2. Wissenssoziologische Ausgangslage in:

Pao Nowodworski

"Gestanden!" Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding, page 5 - 9

Eine lebensweltanalytische Ethnographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4369-1, ISBN online: 978-3-8288-7349-0, https://doi.org/10.5771/9783828873490-5

Tectum, Baden-Baden
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grenzung zum traditionellen Vereinssport finden die spezifischen Aktivitäten der Gemeinschaft losgelöst von festen Trainingszeiten und Einheiten statt, wobei Zufälligkeit, Kurzweile und Unverbindlichkeit charakteristisch für das Zusammenkommen sind (vgl. Gebauer/Alkemeyer 2001: S. 125). Jedoch zielt das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit auf die Kernaktivität im Skateboarding - dem Skaten. Hieran anknüpfend soll der Prozess der Aneignung dieser Kernaktivität, also der Frage danach, wie überhaupt das Skaten gelernt wird, behandelt werden. Als theoretische Grundlage soll im nächsten Kapitel mit der Aneignung durch „Körperwissen“ (Keller/Meuser 2011) eine körperund wissenssoziologische Perspektive eingenommen und erläutert werden. 2. Wissenssoziologische Ausgangslage Um auf die körpersoziologische Bedeutung des Körperwissens näher einzugehen, soll zunächst die Bedeutung von Wissen in der Gesellschaft aus wissenssoziologischer Perspektive betrachtet werden. Wissenssoziologie hat hierbei als Aufgabe, sich mit all denjenigen Dingen zu beschäftigen, die in einer Gesellschaft als Wissen gelten; die Frage, von wem dieses Wissen dabei als gültig oder ungültig bewertet wird, spielt zunächst keine Rolle (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 3). Vielmehr geht es im wissenssoziologischen, empirisch zu rekonstruierenden Verständnis darum, „zu verstehen, wie Bedeutungen entstehen und fortbestehen, wann und warum sie „objektiv“ genannt werden können, und wie sich Menschen die gesellschaftlich objektivierten Bedeutungen wiederum deutend aneignen, aus diesen objektivierten Bedeutungen ihre je subjektiven Sinnhaftigkeiten herausbrechen und dadurch wiederum an der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit mitwirken.“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 14) In diesem Kreislauf der Wirklichkeitskonstruktion ist es gerade für die vorliegende Arbeit von hoher Bedeutung, die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit im Subjekt anzusiedeln (vgl. Honer 1993: S. 15). In diesem Zusammenhang wird der Begriff „Welt“ allgemein verstanden als eine Vielfalt von Wirklichkeiten; die Alltagswelt ist dabei die zentrale objektivierte Wirklichkeit (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 23), in ihr befindet sich das Subjekt im „Hier“ (Körper) und „Jetzt“ 5 (Gegenwart) (vgl. ebd.: S. 25). Die Menschen befinden sich in einer intersubjektiven, geteilten Welt (vgl. ebd.: S. 25). Diese Welt wird durch „Jedermannswissen“ (ebd.: S. 26) geteilt: Es handelt sich dabei um gemeinsames Wissen, das die Menschen zur Bewältigung ihres Alltags miteinander teilen. Gebrochen wird dieses routinierte „Jedermannswissen“ durch andere Wirklichkeiten, genannt „Sinnprovinzen“ oder „Enklaven“ (ebd.: S. 28). Honer formuliert dieses Heranziehen unterschiedlicher Wissensvorräte wie folgt: „Die Orientierung in der Lebenswelt erfolgt im Rekurs auf einen typologisch strukturierten, subjektiven Wissensvorrat, der wiederum in einer komplexen Beziehung steht zu ebenfalls typologisch angelegten gesellschaftlichen Wissensvorräten.