5. Analyse in:

Pao Nowodworski

"Gestanden!" Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding, page 23 - 87

Eine lebensweltanalytische Ethnographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4369-1, ISBN online: 978-3-8288-7349-0, https://doi.org/10.5771/9783828873490-23

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
(veraltete) Vorstellungen und Erfahrungen bezüglich der Kernaktivität des Skatens. Und da mittlerweile bis zu meinem ‚Wiedereinstieg’ 13 Jahre vergangen sind, haben sich diese Erfahrungen in bruchstückhafte Erinnerungen abgelagert, welche es zunächst zu rekonstruieren galt, um dann meine über die Jahre entstandenen stereotypisierten Vorstellungen zu reflektieren. Der Feldzugang lässt sich aufgrund der bereits vorhandenen Erfahrungen daher als ‚einfach’ beschreiben, da ich beim Eintritt in einen Skatepark beispielsweise ‚weiß’, was ich dort zu tun habe. Auch der Eintritt in einen gefühlten „konjunktiven Erfahrungsraum“ (Mannheim 1980) verlief stellenweise wie von selbst, da die Gespräche innerhalb des Feldes ungezwungen, ‚echt’ und Interesse zueinander bekennend stattfanden. Hieran anschließend lässt sich auch das Problem der Gültigkeit von Felddaten thematisieren, da sich dieses, so Honer, mit Hilfe von Vertrauen, welches auf lang andauerndem persönlichen Kontakt beruht, zumindest teilweise bewältigen lässt (vgl. Honer 1993: S. 57). 5. Analyse Die Kernaktivität des Skatens lässt sich mit dem ‚eigentlichen’ Skaten beschreiben. Besonders das Ausführen unterschiedlicher Tricks (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 184) ist hier von hoher Bedeutung. Es wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass das Körperwissen eine zentrale Rolle für den Aneignungsprozess beim Skaten spielt. Dabei ist das Körperwissen untrennbar mit den eigenen gemachten Erfahrungen verbunden. Diese gemachten Erfahrungen sensibilisieren die eigene Wahrnehmung bezüglich der skatespezifischen Bewegungen am eigenen Handeln, aber auch an jenen Bewegungen anderer Skater (seien diese nun ‚in echt’ vor Ort oder medial präsentiert). Bender/Schnurnberger kontrastieren diesen sensiblen Blick mit dem unerfahrenen Blick bewegungsungeübter Außenstehender: „Bewegungsungeübte Beobachterinnen [...] können die für die Bewegungshandlung wesentlichen kleinen Details und Strukturen nicht visuell wahrnehmen, sie sehen beim Beobachten das, was sie sehen, den Horizont für die eigenen Wahrnehmungen bilden dabei jeweils die Gesamtheit der gemachten eigenen Bewegungs- und Handlungserfahrungen“ (2018: S. 90). Um den Aneignungsprozess durch das Körperwissen analytisch darzustellen, wird eine Mischung aus einer zeitlich linearen sowie phänomenzentrierten Darstellung der Analyseergebnisse bevorzugt, da, so das Verständnis, auch das Körperwissen beim Skateboar- 23 ding auf akkumulierte Skateerfahrungen, die einfach Zeit in Anspruch nehmen, beruht. Bei den zeitlich linearen Darstellungen der Ergebnisse werden die Phänomene jedoch nicht ausschließlich im Kontext des jeweiligen Zeitpunktes der Erhebung betrachtet, sondern auch in Bezug gesetzt zu früheren bzw. späteren Feldaufenthalten. Der gesamte Verlauf der ethnographischen Feldarbeit der vorliegenden Arbeit, wird im Folgenden als Datum für den Aneignungsprozess des Heelflips verwendet. Beim Aneignen, Variieren und Verbessern des Tricks spielten unterschiedlichste Bedingungen unterschiedlichste Rollen, welche im weiteren Verlauf dargestellt werden. 5.1 Der Heelflip als prototypischer Trick des Aneignungsprozesses durch Körperwissen – die Ausgangslage Mit Bemerkungen wie „Ich kann nur Kickflip, Heelflip hab ich nie gelernt“ oder „Bin beim Heelflip hängengeblieben, Kickflips krieg ich kaum hin“ haben andere Skater, die ich während meiner Feldaufenthalte kennengelernt habe, auf ihre speziellen trickbezogenen Vorlieben und Abneigungen verwiesen. Der Kickflip wie auch der Heelflip zählen mitunter zum basalen körperbezogenem Basiswissen beim Aneignungsprozess im Skateboarding (vgl. Bock 2017: S. 65). Die Ausführung dieser Tricks erfordert ein hohes Maß an körperlicher Koordinationsfähigkeit, so dass zunächst die Frage aufkommen könnte, warum denn diese Tricks als Basis-, oder gar Anfängertricks bezeichnet werden. Diese Frage kann aufgrund eigener Erfahrungen und Gesprächen mit anderen Skatern mit Verweis auf das „weiter, höher, schneller“ Phänomen beantwortet werden, welches sich durch etliche Bereiche im Skateboarding zu ziehen scheint (vgl. Bock 2017: S. 74). Demnach können die genannten „Anfänger“ Tricks relativ unspektakulär (geringe Höhe und im Stand) oder eben spektakulär (z.B. in schwindelerregender Höhe in einer Half Pipe) ausgeführt werden. Die Tricks werden also in Niveaustufen kategorisiert, jedoch verweisen diese Kategorien nicht auf die Bedingungen, unter denen die Tricks ausgeführt werden. Warum gerade der Heelflip? Um auf das Anliegen dieser Arbeit, den Aneignungsprozess anhand des Beispiels vom Heelflip darzulegen, zurückzukommen, muss zunächst geklärt werden, warum gerade dieser spezielle Trick ausgewählt wurde, um Vermutungen über die Wahllosigkeit der Auswahl auszu- 24 schließen. Da ich in meiner frühen Jugendzeit im Alter zwischen 11 und 15 Jahren Skateboard fuhr, verfügte ich bereits vor dem Forschungsvorhaben über basale körperbezogene Wissensvorräte, die meine ‚Wiederkehr’ ins Skaten erleichterten. Da meine Erinnerungen an die damaligen Aneignungsprozesse beim Skaten nur schwer wiederzugeben sind, ich mich jedoch an ein einschlägiges Erlebnis erinnern kann, soll dieses nun, um die wichtige Rolle des Körperwissens zu verdeutlichen, aufgeführt werden. In meinem 15. Lebensjahr verfügte ich nach vier Jahren Erfahrung auf dem Skateboard die nach meinem Empfinden grundlegenden Fähigkeiten: Ich war in der Lage auf dem Skateboard zu stehen, zu fahren (so schnell wie ich wollte), mit dem Skateboard zu springen (der so genannte Ollie) um derart auch kleinere Objekte wie Bordsteinkanten oder Holzbalken zu überwinden. Die Ausführung von Flip17 Tricks jedoch bereitete mir stets Schwierigkeiten, wobei ich mir die Bewegungsabläufe zusammen mit einem damaligen Freund ‚irgendwie’ angeeignet habe. Durch ständiges immer wieder Probieren gelang mir dann irgendwann die Ausführung eines Heelflips im Stand. An die Freude, die mich damals überkam, kann ich mich noch genau erinnern und es fühlte sich so an, als habe man wirklich was Unglaubliches geschafft. Dieses Gefühl war mitunter ein Grund dafür, auch in Hinblick auf die unzähligen und in ihrer Anzahl überwiegenden Misserfolge beim Skaten, trotzdem weiter zu machen, da ich quasi ständig auf der Suche nach diesem Glücksgefühl war. Im Laufe meiner ‚Skate- Laufbahn’ bin ich dann, wie anfangs erwähnt, „beim Heelflip hängengeblieben“ und interessierte mich für die Aneignung anderer Flip Tricks kaum. Neben diesem Aspekt spielte für die Auswahl des Heelflips für diese Arbeit auch die Tatsache, dass mir die Ausführung dieses Tricks einfach Spaß bereitet, eine entscheidende Rolle. Zusätzlich – und dies bemerkte ich beim Anschauen meines ersten Skatevideos – überkam mich der Wille, für diese Forschungsarbeit diesen Trick ‚wirklich zu beherrschen’: also diesen eben nicht ‚einfach nur irgendwie zu landen’, sondern auch zu können. Um dieses Können und diesem Können zugrundeliegenden Aneignungsprozess durch Körperwissen soll es im Folgenden gehen. 17 Flip Tricks beziehen sich auf all jene Rotationen des Boards, die mit Hilfe spezifischer Bewegungen der Füße in der Luft herbeigeführt werden, um anschließend wieder auf dem Board zu landen. 25 Was ist ein Heelflip? Gegen Ende meiner damaligen Skate-Phase hatte ich zusammen mit meinem Vater ein kleines Skatevideo erstellt, auf dem auch einer meiner einzigen archivierten Heelflips zu sehen ist (Abb. 4). Da ich den Heelflip in der Fahrt gestanden18 hatte, war meine Freude und damaliger Stolz besonders groß. Jedoch, und dies fiel mir beim Betrachten dieses Videos auf, hatte ich den Heelflip zwar ausgeführt und gestanden, aber eben nicht sauber oder locker19. Die Videosequenz soll als eine Art Startpunkt der Analyse dieser Arbeit verstanden werden, da sich anhand dieses Videos mein Aneignungsprozess zum Einen visuell und zum Anderen auch zeitlich ablesen und in Relation zu den späteren Heelflip Versuchen setzen lässt. Das wohl auffälligste Merkmal der unsauberen Ausführung des Heelflips in Abb. 4 (Videodatei "Erster Heelflip") lässt sich an der Landung erkennen (Bild 6 und 7): Zunächst sei auf die ‚hölzerne’ Körperhaltung verwiesen, die an der Starrheit der Beine zu erkennen ist. Da ich bei der Landung nicht tief in die Hocke gehe, um so den Sprung abzufedern, sondern beinahe mit geraden Beinen lande, gerät mein Gleichgewicht außer Kontrolle und ich falle beinahe vornüber (angedeutet in Bild 6, deutlich in Bild 7). Auch beim Catchen des Skateboards (Bild 5) fällt auf, dass ich den vorderen Teil des Skateboards fange und in dieser Fußstellung auch lande (Bild 6), genannt Nollie20. In Bild 7 korrigiere ich dann diese Nollie Fußstellung, um wieder in die gewohnte Goofy Stellung (siehe Abb. 5) zu kommen. Dieses Korrigieren der Fußstellung ist ein weiterer Hinweis darauf, dass der Trick nicht sauber durchgeführt wurde, da auch die Weiterfahrt nach einer solchen Landung eher unästhetisch und angespannt aussieht. Dass die Fahrtgeschwindigkeit der gesamten Durchführung eher niedrig ist – dies kann anhand der Bildsequenz nicht nachvollzogen werden – verweist zusätzlich auf den eher unspektakulären Charakter dieses Heelflips. Zuletzt sei auf die Höhe, in der das Skateboard nach der Rotation gefangen wird, verwiesen. Da das Board kurz vor der Landung gefan- 18 Der Unterschied zwischen dem ‚Stehen’ eines Tricks und dessen Können wird an späterer Stelle geklärt. 19 Die Fähigkeit, „locker“, „entspannt“ und „gechillt“ skaten zu können, wurde von vielen Skatern, die ich während meiner Feldaufenthalte kennengelernt habe, hoch geschätzt und auch als ästhetisch sichtbares Merkmal beim Skaten beschrieben. 20 Beim Nollie steht der vordere Fuß, der normalerweise ein Stück weit vor den Achsenschrauben platziert ist, auf der Nose, also dem vorderen Bereich des Skateboards. 26 gen wird (Bild 5), wirkt der Heelflip so als wäre er gerade eben noch geglückt, aber eben nicht kontrolliert und gekonnt ausgeführt21. Abb. 4: Durchführung eines unsauberen Heelflips Die Homepage „skatedeluxe.com“ zählt zu einer beliebten Internetplattform, auf denen skatespezifische Bewegungen erklärt und nach der Logik einer Rezeptanleitung präsentiert werden. Der Bewegungsablauf des Heelflips wird hier wie folgt beschrieben: „Der Heelflip zeichnet sich, ähnlich wie der Kickflip, durch eine Rotation des Boards um die Längsachse aus. Die Drehung erfolgt jedoch in umgekehrter Richtung, da man den Trick mit der Ferse (Heel) flippt. Davon leitet sich auch der Name Heelflip ab“ (Skatedeluxe 2018). Die Rotationsrichtung des Skateboards erfolgt beim Heelflip folglich vom Körper des Skaters hinweg; das Skateboard wird nach außen hin weggedreht, wie in den Bildern 2, 3 und 4 zu erkennen ist. Nachdem also das Skateboard mitsamt dem Skater in die Höhe befördert und eine komplette Rotation des Skateboards durch eine nach-außen-Drehung der Hacke des vorderen Fußes (Bilder 1-4) erfolgt ist, wird das Skateboard mit der Oberseite in der Luft mit den Füßen derartig gefangen22 (Bild 5), dass das Skateboard parallel in Fahrtrichtung landet, um schließlich weiterfahren zu können (Bilder 6, 7). 21 Dies wäre z.B. der Fall, wenn das Skateboard am höchsten Punkt des Sprungs bereits die Rotation abgeschlossen hätte und die Person das Board an eben diesem Punkt fängt. 22 Typischerweise wird das Skateboard nach Ausführung eines Flips in der Luft als erstes mit dem hinteren Standbein gestoppt, um dann vom vorderen Fuß in eine zum Skateboard parallele Position geleitet zu werden, was dann eine erfolgreiche Landung und Weiterfahrt ermöglicht. 27 Der Heelflip, wie auch so gut wie jeder andere Trick beim Skateboarding, kann in unzähligen Kontexten ausgeführt und mit anderen Tricks kombiniert werden. Da im Laufe dieser Arbeit auf einige dieser Variationen noch eingegangen wird, soll an dieser Stelle lediglich darauf hingewiesen werden, dass Variationen in Fahrtgeschwindigkeit, Sprunghöhe, Fußstellung, Terrain oder Art der Skateboard Rotation nur einige Dimensionen des Heelflips beschreiben. Basale Voraussetzungen für die Durchführung des Heelflips In ihrer Dissertation verweist Bock in dem Abschnitt „Körper- bzw. bewegungsbezogenes Basiswissen“ (Bock 2017: S. 64 ff.) auf grundlegende Anfänger Tricks (und deren lexikalisches Basiswissen) die auf unterschiedlichem Terrain ausgeführt werden können. Hierbei zählt beispielsweise der Heelflip zu den Basics die im Flat23 ausgeführt werden (vgl. ebd.: S. 65). Meines Erachtens müssen, bevor ein derartig komplexer Bewegungsablauf durchgeführt wird, die basalen Voraussetzungen, die zum Skaten nötig sind, untersucht werden. Demnach ist die wohl allen anderen skatespezifischen Bewegungen vorangesetzte Bedingung die Fähigkeit, auf dem Skateboard (sicher) stehen zu können, denn ohne eine sichere Körperhaltung und auch damit verbundenen Fußstellung sind schmerzhafte Stürze, bei denen der betreffenden Person beispielsweise das Skateboard unter den Füßen hinwegrutscht, nicht ausgeschlossen. Ausschlaggebend für einen sicheren Stand ist die Haltung des Oberkörpers, denn wenn dieser zu weit nach vorne oder hinten gebeugt ist, kann das Gleichgewicht sehr schnell ins Wanken geraten, wie dies Bock während eines Probetrainings, welches sie im Kontext ihrer Dissertation zur kommunikativen Konstruktion der Skate- Szenekultur absolviert hat, schmerzhaft erfahren musste (vgl. Bock 2017: S. 87). Die sichere Körperhaltung, so meine Annahme, entwickelt sich über die Zeit, die eben damit verbracht wird, auf dem Skateboard zu stehen. Der Stand und das Fahren werden somit irgendwann ‚normal’, eben so normal, wie für die meisten Menschen unserer Kultur das Fahrrad Fahren ist. Auch, wenn ich seit über 13 Jahren so gut wie keinen Körperkontakt mit einem Skateboard hatte, so fühlte sich der erste Tag, an dem ich nun wieder auf einem Skateboard stand kaum ungewohnt oder befremdlich an, da ich mich an das 23 Flat bezeichnet das Fahren auf flachem Untergrund, „aber auch das mittels diverser „Tricks“ mögliche Überspringen von Objekten oder Hindernissen, die sich auf einem solchen Untergrund befinden“ (Bock 2017: S. 65). 