6. Zusammenfassung und Ausblick in:

Pao Nowodworski

"Gestanden!" Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding, page 88 - 90

Eine lebensweltanalytische Ethnographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4369-1, ISBN online: 978-3-8288-7349-0, https://doi.org/10.5771/9783828873490-88

Tectum, Baden-Baden
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6. Zusammenfassung und Ausblick In der vorliegenden Ausarbeitung sollte zum Ausdruck kommen, dass die mannigfaltigen Bedingungen, die beim Aneignungsprozess im Skateboarding, resp. bei der Aneignung des Heelflips, relevant sind bzw. sein können (Abb. 28), in der Analyse berücksichtigt werden müssen. Dass hier nicht nur alleine das körperbezogene „Learning by Doing“ (Peters 2016: S. 248), was in dieser Arbeit mit „Akkumulation von Körperwissen“ beschrieben wurde, als alleinstehende zentrale Bedingung im Aneignungsprozess gesehen werden kann, wurde entlang des Kompetenzmodells mit dem Beziehungsgeflecht aus Können, Wollen, Dürfen (vgl. Pfadenhauer 2010: S. 155) untersucht. Ferner wurde diesem Beziehungsgeflecht auch das szenespezifische Wissen um die materiellen Bedingungen, die für das Skaten konstitutiv sind hinzugefügt. Besonders thematisiert wurden hier das Skateboard und der Skateschuh. Da es sich um eine „voraussetzungsvolle Sportart“ (Hitzler/Niederbacher 2010: S. 133) handelt, erfordert das Skaten basale körperliche Grundfähigkeiten wie das Stehen, Fahren, Lenken oder Anschwunggeben auf und mit dem Skateboard. Diese Grundfähigkeiten wurden mit dem anfangs im Analyseteil vorgestellten Problematiken des Einstiegs betrachtet: Hierbei zählt das Wollen, überhaupt zu skaten und dies auch weiterhin zu tun bzw. zu wollen, eine zentrale Rolle. Die komplexe Differenzierung des Skaten-Könnens – also vom bloßen Stehen zum sauberen Landen – ist hierbei eng verzahnt mit der Rolle der Gemeinschaft: Der (mimetische) Lernprozess erfolgt größtenteils innerhalb der Gemeinschaft und variiert in seiner Wirksamkeit abhängig vom Grad der Anonymität gegenüber der Vertrautheit unter den Beteiligten. Der dabei hochkomplexe und meist auch implizit wirkende Aushandlungsprozess über die Berechtigung skaten zu dürfen, hat zusätzlichen Einfluss auf den je betreffenden Lernprozess. Anders ausgedrückt: Wer Anerkennung erfährt und skaten ‚darf’, hat größere Chancen, die Vorteile des Skatens in der Gemeinschaft im eigenen Lernprozess wirksam werden zu lassen, als diejenige Person, die eben nicht berechtigt ist zu skaten und durch mal mehr und mal weniger explizite Ausgrenzungspraktiken vom Dazugehören ausgeschlossen ist. Die folgende Grafik fasst die zentralen Bedingungen des Aneignungsprozesses zusammen. 88 Abb. 28: Bedingungen des Aneignungsprozesses Zusammenfassend soll hervorgehoben werden: All den hier aufgeführten Bedingungen liegt zugrunde, dass die spezifischen Körperhandlungen eben selbst von der praktizierenden Person ausgeführt werden müssen, um diese umfangreich zu verstehen – bloße Anleitungen und Beobachtungen reichen hierfür nicht aus (vgl. Brosziewski/Maeder 2010: S. 405). Um ein ganzheitliches Bild über den Aneignungsprozess im Skaten zu erhalten, wäre für weiterführende Forschung die Bedeutung des Ortes näher zu untersuchen. Beim „Spot-Wissen“ (Bock 2017: S. 186), handelt es sich dabei um das Wissen über szenespezifische Orte, Treffpunkte, zu befahrende Objekte, Partys, Events, Contests, Vorführungen oder Messen. Inwiefern dieses 89 Wissen in den Aneignungsprozess beim Skateboarding integriert ist, bedarf weiterer Untersuchungen. Da ferner die unterschiedlichen „Handlungserfahrungen“ (Bender/Schnurnberger 2018: S. 91), die Menschen machen und haben, wesentlichen Einfluss auf das haben, was in bestimmten Situationen gesehen wird, ‚sehen’ erfahrene Skater ihre Umgebung auf spezifische Art und Weise. Diese Sicht zu rekonstruieren, um dergestalt die Wahl spezifischer Skateorte deutend zu verstehen, könnte ebenfalls Fokus weiterer Forschung sein. Auch die Rolle digitaler Medien und hier besonders sozialer Netzwerke wie Instagram oder Facebook, aber auch Videokanäle wie YouTube, eröffnen vielfältige „Partizipations-, Kollaborations- und (Selbst-)Darstellungsmöglichkeiten“ (Bock 2017: S. 190). Zusätzlich können durch online medial hergestellte Angebote skatespezifische Bewegungen dank Slow-Motion Funktion immer wieder angesehen werden, um somit „genaueste Einblicke in einzelne Bewegungsabfolgen“ (ebd.: S. 190) zu bekommen. Ob und inwiefern diese Art des mimetischen Lernens für den Aneignungsprozess eine Rolle spielt, könnte Gegenstand weiterer Forschungsvorhaben sein. 90

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Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.