Pao Nowodworski

"Gestanden!" Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding

Eine lebensweltanalytische Ethnographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4369-1, ISBN online: 978-3-8288-7349-0, https://doi.org/10.5771/9783828873490

Tectum, Baden-Baden
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Pao Nowodworski „Gestanden!“ Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding Pao Nowodworski „Gestanden!“ Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding Eine lebensweltanalytische Ethnographie Tectum Verlag Pao Nowodworski „Gestanden!“ Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding. Eine lebensweltanalytische Ethnographie © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 ePDF: 978-3-8288-7349-0 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4369-1 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: 360 Flip, Lasse Schulte © Pao Nowodworski, Olaf Nowodworski, Lasse Schulte, 2019 Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Inhaltsverzeichnis Einleitung ......................................................................................................................... 1 1. „Zweite Moderne“, posttraditionale Vergemeinschaftung, Jugendszenen ....................................................................................................... 2 2. Wissenssoziologische Ausgangslage ................................................................ 5 2.1 Aneignung durch Körperwissen ..................................................................... 7 2.2 Zum Kompetenzerwerb .................................................................................... 9 3. Skateboarding -ein Szeneprofil ........................................................................ 10 3.1 Forschungsgebiete ............................................................................................. 10 3.2 Ursprünge und Trends ...................................................................................... 14 4. Lebensweltanalytisches Forschungsprogramm ............................................ 16 4.1. Methoden der lebensweltanalytischen Ethnographie .................................. 18 4.2. Feldzugang .......................................................................................................... 22 5. Analyse ................................................................................................................. 23 5.1 Der Heelflip als prototypischer Trick des Aneignungsprozesses durch Körperwissen – die Ausgangslage ....................................................... 24 5.2 „Üben, üben, üben“ – Akkumulation von Körperwissen .......................... 31 5.2.1 Die ersten Tage: Zwischen Unwohlsein und Erinnerung alten Körperwissens .................................................................................................... 33 5.2.2 „Es kommt immer auf deine Schultern an!“ – hinreichende Bedingungen der Körperhaltung ................................................................... 37 5.2.3 „Du musst es immer wieder versuchen“ – hinreichende Bedingungen des Wollens ............................................................................... 43 5.2.4 „Ich hol mal eben meine Schuhe, hier kann ich gar nicht fahren“ – hinreichende materielle Bedingungen .......................................... 55 5.2.5 „Jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen“ – über die Rolle der Gemeinschaft .............................................................................. 66 5.2.6 Sauber gelandet oder nur gestanden? – über das Können ......................... 75 5.2.7 „Jeder kann fahren wie er will, wobei?!“ – über das Dürfen ..................... 82 6. Zusammenfassung und Ausblick .................................................................... 88 7. Literaturverzeichnis ........................................................................................... 91 Abbildungsverzeichnis .................................................................................................. 99 Glossar ............................................................................................................................ 100 V Vorwort Seit mehreren Jahrzehnten interessiert sich die deutschsprachige Soziologie für das Phänomen der Szenen. Diese posttraditionalen Gesellungsgebilde werden von Ronald Hitzler und Arne Niederbacher als juvenil bezeichnet, weil zwar nicht alle Teilnehmenden der Lebensphase Jugend angehören, wohl aber in juveniler – nämlich in hedonistisch geprägter – Einstellung partizipieren. Menschen finden in Szenen Gleichgesinnte, mit denen sie sich gemeinsam in zeitlich extensiver und/oder finanziell intensiver Weise einem gemeinsamen ‚Thema‘ widmen. Zur Anfertigung von Szenesteckbriefen schlagen Hitzler/Niederbacher die Analyse von z.B. Events, Einstellungen, Lebensstilen, Ritualen, aber auch Medien und sozialen Strukturen vor. Für die Skate-Szene ist festzustellen, dass kaum ein Aspekt und kaum ein Trend unerforscht geblieben ist. Nationale und internationale wissenschaftliche wie auch populärwissenschaftliche Publikationen sind zahlreich vorhanden. Pao Nowodworski hat dennoch eine Forschungslücke gefunden, die er meines Erachtens – sofern ich als skatefremde Szenenforscherin dies beurteilen darf – auf soziologisch spannende Weise schließt. Um die Szene des Skateboardings zu verstehen und dies wiederum für Leserinnen und Leser plausibel darzulegen, führt er eine lebensweltanalytische Ethnographie durch und rekonstruiert Wirklichkeitskonstruktionen dieser kleinen sozialen Lebenswelt bezüglich Szenevokabular, Skatekörper und materialer Artefakte. Das Szenevokabular mag – wenn überhaupt, dann in seltenen Fällen – zwar semiotisch mit dem gesellschaftlichen Vokabular übereinstimmen, weicht jedoch semantisch erheblich von Letzterem ab. Soweit ist dies aus der Szenenforschung bereits bekannt. Pao Nowodworski erläutert an ausgewählten Beispielen wie auch in einem umfangreichen Glossar nicht nur die Semantik. Vielmehr zeigt er au- ßerdem auf, inwiefern Handlungsanleitungen und sogar Verweise auf (hierarchische) Teilhabepositionen im Skatevokabular enthalten sind. Dank aufschlussreicher Bildtafeln und textlicher Erläuterungen veranschaulicht er den sekundenschnellen Handlungsablauf bei einem Trick wie auch den spezifischen Blick in der anschließenden Bewertung dessen. Und so legt er dar, welche Wissensbestände angeeignet werden VI müssen, inwiefern diese relevant gemacht und wie diese beurteilt werden, um als kompetent im Skaten zu gelten. Den Skatekörper kann der Autor so akribisch beforschen, da seinem viermonatigen Forschungsaufenthalt bereits eine existenzielle Involviertheit in seiner persönlichen Lebensphase Jugend vorausgegangen ist. Für die Forschung legt er nun den Fokus auf sein subjektives Erleben bzgl. des Körperwissens, der Körperhaltung und der Empfindungen (von Freude bis Frust). Darüber hinaus wird auch dem Schmerzempfinden eine besondere Bedeutung beigemessen. Szenespezifische Freude konstituiert sich jedoch weniger über die bloße Absenz von Schmerz, sondern vielmehr über die Anerkennung von anderen (leiblich kopräsenten) Peers. In den Analysen wird immer wieder deutlich, dass es dem Forscher nicht um eine introspektive Lebens- und Leidensgeschichte in Verbindung mit dem Skaten geht. Stattdessen unterscheidet er geschickt zwischen dem Erleben eines typischen Skaters und einer systematisch analysierenden, theoriegenerierenden Distanzierung. Materialen Artefakten widmet sich Pao Nowodworski sozusagen durchgängig, da die Aneignungsprozesse im Skateboarding (als Szene) gleichsam die Aneignung des Skateboards (als Artefakt) beleuchten. Das Board dient als Instrument, um spektakuläre Tricks durchzuführen. Dieses als zentrales Artefakt der Szene zu erforschen, erscheint auch Szenefremden logisch. Weit weniger selbstverständlich, jedoch aus Szeneperspektive essentiell, ist die Artefaktanalyse von Schuhen. Bezüglich der ausgewählten Artefakte befasst er sich mit dem Selbstverständnis des Feldes und inwiefern diese in Handlungsweisen integriert, aber auch durch Verwendung modifiziert werden. Insbesondere die Spuren der (Ab-)Nutzung dienen als Signal der Szenezugehörigkeit, zur (An-)Erkennung sowie zur Dekodierung von Kompetenz. Minutiös beobachtet und plausibel dargelegt, zeichnet Pao Nowodworski – metaphorisch gesprochen – ein lebendiges Bild der Skate-Szene und den für die Zugehörigkeit erforderlichen Kompetenzerwerb. Letzterer ist freudvoll, frustreich und durchaus schmerzhaft. Dennoch finden Menschen hier offenbar nicht wenige Gleichgesinnte, die diesen langwierigen (und vielleicht auch permanenten) Prozess als ebenso hedonistisch deuten wie der Autor. Sein soziologisch scharfer Blick auf eine bisherige Lücke der Skate-Szene evoziert gera- VII dezu weitergehende Interessen für die Beforschung des Lebens in Szenen. Babette Kirchner VIII Einleitung „Nur wer sich als Skater existenziell auf die Praktiken des Skateboardings einlässt, hat Aussicht, diese auch zu erlernen. Skateboarding ist schwierig, seine komplexen Bewegungsmanöver sind nur in langwierigen Übephasen zu erlernen. Dazu braucht es Ausdauer, Selbstüberwindung, Mut und eine gehörige Portion Frustrationstoleranz.“ (Peters 2016: S. 249) Beim Skateboarding, so wird aus diesem Zitat deutlich, handelt es sich um eine hochkomplexe und nur schwer zu erlernende Sportart, die viel Zeit und Mühe der praktizierenden Person einfordert – sofern Skaten auch tatsächlich erlernt werden will. Obwohl diese Sportart für Außenstehende womöglich als abschreckend, da risikoreich und gefährlich, eingeschätzt wird, genießt das Skateboarding eine stetig wachsende Beliebtheit. Aufgrund der relativ langen Tradition der Szene – und damit einem breit vorhandenen Wissensvorrat – und der fast unüberschaubaren Diversität in unterschiedlichen Stilen und Richtungen, ist momentan der wohl günstigste „Zeit[punkt] für die weltweite Skateboard-Gemeinde gekommen“ (Bock 2017: S. 37), um dieser beizutreten. In dieser Arbeit wird jedoch nicht nach den Beweggründen der wachsenden Beliebtheit des Skatens gefragt, sondern nach den Aneignungsprozessen innerhalb dieser Sportart. Da es charakteristisch für diese sportorientierte Szene ist, sich geregelten Trainingszeiten- und Orten zu entziehen (vgl. Hitzler/Pfadenhauer 2004: S. 55), scheint die Frage, auf welche Art und Weise überhaupt gelernt wird, von besonderem Interesse. Orientiert an der lebensweltanalytischen Ethnographie (Hitzler/Eisewicht 2016), sollen die Bedingungen, die zum Kompetenzerwerb (Pfadenhauer 2008) in dieser Szene eine Rolle spielen, untersucht werden. Entlang der Kompetenztrias aus Können, Wollen und Dürfen (vgl. Kirchner 2018: S. 28) wird der Aneignungsprozess durch die Berücksichtigung des für das Skaten „objektivierte[n] Körperwissen[s]“ (Keller/Meuser 2011: S. 9) untersucht. Im Sinne der theoretischen Sensibilität (vgl. Strauss/Corbin 1996: 25) werden in dem vier Monate dauernden Forschungsprozess diejenigen Phänomene, die für das Forschungsinteresse von Relevanz sind, im Prozess der Datenerhebung- und Analyse mitberücksichtigt. Dergestalt werden intervenierende Bedingungen (vgl. Strauss/Corbin 1 1998: S. 131), die sich nur schwer in die theoretischen Ausarbeitungen zum Kompetenzerwerb oder zum Körperwissen eingliedern lassen (beispielsweise die materiellen Bedingungen im Skateboarding), in den Forschungsprozess integriert. 1. „Zweite Moderne“, posttraditionale Vergemeinschaftung, Jugendszenen Um Gemeinschaft und den Prozess der Vergemeinschaftung auf die in der vorliegenden Arbeit behandelte Skate- Szene zu beziehen, sollen die historisch- gesellschaftlichen Bedingungen und deren Einwirkungen „auf die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung“ (Eisewicht/Grenz 2010: S. 18) näher betrachtet werden. Mit der so genannten „zweiten Moderne“ (vgl. Beck et al. 1996) wird auf die Risikohaftigkeit und Ungewissheit moderner Gesellschaften hingewiesen: Einst traditionale Gewissheiten, wie die soziale Eingebundenheit in der Gemeinschaft, beginnen sich aufzulösen und werden von anderen modernen Gewissheiten, wie der individuellen Freiheit und eigenverantwortlichem Leben, abgelöst (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 177). Einhergehend mit diesem gesellschaftlichen Wandel wird das Individuum nahezu zur Individualisierung aufgefordert, mit der Aussicht sich – von einst vorgegebenen sozialen Lebensformen abkehrend – als eigener Lebensgestalter zu verwirklichen (vgl. Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12). Ende der 1970er Jahre/Anfang der 1980er Jahre wurden die Individuen immer stärker vor einen scheinbar unmessbar großen Raum von Entscheidungsmöglichkeiten gestellt. Jäckel drückt dies mit der „Freiheit des Wählens aus immer vielzähligeren Möglichkeiten“ (2011: S. 204) aus. Dieses ‚Versprechen’ auf individuelle Freiheit hat jedoch Konsequenzen: Durch die Herauslösung aus und die Entstehung von neuen Glaubensinhalten und Systemen stehen die Menschen in der Moderne in einem ständigen Konflikt, sich diese „heterogenen Deutungsschemata“ (Honer 1993: S. 26) anzueignen, um am sozialen Leben teilnehmen zu können. Besonders die Vielfältigkeit von spezifischen Regeln und Routinen innerhalb der unterschiedlichen Sinnwelten ist charakteristisch für das nahezu unüberschaubare Angebot von Teilzeit-Aktivitäten1 (vgl. ebd.: S. 26). 1 Das Handeln in der Skate- Szene beruht entsprechend auch auf spezifische Muster und Regeln. Zusätzlich schürt die gemeinsame Interessensgrundlage Gewissheit über Normalitätsvorstellungen innerhalb der Szene (vgl. Honer 1993: S. 29). 2 Mit dem Konzept der posttraditionalen Gemeinschaft (vgl. Hitzler/Honer/Pfadenhauer 2008) kann der Konflikt, in dem sich das Individuum in der Moderne befindet, näher betrachtet werden. Es wird hier von einer allmählichen Auflösung einst verfestigter Traditionen ausgegangen, wobei sich neue Gesellungsgebilde, bestehend aus individualisierten Akteuren, die auf freiwilliger Basis und zeitlich unbestimmter Dauer in diese neuen Vergemeinschaftungen eintreten, formieren (vgl. ebd.: S. 15). Die Teilhabe an diesen neuen Gesellungsgebilden findet nun nicht mehr aufgrund eines geteilten Wertesystems statt, sondern wird anhand geteilter Rituale, Symbolsysteme und Zeichen ausgehandelt (vgl. ebd.: S. 13). Mit dem Begriff „Jugendszenen“ (Hitzler/Niederbacher 2010) wird auf die neuen Sozialgebilde verwiesen, deren Sozialbindungen aufgrund „des leichten Ein- und Austritts, der Dynamik und Fragilität“ (Eisewicht et al. 2018: S. 178) als flüchtig beschrieben werden können. Vergemeinschaftung – in Abgrenzung zur Vergesellschaftung, die einen zukunftsgerichteten Blick auf die rationalen Entscheidungshandlungen der Individuen in Aushandlung mit Anderen einnimmt – richtet sich auf den „Glauben an die Zusammengehörigkeit, der sich auf retrospektive, also vergangenheitsbezogene Erfahrungen der Einheitlichkeit der Gruppe gründet“ (Eisewicht/Grenz 2010: S. 17). Den Menschen inhärent, ist deren grundlegende Eigenschaft, sich ihren Mitmenschen gegenüber darzustellen und außerdem ihre Um-, Mit-, und Nachwelt zu deuten (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 176). Anders formuliert geben sich Menschen „in bestimmten Situationen einen Ausdruck, mittels dessen sie einen Eindruck bei anderen erzeugen wollen“, [...] wobei sich dieser Ausdruck im „Handeln, in Handlungen und in Handlungsmaterialisierungen“ (ebd.: S. 176) wiederfinden lässt. Weiterführend ist anzumerken, dass Szenen mitunter auszeichnen, dass diese typischerweise „über die Lebensphase Jugend hinaus“ (Eisewicht 2016: S. 102) reichen. So kann beispielsweise ein/e 40- jährige/r Skater/in2 ebenso zur Szene gehören wie ein/e 15- Jährige/r Skater/in3. Darüber hinaus setzt sich Sozialisation mitunter mit der Frage nach der Wechselwirkung zwischen individueller Persönlichkeitsent- 2 In der vorliegenden Arbeit werden beide Geschlechter genannt, wenn von beiden die Rede ist. Tatsächlich begegnete ich in der Feldforschung (fast) ausschließlich männlichen Skatern. 3 Dies konnte durch die eigene Feldforschung bestätigt werden. 3 wicklung auf der einen und der gesellschaftlichen Entwicklung auf der anderen Seite auseinander (vgl. Skrobanek/Jobst 2017: S. 183). Es lassen sich hierbei drei unterschiedliche sozialisationstheoretische Strömungen unterscheiden: Die erste wird als „lebenslange Wechselwirkung“ (ebd.: S. 183) und die letzte als „Mehrebenenprozess“ (ebd. 2017: S. 183) begriffen. Die dritte wird durch Vertreter strukturfunktionalistischer (z. B. Parsons) und konflikttheoretischer Perspektiven (z. B. Bourdieu) untersucht (vgl. ebd. 2017: S. 183). Die zweite sozialisationstheoretische Perspektive beinhaltet den symbolischen Interaktionismus sowie den Sozialkonstruktivismus, in denen davon ausgegangen wird, dass „der Mensch als aktiver, produktiver und kreativer Umweltgestalter [...] gedacht wird“ (ebd.: S. 183). Für die vorliegende Arbeit ist besonders das letztgenannte Verständnis des Sozialisationsprozesses von Interesse, da davon ausgegangen wird, dass besonders Szenen und ihre Beteiligten Mitgestalter ihrer Umwelt und Konstrukteure sozialer (neuer) Bedeutungen sind. Mit den Worten von Anne Honer gesprochen, ist es gerade die Aufgabe der Sozialwissenschaften, aus einer subjektorientierten soziologischen Perspektive „Konstruktionen der Wirklichkeit zu rekonstruieren“ (1993: S. 13). Bei dieser Rekonstruktion von Szenewirklichkeit spielt mitunter das Zugehörigkeitsmanagement der Akteure eine besondere Rolle. Eisewicht et al. schlagen hierbei ein Modell zur Differenzierung der unterschiedlichen Orientierungen des Zugehörigkeitsmanagements in Szenen vor: 1. „Zugehörigkeit als Ausdruck szenespezifischer Befähigung“ (Eisewicht et al. 2018: S. 184) 2. „Zugehörigkeit als Ausdruck szenespezifischer Bereitschaft“ (ebd.: S. 194) und 3. „Zugehörigkeit als Ausdruck szenespezifisch stilistischer Konventionalisierung“ (ebd.: S. 201). Besonders in einer körperlichen und sportzentrierten Szene wie der Skate- Szene wird die „Zugehörigkeit durch die Demonstration der adäquaten Beherrschung von szenetypischen Körperpraktiken“ (ebd.: S. 192) angezeigt. Was sich jedoch im Verlauf dieser Arbeit zeigen soll, ist, dass sich die Zugehörigkeit innerhalb der Skate- Szene nicht ausschließlich auf die Befähigungen der Teilnehmer ‚reduzieren’ lässt: Um die szeneinternen Handlungsprobleme zu bewältigen (vgl. Eisewicht 2017: S. 28), spielt auch eine gewisse (Risiko)Bereitschaft eine zentrale Rolle im Kompetenzerwerb. In diesem Zusammenhang verweisen Gebauer/Alkemeyer mit den so genannten ‚körper- und sportfokussierten’ Gemeinschaften auf die informelle, nicht institutionalisierte Bildung jener Gruppen: In Ab- 4 grenzung zum traditionellen Vereinssport finden die spezifischen Aktivitäten der Gemeinschaft losgelöst von festen Trainingszeiten und Einheiten statt, wobei Zufälligkeit, Kurzweile und Unverbindlichkeit charakteristisch für das Zusammenkommen sind (vgl. Gebauer/Alkemeyer 2001: S. 125). Jedoch zielt das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit auf die Kernaktivität im Skateboarding - dem Skaten. Hieran anknüpfend soll der Prozess der Aneignung dieser Kernaktivität, also der Frage danach, wie überhaupt das Skaten gelernt wird, behandelt werden. Als theoretische Grundlage soll im nächsten Kapitel mit der Aneignung durch „Körperwissen“ (Keller/Meuser 2011) eine körperund wissenssoziologische Perspektive eingenommen und erläutert werden. 2. Wissenssoziologische Ausgangslage Um auf die körpersoziologische Bedeutung des Körperwissens näher einzugehen, soll zunächst die Bedeutung von Wissen in der Gesellschaft aus wissenssoziologischer Perspektive betrachtet werden. Wissenssoziologie hat hierbei als Aufgabe, sich mit all denjenigen Dingen zu beschäftigen, die in einer Gesellschaft als Wissen gelten; die Frage, von wem dieses Wissen dabei als gültig oder ungültig bewertet wird, spielt zunächst keine Rolle (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 3). Vielmehr geht es im wissenssoziologischen, empirisch zu rekonstruierenden Verständnis darum, „zu verstehen, wie Bedeutungen entstehen und fortbestehen, wann und warum sie „objektiv“ genannt werden können, und wie sich Menschen die gesellschaftlich objektivierten Bedeutungen wiederum deutend aneignen, aus diesen objektivierten Bedeutungen ihre je subjektiven Sinnhaftigkeiten herausbrechen und dadurch wiederum an der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit mitwirken.“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 14) In diesem Kreislauf der Wirklichkeitskonstruktion ist es gerade für die vorliegende Arbeit von hoher Bedeutung, die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit im Subjekt anzusiedeln (vgl. Honer 1993: S. 15). In diesem Zusammenhang wird der Begriff „Welt“ allgemein verstanden als eine Vielfalt von Wirklichkeiten; die Alltagswelt ist dabei die zentrale objektivierte Wirklichkeit (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 23), in ihr befindet sich das Subjekt im „Hier“ (Körper) und „Jetzt“ 5 (Gegenwart) (vgl. ebd.: S. 25). Die Menschen befinden sich in einer intersubjektiven, geteilten Welt (vgl. ebd.: S. 25). Diese Welt wird durch „Jedermannswissen“ (ebd.: S. 26) geteilt: Es handelt sich dabei um gemeinsames Wissen, das die Menschen zur Bewältigung ihres Alltags miteinander teilen. Gebrochen wird dieses routinierte „Jedermannswissen“ durch andere Wirklichkeiten, genannt „Sinnprovinzen“ oder „Enklaven“ (ebd.: S. 28). Honer formuliert dieses Heranziehen unterschiedlicher Wissensvorräte wie folgt: „Die Orientierung in der Lebenswelt erfolgt im Rekurs auf einen typologisch strukturierten, subjektiven Wissensvorrat, der wiederum in einer komplexen Beziehung steht zu ebenfalls typologisch angelegten gesellschaftlichen Wissensvorräten.“ (1993: S. 16) Für die Erkundung der Skate- Szene scheint insbesondere das Sonderwissen (vgl. ebd.: S. 17), welches nur bestimmten Menschen in bestimmten Kontexten zugänglich ist, von Bedeutung zu sein. Wird der Gültigkeitsbereich des Sonderwissens komplexer und folgt einer Eigenlogik, so kann so etwas wie eine eigene „Pädagogik“ (ebd.: S. 18) des Sonderwissens entstehen. Die Anderen – also unsere Mitmenschen – werden in unserer Alltagswelt und auch in den Sinnprovinzen in Vis-à-Vis Situationen erlebt; alle anderen Interaktionsformen werden hiervon abgeleitet (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 31). Je weiter sich von diesen Vis-à-Vis Situationen entfernt wird, desto anonymer gestalten sich diese Interaktionen und es entstehen Typisierungen (vgl. ebd.: S. 34): Beispielsweise kann dann die Rede sein vom „typischen Skater“. Die so genannten Objektivationen, also menschliche Erzeugnisse, entstehen durch menschliche Tätigkeiten und durch diese wird die Wirklichkeit der Alltagswelt erst real (vgl. ebd.: S. 37). Sprache gilt hierbei „als wichtigstes Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft“ (ebd.: 39), durch sie kann subjektiv gemeinter Sinn erst zum Ausdruck kommen. Sprache typisiert dabei hochgradig, so dass eine gemeinsam verständliche Sinnbasis entstehen kann (vgl. ebd.: S. 41). Das Besondere zeigt sich hier dann im jeweiligen Sprachgebrauch: „Enklaven haben teil an zwei Wirklichkeitssphären“ (ebd.: S. 42) und die Sprache kann dabei als Bindeglied zwischen diesen Sphären verstanden werden. Die Distribution von Wissen kann unterschiedlichste Ausmaße annehmen, da Menschen an unterschiedlichen Orten und Zeitpunkten über unterschiedliches Wissen verfügen (vgl. ebd.: S. 47). Zu wissen, 6 wie Wissen verteilt ist, mit wem welches Wissen geteilt werden kann oder von wem welches Wissen erwartet werden kann, ist von fundamentaler Bedeutung in der Bewältigung des Alltags und der Sinnprovinzen (vgl. ebd.: 48). Demnach wissen Skater, worüber sie mit anderen Skatern reden können (z.B. über die Ausführung skatespezifischer Bewegungen oder das Terrain auf welchem geskatet wird), welche Personen über welches Wissen verfügen und was von ihnen erwartet werden kann („frag mal den da drüben, der skatet immer hier, der weiß wo man noch gut skaten kann“4). Da Erfahrungen jedoch nicht in ihrer Ganzheit konserviert werden können, sprich Menschen nicht alles behalten können was sie erleben (das was bleibt wird als Sediment bezeichnet), dient die Sprache als eine Art „Werkzeug“, um anderen ihre gespeicherten Sedimente mitzuteilen. Auf diese Weise können anderen Personen Erfahrungen vorweggenommen werden, wie z.B. das Ausprobieren giftiger Nahrung (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 48). Auch in den körperbezogenen Aktivitäten können durch Zeigen, Vormachen und Nachmachen auf spezifische korporale Erfahrungen hingesteuert werden. Inwiefern hierbei das Körperwissen eine Rolle spielt, wird im nächsten Abschnitt beschrieben. 