28 Gefühl, auf eben jenem Sportgerät zu stehen und mich mit diesem fortzubewegen, erinnern konnte. Grundsätzlich wird bei dem Stand auf dem Skateboard zwischen zwei Varianten unterschieden: der Regular und der Goofy Stellung. Erstere lässt sich daran bestimmen, dass das linke Bein nahe der Nose, also in Fahrtrichtung mit Blick nach vorne, gerichtet ist. Das rechte Bein ist dabei hinten auf dem Skateboard platziert. Bei der Goofy Stellung ist diese Fußstellung umgekehrt (siehe Abb. 5). Abb. 5: Fußstellungen v. l. n. r.: Regular, Regular, Goofy, Goofy Da das Skaten in der Regel nicht nur im Stillstand, sondern größtenteils fahrend bzw. rollend praktiziert wird, sind Anschwunggeben (das sog. Pushen), Lenken sowie das Kurvenfahren notwendige Grundvoraussetzungen für alle weiteren skatespezifischen Bewegungen, wie auch für den in dieser Arbeit zu behandelnden (in der Fahrt ausgeführten) Heelflip. Die folgende Bildabfolge zeigt das so genannte Pushen eines Regular Fahrers. Typischerweise wird der Schwung, der für das Fahren nötig ist, durch ein Wegdrücken vom Boden mit Hilfe des hinteren Standbeins herbeigeführt (Bild 3), woraufhin dieses Bein dann wieder in die reguläre und jeweilige Stellung (in Abb. 6 ist dies Regular) positioniert wird. 29 Abb. 6: Das Pushen (Regular) Was anhand der Bilder nicht zu erkennen ist, ist die nötige Repetition und Intensität des Anschwunggebens. Diese Variablen sind dahingehend wichtig, als dass sie die Geschwindigkeit des Fahrens bestimmen und variieren können. Neben den genannten Grundvoraussetzungen wie Stand, Fußstellung und dem Anschwunggeben zählt zu dem wohl für alle späteren Tricks als konstitutiv zu betrachtendem Basics im Flat der Ollie (Titus Skateboard Guide 2018). Nowodworski et al. beschreiben den Bewegungsablauf der für diesen Trick notwendig ist wie folgt: „Bei einem Ollie beginnt der Skater auf einem rollenden Brett in einer Hockstellung und springt dann unter Einsatz des gesamten Körpers nach oben. In der Aufwärtsbewegung tritt der Skater mit dem hinteren Bein den hinteren Teil (sogenannte Tail) zu Boden (je stärker, umso höher der mögliche Sprung), wodurch der vordere Teil (sogenannte Nose) angehoben wird (sogenannter Pop). Der vordere, zur Brettspitze mit der Außenseite gedrehte Fuß rutscht in Richtung der Nose und bleibt in Kontakt mit dem Board, wobei die Reibung zwischen dem - zu diesem Zwecke schmirgelpapierähnlichem - Griptape des Boards und dem Schuh beim Manövrieren hilft (umso weiter nach vorne der Fuß geschoben wird, umso höhere Sprünge sind möglich). Kurz vor dem vertikalen Höhepunkt des Sprungs zieht der Skater das hintere Bein nach oben zum Oberkörper (je näher an den Oberkörper, umso höher der mögliche Sprung) und bringt mit dem vorderen Fuß das Brett in eine horizontale Position, so dass der hintere Teil des Brettes, ganz so wie das hintere Bein, angehoben wird. Der Skater befindet sich mit dem Board in der Luft und kann anschließend auf den Rollen landen - wobei er zur Abfederung typischerweise mit der Landung in die 30 Hockstellung geht - um weiter auf dem Untergrund zu rollen.“ (Nowodworski et al. 2018. Im Ersch.: S. 8) Die hier beschriebene Abfolge des Ollies ist in folgender Bildsequenz (Videodatei „Ollie“) abgebildet: Abb. 7: Der Ollie Mit der Ausführung und dem Können eines Ollies, also dem Mit-dem- Skateboard-in-die-Luft-Springen, eröffnen sich dem Skaten weitere unzählige skatespezifische Bewegungen24, die durch bloßes Fahren nicht möglich sind. Auch der Heelflip schließt die Ausführung eines Ollies mit ein, denn um diesen ausführen zu können, muss das Skateboard in die Höhe befördert werden. Die in diesem Abschnitt geschilderten Erläuterungen und Bedingungen zur Durchführung des Heelflips sollen als Grundlage für ein besseres Verständnis für die folgenden Analysen der ethnographischen Feldarbeit dienen. 5.2 „Üben, üben, üben“ – Akkumulation von Körperwissen Dass es sich beim Skateboarding um eine Tätigkeit handelt, die nicht von heute auf morgen erlernt werden kann, scheint eine banale, jedoch für die Rolle und Aneignung des Körperwissens zentrale Aussage zu sein. Das Skaten-Können schließt einen langwierigen Prozess mit ein. Die je vorliegenden Gründe, überhaupt skaten zu wollen, können äußerst unterschiedlich ausfallen. In meinen Feldaufenthalten bin ich Skatern begegnet, die gezielt spezifische Bewegungen erlernen 24 Hierzu zählen besonders Flip Tricks. 31 wollten und diese immer wieder ausgeführt haben (mal mehr, mal weniger erfolgreich). Anderen Skatern ging es prinzipiell darum, gemütlich und „gechillt“ die örtlichen Gegebenheiten zu befahren und gekonnt spezifische Tricks auszuführen. Häufig spielte auch das gemeinsame Abhängen – zumeist charakterisiert durch das Führen gemeinsamer Gespräche, dem Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis – eine erhebliche Rolle im Skate-Alltag. Auch das gezielte Aufnehmen der für die betroffenen Skater als filmwürdig erachteten Tricks25 fasst einen weiteren motivationalen Teilbereich des Skatens zusammen. Es sei betont, dass diese unterschiedlichen Motivationen selten in einer Art Reinform auftreten, sondern eng miteinander verbunden sind und sich vielmehr gegenseitig bedingen. Was meine eigene zugrundeliegende Motivation betrifft, so kann ich mich zwar nicht von einem Konglomerat verschiedener Motivationen freisprechen, jedoch begann ich tatsächlich jeden einzelnen Feldaufenthalt mit dem Vorsatz, besser zu werden, oder zumindest die bereits erlernten Tricks und Bewegungen nochmals auszuführen. Da sich die Arbeit, wie bereits erwähnt, an der Aneignung, Verbesserung und Variation des Heelflips orientiert, strebte ich also einen subjektiven Lernprozess an, den ich im Folgenden analytisch darzulegen versuche. Das in diesem Kapitel zugrunde liegende Kernphänomen lässt sich am einfachsten mit dem bekannten Sprichwort „Übung macht den Meister“ zusammenfassen. In den Situationen, in denen ich andere Skater um instruktionelle Unterstützung bezüglich bestimmter Bewegungsabläufe bat, schlossen diese Hilfestellungen stets mit dem Verweis darauf ab, dass sich das Können nicht übertragen lasse. Ein Beispiel hierfür: Nachdem ich ausführlich darin unterrichtet wurde, wie ich meine Körperhaltung innerhalb einer Mini Ramp einzunehmen habe, schloss die andere Person die Konversation mit den Worten ab: „Na ja, aber am Ende musste das schon selber herausfinden. Einfach viel versuchen“. Was sich hier mitunter ablesen lässt, ist die Annahme, dass sich das je spezifisch notwendige Körperwissen zwar durch Nachmachen aneignen lässt (vgl. Schindler 2011: S. 336), dies jedoch die eigene Körperarbeit voraussetzt. So banal diese ‚Erkenntnis’ auch sein mag, so werden entlang dieses Verständnisses im Folgenden die notwendigen wie auch hinreichenden Bedingungen, die bei dieser kon- 25 Das Hochladen und Verbreiten dieser Aufnahmen in sozialen Netzwerken ist eine häufig eintretende Folgehandlung. 32 tinuierlichen Akkumulation von Körperwissen von Relevanz sind, analytisch dargestellt. 5.2.1 Die ersten Tage: Zwischen Unwohlsein und Erinnerung alten Körperwissens Um mit dem ersten Tag meiner lebensweltanalytischen Untersuchung zu beginnen, scheint es mir für die Analyse lohnenswert, bei einem noch früheren Zeitpunkt zu beginnen. Bevor ich mich tatsächlich wieder ‚so richtig’ in die Welt eines Skaters begab, verbrachte ich einen Nachmittag auf einem örtlichen Parkplatz damit, mich mit meinem alten, aber noch funktionsfähigen Skateboard wieder ‚vertraut’ zu machen. Da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Besitz des wohl wichtigsten skatespezifischen Kleidungsstückes – dem Skateschuh (vgl. Turner 2016) – war, mussten dafür meine einzigen Sportschuhe herhalten. Diese Anmerkung ist für die Analyse des Aneignungsprozesses insofern relevant, als dass die Materialität der skatespezifischen Ausrüstung und deren Eigenschaften Auswirkungen auf die szenespezifischen Praktiken haben (vgl. Eisewicht et al. 2018). Das bei Turnschuhen üblich niedrige und auch nicht zwangsläufig um den gesamten Schuh durchlaufende Randgummi (Abb. 8) ist für die Ausführung eines Ollies nicht unbedingt unterstützend. Abb. 8: Turnschuhe zum Skaten? 33 Auch wenn sich mit prinzipiell jedem Schuhwerk skaten lässt, so sind Schuhe mit flachen Sohlen, hoher Flexibilität, Haltbarkeit und Haftvermögen besonders gut geeignet, um den Ansprüchen des Skatens gerecht zu werden (vgl. Turner 2016: S. 183). Auch wenn Turner dies nicht erwähnt, so spielt das um den gesamten Skateschuh (und bei den meisten Sneakers auch) durchlaufende und hochgezogene Randgummi eine zusätzliche Rolle (Abb. 9). Da dessen haftfähiges Material möglichst viel Kontaktfläche zum Griptape bietet, wird das viel praktizierte Hochziehen des Skateboards erleichtert. Abb. 9: Skateschuhe Seltsamerweise überkam mich beim bloßen mit-dem-Skateboardunterm-Arm-zum-Parkplatz-Gehen ein gewisses Unwohlsein. Auch wenn mich wahrscheinlich niemand bei meinem Vorhaben intensiv beobachtete, so fühlte ich mich dennoch von Augen beobachtet, die mein Ungeschick womöglich registrieren könnten. Mit diesem eher flauen Gefühl startete ich meine Runden auf dem viel Platz spendenden Parkplatz. Da ich mich mit dem Pushen, Fahren und Lenken recht schnell wieder vertraut machte und sich dadurch nostalgische Erinnerungen an meine Jugendzeit gedanklich als auch körperlich entwickelten, wurde das anfängliche Unwohlsein durch Spaß und dem positiven Gefühl Kontrolle über das Board zu haben, ersetzt. Recht schnell wollte ich dann durch Ausprobieren in Erfahrung bringen, ob ich denn noch wie in meiner Jugendzeit den Ollie und den Heelflip ausführen konnte. Zu meiner Enttäuschung verhielt es sich bei diesen Manövern anders als beim zuvor genannten Herumfahren, da mir diese Tricks überhaupt nicht gelingen wollten. Der spezifische Handlungsablauf, 34 der für den Ollie notwendig ist, wollte mir nur bis zu dem Schritt gelingen, der am besten durch das dritte Bild der Abb. 7 veranschaulicht ist. So kräftig ich das Tail auch herunterdrückte und so tief ich dabei auch in die Hocke ging, bekam ich das Board nicht in die Höhe. Das Hochziehen des vorderen Teils des Skateboards (Nose) mit Zuhilfenahme des vorderen Fußes, ein wichtiger Schritt beim Ollie, beschränkte sich eher darauf, dass ich selber ohne Skateboard in die Luft sprang. Allmählich breitete sich ein Frustgefühl aus, da ich unzählige Male immer wieder den gleichen Trick probierte und immer wieder an den mir noch unbekannten bewegungsspezifischen Fehlern scheiterte. Noch frustrierender empfand ich dann meine Heelflip Versuche, da ich dabei das Board weder vom Boden beförderte, noch rotieren ließ. Diese kläglichen Versuche endeten so gut wie jedes Mal damit, dass ich auf dem falsch herum liegenden Skateboard landete. Zu dem eben genannten Frustgefühl kam dann zusätzlich noch eine Art Wut hinzu; Wut darauf, dass es nicht mehr so klappt wie früher, Wut auf meine Inkompetenz und nicht zuletzt Wut auf – so merkwürdig das auch klingen mag – das Skateboard selbst (!). Trotz dieser überwiegend negativen Gefühle setzte ich meine Ollie und Heelflip Versuche fort, kam trotz winterlicher Temperaturen ins Schwitzen und außer Atem und stieß mir häufig die Kante des Boards gegen die Fußknöchel. Gegen Ende dieser circa zweistündigen Eingewöhnungsphase gelang mir dann doch ein minimal hoher Ollie, den ich innerlich triumphierend mit den mich selbst bestätigenden Gedanken feierte: „Es geht also doch noch!“ Mit diesem Hochgefühl beendete ich dann meine kurze Skatesession und fuhr – nun relativ sicher – mit dem Skateboard nach Hause, sprang auf diesem Weg Bordsteinkanten hinauf und hinunter, überquerte Kreuzungen und sprang über Gullideckel. All jene zuvor erwähnten wutgeladenen Frustmomente vergessend kam ich dann zufrieden und mit hochmütigen Gedanken „wieder ein Skater zu werden“ zu Hause an. Beim Betrachten meines Skateboards stellte ich mir dann visuell vor, wie ich in meiner nächsten Session mit Leichtigkeit die verschiedensten Flips gekonnt ausführen würde – was sich, wie sich in der nächsten Session noch zeigen wird, als illusorisch und träumerisch herausstellen sollte. 35 Das Wiederentdecken des alten Körperwissens Den vorausgegangenen Ausführungen anschließend beginne ich nun mit der Darstellung meines ersten ethnographisch fokussierten Feldaufenthalts. Der erste Feldaufenthalt Seit dem zuvor erläuterten Parkplatztraining sind mittlerweile zwei Monate vergangen und es herrschen Temperaturen von knapp unter null Grad. Bevor ich mich auf den Weg zu einem örtlichen Skatepark mache, mache ich noch ein Foto von meinen bisher ungetragenen Skateschuhen26. Mit diesen neuen Schuhen komme ich also nachmittags an dem besagten Skatepark, der mir noch aus Jugendzeiten bekannt ist und von dem ich mir erhoffe, auch andere Skater zu treffen, an. Außer fünf rollerfahrenden Kinder, die sich selbst als „Scooter“ bezeichnen, begegne ich den gesamten Nachtmittag über niemanden sonst. Nachdem ich die „Scooter“ danach frage, ob sich in dem Park auch mal Skater aufhalten, antwortet mir ein ca. zwölfjähriger Junge wie folgt: „Ja schon, aber nicht so oft und wenn die da sind, dann sind die immer total gemein zu uns. Die rauchen und nehmen Drogen und trinken immer Bier und schicken uns dann weg, weil die sagen, dass wir die nerven.“ Überrascht über diesen Konflikt frage ich mich zunächst, ob dieser Konflikt auf den möglichen Altersunterschied zwischen Skatern und Scootern oder den unterschiedlichen bewegungsspezifischen Interessenslagen zurückzuführen ist. „Aber“, so bestätigt mir ein anderer Scooter, sei ich einer „der einzigen netten Skater“. Dieses erste Gespräch, erweckt in mir das Gefühl, sich an einem Ort zu befinden, an dem ich zumindest nicht unerwünscht bin und an dem mich auch kein Gefühl des Beobachtet-Werdens am Skaten hindert. Mit diesem ungezwungenen Gefühl beginne ich den Park durch Befahren der einzelnen Rampen und Quarter Pipes zu erkunden. Nach und nach merke ich, dass mein Körper sich aufwärmt und mir das Hin- und Herfahren durch den Park immer leichter fällt. Besonders das Ausführen von bestimmten „Lip Tricks“ an hüfthohen Quarter Pipes gibt meinem Hin- und Herfahren eine zusätzliche Dynamik. Diese Dynamik, die ich beim Skaten erfahre, bereitet mir, einfach ausgedrückt, Spaß. Bezüglich des Heelflips sei zu erwähnen, dass ich etliche klägliche und teilweise auch erfolgreiche Ollie-Versuche hinter mich bringe, um dann immer mal wieder im Stand zu versuchen, einen Heelflip auszuführen. Tatsächlich gelingt mir 26 Um die Rolle der Materialität (vgl. Eisewicht et al. 2018) für bestimmte skatespezifische Bewegungen wie den Heelflip zu untersuchen, beobachtete ich über den Zeitraum der Feldaufenthalte hinweg die spezifischen Abnutzungsspuren meiner Skateschuhe. Um diese Spuren tatsächlich auch auf diese spezifischen Bewegungen zurückführen zu können, habe ich die Skateschuhe neu gekauft und ausschließlich für Skateaktivitäten verwendet. 36 dieser gegen Ende meines Aufenthaltes auch und meine Freude hierüber, die ich nur ‚innerlich’ zeige, ist enorm. Jedoch, und dies trübt meine Stimmung anschlie- ßend, bin ich mit der Art und Weise der Durchführung nicht zufrieden: Zum Einen führe ich den Trick im Stand aus und zum Anderen fange ich das Board gerade noch eben so bevor es zur Landung kommen kann, bei der ich zusätzlich auch nicht in die Knie gehe. Da ich neben diesem Heelflip auch noch einige andere Tricks, die für diese Untersuchung nicht weiter relevant sind, gestanden habe, beende ich diesen ersten Tag mit einem zufriedenen Gefühl27. Erste Variationen ausprobieren – Heelflip im Stand und in der Fahrt Um nun an der Vertiefung meines Körperwissens zu ‚arbeiten’, beschloss ich, jeden mir möglich freien Tag zu skaten. Dadurch vergaß ich die zuvor wieder erlernten Bewegungsabläufe nicht und konnte mich zusätzlich intensiv mit der Verbesserung bereits gestandener Tricks und dem Erlernen neuer Tricks beschäftigen28. Dieses Vorhaben befolgend besuchte ich denselben Skatepark wie zuvor, betrat diesen nun viel sicherer und machte mir kaum Gedanken darüber, welche Personen mich wohl beobachten könnten. Das für diesen Tag wichtige Ereignis war die Tatsache, dass ich den Heelflip nun nicht nur im Stand, sondern auch in der Fahrt landete. Dieser Erfolg beruhte meines Erachtens darauf, dass ich den Bewegungsablauf des Heelflips etliche Male im Stand versuchte, um dann in die fahrende Variante überzugehen. 5.2.2 „Es kommt immer auf deine Schultern an!“ – hinreichende Bedingungen der Körperhaltung Eine Art Schlüsselmoment erlebte ich an einem frühen Zeitpunkt der Feldaufenthalte in einem örtlichen Skatepark. Es war ein sonniger, aber doch recht frischer Freitag Nachmittag und bei meiner Ankunft hielt sich bereits ein Skater – Mitte zwanzig – dort auf. Grüßend stellte ich mich ihm vor und wir unterhielten uns über unsere unterschiedlichen Skate- Erfahrungen. Im Anschluss fuhren wir abwechselnd im Flat und schauten dem jeweils anderen bei seinen Bewegungsabläufen zu und gaben uns gegenseitig sowohl positive als auch kritische 27 Obwohl meine körperliche Kondition aufgrund der fehlenden Skate Praxis noch recht niedrig ist, zehre ich an dem immer wiederkehrenden Glücksgefühl welches mich bei gestandenen Tricks überkommt. Dergestalt ist es mir möglich, trotz enormer Erschöpfung bis zu drei Stunden und mit nur wenigen kurzen Pausen zu skaten. 