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Jan Kerkmann

Die ewige Wiederkehr und der Wille zur Macht, page I - 6

Eine rezeptionsgeschichtliche Untersuchung über das Verhältnis der beiden 'Grundlehren' in ausgewählten Nietzsche-Interpretationen 1894-1936

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4366-0, ISBN online: 978-3-8288-7344-5, https://doi.org/10.5771/9783828873445-I

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 35

Tectum, Baden-Baden
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Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Philosophie Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Philosophie Band 35 Jan Kerkmann Die ewige Wiederkehr und der Wille zur Macht Eine rezeptionsgeschichtliche Untersuchung über das Verhältnis der beiden ‚Grundlehren‘ in ausgewählten Nietzsche-Interpretationen 1894–1936 Tectum Verlag Jan Kerkmann Die ewige Wiederkehr und der Wille zur Macht. Eine rezeptionsgeschichtliche Untersuchung über das Verhältnis der beiden ‚Grundlehren‘ in ausgewählten Nietzsche-Interpretationen 1894–1936 Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Philosophie; Bd. 35 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden 2019 ePDF 978-3-8288-7344-5 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4366-0 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1861-6844 Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Die Konstellation zwischen dem Willen zur Macht und der ewigen Wiederkehr in wegweisenden Nietzsche-Deutungen zwischen 1894–1930 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I. Teil: 7 Lou Andreas-Salomé: Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1894) . . . .1.1. 7 Georg Simmel: Schopenhauer und Nietzsche. Ein Vortragszyklus (1907) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.2. 22 Ernst Bertram: Nietzsche. Versuch einer Mythologie (1918) . . . . . . . . . . . .1.3. 49 Theodor Lessing: Nietzsche. Ein Essay (1925) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.4. 59 Ludwig Klages: Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches (1926) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1.5. 76 Nietzsches Grundlehren im Spiegel der Interpretationen Alfred Baeumlers, Karl Jaspers’ und Karl Löwiths . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II. Teil: 89 Einführende Bemerkungen und Erkenntnisinteresse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 89 Die politische Intention in Baeumlers Nietzsche der Philosoph und Politiker (1931) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.1. 92 Baeumlers philosophische Interpretation: Nietzsches Realismus und die heraklitische Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.2. 105 Baeumlers Exposition des Perspektivismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3. 112 Zur Verbindung des Willens zur Macht mit dem Element der Kraft. . . .2.4. 115 Das metaphysische Schlüsselmotiv der Gerechtigkeit und die Unschuld des Werdens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2.5. 119 Baeumlers Beurteilung der Lehre der ewigen Wiederkehr . . . . . . . . . . . .2.6. 125 Exkurs: Heideggers Kritik an der Zurückweisung der ewigen Wiederkehr durch Baeumler und Jaspers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3. 136 V Karl Jaspers: Allgemeine Übersicht zu der Gliederung und den Zielen von Nietzsche. Einführung in das Verständnis seines Philosophierens . . . . . . . . . . . . . 4. 146 Karl Jaspers’ Auseinandersetzung mit dem Gedanken des Willens zur Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1. 155 Karl Jaspers’ Deutung der ewigen Wiederkehr des Gleichen . . . . . . . . . .4.2. 179 Karl Löwiths Werk Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkehr des Gleichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5. 209 Löwiths Kritik an den Nietzsche-Auslegungen Jaspers’, Baeumlers und Heideggers im Anhang Zur Geschichte der Nietzsche-Deutung . . . . 5.1. 211 Löwiths Einwände gegen Karl Jaspers’ Interpretationsmethode der Relativierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.1.1. 211 Löwiths Kritik an Baeumlers Nivellierung des Wiederkunftsgedankens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.1.2. 215 Löwiths Charakterisierung der Nietzsche-Auslegung Heideggers als Paradigma einer philosophischen Projektionshermeneutik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.1.3. 220 Löwiths eigenständige Entfaltung der Lehre der ewigen Wiederkehr. Die Akzentuierung des Zwiespalts zwischen dem kosmischen Kreislauf und dem menschlichen Wollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5.2. 226 Schlusswort und Zusammenfassung der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 Inhaltsverzeichnis VI Einleitung Ursprünglich sollte die hier vorgelegte Studie den I. Teil einer Dissertation über Heideggers Auseinandersetzung mit Nietzsche im Rahmen der seinsgeschichtlichen Rekonstruktion der neuzeitlichen Willensmetaphysik bilden. In der Analyse der Heideggerschen Vorlesungen Der Wille zur Macht als Kunst (WS 1936/37), Die ewige Wiederkehr des Gleichen (SoSe 1937) und Der Wille zur Macht als Erkenntnis (SoSe 1939) zeigte sich, dass die Konstellation zwischen dem Gedanken des Willens zur Macht und der ewigen Wiederkehr des Gleichen von Heidegger variantenreich bestimmt wird. Da Heidegger diese Relation aus immer neuen Perspektiven beleuchtet, gerinnt sein Zwiegespräch mit Nietzsche niemals zu einem Gesamtsystem eindeutig definierter Begriffe. Auf dieser Grundlage wird in der Dissertation die These vertreten, dass die Dignitätsverschiebungen innerhalb des Gefüges der beiden Hauptlehren Nietzsches1 einen durchaus seismographischen Erkenntniswert für die Entwicklung von Heideggers Nietzsche-Interpretation im Ganzen beanspruchen können. Erweist sich beispielsweise die ewige Wiederkehr 1936/37 als ontologisch privilegiertes Wesen des Willens zur Macht sowie als „Sinn des Seins“2, so wird sie in der Vorlesung Der Wille zur Macht als Erkenntnis 1939 gänzlich in den Willen zur Macht integriert, der zum „einzigen Gedanken“3 avanciert. 