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Ausgangspunkt und Fragestellungen in:

Christian J. Jäggi

Bausteine einer politischen Friedensordnung im Christentum, page 3 - 8

Ethische Grundlagen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4240-3, ISBN online: 978-3-8288-7338-4, https://doi.org/10.5771/9783828873384-3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
3 Ausgangspunkt und Fragestellungen Aus der Sicht der christlichen1 Exegese stellt sich die Frage, inwiefern die Texte der Hebräischen Bibel – also des Alten Testaments – unter christlichen Vorzeichen gelesen werden sollen. C. R. Seitz (2004:67) hat dazu eine klare Antwort gegeben: Christliche Leserinnen und Leser sind mit zwei Aufgaben konfrontiert, nämlich mit dem Verständnis des Alten Testaments aus sicher heraus und der Interpretation des Alten Testaments „in novo receptum“, wie es im Neuen Testament rezipiert wird2. Es geht also darum, einerseits die Hebräische Bibel aus sich heraus zu lesen und zu verstehen und anderseits das Alte Testament vor dem Hintergrund des Neuen Testaments neu zu interpretieren. Die erste Aufgabe wurde in Bezug auf unsere Fragestellung im vorangehenden Band (vgl. Jäggi 2019a) angegangen. Darum geht es im vorliegenden Band darum, über die spezifisch christliche Rezeption der Hebräischen Bibel das christliche Proprium herauszuarbeiten, also neue und eigenständige friedensethische sowie politikethische Vorstellungen im Christentum und in der weiteren Entwicklung zu thematisieren. Mit Blick auf die Verwendung alttestamentlicher Textstellen durch Paulus hat Hays (1989:29ff.) sieben Kriterien herausgearbeitet, mit denen überprüft werden kann, ob ein Text „Echos“ früherer Texte enthält. Diese Kriterien sind: Verfügbarkeit, Umfang, Häufigkeit der Erwähnung der gleichen Quelle durch den Zweitautor, inhaltliche Kohärenz in Bezug auf die Argumentation des Zweitautors, historische Plausibilität und Verständlichkeit des Bezugs, Interpretationsgeschichte sowie Generie- 1 „Christlich“ bezieht sich in diesem Band primär auf die römisch-katholische Tradition, sekundär auf die evangelisch-reformierte Theologie. Die orthodoxe Theologie wird nur am Rand berücksichtigt. 2 „The two tasks confronting Christian readers are: interpreting the Old Testament per se and the Old in novo receptum, as received in the New” (Seitz 2004:67). rung von Sinn für den Leser. Kreuch (2014:29) hat die unterschiedliche Bedeutung dieser sieben Kriterien für die Bestimmung des intertextuellen Bezugs betont. Frank Crüsemann (2003:9) hat in seinem Vorwort zu seinem Buch „Massstab: Tora“ auf die Unmöglichkeit verwiesen, „mit traditioneller christlicher Ethik den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen“. Das kann aber nicht heissen, ganz auf eine christliche Ethik verzichten zu wollen. Vielmehr bedeutet es, dass die Frage nach christlichen Bausteinen für eine übergreifende Ethik neu gestellt werden muss. Es stellt sich dabei die Frage, ob das von Bultmann (1967:36ff.) entwickelte Indikativ-Imperativ-Modell, das in der christlichen Ethik grosse Beliebtheit als Begründungsmuster gewonnen hat (vgl. Zimmermann 2016:24), für unsere Fragestellung hilfreich ist. Laut Zimmermann (2016:24) wurde mit diesem Modell „nicht nur eine spezifische Zuordnung zwischen dem geforderten Handeln des Menschen (Imperativ) und dem Heilshandeln Gottes am Menschen (Indikativ) vollzogen, es wurde zugleich ein Begründungsmuster für die Ethik des Paulus gefunden, das nachhaltig die weitere Diskussion bestimmte“. So schreibt Bultmann (1977:335): „Der Indikativ begründet den Imperativ“ (vgl. dazu auch Zimmermann 2016:24). Allerdings wurde gegen das Indikativ-Imperativ-Modell unter anderem eingewendet, dass es eine Sekundarisierung des Imperativs nahelege, dass es ein statisches Denken impliziere und dass die Christologie aus sich heraus und nicht aus einer formalen Abhängigkeit von Indikativ zu Imperativ zu verstehen sei (vgl. Zimmermann 2016:27f.). Paulus hat im Römerbrief 13,14 die zwei zentralen Kriterien für sein Verständnis einer christlichen Ethik formuliert: „Lasst Jesus Christus, den Herrn, euer ganzes Handeln bestimmen! Macht euch nicht zu Sklaven eurer Wünsche und Triebe!“ Anders gesagt: Kriterium für das Handeln ist der Glaube an Jesus Christus und an seine Botschaft, bei gleichzeitiger Absage an (materielle) Wünsche und Triebe. Ausserdem soll „jeder nach seiner Überzeugung“ (Röm 14,5) handeln, also – modern gesagt – in seinem Handeln authentisch und kongruent sein. Es besteht heute Konsens darüber, dass wesentliche und zentrale „christliche“ Werte im Grunde jüdische Werte sind und bereits in der hebräischen Bibel und in der Tora vorzufinden sind (vgl. dazu Jäggi 2019a:30ff. und Jäggi 2019b:30ff.). Die christliche Theologie hat viele dieser Bausteine übernommen, neu gewichtet oder weiter entwickelt. Leider ist es 4 Ausgangspunkt und Fragestellungen ihr dabei nicht immer gelungen, exegetische Fallen wie eine übermässige Apologetik, verengte Verkündigungskonzepte (vgl. etwa den Dauerbrenner der so genannten Judenmission3) oder Substitutionstheologien zu vermeiden. Auch aus diesem Grund ist es heute mehr denn je notwendig, die Propria des spezifisch christlichen Beitrags an eine neu gedachte übergreifende oder gar universelle Ethik zu diskutieren und herauszuarbeiten. Die vorliegende Arbeit ist weit von einem Anspruch entfernt, Umrisse einer neuen „christlichen Ethik“ entwickeln zu wollen. Vielmehr geht es darum, ohne Scheuklappen und textnah mögliche Beiträge christlicher Theologie(n) an die drängenden universellen Probleme in Politik und Gesellschaft zu lokalisieren, zu diskutieren und vielleicht etwas weiter zu entwickeln. Bernhard Sutor (1991:12) definierte politische Ethik wie folgt: Politische Ethik sei „Nachdenken über moralische Grundlagen der Politik, über ihre positiven Ziele, über die erlaubten Mittel, über die wünschenswerten Verhaltensweisen der Menschen in der Politik“. Sutor (1991:12) stellte die These auf, „dass politische Streitfragen zwar auch eine moralische Seite haben, aber nicht allein aus moralischen Erwägungen zu entscheiden sind“. Dabei sei politische Ethik nur so viel wert, als sie helfe, eine Orientierung im Streit um politische Zielkonflikte und in komplexen politischen Situationen zu geben. Entsprechend müsse die „ethische Struktur der Probleme und Situationen“ klar werden, ohne jedoch fertige Lösungen zu bieten. So bestehe die Aufgabe der politischen Ethik nicht darin, „den politischen Streit zu beenden, sondern zu kultivieren“ (Sutor 1991:12). 