Verf.] uns Deutsche, die wir oft sieben Jahre lang die blauen Augen der Geliebten anflehen, ehe wir es wagen, mit entschlossenem Arm ihre Hüften zu umschlingen. Sie sehen uns an mit Verwunderung, wenn wir erst die ganze Geschichte der französischen Revolution samt allen Kommentarien gründlich durchstudieren und die letzten Supplementbände abwarten, ehe wir diese Arbeit ins Deutsche übertragen, ehe wir eine (Morawe, Heines Republikanismus, S. 84). In Form der von Albert Dulin de Laponneraye (1808-1849) kommentierten Flugschrift erlebte die Rechte- Erklärung Robespierres bis zum Herbst 1833, abgesehen von anderweitigen Nachdrucken, „nicht weniger als 23 Auflagen“ (ebd.). 64 Morawe, Heines Republikanismus, S. 83. 65 Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Erstes Buch. In: DHA VIII, S. 13. 66 Höhn, Heine-Handbuch, S. 26. 67 Ebd., S. 6. Walter Kühn 137 Prachtausgabe der Menschenrechte, mit einer Dedikation an den König von Bayern ...68 Diesen König von Bayern hat Heine nicht nur einmal aufs Korn genommen. Berühmt geworden sind Heines Monarchensatiren, darunter Lobgesänge auf König Ludwig. Sie wurden erstmals 1844 in den von Karl Marx und Arnold Ruge herausgegebenen Deutsch-Französischen Jahrbüchern veröffentlicht. Dass speziell König Ludwig Zielschiebe seines Spotts wurde, hat durchaus auch einen biographischen Hintergrund. Heine machte Ludwig I. von Bayern dafür verantwortlich, dass ihm eine schon sicher geglaubte Professur nicht verliehen worden war. Heine vermutete ein Komplott, bei dem der Schriftsteller August von Platen seine Fäden gezogen hatte. Verbunden war damit ein tiefernster Streit gewesen. Platen hatte Ende der 1820er Jahre im fünften Akt des Lustspiels Der romantische Ödipus Heine namentlich als „Petrark des Laubhüttenfestes“ bezeichnet, als „des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester“, als Juden, der „Synagogenstolz“ habe, dessen „Küsse [...] Knoblauchsgeruch absondern“ und anderes mehr.69 Heine rächte sich an Platen, indem er ihn in Anspielung auf dessen Homosexualität in Die Bäder von Lukka u. a. als „Dichter“ bezeichnete, der „nur für Männer glüht, in warmer Freundschaft“.70 Weitaus weniger abgründig als dieser Streit zwischen einem „Außenseiter der Abkunft“ und einem „Außenseiter der Geschlechtlichkeit“71 nimmt sich Heines Spott gegen Ludwig I. aus. Heine nutzte seine literarischen Mittel: direkte Anrede, Aktualisierung von geschichtlichen und mythischen Elementen, Imperative, Wortspiele, Rollenmonologe und 68 Heinrich Heine: Ueber die französische Bühne. Vertraute Briefe an August Lewald. Dritter Brief. DHA XII/I, S. 245. 69 Zitiert nach: Wolfgang Fricke: Heinrich Heine. Leben, Leiden, Werk und Hintergrund. http://www.heinrich-heine-denkmal.de/andere_texte/oedipus.shtml [letzter Zugriff am 28. Dezember 2018]. 70 Heinrich Heine. Reisebilder. Dritter Teil. Die Bäder von Lukka. DHA VII/I, S. 129. 71 Hans Mayer: Der Streit zwischen Heine und Platen. In: Ders.: Außenseiter. Frankfurt a. M. 1981, S. 218. „Brich aus in lauten Klagen“ 138 vor allem „sprühende Reimkomik“. 72 Wenigstens zwei Strophen aus Heines Lobgesängen auf Ludwig I. seien zitiert: Das ist Herr Ludwig von Baierland, Desgleichen giebt es wenig; Das Volk der Bavaren verehrt in ihm Den angestammelten König. [...] Herr Ludwig ist ein grosser Poet, Und singt er, so stürzt Apollo Vor ihm auf die Kniee und bittet und fleht: Halt ein! ich werde sonst toll, O! Heines Spott bezog sich keineswegs nur auf Thron und Altar. Seit Ende der dreißiger Jahre stritt Heine vermehrt mit Dichterkollegen. Zwar wusste er sich angesichts des gemeinsamen Gegners in Übereinkunft mit ihnen, doch distanzbewusst war er erstens im Hinblick auf deren naive Ansicht, dass sich die Dinge schnell zum Guten wenden würden, und zweitens, dies weit wichtiger, im Hinblick auf deren Verrat an der Kunst. Die „Tendenzpoesie“ war Heines Sache nicht. Spöttisch reagierte er auf verunglückte Verse wie folgende aus dem Gedicht Aufruf von Georg Herwegh: „Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden, Gott im Himmel wird’s verzeihn.