2.1 Aneignung durch Körperwissen Im Sozialisationsprozess eignen sich Menschen Wissen an; Wissen über die soziale, kulturelle und auch natürliche Umwelt (vgl. Baumgart 2008: S. 11). Neben der Entwicklung normativer Einstellungen und Verhaltensmuster lässt sich der Lern- und Sozialisationsprozess auch an den persönlichen „Empfindungen und Ausdrucksformen des Körpers“ (ebd.: S. 11) ‚ablesen’. Ferner leitet Baumgart den Sozialisationsprozess einem intendierten und auch nicht intendierten Lernen ab, welches spontan und aktiv in Interaktion mit der jeweiligen Umwelt stattfindet (vgl. ebd.: S. 11). Das Körperwissen, so Keller/Meuser, lässt sich aus einer körper- und wissenssoziologischen Betrachtung unterscheiden in „Wissen vom Körper“ und „Wissen des Körpers“ (Keller/Meuser 2011: S. 9ff.). Ersteres bezieht sich auf das kognitive und objektivierte Wissen über den Körper: Hierzu zählt tradiertes Wissen über Körperlichkeit und „ihre Performanz einschließlich der darin verwickelten normativen 4 Die Postscripte sind im Verlauf dieser Arbeit mit Anführungszeichen markiert. 7 Folien und Normalisierungen“ (ebd.: S. 9), wie beispielsweise das Wissen über den Geschlechtskörper, aber auch spezialisiertes Sonderwissen einzelner Personen oder Institutionen (z.B. das professionelle anatomische Wissen von Chirurgen). Letzteres, „Wissen des Körpers“ meint das körpereigene Wissen und versteht den Körper als Träger von Wissen, wobei dieses Wissen kaum oder gar nicht in kognitive Prozesse übertragen werden kann (vgl. ebd.: S. 10). Zu dieser Art des Wissens zählen basale Körperfähigkeiten wie das Gehen, Fühlen, Greifen usw., aber auch Körperreflexe, die zum eigenen Schutz dienen. In diesem Zusammenhang verweist Honer auf das „korporale Gedächtnis“ (1993: S. 68): Dieses fasst jenen nicht-explizierbaren Wissensbereich des körperlichen Könnens zusammen. Dessen Verbalisierung sei in der Bewältigung des normalen Alltags praktisch auch äu- ßerst umständlich und unnötig (vgl. ebd.: S. 68). Um sich jedoch in der Welt zu bewegen, bedarf es einerseits der Wahrnehmung dieser und andererseits dem Wissen zur Definition sozialer Situationen (vgl. Bender/Schnurnberger 2018: S. 59). Über diese basalen Körperfähigkeiten hinaus lassen sich besondere Arten von Körperwissen durch Lernarrangements entwickeln: „Freilich führen auch Lern- und Sozialisationsprozesse in Trainings über die elementaren Körperfertigkeiten hinaus zu einem Körperwissen, das zwar durchaus als explizites Wissen objektiviert sein kann, seine Relevanz jedoch gerade in dem Maße entfaltet, wie es gleichsam in den Körpern und aus den Körpern heraus agiert.“ (Keller/Meuser 2011: S. 10) Die Körpersoziologie des Sports beschäftigt sich neben Körperpraktiken und performativen Körperhandlungen im Besonderen auch mit dem inkorporierten Körperwissen (vgl. Gugutzer 2017: S. 315). Gerade anhand der vielseitigen Sportarten kann aufgezeigt werden, „dass die Aneignung von Körperwissen in einem praktischen, vorreflexiven Lernen“ (Meuser 2017: S. 255) stattfindet. Bock verweist im Besonderen auf die Rolle der Körperlichkeit beim Skaten und der „Aneignung ‚skatespezifischer Bewegungen’“ (2017: S. 13). Diese findet durch ständige „Erinnerungsarbeit“ (Müller 2016: S. 171) der Beteiligten statt. Das spezifische bewegungsbezogene Wissen, welches beim Skateboarding erworben wird, ‚bedient’ sich dieser routinierten Erinnerungsarbeit – dem ständigen Skaten. Da hier das „Wissen grundsätzlich im Tun wird“ (ebd.: S. 172), dient das Training als 8 Akkumulator des Wissens vom und des Körpers im wechselseitigen Prozess. Durch wiederkehrendes Trainieren, sei dies nun im Kontext formeller bzw. informeller Trainingseinheiten, eignet sich die praktizierende Person spezifisches Körperwissen an, welches durch Akkumulation eben angehäuft und erweitert werden kann: „Im und durch Training werden spezifische Fertigkeiten und damit ein spezifisches Wissen körperlich erarbeitet: der Körper eines/r Sportlers/in wird im Training mit dem Ziel (kommunikativ) geschult und sozialisiert, um einen für die jeweilige Sportart spezifisch ausgebildeten, kompetenten und Handlungsfähigen „Bewegungsapparat“ [...] zu formen.“ (Singh 2018: S. 206) Diese Ausbildung eines kompetenten und handlungsfähigen Bewegungsapparats gründet sich also auf einen Lern- und Aneignungsprozess. Hieran anknüpfend können mit Hilfe des Kompetenzmodells (Pfadenhauer 2008) die Bedingungen, die bei der Aneignung von Kompetenzen beim Skaten eine Rolle spielen, berücksichtigt werden. 2.2 Zum Kompetenzerwerb Aus soziologischer Perspektive werden Kompetenzen als „sozial zugeschriebene Qualitäten, die sich über vielgestaltige Kommunikationen und Interaktionen manifestieren“ (Kurtz 2010: S. 8), verstanden. Diese Qualitäten lassen sich auch enger fassen mit dem Begriff der „Fähigkeit bzw. Befähigung“ (Pfadenhauer 2010: S. 150). Außerdem verweisen Kompetenzen auf die Zuständigkeiten oder Befugnisse von Institutionen und einzelnen Personen (vgl. ebd.: S. 150), die es ermöglichen, die eben genannten Fähigkeiten in Handlungen umzusetzen. Schließlich kommt zu der Kompetenz der Aspekt der Bereitschaft hinzu. Demnach fasst Pfadenhauer den Kompetenzbegriff wie folgt zusammen: „Kompetenz ist als das – die Tätigkeitsmodifikationen Können, Wollen und Dürfen bzw. Müssen umfassende – Vermögen zur iterativen Problemlösung zu begreifen“ (ebd.: S. 155). Für das in dieser Arbeit relevante Forschungsinteresse wird Kompetenz verstanden als, „die subjektiv wahrgenommene Selbstwirksamkeit im eigenen Handeln und darin wiederholten Lösen von bestimmten Handlungsproblemen [...] welche im Rückgriff auf Fähigkeiten und 9 Wissensbestände (Können), Motive (Wollen) und als solche wahrgenommenen Berechtigungen (Dürfen) erfolgt.“ (Eisewicht 2013: S. 153) „Szeneinteressierte müssen [also] diverse Kompetenzen erwerben, um Teil des sozialen Phänomens sein zu können, anerkannt zu werden und teilhaben zu dürfen“ (Kirchner 2018: S. 28). Da Skateboarding ein anspruchsvolles und körperlich hochkomplexes sportzentriertes Gesellungsgebilde ist (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010: S. 133), liegt das Interesse dieser Arbeit auf dem besonderen Kompetenzerwerb beim Skaten. Zur Veranschaulichung ist die zuvor beschriebene Kompetenztrias in Anlehnung an Kirchner (2018) in Abb. 1 zusammengefasst. Abb. 1: Kompetenztrias (Kirchner 2018: S. 28) 3. Skateboarding – ein Szeneprofil Zunächst soll der allgemeine Forschungsstand vorgestellt werden, um dann auf die spezifischen für diese Arbeit relevanten Erkenntnisse soziologischer Forschungsarbeiten einzugehen. Anschließend wird die historische Perspektive des Skateboardens differenzierter beleuchtet. 3.1 Forschungsgebiete In den detaillierten soziologischen Forschungsarbeiten, besonders im deutschsprachigen Raum (Abb. 3), liegen trotz ihrer recht langen Tradition und Popularität kaum Untersuchungen vor (vgl. Bock 2017: S. 12). Im englischsprachigen Raum liegen andererseits zahlreiche sozialwissenschaftliche Arbeiten vor. Folgende Themenschwerpunkte werden in beiden Sprachräumen behandelt (siehe Abb. 2 u. 3): Ein- 10 stellungen und Motivationen der Skaterinnen und Skater über Themen wie Authentizität, Orte, Skateparks, Identität, Style, Geschlecht oder Verletzungen und Gefahren. Darüber hinaus wird Skateboarding als raumaneignende oder auch sozial widerständige Praxis behandelt. Als eher ‚exotische’ Arbeiten können jene gefasst werden, die sich mit der skatespezifischen Ausrüstung wie dem Deck oder dem Skateschuh befassen. Auch ethnographisch angelegte Arbeiten fokussieren beispielsweise die Rolle der Kommunikation mittels digitaler Medien (Bock 2017) oder rekonstruieren das Szeneleben in einer bestimmten Stadt wie Köln (Peters 2016). Jedoch – und hier soll die vorliegende Arbeit anknüpfen – wurden bislang kaum die Prozesse der Kompetenzaneignung im Skateboarding beleuchtet (Hitzler/Pfadenhauer 2004; Hitzler/Niederbacher 2010). Bock beschreibt beispielsweise den Aneignungsprozess bei „Anfänger“(innen), Fortgeschrittenen und Profis (vgl. Bock 2017: S. 89ff.), bezieht sich hierbei jedoch auf medial vermitteltes Basiswissen (aus E-Zines), das für diese Aneignungsprozesse nötig ist. Peters untersucht unterschiedliche Praktiken des Kompetenzerwerbs (vgl. Peters 2016: S. 247ff.), einerseits im Kontext von Skateschulen5 und andererseits unter Rückgriff ethnographischer Beobachtungen der urbanen Skate- Szene in Köln. Zusammenfassend betont Peters die Relevanz des Tuns, also des Skatens, für den Kompetenzerwerb: „Indem die Skater Schritt für Schritt typische Tricks, Gesten, Stile und Haltungen übernehmen und sich zudem konkreter Selbsttechniken (explizites Vormachen, Selbstbeobachtung in medialen Repräsentationen, Produktion eigener Videos etc.) bedienen, ereignet sich im Vollzug der Praxis eine implizite Befähigung des Skaters.“ (2016: S. 263) Skaterinnen und Skater werden folglich kompetente Szenemitglieder, indem durch Übernahme bereits vorfindlicher Praktiken (mimetisches Lernen) einerseits und durch den ständigen Vollzug der szenespezifischen Praxis andererseits, Befähigung erlangt wird. Inwiefern sich jedoch dieser Aneignungsprozess bzw. der Kompetenzerwerb durch Tun bzw. Üben detailliert vollzieht, scheint nur wenig in der Forschung berücksichtigt worden zu sein. Das gezielte Lernen eines bestimmten Tricks wird zwar in etlichen Erklär-Videos (besonders auf 5 Hier nimmt Peters auch an einem Probetraining teil, was aber nach zwei Stunden wieder abgebrochen wird (vgl. Peters 2016: S. 253-254). 11 YouTube) von anderen Skatern im Detail erklärt, wie sich diese Lernschritte jedoch innerhalb des Szenelebens vollziehen und welche anderen Bedingungen beim Aneignungsprozess neuer Bewegungen zusätzlich eine Rolle spielen, bleibt dabei offen. In den folgenden Abbildungen sind die zuvor genannten Themenschwerpunkte skatespezifischer Fachliteratur tabellarisch aufgelistet. Quelle Fokus Moore 2009 Ethnographie über Skateboarding Kultur Seifert/Hedderson 2009 Intrinsische Motivation und „Flow“ Erlebnis im Skateboarding Petrone 2010 Konflikte des Normens,- und Wertekanons im Skater „Sein“ Radikonyana/Prinsloo/ Pelser 2017 Grounded Theory über Einstellungen, Werte und Praktiken im Vergleich mit dem gesellschaftlichen Bild über Skateboarder in Südafrika Beal/Weidmann 2003 Ethnographische Untersuchung zur Frage nach der Authentizität im Skateboarding Drissel 2013 Ethnographie über Identität(en) im Skateboarding in Nordirland MacKay/Dallaire 2013 Identitätsstiftung in Internet Blogs Buckingham 2009 Repräsentation von Identität und „Visual Style“ im Skate Video Carr 2017 Geschlechterkonstruktionen im Skateboarding im Bezug auf Raum und Sport Irvine/Taysom 1998 Raumaneignung im Skateboarding Karsten/Pel 2000 Raumaneignung (in Amsterdam) und Identität im Skateboarding Graham 2010 Über die Rolle des Skateparks: Einstellung, Nutzung, demografische Eigenschaften der Nutzer O’Connor 2017 Ethnographische Untersuchung zur Bedeutung des Spots Borden 2001 Historische Betrachtung des Skateboardings im Kontext von Raum und 12 Stadt Snyder 2017 Ethnographische Untersuchung („going along“) über das Leben eines professionellen Skaters, Spots und sozialer Widerstand Stratford 2016 Raumpolitische Perspektive auf Gestaltungsmöglichkeiten öffentlichen Raums zur Minderung skatespezifischer Unfälle Kato 2006 Skateboarding als sozialer Widerstand Beal 1995 Skateboarding als sozialer, subkultureller Widerstand Nolan 2003 Skateboarding als grenzüberschreitende Praxis in Newcastle (Australien) Lustenberger et al. 2010 Über skatespezifische Verletzungen Osberg et al. 1998 Vergleichende Untersuchung von Verletzungen im Skateboarding und im Inline Skating Haines/Smith/Baxter 2011 Erhebung von Einstellungen über die Rolle von Verletzungen im Skateboarding Kelly/Pomerantz/Currie 2005 Weibliche Skater-Gruppierungen als „alternative Mädchenzeit“ Atencio/Beal 2013 Repräsentation maskuliner ethnischer Minderheiten in skatespezifischen Medien (Skatevideos) und Modetrends Blümlein/Schmid/Vogel 2010 Geschichte und Bedeutung des Skateschuhs Turner 2016 Geschichte des Skateschuhs Weller 2006 Bedeutung von Sozialkapital jugendlicher Skater Abb. 2: skatespezifische Literatur aus dem englischsprachigen Raum 13 Quelle Fokus Bock 2017 Ethnographische Untersuchung zur kommunikativen Konstruktion von Szenekultur im Skateboarding Peters 2016 Ethnographie über Skateboarding in Köln Eisewicht et al. 2018 Anzeige von Zugehörigkeit anhand materieller Spuren im Skateboarding Nowodworski et al. 2018 (Im Ersch.) Anzeige von Zugehörigkeit anhand materieller Spuren am Skateschuh Hitzler/Pfadenhauer 2004 Kompetenzen in der Skate- Szene Hitzler/Niederbacher 2010 Szeneprofil Schweer 2014 Skateboarding als sozialer Widerstand Abb. 3: skatespezifische Literatur aus dem deutschsprachigen Raum Der sich hier abzeichnende Forschungsstand lässt erkennen, dass im Bereich des Kompetenzerwerbs noch wenig Erkenntnisse vorliegen. Um nun auf den Lernprozess beim Skaten näher eingehen zu können, lohnt sich ein Blick in die historischen und aktuellen Entwicklungen der Skate- Szene. 3.2 Ursprünge und Trends Szenen beziehen sich im Allgemeinen auf ein zentrales Thema und eine zentrale Kernaktivität, welche zu beherrschen es an spezifischen Fähig-, und Fertigkeiten bedarf (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 184). Im Folgenden soll hinsichtlich dessen die Skate- Szene historisch beleuchtet werden. Dabei sei jedoch zu beachten, dass es kaum möglich ist, die Ursprünge des Skateboardens klar zu datieren. Zudem konnte festgestellt werden, dass während der 1930er Jahre in den USA die ersten Formen des Skateboards auftauchten6: Kinder bastelten sich aus einem Holzbrett sowie Achsen und Rollen eines Rollschuhs eine neue Form des Fortbewegungsmittels zum Durchqueren der Nachbarschaft (vgl. Bock 2017: S. 34). Die sich dann in den 1950er Jahren entwickelnde kalifornische Surfbewegung spielte eine zentrale Rolle für die Bedeutung dieser ersten Skateboards: 6 Informationen darüber von wem und an welchem Zeitpunkt genau das Skateboard erfunden wurde, liegen nicht vor. 14 Aufgrund der ähnlichen Wellenbewegungen, die auf dem Skateboard auf festem Boden ‚im Trockenen’ ausgeführt werden konnten, nutzten die Surfer das Skateboard als alternative Form des Surfens, da abhängig von den Windverhältnissen nicht ständig gesurft werden konnte (vgl. Borden 2001: S. 29f.). Seit Anfang der 1960er Jahre gelang es den derzeitig führenden Skateboard Firmen, eine massentaugliche Marktetablierung, wobei sich die Werbestrategien der Firmen bis heute kaum geändert haben: Die Firmen gründeten und sponserten Skate-Teams, um ihre Produkte auf Wettbewerben, in Zeitschriften und Skate Videos zu präsentieren (vgl. Atencio/Beal 2013: S. 159). Ab Mitte (vgl. Bock 2017: S. 35) bis Ende der 1970er Jahre (vgl. Peters 2016: S. 11) erfährt Skateboarding eine drastische Veränderung: Skateparks wurden Mitte der 1970er Jahre eröffnet und gegen Ende der 1970er Jahre trat das Skaten allmählich in den öffentlichen Raum und etablierte sich dann in den 1990er Jahren zum sog. Street Skating, eine bis heute zentrale Form des Skatens. Als ein informeller Straßensport verstanden (vgl. Alkemeyer et al. 2005: S. 8), lässt sich Skateboarding wie folgt zusammenfassen: „Skateboarding bezeichnet eine körperlich anspruchsvolle Stra- ßensportart mit einem zweiachsigen, vierrädrigen Rollbrett (Skateboard). Auf dem Skateboard stehend stößt man sich mit einem Bein ab und rollt auf dem Brett. Skaten meint sowohl die Fortbewegung mit dem Skateboard durch den öffentlichen Raum als auch das Vollführen von Tricks mit dem Skateboard (als Park oder Indoor-Skateboarding in dafür gebauten Parks und Hallen, jedoch häufiger als Street-Skateboarding auf öffentlichen und zugänglich gemachten Plätzen und Straßen).“ (Eisewicht et al. 2018: S. 184) Darüber hinaus erfordert das Skaten „ein gewisses Maß an körperlichem Gleichgewicht, an Ausdauer und an Kraft“ (ebd.: S. 184). Im Zentrum „der Szene steht das Erlernen und Meistern (sog. Stehen) von Manövern (sog. Tricks) unter Einbezug der örtlichen Gegebenheiten (Geländer, Treppen, Bordsteine etc.7) oder szenetypischer Anlagen (Rampen, halb- und viertelröhrenförmigen Anlagen, sog. Halfpipes und Quarters)“ (ebd.: S. 184). Die szenespezifische Relevanz der Trickausführung lässt sich einerseits in den Szenemagazinen und andererseits 7 Auch das Überspringen hoher bzw. weiter Abstände (sog. Gaps) zwischen z.B. flachen Häuserdächern kann zum Einbezug örtlicher Gegebenheiten gezählt werden. 15 in den Skatevideos8 wiederfinden (vgl. ebd.: S. 185, 187). Inwiefern diese szenespezifischen Aktivitäten jedoch ‚in echt da draußen’ praktiziert werden, wird unter Einbezug des Forschers selbst mit Hilfe des lebensweltanalytischen Forschungsprogramms (Hitzler/Eisewicht 2016) untersucht. 4. Lebensweltanalytisches Forschungsprogramm Die vorliegende Arbeit knüpft an Katharina Bocks Dissertation an, in welcher die Aneignungsprozesse im Skateboarding zwar untersucht werden, jedoch anhand „Selbst-Darstellungs-Daten“ (Honer 1993: S. 43) eher auf die Informationen anderer Skater verwiesen wird. Mit Hilfe lebensweltanalytischer Verfahren soll daher das Phänomen des Aneignens beim Skateboarding mit „Handlungs-Daten“ (ebd.: S. 43), also den Erfahrungen des Forschers selbst, untersucht werden. „Wie können andere (Menschen) überhaupt verstanden werden, wenn doch kein direkter Zugang zu ihrem Bewusstsein möglich ist?“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 67). Dieser „erkenntnistheoretische[n] Grundfrage der Sozialwissenschaften“ (ebd.: S. 67) nähert sich die lebensweltanalytische Ethnographie, dezidiert in der Tradition der Phänomenologie, an. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass ein jeder Mensch die Welt anders wahrnimmt als ein anderer Mensch (vgl. Bender/Schnurnberger 2018: S. 14). Die lebensweltanalytische Ethnographie Anne Honers geht auf die Arbeiten von Alfred Schütz zurück, der die Ausarbeitungen Husserls zur Phänomenologie mit denjenigen der empirischen Sozialforschung zusammenführte (vgl. ebd.: S. 43). Bei der Phänomenologie werden die eigenen Erfahrungen des Forschers als Grundlage der Lebensweltanalyse herangezogen: Es geht hierbei darum, das Beobachten selbst zu beobachten (vgl. ebd.: S. 43). Die Phänomenologie beschäftigt sich allgemein9 gesprochen mit der Erfassung sozialer Handlungen „vom Bewusstsein und von der subjektiven Bedeutung“ (Hitzler/Eisewicht 2016: 10). Der Sinn, dem eine Handlung beigemessen wird, wird erst sinnhaft, wenn dem Verhalten ein Sinn zugeschrieben wird: „Der Sinn des Handelns bestimmt sich aus dem sogenannten 8 Diese können von professioneller, aber auch privater Art (z.B. kurze YouTube Clips) sein. 9Unterschieden werden drei traditionelle Arten phänomenologischer Theorien: Transzendentalphänomenologie, Existenzialphänomenologie und Mundanphänomenologie (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: S. 10). 16 ‚Um-zu-Motiv’, einem aus der Gegenwart in die Zukunft reichenden, das Ergebnis des Handelns vorwegnehmenden Entwurf [...] demgegenüber verweist das sogenannte ‚Weil-Motiv’ auf die Vergangenheit und beschreibt die Gründe, Erfahrungen oder Umstände“ (Bender/Schnurnberger 2018: S. 45), die der geplanten Handlung zugrunde liegen. Die Frage nach der Intersubjektivität, also danach, wie sich „Ich“ und „Du“ verstehen können, kann nach Schütz nur innerhalb der Lebenswelt10 geklärt werden (vgl. ebd.: 44). Das „Du“ wird mit Hilfe empirischer Beobachtung erfahrbar gemacht. Dergestalt werden Gegebenheiten des Bewusstseins von den Forschern und Forscherinnen reflektiert, um diese Reflexionen dann mit jenen Bewusstseinsvorgängen anderer Subjekte in Bezug zu setzen (vgl. Honer 1993: S. 13). Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass Menschen ihr Alltagshandeln auf der Basis einer je subjektiv gefühlten Austauschbarkeit von Sichtweisen auslegen (vgl. ebd.: S. 19): Differenzen innerhalb der Lebenswelten werden somit quasi ignoriert oder für irrelevant gehalten, sodass das Leben im Alltag eben ermöglicht wird. Ferner bietet eine phänomenologische Herangehensweise die Möglichkeit, den subjektiv gemeinten Sinn, den das „Du“ dem Handeln beimisst, näher zu beleuchten (vgl. Bender/Schnurnberger: S. 45). Da sich das Handeln nach Schütz nicht beobachten und verbalisieren lässt, kann es nur erfahren und erlebt werden (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: S. 6). Hieraus resultiert, dass sich „nur der Handelnde“ selbst darüber im Klaren ist, „ob er handelt“ (ebd.: S. 7). Die lebensweltanalytische Ethnographie nutzt die Methoden der Phänomenologie „zu Zwecken der empirischen Sozialforschung“, was bedeutet, „dass die phänomenologische Introspektion im reflektierenden Subjekt verankert bleibt“ (Bender/Schnurnberger 2018: S. 46). Ein wichtiger Aspekt bei dieser Introspektion des Forschenden ist die vorläufige Loslösung persönlicher Meinungen und Vorurteilen gegenüber der zu beobachtenden und zu erlebenden sozialen Phänomene (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: S. 64). Die lebensweltanalytische Ethnographie verstehen Hitzler/Eisewicht als eine Variante der Ethnographie, welche das Zusammenleben der 10 Unter dem Begriff „Lebenswelt“ verstehen Hitzler/Eisewicht „den Wahrnehmungs-, Orientierungs- und Handlungshorizont des Subjekts“ (2016: S. 10). Das Subjekt kann hierbei nicht von der Lebenswelt getrennt werden; Subjekt und Lebenswelt koexistieren, wobei das Subjekt nicht mit der Lebenswelt gleichzusetzen ist, sondern eher als Träger dieser zu verstehen ist (vgl. ebd. 2016: S. 10). 17 Menschen aufspürend, erkundend und deutend (oder kurz explorativinterpretativ) beschreiben will (vgl. 2016: S. 4). Das Attribut „lebensweltanalytisch“ bezieht sich dabei auf das potentielle Rekonstruieren der Lebenswelten11 und der sich in ihr befindenden Menschen: Die Bedingung der Lebensweltanalyse besteht demnach in der Fähigkeit der Forschenden, die Welt so zu erleben, wie es die Menschen typischerweise in dieser tun (vgl. ebd.: S. 4-5). Folglich gilt es, „das Phänomen [Skaten] nicht von außen her als ‚logisches Ganzes’ zu beschreiben, sondern [...] in seiner für die Feldteilnehmer typischen Selbstverständlichkeit zu erfassen“ (ebd.: S. 106). Das methodische Forschungsdesign einer Lebensweltanalyse unterteilt Honer einerseits in das existentielle Involviert-Sein der Forscherin und des Forschers, sowie andererseits in die werturteilsfreie Distanzierung der Forscherin und des Forschers als Wissenschaftler (vgl. Honer 1993: S. 48). Diesen Anforderungen gilt es in der vorliegenden Arbeit gerecht zu werden, auch wenn dies nicht immer möglich war12. 4.1. Methoden der lebensweltanalytischen Ethnographie Honer unterscheidet bei den erhobenen Daten zwischen „Handlungs- Daten“ und „Selbst-Darstellungs-Daten“ (1993: S. 43). Erstere beziehen sich auf alle durch die eigene aktive Teilnahme und Beobachtung gewonnenen Daten im Feld, wobei sich letztere auf Gesprächs- oder Interviewdaten beziehen. Auch wenn dies trivial erscheinen mag, so hat „der Vollzug von Aktivitäten durchaus andere Qualitäten [...] als das Reden über diesen Vollzug“ (ebd.: S. 58). Jedoch sei zu betonen, dass körperliche Fähigkeiten durch Befragungen nur schwer zu erfassen sind. Das Wissen des Forschenden um die verschiedenen Methoden qualitativer Sozialforschung, sowie um die jeweils thematischen, feldspezifischen Inhalte einer Szene, reichen für die Durchführung einer lebensweltanalytischen Ethnographie nicht aus; vielmehr bedarf es einer „Bereitschaft dazu, sich mit dem Feld ‚anzufreunden’ (auch über das eigene Forschungsinteresse hinaus, auch bei Rückschlägen usw.) und dies, von 11 Mit dem auf der Mundanphänomenologie zurückzuführenden Begriff ‚Lebenswelt’ wird auf ein Korrelat von Wirklichkeiten verwiesen, welchem sich die Menschen in ihrer Bewältigung des pragmatischen Alltags ‚bedienen’ (vgl. Honer 1993: S. 14). 