Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus in:

Malte Hölzel

Sexualität und Wahnsinn, page 23 - 52

Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4367-7, ISBN online: 978-3-8288-7347-6, https://doi.org/10.5771/9783828873476-23

Tectum, Baden-Baden
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Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus Der aktuelle Befund ist: Trotz der Schreckensnachrichten in den Flimmerkisten unserer Tage schaffen wir es nicht, uns einzuschränken und unser Verhalten an die begrenzten Ressourcen unseres Planeten anzupassen. Die Ursachen haben wir unserer Ansicht nach benannt: Sie entwachsen der besagten Zeitenwende, dem Ende des Zeitalters des Patriarchats bzw. genauer darin, dass wir ihre Dimension weder verstanden noch ihre Auswirkungen unter die Füße bekommen, geschweige denn, in uns selbst in ein Gleichgewicht gefunden hätten. Anstelle einer Synthese von matriachaler und patriarchaler Kultur (dem dritten Zeitalter der Idylle Schillers, das ihm zufolge qua Übersummation bzw. Emergenz in einem spezifischen Sinne dialektisch vom Zeitalter der Naivität der Kindheit ausgehend dem Zeitalter der Sentimentalität in ihrer Doppelung in Matri- und Patriarchat entspringt) entfesselt sich ein Geschlechterkampf, der sich in den Medien unserer Zeit spiegelt. Die Appelle des Kapitalismus an Gier, Neid, Konkurrenzdenken, Besitzstandswahrung und Eifersucht wird potenziert durch eine mangels alternativer Werte und Sehnsüchte ausgelöste Sexualisierung der Seelen, die zu forcierter Selbstentgrenzung und Narzissmus verführt. Bei Männern führt der eingebildete, potentielle Konkurrenzkampf um Frauen, bei Frauen der eingebildete, potentielle Konkurrenzkampf um Männer, zu einer weiteren Radikalisierung des Geschlechterkampfes und der Rücksichtslosigkeit.31 Sex hat etwas Exklusives – und so droht er, das Solidarische im Menschen zu unter- 31 Das Konkurrenzdenken und –Empfinden als Motor des Kapitalismus – wie es durch die Sexualisierung verursacht auch gleichzeitig von ihr unterfeuert wird – löst sich auf, wenn der personale Aspekt von Sexualität in den Vordergrund gestellt wird wie im wechelseitigen Sich-Annehmen und Sich-Verstehen in Liebe. Individualität – wie sie in der Liebe angesprochen wird und in einem liebenden Verhältnis entfaltet werden kann, aber auch darin zurückgebunden bleibt (und damit ge- 23 wandern. Im bürgerkriegsartigen Kampf aller gegen alle herrscht Angst, die in einer Flucht nach vorne in eine mittlerweile freidrehende Beschleunigung32 bei gleichzeitiger Unbewusstheit ihrer Motivation kompensiert wird. Während die Neue Rechte diese Angst für sich zu instrumentalisieren weiß (und als Ausdrucksorgan der Angst aber auch eine wichtige Funktion im Zusammenspiel der (politischen) Kräfte erfüllt), tut sich die Linke angesichts der Verlockungen und Verführungen des Kapitals von Digitalisierung, entgrenzter Mobilität im Flugverkehr und ständig neuer Konsum-Innovationen und wegen ihrer mangelnden Einsicht in die tieferen Beweggründe ihres Verführungspotentials schwer, die Gegenkraft der Angst – die Mobilisierungskraft der Solidarität – stark zu machen. Angesichts des Migrationsdrucks fällt es der Linken schwer, einen gesunden Mittelweg zwischen internationaler Solidarität mit den Opfern des Systems und der Bewahrung des Zusammenhalts der demokratischen Gesellschaften, der Demokratie und des Sozialstaats, zu finden, damit der europäische Gedanke nicht durch rechte Parteien zerstört wird und Europa als Hort von Freiheit, Frieden, Menschenrechten, Meinungs- und Religionsfreiheit, des Meinungsstreits und der Demokratie erhalten bleibt. Dieses Problem der politischen Linken rührt aber nicht aus der Problematik selbst, sondern daraus, dass sie es mit einem Gegner zu tun hat, den sie noch gar nicht identifiziert, geschweige denn verstanden und überwunden hätte: König Sex. „Wo aber Gefahr ist, – sagt Hölderlin in seine berühmten Patmos-Versen– „wächst das Rettende auch“ – und beschreibt damit indirekt, dass dieses Rettende nicht in der Linearität schon gedachter und gespurter Bahnen zu finden ist, sondern sich einem Quantensprung der Emergenz, jenseits und über dem Bestehenden und Gedachten hinaus, es gleichsam wie in einem neuen Paradigsunden Narzissmus vor krankem, unbezogenem Narzissmus bewahrt) – ist ein konkurrenzlos Konkurrierendes um möglichst weitgehende, eigene Authentizität. Die Suche nach seiner/ ihrer jeweiligen Individualität ist als solches ein Antrieb, der Innovationsfähigkeit, die dem Konkurrenzprinzip des Kapitalismus positiv gutgeschrieben wird, einerseits ermöglicht, ihr aber andererseits die Spitze dessen nimmt, was uns in den Abgrund treibt: die Entwicklung von Konsumprodukten, die nur erfunden werden, um uns unsere Schmerzen vergessen zu lassen, die wir mit ihnen aber nicht heilen können. 32 Vgl. Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt/ M. 2005. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 24 ma versammelnd und bündelnd, verdankt.33 Die Geburt dieses Paradigmas setzt das Wahrnehmen, Respektieren und Verstehen der Angst nicht nur von sich selbst, sondern auch der des politischen Gegners voraus, das Erspüren und Verstehen des Gemeinsamen der Angst, zu deren Lösung es sich schenkt. Dem Fermi-Paradoxon zufolge müssten wir Menschen – seinem Gedankenexperiment nach – angesichts der Unendlichkeit des Universums und der damit gegebenen, hohen Wahrscheinlichkeit, dass es auf den unzähligen Planeten des Universums genauso wie auf Erden zur Entstehung von intelligentem Leben gekommen ist, längst schon Signale dieses Lebens hier auf Erden empfangen haben. Haben wir aber nicht! Der Konstrukteur dieses Paradoxons entwickelte auf die Frage nach dessen Warum die Schlussfolgerung, dass Spezien, die es schaffen, Selbstbewusstsein und Intelligenz zu generieren und sich damit gegen ihre je eigenen Widersacher in ihrer je eigenen Evolution auf ihren je eigenen Planeten durchzusetzen, mit dem biologischen Antrieb, dem sie ihre Sonderstellung verdanken, auch ihren Untergang verursachen – d.h. an ihrem eigenen Erfolg zugrunde gehen, weil sie es nicht schaffen, das Prinzip des Wachstums und der Expansion angesichts der Begrenztheit auch ihres Planeten aus Einsicht und Verstehen ihrer Entwicklungsdynamik und deren Transformation und Neuausrichtung auf ein neues Ziel, das eben nicht auf Expansion, sondern in Anpassung an die Begrenztheit der Umstände angelegt ist, zu verwandeln. Nur indem die Menschheit ihren Antrieb bzw. die Interpretation und das Verständnis ihres Antriebs kritisch hinterfragt und ihr eine Neu- Interpretation und ein neues Verständnis dieses Antriebs gelingt, der abgestimmt ist auf die Grenzen ihrer Wirklichkeit, in der sie lebt und der sie ihr Leben verdankt, d.h. holistisch ihre Lebensenergie und die Ganzheit, aus der sie entstand und in die sie sich einfügen muss, will sie überleben, bedenkt – nur dann, so lässt sich aus dem Fermi-Para- 33 Vgl. Hühn: Sprung im Übergang. Kierkegaards Kritik an Hegel im Ausgang von der Spätphilosophie Schellings – in: Hennigfeld (Hrsg.): Kierkegaard und Schelling. Freiheit, Angst und Wirklichkeit, Berlin 2003, S. 142. In der alltäglichen Wahrnehmung von Rettendem muss man – um die Dringlichkeit eines tiefgreifenden und buchstäblich alles transformierenden Wandlungsbedarfs nicht aus den Augen zu verlieren – den Satz von Horn korrigierend dagegenhalten: „Das Schöne zeigt sich unmittelbar und individuell, das Falsche liegt im System.“ (Zitat nach Haberkorn: Die Sintflut kommt – in: Zeit Online vom 4.11.2018). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 25 doxon schlussfolgern – kann den Menschen das bis dato gemäß des Fermi-Paradoxons scheinbar Unmögliche gelingen: Nur dann wird sie nicht an sich selbst zugrunde gehen! Die Lösung liegt im Widerspruch des Fermi-Paradoxons: Spezien, die es geschafft haben, sich selbst zu transzendieren und sich in einer „autotranszendenten Weltbeschreibung“34 einzurichten, haben gar nicht mehr das Bedürfnis, Funksignale ins Weltall zu schicken und sich – werden sie beantwortet – Viren fremder Spezien wie der Menschheit einzufangen. Sie haben ihre Selbstzufriedenheit und Seligkeit entdeckt! Sie sind mit gutem Beispiel vorangegangen! Zum Erreichen dieses Zieles, des Paradieses eines Selbst-, Gesellschafts- und Naturzustandes im Gleichgewicht, müssen wir das Movens unseres Lebens also neu interpretieren: Freuds Auslegung des menschlichen Antriebs aus dem Sexualtrieb war irreführend – und hat doch mit seiner Explikation genau das Problem benannt, das Jung dann zu seiner Re-Interpretation dieses innersten Antriebs als Selbstorganisation, der es über die Auseinanderlegung in Gegensätze um höhere Synthesen und Integrationen geht, inspirierte. Welchen Zustand von Gleichgewicht und Homöostase kennen wir? – Den Zustand des Kindes im Spiel. Worin besteht das Eigentümliche des Spiels? – In dem, was Kant und Schiller zufolge durch die Anverwandlung der Naturenergie im „freien Spiel der Vermögen“, das sie als Innerstes des Seelenlebens verstehen35, erreicht wird: die Selbstzweckhaftigkeit des 34 Nagel: Der Blick von Nirgendwo, Frankfurt/ M. 1992, S. 129f.. Siehe dazu: Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, S. 370ff.. 35 Kant und Schiller zufolge ist das Spiel der Vermögen der Inbegriff des Schöpferischen: Die Naturenergie (Kant: Einbildungskraft/ Schiller: Stofftrieb) wird mithilfe des Verstandes (Kant: Verstand/ Schiller: Formtrieb) in seiner Doppelheit – und hier setzt unsere Deutung ein – von matriarchalem Grenzvermögen und patriarchalem Strukturvermögen zur Gestaltung des „Gestaltlos-Gestaltenden“ (Neumann) der Wirklichkeit anverwandelt. Schiller nennt das Zusammenwirken von Stofftrieb und Formtrieb im Spiel der Vermögen auch den Spieltrieb (vgl. Kant: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 1990/ Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 1995). Die Naturenergie kann man mit Schelling als Selbstorganisationskraft bezeichnen (vgl. Schellings Naturphilosophie). Jung fasst die Naturkraft, der es um die Integration zur Ganzheit geht, unter seinem neuen Begriff der Libido, mit dem er sich von Freud, der sie fälschlicherweise als Sexualtrieb interpretiert hatte, abgrenzt, wodurch es zum Bruch ihrer Freundschaft kommt (vgl. Jung: Wandlungen und Symbole der Libido, 1912) – und das Spiel der Vermögen als Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 26 Spielens36, insofern „Spiel (…) Tätigkeit als Ruhe“37 ist. Schiller fasst die zentrale Rolle dieses Spiels der Vermögen für die Gesundheit des Seelischen in seinem berühmten Satz zusammen: „der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“.38 Die Interpretation des innersten Antriebs als Sexualtrieb entspringt einer Selbstentfremdung bzw. einer Entfremdung von unserer Natur, die in ihrem Selbstmissverständnis als Geist das Andere des Geistes abspaltet und als etwas, das damit auf Integration drängt, erschafft: den Sexualtrieb, der sich – wie wir in der Menschheitsgeschichte und sichtbarer unter der Regentschaft des Königs Sex der letzten zweihundert Jahre bis heute sehen – rücksichtslos und egoistisch einzig um seine Befriedigung schert. Tiefer noch und ursprünglicher als der Sexualtrieb, der als falsche Antwort auf die Angst entstand, wie sie im erwachenden Selbstbewusstsein der Menschen aufbrach, ist der Spieltrieb, aus dem die Menschheit hervorging, der ihren Urzustand – unser verlorenes Paradies vor allem Selbstbewusstsein – und das Spiel noch unserer selbst als Kinder und der heutigen Kinder regiert. (Der Spieltrieb gründet in der Seligkeit des Mutterbauchstadiums; der Sexualtrieb in einem Missverstehen des Spieltriebs aus unserer Angst heraus, die das Passieren der Ausgangspforte in die Welt bei der Geburt bzw. beim Austritt aus der Unbewusstheit der Kindheit ins Selbstbewusstsein des Erwachsenen mit sich bringt und doch die Eingangspforte in die Welt darstellt. Die Integration un- „transzendente Funktion“ (Jung: Die transzendente Funktion – in Jung: Gesammelte Werke, Bd. 8, Düsseldorf 1995). Neumann nennt die Selbstorganisationskraft „Zentroversionstendenz“ und das Spiel der Vermögen „Zentroversion“ (vgl. Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004). Alle diese Theoretiker der Ästhetischen Moderne, die wegen ihrer zentralen Bezugnahme auf dieses Spiel der Vermögen als solche zu verstehen sind, fassen das Spiel der Vermögen als zentrales Phänomen des Seelischen auf. Als solches ist es aber auch als leibliches Phänomen verstehbar, das im Zuge der Trennung von Geist und Körper verdrängt wird und – findet der Mensch zurück ins bewusste Spiel der Vermögen – Körper und Geist wieder synthetisiert und den Körper (lat.: corpus – Leichnam) zum Leib zurückverwandelt. 36 Kant: Kritik der Urteilskraft, Hamburg 1990, S. 66. 37 Dörflinger: Zur Erkenntnisbedeutung des Ästhetischen. Schopenhauers Beziehung zu Kant – in: Schopenhauer-Jahrbuch Bd. 71, Malter/ Seelig/ Ingenkamp (Hrsg.), Frankfurt/ M. 1990, S. 76. 38 Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 1995, S. 63. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 27 serer Angst im Spiel schenkt uns das Ankommen auf Erden, die damit zum Paradies wird.) Die Menschheit muss sich ihrer Angst stellen, anstatt vor ihr in einer Flucht in Konsum, Narzissmus und Sexsucht wegzulaufen, muss als je einzelnes Individuum sich ihres Kontroll- und Herrschaftswahns begeben, d.h. „sterben“, um die beglückende Erfahrung des Aufgefangen-Werdens und der Wiedergeburt zu machen. Sie muss lernen, dass das Innerste unseres Antriebs nicht Sex ist, sondern das Spiel, zu dem Sex und auch alle anderen Verrichtungen des Lebens wie Arbeit usw. werden, wenn wir sie spielerisch vollziehen, d.h. nur so tun, als ob wir sie ernst nähmen, als ob wir uns mit unserem Sexualtrieb identifizierten, ihn aber innerlich frei von der Nötigung zu seinem Vollzug in der Sexualität genießen und uns seinen Spielarten überlassen können – uns treiben lassen können, wohin das Spiel uns treibt. Das Spiel eröffnet die Freiheit von der vermeintlichen Determination durch unseren uns fremdbestimmenden Sexualtrieb, indem sie ihn aufnimmt und in die Freiheit zum Spiel verwandelt. Der Bewusstseinswandel – seit dem New Age der Hippies viel beschworen und angesichts der berühmten Grenzen des Wachstums (Meadows) in seiner Notwendigkeit eingesehen – besteht nicht darin, unser Verhalten zu ändern, sondern darin, die Gründe für unser Fehlverhalten und damit uns selbst zu verstehen und damit die klaffende Wunde unseres Selbstmissverständnisses – unserer Sexualisierung und des Wahnsinns der falsch verstandenen Sexualität – auszuheilen. Dann – und nur dann –, wenn ein tieferes Verstehen verinnerlicht ist und das Selbstmissverstehen aufhebt, dann werden die „guten Werke ganz von selbst aus ihm“, dem (neuen) Glauben, „hervorgehen, als Symptome, als Früchte desselben“ (Luther39) – dann wissen wir, was zu tun ist, dann können unsere aus unserem Selbstmissverständnis heraus thanatonischen sexuellen Energien in Eros-geleitete Energien der Liebe und Solidarität sich verwandeln. Denn: Wenn jeder seine Krankheit kurriert und gesundet und im Gleichgewicht ist, muss die Politik sich nicht mit der Kontrolle und der Schlichtung des Streits (Missverstehen, Konflikten, Gewalt und Krieg) herumschlagen, der aus der der Krankheit von Zahllosen Einzelnen erwächst und die politische Agenda un- 39 Zitat nach Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Toman (Hrsg.), Köln 1997, S. 590f.. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 28 serer Tage (in Form durchgeknallter Diktatoren wie Trump, den vermeintlich starken Männern wie Putin oder Erdogan, dem Fundamentalismus evangelikaler oder islamischer Prägung, dem Nahost-Konflikt, dem Wahnsinn des Konkurrenzprinzips als Grundlage unseres neoliberalen Wirtschaftssystems, der seine Quellgründe eben auch in der Entgrenzung des sexuellen Paradigmas und seines exkludierenden Charakters hat) ganz und gar in Anspruch nimmt. Sie könnte sich – so der Traum – auf die wesentlichen Aufgaben zur Senkung unserer Giftemissionen, die sich vor diesem Hintergrund als Ausfluss unserer eigenen Vergiftetheit entpuppen, und auf die Transformation der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung unter fürsorglicher Sorge um die Ängste und Destabilisierungen der Systeme und Ordnungen im Zuge ihrer Transformation konzentrieren, dass es allen und auch denen, denen das Nötigste zum Leben fehlt, hilft. Das Internet ist wie alle technischen Errungenschaften Gift und Heilmittel40 zugleich: Unter seine giftigen Auswirkungen wie Beschleunigung, Idiotie der Selbstreferenz von Internetforen, Stress, Zuviel an Informationen bei mangelnder Bildung zu ihrer Verarbeitung, Potenzierung von Verunsicherung und Angst, viraler Ausbreitung von Vorurteilen und Panik, Gefahr für die demokratischen Meinungsbildung, Beeinflussbarkeit und Verführbarkeit, Zentralorgan des König Sex zur Verbreitung von Pornografie, usw. leiden wir alle. Symptomatische Quelle von Schwierigkeiten unserer Zeit ist, dass wir das Internet „noch nicht unter die Füße bekommen haben“, dass wir das Gift erst verdauen müssen, um seine Funktion als Heilmittel uns zu erschlie- ßen. Heilmittelfunktion kann es erhalten und erhält es schon, wo es qua Vernetzung zu einem Ort der globalen Bewusstseins-Bildung wird: Die Chance von computergestützter Informationsverarbeitung liegt in ihrer Möglichkeit zum Holismus qua Simulation natürlicher Systeme, durch die unterstützt zuletzt hoffentlich auch uns ein Licht aufgeht.41 40 Derrida entschlüsselt in Platons Pharmazie (in: Derrida: Dissemination, Wien 1995) die janusköpfige Doppelbedeutung des griechischen Wortes pharmakon als Gift und Heilmittel. 41 Dazu siehe einschränkend unten die Auseinandersetzung mit Sloterdijks Anthropozän-Aufsatzes. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 29 Das Problem hat unsere Werte und Normen infiziert bzw. affiziert, die, weit davon entfernt, noch eine bindende Kraft zu haben und Gemeinschaft zu stiften42, im Zuge der Zeitenwende und des Endes des Zeitalters des Patriarchats, der Entwertung aller (patriarchalen) Werte (Nietzsche), entweder sexualisiert sind, d.h. als hohle Attrappen noch dastehen, aber bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Bord geworfen zu werden drohen, oder unverhohlen der Regentschaft des Königs Sex untergeordnet werden, ohne dass das sexuelle Paradigma aus sich selbst gemeinschaftsstiftende Werte und Normen generieren könnte: Entgrenzung, Maximierung und unverhohlener Machterhalt ohne Sinn und Rechtfertigung in der Sache sind die Gebote der Stunde im Seelenhaushalt des Individuums wie in Wirtschaft und Politik. Trotz aller Sonntagsreden von den patriarchalen Kanzeln der Öffentlichkeit wird implizit und meist unbewusst an der aus dem sexuellen Paradigma erwachsenden Exklusion (insofern der Reiz des Sexuellen gerade darin besteht, dass diese Frau/ dieser Mann sich mir exklusiv hingibt) von Menschen und Gesellschaftsgruppen gearbeitet. Mangels eines umfassenden Verstehens unserer Situation als Menschen auf Erden und innerhalb der Dynamik der Menschheits- bzw. Kulturgeschichte sind und bleiben wir unfähig, uns in den Ganzheitszusammenhang der Natur einzufügen noch die Widersprüche unserer inneren Natur zu lösen. Die intellektuelle Situation unserer Zeit krankt erstens daran, dass das Wissen des Mythos aus matriarchalen Vorzeiten nicht ernstgenommen wird, in dem alle wesentlichen Anhaltspunkte zu einem holistischen Verstehen des Menschen innerhalb des Ökosystems Erde schon vorweggenommen sind und deren Ignoranz uns im Zuge der Patriarchalisierung überhaupt erst in die scheinbar aussichtslose Situation gebracht haben, vor der wir jetzt stehen. Zweitens fehlt ihr damit zur Selbsttransparenz innerhalb des Zusammenhangs des Bestehenden der Blick dafür, was es in neuen Synthesen wesentlich zu synthetisieren gilt: nämlich die Dualität von Matriarchat und Patriarchat, von Weiblichem und Männlichem, die gerade deshalb, weil sie unverstanden ist, im heutigen Geschlechterkampf eskaliert. Mit der Synthese von Matriarchat und Patriarchat würden wir unsere eigene Ganzheit, die von 42 (…) und die Faszien unserer Gesellschaftssysteme in ihrer stabilisierenden Funktion lebendig zu halten (…). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 30 Zeus aus Strafe für die menschliche Hybris in zwei Geschlechter gespaltene Menschheit, wiederentdecken. Sie würde uns aus unserer hybriden Stellung gegenüber der Natur befreien und uns selbst wieder als Teil alles Lebendigen fühlen lassen. Wo es untergründig um die Integration von Matriarchat und Patriarchat geht, erleben wir vordergründig wie blinde Agenten einer unverstandenen, unkontrollierbaren Dynamik den Geschlechterkampf. Wir vergessen wie die Gender Philosophie, dass ein vermeintlicher, traditionell geglaubter Unterschied zwischen Mann und Frau nicht wegrationalisiert werden kann, sondern solange bestehen bleibt, bis er als Unterschied benannt, in seiner Ursächlichkeit und seinen Auswirkungen verstanden und aus diesem Verstehen heraus überwunden werden kann. Zwischen Mann und Frau gibt es keinen essentiellen Unterschied – aber dies ist nach dreitausend Jahren patriarchaler Prägung unter Ausblendung und Verdrängung der Vorgeschichte des Matriarchats eine äußerst voraussetzungsreiche Einsicht, die sich nicht wie in der Gender Philosophie einfach nur verordnen lässt, sondern die vor allem in den Eingeweiden gefühlt werden muss. Die Voraussetzung dazu ist nicht, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern ausgelöscht wird (denn damit würde auch das sexuelle Verlangen selbst als Quelle von Lust verloren gehen), sondern das ein Standpunkt gefunden wird, wo er sich sowohl als Quelle von Lust erhält als auch aufgehoben ist: Im Als-Ob der Freiheit des Spiels, in der die Auseinanderlegung der (vermeintlichen) Gegensätze von Mann und Frau und ihre Höhepunkt-Synthese spielerisch und eben nicht als angstgeleitetes, narzisstisches Körper-Massaker entfaltet werden kann. Der Mystiker Meister Eckhardt schrieb sinngemäß, dass die Engel, haben wir unseren Frieden nicht gemacht und Angst vor dem Tod, zu Dämonen werden, die uns das Leben entreißen wollen, sich aber wiederum, wenn wir unseren Frieden machen, zu Engeln wandeln, um uns vom irdischen Dasein zu befreien. Dieses Sinnbild beschreibt schön, was passiert, wenn Mann und Frau ihre Angst als Quelle von Projektionen ihres eigenen Begehrens auf den jeweils anderen überwinden: Die Frau ist solange angsteinflößende Projektionsfläche des männlichen Begehrens, wie wir sie in ihrem wahren Wesen verkennen. Die Männer klammern sich in ihrer Angst vor der unersättlichen, weiblichen Sexualität an das patriarchale Wunschbild der keuschen Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 31 Frau (die sie in ihren Qualitäten als Liebhaber dann zu mehr verführen), die das in Wahrheit gar nicht will, deren Wunsch nach sexuellem Glück ihrem Bindungswunsch untergeordnet ist. Die Realität in der Selbsterfahrung mit Frauen und im Porno fällt dann erschreckend anders aus, was dem Mann dann wiederum Angst macht und ihn in einem ewigen Kampf von vermeintlichem Gutem und vermeintlich Bösem in ihm verstrickt. In dem Moment aber, wo der Mann der Frau zugesteht, dass sie wie in seinen schlimmsten Schreckensvisionen sexuell maßlos begierig, freizügig und enthemmt sein kann, d.h. sich seiner schlimmsten Angst stellt, anstatt vor ihr davon zu laufen, wandeln sich die Schattenwölfe der Angst und lösen sich auf, wird ihm klar, dass die Frau zwar das Potential zu maßlosem Begehren in sich trägt, dass dieses Potential auch in ihrer Selbstentfremdung geweckt werden kann, dass dies aber nicht ihrer innersten Sehnsucht entspricht, der es um eine liebevolle Bezogenheit und eine in Liebe gebettete Sexualität geht. In diesem Moment werden die Dämonen, die der Mann des Patriarchats in die Frau projiziert hat und die ihn bedrohen, zu Engeln, die ihn aus seiner Not befreien. (Dasselbe Phänomen gibt es auch umgekehrt betreffs der Angst und der Projektion eigenen Begehrens bei der Frau auf den Mann, die sich in dem Moment auflöst, wo sich die Frau keine Illusionen über die Sexualität ihres Mannes mehr macht und damit den Blick auf seine innerste Sehnsucht nach Liebe frei bekommt.) Die Wandlung der Angst in die Freude der Erlösung von der Angst und ihrem Frieden ist die Folge des Expositions-Trainings, in dem man sich seiner Angst stellt, anstatt sie in der Flucht vor der Angst immer schlimmer zu machen. Dieses Kippmoment in der wechselseitigen Wahrnehmung der Geschlechter ist die Voraussetzung, dass die Resonanzkatastrophe des aktuellen Geschlechterkampfes aus dem wechselseitigen Missverstehen sich in ein befriedendes und befreiendes, wechselseitiges Verstehen wandelt, in dem wir uns wechselseitig als Menschen auf Augenhöhe mit denselben Abgründen und Sehnsüchten wahrnehmen – und d.h. wesentlich in unserer Sehnsucht nach Liebe und Sehnsucht nach einer Sexualität verstehen, die in Liebe eingebettet ist und bleibt und sich in ihrer Freiheit aus der Liebe entfaltet. Dieses von Meister Eckhardt beschriebene Kippmoment gilt auch für unsere (von ihm in seinen Worten anvisierte) Angst vor dem Tod, der zur Befreiung und Erlösung wird, wenn wir uns unserer Angst vor ihm Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 32 noch im Leben stellen, wenn wir schon im Leben die Erfahrung machen, dass wir in unserem aus der Angst vor dem Tod geborenen Narzissmus sterben müssen, um die beglückende Erfahrung zu machen, dass wir wiedergeboren werden, dass die Natur nicht böse Krankheit und Tod will, sondern unsere Gesundheit und Lebendigkeit, dass es im Zentrum des Rades von Tod und Wiedergeburt eine Seligkeit gibt, die es in seiner Mitte hält, dass es unter dem Angsteinflößenden eine Seligkeit gibt, die uns trägt.43 Der Selbstorganisation gemäß sind die Spezien des Ökosystems zum Wachstum verdammt, werden andererseits aber durch das sichselbst-regulierende, autopoietische Ökosystem der irdischen Natur an dessen begrenzte Ressourcen zurückgebunden. Die Natur kennt mit der Verknappung von Entwicklungs-Ressourcen eine Möglichkeit, übergreifende Populationen einer Spezies zu dezimieren und ihr (relatives) ökologisches Gleichgewicht wieder herzustellen. So gesehen sind die Krisen-Symptome unserer Zeit nur der natürliche Lauf der Dinge. Die kulturelle Evolution der Spezies Mensch ermöglichte es ihr, Techniken zu entwickeln, deren selbstherrlich angewendete Macht zur Manipulation natürlicher Zusammenhänge so gravierend ist, dass sie dementsprechend massive Reaktionen im Zuge der Selbstregulation der Natur provoziert. Der Klimawandel ist ein signifikantes, uns alle zu- 43 Dementsprechend ist auch Horkheimer/ Adornos Dialektik der Aufklärung zu verstehen, dem vielleicht „schwärzeste Buch der Menschheitsgeschichte“: Horkheimer/ Adorno erklären, warum ausgerechnet das Zeitalter der Aufklärung das Schlimmste der Menschheitsgeschichte, den Faschismus, hervorgebracht hat, aus der Nicht-Integration des Wissen des (matriarchalen) Mythos und seiner Verdrängung im (patriarchalen) Logos aus der Wiederkehr des Verdrängten in monströser Gestalt. Das „schwärzeste Buch der Menschheitsgeschichte“ enthält so – ganz nach Meister Eckhardt – den Keim zur Erlösung als Folge der Integration des Verdrängten. Sie beschreiben mit der Selbstaufklärung der Aufklärung eine Aufgabe, die aktuell immer noch aussteht, auch wenn sie sich etwas gewandelt hat: Das Zeitalter der Regentschaft von König Sex seit 18. Hundert ist nur die letzte Phase des Integrationsprozesses von Matriarchismus (Mythos) und Patriarchismus (Logos), in der der Gegensatz zwischen Männlichem und Weiblichem im Geschlechterkampf eskaliert. Die Alternative ist heute – zur Zeit des 400. Jahrtages des Beginns des 30 jährigen Krieges, an den aktuell mit einigen Buchveröffentlichungen in Deutschland erinnert wird – ein Bürgerkrieg aller gegen alle oder die finale Integration und Synthese eines neuen Selbstverständnisses, mit dem auch die Probleme des Klimawandels und all der anderen Symptome unserer Krankheit sich von sich aus lösen würden bzw. von sich aus sich Wege zu ihrer Lösung finden ließen. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 33 tiefst erschreckendes Beispiel für eine Natur, die ihr durch die Menschheit gestörtes Gleichgewicht wieder neu herzustellen sucht, auf dem Weg dorthin durch ihre Chaotisierung als Quelle einer neuen Synthese und eines neuen Gleichgewichts aber die Überlebens-Möglichkeiten der Menschheit gefährdet. In Frage steht nicht das Überleben der Natur, sondern der Erhalt der irdischen, natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit. Das fortgesetzte Verdrängen der Probleme wird die Opferzahl – die die natürlichen Korrekturen im Zuge der Selbstregulation der irdischen Natur mit sich bringen werden – weiter steigern. Krisen sind Anzeichen für Fehlentwicklungen und der Aufruf zur Korrektur ihrer Ursachen. Die Infragestellung geltender Werte, die durch sie ausgelöst wird, muss jedoch tief genug reichen, um die Wurzel des Problems zu erfassen. Andernfalls droht die durch eine Krise geforderte Integration ihrer Ursachen und daraus folgende Transformation des Systems zu einer bloßen Symptom-Behandlung zu verkommen. Sie vertagt die Sorgen um die Krankheit auf Morgen, führt mit ihrer Ignoranz gegenüber den Warnhinweisen der Natur, sich mit dem Problem auseinander zu setzen, aber zu deren dann umso katastrophaleren, d.h. plötzlichen und das System tiefer erschütternden Reaktion. Jedes verdrängte Problem erhöht die Summe des vom System Ausgeschlossenen und damit dessen Kraft und Wucht, sich gegen das System zur Geltung zu bringen. Das Ökosystem der Erde erträgt viel; wir Menschen aber sind es, die an der Heftigkeit seiner Methoden, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, scheitern können. Der Klimawandel ist ein Versuch der Natur, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, gibt uns aber auch ein Beispiel für das Ungleichgewicht unserer eigenen, inneren Natur, die durch unser Selbstmissverständnis als angstgeleitete Sexsüchtige ins Ungleichgewicht gekommen ist – und er gibt uns einen Anhaltspunkt, wie wir die Problematik des Klimawandels lösen: Indem wir unser eigenes inneres Ungleichgewicht wieder ins Gleichgewicht bringen bzw. – genauer – unsere Fehlgeleitetheit und unser Selbstmissverstehen überwinden und unsere innere Natur wieder ins Gleichgewicht bringen lassen – der Natur durch unsere Überantwor- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 34 tung an sie die Chance geben, ihre Arbeit, die ihr das Vergnügen eines Spiels ist, machen zu lassen.44 Die Bodenlosigkeit, von der eingangs mit Latour die Rede war, wie das Gefühl von Hilflosigkeit, Angst und Panik, die uns droht zu befallen, sind Symptome der Zeitenwende vom Patriarchat in eine uns unbekannte Zukunft, die – weil es kaum positive Visionen zu ihrer Ausgestaltung gibt – bedrohliche Konturen bekommt. Dass es kaum glaubhafte positive Visionen gibt, liegt daran, dass man zur Lösung des Problems und zur Versorgung der Wunde erstmal die Ursachen verstehen muss. Hieran haben wir uns hier versucht: die Zeitenwende und die mit ihr einhergehende Inthronisation des König Sex haben uns nicht nur alle in heillose Verwirrung und Kopflosigkeit gestürzt, sondern drohen uns – solange sie nicht als Gefahr erkannt sind – in den Abgrund eines finalen Bürgerkrieges, eines Kampfes aller gegen alle, zu stürzen. Die Sexualisierung von Gesellschaft und Individuum – so die steile These dieses Aufsatzes – ist es, was die Temperaturen im Treibhaus Erde steigen lässt. Sie ist es, was es uns so schwer macht, beherzt zu handeln. Sie ist der Motor für Konkurrenz, Neid, Eifersucht, Aggression, Gewalt, Habgier und des Kampfes um Anerkennung und Identität.45 Sie steht hinter Prestige- und Machtstreben, in denen es um eine Akkumulation von Sicherheiten gegen Angst geht, d.h. um 44 Die Quintessenz der von Meister Eckhardt beschriebene Erfahrung können wir auch von Genesenen einer seelischen Krankheit lernen: Indem wir uns fallen lassen, uns aufgeben, machen wir die tief heilende Erfahrung, dass wir aufgefangen werden, dass etwas in uns sich belebt, das neue Lebens-Möglichkeiten eröffnet. 45 Der Narzissmus als Krankheit unserer Zeit (vgl. Rebentisch: Der „an einem zu idealen Bild seiner selbst erkrankte Narziss ist die für die Gegenwart paradigmatische mythologische Gestalt.“ – in: Hegels Missverständnis der ästhetischen Freiheit – in: Menke/ Rebentisch (Hrsg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Berlin 2010, S. 173) entsteht als Fluchtform vor der Angst, die durch die Sexualisierung der Gesellschaft und des Individuums sich radikalisiert. Für den Narzissten kann auf seiner Flucht in seine unheilvolle Zukunft Sex zur Selbstbestätigung seines brüchigen Selbstwertes hinter seinen Zielen der Selbstperfektionierung zurücktreten, die ihn zu immer forcierteren Selbstüberbietungen zum unmöglichen Abschütteln der Konkurrenz treibt. Das Spiel der Vermögen befreit nicht aus der Arbeit der Individuation bzw. aus der Arbeit am Miteinander als der Herauslösung aus allen Konkurrenzzusammenhängen, in die wir Postmodernen verstrickt sind, sondern verwandelt diese Arbeit in eine Spielerische, indem es das, was zu erarbeiten und zu entfalten in uns gelegt ist, in der Potentialität eines Immer-schon-Gegenwärtigen fühlbar macht, so dass wir es zwar entfalten können, Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 35 ihre potentielle Auflösung in Lust. Sie ist der Motor des Kapitalismus, der uns – zumal mit seiner Potenzierung im Finanzkapitalismus – immer weiter in die Katastrophe führt. Der zum Spiel- bzw. Integrationstrieb verwandelte Sexualtrieb, d.h. der Trieb nach immer höheren Synthesebildungen, ist die Kraft, die wir bisher nur als Sexualtrieb missverstanden und missempfunden haben und die in allem wirkt und alles am Leben erhält – und die auserkoren ist, den Kampf gegen die Angst, der wir als Menschen existentiell ausgesetzt sind, insofern sie uns allererst zu Menschen macht und als solche am Beginn der Selbstbewusstseinsgeschichte der Menschheit steht, zu kämpfen. Die historische Situation der Menschheit angesichts der drohenden Zerstörung des Ökosystems als ihrer Lebensgrundlage und der sich verdeutlichenden Zeichen der durch sie selbst verursachten Katastrophe des Klimawandels – der natürlich nicht ein für allemal, aber schleichend existentielle, alles umwälzende Wandlungen nach sich ziehen wird, von denen unklar ist, ob sie die Menschheit als Menschheit überlebt –, lässt unserer Ansicht nach nur die Option, das Ökosystem, d.h. die Umwelt, die Mitwelt und unsere innere Natur, ganzheitlich im Sinne des Holismus in allem, was wir denken, fühlen und tun, miteinzubeziehen. Das Problem des Holismus schien bis dato zu sein, dass seine Selbst- und Wirklichkeitsinterpretation nicht mit dem radikalen Pluralismus der postmodernen Philosophie zusammengeht, die the state oft the art auch aktueller Debatten noch ist und dessen Messlatte zu unterschreiten für jede gutgemeinte Theorie bedeutet, das Kind mit dem Bade auszuschütten, d.h. qua Ökodiktatur das aufzugeben, was eine Öko-Paradigma gerade retten soll, nämlich den Erhalt der Grundlagen der Freiheit des Menschen. Die Spielphilosophie als Theorie der ästhetischen Moderne erlaubt es unserer Ansicht nach (in ihrem hier beschriebenen, unseres Wissens aber noch nicht ausreichend entfalteten Potential) jedoch, den Holismus mit der Pluralität als sine qua none der Postmoderne zusammenzuschließen, insofern das Spiel der Vermögen aus der einen Quelle der Ganzheit einerseits neue Ganzheiaber frei davon werden, dies zwanghaft zu müssen. (Hierzu: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 62ff.)/ Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs (Baden-Baden 2017, XI)). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 36 ten zeugt, andererseits aber vollkommen individuell, d.h. im Sinne einer vertikalen Pluralität, die Schaffung pluraler Selbst- und Wirklichkeitsbeschreibungen erlaubt, die sich nur in dem einen Punkt gleichen, dass sie alle im Spiel der Vermögen oder seiner Selbstentfremdungsformen generiert wurden und damit aber auch potentiell übereinander abbildbar sind, d.h. gleichzeitig dem Grundgedanken des Holismus verbunden bleiben.46 Das Paradigma der Spielphilosophie scheint uns so besehen die einzige Option für die Menschheit, sich einerseits denkend, fühlend und handelnd in die Ganzheit des Ökosystems als ihrer Lebensgrundlage einzufügen (und damit auf den letzten Metern angesichts der drohenden Klimakatastrophe noch die Kurve in das Zusammenstimmen mit dem Ökosystem zu bekommen), ohne den Inbegriff ihres Menschseins – die Freiheit des Individuums und die Gleichrangigkeit und Pluralität seiner Schöpfungen – zu verraten. Dieser Anspruch der Spielphilosophie ist nicht nur die Grundlage der Gedanken dieses Aufsatzes, der aber eher ex negativo, d.h. abgeleitet aus den der Zeit unterstellten Krankheiten, versuchte davon zu überzeugen, dass Sexualität erst im Kontext der Liebe in voller Form zu sich selbst finden kann. Dieser Gedanke soll nun auch wie in einer Art Probe aufs Exempel dazu angewendet werden, die „Wahrheit des Sex“47 zu kristallieren, um sie gegen den Wahnsinn der Sexualisierung unserer Zeit ins Feld zu führen. Wir wagen uns damit an den heikels- 46 Wegen der philosophischen Bedeutsamkeit, den dieser Gedanken meiner Ansicht nach im Sinne einer Chance zur Auflösung eines ungelösten Widerspruchs zwischen zwei zentralen Paradigmata (dem Holismus der Naturphilosophie und dem Pluralismus der Postmoderne) unserer Zeit hat, verweise ich hier eigens auf meine Schrift: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, XII.3, Baden-Baden 2017, S. 446ff.. 47 Der Begriff der „Wahrheit des Sex“ meint genauer die historische Wahrheit des Sexuellen, d.h. die seiner Zeit und menschheitsgeschichtlichen Situation gerecht werdende Ausgestaltung des Sexuellen. Der Begriff ist in keinem Sinne normativ gemeint, sondern soll nur Perspektiven eröffnen. Die Sexualität des Menschen sollte, wenn sie überhaupt irgendwas soll, möglichst frei sein und die jeweiligen Bedürfnisse der Menschen ausdrücken, damit sie über diesen Ausdruck tiefer sich selbst verstehen lernen. Auch eine Sexualität, die nicht der „Wahrheit des Sex“ ihrer Zeit entspricht, ist „wahr“ und stellt für einzelne Individuen den Weg ihrer Individuation und ihrer Suche nach ihrer Ganzheit dar – ist