28 Was Müller mit dem ständigen Wiederholen körperbezogener Bewegungen beim Tanz als Körperwissen bezeichnet (vgl. Müller 2016: 172), trifft auch, natürlich in anderer Form, beim Skaten zu. 37 Rückmeldungen bezüglich dieser Abläufe. Die Entstehung dieses speziellen sozialen Kontexts, also des Zusammen-Abwechselnd-Skatens, fand ohne Absprache statt. Ohne dies anzusprechen, begannen wir zusammen zu skaten, so als wäre es für jeden von uns selbstverständlich, dies zu tun. Im Vergleich zu meinen bisherigen Feldaufenthalten, bei denen ich eher für mich alleine skatete, motivierte mich das gemeinsame Skaten auf eine ganz spezielle Weise. Besonders die Rückmeldungen des Anderen, die sich auf meine und auch seine skatespezifischen Bewegungen bezogen, machten das Skateboarden ‚lebendig’: Wir sprachen über die gleichen Tricks, verwendeten die gleichen skatespezifischen Ausdrücke, freuten uns an gleichen Stellen (meistens über erfolgreich- oder fast erfolgreich ausgeführte Tricks) oder bekundeten Anteilnahme, wenn ein Trick durch mehr oder weniger schmerzhafte Stürze misslang. Unter diesen Umständen fühlte es sich so an, mit diesem Skater auf ‚einer Wellenlänge’ zu sein. Irgendwann teilte dieser mir dann mit, dass in wenigen Augenblicken noch zwei befreundete Skater von ihm vorbeikommen werden. Er betonte anschließend deren hoch ausgeprägte Kompetenzen mit „die haben es richtig drauf“ und versicherte mir, dass wir mit denen viel Spaß haben werden. Tatsächlich kamen die beiden Skater wenig später im Skatepark an. Beide, so sagen sie mir später, waren Anfang dreißig und skateten mittlerweile schon über siebzehn Jahre. Diese in meinen Augen lange Zeit ließ sich auch an ihren skatespezifischen Bewegungen ‚ablesen’: Mit enormer Geschwindigkeit fuhren sie Tricks ausführend durch den Park und befuhren alle Rampen, Rails, Quarters und Banks. Nachdem einer der beiden einen beeindruckenden Heelflip in der Pyra (Abb. 10) machte, kam ich aus dem Staunen kaum heraus, da nicht nur Geschwindigkeit und Höhe beeindruckend hoch waren, sondern auch eine nicht zu übersehene Lässigkeit (gebeugte Knie, keine Anstrengung im Gesichtsausdruck) von diesem Skater ausstrahlte. Auch beließ er es nicht bei diesem – für meinen Eindruck sauber ausgeführten Heelflip – sondern beendete seine Line mit der Ausführung eines Noseslides an einem nahe gelegenen Curb. Jubelnd bekundeten wir Beobachtenden unsere positive Zustimmung zu seiner sauber gefahrenen Line. 38 Abb. 10: Nutzung des Skateparks zur Ausführung eines Heelflips Als ich den Skater daraufhin fragte, wie er diesen beeindruckenden Trick gelernt hat, erklärte er mir, dass man immer wieder üben müsse. Besonders wichtig sei dabei auch, sich selbst in seinen Niveauansprüchen zu steigern. Demnach sagte er mir, sei es nicht ratsam, sofort mit einem Heelflip über die Pyra zu beginnen. Vielmehr sollte der Heelflip im Flat erst einmal „sitzen“, um sich dann an Variationen heranwagen zu können. Diesen Ratschlag befolgend übte ich also den Heelflip im Flat. Zu viert fuhren wir nun gemeinsam-abwechselnd auf gerader Betonebene. Nachdem ich etliche misslungene Versuche hinter mir hatte, sprach mich der zuvor erwähnte Skater an: „Achte mal auf deine Körperhaltung. Es kommt immer auf deine Schultern an, wenn die sich drehen, drehst du dich und das Board. Auch wenn du dich zu weit nach vorne oder nach hinten lehnst wird es schwierig. Und bei der Landung stehst du manchmal zu gerade. Bei der Landung ist es besser, wenn du in die Knie gehst. Da haste besseres Gleichgewicht.“ Diese Hinweise, so wird sich im Laufe der Feldforschung zeigen, ver- änderten einen großen Teil der Art und Weise, wie ich Skateboard fuhr. Ich will diesen Hinweis als eine Art Schlüsselmoment bezeichnen, da ich von diesem Zeitpunkt aus in den folgenden Sessions immer wieder bemüht war, die ‚richtige’ Körperhaltung einzunehmen. Be- 39 sonders die Position der Schultern spielte hier eine wichtige Rolle. In einer späteren Begegnung in einem anderen Skatepark kam es zu einer ähnlichen Gesprächssituation, bei der ich mich bei einem Skater nach dessen „Geheimnis“ erkundigte, derartig sicher Flips ausführen zu können. Dieser antwortete mir wie folgt: „Schultern parallel zum Deck, aufs Board gucken, Ollie ziehen. Und das Wichtigste ist gechillt zu bleiben. Das ist das Wichtigste. Wenn es halt nicht klappt dann einfach was anderes probieren, mal eine Pause machen darüber nachdenken, was man besser machen kann, was rauchen und weiterfahren.“ Zusammengefasst lassen sich aus den zuvor beschriebenen Erfahrungen diejenigen Faktoren, die für eine adäquate Körperhaltung relevant sind, in der folgenden Abbildung darstellen: Abb. 11: Aspekte der ‚richtigen’ Körperhaltung Die Körperhaltung umfasst demnach eine zum Skateboard parallel gerichtete Schulterposition. Diese Position wird während der gesamten Durchführung beibehalten, da eine Drehung der Schultern in eine bestimmte Richtung auch eine Drehung des gesamten Körpers und somit auch des Skateboards miteinschließt. Diese Logik bezieht sich jedoch auf all jene Tricks, bei denen die nach vorne ausgerichtete Fahrtrichtung auch beim Absprung beibehalten wird. Entsprechend 40 ist die Drehung des Oberkörpers und dezidiert der Schultern geradezu notwendig, wenn Tricks ausgeführt werden, die eine Körperrotation beinhalten (z.B. beim so genannten FS 180°). Die besondere Bedeutung der Schulterposition soll beispielhaft in der folgenden Bildsequenz (Videodatei „Schulter Position“) dargestellt werden: Abb. 12: Schulterposition In der Sequenz ist die Durchführung eines Ollies zu sehen. Besonders die Landung und das anschließende Weiterfahren können als unsauber bezeichnet werden, da ich aus dem Gleichgewicht komme und beinahe von dem Skateboard herunterspringen muss (Bilder 7, 8, 9). Von der Anfahrt bis zum Absprung (Bilder 1, 2, 3) sind Skateboard und Schultern parallel zueinander positioniert und die Fahrtrichtung bleibt geradeaus gerichtet. Ab Bild 4 jedoch beginne ich damit, die rechte Schulter nach rechts zu drehen, sodass sich auch das Skateboard minimal nach rechts dreht. Da ich jedoch eine saubere Landung anstrebe, lehne ich mich etwas nach vorne um die gerade Fahrtrichtung, die ich zu Beginn noch hatte, wieder herzustellen. Folglich ist das Skateboard leicht asymmetrisch zum Oberkörper und Schultern positioniert (Bild 8). Diese kaum erkennbare Fehlstellung wirkt sich auf die genannte 41 unsaubere Landung aus und schließt ein (unästhetisches) Korrigieren des Gleichgewichts mit ein (Bilder 7, 8, 9, 10). Hierbei wird auch die Fahrtrichtung des Skateboards mit Zuhilfenahme der Füße in die gewünschte Richtung korrigiert. Auch wenn die anderen hinreichenden Bedingungen der Körperhaltung (Blick in Richtung Skateboard, Körperschwerpunkt oberhalb des Skateboards und In-die-Knie-Gehen) mehr oder weniger erfüllt werden, so führt die Drehung der Schultern dennoch zur genannten unsauberen Landung. Auch für die Aneignung einer adäquaten Körperhaltung bedarf es einer ständigen „Erinnerungsarbeit“ (Müller 2016: S. 171) auf und mit dem Skateboard. Besonders paradox erscheint die Tatsache, dass trotz immer wieder auftretender Frustmomente, die durch misslungene skatespezifische Bewegungen auftreten können, hierzu zählen auch Schmerzerfahrungen, dennoch der ‚innere’ Wunsch besteht, die jeweilige Bewegung auszuführen und einfach weiter zu skaten. Im folgenden Abschnitt werden die Dimensionen der subjektiven Einstellung betrachtet. Es wird hierbei davon ausgegangen, dass der Aneignungsprozess und demnach auch das Körperwissen eng mit den subjektiven Empfindungen des Akteurs verknüpft sind. 42 5.2.3 „Du musst es immer wieder versuchen“ – hinreichende Bedingungen des Wollens Im Sinne der hinreichenden szeneintern relevanten Kompetenzen beim Skateboarding müssen die Beteiligten eine gewisse Bereitschaft und Befähigung mitbringen, sowie „den festen Vorsatz haben, in dieser Sportart irgendwelche oder gar avancierte Kompetenzen zu erwerben“ (Hitzler/Pfadenhauer 2004: S. 59). Der hier mit „Wollen“ zusammengefasste Teilaspekt szenerelevanter Kompetenzen ist Teil der Kompetenztrias aus „Können, Wollen, Dürfen“ (Pfadenhauer 2008). Nach diesem Verständnis meint Wollen die Ambitionen und Motivationen, die für das Skaten als konstitutiv zu betrachten sind. Dass neben der körperlichen Konstitution und dezidiert der Körperhaltung für die Ausführung spezifischer Bewegungsabläufe auch spezifische motivationale Bedingungen eine wichtige Rolle für das Gelingen des Heelflips spielen, fiel mir bereits in den frühen Feldaufenthalten auf. Skaten zu wollen beinhaltet nicht nur den Vorsatz skaten zu gehen, sondern auch das tatsächliche Skaten an sich. Zudem gilt beim Skaten eine Art Selbstbestimmtheit, eigene gesetzte und den Fähigkeiten angepasste Ziele zu verfolgen und zu erreichen (vgl. Seifert/Hedderson 2010: S. 288). Dass die Skater hierbei auch erheblichen Risiken durch schmerzhafte Verletzungen ausgesetzt sind, lässt die Frage danach aufkommen, welche bestimmten motivationalen Aspekte dafür sprechen, überhaupt skaten zu wollen, resp. überhaupt weiter zu skaten. Das Wollen soll als ein immer wieder kehrendes und dabei mal mehr und mal weniger stark ausgeprägtes Element beim Skaten verstanden werden. Sessions sind durch einzigartige subjektiv empfundene Dynamiken hinsichtlich der eigenen Einstellung geprägt, was erheblichen Einfluss auf das fahrerische Können haben kann. Von welchen motivationalen Dynamiken hier die Rede ist, soll im folgenden Abschnitt dargestellt werden. „Der fährt sogar mit Schiene am Knöchel“ – über die Risikobereitschaft Schmerzen durch misslungene skatespezifische Bewegungen empfinden, ist eine eben schmerzhafte Erfahrung, die ich während meiner Feldteilnahmen machen musste. Auch wenn es dabei stets darum ging, Schmerzen tunlichst zu vermeiden, so lenkt die Aussicht auf ein potentielles Erleiden von Schmerzen darauf hin, die skatespezifische Bewegung erfolgreich auszuführen. Phänomenologisch betrachtet 43 lässt sich Schmerz kaum definieren, wobei sich sagen lässt, dass man ihn „nicht sehen, nicht hören, nicht riechen, nicht schmecken und auch nicht ertasten“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 95) kann. Für die phänomenologische Beobachtung des Schmerzes ist hierbei besonders wichtig, dass dieser nur subjektiv empfunden werden kann (vgl. ebd.: S. 95). Was bedeutet nun dieses subjektive Empfinden von Schmerz für die Aneignungsprozesse beim Skaten? Inwiefern lassen sich diese Schmerzen voneinander differenzieren? Kann das Wollen die Signale des Schmerzes unterbinden? Welche Bewältigungsstrategien schließt die Risikobereitschaft beim Skaten mit ein? Skaten zu wollen kann bereits an der Stelle enden, an der durch einen Sturz verursachten Verletzung heftiger Schmerz erlitten wird. Dieser eher nachvollziehbare Grund, das Skaten sein zu lassen, trifft jedoch auch auf einen anderen Typus, der womöglich auf die meisten ‚Langzeit’ Skater zutrifft: Trotz dem ständigen Risiko ausgesetzt zu sein, schmerzhafte Verletzungen zu erleiden, begeben sich unzählige Skater in die unterschiedlichsten Gefahrensituationen29. Die folgende Situation eines Feldaufenthaltes soll dieses zunächst als paradox erscheinende Phänomen darstellen. 29 Lustenberger et al. fassen zusammen, dass aufgrund der zunehmenden Popularität des Skatens auch die Anzahl der Verletzungen – zum Einen eher harmlose Verletzungen wie Prellungen, Schürfwunden oder Verstauchungen und zum Anderen schwerwiegende Verletzungen wie Hirntraumata und lang anhaltende Knochenbrüche – drastisch zunehmen (vgl. Lustenberger et al. 2010: S. 924). 44 Wenn der Wille den Schmerz besiegt Im heutigen Feldaufenthalt wird mir die Bedeutung der Risikobereitschaft und auch des tatsächlichen Erleidens von Schmerzen beim Skaten bei anderen Skatern ersichtlich. Im örtlichen Skatepark angekommen treffe ich gegen Abend eine Gruppe von vier Skatern, die alle ungefähr im Alter zwischen 26-29 sind. Da mir die Gruppe recht schnell durch ihre fröhliche Art sympathisch vorkommt, begrüße ich diese, stelle mich vor und beginne, mit ihnen zusammen zu skaten. Nach einiger Zeit erfahre ich, dass drei der Skater erst seit Kurzem, d.h. zwischen einem und zwölf Monaten, angefangen haben zu skaten und lediglich einer der vier sich als „alten Hase“ (skatet seit über zehn Jahren) bezeichnet. Die Dauer, die diese Skater mit Skaten verbracht haben, lässt sich gewissermaßen auch an ihrem Können ‚ablesen’: Einer der vier Skater, der erst seit einem Monat fährt, versucht immer wieder Ollies im Stand und während der Fahrt, was ihm teilweise auch gelingt. Zudem bin ich erstaunt darüber, mit welch enormer Geschwindigkeit er diese Versuche angeht und dabei des Öfteren einen mehr oder weniger schmerzhaften Sturz erleidet. Nach einiger Zeit beschließen wir alle, in der Beton Mini Ramp zu fahren. Der typische Eintritt in eine derartige Rampe, der so genannte „Drop In“ (Abb. 13; Videodatei „Drop In“) geschieht durch ein ‚Hereindrücken’ am obersten Punkt der Rampe. Mit dem hinteren Teil des Boards (Tail) stellen sich die Skater auf die an der Rampe entlanglaufenden Stange (so genannte „Coping“) und drücken sich in die Rampe hinein, um dann wieder auf der anderen Seite der Mini Ramp wieder hochzufahren. Abb. 13: Der Drop In 45 Das nun für den heutigen Tag mich erstaunende Ereignis betrifft den zuvor erwähnten Anfänger-Skater. Nicht nur steht er zum ersten Mal in seinem Leben auf einer ca. zwei Meter hohen Mini Ramp, sondern er startet ohne viel zu überlegen seinen ersten Drop In. Dass hierfür enorm viel Mut nötig sei, erwähnen seine Kollegen mit lautstarken Jubelrufen und kennen dergestalt seine Risikobereitschaft an. Ich erinnere mich an meinen ersten schmerzhaften Drop In Versuch in meiner Jugend, bei dem ich auf einer viel niedrigeren Rampe stand, mich kaum überwinden konnte und dann tatsächlich auch schmerzhaft auf den Hinterkopf gefallen bin. Mit diesen Erinnerungen die heutige Situation vergleichend kann ich nur staunen, denn tatsächlich versucht der Skater immer wieder den Drop In auszuführen, schafft dies jedoch bei keinem Versuch. Stattdessen stürzt er jedes Mal entweder brutal auf den Rücken oder vorn hinüber und muss sich mit den Handgelenken am Boden der Mini Ramp abfangen – was nicht minder schmerzhaft ausgehen kann. Da ich am heutigen Tag keine Möglichkeiten der Videoaufnahme habe, muss ich des besseren Verständnisses halber auf einen anderen Feldaufenthalt zurückgreifen, bei dem ein anderer Skater einen vergleichbaren Sturz an derselben Mini Ramp erleidet (Abb. 14). Jedoch, dies sei zu erwähnen, hat dieser Skater zuvor einen Trick am oberen Bereich der Rampe ausgeführt, um dann in den Drop In einzuleiten. Die Sequenz beginnt ab dem Zeitpunkt des Sturzes. Abb. 14: Sturz in die Mini Ramp 46 Die Härte derartiger Stürze lässt sich zum Einen an der Fallhöhe abschätzen, die bei circa 1,80 Meter liegt, und zum Anderen daran ermessen, dass sich der Skater in Bild 2 tatsächlich mit seinem gesamten Körper in der Luft befindet. Trotz der Abfederung mit dem rechten Bein, um somit schlimmere Verletzungen zu verhindern, stürzt der Skater mit hoher Geschwindigkeit auf den linken Arm und Oberkörper. Ähnlich und wenn nicht sogar folgenschwerer stürzt der Skater während der heutigen Session immer und immer wieder. Nachdem dieser nach seinem schätzungsweise achten Sturz am oberen Bereich der Rampe schwer atmend neben mir steht, frage ich diesen anerkennend, wie lange er noch weitermachen wolle, da er ja zudem auch keine Schoner anhabe und seine Stürze schmerzhaft aussehen. Hierauf antwortet er mir: „Bis ichs schaff. Ist mir scheiß egal. Muss halt auch ma weh tun“. Was in diesem Beispiel charakteristisch – wenn auch in der starken Drastik so eher selten vorkommend – für das Weitermachen-Wollen beim Skaten ist, ist die potentielle Aussicht auf die Aneignung neuer