3 Sievers (2010:13) wies zu Recht auf die – vorsichtig gesagt – problematische Position Benedikts XVI. zur Judenmission hin: „Besonders in den Blickpunkt rückte dieses Thema auch für die breite Öffentlichkeit wieder mit der Neufassung der Karfreitagsfürbitten für den ausserordentlichen Ritus durch Papst Benedikt XVI. Hier muss darauf verwiesen werden, dass Papst Benedikt XVI. ursprünglich (2007) das Messbuch von 1962 ohne Änderungen wieder in Kraft gesetzt hatte, dessen Überschrift für die Fürbitte ‚Pro conversione Judaeorum‘ selbstredend ist. Erst grosser Protest veranlasste Benedikt XVI., eine Neufassung der Fürbitte vorzulegen. Der Text ‚Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen‘ hat jedoch m. E. dieselbe theologische Aussage wie die vorkonziliaren Texte: Juden habe keinen eigenen Heilsweg“. 5 Ausgangspunkt und Fragestellungen Politische Ethik ist laut Sutor (1991:13) einerseits eine Ethik politischer Institutionen und anderseits eine Ethik der politischen Tugenden, wobei beide aufeinander zu beziehen sind. Nach Meinung von Sutor (1991:13) sei dabei eine solche Ethik auf der Grundlage der christlichen Gesellschaftslehre zu entwickeln. Sutor (1991:86) hat vor dem Hintergrund einer christlichen Ethik folgende Kriterien und Koordinaten für eine politische Ethik formuliert: Doch reicht eine solche schematische Darstellung aus, um die Komplexität der Frage nach Bausteinen einer christlichen Friedensethik und damit verbunden einer politischen Ethik darzustellen? Zweifellos nicht. Aber die Darstellung erleichtert die Orientierung in den verschiedenen Bereichen und kategorialen Dimensionen einer politischen Ethik. 6 Gemeinwohl = Friede in Solidarität und Subsidiarität in Freiheit und Gerechtigkeit Ziele Policy Politik Polity Politics Mittel Handeln - Politische Ordnung - Politische Rationalität in (Gesetze und Institutionen) Situationsorientierung gemäss Solidarität Interessenwahrnehmung und Subsidiarität Konflikthandeln Machtdisposition Verhinderung von Gewalt - Politische Beeinflussung sozialer Struktur nach Regeln der Gerechtigkeit - Tugenden politischer - Christliche - Disposition von Rationalität Tugenden Machtpotenzial Klugheit Glaube nach Regeln der Gerechtigkeit Liebe Gegenseitigkeit Tapferkeit Mass Hoffnung Doch reicht eine solche schematische Darstellung aus, um die Komplexität der Frage nach Bausteinen einer christlichen Friedensethik und damit verbunden einer politischen Ethik darzustellen? Zweifellos nicht. Aber die Darstellung erleichtert die Orientierung in den verschiedenen Bereichen und kategorialen Dimensionen einer politischen Ethik. Wie bereits i de rsten beiden Bä den dieser Buchreihe aufgezeigt, muss eine politische Ethik mit Fokus auf die Friedensthematik Antworten zu folgenden Themenbereichen entwickeln (vgl. Jäggi 2018:177 sowie Jäggi 2019a:7): 1) Verletzlichkeit von Menschen oder einzelner Menschengruppen; 2) Anwendung von politisch motivierter oder konnotierter Gewalt; 3) Rolle der Nationalstaaten und Möglichkeit und/oder Notwendigkeit einer politischen Weltordnung oder eines Weltstaates; 4) Entwicklung und Durchsetzung der politischen Menschenrechte; 5) allgemeine politische Partizipation und Demokratie; sowie 6) eine weiterführende und doch praktikable Friedensvision. Dabei sind diese Themenfelder immer vor dem Hintergrund der geoffenbarten Heils- und Friedensordnung, in diesem Fall der christlichen Heilsvision, anzugehen. 6 Ausgangspunkt und Fragestellungen Wie bereits in den ersten beiden Bänden dieser Buchreihe aufgezeigt, muss eine politische Ethik mit Fokus auf die Friedensthematik Antworten zu folgenden Themenbereichen entwickeln (vgl. Jäggi 2018:177 sowie Jäggi 2019a:7): 1) Verletzlichkeit von Menschen oder einzelner Menschengruppen; 2) Anwendung von politisch motivierter oder konnotierter Gewalt; 3) Rolle der Nationalstaaten und Möglichkeit und/oder Notwendigkeit einer politischen Weltordnung oder eines Weltstaates; 4) Entwicklung und Durchsetzung der politischen Menschenrechte; 5) allgemeine politische Partizipation und Demokratie; sowie 6) eine weiterführende und doch praktikable Friedensvision. Dabei sind diese Themenfelder immer vor dem Hintergrund der geoffenbarten Heils- und Friedensordnung, in diesem Fall der christlichen Heilsvision, anzugehen. Michael P. Maier (2016:39) hat darauf hingewiesen, dass im christlichen Kontext die Frage nach dem Heil der Völker häufig unter dem Stichwort „Mission“ diskutiert worden ist. Das gilt besonders auch in Hinsicht auf die Zionstheologie etwa in Jesaja (z. B. Jes 2,2ff.; Jes 10,11ff.; Jes 18f.; Jes 26; Jes 60,2ff., Jes 65,8ff. sowie Jes 66) und in den Psalmen. Deshalb sei hier betont, dass in diesem Band das Wort „Mission“ in einer breiten, offenen Bedeutung als „Verkündigung der christlichen Botschaft“ verwendet wird, und nicht im engen Sinne eines auf eine konfessionelle Konversion hin gerichteten Proselytismus. 7 Ausgangspunkt und Fragestellungen

