4. Lebensweltanalytisches Forschungsprogramm in:

Pao Nowodworski

"Gestanden!" Aneignungsprozesse durch Körperwissen beim Skateboarding, page 16 - 22

Eine lebensweltanalytische Ethnographie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4369-1, ISBN online: 978-3-8288-7349-0, https://doi.org/10.5771/9783828873490-16

Tectum, Baden-Baden
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in den Skatevideos8 wiederfinden (vgl. ebd.: S. 185, 187). Inwiefern diese szenespezifischen Aktivitäten jedoch ‚in echt da draußen’ praktiziert werden, wird unter Einbezug des Forschers selbst mit Hilfe des lebensweltanalytischen Forschungsprogramms (Hitzler/Eisewicht 2016) untersucht. 4. Lebensweltanalytisches Forschungsprogramm Die vorliegende Arbeit knüpft an Katharina Bocks Dissertation an, in welcher die Aneignungsprozesse im Skateboarding zwar untersucht werden, jedoch anhand „Selbst-Darstellungs-Daten“ (Honer 1993: S. 43) eher auf die Informationen anderer Skater verwiesen wird. Mit Hilfe lebensweltanalytischer Verfahren soll daher das Phänomen des Aneignens beim Skateboarding mit „Handlungs-Daten“ (ebd.: S. 43), also den Erfahrungen des Forschers selbst, untersucht werden. „Wie können andere (Menschen) überhaupt verstanden werden, wenn doch kein direkter Zugang zu ihrem Bewusstsein möglich ist?“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 67). Dieser „erkenntnistheoretische[n] Grundfrage der Sozialwissenschaften“ (ebd.: S. 67) nähert sich die lebensweltanalytische Ethnographie, dezidiert in der Tradition der Phänomenologie, an. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass ein jeder Mensch die Welt anders wahrnimmt als ein anderer Mensch (vgl. Bender/Schnurnberger 2018: S. 14). Die lebensweltanalytische Ethnographie Anne Honers geht auf die Arbeiten von Alfred Schütz zurück, der die Ausarbeitungen Husserls zur Phänomenologie mit denjenigen der empirischen Sozialforschung zusammenführte (vgl. ebd.: S. 43). Bei der Phänomenologie werden die eigenen Erfahrungen des Forschers als Grundlage der Lebensweltanalyse herangezogen: Es geht hierbei darum, das Beobachten selbst zu beobachten (vgl. ebd.: S. 43). Die Phänomenologie beschäftigt sich allgemein9 gesprochen mit der Erfassung sozialer Handlungen „vom Bewusstsein und von der subjektiven Bedeutung“ (Hitzler/Eisewicht 2016: 10). Der Sinn, dem eine Handlung beigemessen wird, wird erst sinnhaft, wenn dem Verhalten ein Sinn zugeschrieben wird: „Der Sinn des Handelns bestimmt sich aus dem sogenannten 8 Diese können von professioneller, aber auch privater Art (z.B. kurze YouTube Clips) sein. 9Unterschieden werden drei traditionelle Arten phänomenologischer Theorien: Transzendentalphänomenologie, Existenzialphänomenologie und Mundanphänomenologie (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: S. 10). 16 ‚Um-zu-Motiv’, einem aus der Gegenwart in die Zukunft reichenden, das Ergebnis des Handelns vorwegnehmenden Entwurf [...] demgegenüber verweist das sogenannte ‚Weil-Motiv’ auf die Vergangenheit und beschreibt die Gründe, Erfahrungen oder Umstände“ (Bender/Schnurnberger 2018: S. 45), die der geplanten Handlung zugrunde liegen. Die Frage nach der Intersubjektivität, also danach, wie sich „Ich“ und „Du“ verstehen können, kann nach Schütz nur innerhalb der Lebenswelt10 geklärt werden (vgl. ebd.: 44). Das „Du“ wird mit Hilfe empirischer Beobachtung erfahrbar gemacht. Dergestalt werden Gegebenheiten des Bewusstseins von den Forschern und Forscherinnen reflektiert, um diese Reflexionen dann mit jenen Bewusstseinsvorgängen anderer Subjekte in Bezug zu setzen (vgl. Honer 1993: S. 13). Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass Menschen ihr Alltagshandeln auf der Basis einer je subjektiv gefühlten Austauschbarkeit von Sichtweisen auslegen (vgl. ebd.: S. 19): Differenzen innerhalb der Lebenswelten werden somit quasi ignoriert oder für irrelevant gehalten, sodass das Leben im Alltag eben ermöglicht wird. Ferner bietet eine phänomenologische Herangehensweise die Möglichkeit, den subjektiv gemeinten Sinn, den das „Du“ dem Handeln beimisst, näher zu beleuchten (vgl. Bender/Schnurnberger: S. 45). Da sich das Handeln nach Schütz nicht beobachten und verbalisieren lässt, kann es nur erfahren und erlebt werden (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: S. 6). Hieraus resultiert, dass sich „nur der Handelnde“ selbst darüber im Klaren ist, „ob er handelt“ (ebd.: S. 7). Die lebensweltanalytische Ethnographie nutzt die Methoden der Phänomenologie „zu Zwecken der empirischen Sozialforschung“, was bedeutet, „dass die phänomenologische Introspektion im reflektierenden Subjekt verankert bleibt“ (Bender/Schnurnberger 2018: S. 46). Ein wichtiger Aspekt bei dieser Introspektion des Forschenden ist die vorläufige Loslösung persönlicher Meinungen und Vorurteilen gegenüber der zu beobachtenden und zu erlebenden sozialen Phänomene (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: S. 64). Die lebensweltanalytische Ethnographie verstehen Hitzler/Eisewicht als eine Variante der Ethnographie, welche das Zusammenleben der 10 Unter dem Begriff „Lebenswelt“ verstehen Hitzler/Eisewicht „den Wahrnehmungs-, Orientierungs- und Handlungshorizont des Subjekts“ (2016: S. 10). Das Subjekt kann hierbei nicht von der Lebenswelt getrennt werden; Subjekt und Lebenswelt koexistieren, wobei das Subjekt nicht mit der Lebenswelt gleichzusetzen ist, sondern eher als Träger dieser zu verstehen ist (vgl. ebd. 2016: S. 10). 17 Menschen aufspürend, erkundend und deutend (oder kurz explorativinterpretativ) beschreiben will (vgl. 2016: S. 4). Das Attribut „lebensweltanalytisch“ bezieht sich dabei auf das potentielle Rekonstruieren der Lebenswelten11 und der sich in ihr befindenden Menschen: Die Bedingung der Lebensweltanalyse besteht demnach in der Fähigkeit der Forschenden, die Welt so zu erleben, wie es die Menschen typischerweise in dieser tun (vgl. ebd.: S. 4-5). Folglich gilt es, „das Phänomen [Skaten] nicht von außen her als ‚logisches Ganzes’ zu beschreiben, sondern [...] in seiner für die Feldteilnehmer typischen Selbstverständlichkeit zu erfassen“ (ebd.: S. 106). Das methodische Forschungsdesign einer Lebensweltanalyse unterteilt Honer einerseits in das existentielle Involviert-Sein der Forscherin und des Forschers, sowie andererseits in die werturteilsfreie Distanzierung der Forscherin und des Forschers als Wissenschaftler (vgl. Honer 1993: S. 48). Diesen Anforderungen gilt es in der vorliegenden Arbeit gerecht zu werden, auch wenn dies nicht immer möglich war12. 4.1. Methoden der lebensweltanalytischen Ethnographie Honer unterscheidet bei den erhobenen Daten zwischen „Handlungs- Daten“ und „Selbst-Darstellungs-Daten“ (1993: S. 43). Erstere beziehen sich auf alle durch die eigene aktive Teilnahme und Beobachtung gewonnenen Daten im Feld, wobei sich letztere auf Gesprächs- oder Interviewdaten beziehen. Auch wenn dies trivial erscheinen mag, so hat „der Vollzug von Aktivitäten durchaus andere Qualitäten [...] als das Reden über diesen Vollzug“ (ebd.: S. 58). Jedoch sei zu betonen, dass körperliche Fähigkeiten durch Befragungen nur schwer zu erfassen sind. Das Wissen des Forschenden um die verschiedenen Methoden qualitativer Sozialforschung, sowie um die jeweils thematischen, feldspezifischen Inhalte einer Szene, reichen für die Durchführung einer lebensweltanalytischen Ethnographie nicht aus; vielmehr bedarf es einer „Bereitschaft dazu, sich mit dem Feld ‚anzufreunden’ (auch über das eigene Forschungsinteresse hinaus, auch bei Rückschlägen usw.) und dies, von 11 Mit dem auf der Mundanphänomenologie zurückzuführenden Begriff ‚Lebenswelt’ wird auf ein Korrelat von Wirklichkeiten verwiesen, welchem sich die Menschen in ihrer Bewältigung des pragmatischen Alltags ‚bedienen’ (vgl. Honer 1993: S. 14). 