spezifischer Bewegungen, resp. neuer Tricks, die nach dem Erleiden von Schmerzen und Verletzungen eintreten kann. Die Bewältigungsstrategien im Umgang mit Schmerzen beziehen sich in diesem Beispiel zusätzlich auf die Aussicht, neue Tricks zu erlernen. Folglich wird auf einen in der Zukunft erhofften Zustand, nämlich das Beherrschen einer skatespezifischen Bewegung hingearbeitet, den zu erreichen zwar ungewiss jedoch derartig attraktiv sein kann, dass Schmerzen gar zeitweise aus dem subjektiven Empfinden entschwinden können. Die Auswirkungen erlebter und immer wiederkehrender Stürze und dezidiert Schmerzen können jedoch auch als eine Art warnende Erinnerung unangenehmer und zu vermeidenden Situationen dienen. Hierbei spielt demnach das vergangene Erlebnis eine erhebliche Rolle für das gegenwärtige Ausführen spezifischer Tricks. Bezogen auf meinen Heelflip Lernprozess, erlebe ich diese Warnsignale immer wieder am eigenen Körper. Durch die spezifischen Bewegungsabläufe dieses Tricks bin ich regelmäßigen Verletzungen an Fußknöcheln und Schienbein ausgesetzt: 47 Abb. 15: Verletzung durch Board Kante Wenn die Rotation des Skateboards noch nicht ganz abgeschlossen ist, ich jedoch bereits zum Fangen des Skateboards ansetze und mit dem Knöchel oder dem Schienbein fälschlicherweise gegen die Kante des Boards stoße, entstehen ebenjene Verletzungen, die teilweise auch zum sofortigen Abbruch des Skatens führen können30. In diesen Momenten zwingt die Schmerzerfahrung sozusagen dazu, sich dem gegenwärtigen Moment zuzuwenden und die Handlung, die zunächst angestrebt war, abzubrechen: „Schmerz ist ein Extremfall des Erlebens des Hier/Jetzt des eigenen Leibes. Bei der Erfahrung intensiven Schmerzes kann die äußere Wahrnehmung zusammenbrechen. Die Schmerzgeplagte verliert den Sinn dafür, wo links, rechts oder oben und 30 Die wohl am längsten andauernde, verletzungsbedingte Pause während meiner Feldarbeit betrug sechs Tage. Diese Pause war durch einen rauschartigen Feldaufenthalt, ähnlich dem zuvor dargestellten Beispiel, zurückzuführen: Immer wieder habe ich den mir nicht gelingen wollenden Bewegungsablauf des Heelflips ausgeführt und bin mit dem Deck immer wieder gegen die gleiche Stelle meines äußeren rechten Fußknöchels gestoßen. Diese Schmerzen ignorierend wollte ich mich selber davon überzeugen, dass ich in der Lage bin, diesen Trick auszuführen – dies jedoch ohne Erfolg. Am folgenden Tag dann war jedes Auftreten mit dem verletzten Fuß schmerzhaft und die Versuche zu skaten, musste ich schmerzbedingt abbrechen. 48 unten ist. Es gibt nur noch die Erfahrung, jetzt an diesen Ort gebunden zu sein, weg zu wollen, gleichsam aus sich heraus zu wollen, genau dies aber nicht zu können.“ (Lindemann 2017: S. 61) Eng verknüpft mit der ständigen Aussicht auf potentielle Schmerzerlebnisse sind die Momente des Frusts, die nicht ausschließlich auf Verletzungen und Schmerzen zurückzuführen sind, sondern schlicht auch durch schmerzfreie Misserfolge beim Skaten hervorgerufen werden können. „Manchmal klappt einfach nichts mehr“ – zum Umgang mit Frust Entschuldigende Aussagen wie „Keine Ahnung was heute los ist, klappt einfach nichts“ begegnen mir meistens dann, wenn ich zusammen mit anderen Skatern an einer bestimmten Stelle skate und ein spezifischer Trick, den eine andere Person oder ich übe, nicht gelingt. Das wichtige hierbei ist, dass nach mehrmaligen Versuchen der gewünschte Trick immer und immer wieder misslingt. Stellenweise unterscheiden sich die subjektiv empfundenen Tage, an denen ich skate, derartig drastisch voneinander, dass ich an einem Tag das Gefühl habe, mehr oder weniger gut und kontrolliert skaten zu können, und gleich am darauffolgenden Tag, nicht einmal mehr die grundlegenden Tricks wie Ollies oder Heelflips gelingen. Dass in solchen Momenten Frustgefühle entstehen können, scheint auf der Hand zu liegen. Die Frage nach den Motivationsgründen, trotz dieser intensiven Emotionen weiter skaten zu wollen, ähnlich wie bei dem Erleiden von Schmerz, stellt sich exemplarisch im Beispiel der folgenden Feldnotizen: 49 Wenn der Wille den Frust besiegt Der heutige Tag erscheint mir wie ein Schlag ins Gesicht. Ein Schlag ins Gesicht der sich auf die etlichen Stunden und Mühen, die ich während der letzten Wochen auf dem Skateboard verbracht habe, bezieht. Bis zum heutigen Tag war ich tatsächlich der Meinung, dass ich den Heelflip nun mehr oder weniger während der Fahrt problemlos ausführen kann. Doch die erste Stunde, die ich heute mühevoll in einem örtlichen Skatepark verbringe, erlebe ich voll wütender und frustgeladener Emotionen, die eigentlich nur gegen mich selber und stellenweise sogar gegen das Material, also das Skateboard, gerichtet sind. Wie für mich üblich fahre ich erst einmal durch den Park und nehme mir vor, an den unterschiedlichen Geräten des Parks (Rails, Curbs, Quarter Pipes) Ollies und Heelflips zu landen. Jedoch scheitere ich mit all meinen Versuchen und Anläufen, was mich zunächst lediglich verwundert und ich einfach weitermache. Dass ich tatsächlich nicht einmal mehr eine Rampe hoch- und wieder hinunterfahren kann, bringt mich schon ein stückweit mehr aus der Fassung. Verzweifelt versuche ich dies immer wieder und werde zunehmend wütender und beleidige mich innerlich als den „blutigsten Anfänger“. So fahre ich noch eine Weile weiter, bis ich mich auch noch schmerzhaft durch einen heftigen Stoß der Boardkante gegen meinen Fußknöchel verletze und aufschreiend in die Knie gehe. Wutentbrannt hierüber, denn ich kann es tatsächlich nicht fassen, dass mein bisheriger Lernprozess völlig umsonst zu seinen schien und ich noch dazu mit einer schmerzhaften Verletzung ‚bestraft’ werde, beiße ich die Zähne zusammen und trete das Skateboard mit voller Kraft einige Meter weit weg und schreie: „Boa scheiße! Was ist denn los mit mir?!“ Tatsächlich fühle ich mich nach diesem Wutausbruch ein wenig erleichtert und gönne mir nach diesem ca. einstündigen ‚Rausch’ eine Pause und trinke einen Schluck Wasser, welcher zusätzlich zu dieser Erleichterung beiträgt. Währenddessen fällt mir auf, dass diese mir im Nachhinein eher peinliche Situation glücklicherweise von niemandem beobachtet wurde; ich bin tatsächlich der einzig Anwesende im Park. Es folgen einige Momente des Tagträumens, in denen ich mir vorstelle, dass ich meine bisherigen Erfahrungen auf dem Skateboard doch noch irgendwo in meinem Körper abgespeichert haben muss. Warum ich jedoch nicht auf mein Körperwissen zurückgreifen kann, bleibt mir ein Rätsel. Dann schließlich nehme ich mir vor, es noch einmal zu versuchen, trinke noch einen großen Schluck Wasser, ziehe mein T-Shirt aus (die sommerlichen Temperaturen tun ihr übriges) und fahre los. Erstaunlicherweise lande ich nun die mir üblichen Tricks wie Ollies, Heelflips, FS 180°s und befahre auch wieder die vorfindlichen Rampen ohne zu stürzen. Ich merke dabei, dass ich viel entspannter skate und mich nicht wie zuvor krampfhaft in ein Unbedingt-Schaffen-Wollen verbeiße. Dieses Verbeißen drückt sich einerseits körperlich, d.h. durch krampfhaft angespannte Muskeln, und andererseits 50 mental, d.h. durch die jetzige Lage, die durch ständige Misserfolge geprägt ist, aus. Froh darüber, wieder an meinen bisherigen Lernprozess anschließen zu können31, fahre ich noch ca. zwei Stunden weiter und beende relativ zufrieden die heutige Session. Die in diesem Beispiel abzulesende Abfolge eines erlebten Frustmoments, anschließendem Wutausbruch, Entspannung und abschließendem Erfolg begründet sich auf die mir selbst zugeschriebenen Erwartungen, die ich an mein bisheriges Können stelle. Das Wollen und das Können stehen offensichtlich im Wiederspruch zueinander: Das Wollen steigt in der Intensität parallel zum immer schwächer werdenden Können derartig an, sodass ebenjene Gefühle von Frust und Wut entstehen. Anders formuliert verzweifle ich an meinem geplanten Handlungsentwurf, den ich mir bereits als vollzogen vor Augen führe (vgl. Schütz 2010: S. 350), wobei ich diesen immer wieder neu auszuführen versuche und dann schließlich von starken Emotionen überwältigt, diesen Entwurf kurzzeitig verwerfen muss. Ähnliche Momente entdecken Seifert/Hedderson in ihrer ethnographisch angelegten Studie zur intrinsischen Motivation im Skateboarding: „There were occasions when skateboarders would curse, or kick and throw their skateboard in frustration at a lack of progress“ (2010: S. 284). Die anschließende Reflektion über das Scheitern dieses Handlungsentwurfs, gepaart mit einer wohl nötigen körperlichen Entspannung, ermöglicht dann eine ungefähre Umsetzung dieses Plans, so wie ich ihn bisher normalerweise umgesetzt habe. Die Rolle der anderen Skater spielt auch bei diesem Frust- Phänomen eine für mich relevante Rolle. Denn, so erfahre ich im Laufe meiner Feldarbeit, gehe es auch anderen Skatern wie mir, die z.T. ähnliche aber auch andere Bewältigungsstrategien im Umgang mit Frustmomenten ‚anwenden’. Ein mir bekannter Skater, den ich als äu- ßerst begabt und als weit fortgeschritten einschätze, unterwies mich auf meine Frage, wie ich mit ständigen Frusterlebnissen umgehen könne, wie folgt: „Darfst nie so stressig fahren und immer das gleiche versuchen. Das Wichtigste ist, gechillt zu bleiben, mal ne Pause machen, am Joint ziehen mal drüber nachdenken. Auch einfach mal an- 31 Zu diesem Zeitpunkt ist mir nicht bewusst, dass derartige Frusterlebnisse auch Teil des Lernprozesses sein können. 51 dere Tricks machen; geht alles. Aber immer schön locker bleiben.“ Da ich selber aus gesundheitlichen Gründen nicht in den Genuss einer Haschisch-Zigarette kam, dies aber erstaunlich viele Skater taten32, kann ich diesen speziellen Bewusstseinszustand während des Skatens nicht einschätzen. Dass dieser Zustand mitunter zu der erwähnten „gechillten“ Haltung beiträgt, scheint nahezuliegen. Inwiefern diese lockere Haltung als eine Art Bewältigungsstrategie gegen mögliche Frustmomente bezeichnet werden kann, ist nur schwer festzulegen, da eine derartige Haltung den betreffenden Skatern auch inhärent sein kann. Der Verweis darauf, Pausen einzulegen und während dieser Pausen über die eigene Handlung zu reflektieren, kann wiederum als praktisch umsetzbare Bewältigungsstrategie bezeichnet werden33. Au- ßerdem scheint es hilfreich zu sein, den eigenen Handlungsentwurf, der, wenn er zu scheitern droht, neu zu gestalten, d.h. andere skatespezifische Bewegungen auszuführen. Seifert/Hedderson betonen diese Strategie der Reflexion des eigenen Skatens: „Rather, the frustrated skateboarder would often take a moment to think of some way of improving, or try again later” (2010: S. 288). Eingliedern in diese Handlungsstrategien lassen sich die als eher positiv zu bezeichnenden Einstellungen, die für das Skaten-Wollen konstitutiv sind. Diese sollen im Folgenden dargestellt werden. „Du musst dich bei deinem Trick immer geil fühlen“ – positive Emotionen als Begleiter des Wollens Im Gegensatz zu den zuvor dargelegten frustvermeidenden Bewältigungsstrategien, verstehe ich die positiven Emotionen, die beim Skaten auftreten können und dabei Einfluss auf das fahrerische Können haben, als bejahende, dem Wollen zugrunde liegenden Einstellungsmerkmale. Die hier für das Gelingen beim Skaten relevanten Emotionen wie Freude, Erleichterung oder Stolz vernahm ich stets als anzustrebende Gefühlszustände, die zu erlangen wohl einen der Hauptgründe darstellen, überhaupt skaten zu wollen. Als Konsequenz der 32 Tatsächlich gab es während meiner insgesamt vierzig Tage zählenden Feldbesuche mindestens eine Person, die dem Geruch zufolge Cannabis konsumierte. Auch wurde ich etliche Male von anderen Skatern freundlicherweise auf einen Zug am Joint eingeladen, was ich jedoch stets dankend ablehnen musste. 33 Das (gemeinsame) „Abhängen“ könnte Teil der Erlangung oder Beibehaltung der lockeren Haltung sein. 52 aufgebrachten körperlichen und mentalen Mühen folgten Empfindungen von Erfolg, Stolz und Befriedigung (vgl. Seifert/Hedderson 2010: S. 288). Freude empfand ich immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, ‚gut’ zu skaten, d.h. das Gefühl zu haben, alles gelinge ohne große Mühe. Vergleichen lässt sich dieses Gefühl mit einem gewissen „Flow“ Erlebnis (Csikszentmihalyi 1991). Eher in Mischform treten Gefühle der Erleichterung und des Stolzes auf, wenn ich einen mir vorgenommenen und dabei als schwierig eingestuften Handlungsentwurf tatsächlich erfolgreich umsetzte. Beispielsweise versuchte ich gegen Ende meiner Feldaufenthalte stundenlang einen Double Heelflip (also einen zweifach rotierten Heelflip) auszuführen. Als ich diesen dann zu meiner Überraschung landete, empfand ich ebenjene positiv beladene Mischung an Emotionen. Die Intensität dieser positiven Gefühle ließ sich dabei auch auf die Tatsache zurückführen, dass der durchgeführte Trick eine mir neue Variation eines skatespezifischen Bewegungsablaufs darstellte. Das Wissen um den für meine Verhältnisse hohen Schwierigkeitsgrad dieses Tricks verstärkte demnach die Freude und Erleichterung, diesen tatsächlich gelandet zu haben. Als eine Art Hinweis darauf, das Können zu verbessern, sprach mich ein Skater, mit dem ich eine Runde S.K.A.T.E.34 spielte, darauf an, wie ich meinen Fakie Heelflip besser stehen könne. Neben den körperbezogenen Aspekten, die ich bei diesem Trick beachten solle, komme es vor allem auf meine innere Einstellung an: „Das Wichtigste ist einfach, das darfst du nie vergessen, ist dich einfach nur geil zu fühlen bei deinem Fakie Heelflip. Alles andere kommt einfach von selbst. 34 Das Spiel erfordert mindestens zwei Mitspieler und kann prinzipiell an jedem Ort durchgeführt werden, vorausgesetzt das auf dem jeweiligen Terrain geskatet werden kann. Die Regeln lauten dabei wie folgt: „Der Spieleinstieg werde per „Schnick, Schnack, Schnuck“ entschieden. Wer als Erster an der Reihe ist, darf den ersten „Trick“ vorlegen. Ist dieser geschafft, das heißt „sauber gestanden“, müssen die anderen Mitspieler denselben „Trick“ auf die gleiche Weise „nachlegen“. Je misslungenem „Trick“ kassiere man einen Buchstaben des Wortes „SKATE“. Der Verlierer des Spiels sei demnach derjenige, der das Wort durch seine Misserfolge zuerst vervollständigt habe [...] die „Tricks“ [gelten] nur dann als „sauber gestanden“, wenn sie „ohne Fußschleifen oder Abstützen mit den Händen“ auf „Board“ oder Boden erfolgen. Zudem gelte es, „mit allen vier Rollen gleichzeitig“ aufzukommen und „sauber“ weiterzufahren“ (Bock 2017: S. 114). Zusätzlich erfordert das Spiel ein, dem jeweiligen Trick- Niveau, entsprechendes Wissen um die ausgeführten Tricks korrekt zuzuordnen. Da ich zu Anfang meiner Feldaufenthalte noch nicht ausreichend über dieses Wissen verfügte, musste ich während mancher S.K.A.T.E. Spiele um die genaue Bezeichnung des jeweiligen Tricks nachfragen und so meine Unkenntnis offenlegen. 53 Einfach geil fühlen dabei.