Pornografie als Subversion des Patriarchats in:

Malte Hölzel

Sexualität und Wahnsinn, page 11 - 22

Spielphilosophische Perspektiven für eine therapeutische Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4367-7, ISBN online: 978-3-8288-7347-6, https://doi.org/10.5771/9783828873476-11

Tectum, Baden-Baden
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Pornografie als Subversion des Patriarchats Zentrale Ursache für das Zerrbild einer glücklichen Sexualität – wie es sich im Porno spiegelt und über seine Bilder im Kopf vielen Menschen ein glückliches Sexualleben durch falsche Wert- und Wahnvorstellungen verbaut – ist ihr Quellgrund in der nicht reflektierten, unverstandenen Angst: Sie macht die glückliche Vereinigung und unio zweier Seelen zu einem Körper-Massaker ohne Ankommen. Die Pornografie enthält ein subversives Moment, das das mindestens seit 1800 voranschreitende Sterben des Patriarchats (vgl. Nietzsche, Foucault, Neumann, u.a.) zumal im globalen Maßstab, d.h. in traditionelleren, althergebracht patriarchalen Kulturen, die es unterwandert, beschleunigt. Der Patriarchismus ist zur Integration des von ihm Verdrängten, Weiblich-Attribuierten, dem von Böhme/ Böhme sogenannten Andere(n) der Vernunft wie Frau, Natur, Erde17 gezwungen – und muss sich zu dieser Integration notwendig aufgeben, d.h. wird, da die Männerdomänen ihre Macht nicht kampflos abgeben, am Porno und der Radikalisierung der sexuellen Freizügigkeit der Frau notwendig zerbrechen. Auf einem von Sjöö 1969, d.h. im Zuge der Befreiungs- und Emanzipationsbewegung der 68iger Generation gegen althergebrachte Strukturen und Machtverhältnisse erstellten Plakats zur women´s liberation, steht: „Women (...) are rising with a fury older than any force in history. This time will be free or no one will survive“.18 Diese Warnung – die auf dem Plakat von 1969 mit einem Bild der Sphinx unterstrichen ist, die damit also auch im 20. Jahrhundert als nicht-integrierte Wiedergängerin des verdrängten Weiblichen wie schon vor Ödipus in der Öffentlichkeit auftaucht – gilt es ernst zu nehmen. Die Wut – das ist hier deutlich benannt – quillt aus matriarcha- 17 Vgl. Merchant: The Death of Nature, San Francisco 1980; Böhme/ Böhme: Das Andere der Vernunft, Frankfurt/ M. 1985, S. 21f.. 18 Sjöö/ Mor: Wiederkehr der Göttin. Die Religion der großen kosmischen Mutter und ihre Vertreibung durch den Vatergott, Braunschweig 1985, S. 239. 11 len Vorzeiten, wenn man bedenkt, dass das matriarchale, mythische Wirklichkeitsverständnis noch zyklisch war und die Geschichte als eine Suche nach dem verlorenen Paradies in der Zeit mit dem Patriarchat beginnt. Ihr geht es vordergründig um Anerkennung auf Augenhöhe, tiefer besehen um die ausstehende Integration von Matriarchat und Patriarchat, Mutter- und Vatergottheit, Mythos und Logos (wobei der Mythos auch schon ein wenn auch nicht als solcher anerkannter Logos war), von Weiblichem und Männlichem. Als Hauptsymptom des forcierten Geschlechterkampfes unserer Tage kann das Phänomen der Pornografie verstanden werden, das sich – als Folge des Patriarchismus von Männern für Männer inszeniert – im Sexismus der Werbung und der Mode19, seiner Allgegenwart im Internet und in der Prostitution spiegelt, diesen Patriarchismus aber zugleich zunehmend unterwandert. Pornografie lässt sich entschlüsseln als Symptom und Ausdruck der Ohnmacht des Mannes angesichts seiner selbstentfremdeten Geilheit und seiner selbstentfremdeten, verstärkten Schlüsselreiz- Empfänglichkeit gegenüber den Reizen von Frauen und der Ohnmacht der Frau angesichts