im spezifisch historischen Sinne der Wahrheit des Sexuellen aber eben nur nicht geeignet, Perspektiven für den Mainstream der Zeit zu entwickeln, die im besten Fall zu sexueller Freude und Glück und damit zur Gesundheit der Freiheit von aller Selbstentfremdung und De- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 37 ten und heißesten Punkt menschlicher Existenz und damit diskursiv auch an ein Unternehmen, das geradezu dazu prädestiniert zu sein scheint, im Kreuzfeuer der Kritiken unterzugehen. Ausgangspunkt dazu ist Foucault als Zentralgestalt der postmodernen Philosophie und ihres Pluralismus im Namen der Freiheiten, der wie kein anderer nachgewiesen hat, wie sehr unsere Sexualität historischen Dispositiven und Diskursen verhaftet ist, aus denen wir uns nach Möglichkeit im Sinne der Realisierung unserer Freiheit und deren Glück individuell zu befreien hätten. Foucault ruft dazu auf, die Monarchie des Königs Sex durch eine Anarchie individueller Sexpraktiken und deren eigener Historizität, d.h. Wandlungs-Möglichkeiten im Laufe des Lebens, zu ersetzen und allen Versuchen der Essentialisierung zu widerstehen. Im Speziellen weist Foucault auch die Emanzipations- und Befreiungsbewegung des Sexuellen, die von Psychologen wie Gross oder Reich inspiriert in den 68 igern ihren Höhepunkt hatten, zurück, da sie in dem Versuch, Sexualität aus der Herrschaft des Patriarchats zu befreien und bspw. wie im Falle Gross auf Formen matriarchaler Sexualität zurückgehen, die sie als „frei“ hypostasieren, selbst wiederum „im modernen Sexualitätsdispositiv und damit auch in dessen essentialistischer Logik gefangen“ bleiben. Hofmann schreibt zu Gross Befreiungsideologie in einer Fachzeitschrift für Soziologie48 weiter: „Um den freudschen Kulturpessimismus zu überwinden und eine optimistisch-revolutionäre Kulturtheorie zu entwickeln, um also die Idee der unauflöslichen Gefangenheit des Menschen in der symbolischen Ordnung der Kultur zu überwinden, ist er gezwungen, sich auf etwas Unmittelbares, Natürliches und Ursprüngliches zu beziehen. So kippt seine sexualrevolutionäre Theorie, statt eine Offenheit für Neues zu entfalten, mit ihrem Rückbezug auf die mutterrechtliche Urzeit und auf „natürliche“ Prinzipien ins Reaktionäre und Normierende. (…) In Gross’ Theorie deutet termination führen. Zielpunkt unserer Rede von der „Wahrheit des Sex“ ist gerade, in ein Zeitalter einzutreten, in dem es keine Wahrheit des Sexuellen wie Heutzutage mehr gibt, in dem wir die bis heute herrschende Determination durch König Sex hin zu einer Freiheit des Spiels überwunden haben, in dem alles möglich ist und alles Variationen des Spiels des Miteinanders sind, die nur die eine „Wahrheit“ noch gemeinsam haben, nämlich dass sie frei von aller vorher noch maßgeblichen Determination sind und frei für alle Spielarten des Sexuellen sind. 48 Quelle: Internet: http://soziologie.ch/sozmag/sozmag-10/das-versprechen-einergluckseligkeit.html. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 38 sich bereits die Dialektik der „Sexuellen Revolution“ an, wie wir sie heute als „Nach-68er“ zu realisieren beginnen: Die Befreiung von Normen führt zu neuen Normen. Folgt man Foucault, so ginge es in der Überwindung des „sexuellen Elends“ gerade nicht darum, sich positiv auf eine zu befreiende „natürliche“ Sexualität zu beziehen, sondern den „König Sex“ vom Thron zu stoßen und die „Monarchie des Sexes“ zu beenden. Nur so könnten, jenseits des modernen Sexualitätsdispositivs, in dem wir gefangen sind, „andere Formen von Lüsten, Beziehungen, Koexistenzen, Bindungen, Lieben und Intensitäten“, nicht wiederentdeckt, aber hergestellt werden (Foucault49).“ Der Fehler der Emanzipations- und Antirepressionstheorie von Gross liegt im Rückbezug auf das Matriarchat, dass unter diesem Aspekt sehr wohl eine Form der Herrschaft ist (womit man dann eine Herrschaftsform gegen eine andere tauschte) und dass aber eben gerade nicht die Ur-Form menschlichen Selbstbewusstseins, sondern eine der zwei Formen der Selbstentfremdung der Menschheit im Zeitalter der Sentimentalität darstellt. Sie gilt es jedoch gerade zu einer neuen Synthese auf einer höheren Ebene der Selbstbewusstheit zu vereinen, die wiederum sich zurückbeziehen müsste auf die wahrhafte Ur-Form, nämlich das Spielbewusstsein des spielenden Kindes – aus dem wir, anders als Gross und andere Befreier der Sexualität, versuchen wollen, die „Wahrheit des Sex“ zu destillieren. Der Grundgedanke der postmodernen Philosophie Foucaults wie auch der Gender-Philosophie, die eine Dekonstruktion tradierter Inhalte und Formen wie des Sexualitätsdispositivs für möglich erachtet und mit Hilfe dieser Dekonstruktion glaubt, wie aus dem Nichts neue Inhalte und Formen des Lebens entwickeln zu können, steht in eklatantem Widerspruch nicht nur zu allen Formen der Philosophie des Organischen wie bspw. der Naturphilosophie Schillers und Schellings und der an sie anschließenden Philosophie der (in Abgrenzung zu Kant entwickelten Tradition der vernunftkritischen) ästhetischen Moderne Kierkegaards, Schopenhauers, Nietzsches, Heideggers, Jungs, Neumanns, Horkheimer/ Adornos und Böhme/ Böhmes, sondern auch im Widerspruch zum „gesunden Menschenverstand“: Wenn ich 49 Foucault: Nein zum König Sex. Interview (1977) – in: Foucault: Short cuts, Frankfurt/ M. 2001, S. 81–114. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 39 etwas verändern will, muss ich die Dynamik des Bestehenden aufnehmen, mich an die Spitze der Bewegung setzen und sie in eine sinnvollere Richtung umleiten, indem ich auf tieferliegende Momente ihrer selbst rekurriere und sie ihr neu ins Verständnis rufe. Das Spielbewusstsein des Frühmenschen, das aus dem Spiel der Vermögen geboren noch kein Selbstbewusstsein war, in sich aber die Vorform menschlichen Selbstbewusstseins bildete, indem es die Wirklichkeit nur spiegelte, ist unserer Ansicht nach nicht nur die Grundlage des verlorenen Paradieses der hermaphroditischen Kindheit der Kultur, sondern auch der Anknüpfungspunkt zu ihrer Erneuerung, die nach zig-tausend Jahren matriarchalen und patriarchalen Selbstbewusstseins im Zeitalter der Sentimentalität angesichts der aktuellen Bedrohungslage überfällig erscheint. Die „Wahrheit der Sexes“ wäre demnach eine Sexualität aus dem Spiel der Vermögen in je beiden Individuen und im Spiel des Miteinander ihrer sexuellen Interaktion. Das Spiel der Vermögen knüpft an die Seligkeit des Mutterbauchstadiums an, die sich über die Geburt bzw. die Selbstbewusst-Werdung der Menschen, die ja eine Isolation von ihrer Um- und Mitwelt mit sich bringt, in Angst wandelt, von ebendieser Angst überdeckt wird, die die Flucht nach vorne in das Herrschaftsdenken gegenüber Natur und den es begleitenden Machbarkeitswahns auf der Suche nach dem verlorenen Paradies motiviert, das einzig auf dem Weg einer Um- und Einkehr wiederzuentdecken wäre. Die „Wahrheit der Sexes“ aus und im Spiel der Vermögen wäre also eine, die aus reinem Selbstzweck und aus reiner Freude an der Sache vollzogen würde, in der es an nichts mangelt. Zentraler Unterschied zum Spiel der Vermögen der selbstbewusstseinslosen Frühmenschen wäre, dass sich dieses Spiel als Synthese eines vormalig Separierten (von Mann und Frau bzw. von matriarchalem und patriarchalem Selbstbewusstsein) bei voller Selbstbewusstheit vollzöge, um nicht den Entwicklungsstand der Menschheit im Rückbezug auf den Hermaphroditismus der Kindheit der Kultur zu unterschreiten und die im Hier und Jetzt existierenden Momente ihrer Geschichte aufzunehmen. Die Frage ist nun, was uns Heutige von dieser Sexualität im Spiel der Vermögen am Anfang der Menschheitsgeschichte trennt? Hier sind vorrangig drei Momente zu nennen: (1) Die Trennung von Körper und Geist und ihrer wechselseitigen Zurichtung und Instrumentalisierung für die Zwecke des jeweils anderen Aspekts Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 40 der Dualität, der gemäß wir uns erleben, die unsere polymorph-perverse Ansprechbarkeit zerstört und die für die Frühmenschen ohne Selbstbewusstsein noch nicht existierte. (2) Die Angst, die es für den Frühmenschen ohne Selbstbewusstsein nicht gab und die uns daran hindert, uns ganz dem Anderen hinzugeben (Hingabefähigkeit). (3) Die Schmerzen und Wunden der Geschichte unserer Individuation, die die Frühmenschen mangels Selbstbewusstsein noch nicht fähig waren zu erleiden und die unsere Freude an uns und unser Vermögen zur Freude über die Freude des Anderen trüben (Genussfähigkeit). Diese drei Qualitäten schenkt das Spiel der Vermögen, insofern es die Vermögen ins Spiel bringt und damit die Trennung von Körper und Geist, die sich ihrer Separierung verdanken, aufhebt; insofern es die Angst in der Freude des Spiels und in der Vitalisierung durch das Spiel aufhebt; insofern es mit dem Öffnen des Selbstverstehens auch ein Öffnen des Verstehen des Anderen ermöglicht, in dem die Schmerzen und Wunden heilen. Offen ist nun noch die Frage, wie wir im Feld des Sexuellen als Partner jeweils in dieses Spiel der Vermögen finden und wie wir es als Spiel des Miteinander entwickeln können? Hier vor diesem Hintergrund zeigt sich offenkundig, dass die „Wahrheit des Sexes“ als Spiel der Vermögen nicht im Körpermassaker des Porno, sondern eher auf der Grundlage von wechselseitiger Liebe als seelischem Geschehen zwischen zwei Menschen zu suchen ist: So zeigt sich einerseits, dass beide Partner nach Möglichkeit jeweils in ihr innerseelisches Spiel der Vermögen finden sollten, um miteinander möglichst voll ins Spiel des Miteinander zu finden (Autonomie als Voraussetzung funktionierender Paarbeziehung). Andererseits zeigt sich, dass sie diese