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Schlussbemerkung & Ausblick: Über die anhaltende Relevanz imperial-kolonialer Formationen (auch für die Politische Theorie) in:

Zubair Ahmad

Politische Theorie, Religion und postkoloniale Kritik, page 100 - 102

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4374-5, ISBN online: 978-3-8288-7356-8, https://doi.org/10.5771/9783828873568-100

Tectum, Baden-Baden
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100 Schlussbemerkung & Ausblick: Über die anhaltende Relevanz imperial-kolonialer Formationen (auch für die Politische Theorie) Was hat der mit postkolonialer Theorie gerüstete kritische Blick auf die liberale Vorstellung des Säkularismus und seiner religiössäkularer Trennung letzten Endes gebracht? Zunächst kann ganz allgemein davon gesprochen werden, dass das liberal-westliche Säkularismuskonzept sich grundsätzlich auf eine rein europäische Erfahrung stützt und seine Theoretisierungen aus eben dieser Erfahrung zu rechtfertigen sucht. Die religiös-säkulare Trennung kann jedoch nicht nur aufgrund ihrer Genealogie, sondern auch aufgrund ihrer normativen Leitmotive problematisiert und herausgefordert werden. Während die liberal-westliche Konzeptionalisierung diese Trennung als die notwendige und unabdingbare Voraussetzung einer freiheitlichen und friedlichen Gesellschaft definiert, versucht eine postkoloniale Perspektive zuvorderst an jene verdrängten Ränder der Welt durchzudringen, deren koloniale Erfahrungen und Konsequenzen immer noch ungehört, konzeptionell unberücksichtigt beziehungsweise marginalisiert und unterprivilegiert geblieben sind. Gerade die Auseinandersetzung im dritten Kapitel hat deutlich gemacht, dass Religion weder als eine universale noch als eine von der Kategorie des Säkularen getrennte Größe konzeptionalisiert und verstanden werden kann. Vielmehr stellt Religion in ihrer liberal-westlichen Variante eine moderne Konstruktion dar, die einerseits grundsätzlich christlichwestliche Bezüge vorzuweisen hat und sich andererseits erst im Rahmen der kolonialen Expansion universalisiert hat. Die Universalisierung der Religion hat gleichzeitig auch die Universalisierung der Kategorie des Säkularen begünstigt, die ebenfalls keine autonome und eigenständige Kategorie darstellt. Im Rahmen der Moderne können Talal Asad zufolge beide als siamesische Zwillinge verstanden werden. Somit hat eine postkolonial-kritische Neubetrachtung nicht nur deutlich gemacht, dass die Konstruktion und Etablierung der Kategorie des Säkularen besonders an die Konstruktion und Etablierung der Kategorie des Religiösen gekoppelt ist, und von dieser unterstützt wird, sondern dass keine von beiden als neutral, objektiv oder universal zu werten ist. Darüber hinaus kann aus postkolonial-kritischer Perspektive dahingehend argumentiert werden, 101 dass sowohl die Genese als auch Geltung der beiden Kategorien nicht nur im Kontext kolonialer Expansion eingebettet ist, sondern erheblich mit Momenten der Macht- und Herrschaftsetablierung beziehungsweise -stabilisierung gekoppelt ist. Ersichtlich wird hierbei auch, dass die Erfindung von außereuropäischen Religionsformen nicht nur die Konfigurationen von säkularen Sphären mit sich bringt, sondern dass diese Trennung gleichzeitig in den orientalistischen Diskurs eingelassen ist, der die ontologische und epistemologische Differenz zwischen dem Orient und dem Okzident, zwischen Europa und seinem Anderen intensiviert. Sowohl die Genese als auch die Geltung der religiös-säkularen Trennung ist daher im Rahmen des kolonialen Herrschaftsverhältnisses eingebettet. Für die Subdisziplin der politischen Theorie hat dies vor allem zwei wichtige Konsequenzen: Zunächst müssen die anhaltenden Leerstellen des europäischen Kolonialismus vehementer adressiert und reflektiert werden. Im Vergleich zu postkolonial-kritischen Aushandlungsprozessen in Disziplinen wie der Anthropologie, Geschichtswissenschaft oder Literaturwissenschaft haben Politikwissenschaft wie auch die politische Theorie erst kürzlich damit begonnen, den europäischen Kolonialismus und seine Konsequenzen zu reflektieren (Chandra 2013; Dhawan 2014, 2015; Mehta 1999; Kohn/McBride 