ihrer Selbstentfremdung, die unter den Bedingungen des herrschenden Patriarchismus entstanden, unbewusst im Sinne der tieferen Logik des Strebens der Natur nach Auseinanderlegung der Gegensätze zu ihrer finalen höheren Integration, seine Zersetzung und Unterwanderung bewirkt. Insofern weibliche Sexualität auf die verstärkte Hingabe des Mannes ihrerseits mit vertiefter Hingabe reagiert, treiben sich beide Parteien des Geschlechterkampfes wechselseitig in den Wahnsinn, zwar Befriedigung zu suchen, sie aber mangels ihrer Selbstentfremdung nicht finden zu können – und sich in einem endlosen Regress im Sinne schlechter Unendlichkeit durch erneute, unendliche, aber eben nur äußerliche Aufreizung, der es einzig um die Bestätigung ihres Selbstwertes und die Abwehr der Angst geht, dessen berauben, was sie selbst anstreben. Der im Porno inszenierte Vernichtungswunsch des Mannes gegenüber der Frau, in dem er letztlich das auszulöschen sucht, was ihn sonst umgekehrt zu vernichten droht, ist zum 19 Der Sexismus in Werbung und Mode zeigt sich z.B. in einer Axe-Werbung von vor einigen Monaten, in der eine euphorische Frau breitbeinig über einer phallischen Axe-Deo-Spraydose steht – oder in den aktuell allgegenwärtigen Push-Ups für Frauen und formgebenden Synthetik-Strumpfhosen, die natürliche Körper mit ihren Eigenheiten zu scheinbar perfekten, normierten Cyberkörpern wandeln. Pornografie als Subversion des Patriarchats 12 Scheitern verurteilt: das Weibliche als integraler Bestandteil der Ganzheit der Natur lässt sich nicht aufheben, sondern nur auf Augenhöhe annehmen. Die Pornografie – wie sie die postmoderne Welt-Gesellschaft zunehmend unterwandert – kann betreffs ihres ikonografischen Aspekts als eine – wenn auch wie gesehen selbstzerstörerische – Form der Subversion des Patriarchismus im feministischen Kampf um Anerkennung interpretiert werden. So verwundert es nicht, dass sie genau am zentralen Ausgangspunkt des abendländischen „Fortschritts in der Geistigkeit“20 (Freud) – also der Quelle von Monotheismus, Vernunft und Patriarchat, die die Vernunft des Matriarchats, den Mythos, als blinde Phantasterei abtut und damit ihre eigenen Grundlagen und Grundaxiome zum Verhängnis der Menschheit verdrängt (vgl. Horkheimer/ Adornos Dialektik der Aufklärung) – subversiv ansetzt. Freud hatte in Der Mann Moses und die monotheistische Religion im Bilderverbot der Mosesreligion den entscheidenden Faktor des seiner Ansicht nach dem Judentum zuzuschreibenden Geistesfortschritts gesehen, der aber auch im Griechentum des Sokrates als der zweiten, wesentlichen Quelle des abendländischen Patriarchismus vollzogen wurde: „Unter den Vorschriften der Mosesreligion findet sich eine, die bedeutungsvoller ist, als man zunächst erkennt. Es ist das Verbot, sich ein Bildnis von Gott zu machen, also der Zwang, einen Gott zu verehren, den man nicht sehen kann. (...) wenn man dieses Verbot annahm, musste es eine tiefgreifende Wirkung ausüben. Denn es bedeutete eine Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, einen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit, strenggenommen einen Triebverzicht mit seinen psychologisch notwendigen Folgen.“21 Das Bilderverbot ist also eine Abkehr von der Sinnlichkeit und Hinwendung zur Geistigkeit, wie sie analog für die Entwicklung hin zum griechischen Patriarchismus gilt22, die in den Augen Freuds eine Sublimierungsleistung darstellt. Dieser Sublimation entspricht die abendländische Zurichtung des Sehsinns als 20 Freud nach Assmann: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus, München 2003, S. 123. 