12 Stellenweise war ich derartig eingenommen von der Rolle als Skater, dass ich meine werturteilsfreie Distanzierung als Forscher nicht einhalten konnte, dies jedoch im Nachhinein im Forschungstagebuch reflektiert habe. 18 den Feldteilnehmern akzeptiert bzw. geduldet, auch zu dürfen“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 42). Ferner impliziert diese Bereitschaft auch, sich auf die feldspezifischen Praktiken einzustellen, so dass „man sich dabei unter Umständen auch die Hände schmutzig macht“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 73). Bezogen auf die Skate- Szene und der Rekonstruktion der Aneignungsprozesse, wird somit eine bloße Feldbeobachtung oder gar ein „going along“ nicht dazu führen, sich „die Hände schmutzig zu machen“. Vielmehr versetzt sich der Forscher oder die Forscherin in die typischen Praktiken, sprich das Skaten, und kann so erleben, was bei diesem Sport typischerweise erlebt wird. Zusätzlich muss sich mit den moralischen Gegebenheiten des Feldes vertraut gemacht und sich diesen gar angepasst werden, was durchaus auch Gefahr bedeuten kann (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: 133). Ferner sei bei der Datengewinnung zu berücksichtigen, inwiefern die gewählten Erhebungsmethoden für die Rekonstruktion des subjektiv gemeinten Sinns des anderen Subjekts geeignet sind (vgl. Honer 1993: S. 33). Es folgen nun jene Methoden, die innerhalb der Forschungsarbeit zur Beleuchtung des Erkenntnisinteresses verwendet wurden13. „Künstliche Dummheit“ Um das Alltagsleben anderer Menschen und deren spezifische Wissensbestände zu verstehen, liegt es an der Forscherin und dem Forscher, die eigenen Moralvorstellungen und Interessen zumindest kurzfristig auszublenden, um mit einer derartigen „künstlichen Dummheit“ das Leben des Anderen kennenzulernen (vgl. Hitzler 1986: S. 53). Dass dabei das eigene, je nach Forschenden relevante Wissen reflektiert und besonders auch dessen Relativität berücksichtigt werden muss, ist ausschlaggebend für Qualität und Verlässlichkeit des Forschungsprozesses (vgl. Honer 1993: S. 37). Einhergehend mit der „künstlichen Dummheit“ ist auch die (temporäre) Bereitschaft des Forschers und der Forscherin amoralischer Haltungen gegenüber den Feldgegebenheiten einzunehmen, da die eigenen Moralen hinderlich 13 Zum Schutz der Personen, denen ich während der Feldaufenthalte begegnete, wurden alle personenbezogenen Daten anonymisiert: In der Wiedergabe der ethnographischen Gespräche sind keine Informationen preisgegeben, die mit den beteiligten Personen in Verbindung gebracht werden könnten. Außerdem sind Personen die auf den „stills“ der Videos zu sehen sind, durch schwarze Balken unkenntlich gemacht. In denjenigen „stills“ bzw. Videos, in denen eine Person zu identifizieren ist, handelt es sich um mich selber. 19 für die Partizipation und das Handeln im Feld sein können14. Für das in dieser Arbeit relevante Forschungsinteresse wurde die „künstliche Dummheit“ immer dann ‚angewendet’, wenn Informationen bezüglich skatespezifischer Bewegungen von anderen Szenegängern in Gesprächen erfragt wurden. Teilnehmende Beobachtung und beobachtende Teilnahme Als wohl wichtigste Methode der Ethnographie gilt die teilnehmende Beobachtung der Forscherinnen und Forscher im zu untersuchenden Feld. Sinneseindrücke, Wahrnehmungen und generell Erfahrungen lassen sich mit Hilfe dieser Praktik generieren, um so auf die je für das Forschungsinteresse relevanten Phänomene zu stoßen (vgl. Hitzler/Gothe 2015: S. 10). Bei der teilnehmenden Beobachtung überwiegt jedoch der beobachtende Charakter der Forscherinnen und Forscher, was letztlich dazu führt, dass weniger am feldspezifischen Geschehen teilgenommen werden kann. Die beobachtende Teilnahme fokussiert dagegen die Hingabe zum Feld in all seinen Facetten: Das, was typischerweise im Feld getan wird, wird auch von den Forscherinnen und Forschern getan (vgl. vom Lehn 2018: S. 188). Jedoch und vor diesem Dilemma stehen lebensweltanalytische Ethnographinnen und Ethnographen - widersprechen sich Beobachtung und Teilnahme gegenseitig (vgl. Hitzler/Gothe 2015: S. 11): Z.B. fordert beim Skaten die Durchführung eines schwierigen Tricks höchste Konzentration, sodass eine gezielte Beobachtung dieser Praxis kaum möglich ist. Daher wurde in der Feldforschung zwischen den beiden Methoden gewechselt, und zwar immer dann, wenn die Teilhabe erforderlicher als die Beobachtung war und anders herum. Das ethnographische Gespräch Prinzipiell lassen sich Daten der Mitteilung Anderer verstehen als „Daten darüber, wie ein Sachverhalt (von wem auch immer) situativ dargestellt wird (vgl. Honer 1993: S. 40). Um an die subjektiven Relevanzen anderer zu gelangen, ist es dabei wichtig, diesen Anderen auch die entsprechenden Sprechgelegenheiten zu geben und sich während dieser Gelegenheiten an deren Relevanzen zu orientieren (vgl. ebd.: S. 14 Der Konsum von Cannabis und alkoholischen Getränken von Minderjährigen während des Skatens ist ein Phänomen, welches ich in nahezu all meinen Feldaufenthalten beobachten konnte. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass ein moralischer ‚Eingriff’ meinerseits erheblichen (negativen) Einfluss auf meine soziale Position im Feld gehabt hätte. 20 70). Diese Sprechgelegenheiten fanden an szenerelevanten Orten wie den Skateparks statt. Da die Ankündigung und Durchführung eines Interviews einen eher formellen Charakter hat und zudem einige Skater eine abneigende Haltung gegenüber Bildungsinstitutionen zeigten, wurden daher ‚natürliche’ Gespräche geführt. Da diese Gesprächsdaten zudem nicht durch Zuhilfenahme eines Aufnahmegeräts festgehalten wurden, wurden diese nach den Feldaufenthalten, sogenannte „postscripte“ (Moritz 2018: S. 10), im Forschungstagebuch archiviert. Videographie „Sie [die Kamera] erkennt nichts. Sie versteht nichts. Sie bildet mithin keineswegs ab, was ich sehe. Aber sie liefert Bilder und Geräusche zu dem (dazu), was ich erkannt, was ich verstanden zu haben meine“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 85). Der Unterschied zur Kamera und Forscher/in liegt darin, dass die Kamera aufzeichnet und der Forschende wahrnimmt (vgl. ebd.: S. 85). Da es sich bei dieser Arbeit jedoch auch um die Erkundung subjektiver Wahrnehmungen der Feldteilnehmer und des Forschers handelt, wird daher eine Mischung aus wahrnehmungsrekonstruierender Feldbeobachtungen einerseits, und Videoaufzeichnungen andererseits gewählt. Um die skaterelevanten Bewegungen zu dokumentieren – die Durchführung eines Tricks ist mitunter äußerst flüchtig15 und kann zudem auch von anderen in der Nähe präsenten Personen eben aufgrund dieser Flüchtigkeit schnell übersehen werden – machen Szenegänger stellenweise den Gebrauch von Kameras und Videokameras. Das Filmen wird als eine szenetypische Praktik verstanden und somit wird die lebensweltanalytische Ethnographie mit der Videographie kombiniert. Ferner sollen anhand der Videotranskriptionen die je spezifischen Bewegungsabläufe „erläutert und visuell [...] veranschaulich[t]“ (Moritz 2018: S. 13) und durch die Aneinanderreihung von Standbildern deskriptiv aufgezeigt werden. Zu berücksichtigen sei jedoch beim Erstellen audiovisueller Daten das Kamerahandeln der Forscherinnen und Forscher (vgl. Reichertz 2013: S. 44): Was, wie und wo von den Forscherinnen und Forschern gefilmt wird, wird als „Zeigehandeln“ (ebd.: S. 44) verstanden, welches im Forschungsprozess reflektiert werden muss. Diese Reflexionen 15 Ähnlich verhält es sich bei der Graffiti- Szene, in der die Graffitis fotografiert werden, da deren Haltbarkeit (mitunter durch Entfernung anderer Personen) nicht sicher ist (vgl. Eisewicht 2016: 128). 21 werden bei der Analyse der jeweiligen audiovisuellen Daten berücksichtigt. Im schriftlichen Analyseteil dieser Arbeit kann nur auf die Analyse einzelner Bilder („frames“ oder „stills“) zurückgegriffen werden, weshalb an den jeweiligen Stellen auf die Einsicht der jeweiligen Videos gebeten wird16. Dergestalt soll ein besseres (audiovisuelles) Verständnis hinsichtlich der Analyseergebnisse geboten werden. 4.2. Feldzugang Ein erfolgreicher Feldzugang wird als der Schlüssel des gesamten lebensweltanalytischen ethnographischen Vorhabens verstanden. Er ist der erste Schritt auf dem Weg zum, idealerweise stattfindendem „Erwerb der praktischen Mitgliedschaft an dem Geschehen, das erforscht werden soll“ (Honer 1993: S. 44). Besonders hilfreich hierfür erscheint die Befähigung der Forscherin und des Forschers, die Sprache des Feldes sprechen zu können (ebd.: S. 50). Die Frage nach der verdeckten oder nicht-verdeckten Feldforschung lässt sich nur mit Hinblick auf die Feldbedingungen beantworten, denn einfach ausgedrückt, geht es darum, „herauszufinden, wen die Menschen, mit denen man es zu tun hat, als ihren ‚Feind’ betrachten“ (vgl.: S. 60). Recht früh in meinen Feldaufenthalten habe ich ein Gefühl für die Explikation dieser „Feinde“ entwickeln können. Besonders Ordnungshüter und Polizisten wurden häufig als Bedrohung entspannter Skatesessions gesehen: „Diese Wichser haben mir mein Deck abgezogen“. An anderen Stellen wurde häufig Flucht ergriffen, um von den Polizisten aufgrund des Besitzes von Cannabis nicht gefasst zu werden. Neben diesen Feinden fallen auch Menschen mit höheren Bildungszertifikaten zwar nicht in die Kategorie „Feind“, jedoch zumindest in jene der Unerwünschten: „Ich war ma letztens an der Uni skaten, aber diese ganzen Schüler und Lehrer da haben mega genervt. Macht keinen Bock da“. Ferner impliziert eine jede Feldforschung das Vorhandensein spezifischer Vorurteile des Forschenden gegenüber dem Feld, welche reflektierend in den Forschungsprozess zu integrieren sind. Mitunter muss bei der Feldforschung auch die eigene Forscherposition als Feldteilnehmer und Feldteilnehmerin reflektiert werden (vgl. Honer 1993: S. 42). Da ich bereits in meiner Jugendphase zwischen meinem 11. und 15. Lebensjahr praktizierender Skater war, habe ich einerseits 16 Die Videodateien können auf Anfrage bei mir per Email angefordert werden. 22 (veraltete) Vorstellungen und Erfahrungen bezüglich der Kernaktivität des Skatens. Und da mittlerweile bis zu meinem ‚Wiedereinstieg’ 13 Jahre vergangen sind, haben sich diese Erfahrungen in bruchstückhafte Erinnerungen abgelagert, welche es zunächst zu rekonstruieren galt, um dann meine über die Jahre entstandenen stereotypisierten Vorstellungen zu reflektieren. Der Feldzugang lässt sich aufgrund der bereits vorhandenen Erfahrungen daher als ‚einfach’ beschreiben, da ich beim Eintritt in einen Skatepark beispielsweise ‚weiß’, was ich dort zu tun habe. Auch der Eintritt in einen gefühlten „konjunktiven Erfahrungsraum“ (Mannheim 1980) verlief stellenweise wie von selbst, da die Gespräche innerhalb des Feldes ungezwungen, ‚echt’ und Interesse zueinander bekennend stattfanden. Hieran anschließend lässt sich auch das Problem der Gültigkeit von Felddaten thematisieren, da sich dieses, so Honer, mit Hilfe von Vertrauen, welches auf lang andauerndem persönlichen Kontakt beruht, zumindest teilweise bewältigen lässt (vgl. Honer 1993: S. 57). 5. Analyse Die Kernaktivität des Skatens lässt sich mit dem ‚eigentlichen’ Skaten beschreiben. Besonders das Ausführen unterschiedlicher Tricks (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 184) ist hier von hoher Bedeutung. Es wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass das Körperwissen eine zentrale Rolle für den Aneignungsprozess beim Skaten spielt. Dabei ist das Körperwissen untrennbar mit den eigenen gemachten Erfahrungen verbunden. Diese gemachten Erfahrungen sensibilisieren die eigene Wahrnehmung bezüglich der skatespezifischen Bewegungen am eigenen Handeln, aber auch an jenen Bewegungen anderer Skater (seien diese nun ‚in echt’ vor Ort oder medial präsentiert). Bender/Schnurnberger kontrastieren diesen sensiblen Blick mit dem unerfahrenen Blick bewegungsungeübter Außenstehender: „Bewegungsungeübte Beobachterinnen [...] können die für die Bewegungshandlung wesentlichen kleinen Details und Strukturen nicht visuell wahrnehmen, sie sehen beim Beobachten das, was sie sehen, den Horizont für die eigenen Wahrnehmungen bilden dabei jeweils die Gesamtheit der gemachten eigenen Bewegungs- und Handlungserfahrungen“ (2018: S. 90). Um den Aneignungsprozess durch das Körperwissen analytisch darzustellen, wird eine Mischung aus einer zeitlich linearen sowie phänomenzentrierten Darstellung der Analyseergebnisse bevorzugt, da, so das Verständnis, auch das Körperwissen beim Skateboar- 23 ding auf akkumulierte Skateerfahrungen, die einfach Zeit in Anspruch nehmen, beruht. Bei den zeitlich linearen Darstellungen der Ergebnisse werden die Phänomene jedoch nicht ausschließlich im Kontext des jeweiligen Zeitpunktes der Erhebung betrachtet, sondern auch in Bezug gesetzt zu früheren bzw. späteren Feldaufenthalten. Der gesamte Verlauf der ethnographischen Feldarbeit der vorliegenden Arbeit, wird im Folgenden als Datum für den Aneignungsprozess des Heelflips verwendet. Beim Aneignen, Variieren und Verbessern des Tricks spielten unterschiedlichste Bedingungen unterschiedlichste Rollen, welche im weiteren Verlauf dargestellt werden. 5.1 Der Heelflip als prototypischer Trick des Aneignungsprozesses durch Körperwissen – die Ausgangslage Mit Bemerkungen wie „Ich kann nur Kickflip, Heelflip hab ich nie gelernt“ oder „Bin beim Heelflip hängengeblieben, Kickflips krieg ich kaum hin“ haben andere Skater, die ich während meiner Feldaufenthalte kennengelernt habe, auf ihre speziellen trickbezogenen Vorlieben und Abneigungen verwiesen. Der Kickflip wie auch der Heelflip zählen mitunter zum basalen körperbezogenem Basiswissen beim Aneignungsprozess im Skateboarding (vgl. Bock 2017: S. 65). Die Ausführung dieser Tricks erfordert ein hohes Maß an körperlicher Koordinationsfähigkeit, so dass zunächst die Frage aufkommen könnte, warum denn diese Tricks als Basis-, oder gar Anfängertricks bezeichnet werden. Diese Frage kann aufgrund eigener Erfahrungen und Gesprächen mit anderen Skatern mit Verweis auf das „weiter, höher, schneller“ Phänomen beantwortet werden, welches sich durch etliche Bereiche im Skateboarding zu ziehen scheint (vgl. Bock 2017: S. 74). Demnach können die genannten „Anfänger“ Tricks relativ unspektakulär (geringe Höhe und im Stand) oder eben spektakulär (z.B. in schwindelerregender Höhe in einer Half Pipe) ausgeführt werden. Die Tricks werden also in Niveaustufen kategorisiert, jedoch verweisen diese Kategorien nicht auf die Bedingungen, unter denen die Tricks ausgeführt werden. Warum gerade der Heelflip? Um auf das Anliegen dieser Arbeit, den Aneignungsprozess anhand des Beispiels vom Heelflip darzulegen, zurückzukommen, muss zunächst geklärt werden, warum gerade dieser spezielle Trick ausgewählt wurde, um Vermutungen über die Wahllosigkeit der Auswahl auszu- 24 schließen. Da ich in meiner frühen Jugendzeit im Alter zwischen 11 und 15 Jahren Skateboard fuhr, verfügte ich bereits vor dem Forschungsvorhaben über basale körperbezogene Wissensvorräte, die meine ‚Wiederkehr’ ins Skaten erleichterten. Da meine Erinnerungen an die damaligen Aneignungsprozesse beim Skaten nur schwer wiederzugeben sind, ich mich jedoch an ein einschlägiges Erlebnis erinnern kann, soll dieses nun, um die wichtige Rolle des Körperwissens zu verdeutlichen, aufgeführt werden. In meinem 15. Lebensjahr verfügte ich nach vier Jahren Erfahrung auf dem Skateboard die nach meinem Empfinden grundlegenden Fähigkeiten: Ich war in der Lage auf dem Skateboard zu stehen, zu fahren (so schnell wie ich wollte), mit dem Skateboard zu springen (der so genannte Ollie) um derart auch kleinere Objekte wie Bordsteinkanten oder Holzbalken zu überwinden. Die Ausführung von Flip17 Tricks jedoch bereitete mir stets Schwierigkeiten, wobei ich mir die Bewegungsabläufe zusammen mit einem damaligen Freund ‚irgendwie’ angeeignet habe. Durch ständiges immer wieder Probieren gelang mir dann irgendwann die Ausführung eines Heelflips im Stand. An die Freude, die mich damals überkam, kann ich mich noch genau erinnern und es fühlte sich so an, als habe man wirklich was Unglaubliches geschafft. Dieses Gefühl war mitunter ein Grund dafür, auch in Hinblick auf die unzähligen und in ihrer Anzahl überwiegenden Misserfolge beim Skaten, trotzdem weiter zu machen, da ich quasi ständig auf der Suche nach diesem Glücksgefühl war. Im Laufe meiner ‚Skate- Laufbahn’ bin ich dann, wie anfangs erwähnt, „beim Heelflip hängengeblieben“ und interessierte mich für die Aneignung anderer Flip Tricks kaum. Neben diesem Aspekt spielte für die Auswahl des Heelflips für diese Arbeit auch die Tatsache, dass mir die Ausführung dieses Tricks einfach Spaß bereitet, eine entscheidende Rolle. Zusätzlich – und dies bemerkte ich beim Anschauen meines ersten Skatevideos – überkam mich der Wille, für diese Forschungsarbeit diesen Trick ‚wirklich zu beherrschen’: also diesen eben nicht ‚einfach nur irgendwie zu landen’, sondern auch zu können. Um dieses Können und diesem Können zugrundeliegenden Aneignungsprozess durch Körperwissen soll es im Folgenden gehen. 17 Flip Tricks beziehen sich auf all jene Rotationen des Boards, die mit Hilfe spezifischer Bewegungen der Füße in der Luft herbeigeführt werden, um anschließend wieder auf dem Board zu landen. 25 Was ist ein Heelflip? Gegen Ende meiner damaligen Skate-Phase hatte ich zusammen mit meinem Vater ein kleines Skatevideo erstellt, auf dem auch einer meiner einzigen archivierten Heelflips zu sehen ist (Abb. 4). Da ich den Heelflip in der Fahrt gestanden18 hatte, war meine Freude und damaliger Stolz besonders groß. Jedoch, und dies fiel mir beim Betrachten dieses Videos auf, hatte ich den Heelflip zwar ausgeführt und gestanden, aber eben nicht sauber oder locker19. Die Videosequenz soll als eine Art Startpunkt der Analyse dieser Arbeit verstanden werden, da sich anhand dieses Videos mein Aneignungsprozess zum Einen visuell und zum Anderen auch zeitlich ablesen und in Relation zu den späteren Heelflip Versuchen setzen lässt. Das wohl auffälligste Merkmal der unsauberen Ausführung des Heelflips in Abb. 4 (Videodatei "Erster Heelflip") lässt sich an der Landung erkennen (Bild 6 und 7): Zunächst sei auf die ‚hölzerne’ Körperhaltung verwiesen, die an der Starrheit der Beine zu erkennen ist. Da ich bei der Landung nicht tief in die Hocke gehe, um so den Sprung abzufedern, sondern beinahe mit geraden Beinen lande, gerät mein Gleichgewicht außer Kontrolle und ich falle beinahe vornüber (angedeutet in Bild 6, deutlich in Bild 7). Auch beim Catchen des Skateboards (Bild 5) fällt auf, dass ich den vorderen Teil des Skateboards fange und in dieser Fußstellung auch lande (Bild 6), genannt Nollie20. In Bild 7 korrigiere ich dann diese Nollie Fußstellung, um wieder in die gewohnte Goofy Stellung (siehe Abb. 5) zu kommen. Dieses Korrigieren der Fußstellung ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der Trick nicht sauber durchgeführt wurde, da auch die Weiterfahrt nach einer solchen Landung eher unästhetisch und angespannt aussieht. Dass die Fahrtgeschwindigkeit der gesamten Durchführung eher niedrig ist – dies kann anhand der Bildsequenz nicht nachvollzogen werden – verweist zusätzlich auf den eher unspektakulären Charakter dieses Heelflips. Zuletzt sei auf die Höhe, in der das Skateboard nach der Rotation gefangen wird, verwiesen. Da das Board kurz vor der Landung gefan- 18 Der Unterschied zwischen dem ‚Stehen’ eines Tricks und dessen Können wird an späterer Stelle geklärt. 19 Die Fähigkeit, „locker“, „entspannt“ und „gechillt“ skaten zu können, wurde von vielen Skatern, die ich während meiner Feldaufenthalte kennengelernt habe, hoch geschätzt und auch als ästhetisch sichtbares Merkmal beim Skaten beschrieben. 20 Beim Nollie steht der vordere Fuß, der normalerweise ein Stück weit vor den Achsenschrauben platziert ist, auf der Nose, also dem vorderen Bereich des Skateboards. 26 gen wird (Bild 5), wirkt der Heelflip so als wäre er gerade eben noch geglückt, aber eben nicht kontrolliert und gekonnt ausgeführt21. Abb. 4: Durchführung eines unsauberen Heelflips Die Homepage „skatedeluxe.com“ zählt zu einer beliebten Internetplattform, auf denen skatespezifische Bewegungen erklärt und nach der Logik einer Rezeptanleitung präsentiert werden. Der Bewegungsablauf des Heelflips wird hier wie folgt beschrieben: „Der Heelflip zeichnet sich, ähnlich wie der Kickflip, durch eine Rotation des Boards um die Längsachse aus. Die Drehung erfolgt jedoch in umgekehrter Richtung, da man den Trick mit der Ferse (Heel) flippt. Davon leitet sich auch der Name Heelflip ab“ (Skatedeluxe 2018). Die Rotationsrichtung des Skateboards erfolgt beim Heelflip folglich vom Körper des Skaters hinweg; das Skateboard wird nach außen hin weggedreht, wie in den Bildern 2, 3 und 4 zu erkennen ist. Nachdem also das Skateboard mitsamt dem Skater in die Höhe befördert und eine komplette Rotation des Skateboards durch eine nach-außen-Drehung der Hacke des vorderen Fußes (Bilder 1-4) erfolgt ist, wird das Skateboard mit der Oberseite in der Luft mit den Füßen derartig gefangen22 (Bild 5), dass das Skateboard parallel in Fahrtrichtung landet, um schließlich weiterfahren zu können (Bilder 6, 7). 21 Dies wäre z.B. der Fall, wenn das Skateboard am höchsten Punkt des Sprungs bereits die Rotation abgeschlossen hätte und die Person das Board an eben diesem Punkt fängt. 22 Typischerweise wird das Skateboard nach Ausführung eines Flips in der Luft als erstes mit dem hinteren Standbein gestoppt, um dann vom vorderen Fuß in eine zum Skateboard parallele Position geleitet zu werden, was dann eine erfolgreiche Landung und Weiterfahrt ermöglicht. 27 Der Heelflip, wie auch so gut wie jeder andere Trick beim Skateboarding, kann in unzähligen Kontexten ausgeführt und mit anderen Tricks kombiniert werden. Da im Laufe dieser Arbeit auf einige dieser Variationen noch eingegangen wird, soll an dieser Stelle lediglich darauf hingewiesen werden, dass Variationen in Fahrtgeschwindigkeit, Sprunghöhe, Fußstellung, Terrain oder Art der Skateboard Rotation nur einige Dimensionen des Heelflips beschreiben. Basale Voraussetzungen für die Durchführung des Heelflips In ihrer Dissertation verweist Bock in dem Abschnitt „Körper- bzw. bewegungsbezogenes Basiswissen“ (Bock 2017: S. 64 ff.) auf grundlegende Anfänger Tricks (und deren lexikalisches Basiswissen) die auf unterschiedlichem Terrain ausgeführt werden können. Hierbei zählt beispielsweise der Heelflip zu den Basics die im Flat23 ausgeführt werden (vgl. ebd.: S. 65). Meines Erachtens müssen, bevor ein derartig komplexer Bewegungsablauf durchgeführt wird, die basalen Voraussetzungen, die zum Skaten nötig sind, untersucht werden. Demnach ist die wohl allen anderen skatespezifischen Bewegungen vorangesetzte Bedingung die Fähigkeit, auf dem Skateboard (sicher) stehen zu können, denn ohne eine sichere Körperhaltung und auch damit verbundenen Fußstellung sind schmerzhafte Stürze, bei denen der betreffenden Person beispielsweise das Skateboard unter den Füßen hinwegrutscht, nicht ausgeschlossen. Ausschlaggebend für einen sicheren Stand ist die Haltung des Oberkörpers, denn wenn dieser zu weit nach vorne oder hinten gebeugt ist, kann das Gleichgewicht sehr schnell ins Wanken geraten, wie dies Bock während eines Probetrainings, welches sie im Kontext ihrer Dissertation zur kommunikativen Konstruktion der Skate- Szenekultur absolviert hat, schmerzhaft erfahren musste (vgl. Bock 2017: S. 87). Die sichere Körperhaltung, so meine Annahme, entwickelt sich über die Zeit, die eben damit verbracht wird, auf dem Skateboard zu stehen. Der Stand und das Fahren werden somit irgendwann ‚normal’, eben so normal, wie für die meisten Menschen unserer Kultur das Fahrrad Fahren ist. Auch, wenn ich seit über 13 Jahren so gut wie keinen Körperkontakt mit einem Skateboard hatte, so fühlte sich der erste Tag, an dem ich nun wieder auf einem Skateboard stand kaum ungewohnt oder befremdlich an, da ich mich an das 23 Flat bezeichnet das Fahren auf flachem Untergrund, „aber auch das mittels diverser „Tricks“ mögliche Überspringen von Objekten oder Hindernissen, die sich auf einem solchen Untergrund befinden“ (Bock 2017: S. 65). 28 Gefühl, auf eben jenem Sportgerät zu stehen und mich mit diesem fortzubewegen, erinnern konnte. Grundsätzlich wird bei dem Stand auf dem Skateboard zwischen zwei Varianten unterschieden: der Regular und der Goofy Stellung. Erstere lässt sich daran bestimmen, dass das linke Bein nahe der Nose, also in Fahrtrichtung mit Blick nach vorne, gerichtet ist. Das rechte Bein ist dabei hinten auf dem Skateboard platziert. Bei der Goofy Stellung ist diese Fußstellung umgekehrt (siehe Abb. 5). Abb. 5: Fußstellungen v. l. n. r.: Regular, Regular, Goofy, Goofy Da das Skaten in der Regel nicht nur im Stillstand, sondern größtenteils fahrend bzw. rollend praktiziert wird, sind Anschwunggeben (das sog. Pushen), Lenken sowie das Kurvenfahren notwendige Grundvoraussetzungen für alle weiteren skatespezifischen Bewegungen, wie auch für den in dieser Arbeit zu behandelnden (in der Fahrt ausgeführten) Heelflip. Die folgende Bildabfolge zeigt das so genannte Pushen eines Regular Fahrers. Typischerweise wird der Schwung, der für das Fahren nötig ist, durch ein Wegdrücken vom Boden mit Hilfe des hinteren Standbeins herbeigeführt (Bild 3), woraufhin dieses Bein dann wieder in die reguläre und jeweilige Stellung (in Abb. 6 ist dies Regular) positioniert wird. 29 Abb. 6: Das Pushen (Regular) Was anhand der Bilder nicht zu erkennen ist, ist die nötige Repetition und Intensität des Anschwunggebens. Diese Variablen sind dahingehend wichtig, als dass sie die Geschwindigkeit des Fahrens bestimmen und variieren können. Neben den genannten Grundvoraussetzungen wie Stand, Fußstellung und dem Anschwunggeben zählt zu dem wohl für alle späteren Tricks als konstitutiv zu betrachtendem Basics im Flat der Ollie (Titus Skateboard Guide 2018). Nowodworski et al. beschreiben den Bewegungsablauf der für diesen Trick notwendig ist wie folgt: „Bei einem Ollie beginnt der Skater auf einem rollenden Brett in einer Hockstellung und springt dann unter Einsatz des gesamten Körpers nach oben. In der Aufwärtsbewegung tritt der Skater mit dem hinteren Bein den hinteren Teil (sogenannte Tail) zu Boden (je stärker, umso höher der mögliche Sprung), wodurch der vordere Teil (sogenannte Nose) angehoben wird (sogenannter Pop). Der vordere, zur Brettspitze mit der Außenseite gedrehte Fuß rutscht in Richtung der Nose und bleibt in Kontakt mit dem Board, wobei die Reibung zwischen dem - zu diesem Zwecke schmirgelpapierähnlichem - Griptape des Boards und dem Schuh beim Manövrieren hilft (umso weiter nach vorne der Fuß geschoben wird, umso höhere Sprünge sind möglich). Kurz vor dem vertikalen Höhepunkt des Sprungs zieht der Skater das hintere Bein nach oben zum Oberkörper (je näher an den Oberkörper, umso höher der mögliche Sprung) und bringt mit dem vorderen Fuß das Brett in eine horizontale Position, so dass der hintere Teil des Brettes, ganz so wie das hintere Bein, angehoben wird. Der Skater befindet sich mit dem Board in der Luft und kann anschließend auf den Rollen landen - wobei er zur Abfederung typischerweise mit der Landung in die 30 Hockstellung geht - um weiter auf dem Untergrund zu rollen.