“73 Eine der literarischen Antworten Heines war lyrische Rollenrede in Die Tendenz,: „Girre nicht mehr wie ein Werther, / [...] Rede Dolche, rede Schwerter“.74 Mit der Tendenzpoesie setzte sich Heine nicht zuletzt in seinem Versepos Atta Troll. Ein Sommernachtstraum auseinander. Am Schluss des Versepos, das 1843 in der Zeitung für die Elegante Welt erstmals abgedruckt wurde, wird eine Grabinschrift formuliert, die dem stümpernden Bayernkönig Ludwig I. in den Mund gelegt wird. Empfohlen wird die von König Ludwig I. geförderte Weihestätte Walhalla als Standort für den Bären. Die Grabinschrift solle wie folgt lauten: 72 Höhn, Heine-Handbuch, S. 108. 73 Georg Herwegh: Gedichte eines Lebendigen. Fünfte Auflage. Zürich, Winterthur 1842, S. 6. 74 Heinrich Heine: Neue Gedichte. Die Tendenz. In: DHA II, S. 120. Walter Kühn 139 „Atta Troll, Tendenzbär; sittlich Religiös; als Gatte brünstig; Durch Verführtsein von dem Zeitgeist, Waldursprünglich Sanskülotte; Sehr schlecht tanzend, doch Gesinnung Tragend in der zott’gen Hochbrust; Manchmal auch gestunken habend; Kein Talent, doch ein Charakter!“75 Atta Troll ist eine „zusammengesetzte Figur, die mit Zügen unterschiedlicher, realer ‚Bären‘“ 76 bzw. Gegner des Autors Heine in den späten 1830er Jahren ausgestattet wurde. „Das Epitaph verweist“ dabei insbesondere „auf den kunstfeindlichen Jakobiner, der Ludwig Börne für Heine war.“77 Im fünften und sechsten Caput parodiert Heine den Kampf für Freiheit und Brüderlichkeit. So heißt es hier unter anderem aus dem Mund des Tiers, den die Erzählerrede als „frechen / Gleichheitsschwindel“78 zurückweist: Und im Kampf mit andern Bestien Werd ich immer treulich kämpfen Für die Menschheit, für die heil’gen Angebornen Menschenrechte.79 Trotz der „verfremdende[n] Fiktion eines gerechten, gleichen, freien [...] Animalreiches“, die „zusammen mit der Bärenlogik alle fortschrittlichen Ideen als illusionistische Schlagworte“80 entlarvt, war die Verpflichtung auf Menschenrechte keineswegs grundsätzlich aberkannt. In hymnischem Ton verkündet der Heimkehrer drei Jahre darauf in der satirischen Verserzählung Deutschland. Ein Wintermärchen (1844), dem Höhepunkt der politischen Dichtung des Vormärz, die allgemeine Befreiung als das Gebot der Stunde: 75 Heinrich Heine: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum. In: DHA IV, S. 79. 76 Höhn, Heine-Handbuch, S. 87. 77 Ebd. 78 DHA IV, S. 24. 79 Ebd., S. 25. 80 Höhn, Heine-Handbuch, S. 86. „Brich aus in lauten Klagen“ 140 Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten.81 Schönen Versen wie diesen von 1844 sind resignativ-zeitkritische Zeilen von 1849 an die Seite zu stellen. IV. Im Gedicht Im Oktober 1849 heißt es angesichts der gewaltsamen Niederschlagung der Aufstände in der ungarischen Republik, die im Frühjahr 1848 ausgerufen worden war: Es muß der Held, nach altem Brauch, Den thierisch rohen Mächten unterliegen.82 Von einer Enttäuschung über die Revolution von 1848 und die nachrevolutionären Entwicklungen zeugt das ebenfalls 1849 entstandene Gedicht Enfant perdü, das wie Im Oktober 1849 in Heines drittem Lyrikband Romanzero veröffentlicht worden ist. Im Blickpunkt sollen hier die erste und die letzte Strophe stehen: Verlor’ner Posten in dem Freyheitskriege, Hielt ich seit dreyzig Jahren treulich aus. Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege, Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus. […] 81 Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. In: DHA IV, S. 92. Heines Verssatire wurde zwischen dem 23. Oktober und dem 30. November 1844 im Wochenblatt Vorwärts! Abgedruckt, auf das Karl Marx, in persönlichem Kontakt mit Heine, seit Juli desselben Jahres Einfluss nahm. 82 Heinrich Heine: Romanzero. In: DHA III/I, S. 118. Walter Kühn 141 Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen Der eine fällt, die andern rücken nach – Doch fall ich unbesiegt, und meine Waffen Sind nicht gebrochen – nur mein Herze brach.83 Dieses Gedicht ist als Heines „poetisch-politisches Vermächtnis“ 84 bezeichnet worden. Der Bildbereich des „verlorenen Postens“, den Lothar Bluhm grundlegend ausgelotet hat,85 bündelt einen resignativen Blick auf den verlorenen Kampf für die Würde des Individuums. Bemerkenswert ist die Platzierung des Gedichts im