21 Freud: Kulturtheoretische Schriften, Frankfurt/M. 1974, S. 559 – Zitat nach Assmann 2003, S. 134f.. 22 Vgl. Theunissen: Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard, Freiburg 1982. Pornografie als Subversion des Patriarchats 13 Herrschaftssinn, die im Zuge der Opferung der inneren Natur sich einstellende Fixierung an diesen Sehsinn und seine Vergeistigung zur geistigen (Ideen-) Schau, d.h. die Aufschlüsselung des Phänomens des intellektuellen Erkennens als Reflexion unter dem Paradigma der Optik. Diese Sublimation wird mit den Bildern der Pornografie ausgehöhlt: Die Sublimation entpuppt sich als Verdrängung des Triebes anstelle seiner Integration, insofern sie aufgrund des verdrängten Anderen der Vernunft, dem Weiblich-Attribuierten, angesichts von pornografischen Bildern einzig hilflos weggucken und wiederum verdrängen oder wieder in die Triebhaftigkeit regredieren kann, der sie nun haltlos ausgeliefert ist. Das Andere der Vernunft bekommt gerade durch die Verdrängung und Projektion einen dämonischen Charakter und gewinnt in Form seiner Darstellung in der Pornografie die Macht, Schrecken, Faszination, unstillbares Begehren und Resignation in einem auszulösen. Horkheimer/ Adorno schreiben in der Dialektik der Aufklärung dazu: „Als Repräsentantin der Natur ist die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zum Rätselbild von Unwiderstehlichkeit und Ohnmacht geworden. So spiegelt sie der Herrschaft die eitle Lüge wider, die anstelle der Versöhnung der Natur deren Überwindung setzt“.23 Darin erinnert das Andere der Vernunft an das Numinose des Anfangs der Bewusstseinsgeschichte der Menschheit, wie es durch die ersten Menschen durch Bilder gebannt wurde. Insofern diese frühe Form der Verarbeitung mit dem patriarchalen Bilderverbot verabschiedet wurde, können die ehemals zur Angst-Abwehr erschaffenen Bilder nun selbst die Illusion der Real-Präsenz des auf ihnen Dargestellten erzeugen. Der Sog – der von ihnen ausgeht – führt, wird ihm nicht widerstanden, zu dem, was Neumann eine „matriarchale Kastration“24 nennt – und erklärt sich aus der patriarchalen Selbstentfremdung als Entfremdung von der von ihr weiblich attribuierten Natur. Der patriarchale Mensch in seiner Fixierung an das intellektuelle Erkennen als Methode der Herrschaft über die polymorphen Phänomene wird zuletzt an seinem eigenen Blick irre: Anstatt durch die Fixierung des Phänomens in Kategorien der zurichtenden Erkenntnis von seinem Schrecken befreit zu sein, stimuliert genau das, was er da zu fixieren sich anschickt, sei- 23 Horkheimer/ Adorno: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/ M. 1995, S. 79. 24 Neumann: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins, Düsseldorf 2004, S. 126. Pornografie als Subversion des Patriarchats 14 nen Trieb, dessen Kontrolle und Sublimation die Voraussetzung zu seiner Form der Herrschaft darstellt. Man kann sich sogesehen keine geeignetere Form der Subversion des Patriarchats, seiner Herrschaftsformen und seines Machbarkeitswahns vorstellen als eben die Pornografie. Die Subversion braucht aber einen positiven Wert, auf den sie sich rückbeziehen und in dessen Namen sie ihr Geschäft betreiben kann, wenn sie nicht einzig die Zersetzung jeden Sinns vorhat, damit aber genau dem Geschlechterkampf und seiner thanatonischen Radikalisierung zuspielt und die Menschen seiner erbarmungslosen Logik einer gewaltsamen, thanatonischen Integration der Gegensätze im Chaos ausliefert, gegen deren Allgültigkeit sie gewöhnlich als linke, erosgeleitete, die Freiheit