1 In dieser Studie wird Friedrich Nietzsche zitiert nach der Kritischen Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 2. Aufl., Berlin/New York 1988; sowie nach der Kritischen Gesamtausgabe der Werke (KGW), hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin/New York 1967ff. Sofern keine entsprechenden Verweise auf diese beiden Gesamtausgaben beigefügt sind, wird Nietzsche nach der Digitalen Kritischen Gesamtausgabe (eKGW) zitiert, die von Paolo D’Iorio auf der Grundlage der Kritischen Gesamtausgabe der Werke herausgegeben wird. Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Kursivsetzungen in den Zitaten von dem jeweiligen Autor. 2 Martin Heidegger, Nietzsche: Der Wille zur Macht als Kunst. Freiburger Vorlesung Wintersemester 1936/37, GA 43, hrsg. von Bernd Heimbüchel, Frankfurt a. M. 1985, S. 21. / Heidegger, Nietzsche I [im Folgenden = N I], 7. Aufl., Stuttgart 2008, S. 15. 3 Heidegger, N I, S. 432. 1 Um den Nachweis zu erbringen, dass Heideggers Intention, inmitten der changierenden Diversität der Verhältnissetzungen an der Verbindung, ja Einheit beider Lehren festzuhalten, nicht kontextentbunden entsprungen ist, war anfänglich geplant, dem Hauptteil der Dissertation ein Kapitel zu den konkurrierenden Nietzsche-Auslegungen der 1930er-Jahre (Alfred Baeumler, Karl Jaspers, Karl Löwith) voranzuschicken. In diesem Zusammenhang sollte demonstriert werden, dass Heidegger in dem Versuch der Vereinigung des Willens zur Macht und der ewigen Wiederkehr ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal seiner Nietzsche-Deutung sieht. Auf diese Weise vermag sich Heidegger sowohl von Baeumler und Löwith (die jeweils nur den Willen zur Macht beziehungsweise die ewige Wiederkehr als systematisch relevante Zentralkonzeption Nietzsches gelten lassen) als auch von Karl Jaspers (der weder das Theorem des Willens zur Macht noch die ewige Wiederkehr als endgültige, metaphysisch ausgerichtete Lehre Nietzsches begreift) abzugrenzen. Während der Ausarbeitung der Dissertation kristallisierte sich indes heraus, dass selbst ein umfangreiches Vergleichskapitel über die Nietzsche-Lesarten Baeumlers, Jaspers und Löwiths nicht hinreichend sein würde, um die für Heidegger womöglich ebenfalls bedeutsamen, tieferen Rezeptionsschichten und frühen Deutungsentscheidungen der ab den 1890er-Jahren entstandenen, genuin philosophischen Nietzsche-Monographien ausloten zu können. Aus diesem Grunde wurde ein vorbereitender Vorspann beigefügt, der ein Panorama ausgewählter Nietzsche-Interpretationen bis 1930 präsentieren sollte. Um ein stichhaltiges Vergleichsinstrument profilieren zu können, erfolgte die Rekapitulation und Kommentierung jeder einzelnen Auslegungsstufe unter der leitgebenden Signatur der jeweiligen Beurteilung und Relevanzgewichtung des Willens zur Macht respektive der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Da auch der Umfang dieses Vorspanns stetig anwuchs, traf ich schließlich die Entscheidung, die rezeptionsgeschichtlich orientierte Ergründung potenzieller Einflussfaktoren auf Heideggers Zwiegespräch mit Nietzsche aus der Dissertation auszugliedern und diese komplexe Thematik in einer erweiterten Studie separat zu behandeln. Für diese Arbeit ergibt sich der folgende Aufbau: In dem einführenden, in fünf Unterabschnitte ausdifferenzierten I. Teil Das Verhältnis zwischen dem Willen zur Macht und der ewigen Einleitung 2 Wiederkehr in wegweisenden Nietzsche-Deutungen zwischen 1894–1930 sollen fünf einflussreiche Nietzsche-Deutungen unter dem Gesichtspunkt der Verhältnisbestimmung zwischen der ewigen Wiederkehr des Gleichen und dem Willen zur Macht erörtert werden. Im II. Hauptteil (Nietzsches Grundlehren im Spiegel der Interpretationen Alfred Baeumlers, Karl Jaspers‘ und Karl Löwiths) der Abhandlung soll anschließend der Übergang zu einer Besprechung der bekannten Nietzsche-Deutungen aus der ersten Hälfte der 30er-Jahre (Baeumler, Löwith und Jaspers) erfolgen. Der II. Teil weist ebenfalls eine Einteilung in fünf Sektionen auf. Um ansatzweise veranschaulichen zu können, mit welchen Argumenten und aus welchen Beweggründen Heidegger sich von Baeumler wie auch von Jaspers distanziert, enthält das 3. Kapitel des II. Teils eine komprimierte Übersicht zu Heideggers in der Vorlesung Der Wille zur Macht als Kunst (1936/37) formulierter Kritik an beiden Denkern. Es ist immens aufschlussreich, dass sich Heideggers Einwände an deren Interpretationstendenz vornehmlich gegen die Marginalisierung und Ausblendung der Lehre der ewigen Wiederkunft des Gleichen richten. Als Kriterium für die im I. Teil getätigte Auswahl fungiert zum einen die Repräsentativität der jeweiligen Interpretation für eine Dekade innerhalb des Zeitraumes von 1890–1930. Aus diesem Grund wird Lou Andreas-Salomés Monographie