“ Das Wollen setzt sich bei diesem Hinweis nicht nur aus dem Wunsch zusammen, jenen Handlungsentwurf erfolgreich auszuführen, sondern auch aus dem Zustand subjektiven Wohlbefindens. Während der Ausführung der Bewegung bedingt dieses positive Gefühl – das Sich-Geil-Fühlen – eben auch den Erfolg dieser Ausführung. Dass „alles andere von selbst kommt“, betont demnach die hohe Relevanz der inneren positiven Einstellung gegen- über dem Skaten. Die positiv empfundenen emotionalen Zustände, die bisher aufgeführt wurden, verstehe ich als konstitutive Aspekte, die eingebunden sind in einen zirkulären Aneignungsprozess aus Lernen- Wollen, Scheitern, Erfolg haben, mehr Wollen, Scheitern, Erfolg haben usw. Abb. 16: Positive Emotionen im Aneignungsprozess 54 5.2.4 „Ich hol mal eben meine Schuhe, hier kann ich gar nicht fahren“ – hinreichende materielle Bedingungen Dass es sich beim Skateboarding um eine Sportart handelt, die die Nutzung spezifischer Gegenstände miteinschließt, scheint offensichtlich zu sein. Für den Aneignungsprozess des Heelflips sollen aus dem breiten Katalog an skatespezifischen Utensilien (z.B. Werkzeuge oder Hilfsmittel wie Wachs) das Skateboard und der Skateschuh im analytischen Fokus stehen. Materielle Aneignung – das Skateboard Neben den Abnutzungsspuren am Skateschuh kann auch die potentielle „Abnutzung des Decks an Nose und Tail [...] von Skatern als Anzeichen für dessen instrumentellen Gebrauch verstanden werden“ (Eisewicht et al. 2018: S. 189). Ein besonders passendes Beispiel hierfür zeigt sich in einem meiner Feldaufenthalte, bei dem mir ein Skater, den ich an diesem Tag kennenlernte, nicht ohne Stolz, die Unterseite seines Skateboards zeigte. Da sein Lieblingstrick der Tre Flip (Skateboard macht eine 360° Drehung bei gleichzeitiger Kickflip Rotation) sei, mache er diesen ständig, was man an der besonders stark abgenutzten Tail seines Boards ablesen könne. Da dieser spezielle Trick besonders viel Kraft beim Herunterdrücken der Tail voraussetzt, wird dieser Teil des Boards derartig ruckartig auf den Boden gedrückt und dann, wenn der Kontakt zum Boden besteht, in Bruchteilen einer Sekunde kräftig zur Seite über den Boden geschoben. Bei diesem Überden-Boden-Schieben wird nur die Außenseite der Tail beschädigt, sodass ebenjene speziellen Abnutzungsspuren entstehen können (Abb. 1735). 35 Da es sich bei dem abgebildeten Skateboard um mein eigenes handelt und ich selber den erwähnten Tre Flip nicht beherrsche, soll der betroffene Bereich der Abnutzung durch den weißen Pfeil angedeutet werden. 55 Abb. 17: Spezifische Bereiche der Abnutzung Spezifische Abnutzungsspuren am Skateboard spielen für den Aneignungsprozess des Heelflips kaum eine Rolle36. Vielmehr haben die langzeitlichen Auswirkungen der Materialnutzung Einfluss auf das Gelingen beim Skaten. Besonderer Fokus gilt hier den Skateboard Achsen und die sich hierin befindenden Lenkgummis (Abb. 18). Die Achsen sind ein unentbehrlicher Bestandteil des Skateboards: sie erheben das Deck vom Boden, dienen als Halterung für die Rollen und ermöglichen das Lenken. Letztere Eigenschaft ist eng verbunden mit der Funktion der Lenkgummis. Jede Achse besteht dabei aus zwei dieser Lenkgummis, welche auf einer großen Schraube (die so genannte „King Pin“) zwischen den zwei Teilen der Achsen eingereiht sind. Diese aus einem bestimmten Hartplastik hergestellten donut-förmigen Gummis können in unterschiedlichen Härtegraden erstanden werden37. Bei kontinuierlicher Nutzung des Skateboards, resp. der Achsen, werden diese Lenkgummis beim Lenken, Neigen und Landen besonders beansprucht. Einhergehend hiermit ist auch der eintretende Härteverlust der Lenkgummis, was wiederum Einfluss auf das Fahrverhalten des gesamten Skateboards hat. 36 Ansatzweise können die Abnutzungserscheinungen des Griptapes Einfluss auf die Heelflip Ausführungen haben, da durch die ständige Reibung zwischen Schuh und Griptape dieses in seiner Haftbarkeit nachlässt. 37 Durch Lösen oder Festziehen der an der großen Schraube sitzenden Mutter, kann die Achse weicher bzw. härter eingestellt werden. 56 Abb. 18: Lenkgummis zwischen Ober- und Unterteil der Achsen Dieses veränderte Fahrverhalten fällt zumeist beim Einfahren neuer Achsen auf38. Nach langfristigem Skaten mit gleichbleibender Ausrüstung wird diese vom eigenen spezifischen Fahrverhalten auf bestimmte Weise geformt. Die Gewöhnung an diese spezifische Formung ist ein wichtiger Aspekt für die skatespezifischen Bewegungen. Folglich ‚weiß’ ich, mit welchen spezifischen Eigenschaften von Achsen, Rollen, Kugellager, Deck und Griptape ich bei meinem Skateboard zu rechnen habe. Die Gewöhnung an diese spezifischen Eigenschaften wurde mir erst bewusst, als ich mit einem fremden Skateboard fuhr: Nicht nur das Lenken war aufgrund der unterschiedlichen Achsen und Lenkgummis zunächst ungewohnt, sondern auch die Ausführungen von Ollies und Heelflips. Diese gelangen mir zu Beginn kaum, da ich mich auch an das Gewicht des Skateboards gewöhnen und beim Hochziehen des Boards auch die andere Wölbung des Decks berücksichtigen musste. Da mein Deck eine stärkere konkave Formung hatte, fiel mir das Hinwegstoßen des nun eher flachen Decks viel schwerer. 38 Nachdem ich mir aufgrund einer kaputten Achse zwei neue Achsen gekauft habe, fuhr ich diese am gleichen Tag noch ein, was sich zunächst recht ungewöhnlich anfühlte. Ein mir bekannter Skater sprach mich darauf wie folgt an: „Neue Achsen ist immer mies, da hast du noch ne Woche Spaß mit“. Nicht ganz so dramatisch stellte sich dann die folgende Eingewöhnungszeit dar; nach ca. drei Tagen fühlte ich mich auf diesen Achsen dann wieder ganz ‚wie zu Hause’. 57 Inwiefern nun der Skateschuh in den Prozess der Aneignung involviert ist und welche Rolle dessen Abnutzungsspuren beim Heelflip spielen, soll nun erläutert werden. Materielle Spuren als Hinweise des Aneignungsprozesses beim Skateschuh Die schützende Funktion, die der Skateschuh für das Skaten hat sowie deren besonders gute Haftung zum Griptape, wurde bereits behandelt. Auch wenn die für das Skaten produzierten Schuhe eine hohe Haltbarkeit versprechen (vgl. Turner 2016: S. 183), so erleidet das Schuhmaterial bei längerer und intensiver Nutzung Schaden und Abnutzung. Inwiefern sich die Bedeutung dieser Abnutzungsspuren auch auf den Heelflip bezieht, soll nun dargestellt werden. Eisewicht et al. zeigen anhand des Beispiels des Skateschuhs auf, wie dessen Abnutzungsspuren „als Anzeichen für dessen instrumentellen Gebrauch verstanden werden“ (2018: S. 189) können. Das unter Skatern wohl bekannte und auch ‚gefürchtete’ Ollie-Loch (vgl. Nowodworski et al. 2018; Im Ersch.) verweist auf eine spezifische Art der Abnutzung. Die durch das ständige Ausführen eines Ollies entstehende Reibung zwischen Schuh, Obermaterial, Randgummi und dem Griptape führt gewöhnlich zur Beschädigung und Entstehung eines Lochs am Skateschuh (Abb. 19). 58 Abb. 19: Ollie Loch Betroffen ist dabei in der Regel der jeweilige Schuh des vorderen Standbeins; demnach das linke Bein bei Regular, und das rechte Bein bei Goofy Fahrern39. Nicht nur spielt die Intensität (Höhe, Schnelligkeit, Druck) bei der Ausführung eines Ollies bezüglich der Abnutzung eine Rolle, sondern auch – so musste ich erfahren – die Fußstellung. Da der Heelflip zu einem meiner favorisierten Tricks zählte, übte ich diesen größtenteils auf geraden Ebenen. Üblicherweise wird für den Heelflip eine spezielle Fußstellung eingenommen (Abb. 20), bei welcher die Zehen über die Kante des Boards platziert sind, um so bei der Ollie Ausführung die Rotation des Skateboards mit der Ferse („Heel“) einzuleiten. 39 Jedoch traf ich auf etliche Skater, bei denen beide Schuhaußenseiten beschädigt waren, was darauf schließen lässt, dass diese Skater auch häufig Switch fuhren. Switch (to switch: wechseln, umschalten) fahren bedeutet, die eigene gewöhnliche Fußstellung zu wechseln und eben anders herum zu skaten. Da ich selbst Goofy fahre, würde meine Switch Haltung Regular sein (demnach das linke Bein vorne). Generell gilt das Switch Fahren als besonders schwierig und ist unter Skatern ein Hinweis darauf, auf einem fortgeschrittenen Niveau zu fahren. 59 Abb. 20: Heelflip Fußstellung Untypischerweise nehme ich für den Heelflip die normale Fußstellung ein. Dass diese Art einen Heelflip auszuführen eher selten ist, zeigt sich mir an den Fußstellungen anderer Skater. Thematisiert wurde diese für das Gelingen des Heelflips eher unpraktische Fußstellung an zwei Feldaufenthalten, die nun vorgestellt werden. 60 Auswirkungen auf Material durch skatespezifische Bewegungen Nachdem ich im Skatepark ankomme, entdecke ich außer einem Skater, der an einem Curb unterschiedliche Grinds auszuführen versucht, niemanden sonst. Nachdem ich mich ihm vorstelle, skaten wir zunächst separat, d.h. jeder für sich, durch den Park. Als ich ihn dann anerkennend auf seine Grinds anspreche, skaten wir zunächst zusammen. Schließlich jedoch, und dies geschieht ohne Worte, fahren wir abwechselnd auf einem kurzen, ungefähr 4 Meter langen Abschnitt zwischen einer Quarter Pipe und einem Curb innerhalb des Parks hin und her und versuchen dabei, unterschiedliche Tricks auszuführen (er einen Kickflip, ich einen Heelflip). Wir tun dies nach einer wortlosen, uns beiden irgendwie geltenden Regel befolgenden Selbstverständlichkeit: Einerseits warten wir bis zur vollständig ausgeführten Bewegung des anderen40 und fahren dann selbst los, um einen eigenen Versuch zu starten; andererseits warten wir nicht nur ab, sondern zollen dem Anderen auch zuschauend und – dies noch im Grad der Anerkennung steigernd – kommentierend Respekt. Dadurch, dass ich weiß, dass mir ein anderer Skater zuschaut, fühle ich mich gewissermaßen gezwungen, mich im Blicke der anderen, womöglich prüfenden Augen, besonders anzustrengen, was heißen soll, den Heelflip möglichst sauber zu landen41. Dieses Fahren unter Beobachtung hat für mich die positive Wirkung, dass ich tatsächlich eher in der Lage bin, den Heelflip auch erfolgreich (wenn auch nicht immer sauber) auszuführen. Hinzu kommt das Phänomen des Sich-Gegenseitig-Kommentierens. Diese Kommentare können unterschiedlicher Art sein42. Zunächst gibt es die bekräftigenden, eine erfolgreich ausgeführte Bewegung bejubelnden Ausrufe, wie „Jeah, gestanden!“, „Boa!“, „Jeah“ oder „Nice!“. Beim erfolglosen Versuch eines Tricks können diese Ausrufe ähnlich sein und zusätzlich, Anteilnahme bestätigend, motivierende Bedeutung tragen: „Wow, den haste gleich“, „Oh fuck“ oder „Oh!“. Neben diesen Ausrufen kommt es zudem auch zu näheren Auseinandersetzungen über die skatespezifischen Bewegungen. Interessanterweise wird über die Bewegungsabläufe nur dann gesprochen, und somit das Nacheinander-Fahren kurzzeitig unterbrochen, wenn ein Trick misslingt. Nachdem ich ungefähr zehn misslungene Heelflip Versuche hinter mir habe, entsteht allmählich ein Frustgefühl, welches mich leicht an der eigenen Befä- 40 Dies kann neben der erfolgreichen Ausführung eines Tricks auch das Misslingen desselben beinhalten. 41 Zum sauberen Skaten ausführlich in 5.2.6. 42 Auf non-verbaler Ebene drücken sich diese Zusprüche im Beifall Geben durch Händeklatschen, dem Skateboard durch Herunterdrücken des Tails auf den Boden ticken lassen oder bei besonders spektakulären Ausführungen dem wuchtigen Schlagen des Skateboards, resp. der Achsen, auf eine in der Nähe befindlichen Kannte durch Zuhilfenahme beider Arme. 61 higung, diesen Trick auszuführen, zweifeln lässt. An genau dieser Stelle der leichten Verzweiflung spricht mich der andere Skater auf meine spezifische Fußstellung an: „Irgendwie machst du den Heelflip voll komisch. Wie du stehst machst du dir doch extra Schwierigkeiten. Ich mach den immer so“. Zunächst verweist der Skater auf meine ungewöhnliche Art, einen Heelflip auszuführen und meint, dass hierdurch zusätzliche Anstrengungen erforderlich sind. Folglich gibt es einen weniger schwierigen Handlungsablauf, der möglicherweise zu einem besseren Ergebnis führt. Verwiesen wird also auf meine für Heelflips ungewöhnliche Fußstellung. Der Verweis „Ich mach den immer so“ bezieht sich auf eine spezifische Fußstellung (Abb. 20). Wie bei der Ollie Fußstellung wird der hintere Fuß nicht verändert, der vordere Fuß wird jedoch mit den Zehen die Deck-Kante überragend so in der vorderen Mitte des Decks positioniert, dass beim Absprung eine Reibung zwischen hinterem Außenbereich des Schuhs und Griptape entsteht (Videodatei „Spezifische Reibung durch Heelflip“). Abb. 21: Spezifische Reibung zwischen Griptape und Schuh beim Heelflip Folglich entstehen andere Abnutzungsspuren am Schuh, als dies bei meinen eher untypischen Heelflip Ausführungen der Fall ist. Da ich mir zu Beginn der Feldforschung neue Schuhe gekauft habe, diese bis heute ausschließlich zum Skaten verwende und ich regelmäßig die eben erwähnten Heelflip Bewegungen ausführe, kann ich die Beschädigungen am Schuhmaterial beobachten und ausschließlich auf die skatespezifischen Bewegungen zurückführen. Erstaunlich hierbei ist die Tatsache, dass das Ollie- Loch – und in diesem Fall wäre besser die Rede von einem Heelflip- Loch – bereits nach einem Monat entstanden ist. Um auf die Handlungsempfehlung des Skaters zurückzukommen, sei darauf hingewiesen, dass dieser seine spezifische Bewegung bevorzugt und mir versichert, dass „es so“ eben besser funktioniere. 62 Die in diesem Beispiel erwähnte besondere Art der Abnutzung bezieht sich einerseits auf den vorderen Außenbereich des Schuhs, wie dies ausführlich beim Ollie Loch beschrieben wurde, und andererseits auf die hintere Außenseite des Fersenbereichs. Da sich meine Fußstellung von der üblichen Heelflip Stellung zwar unterscheidet, jedoch beim entscheidenden Moment der Rotationseinleitung – also beim mit der Ferse nach vorn hinweg tretenden Bewegung – eben dieser hintere Fersenbereich des Schuhs beansprucht wird, sind auch bei meinen Schuhen die typischen Abnutzungsspuren zu erkennen (Abb. 22). Abb. 22: Abnutzungsspuren durch Heelflip Um auf die Rolle der Materialität des Skateschuhs weiter einzugehen, wird nun auf einen zweiten Feldaufenthalt verwiesen. Anlehnend an der Tatsache, dass Skater ihre Schuhe stellenweise mit Stolz tragen, präsentieren „und auch lange über ihren Gebrauch hinaus archivier[en]“ (Eisewicht et al. 2018: S. 190), zeigt sich an folgender Begegnung innerhalb eines Skateparks. 63 Über die Rolle des Skateschuhs Der Park liegt neben einem Sportplatz und wirkt durch die Aufteilung in zwei Ebenen ungewöhnlich, aber weckt in mir das Interesse, dort alles auszuprobieren. Ich entdecke drei ungefähr sechzehnjährige Skater, die auf der oberen Ebene des Parks hin und herfahren. Neben dieser Gruppe befindet sich noch eine weitere Gruppe Jugendlicher. Hierbei handelt es sich um drei Jungs und ein Mädchen; alle schätze ich auf 16-17 Jahre ein. Diese Gruppe sitzt lachend, Cannabis konsumierend und laut mit Hilfe einer Sound Box Musik hörend auf einer Bank. Als einer der Skater von der oberen Ebene herunterfährt und mir entgegenkommt, spreche ich ihn an und frage ihn, wie lange er schon skatet und ob er öfters in dem Park sei. Er ist sehr freundlich und sagt, dass er erst seit zwei Wochen fährt, aber, da bald Osterferien seien, er jeden Tag in den Park kommen wird. Nach ungefähr zehn Minuten spricht mich der zweite Skater der Gruppe an und lädt mich ein, mit ihm und seinem Kollegen S.K.A.T.E. zu spielen. Wir beginnen also zu dritt dieses Spiel in einer vorher ausgelosten Reihenfolge. Nachdem ein paar Runden gespielt sind, mache ich, als ich an der Reihe bin, einen Heelflip vor und lande diesen auch erfolgreich. Unmittelbar hierauf ruft der Skater, der diesen Trick nachmachen muss, um keinen weiteren Buchstaben einzuheimsen, lautstark aus: „Och nee nä! Auf den hab ich gar kein Bock! Da geht mein Schuh noch mehr in Arsch!“ Als ich ihn daraufhin auf seinen Schuh anspreche, zeigt er mir diesen und ich erblicke sofort die typischen Abnutzungsspuren, die ich auch an meinen Schuhen beobachten kann43: Die an der Außenseite des Obermaterials nicht zu übersehenden Löcher legen die Sicht auf die darunterliegende Socke frei, woraufhin dieser Skater bemerkt: „Ja, dann kann ich wieder nen paar Socken wegschmeißen!“ Mitfühlend bestätige ich ihm, dass ich unter dem gleichen Problem leide. Der andere Skater, der auch sein Mitschüler ist, weist mich bzw. uns darauf hin, dass wir uns „Shoe Goo“ holen sollten – da hätten wir mehr von unseren Schuhen. Im Sinne des nachhaltigen Gebrauchs des Skateschuhs handelt es sich beim „Schoe Goo“ um einen Industriekleber, der auf die abgenutzten Stellen des Schuhs aufgetragen wird und nach ungefähr zwölf Stunden Härtezeit eine gummihafte Schutzfläche bildet. Zusätzlich betont der Skater: „Wenn du das draufschmierst, dann nimm auf jeden Fall nen Eiswürfel, mit dem du das dann verteilst, weil das Zeug ist echt eklig und geht kaum von den Fingern ab“. Diesen Hinweisen folgend kau- 43 Neben dem Ollie-Loch muss ich auch ständig neue Schnürsenkel in den rechten Schuh einfädeln, da auch diese aufgrund der ständigen Ollie-, und Heelflip Bewegungen abgerieben werden und schließlich reißen. Dieses Problem wird mir auch von anderen Skatern verbal bestätigt, wobei ich zusätzlich aufgrund von Beobachtungen kaputter und auch unterschiedlicher Schnürsenkel bei anderen Skatern eben auf dieses ‚Problem’ schließe. 