Autonomie nur in einer möglichst tiefen Bezogenheit aufeinander entfalten können (Bezogenheit als Voraussetzung funktionierender Paarbeziehung). Die Entwicklung von polymorph-perverser Ansprechbarkeit, Hingabefähigkeit und Genussfähigkeit im Spiel der Vermögen setzt zusammengefasst also zwei jeweils möglichst autonome Menschen voraus, die als Drittes ihres Miteinanders ihre Bezogenheit entwickeln, ihre Autonomie und auch ihre Bezogenheit aber nur soweit entfalten können, wie es die Gegenseite ihrerseits jeweils beantworten kann. Die „Wahrheit des Sexes“ ist als seelisches (und eben nicht nur körperliches) Phänomen somit auf die Liebe als Attraktor angewiesen, die sich von sich aus zwischen zwei Menschen einstellt, die in der Tiefe ihrer Auto- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 41 nomie und damit ihrer Erlösungs-Bedürftigkeit und in der Intensität ihrer Bereitschaft zur Bezogenheit aufeinander, die wiederum aus der Tiefe ihrer Erlösungs-Bedürftigkeit quillt, soweit ähneln, dass sie einander die Möglichkeit zur wechselseitigen Resonanz ineinander schenken können. Die Sexualität im Spiel der Vermögen schenkt dann einerseits tiefe Synthesen im Inneren der Beteiligten und tiefe Synthesen im Miteinander, die aus zwei Gründen jedoch nicht den Verlust der Gegensatz-Spannung und damit Lustlosigkeit nach sich ziehen: (1) Im Falle dessen, dass das Paar miteinander so tief ins Spiel des Miteinander findet, dass der Grenzfall der Synthetisierung aller Gegensätze und die Heilung aller Schmerzen und Leiden der Individuation sich vollzieht, hätte dieses Paar die Freiheit von allem Ausagieren seines Schmerzen und damit die Freiheit zur Freude aller Möglichkeiten des Sexuellen erreicht, die in der Geschichte des Sexuellen sich entwickelt haben. Die Sexualität dieses Paars wäre reines Spiel, in dem beide Seiten nur so tun, als ob sie in polare Gegensätze zerfallen, die sich von ihren Schmerzen der Individuation in der unio befreien. Wahrscheinlicher ist jedoch der andere Fall (2), dass beide Seiten des Paares sich zwar momenthaft in der Sexualität im Spiel des Miteinander von den Schmerzen ihrer Individuation befreien können, aber qua Menschenschicksal diese unio nicht auf Dauer stellen können und post actum zurück in ihre Individualität und ihren Individuationsschmerz fallen, der dann wiederum eine Angst- bzw. Lustspannung erzeugt, die sie immer wieder neu die Erlösung im Sex suchen lässt. Dabei gilt: Je tiefer die Täler, die sie miteinander – durch das Band der Bezogenheit und die Liebe verbunden – durchschreiten, umso höher die Höhen, die sich ihnen schenken. Nietzsche erzählt in der Geburt der Tragödie50 den Mythos vom Sterben der Titanen unter dem Schwert des von den Nachfolge-Gottheiten vollstreckten Schicksals (griech. moira als Inbegriff des holistischen Wissens des Mythos), um damit die Leiden der Individuation, die unser Leben sind, und das Glück der Erlösung aus der Individuation, das unser Tod ist, und damit das Menschenschicksal selbst zu veranschaulichen: Aus ihren Tränen angesichts ihrer Sterben-Müssens 50 Nietzsche: Geburt der Tragödie – in: Colli/ Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche KSA I, München 2003, S. 72f.. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 42 unter dem Schwert der Götter, das sie zerstückt, werden die Menschen – aus ihrem Lächeln aber, das sich zeitgleich um ihren Mund abzeichnet, da sie aus ihrer Vereinzelung durch das Sterben unterm Schwert erlöst werden, entstehen die olympischen Götter. Nietzsche identifiziert den Menschen in seiner Leidens- und Glücksfähigkeit mit den Titanen, in deren Schicksal sich das Schicksal des Menschen spiegelt, nämlich qua Individuation von seinem individuellen Schicksal wie durch ein Schwert zu sich hochgemartert zu werden, auf diesem Weg zu sich selbst aber nach und nach von allem Lebendigen qua Individuation abzusterben, um andersherum im Sterben unter dem Schwert von seiner Individuation erlöst und ins Glück des vollen Lebens der unio mit allem Lebendigen zurückgeholt zu werden. Der Mythos zeigt nach Nietzsche die Ambivalenz des Menschenlebens, nämlich dass wir ohne den Schmerz der Individuation nicht nur keine Menschen wären (wie sie aus der Traurigkeit der Titanen und damit wir sinnbildlich aus unserer Traurigkeit entstehen), sondern dass wir ohne sie auch nicht die Freude empfinden könnten, die die Heilung der Individuation in der Vereinigung (die aus dem Lächeln der Titanen Götter zeugt und damit sinnbildlich uns lächelnd zu Göttern macht) schenkt. Das Spiel der Vermögen schenkt aus diesem Menschheitsschicksal bzw. diesem Naturgesetz des Stirb und Werde kein Entkommen – es erlaubt aber, es in seinem spielerischen Vollzug im Spielbewusstsein zugleich bzw. zumal51 zu transzendieren. Das Spiel des Miteinander erlaubt, seine Pole des Stirb und Werde des Sich-Ausdrückens (sein Individuelles gegen den Anderen zur Geltung Bringens) und des Sich-Beeindrucken-Lassens (sich vom Individuellen des Anderen überwältigen Lassens) in seinem spielerischen Vollzug zu erleben, und sie zugleich bzw. zumal in der Synthese der Harmonie und des Gleichgewichts, das sich zwischeneinander zeugt, zu vermitteln. Das Spiel des Miteinander erlaubt, den Gegensatz zwischeneinander und sein Sich-qua-jeweiliger-Individuation-in-der-Zeit-voneinander-Entfernens so tief als möglich zu empfinden, und zugleich bzw. zumal die Liebe als das Band zu entdecken, mit dem zwei Menschen diesen Gegensatz überbrücken; mit dem sie die Vergänglichkeit der Zeit und die Endlichkeit ihres Lebens 51 Vgl. Hühn: Die Wahrheit des Nihilismus. Schopenhauers Theorie der Willensverneinung im Lichte der Kritik Friedrich Nietzsches und Theodor W. Adornos – in: Figal (Hrsg.): Interpretationen der Wahrheit, Tübingen 2002, S. 148. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 43 – für das sie sich verbinden – miteinander transzendieren. Nietzsche zufolge verschmilzt der Mensch im Spiel der Vermögen mit der Zeugungslust des Ureinen, d.h. ahmt spielend das Spiel des Gott-Kindes, des von ihm sogenannten Aion, das die Welt spielend hervorbringt und wieder zerstört, um von Neuem zu beginnen, nach, um am Spielbewusstsein dieses Gottkindes und seiner Schaffens- und Schöpfungslust teilzuhaben.52 Nietzsche – dessen Schicksal es war, nicht mit seiner Großen Liebe Lou-Salomé zusammenzufinden und als Seher des Vergangenen und Gegenwärtigen und als Künder des Kommenden zu vereinsamen – hatte noch kein Bild für das Spiel des Miteinanders, kein Bild für die Dualität von Weiblichem und Männlichem und deren Synthese (die nicht sein Thema war), das sich aber mühelos im Mythenschatz der Menschheit findet: das göttliche Paar des Hieros Gamos, der Heiligen Hochzeit, wie es bspw. im gemeinsamen Schöpfungstanz von Shiva und Parvati, den Gottheiten des indischen Pantheons, ausgedrückt ist, die im Tanz Menschenkinder zeugen, die an Parvatis Bein während des Tanzes hinunterrutschen, um sie dann tanzend unter ihren Füßen zu Tode zu trampeln – und ihnen damit zugleich bzw. zumal das Leben ihrer Individuation zu schenken und sie von der damit einhergehenden Vereinzelung im Tod der unio zu erlösen. Die Schöpferischkeit des Paares besteht sinnbildlich nicht im Kinderzeugen und Großziehen (das geschieht im besten Sinne auch für die Kinder nebenbei), sondern zwischeneinander immer wieder neu eine Harmonie und das Gleichgewicht ihrer jeweiligen Synthesen zu generieren, die zugleich bzw. zumal wieder Vergangenheit ist, d.h. in der Auseinanderlegung ihrer Gegensätzlichkeit sich verliert, unter ihrem Tanz stirbt, um in ihrem Tanz aufs Neue gezeugt zu werden. Das Spiel der Vermögen wie das Spiel des Miteinander entdeckt im spielerischen Vollzug der Naturgesetze und nicht in der angstgeleiteten Flucht vor ihnen in 52 Vgl. Nietzsche: Geburt der Tragödie – in: Colli/ Montinari (Hrsg.): Friedrich Nietzsche KSA I, München 2003 und Nietzsche: Dionysos Philosophus – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd.1, Salzburg 1960 – vgl. dazu: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 85ff.) und Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, XI (Baden-Baden 2017, S. 120ff.). Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 44 eine unmögliche Zukunft, dessen teilhaftig zu werden, aus dem alles lebt und lebendig bleibt: der Seligkeit des Schöpferischen. Die Bilder des Porno sind – allenthalben im Kontrast zu dem zuletzt Entfalteten – hohle Attrappen äußerlicher Sexualität, die uns ein Beispiel dessen sein können, was wir innerlich seelisch im Spiel des Miteinander mit Leben füllen könnten, würden sie nicht ins Äußere der Veräußerlichung verführen. Sie mit Leben zu füllen könnten wir im Spiel als Anverwandlung von Spielvariationen. Um ins Spiel des Miteinander zu kommen, brauchen wir aber einen inneren seelischen Funken zwischeneinander, der eine Eigendynamik entfacht und uns ins Offene und wohin auch immer treibt. Die Bilder des Porno, entfacht sich dieser Funken und entwickelt sich eine seelische Dynamik des Begehrens zwischen-einander, fallen als leere Attrappen in sich zusammen und lösen sich als Chimären unserer Angst in die Luft auf, die sie sind. Sie sind im wahrsten Sinne des umgangssprachlichen Ausdrucks trotz aller im Porno zu sehenden, nackten Ärsche „arschlos“, weil der Kontakt mit ihnen kein seelischer ist. So ist jede noch so zaghafte Berührung einer noch so verklemmten Frau erotischer und erregender, solange sie auf der Wechselseitigkeit des platonischen Liebesblicks beruht. Der platonische Liebesblick als essentieller Teil des Spiels des Miteinanders lässt einander in seinen Möglichkeiten wahrnehmen, anstatt sich wechselseitig auf die eine Wirklichkeit des Sound-so-Seins zu reduzieren53 – eine Reduktion, die alle Verlebendigung und damit alles wechselseitig sich steigernde Begehren im Keim erstickt. Der platonische Liebesblick macht alle Möglichkeiten beider Liebenden zugleich fühlbar, weil im stillsten Funken zwischeneinander schon der ganze erotische und erregende Reichtum der unendlichen sexuellen Möglichkeiten zwischeneinander angelegt und enthalten ist, der entfaltet werden kann, aber nicht muss, weil er sich auch schon in der Energie- und Bedeutungsladung dieser verklemmten Berührung von sich aus ausspricht, ihr seine ganze Energie-Qualität schenkt, die man sonst nur entfaltet, die dadurch aber nicht „mehr“ im Sinne der Quantität der äußeren Sexualität des Porno wird. Die Liebe – so können wir nach allem schlussfolgern – ist die Freude, die wir suchen. 