1. „Zweite Moderne“, posttraditionale Vergemeinschaftung, Jugendszenen in:

Pao Nowodworski

"Gestanden!" Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding, page 2 - 4

Eine lebensweltanalytische Ethnographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4369-1, ISBN online: 978-3-8288-7349-0, https://doi.org/10.5771/9783828873490-2

Tectum, Baden-Baden
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1998: S. 131), die sich nur schwer in die theoretischen Ausarbeitungen zum Kompetenzerwerb oder zum Körperwissen eingliedern lassen (beispielsweise die materiellen Bedingungen im Skateboarding), in den Forschungsprozess integriert. 1. „Zweite Moderne“, posttraditionale Vergemeinschaftung, Jugendszenen Um Gemeinschaft und den Prozess der Vergemeinschaftung auf die in der vorliegenden Arbeit behandelte Skate- Szene zu beziehen, sollen die historisch- gesellschaftlichen Bedingungen und deren Einwirkungen „auf die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung“ (Eisewicht/Grenz 2010: S. 18) näher betrachtet werden. Mit der so genannten „zweiten Moderne“ (vgl. Beck et al. 1996) wird auf die Risikohaftigkeit und Ungewissheit moderner Gesellschaften hingewiesen: Einst traditionale Gewissheiten, wie die soziale Eingebundenheit in der Gemeinschaft, beginnen sich aufzulösen und werden von anderen modernen Gewissheiten, wie der individuellen Freiheit und eigenverantwortlichem Leben, abgelöst (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 177). Einhergehend mit diesem gesellschaftlichen Wandel wird das Individuum nahezu zur Individualisierung aufgefordert, mit der Aussicht sich – von einst vorgegebenen sozialen Lebensformen abkehrend – als eigener Lebensgestalter zu verwirklichen (vgl. Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12). Ende der 1970er Jahre/Anfang der 1980er Jahre wurden die Individuen immer stärker vor einen scheinbar unmessbar großen Raum von Entscheidungsmöglichkeiten gestellt. Jäckel drückt dies mit der „Freiheit des Wählens aus immer vielzähligeren Möglichkeiten“ (2011: S. 204) aus. Dieses ‚Versprechen’ auf individuelle Freiheit hat jedoch Konsequenzen: Durch die Herauslösung aus und die Entstehung von neuen Glaubensinhalten und Systemen stehen die Menschen in der Moderne in einem ständigen Konflikt, sich diese „heterogenen Deutungsschemata“ (Honer 1993: S. 26) anzueignen, um am sozialen Leben teilnehmen zu können. Besonders die Vielfältigkeit von spezifischen Regeln und Routinen innerhalb der unterschiedlichen Sinnwelten ist charakteristisch für das nahezu unüberschaubare Angebot von Teilzeit-Aktivitäten1 (vgl. ebd.: S. 26). 1 Das Handeln in der Skate- Szene beruht entsprechend auch auf spezifische Muster und Regeln. Zusätzlich schürt die gemeinsame Interessensgrundlage Gewissheit über Normalitätsvorstellungen innerhalb der Szene (vgl. Honer 1993: S. 29). 2 Mit dem Konzept der posttraditionalen Gemeinschaft (vgl. Hitzler/Honer/Pfadenhauer 2008) kann der Konflikt, in dem sich das Individuum in der Moderne befindet, näher betrachtet werden. Es wird hier von einer allmählichen Auflösung einst verfestigter Traditionen ausgegangen, wobei sich neue Gesellungsgebilde, bestehend aus individualisierten Akteuren, die auf freiwilliger Basis und zeitlich unbestimmter Dauer in diese neuen Vergemeinschaftungen eintreten, formieren (vgl. ebd.: S. 15). Die Teilhabe an diesen neuen Gesellungsgebilden findet nun nicht mehr aufgrund eines geteilten Wertesystems statt, sondern wird anhand geteilter Rituale, Symbolsysteme und Zeichen ausgehandelt (vgl. ebd.: S. 13). Mit dem Begriff „Jugendszenen“ (Hitzler/Niederbacher 2010) wird auf die neuen Sozialgebilde verwiesen, deren Sozialbindungen aufgrund „des leichten Ein- und Austritts, der Dynamik und Fragilität“ (Eisewicht et al. 2018: S. 178) als flüchtig beschrieben werden können. Vergemeinschaftung – in Abgrenzung zur Vergesellschaftung, die einen zukunftsgerichteten Blick auf die rationalen Entscheidungshandlungen der Individuen in Aushandlung mit Anderen einnimmt – richtet sich