“ (1993: S. 16) Für die Erkundung der Skate- Szene scheint insbesondere das Sonderwissen (vgl. ebd.: S. 17), welches nur bestimmten Menschen in bestimmten Kontexten zugänglich ist, von Bedeutung zu sein. Wird der Gültigkeitsbereich des Sonderwissens komplexer und folgt einer Eigenlogik, so kann so etwas wie eine eigene „Pädagogik“ (ebd.: S. 18) des Sonderwissens entstehen. Die Anderen – also unsere Mitmenschen – werden in unserer Alltagswelt und auch in den Sinnprovinzen in Vis-à-Vis Situationen erlebt; alle anderen Interaktionsformen werden hiervon abgeleitet (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 31). Je weiter sich von diesen Vis-à-Vis Situationen entfernt wird, desto anonymer gestalten sich diese Interaktionen und es entstehen Typisierungen (vgl. ebd.: S. 34): Beispielsweise kann dann die Rede sein vom „typischen Skater“. Die so genannten Objektivationen, also menschliche Erzeugnisse, entstehen durch menschliche Tätigkeiten und durch diese wird die Wirklichkeit der Alltagswelt erst real (vgl. ebd.: S. 37). Sprache gilt hierbei „als wichtigstes Zeichensystem der menschlichen Gesellschaft“ (ebd.: 39), durch sie kann subjektiv gemeinter Sinn erst zum Ausdruck kommen. Sprache typisiert dabei hochgradig, so dass eine gemeinsam verständliche Sinnbasis entstehen kann (vgl. ebd.: S. 41). Das Besondere zeigt sich hier dann im jeweiligen Sprachgebrauch: „Enklaven haben teil an zwei Wirklichkeitssphären“ (ebd.: S. 42) und die Sprache kann dabei als Bindeglied zwischen diesen Sphären verstanden werden. Die Distribution von Wissen kann unterschiedlichste Ausmaße annehmen, da Menschen an unterschiedlichen Orten und Zeitpunkten über unterschiedliches Wissen verfügen (vgl. ebd.: S. 47). Zu wissen, 6 wie Wissen verteilt ist, mit wem welches Wissen geteilt werden kann oder von wem welches Wissen erwartet werden kann, ist von fundamentaler Bedeutung in der Bewältigung des Alltags und der Sinnprovinzen (vgl. ebd.: 48). Demnach wissen Skater, worüber sie mit anderen Skatern reden können (z.B. über die Ausführung skatespezifischer Bewegungen oder das Terrain auf welchem geskatet wird), welche Personen über welches Wissen verfügen und was von ihnen erwartet werden kann („frag mal den da drüben, der skatet immer hier, der weiß wo man noch gut skaten kann“4). Da Erfahrungen jedoch nicht in ihrer Ganzheit konserviert werden können, sprich Menschen nicht alles behalten können was sie erleben (das was bleibt wird als Sediment bezeichnet), dient die Sprache als eine Art „Werkzeug“, um anderen ihre gespeicherten Sedimente mitzuteilen. Auf diese Weise können anderen Personen Erfahrungen vorweggenommen werden, wie z.B. das Ausprobieren giftiger Nahrung (vgl. Berger/Luckmann 1966: S. 48). Auch in den körperbezogenen Aktivitäten können durch Zeigen, Vormachen und Nachmachen auf spezifische korporale Erfahrungen hingesteuert werden. Inwiefern hierbei das Körperwissen eine Rolle spielt, wird im nächsten Abschnitt beschrieben. 2.1 Aneignung durch Körperwissen Im Sozialisationsprozess eignen sich Menschen Wissen an; Wissen über die soziale, kulturelle und auch natürliche Umwelt (vgl. Baumgart 2008: S. 11). Neben der Entwicklung normativer Einstellungen und Verhaltensmuster lässt sich der Lern- und Sozialisationsprozess auch an den persönlichen „Empfindungen und Ausdrucksformen des Körpers“ (ebd.: S. 11) ‚ablesen’. Ferner leitet Baumgart den Sozialisationsprozess einem intendierten und auch nicht intendierten Lernen ab, welches spontan und aktiv in Interaktion mit der jeweiligen Umwelt stattfindet (vgl. ebd.: S. 11). Das Körperwissen, so Keller/Meuser, lässt sich aus einer körper- und wissenssoziologischen Betrachtung unterscheiden in „Wissen vom Körper“ und „Wissen des Körpers“ (Keller/Meuser 2011: S. 9ff.). Ersteres bezieht sich auf das kognitive und objektivierte Wissen über den Körper: Hierzu zählt tradiertes Wissen über Körperlichkeit und „ihre Performanz einschließlich der darin verwickelten normativen 4 Die Postscripte sind im Verlauf dieser Arbeit mit Anführungszeichen markiert. 