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Malte Hölzel

Sexualität und Wahnsinn, page I - XII

Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4367-7, ISBN online: 978-3-8288-7347-6, https://doi.org/10.5771/9783828873476-I

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Malte Hölzel Sexualität und Wahnsinn Malte Hölzel Sexualität und Wahnsinn Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft Tectum Verlag Malte Hölzel Sexualität und Wahnsinn. Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7347-6 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4367-7 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 1186446079 von SuslO | shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. in tiefer Dankbarkeit und Liebe für Christiane und meinen geliebten Milan in memoriam Erich Neumann (1905–1960) „Schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ „Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.“ (Horkheimer/ Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/ M. 1988, Vorrede, S. 6 und 3) „Ich will nicht eure Hoffnung, ich will, dass ihr in Panik geratet.“ (Greta Thunberg) Prolog: Steigende Temperaturen Wir spüren es alle. Jeder versucht es auf seine Art zu verdrängen, sich mit dem so empfundenen Klein-Klein eines Engagements zu beruhigen, es in sich zu bearbeiten, zu lösen, sich von der grassierenden Unruhe und Panik nicht anstecken zu lassen: Im Zuge des Klimawandels steigt die Temperatur. Unser Blauer Planet zeigt uns erstmals in der Menschheitsgeschichte seine Grenzen. Der menschenverursachte Klimawandel beraubt nicht nur Viele ihrer Heimat, führt nicht nur zu sich verschärfenden Verteilungskämpfen und Ressourcen-Konflikten, zu Migrationsströmen und Ängsten, die schon immer ein schlechter Ratgeber waren und von der Neuen Rechten zur Destabilisierung von Demokratie und Aussetzung von Menschenrechten ausgenutzt werden, nicht nur zu den Trumps, Putins, Erdogans unserer Tage und der Sehnsucht nach dem starken Mann, macht uns durch die Verunsicherung und Irritation angesichts sich dramatisch verändernder Witterungsverhältnisse nicht nur gefühlt zu Migranten im eigenen Land1 – 1 Latour: Das terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 14: „Die Migrationskrise ist zu einer allgemeinen geworden. Zu den Migranten von außerhalb, die um den Preis ungeheurer Tragödien Grenzen überschreiten müssen, um ihr Land zu verlassen, kommen jetzt jene inneren Migranten, die an Ort und Stelle verbleiben und dramatisch erleben müssen, wie ihr Land sie verlässt. Erschwert wird das Verständnis der Migrationskrise dadurch, dass sie das mehr oder minder erschütternde Symptom einer uns allen gemeinsamen Herausforderung ist, nämlich, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.“ Natur und Erde entziehen sich als Folge ihrer menschen-verursachten Chaotisierung zum Finden eines neuen Gleichgewichts vor allem auch in Form des Artensterbens und d.h. vor allem auch des Mikrobensterbens, die die Grundlage von allem biologischen Leben auf Erden (der Boden der Pyramide des Lebens) darstellt. Das spürbare Aussterben der Insekten ist nur Folge des darunter unsichtbar sich vollziehenden Mikrobensterbens. Wir sehen im Artensterben unter Säugetieren nur die Spitze des Eisberges, während unter der Wasseroberfläche unseres Wahrnehmungs-Horizontes die Grundlagen des Lebens auf Erden wegsterben. Die Mikroben sind die Grundlage auch für die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion und für die Gesundheit unseres Organismusses. Ihr Sterben wird die Möglichkeit zur natürlichen Bindung von Kohlendioxid schwächen und den Klimawandel als sich selbst verstärkenden Prozess beschleunigen. VII sondern lässt auch die Temperatur untereinander, in der Mitte der Gesellschaften, steigen, führt zu Aggressionen und Fetischen. Der Songtitel einer vergleichsweise unbekannten Band Mitte der Neunziger hatte es – die wir mit seinem Inhalt damals eher kokettierten, um uns in Stimmung zu bringen für die Nacht2 – auf den Punkt gebracht: „(this is) the age of panic“ (Senser)! Panik angesichts sich scheinbar ausweglos zusammenziehender Grenzen des Wachstums, in das sich die Menschheit angesichts des In-Ihr-und-Zwischeneinander-Drängenden immer geflüchtet hatte. Panik angesichts einer Bedrohungslage, die wir selbst verursacht haben, an der wir Schuld sind, die sich zunehmend herauskristallisiert – und von der wir bange erwarten, was unser schlechtes Menschheitsgewissen schon weiß: Das Kippen von Ökosystemen könnte selbstverstärkend zu weiteren, noch nicht absehbaren Kippeffekten und damit zur Chaotisierung der Grundlagen unseres Zusammenlebens führen. Das Wasser zieht sich zurück – um wie bei einem Tsunami mit vielfacher Gewalt und Macht wiederzukehren. Panik entsteht aber weniger – wie man bei Horkheimer/ Adorno3 lernen kann – aufgrund einer ausweglosen Bedrohung von außen, sondern aufgrund einer Ausweglosigkeit im Innern, die sich aufs Außen projiziert. Wir haben letztlich keine Angst vor Sterben und Tod – wir haben Angst davor, in