64 fe ich mir diesen Schuhkleber am selben Nachmittag im lokalen Skateshop und mache meine ersten Versuche, meinen in Mitleidenschaft gezogenen rechten Schuh zu reparieren (Abb. 23). Abb. 23: Reparatur an Schuh-Außenseite Es werden nun im nächsten Abschnitt die Aspekte der Gemeinschaft hinsichtlich des Aneignungsprozesses dargelegt. 65 5.2.5 „Jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen“ – über die Rolle der Gemeinschaft Zunächst ist Skateboarding als eine Sportart zu betrachten, die per se alleine betrieben werden kann. Grundlegend handelt es sich nicht um eine Mannschaftssportart mit geregelten Trainingszeiten, Wettkämpfen oder Auftritten. Auch gibt es keinen fixen Trainingsort (vgl. Peters 2016: S. 249), da die Trainingseinheiten beim Skaten prinzipiell an jedem Ort durchgeführt werden können, vorausgesetzt das Terrain lässt dies auch zu44. Trotz diesen hochgradig unverbindlichen Eigenschaften beim Skaten wird die Sportart an bestimmten Orten und in Gruppen betrieben: „Skateboarding ist jedoch keine einsame Angelegenheit – man trifft sich an Spots und hat Spaß daran, gemeinsam (neue) Tricks auszuprobieren und zu erlernen. Man unterhält sich, hört Musik, fährt gemeinsam durch die Stadt usw.“ (Hitzler/Niederbacher 2010: S. 135). Nicht nur spielen hierbei Skateparks oder örtliche Gegebenheiten wie z.B. Treppen als Treffpunkte eine zentrale Rolle, sondern eben auch die Gemeinschaft und die Kommunikation innerhalb dieser (vgl. ebd.: S. 135). Paradoxerweise wird hierbei das eigentliche Skaten streng genommen alleine betrieben, wobei dies jedoch eingebettet ist in ein soziales „Gesellungsgebilde“ (Hitzler 2003: S. 21). Die vorliegende Darstellung behandelt die für den Aneignungsprozess bedeutsamen Aspekte, die für das Skaten innerhalb einer Gemeinschaft von Relevanz sind und die im Weiteren im Einzelnen behandelt werden sollen. 44 Ausgeklammert werden hier jene Skater im Amateur- und Profibereich, bei denen andere zeitliche und örtliche Bedingungen herrschen. Beispielsweise ‚müssen’ diese für den Dreh eines Skatevideos zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten anwesend sein. 66 Skaten und Skaten lassen – zwischen Anonymität und Vertrautheit Die Rolle der Gemeinschaft innerhalb des Skatens ist eng verknüpft und wenn nicht sogar abhängig davon, ob auch tatsächlich zusammen geskatet wird. Anders ausgedrückt entsteht Gemeinschaft erst durch das gemeinsame Interesse an einer gemeinsamen Aktivität. Dadurch, dass gewusst wird, dass an gewissen Orten – dies kann auch zufällig passieren – auf Skater zu treffen ist, kann davon ausgegangen werden, dass diese Skater ähnliche Handlungsentwürfe teilen45. Entscheidend ist hierbei die Aussicht auf potentiell zu erfahrene Teilzeiten mit anderen Menschen, die die gleichen Interessen an gemeinsamen Themen miteinander teilen (vgl. Eisewicht 2017: S. 22). Hiermit verbunden ist das potentielle Angebot eine „(teil-)zeitliche Vertrautheit“ (ebd.: S. 22) zu erleben. Dieses auf Teilaspekte beruhende, ähnliche Wissen kann zumindest temporär Gemeinschaft erzeugen. Dass diese Gemeinschaft dabei jedoch auch durch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Anonymität unter den Akteuren ausgeprägt ist, gibt dieser Sportart mitunter auch den zuvor genannten unverbindlichen Charakter. Da sich mein Können beim Skaten auch an der Rückmeldung und dem Austausch mit anderen Skatern ‚misst’, war ich während meiner Feldaufenthalte darauf fokussiert, neue Kontakte zu knüpfen. Als eine Art Bewältigungsstrategie im Umgang mit meiner solitären, sozialen 45 Selbstverständlich können diese hochgradig unterschiedlich ausfallen, im Kern beziehen diese sich jedoch auf skatespezifische Bewegungen. 67 Situation suchte ich immer wieder den Kontakt zu anderen Skatern durch Grußworte und unbefangenes Ansprechen46. In den meisten Fällen erwies sich diese ‚Strategie’ als sehr zielführend, da mir nicht nur wichtige Informationen zu den unterschiedlichsten skaterelevanten Bereichen zugänglich wurden, sondern eben auch ein angenehmer sozialer Raum entstand, in dem das Skaten zur verbindenden Aktivität wurde. Exemplarisch hierfür sollen die folgenden Feldnotizen diesen Moment der Eröffnung eines sozialen Raums darstellen. „Jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen“ An diesem Tag entdecke ich einen mir bisher unbekannten Skater. Dieser, so scheint mir, fährt auf einem sehr hohen Niveau, da er schnell und sicher durch den Park fährt, dabei Flips und Grinds ausführt, die ihm alle problemlos gelingen. Ein wenig unsicher begebe ich mich auf mein Skateboard und fange, an durch den Park zu fahren und hoffe, dass ich mich vor dem Skater nicht blamiere. Ich entschließe mich deshalb, den Skater anzusprechen. Also begrüße ich ihn und stelle mich vor47. Freundlich grüßt er zurück und stellt sich ebenfalls vor. Wir kommen sehr schnell ins Gespräch und er teilt mir mit, dass er 32 Jahre alt ist, seit 13 Jahren eine Pause eingelegt hat und nun wieder seit drei Jahren fährt. Sichtlich erfreut unterstreicht er sogleich, dass er „wieder so viel wie früher, wenn nicht sogar mehr drauf hat“. Ich teile ihm mit, dass es mir ähnlich ergangen ist und ich kürzlich wieder mit dem Skaten angefangen habe. Scheinbar, so denke ich mir, lässt sich auch nach jahrelanger Pause an das damalig erworbene Körperwissen anschließen. Zum Abschluss des Gesprächs frage ich ihn noch, ob sich in dem Skatepark manchmal auch andere Skater aufhalten. Er bejaht und begründet die geringe Anzahl der Skater mit dem kalten Wetter. Normalerweise seien aber auch andere Skater vor Ort, die im Durchschnitt jünger als er seien und „locker drauf“ sind: Er: „Du kennst das ja bei Skatern, zwischendurch Pause machen, mit denen rauchen und kiffen, kennt man ja ((lacht)).“ Ich: „Ist das denn so ne Community?“ Er: „Nä nicht wirklich, jeder macht sein Ding, aber man skatet zusammen. Ich 46 Innerhalb der Feldforschung wurde ich lediglich in zwei Situationen von anderen Skatern angesprochen. Dass ich also die Initiative ergreifen musste, um in Kontakt zu anderen Skatern zu kommen, wurde mir glücklicherweise recht früh bewusst. 47 Bezüglich seines äußeren Erscheinungsbildes fallen mir sofort seine abgenutzten Skateschuhe auf: An diesen entdecke ich Löcher an den Schuhaußenseiten, die auf die häufige Ausführung Ollie- bezogener Bewegungsabläufe hindeuten. 68 seh die ja auch nur einmal in der Woche, habe ja jetzt Frau und Kind. Würde ja sonst mehr fahren ((lacht)).“ Ich: „Kennt ihr euch dann untereinander auch?“ Er: „Ja eigentlich schon. Da gibts dann die drei, die sind untereinander oder die zwei oder so.“ Dass sich dieser Skater „nicht wirklich“ zu einer Gemeinschaft zugehörig fühlt, jedoch das gemeinsame Interesse, also das Skaten mit diesen Gleichgesinnten teilt, erweckt mein Interesse und ich frage mich, ob diese Unverbindlichkeit nach dem Motto ‚jeder kann kommen und gehen wann er will’ eine der Besonderheiten der Skate- Szene darstellt. Da es sich beim Skaten nicht um eine klassische Teamsportart, bei der die Beteiligten üblicherweise voneinander abhängig sind (vgl. Goffman 1959: S. 82), handelt, liegt der Reiz beim Skaten mitunter in dem unverbindlichen, terminunabhängigen Charakter. Auch ich beginne im Verlauf meiner Forschung, an dieser Besonderheit Gefallen zu finden, da ich tatsächlich zu jeder mir gewünschten Zeit beschließen kann, skaten zu gehen. Die hier thematisierte Spannung zwischen Anonymität und Gemeinschaft lässt sich auch an entsprechenden Feldbeobachtungen ‚ablesen’. In der Unterlassung der Verabschiedungspraxis zeigte sich mir ein auffälliges Phänomen. Nicht selten kam es demnach vor, dass sich Skater zwar bei der Ankunft begrüßten, zusammen skateten, zusammen Pausen einlegten, teilweise jedoch den Ort ohne jegliche Verabschiedung verließen. Eine mir nachhaltig bedeutende Situation soll dies veranschaulichen: Nachdem ich mich mit einem mir zunächst unbekannten Skater vertraut machte – wir stellten uns gegenseitig vor, verbrachten ca. drei Stunden zusammen im Skatepark, in denen wir gemeinsam neue Tricks ausprobierten (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010: S. 135) – hatte ich im Laufe der Session das Gefühl, dass sich eine Art vertraut-freundschaftliche Beziehung zwischen uns aufbaute. Zu meiner Verblüffung entdeckte ich dann nach einer Weile des gemeinsamen Skatens, dass dieser Skater ohne sich zu verabschieden den Skatepark verließ. Dieses abrupte Verlassen des zuvor erlebten gemeinsamen sozialen Raums entdeckte ich immer wieder in meinen Feldaufenthalten und ordnete diese spezifischen Handlungen allmählich zu den ‚normalen’ Handlungsmustern beim Skaten. 69 Eine weitere Beobachtung, die auf die Spannung zwischen Anonymität und Gemeinschaft deuten lässt, ist das Hören von Musik während des Skatens. Anhand des sichtbaren Tragens von Kopfhörern und elektronischen Hilfsmitteln wie Smartphones während des Skatens schloss ich darauf, dass diese Skater eben auch Musik hörten. Dies bestätigte sich mir in jenen Situationen, in denen ich diese Skater ansprach und mein jeweiliges Anliegen nochmal wiederholen musste. Typischerweise wurde dann entweder einer der Kopfhörer herausgenommen oder die Musik pausiert und nochmal nach meinem Anliegen nachgefragt. Dabei brachte ich in Erfahrung, dass die Musik aus Gründen eines verbesserten Fahrgefühls genossen wurde. Denn, so wurde mir erklärt, bekräftigt die jeweilige Musik48 das erwünschte „Flow“ Erlebnis (Csikszentmihalyi 1991). Nichtsdestoweniger trat neben diesem skatebejahenden Musikhören eine nach außen gerichtete Barriere. Ich deutete das sichtbare Tragen von Kopfhörern als eine Art Hinweis, den jeweiligen Skater nicht anzusprechen und tendierte eher dazu, eine verbale Kommunikation zu unterlassen. Dass sich die verbale Kommunikation jedoch positiv auf den Lernprozess auswirken kann, soll im weiteren Verlauf dieses Abschnitts aufgezeigt werden. Neben dem mimetischen Lernen stellt sich auch das positive Wohlbefinden in einer temporären Gemeinschaft als äußerst förderlich für den Aneignungsprozess dar. „Man kann skaten nicht beibringen, man kann nur andeuten!“ – das mimetische Lernen Die Rolle der anderen Skater erschließt sich bei meinem speziellen Forschungsvorhaben – also der Untersuchung des Aneignungsprozesses – im Phänomen des gegenseitigen Lernens (vgl. Peters 2016: S. 256). Besonders das mimetische Lernen ist hierbei von zentraler Bedeutung: „dem Lernen durch Nachahmung“ (Wulf 2007: S. 91). Bei dieser Form des prozesshaften und produktiven Lernens ist der Körper zentraler Bezugspunkt, wodurch praktisches Wissen erlangt wird (vgl. ebd.: S. 91). Das nachahmende Versuchen spezifischer Bewegungsabläufe und deren allmähliche Aneignung erwies sich für das Vorhaben dieser Arbeit als besonders relevant. Es sei noch erwähnt, dass eine gewisse Neugier an der Art und Weise, wie andere Skater diesen und jenen Trick ausführen, von hoher Bedeutung für eine anschließende ‚Unterweisung’ sein kann. Diese Neugierde verkündend 48 Um welche Musik es sich speziell handelte, brachte ich nicht in Erfahrung. 70 und den ausdrücklichen Wunsch äußernd, dass ich von der jeweiligen Person etwas lernen wolle, schloss größtenteils in einen typischen Kommunikationsablauf. Zunächst beginnt der Prozess des mimetischen Lernens auf einer verbal stattfindenden Ebene. Inhaltlich bezieht sich dieser Austausch auf den tatsächlichen Handlungsvollzug, also der jeweiligen skatespezifischen Bewegung. Da das tatsächliche Sprechen allein jedoch kaum in Reinform, sondern auch non-verbale Elemente beinhaltet, lässt erste Vermutungen auf die Schwierigkeiten der verbalen Übertragung von Körperwissen schließen. Schindler merkt an, dass diese Sprechakte eine wichtige Funktion einnehmen: „[S]ie dienen nämlich zum einen als „verbales Zeigen“, zum anderen als „verbale Marker“; kurz: Sie sind zwar offensichtlich als sprachliche Interaktionsbeiträge erkennbar, vermitteln Wissen aber dennoch primär implizit, darstellend“ (Schindler 2011: S. 341). Auf verbaler Ebene können die Bewegungsabläufe zwar detailliert beschrieben und erklärt werden, jedoch verwenden die Befragten unterstützende Gesten und Handlungen. Das Zeigen mit Händen und Füßen wie auch das ‚trockene’ Vorführen49 eines spezifischen Tricks gehören hierzu. Dass das anschließende tatsächliche Vormachen50 eines Tricks auch ohne die vorangegangenen Erklär-Schritte vorkommt, deutet zusätzlich auf die eher geringere Bedeutung des verbalen Lehrens und Lernens hin. Nicht selten schlossen diese kurzen Lehr-Einheiten mit dem Verweis darauf, dass sich das Skaten im Grunde genommen kaum durch andere Personen aneignen lasse und dies nur durch eigene, immer wieder auszuführende Handlungsvollzüge möglich sei: dem „Learning by Doing“ (Peters 2016: S. 248). Folgender Feldaufenthalt soll dies verdeutlichen. 49 Gemeint sind angedeutete Bewegungsabläufe, die in verringertem Tempo eben nur angedeutet und nicht vollzogen werden. Hierzu zählt beispielsweise der Bewegungsablauf eines spezifischen Körperteils, wie dem Fuß, welcher zeitlupenartig die jeweilige Bewegung ausführt. 50 Zwar nicht im Sinne eines intendierten Vormachens, jedoch als performative unaufgeforderte Handlung, zähle ich all jene ausgeführten Tricks anderer Skater, die ich während meiner Feldaufenthalten beobachtete. Auch diese Beobachtungen flossen in meinen Aneignungsprozess mit ein, da z.B. von Anderen ausgeführte Heelflip- Variationen als eine Art Ansporn wirkten und mir dergestalt ‚offene’ Fragen über die jeweiligen Bewegungsabläufe beantwortet wurden. 71 Grenzen des Beibringens Ein mir mittlerweile bekannter Skater, den ich auch regelmäßig in dem gleichen Skatepark treffe, verdeutlicht mir die Schwierigkeit des nachahmenden Lernens durch andere Skater. Um sein hohes fahrerisches Können bewusst, frage ich ihn, wie ich meinen Heelflip denn mit einer 180° Körperdrehung kombinieren könnte (der so genannte BS Heelflip). Da mir dieser Trick nie so richtig gelingen will, frage ich ihn spontan um Rat. Sichtlich erfreut über meinen Wunsch, von ihm unterwiesen zu werden, beginnt dieser, mir den Trick zunächst verbal zu erklären: „Also du musst dich bei dem Trick so richtig mit der Schulter reinlegen. Also bevor du losspringst und den Heelflip machst, schon die Drehung vorbereiten so mit den Schultern. Und beide Tricks draufhaben. Also den Heelflip und den Backside 180°. Dann eigentlich nur beide kombinieren.“ Dass ich meine Schultern „reinlegen“ solle, betont er mit dem Hereindrücken seiner rechten Schulter. Bevor diese jedoch die Drehung einleitet, macht er noch eine ausholende Bewegung mit dem Oberkörper, um den nötigen Schwung aufzubringen. Anschließend nimmt er das Skateboard in die Hand und erklärt mir, dass er mir den Trick einfach vorführen wird („Ja warte, ich zeigs ma“). Nachdem er diesen scheinbar mühelos landet und ich ihn dabei beobachte, fährt er zu mir zurück und betont: „Man kann skaten nicht beibringen, man kann es nur andeuten. Am besten einfach üben. Klappt schon irgendwann“. Nun versuche ich, das Gehörte und Beobachtete nachzumachen. Auch wenn ich diesen Trick in der heutigen Session nicht stehe, so gelingt mir dieser doch im Ansatz: Mit der mir vertrauten Heelflip Bewegung habe ich keine Schwierigkeiten, jedoch mit der 180 Grad Bewegung, die zusammen mit dem Heelflip in eine Weiterfahrt mündend ausgeführt werden muss. Weiter als eine 90 Grad Drehung schaffe ich es nicht. Dies begründe ich mit dem fehlenden Schwung, den aufzubringen mir bisher noch nicht gelingen will. Abschließend betrachte ich die heutige Session als einen Teilerfolg, da mir durch die beschriebene Unterweisung ein Einblick in eine neue Heelflip Variation geboten wurde51. Die Aussage des Skaters, „Ja warte, ich zeigs ma“, drückt die Grenzen der verbalen Kommunikation aus. Der Skater ist zunächst bemüht, die entsprechende Bewegung zu beschreiben und greift dabei auch auf non-verbale Kommunikation, wie dem Andeuten mit der Schulter, zurück. Dann jedoch wird dieser Kommunikationsmodus spontan 51 An einem späteren Zeitpunkt meiner Forschung gelingt mir der BS 180° tatsächlich. 