7 Folien und Normalisierungen“ (ebd.: S. 9), wie beispielsweise das Wissen über den Geschlechtskörper, aber auch spezialisiertes Sonderwissen einzelner Personen oder Institutionen (z.B. das professionelle anatomische Wissen von Chirurgen). Letzteres, „Wissen des Körpers“ meint das körpereigene Wissen und versteht den Körper als Träger von Wissen, wobei dieses Wissen kaum oder gar nicht in kognitive Prozesse übertragen werden kann (vgl. ebd.: S. 10). Zu dieser Art des Wissens zählen basale Körperfähigkeiten wie das Gehen, Fühlen, Greifen usw., aber auch Körperreflexe, die zum eigenen Schutz dienen. In diesem Zusammenhang verweist Honer auf das „korporale Gedächtnis“ (1993: S. 68): Dieses fasst jenen nicht-explizierbaren Wissensbereich des körperlichen Könnens zusammen. Dessen Verbalisierung sei in der Bewältigung des normalen Alltags praktisch auch äu- ßerst umständlich und unnötig (vgl. ebd.: S. 68). Um sich jedoch in der Welt zu bewegen, bedarf es einerseits der Wahrnehmung dieser und andererseits dem Wissen zur Definition sozialer Situationen (vgl. Bender/Schnurnberger 2018: S. 59). Über diese basalen Körperfähigkeiten hinaus lassen sich besondere Arten von Körperwissen durch Lernarrangements entwickeln: „Freilich führen auch Lern- und Sozialisationsprozesse in Trainings über die elementaren Körperfertigkeiten hinaus zu einem Körperwissen, das zwar durchaus als explizites Wissen objektiviert sein kann, seine Relevanz jedoch gerade in dem Maße entfaltet, wie es gleichsam in den Körpern und aus den Körpern heraus agiert.“ (Keller/Meuser 2011: S. 10) Die Körpersoziologie des Sports beschäftigt sich neben Körperpraktiken und performativen Körperhandlungen im Besonderen auch mit dem inkorporierten Körperwissen (vgl. Gugutzer 2017: S. 315). Gerade anhand der vielseitigen Sportarten kann aufgezeigt werden, „dass die Aneignung von Körperwissen in einem praktischen, vorreflexiven Lernen“ (Meuser 2017: S. 255) stattfindet. Bock verweist im Besonderen auf die Rolle der Körperlichkeit beim Skaten und der „Aneignung ‚skatespezifischer Bewegungen’“ (2017: S. 13). Diese findet durch ständige „Erinnerungsarbeit“ (Müller 2016: S. 171) der Beteiligten statt. Das spezifische bewegungsbezogene Wissen, welches beim Skateboarding erworben wird, ‚bedient’ sich dieser routinierten Erinnerungsarbeit – dem ständigen Skaten. Da hier das „Wissen grundsätzlich im Tun wird“ (ebd.: S. 172), dient das Training als 8 Akkumulator des Wissens vom und des Körpers im wechselseitigen Prozess. Durch wiederkehrendes Trainieren, sei dies nun im Kontext formeller bzw. informeller Trainingseinheiten, eignet sich die praktizierende Person spezifisches Körperwissen an, welches durch Akkumulation eben angehäuft und erweitert werden kann: „Im und durch Training werden spezifische Fertigkeiten und damit ein spezifisches Wissen körperlich erarbeitet: der Körper eines/r Sportlers/in wird im Training mit dem Ziel (kommunikativ) geschult und sozialisiert, um einen für die jeweilige Sportart spezifisch ausgebildeten, kompetenten und Handlungsfähigen „Bewegungsapparat“ [...] zu formen.“ (Singh 2018: S. 206) Diese Ausbildung eines kompetenten und handlungsfähigen Bewegungsapparats gründet sich also auf einen Lern- und Aneignungsprozess. Hieran anknüpfend können mit Hilfe des Kompetenzmodells (Pfadenhauer 2008) die Bedingungen, die bei der Aneignung von Kompetenzen beim Skaten eine Rolle spielen, berücksichtigt werden. 2.2 Zum Kompetenzerwerb Aus soziologischer Perspektive werden Kompetenzen als „sozial zugeschriebene Qualitäten, die sich über vielgestaltige Kommunikationen und Interaktionen manifestieren“ (Kurtz 2010: S. 8), verstanden. Diese Qualitäten lassen sich auch enger fassen mit dem Begriff der „Fähigkeit bzw. Befähigung“ (Pfadenhauer 2010: S. 150). Außerdem verweisen Kompetenzen auf die Zuständigkeiten oder Befugnisse von Institutionen und einzelnen Personen (vgl. ebd.: S. 150), die es ermöglichen, die eben genannten Fähigkeiten in Handlungen umzusetzen. Schließlich kommt zu der Kompetenz der Aspekt der Bereitschaft hinzu. Demnach fasst Pfadenhauer den Kompetenzbegriff wie folgt zusammen: „Kompetenz ist als das – die Tätigkeitsmodifikationen Können, Wollen und Dürfen bzw. Müssen umfassende – Vermögen zur iterativen Problemlösung zu begreifen“ (ebd.: S. 155). Für das in dieser Arbeit relevante Forschungsinteresse wird Kompetenz verstanden als, „die subjektiv wahrgenommene Selbstwirksamkeit im eigenen Handeln und darin wiederholten Lösen von bestimmten Handlungsproblemen [...] welche im Rückgriff auf Fähigkeiten und 9

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Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.