2011; Krämer 2019; Pitts 2010; Ziai 2012a, 2012b, 2016). Gerade das Hauptargument dieser Arbeit, dass nämlich die Formation der religiös-säkularen Trennung nicht nur eine europäische, sondern ebenso eine koloniale Genealogie hat, macht aber deutlich, dass politiktheoretische Arbeiten in Zukunft koloniale Räume nicht einfach außen vor lassen dürfen, als ob sich zentrale Untersuchungsgegenstände der politischen Theorie, zu denen Religion mittlerweile auch zählt, allein in Europa formiert hätten. Dieser geographischen Reorientierung folgen zwangläufig analytisch-konzeptionelle Einsichten, die eine liberal- und säkularisierungstheoretische Perspektive noch nicht ausreichend berücksichtigt hat. Wie der Blick in den europäischen Kolonialismus gezeigt hat, formieren sich das Religiöse und das Säkulare nicht nur im Tandem, sondern operieren hierbei als Kategorien die differenzstrukturierend und ordnungsgebend innerhalb der Kolonie sind. Sowohl über den Begriff der Religion wie auch den Begriff des Säkularen tätigen sich Zuordnungen und Klassifikationen hinsichtlich kolonialen Subjekten und ihren Lebensformen, die wiederum 102 Konsequenzen für die macht- und herrschaftspolitische Konfiguration haben. Somit eröffnet sich ein weiter Analyseraum, der auch innerhalb der politischen Theorie kaum systematisch reflektiert ist: nämlich wie Begriffe wie Religion oder Säkular, aber auch die diskursiv konstituierte Differenz zwischen beiden, macht- und herrschaftsanalytisch betrachtet werden könnte. Schließlich gilt es noch zu erwähnen, dass hierdurch auch für die Politikwissenschaft Fragen an Relevanz gewinnen, die in anderen Disziplinen schon länger diskutiert werden, nämlich jene nach der Wirkmächtigkeit und (Dis-)Kontinuität kolonialer Episteme, Strukturen und Ordnungen für unsere Gegenwart ganz allgemein und für das thematisch eingegrenzte Feld von Religion und Moderne im Besonderen. Zahlreiche Arbeiten haben sich in den letzten Jahren eingehend mit Fragen der Dis-/Kontinuität imperialer Formation auseinandergesetzt (Mbembe 2001; Scott 2014; Stoler 2016). Und obwohl genealogische Zugriffe innerhalb der politischen Theorie keine Seltenheit darstellen, sind sie meines Wissens nicht in Rekurs auf imperial-koloniale Fragestellungen geleistet worden (Joas 2011; Leanza 2017; Muhle 2008; Saar 2007; Senne/Hesse 2019), womit sicherlich auch die anhaltende Ungewissheit Postkolonialer Studien für Deutschland zu tun haben könnte. Wenn also „keine Region dieser Erde den Wirkungen kolonialer Herrschaft entkommen konnte“ und koloniale Beziehungen wie auch kolonialistische Diskurse überall (wenn auch nicht gleicher Weise) „tiefe Spuren hinterlassen“ haben (Castro Varela/Dhawan 2005: 11), dann muss in Konsequenz danach gefragt werden, wie eine postkolonial informierte politische Theorie sich solch einer Herausforderung stellen kann und inwieweit auch aktuelle Fragestellungen und Problematisierungen innerhalb der politischen Theorie eine koloniale Genealogie haben, die bisher unreflektiert geblieben ist. Ich hoffe, die vorliegende Studie hat hierzu eine annehmbare Möglichkeit aufgezeigt.

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Zusammenfassung

Die Wiederkehr der Götter in die Arena nationalstaatlicher und internationaler Politik hat Religion nicht nur zu einem gesellschaftspolitisch relevanten und weltpolitisch brisanten, sondern auch zu einem politikwissenschaftlich wichtigen Untersuchungsgegenstand werden lassen. Doch wie hat die Disziplin der Politischen Theorie auf solch eine „Revitalisierung“ (Jürgen Habermas) der Religion reagiert und mit welchen politiktheoretischen Konsequenzen?

Auch wenn politiktheoretische Antworten auf die Religionsfrage konzeptionell unterschiedlich ausfallen, haben diese Auseinandersetzungen auf der Basis eines rein europäischen Erfahrungsraums stattgefunden. Konsequenterweise ist der Blick jenseits des Eurozentrismus ausgeblieben. Unter Verwendung postkolonialer Wissensproduktion werden kolonialhistorische und kolonialpolitische Erfahrungsräume eröffnet, um hierdurch liberaltheoretische Erkenntnisse hinsichtlich Säkularismus, Religion und dem Verhältnis von Religion und Politik zu verkomplizieren.