Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) in:

Malte Hölzel

Sexualität und Wahnsinn, page 53 - 96

Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4367-7, ISBN online: 978-3-8288-7347-6, https://doi.org/10.5771/9783828873476-53

Tectum, Baden-Baden
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Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) Die westliche Gemeinschaft der Privilegierten dieses Planeten ist tief verunsichert: Angst, Sexualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, das Zerbrechen alter Wertorientierungen wie des Glaubens an Fortschritt und Wachstum angesichts des Klima- und Ökosystemwandels und einer in Migration, Teilhabewunsch und Anklage aufbegehrenden Weltgesellschaft und eine Ausweg- und Visionenlosigkeit zur Lösung der bedrohlichen Situation für die Menschheit führen zu einer Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung in der westlichen Welt ausgerechnet zu einer Zeit, in der gemeinsames, parteiübergreifendes Handeln das Gebot der Stunde wäre. Macron und Merkel erinnern in Paris an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, um die europäischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu stärken – und erscheinen angesichts eines Trumps, der die Sitten einer solchen Veranstaltung mit Füßen tritt, mit Putin vielsagend ein Lächeln tauscht, während in Polen zeitgleich Hunderttausende der dort herrschenden rechten Regierungspartei mit Neonazis mit ebensovielen, polnischen rot-weissen Fahnen demonstrieren, wie Pappkameraden einer sich verlierenden Wertegemeinschaft auf dünnem Eis, das jederzeit einzubrechen droht. In Amerika reißt eine tiefe Kluft zwischen Trumpanhängern und Anhängern der Demokraten auf, die die Gesellschaft in zwei tief verfeindete und durch keine Gemeinsamkeit mehr gebundene stammesähnliche Gruppen spaltet, durch die Amerika – ehemals mit dem pursuit of happiness der kulturelle Leitstern der Welt – zu zerbrechen droht. Die Errungenschaften der französischen wie der amerikanischen Revolution, die sich – unterfeuert vom Waren- und Konsumrausch des Kapitalismus – gegen das Sowjetimperium durchsetzten und Fukuyama vom Ende der Geschichte träumen ließen, drohen im 53 politischen Kampf rechter und linker Parteien angesichts der heraufziehenden Herausforderungen unterzugehen. Hinter der Identitätspolitik auf rechter wie auf linker Seite steht die Angst, die – qua Sexualisierung aller Gesellschafts- und Lebensformen verstärkt – im Narzissmus Zuflucht sucht, der sich politisch als Linke-Gender-Identitätspolitik und als Rechte-Identitäre-Bewegung äußert. Die Linke-Gender-Politik wie die Rechte-Identitäre-Bewegung verkennen im jeweils anderen das wahre Problem, das in der beiden Parteien gemeinsamen Angst, der aus ihr folgenden und durch sie verstärkten Sexualisierung und Radikalisierung des exkludierenden Charakters des Kapitalismus zu suchen ist. Alle haben Angst – doch anstatt sich ihrer Angst zu stellen und nicht mehr vor ihr zu fliehen, zeigen sie auf den politischen Gegner als Sündenbock und Projektionsfläche ihres eigenen verdrängten Unbewussten. Die Linke-Gender-Politik will progressiv Sex, ethnische Zugehörigkeit und Macht entkoppeln – und verkennt völlig, dass ihre Verbindung aus der (patriarchalen) Angst (vorm verdrängten Weiblichen und damit dem Anderen ihrer selbst, d.h. auch allen anderen Ethnien gegenüber) rührt64, die man nicht einfach wegerklären kann, sondern die man in Vertrauen auflösen muss, die man verstärkt, wenn man ihre Verkopplung ohne Verständnis für deren Ursache dekonstruiert, deren Abwehr man provoziert, wenn man sich selbst nicht eingesteht, dass man diese Angst auch kennt, dass man diese Angst in sich selbst nur mühsam abwehrt, indem man sie auf den politischen Gegner projiziert, sie so in sich nicht mehr zu bearbeiten braucht, sie durch den politischen Gegner ausgedrückt und vertreten findet und sich so durch den politischen Gegner entlastet. Die Rechte-Identitären-Bewegung arbeitet in ihrer regressiven Reaktion auf diese Linke-Gender-Politik, die zunehmende Migration und ihre Sex-Angst genauso: Auch sie ziehen eine relative Stabilisierung ihres überholten Patriarchismus des weißen Mannes – dessen Tod beiden Seiten Angst macht und sexualisiert – aus der Geg- 64 Rassismus hat seinen Ursprung im patriarchalen Sexismus, der wiederum eine Fluchtform aus der Angst darstellt, die sich an dem Anderen ihrer selbst entzündet, d.h. an weiblicher Sexualität und der in der Angst vor ihr so empfundenen Konkurrenz um Frauen durch Andersfarbige. Die Schlüsselszene des amerikanischen Porno ist daher der Sex von einem schwarzen (gut bestückten) Mann mit einer Blondine. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 54 nerschaft gegen die Linke-Gender-Politik und deligieren den Ausdruck ihres unbewussten Wunsches nach Progression und Solidarität ihrerseits an den politischen Gegner. Die Linke-Gender-Politik ist einseitiger Ausdruck des Progressions-Bedürfnisses der Menschen mit dem Ziel von Entgrenzung und Freiheit; die Rechte-Identitäre-Bewegung ist einseitiger Ausdruck des Regressions-Bedürfnisses der Menschen mit dem Ziel von Heimat und Geborgenheit. Die Linke-Gender- Politik unterschätzt das Regressions-Bedürfnis und die Tiefe des Wunsches nach Geborgenheit und nimmt die Menschen auf ihrer Himmelfahrt, die dem patriarchalen Impuls nach Entgrenzung und Freiheit folgt und der eine patriarchale Kastration droht, nicht mit; die Rechte- Identitäre-Bewegung unterschätzt das Progressions-Bedürfnis und die Höhen der Sehnsucht nach Freiheit und lässt die Menschen in ihren Grenzen, die dem matriarchalen Impuls nach Heimat und Geborgenheit folgt und der eine matriarchale Kastration droht, alleine.65 Die Linke-Gender-Politik ist gerade nicht solidarisch, insofern sie ca. die Hälfte der Bevölkerung mit ihrer Angst alleine lässt und ihre eigene Angst nur verdrängt und projiziert, anstatt sie zu überwinden – und die Rechte-Identitäre-Bewegung bietet gerade keine Lösung des Problems der Entheimatung durch Klimawandel und Migration, weil sich diese Probleme nur global-solidarisch lösen lassen.66 Beide politischen Positionen sind in ihrer Einseitigkeit für die Lösung der Herausforderungen der Zeit nicht zielführend, sondern verstricken sich nahezu notwendig in einen sich verschärfenden Konflikt: Der matriarchale Reflex der Rechten-Identitären-Bewegung, sich durch Grenzen zu schützen (vgl. Trumps Plan eines Mauerbaus zu Mexiko und die Abschottungs-Wünsche der Rechten-Identitären-Bewegung in Europa), hilft angesichts der globalen Umweltproblematik nicht. Der patriarchale Reflex der Linken-Gender-Identitätspolitik nach Entgrenzung und Restrukturierung des Gegebenen hilft angesichts einer Erde nicht, 65 Zu den Begriffen „matriarchale Kastration“ und „patriarchale Kastration“ vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Sachregister, Düsseldorf 2004. 66 Die Fragen, die sich die Linke-Gender-Politik ebenso wie die Rechte-Identitäre- Politik stellen muss, ist: Was ist das aber für eine Solidarität, die mit ca. der Hälfte der Menschen ihres Landes nicht solidarisch ist? Und was ist das für eine Heimatpolitik, die die eigene Entheimatung nicht wesentlich als Folge des Klimawandels versteht und ihn wiederum als ein nur global zu lösendes Problem? Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 55 deren Ressourcenlage begrenzt ist und die sich gegen die Restrukturierung wehrt.67 Sie gründen beide auf der Macht längst vergangener bzw. verstorbener Mutter- bzw. Vatergottheiten, deren Macht noch archetypisch wirkt und auf Integration drängt, die als freiflottierende Macht bei Verdrängung gefährlich politisch instrumentalisiert werden kann (vgl. die faschistischen Tendenzen der Rechten-Identitären-Bewegung, die wie die Wiederkehr des Verdrängten plötzlich unter dem Teppich des Bewusstseins der Linken-Gender-Politik unterschätzt machtvoll auftaucht und schon den deutschen Faschismus an die Macht brachte).68 Die Rechte-Identitäre-Bewegung instrumentalisiert die Macht des Matriarchalen durch Mobilisation der Ängste und dem Ruf nach Grenzen; die Linke-Gender-Politik instrumentalisiert die Macht des Patriarchalen durch Mobilisation der Unterdrückten und 67 Der matriarchale Reflex ist schützend und bewahrend, damit aber auch potentiell ausgrenzend und in seinem Inneren zersetzend. Der patriarchale Reflex ist strukturierend und entgrenzend, damit aber auch potentiell blind für die Bedürfnisse und die Organisation des Lebens und überfordernd. Beide sind in ihrem negativen, nicht abgestimmten, einseitigen Aspekt gewaltsam, wie sie in ihrem positiven, abgestimmten, fruchtbaren Aspekt in ihrer Auseinanderlegung im Zuge des matriarchalen und des patriarchalen Zeitalters das hervorgebracht haben, was wir trotz aller selbstverschuldeten Katastrophe und Zerstörung als Errungenschaften der Menschheit verstehen dürfen. Sie stellen die beiden Aspekte des Verstandes dar, die es dem Menschen erlauben, die Selbstorganisationskraft der Natur im Spiel der Vermögen schöpferisch anzuverwandeln (matriarchaler Formaspekt der finalen Umgrenzung und Abfassung der auf Grundlage des patriarchalen Formaspekts der Strukturvorgabe und Zentralisation durch die Einbildungs- bzw. Selbstorganisationskraft der Natur synthetisierten Gestalt). Vgl. dazu: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017. Heutzutage leben wir wie gesagt im Zeitalter der Sexualisierung durch König Sex (vgl. Hölzel: ebd. XI) und im Zeitalter des Geschlechterkampfes, in dem beide Seiten in all ihrer Gewalt um die Macht im Menschen und in der Gesellschaft streiten. Dieses Spiel der radikalisierenden und eskalierenden Auseinanderlegung der Gegensätze müsste im Rückbezug auf die es beruhigende und deeskalierende und synthetisierende Natur durch das Sich-der-Angst-Stellen in ein Spiel der Integration verwandelt werden. 68 Vgl. die Erklärung der Ursprünge des Faschismus in Horkheimer/ Adornos Dialektik der Aufklärung, die im Faschismus ebenso wie – müsste man aus heutiger Sicht ergänzen – im Stalin-Kommunismus eine Wiederkehr des Verdrängten Mythischen sehen, bei dem es sich – unserer Interpretation nach – um das verdrängte Mythische des Matriarchismus handelt. Die Blut- und Boden-Politik des Faschismus müsste sich im Zuge ihrer Transformation im ausstehenden neuen Zeitalter der Liebe und Solidarität in eine Menschheits- und Erd-Politik wandeln. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 56 den Ruf nach Freiheit. Im politischen Raum der Demokratien des Westens tobt – um es auf den Punkt zu bringen – der von uns diagnostizierte, hier auf transpersonaler Ebene sich artikulierende Geschlechterkampf, dessen Parteien sich unversöhnlich gegenüberstehen. Das Ergebnis dieser Polarisierung, Verdrängung bzw. Projektion der Angst und Radikalisierung wird ein Bürgerkrieg sein, wenn sich beide Seiten nicht eingestehen, dass das zugrundeliegende Problem die Angst und Sexualisierung sind, die im beiderseitig Identitären ihre Zuflucht sucht, sich ihrer Angst schrittweise stellen und damit lösen und ihre Verhärtung in ihrer jeweiligen Identität durch das Eingeständnis lockern, dass sie wie im taoistischen Symbol des Ying und Yang Elemente der je anderen Seite stellvertretend und kompensatorisch für sie zum Ausdruck bringen (der schwarze Punkt in der weißen Hälfte und der wei- ße Punkt in der schwarzen Hälfte wie die Dynamik des Spiels der Kräfte in ihrer Andeutung eines Wirbels) und so wenn dann gemeinsam die politische und emotionale Stabilität der Gesellschaft in diesen schwierigen Zeiten angesichts des scheinbaren Mangels einer echten Alternative erhalten: Die Rechte-Identitäre-Bewegung nimmt der Linken die Angst vor der entgrenzten Sexualität der Frauen und vor der durch Migration sich entgrenzenden Konkurrenz von Andersfarbigen; die Linke-Gender-Politik drückt den Wunsch der Rechten nach universellen Werten und universeller Solidarität über alle Grenzen hinweg aus, für die sie selbst aber noch gar nicht reif genug ist, d.h. bei der es sich angesichts des Nicht-Eingestehens derselben, eigenen Angst nicht um wahrhafte Solidarität, die aus der Konfrontation mit der Angst als Vertrauen und Liebe entbunden würde, handelt, sondern tatsächlich – und hier hat Trump als Cowboy einer untergegangenen Western-Romantik intuitiv Recht – um Fake News.69 Die Linke täuscht sich, wenn sie glaubt, dass der Zulauf der Neuen Rechten einzig aus der zunehmenden, sozialen Spaltung und der Verarmung breiter Massen resultiert oder wenn sie meint, es sei Ausdruck 69 Die Linke-Gender-Politik wäre mit einer unbegrenzten Aufnahme von Flüchtlingen bzw. mit dem Ad-hoc-Abbau aller aus der Weltwirtschaftsordnung folgenden Privilegien selbst überfordert. Auch wenn ihre Forderungen im Namen internationaler Solidarität richtig sind, muss ihre Umsetzung – soll sie die Demokratien der westlichen Welt nicht gefährden – auf die Transformationskapazitäten dieser Gesellschaften Rücksicht nehmen, um nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 57 von Ressentiments gegenüber einer globalisierten Elite, die sich abzusetzen droht. Auch wenn Neoliberalismus und Globalisierung ursächliche Momente für die Verunsicherung der Menschen sind, so ist das Kernproblem, dass die Menschen in die Arme der Neuen Rechten treibt, doch eher eine tiefe Verunsicherung in ihrer Identität. Sie wird ausgelöst durch die Angst um den Bodenentzug von Mutter Erde im Zuge des Klimawandels und dem Fehlen von Werten (die ehemals aus der Vatergottheit deduziert wurden, die nun nicht mehr hält, was sie verspricht), die eine positive Zukunft und Vision schaffen, an der wir gemäß des linken Credos gemeinsam und solidarisch arbeiten können. Die Sexualisierung, in die sich aus der allgemeinen und pandemischen Angst heraus geflüchtet wird, wird in ihrem Vollzug selbst noch als suchthaft und ruinös zugleich wahrgenommen. Die Identitären linker und rechter Provenienz sind der politische Arm eines qua allgemeiner Sexualisierung ausgelösten Narzissmusses bzw. einer Angstflucht, die nicht dadurch zu bekämpfen ist, dass man ihre Ursachen qua