72 beendet und vom Vormachen der skatespezifischen Bewegung abgelöst. Das „Es“, was gezeigt werden will, kann eben nur intentional vorgeführt werden. Hierfür greift die Person auf einen ihr vertrauten Handlungsentwurf zurück, der unmittelbar ausgeführt wird. Das Vormachen wird als eine dem Trickverständnis notwendige Konsequenz des bloßen Beschreibens durchgeführt. Mit der Betonung „man kann skaten nicht beibringen, man kann es nur andeuten“ expliziert der Skater die Schwierigkeit der Übertragbarkeit von Können beim Skateboarding. Lediglich könne das Skaten „angedeutet“ werden, was einerseits auf verbaler und non-verbaler Ebene, andererseits durch tatsächliches Vormachen geschehen kann. Schließlich müsse sich jede skatende Person das Können durch einen individuellen Aneignungsprozess – also das ständige Üben – eben selber erschließen (vgl. Peters 2016: S. 249). Skaten in der Gemeinschaft – Einfluss auf den Aneignungsprozess Einen besonders wirksamen Einfluss auf meinen Lernprozess hatten jene Momente, in denen ich das Phänomen des positiven Miteinander- Skatens sowohl beobachten als auch erfahren konnte. Einfach ausgedrückt handelte es sich hierbei um ein Erlebnis von Spaß auf Grundlage eines gemeinsamen Interesses. Spaß kann hierbei mitunter auch auf die Einlassung gewisser „Maximalrisiken“ (Hitzler 2010: S. 256), wie sie beim Skateboarding herrschen, hinweisen. Spaß, so erfuhr ich, kann auch das solitäre Skaten bereiten, jedoch fehlte bei dieser Art von Spaß die positive wie auch meine Handlung wertschätzende Rückmeldung einer anderen Person (vgl. Hitzler/Niederbacher 2010: S. 135). Die für meinen Aneignungsprozess ‚ertragreichsten’ Tage waren diejenigen, an denen ich mich in einem Raum des Miteinanders befand. Typischerweise skateten hierbei die Personen in unmittelbarer Nähe zueinander, wobei zumeist ein gemeinsamer Spot, der durch einen spontanen, meist non-verbalen Prozess ausgelotet wurde, befahren wurde. Hierbei wurde dieser Ort mitunter von allen Beteiligten befahren – meist nacheinander und in einer sich dann spontan auslotenden Reihenfolge. Die Art von Tricks, die dann an diesem Spot ausgeführt oder versucht wurden, fielen dabei höchst unterschiedlich aus. Eine hierbei häufig beobachtete wie auch selbst erfahrene Auffälligkeit betraf das ständige Versuchen eines gleichen Tricks. Wenn die betroffene Person diesen geplanten Trick auszuführen versuchte52, wur- 52 Und dabei gelegentlich auch scheiterte. 73 den diese Versuche von den beobachtenden anderen Skatern registriert und auch kommentiert. Durch anerkennendes Anspornen und Zujubeln53 wurde das Beobachtete wertgeschätzt. Interessanterweise wurden bei diesen wertschätzenden Handlungen auch die unterschiedlichen Niveaustufen der Beteiligten berücksichtigt. Beispielsweise befand ich mich in spontan entstandenen Gruppen, die sowohl aus ‚Anfängern’ als auch aus weit ‚Fortgeschrittenen’ bestanden. Da diese Unterschiede im Können relativ schnell von allen Beteiligten registriert und eingeschätzt wurden, entstanden eben jene auf das individuelle Niveau zugeschnittenen Anerkennungspraktiken. Zumal kann an einem gemeinsamen Spot (z.B. ein Curb) eine bestimmte Person immer wieder einen Ollie versuchen und dann nach dem zehnten Versuch diesen auch tatsächlich landen. All jene Mühen, die hierfür aufgewendet wurden – hierzu zählen auch Stürze – wurden dann mit den zuvor beschriebenen Anerkennungspraktiken wertschätzend kommentiert. Nicht anders verhielt es sich, wenn anschließend der nächste Skater, der als weit ‚Fortgeschrittener’ zu bezeichnen ist, einen hochgradig komplexen Bewegungsablauf vollzog und diesen dann nach einigen Versuchen auch landete. Einhergehend mit diesem Sich-für-denindividuellen-Erfolg-des-Anderen-Freuen ist auch die Bemühung, den entsprechenden Trick besonders gut auszuführen. Sich dessen bewusst, dass der eigene durchgeführte Trick von den Anderen beobachtet und prinzipiell auch kommentiert werden konnte, gab ich mir entsprechend viel Mühe. Beim gemeinsamen Skaten spielten auch die Impulse für neu Gesehenes eine wichtige Rolle. Beispielsweise lernte ich während der eigenen Beteiligung beim so genannten S.K.A.T.E. neue Tricks kennen. Da dieses Spiel, wie bereits erwähnt, nach dem Trick- Vorlegen und anschließendem Trick- Nachmachen Prinzip funktioniert, musste ich des Öfteren mir noch unerschlossene Bewegungsabläufe mimetisch aneignen. Auch hier wirkte sich das Gefühl, von den Anderen beobachtet zu werden, positiv auf mein fahrerisches Können aus: Wenn ich mich in der Situation befand, einen Trick vorzulegen, so tat ich dies mit der Absicht, diesen auch besonders sauber auszuführen. Das Attribut sauber ist Teil des Könnens und wird im nächsten Abschnitt näher behandelt. 53 Z.B. durch „Jeah“- Rufe oder Klatschen. Häufig wird auch das Skateboard durch Herunterdrücken der Tail und anschließendem Loslassen auf den Boden getickt. Durch das hieraus entstehende Geräusch wird zusätzlich Anerkennung oder Jubel ausgedrückt (vgl. Bock 2017: S. 123). 74 5.2.6 Sauber gelandet oder nur gestanden? – über das Können Das „weiter, höher, schneller“ Prinzip (vgl. Bock 2017: S. 74) im Skateboarding wurde bereits benannt als eine besonders relevante Antriebskraft, die für den Willen, überhaupt zu skaten und dies auch weiterhin zu tun, greift. Jedoch steht neben diesem Prinzip auch eine weitere Norm, die sich auf die technischen Aspekte der Bewegungsabläufe bezieht. Bestimmend für diese Norm ist im Besonderen die technische Sauberkeit mit derer die jeweiligen Tricks ausgeführt werden. Das körperliche Beherrschen gewisser Bewegungsabläufe, also das Können, kann anhand genauer Beobachtungen erschlossen und zudem durch subjektive Erfahrungsdaten, wie sie die lebensweltanalytische Ethnographie erlaubt, untersucht werden. Der Kompetenztrias entsprechend bezieht sich das Können einerseits auf die Fähigkeiten, also die in der Skate- Szene relevanten körperlichen Fähigkeiten, und andererseits auf die spezifischen szeneinternen Wissensbestände (vgl. Kirchner 2018: S. 28). Um an diese spezifischen Wissensdaten über die körperlichen Fähigkeiten zu gelangen, wurde auf das fokussierte Beobachten im Feld, aber auch das Erstellen von Videos, zurückgegriffen. Letztere haben den besonderen Vorteil, die technischen Feinheiten, besonders die ‚Fußarbeit’, die beim Ausführen des Heelflips von besonderer Bedeutung ist, anhand der Slow-Motion Funktion kleinschrittig zu untersuchen. Dergestalt können durch die massive Reduzierung der Abspielgeschwindigkeit „die verschränkten Handlungskoordinierungen“ (Singh 2018: S. 208), die im Video sonst nur schwer zu erkennen sind, untersuchbar gemacht werden. Anhand welcher Aspekte54 nun das Können einer besonderen skatespezifischen Bewegung von dem bloßen Stehen unterschieden werden kann, ist in der nachstehenden Abbildung zusammengefasst: 54 Dieser Kriterienkatalog, anhand dessen das Können eines spezifischen Tricks ‚abgelesen’ werden kann, entstand im Laufe der Feldforschung und setzt sich zusammen aus rekonstruierten Gesprächsdaten mit anderen Skatern. Wurden demnach die Fähigkeiten anderer Skater, der Gesprächsteilnehmer oder meiner eigenen thematisiert, so wurden diese als sichtbar erfassbaren Aspekte eines sauberen Fahrstils kriteriengeleitet zusammengefasst. 75 Wieder derholholbarkeit Ortsungebundenheit Tempo Flughöhe saubere Fußarbeit saubere Körperhaltung Teil einer Variation kein Zufall Vergleichbarkeit gerade Ebene in Rampe (z.B. Quarter, Half Pipe, Mini Ramp) auf höher gelegene Ebene von höher gelegenen Ebene herunter langsam schnell im Stand niedrig hoch parallele Boardrotation Catchen am höchsten Punkt Catchen am waagerechten Punkt Catchen wie Standard Fußstellung kein Korrigieren der Füße bei Landung parallele Schultern bei Landung in Knie gehen in einer Line Grind einleitend Grind beendend Manual einleitend Manual beendend Teil einer Rotation des Körpers Teil einer Rotation des Skateboards Teil einer Rotation des Körpers und des Skateboards Fakie, Switch, Nollie etc. Abb. 24: Können - Bedingungen für den „sauberen“ Heelflip 76 Die hier zusammengefassten Kriterien eines durch Beobachtungen festzustellenden sauberen Heelflips werden im Folgenden an einem innerhalb der Feldforschung erstellten Videos exemplarisch untersucht. Im Sinne der komparativen Analyse, bei der sich das „Charakteristische eines Stils nur im Kontrast mit anderen Stilen“ (Michel 2018: S. 78) zeigt, kann ein Vergleich mit einem professionellen Skate-Video, in dem die besten Heelflips55 des zu sehenden Skaters zusammengestellt sind, gemacht werden. Beim Durchsehen des gesamten Videos wird zum Einen das Typische der Heelflip Bewegung deutlich und zum Anderen – auch dank der Slow-Motion Funktion – die technisch einwandfreie Fußarbeit und Körperhaltung des Skaters. Auch variieren die Orte, an denen der Trick ausgeführt wird, sowie die Unterschiede in Sprunghöhe- und Weite. Zudem wird der Heelflip in einen Slide an einem Geländer übergeleitet, was die Fähigkeit der Trickvariation unterstreicht. Da es sich jedoch um ein audiovisuelles Datum handelt, können die Aspekte der Wiederholbarkeit und der Ortsungebundenheit zwar vermutet, jedoch nicht bestätigt werden. Um die ‚Gültigkeit’ der hier vorgestellten Analyse jedoch auch mit szeneinternen Mitgliedern und nicht nur mit externen audiovisuellen Daten abzugleichen, wurden die in den Videos zu sehenden Heelflips, die ich selber erstellt habe, mit einem anderen Skater analytisch besprochen56. Was anhand des Videos nicht abgeleitet werden kann, ist der Aspekt der Wiederholbarkeit. Hiermit ist gemeint, dass die skatende Person in der Lage ist, den jeweiligen Trick in gleicher oder ähnlicher Weise, vor allem aber sicher57, auszuführen. Dass der jeweilige Trick nicht nur rein zufällig erfolgreich ausgeführt wird, spricht für das Können der Person. 55 Der Titel des Videos lautet „Neen Williams’ Best Heelflips From Outliers“: https://www.youtube.com/watch?v=HLONMtMmK3k. Zugegriffen am 20.08.18. 56 Das Filmen und anschließende Betrachten eigener Bewegungsabläufe, stellt eine nicht untypische Praxis dar, mit Hilfe derer über die eigenen Bewegungsabläufe reflektiert werden kann. Besonders die Slow-Motion Funktion moderner Smartphones ermöglicht die präzise Feststellung von fehlerhaften Bewegungen, die einen misslungenen Trick begründen können. Auch bei erfolgreich ausgeführten Tricks können die je spezifischen Handlungsabläufe für das Gelingen untersucht werden. Ungeachtet dessen stellen sich beim Betrachten besonders erfolgreich ausgeführter Tricks positive Gefühle des Erfolgs ein, die nicht selten durch anschließende Veröffentlichungen der jeweiligen Clips, beispielsweise auf sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook, präsentiert werden. 57 Bei einem zufälligen Treffen mit einem mir bekannten Skater in einem Skatepark kommentiert dieser sein ständiges Üben eines speziellen Tricks wie folgt: „Ich will den nicht nur landen, ich will den lernen“. 77 Verstärkt wird die Beherrschung einer spezifischen Bewegung weiterhin durch die Fähigkeit des Skaters, den Trick relativ ortsungebunden auszuführen. Demnach kann beispielsweise der Heelflip auf gerader Ebene in einer Rampe von bzw. auf eine höher gelegene Fläche ausgeführt werden. Des Weiteren bezieht sich das Kriterium „Tempo“ auf die Fahrtgeschwindigkeit, in welcher ein Trick ausgeführt wird. Hierbei gilt das Prinzip: „Je schneller, desto krasser!“58. Da prinzipiell das Ausführen eines Flip Tricks bei geringem Tempo oder gar im Stand59 weniger Verletzungsgefahr bedeutet und zudem auch einfacher durchzuführen ist, verweist eine hohe Geschwindigkeit auf das Können und auch den Mut der skatenden Person. Anzumerken sei hinsichtlich der weiter unten beginnenden Videoanalyse, dass anhand von Standbildern der Aspekt der Geschwindigkeit nicht behandelt werden kann. Aus diesem Grund sei auf die jeweilige Videodatei „Heelflip“ verwiesen. Wird ein Trick in besonders hohem Abstand vom Boden ausgeführt, so gilt dies als ein weiteres Indiz für die Beherrschung des Tricks. Hierzu zählt nicht nur die Ausführung mit Hilfe eines hohen Ollies auf gerader Ebene, sondern auch in Quarter Pipes, Half Pipes, Mini Ramps oder von hoch gelegenen Ebenen herunterspringend bzw. auf diese hinauf. Als besonders anspruchsvoll und Anerkennung-generierend gelten die schier endlosen Variationen eines Tricks und dessen Eingliederung in eine Route. Beispielsweise konnte ich bei einer Session im Skatepark „Utopia“ in folgenden technisch hochkomplexen Bewegungsablauf beobachten60, der von den zu- 58 Die Einweihung des DIY Skatepark- Projekts „Utopia“ wurde unter anderem mit verschiedenen kurzzeitigen Wettbewerben zelebriert. Bei dem „Speed Contest“ ging es darum, in einem vorgegebenen Bereich mit möglichst hoher Geschwindigkeit einen Trick erfolgreich zu landen. Der anwesende Kommentator heizte die Stimmung wie folgt ein: „Leute, wir wollen Speed und krasse Tricks! Gebt ma richtig Gas, unter 25 km/h geht hier nix!“ Tatsächlich fuhren die Teilnehmer mit einer sehr hohen Geschwindigkeit in den gekennzeichneten Bereich und landeten nur selten die angestrebten Tricks und erlitten nicht harmlos wirkende Stürze. Landete jedoch einer der Skater einen Trick, so brach das zuschauende Publikum und der Kommentator in tobenden Beifall aus. 59 Das Üben im Stand gilt als eine Praxis, die besonders Anfängern nahegelegt wird. Beispielsweise heißt es bei der „Trick Tipps“ Rubrik der Homepage skatedeluxe.com: „Am Anfang kostet der Ollie im Fahren einiges an Überwindung. Lass dich darauf ein und versuche die Bewegung zu üben, während du langsam rollst.“ https://www.skatedeluxe.com/blog/de/trick-tipps/skateboard/flat/how-to-ollie/. Zuletzt aufgerufen am 20.08.18. 60 Da ich diesen Bewegungsablauf nicht filmen konnte, soll folgender, hochkomplexer Ablauf, hier in einem YouTube Video zu sehen, als Vergleich dienen: 78 schauenden Skatern mit den jeweiligen Anerkennungspraktiken wertgeschätzt wurde: Der Skater steuerte mit hohem Tempo auf eine ca. 50 Zentimeter höher gelegene Steinfläche zu. Er ging tief in die Knie, sprang kräftig mit dem Skateboard vom Boden ab, führte einen Heelflip aus, landete auf der höher gelegenen Fläche mit der vorderen Achse und fuhr auf diese Weise (der so genannte Nose Manual) bis ans Ende der ca. 3 Meter langen Fläche, ging dabei nochmal leicht in die Knie, führte nochmals einen Heelflip aus und beendete diese Trickabfolge mit der anschließenden Landung auf dem Boden. Diesem Skater zujubelnd freute ich mich mit den anderen Skatern zusammen und hörte einen dieser Skater begeisternd rufen: „Alter das war Switch!“61 Diese zusätzliche Information verwies nicht nur auf das Sonderwissen des zurufenden Skaters62, sondern auch auf das spezifische Können des betreffenden Skaters: Nicht nur gelang es diesem, zwei sauber ausgeführte Heelflips in einen hochgradig komplizierten Balanceakt (Nose Manual) einzuarbeiten, sondern dies auch in umgekehrter Fußstellung zu tun. Für die Kriterien der „sauberen Fußarbeit“ und der „sauberen Körperhaltung“ sollen die nun folgenden Standbilder des entsprechenden erstellten Videos als Anschauungsdatum dienen. Das Video entstand gegen Ende der vier Monate andauernden Feldarbeit. Zusammen mit einem mir bekannten Skater verbrachte ich ca. 2 Stunden in einem Skatepark und wir filmten uns gegenseitig. Da ich an diesem Tag einen sauber durchgeführten Heelflip aufzunehmen anstrebte, bat ich den anderen Skater, mich bei diesen Versuchen zu filmen.63 Nach ungefähr zehn Versuchen gelang mir der dargestellte Heelflip64 (Abb. 25), den ich zu einem meiner besseren Heelflips zähle. Auf welchen Kriterien diese Feststellung beruht, soll nun geklärt werden. Die für die gerade Weiterfahrt nötige parallele Rotation des Skateboards soll https://www.youtube.com/watch?v=fzEKHHBa408. Zuletzt aufgerufen am 20.08.18. 