“ (Nowodworski et al. 2018. Im Ersch.: S. 8) Die hier beschriebene Abfolge des Ollies ist in folgender Bildsequenz (Videodatei „Ollie“) abgebildet: Abb. 7: Der Ollie Mit der Ausführung und dem Können eines Ollies, also dem Mit-dem- Skateboard-in-die-Luft-Springen, eröffnen sich dem Skaten weitere unzählige skatespezifische Bewegungen24, die durch bloßes Fahren nicht möglich sind. Auch der Heelflip schließt die Ausführung eines Ollies mit ein, denn um diesen ausführen zu können, muss das Skateboard in die Höhe befördert werden. Die in diesem Abschnitt geschilderten Erläuterungen und Bedingungen zur Durchführung des Heelflips sollen als Grundlage für ein besseres Verständnis für die folgenden Analysen der ethnographischen Feldarbeit dienen. 5.2 „Üben, üben, üben“ – Akkumulation von Körperwissen Dass es sich beim Skateboarding um eine Tätigkeit handelt, die nicht von heute auf morgen erlernt werden kann, scheint eine banale, jedoch für die Rolle und Aneignung des Körperwissens zentrale Aussage zu sein. Das Skaten-Können schließt einen langwierigen Prozess mit ein. Die je vorliegenden Gründe, überhaupt skaten zu wollen, können äußerst unterschiedlich ausfallen. In meinen Feldaufenthalten bin ich Skatern begegnet, die gezielt spezifische Bewegungen erlernen 24 Hierzu zählen besonders Flip Tricks. 31 wollten und diese immer wieder ausgeführt haben (mal mehr, mal weniger erfolgreich). Anderen Skatern ging es prinzipiell darum, gemütlich und „gechillt“ die örtlichen Gegebenheiten zu befahren und gekonnt spezifische Tricks auszuführen. Häufig spielte auch das gemeinsame Abhängen – zumeist charakterisiert durch das Führen gemeinsamer Gespräche, dem Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis – eine erhebliche Rolle im Skate-Alltag. Auch das gezielte Aufnehmen der für die betroffenen Skater als filmwürdig erachteten Tricks25 fasst einen weiteren motivationalen Teilbereich des Skatens zusammen. Es sei betont, dass diese unterschiedlichen Motivationen selten in einer Art Reinform auftreten, sondern eng miteinander verbunden sind und sich vielmehr gegenseitig bedingen. Was meine eigene zugrundeliegende Motivation betrifft, so kann ich mich zwar nicht von einem Konglomerat verschiedener Motivationen freisprechen, jedoch begann ich tatsächlich jeden einzelnen Feldaufenthalt mit dem Vorsatz, besser zu werden, oder zumindest die bereits erlernten Tricks und Bewegungen nochmals auszuführen. Da sich die Arbeit, wie bereits erwähnt, an der Aneignung, Verbesserung und Variation des Heelflips orientiert, strebte ich also einen subjektiven Lernprozess an, den ich im Folgenden analytisch darzulegen versuche. Das in diesem Kapitel zugrunde liegende Kernphänomen lässt sich am einfachsten mit dem bekannten Sprichwort „Übung macht den Meister“ zusammenfassen. In den Situationen, in denen ich andere Skater um instruktionelle Unterstützung bezüglich bestimmter Bewegungsabläufe bat, schlossen diese Hilfestellungen stets mit dem Verweis darauf ab, dass sich das Können nicht übertragen lasse. Ein Beispiel hierfür: Nachdem ich ausführlich darin unterrichtet wurde, wie ich meine Körperhaltung innerhalb einer Mini Ramp einzunehmen habe, schloss die andere Person die Konversation mit den Worten ab: „Na ja, aber am Ende musste das schon selber herausfinden. Einfach viel versuchen“. Was sich hier mitunter ablesen lässt, ist die Annahme, dass sich das je spezifisch notwendige Körperwissen zwar durch Nachmachen aneignen lässt (vgl. Schindler 2011: S. 336), dies jedoch die eigene Körperarbeit voraussetzt. So banal diese ‚Erkenntnis’ auch sein mag, so werden entlang dieses Verständnisses im Folgenden die notwendigen wie auch hinreichenden Bedingungen, die bei dieser kon- 25 Das Hochladen und Verbreiten dieser Aufnahmen in sozialen Netzwerken ist eine häufig eintretende Folgehandlung. 32 tinuierlichen Akkumulation von Körperwissen von Relevanz sind, analytisch dargestellt. 5.2.1 Die ersten Tage: Zwischen Unwohlsein und Erinnerung alten Körperwissens Um mit dem ersten Tag meiner lebensweltanalytischen Untersuchung zu beginnen, scheint es mir für die Analyse lohnenswert, bei einem noch früheren Zeitpunkt zu beginnen. Bevor ich mich tatsächlich wieder ‚so richtig’ in die Welt eines Skaters begab, verbrachte ich einen Nachmittag auf einem örtlichen Parkplatz damit, mich mit meinem alten, aber noch funktionsfähigen Skateboard wieder ‚vertraut’ zu machen. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Besitz des wohl wichtigsten skatespezifischen Kleidungsstückes – dem Skateschuh (vgl. Turner 2016) – war, mussten dafür meine einzigen Sportschuhe herhalten. Diese Anmerkung ist für die Analyse des Aneignungsprozesses insofern relevant, als dass die Materialität der skatespezifischen Ausrüstung und deren Eigenschaften Auswirkungen auf die szenespezifischen Praktiken haben (vgl. Eisewicht et al. 2018). Das bei Turnschuhen üblich niedrige und auch nicht zwangsläufig um den gesamten Schuh durchlaufende Randgummi (Abb. 8) ist für die Ausführung eines Ollies nicht unbedingt unterstützend. Abb. 8: Turnschuhe zum Skaten? 33 Auch wenn sich mit prinzipiell jedem Schuhwerk skaten lässt, so sind Schuhe mit flachen Sohlen, hoher Flexibilität, Haltbarkeit und Haftvermögen besonders gut geeignet, um den Ansprüchen des Skatens gerecht zu werden (vgl. Turner 2016: S. 183). Auch wenn Turner dies nicht erwähnt, so spielt das um den gesamten Skateschuh (und bei den meisten Sneakers auch) durchlaufende und hochgezogene Randgummi eine zusätzliche Rolle (Abb. 9). Da dessen haftfähiges Material möglichst viel Kontaktfläche zum Griptape bietet, wird das viel praktizierte Hochziehen des Skateboards erleichtert. Abb. 9: Skateschuhe Seltsamerweise überkam mich beim bloßen mit-dem-Skateboardunterm-Arm-zum-Parkplatz-Gehen ein gewisses Unwohlsein. Auch wenn mich wahrscheinlich niemand bei meinem Vorhaben intensiv beobachtete, so fühlte ich mich dennoch von Augen beobachtet, die mein Ungeschick womöglich registrieren könnten. Mit diesem eher flauen Gefühl startete ich meine Runden auf dem viel Platz spendenden Parkplatz. Da ich mich mit dem Pushen, Fahren und Lenken recht schnell wieder vertraut machte und sich dadurch nostalgische Erinnerungen an meine Jugendzeit gedanklich als auch körperlich entwickelten, wurde das anfängliche Unwohlsein durch Spaß und dem positiven Gefühl Kontrolle über das Board zu haben, ersetzt. Recht schnell wollte ich dann durch Ausprobieren in Erfahrung bringen, ob ich denn noch wie in meiner Jugendzeit den Ollie und den Heelflip ausführen konnte. Zu meiner Enttäuschung verhielt es sich bei diesen Manövern anders als beim zuvor genannten Herumfahren, da mir diese Tricks überhaupt nicht gelingen wollten. Der spezifische Handlungsablauf, 34 der für den Ollie notwendig ist, wollte mir nur bis zu dem Schritt gelingen, der am besten durch das dritte Bild der Abb. 7 veranschaulicht ist. So kräftig ich das Tail auch herunterdrückte und so tief ich dabei auch in die Hocke ging, bekam ich das Board nicht in die Höhe. Das Hochziehen des vorderen Teils des Skateboards (Nose) mit Zuhilfenahme des vorderen Fußes, ein wichtiger Schritt beim Ollie, beschränkte sich eher darauf, dass ich selber ohne Skateboard in die Luft sprang. Allmählich breitete sich ein Frustgefühl aus, da ich unzählige Male immer wieder den gleichen Trick probierte und immer wieder an den mir noch unbekannten bewegungsspezifischen Fehlern scheiterte. Noch frustrierender empfand ich dann meine Heelflip Versuche, da ich dabei das Board weder vom Boden beförderte, noch rotieren ließ. Diese kläglichen Versuche endeten so gut wie jedes Mal damit, dass ich auf dem falsch herum liegenden Skateboard landete. Zu dem eben genannten Frustgefühl kam dann zusätzlich noch eine Art Wut hinzu; Wut darauf, dass es nicht mehr so klappt wie früher, Wut auf meine Inkompetenz und nicht zuletzt Wut auf – so merkwürdig das auch klingen mag – das Skateboard selbst (!). Trotz dieser überwiegend negativen Gefühle setzte ich meine Ollie und Heelflip Versuche fort, kam trotz winterlicher Temperaturen ins Schwitzen und außer Atem und stieß mir häufig die Kante des Boards gegen die Fußknöchel. Gegen Ende dieser circa zweistündigen Eingewöhnungsphase gelang mir dann doch ein minimal hoher Ollie, den ich innerlich triumphierend mit den mich selbst bestätigenden Gedanken feierte: „Es geht also doch noch!“ Mit diesem Hochgefühl beendete ich dann meine kurze Skatesession und fuhr – nun relativ sicher – mit dem Skateboard nach Hause, sprang auf diesem Weg Bordsteinkanten hinauf und hinunter, überquerte Kreuzungen und sprang über Gullideckel. All jene zuvor erwähnten wutgeladenen Frustmomente vergessend kam ich dann zufrieden und mit hochmütigen Gedanken „wieder ein Skater zu werden“ zu Hause an. Beim Betrachten meines Skateboards stellte ich mir dann visuell vor, wie ich in meiner nächsten Session mit Leichtigkeit die verschiedensten Flips gekonnt ausführen würde – was sich, wie sich in der nächsten Session noch zeigen wird, als illusorisch und träumerisch herausstellen sollte. 35 Das Wiederentdecken des alten Körperwissens Den vorausgegangenen Ausführungen anschließend beginne ich nun mit der Darstellung meines ersten ethnographisch fokussierten Feldaufenthalts. Der erste Feldaufenthalt Seit dem zuvor erläuterten Parkplatztraining sind mittlerweile zwei Monate vergangen und es herrschen Temperaturen von knapp unter null Grad. Bevor ich mich auf den Weg zu einem örtlichen Skatepark mache, mache ich noch ein Foto von meinen bisher ungetragenen Skateschuhen26. Mit diesen neuen Schuhen komme ich also nachmittags an dem besagten Skatepark, der mir noch aus Jugendzeiten bekannt ist und von dem ich mir erhoffe, auch andere Skater zu treffen, an. Außer fünf rollerfahrenden Kinder, die sich selbst als „Scooter“ bezeichnen, begegne ich den gesamten Nachtmittag über niemanden sonst. Nachdem ich die „Scooter“ danach frage, ob sich in dem Park auch mal Skater aufhalten, antwortet mir ein ca. zwölfjähriger Junge wie folgt: „Ja schon, aber nicht so oft und wenn die da sind, dann sind die immer total gemein zu uns. Die rauchen und nehmen Drogen und trinken immer Bier und schicken uns dann weg, weil die sagen, dass wir die nerven.“ Überrascht über diesen Konflikt frage ich mich zunächst, ob dieser Konflikt auf den möglichen Altersunterschied zwischen Skatern und Scootern oder den unterschiedlichen bewegungsspezifischen Interessenslagen zurückzuführen ist. „Aber“, so bestätigt mir ein anderer Scooter, sei ich einer „der einzigen netten Skater“. Dieses erste Gespräch, erweckt in mir das Gefühl, sich an einem Ort zu befinden, an dem ich zumindest nicht unerwünscht bin und an dem mich auch kein Gefühl des Beobachtet-Werdens am Skaten hindert. Mit diesem ungezwungenen Gefühl beginne ich den Park durch Befahren der einzelnen Rampen und Quarter Pipes zu erkunden. Nach und nach merke ich, dass mein Körper sich aufwärmt und mir das Hin- und Herfahren durch den Park immer leichter fällt. Besonders das Ausführen von bestimmten „Lip Tricks“ an hüfthohen Quarter Pipes gibt meinem Hin- und Herfahren eine zusätzliche Dynamik. Diese Dynamik, die ich beim Skaten erfahre, bereitet mir, einfach ausgedrückt, Spaß. Bezüglich des Heelflips sei zu erwähnen, dass ich etliche klägliche und teilweise auch erfolgreiche Ollie-Versuche hinter mich bringe, um dann immer mal wieder im Stand zu versuchen, einen Heelflip auszuführen. Tatsächlich gelingt mir 26 Um die Rolle der Materialität (vgl. Eisewicht et al. 2018) für bestimmte skatespezifische Bewegungen wie den Heelflip zu untersuchen, beobachtete ich über den Zeitraum der Feldaufenthalte hinweg die spezifischen Abnutzungsspuren meiner Skateschuhe. Um diese Spuren tatsächlich auch auf diese spezifischen Bewegungen zurückführen zu können, habe ich die Skateschuhe neu gekauft und ausschließlich für Skateaktivitäten verwendet. 36 dieser gegen Ende meines Aufenthaltes auch und meine Freude hierüber, die ich nur ‚innerlich’ zeige, ist enorm. Jedoch, und dies trübt meine Stimmung anschlie- ßend, bin ich mit der Art und Weise der Durchführung nicht zufrieden: Zum Einen führe ich den Trick im Stand aus und zum Anderen fange ich das Board gerade noch eben so bevor es zur Landung kommen kann, bei der ich zusätzlich auch nicht in die Knie gehe. Da ich neben diesem Heelflip auch noch einige andere Tricks, die für diese Untersuchung nicht weiter relevant sind, gestanden habe, beende ich diesen ersten Tag mit einem zufriedenen Gefühl27. Erste Variationen ausprobieren – Heelflip im Stand und in der Fahrt Um nun an der Vertiefung meines Körperwissens zu ‚arbeiten’, beschloss ich, jeden mir möglich freien Tag zu skaten. Dadurch vergaß ich die zuvor wieder erlernten Bewegungsabläufe nicht und konnte mich zusätzlich intensiv mit der Verbesserung bereits gestandener Tricks und dem Erlernen neuer Tricks beschäftigen28. Dieses Vorhaben befolgend besuchte ich denselben Skatepark wie zuvor, betrat diesen nun viel sicherer und machte mir kaum Gedanken darüber, welche Personen mich wohl beobachten könnten. Das für diesen Tag wichtige Ereignis war die Tatsache, dass ich den Heelflip nun nicht nur im Stand, sondern auch in der Fahrt landete. Dieser Erfolg beruhte meines Erachtens darauf, dass ich den Bewegungsablauf des Heelflips etliche Male im Stand versuchte, um dann in die fahrende Variante überzugehen. 5.2.2 „Es kommt immer auf deine Schultern an!“ – hinreichende Bedingungen der Körperhaltung Eine Art Schlüsselmoment erlebte ich an einem frühen Zeitpunkt der Feldaufenthalte in einem örtlichen Skatepark. Es war ein sonniger, aber doch recht frischer Freitag Nachmittag und bei meiner Ankunft hielt sich bereits ein Skater – Mitte zwanzig – dort auf. Grüßend stellte ich mich ihm vor und wir unterhielten uns über unsere unterschiedlichen Skate- Erfahrungen. Im Anschluss fuhren wir abwechselnd im Flat und schauten dem jeweils anderen bei seinen Bewegungsabläufen zu und gaben uns gegenseitig sowohl positive als auch kritische 27 Obwohl meine körperliche Kondition aufgrund der fehlenden Skate Praxis noch recht niedrig ist, zehre ich an dem immer wiederkehrenden Glücksgefühl welches mich bei gestandenen Tricks überkommt. Dergestalt ist es mir möglich, trotz enormer Erschöpfung bis zu drei Stunden und mit nur wenigen kurzen Pausen zu skaten. 28 Was Müller mit dem ständigen Wiederholen körperbezogener Bewegungen beim Tanz als Körperwissen bezeichnet (vgl. Müller 2016: 172), trifft auch, natürlich in anderer Form, beim Skaten zu. 37 Rückmeldungen bezüglich dieser Abläufe. Die Entstehung dieses speziellen sozialen Kontexts, also des Zusammen-Abwechselnd-Skatens, fand ohne Absprache statt. Ohne dies anzusprechen, begannen wir zusammen zu skaten, so als wäre es für jeden von uns selbstverständlich, dies zu tun. Im Vergleich zu meinen bisherigen Feldaufenthalten, bei denen ich eher für mich alleine skatete, motivierte mich das gemeinsame Skaten auf eine ganz spezielle Weise. Besonders die Rückmeldungen des Anderen, die sich auf meine und auch seine skatespezifischen Bewegungen bezogen, machten das Skateboarden ‚lebendig’: Wir sprachen über die gleichen Tricks, verwendeten die gleichen skatespezifischen Ausdrücke, freuten uns an gleichen Stellen (meistens über erfolgreich- oder fast erfolgreich ausgeführte Tricks) oder bekundeten Anteilnahme, wenn ein Trick durch mehr oder weniger schmerzhafte Stürze misslang. Unter diesen Umständen fühlte es sich so an, mit diesem Skater auf ‚einer Wellenlänge’ zu sein. Irgendwann teilte dieser mir dann mit, dass in wenigen Augenblicken noch zwei befreundete Skater von ihm vorbeikommen werden. Er betonte anschließend deren hoch ausgeprägte Kompetenzen mit „die haben es richtig drauf“ und versicherte mir, dass wir mit denen viel Spaß haben werden. Tatsächlich kamen die beiden Skater wenig später im Skatepark an. Beide, so sagen sie mir später, waren Anfang dreißig und skateten mittlerweile schon über siebzehn Jahre. Diese in meinen Augen lange Zeit ließ sich auch an ihren skatespezifischen Bewegungen ‚ablesen’: Mit enormer Geschwindigkeit fuhren sie Tricks ausführend durch den Park und befuhren alle Rampen, Rails, Quarters und Banks. Nachdem einer der beiden einen beeindruckenden Heelflip in der Pyra (Abb. 10) machte, kam ich aus dem Staunen kaum heraus, da nicht nur Geschwindigkeit und Höhe beeindruckend hoch waren, sondern auch eine nicht zu übersehene Lässigkeit (gebeugte Knie, keine Anstrengung im Gesichtsausdruck) von diesem Skater ausstrahlte. Auch beließ er es nicht bei diesem – für meinen Eindruck sauber ausgeführten Heelflip – sondern beendete seine Line mit der Ausführung eines Noseslides an einem nahe gelegenen Curb. Jubelnd bekundeten wir Beobachtenden unsere positive Zustimmung zu seiner sauber gefahrenen Line. 38 Abb. 10: Nutzung des Skateparks zur Ausführung eines Heelflips Als ich den Skater daraufhin fragte, wie er diesen beeindruckenden Trick gelernt hat, erklärte er mir, dass man immer wieder üben müsse. Besonders wichtig sei dabei auch, sich selbst in seinen Niveauansprüchen zu steigern. Demnach sagte er mir, sei es nicht ratsam, sofort mit einem Heelflip über die Pyra zu beginnen. Vielmehr sollte der Heelflip im Flat erst einmal „sitzen“, um sich dann an Variationen heranwagen zu können. Diesen Ratschlag befolgend übte ich also den Heelflip im Flat. Zu viert fuhren wir nun gemeinsam-abwechselnd auf gerader Betonebene. Nachdem ich etliche misslungene Versuche hinter mir hatte, sprach mich der zuvor erwähnte Skater an: „Achte mal auf deine Körperhaltung. Es kommt immer auf deine Schultern an, wenn die sich drehen, drehst du dich und das Board. Auch wenn du dich zu weit nach vorne oder nach hinten lehnst wird es schwierig. Und bei der Landung stehst du manchmal zu gerade. Bei der Landung ist es besser, wenn du in die Knie gehst. Da haste besseres Gleichgewicht.“ Diese Hinweise, so wird sich im Laufe der Feldforschung zeigen, ver- änderten einen großen Teil der Art und Weise, wie ich Skateboard fuhr. Ich will diesen Hinweis als eine Art Schlüsselmoment bezeichnen, da ich von diesem Zeitpunkt aus in den folgenden Sessions immer wieder bemüht war, die ‚richtige’ Körperhaltung einzunehmen. Be- 39 sonders die Position der Schultern spielte hier eine wichtige Rolle. In einer späteren Begegnung in einem anderen Skatepark kam es zu einer ähnlichen Gesprächssituation, bei der ich mich bei einem Skater nach dessen „Geheimnis“ erkundigte, derartig sicher Flips ausführen zu können. Dieser antwortete mir wie folgt: „Schultern parallel zum Deck, aufs Board gucken, Ollie ziehen. Und das Wichtigste ist gechillt zu bleiben. Das ist das Wichtigste. Wenn es halt nicht klappt dann einfach was anderes probieren, mal eine Pause machen darüber nachdenken, was man besser machen kann, was rauchen und weiterfahren.“ Zusammengefasst lassen sich aus den zuvor beschriebenen Erfahrungen diejenigen Faktoren, die für eine adäquate Körperhaltung relevant sind, in der folgenden Abbildung darstellen: Abb. 11: Aspekte der ‚richtigen’ Körperhaltung Die Körperhaltung umfasst demnach eine zum Skateboard parallel gerichtete Schulterposition. Diese Position wird während der gesamten Durchführung beibehalten, da eine Drehung der Schultern in eine bestimmte Richtung auch eine Drehung des gesamten Körpers und somit auch des Skateboards miteinschließt. Diese Logik bezieht sich jedoch auf all jene Tricks, bei denen die nach vorne ausgerichtete Fahrtrichtung auch beim Absprung beibehalten wird. Entsprechend 40 ist die Drehung des Oberkörpers und dezidiert der Schultern geradezu notwendig, wenn Tricks ausgeführt werden, die eine Körperrotation beinhalten (z.B. beim so genannten FS 180°). Die besondere Bedeutung der Schulterposition soll beispielhaft in der folgenden Bildsequenz (Videodatei „Schulter Position“) dargestellt werden: Abb. 12: Schulterposition In der Sequenz ist die Durchführung eines Ollies zu sehen. Besonders die Landung und das anschließende Weiterfahren können als unsauber bezeichnet werden, da ich aus dem Gleichgewicht komme und beinahe von dem Skateboard herunterspringen muss (Bilder 7, 8, 9). Von der Anfahrt bis zum Absprung (Bilder 1, 2, 3) sind Skateboard und Schultern parallel zueinander positioniert und die Fahrtrichtung bleibt geradeaus gerichtet. Ab Bild 4 jedoch beginne ich damit, die rechte Schulter nach rechts zu drehen, sodass sich auch das Skateboard minimal nach rechts dreht. Da ich jedoch eine saubere Landung anstrebe, lehne ich mich etwas nach vorne um die gerade Fahrtrichtung, die ich zu Beginn noch hatte, wieder herzustellen. Folglich ist das Skateboard leicht asymmetrisch zum Oberkörper und Schultern positioniert (Bild 8). Diese kaum erkennbare Fehlstellung wirkt sich auf die genannte 41 unsaubere Landung aus und schließt ein (unästhetisches) Korrigieren des Gleichgewichts mit ein (Bilder 7, 8, 9, 10). Hierbei wird auch die Fahrtrichtung des Skateboards mit Zuhilfenahme der Füße in die gewünschte Richtung korrigiert. Auch wenn die anderen hinreichenden Bedingungen der Körperhaltung (Blick in Richtung Skateboard, Körperschwerpunkt oberhalb des Skateboards und In-die-Knie-Gehen) mehr oder weniger erfüllt werden, so führt die Drehung der Schultern dennoch zur genannten unsauberen Landung. Auch für die Aneignung einer adäquaten Körperhaltung bedarf es einer ständigen „Erinnerungsarbeit“ (Müller 2016: S. 171) auf und mit dem Skateboard. Besonders paradox erscheint die Tatsache, dass trotz immer wieder auftretender Frustmomente, die durch misslungene skatespezifische Bewegungen auftreten können, hierzu zählen auch Schmerzerfahrungen, dennoch der ‚innere’ Wunsch besteht, die jeweilige Bewegung auszuführen und einfach weiter zu skaten. Im folgenden Abschnitt werden die Dimensionen der subjektiven Einstellung betrachtet. Es wird hierbei davon ausgegangen, dass der Aneignungsprozess und demnach auch das Körperwissen eng mit den subjektiven Empfindungen des Akteurs verknüpft sind. 42 5.2.3 „Du musst es immer wieder versuchen“ – hinreichende Bedingungen des Wollens Im Sinne der hinreichenden szeneintern relevanten Kompetenzen beim Skateboarding müssen die Beteiligten eine gewisse Bereitschaft und Befähigung mitbringen, sowie „den festen Vorsatz haben, in dieser Sportart irgendwelche oder gar avancierte Kompetenzen zu erwerben“ (Hitzler/Pfadenhauer 2004: S. 59). Der hier mit „Wollen“ zusammengefasste Teilaspekt szenerelevanter Kompetenzen ist Teil der Kompetenztrias aus „Können, Wollen, Dürfen“ (Pfadenhauer 2008). Nach diesem Verständnis meint Wollen die Ambitionen und Motivationen, die für das Skaten als konstitutiv zu betrachten sind. Dass neben der körperlichen Konstitution und dezidiert der Körperhaltung für die Ausführung spezifischer Bewegungsabläufe auch spezifische motivationale Bedingungen eine wichtige Rolle für das Gelingen des Heelflips spielen, fiel mir bereits in den frühen Feldaufenthalten auf. Skaten zu wollen beinhaltet nicht nur den Vorsatz skaten zu gehen, sondern auch das tatsächliche Skaten an sich. Zudem gilt beim Skaten eine Art Selbstbestimmtheit, eigene gesetzte und den Fähigkeiten angepasste Ziele zu verfolgen und zu erreichen (vgl. Seifert/Hedderson 2010: S. 288). Dass die Skater hierbei auch erheblichen Risiken durch schmerzhafte Verletzungen ausgesetzt sind, lässt die Frage danach aufkommen, welche bestimmten motivationalen Aspekte dafür sprechen, überhaupt skaten zu wollen, resp. überhaupt weiter zu skaten. Das Wollen soll als ein immer wieder kehrendes und dabei mal mehr und mal weniger stark ausgeprägtes Element beim Skaten verstanden werden. Sessions sind durch einzigartige subjektiv empfundene Dynamiken hinsichtlich der eigenen Einstellung geprägt, was erheblichen Einfluss auf das fahrerische Können haben kann. Von welchen motivationalen Dynamiken hier die Rede ist, soll im folgenden Abschnitt dargestellt werden. „Der fährt sogar mit Schiene am Knöchel“ – über die Risikobereitschaft Schmerzen durch misslungene skatespezifische Bewegungen empfinden, ist eine eben schmerzhafte Erfahrung, die ich während meiner Feldteilnahmen machen musste. Auch wenn es dabei stets darum ging, Schmerzen tunlichst zu vermeiden, so lenkt die Aussicht auf ein potentielles Erleiden von Schmerzen darauf hin, die skatespezifische Bewegung erfolgreich auszuführen. Phänomenologisch betrachtet 43 lässt sich Schmerz kaum definieren, wobei sich sagen lässt, dass man ihn „nicht sehen, nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken und auch nicht ertasten“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 95) kann. Für die phänomenologische Beobachtung des Schmerzes ist hierbei besonders wichtig, dass dieser nur subjektiv empfunden werden kann (vgl. ebd.: S. 95). Was bedeutet nun dieses subjektive Empfinden von Schmerz für die Aneignungsprozesse beim Skaten? Inwiefern lassen sich diese Schmerzen voneinander differenzieren? Kann das Wollen die Signale des Schmerzes unterbinden? Welche Bewältigungsstrategien schließt die Risikobereitschaft beim Skaten mit ein? Skaten zu wollen kann bereits an der Stelle enden, an der durch einen Sturz verursachten Verletzung heftiger Schmerz erlitten wird. Dieser eher nachvollziehbare Grund, das Skaten sein zu lassen, trifft jedoch auch auf einen anderen Typus, der womöglich auf die meisten ‚Langzeit’ Skater zutrifft: Trotz dem ständigen Risiko ausgesetzt zu sein, schmerzhafte Verletzungen zu erleiden, begeben sich unzählige Skater in die unterschiedlichsten Gefahrensituationen29. Die folgende Situation eines Feldaufenthaltes soll dieses zunächst als paradox erscheinende Phänomen darstellen. 