Friedrich Nietzsche in seinen Werken (1894) als paradigmatisches Rezeptionszeugnis des Zeitabschnittes von 1890–1900 gewürdigt, wobei diese Schrift – gemäß dem grundierenden Leitfaden und Strukturprinzip dieser Arbeit – vornehmlich im Hinblick auf die Beziehung des Wiederkunftsgedankens und des Willens zur Macht untersucht wird. Als zweites Werk rückt Georg Simmels 1907 in Buchform dargebotener Vortragszyklus Schopenhauer und Nietzsche in das Zentrum der Aufmerksamkeit, der das zweite Jahrzehnt der philosophischen Nietzsche-Rezeption abdecken soll. Der dritte Abschnitt widmet sich alsdann dem in den 1920-Jahren sehr wirkmächtig reüssierenden, allerdings bereits 1918 publizierten Werk Nietzsche. Versuch einer Mythologie von Ernst Bertram. Zweifelsohne kann hier nicht – genauso wenig wie im Falle Lou Salomés und Georg Simmels – der Anspruch erhoben werden, sämtliche Filiationen dieses Textes zu erfassen, zu rekapitulieren und zu interpretieren. Daher konzentriert sich der dritte Abschnitt auf Bertrams Kommentare und Be- Einleitung 3 urteilungen der Lehre der ewigen Wiederkehr des Gleichen. In das Jahrzehnt von 1920–1930 fallen zwei wesentliche Rezeptionsdokumente. Im Abschnitt 1.4. wird Theodor Lessings 1925 erschienener Essay Nietzsche den Betrachtungshorizont vindizieren. In der darauffolgenden fünften und letzten Sektion des Kapitels steht Ludwig Klages’ Schrift Die psychologischen Errungenschaften Nietzsches im Vordergrund, die im Jahre 1926 veröffentlicht wurde und somit nur fünf Jahre vor dem Erscheinungsdatum von Baeumlers Nietzsche der Philosoph und Politiker (1931) angesiedelt ist. Unter Berücksichtigung der genuinen Schwerpunktsetzung Klages’, wird dessen Kritik an Nietzsches Konzeption des Willens zur Macht das Hauptinteresse dieses Abschnittes markieren. Zum anderen verdankt sich die vorliegende Auswahl der Überlegung und Intention, eine qualitative Vielzahl von Zugängen, Perspektiven, begrifflichen Hierarchien und Themenpräferenzen der Nietzsche- Rezeption abzubilden. Zugleich soll die These validiert werden, dass eine bidirektionale Erläuterung und Stellungnahme zu den Grundgedanken des Willens zur Macht und der ewigen Wiederkehr für die Nietzsche-Deutungen vor 1931 zwar nicht konstitutiv oder unabdingbar ist, die favorisierten Interpreten jedoch zumindest einem der beiden Grundgedanken ein wesentliches Augenmerk schenken. Die in den fünf Auslegungen zum Austrag kommende Vielschichtigkeit bezeugt sich bereits in einem ersten Charakterisierungsgang: So kann Lou Salomés Monographie Friedrich Nietzsche in seinen Werken als eine personalistisch ausgerichtete, religionspsychologisch fundierte Studie über die seelisch-philosophische Verflechtung der dreistufig konzipierten Wandlungszäsuren Nietzsches beurteilt werden. Georg Simmels Schopenhauer und Nietzsche. Ein Vortragszyklus lässt sich als kulturgeschichtliche Selbstvergewisserung der Moderne begreifen. Als Kern der Simmelschen Auseinandersetzung mit Nietzsche darf die Akzentuierung einer in die Lebensimmanenz gewendeten Entwicklungslogik tituliert werden, die sich mit der Exposition des Vornehmheitsideals als verheißungsvoller Sinngebungsinstanz für eine individuelle Verantwortungsethik diesseits deontologisch oder transzendent abgesicherter Imperative verbindet. Ernst Bertrams Nietzsche. Versuch einer Mythologie kann als stilistisch herausragende, kaleidoskopische Schau und als pathosgeladene, von ästhetisch-musikalischen Elementen Einleitung 4 durchzogene Biographie einer Ausnahmegestalt gelesen werden, die als Legende herauskristallisiert werden soll. Theodor Lessings prägnanter Nietzsche-Essay ist deswegen von großem Erkenntniswert, weil Lessing sich weder der Fortschrittsethik des Übermenschen anschließt noch die mit der Wiederkunftslehre assoziierte Suspension eines Anfanges der Zeit affirmiert. Ludwig Klages’ Die psychologischen Errungenschaften Friedrich Nietzsches kann als bedeutsame Manifestation der orgiastisch-biozentrierten Auslegungslinie exponiert werden, wobei sich als zweiter Schwerpunkt die Untersuchung der Nietzscheschen Erkenntnisse hinsichtlich der subtilen Selbststabilisierungsmechanismen der menschlichen Psyche hinzugesellt.4 4 Anhand der Analyse der einzelnen Vorworte, Eingangskapitel und Einleitungen hat Andreas Urs Sommer jüngst den Facettenreichtum der deutschsprachigen Nietzsche-Deutungen von Lou Salomé bis Eugen Fink (Nietzsches Philosophie, 1960) lichtvoll porträtiert. Dabei hebt Sommer nicht nur die unterschiedlichen Interpretationsansprüche und Themengewichtungen hervor, sondern verknüpft deren Gepräge mit den dahinterstehenden Konzeptionen und Vorstellungen von Philosophie überhaupt. Dergestalt avancieren die Nietzsche-Deutungen zum Spiegel der Pluralisierung philosophischen Denkens in der Moderne. So legt Sommer hinter Baeumlers politisch grundierter Nietzsche-Auslegung die Gestalt und Vision der Philosophie als Gesetzgebung frei, während er in Jaspers’ Erkundung des transzendierenden Zuges in Nietzsches Gedankenbildung die Philosophie auf der Suche nach existenzieller Relevanz inkarniert sieht. In Löwiths unter der Ägide der ewigen Wiederkehr des Gleichen stehender Frage nach dem Sinn des menschlichen Daseins im Kosmos zeigt sich die Kompetenz der Philosophie als Desillusionierung, Historisierung und Vereinheitlichung. Vgl. Andreas Urs Sommer, Nietzsche und die Folgen, Stuttgart 2017, S. 144–166, bes. S. 161–166. Einleitung 5