Gender- Philosophie wegerklärt. Ihr ist nur beizukommen, wenn man eine linke politische Strategie der Solidarität entwickelt, die die Menschen in ihrer durch die politisch Rechte ausgedrückten Angst abholt. Sie bestünde darin, den eigenen Internationalismus und die Idee der internationalen Solidarität nur soweit zu fordern, wie die aus ihr folgende Aufnahme von Flüchtlingen nicht die Integrationskraft der eigenen Gesellschaften überfordert. Sie bestünde darin, den tieferen Ursachen der Angst – den Verlust von Mutter- und Vatergottheiten und ihr Sich- Wandeln in Abgründe der Erde und des Himmels und die aus ihm sich speisende Flucht ins Sexuelle, das als Folge einer allgemeinen Sexualisierung und aufgrund der Resonanzkatastrophe zwischen den Geschlechtern im Geschlechterkampf bis zur Konsequenz des Wahnsinns des Sexuellen die Angst verstärkt – eine Vision der Transformation von Angst in Solidarität und Liebe entgegenzusetzen. Aus ihr folgt, das Politisch-Gewollte, d.h. die Idee einer internationalen Solidarität, nur soweit voranzubringen, wie man die Gesellschaft zu dessen Akzeptanz mitgenommen hat. Die Linke-Gender-Politik mit ihren patriarchalen Forderungen einer allgemeinen Entgrenzung, Solidarität mit Minderheiten und Migranten und einer Freiheit von Allen überfordert genauso, wie die Rechte-Identitäre-Bewegung mit ihrer matriarchalen Forderungen nach Grenzziehungen und dem Schutz der Geborgenheit Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 58 in der Heimat die Menschen unterfordert. Sicher hat die Linke recht, dass die Minderheitenrechte und das Grundrecht auf Asyl nicht eingeschränkt werden dürfen und Vater Staat sie verteidigen muss. Und sicher hat die Rechte recht, dass die Geborgenheit und Sicherheit, die Mutter Staat schenken soll, gewährleistet sein muss. Nur dass die Linke nicht sieht, dass ihre Werte als patriarchale Werte überfordern und keine Emotionen mehr binden – und dass die Rechte vergisst, dass es nur eine globale Mutter Erde gibt, die nur gemeinsam in ihrem Bestand für die Menschheit bewahrt werden kann. Beide Seiten agieren unbewusst den Geschlechterkampf im Politischen aus – den Kampf matriarchaler und patriarchaler Energien und Mächte, was diesen Kampf umso unversöhnlicher und gefährlicher macht. Logisch sind diese Parteien unversöhnbar. Sie stellen die zwei Seiten des Geschlechterkampfes dar, der nur durch die Bezugnahme auf ein tieferliegendes Drittes überwunden werden kann: nämlich auf die Werte von Liebe und Solidarität, deren Gehalt aber einzig – anders als die Linke dies für gewöhnlich tut – als Produkte des Annehmens und Verstehens der alle verunsichernden Angst richtig verstanden ist. Die Lösung läge in der Vision eines Dritten, das aussteht und fehlt: des hier skizzierten Paradigmas der Liebe und Solidarität als Folge eines aus einem Annehmen und Verstehen der Angst gezeugten Spielbewusstseins, das aktuell am ehesten von der Grünen-Bewegung vertreten wird. Die Grünen – abgesehen von einer Einschränkung, nämlich ihrer Unentschiedenheit in Bezug auf den Finanzkapitalismus (dazu siehe unten) – sind die Heldenkinder. Umweltpolitik schenkt eine neue und wahrhafte Heldenidentität, insofern sie mit der Bewahrung des Ökosystems auch die Bedingungen für die Möglichkeit weltweiter Solidarität zu erhalten sucht. Den Menschen geht es nicht um mehr Geld im Beutel, auch wenn soziale Mindeststandards wichtig sind. Sie brauchen eine Vision, die trägt. Sie wissen, dass wir in der westlichen Welt alle den Gürtel enger schnallen müssen. In ihnen schlummern Revolutionäre, denen es scheißegal ist, was sie besitzen und haben – solange sie für das Rettende im Zeitalter der heraufziehenden Menschheitskrise eintreten können. Sie lassen als Visionäre und Revolutionäre eines neuen Bewusstseins die Bonzeneliten alt aussehen in ihrem dreckigen, auf Grundlage von Ausbeutung erworbenen Reichtum. Sie verlieren aber auch nie aus den Augen, dass hin- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 59 ter allem Tun und Lassen der Menschen, der Bonzen und auch ihrer selbst die Angst steht, der sie in sich wie im Anderen in ihrer friedlichen und gewaltlosen Revolution mit Liebe, Annahme, Gespräch auf Augenhöhe, Verstehen und Solidarität begegnen. Die Weltreligionen als fundamental bewegende Formen der Vergemeinschaftung müssten im Sinne dieser Revolution einer ganzheitlichen Re-Interpretation unterzogen werden, um unter ihrer patriarchalen Oberfläche ihrer matriarchalen Aspekte offenzulegen und beide Aspekte unter Bezugnahme auf ihre Quellen in der Kindheit der Kultur zur Synthese eines neuen Zeitalters universaler Liebe und Solidarität unter den Menschen im Zusammenstimmen mit dem Ökosystem Erde zu verbinden.70 Ihrer fundamentalen Funktion als Angstlöser können sie erst wieder gerecht werden, wenn sie ihre patriarchale Interpretation angesichts aus ihr nicht mehr integrierbarer Momente des Weiblichen im Hier und Heute zugunsten einer ganzheitlichen Interpretation überwinden, die beiden Momenten gerecht wird. Die Gottheit des kommenden Zeitalters müsste der spielende Kinds-Gott71 – in 70 Hierzu bedürfte es der intensiven, dringend nötigen Arbeit von Kennern der Materie wie Religionsforschern, Mythenforschern, Anthropologen, Islamforschern, Theologen, jüdischen Rabbis und Hinduismus-Forschern, die wir hier mangels eigener Kenntnis nicht leisten können. Vgl. dazu beispielhaft Ansätze zu einer ganzheitlichen Re-Interpretation des Christentums in: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, VI.2.3. 71 Vgl. Nietzsches „Spiel des (göttlichen) Kindes“, das in seinem „immer neu erwachenden Spieltrieb (…) andere Welten ins Leben“ „ruft“ (Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Stuttgart 1994, S. 34), bzw. seinen „Typus Gottes nach dem Typus der schöpferischen (…) Menschen“ (Dionysos Philosophus – in: Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 1131) im Sinne eines „unmoralischen Künstler-Gott(es), der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit inne werden will, der sich, Welten schaffend, von der Not der Fülle und Überfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst“. „Die Welt“ – fährt Nietzsche fort – „in jedem Augenblicke die erreichte Erlösung Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidensten, Gegensätzlichste, Widerspruchreichste, der nur im Scheine sich zu erlösen weiß“ (Geburt der Tragödie, München 2003, S. 17). Der Mensch als Ebenbild dieses Gottes wäre als schöpferischer Mensch berufen, die Gegensätze in sich und damit in der Wirklichkeit zu neuen Synthesen zu einen, d.h. spielerisch wie ein seiner selbst bewusstes Kind seine Wirklichkeit frei von Projektionen seiner Angst schöpferisch hervorzubringen und zu gestalten (vgl. dazu Neumann: Der schöpferische Mensch, Frankfurt/ M. 1995 und Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, XII.1). Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 60 den drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam als der kommende Messias angekündigt72 – sein, dessen Mysterien und Weisheit in den tiefsten Quellen der Religionen verborgen liegt und entdeckt werden müsste und der den Geschlechterkampf seiner Ureltern bzw. der Gegensätze des Weiblichen und Männlichen in sich im Sinne des Heldenkindes löst, um aus ihnen unter Aufnahme der Errungenschaften von Matriarchismus und Patriarchismus eine neue Religion der Menschheit zu entwickeln, die ihrer in ihrem Namen hinterlegten Eigenschaft gerecht wird, nämlich die Menschen und die Menschheit im Sinne ihres religare (lat.) an die Erde und das Ökosystem zurückzubinden.73 72 Vgl. Jung/ Kerenyi: Einführung in das Wesen der Mythologie. Der Mythos vom göttlichen Kind und Eleusinische Mysterien, Zürich 1999, S. 107, wo sie den Mythos des hermaphroditischen, göttlichen Kind als „Anfangs- und Endwesen“ in Erinnerung rufen, das den paradiesischen Beginn der menschlichen Kulturgeschichte markiert und bis heute auf seine kulturelle Einlösung in einem ausstehenden Zeitalter wartet. Sieht man sich die alten religionsbegründenden Schriften wie den Tanach und seine kabbalistischen Interpretationen, die Bibel, den Koran und die Veden aus der Perspektive einer ganzheitlichen Interpretation an, so springen einem die matriarchalen Elemente dieses patriarchalen Schriftguts und die Vorankündigungen des Göttlichen Kindes in allen diesen Schriften ins Auge. Die Geschichte von Jona und dem Wal bspw. – die allen drei monotheistischen Weltreligionen eingeschrieben ist – kann als ein Sterben des Mannes in Mutter Erde gedeutet werden, wenn man seine Gottesverlassenheit radikal im eigentlichen Sinne ihrer Bedeutung fasst: Jona würde dann als Kind seiner Ureltern, das deren Gegensatz in sich zur Integration bringt, und damit als Göttliches Kind verstanden. (Der „Nachtmeerfahrt“ des männlichen Helden und das auf ihr dem Helden widerfahrende Sterben im Gegengeschlecht steht die „Todeshochzeit“ der Frau als Sterben im Männlichen gegen- über. Beide führen zur Integration des Geschlechtergegensatzes im hermaphroditischen, aber seiner selbst bewussten Göttlichen Kind – vgl. Neumann: Zu Mozarts Zauberflöte – in: Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975) 73 Das Christentum bspw. müsste alles daran setzen, seinen Zentralbegriff der Liebe mit Jungs Begriff der Quaternität zu entpatriarchalisieren und ihm die ganzheitliche Bedeutung wiederzugeben, die er wohl ursprünglich bspw. im Hohelied der Liebe hatte, bevor es seine patriarchale Redaktion für die Bibel erfuhr: „Wer ist sie, die hervorbricht wie die Morgenröte, schön wie der Mond, klar wie die Sonne, gewaltig wie ein Heer?“ (Hoheslied 6.10). Hier bspw. ließe sich der Mond als matriarchales Sinnbild für das „matriarchale Mondbewusstsein“ (vgl. Neumann: Über den Mond und das matriarchale Bewusstsein – in: Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975) und die Sonne als patriarchales Sinnbild für das „patriarchale Selbstbewusstsein“ fassen, die in der Liebe synthetisiert zur Ganzheit einer alles revolutionierenden Macht finden. Zentral ist auch benannt, dass Liebe nicht herstellbar ist und man ihrer nicht in Form einer autopoietischen Selbstermächti- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 61 Die Philosophie ihrerseits müsste sich durch die Einsichten des Holismus, der Naturphilosophie, der Mythenforschung und der Spielphilosophie ihrerseits revolutionieren bzw. unter dem neuen Paradigma der Spielphilosophie und des Holismus reorganisieren: Sehr interessant und aufschlussreich ist bspw. die Metapher des Radikalen Konstruktivismus – erkenntnistheoretisch state oft the art auch noch aktueller Debatten in der Philosophie – für die prinzipielle Unerkennbarkeit der Wirklichkeit-an-sich: Unsere Einsichten und Theorien seien wie ein Schlüssel, der ins Schloss der Wirklichkeit passt, der es uns pragmatisch erlaubt, mit Wirklichkeit umzugehen und uns in ihr zu orientieren, dessen Passen uns aber nichts über das Schloss der Wirklichkeit selbst sagt, dessen prinzipielle Unerkennbarkeit wir uns eingestehen müssten.74 Aus dieser Metaphorik spricht deutlich die Sprache des Patriarchismus (Schlüssel ins unerkennbare, aber durch ihn zu bewegende, selbst passive Schloss). Der Fehler dieser konstruktivistigungen habhaft werden kann, wie es aus folgendem Zitat spricht, in dem die Liebe als Drittes angesprochen wird, über das wir Menschen nichts vermögen und das uns daher umso tiefer im Sinne der Heilungskraft der Natur erreichen und heilen kann: „(…) dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt. Wer ist sie, die heraufsteigt von der Wüste (…)? Unter dem Apfelbaum weckte ich dich (…)“ (Hoheslied 8.4–8.5) (– und damit an dem Ort, wo die Menschheit in der Symbolik des Alten Testaments ihre Unschuld des Paradieses der Kindheit der Kultur verlor, ihrer selbst bewusst wurde und wo sie – von grausigen Alpträume geplagt – bis heute schläft, um von der Liebe geweckt zu werden. (Die patriarchale Redaktion und Re-Interpretation der ganzheitlichen Quellen des Hohelieds der Liebe zeigt sich bspw. darin, dass sie – wo sie vorher offensichtlich sinnenreich als etwas zwischen Mann und Frau besungen wurde – gen Ende des Liedes als „Glut (…) und (…) Flamme des HERRN“ (Hoheslied 8.6), der dann wie um es einzuhämmern in vielen Bibelausgaben noch fett gedruckt ist, resümiert wird.). (Vgl. Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1985/ Zum Begriff patriarchaler Redaktion und Uminterpretation ehemals matriarchaler bzw. ganzheitlicher Mythen vgl. Weiler: Der enteignete Mythos. Eine notwendige Revision der Archetypenlehre C.G.Jungs und Erich Neumanns, München 1985, die nur leider wie viele MatriarchatsforscherInnen der ersten Stunde bei aller ihrer Pionierarbeit den Fehler machen, dass Matriarchat in Abwehr des herrschenden Patriarchats seinerseits zu verherrlichen und damit dessen Gewalt gegen das Männliche und seine Form patriarchalen Selbstbewusstseins zu unterschätzen und in der Konsequenz nicht zur Integration der Ganzheit zu finden, wie wir sie anstreben – vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, VI u. vor allem VI.1.4). 74 Vgl. von Glaserfeld: Einführung in den radikalen Konstruktivismus – in: von Glaserfeld: Wissen, Sprache und Wirklichkeit, Braunschweig/ Wiesbaden 1987. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 62 schen Annahme über die prinzipielle Unerkennbarkeit der Wirklichkeit-an-sich ist offenkundig: Diese scheinbar unerkennbare Wirklichkeit-an-sich ist das verdrängte und vom Patriarchismus als weiblich attribuierte Andere der Vernunft, d.h. Natur, Frau, Erde. Der Patriarchismus weiß durch seine Verdrängung des Wissens der Mythologie und des Matriarchismus tatsächlich nichts über die Wirklichkeit des Schlosses – und der Matriarchismus weiß, anders als die Mythologie, die auch das ganzheitliche Wissen der Kindheit der Kultur in sich aufbewahrt, genauso wenig über das ihrerseits Verdrängte bzw. Nicht- Wahrgenommene des Patriarchismus und seiner Vernunft, auch wenn der Matriarchismus selbst eine eigene selbst- und naturentfremdeten Vernunft hervorgebracht hat. Die Naturphilosophie Schellings und der aus ihr hervorgehende Holismus und die Spielphilosophie Schillers erst machen eine ganzheitliche Interpretation der Wirklichkeit möglich, indem sie erlauben, beide je selbst- und naturentfremdeten Wirklichkeitsinterpretationen von Matriarchismus und Patriarchismus miteinander in dem durch die von Schelling entdeckte Selbstorganisation der Natur initiierte Spiel zu synthetisieren, die von Matri- und Patriarchismus verdrängte Natur zu reintegrieren und damit den uralten Mythenschatz der Menschheit für das Hier und Heute zu heben. Als Lebendige, Teil allen Lebendigens und selbst spielbegabte Naturwesen haben wir einen intuitiven Zugang zur Wirklichkeit-an-sich, indem wir sie von innen heraus als sich-selbst-spielerisch-organisierende Wirklichkeit und Schöpferischkeit verstehen.75 Der Patriarchismus hat sich durch das angstvolle Ausblenden aller weiblichen Perspektiven auf 75 Schopenhauer zufolge existieren zwei Wirklichkeiten: die Welt als Wille, in der das in uns selbst empfundene Drängende der Natur metaphysisch zu einer Philosophie des Willens ausbuchstabiert wird, der allem zugrundeliegt, und eine Welt als Vorstellung, die die Wirklichkeit bezeichnet, als die wir sie geistig auf Grundlage von Sinnesreizen konstruieren. Die Schnittstelle der Welt als Wille und Vorstellung ist nach Schopenhauer in seinem gleichnamigen Hauptwerk der Leib, da wir in ihm zugleich das Drängende des Willens spüren und eine ihm entsprechende Vorstellung davon entwickeln, die beide Welten als zwei Versionen der einen Wirklichkeit verständlich macht. Der Leib bzw. das leibliche Selbstempfinden und seine metaphorische Interpretation im Medium der Sprache stellt damit einen exklusiven Zugang zur Wirklichkeit-an-sich der Welt als Wille dar. Schopenhauers Philosophie ist als Leib- bzw. Spielphilosophie interpretierbar, derzufolge das Spiel der Vermögen des Leibes den Schlüssel zur Wirklichkeit in ihrer Doppelung der Welt als Wille und Vorstellung liefert. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 63 die Wirklichkeit und der ihr noch vorgängigen ganzheitlichen Einsichten des Mythos mangels seiner Fähigkeit zur Integration der drei Pole von Mythos, Matriarchismus und Patriarchismus im noch unentdeckten Spiel der Vermögen selbst blind gemacht und dies in der oben zitierten Metapher des Konstruktivismus auch offen bekannt – eine Blindheit, die erklärt, warum wir uns unversehens vor dem Abgrund der Menschheitsgeschichte wiederfinden wie Lemminge, die erschrocken plötzlich aufwachen und sehen, wohin sie in ihrem Rennen und Immer-schneller-Rennen eigentlich rennen. Die Spielphilosophie gewährt keine allgemeingültige Interpretation der Wirklichkeit-an-sich, sondern kennt so viele Wahrheiten, wie es Wirklichkeitsinterpretationen von Individuen gibt, die in sich jeweils einen exklusiven Zugang zur Wirklichkeit an sich von innen heraus haben. Die Spielphilosophie bindet jedes Individuum einzeln an die Wirklichkeit-an-sich zurück und gewährleistet damit, dass sie als solcherart Zurückgebundene von sich aus die notwendigen Schlüsse betreffs ihres falschen Konsumverhaltens ziehen, ohne dass ihnen irgendein Prediger von irgendeiner Kanzel sagen dürfte, was sie zu tun und zu glauben haben. Die Spielphilosophie ist im Kern anarchistisch und gibt jedem Individuum seine Freiheit zurück – erlaubt und motiviert aber umgekehrt ein Miteinander im Sinne von Liebe und Solidarität, weil es im Miteinander- Spielen76 das zentrale Glück und die zentrale Freude des Menschenlebens spürt. Der radikale Pluralismus der Spielphilosophie erlaubt eine Zurückbindung jedes Individuums an die Wirklichkeit-an-sich, deren 76 Geschlechterkampf und Sexualisierung seit 18 Hundert machen Sinn, als dass sie das Sexuelle als den Ort der Wahrheit und des Halts in der Wirklichkeit (vgl. de Sade siehe oben) bestimmen, der es angesichts des Todes von Mutter- und Vatergottheiten ist. Sex wird vor dem Hintergrund dieser Sichtweise geradezu zu einem (in seiner heutigen, unbewussten, gewaltsamen, selbstentfremdeten und angstgeleiteten Form leider verstellten) Spiel zwischen den kosmischen Energien und Mächten der sich in Gegensätze auseinanderlegenden Selbstorganisation des Universums. An ihr wollen wir in der allgegenwärtigen Jagd nach „gutem Sex“ Anteil haben – einen Anteil, den wir uns, indem wir letztlich angstgeleitet danach jagen, gerade verbauen. Die Sexualisierung entspricht einem unbewussten Ausagieren der nicht-verstandenen Energien und Mächte, das besser einem Verstehen ihres Spiels weicht, insofern dieses Spiel als bewusst gespieltes Spiel im Innersten vor allem Seligkeit, Bedürfnislosigkeit, Selbstzufriedenheit, Stille und Frieden schenkt und als solches Sex erst zur wie man sagt „schönsten Nebensache der Welt“ macht, die man genießen kann, gerade weil man sie nicht mehr braucht. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 64 Ansprüche an die Menschheit wie die des Ökosystems auf unser auf seine Grenzen abgestimmtes Konsumverhalten damit in allen Individuen zu Gehör kommen. Sie erlaubt gemeinsames Handeln in Kooperation und Solidarität, weil sie zwar einerseits radikal pluralistisch ist, andererseits aber durch die Zurückgebundenheit an das in allen und in allem wirksame Spiel der Vermögen und damit an Natur und Ökosystem etwas kennt, was allem gemeinsam ist. Die Schöpferischkeit der solcherart befreiten Individuen schafft Gestalten wie Wirklichkeitsinterpretationen, die bei all ihrer Unterschiedlichkeit und Pluralität doch alle als Produkte des gleichen Spiels der Vermögen übereinander abbildbar sind und damit potentiell von jedem in ihrer Individualität und Einzigartigkeit – gibt man sich nur die Mühe, sie in sich spielerisch zu reproduzieren und zu verstehen – verstanden werden können.77 Die Spielphilosophie ermöglicht das von Goethe im Faust erträumte, erlösende Versöhnungsfest des Menschen mit der Natur78 – und bringt zuletzt, gelangen wir qua Angstexposition ins Spiel der Vermögen hinein, auch sämtliche klassischen Probleme der Philosophiegeschichte einer Lösung in metaphorischen Bilder und Visionen nahe! Linke wie Rechte stehen unabhängig von der Zuspitzung ihrer Positionen in Linker-Gender-Politik und Rechter-Identitärer-Bewegung auf Augenhöhe und werden beide gebraucht, um die fragile Stabilität der Gesellschaften des Westens durch das Spiel ihrer Kräfte aufrechtzuerhalten: Sie übersehen in ihrem Stellvertreter-Kampf aber beide das wahre Problem, das im patriarchalen System des Finanzkapitalismus und seiner Entfesselung durch den Neoliberalismus von Reagan und Thatcher zu suchen wäre. Die Rechte hat recht, dass das Leben es schützende Grenzen braucht, nur dass diese Grenzen auf die Erde bzw. die Grenzen des Okösystems geweitet werden müssten. Die Linke hat recht, dass die Menschen der Weltgemeinschaft Freiheit und ein ähnliches Auskommen brauchen, nur dass diese Forderungen auf die Ressourcenlage und Regenerationsfähigkeit des Ökosystems abgestimmt werden müssten. Das Spiel der politischen Kräfte von Matriarchismus und Patriarchismus ist solange notwendig, um die Menschen in ihrer 77 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, XII.3) 78 Goethe: „Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!“ (Faust. Der Tragödie erster Teil, Stuttgart 1994, S. 24). Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 65 Angst und in ihrem Bedürfnis nach Solidarität abzuholen, bis die Transformation der Nationalstaaten – die um die begrenzten Ressourcen des Planeten in einer Flucht in die Wachstums-Ideologie konkurrieren,79 als gäbe es keine Grenzen des Ökosystems – in eine Weltgemeinschaft und ihr Sich-Einfinden innerhalb der Grenzen des Ökosystems vollzogen ist. Die hinter den politischen Parteien wirkenden Mutter- bzw. Vatergottheiten müssen durch eine gemeinsame Bezugnahme auf und Konfrontation mit der Angst entmachtet werden, indem der/ die zwischen ihnen vermittelnde Sohn/ Tochter der im Geschlechterkampf liegenden Ureltern seiner/ ihrer Heldenrolle durch die Verwandlung der Angst in die Seligkeit des Mutterbauchstadiums (in Liebe, Solidarität und dem Bewusstsein, dass wir auf Erden – finden wir in die relative Bedürfnisfreiheit im Spiel der Vermögen – immer schon im Paradies leben und es nur zu realisieren brauchen) gerecht wird und diesen Geschlechterkampf aufhebt. Dieser Transformations-Prozess braucht beide Parteien, insofern die von der Rechten-Identitären- Bewegung betonte Bedeutung der Grenzen und ihrer bergenden und vor Angst schützenden Funktion nur soweit für Migration permeabel werden darf, wie die Angst vor dem Fremden innerhalb der durch die Grenzen geschützten Gesellschaften im Sinne ihrer Integrationsfähigkeit sich aufhebt. Der Transformations-Prozess braucht auch die Linke- Gender-Politik, insofern sie nicht verhandelbare Werte wie die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl verteidigt und das Ziel der 79 Die Menschen der westlichen Gesellschaften wissen, dass sie in einem relativen Luxus leben. Ihnen mangelt es nicht an Konsumgütern, sondern sie leiden an der Ungerechtigkeit seiner Verteilung innerhalb ihrer Gesellschaften und an negativen Gefühlen wie Neid und Ressentiment, das von dem ostentativ zur Schau gestellten Reichtum der Superreichen ausgelöst wird. Ihr Problem ist, dass sie wissen, dass sie ihren Lebensstandard angesichts seiner Grundlage in der Ausbeutung des Planeten und der nicht privilegierten Gesellschaften des Rests der Welt nicht werden aufrechterhalten können. Ihr Bewusstsein, teilen zu müssen, verstärkt ihre Angst, da es ja gerade die Flucht in den Konsum und in Zukunftshoffnungen künftigen Konsums war, mit der sie ihre Angst und ihre negativen Gefühle stillten. Sicherlich geht es um Verteilungs- und Chancengerechtigkeit auch innerhalb der Gesellschaften des Westens auch und gerade wegen einer Absetz-Bewegung der neoliberalen, globalen Eliten. Dieses Bedürfnis nach Solidarität und Gerechtigkeit wird aber nicht primär in einer nationalen Umverteilungs-Politik befriedigt, sondern einzig im Aufbruch auf einen Weg, der sich mit der Angst auseinandersetzt und damit an der Wurzel des Übels ansetzt und es in Solidarität, relative Bedürfnislosigkeit und Gerechtigkeit überführt. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 66 Reise in ihrem Festhalten an dem Traum einer solidarischen Weltgemeinschaft hochhält. Auf dem Weg der Transformation des Heute in die aufs Ökosystem abgestimmte Weltgemeinschaft spielen rechte und linke Positionen in den jeweiligen Gesellschaften eine wichtige transformative Rolle. Die Parteien der Grünen Bewegung hingegen – wie sie aktuell in Deutschland stärker werden – verkörpern tatsächlich eine Politik der Mitte (und sind in Deutschland auch zu Koalitionen mit rechten und linken Parteien bereit), insofern sie auf das Dritte der gemeinsamen, noch ausstehenden Synthese einer Integration der Geschlechtergegensätze unter Bezugnahme auf die Grenzen des einen Ökosystems Erde (matriarchaler Anteil) und auf die globale Solidarität unter den Menschen (patriarchaler Anteil) zielen. Sie spielen das Spiel der linken und rechten Kräfte innerhalb ihrer Partei und müssen – wollen sie ihre Bewegung tatsächlich zur politisch gestaltenden Macht ausbauen – die Angst und die aus ihr quellende Sexualisierung im Auge behalten, der es sich auf dem Weg der Transformation des Politischen zu stellen und die es in wahrhafte Solidarität, relative Bedürfnisfreiheit und Liebe zu verwandeln gilt. Sinnvolle Politik muss heutzutage alle drei Aspekte im Auge behalten, die im demokratischen Raum des Politischen sinnvollerweise auch durch verschiedene Parteien verkörpert sind,80 die miteinander in einen durch die Bezugnahme auf das gemeinsame Dritte der Integrati- 80 Aus diesem Grund ist die Demokratie trotz aller Selbstblockaden angesichts ihrer demokratischen Prozeduren auch klar im Vorteil gegenüber autokratischen Systemen wie dem Chinas: Insofern die Gegensätzlichkeit der Positionen von Matriarchismus und Patriarchismus sich gegenseitig unlösbar die Hoheit über das Verstehen der Wirklichkeit streitig machen und in ihrer Gegensätzlichkeit einander tatsächlich auch nicht verstehen können, trotzdem aber jeweils elementare, gleichrangige Momente des Wirklichen zum Ausdruck bringen, ist ihr Spiel – das, solange es nicht von jedem Individuum als Spiel selbsttransparent gespielt wird, ein unbewusstes Spiel der Kräfte der Natur ist, dass die Natur ob wir wollen oder nicht immer schon mit uns spielt – elementar für das relative Gleichgewicht und die Stabilität der Gesellschaften. Zielpunkt unserer Argumentation ist, das unbewusste Spiel der Kräfte der Natur, das diese Natur qua ihrer Selbstorganisation im Spiel der Vermögen immer schon mit uns als unbewusste Agenten ihrer Gegensätze spielt – in ein bewusst vollzogenes Spiel zu verwandeln, durch das sich die Polarisierung und Aggressivität – mit der es als Unbewusstes gespielt wird – aufhebt und als solches die Reintegration der verlorenen, von der Natur und damit von sich selbst entfremdeten Menschheit in den Naturzusammenhang ermöglicht. Man ahnt dieses Problem in den nur spärlich in die Öffentlichkeit gelangenden Informationen über Ver- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 67 on und Synthese entschärften politischen Streit als Spiel der Kräfte treten: Sie muss einerseits der Angst und dem Regressionsbedürfnis Ausdruck verleihen (wie es die Rechte-Identitäre-Bewegung tut und besser die Konservativen täten, da sie nicht in die Verhärtung und Radikalisierung innerhalb ihrer Position gehen). Sie muss andererseits dem Traum von Solidarität und dem Progressionsbedürfnis Ausdruck verleihen (wie es die Linke-Gender-Politik tut und besser die Sozialdemokraten täten, weil sie nicht in die Verhärtung und Radikalisierung innerhalb ihrer Position gehen). Sie muss im Wechselspiel von rechten und linken Parteien die Grenzen der Nationalstaaten schrittweise unter Aufrechterhaltung der Ordnung weiten und durchlässiger machen in Richtung auf eine globale, solidarische Weltgemeinschaft innerhalb der Grenzen des Ökosystems Erde hin – und d.h. den matriarchalen Impuls nach Begrenzung und Geborgenheit innerhalb von Grenzen und den patriarchalen Impuls nach global entgrenzter Strukturierung und global entgrenzter Kosmisierung miteinander vermitteln. Das Weiten der Grenzen des matriarchalen Impulses wie das flexible und nicht rigide Strukturieren und Kosmisieren des patriarchalen Impulses gelingt beiden Parteien nur innerhalb des freien Spiels der politischen Kräfte, weil beide Anteile erst im Spiel miteinander anstatt gegeneinander arbeiten, das Produkt, um das es geht, nämlich eine solidarische Weltgemeinschaft innerhalb der Grenzen des Ökosystems, aber nur durch die spielerische Abstimmung und Ergänzung ihrer Momente zu erzielen ist. Das Spiel in seiner Naturgegründetheit und seiner Organisation durch die Selbstorganisation der Natur ermöglicht, dass das Moment der Begrenzung (matriarchaler Impuls) und das Moment der Strukturierung (patriarchaler Impuls) miteinander das Produkt einer organischen Gestalt (einer global-solidarischen Weltgemeinschaft innerhalb der Grenzen des Ökosystems) schaffen, in dem die Grenze und die Struktur dieser Gestalt aufeinander abgestimmt sind. Sind die Grenze des Matriarchalen und die Struktur des Patriarchalen nicht aufeinander abgestimmt, ergibt sich das Bild einer Welt, wie wir sie heute vor Augen haben: In ihr arbeitet das patriarchale Strukturierungsmoment, das eine Globalisierung und Wohlstandssteigerung anwerfungen und Konflikte innerhalb der chinesischen Gesellschaft, die auf Dauer nicht durch das autokratische System von oben ausbalancierbar und lösbar sein werden. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 68 zielt, die blind gegenüber den begrenzten Ressourcen des Planeten ist und implizit davon ausgeht, dass sich der Planet ins Unendliche multiplizieren lässt (vgl. den Ressourcenverbrauch des Westens, der auf die Weltbevölkerung ausgeweitet drei Planeten voraussetzte), gegen das matriarchale Begrenzungsmoment, das sich gegen die patriarchale Strukturierung und Globalisierung wehrt, indem es zur Bildung von abgegrenzten Nationen führt, die gegeneinander um den von ihm als begrenzt erkannten Kuchen der Ressourcen des Planeten konkurrieren. Begrenzungsmoment und Strukturierungsmoment finden hierin nicht zu einer Gestalt abgestimmter Momente, sondern durchkreuzen sich wechselseitig mit dem Resultat eines unlösbaren Geschlechterkampfes, d.h. eines Scheingefechts, das blind dafür macht, dass beide Momente um den Preis des gemeinsamen Überlebens angesichts einer Natur, von der sie beide abhängig sind, sich einigen und miteinander zu einer Gestalt-Bildung finden müssten.81 Sinnvolle Politik muss daher drittens und zentral durch Bezugnahme auf die Angst und ihre Transformation in die aus der Seligkeit des Mutterbauchstadiums quellende Selbstorganisationskraft das Spiel begründen, zu dem sich der Kampf im politischen Raum des Westens durch die dadurch mögliche Lockerung und Entspannung der Unversöhnlichkeit der linken wie rechten Identitären entschärfen und durch die Aufhebung der Angst auch dieses Identitäre selbst Schritt für Schritt aufheben sollte. Die Partei der Synthese ist innerhalb dieses Spiels die Grüne Bewegung, insofern sie das matriarchale Moment der Grenze des Ökosystems mit dem patriarchalen Moment der Freiheit und Gleichheit der Individuen in sich ins Spiel bringt, indem sie die Angst vor der Natur in ein Vertrauen in die Natur und ihres in ihr angelegten Bestrebens nach Synthese der Gegensätze wandelt. Die Grüne Bewegung hat erkannt, dass die Grenzen des Ökosystems oberster Maßstab für alles politische Handeln sein muss, weil nur ein Sich-Einfügen in die Fuge des Ökosystems 81 Ohne Grenzen würde die patriarchal entgrenzte Strukturierung und Kosmisierung des Wirklichen dieses Wirkliche mit katastrophalen Folgen für das Ökosystem (wie den verlorenen Sohn/ die verlorene Tochter im Patriarchismus) überfordern. Und ohne Strukturierung und Kosmisierung würde das Wirkliche innerhalb der Grenzen des Matriarchalen (wie ein Ungeborenes im Mutterleib des Matriarchismus bzw. wie Ödipus unter der Dominanz der Mutter, aus der er sich nicht hat herauskämpfen können) eingehen. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 69 die Hoffnung auf ein globales, solidarisches Miteinander aufrechterhält, die – werden die Grenzen des Ökosystems weiter im blinden Fortschritts- und Wachstumswahn linker und rechter Ideologien mit Füßen getreten – in kommenden Bürgerkriegen untergeht. Die Grüne- Bewegung hat erkannt, dass Umweltschutz die beste Sozialpolitik ist, sowohl im Maßstab internationaler als auch nationaler Politik – und hat damit die Zeichen der Zeit erkannt, die nach diesem heißen Sommer des Jahres 2018 auf der Nordhalbkugel hoffentlich und – wiederum eine Gnade der Natur in ihrem Bestreben nach Integration der Gegensätze und ihrem finalen Gleichgewicht im Spiel – zunehmend allen Menschen dämmern.82 Der Zweite Weltkrieg als die Katastrophe des 20. Jahrhunderts lässt sich aus der Perspektive einer holistischen Spielphilosophie als das Ringen matriarchaler bzw. patriarchaler Energien und Mächte im transpersonalen Geschlechterkampf verstehen: Das von Marx sogenannte Gespenst des 19. Jahrhunderts – die Bewegung des Sozialismus –83 hat mit ihrer Konkurrenz-Bewegung des Faschismus, deren Gegeneinander dann zur Gewalt des Zweiten Weltkrieges geführt hat, gemein, dass sie beide einem matriarchalen Impuls nach Vergemeinschaftung84 entsprachen. Die Macht ihrer Bewegungen konnten die vorher in Europa herrschende Ordnung des Patriarchismus so treffen, 82 Zizek behält hoffentlich recht, als er in einem Zeitungsartikel nach der Trump- Wahl in Amerika schrieb, dass Trump insofern eine Art Segen für die Menschheit sei, weil er die Wunden offenlegt und mit den Fehlern seiner Politik das Rettende als Rettendes in seiner Qualität unmissverständlich veranschaulicht und provoziert: Indem Trump die Gefahr eines Bürgerkrieges unmittelbar heraufbeschwört, liegen die Bedingungen und Chancen für eine umso tiefere Versöhnung offen zutage. Die Amerikaner lernen gerade für uns alle: Amerika ist aufgrund seiner Multiethnizität und seiner auf die Spitze getriebenen Sexualisierung von Wirtschaft und Gesellschaft der Ort, wo die Probleme am Größten und damit – nach dem Gesetz der Natur – die Chancen auf ihre Lösung am Besten sind. Die amerikanische Kultur – stil- und kulturprägend schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – hat die Chance, auf den letzten Metern ihrer Vormachtstellung der Menschheit noch Gutes offenzulegen. 83 Marx/ Engels: Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus." (Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, Einleitung, 1848, S. 461). 84 Der Impuls zur Vergemeinschaftung ist ein matriarchales Moment, wobei die Forderung nach Gleichheit patriarchal ist, die für eine Mutter von vielen Kindern irrelevant ist, weil für sie wichtig ist, dass jedes Kind zu seinem ihm individuellen, von ihr erspürten Recht kommt. Der Impuls zur individuellen Freiheit ist ein patriar- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 70 weil sie mit der Macht der Wiederkehr des Verdrängten und d.h. mit mythischer Macht das Herrschende angriffen.85 Grenzen bzw. Abschottung und Vergemeinschaftung wären demnach matriarchale Impulse – Globalisierung, Finanzkapitalisierung und eine damit einhergehende Restrukturierung des Bestehenden patriarchale Impulse. Sozialismus und Faschismus als Ausdrucksformen des Matriarchalen sind – wie leicht zu zeigen ist – selbstverständlich nicht dasselbe, denn während der Sozialismus in der Prägung von Trotzki oder der Sozialistischen Internationale von Brandt ein Versuch der internationalen Vergemeinschaftung der Ausgebeuteten gegen die patriarchale Ausbeutung war (dessen Internationalismus aber von Stalin diskreditiert wurde), so war der Faschismus Hitlers eine exklusive Form der (auch intern außerdem nur scheinbaren) Vergemeinschaftung innerhalb nationaler Grenzen auf Grundlage fortgesetzter Ausbeutung und Unterwerfung anderer Länder und Menschen. Der Faschismus war dem Patriarchales Moment, insofern es sich als solches einem schwierigen Ablösungskampf von der Mutter sowohl phylogenetisch auf der Schwelle vom Matriarchat zum Patriarchat als auch ontogenetisch auf der Schwelle der ödipalen Phase verdankt und die mühsam errungene Individualität und Selbständigkeit verteidigt, aus der heraus es dann wiederum die patriarchale Forderung nach Gleichheit vor dem patriarchalen Gesetz ableitet, um sich vor den Mächten der Regression, von denen es spürt, dass es sie nicht besiegen kann, zu schützen. Neumann versteht diesen Ablösungskampf als den seiner Ansicht nach in den Mythen der Menschheitsgeschichte sich spiegelnden Drachenkampf, den das Männliche gegen die Schwerkraft des Mütterlichen, Weiblichen zu kämpfen hatte (vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004), von dessen Heldentaten sie immer noch im aktuellen Patriarchismus träumt. Zentral ist unserer Ansicht nach daher ein Zweiter Drachenkampf, in dem der Held im Gegensatz zum Ersten Drachenkampf der Emanzipation im Drachen der Großen Mutter stirbt, um dann ins Spiel der Vermögen hinein wiedergeboren zu werden. Für die Frau bzw. die weibliche Entwicklung ist analog zu diesem von Neumann als „Nachtmeerfahrt“ des Helden bezeichneten Zweiten Drachenkampf die „Todeshochzeit“ der Moment ihres Sterbens im Männlichen (vgl. Neumann: Zu Mozarts Zauberflöte – in: Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, München 1975), aus dem sie dann analog ins Spiel der Vermögen wiedergeboren wird. (Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, VI und VIII). 85 Vgl. Horkheimer/ Adorno, deren Ausgangspunkt für ihre epochale Dialektik der Aufklärung die Frage war, wie es in der scheinbar aufgeklärten Welt des Abendlandes zum Faschismus kommen konnte: Hinter dem Faschismus steht ihrem Verständnis nach die Nicht-Integration des Mythischen als das verdrängte Andere der Vernunft. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 71 chismus des Kapitalismus insoweit willkommen (und wurde auch von ihm finanzmächtig unterstützt und durch Staaten des Westens wie Amerika und Großbritannien vorläufig nicht bekämpft), wie er die matriarchalen Energien, die hinter dem Aufstand der Ausgebeuteten und Gedemütigten standen, die sich in Europa immer deutlicher Ausdruck verschafften, betreffs ihres wahren Gegners täuschen konnte, d.h. sie auf das Judentum und den Sozialismus ablenken konnte. Das Judentum wurde zum Sündenbock für die negativen Auswirkungen des kapitalistischen Patriarchismus. Das Judentums bot sich zu dieser falschen Identifikation für die Europäer an, da es aufgrund seiner Vertreibung aus dem Heiligen Land in der internationalen Diaspora lebte, aufgrund von Berufsverboten zur Geldwirtschaft gezwungen war und sein Patriarchismus zusammen mit dem griechisch-antiken Impuls zum Patriarchismus, der unabhängig vom Patriarchismus des Judentums entstand, den griechisch-christlichen, abendländischen Patriarchismus hervorbrachte. Das Europa des 19. Und 20. Jahrhunderts war eine durch und durch patriarchale Gesellschaftsordnung, von der als einer anfänglich sinnvollen Gegenbewegung zum Matriarchismus und seiner Herausarbeitung des Männlichen in seiner Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit alle Europäer profitiert hatten. Und auch Globalisierung, Marktwirtschaft, technischer Machbarkeitswahn und Finanzkapitalismus waren europäische und nicht jüdische Entwicklungen, von denen bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert die meisten Europäer profitierten. Dass der Patriarchismus dann von einem laut Neumann in der Renaissance anhebenden, mit dem Tod Gottes um 18 Hundert aufbrechenden und sich im Sozialismus und Faschismus bahnbrechenden Matriarchismus infrage gestellt wurde, ergibt sich aus dessen jahrhundertelanger Verdrängung. Dass die Deutschen dann die Juden zum falschen Sündenbock des Patriarchismus machten, von dem sie bis dato alle profitiert hatten, ist das traurigste und beschämendste Kapitel der Menschheitsgeschichte. Wir Heutigen, die wir aus der Geschichte lernen wollen und müssen, sollen nicht neue Gewalt und Greueltaten über die Menschheit hereinbrechen, tun gut daran, die Energien und Mächte, die hinter diesen epochalen Umwälzungen im 19. Und 20. Jahrhundert standen, zu verstehen, damit sie nicht aufs Neue durch ihr Missverstehen zu einer Wiederholung der Geschichte führen, wie sie sich heute in Reden deutscher AfDler und europäischer Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 72 und amerikanischer Nazis bedrohlich ankündigen. Der Patriarchismus des Kapitalismus war der lachende Dritte, der zugesehen hat, wie sich die matriarchalen Mächte des Faschismus und des Sozialismus im Krieg von Hitler gegen Stalin gegenseitig entmachteten, während er ungeschoren davonkam. Der Zweite Weltkrieg hatte zwei Sieger: den Patriarchismus des Kapitalismus und den Sozialismus Stalins, die sich dann im Kalten Krieg gegenüberstanden. Sich jeweils infrage stellend, hat diese Konfrontation zur Matriarchalisierung des patriarchalen Kapitalismus in der Sozialen Marktwirtschaft und zur Patriarchalisierung des matriarchalen Sozialismus im real-existierenden Sozialismus geführt. Gerade weil der Sozialismus als matriarchale Gegenkraft gegen Liberalismus und Finanzkapitalismus durch seine historisch gescheiterte Verwirklichung in der Sowjetunion und dem Ostblock – wie man Fukuyamas voreilige Rede vom Ende der Geschichte entnehmen kann – diskreditiert zu sein scheint und aufgrund seiner mangelnden Innovationskraft in Teilen auch ist, konnte der Kapitalismus sich zu dem wesentlich von Reagan und Thatcher entfesselten Neoliberalismus verschärfen. Heute fehlen mehr denn je Wirtschafts- und Finanzmodelle, die eine Alternative zu dem nach wie vor zerstörerischen Finanzkapitalismus als Auswuchs des Patriarchismus böten, der als vorläufiger Sieger aus diesem transpersonalen Geschlechterkampf hervorgegangen ist. Der Finanzkapitalismus kann in mehreren Aspekten als wesentlich patriarchale Form des Wirtschaftens und Handelns verstanden werden: Hinter seinem entgrenzenden, globalisierenden und restrukturierenden Aspekt stehen patriarchale Wirkmächte. Seine Methode, Werte zu deduzieren und vorzuschreiben, quantitativ Natur und Mensch nach diesen äußeren Werten zu bemessen und auszubeuten, indem er alles nach seinem Wertmaßstab beurteilt, missversteht und überall dort blitzhaft phallisch von Oben aus der Position der Vatergottheit eindringt und Unternehmen, Land, Rohstoffe und Menschenarbeit aufkauft, wo was zum Ausbeuten zu holen ist, sind spezifische Formen der Entgrenzung und Restrukturierung des Patriarchismus.86 Seine lebensfeindlichen und lebenszerstörerischen Folgen zeigen sich heutzu- 86 Meine Interpretation des Finanzkapitals als eine Erde und Menschheit umschlie- ßende, matriarchale Hülle, die beide auspresst, wie ich sie in Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, S. 411) entwickelt habe, war so gesehen falsch. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 73 tage überall: Klimawandel durch Verbrennung der entrissenen Schätze der Erde, Artensterben durch die Anwendung von Techniken, die die negativen Technikfolgen aufgrund einer mangelnden, ganzheitlichen Risiko-Folgen-Abschätzung nicht einkalkuliert, Zerstörung der Vielfalt des Lebens und auch der Lebensformen des Menschen durch die vereinheitlichende Globalisierung und Restrukturierung des Wirklichen, Gewalt und Krieg als Folge des Aufbegehrens der Ausgebeuteten, Verseuchung und Verschmutzung der Biosphäre einschließlich der Organismen der Menschen durch Nanopartikel verbrauchter Konsumgüter, maßloses Leid von Mensch und Tier in Nähfabriken und Schlachthöfen, psychische Erkrankungen als Folge von kollektiver Verdrängung, Beschleunigung auf der Flucht vor dem Verdrängten und Wahnsinn und Erschöpfung als Ausdruck der Überstrapazierung der Menschen, Krieg, Hunger, Migration und ihr Leid, Zerfall von Solidargemeinschaften, Verseuchung des Gefühlslebens jedes Einzelnen durch die vom Kapitalismus getriggerten negativen Gefühle wie Neid, Eifersucht, Missgunst und Konkurrenz, usw..87 Diese Negativ-Folgen des durch wenig matriarchale Elemente ausbalancierten, Jahrhunderte alten Patriarchismus haben sich im Zuge des mit der Wiederkehr des Verdrängt-Matriarchalen ausbrechenden Geschlechterkampfs und der damit sich entspinnenden Regentschaft des Königs Sex seit 18. Hundert potenziert: Anstatt ins Gleichgewicht einer spielinduzierten Synthese zu finden, zwingen sie sich gegenseitig im Sinne der von uns erläuterten Resonanzkatastrophe zu einer immer forcierteren Flucht nach vorne, die die Öko- und Sozialsysteme des Planeten mit dem Kollaps be- 87 Zu aktuellen Sündenböcken für die Negativfolgen des Patriarchismus in Form des Finanzkapitalismus wird neben Juden im wiederaufkeimenden Antisemitismus (deren Sündenbockfunktion sich nicht aus einer Wahrheit in der Sache speist) auch die globale Elite von Internationals, die – zumindest in der Ressentiment geleiteten Projektion eigener Versagungen, Inkompetenzen oder eigenen Scheiterns (vgl. Mishra: Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart, Frankfurt/ M. 2017) – überall und nirgendwo zuhause sind und genauso wie das Kapital des Kapitalismus überall dort in bestehende Strukturen und Kreise patriarchal einbrechen, wo es was zu holen gibt. Sie sind in ihrer Individualität und Symptomhaftigkeit aber nicht für das Falsche des Systems verantwortlich zu machen, dessen Opfer und Täter sie zugleich wie alle anderen Menschen sind. Außerdem können sie als Agenten der Vernetzung durchaus eine positive, nicht einseitig patriarchale Rolle spielen, die an der Transformation menschlicher Gesellschaften in eine gemeinsame Zukunft arbeiten. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 74 droht. Die Sexualisierung aller Lebensbereiche und –Formen sind Auswirkungen der Wiederkehr des Matriarchalen, das auf Integration drängt, dessen Abwehr aber zu einer Steigerung seiner Gewalt und damit zur Eskalation des ruinösen Geschlechterkampfes führt. Mit dem Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus in den Ostblock- Staaten, der den patriarchalen Kapitalismus als matriarchales Konkurrenzmodell noch zur Mäßigung zwang, kam es in den Nullerjahren zum Neoliberalismus. Politisch bricht die verdrängte Macht des Matriarchalen daher nun weniger in Form Sozialistischer Bewegungen auf, die diskreditiert scheinen, als vielmehr in Form der Neuen Rechten, deren Abschottungs- und Volksvergemeinschaftungsbemühungen als verbliebene Gegenkraft gegen eine immer enthemmtere, globale Entgrenzung und globale Eliten-Bildung erscheinen. Das Hauptproblem ist nicht, dass diese Bewegungen der Neuen Rechten mit Macht zurückkehren, sondern dass Wirtschaft und Handel des Finanzkapitalismus nicht als das wahrgenommen werden, was sie sind: eine nach wie vor patriarchale Form der Ausbeutung von Mensch und Natur, die durch die Sexualisierung der Menschheit und den herrschenden Geschlechterkampf noch verstärkt wird. Die Weltgemeinschaft braucht nicht nur eine Rückkehr zu lokalen Formen der Warenproduktion und –Zirkulation, die transparent ist für internationalen Austausch und wechselseitige Beeinflussung und Anregung; sie braucht nicht nur endlich gerechte Handels- und Geschäftspraktiken zwischen den Ländern und Kontinenten88; sie braucht nicht nur eine Rückkehr zu lokalen Formen der Vergemeinschaftung im Sinne von Nutzungsgemeinschaften unter Beibehaltung der bürgerlichen Lebensform in Familien89 – sondern sie braucht vor allem eine Abschaffung des Finanzkapitalismus und seines blinden 88 Auch intern krankt Europa an der Ungerechtigkeit der wirtschaftlichen Vorherrschaft Deutschlands und der nicht austarierten Steuer–, Wirtschafts- und Finanzpolitik Europas trotz einheitlicher Währung. 89 Die Familie ist ein als Lebensform ein Produkt des Patriarchismus. Ihre Sicherheit als Keimzelle der Gesellschaft auch vor staatlichen Übergriffen gründet sich auf ihrem durch Arbeit begründeten und ihre Arbeitsmotivation begründenden Besitz, d.h. durch das Recht auf Eigentum. Dieses ursprünglich patriarchale Besitzrecht an Land und materiellen Werten sollte genausowenig wie die Familie als Keimzelle der Gesellschaft nicht über Bord geworfen werden, insofern es wesentlich die demokratische Gesellschaftsordnung sichert. Eine Rückkehr zum Matriarchat wäre Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 75 Wachstumszwangs und seine Transformation in eine Soziale und Ökologische Marktwirtschaft, die die Innovationskraft des Kapitalismus durch zins- und zinseszinslose Kredite für gemeinwohlorientierte Projekte sicherstellt.90 Die Logik des Finanzkapitalismus, Kapital mit dem Ziel forcierter Wertschöpfung und d.h. Ausbeutung von Mensch und Natur investieren zu müssen, weil es sich sonst qua Inflation entwertet, gleicht einem patriarchalen Himmelfahrtskommando, dem notwendig und spätestens mit der restlosen Erschließung aller Märkte und aller Naturressourcen der schon von Marx prophezeite Zusammenbruch droht (bzw. der matriarchale Boden unter den Füßen wegzubrechen bzw. in Form von verstärkter Migration der Ausgebeuteten, kommenden linken Aufständen91 oder faschistischen Bewegungen zu beben und aufzubrechen droht). Die Rückkehr zum lokalen Wirtschaften und Handeln unter Weiterentwicklung der internationalen Zusammenarbeit und internetgestützten Kommunikation von voneinander lernenden lokalen Gemeinschaften92 entspräche möglicherweise einer Synthese von matriarchalen und patriarchalen Momenten, die allen fatal und ist genauso unmöglich wie eine Beibehaltung des Patriarchats. Matriarchismus und Patriarchismus haben beide wichtige Errungenschaften für die Menschheit entwickelt, die es jeweils zu bewahren gilt, sind aber auch beide Phasen des naturentfremdeten Zeitalters der Sentimentalität, die es in einer neuen Synthese von Matri- und Patriarchismus und unter Einbezug der Selbstorganisationskraft der Natur in einem aus ihrem Zusammenspiel sich entfaltenden Spiel der Vermögen in ihren Qualitäten zu vereinen gilt. 90 Als oft vorgebrachtes Argument für ein Festhalten am Finanzkapitalismus gilt seine Innovationskraft. Hier zeigt das Beispiel von Jungunternehmern der neuen digital society, dass dieses Argument so heute zur Motivation von Arbeit und Ideen nicht mehr trägt: Sie arbeiten, weil es ihnen Spass macht, ihre Ideen umzusetzen. Die Motivationspsychologie kennt neben der Motivation durch Sex und Geld aus den Quellen der Angst auch die intrinsische Motivation, zu deren Entbindung – wo sie noch nicht besteht – es ein neues Paradigma wie das hier Vorgeschlagene des Spielphilosophischen Holismus braucht, insofern es das Schöpferische selbst als Zentrum hat. 91 Vgl. das linke, anarchistische Manifest Der kommende Aufstand, Unsichtbares Komitee, 2010. Die kommenden Aufstände sind allerdings weniger von linksradikaler als von rechtsradikaler Seite zu erwarten. 92 Vgl. die Schriften des indischen Philosophen Shrivastava, der Gandhi gegen den Kapitalismus aufruft und mit dessen Schrift Hind Swaraj anstelle eines „zentralisierten Industriestaates“ für eine „Art Förderation von Dorfrepubliken“ wirbt (Ross: Gandhi statt Kapitalismus – in Die Zeit Nr. 44 vom 25.10.2018, S. 7). Shrivastava: Churning the Earth, Penguin Global, 2012. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 76 ein Auskommen in den Grenzen des gemeinsamen Ökosystems ermöglicht. Die Menschen der westlichen Welt sind wesentlich verantwortlich für die den armen Ländern Afrikas, Süd- und Mittelamerikas und Asiens diktierten, unfairen Wirtschafts- und Handelspraktiken, den Klimawandel und seine Folgen und das durch die Kolonialpolitik des Westens in Vergangenheit und Gegenwart wesentlich zu verantwortende Problem schwacher Staatlichkeit. Angesichts des Elends, in dem Menschen in Afrika, Süd- und Mittelamerika und Teilen Asiens leben, das sie zur verzweifelten Migration treibt, bleibt nur eine Antwort der Politik: Habt endlich den Mut, Gerechtigkeit und eine Politik der ausgleichenden Gerechtigkeit an die Stelle einer Politik des irrwitzigen Wachstumswahns in einer unheilvollen Flucht nach vorne zu setzen. Habt endlich den Mut, den Menschen klarzumachen, was die Bedingung zur Möglichkeit des weiteren Genießen-Könnens des eigenen Lebens ist, nämlich ein konsequenter Verzicht auf Wachstum und überflüssigen Besitz, eine konsequente Rück-Transformation statt einer Steigerung des Wohlstandes bzw. eine Transformation des Wohlstandsbzw. Fortschrittsbegriffs selbst, der seelische Gesundheit statt materiellen Überfluss und Kotzreiz anzielt. Andernfalls bleibt einem angesichts des Elend und Leids in der Welt bald jeder Bissen im Halse stecken. Denn: Wir sind eine Menschheit – und als emphatische Wesen können wir nur um den Preis des Verlusts unserer Menschlichkeit dieses Elend in den Flimmerkisten unserer Tage bei gleichzeitig weiter von uns zu verantwortendem, schuldhaftem, unangemessenem Ressourcenverbrauch und weiterer Ausbeutung der Armen unsererseits weiter ertragen. Wir müssten uns selbst aufgeben: jeder Sommerurlaub, jedes Stück Brot und jeder Kuchen, jedes Kleidungsstück, das wir tragen wie jedes Weihnachtsgeschenk, das wir uns machen, steigert nur unsere Übelkeit. Worin könnte die Lösung dieses vermeintlichen Dilemmas bestehen, wenn nicht in einer konsequenten Politik der Gerechtigkeit im Sinne von Rawls epochaler Theorie der Gerechtigkeit, die sich diesen Namen voll verdient. Sie müsste – in groben Strichen und ersten Schritten und unabhängig von ihrer internationalen Abstimmung und Vernetzung – (1) in einem Abbau aller Ungerechtigkeiten in der Handels- und Wirtschaftspolitik bestehen. (2) müsste jeder Investor bei Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 77 einer Investition in den heimischen Markt zu einer Investition in gleicher Höhe in soziale oder ökologische Projekte verpflichten. (3) wären Ökosteuern, Kapitalertragssteuern, usw. in Richtung auf die Abschaffung von Zins- und Zinseszins mit der Perspektive einer ökologischen und sozialen Marktwirtschaft ohne Kapitalwirtschaft einzuführen. (4) wären Kerosin und Benzin zu besteuern, um mit den Erträgen den massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zu fördern und den Flugverkehr zu begrenzen. (5) müsste eine konsequente Umstellung von fossilen Energieträgern auf alternative Energien mit der Perspektive eines elektrischen Zeitalters anstelle des Zeitalters der Vergasung vorangetrieben werden (6) wäre die Digitalisierung des Wirtschaftsund Gesellschaftslebens auf Grundlage konsequenten Daten- und Verbraucherschutzes und eines Abbaus von Monopolen und Kartellen von wenigen Internetkonzernen mit dem Ziel zu entwickeln, lokales Leben bei globalem Informationsaustausch zu ermöglichen. (7) müsste der Verpackungswahnsinn durch eine sinnvolle staatliche Regulation und Besteuerung beendet werden. (8) müsste die Landwirtschaft massiv beim Umbau in eine ökologische Landwirtschaft unterstützt werden. (9) müsste der Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung verboten werden. (10) wäre auf alle Wohlstandsversprechen aus wahltaktischen Motiven von rechter und linker Politik zu verzichten und stattdessen auch von politischer Seite alternative Formen seelischen und zwischenmenschlichen Reichtums als Ziele der Politik auf die Agenda des Angestrebten zu setzen. Die Menschen brauchen nicht mehr im Portemonnaie – sie wollen nur, dass es gerecht bei der Verteilung der Ressourcen und Chancen zugeht. Rechte wie linke Parteien unterschätzen ihre Wähler soweit, dass es an Respektlosigkeit und Arroganz grenzt: Brot und Spiele für das Volk – auf dass die Profiteure des Systems weiter ihre Geschäfte treiben können. Die Menschen im Westen wollen nicht höhere Löhne und Gehälter, sondern sind wegen ihres schlechten Gewissens angesichts des Elends und der Not anderswo bereit, niedrigere Löhne unter der Bedingung zu akzeptieren, dass Ressourcen und Chancen gerecht verteilt sind. Sie wollen, dass die Einkommensschere zwischen Arm und Reich in der westlichen wie in der ganzen Welt abgeschafft wird und Einkommensunterschiede wirklich angemessen nach der am