29 Lustenberger et al. fassen zusammen, dass aufgrund der zunehmenden Popularität des Skatens auch die Anzahl der Verletzungen – zum Einen eher harmlose Verletzungen wie Prellungen, Schürfwunden oder Verstauchungen und zum Anderen schwerwiegende Verletzungen wie Hirntraumata und lang anhaltende Knochenbrüche – drastisch zunehmen (vgl. Lustenberger et al. 2010: S. 924). 44 Wenn der Wille den Schmerz besiegt Im heutigen Feldaufenthalt wird mir die Bedeutung der Risikobereitschaft und auch des tatsächlichen Erleidens von Schmerzen beim Skaten bei anderen Skatern ersichtlich. Im örtlichen Skatepark angekommen treffe ich gegen Abend eine Gruppe von vier Skatern, die alle ungefähr im Alter zwischen 26-29 sind. Da mir die Gruppe recht schnell durch ihre fröhliche Art sympathisch vorkommt, begrüße ich diese, stelle mich vor und beginne, mit ihnen zusammen zu skaten. Nach einiger Zeit erfahre ich, dass drei der Skater erst seit Kurzem, d.h. zwischen einem und zwölf Monaten, angefangen haben zu skaten und lediglich einer der vier sich als „alten Hase“ (skatet seit über zehn Jahren) bezeichnet. Die Dauer, die diese Skater mit Skaten verbracht haben, lässt sich gewissermaßen auch an ihrem Können ‚ablesen’: Einer der vier Skater, der erst seit einem Monat fährt, versucht immer wieder Ollies im Stand und während der Fahrt, was ihm teilweise auch gelingt. Zudem bin ich erstaunt darüber, mit welch enormer Geschwindigkeit er diese Versuche angeht und dabei des Öfteren einen mehr oder weniger schmerzhaften Sturz erleidet. Nach einiger Zeit beschließen wir alle, in der Beton Mini Ramp zu fahren. Der typische Eintritt in eine derartige Rampe, der so genannte „Drop In“ (Abb. 13; Videodatei „Drop In“) geschieht durch ein ‚Hereindrücken’ am obersten Punkt der Rampe. Mit dem hinteren Teil des Boards (Tail) stellen sich die Skater auf die an der Rampe entlanglaufenden Stange (so genannte „Coping“) und drücken sich in die Rampe hinein, um dann wieder auf der anderen Seite der Mini Ramp wieder hochzufahren. Abb. 13: Der Drop In 45 Das nun für den heutigen Tag mich erstaunende Ereignis betrifft den zuvor erwähnten Anfänger-Skater. Nicht nur steht er zum ersten Mal in seinem Leben auf einer ca. zwei Meter hohen Mini Ramp, sondern er startet ohne viel zu überlegen seinen ersten Drop In. Dass hierfür enorm viel Mut nötig sei, erwähnen seine Kollegen mit lautstarken Jubelrufen und kennen dergestalt seine Risikobereitschaft an. Ich erinnere mich an meinen ersten schmerzhaften Drop In Versuch in meiner Jugend, bei dem ich auf einer viel niedrigeren Rampe stand, mich kaum überwinden konnte und dann tatsächlich auch schmerzhaft auf den Hinterkopf gefallen bin. Mit diesen Erinnerungen die heutige Situation vergleichend kann ich nur staunen, denn tatsächlich versucht der Skater immer wieder den Drop In auszuführen, schafft dies jedoch bei keinem Versuch. Stattdessen stürzt er jedes Mal entweder brutal auf den Rücken oder vorn hinüber und muss sich mit den Handgelenken am Boden der Mini Ramp abfangen – was nicht minder schmerzhaft ausgehen kann. Da ich am heutigen Tag keine Möglichkeiten der Videoaufnahme habe, muss ich des besseren Verständnisses halber auf einen anderen Feldaufenthalt zurückgreifen, bei dem ein anderer Skater einen vergleichbaren Sturz an derselben Mini Ramp erleidet (Abb. 14). Jedoch, dies sei zu erwähnen, hat dieser Skater zuvor einen Trick am oberen Bereich der Rampe ausgeführt, um dann in den Drop In einzuleiten. Die Sequenz beginnt ab dem Zeitpunkt des Sturzes. Abb. 14: Sturz in die Mini Ramp 46 Die Härte derartiger Stürze lässt sich zum Einen an der Fallhöhe abschätzen, die bei circa 1,80 Meter liegt, und zum Anderen daran ermessen, dass sich der Skater in Bild 2 tatsächlich mit seinem gesamten Körper in der Luft befindet. Trotz der Abfederung mit dem rechten Bein, um somit schlimmere Verletzungen zu verhindern, stürzt der Skater mit hoher Geschwindigkeit auf den linken Arm und Oberkörper. Ähnlich und wenn nicht sogar folgenschwerer stürzt der Skater während der heutigen Session immer und immer wieder. Nachdem dieser nach seinem schätzungsweise achten Sturz am oberen Bereich der Rampe schwer atmend neben mir steht, frage ich diesen anerkennend, wie lange er noch weitermachen wolle, da er ja zudem auch keine Schoner anhabe und seine Stürze schmerzhaft aussehen. Hierauf antwortet er mir: „Bis ichs schaff. Ist mir scheiß egal. Muss halt auch ma weh tun“. Was in diesem Beispiel charakteristisch – wenn auch in der starken Drastik so eher selten vorkommend – für das Weitermachen-Wollen beim Skaten ist, ist die potentielle Aussicht auf die Aneignung neuer spezifischer Bewegungen, resp. neuer Tricks, die nach dem Erleiden von Schmerzen und Verletzungen eintreten kann. Die Bewältigungsstrategien im Umgang mit Schmerzen beziehen sich in diesem Beispiel zusätzlich auf die Aussicht, neue Tricks zu erlernen. Folglich wird auf einen in der Zukunft erhofften Zustand, nämlich das Beherrschen einer skatespezifischen Bewegung hingearbeitet, den zu erreichen zwar ungewiss jedoch derartig attraktiv sein kann, dass Schmerzen gar zeitweise aus dem subjektiven Empfinden entschwinden können. Die Auswirkungen erlebter und immer wiederkehrender Stürze und dezidiert Schmerzen können jedoch auch als eine Art warnende Erinnerung unangenehmer und zu vermeidenden Situationen dienen. Hierbei spielt demnach das vergangene Erlebnis eine erhebliche Rolle für das gegenwärtige Ausführen spezifischer Tricks. Bezogen auf meinen Heelflip Lernprozess, erlebe ich diese Warnsignale immer wieder am eigenen Körper. Durch die spezifischen Bewegungsabläufe dieses Tricks bin ich regelmäßigen Verletzungen an Fußknöcheln und Schienbein ausgesetzt: 47 Abb. 15: Verletzung durch Board Kante Wenn die Rotation des Skateboards noch nicht ganz abgeschlossen ist, ich jedoch bereits zum Fangen des Skateboards ansetze und mit dem Knöchel oder dem Schienbein fälschlicherweise gegen die Kante des Boards stoße, entstehen ebenjene Verletzungen, die teilweise auch zum sofortigen Abbruch des Skatens führen können30. In diesen Momenten zwingt die Schmerzerfahrung sozusagen dazu, sich dem gegenwärtigen Moment zuzuwenden und die Handlung, die zunächst angestrebt war, abzubrechen: „Schmerz ist ein Extremfall des Erlebens des Hier/Jetzt des eigenen Leibes. Bei der Erfahrung intensiven Schmerzes kann die äußere Wahrnehmung zusammenbrechen. Die Schmerzgeplagte verliert den Sinn dafür, wo links, rechts oder oben und 30 Die wohl am längsten andauernde, verletzungsbedingte Pause während meiner Feldarbeit betrug sechs Tage. Diese Pause war durch einen rauschartigen Feldaufenthalt, ähnlich dem zuvor dargestellten Beispiel, zurückzuführen: Immer wieder habe ich den mir nicht gelingen wollenden Bewegungsablauf des Heelflips ausgeführt und bin mit dem Deck immer wieder gegen die gleiche Stelle meines äußeren rechten Fußknöchels gestoßen. Diese Schmerzen ignorierend wollte ich mich selber davon überzeugen, dass ich in der Lage bin, diesen Trick auszuführen – dies jedoch ohne Erfolg. Am folgenden Tag dann war jedes Auftreten mit dem verletzten Fuß schmerzhaft und die Versuche zu skaten, musste ich schmerzbedingt abbrechen. 48 unten ist. Es gibt nur noch die Erfahrung, jetzt an diesen Ort gebunden zu sein, weg zu wollen, gleichsam aus sich heraus zu wollen, genau dies aber nicht zu können.“ (Lindemann 2017: S. 61) Eng verknüpft mit der ständigen Aussicht auf potentielle Schmerzerlebnisse sind die Momente des Frusts, die nicht ausschließlich auf Verletzungen und Schmerzen zurückzuführen sind, sondern schlicht auch durch schmerzfreie Misserfolge beim Skaten hervorgerufen werden können. „Manchmal klappt einfach nichts mehr“ – zum Umgang mit Frust Entschuldigende Aussagen wie „Keine Ahnung was heute los ist, klappt einfach nichts“ begegnen mir meistens dann, wenn ich zusammen mit anderen Skatern an einer bestimmten Stelle skate und ein spezifischer Trick, den eine andere Person oder ich übe, nicht gelingt. Das wichtige hierbei ist, dass nach mehrmaligen Versuchen der gewünschte Trick immer und immer wieder misslingt. Stellenweise unterscheiden sich die subjektiv empfundenen Tage, an denen ich skate, derartig drastisch voneinander, dass ich an einem Tag das Gefühl habe, mehr oder weniger gut und kontrolliert skaten zu können, und gleich am darauffolgenden Tag, nicht einmal mehr die grundlegenden Tricks wie Ollies oder Heelflips gelingen. Dass in solchen Momenten Frustgefühle entstehen können, scheint auf der Hand zu liegen. Die Frage nach den Motivationsgründen, trotz dieser intensiven Emotionen weiter skaten zu wollen, ähnlich wie bei dem Erleiden von Schmerz, stellt sich exemplarisch im Beispiel der folgenden Feldnotizen: 49 Wenn der Wille den Frust besiegt Der heutige Tag erscheint mir wie ein Schlag ins Gesicht. Ein Schlag ins Gesicht der sich auf die etlichen Stunden und Mühen, die ich während der letzten Wochen auf dem Skateboard verbracht habe, bezieht. Bis zum heutigen Tag war ich tatsächlich der Meinung, dass ich den Heelflip nun mehr oder weniger während der Fahrt problemlos ausführen kann. Doch die erste Stunde, die ich heute mühevoll in einem örtlichen Skatepark verbringe, erlebe ich voll wütender und frustgeladener Emotionen, die eigentlich nur gegen mich selber und stellenweise sogar gegen das Material, also das Skateboard, gerichtet sind. Wie für mich üblich fahre ich erst einmal durch den Park und nehme mir vor, an den unterschiedlichen Geräten des Parks (Rails, Curbs, Quarter Pipes) Ollies und Heelflips zu landen. Jedoch scheitere ich mit all meinen Versuchen und Anläufen, was mich zunächst lediglich verwundert und ich einfach weitermache. Dass ich tatsächlich nicht einmal mehr eine Rampe hoch- und wieder hinunterfahren kann, bringt mich schon ein stückweit mehr aus der Fassung. Verzweifelt versuche ich dies immer wieder und werde zunehmend wütender und beleidige mich innerlich als den „blutigsten Anfänger“. So fahre ich noch eine Weile weiter, bis ich mich auch noch schmerzhaft durch einen heftigen Stoß der Boardkante gegen meinen Fußknöchel verletze und aufschreiend in die Knie gehe. Wutentbrannt hierüber, denn ich kann es tatsächlich nicht fassen, dass mein bisheriger Lernprozess völlig umsonst zu seinen schien und ich noch dazu mit einer schmerzhaften Verletzung ‚bestraft’ werde, beiße ich die Zähne zusammen und trete das Skateboard mit voller Kraft einige Meter weit weg und schreie: „Boa scheiße! Was ist denn los mit mir?!“ Tatsächlich fühle ich mich nach diesem Wutausbruch ein wenig erleichtert und gönne mir nach diesem ca. einstündigen ‚Rausch’ eine Pause und trinke einen Schluck Wasser, welcher zusätzlich zu dieser Erleichterung beiträgt. Währenddessen fällt mir auf, dass diese mir im Nachhinein eher peinliche Situation glücklicherweise von niemandem beobachtet wurde; ich bin tatsächlich der einzig Anwesende im Park. Es folgen einige Momente des Tagträumens, in denen ich mir vorstelle, dass ich meine bisherigen Erfahrungen auf dem Skateboard doch noch irgendwo in meinem Körper abgespeichert haben muss. Warum ich jedoch nicht auf mein Körperwissen zurückgreifen kann, bleibt mir ein Rätsel. Dann schließlich nehme ich mir vor, es noch einmal zu versuchen, trinke noch einen großen Schluck Wasser, ziehe mein T-Shirt aus (die sommerlichen Temperaturen tun ihr übriges) und fahre los. Erstaunlicherweise lande ich nun die mir üblichen Tricks wie Ollies, Heelflips, FS 180°s und befahre auch wieder die vorfindlichen Rampen ohne zu stürzen. Ich merke dabei, dass ich viel entspannter skate und mich nicht wie zuvor krampfhaft in ein Unbedingt-Schaffen-Wollen verbeiße. Dieses Verbeißen drückt sich einerseits körperlich, d.h. durch krampfhaft angespannte Muskeln, und andererseits 50 mental, d.h. durch die jetzige Lage, die durch ständige Misserfolge geprägt ist, aus. Froh darüber, wieder an meinen bisherigen Lernprozess anschließen zu können31, fahre ich noch ca. zwei Stunden weiter und beende relativ zufrieden die heutige Session. Die in diesem Beispiel abzulesende Abfolge eines erlebten Frustmoments, anschließendem Wutausbruch, Entspannung und abschließendem Erfolg begründet sich auf die mir selbst zugeschriebenen Erwartungen, die ich an mein bisheriges Können stelle. Das Wollen und das Können stehen offensichtlich im Wiederspruch zueinander: Das Wollen steigt in der Intensität parallel zum immer schwächer werdenden Können derartig an, sodass ebenjene Gefühle von Frust und Wut entstehen. Anders formuliert verzweifle ich an meinem geplanten Handlungsentwurf, den ich mir bereits als vollzogen vor Augen führe (vgl. Schütz 2010: S. 350), wobei ich diesen immer wieder neu auszuführen versuche und dann schließlich von starken Emotionen überwältigt, diesen Entwurf kurzzeitig verwerfen muss. Ähnliche Momente entdecken Seifert/Hedderson in ihrer ethnographisch angelegten Studie zur intrinsischen Motivation im Skateboarding: „There were occasions when skateboarders would curse, or kick and throw their skateboard in frustration at a lack of progress“ (2010: S. 284). Die anschließende Reflektion über das Scheitern dieses Handlungsentwurfs, gepaart mit einer wohl nötigen körperlichen Entspannung, ermöglicht dann eine ungefähre Umsetzung dieses Plans, so wie ich ihn bisher normalerweise umgesetzt habe. Die Rolle der anderen Skater spielt auch bei diesem Frust- Phänomen eine für mich relevante Rolle. Denn, so erfahre ich im Laufe meiner Feldarbeit, gehe es auch anderen Skatern wie mir, die z.T. ähnliche aber auch andere Bewältigungsstrategien im Umgang mit Frustmomenten ‚anwenden’. Ein mir bekannter Skater, den ich als äu- ßerst begabt und als weit fortgeschritten einschätze, unterwies mich auf meine Frage, wie ich mit ständigen Frusterlebnissen umgehen könne, wie folgt: „Darfst nie so stressig fahren und immer das gleiche versuchen. Das Wichtigste ist, gechillt zu bleiben, mal ne Pause machen, am Joint ziehen mal drüber nachdenken. Auch einfach mal an- 31 Zu diesem Zeitpunkt ist mir nicht bewusst, dass derartige Frusterlebnisse auch Teil des Lernprozesses sein können. 51 dere Tricks machen; geht alles. Aber immer schön locker bleiben.“ Da ich selber aus gesundheitlichen Gründen nicht in den Genuss einer Haschisch-Zigarette kam, dies aber erstaunlich viele Skater taten32, kann ich diesen speziellen Bewusstseinszustand während des Skatens nicht einschätzen. Dass dieser Zustand mitunter zu der erwähnten „gechillten“ Haltung beiträgt, scheint nahezuliegen. Inwiefern diese lockere Haltung als eine Art Bewältigungsstrategie gegen mögliche Frustmomente bezeichnet werden kann, ist nur schwer festzulegen, da eine derartige Haltung den betreffenden Skatern auch inhärent sein kann. Der Verweis darauf, Pausen einzulegen und während dieser Pausen über die eigene Handlung zu reflektieren, kann wiederum als praktisch umsetzbare Bewältigungsstrategie bezeichnet werden33. Au- ßerdem scheint es hilfreich zu sein, den eigenen Handlungsentwurf, der, wenn er zu scheitern droht, neu zu gestalten, d.h. andere skatespezifische Bewegungen auszuführen. Seifert/Hedderson betonen diese Strategie der Reflexion des eigenen Skatens: „Rather, the frustrated skateboarder would often take a moment to think of some way of improving, or try again later” (2010: S. 288). Eingliedern in diese Handlungsstrategien lassen sich die als eher positiv zu bezeichnenden Einstellungen, die für das Skaten-Wollen konstitutiv sind. Diese sollen im Folgenden dargestellt werden. „Du musst dich bei deinem Trick immer geil fühlen“ – positive Emotionen als Begleiter des Wollens Im Gegensatz zu den zuvor dargelegten frustvermeidenden Bewältigungsstrategien, verstehe ich die positiven Emotionen, die beim Skaten auftreten können und dabei Einfluss auf das fahrerische Können haben, als bejahende, dem Wollen zugrunde liegenden Einstellungsmerkmale. Die hier für das Gelingen beim Skaten relevanten Emotionen wie Freude, Erleichterung oder Stolz vernahm ich stets als anzustrebende Gefühlszustände, die zu erlangen wohl einen der Hauptgründe darstellen, überhaupt skaten zu wollen. Als Konsequenz der 32 Tatsächlich gab es während meiner insgesamt vierzig Tage zählenden Feldbesuche mindestens eine Person, die dem Geruch zufolge Cannabis konsumierte. Auch wurde ich etliche Male von anderen Skatern freundlicherweise auf einen Zug am Joint eingeladen, was ich jedoch stets dankend ablehnen musste. 33 Das (gemeinsame) „Abhängen“ könnte Teil der Erlangung oder Beibehaltung der lockeren Haltung sein. 52 aufgebrachten körperlichen und mentalen Mühen folgten Empfindungen von Erfolg, Stolz und Befriedigung (vgl. Seifert/Hedderson 2010: S. 288). Freude empfand ich immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, ‚gut’ zu skaten, d.h. das Gefühl zu haben, alles gelinge ohne große Mühe. Vergleichen lässt sich dieses Gefühl mit einem gewissen „Flow“ Erlebnis (Csikszentmihalyi 1991). Eher in Mischform treten Gefühle der Erleichterung und des Stolzes auf, wenn ich einen mir vorgenommenen und dabei als schwierig eingestuften Handlungsentwurf tatsächlich erfolgreich umsetzte. Beispielsweise versuchte ich gegen Ende meiner Feldaufenthalte stundenlang einen Double Heelflip (also einen zweifach rotierten Heelflip) auszuführen. Als ich diesen dann zu meiner Überraschung landete, empfand ich ebenjene positiv beladene Mischung an Emotionen. Die Intensität dieser positiven Gefühle ließ sich dabei auch auf die Tatsache zurückführen, dass der durchgeführte Trick eine mir neue Variation eines skatespezifischen Bewegungsablaufs darstellte. Das Wissen um den für meine Verhältnisse hohen Schwierigkeitsgrad dieses Tricks verstärkte demnach die Freude und Erleichterung, diesen tatsächlich gelandet zu haben. Als eine Art Hinweis darauf, das Können zu verbessern, sprach mich ein Skater, mit dem ich eine Runde S.K.A.T.E.34 spielte, darauf an, wie ich meinen Fakie Heelflip besser stehen könne. Neben den körperbezogenen Aspekten, die ich bei diesem Trick beachten solle, komme es vor allem auf meine innere Einstellung an: „Das Wichtigste ist einfach, das darfst du nie vergessen, ist dich einfach nur geil zu fühlen bei deinem Fakie Heelflip. Alles andere kommt einfach von selbst. 34 Das Spiel erfordert mindestens zwei Mitspieler und kann prinzipiell an jedem Ort durchgeführt werden, vorausgesetzt das auf dem jeweiligen Terrain geskatet werden kann. Die Regeln lauten dabei wie folgt: „Der Spieleinstieg werde per „Schnick, Schnack, Schnuck“ entschieden. Wer als Erster an der Reihe ist, darf den ersten „Trick“ vorlegen. Ist dieser geschafft, das heißt „sauber gestanden“, müssen die anderen Mitspieler denselben „Trick“ auf die gleiche Weise „nachlegen“. Je misslungenem „Trick“ kassiere man einen Buchstaben des Wortes „SKATE“. Der Verlierer des Spiels sei demnach derjenige, der das Wort durch seine Misserfolge zuerst vervollständigt habe [...] die „Tricks“ [gelten] nur dann als „sauber gestanden“, wenn sie „ohne Fußschleifen oder Abstützen mit den Händen“ auf „Board“ oder Boden erfolgen. Zudem gelte es, „mit allen vier Rollen gleichzeitig“ aufzukommen und „sauber“ weiterzufahren“ (Bock 2017: S. 114). Zusätzlich erfordert das Spiel ein, dem jeweiligen Trick- Niveau, entsprechendes Wissen um die ausgeführten Tricks korrekt zuzuordnen. Da ich zu Anfang meiner Feldaufenthalte noch nicht ausreichend über dieses Wissen verfügte, musste ich während mancher S.K.A.T.E. Spiele um die genaue Bezeichnung des jeweiligen Tricks nachfragen und so meine Unkenntnis offenlegen. 53 Einfach geil fühlen dabei.“ Das Wollen setzt sich bei diesem Hinweis nicht nur aus dem Wunsch zusammen, jenen Handlungsentwurf erfolgreich auszuführen, sondern auch aus dem Zustand subjektiven Wohlbefindens. Während der Ausführung der Bewegung bedingt dieses positive Gefühl – das Sich-Geil-Fühlen – eben auch den Erfolg dieser Ausführung. Dass „alles andere von selbst kommt“, betont demnach die hohe Relevanz der inneren positiven Einstellung gegen- über dem Skaten. Die positiv empfundenen emotionalen Zustände, die bisher aufgeführt wurden, verstehe ich als konstitutive Aspekte, die eingebunden sind in einen zirkulären Aneignungsprozess aus Lernen- Wollen, Scheitern, Erfolg haben, mehr Wollen, Scheitern, Erfolg haben usw. Abb. 16: Positive Emotionen im Aneignungsprozess 54 5.2.4 „Ich hol mal eben meine Schuhe, hier kann ich gar nicht fahren“ – hinreichende materielle Bedingungen Dass es sich beim Skateboarding um eine Sportart handelt, die die Nutzung spezifischer Gegenstände miteinschließt, scheint offensichtlich zu sein. Für den Aneignungsprozess des Heelflips sollen aus dem breiten Katalog an skatespezifischen Utensilien (z.B. Werkzeuge oder Hilfsmittel wie Wachs) das Skateboard und der Skateschuh im analytischen Fokus stehen. Materielle Aneignung – das Skateboard Neben den Abnutzungsspuren am Skateschuh kann auch die potentielle „Abnutzung des Decks an Nose und Tail [...] von Skatern als Anzeichen für dessen instrumentellen Gebrauch verstanden werden“ (Eisewicht et al. 2018: S. 189). Ein besonders passendes Beispiel hierfür zeigt sich in einem meiner Feldaufenthalte, bei dem mir ein Skater, den ich an diesem Tag kennenlernte, nicht ohne Stolz, die Unterseite seines Skateboards zeigte. Da sein Lieblingstrick der Tre Flip (Skateboard macht eine 360° Drehung bei gleichzeitiger Kickflip Rotation) sei, mache er diesen ständig, was man an der besonders stark abgenutzten Tail seines Boards ablesen könne. Da dieser spezielle Trick besonders viel Kraft beim Herunterdrücken der Tail voraussetzt, wird dieser Teil des Boards derartig ruckartig auf den Boden gedrückt und dann, wenn der Kontakt zum Boden besteht, in Bruchteilen einer Sekunde kräftig zur Seite über den Boden geschoben. Bei diesem Überden-Boden-Schieben wird nur die Außenseite der Tail beschädigt, sodass ebenjene speziellen Abnutzungsspuren entstehen können (Abb. 1735). 35 Da es sich bei dem abgebildeten Skateboard um mein eigenes handelt und ich selber den erwähnten Tre Flip nicht beherrsche, soll der betroffene Bereich der Abnutzung durch den weißen Pfeil angedeutet werden. 55 Abb. 17: Spezifische Bereiche der Abnutzung Spezifische Abnutzungsspuren am Skateboard spielen für den Aneignungsprozess des Heelflips kaum eine Rolle36. Vielmehr haben die langzeitlichen Auswirkungen der Materialnutzung Einfluss auf das Gelingen beim Skaten. Besonderer Fokus gilt hier den Skateboard Achsen und die sich hierin befindenden Lenkgummis (Abb. 18). Die Achsen sind ein unentbehrlicher Bestandteil des Skateboards: sie erheben das Deck vom Boden, dienen als Halterung für die Rollen und ermöglichen das Lenken. Letztere Eigenschaft ist eng verbunden mit der Funktion der Lenkgummis. Jede Achse besteht dabei aus zwei dieser Lenkgummis, welche auf einer großen Schraube (die so genannte „King Pin“) zwischen den zwei Teilen der Achsen eingereiht sind. Diese aus einem bestimmten Hartplastik hergestellten donut-förmigen Gummis können in unterschiedlichen Härtegraden erstanden werden37. Bei kontinuierlicher Nutzung des Skateboards, resp. der Achsen, werden diese Lenkgummis beim Lenken, Neigen und Landen besonders beansprucht. Einhergehend hiermit ist auch der eintretende Härteverlust der Lenkgummis, was wiederum Einfluss auf das Fahrverhalten des gesamten Skateboards hat. 36 Ansatzweise können die Abnutzungserscheinungen des Griptapes Einfluss auf die Heelflip Ausführungen haben, da durch die ständige Reibung zwischen Schuh und Griptape dieses in seiner Haftbarkeit nachlässt. 37 Durch Lösen oder Festziehen der an der großen Schraube sitzenden Mutter, kann die Achse weicher bzw. härter eingestellt werden. 