unserem Inneren keinen Ort mehr vorzufinden, dem allgegenwärtigen Sterben und Tod mit Gelassenheit und in Solidarität zu begegnen. Wir haben Angst vor uns selbst. Wir haben Angst davor, zu Monstern zu werden, die panikhaft in einem Kampf aller gegen alle ihren Verstand verlieren. „Panik“ leitet sich etymologisch vom Hirtengott Pan ab, den sie zur Stunde des Mittags be- 2 Ein anderer, damals wie heute bedeutsamer Song fasst die Bedrohung, die sich damals wie heute wesentlich an der vom Club of Rome prophezeiten Bevölkerungsexplosion festmacht(e), schon wesentlich konkreter: “To-day, as you listen to this song/Another 394,000 children were born into this world/ They break like waves of hunger and desire upon these eroded shores/ Carrying the curses of history and a history yet unwritten/ The oil burns in thick black columns, the buzz saws echo through the forest floor/ They shout give us our fair share, give us justice/ Here comes the war (…) Faster, faster, until the center cannot hold/ You screamed give us liberty or give us death/ Now you've got both, what do you want next ?/ Here comes the war – put out the lights on the Age of Reason.” (New Model Army: Here comes the war). 3 Horkheimer/ Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/ M. 1995, S. 35f.. Prolog: Steigende Temperaturen VIII fällt, wo die senkrecht stehende Sonne – die Augen der Vatergottheit – ihm keine Zuflucht im Schatten eines Felsen bei der Muttergottheit mehr gewährt: wo er sich des seherischen Blicks der Vatergottheit ins eigene Innere nicht mehr erwehren kann und zutage kommt, was er selbst auch für sich all die Zeit zu verdrängen gesucht hat: dass er – statt sich in ein Äußeres und ein Inneres zu scheiden, statt sein Inneres mit der Maske der Persona zu schützen und es so als Reflexions- und Resonanzraum der Ereignisse der Außenwelt zu kultivieren – mit sich selbst identisch ist, nackt und schamhaft bloßgestellt, ohne Rückzugsmöglichkeit und Refugium, auf den Punkt reinen Begehrens zusammengeschrumpft, der nur noch will, aber nichts mehr gibt, der bedürftig ist wie ein Kind und sich nicht selbst beruhigen und zufriedenstellen kann – für den es keine Zuflucht vor sich selbst, vor der Gottheit bzw. ihrer heutigen Form, dem schlechten Gewissen, mehr gibt, der das Sterben nicht mehr empfangen kann, weil er seiner nicht würdig ist, sondern sich entweder tot stellt und es grausam erleidet oder in einer ungeheuren Aggression als Karikatur seiner selbst nach Außen entlädt. Die Bodenlosigkeit und Aggressivität unserer Zeit ist aber genauso wenig eine Folge des Klimawandels und der ihn begleitenden Irritationen und Verunsicherungen, wie unsere Selbstidentität, die in Panik angesichts der inneren Ausweglosigkeit umzuschlagen droht, ein Produkt der Hilflosigkeit ist, die uns angesichts katastrophaler Prognosen zur Zukunft des Ökosystems, der Unfähigkeit der Menschheit zu einem angemessenen Konsumverhalten und der Tatenlosigkeit der Politik befällt. Die hohen Temperaturen der vielen heißen Tage des Sommers 2018 auf der Nordhalbkugel sind weder die Ursache für das aufgeheizte Klima in der vernetzten Weltgesellschaft noch für die Überhitzung unseres Innenlebens. Wir machen uns etwas vor, wenn wir den Sündenbock immer nur außen suchen, anstatt einmal selbst in die Wüste zu gehen und uns zu fragen, warum wir es selbst eigentlich zu kaum einer nennenswerten Verhaltensänderung (wie bspw. einem Fleisch-, Auto- und Flugverkehrsverzicht) bringen – zu einer Ein- und Umkehr? Prolog: Steigende Temperaturen IX Inhaltsverzeichnis Die Sexualisierung der Menschheit als Folge des Geschlechterkampfes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Pornografie als Subversion des Patriarchats . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus . . . . . . 23 Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Katharsis: Die therapeutische Gesellschaft und die Geburt der HeldInnen . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 XI

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Zusammenfassung

Die Irritationen durch den Klimawandel spiegeln sich in der Aggressivität öffentlicher Debatten. Im Unklaren über die Ursachen der epochalen Krise, verstärken wir mit unzulänglichem Problembewusstsein und Symptombehandlungen nur das Gefühl der Hilflosigkeit. Neoliberalismus und Naturzerstörung sind Folgen des exklusiven Charakters der „Monarchie von König Sex“, der Angst macht und im Narzissmus Zuflucht suchen lässt. Nur die Natur – spielphilosophisch verstanden – kann das Matriarchale und Patriarchale in ihrer Synthese einen. Die Politik selbst ist sexualisiert und findet nicht in den gerechten Ausgleich der Interessen, der mangels Bezugnahme auf das Dritte der Natur aussteht. Im tobenden Geschlechterkampf sind wir alle Opfer und zugleich Täter. Die Sexualisierung aller Lebensformen nach 3 000 Jahren Patriarchat wäre in einer therapeutischen Gesellschaft überwindbar, die die Herausforderungen als Chance begreift und Motivationen für eine Politik radikaler Einschnitte freilegt.