des Menschen anstrebende, politische Strategie antritt. Dieser Sinn – den die Subversion als politische Strategie im Auge behalten müsste – ist die Integration des Geschlechtergegensatzes. Die Pornografie als Mittel zur Subversion des Patriarchismus zu befürworten ist ein Spiel mit dem Feuer, insofern die Selbstorganisation von sich aus – wo die Bereitschaft und der Einstieg zum Weg der Integration im Sinne des Eros fehlt – diese Integration als thanatonische Auflösung der Gegensatz-Spannung im Chaos ohne Rücksicht auf die Menschenwürde und den Frieden unter den Menschen vorantreibt. Zwar ist die Pornografie ein Mittel der Selbstregulation und Selbstintegration der Ganzheit, über das wir nichts vermögen und dem wir entsprechend ohnmächtig gegenüberstehen. Insofern diese Selbstregulation angesichts von verhärteten Fronten innerhalb des Geschlechterkampfes mit der Pornografie aber den thanatonischen Weg der Auflösung der Gegensatz-Spannung im Chaos wählt, stellt sie eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar, der durch den Versuch zur Eros-motivierten Integration des Geschlechtergegensatzes begegnet werden sollte. Der erste Schritt aus männlich-patriarchaler Perspektive auf diesem Weg wäre, Frauen auf Augenhöhe anzuerkennen und als Menschen wie Du und Ich25 zu verstehen: zu sehen, dass es keinen Geschlechtergegensatz gibt, dass Frauen genauso wie Männer der Angst als Grundbefindlich- 25 Gott ist – wie es sinngemäß in dem Film before sunrise hieß – zwischen uns: In einer Beziehung ist die Wahrheit immer in der Mitte auf Augenhöhe. Man, d.h. einer von den Zweien des Paares, überschreitet sie mal in die eine, mal in die andere Richtung durch wechselseitige Schuldzuweisungen, Projektionen, in unausta- Pornografie als Subversion des Patriarchats 15 keit ausgesetzt sind, dass sie genauso wie Männer zu einem potentiell unendlichen Begehren fähig sind, dass sie sich genauso in einem angstgeleiteten Narzissmus verstricken, der die schlechte Unendlichkeit dieses Begehrens und seiner Projektion aufruft und dass sie sich aber – genauso wie wir Männer – nach einem Ankommen, nach einer Transformation der Angst in Lust auf Grundlage von Vertrauen sehnen, ja, das auch sie wie die Männer von einer Sexualität träumen, die in der Liebe zweier Menschen zurückgebunden bleibt. Die mediale Repräsentanz von Sexualität im Porno ist darüber hinaus irreführend: Sie eröffnet dem Betrachter einen quasi kontemplativen Blick auf Sexualität, der Zeit und Raum vergisst, unendlich wiederholbar ist. Sie verstellt den Blick auf die Wirklichkeit von Sexualität als ein Geschehen, dass sich seine Ewigkeit von der Zeit ertrotzen muss, das ein zeitliches Geschehen ist mit Einstimmung, Vorspiel, verschiedenen Akten und einem Höhepunkt, das sich bestenfalls zur Ewigkeit hin öffnet – aber von vorneherein die Dimension der Endlichkeit in sich trägt, die Endlichkeit des Triebes, der Lustspannung und der eigenen Geschöpflichkeit, vor deren Horizont sie zu einem seelischen Geschehen wird, zu einem tragischen Aufbegehren gegen die Zeit, das einzig in Liebe aufgehoben werden kann. Dieses im Kern seelische Geschehen wird durch das Irreale des Porno verstellt, der eine scheinbare Zeitlosigkeit vorgaukelt (die vordergründig angesichts der gefakten Potenz seiner Hauptdarsteller unsere Angst vertieft und uns in unserem Narzissmus herausfordert), wo Zeit doch gerade die Hintergrundfolie ist, vor der sich Sexualität in der ganzen Tragik ihres Aufbegehrens gegen die Geschöpflichkeit und Endlichkeit abspielt – und menschlich, allzumenschlich