56 Abb. 18: Lenkgummis zwischen Ober- und Unterteil der Achsen Dieses veränderte Fahrverhalten fällt zumeist beim Einfahren neuer Achsen auf38. Nach langfristigem Skaten mit gleichbleibender Ausrüstung wird diese vom eigenen spezifischen Fahrverhalten auf bestimmte Weise geformt. Die Gewöhnung an diese spezifische Formung ist ein wichtiger Aspekt für die skatespezifischen Bewegungen. Folglich ‚weiß’ ich, mit welchen spezifischen Eigenschaften von Achsen, Rollen, Kugellager, Deck und Griptape ich bei meinem Skateboard zu rechnen habe. Die Gewöhnung an diese spezifischen Eigenschaften wurde mir erst bewusst, als ich mit einem fremden Skateboard fuhr: Nicht nur das Lenken war aufgrund der unterschiedlichen Achsen und Lenkgummis zunächst ungewohnt, sondern auch die Ausführungen von Ollies und Heelflips. Diese gelangen mir zu Beginn kaum, da ich mich auch an das Gewicht des Skateboards gewöhnen und beim Hochziehen des Boards auch die andere Wölbung des Decks berücksichtigen musste. Da mein Deck eine stärkere konkave Formung hatte, fiel mir das Hinwegstoßen des nun eher flachen Decks viel schwerer. 38 Nachdem ich mir aufgrund einer kaputten Achse zwei neue Achsen gekauft habe, fuhr ich diese am gleichen Tag noch ein, was sich zunächst recht ungewöhnlich anfühlte. Ein mir bekannter Skater sprach mich darauf wie folgt an: „Neue Achsen ist immer mies, da hast du noch ne Woche Spaß mit“. Nicht ganz so dramatisch stellte sich dann die folgende Eingewöhnungszeit dar; nach ca. drei Tagen fühlte ich mich auf diesen Achsen dann wieder ganz ‚wie zu Hause’. 57 Inwiefern nun der Skateschuh in den Prozess der Aneignung involviert ist und welche Rolle dessen Abnutzungsspuren beim Heelflip spielen, soll nun erläutert werden. Materielle Spuren als Hinweise des Aneignungsprozesses beim Skateschuh Die schützende Funktion, die der Skateschuh für das Skaten hat sowie deren besonders gute Haftung zum Griptape, wurde bereits behandelt. Auch wenn die für das Skaten produzierten Schuhe eine hohe Haltbarkeit versprechen (vgl. Turner 2016: S. 183), so erleidet das Schuhmaterial bei längerer und intensiver Nutzung Schaden und Abnutzung. Inwiefern sich die Bedeutung dieser Abnutzungsspuren auch auf den Heelflip bezieht, soll nun dargestellt werden. Eisewicht et al. zeigen anhand des Beispiels des Skateschuhs auf, wie dessen Abnutzungsspuren „als Anzeichen für dessen instrumentellen Gebrauch verstanden werden“ (2018: S. 189) können. Das unter Skatern wohl bekannte und auch ‚gefürchtete’ Ollie-Loch (vgl. Nowodworski et al. 2018; Im Ersch.) verweist auf eine spezifische Art der Abnutzung. Die durch das ständige Ausführen eines Ollies entstehende Reibung zwischen Schuh, Obermaterial, Randgummi und dem Griptape führt gewöhnlich zur Beschädigung und Entstehung eines Lochs am Skateschuh (Abb. 19). 58 Abb. 19: Ollie Loch Betroffen ist dabei in der Regel der jeweilige Schuh des vorderen Standbeins; demnach das linke Bein bei Regular, und das rechte Bein bei Goofy Fahrern39. Nicht nur spielt die Intensität (Höhe, Schnelligkeit, Druck) bei der Ausführung eines Ollies bezüglich der Abnutzung eine Rolle, sondern auch – so musste ich erfahren – die Fußstellung. Da der Heelflip zu einem meiner favorisierten Tricks zählte, übte ich diesen größtenteils auf geraden Ebenen. Üblicherweise wird für den Heelflip eine spezielle Fußstellung eingenommen (Abb. 20), bei welcher die Zehen über die Kante des Boards platziert sind, um so bei der Ollie Ausführung die Rotation des Skateboards mit der Ferse („Heel“) einzuleiten. 39 Jedoch traf ich auf etliche Skater, bei denen beide Schuhaußenseiten beschädigt waren, was darauf schließen lässt, dass diese Skater auch häufig Switch fuhren. Switch (to switch: wechseln, umschalten) fahren bedeutet, die eigene gewöhnliche Fußstellung zu wechseln und eben anders herum zu skaten. Da ich selbst Goofy fahre, würde meine Switch Haltung Regular sein (demnach das linke Bein vorne). Generell gilt das Switch Fahren als besonders schwierig und ist unter Skatern ein Hinweis darauf, auf einem fortgeschrittenen Niveau zu fahren. 59 Abb. 20: Heelflip Fußstellung Untypischerweise nehme ich für den Heelflip die normale Fußstellung ein. Dass diese Art einen Heelflip auszuführen eher selten ist, zeigt sich mir an den Fußstellungen anderer Skater. Thematisiert wurde diese für das Gelingen des Heelflips eher unpraktische Fußstellung an zwei Feldaufenthalten, die nun vorgestellt werden. 60 Auswirkungen auf Material durch skatespezifische Bewegungen Nachdem ich im Skatepark ankomme, entdecke ich außer einem Skater, der an einem Curb unterschiedliche Grinds auszuführen versucht, niemanden sonst. Nachdem ich mich ihm vorstelle, skaten wir zunächst separat, d.h. jeder für sich, durch den Park. Als ich ihn dann anerkennend auf seine Grinds anspreche, skaten wir zunächst zusammen. Schließlich jedoch, und dies geschieht ohne Worte, fahren wir abwechselnd auf einem kurzen, ungefähr 4 Meter langen Abschnitt zwischen einer Quarter Pipe und einem Curb innerhalb des Parks hin und her und versuchen dabei, unterschiedliche Tricks auszuführen (er einen Kickflip, ich einen Heelflip). Wir tun dies nach einer wortlosen, uns beiden irgendwie geltenden Regel befolgenden Selbstverständlichkeit: Einerseits warten wir bis zur vollständig ausgeführten Bewegung des anderen40 und fahren dann selbst los, um einen eigenen Versuch zu starten; andererseits warten wir nicht nur ab, sondern zollen dem Anderen auch zuschauend und – dies noch im Grad der Anerkennung steigernd – kommentierend Respekt. Dadurch, dass ich weiß, dass mir ein anderer Skater zuschaut, fühle ich mich gewissermaßen gezwungen, mich im Blicke der anderen, womöglich prüfenden Augen, besonders anzustrengen, was heißen soll, den Heelflip möglichst sauber zu landen41. Dieses Fahren unter Beobachtung hat für mich die positive Wirkung, dass ich tatsächlich eher in der Lage bin, den Heelflip auch erfolgreich (wenn auch nicht immer sauber) auszuführen. Hinzu kommt das Phänomen des Sich-Gegenseitig-Kommentierens. Diese Kommentare können unterschiedlicher Art sein42. Zunächst gibt es die bekräftigenden, eine erfolgreich ausgeführte Bewegung bejubelnden Ausrufe, wie „Jeah, gestanden!“, „Boa!“, „Jeah“ oder „Nice!“. Beim erfolglosen Versuch eines Tricks können diese Ausrufe ähnlich sein und zusätzlich, Anteilnahme bestätigend, motivierende Bedeutung tragen: „Wow, den haste gleich“, „Oh fuck“ oder „Oh!“. Neben diesen Ausrufen kommt es zudem auch zu näheren Auseinandersetzungen über die skatespezifischen Bewegungen. Interessanterweise wird über die Bewegungsabläufe nur dann gesprochen, und somit das Nacheinander-Fahren kurzzeitig unterbrochen, wenn ein Trick misslingt. Nachdem ich ungefähr zehn misslungene Heelflip Versuche hinter mir habe, entsteht allmählich ein Frustgefühl, welches mich leicht an der eigenen Befä- 40 Dies kann neben der erfolgreichen Ausführung eines Tricks auch das Misslingen desselben beinhalten. 41 Zum sauberen Skaten ausführlich in 5.2.6. 42 Auf non-verbaler Ebene drücken sich diese Zusprüche im Beifall Geben durch Händeklatschen, dem Skateboard durch Herunterdrücken des Tails auf den Boden ticken lassen oder bei besonders spektakulären Ausführungen dem wuchtigen Schlagen des Skateboards, resp. der Achsen, auf eine in der Nähe befindlichen Kannte durch Zuhilfenahme beider Arme. 61 higung, diesen Trick auszuführen, zweifeln lässt. An genau dieser Stelle der leichten Verzweiflung spricht mich der andere Skater auf meine spezifische Fußstellung an: „Irgendwie machst du den Heelflip voll komisch. Wie du stehst machst du dir doch extra Schwierigkeiten. Ich mach den immer so“. Zunächst verweist der Skater auf meine ungewöhnliche Art, einen Heelflip auszuführen und meint, dass hierdurch zusätzliche Anstrengungen erforderlich sind. Folglich gibt es einen weniger schwierigen Handlungsablauf, der möglicherweise zu einem besseren Ergebnis führt. Verwiesen wird also auf meine für Heelflips ungewöhnliche Fußstellung. Der Verweis „Ich mach den immer so“ bezieht sich auf eine spezifische Fußstellung (Abb. 20). Wie bei der Ollie Fußstellung wird der hintere Fuß nicht verändert, der vordere Fuß wird jedoch mit den Zehen die Deck-Kante überragend so in der vorderen Mitte des Decks positioniert, dass beim Absprung eine Reibung zwischen hinterem Außenbereich des Schuhs und Griptape entsteht (Videodatei „Spezifische Reibung durch Heelflip“). Abb. 21: Spezifische Reibung zwischen Griptape und Schuh beim Heelflip Folglich entstehen andere Abnutzungsspuren am Schuh, als dies bei meinen eher untypischen Heelflip Ausführungen der Fall ist. Da ich mir zu Beginn der Feldforschung neue Schuhe gekauft habe, diese bis heute ausschließlich zum Skaten verwende und ich regelmäßig die eben erwähnten Heelflip Bewegungen ausführe, kann ich die Beschädigungen am Schuhmaterial beobachten und ausschließlich auf die skatespezifischen Bewegungen zurückführen. Erstaunlich hierbei ist die Tatsache, dass das Ollie- Loch – und in diesem Fall wäre besser die Rede von einem Heelflip- Loch – bereits nach einem Monat entstanden ist. Um auf die Handlungsempfehlung des Skaters zurückzukommen, sei darauf hingewiesen, dass dieser seine spezifische Bewegung bevorzugt und mir versichert, dass „es so“ eben besser funktioniere. 62 Die in diesem Beispiel erwähnte besondere Art der Abnutzung bezieht sich einerseits auf den vorderen Außenbereich des Schuhs, wie dies ausführlich beim Ollie Loch beschrieben wurde, und andererseits auf die hintere Außenseite des Fersenbereichs. Da sich meine Fußstellung von der üblichen Heelflip Stellung zwar unterscheidet, jedoch beim entscheidenden Moment der Rotationseinleitung – also beim mit der Ferse nach vorn hinweg tretenden Bewegung – eben dieser hintere Fersenbereich des Schuhs beansprucht wird, sind auch bei meinen Schuhen die typischen Abnutzungsspuren zu erkennen (Abb. 22). Abb. 22: Abnutzungsspuren durch Heelflip Um auf die Rolle der Materialität des Skateschuhs weiter einzugehen, wird nun auf einen zweiten Feldaufenthalt verwiesen. Anlehnend an der Tatsache, dass Skater ihre Schuhe stellenweise mit Stolz tragen, präsentieren „und auch lange über ihren Gebrauch hinaus archivier[en]“ (Eisewicht et al. 2018: S. 190), zeigt sich an folgender Begegnung innerhalb eines Skateparks. 63 Über die Rolle des Skateschuhs Der Park liegt neben einem Sportplatz und wirkt durch die Aufteilung in zwei Ebenen ungewöhnlich, aber weckt in mir das Interesse, dort alles auszuprobieren. Ich entdecke drei ungefähr sechzehnjährige Skater, die auf der oberen Ebene des Parks hin und herfahren. Neben dieser Gruppe befindet sich noch eine weitere Gruppe Jugendlicher. Hierbei handelt es sich um drei Jungs und ein Mädchen; alle schätze ich auf 16-17 Jahre ein. Diese Gruppe sitzt lachend, Cannabis konsumierend und laut mit Hilfe einer Sound Box Musik hörend auf einer Bank. Als einer der Skater von der oberen Ebene herunterfährt und mir entgegenkommt, spreche ich ihn an und frage ihn, wie lange er schon skatet und ob er öfters in dem Park sei. Er ist sehr freundlich und sagt, dass er erst seit zwei Wochen fährt, aber, da bald Osterferien seien, er jeden Tag in den Park kommen wird. Nach ungefähr zehn Minuten spricht mich der zweite Skater der Gruppe an und lädt mich ein, mit ihm und seinem Kollegen S.K.A.T.E. zu spielen. Wir beginnen also zu dritt dieses Spiel in einer vorher ausgelosten Reihenfolge. Nachdem ein paar Runden gespielt sind, mache ich, als ich an der Reihe bin, einen Heelflip vor und lande diesen auch erfolgreich. Unmittelbar hierauf ruft der Skater, der diesen Trick nachmachen muss, um keinen weiteren Buchstaben einzuheimsen, lautstark aus: „Och nee nä! Auf den hab ich gar kein Bock! Da geht mein Schuh noch mehr in Arsch!“ Als ich ihn daraufhin auf seinen Schuh anspreche, zeigt er mir diesen und ich erblicke sofort die typischen Abnutzungsspuren, die ich auch an meinen Schuhen beobachten kann43: Die an der Außenseite des Obermaterials nicht zu übersehenden Löcher legen die Sicht auf die darunterliegende Socke frei, woraufhin dieser Skater bemerkt: „Ja, dann kann ich wieder nen paar Socken wegschmeißen!“ Mitfühlend bestätige ich ihm, dass ich unter dem gleichen Problem leide. Der andere Skater, der auch sein Mitschüler ist, weist mich bzw. uns darauf hin, dass wir uns „Shoe Goo“ holen sollten – da hätten wir mehr von unseren Schuhen. Im Sinne des nachhaltigen Gebrauchs des Skateschuhs handelt es sich beim „Schoe Goo“ um einen Industriekleber, der auf die abgenutzten Stellen des Schuhs aufgetragen wird und nach ungefähr zwölf Stunden Härtezeit eine gummihafte Schutzfläche bildet. Zusätzlich betont der Skater: „Wenn du das draufschmierst, dann nimm auf jeden Fall nen Eiswürfel, mit dem du das dann verteilst, weil das Zeug ist echt eklig und geht kaum von den Fingern ab“. Diesen Hinweisen folgend kau- 43 Neben dem Ollie-Loch muss ich auch ständig neue Schnürsenkel in den rechten Schuh einfädeln, da auch diese aufgrund der ständigen Ollie-, und Heelflip Bewegungen abgerieben werden und schließlich reißen. Dieses Problem wird mir auch von anderen Skatern verbal bestätigt, wobei ich zusätzlich aufgrund von Beobachtungen kaputter und auch unterschiedlicher Schnürsenkel bei anderen Skatern eben auf dieses ‚Problem’ schließe. 64 fe ich mir diesen Schuhkleber am selben Nachmittag im lokalen Skateshop und mache meine ersten Versuche, meinen in Mitleidenschaft gezogenen rechten Schuh zu reparieren (Abb. 23). Abb. 23: Reparatur an Schuh-Außenseite Es werden nun im nächsten Abschnitt die Aspekte der Gemeinschaft hinsichtlich des Aneignungsprozesses dargelegt. 65 5.2.5 „Jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen“ – über die Rolle der Gemeinschaft Zunächst ist Skateboarding als eine Sportart zu betrachten, die per se alleine betrieben werden kann. Grundlegend handelt es sich nicht um eine Mannschaftssportart mit geregelten Trainingszeiten, Wettkämpfen oder Auftritten. Auch gibt es keinen fixen Trainingsort (vgl. Peters 2016: S. 249), da die Trainingseinheiten beim Skaten prinzipiell an jedem Ort durchgeführt werden können, vorausgesetzt das Terrain lässt dies auch zu44. Trotz diesen hochgradig unverbindlichen Eigenschaften beim Skaten wird die Sportart an bestimmten Orten und in Gruppen betrieben: „Skateboarding ist jedoch keine einsame Angelegenheit – man trifft sich an Spots und hat Spaß daran, gemeinsam (neue) Tricks auszuprobieren und zu erlernen. Man unterhält sich, hört Musik, fährt gemeinsam durch die Stadt usw.“ (Hitzler/Niederbacher 2010: S. 135). Nicht nur spielen hierbei Skateparks oder örtliche Gegebenheiten wie z.B. Treppen als Treffpunkte eine zentrale Rolle, sondern eben auch die Gemeinschaft und die Kommunikation innerhalb dieser (vgl. ebd.: S. 135). Paradoxerweise wird hierbei das eigentliche Skaten streng genommen alleine betrieben, wobei dies jedoch eingebettet ist in ein soziales „Gesellungsgebilde“ (Hitzler 2003: S. 21). Die vorliegende Darstellung behandelt die für den Aneignungsprozess bedeutsamen Aspekte, die für das Skaten innerhalb einer Gemeinschaft von Relevanz sind und die im Weiteren im Einzelnen behandelt werden sollen. 44 Ausgeklammert werden hier jene Skater im Amateur- und Profibereich, bei denen andere zeitliche und örtliche Bedingungen herrschen. Beispielsweise ‚müssen’ diese für den Dreh eines Skatevideos zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten anwesend sein. 66 Skaten und Skaten lassen – zwischen Anonymität und Vertrautheit Die Rolle der Gemeinschaft innerhalb des Skatens ist eng verknüpft und wenn nicht sogar abhängig davon, ob auch tatsächlich zusammen geskatet wird. Anders ausgedrückt entsteht Gemeinschaft erst durch das gemeinsame Interesse an einer gemeinsamen Aktivität. Dadurch, dass gewusst wird, dass an gewissen Orten – dies kann auch zufällig passieren – auf Skater zu treffen ist, kann davon ausgegangen werden, dass diese Skater ähnliche Handlungsentwürfe teilen45. Entscheidend ist hierbei die Aussicht auf potentiell zu erfahrene Teilzeiten mit anderen Menschen, die die gleichen Interessen an gemeinsamen Themen miteinander teilen (vgl. Eisewicht 2017: S. 22). Hiermit verbunden ist das potentielle Angebot eine „(teil-)zeitliche Vertrautheit“ (ebd.: S. 22) zu erleben. Dieses auf Teilaspekte beruhende, ähnliche Wissen kann zumindest temporär Gemeinschaft erzeugen. Dass diese Gemeinschaft dabei jedoch auch durch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Anonymität unter den Akteuren ausgeprägt ist, gibt dieser Sportart mitunter auch den zuvor genannten unverbindlichen Charakter. Da sich mein Können beim Skaten auch an der Rückmeldung und dem Austausch mit anderen Skatern ‚misst’, war ich während meiner Feldaufenthalte darauf fokussiert, neue Kontakte zu knüpfen. Als eine Art Bewältigungsstrategie im Umgang mit meiner solitären, sozialen 45 Selbstverständlich können diese hochgradig unterschiedlich ausfallen, im Kern beziehen diese sich jedoch auf skatespezifische Bewegungen. 67 Situation suchte ich immer wieder den Kontakt zu anderen Skatern durch Grußworte und unbefangenes Ansprechen46. In den meisten Fällen erwies sich diese ‚Strategie’ als sehr zielführend, da mir nicht nur wichtige Informationen zu den unterschiedlichsten skaterelevanten Bereichen zugänglich wurden, sondern eben auch ein angenehmer sozialer Raum entstand, in dem das Skaten zur verbindenden Aktivität wurde. Exemplarisch hierfür sollen die folgenden Feldnotizen diesen Moment der Eröffnung eines sozialen Raums darstellen. „Jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen“ An diesem Tag entdecke ich einen mir bisher unbekannten Skater. Dieser, so scheint mir, fährt auf einem sehr hohen Niveau, da er schnell und sicher durch den Park fährt, dabei Flips und Grinds ausführt, die ihm alle problemlos gelingen. Ein wenig unsicher begebe ich mich auf mein Skateboard und fange, an durch den Park zu fahren und hoffe, dass ich mich vor dem Skater nicht blamiere. Ich entschließe mich deshalb, den Skater anzusprechen. Also begrüße ich ihn und stelle mich vor47. Freundlich grüßt er zurück und stellt sich ebenfalls vor. Wir kommen sehr schnell ins Gespräch und er teilt mir mit, dass er 32 Jahre alt ist, seit 13 Jahren eine Pause eingelegt hat und nun wieder seit drei Jahren fährt. Sichtlich erfreut unterstreicht er sogleich, dass er „wieder so viel wie früher, wenn nicht sogar mehr drauf hat“. Ich teile ihm mit, dass es mir ähnlich ergangen ist und ich kürzlich wieder mit dem Skaten angefangen habe. Scheinbar, so denke ich mir, lässt sich auch nach jahrelanger Pause an das damalig erworbene Körperwissen anschließen. Zum Abschluss des Gesprächs frage ich ihn noch, ob sich in dem Skatepark manchmal auch andere Skater aufhalten. Er bejaht und begründet die geringe Anzahl der Skater mit dem kalten Wetter. Normalerweise seien aber auch andere Skater vor Ort, die im Durchschnitt jünger als er seien und „locker drauf“ sind: Er: „Du kennst das ja bei Skatern, zwischendurch Pause machen, mit denen rauchen und kiffen, kennt man ja ((lacht)).“ Ich: „Ist das denn so ne Community?“ Er: „Nä nicht wirklich, jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen. Ich 46 Innerhalb der Feldforschung wurde ich lediglich in zwei Situationen von anderen Skatern angesprochen. Dass ich also die Initiative ergreifen musste, um in Kontakt zu anderen Skatern zu kommen, wurde mir glücklicherweise recht früh bewusst. 47 Bezüglich seines äußeren Erscheinungsbildes fallen mir sofort seine abgenutzten Skateschuhe auf: An diesen entdecke ich Löcher an den Schuhaußenseiten, die auf die häufige Ausführung Ollie- bezogener Bewegungsabläufe hindeuten. 68 seh die ja auch nur einmal in der Woche, habe ja jetzt Frau und Kind. Würde ja sonst mehr fahren ((lacht)).“ Ich: „Kennt ihr euch dann untereinander auch?“ Er: „Ja eigentlich schon. Da gibts dann die drei, die sind untereinander oder die zwei oder so.“ Dass sich dieser Skater „nicht wirklich“ zu einer Gemeinschaft zugehörig fühlt, jedoch das gemeinsame Interesse, also das Skaten mit diesen Gleichgesinnten teilt, erweckt mein Interesse und ich frage mich, ob diese Unverbindlichkeit nach dem Motto ‚jeder kann kommen und gehen wann er will’ eine der Besonderheiten der Skate- Szene darstellt. Da es sich beim Skaten nicht um eine klassische Teamsportart, bei der die Beteiligten üblicherweise voneinander abhängig sind (vgl. Goffman 1959: S. 82), handelt, liegt der Reiz beim Skaten mitunter in dem unverbindlichen, terminunabhängigen Charakter. Auch ich beginne im Verlauf meiner Forschung, an dieser Besonderheit Gefallen zu finden, da ich tatsächlich zu jeder mir gewünschten Zeit beschließen kann, skaten zu gehen. Die hier thematisierte Spannung zwischen Anonymität und Gemeinschaft lässt sich auch an entsprechenden Feldbeobachtungen ‚ablesen’. In der Unterlassung der Verabschiedungspraxis zeigte sich mir ein auffälliges Phänomen. Nicht selten kam es demnach vor, dass sich Skater zwar bei der Ankunft begrüßten, zusammen skateten, zusammen Pausen einlegten, teilweise jedoch den Ort ohne jegliche Verabschiedung verließen. Eine mir nachhaltig bedeutende Situation soll dies veranschaulichen: Nachdem ich mich mit einem mir zunächst unbekannten Skater vertraut machte – wir stellten uns gegenseitig vor, verbrachten ca. drei Stunden zusammen im Skatepark, in denen wir gemeinsam neue Tricks ausprobierten (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010: S. 135) – hatte ich im Laufe der Session das Gefühl, dass sich eine Art vertraut-freundschaftliche Beziehung zwischen uns aufbaute. Zu meiner Verblüffung entdeckte ich dann nach einer Weile des gemeinsamen Skatens, dass dieser Skater ohne sich zu verabschieden den Skatepark verließ. Dieses abrupte Verlassen des zuvor erlebten gemeinsamen sozialen Raums entdeckte ich immer wieder in meinen Feldaufenthalten und ordnete diese spezifischen Handlungen allmählich zu den ‚normalen’ Handlungsmustern beim Skaten. 69 Eine weitere Beobachtung, die auf die Spannung zwischen Anonymität und Gemeinschaft deuten lässt, ist das Hören von Musik während des Skatens. Anhand des sichtbaren Tragens von Kopfhörern und elektronischen Hilfsmitteln wie Smartphones während des Skatens schloss ich darauf, dass diese Skater eben auch Musik hörten. Dies bestätigte sich mir in jenen Situationen, in denen ich diese Skater ansprach und mein jeweiliges Anliegen nochmal wiederholen musste. Typischerweise wurde dann entweder einer der Kopfhörer herausgenommen oder die Musik pausiert und nochmal nach meinem Anliegen nachgefragt. Dabei brachte ich in Erfahrung, dass die Musik aus Gründen eines verbesserten Fahrgefühls genossen wurde. Denn, so wurde mir erklärt, bekräftigt die jeweilige Musik48 das erwünschte „Flow“ Erlebnis (Csikszentmihalyi 1991). Nichtsdestoweniger trat neben diesem skatebejahenden Musikhören eine nach außen gerichtete Barriere. Ich deutete das sichtbare Tragen von Kopfhörern als eine Art Hinweis, den jeweiligen Skater nicht anzusprechen und tendierte eher dazu, eine verbale Kommunikation zu unterlassen. Dass sich die verbale Kommunikation jedoch positiv auf den Lernprozess auswirken kann, soll im weiteren Verlauf dieses Abschnitts aufgezeigt werden. Neben dem mimetischen Lernen stellt sich auch das positive Wohlbefinden in einer temporären Gemeinschaft als äußerst förderlich für den Aneignungsprozess dar. „Man kann skaten nicht beibringen, man kann nur andeuten!“ – das mimetische Lernen Die Rolle der anderen Skater erschließt sich bei meinem speziellen Forschungsvorhaben – also der Untersuchung des Aneignungsprozesses – im Phänomen des gegenseitigen Lernens (vgl. Peters 2016: S. 256). Besonders das mimetische Lernen ist hierbei von zentraler Bedeutung: „dem Lernen durch Nachahmung“ (Wulf 2007: S. 91). Bei dieser Form des prozesshaften und produktiven Lernens ist der Körper zentraler Bezugspunkt, wodurch praktisches Wissen erlangt wird (vgl. ebd.: S. 91). Das nachahmende Versuchen spezifischer Bewegungsabläufe und deren allmähliche Aneignung erwies sich für das Vorhaben dieser Arbeit als besonders relevant. Es sei noch erwähnt, dass eine gewisse Neugier an der Art und Weise, wie andere Skater diesen und jenen Trick ausführen, von hoher Bedeutung für eine anschließende ‚Unterweisung’ sein kann. Diese Neugierde verkündend 48 Um welche Musik es sich speziell handelte, brachte ich nicht in Erfahrung. 