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Zusammenfassung

Neben einer ganzen Reihe alter, ungelöster politischer Konflikte wie dem Palästinakonflikt, dem Afghanistankrieg, dem Bürgerkrieg in Syrien, dem Jemenkonflikt oder dem gespaltenen Korea gibt es eine Vielzahl bewaffneter Auseinandersetzungen, eingefrorener Kriege oder drohender Konfliktherde wie die Ukraine, den Konflikt um den Iran, die Krisenherde im Sahelgebiet oder die Auseinandersetzungen im südchinesischen Meer, für die bis heute keine Lösung abzusehen ist. Nicht selten sind darin auch religiöse oder weltanschauliche Akteure verwickelt. Religionen können sowohl gewaltfördernd als auch friedensstiftend sein. Deshalb sollten insbesondere Friedensvisionen und gewaltlose Ansätze der Religionen Raum in der internationalen Politik erhalten. Der vorliegende Band trägt Friedensvisionen und politische Vorstellungen des biblischen Christentums zusammen und analysiert, diskutiert und hinterfragt neuere und neueste Texte der christlichen Kirchen sowie christlicher Theologinnen und Theologen zur Friedensthematik und zur politischen Ethik. Dieser Band ist Bestandteil einer fünfbändigen Reihe. Bereits erschienen sind Frieden, politische Ordnung und Ethik. FragestellungenErklärungsmodelleLösungsstrategien (2018) und Bausteine einer politischen Friedensordnung im Judentum (2019).