komisch scheitern kann. Und Porno ist überall: zwei Klicks entfernt von den Nachrichten in der ARD Mediathek wie von der Fußballzusammenfassung, die sich rierten Gefühlen und Ängsten. Sie ist aber immer wieder die Grenze und der Berührungspunkt, an dem man sich immer wieder treffen sollte, soll es bei einem fruchtbaren Miteinander bleiben. Sie betrifft alles wie z.B. auch das Konfliktpotential, die Probleme, die Weisheit, usw. der Zweien eines Paares: jede Seite hat daran einen Anteil von 50%. Wird dieses fundamentale Gesetz der Beziehung aufgegeben, ist die Beziehung zum Scheitern verurteilt. Gerät es hinter den Turbulenzen der Dynamik der Paarkonflikte aus dem Blick, liegt dem eine Selbstüberschätzung und Hybris von einem/ einer oder von beiden gegenüber dem jeweils Anderen zugrunde. Pornografie als Subversion des Patriarchats 16 unsere Kinder anschauen, unterm Ladentisch auf jedem Basar im Nahen Osten, im Gemeinschaftscomputer eines Dorfes in der afrikanischen Savanne, zu dem sich nachts, wenn alle schlafen, die pubertierenden Jugendlichen Zugang verschaffen und von der großen weiten Welt träumen, die zeitgleich damit, was ihnen bestenfalls aber erst Jahre später klar wird, ihre Weite verliert, usw.. In jedem Kopf und zu den unmöglichsten Zeiten ploppen seine Bilder vor dem geistigen Auge auf: zermürbend, Unfrieden stiftend, zerstörerisch. Die Pornografie prägt, ob wir wollen oder nicht, unsere Sexualität. Sie drückt aber nur aus, wohin uns unsere Angst und ihre Projektionen angesichts des Zerbrechens des Patriarchats, dem Frei-Werden der Frau und der Eskalation des Geschlechterkampfes – ihn mit seiner Bildern verstärkend – führt: zu einem Missverstehen des Sexuellen selbst, zu einer Befangenheit im Sexualtrieb und zu einer Veräußerlichung seiner Praxis. Aus der Vereinigung, dem Spiel und der unio zweier Seelen wird – wir hatten es schon benannt und wiederholen es nur wegen seiner Prägnanz – ein Körper-Massaker ohne Ankommen. Die Bilder des Porno verstärken als Symptom der Zeitenwende die Angst vor dem scheinbar unendlichen Begehren des Gegengeschlechts und unseres diesbezüglichen Ungenügens zu seiner/ ihrer sexuellen Befriedigung. Sie schüren die eingebildete, potentielle Konkurrenz um Frauen unter Männern und um Männer unter Frauen, die zusätzlich zu einer Radikalisierung der Parteien des Geschlechterkampfes im Werben umeinander führt, was wiederum die Angst voreinander verstärkt. (Mädchen, die sich nicht halbnackt auf der Straße präsentieren, droht das Verschwinden in der Unsichtbarkeit angesichts des Aussehens ihrer Geschlechtsgenossinnen. Jungen, die sich nicht aufführen, als wären sie der potenzprotzende Rapper von Nebenan, ergeht es genauso.) Sie führen zu einem Zufluchtnehmen der angstdurchschütterten, hoffnungslos vereinzelten Existenz im Narzissmus, dem es in der Sexualität nicht um ein Miteinander, um Begegnung, Öffnung und Selbstüberschreitung, sondern um die bloße Selbstbestätigung als guter Liebhaber/ gute Liebhaberin geht. Sie sind es, die uns der Veräußerlichung, d.h. der einseitigen Hochschätzung des Körpers und dem Verdrängen des Seelischen, überantworten: Sie sind wie eine Zentrifuge, die uns von uns selbst als Seelisch-organische Wesen, von unserer selbst zu entdeckenden, eigenen Sexualität, unserer Empfindsamkeit und Zärtlichkeit, unserer Spielfreude und Pornografie als Subversion des Patriarchats 17 unserem Humor, unserer eigenen Erregung und dem, was wir selbst spezifisch erregend finden (erregend finden gerade in seiner Feinsinnigkeit und Zartheit, was bestenfalls auf eine