globalen Gemeinwohl orientierten und bewerteten Leistung bemessen werden. Sie wollen nur Gerechtigkeit – Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 78 und nicht die Lüge des Finanzkapitalismus aufgetischt bekommen, die die exorbitanten Einkommen der vermeintlichen Eliten und ihren (durch „Arbeit“ ohne eigene Leistung einzig qua Kapitalbesitz und dessen Investition erworbenen) Reichtum alleine dadurch rechtfertigt, dass sie uns den Sand in die Augen streuen, dass wir in einer unmöglichen Zukunft – wenn wir denn nur arbeiten und weiterkonsumieren – eine Chance auf ähnlichen Reichtum hätten. Wir wollen keinen Reichtum! Zumindest keinen materiellen. Wir sind angesichts des globalen und von unseren Gesellschaften verursachten Elends in der Welt zum Verzicht bereit! Wir wollen nur keine Lügen mehr von rechts wie links und überhaupt von allen Parteien, solange sie sich zu Agenten des Kapitals machen! Wir wollen keine Augenwischerei mehr! Wir wollen ernst genommen werden in unserer Urteilsfähigkeit! Wir brauchen nur das Nötigste, wollen aber auch nicht, dass andere auf Kosten von uns allen sich so viel vom Kuchen nehmen, dass wir bald alle keinen Kuchen mehr haben, dass uns schlecht wird bei jedem Bissen, dass wir im ansonsten aufbrechenden Chaos von künftigen Bürgerkriegen untergehen! Wir lassen uns nicht mehr gegeneinander aufhetzen und für blöd verkaufen! Die Grenze verläuft nicht zwischen den Ländern und Nationen, sondern zwischen Unten und Oben, zwischen Arm und Reich. Wir wollen auch kein Maoam! Wir wollen Fairness! Wir wollen Gerechtigkeit! Und zwar mittelfristig bzw. so schnell als möglich global, was nicht revolutionär zu erreichen ist, sondern nur mittels eines Transformationsprozesses, der aus dem Verstehen der Situation sich ergibt! Rawls Theorie der Gerechtigkeit – 1971 der amerikanischen Öffentlichkeit vorgestellt – ist aktueller denn je: Sie ist das epochale Werk des vergangenen Jahrhunderts, weil sie in sich zum Ausgleich zu bringen versucht, was im 20. Jahrhundert unter dem Heraufbeschwören zweier Weltkriege gegeneinander gekämpft hat, nämlich die Interessen der international Entrechteten und Ausgebeuteten unter der Flagge des Kommunismus und die Interessen des Kapitals, das sich zur Abwehr gegen diese Bewegung von Unten des Faschismusses, der auch von unten gespeist wurde, bedient hat. Der Faschismus ist eine Reaktion des Kapitals auf den internationalistischen Kommunismus unter zur Hilfenahme eines falschen Sündenbocks für seine Verbrechen: der Juden. Beide Parteien des Faschismus wie des Kommunismus haben sich wie gese- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 79 hen matriarchaler Energien und Mächte bedient, um den Patriarchismus des Finanzkapitalismusses zu bekämpfen. Im großen Showdown des Zweiten Weltkrieges haben sie sich gegenseitig vernichtet mit dem Resultat, dass sich Demokratie und Finanzkapitalismus in weiterhin patriarchaler Prägung durchgesetzt haben (vgl. Fukuyamas mittlerweile in ihrer Fehlerhaftigkeit von ihm selbst eingesehene, völlig verfehlte Rede vom Ende der Geschichte). Die Lösung dieses epochalen Geschlechterkampfes von Matriarchismus und Patriarchismus steht also noch aus: Sie ist weder in einer Form matriarchaler Vergemeinschaftung zu finden, wie sie der Kommunismus vorschlägt, noch in einer Form patriarchaler Entgrenzung der Freiheit des Individuums, wie sie der Finanzkapitalismus zum Ruin der Menschheit weiterhin propagiert. Sie ist nur auf dem Weg einer Synthese der Ansprüche beider Parteien unter Rückbezug auf die Natur als das beide Seiten im Spiel integrierende Dritte zu entdecken. Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls ist dabei elementarer Anhaltspunkt, insofern sie qua ihres Begriffs der Gerechtigkeit selbst eine Theorie der Mitte und des Ausgleichs der Gegensätze auch des Geschlechterkampfes in seinen transpersonalen Mächten darstellen könnte. Rawls plädiert in Theorie der Gerechtigkeit ausgehend von seinem berühmten Gedankenexperiment vom hypothetischen Urzustand93 „für zwei Grundsätze der Gerechtigkeit: 1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist. 2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns 93 Rawls „demonstriert sein Konzept des Gesellschaftsvertrags mit einem inzwischen berühmten Gedankenexperiment: Die Vertragspartner befinden sich in einem hypothetischen „Urzustand“ (original position), der durch einen „Schleier des Nichtwissens“ (veil of ignorance) gekennzeichnet ist. In dieser angenommenen Situation wird über die Gerechtigkeitsprinzipien entschieden, die der realen Gesellschaftsordnung zugrunde liegen sollen. Die Entscheidungsträger wissen aber im Urzustand selbst nicht, an welcher Stelle dieser zu bestimmenden Ordnung sie sich befinden werden. Durch diese neutrale, anonymisierte Entscheidungssituation soll sichergestellt werden, dass die gewählten Gerechtigkeitsprinzipien in einem fairen Verfahren zustande kommen“ (vgl. den deutschen Wikipedia-Artikel zum Stichwort „A Theory of Justice“ vom 21.11.2018). Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 80 Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.“ „Dabei besteht ein Vorrang des ersten Prinzips vor dem zweiten sowie ein Vorrang des Prinzips fairer Chancengleichheit (b) vor dem Differenzprinzip (a).“94 Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls findet damit die Mitte zwischen den Ansprüchen des Matriarchismus auf Vergemeinschaftung und Begrenzung („gleiches Recht auf das umfangreichste System“)95 und denen des Patriarchismus auf Freiheit des Individuums und Entgrenzung zur Verwirklichung seiner Möglichkeiten („umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten“) innerhalb staatlich organisierter Gesellschaften und stellt diese und damit jeden Menschen sogleich in den wiederum analog miteinzubeziehenden Kontext der globale Menschheit oder Weltgesellschaft („System (…), das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist“). Im zweiten Hauptsatz kalkuliert er die Dynamik und Wandelbarkeit menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Gleichgewichte mit ein, die immer wieder neu zu neuen Ungerechtigkeiten führen, indem er „soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten“ zugesteht, sie aber auf „jedermanns Vorteil“ verpflichtet und den Zugang zu höheren Positionen und Ämtern „jedem offen“ hält. Rawl würde – so der Wikipedia-Artikel zum Stichwort „A Theory of Justice“ vom 21.11.2018 weiter – „bewusst keine ideale, letztbegründete Moraltheorie aufstellen, sondern eine politische Theorie über die Grundprinzipien einer gerechten Gesellschaft, die geeignet ist, als Maßstab für praktisches politisches Handeln zu dienen“. Hierin sehen wir die zentrale Schwäche von Rawls Argumentation, die aber problemlos im Sinne seiner Theorie mit Hilfe des von uns erarbeiteten 94 Vgl. den deutschen Wikipedia-Artikel zu Stichwort „A Theory of Justice“ vom 21.11.2018. 95 Die hier als matriarchales Moment verstandene Forderung nach Gleichheit ist – wie wir oben gezeigt haben und wie wir sie oben auch der Linken-Gender-Politik unterstellt haben – genaugenommen patriarchal als Forderung nach Gleichheit unter freien Individuen. Rawls Theorie der Gerechtigkeit ist also tatsächlich erst nach ihrer Reinterpretation im Zuge ihrer Transformation durch das Dritte des Naturbezuges eine Theorie der Gerechtigkeit, die beide Parteien des Geschlechterkampfes, die sich im Kalten Krieg gegenüber standen, d.h. den Matriarchismus des Sozialismus und den Patriarchismus des Kapitalismus, in ihren jeweils positiven Aspekten versöhnt. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 81 Hintergrunds zu einer Stärke verwandelt werden kann: Die Mitte zwischen den von uns als Matriarchismus und Patriarchismus identifizierten Parteien des Geschlechterkampfes bzw. die Mitte zwischen x-beliebigen Parteien innerhalb der Gesellschaft, wie sie Rawls mit seiner Theorie der Gerechtigkeit freizulegen und zu finden sucht, um den ansonsten ewigen Kampf um Gleichheit – der nach Rancière Charakter des Politischen ist und grundsätzlich zu eskalieren droht – in einen friedlichen Streit ums bessere Argument zu verwandeln, braucht ein Drittes, aus dem heraus sich das Gleichgewicht zwischen den Parteien findet. Dieses Dritte findet sich im Rückbezug auf die Natur bzw. das Ökosystem, aus dem heraus beide Parteien ins (dynamische) Gleichgewicht des Spiels finden, in dem die Ansprüche beider Seiten in ihr aufeinander und auf das Ökosystem als ihr gemeinsamer Lebens- und Handlungszusammenhang abgestimmtes Miteinander finden. Für die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls lässt sich sehr wohl ein Letztbegründungs-Zusammenhang entdecken, damit sie überhaupt zu sich selbst als eine Theorie der United Nations und der Menschheit als Weltgemeinschaft findet. Die Grenzen des Wachstums der Erde, wie sie uns, vom Club of Rome in den 60 iger Jahren prophezeit und aktuell im inzwischen für alle einsichtigen Klimawandel vor Augen geführt werden, stellen als Faktum, dass alle Menschen in der Ausübung ihrer von Rawls zugestandenen Grundfreiheiten und ihres von Rawls ebenso eingestandenen Grundrechts auf Vergemeinschaftung von Gütern (so dass „sie zu jedermanns Vorteil dienen“) betrifft, den Letztbegründungs-Zusammenhang her, der Rawls Theorie der Gerechtigkeit gefehlt hat. Die Synthese der Ansprüche von Matriarchismus und Patriarchismus gelingt nur unter Bezugnahme auf das Dritte der Natur, durch das beide Seiten im Spiel des Miteinander immer wieder in neue Gleichgewichte zwischeneinander finden, aus dem heraus sie „als Maßstab für praktisches politisches Handeln (…) dienen“ (ebd.) können. In dieser Synthese unter Rückbezug auf und unter Anverwandlung durch dieses Dritte der Natur finden beide Parteien nicht nur die Mitte zwischeneinander, sondern verwandeln sich selbst überhaupt erst in das im Innersten von ihnen gesuchte Eigentliche ihrer selbst. Der Lösung des Geschlechterkampfes im epochalen Maßstab ist nicht damit gedient, wenn man die Familie als Keimzelle von Vergemeinschaftung und Liebe – wie sie als positives Produkt vom Patriarchis- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 82 mus hervorgebracht wurde – aufhebt, wie es der Kommunismus in seiner matriarchalen Einseitigkeit vorschlägt. Der Lösung des Geschlechterkampfes im epochalen Maßstab ist aber auch nicht damit gedient, wenn man die Freiheit des Individuums bis zur Zerstörung allen Gemeinschaftssinns der Menschheit – wie ihn der Matriarchismus als positives Produkt hervorgebracht hat – entgrenzt, wie es der Finanzkapitalismus in seiner patriarchalen Einseitigkeit praktiziert. Die Lösung ist immer – streng nach Rawls Theorie der Gerechtigkeit – in der Mitte zwischen beiden Ansprüchlichkeiten der transpersonalen Mächte unter Bezugnahme auf das sie synthetisierende Dritte der Natur zu finden. Der Gemeinsinn des Matriarchalen verdichtet sich zum Hemmnis jeder individuellen Kreativität, wird er nicht durch ein Zugeständnis von Freiheiten des Individuums austariert, ebenso wie die Freiheit des Patriarchalen sich im Grenzenlosen und Rücksichtslosen verliert, wird sie nicht durch die Indienststellung für das Gemeinsame zurückgebunden. Das Spiel der Selbstorganisation erst schenkt die Vermittlung matriarchaler Ansprüche (Grenze, Gemeinschaft) und patriarchaler Ansprüche (Struktur, Freiheit), insofern es diese Ansprüche jeweils im umfassenden Bezugsrahmen des Ökosystems verortet, der den matriarchalen Grenz- und Vergemeinschaftungsimpuls auf die Grenzen des Ökosystems und die Weltgemeinschaft hin weitet (statt sich im Egoismus von Nationen unter Bevorzugung einer Gruppe wie bspw. der Arbeiterklasse oder eines Volkskörpers zu verlieren) und den patriarchalen Strukturierungs- und Freiheitsimpuls auf einen angemessenen Ressourcenkonsum (statt auf grenzenlosen Egoismus ohne Rücksichtnahme) verpflichtet. Die Bezugnahme auf die Natur erst ermöglicht die Verwandlung des Prinzips quantitativen Wachstums der Matriarchismus wie Patriarchismus gemeinsamen Flucht in eine unmögliche Zukunft in das Prinzip qualitativen Wachstums, insofern es eine absolute Grenze setzt, die beiden Parteien ihre Rollen zuweist und zur Vermittlung ihrer Interessen zwingt. Sie verwandeln sich in dieser Bezugnahme zum Eigentlichen ihrer selbst, insofern sich der matriarchalen Impuls zur Zwangs-Vergemeinschaftung von Besitz zur schenkenden Tugend und der patriarchale Impuls zur freiheitlichen Selbstentgrenzung in ein Vermögen zur Schöpferischkeit verwandeln würde. Die Bezugnahme auf die Natur zollt dem Matriarchismus in seinem Impuls nach Vergemeinschaftung Tribut, indem sie das Ökosystem Erde und seine Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 83 Ressourcen zum Allen Gemeinsamen macht. Sie zollt aber auch dem Patriarchismus in seinem Impuls nach Freiheit und Selbstentgrenzung Tribut, indem sie allen Einzelnen innerhalb dieses Bezugsrahmens die gleichen Konsumptionsrechte zugesteht, die sich in ihrer Summe mit den Grenzen des Ökosystems vertragen. Sie verpflichtet auf einen Gemeinsinn, aus dem folgt, dass man das, was man nach ihrem absoluten Maßstab zuviel hat, abgibt – erlaubt aber auch Freiheiten zu einem qualitativen Wachstum, diese zugestandenen Konsumptionsressourcen zur Generierung eigenen Wohlbefindens weitestgehend und vor allem kreativ auszuschöpfen. Die Bezugnahme auf eine absolute Grenze des quantitativen Wachstums erlaubt die Vermittlung der Ansprüche der Begehrenden, die wir Menschen qua Sexualisierung unseres Seelenlebens sind, indem sie zwischen dem entgrenzten Begehren Einzelner, dem der Patriarchismus alle Freiheiten zugestehen will, und dem nicht minder legitimen, Ressentiment-geleiteten Begehren nach Gleichheit und Vergemeinschaftung Aller, das vom Matriarchismus unterfeuert wird, zu vermitteln erlaubt. Die Flucht nach vorne in eine immer forciertere Ausbeutung und damit Zerstörung des Ökosystems, in der bis heute die Lösung dieses Konflikts gesucht wurde, ohne im Sinne schlechter Unendlichkeit je wirklich einen Ausgleich zwischen den Interessen des Matriarchismus und des Patriarchismus und