12 Stellenweise war ich derartig eingenommen von der Rolle als Skater, dass ich meine werturteilsfreie Distanzierung als Forscher nicht einhalten konnte, dies jedoch im Nachhinein im Forschungstagebuch reflektiert habe. 18 den Feldteilnehmern akzeptiert bzw. geduldet, auch zu dürfen“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 42). Ferner impliziert diese Bereitschaft auch, sich auf die feldspezifischen Praktiken einzustellen, so dass „man sich dabei unter Umständen auch die Hände schmutzig macht“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 73). Bezogen auf die Skate- Szene und der Rekonstruktion der Aneignungsprozesse, wird somit eine bloße Feldbeobachtung oder gar ein „going along“ nicht dazu führen, sich „die Hände schmutzig zu machen“. Vielmehr versetzt sich der Forscher oder die Forscherin in die typischen Praktiken, sprich das Skaten, und kann so erleben, was bei diesem Sport typischerweise erlebt wird. Zusätzlich muss sich mit den moralischen Gegebenheiten des Feldes vertraut gemacht und sich diesen gar angepasst werden, was durchaus auch Gefahr bedeuten kann (vgl. Hitzler/Eisewicht 2016: 133). Ferner sei bei der Datengewinnung zu berücksichtigen, inwiefern die gewählten Erhebungsmethoden für die Rekonstruktion des subjektiv gemeinten Sinns des anderen Subjekts geeignet sind (vgl. Honer 1993: S. 33). Es folgen nun jene Methoden, die innerhalb der Forschungsarbeit zur Beleuchtung des Erkenntnisinteresses verwendet wurden13. „Künstliche Dummheit“ Um das Alltagsleben anderer Menschen und deren spezifische Wissensbestände zu verstehen, liegt es an der Forscherin und dem Forscher, die eigenen Moralvorstellungen und Interessen zumindest kurzfristig auszublenden, um mit einer derartigen „künstlichen Dummheit“ das Leben des Anderen kennenzulernen (vgl. Hitzler 1986: S. 53). Dass dabei das eigene, je nach Forschenden relevante Wissen reflektiert und besonders auch dessen Relativität berücksichtigt werden muss, ist ausschlaggebend für Qualität und Verlässlichkeit des Forschungsprozesses (vgl. Honer 1993: S. 37). Einhergehend mit der „künstlichen Dummheit“ ist auch die (temporäre) Bereitschaft des Forschers und der Forscherin amoralischer Haltungen gegenüber den Feldgegebenheiten einzunehmen, da die eigenen Moralen hinderlich 13 Zum Schutz der Personen, denen ich während der Feldaufenthalte begegnete, wurden alle personenbezogenen Daten anonymisiert: In der Wiedergabe der ethnographischen Gespräche sind keine Informationen preisgegeben, die mit den beteiligten Personen in Verbindung gebracht werden könnten. Außerdem sind Personen die auf den „stills“ der Videos zu sehen sind, durch schwarze Balken unkenntlich gemacht. In denjenigen „stills“ bzw. Videos, in denen eine Person zu identifizieren ist, handelt es sich um mich selber. 19 für die Partizipation und das Handeln im Feld sein können14. Für das in dieser Arbeit relevante Forschungsinteresse wurde die „künstliche Dummheit“ immer dann ‚angewendet’, wenn Informationen bezüglich skatespezifischer Bewegungen von anderen Szenegängern in Gesprächen erfragt wurden. Teilnehmende Beobachtung und beobachtende Teilnahme Als wohl wichtigste Methode der Ethnographie gilt die teilnehmende Beobachtung der Forscherinnen und Forscher im zu untersuchenden Feld. Sinneseindrücke, Wahrnehmungen und generell Erfahrungen lassen sich mit Hilfe dieser Praktik generieren, um so auf die je für das Forschungsinteresse relevanten Phänomene zu stoßen (vgl. Hitzler/Gothe 2015: S. 10). Bei der teilnehmenden Beobachtung überwiegt jedoch der beobachtende Charakter der Forscherinnen und Forscher, was letztlich dazu führt, dass weniger am feldspezifischen Geschehen teilgenommen werden kann. Die beobachtende Teilnahme fokussiert dagegen die Hingabe zum Feld in all seinen Facetten: Das, was typischerweise im Feld getan wird, wird auch von den Forscherinnen und Forschern getan (vgl. vom Lehn 2018: S. 188). Jedoch und vor diesem Dilemma stehen lebensweltanalytische Ethnographinnen und Ethnographen - widersprechen sich Beobachtung und Teilnahme gegenseitig (vgl. Hitzler/Gothe 2015: S. 11): Z.B. fordert beim Skaten die Durchführung eines schwierigen Tricks höchste Konzentration, sodass eine gezielte Beobachtung dieser Praxis kaum möglich ist. Daher wurde in der Feldforschung zwischen den beiden Methoden gewechselt, und zwar immer dann, wenn die Teilhabe erforderlicher als die Beobachtung war und anders herum. Das ethnographische Gespräch Prinzipiell lassen sich Daten der Mitteilung Anderer verstehen als „Daten darüber, wie ein Sachverhalt (von wem auch immer) situativ dargestellt wird (vgl. Honer 1993: S. 40). Um an die subjektiven Relevanzen anderer zu gelangen, ist es dabei wichtig, diesen Anderen auch die entsprechenden Sprechgelegenheiten zu geben und sich während dieser Gelegenheiten an deren Relevanzen zu orientieren (vgl. ebd.: S. 14 Der Konsum von Cannabis und alkoholischen Getränken von Minderjährigen während des Skatens ist ein Phänomen, welches ich in nahezu all meinen Feldaufenthalten beobachten konnte. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass ein moralischer ‚Eingriff’ meinerseits erheblichen (negativen) Einfluss auf meine soziale Position im Feld gehabt hätte. 20 70). Diese Sprechgelegenheiten fanden an szenerelevanten Orten wie den Skateparks statt. Da die Ankündigung und Durchführung eines Interviews einen eher formellen Charakter hat und zudem einige Skater eine abneigende Haltung gegenüber Bildungsinstitutionen zeigten, wurden daher ‚natürliche’ Gespräche geführt. Da diese Gesprächsdaten zudem nicht durch Zuhilfenahme eines Aufnahmegeräts festgehalten wurden, wurden diese nach den Feldaufenthalten, sogenannte „postscripte“ (Moritz 2018: S. 10), im Forschungstagebuch archiviert. Videographie „Sie [die Kamera] erkennt nichts. Sie versteht nichts. Sie bildet mithin keineswegs ab, was ich sehe. Aber sie liefert Bilder und Geräusche zu dem (dazu), was ich erkannt, was ich verstanden zu haben meine“ (Hitzler/Eisewicht 2016: S. 85). Der Unterschied zur Kamera und Forscher/in liegt darin, dass die Kamera aufzeichnet und der Forschende wahrnimmt (vgl. ebd.: S. 85). Da es sich bei dieser Arbeit jedoch auch um die Erkundung subjektiver Wahrnehmungen der Feldteilnehmer und des Forschers handelt, wird daher eine Mischung aus wahrnehmungsrekonstruierender Feldbeobachtungen einerseits, und Videoaufzeichnungen andererseits gewählt. Um die skaterelevanten Bewegungen zu dokumentieren – die Durchführung eines Tricks ist mitunter äußerst flüchtig15 und kann zudem auch von anderen in der Nähe präsenten Personen eben aufgrund dieser Flüchtigkeit schnell übersehen werden – machen Szenegänger stellenweise den Gebrauch von Kameras und Videokameras. Das Filmen wird als eine szenetypische Praktik verstanden und somit wird die lebensweltanalytische Ethnographie mit der Videographie kombiniert. Ferner sollen anhand der Videotranskriptionen die je spezifischen Bewegungsabläufe „erläutert und visuell [...] veranschaulich[t]“ (Moritz 2018: S. 13) und durch die Aneinanderreihung von Standbildern deskriptiv aufgezeigt werden. Zu berücksichtigen sei jedoch beim Erstellen audiovisueller Daten das Kamerahandeln der Forscherinnen und Forscher (vgl. Reichertz 2013: S. 44): Was, wie und wo von den Forscherinnen und Forschern gefilmt wird, wird als „Zeigehandeln“ (ebd.: S. 44) verstanden, welches im Forschungsprozess reflektiert werden muss. Diese Reflexionen 15 Ähnlich verhält es sich bei der Graffiti- Szene, in der die Graffitis fotografiert werden, da deren Haltbarkeit (mitunter durch Entfernung anderer Personen) nicht sicher ist (vgl. Eisewicht 2016: 128). 