nicht abgestumpfte Sensitivität stößt), entfremdet. Die Angst sucht sich vor Gefahren zu wappnen – und nimmt uns gerade das, was sie in ihrer Not zur Verwandlung in Lust braucht: unsere Empfänglichkeit, Offenheit, gesamtkörperlich polymorph-perverse Reiz- und Erregbarkeit, ohne die kein Zusammen erlebt werden kann, aus dem dann angstlösendes Vertrauen erwächst, das dann wiederum die Transformation von Angst in Lust erlaubt. Pornografie ist nur für den selbstentfremdeten Betrachter geil – für die Hauptdarsteller ist sie harte, freudlose Arbeit. Die Erektion des Mannes ist interessanterweise eine Folge von Entspanntheit angesichts sexueller Erregung, so wie letztere vice versa zum Feuchtwerden der Frau führt. Entspannung als Ausgangspunkt erfüllter Sexualität setzt also Vertrauen bzw. Angstlosigkeit voraus, die nicht willentlich herstellbar, sondern ein Geschenk der Liebe und des Selbstvergessens ist, das sich der in sich selbst befangene Narzisst qua seines Narzissmusses gerade verbaut. Die Angst führt zur Identifikation mit sich selbst, wo es eigentlich um die Überwindung der Grenzen des Ich geht. Die Angst vor dem Nicht-als-der-Grössteoder-die Schönste-befunden-Werdens führt zu einem endlosen Regress des Bedürfnisses nach Selbstbestätigung, die nie bekommt, was sie sucht, weil sie in quantitativen statt qualitativen Kriterien denkt, weil sie einem nur wirklich geschenkt werden kann, wenn man sich überantwortet und vergisst – und dann neu zurückempfängt. Angst erzeugt Aggressivität, die sich an ihrem Gegenüber wie an einem Objekt abreagiert – führt aber zu einem Körpermassaker im Bett statt zur Erlösung in der Lust, wenn sie sich – befangen in sich selbst, ängstlich um ihre Performance im Bett besorgt – nicht von sich selbst lösen, sich vergessen kann. Die Tiefe der Lust ist analog zur Tiefe der Angst, aus der sie erlöst, kann aber nur dann eintreten, wenn sich beide Seiten über das Sich-Angenommen-Fühlen in actu von der Angst lösen, ihre Aggression in spielerische, eher potentielle Aggression verwandeln, anstatt sich in ihr zu verlieren – und sich selbst im Sex vergessen. Selbstvergessenheit gelingt nur auf Grundlage von personalem Angenommensein, insofern wir uns nicht loslassen können, wenn wir im Zweifel des argwöhnischen Blicks unseres Selbstbeobachters stehen. Loslassen kann umgekehrt nur gelingen, wenn wir uns im Fall der Fälle durch unser Gegenüber aufgefangen wissen. Pornos bzw. Pornografie als Subversion des Patriarchats 18 wahlloses Suchen nach fuckbuddies sind also so gesehen nur fake news: Narzisstinnen und Egoshooter müssen sich von dem Glück, dem sie selbst im Weg stehen, immer wieder aufs Neue überzeugen und müssen sich in ihrem hilflosen Kampf um Selbstbestätigung ihres falschen Narzissmusses in immer neue, vermeintliche Abenteuer stürzen, deren Gehalt wie gewonnen so zerronnen einem „Almosen“ „gleicht“, „das dem Bettler zugeworfen, sein Leben heute fristet, um seine Qual auf Morgen zu verlängern“ (Schopenhauer26). Sexualität droht – heutzutage und zunehmend – missverstanden zu werden: Sie ist eben kein Körper-Massaker ohne Ankommen, als das sie sich in der Pornografie darstellt, sondern eine Möglichkeit, Angst in Vertrauen und Lust zu verwandeln, was die Negativspirale der Angst in Vereinzelung und (Selbst-) Entfremdung in die Positivspirale der Solidarität und Gemeinschaftsbildung umkehrt. Sexualität ist ein seelisches Geschehen (genauso wie Schwierigkeiten in der Sexualität immer seelische Ursachen im Zwischeneinander haben): die Suche des Organismus nach Heilung in der Ganzheit