61 Switch verweist darauf, dass der Skater in ungewohnter Fußstellung steht. Gewöhnlich gelten Tricks, die in Switch ausgeführt werden, als besonders herausfordernd. 62 Der zurufende Skater musste die ‚normale’ Fußstellung des anderen Skaters kennen, um einschätzen zu können, dass dieser Switch fuhr. 63 Im Sinne des „Zeigehandelns“ (Reichertz 2013: S. 44), das besonders beim Kamerahandeln einer Videographie berücksichtigt werden muss, bat ich diesen Skater, den unteren Bereich meines Körpers zu filmen – also den Bereich des Skateboards, der Beine und der Füße – um im anschließenden Betrachten des Videos die genauen Bewegungen der Füße und Beine zu untersuchen. 64 Das Kriterium der Wiederholbarkeit ist mit dieser Tatsache bereits nicht erfüllt. 79 als erstes untersucht werden. Dass sich diese nicht parallel zum Körper verhält, ist deutlich im Moment des Catchens zu erkennen (Bild 12). In den nachfolgenden Bildern ist folglich die Konsequenz dieses asymmetrischen Verhältnisses zwischen Körper und Skateboard zu erkennen: Die zuvor angestrebte Fahrtrichtung wird in eine leicht nach links orientierte Richtung umgelenkt, was als unsauber gilt. Ferner befinde ich mich am höchsten Punkt des Sprunges über dem Skateboard (Bild 11) und fange dieses erst beim Anziehungskraft bedingten Herunterkommen (Bild 12). Abb. 25: Heelflip Abfolge (v.l.n.r.) aus Slow-Motion Videodatei 80 Auch befindet sich das Skateboard beim Zeitpunkt des Catchens (Bild 12) in einer leicht geneigten und nicht waagerechten Position, was den Heelflip zusätzlich unsauber erscheinen lässt. Was diesen Trick jedoch als sauber bezeichnen lässt, betrifft die Fußstellung beim Catchen: Ich lande hier in ähnlicher Fußstellung, die ich auch zur Anfahrt und zum Absprung einnehme (Bild 3, 4 im Vergleich mit Bild 14, 15). Ein „unschönes“ (Anmerkung des filmenden Skaters) Korrigieren der Füße wird somit vermieden und die Landung wirkt sauber. Jedoch, und dies betrifft nun die Körperhaltung, wird bei der Landung nicht in die Knie gegangen, um die Landung abzufedern und so das Gleichgewicht beizubehalten65 (Bilder 15-17). Die Parallelität der Schultern beim Absprung wird eingehalten (Bilder 1, 2), deren Position kann jedoch nicht anhand des Kamerafokus bestimmt werden. Neben den genannten im Video sichtbaren Kriterien des sauberen Heelflips spielen auch jene hier nicht sichtbaren Kriterien des Könnens eine wichtige Rolle. Da mir der Heelflip hauptsächlich nur auf gerader Ebene mit relativ geringer Fahrtgeschwindigkeit und in relativ geringer Sprunghöhe und nicht zuletzt in keiner Variation gelang, kann eben nur davon gesprochen werden, dass der Trick zwar gelegentlich gestanden, jedoch nicht sauber ausgeführt wurde. Nichtsdestotrotz können im Vergleich zum allerersten erstellten Video „Erster Heelflip“ Verbesserungen in der Bewegungsabfolge festgestellt werden. Als besonders relevantes Körperwissen erachte ich hierbei das Wissen darum, die Parallelität der Schultern beizubehalten wie auch das Fangen des Skateboards entsprechend der üblichen Fußstellung. 65 Demnach wird das Gleichgewicht mit zusätzlicher Zuhilfenahme der Arme ausgeglichen. 81 5.2.7 „Jeder kann fahren wie er will, wobei?!“ – über das Dürfen Da das Können gerade auch in den handlungs- und befähigungsorientierten Szenen wie dem Skateboarding (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 184) eng verknüpft ist mit dem szeneinternen Dürfen, also der dem Können zugrundeliegenden „wahrgenommene[n] Berechtigung[..]“ (Eisewicht 2013: S. 153), und diese sich gegenseitig bedingen, erscheint es sinnvoll, dieses Verhältnis auch im Kontext des Aneignungsprozesses beim Skateboarding zu untersuchen. Angesichts des Kompetenzmodells bestehend aus Können, Wollen, Dürfen (vgl. Pfadenhauer 2008) liegt die Vermutung nahe, dass gerade der Aspekt des Dürfens die Skate- Szene erst zu einer Szene macht. Denn alleine das Wollen und das Können ließen das Skaten zunächst einmal als eine (Extrem)Sportart darstellen. In diesem Sinne bliebe diese Sportart eine solitäre Angelegenheit, die von den Betreffenden alleine und im Verborgenen praktiziert werden könnte, ohne dabei in den Austausch mit anderen Praktizierenden zu kommen. Dieser Austausch jedoch, in dem Trends und Stile ‚ausgehandelt’, Informationen zu Orten, Tricks, Events, Internetseiten u.v.m ausgetauscht werden, ist ein grundlegendes Element der Anzeige von Szenezugehörigkeit (vgl. Hitzler/Pfadenhauer 2004: S. 56). Nicht zuletzt meint dieser Austausch jedoch auch das gemeinsame Skaten an Orten und Treffpunkten, an denen mal mehr und mal weniger subtile Prozesse des Dürfens ausgehandelt werden. Als zentrale ‚Aushandlungsstrategien’ erachte ich aus diesem Grund das gegenseitige Beobachten, beobachtet werden, sowie das Kommunizieren miteinander66, das während des Skatens und in den Pausen stattfindet67. 66 Das Skaten von mindestens zwei Personen an einem gemeinsamen Ort schließt mitunter das Wechselspiel zwischen Beobachten und Beobachtet-Werden mit ein. Durch dieses Wechselspiel werden in einem recht schnellen Prozess die sichtbaren Fähigkeiten des Gegenübers registriert und bewertet; vorausgesetzt, diese andere Person skatet auch. 67 Diese Aushandlungsprozesse beziehen sich in diesem Zusammenhang auf soziale Kontexte, in denen sich die beteiligten Personen zunächst als Fremde begegnen. Denn innerhalb einer vertrauten Gruppe von Skatern und Skaterinnen spielt der Aspekt des Dürfens üblicherweise eine eher unerhebliche Rolle, da hier sowieso geskatet werden ‚darf’. 82 Abb. 26: Dürfen in unterschiedlichen Kontexten Für das in dieser Arbeit relevante Forschungsinteresse am Aneignungsprozess ist es wichtig zu verdeutlichen, dass das Dürfen erheblichen Einfluss auf das Können hat bzw. haben kann: Skaten zu dürfen ist eng verbunden mit sozialer Akzeptanz. Wenn jedoch der einzelnen Person aus verschiedenen Gründen nicht gestattet wird zu skaten, so treten folglich Ausgrenzungsstrategien wie das demonstrative Ignorieren durch Wegsehen oder die Nicht-Eingliederung in die Skate Reihenfolge in den Vordergrund. Das resultierende Gefühl des Nicht- Dazugehörens schließt somit das Erleben von Anerkennung innerhalb einer Gruppe aus. Da jedoch, wie bereits gezeigt wurde, der soziale Austausch und hier besonders die positiv zugeschriebenen Erlebnisse, die zusammen erlebt werden, erheblichen Einfluss auf den Lernprozess beim Skaten haben, handelt es sich beim Dürfen eben um eine für die Skate- Szene konstitutive hinreichende Bedingung. Aus diesem Grund sollen nun drei unterschiedliche (idealtypische) Kontexte ge- 83 schildert werden (Abb. 26)68, in denen die Frage des Dürfens anhand der Bedingungen des Wollens und des Könnens behandelt wird. Als eine Dimension des Wollens ist die Risikobereitschaft zu verstehen, die erheblichen Einfluss auf den Aushandlungsprozess des Dürfens hat bzw. haben kann. Grob formuliert gilt hier die Devise: Wer Kopf und Kragen riskiert, darf skaten! Es folgt nun der erste Typus, der durch „krasses“ Skaten eine hohe Berechtigung erfährt. Dürfen durch „krasses“ Skaten Der in Fußnote 61 erwähnte „Speed Contest“, der Teil der Einweihungsfeier des Skateparks „Utopia“ war, soll das durch Anerkennungspraktiken der Zuschauer und anderer Skater bekundende Dürfen eines gewissen Typus verdeutlichen. Die Rede ist hier von dem „krassen“ Skater. Beim „Speed Contest“ ging es nun darum, in einem durch ausgeschüttetes Bier markierten Bereich des Skateparks mit möglichst hoher Geschwindigkeit einen Trick zu landen. Nichtsdestotrotz seien dem Moderator zufolge auch Stürze erwünscht: „Wenn ihr euch auffe Fresse legt, auch gut!“ Nachdem die Regeln vom Moderator erläutert wurden, versuchen die ersten Skater an der besagten Stelle mit hoher Geschwindigkeit ihre angestrebten Tricks auszuführen; dies wird durch laute Punkmusik einer spielenden Band begleitet. Nach ca. fünf Minuten haben sich ungefähr zehn Skater in den Wettbewerb eingegliedert, und so fahren diese nacheinander in Richtung der besagten Stelle und reihen sich danach wieder in die Reihe ein. Dass zunächst jeder dieser Skater die hinreichende Bedingung des Wollens erfüllt, da diese ja an der markierten Stelle ihre Tricks versuchen, gewährleistet noch nicht das Dürfen. Denn unter diesen Skatern gibt es jene, die lediglich schnell fahren und höchstens einen Ollie ausführen, dabei jedoch keine Anerkennung der Zuschauer oder anderer Skater bekommen. Demgegenüber steht ein anderer Skate Typus, der einerseits durch sichtbares Ausführen technisch schwieriger Tricks und andererseits durch eine hohe Risikobereitschaft auffällt. Da diese beiden Elemente zusammen auftreten, wird dieser Typus eben als „krass“ bezeichnet: Schallender Publikumsbeifall und lautes Mit-dem-Skateboard-auf-den-Boden-Schlagen ertönt immer dann, wenn der betreffende Skater entweder einen sichtbar schwierigen Trick versucht, diesen nicht landet und mal mehr und mal weniger hart stürzt, oder aber eben erfolgreich landet und mit hoher Geschwindigkeit weiterfährt. Wollen, Können und Risikobereitschaft dieses Typus sind stark ausgeprägt und haben dadurch positiven Einfluss auf das Dürfen. 68 Diese idealtypischen Darstellungen treten nur selten in Reinform auf und vermischen sich vielmehr. Diese Darstellung dient der Charakterisierung des Typischen. 84 Es folgt nun die Darstellung des nächsten Typus, der zwar durch geringes Können, jedoch gleichzeitig durch eine hohe Risikobereitschaft charakterisiert ist. Dürfen durch „krankes“ Skaten Ein einschlägiges Erlebnis des Skaten-Dürfens erlebe ich auf dem „Fusion Festival“ in Lärz. Im Vorhinein über die Installation einer Skate Anlage auf dem Festivalgelände informiert, nehme ich mein Skateboard mit und finde an insgesamt zwei Tagen Zeit dort zu skaten. Bei der Anlage handelt es sich mitunter um eine „Mini Ramp“ aus Holz, die von Skatern selbst vor Ort aufgebaut wurde. Dort angekommen entdecke ich bereits drei Skater, die in dieser Rampe nacheinander skaten. Ich begrüße die Skater und gliedere mich in deren Reihenfolge ein. Nach ein paar Runden stellt sich aufgrund von Beobachtungen heraus, die ich in den Pausen mache, in denen ich nicht an der Reihe bin, wer ungefähr auf welcher Niveaustufe – zumindest in der „Mini Ramp“ – skatet. Zwei der Skater, die ich dem Typus „krasse Skater“ zuordne, fahren auf einem sehr hohen (Amateur) Niveau, da sie ihre „Lines“ fast ausschließlich erfolgreich und ohne Stürze beenden und diese durch beeindruckende Tricks wie „Kickflips“, „180°s“, „Blunts“ oder „Frontside Grinds“ performativ ausführen. Der dritte Skater jedoch, um den es hier auch gehen soll, fällt nicht durch sein Können auf, denn tatsächlich gelingt ihm kein einziger Trick, sondern durch seine offensichtliche Risikobereitschaft. Diese macht sich bereits beim Hereinfahren in die Rampe („Drop In“) bemerkbar: So gut wie bei jedem Versuch erleidet er hierbei einen heftigen Sturz, bei dem er entweder vornüber auf Hände, Ellenbogen und Knie oder hinterrücks auf Ellenbogen, Steißbein und Rücken prallt. Aus den Gesprächen mit diesem Skater erfahre ich, dass dieser erst seit kurzem skatet und noch lernt, „wie das alles so geht“. Dass er für seinen Mut – denn diesem bedarf es angesichts der Aussicht auf Stürze – bejubelt, gelobt und teilweise auch emphatisch empfangen („Kranker Scheiß man, alles klar?!“) wird, bekräftigt die ihm zugewiesene Erlaubnis in der Art und Weise, wie er dort skatet, eben skaten zu dürfen. Diesem Typus charakteristisch ist folglich die Eigenschaft, den Aneignungsprozess des Skatens unbedingt anzustreben und hierfür hohe körperliche Risiken einzugehen: „Koste es, was es wolle!“. Dass hierfür Anerkennungspraktiken anderer Szenegänger das Skaten-Dürfen bekunden, eröffnet den Eintritt in neue soziale Räume69 des kommunikativen Austauschs miteinander und trägt damit zum dynamischen Aushandlungsprozess von Wissen in der Skate- Szene bei. 69 Denn die Skater kannten sich vor dieser Mini Ramp Session noch nicht. 85 Als ein Negativbeispiel des Dürfens wird nun das „nervige“ Skaten als ein Typus beschrieben, der als Szene exkludierend verstanden wird. Nicht-Dürfen durch „Nerviges“ Skaten Beim Besuch einer Veranstaltung eines Skateboardvereins beobachte ich den Typus des störenden Skaters in zugespitzter und in dieser drastischen Form eher selten vorkommenden Reinform. Im Laufe der Veranstaltung wird von den Organisatoren ein „Mini Ramp Contest“ angekündigt und anschließend durchgeführt. Der Moderator verkündet über Lautsprecher, dass jeder Skater hierzu eingeladen sei. Während dieses Wettbewerbs, bei dem die Teilnehmer für besonders gute Tricks mit einem T-Shirt belohnt werden, halten sich bei wechselnden Skatern stets vier bis fünf Skater auf der oberen Fläche der „Mini Ramp“ auf. Abwechselnd skaten diese in der „Mini Ramp“ auf sehr hohem Niveau70 und werden bei besonders schwierigen Tricks, die sie entweder erfolgreich oder nur beinahe landen, vom zuschauenden Publikum wie auch von den anderen Teilnehmern bejubelt. In dieses soziale Gebilde, bestehend aus in einer bestimmten Reihenfolge oben auf der „Mini Ramp“ stehenden Skatern, gliedert sich plötzlich ein neben der „Mini Ramp“ stehender ‚fremder’ Skater ein (Abb. 27, schwarzer Pfeil in Bild 171). Dieser wartet die „Line“ eines zuvor fahrenden Skaters ab und fährt anschließend in die Rampe. Dass sich dieser eher auf einem niedrigen Niveau befindet, zeigt sich an seiner eher unsicheren und hölzernen Körperhaltung. Zusätzlich fährt er im unteren Bereich der Rampe hin und her, ohne dabei Tricks auszuführen (Bilder 1- 6). Dass dieser Skater von keinem der drei Anderen, die sich oben rechts auf der Rampe befinden, beobachtet, noch durch etwaige Anerkennungspraktiken gewürdigt wird72, deutet darauf hin, dass dieser Skater dort eben nicht fahren ‚darf’. Zusätzlich wird dessen ‚Recht’ in der „Mini Ramp“ zu fahren durch den Skater, der sich neben der Rampe aufhält (weißer Pfeil in Bild 3) abgesprochen. 70 Das hohe Niveau bezieht sich auf unterschiedliche Grinds, Flips, Grabs und sogar Sprünge über die Coping hinaus. 71 Die Bildsequenz soll die den fahrenden Skater ablehnenden Handlungen der anderen Skater verdeutlichen. Für einen besseren Einblick in diese Situation sei jedoch auf das entsprechende Video verwiesen, welches aus datenschutzrechtlichen Gründen auf Anfrage eingesehen werden kann. 72 Vielmehr unterhalten sich diese, ohne dabei auf das Geschehen innerhalb der Rampe zu achten – der linke der drei Skater blickt gar demonstrativ rechts am Geschehen vorbei. 86 Abb. 27: Nicht-Dürfen beim Typus „nerviges“ Skaten Dieser beobachtet das Hin- und Herfahren des Skaters (Bild 1, 2) und entschließt sich dann, in die Rampe zu fahren (Bild 3, 4) um dort selber zu skaten (Bild 5, 6) und einen Trick zu versuchen. Diese non-verbale Kommunikation des demonstrativen Verdrängens aus dem spezifischen Bereich innerhalb der „Mini Ramp“ unterstreicht das Vorrecht des Skaters, den ungeübten Skater räumlich und auch sozial zu verdrängen. Nach ein paar derartig ablaufenden Situationen verlässt der „nervige“ Skater den „Mini Ramp Contest“ wortlos, ohne dabei in Kontakt zu den anderen Skatern zu treten. Hierbei zeigt sich, dass bei mangelnder Risikobereitschaft und mangelndem Können das Dürfen eben zu Nicht-Dürfen umschlägt, obwohl dem betreffenden Skater sicherlich das Wollen zugesprochen werden kann. 87

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.