70 und den ausdrücklichen Wunsch äußernd, dass ich von der jeweiligen Person etwas lernen wolle, schloss größtenteils in einen typischen Kommunikationsablauf. Zunächst beginnt der Prozess des mimetischen Lernens auf einer verbal stattfindenden Ebene. Inhaltlich bezieht sich dieser Austausch auf den tatsächlichen Handlungsvollzug, also der jeweiligen skatespezifischen Bewegung. Da das tatsächliche Sprechen allein jedoch kaum in Reinform, sondern auch non-verbale Elemente beinhaltet, lässt erste Vermutungen auf die Schwierigkeiten der verbalen Übertragung von Körperwissen schließen. Schindler merkt an, dass diese Sprechakte eine wichtige Funktion einnehmen: „[S]ie dienen nämlich zum einen als „verbales Zeigen“, zum anderen als „verbale Marker“; kurz: Sie sind zwar offensichtlich als sprachliche Interaktionsbeiträge erkennbar, vermitteln Wissen aber dennoch primär implizit, darstellend“ (Schindler 2011: S. 341). Auf verbaler Ebene können die Bewegungsabläufe zwar detailliert beschrieben und erklärt werden, jedoch verwenden die Befragten unterstützende Gesten und Handlungen. Das Zeigen mit Händen und Füßen wie auch das ‚trockene’ Vorführen49 eines spezifischen Tricks gehören hierzu. Dass das anschließende tatsächliche Vormachen50 eines Tricks auch ohne die vorangegangenen Erklär-Schritte vorkommt, deutet zusätzlich auf die eher geringere Bedeutung des verbalen Lehrens und Lernens hin. Nicht selten schlossen diese kurzen Lehr-Einheiten mit dem Verweis darauf, dass sich das Skaten im Grunde genommen kaum durch andere Personen aneignen lasse und dies nur durch eigene, immer wieder auszuführende Handlungsvollzüge möglich sei: dem „Learning by Doing“ (Peters 2016: S. 248). Folgender Feldaufenthalt soll dies verdeutlichen. 49 Gemeint sind angedeutete Bewegungsabläufe, die in verringertem Tempo eben nur angedeutet und nicht vollzogen werden. Hierzu zählt beispielsweise der Bewegungsablauf eines spezifischen Körperteils, wie dem Fuß, welcher zeitlupenartig die jeweilige Bewegung ausführt. 50 Zwar nicht im Sinne eines intendierten Vormachens, jedoch als performative unaufgeforderte Handlung, zähle ich all jene ausgeführten Tricks anderer Skater, die ich während meiner Feldaufenthalten beobachtete. Auch diese Beobachtungen flossen in meinen Aneignungsprozess mit ein, da z.B. von Anderen ausgeführte Heelflip- Variationen als eine Art Ansporn wirkten und mir dergestalt ‚offene’ Fragen über die jeweiligen Bewegungsabläufe beantwortet wurden. 71 Grenzen des Beibringens Ein mir mittlerweile bekannter Skater, den ich auch regelmäßig in dem gleichen Skatepark treffe, verdeutlicht mir die Schwierigkeit des nachahmenden Lernens durch andere Skater. Um sein hohes fahrerisches Können bewusst, frage ich ihn, wie ich meinen Heelflip denn mit einer 180° Körperdrehung kombinieren könnte (der so genannte BS Heelflip). Da mir dieser Trick nie so richtig gelingen will, frage ich ihn spontan um Rat. Sichtlich erfreut über meinen Wunsch, von ihm unterwiesen zu werden, beginnt dieser, mir den Trick zunächst verbal zu erklären: „Also du musst dich bei dem Trick so richtig mit der Schulter reinlegen. Also bevor du losspringst und den Heelflip machst, schon die Drehung vorbereiten so mit den Schultern. Und beide Tricks draufhaben. Also den Heelflip und den Backside 180°. Dann eigentlich nur beide kombinieren.“ Dass ich meine Schultern „reinlegen“ solle, betont er mit dem Hereindrücken seiner rechten Schulter. Bevor diese jedoch die Drehung einleitet, macht er noch eine ausholende Bewegung mit dem Oberkörper, um den nötigen Schwung aufzubringen. Anschließend nimmt er das Skateboard in die Hand und erklärt mir, dass er mir den Trick einfach vorführen wird („Ja warte, ich zeigs ma“). Nachdem er diesen scheinbar mühelos landet und ich ihn dabei beobachte, fährt er zu mir zurück und betont: „Man kann skaten nicht beibringen, man kann es nur andeuten. Am besten einfach üben. Klappt schon irgendwann“. Nun versuche ich, das Gehörte und Beobachtete nachzumachen. Auch wenn ich diesen Trick in der heutigen Session nicht stehe, so gelingt mir dieser doch im Ansatz: Mit der mir vertrauten Heelflip Bewegung habe ich keine Schwierigkeiten, jedoch mit der 180 Grad Bewegung, die zusammen mit dem Heelflip in eine Weiterfahrt mündend ausgeführt werden muss. Weiter als eine 90 Grad Drehung schaffe ich es nicht. Dies begründe ich mit dem fehlenden Schwung, den aufzubringen mir bisher noch nicht gelingen will. Abschließend betrachte ich die heutige Session als einen Teilerfolg, da mir durch die beschriebene Unterweisung ein Einblick in eine neue Heelflip Variation geboten wurde51. Die Aussage des Skaters, „Ja warte, ich zeigs ma“, drückt die Grenzen der verbalen Kommunikation aus. Der Skater ist zunächst bemüht, die entsprechende Bewegung zu beschreiben und greift dabei auch auf non-verbale Kommunikation, wie dem Andeuten mit der Schulter, zurück. Dann jedoch wird dieser Kommunikationsmodus spontan 51 An einem späteren Zeitpunkt meiner Forschung gelingt mir der BS 180° tatsächlich. 72 beendet und vom Vormachen der skatespezifischen Bewegung abgelöst. Das „Es“, was gezeigt werden will, kann eben nur intentional vorgeführt werden. Hierfür greift die Person auf einen ihr vertrauten Handlungsentwurf zurück, der unmittelbar ausgeführt wird. Das Vormachen wird als eine dem Trickverständnis notwendige Konsequenz des bloßen Beschreibens durchgeführt. Mit der Betonung „man kann skaten nicht beibringen, man kann es nur andeuten“ expliziert der Skater die Schwierigkeit der Übertragbarkeit von Können beim Skateboarding. Lediglich könne das Skaten „angedeutet“ werden, was einerseits auf verbaler und non-verbaler Ebene, andererseits durch tatsächliches Vormachen geschehen kann. Schließlich müsse sich jede skatende Person das Können durch einen individuellen Aneignungsprozess – also das ständige Üben – eben selber erschließen (vgl. Peters 2016: S. 249). Skaten in der Gemeinschaft – Einfluss auf den Aneignungsprozess Einen besonders wirksamen Einfluss auf meinen Lernprozess hatten jene Momente, in denen ich das Phänomen des positiven Miteinander- Skatens sowohl beobachten als auch erfahren konnte. Einfach ausgedrückt handelte es sich hierbei um ein Erlebnis von Spaß auf Grundlage eines gemeinsamen Interesses. Spaß kann hierbei mitunter auch auf die Einlassung gewisser „Maximalrisiken“ (Hitzler 2010: S. 256), wie sie beim Skateboarding herrschen, hinweisen. Spaß, so erfuhr ich, kann auch das solitäre Skaten bereiten, jedoch fehlte bei dieser Art von Spaß die positive wie auch meine Handlung wertschätzende Rückmeldung einer anderen Person (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010: S. 135). Die für meinen Aneignungsprozess ‚ertragreichsten’ Tage waren diejenigen, an denen ich mich in einem Raum des Miteinanders befand. Typischerweise skateten hierbei die Personen in unmittelbarer Nähe zueinander, wobei zumeist ein gemeinsamer Spot, der durch einen spontanen, meist non-verbalen Prozess ausgelotet wurde, befahren wurde. Hierbei wurde dieser Ort mitunter von allen Beteiligten befahren – meist nacheinander und in einer sich dann spontan auslotenden Reihenfolge. Die Art von Tricks, die dann an diesem Spot ausgeführt oder versucht wurden, fielen dabei höchst unterschiedlich aus. Eine hierbei häufig beobachtete wie auch selbst erfahrene Auffälligkeit betraf das ständige Versuchen eines gleichen Tricks. Wenn die betroffene Person diesen geplanten Trick auszuführen versuchte52, wur- 52 Und dabei gelegentlich auch scheiterte. 73 den diese Versuche von den beobachtenden anderen Skatern registriert und auch kommentiert. Durch anerkennendes Anspornen und Zujubeln53 wurde das Beobachtete wertgeschätzt. Interessanterweise wurden bei diesen wertschätzenden Handlungen auch die unterschiedlichen Niveaustufen der Beteiligten berücksichtigt. Beispielsweise befand ich mich in spontan entstandenen Gruppen, die sowohl aus ‚Anfängern’ als auch aus weit ‚Fortgeschrittenen’ bestanden. Da diese Unterschiede im Können relativ schnell von allen Beteiligten registriert und eingeschätzt wurden, entstanden eben jene auf das individuelle Niveau zugeschnittenen Anerkennungspraktiken. Zumal kann an einem gemeinsamen Spot (z.B. ein Curb) eine bestimmte Person immer wieder einen Ollie versuchen und dann nach dem zehnten Versuch diesen auch tatsächlich landen. All jene Mühen, die hierfür aufgewendet wurden – hierzu zählen auch Stürze – wurden dann mit den zuvor beschriebenen Anerkennungspraktiken wertschätzend kommentiert. Nicht anders verhielt es sich, wenn anschließend der nächste Skater, der als weit ‚Fortgeschrittener’ zu bezeichnen ist, einen hochgradig komplexen Bewegungsablauf vollzog und diesen dann nach einigen Versuchen auch landete. Einhergehend mit diesem Sich-für-denindividuellen-Erfolg-des-Anderen-Freuen ist auch die Bemühung, den entsprechenden Trick besonders gut auszuführen. Sich dessen bewusst, dass der eigene durchgeführte Trick von den Anderen beobachtet und prinzipiell auch kommentiert werden konnte, gab ich mir entsprechend viel Mühe. Beim gemeinsamen Skaten spielten auch die Impulse für neu Gesehenes eine wichtige Rolle. Beispielsweise lernte ich während der eigenen Beteiligung beim so genannten S.K.A.T.E. neue Tricks kennen. Da dieses Spiel, wie bereits erwähnt, nach dem Trick- Vorlegen und anschließendem Trick- Nachmachen Prinzip funktioniert, musste ich des Öfteren mir noch unerschlossene Bewegungsabläufe mimetisch aneignen. Auch hier wirkte sich das Gefühl, von den Anderen beobachtet zu werden, positiv auf mein fahrerisches Können aus: Wenn ich mich in der Situation befand, einen Trick vorzulegen, so tat ich dies mit der Absicht, diesen auch besonders sauber auszuführen. Das Attribut sauber ist Teil des Könnens und wird im nächsten Abschnitt näher behandelt. 53 Z.B. durch „Jeah“- Rufe oder Klatschen. Häufig wird auch das Skateboard durch Herunterdrücken der Tail und anschließendem Loslassen auf den Boden getickt. Durch das hieraus entstehende Geräusch wird zusätzlich Anerkennung oder Jubel ausgedrückt (vgl. Bock 2017: S. 123). 74 5.2.6 Sauber gelandet oder nur gestanden? – über das Können Das „weiter, höher, schneller“ Prinzip (vgl. Bock 2017: S. 74) im Skateboarding wurde bereits benannt als eine besonders relevante Antriebskraft, die für den Willen, überhaupt zu skaten und dies auch weiterhin zu tun, greift. Jedoch steht neben diesem Prinzip auch eine weitere Norm, die sich auf die technischen Aspekte der Bewegungsabläufe bezieht. Bestimmend für diese Norm ist im Besonderen die technische Sauberkeit mit derer die jeweiligen Tricks ausgeführt werden. Das körperliche Beherrschen gewisser Bewegungsabläufe, also das Können, kann anhand genauer Beobachtungen erschlossen und zudem durch subjektive Erfahrungsdaten, wie sie die lebensweltanalytische Ethnographie erlaubt, untersucht werden. Der Kompetenztrias entsprechend bezieht sich das Können einerseits auf die Fähigkeiten, also die in der Skate- Szene relevanten körperlichen Fähigkeiten, und andererseits auf die spezifischen szeneinternen Wissensbestände (vgl. Kirchner 2018: S. 28). Um an diese spezifischen Wissensdaten über die körperlichen Fähigkeiten zu gelangen, wurde auf das fokussierte Beobachten im Feld, aber auch das Erstellen von Videos, zurückgegriffen. Letztere haben den besonderen Vorteil, die technischen Feinheiten, besonders die ‚Fußarbeit’, die beim Ausführen des Heelflips von besonderer Bedeutung ist, anhand der Slow-Motion Funktion kleinschrittig zu untersuchen. Dergestalt können durch die massive Reduzierung der Abspielgeschwindigkeit „die verschränkten Handlungskoordinierungen“ (Singh 2018: S. 208), die im Video sonst nur schwer zu erkennen sind, untersuchbar gemacht werden. Anhand welcher Aspekte54 nun das Können einer besonderen skatespezifischen Bewegung von dem bloßen Stehen unterschieden werden kann, ist in der nachstehenden Abbildung zusammengefasst: 54 Dieser Kriterienkatalog, anhand dessen das Können eines spezifischen Tricks ‚abgelesen’ werden kann, entstand im Laufe der Feldforschung und setzt sich zusammen aus rekonstruierten Gesprächsdaten mit anderen Skatern. Wurden demnach die Fähigkeiten anderer Skater, der Gesprächsteilnehmer oder meiner eigenen thematisiert, so wurden diese als sichtbar erfassbaren Aspekte eines sauberen Fahrstils kriteriengeleitet zusammengefasst. 75 Wieder derholholbarkeit Ortsungebundenheit Tempo Flughöhe saubere Fußarbeit saubere Körperhaltung Teil einer Variation kein Zufall Vergleichbarkeit gerade Ebene in Rampe (z.B. Quarter, Half Pipe, Mini Ramp) auf höher gelegene Ebene von höher gelegenen Ebene herunter langsam schnell im Stand niedrig hoch parallele Boardrotation Catchen am höchsten Punkt Catchen am waagerechten Punkt Catchen wie Standard Fußstellung kein Korrigieren der Füße bei Landung parallele Schultern bei Landung in Knie gehen in einer Line Grind einleitend Grind beendend Manual einleitend Manual beendend Teil einer Rotation des Körpers Teil einer Rotation des Skateboards Teil einer Rotation des Körpers und des Skateboards Fakie, Switch, Nollie etc. Abb. 24: Können - Bedingungen für den „sauberen“ Heelflip 76 Die hier zusammengefassten Kriterien eines durch Beobachtungen festzustellenden sauberen Heelflips werden im Folgenden an einem innerhalb der Feldforschung erstellten Videos exemplarisch untersucht. Im Sinne der komparativen Analyse, bei der sich das „Charakteristische eines Stils nur im Kontrast mit anderen Stilen“ (Michel 2018: S. 78) zeigt, kann ein Vergleich mit einem professionellen Skate-Video, in dem die besten Heelflips55 des zu sehenden Skaters zusammengestellt sind, gemacht werden. Beim Durchsehen des gesamten Videos wird zum Einen das Typische der Heelflip Bewegung deutlich und zum Anderen – auch dank der Slow-Motion Funktion – die technisch einwandfreie Fußarbeit und Körperhaltung des Skaters. Auch variieren die Orte, an denen der Trick ausgeführt wird, sowie die Unterschiede in Sprunghöhe- und Weite. Zudem wird der Heelflip in einen Slide an einem Geländer übergeleitet, was die Fähigkeit der Trickvariation unterstreicht. Da es sich jedoch um ein audiovisuelles Datum handelt, können die Aspekte der Wiederholbarkeit und der Ortsungebundenheit zwar vermutet, jedoch nicht bestätigt werden. Um die ‚Gültigkeit’ der hier vorgestellten Analyse jedoch auch mit szeneinternen Mitgliedern und nicht nur mit externen audiovisuellen Daten abzugleichen, wurden die in den Videos zu sehenden Heelflips, die ich selber erstellt habe, mit einem anderen Skater analytisch besprochen56. Was anhand des Videos nicht abgeleitet werden kann, ist der Aspekt der Wiederholbarkeit. Hiermit ist gemeint, dass die skatende Person in der Lage ist, den jeweiligen Trick in gleicher oder ähnlicher Weise, vor allem aber sicher57, auszuführen. Dass der jeweilige Trick nicht nur rein zufällig erfolgreich ausgeführt wird, spricht für das Können der Person. 55 Der Titel des Videos lautet „Neen Williams’ Best Heelflips From Outliers“: https://www.youtube.com/watch?v=HLONMtMmK3k. Zugegriffen am 20.08.18. 56 Das Filmen und anschließende Betrachten eigener Bewegungsabläufe, stellt eine nicht untypische Praxis dar, mit Hilfe derer über die eigenen Bewegungsabläufe reflektiert werden kann. Besonders die Slow-Motion Funktion moderner Smartphones ermöglicht die präzise Feststellung von fehlerhaften Bewegungen, die einen misslungenen Trick begründen können. Auch bei erfolgreich ausgeführten Tricks können die je spezifischen Handlungsabläufe für das Gelingen untersucht werden. Ungeachtet dessen stellen sich beim Betrachten besonders erfolgreich ausgeführter Tricks positive Gefühle des Erfolgs ein, die nicht selten durch anschließende Veröffentlichungen der jeweiligen Clips, beispielsweise auf sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook, präsentiert werden. 57 Bei einem zufälligen Treffen mit einem mir bekannten Skater in einem Skatepark kommentiert dieser sein ständiges Üben eines speziellen Tricks wie folgt: „Ich will den nicht nur landen, ich will den lernen“. 77 Verstärkt wird die Beherrschung einer spezifischen Bewegung weiterhin durch die Fähigkeit des Skaters, den Trick relativ ortsungebunden auszuführen. Demnach kann beispielsweise der Heelflip auf gerader Ebene in einer Rampe von bzw. auf eine höher gelegene Fläche ausgeführt werden. Des Weiteren bezieht sich das Kriterium „Tempo“ auf die Fahrtgeschwindigkeit, in welcher ein Trick ausgeführt wird. Hierbei gilt das Prinzip: „Je schneller, desto krasser!“58. Da prinzipiell das Ausführen eines Flip Tricks bei geringem Tempo oder gar im Stand59 weniger Verletzungsgefahr bedeutet und zudem auch einfacher durchzuführen ist, verweist eine hohe Geschwindigkeit auf das Können und auch den Mut der skatenden Person. Anzumerken sei hinsichtlich der weiter unten beginnenden Videoanalyse, dass anhand von Standbildern der Aspekt der Geschwindigkeit nicht behandelt werden kann. Aus diesem Grund sei auf die jeweilige Videodatei „Heelflip“ verwiesen. Wird ein Trick in besonders hohem Abstand vom Boden ausgeführt, so gilt dies als ein weiteres Indiz für die Beherrschung des Tricks. Hierzu zählt nicht nur die Ausführung mit Hilfe eines hohen Ollies auf gerader Ebene, sondern auch in Quarter Pipes, Half Pipes, Mini Ramps oder von hoch gelegenen Ebenen herunterspringend bzw. auf diese hinauf. Als besonders anspruchsvoll und Anerkennung-generierend gelten die schier endlosen Variationen eines Tricks und dessen Eingliederung in eine Route. Beispielsweise konnte ich bei einer Session im Skatepark „Utopia“ in folgenden technisch hochkomplexen Bewegungsablauf beobachten60, der von den zu- 58 Die Einweihung des DIY Skatepark- Projekts „Utopia“ wurde unter anderem mit verschiedenen kurzzeitigen Wettbewerben zelebriert. Bei dem „Speed Contest“ ging es darum, in einem vorgegebenen Bereich mit möglichst hoher Geschwindigkeit einen Trick erfolgreich zu landen. Der anwesende Kommentator heizte die Stimmung wie folgt ein: „Leute, wir wollen Speed und krasse Tricks! Gebt ma richtig Gas, unter 25 km/h geht hier nix!“ Tatsächlich fuhren die Teilnehmer mit einer sehr hohen Geschwindigkeit in den gekennzeichneten Bereich und landeten nur selten die angestrebten Tricks und erlitten nicht harmlos wirkende Stürze. Landete jedoch einer der Skater einen Trick, so brach das zuschauende Publikum und der Kommentator in tobenden Beifall aus. 59 Das Üben im Stand gilt als eine Praxis, die besonders Anfängern nahegelegt wird. Beispielsweise heißt es bei der „Trick Tipps“ Rubrik der Homepage skatedeluxe.com: „Am Anfang kostet der Ollie im Fahren einiges an Überwindung. Lass dich darauf ein und versuche die Bewegung zu üben, während du langsam rollst.“ https://www.skatedeluxe.com/blog/de/trick-tipps/skateboard/flat/how-to-ollie/. Zuletzt aufgerufen am 20.08.18. 60 Da ich diesen Bewegungsablauf nicht filmen konnte, soll folgender, hochkomplexer Ablauf, hier in einem YouTube Video zu sehen, als Vergleich dienen: 78 schauenden Skatern mit den jeweiligen Anerkennungspraktiken wertgeschätzt wurde: Der Skater steuerte mit hohem Tempo auf eine ca. 50 Zentimeter höher gelegene Steinfläche zu. Er ging tief in die Knie, sprang kräftig mit dem Skateboard vom Boden ab, führte einen Heelflip aus, landete auf der höher gelegenen Fläche mit der vorderen Achse und fuhr auf diese Weise (der so genannte Nose Manual) bis ans Ende der ca. 3 Meter langen Fläche, ging dabei nochmal leicht in die Knie, führte nochmals einen Heelflip aus und beendete diese Trickabfolge mit der anschließenden Landung auf dem Boden. Diesem Skater zujubelnd freute ich mich mit den anderen Skatern zusammen und hörte einen dieser Skater begeisternd rufen: „Alter das war Switch!“61 Diese zusätzliche Information verwies nicht nur auf das Sonderwissen des zurufenden Skaters62, sondern auch auf das spezifische Können des betreffenden Skaters: Nicht nur gelang es diesem, zwei sauber ausgeführte Heelflips in einen hochgradig komplizierten Balanceakt (Nose Manual) einzuarbeiten, sondern dies auch in umgekehrter Fußstellung zu tun. Für die Kriterien der „sauberen Fußarbeit“ und der „sauberen Körperhaltung“ sollen die nun folgenden Standbilder des entsprechenden erstellten Videos als Anschauungsdatum dienen. Das Video entstand gegen Ende der vier Monate andauernden Feldarbeit. Zusammen mit einem mir bekannten Skater verbrachte ich ca. 2 Stunden in einem Skatepark und wir filmten uns gegenseitig. Da ich an diesem Tag einen sauber durchgeführten Heelflip aufzunehmen anstrebte, bat ich den anderen Skater, mich bei diesen Versuchen zu filmen.63 Nach ungefähr zehn Versuchen gelang mir der dargestellte Heelflip64 (Abb. 25), den ich zu einem meiner besseren Heelflips zähle. Auf welchen Kriterien diese Feststellung beruht, soll nun geklärt werden. Die für die gerade Weiterfahrt nötige parallele Rotation des Skateboards soll https://www.youtube.com/watch?v=fzEKHHBa408. Zuletzt aufgerufen am 20.08.18. 61 Switch verweist darauf, dass der Skater in ungewohnter Fußstellung steht. Gewöhnlich gelten Tricks, die in Switch ausgeführt werden, als besonders herausfordernd. 62 Der zurufende Skater musste die ‚normale’ Fußstellung des anderen Skaters kennen, um einschätzen zu können, dass dieser Switch fuhr. 63 Im Sinne des „Zeigehandelns“ (Reichertz 2013: S. 44), das besonders beim Kamerahandeln einer Videographie berücksichtigt werden muss, bat ich diesen Skater, den unteren Bereich meines Körpers zu filmen – also den Bereich des Skateboards, der Beine und der Füße – um im anschließenden Betrachten des Videos die genauen Bewegungen der Füße und Beine zu untersuchen. 64 Das Kriterium der Wiederholbarkeit ist mit dieser Tatsache bereits nicht erfüllt. 79 als erstes untersucht werden. Dass sich diese nicht parallel zum Körper verhält, ist deutlich im Moment des Catchens zu erkennen (Bild 12). In den nachfolgenden Bildern ist folglich die Konsequenz dieses asymmetrischen Verhältnisses zwischen Körper und Skateboard zu erkennen: Die zuvor angestrebte Fahrtrichtung wird in eine leicht nach links orientierte Richtung umgelenkt, was als unsauber gilt. Ferner befinde ich mich am höchsten Punkt des Sprunges über dem Skateboard (Bild 11) und fange dieses erst beim Anziehungskraft bedingten Herunterkommen (Bild 12). Abb. 25: Heelflip Abfolge (v.l.n.r.) aus Slow-Motion Videodatei 80 Auch befindet sich das Skateboard beim Zeitpunkt des Catchens (Bild 12) in einer leicht geneigten und nicht waagerechten Position, was den Heelflip zusätzlich unsauber erscheinen lässt. Was diesen Trick jedoch als sauber bezeichnen lässt, betrifft die Fußstellung beim Catchen: Ich lande hier in ähnlicher Fußstellung, die ich auch zur Anfahrt und zum Absprung einnehme (Bild 3, 4 im Vergleich mit Bild 14, 15). Ein „unschönes“ (Anmerkung des filmenden Skaters) Korrigieren der Füße wird somit vermieden und die Landung wirkt sauber. Jedoch, und dies betrifft nun die Körperhaltung, wird bei der Landung nicht in die Knie gegangen, um die Landung abzufedern und so das Gleichgewicht beizubehalten65 (Bilder 15-17). Die Parallelität der Schultern beim Absprung wird eingehalten (Bilder 1, 2), deren Position kann jedoch nicht anhand des Kamerafokus bestimmt werden. Neben den genannten im Video sichtbaren Kriterien des sauberen Heelflips spielen auch jene hier nicht sichtbaren Kriterien des Könnens eine wichtige Rolle. Da mir der Heelflip hauptsächlich nur auf gerader Ebene mit relativ geringer Fahrtgeschwindigkeit und in relativ geringer Sprunghöhe und nicht zuletzt in keiner Variation gelang, kann eben nur davon gesprochen werden, dass der Trick zwar gelegentlich gestanden, jedoch nicht sauber ausgeführt wurde. Nichtsdestotrotz können im Vergleich zum allerersten erstellten Video „Erster Heelflip“ Verbesserungen in der Bewegungsabfolge festgestellt werden. Als besonders relevantes Körperwissen erachte ich hierbei das Wissen darum, die Parallelität der Schultern beizubehalten wie auch das Fangen des Skateboards entsprechend der üblichen Fußstellung. 65 Demnach wird das Gleichgewicht mit zusätzlicher Zuhilfenahme der Arme ausgeglichen. 81 5.2.7 „Jeder kann fahren wie er will, wobei?!“ – über das Dürfen Da das Können gerade auch in den handlungs- und befähigungsorientierten Szenen wie dem Skateboarding (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 184) eng verknüpft ist mit dem szeneinternen Dürfen, also der dem Können zugrundeliegenden „wahrgenommene[n] Berechtigung[..]“ (Eisewicht 2013: S. 153), und diese sich gegenseitig bedingen, erscheint es sinnvoll, dieses Verhältnis auch im Kontext des Aneignungsprozesses beim Skateboarding zu untersuchen. Angesichts des Kompetenzmodells bestehend aus Können, Wollen, Dürfen (vgl. Pfadenhauer 2008) liegt die Vermutung nahe, dass gerade der Aspekt des Dürfens die Skate- Szene erst zu einer Szene macht. Denn alleine das Wollen und das Können ließen das Skaten zunächst einmal als eine (Extrem)Sportart darstellen. In diesem Sinne bliebe diese Sportart eine solitäre Angelegenheit, die von den Betreffenden alleine und im Verborgenen praktiziert werden könnte, ohne dabei in den Austausch mit anderen Praktizierenden zu kommen. Dieser Austausch jedoch, in dem Trends und Stile ‚ausgehandelt’, Informationen zu Orten, Tricks, Events, Internetseiten u.v.m ausgetauscht werden, ist ein grundlegendes Element der Anzeige von Szenezugehörigkeit (vgl. Hitzler/Pfadenhauer 2004: S. 56). Nicht zuletzt meint dieser Austausch jedoch auch das gemeinsame Skaten an Orten und Treffpunkten, an denen mal mehr und mal weniger subtile Prozesse des Dürfens ausgehandelt werden. Als zentrale ‚Aushandlungsstrategien’ erachte ich aus diesem Grund das gegenseitige Beobachten, beobachtet werden, sowie das Kommunizieren miteinander66, das während des Skatens und in den Pausen stattfindet67. 