von Männlichem und Weiblichem, deren Vorwegnahme und Antizipation als eines Ausstehenden im Orgasmus erlebt wird. Sexualität wird oft einseitig unter dem Aspekt der Selbstüberschreitung, Transpersonalität und Ekstase im Orgasmus (und nicht als Selbstüberschreitung von Personen) verstanden. Vergessen wird dabei, dass sowohl die Frau, die zum Orgasmus in sich aufgehend über sich hinaus geht, und der Mann, der aus sich herausgehend über sich hinausgeht, auf ein Angenommen- und Geliebtsein als Person und damit beide auf wechselseitiges Vertrauen und Liebe angewiesen sind. Das Angenommen-Werden als Personen ist es, was Sexualität als seelisches (und nicht nur körperliches) Geschehen und eine Selbst-Überschreitung (und nicht nur eine körperliche Kontraktion) im Orgasmus überhaupt erst möglich macht. (Die von Euphorie und Nervenkitzel begleitete Verwegenheit des wild boy bzw. des wild child, sich sexuell bzw. erotisch auf neues und unbekanntes Terrain vorzuwagen, von einem plötzlichen Anflug von Begnadetheit und Selbsttrunkenheit entbunden, baut auf dem Selbstvergessen und dem freien Fließen der Intuition auf. Seine/ ihre Verwegenheit wird dabei durch die sie implizit vorwegnehmende, als Explizierte 26 Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Toman (Hrsg.), Köln 1997, S. 295. Pornografie als Subversion des Patriarchats 19 suchende, wegbereitende, von vorneherein schon entgegengebrachte, wahrhaftige (d.h. aus dem Bedürfnis nach Ergänzung zur Ganzheit und damit zur Erfüllung und Erlösung sich speisende) und nicht nur gefakte Sehnsucht nacheinander ermöglicht, die Vertrauen einflößt, das ihn/ sie auf seiner/ ihrer Gratwanderung zwischen Angst und Lust frei zu wandeln erlaubt.) Die Stimulans zum Orgasmus im seelischen Sinne besteht nicht in einer mechanischen, körperlichen Reibung zweier Sexualorgane, sondern dem langsam reifenden oder plötzlich keimenden Bewusstsein auf Grundlage eines innigen und intimen Gefühls des Miteinanders, als der, als der man sich fühlt, verstanden und geliebt zu werden. Sexualität, die durch Liebe die ihr gebührende (nicht moralische, sondern emotionale) Heiligung27 erfährt und in Liebe gebettet ist wie ein Kind in der Seligkeit süßer, inuteronäer Träume, schenkt einen Moment von Ewigkeit, der den Liebenden als Vorgefühl ihrer künftigen Integration und Ganzheit (vgl. Jung: Quaternität28) als Stern über den Tälern und Höhen ihres Alltags den Weg weist und strahlt.29 Die Pornografie hat ihren Sinn gehabt: sie hat dem Patriarchat endgültig den Rest gegeben. Nun allerdings sind wir in einer Phase des Geschlechterkampfes, in der jede weitere Eskalation uns dem Abgrund näher bringt, vor den uns unsere Angst und unser Nicht-Verstehen ge- 27 Vgl. den Mythos des Hieros Gamos, der Heiligen Hochzeit (Wehr: Heilige Hochzeit. Symbol und Erfahrung menschlicher Reifung, München 1986). 28 Mit dem Begriff Quaternität bezeichnet Jung die Kommunikation zwischen Mann und Frau in der Liebe, in der vier Instanzen miteinander in Kontakt gehen: Das männliche Selbstbewusstsein, das weibliche Unbewusste des Mannes (Anima) und das weibliche Selbstbewusstsein sowie das männliche Unbewusste der Frau (Animus) (vgl. Stein: C.G. Jungs Landkarte der Seele. Eine Einführung, Düsseldorf 2000, S. 174f.). Sie stellt – neben der Mutter-Kind-Beziehung und der Vater-Kind-Beziehung – die Urform aller Resonanz-Beziehungen dar, deren Erleben Rosa in Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (Berlin 2016) als Quelle von Glück beschreibt. 