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References

Zusammenfassung

Diese rezeptionsgeschichtliche Studie bildet die qualitative Vielzahl von Perspektiven und Themenpräferenzen der deutschsprachigen Nietzsche-Rezeption von 1894 bis zum Beginn der Heideggerschen Nietzsche-Vorlesungen im Jahre 1936 ab. Es wird gezeigt, dass eine bidirektionale Stellungnahme zu den ‚Hauptlehren‘ des Willens zur Macht und der ewigen Wiederkehr des Gleichen zwar nicht unabdingbar ist, die favorisierten Exegeten jedoch zumindest einem der beiden Grundgedanken eine fundamentale Bedeutsamkeit verleihen.

Im ersten Teil werden fünf einflussreiche Nietzsche-Deutungen (Lou Andreas-Salomé, Georg Simmel, Ernst Bertram, Theodor Lessing, Ludwig Klages) erörtert. Als Kriterium für diese Auswahl fungiert die Repräsentativität der jeweiligen Interpretation für eine Dekade innerhalb des Zeitraumes von 1890–1930. Im zweiten Teil erfolgt der Übergang zu einer kritischen Besprechung bekannter Nietzsche-Auslegungen aus der ersten Hälfte der 1930er-Jahre (Alfred Baeumler, Karl Jaspers und Karl Löwith).