53 Vgl. zum platonischen Liebesblick ausführlich: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 62ff.) Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 45 Auf unseren Ausgangspunkt bei Foucaults zurückkommend, bleibt zu sagen: Seine individuelle Freiheit des Sexuellen, die den Determinationen der Sexdispositive abgerungen werden muss, kann nicht entdeckt werden, indem die Determinationen verdrängt werden (denn dann setzen sie sich im Sinne der Wiederkehr des Verdrängten wiederum durch), sondern nur, indem sie aufgenommen und als solche transzendiert werden54: Liebende Sexualität und sexualisierte Liebe – wie sie sich im Spiel der Vermögen zweier Menschen, die miteinander ins Spiel des Miteinander finden, einstellt – sind neben dem Weg des individuellen Spiels der Vermögen die Chance des Menschen, sein Gewordensein anzunehmen und es zugleich und zumal zu transzendieren und neue Freiheiten zu erschließen. Hier liegt das „Unbekannte“, zu dessen Entdeckung und Verwirklichung Rimbaud aufgerufen hatte.55 Im Spiel der Vermögen und im Spiel des Miteinander gibt es eine Chance auf die individuelle Freiheit echter Individuation. Sie kann 54 Vgl. dazu: Hölzel: Das Spiel des Aion und das Spiel des Menschen. Zur Vertiefung der ästhetischen Subjektivität Kants bei Schopenhauer und dem frühen Nietzsche (Berlin 2008, S. 123ff.) und Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, IV, V, XII (Baden-Baden 2017). 55 Rimbaud schreibt: „Wenn die unendliche Knechtschaft der Frau gebrochen ist, wenn sie für sich lebt und durch sich selbst, wenn der Mann – erbärmlich bis jetzt –, zurückgibt, was ihr gehört, dann wird auch sie Poet sein, auch sie! Die Frau entdeckt das Unbekannte! Werden sich die Welten ihres Denkens von den unseren unterscheiden? – Sie wird seltsame, unergründliche, schwierige, wunderbare Dinge entdecken, und wir werden das erfassen, werden es verstehen“ (Rimbaud: Sämtliche Werke, Keck (Hrsg.), Frankfurt/ M. 1992, Brief, S. 398). Das Zentrale Neue wird sich nach Rimbaud, der dies ca. 1870 niederschrieb, daraus ergeben, dass die Frau ihre weibliche Perspektive auf die Wirklichkeit gegen die männliche Unterdrückung zur Geltung bringt. Ich glaube aber nicht, dieses Zitat überzustrapazieren und es als das Nicht-Gesagte und damit Evozierte dieses Gedichts in ihm finden zu können, wenn meiner Ansicht nach die Errungenschaft, die er prophezeit und wesentlich erhofft, im wechselseitigen Verstehen auf Augenhöhe liegt, was aber – und dies ist durch nichts zu ersetzen – nur über die Entfaltung der Perspektive der Frau durch die Frau erreichbar sein wird. Flaßpöhlers Idee, dass die Frau ihre Potenz entdecken und verstehen sollte, ist in diesem Zusammenhang zentral: Nicht nur, um die verdrängte andere Hälfte der Wahrheit unserer Wirklichkeit bewusst zu machen und damit ins bewusste Spiel zu bringen, sondern auch, um ihre Macht, die sie hat und unterschwellig auch schon im Patriarchat hatte, bewusst und damit kontrolliert in Szene zu setzen, um auf diese Art den ansonsten eskalierenden Geschlechterkampf ins Spiel des Miteinanders zu verwandeln. Beide Geschlechter „wissen nicht, was sie tun“ – und beide Geschlechter sollten lernen, aus ihrem Unverstehen und Sich-Missverstehen für ein fruchtbareres Miteinander zu Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 46 sich nur in der Bezogenheit auf ihr Sterben als notwendiges Moment des Schöpfungsprozesses (im Nichts des Gestaltlosen als Moment des „Gestaltlos-Gestaltenden“ des Schöpferischen56 im Spiel der Vermögen) oder in der Bezogenheit auf ihr Sterben im Gegenüber der Paar- Beziehung (im Spiel des Miteinander als dieser Schöpfungsprozess von neuem Miteinander) entwickeln – und sie macht auch nur als solcherart bezogene Individuation Sinn. Individuelle Freiheit aus den Quellen der Bezogenheit ist aber die Voraussetzung für eine Pluralität von Selbst- und Wirklichkeitsinterpretationen vieler Individuen, deren Möglichkeit Foucault offenhalten will, die ihren Namen verdient (und uns nicht nur zu Sklaven einer Fremdbestimmung qua Selbstmissverstehen macht). Pluralität, die ihren Namen verdient, erhöht wiederum die Überlebenschancen der Spezies Mensch qua Diversifikation. Individuelle Freiheit der Individuation ist aber – wie wir gesehen haben – nicht etwa durch veräußerlichte, möglichst entgrenzte Sexualität zu haben, sondern nur im Rahmen einer „bezogenen Individuation“ (Stierlin57), d.h. im Miteinander von Zweien, die sich wechselseitig den Resonanzraum zu ihrer jeweiligen sexuellen und vor allem grundlegend seelischen Entfaltung und Verwirklichung schenken. Die Spielphilosophie – so glauben wir – löst Foucaults wunderschönen Traum ein. Novalis hat die Richtung vorgegeben: „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“.58 Angesichts der Grenzen des Wachstums, vor die uns das Ökosystem mit dem Klimawandel und dem Verlust unserer Heimat stellt, geht es darum, die Flucht der Menschheit vor der Angst, die der Preis für das Selbstbewusstsein der Menschen war, zu beenden – und die lange Geschichte der Flucht und der auf ihr erlittenen und geschlagenen Wunden und Traumata aufzuarbeiten. Der Reichtum ist nicht mehr im Außen zu finden: sein Glücksversprechen hat sich durch das Feuer, das zu seiner Einlösung zwischeneinander und in den erwachen. (Vgl. Flaßpöhler: Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit, Berlin 2018). 56 Neumann: Die Psyche als Ort der Gestaltung, Drei Eranos-Vorträge, Frankfurt/ M. 1992, S. 122. 57 Vgl. Stierlin: Individuation und Familie. Studien zur Theorie und therapeutischen Praxis, Frankfurt/ M. 1994. 58 Novalis: Blüthenstaub-Fragmente – in: Mähl/ Samuel (Hrsg.): Werke, Tagebücher und Briefe, Bd. 2, Darmstadt 1978, S. 233. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 47 Motoren und Öfen entfacht wurde und das das Ökosystem in die Überhitzung treibt, nicht nur in Luft, sondern in einen alles vernebelnden Rauch aufgelöst. Nur Innen, in der Einkehr und Zuwendung zu dem, was war, warum es war und wie es uns in unserem aktuellen So- Sein erklärt, ist Reichtum, ist Friede und Stille zu finden. Phylogenetisch wie ontogenetisch: So wie die Menschheit ihr Ankommen auf ihrem Planeten nur auf dem Weg ins eigene Innere finden kann, so ist dies auch für jedes Individuum. Seine Wahrheit und seinen Weg und finalen Frieden in sich selbst findet es nur, wo es sich seiner Herkunft, seiner Familiengeschichte, seinen Mehrgenerationenproblemen, d.h. dem Rucksack an Problemen, Mustern und Komplexen, die es von den Eltern ererbt hat, stellt. Wo es erkennt, inwiefern es ein Produkt der Liebe oder der Selbstentfremdung seiner Eltern ist, wie selbst hinter der Selbstentfremdung noch die Liebe am Werke war, die die Eltern zueinander getrieben hat, inwiefern es also Produkt ihrer Liebe ist und dazu auserkoren, ihr wechselseitiges Missverstehen, ihre Disharmonie, ja die Polarität und Disperarität zwischen ihnen, die sich in ihm momenthaft zur Zeugung eingeschmolzen hat, in sich selbst zur Integration zu bringen, d.h. das Verstehen ihrer Unterschiedlichkeit, das Verstehen ihrer Liebe zwischeneinander und damit das Verstehen von sich selbst, der es ihre Sehnsucht nach Erlösung verkörpert, zu verwirklichen. Sexualität ist ein körperlicher Akt, der seelisch verstanden, der seelisch in Liebe eingebettet sein, der seelisch liebend verstehend als Seelisches integriert werden will. Die „Wahrheit der Sexes“ läge darin, dass sich zwei Menschen miteinander paaren, die sich im Akt möglichst weitreichend jeweils selbst verstehen, den anderen verstehen und im Bewusstsein ihrer Unter- und Gegensätzlichkeit wie aus weiter Ferne zueinander liebend in die tiefste Nähe finden. Die Liebe als Attraktor speist sich aus der Möglichkeit der Resonanz ineinander: Zwei verlorene Kinder können sich wechselseitig zur Heimat werden, die sie lange entbehrten, weil ihr jeweiliger Schmerz im Anderen und dessen Schmerz wiederklingt, auf Resonanz stößt, nicht verkapselt bleiben muss und zu Problemen zwischeneinander führt, insofern er nach oben zur Lösung drängend auf Desinteresse stößt, sondern wieder- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 48 klingt und im Wiederklingen verstanden werden kann und heilt.59 Kinder sind der Versuch der Natur, zur Integration ihrer Auseinanderlegung in den Geschlechtergegensatz zu finden – ein Versuch, der rein körperlich gelingt, seelisch aber nicht nachvollzogen wird und damit sein Unverstandenes auf die Kinder überträgt, die es dann zu ihrer eigenen Erschwernis und als eigene Bürde und Schicksal auszutragen haben, anstatt frei und unbeschwert die Freude ihres Kindseins zu leben. Die „Wahrheit der Sexes“ würde keine Altlasten und Bürden übertragen, insofern beide Seiten des Paares sich jeweils im Anderen verstehen und ihre Schmerzen