21 werden bei der Analyse der jeweiligen audiovisuellen Daten berücksichtigt. Im schriftlichen Analyseteil dieser Arbeit kann nur auf die Analyse einzelner Bilder („frames“ oder „stills“) zurückgegriffen werden, weshalb an den jeweiligen Stellen auf die Einsicht der jeweiligen Videos gebeten wird16. Dergestalt soll ein besseres (audiovisuelles) Verständnis hinsichtlich der Analyseergebnisse geboten werden. 4.2. Feldzugang Ein erfolgreicher Feldzugang wird als der Schlüssel des gesamten lebensweltanalytischen ethnographischen Vorhabens verstanden. Er ist der erste Schritt auf dem Weg zum, idealerweise stattfindendem „Erwerb der praktischen Mitgliedschaft an dem Geschehen, das erforscht werden soll“ (Honer 1993: S. 44). Besonders hilfreich hierfür erscheint die Befähigung der Forscherin und des Forschers, die Sprache des Feldes sprechen zu können (ebd.: S. 50). Die Frage nach der verdeckten oder nicht-verdeckten Feldforschung lässt sich nur mit Hinblick auf die Feldbedingungen beantworten, denn einfach ausgedrückt, geht es darum, „herauszufinden, wen die Menschen, mit denen man es zu tun hat, als ihren ‚Feind’ betrachten“ (vgl.: S. 60). Recht früh in meinen Feldaufenthalten habe ich ein Gefühl für die Explikation dieser „Feinde“ entwickeln können. Besonders Ordnungshüter und Polizisten wurden häufig als Bedrohung entspannter Skatesessions gesehen: „Diese Wichser haben mir mein Deck abgezogen“. An anderen Stellen wurde häufig Flucht ergriffen, um von den Polizisten aufgrund des Besitzes von Cannabis nicht gefasst zu werden. Neben diesen Feinden fallen auch Menschen mit höheren Bildungszertifikaten zwar nicht in die Kategorie „Feind“, jedoch zumindest in jene der Unerwünschten: „Ich war ma letztens an der Uni skaten, aber diese ganzen Schüler und Lehrer da haben mega genervt. Macht keinen Bock da“. Ferner impliziert eine jede Feldforschung das Vorhandensein spezifischer Vorurteile des Forschenden gegenüber dem Feld, welche reflektierend in den Forschungsprozess zu integrieren sind. Mitunter muss bei der Feldforschung auch die eigene Forscherposition als Feldteilnehmer und Feldteilnehmerin reflektiert werden (vgl. Honer 1993: S. 42). Da ich bereits in meiner Jugendphase zwischen meinem 11. und 15. Lebensjahr praktizierender Skater war, habe ich einerseits 16 Die Videodateien können auf Anfrage bei mir per Email angefordert werden. 22

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References

Zusammenfassung

„Am Ende musste schon selber machen und ausprobieren“, so ein Skater auf die Frage, wie ein bestimmter Trick funktioniere.

In einer bewegungsorientierten Szene, wie dem Skateboarding, sind die Beteiligten nicht an geregelte Trainingseinheiten, wie dies in „klassischen“ Sportarten typischerweise der Fall ist, gebunden. Nichtsdestoweniger vollziehen die Skaterinnen und Skater komplexe Bewegungsabläufe, die ein Höchstmaß an Körperbeherrschung abverlangen. In einer lebensweltanalytischen Ethnographie taucht der Autor in die Welt der Skaterinnen und Skater ein, um diese Aneignungsprozesse zu rekonstruieren. Durch beobachtendes Teilnehmen werden die skatespezifischen Bewegungsabläufe in ihren Sedimenten untersucht. Hierbei nimmt das nur schwer zu explizierende Körperwissen eine bedeutende Rolle ein, da Skateboarding eine bewegungs- und körperzentrierte Szene ist.