29 Der Don-Juanismus unserer Tage, der Zuflucht nimmt in der Flucht nach Vorne und Quantität mit Qualität verwechselt, müsste von einer Kains-Suche abgelöst werden, der es um die Suche nach einem neuen Zuhause geht, dessen wir angesichts dessen, dass uns der Klimawandel alle zu Migranten im eigenen Land macht (vgl. oben Latour: Das terrestrische Manifest, Berlin 2018, S. 14), dringend bedürfen – nach einem neuen Zuhause in der Ganzheit seiner selbst, des Miteianders der Paar-Beziehung und des Ökosystems Erde. (Vgl. Hesses Demian, wo er die Figur des alttestamentarischen, biblischen Kains für unsere Zeit anverwandelt). Pornografie als Subversion des Patriarchats 20 bracht hat. Heute gilt es, dass postpornografische Zeitalter einzuleiten, in dem wir der Gefahr, die mit der Regentschaft von König Sex einhergeht, begegnen, indem wir die Quellen seiner Macht, Angst und Missverstehen, als Impulse zu ihrer Überwindung durch Solidarität und Liebe anverwandeln. Das von den Hippies visionierte „Age of Aquarius“ steht noch aus: es wird nicht in einem wilden Kopulieren aller mit allen bestehen (wie von konservativer Seite ängstlich befürchtet), sondern in einer Sammlung und Konzentration auf den/ die Geliebte/n, mit dem zusammen wir im Sinne der Quaternität Jungs in einen Integrations-Prozess eintreten, der uns sowohl als Individuen unsere Ganzheit und damit die Stille und Freude des Spiels in uns und als auch als Paar zwischen uns entdecken lässt, in dem wir die dritte der drei Stufen der Verwandlung Nietzsches30 erreichen: das Stadium des Kindes, des aus sich selbst rollenden Rades, mit dem sich das verlorene Paradies der Kindheit – nur eben nicht unbewusst, wie als Kind, sondern bei voller Selbstbewusstheit – öffnet. Die Selbstzufriedenheit in tiefer Bezogenheit auf den Geliebten/ die Geliebte macht uns zu besseren Menschen: Sie eröffnet allererst die Möglichkeit zum Konsumverzicht, an dessen Realisierung wir trotz aller guten Vorsätze aktuell immer wieder scheitern, indem sie alles hat, was uns fehlt – und dessen Mangel wir im blinden Konsum zu ertränken suchen: Angstlosigkeit, Glück im Kleinen des Miteinander, Zufriedenheit ohne Besitz, Stille, Freiheit zum Schaffen und die Faszinationen, Halluzinationen und Freuden der Höhen und Tiefen des Weges zu sich und zueinander und seiner Stationen und Wegmarken im Alltag. 30 Vgl. Nietzsche: Von den drei Verwandlungen – in: Nietzsche: Also sprach Zarathustra – in: Stenzel (Hrsg.): Nietzsches Werke in zwei Bänden, Bd. 1, Salzburg 1960, S. 319f.. Pornografie als Subversion des Patriarchats 21

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Zusammenfassung

Die Irritationen durch den Klimawandel spiegeln sich in der Aggressivität öffentlicher Debatten. Im Unklaren über die Ursachen der epochalen Krise, verstärken wir mit unzulänglichem Problembewusstsein und Symptombehandlungen nur das Gefühl der Hilflosigkeit. Neoliberalismus und Naturzerstörung sind Folgen des exklusiven Charakters der „Monarchie von König Sex“, der Angst macht und im Narzissmus Zuflucht suchen lässt. Nur die Natur – spielphilosophisch verstanden – kann das Matriarchale und Patriarchale in ihrer Synthese einen. Die Politik selbst ist sexualisiert und findet nicht in den gerechten Ausgleich der Interessen, der mangels Bezugnahme auf das Dritte der Natur aussteht. Im tobenden Geschlechterkampf sind wir alle Opfer und zugleich Täter. Die Sexualisierung aller Lebensformen nach 3 000 Jahren Patriarchat wäre in einer therapeutischen Gesellschaft überwindbar, die die Herausforderungen als Chance begreift und Motivationen für eine Politik radikaler Einschnitte freilegt.