Grundaufbau des Romanzero. Das erste Buch ist mit Historien, das zweite mit Lamentazionen und das dritte mit Hebräische Melodien betitelt. Enfant perdü ist das letzte Gedicht der Lamentazionen, genauer: einer Gruppe von 20 Gedichten, die mit Lazarus überschrieben und in das zweite Buch der Lamentazionen aufgenommen worden sind. Wendet man sich nun dem Lazarus-Teil zu, fällt ins Auge, dass das Grundthema, das im ersten Buch Historien mit Versen wie „Und das Heldenblut zerrinnt / Und der schlechtre Mann gewinnt“ eröffnet wird, im Lazarus-Prolog-Gedicht Weltlauf, einer „Kontrafaktur“ der biblischen „‚Gleichnisse vom Reiche Gottes‘“,86 weitergeführt wird: 83 Ebd., S. 121f. 84 Michael Werner: „Enfant perdu“. Heines poetisch-politisches Vermächtnis. In: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine. Hrsg. von Bernd Kortländer. Stuttgart 1995, S. 180-194. Werner erweitert mit diesem Titel Alberto Destros Deutung, dass das Gedicht „um ein Hauptmotiv von Heines Reflexion über seinen Auftrag als Dichter [kreist]: die politischen Implikationen seines Werks“ (DHA III/II, S. 856). Vgl. auch: Manfred Windfuhr: Ein Posten ist vakant. In: Frankfurter Anthologie. Gedichte und Interpretationen. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki. Bd. II. Frankfurt a.M. 1977, S. 57-60. 85 Lothar Bluhm: Auf verlorenem Posten. Ein Streifzug durch die Geschichte eines Sprachbildes. Trier 2012, insb. S. 37-43. Siehe auch Jessica Romana Dümler: Heinrich Heines Enfant perdü. Deutungen und Missdeutungen eines Titels. In: Wirkendes Wort 64 (2014), H. 1, S. 31-45. 86 Bodo Morawe: Der „Lazarus“-Prolog. Kontrafaktur und Kollektivwerk. In: Ders., Citoyen Heine, S. 332. „Brich aus in lauten Klagen“ 142 Weltlauf Hat man viel, so wird man bald Noch viel mehr dazu bekommen. Wer nur wenig hat, dem wird Auch das Wenige genommen. Wenn du aber gar nichts hast, Ach, so lasse dich begraben Denn ein Recht zum Leben, Lump, Haben nur die etwas haben. Fast, so will es den Anschein haben, hat die Stimme der Feinde gewonnen. Am Ende der Lamentazionen scheinen aber kleine Ansätze zu einer etwas positiveren Geschichtsperspektive aufzutreten. In Enfant perdü wird der Geschichte, „die unendlich viele Niederlagen in dem ‚Freyheitskriege‘ kennt“, 87 vielleicht doch ein Ziel gesetzt: „die andern rücken nach.“ Zumindest ist es die Hoffnung auf eine Fortsetzung dieses Kampfes. 87 DHA III/II, S. 550.

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References

Zusammenfassung

Mit Band 3 der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte wird eine Reihe von Sammelbänden zu Ringvorlesungen fortgeführt, in denen sich Landauer Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen mit ihren jeweils eigenen Perspektivierungen übergreifenden kultur- und sozialgeschichtlichen Erscheinungen zuwenden. Im Fokus dieses 3. Bandes steht das Thema Menschenrechte. Der Sammelband dokumentiert die Zusammenführung verschiedener Projekte des Landauer Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften zur Menschenrechtsbildung. Dazu gehört die Öffnung des universitären Raums für das Engagement für Freiheit und Humanität im Schnittfeld von Kunst und Politik. So eröffnet ein künstlerischer Beitrag von Konstantin Wecker diesen Band, dem sich in der Folge wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinem Werk anschließen. In einem zweiten Zirkel werden aus dem Blickwinkel der Theologie, der Literatur- und der Sprachwissenschaften kulturwissenschaftliche Perspektivierungen auf das Themenfeld Menschenrechte versucht, bevor im Rahmen einer diskursiven Spiegelung die Frage nach der Ökonomie als dem ewig Bösen im Menschen aus theologisch-sozialethischer und aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht diskutiert wird. Beiträge aus politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive erweitern den Fokus auf das internationale Wirtschaftsgeschehen und den Zusammenhang von Ökonomie, Ökologie und Menschenrechten und eine soziologische Erörterung schreitet den Problemhorizont der Menschenrechte als Universalmoral aus. In die Rand- und Grauzonen des Menschenrechtsdiskurses führt schließlich die Debatte über die Würde des Tieres.