in diesem Verstehen und Angenommensein ausheilen können: sie löst die Schmerzen, die zu heilen die Liebe sie zueinander geführt hat – und d.h. auch, sie verwandelt nicht nur die Liebenden zu Kindern, sondern zeugt auch Kinder, die dies sein und bleiben können: sie erfüllt den uralten Traum der Menschheit vom Paradies.60 Sie macht uns zu Wesen, die nicht rast- und haltlos aus sich über sich hinaus drängen und dabei Um- und Mitwelt neue 59 Jungs Begriff der Quaternität – wie ich ihn weiter oben verwendet habe – erschließt sich am Treffensten mit Rosas Begriff der Resonanz: Die Selbst-Ganz- Werdung können wir als soziale Wesen nur in der Quaternität durch das wechselseitige Wiederklingen ineinander, das die Möglichkeit zum Verstehen dessen gibt, was da wiederklingt, erreichen. Die Selbst-Ganz-Werdung bzw. unserer Ganzwerdung als Paar durch Liebe löst nicht nur unsere eigenen Probleme, sondern hilft auch anderen Menschen, mit denen wir liebend verbunden sind. Die Selbst-Ganz- Werdung befreit uns von unseren Schmerzen und Problemen, womit wir nachträglich auch die Last unserer Probleme von den Schultern unserer Kinder nehmen, die wir ihnen, solange wir sie nicht lösen, ihnen unwillentlich aufbürden. Mit der Ganz-Werdung als Paar lösen wir nicht nur unsere eigene Schwierigkeiten und Probleme im Zwischenmenschlichen, sondern auch die unserer Eltern, da wir miteinander ihren jeweiligen Auftrag an die Partner des Paares, d.h. die von ihnen übertragene Bürde, aufheben, was wiederum fruchtbar auf die Eltern selbst zurückwirkt. Beide Formen der Ganz-Werdung schließlich tuen das, was nach Nietzsche das Einzige ist, was Menschen Positives an Hilfe für andere geben können: sie geben ein „Beispiel“ – ein Beispiel, das zur Selbsthilfe inspiriert (vgl. Nietzsche: Schopenhauer als Erzieher – in: Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden Bd.2, 1960, S. 83). 60 Vgl. Jung/ Kerenyi: Einführung in das Wesen der Mythologie. Der Mythos vom göttlichen Kind und Eleusinische Mysterien, Zürich 1999, S. 107, wo sie den Mythos des hermaphroditischen, göttlichen Kind als „Anfangs- und Endwesen“ in Erinnerung rufen, das den paradiesischen Beginn der menschlichen Kulturgeschichte markiert und bis heute auf seine kulturelle Einlösung in einem ausstehenden Zeitalter wartet. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 49 Schmerzen zufügen, sondern die selbstgenügsam in reiner Spielfreude aufgehen. Das Ausheilen der Wunden und der Schmerzen in einer Sexualität, die bewusst zwischen Liebenden, sich Verstehenden und sich Annehmenden vollzogen wird, und damit den Schmerz der Vorfahren und der Familiengeschichte zwischen sich zur Lösung bringt, verwandelt den Planeten, der überall die Mahnmal von Mord und Totschlag trägt wie verdrängte Erinnerungen längst vergangener Greuel- und Verzweiflungstaten, in einen Ort der Aussöhnung, der Erlösung und des Friedens. Sexualität wird als ein Körpergeschehen missverstanden, zu dem uns unser vom Geist entfremdete Körper treibt, zu dem der vom Körper entfremdete Geist den Körper einspannt, anstatt es als ein Seelisches Geschehen zu verstehen, in dem die Wunde der Trennung von Körper und Geist heilt. Sexualität, die aus Liebe zwischeneinander entsteht, erinnert die Schmerzen der Verletzungen, die uns aus dem Paradies der Kindheit vertrieben haben, die uns in Körper und Geist geschieden haben, die sich seitdem wechselseitig als Werkzeug zur Erfüllung ihrer aus ihrer Trennung resultierenden Bedürfnisse einspannen – und heilt sie aus, indem sie sie wechselseitig annimmt, versteht und im Verstehen die Trennung von Körper und Geist in der Integrität des Seelischen aufhebt. Die Menschheit ist an dem Punkt ihrer Geschichte, wo sie die Geschichte aufheben muss – oder sehenden Auges untergeht. Sie ist an dem Punkt ihrer Geschichte, wo sie die Auseinanderlegung der Gegensätze in Mann und Frau phylogenetisch als Synthese von Matri- und Patriarchat und ontogenetisch als Synthese von Individuen in einer liebenden Sexualität bzw. einer sexualisierten Liebe aufhebt – nicht um danach in einer unterschiedslosen Langeweile ohne Gegensatz-Spannung dahinzuvegetieren, sondern um die Möglichkeiten, die zwischeneinander sich auseinanderlegen und reizen, wofür die Menschheitsgeschichte unzählige Variationen bietet, spielerisch – als ihrer selbst bewusste Helden-Kinder – zu entfalten. Das Ziel der Geschichte wäre erreicht, wenn der Hippietraum sich erfüllt: wenn so, wie die Hippies damals dachten, das „Age of Aquarius“ nicht nur für einen Sommer, sondern in ewiger Gegenwart sich erfüllte. Hierzu sind noch einige Transformationen des Realen nötig, die Geschichte mit sich bringen: je mehr Menschen sich aber für sich und miteinander als Paar auf den Weg machen, desto eher wird sich das erträumte Paradies ohne unser Zutun unter der Hand einstellen. Das Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 50 Wissen steckt in jeder zweiten Zeile jeden zweiten Buches: wir müssen es nur sehen – und die Widerstände und Ängste, die uns an seiner Verwirklichung hindern, bearbeiten – und verstehen: Sich unseren Ängsten und unseren Widerständen zu stellen heißt für uns, die wir alle mehr oder minder in einen Konkurrenzkampf aller gegen alle verstrickte Narzissten sind, aufhören zu können, die eigene Tatenlosigkeit mit dem Blick auf den tatenlosen Nachbarn zu rechtfertigen. Das Fatale am sexualisierten Begehren, das uns und die Gesellschaft bestimmt, ist, dass es zu dem von Girard entdeckten „mimetischen Begehren“ wird61, durch das das, was ein anderer begehrt, einfach nur aufgrund dessen, dass er es begehrt und uns damit in seiner Wertigkeit bewusst macht, für uns selbst begehrenswert erscheinen lässt. Das mimetische Begehren macht uns zu Marionetten wechselnder, von außen induzierter Begehrlichkeiten und der Jagd zu ihrer Befriedigung und Erfüllung, die uns daran hindern, uns unseren je eigenen Ängsten und Widerständen zu stellen und damit unsere je eigenen Potentiale und Freiheiten zu entdecken. Wir verzichten nicht aufs Fliegen, weil wir keine Lust haben, uns von den Urlaubsgeschichten Anderer ins Bockshorn jagen zu lassen. Wir schützen uns vor unseren negativen, letztlich aus der nicht überwundenen Angst geborenen Gefühlen wie Neid, Eifersucht und Konkurrenz, indem wir mit allen Mitteln versuchen, ihnen zuvor zu kommen, indem wir unser Konto an Erlebnissen und Ereignissen füllen, um den Spieß umzudrehen, d.h. den Anderen vor Neid erblassen zu lassen. Der einzige Ausweg aus diesem ruinösen Konkurrenzkampf ohne Ankommen, der jeden Einzelnen, das friedliche Zusammenleben aller und das Ökosystem aufgrund des damit einhergehenden, sinnlosen Ressourcenverbrauchs zerstört, ist die Konfrontation mit der eigenen Angst: wenn sie sich löst, verwandeln sich die Dämonen, die einem das Leben entreißen wollen, in Engel, die einen vom irdischen Dasein befreien (Meister Eckhardt); wenn sie sich löst, verwandelt sich die Grundeinstellung unserer Existenz vom Haben ins Sein (Fromm62); wenn sie sich löst, entdecken wir allererst unser unverwechselbares Selbstsein und kommen erstmals in diesem Leben auf 61 Vgl. Girard: Das Heilige und die Gewalt, Zürich 1987 und Girard: Das Ende der Gewalt. Analyse des Menschheitsverhängnisses, Freiburg 1983. 62 Vgl. auch Fromms für unser Thema einschlägiges Werk zum Thema: Die Kunst des Liebens, Frankfurt/ M./ Berlin 1990 und das ihm vorangestellte Zitat von Paracel- Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 51 diesem Planeten, von dem uns unsere Angst entfremdet, an; wenn sie sich löst, entdecken wir Eigensinn anstelle von Stumpfsinn, Eigenzeit anstelle von Beschleunigung und unsere eigene Schöpferischkeit anstelle einer Existenz als Weihnachtsbaum, der sich schmückt.63 Dann – und nur dann – wird „am Ende“ – wie der Taugenichts Eichendorffs sagt – „alles alles gut“. sus: „Wer nichts weiß, liebt nichts. Wer nichts tun kann, versteht nichts. Wer nichts versteht, ist nichts wert. Aber wer versteht, der liebt, bemerkt und sieht auch … Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt, desto größer ist die Liebe … Wer meint, alle Früchte würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif, versteht nichts von den Trauben.“ Hierin ist die Hoffnung machende Anlage zur Selbstpotenzierung der Liebe als auf Verstehen basierender Naturkraft und ihre sich daraus ergebende Ansteckungskraft spürbar. 63 Vgl. Hölzel: Das Selbstverhältnis der Medialität. Implikationen des Spielbegriffs, Baden-Baden 2017, XI. Spielphilosophie und Liebe als Integration von Matriarchismus und Patriarchismus 52

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References

Zusammenfassung

Die Irritationen durch den Klimawandel spiegeln sich in der Aggressivität öffentlicher Debatten. Im Unklaren über die Ursachen der epochalen Krise, verstärken wir mit unzulänglichem Problembewusstsein und Symptombehandlungen nur das Gefühl der Hilflosigkeit. Neoliberalismus und Naturzerstörung sind Folgen des exklusiven Charakters der „Monarchie von König Sex“, der Angst macht und im Narzissmus Zuflucht suchen lässt. Nur die Natur – spielphilosophisch verstanden – kann das Matriarchale und Patriarchale in ihrer Synthese einen. Die Politik selbst ist sexualisiert und findet nicht in den gerechten Ausgleich der Interessen, der mangels Bezugnahme auf das Dritte der Natur aussteht. Im tobenden Geschlechterkampf sind wir alle Opfer und zugleich Täter. Die Sexualisierung aller Lebensformen nach 3 000 Jahren Patriarchat wäre in einer therapeutischen Gesellschaft überwindbar, die die Herausforderungen als Chance begreift und Motivationen für eine Politik radikaler Einschnitte freilegt.