auf den „Glauben an die Zusammengehörigkeit, der sich auf retrospektive, also vergangenheitsbezogene Erfahrungen der Einheitlichkeit der Gruppe gründet“ (Eisewicht/Grenz 2010: S. 17). Den Menschen inhärent, ist deren grundlegende Eigenschaft, sich ihren Mitmenschen gegenüber darzustellen und außerdem ihre Um-, Mit-, und Nachwelt zu deuten (vgl. Eisewicht et al. 2018: S. 176). Anders formuliert geben sich Menschen „in bestimmten Situationen einen Ausdruck, mittels dessen sie einen Eindruck bei anderen erzeugen wollen“, [...] wobei sich dieser Ausdruck im „Handeln, in Handlungen und in Handlungsmaterialisierungen“ (ebd.: S. 176) wiederfinden lässt. Weiterführend ist anzumerken, dass Szenen mitunter auszeichnen, dass diese typischerweise „über die Lebensphase Jugend hinaus“ (Eisewicht 2016: S. 102) reichen. So kann beispielsweise ein/e 40- jährige/r Skater/in2 ebenso zur Szene gehören wie ein/e 15- Jährige/r Skater/in3. Darüber hinaus setzt sich Sozialisation mitunter mit der Frage nach der Wechselwirkung zwischen individueller Persönlichkeitsent- 2 In der vorliegenden Arbeit werden beide Geschlechter genannt, wenn von beiden die Rede ist. Tatsächlich begegnete ich in der Feldforschung (fast) ausschließlich männlichen Skatern. 3 Dies konnte durch die eigene Feldforschung bestätigt werden. 3 wicklung auf der einen und der gesellschaftlichen Entwicklung auf der anderen Seite auseinander (vgl. Skrobanek/Jobst 2017: S. 183). Es lassen sich hierbei drei unterschiedliche sozialisationstheoretische Strömungen unterscheiden: Die erste wird als „lebenslange Wechselwirkung“ (ebd.: S. 183) und die letzte als „Mehrebenenprozess“ (ebd. 2017: S. 183) begriffen. Die dritte wird durch Vertreter strukturfunktionalistischer (z. B. Parsons) und konflikttheoretischer Perspektiven (z. B. Bourdieu) untersucht (vgl. ebd. 2017: S. 183). Die zweite sozialisationstheoretische Perspektive beinhaltet den symbolischen Interaktionismus sowie den Sozialkonstruktivismus, in denen davon ausgegangen wird, dass „der Mensch als aktiver, produktiver und kreativer Umweltgestalter [...] gedacht wird“ (ebd.: S. 183). Für die vorliegende Arbeit ist besonders das letztgenannte Verständnis des Sozialisationsprozesses von Interesse, da davon ausgegangen wird, dass besonders Szenen und ihre Beteiligten Mitgestalter ihrer Umwelt und Konstrukteure sozialer (neuer) Bedeutungen sind. Mit den Worten von Anne Honer gesprochen, ist es gerade die Aufgabe der Sozialwissenschaften, aus einer subjektorientierten soziologischen Perspektive „Konstruktionen der Wirklichkeit zu rekonstruieren“ (1993: S. 13). Bei dieser Rekonstruktion von Szenewirklichkeit spielt mitunter das Zugehörigkeitsmanagement der Akteure eine besondere Rolle. Eisewicht et al. schlagen hierbei ein Modell zur Differenzierung der unterschiedlichen Orientierungen des Zugehörigkeitsmanagements in Szenen vor: 1. „Zugehörigkeit als Ausdruck szenespezifischer Befähigung“ (Eisewicht et al. 2018: S. 184) 2. „Zugehörigkeit als Ausdruck szenespezifischer Bereitschaft“ (ebd.: S. 194) und 3. „Zugehörigkeit als Ausdruck szenespezifisch stilistischer Konventionalisierung“ (ebd.: S. 201). Besonders in einer körperlichen und sportzentrierten Szene wie der Skate- Szene wird die „Zugehörigkeit durch die Demonstration der adäquaten Beherrschung von szenetypischen Körperpraktiken“ (ebd.: S. 192) angezeigt. Was sich jedoch im Verlauf dieser Arbeit zeigen soll, ist, dass sich die Zugehörigkeit innerhalb der Skate- Szene nicht ausschließlich auf die Befähigungen der Teilnehmer ‚reduzieren’ lässt: Um die szeneinternen Handlungsprobleme zu bewältigen (vgl. Eisewicht 2017: S. 28), spielt auch eine gewisse (Risiko)Bereitschaft eine zentrale Rolle im Kompetenzerwerb. In diesem Zusammenhang verweisen Gebauer/Alkemeyer mit den so genannten ‚körper- und sportfokussierten’ Gemeinschaften auf die informelle, nicht institutionalisierte Bildung jener Gruppen: In Ab- 4

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Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.