66 Das Skaten von mindestens zwei Personen an einem gemeinsamen Ort schließt mitunter das Wechselspiel zwischen Beobachten und Beobachtet-Werden mit ein. Durch dieses Wechselspiel werden in einem recht schnellen Prozess die sichtbaren Fähigkeiten des Gegenübers registriert und bewertet; vorausgesetzt, diese andere Person skatet auch. 67 Diese Aushandlungsprozesse beziehen sich in diesem Zusammenhang auf soziale Kontexte, in denen sich die beteiligten Personen zunächst als Fremde begegnen. Denn innerhalb einer vertrauten Gruppe von Skatern und Skaterinnen spielt der Aspekt des Dürfens üblicherweise eine eher unerhebliche Rolle, da hier sowieso geskatet werden ‚darf’. 82 Abb. 26: Dürfen in unterschiedlichen Kontexten Für das in dieser Arbeit relevante Forschungsinteresse am Aneignungsprozess ist es wichtig zu verdeutlichen, dass das Dürfen erheblichen Einfluss auf das Können hat bzw. haben kann: Skaten zu dürfen ist eng verbunden mit sozialer Akzeptanz. Wenn jedoch der einzelnen Person aus verschiedenen Gründen nicht gestattet wird zu skaten, so treten folglich Ausgrenzungsstrategien wie das demonstrative Ignorieren durch Wegsehen oder die Nicht-Eingliederung in die Skate Reihenfolge in den Vordergrund. Das resultierende Gefühl des Nicht- Dazugehörens schließt somit das Erleben von Anerkennung innerhalb einer Gruppe aus. Da jedoch, wie bereits gezeigt wurde, der soziale Austausch und hier besonders die positiv zugeschriebenen Erlebnisse, die zusammen erlebt werden, erheblichen Einfluss auf den Lernprozess beim Skaten haben, handelt es sich beim Dürfen eben um eine für die Skate- Szene konstitutive hinreichende Bedingung. Aus diesem Grund sollen nun drei unterschiedliche (idealtypische) Kontexte ge- 83 schildert werden (Abb. 26)68, in denen die Frage des Dürfens anhand der Bedingungen des Wollens und des Könnens behandelt wird. Als eine Dimension des Wollens ist die Risikobereitschaft zu verstehen, die erheblichen Einfluss auf den Aushandlungsprozess des Dürfens hat bzw. haben kann. Grob formuliert gilt hier die Devise: Wer Kopf und Kragen riskiert, darf skaten! Es folgt nun der erste Typus, der durch „krasses“ Skaten eine hohe Berechtigung erfährt. Dürfen durch „krasses“ Skaten Der in Fußnote 61 erwähnte „Speed Contest“, der Teil der Einweihungsfeier des Skateparks „Utopia“ war, soll das durch Anerkennungspraktiken der Zuschauer und anderer Skater bekundende Dürfen eines gewissen Typus verdeutlichen. Die Rede ist hier von dem „krassen“ Skater. Beim „Speed Contest“ ging es nun darum, in einem durch ausgeschüttetes Bier markierten Bereich des Skateparks mit möglichst hoher Geschwindigkeit einen Trick zu landen. Nichtsdestotrotz seien dem Moderator zufolge auch Stürze erwünscht: „Wenn ihr euch auffe Fresse legt, auch gut!“ Nachdem die Regeln vom Moderator erläutert wurden, versuchen die ersten Skater an der besagten Stelle mit hoher Geschwindigkeit ihre angestrebten Tricks auszuführen; dies wird durch laute Punkmusik einer spielenden Band begleitet. Nach ca. fünf Minuten haben sich ungefähr zehn Skater in den Wettbewerb eingegliedert, und so fahren diese nacheinander in Richtung der besagten Stelle und reihen sich danach wieder in die Reihe ein. Dass zunächst jeder dieser Skater die hinreichende Bedingung des Wollens erfüllt, da diese ja an der markierten Stelle ihre Tricks versuchen, gewährleistet noch nicht das Dürfen. Denn unter diesen Skatern gibt es jene, die lediglich schnell fahren und höchstens einen Ollie ausführen, dabei jedoch keine Anerkennung der Zuschauer oder anderer Skater bekommen. Demgegenüber steht ein anderer Skate Typus, der einerseits durch sichtbares Ausführen technisch schwieriger Tricks und andererseits durch eine hohe Risikobereitschaft auffällt. Da diese beiden Elemente zusammen auftreten, wird dieser Typus eben als „krass“ bezeichnet: Schallender Publikumsbeifall und lautes Mit-dem-Skateboard-auf-den-Boden-Schlagen ertönt immer dann, wenn der betreffende Skater entweder einen sichtbar schwierigen Trick versucht, diesen nicht landet und mal mehr und mal weniger hart stürzt, oder aber eben erfolgreich landet und mit hoher Geschwindigkeit weiterfährt. Wollen, Können und Risikobereitschaft dieses Typus sind stark ausgeprägt und haben dadurch positiven Einfluss auf das Dürfen. 68 Diese idealtypischen Darstellungen treten nur selten in Reinform auf und vermischen sich vielmehr. Diese Darstellung dient der Charakterisierung des Typischen. 84 Es folgt nun die Darstellung des nächsten Typus, der zwar durch geringes Können, jedoch gleichzeitig durch eine hohe Risikobereitschaft charakterisiert ist. Dürfen durch „krankes“ Skaten Ein einschlägiges Erlebnis des Skaten-Dürfens erlebe ich auf dem „Fusion Festival“ in Lärz. Im Vorhinein über die Installation einer Skate Anlage auf dem Festivalgelände informiert, nehme ich mein Skateboard mit und finde an insgesamt zwei Tagen Zeit dort zu skaten. Bei der Anlage handelt es sich mitunter um eine „Mini Ramp“ aus Holz, die von Skatern selbst vor Ort aufgebaut wurde. Dort angekommen entdecke ich bereits drei Skater, die in dieser Rampe nacheinander skaten. Ich begrüße die Skater und gliedere mich in deren Reihenfolge ein. Nach ein paar Runden stellt sich aufgrund von Beobachtungen heraus, die ich in den Pausen mache, in denen ich nicht an der Reihe bin, wer ungefähr auf welcher Niveaustufe – zumindest in der „Mini Ramp“ – skatet. Zwei der Skater, die ich dem Typus „krasse Skater“ zuordne, fahren auf einem sehr hohen (Amateur) Niveau, da sie ihre „Lines“ fast ausschließlich erfolgreich und ohne Stürze beenden und diese durch beeindruckende Tricks wie „Kickflips“, „180°s“, „Blunts“ oder „Frontside Grinds“ performativ ausführen. Der dritte Skater jedoch, um den es hier auch gehen soll, fällt nicht durch sein Können auf, denn tatsächlich gelingt ihm kein einziger Trick, sondern durch seine offensichtliche Risikobereitschaft. Diese macht sich bereits beim Hereinfahren in die Rampe („Drop In“) bemerkbar: So gut wie bei jedem Versuch erleidet er hierbei einen heftigen Sturz, bei dem er entweder vornüber auf Hände, Ellenbogen und Knie oder hinterrücks auf Ellenbogen, Steißbein und Rücken prallt. Aus den Gesprächen mit diesem Skater erfahre ich, dass dieser erst seit kurzem skatet und noch lernt, „wie das alles so geht“. Dass er für seinen Mut – denn diesem bedarf es angesichts der Aussicht auf Stürze – bejubelt, gelobt und teilweise auch emphatisch empfangen („Kranker Scheiß man, alles klar?!“) wird, bekräftigt die ihm zugewiesene Erlaubnis in der Art und Weise, wie er dort skatet, eben skaten zu dürfen. Diesem Typus charakteristisch ist folglich die Eigenschaft, den Aneignungsprozess des Skatens unbedingt anzustreben und hierfür hohe körperliche Risiken einzugehen: „Koste es, was es wolle!“. Dass hierfür Anerkennungspraktiken anderer Szenegänger das Skaten-Dürfen bekunden, eröffnet den Eintritt in neue soziale Räume69 des kommunikativen Austauschs miteinander und trägt damit zum dynamischen Aushandlungsprozess von Wissen in der Skate- Szene bei. 69 Denn die Skater kannten sich vor dieser Mini Ramp Session noch nicht. 85 Als ein Negativbeispiel des Dürfens wird nun das „nervige“ Skaten als ein Typus beschrieben, der als Szene exkludierend verstanden wird. Nicht-Dürfen durch „Nerviges“ Skaten Beim Besuch einer Veranstaltung eines Skateboardvereins beobachte ich den Typus des störenden Skaters in zugespitzter und in dieser drastischen Form eher selten vorkommenden Reinform. Im Laufe der Veranstaltung wird von den Organisatoren ein „Mini Ramp Contest“ angekündigt und anschließend durchgeführt. Der Moderator verkündet über Lautsprecher, dass jeder Skater hierzu eingeladen sei. Während dieses Wettbewerbs, bei dem die Teilnehmer für besonders gute Tricks mit einem T-Shirt belohnt werden, halten sich bei wechselnden Skatern stets vier bis fünf Skater auf der oberen Fläche der „Mini Ramp“ auf. Abwechselnd skaten diese in der „Mini Ramp“ auf sehr hohem Niveau70 und werden bei besonders schwierigen Tricks, die sie entweder erfolgreich oder nur beinahe landen, vom zuschauenden Publikum wie auch von den anderen Teilnehmern bejubelt. In dieses soziale Gebilde, bestehend aus in einer bestimmten Reihenfolge oben auf der „Mini Ramp“ stehenden Skatern, gliedert sich plötzlich ein neben der „Mini Ramp“ stehender ‚fremder’ Skater ein (Abb. 27, schwarzer Pfeil in Bild 171). Dieser wartet die „Line“ eines zuvor fahrenden Skaters ab und fährt anschließend in die Rampe. Dass sich dieser eher auf einem niedrigen Niveau befindet, zeigt sich an seiner eher unsicheren und hölzernen Körperhaltung. Zusätzlich fährt er im unteren Bereich der Rampe hin und her, ohne dabei Tricks auszuführen (Bilder 1- 6). Dass dieser Skater von keinem der drei Anderen, die sich oben rechts auf der Rampe befinden, beobachtet, noch durch etwaige Anerkennungspraktiken gewürdigt wird72, deutet darauf hin, dass dieser Skater dort eben nicht fahren ‚darf’. Zusätzlich wird dessen ‚Recht’ in der „Mini Ramp“ zu fahren durch den Skater, der sich neben der Rampe aufhält (weißer Pfeil in Bild 3) abgesprochen. 70 Das hohe Niveau bezieht sich auf unterschiedliche Grinds, Flips, Grabs und sogar Sprünge über die Coping hinaus. 71 Die Bildsequenz soll die den fahrenden Skater ablehnenden Handlungen der anderen Skater verdeutlichen. Für einen besseren Einblick in diese Situation sei jedoch auf das entsprechende Video verwiesen, welches aus datenschutzrechtlichen Gründen auf Anfrage eingesehen werden kann. 72 Vielmehr unterhalten sich diese, ohne dabei auf das Geschehen innerhalb der Rampe zu achten – der linke der drei Skater blickt gar demonstrativ rechts am Geschehen vorbei. 86 Abb. 27: Nicht-Dürfen beim Typus „nerviges“ Skaten Dieser beobachtet das Hin- und Herfahren des Skaters (Bild 1, 2) und entschließt sich dann, in die Rampe zu fahren (Bild 3, 4) um dort selber zu skaten (Bild 5, 6) und einen Trick zu versuchen. Diese non-verbale Kommunikation des demonstrativen Verdrängens aus dem spezifischen Bereich innerhalb der „Mini Ramp“ unterstreicht das Vorrecht des Skaters, den ungeübten Skater räumlich und auch sozial zu verdrängen. Nach ein paar derartig ablaufenden Situationen verlässt der „nervige“ Skater den „Mini Ramp Contest“ wortlos, ohne dabei in Kontakt zu den anderen Skatern zu treten. Hierbei zeigt sich, dass bei mangelnder Risikobereitschaft und mangelndem Können das Dürfen eben zu Nicht-Dürfen umschlägt, obwohl dem betreffenden Skater sicherlich das Wollen zugesprochen werden kann. 87 6. Zusammenfassung und Ausblick In der vorliegenden Ausarbeitung sollte zum Ausdruck kommen, dass die mannigfaltigen Bedingungen, die beim Aneignungsprozess im Skateboarding, resp. bei der Aneignung des Heelflips, relevant sind bzw. sein können (Abb. 28), in der Analyse berücksichtigt werden müssen. Dass hier nicht nur alleine das körperbezogene „Learning by Doing“ (Peters 2016: S. 248), was in dieser Arbeit mit „Akkumulation von Körperwissen“ beschrieben wurde, als alleinstehende zentrale Bedingung im Aneignungsprozess gesehen werden kann, wurde entlang des Kompetenzmodells mit dem Beziehungsgeflecht aus Können, Wollen, Dürfen (vgl. Pfadenhauer 2010: S. 155) untersucht. Ferner wurde diesem Beziehungsgeflecht auch das szenespezifische Wissen um die materiellen Bedingungen, die für das Skaten konstitutiv sind hinzugefügt. Besonders thematisiert wurden hier das Skateboard und der Skateschuh. Da es sich um eine „voraussetzungsvolle Sportart“ (Hitzler/Niederbacher 2010: S. 133) handelt, erfordert das Skaten basale körperliche Grundfähigkeiten wie das Stehen, Fahren, Lenken oder Anschwunggeben auf und mit dem Skateboard. Diese Grundfähigkeiten wurden mit dem anfangs im Analyseteil vorgestellten Problematiken des Einstiegs betrachtet: Hierbei zählt das Wollen, überhaupt zu skaten und dies auch weiterhin zu tun bzw. zu wollen, eine zentrale Rolle. Die komplexe Differenzierung des Skaten-Könnens – also vom bloßen Stehen zum sauberen Landen – ist hierbei eng verzahnt mit der Rolle der Gemeinschaft: Der (mimetische) Lernprozess erfolgt größtenteils innerhalb der Gemeinschaft und variiert in seiner Wirksamkeit abhängig vom Grad der Anonymität gegenüber der Vertrautheit unter den Beteiligten. Der dabei hochkomplexe und meist auch implizit wirkende Aushandlungsprozess über die Berechtigung skaten zu dürfen, hat zusätzlichen Einfluss auf den je betreffenden Lernprozess. Anders ausgedrückt: Wer Anerkennung erfährt und skaten ‚darf’, hat größere Chancen, die Vorteile des Skatens in der Gemeinschaft im eigenen Lernprozess wirksam werden zu lassen, als diejenige Person, die eben nicht berechtigt ist zu skaten und durch mal mehr und mal weniger explizite Ausgrenzungspraktiken vom Dazugehören ausgeschlossen ist. Die folgende Grafik fasst die zentralen Bedingungen des Aneignungsprozesses zusammen. 88 Abb. 28: Bedingungen des Aneignungsprozesses Zusammenfassend soll hervorgehoben werden: All den hier aufgeführten Bedingungen liegt zugrunde, dass die spezifischen Körperhandlungen eben selbst von der praktizierenden Person ausgeführt werden müssen, um diese umfangreich zu verstehen – bloße Anleitungen und Beobachtungen reichen hierfür nicht aus (vgl. Brosziewski/Maeder 2010: S. 405). Um ein ganzheitliches Bild über den Aneignungsprozess im Skaten zu erhalten, wäre für weiterführende Forschung die Bedeutung des Ortes näher zu untersuchen. Beim „Spot-Wissen“ (Bock 2017: S. 186), handelt es sich dabei um das Wissen über szenespezifische Orte, Treffpunkte, zu befahrende Objekte, Partys, Events, Contests, Vorführungen oder Messen. Inwiefern dieses 89 Wissen in den Aneignungsprozess beim Skateboarding integriert ist, bedarf weiterer Untersuchungen. Da ferner die unterschiedlichen „Handlungserfahrungen“ (Bender/Schnurnberger 2018: S. 91), die Menschen machen und haben, wesentlichen Einfluss auf das haben, was in bestimmten Situationen gesehen wird, ‚sehen’ erfahrene Skater ihre Umgebung auf spezifische Art und Weise. Diese Sicht zu rekonstruieren, um dergestalt die Wahl spezifischer Skateorte deutend zu verstehen, könnte ebenfalls Fokus weiterer Forschung sein. Auch die Rolle digitaler Medien und hier besonders sozialer Netzwerke wie Instagram oder Facebook, aber auch Videokanäle wie YouTube, eröffnen vielfältige „Partizipations-, Kollaborations- und (Selbst-)Darstellungsmöglichkeiten“ (Bock 2017: S. 190). Zusätzlich können durch online medial hergestellte Angebote skatespezifische Bewegungen dank Slow-Motion Funktion immer wieder angesehen werden, um somit „genaueste Einblicke in einzelne Bewegungsabfolgen“ (ebd.: S. 190) zu bekommen. Ob und inwiefern diese Art des mimetischen Lernens für den Aneignungsprozess eine Rolle spielt, könnte Gegenstand weiterer Forschungsvorhaben sein. 90 7. Literaturverzeichnis Alkemeyer, Thomas; Rigauer, B. und Sobiech, G. (2005): Einführung. In: Dies. (Hrsg.): Organisationsentwicklungen und De- Institutionalisierungsprozesse im Sport. Schorndorf: Hofmann. S. 7-19). Atencio, Matthew und Beal, Becky (2013): “It Ain’t Just Black Kids and White Kids“: The Representation and Reproduction of Authentic „Skurban“ Masculinities. In: Sociology of Sport Journal. 30. S. 153-172. Baumgart, Franzjörg (2008): Theorien der Sozialisation. 4. Auflage. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. Beal, Becky (1995): Disqualifying the Official: En Exploration of Social Resistance Through the Subculture of Skateboarding. In: Sociology of Sport Journal. 12: S. 252-267. Beal, Becky und Weidman, Lisa (2003): Authenticity in the Skateboarding World. In: Faculty Publications. Published Version. 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Aufgerufen am 21.08.18. 98 Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Kompetenztrias (Kirchner 2018: S. 28) 10 Abb. 2: skatespezifische Literatur aus dem englischsprachigen Raum 13 Abb. 3: skatespezifische Literatur aus dem deutschsprachigen Raum 14 Abb. 4: Durchführung eines unsauberen Heelflips 27 Abb. 5: Fußstellungen v. l. n. r.: Regular, Regular, Goofy, Goofy 29 Abb. 6: Das Pushen (Regular) 30 Abb. 7: Der Ollie 31 Abb. 8: Turnschuhe zum Skaten? 33 Abb. 9: Skateschuhe 34 Abb. 10: Nutzung des Skateparks zur Ausführung eines Heelflips 39 Abb. 11: Aspekte der ‚richtigen’ Körperhaltung 40 Abb. 12: Schulterposition 41 Abb. 13: Der Drop In 45 Abb. 14: Sturz in die Mini Ramp 46 Abb. 15: Verletzung durch Board Kante 48 Abb. 16: Positive Emotionen im Aneignungsprozess 54 Abb. 17: Spezifische Bereiche der Abnutzung 56 Abb. 18: Lenkgummis zwischen Ober- und Unterteil der Achsen 57 Abb. 19: Ollie Loch 59 Abb. 20: Heelflip Fußstellung 60 Abb. 21: Spezifische Reibung zwischen Griptape und Schuh beim Heelflip 62 Abb. 22: Abnutzungsspuren durch Heelflip 63 Abb. 23: Reparatur an Schuh-Außenseite 65 Abb. 24: Können - Bedingungen für den „sauberen“ Heelflip 76 Abb. 25: Heelflip Abfolge (v.l.n.r.) aus Slow-Motion Videodatei 80 Abb. 26: Dürfen in unterschiedlichen Kontexten 83 Abb. 27: Nicht-Dürfen beim Typus „nerviges“ Skaten 87 Abb. 28: Bedingungen des Aneignungsprozesses 89 99 Glossar73 Bank: Bezeichnet gerade, ebenflächige Rampen. Basics: Grundlegende skatespezifische Tricks wie Ollie, Kickflip, Heelflip und Pop Shuv- It; auch Grinds wie Boardslide und 50-50. Board: Auch Deck genannt. Bezeichnet das Brett des Skateboards. Wird in vielen Fällen jedoch auch synonym für das gesamte Skateboard inklusive Achsen und Rollen verwendet. BS (Backside): Verweist auf die Drehrichtung des Oberkörpers. Die Rückenseite leitet die Drehung dabei ein. Catchen: Bezeichnet das ‚Fangen’ des Skateboards mit den Füßen in der Luft, um in die anschließende Landung übergehen zu können. Coping: Rundes Metallrohr am obersten Bereich einer Rampe. Üblicherweise wird die Coping zum Ausführen von Grinds, Slides, Lip Tricks oder Drop-Ins genutzt. mein auf Steinkanten, die sowohl in Skateparks als auch im öffentlichen Raum zu finden sind. Üblicherweise werden diese eingewachst um die Rutschfähigkeit beim Sliden und Grinden zu verbessern. Deck: Siehe Board. Drop-In: Das Hereinfahren in eine Half Pipe, Mini Ramp oder Quarter Pipe an der Coping. Fakie: Beschreibt das Rückwärtsfahren auf dem Skateboard. Falls Tricks im Fakie ausgeführt werden, wird dieser Begriff dem Tricknamen vorangestellt. Flat: Bezeichnet einerseits die flache Ebene im unteren Bereich der Half Pipe, andererseits wird mit diesem Begriff auf gerade Flächen, auf denen geskatet werden kann, verwiesen. 73 Die in der Arbeit in kursiv gesetzten Begriffe werden im vorliegenden Glossar erläutert. 100 Flips: Flip Tricks bezeichnen all jene Tricks, bei denen das Skateboard Rotationen um die eigene Achse ausführt. Diese Rotationen können dabei in unterschiedlichster Form ausgeführt werden. FS 180°: Eine 180 Grad Drehung mitsamt dem Skateboard. FS (Frontside) verweist dabei auf die vordere Schulter, welche die Drehung (öffnend) einleitet. Gap: (engl. „Lücke“ oder „Abstand“) verweist allgemein auf Sprünge, die das Überwinden von einer größenvariierenden Kluft miteinbezieht. Goofy: Bezeichnet die Fußstellung, bei der das rechte Bein vorne und das linke Bein hinten auf dem Skateboard platziert ist. Grabs: (engl. „Griffe“) bezeichnen Tricks, bei denen die Skatenden das Skateboard im Sprung, aber auch in der Fahrt, mit einer oder beiden Händen greifen. Grinds: Bezeichnen Tricks, die das „Rutschen“ von mindestens einer Achse über Kanten oder Rohre miteinbezieht. Griptape: Schmirgelpapier ähnlicher Aufkleber, der auf das Deck geklebt wird. Durch die raue Oberfläche wird ein Herumrutschen auf dem Skateboard vermieden. Zusätzlich wird die Durchführung etlicher Tricks durch die erhöhte Haftbarkeit zwischen Skateschuh und Griptape erhöht. Half Pipe: Eine große Rampe in Form eines halben Rohres mit Vert. Beginnt bei einer Höhe von 2 Metern und mehr. Heelflip: Eine Rotation des Skateboards um die eigene Längsachse. Die Rotation wird durch ein Hinwegstoßen des vorderen Standfußes eingeleitet. Kann in unterschiedlicher Weise mit anderen Tricks und Rotationen kombiniert werden. Kickflip: Ähnlich wie beim Heelflip, nur rotiert das Skateboard in Richtung des Skatenden. Line: Eine Aneinanderreihung von unterschiedlichen Tricks entlang einer vom Skatenden selbst gewählten Route. Die Länge der Route sowie die Anzahl und Varianz der ausgeführten Tricks (es kann auch 101 nur eine Route gefahren werden, ohne Tricks auszuführen) können dabei unterschiedlich ausfallen. Lip Tricks: Bezeichnet Tricks, die beim Befahren von Half Pipes, Quarter Pipes oder Mini Ramps auf der Coping ausgeführt werden. Manual/Nose Manual (auch Wheelie/Nose Wheelie): Bezeichnet das Fahren auf nur einer der beiden Achsen. Mini Ramp: Eine Variante der Half Pipe, wobei die Höhe mit 1-2 Meter deutlich geringer ist. Zusätzlich ist die Mini Ramp nicht mit einem Vert ausgestattet. Mongo Pushing: Das Anschwunggeben mit dem jeweiligen vorderen Standbein. Gilt in der Szene aus ästhetischen und technischen Gründen als verrufen (statt einem Bein müssen beide Beine in die Grundposition gebracht werden, um nach dem Anschwunggeben weiterzufahren). Nollie: Abkürzung für Nose Ollie. Der Ollie wird mit dem vorderen Bereich des Skateboards (Nose) ausgeführt, wobei die Grundhaltung beigehalten wird. Nose: Vorderer Bereich des Decks, der nach oben gewölbt ist. Noseslide: Das Rutschen über Kanten und Rohre mit Hilfe der Nose des Skateboards. Ollie: Bezeichnet das Springen mit dem Skateboard bei Zuhilfenahme beider Beine. Gilt besonders für den Street Bereich als unentbehrlich, da hiermit auf und über Objekte gesprungen werden kann. Höhe und Weite können unterschiedlich variieren. Pop: Das Herunterdrücken der Tail auf den Boden, um z.B. den Ollie besonders hoch auszuführen. Pushen: Bezeichnet das Anschwunggeben beim Skaten. Üblicherweise wird mit dem jeweiligen hinteren Standbein Anschwung gegeben. Als Variante gilt das Mongo Pushen. Quarter Pipe: (engl. „Viertelrohr“) bezeichnet eine einzelne, viertelgroße Rampe. 102 Rampe: Sammelbegriff für unterschiedliche Rampen, die sich meistens in Skateparks finden lassen. Üblicherweise werden diese verwendet, um höhere Sprünge auszuführen. Regular: Bezeichnet die Fußstellung, bei der das linke Bein vorne und das rechte Bein hinten auf dem Skateboard positioniert ist. sauber: Verweist üblicherweise auf eine technisch einwandfreie Ausführung einer skatespezifischen Bewegung. Scooter: „Roller“ oder „Cityroller“. Session: Bezeichnet den spezifischen Zeitraum, in dem an einem spezifischen Ort geskatet wird. S.K.A.T.E./Game of Skate: Beliebtes Spiel, das zwischen mindestens zwei Skatern ausgetragen werden kann. Derjenige Spieler, der an der Reihe ist, legt einen Trick (meistens auf gerader Ebene) vor, der vom nachfolgenden Spieler nachgemacht werden muss. Gelingt dies nicht, so erhält dieser Spieler einen Buchstaben des Wortes „SKATE“. Hat ein Spieler alle Buchstaben erhalten, so ist das Spiel verloren. Gelingt es dem nachfolgenden Spieler den Trick nachzumachen, so wird diese Prozedur so lange fortgeführt, bis die Vorgabe des ersten Spielers misslingt. Ist dies der Fall, so ist nun der andere Spieler an der Reihe einen Trick vorzulegen. Zu beachten ist weiterhin, dass jeder erfolgreich ausgeführte Trick nur einmal vorgelegt werden darf. Skatepark: Speziell für Skateboarder, BMX Fahrer, Inliner oder Scooter eingerichtete Plätze (oder auch Hallen, dann Skatehalle), auf denen unterschiedliche Rampen, Curbs und Rails zum Skaten platziert sind. Slides: Das „Rutschen“ auf Kanten und Rohren mit dem Deck des Skateboards. Spot: Verweist auf einen bestimmten Ort, an dem geskatet wird. Stehen: Bezeichnet die erfolgreiche Ausführung einer skatespezifischen Bewegung. Street Skateboarding: Bezeichnet das Skaten im öffentlichen Raum. Üblicherweise werden die skatespezifischen Bewegungen in Städten und Vororten ausgeführt. Besonders das Herunterspringen von Trep- 103 penstufen, das Grinden und Sliden an Geländern, Sitzbänken oder Steinkanten sowie das Befahren von Straßen und Fußwegen machen das Street Skateboarding aus. Da diese Art der Nutzung öffentlichen Raums teilweise illegal ist (z.B. Vandalismus), ist diese Art zu Skaten häufig mit Konflikten verbunden. Kann auch auf die Bereiche innerhalb Skateparks verweisen, in dem sich Curbs, Rails und Treppenstufen befinden. Switch: Bezeichnet das Fahren bei umgekehrter Fußstellung. Da sich bei den meisten Skatenden eine favorisierte Fußstellung entwickelt (entweder Goofy oder Regular), wird mit Switch auf die gewechselte (meist ungeübtere) Fußstellung verwiesen. Tail: Hinterer Bereich des Decks, der nach oben gewölbt ist. Transition: Der runde Übergang vom Flat Bereich in eine Half Pipe oder Quarter Pipe. Verweist zudem darauf, in Rampen wie Half Pipes, Quarter Pipes oder Mini Ramps zu skaten. Tricks: Sammelbegriff für die unterschiedlichsten Ausführungen von Grinds, Flips, Grabs usw. beim Skateboarding. Vert: Bezeichnet den senkrechten Teil einer Half Pipe zwischen Coping und Transition. Teilweise wird der Begriff auch synonym dafür verwendet, um auf das Skateboarding im Rampenbereich zu verweisen (in Abgrenzung zum Street Skateboarding). 104

Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.

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Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.