damit in den Frieden eines Gleichgewichts der Parteien des Geschlechterkampfes gefunden zu haben, ist damit abgeschnitten. Die Bezugnahme auf die Natur als Drittes erlaubt die Vermittlung der Gruppeninteressen des Matriarchismus mit den Einzelinteressen des Patriarchismus – und damit eine Lösung des Systemkonflikts des Kalten Krieges, die – weit davon entfernt, in der vorläufigen, scheinbaren Unterlegenheit der Sozialistischen Idee eingelöst zu sein – noch aussteht. Gerechtigkeit wäre demnach ein Mittleres zwischen dem Impuls des Matriarchismus nach Vergemeinschaftung und dem Impuls des Patriarchismus nach Freiheit, der qua Rückbezug auf das Ökosystem als Ganzheit die Grenzen des äußeren Wachstums diktiert, innerhalb derer die größtmögliche Freiheit des Individuums in Abstimmung auf das Gemeinwohl im Sinne inneren Wachstums von Individuum und Gemeinschaft ohne Schädigung des Ökosystems anzustreben wäre. Sie schließen sich scheinbar paradox aus, finden aber in ihr Innerstes und Eigentliches, indem sie sich wechselseitig in einem durch ein Drittes begründetes Spiel be- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 84 stimmen und in ihre Rolle finden. Die Abstimmung des Gemeinsinns (matriarchales Moment) mit den Freiheiten des Individuellen (patriarchales Moment) – wie sie Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit vorschwebt – gelingt nur in der Bezogenheit auf das Dritte, das zwischen ihnen immer wieder neu die Mitte stiftet und sie miteinander vermittelt. Wie kann eine solche politische Vermittlung von Matriarchismus und Patriarchismus, von Mutter- und Vatergottheiten und ihren archetypischen Ansprüchen, von dem menschlichen Bedürfnis nach Gemeinschaft und dem menschlichen Bedürfnis nach Freiheit durch die Bezugnahme auf die Natur als eines Dritten im Sinne der Theorie der Gerechtigkeit von Rawls in concreto aussehen? Zuvorderst krankt Rawls Theorie der Gerechtigkeit daran, dass ihr ein echtes Motiv zur Vermittlung dieser scheinbar paradoxen Grundbedürfnisse des Menschen wie der Menschheit im internationalen Maßstab fehlt. Sie könnte als Blaupause für eine Einigung der United Nations auf ein gerechtes Miteinander der Menschen und Nationen auf dem Planeten dienen, vergisst aber, dass die Menschheit bisher noch immer zu ihrer Einigung die Flucht nach vorne in eine unmögliche Zukunft auf Grundlage nicht vorhandener, unbegrenzter Ressourcen angetreten hat. Sie vergisst auch, dass mit dieser Option der Flucht das Motiv bzw. der Zwang zur Einigung fehlt, der sich heute mit den spürbaren Grenzen des Wachstums radikal abzeichnet: Die Alternative zur Einigung der Menschheit auf ein gerechtes Miteinander unter Berücksichtigung der Grenzen des Ökosystems ist der Bürgerkrieg aller gegen alle oder der Wahnsinn der sich absetzenden und in die Festung Amerika oder die Festung Europa oder Chinas und ihrer kapitalfinanzierten Hochburgen Flüchtenden angesichts von zahllos vor ihren Mauern Verendender, der einen als wohlsituierter Bürger des Westens heute schon zu befallen droht. Zur Antwort auf die Frage nach dem Wie der Vermittlung unter Bezugnahme auf das Dritte der Natur sei vorab noch gesagt, dass – ist erstmal das Motiv klar freigelegt – sich auch ein Weg findet. Dieser Weg müsste wiederum doppelt ansetzen: nämlich bei den Agenten der Staaten und beim Individuum. Im Zeitalter der Chance sinnvoller Digitalisierung wäre es denkbar, die Idee des Sozialen und Ökologischen Fußabdrucks radikal umzusetzen und den Emmissionsund Ressourcenverbrauchswert der Menschheit zu errechnen, der sich Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 85 mit den Grenzen des Ökosystems verträgt. Dieser Wert wird durch die Anzahl der Menschen geteilt, was somit einen Maßstab für das von ihnen jeweils ohne Schädigung von Natur und Mitmenschen zu Emmittierende bzw. zu Verbrauchende darstellt. Der Ressourcenverbrauch zur Produktion jedes Produktes und der Ressourcenverbrauch zur Nutzung jedes Konsumgegenstandes müsste jeweils dem Produkt oder Konsumgegenstand selbst in Form eines Codes eingeprägt sein, der dann von einem Scanner, den jeder Mensch auf dem Planeten mit sich führt, vor dem Verbrauch eingelesen werden kann, um ihm einen Konsumstopp nahezulegen, falls sein Konto aufgebraucht ist. Dieses Verfahren müsste vorläufig von jedem Gemeinwesen selbst international abgestimmt organisiert werden, insofern sich die Differenzen zwischen den Lebens- und damit Ressourcenverbrauchsniveaus unterschiedlicher Länder nicht ohne politische Schwierigkeiten von Heute auf Morgen einebnen lassen. Die Nationen untereinander wiederum müssten daher jeweils eine analoge Bilanz eines erlaubten Ressourcenverbrauchs auf Grundlage ihrer Einwohnerzahl führen und den Mehroder Minderverbrauch im Vergleich zum globalen Mittelwert politisch Schritt für Schritt abstimmen und nach Innen politisch ihren Bürgern nahelegen. Die Deduktion dieses Soll-Verbauchs für jedes Individuum ist dabei keine Deduktion aus einem matriarchalen oder patriarchalen Gotteskomplex heraus, sondern entspringt in ihrer Wertbestimmung der Ableitung aus dem Mittleren zwischen Matriarchismus und Patriarchismus, nämlich dem Ernstnehmen der Natur als vermittelndem Dritten und ihrer Grenzen und Bedürfnisse. Der nicht zu überschätzende Vorteil und das nicht zu überschätzende Motiv zur Verwirklichung eines solchen Global-Footprint-Messengers wäre, dass er den Menschen des Westens einen zwar massiv eingeschränkten, dafür aber gewissenskonfliktfreien Konsum ermöglichen würde – und den Ausgebeuteten und Entrechteten dieser Erde eine Perspektive auf Teilhabe bieten würde, die sie nicht qua Migration erzwingen müssten. Die direkte Folge eines solchen Global-Footprint-Messengers wäre nämlich, dass sich die Unternehmen der westlichen Hemisphäre aufgrund des damit sich einstellenden Konsumrückgangs in Ländern der sogenannten Dritten Welt investieren würden und sich dort wie von selbst funk- Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 86 tionierende Formen von Staatlichkeit ergäben.96 Nicht zuletzt würden die Bürger des Westens – wo ihr Beispiel heute nur Gewalt, Chaos und Leid sät – damit erstmals beispielgebend leben: Anstatt in ihrem entgrenzten Konsum das mimetische Begehren aller Ausgebeuteten und Entrechteten dieses Planeten anzustacheln und analoge Bedürfnisse bei ihnen zu wecken, was angesichts der ökologischen Grenzen des Wachstums einem Suizidkommando gliche, würden sie erstmals vorbildhaft den unglücklich machenden, materiellen Überfluss durch die Freuden an der Fülle und Überfülle des Spiels verblassen lassen wie schemenhafte Alpträume, die ihre Macht mit der Morgensonne verlieren. Das Schreckensszenario einer Menschheit von nicht zu sättigenden, unendlich Begierigen und Begehrenden, wie es sich mit dem Prosperieren solcher bevölkerungsreichen Staaten wie China, u.a. ankündigt, deren Erfüllung mit Sicherheit die Grenzen des Ökosystems sprengen würde, wäre entschärft zu einem Miteinander, durch das je- 96 Käme man dieser Form des internationalen Ausgleichs des Ressourcenverbrauchs und seiner Anpassung an das Ökosystem mit Hilfe eines Global-Footprint-Messengers nach, würde man den Finanzkapitalismus zu seinem einzig Guten zwingen: nämlich naturgesetzlich auf den letztlichen Ausgleich unterschiedlicher Energie- bzw. Einkommensniveaus hinzuwirken. Man könnte sich dann und nur dann die Abschaffung des Finanzkapitalismus sparen, weil ihm die Zügel angelegt wären, die er zur Verwandlung seiner zerstörerischen in eine heilsbringende Macht braucht. Seine Macht für bessere Ziele, die nicht die seinen sind, einzuspannen, um ihn nach getanem Werk, d.h. nach der Schaffung von auf das Ökosystem abgestimmten Produktionsmittel, abzuschaffen, war auch schon für Marx der Weg zur Realisation seines Traum von einer freien Gesellschaft: „Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muss es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden." (Marx/ Engels: Die deutsche Ideologie, MEW 3, 1846/ 1932, S. 33). Smiths unsichtbare Hand des Marktes (vgl. Smiths „Nadel-Rede“ – dazu vgl. Sloterdijk: Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung, Frankfurt/ M. 2006, S. 309ff.) ist wahrscheinlich ein Phänomen des Spiels der Natur, die mit Naturgesetzlichkeit die Schwierigkeiten und Probleme löst, schafft man für sie Rahmenbedingungen, die die Kollateralschäden auf dem Weg zum erträumten Ziel wie die Ausbeutung von Mensch und Natur verhindern. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 87 der sein glückliches Auskommen hätte. Eine Politik, die die Macht des schlechten Gewissens und damit die Menschen (in ihrem natürlichen Vermögen zur Ausbildung eines schlechten Gewissens) unterschätzt, läuft in ihrer Arroganz Gefahr, selbst vom Sturm der Geschichte hinweggefegt zu werden: Dass die Menschen heutzutage kaum Anzeichen zu einer Bereitschaft des weltweiten kooperativen Miteinanders unter Rücksichtnahme auf das Ökosystem als Lebensgrundlage aller zu zeigen scheinen, liegt einzig daran, weil sie die Hoffnung dazu mangels eines neuen Glauben schenkenden Paradigmas, mangels einer Hoffnung stiftenden Vision und mangels einer Politik, die Anlass zu solcherart Glauben und Hoffnung gibt, aufgegeben haben. Die Verzweiflung unter den Menschen auch des Westens heutzutage könnte daher kaum größer sein: es geht schlicht um den Wunsch, weiteratmen zu wollen, Kinder in eine Welt setzen zu wollen, die nicht einem Horrorkabinett gleicht, ohne schlechtes Gewissen sich zu ernähren und freie Tage am Meer oder in den Bergen zu verbringen. Das schlechte Gewissen ist wie der Schatten, der sich über die Menschen und den Planeten legt – ein Schatten, der sich Zusehens verfinstert, wenn wir uns nicht mit dem ersten Keimen der Einsicht auf den Weg begeben.97 Die Politik müsste – auch streng im Sinne von Rawls Theorie der Gerechtigkeit – eine Lern- und Therapiegesellschaft zu entwickeln helfen, in der alle tatsächlich dieselben Chancen zur Teilhabe haben und auf dem Weg dorthin dort abgeholt werden, wo sie stehen; sie könnte in einer Ausweitung der Zugangsmöglichkeiten zur Künstlersozialkasse bestehen, mit deren Hilfe die weitere Selbstentwicklung und –Entfaltung der Perspektiven von Kunst, Unterhaltung, Wissenschaft und Journalismus als Vierter Gewalt im politischen Spiel der Kräfte unterstützt würde; sie könnte in einem Wertschätzung der Arbeit von ErzieherInnen, Lehrer- Innen, SozialarbeiterInnen, TherapeutInnen und Kranken- und AltenpflegerInnen liegen, die bspw. mit den Kindern im gemeinsamen, revolutionären Basteln von Kinderspielsachen aus ausrangiertem Schrott und Verpackungsmüll frei nach Adorno besteht, der sinngemäß sagte, dass Erlösung wenn überhaupt auf dem Autofriedhof zu erwarten sei; sie könnte finanziell die Entwicklung einer Gesellschaft unterstützen, 97 Zum Thema des Schattens und des schlechten Gewissens in der Psychologie Jungs und Neumanns siehe Neumann: Tiefenpsychologie und neue Ethik, München 1964. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 88 die sich nicht nur mit Sonntagsreden zur Bildungs- und Chancengerechtigkeit blendet, während sie den Benachteiligten und Gedemütigten weiter das Wasser dazu abgräbt (denn – man übersieht es leicht in seiner selbstgefälligen Arroganz – dumm ist niemand außer man selbst in seinen Vorurteilen), sondern Chancen zur Emergenz einer Gemeinsamkeit aus den Beiträgen von Vielen bietet, nach der sich alle sehnen. Die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls findet durch die Bezugnahme auf die Natur als das die Gegensätze und Parteien synthetisierende Dritte in ihren Namen. Die Mitte zwischeneinander – den die Theorie der Gerechtigkeit transparent und damit stark zu machen versucht – ist der Ort der Berührung zwischen Mann und Frau, zwischen Liebenden allgemein, zwischen den Ansprüchen von Matri- und Patriarchismus: der Gott zwischen uns – wie es in before sunrise, einem Liebesfilm, hieß –, der aber kein Gott vergangener Hochkulturen mehr ist, sondern der von Nietzsche (u.a.) beschworene Kinds-Gott, dessen Morgendämmerung nicht umsonst in eine Zeit fällt, in der sich die Frage der Generationengerechtigkeit nicht nur angesichts des Rentenproblems stellt, sondern vor allem wegen der allgemeinen Not und Verzweiflung, die keinem Kind mehr zu erklären ist. Platon und Aristoteles haben als Begründer der abendländischen Philosophie in der eudaimonia bzw. Glückseligkeit das höchste Ziel des menschlichen Lebens erkannt – und sahen beide in der Tugend der Gerechtigkeit den Weg zu ihr. Die Theorie der Gerechtigkeit entspringt ideengeschichtlich wesentlich der mesotes-Lehre des Aristoteles, der sie als Versuch definierte, zwischen den Extremen die Mitte des tugendhaften Handelns zu entdecken. Aristoteles zentraler Begriff im Zusammenhang mit der mesotes-Lehre ist die Hochsinnigkeit, „die den Willen zur Differenz einschließt und sich im Vollzug der Aufrichtung durch eine Urentscheidung gegen die Schwerkraft konstituiert“98 und darin eine Möglichkeit zur Beurteilung von richtig bzw. falschem Handeln stiftet, da eine von zwei Handlungsoptionen in einer konkreten Situation immer die relativ angemessenere ist. Die Angemessenheit als Kriterium über die Qualität einer Handlung wiederum ergibt sich aus dem Resonanz- 98 Villawock: Sublime Rhetorik. Zu einigen noologischen Implikationen der Schrift Vom Erhabenen – in: Pries (Hrsg.): Das Erhabene. Zwischen Grenzerfahrung und Grö- ßenwahn, Weinheim 1989. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 89 Gefühl, d.h. dem Gefühl dafür, ob eine Handlung in einer Situation unter Rücksichtnahme auf den Gesamtzusammenhang der Ganzheit von Ökosystem und Menschheit passend, stimmig bzw. angemessen ist. Hochsinnigkeit und Resonanz-Gefühl erschließen sich beide von sich aus dem Menschen, der ins Spiel der Vermögen gefunden hat. Sie stellen die individuellen Möglichkeiten zur Beurteilung der Angemessenheit des eigenen Verhaltens unter Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs von Ökosystem und Mitmenschen dar, in denen sie als Handlung wie alle anderen Ereignisse im Sinne der Chaostheorie notwendig steht.99 Auch ohne Verwirklichung des Traums eines Global- Footprint-Messengers haben wir vermittelt über diese unsere Fähigkeiten und Vermögen die Möglichkeit und Chance, unser Verhalten sinnvoll an die eingeschränkten Ressourcen unseres Planeten und die Chancen unserer Mitmenschen zur gerechten Teilhabe an dem, was wir als Bürger der westlichen Welt genießen, anzupassen. Wir sollten diese Chance zu unserem eigenen Besten und dem Besten unserer Kinder heute schon nutzen! Diese Ziele sind unabhängig von dem, ob und inwieweit andere Länder auf diesem Weg mitgehen, umzusetzen: Der Konkurrenz-Wettbewerb der Nationen um quantitative Marktanteile und Exportüberschüsse – bei dem die Bundesrepublik eine denkbar schlechte und die Europäische Union und die United Nations zerstörende Rolle spielt mit ihrem peinlichen Titel des „Exportweltmeisters“ – muss von einem Wettbewerb um Ideen für ein auf das Wohl der Menschheit innerhalb des Ökosystems Erde abgestimmtes Wirtschaften und Handeln abgelöst werden: Die konsequente Transformation des Gesellschaftssystems schafft keine Nachteile, insofern sich gute Ideen verkaufen lassen, wenn sie – was sich von sich aus ergeben würde – nicht verschenkt werden wollen – und alle anderen Wege sowieso in den pandemischen Wahnsinn von Bevölkerungen und Nationen führen, zu dem die Menschheit mehr als dringend eine Alternative braucht. Den zwei Grundsätzen der Theorie der Gerechtigkeit von Rawls müsste also ein dritter Grundsatz – sie in ihrer Zweiheit interessanterweise wie im Spiel von Zweien unter Rückbezug auf das Dritte der Na- 99 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, XII.2. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 90 tur zu einem neuen Paradigma mit Letztbegründungs-Qualität synthetisierend – hinzugefügt werden: Der Ausgleich zwischen Gemeinsinn und Freiheit findet sich durch den Bezug auf die Grenzen des Wachstums bzw. das vom Ökosystem dem Menschen als Handlungsspielraum Zugestandene. Sloterdijk fasst die Situation der Menschheit treffend in Das Anthropozän – Ein Prozeß-Zustand am Rande der Erd-Geschichte?100 zusammen: „Die Menschheit steht nur diese eine Erde zur Verfügung. Sie darf folglich von ihrer Grundlage nicht mehr verlangen, als sie zu geben imstande ist – bei Strafe der Selbstzerstörung“ (ebd., S. 33). Der „kinetische Expressionismus der letzten Jahrhunderte“ – so Sloterdijks Folgerung aus diesem Axiom – muss „radikal modifiziert werden (…), wenn er schon nicht beendet werden kann“ (ebd., S. 27). Die „Forderungen nach einer globalen Ethik der Mäßigung oder gar die Hoffnung auf einen klimatischen Sozialismus“ – wie wir sie auch hier vorgeschlagen haben – seien „illusorisch“: „Sie haben nicht nur die Schubkraft der expressionistischen Zivilisation gegen sich, sie widersprechen auch den Einsichten in die Triebkräfte der höheren Kulturen. Diese sind nämlich ohne die Liaison zwischen dem Streben nach Selbsterhaltung und dem Willen zur Selbststeigerung nicht zu denken“ (ebd., S. 35f.). Die Chance auf einen Ausweg aus diesem Dilemma, dass die „Erde (…) nur in einem einzigen Exemplar vorhanden“ ist, die „reichen Nationen“ aber „doch“ „heute bereits so“ „leben“, „als ob sie anderthalb oder zwei Erden ausbeuten dürften“, sieht Sloterdijk einzig in der Entwicklung einer „Technosphäre (…), die ihrerseits von einer Noosphäre animiert und moderiert wird“: es sei „nicht a priori ausgeschlossen, dass hierdurch Effekte auftreten, die einer Multiplikation der Erde gleichkommen“ (ebd., S. 37f.). Hierzu sei „zwischen Heterotechnik und Homöotechnik zu unterscheiden – wobei die erste auf Proceduren der Naturvergewaltigung und der Naturüberlistung beruht, die zweite auf Prozeduren der Naturnachahmung und der Fortführung natürlicher Produktionsprinzipien auf artifizieller Ebene“ (ebd., S. 38). Sloterdijk schreibt weiter: „Durch die Umrüstung der Technosphäre auf homöotechnische und biomimetische Standards würde mit der Zeit ein völlig anderes Bild vom Zusammenspiel zwi- 100 In: Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert?, Berlin 2016. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 91 schen Umwelt und Technik entstehen. Wir würden erfahren, was der Erdkörper kann, sobald die Menschen im Umgang mit ihm von Ausbeutung auf Koproduktion umstellen (ebd.)“. Sloterdijk Antwort auf das Problem der Menschheit scheint auf den ersten Blick bestechend rettend zu sein: Insofern die Menschheit das Movens ihres Antriebs nicht wird überwinden können, wir aber nur einen Planeten haben, obwohl wir zu unserer Entwicklung und Entfaltung mehrere bräuchten, kann uns nur eine technikgestützte Multiplikation des Planeten retten. Die Schwierigkeit zeigt sich hier, wenn man sich von Sloterdijks vermeintlich holistischem Vokabular nicht blenden lässt: So wünschenswert eine Homöotechnik qua Mimesis und Simulation der Natur auf Grundlage von Künstlicher Intelligenz und computergestützter Informationsverarbeitung wäre, so sehr müsste auch darauf geachtet werden, dass diese Technik nicht die alten Fehler des naturentfremdeten Patriarchismus wiederholt. Soll die Mimesis und Simulation von Natur nicht zu reinem Schein geraten, so dürfte sie weiterhin nur Organ (und nicht sich verselbständigendes Instrument) von Menschen sein, die sie ihrerseits im Sinne unseres Paradigmas der holistischen Spielphilosophie anverwandeln. Künstliche Intelligenz schafft keine Mimesis der Natur, sondern kann nur die Noosphäre, d.h. die Sphäre des patriarchalen Geistes, der sie geschaffen hat, weiterentwickeln, da sie selbst nicht Natur ist bzw. der Naturentfremdetheit des Geistes des Patriarchismus entspringt. Sie verdankt ihre Herrschaft der Verdrängung des zweiten, elementaren Aspekts der Natur, nämlich des Matriarchalen – vor allem aber der Verdrängung des Matriarchismus und Patriarchismus synthetisierenden Spiels der Selbstorganisation, dem sie sich in ihrer Geist-Gegründetheit entzieht, statt sich durch sie in einem Akt der Aufgabe ihrer Herrschaftsambitionen organisieren zu lassen, d.h. sich in der Selbstorganisation der Natur zu gründen. Künstliche Intelligenz kann a priori nicht schöpferisch sein im Sinne der Selbstorganisation der Natur, weil ihr selbst das dieses Schöpferisch-Sein ermöglichende Spiel der Vermögen abgeht. Ihr fehlt als von Menschen entwickelter Technik die Teilhabe an der alles belebenden Selbstorganisation, die ihr Grenz- und Strukturvermögen ins Zusammenstimmen und damit ins Spiel setzt. Sie schließt sich selbst als Geist-inspirierte Technik per se von der Teilhabe am Leben im ganzheitlichen Zusammenhang der durch die Selbstorganisation hervorgebrachten Natur aus. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 92 Sloterdijks Zuflucht in den Schein einer holistischen Techno- und Noosphäre und die dadurch zu erhoffende „Multiplikation der Erde“ verbleibt in der von ihm mit Spinoza diagnostizierten „Flucht nach vorne“ (ebd., S. 12) und entspricht trotz aller Beredetheit und allen gegenteiligen Vokabulars durch und durch dem der Natur entfremdeten Patriarchismus. Die „Schubkraft der expressionistischen Zivilisation“ ist Phänomen des Patriarchismus wie das „Streben nach Selbsterhaltung“ und der „Wille(n) zur Selbststeigerung“ der Motivationsquelle im Sexualtrieb entspringt, die nicht nur nicht zu wahrhafter Kreativität taugt, die Sloterdijk zusammen mit Buckminster Fuller in seiner Betriebsanleitung für das Raumschiff Erde (1984) als Inspirator des Silicon Valley anzielt, sondern auch in den finalen, großen Knall des von uns unter solchen Vorgaben befürchteten Bürgerkriegs aller gegen alle mündet. Sicherlich ist Sloterdijk zuzustimmen, dass die „Hoffnung auf einen klimatischen Sozialismus“ oder eine „globale(n) Ethik der Mäßigung“ „illusorisch“ scheinen. Der black friday trägt nicht umsonst seinen Namen: Angesichts einer allgemeinen Shopping-Wut wird einem schwarz vor Augen. Anders als Sloterdijk meinen wir aber schon Grund zur Hoffnung zu haben – eine Hoffnung, die Sloterdijk so nicht haben kann, weil er das Phänomen des Spiels der Vermögen nicht verstanden hat: Die Alternative zu Sloterdijks patriarchaler Vision einer „Ethik des Feuerwerks“ „manischer Verschwendung“ als Folge des „Expansionismus“, die er hofft, in die Sphäre von Techno- und Noosphäre versetzen und dort in ihren Negativfolgen für den Planeten entschärfen zu können, ist nicht einzig – wie er suggeriert – eine „Ethik der Askese“ „depressiver Sparsamkeit“ als Folge eines „Minimalismus“ (ebd., S. 33). Die Alternative wäre das Dritte zwischen diesen Polen, die sie ihrerseits verwandelt: Die Spielphilosophie ist keine Ausgeburt einer „Elite von ressentimentgetriebenen depressiven Spiritualisten“ (ebd.), sondern eine Philosophie der Fülle, die weder materiell noch spirituell ist, sondern schöpferisch und damit ganz und gar erfüllend.101 Der Spielende Mensch bzw. homo ludens (Huizinga) ist weder 101 Sloterdijk wäre nicht Sloterdijk, wenn er dieses Entweder-Oder nicht durch ein Sowohl-Als-Auch ergänzte: So zitiert er am Ende seines Anthropozän-Aufsatzes Amery, demzufolge wir uns im Sinne der „attischen Tragödie von Grund auf als die Sterblichen“ verstehen müssten und unseren Planeten als eine „Erde, die zu real ist, um die Rolle einer herkömmlichen Transzendenz auszufüllen, doch auch Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 93 expressionistisch noch impressionistisch, sondern er ist Ausdruck der schöpferischen Fülle der Ganzheit bzw. des Kinds-Gottes, die sich von sich aus sowohl ex- als auch impressionistisch, aber vor allem angemessen auf die jeweilige Situation artikuliert.102 Die Mimesis von Natur kann keine Äußere im Sinne einer Mimikry sein, sondern muss sich selbst als Teil der Natur allen Lebendigens bewusst werden, um ihrerseits in ihrem Sinne schöpferisch zu sein. Man muss die Spielphilosophie nicht moralinsauer von den Kanzeln predigen; man muss den Menschen nicht ökodiktatorisch ihren Konsumwahn ausreden oder ihre Spielzeuge der Spielzeugindustrie entreißen: Man könnte ihnen nur ein Beispiel geben, wie schön es ist, ohne all dies in der Fülle seiner eigenen Schaffenskraft und Schöpferischkeit zu stehen; man könnte ihnen vorleben, dass das Spiel des Miteinander schöner ist als warcraft; man könnte sie im Rahmen einer therapeutischen Gesellschaft darin unterstützen, sich ihrer Angst zu stellen und selbst zum Helden und zur Heldin zu werden, anstatt Heldentum immer nur innerlich zerfallend am Joystick zu simulieren. Die Lösung auch des politischen Problems unserer Zeit – dessen Lösungs-Notwendigkeit sich mit der Bedrohung durch einen allgemeizu transzendent, um je zum Besitz einer einzelnen imperialen Macht zu werden“ (ebd., S. 42). Sloterdijk weiter (es klingt so schön!): „In dieser Sicht bleibt Hölderlins Vision, wonach der Mensch auf der Erde dichterisch wohnt, für uns verbindlich: Das Konzept des Anthropozäns enthält die spontane minima moralia des gegenwärtigen Zeitalters: Es impliziert die Sorge um die Kohabitation der Erdenbürger in humaner wie nicht-humaner Gestalt. Es fordert auf zur Mitarbeit am Netzwerk der einfachen und höherstufigen Lebenskreise, in denen die Akteure der aktuellen Welt ihr Dasein im Modus der Ko-Immunität erzeugen“ (ebd., S. 42f.) Sloterdijk fehlt als Schlüsselelement zur Möglichkeit der „Kohabitation der Erdenbürger“ und zur Erzeugung einer „Ko-Immunität“ angesichts sich verschärfender Lebensbedingungen nur die Spielphilosophie, die aus der patriarchaler Kohabitation ein Miteinander und aus patriarchaler Immunität und patriarchalem Selbstschutz eine wahrhafte Immunität qua kreativer Anverwandlung von Wirklichkeit im Spiel der Vermögen macht. Ihm fehlt der Quellpunkt des Spiels, um die Pole des Entweder-Oder nicht nur zu einem Sowohl-Als-Auch zu machen, sondern zur Emergenz eines Dritten, Ausstehenden ins Spiel zu bringen. 102 Sich angemessen auf die jeweilige Situation auszudrücken, wäre eine Alternative zu unserer Welt, in der alle – wie von fremder Hand zu einem ohrenbetäubenden Expressionismus gezwungen, weil sonst ein Überschwemmt-Werden von Anderen und ein Verschwinden in der Unhörbarkeit droht – alle senden, aber keiner mehr zu empfangen bereit ist: zu einer Welt, die rein akustisch schon an die Grenzen ihrer Lebbarkeit kommt. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 94 nen, globalen Bürgerkrieg und der Bedrohung durch einen definitiven Verlust aller Möglichkeiten von Menschlichkeit und Würde des Menschen aufbaut – liegt in der Luft: wir müssen sie nur endlich ergreifen! Die Probleme und Schwierigkeiten spitzen sich bis zur Unerträglichkeit zu – bis die Lösung, wie heute, zum Greifen nahe liegt bzw. bis sie von sich aus zeitgleich in vielen, vielen Menschenköpfen und –Herzen kristalliert und wir endlich beginnen können, unsere überfälligen Hausaufgaben zu machen. Die Vielfalt überall keimender, Hoffnung machender Problemlösungsansätze ist das Heilende – die Vielfalt dieser Ansätze in Rückbezug auf die eine Natur. Die Sexualisierung der Politik und eine Neuinterpretation der Theorie der Gerechtigkeit (Rawls) 95

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Zusammenfassung

Die Irritationen durch den Klimawandel spiegeln sich in der Aggressivität öffentlicher Debatten. Im Unklaren über die Ursachen der epochalen Krise, verstärken wir mit unzulänglichem Problembewusstsein und Symptombehandlungen nur das Gefühl der Hilflosigkeit. Neoliberalismus und Naturzerstörung sind Folgen des exklusiven Charakters der „Monarchie von König Sex“, der Angst macht und im Narzissmus Zuflucht suchen lässt. Nur die Natur – spielphilosophisch verstanden – kann das Matriarchale und Patriarchale in ihrer Synthese einen. Die Politik selbst ist sexualisiert und findet nicht in den gerechten Ausgleich der Interessen, der mangels Bezugnahme auf das Dritte der Natur aussteht. Im tobenden Geschlechterkampf sind wir alle Opfer und zugleich Täter. Die Sexualisierung aller Lebensformen nach 3 000 Jahren Patriarchat wäre in einer therapeutischen Gesellschaft überwindbar, die die Herausforderungen als Chance begreift und Motivationen für eine Politik radikaler Einschnitte freilegt.