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6. Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen in:

Christian J. Jäggi

Bausteine einer politischen Friedensordnung im Christentum, page 227 - 238

Ethische Grundlagen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4240-3, ISBN online: 978-3-8288-7338-4, https://doi.org/10.5771/9783828873384-227

Tectum, Baden-Baden
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227 6. Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen Auf politischer Ebene zeigten das Konzil und besonders die pastorale Konstitution Gaudium et Spes neue Perspektiven auf. Geradezu visionär hielt der Konzilstext fest: „Tiefgreifende Änderungen zeigen sich heute auch innerhalb der politischen Strukturen und Einrichtungen der Völker als Folge ihrer kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Diese Veränderungen haben großen Einfluß auf das Leben der politischen Gemeinschaft, vor allem hinsichtlich der Rechte und Pflichten aller bei der Ausübung der staatsbürgerlichen Freiheit, zur Verwirklichung des Gemeinwohls und bei der Ordnung der Beziehungen der Bürger untereinander und zur öffentlichen Gewalt. Aus dem lebendigeren Bewußtsein der menschlichen Würde wächst ja in den verschiedenen Teilen der Welt das Bestreben, eine neue politisch-rechtliche Ordnung zu schaffen, in der die Rechte der menschlichen Person im öffentlichen Leben besser geschützt sind, etwa das Recht auf Versammlungs-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit und das Recht auf privates und öffentliches Bekenntnis der Religion. Der Schutz dieser Personenrechte ist nämlich die notwendige Bedingung dafür, daß die Bürger einzeln oder im Verbund am Leben und der Leitung des Staates tätigen Anteil nehmen können. Parallel zu dem kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt wächst bei vielen das Verlangen nach mehr Anteil an der Gestaltung des Lebens der politischen Gemeinschaft. Im Bewußtsein vieler wächst das Verlangen, die Rechte der Minderheiten zu wahren, ohne daß deren Pflichten der politischen Gemeinschaft gegenüber außer acht gelassen werden; überdies nimmt die Achtung vor Menschen anderer Meinung oder Religion zu. Gleichzeitig bildet sich eine immer breitere Zusammenarbeit dafür heraus, daß alle Bürger, nicht nur einige privilegierte, wirklich in den Genuß ihrer persönlichen Rechte gelangen können. Umgekehrt werden alle jene politischen Formen in manchen Ländern verworfen, die die staatsbürgerliche und religiöse Freiheit schmälern, die Zahl der Opfer politischer Leidenschaften und Verbrechen vermehren und die Ausübung der staatlichen Gewalt zum Eigennutz einer bestimmten Partei oder gar der Machthaber selbst und zum Schaden des Gemeinwohls mißbrauchen. Für den Aufbau eines wirklich menschenwürdigen politischen Lebens ist nichts so wichtig wie die Pflege der inneren Einstellung auf Gerechtigkeit, Wohlwollen und Dienst am Gemeinwohl sowie die Schaffung fester Grundüberzeugungen über das wahre Wesen politischer Gemeinschaft und über das Ziel, den rechten Gebrauch und die Grenzen der öffentlichen Gewalt“ (GS 73). Wenn auch die politische Aufbruchs-Euphorie der 1960er Jahre und die Friedens-Euphorie nach der Wende 1989 mittlerweile verflogen sind, bleibt dieser Text bahnbrechend. In GS 74 wird nochmals die demokratische Grundausrichtung der Kirche betont: „Offenkundig sind also die politische Gemeinschaft und die öffentliche Autorität in der menschlichen Natur begründet und gehören zu der von Gott vorgebildeten Ordnung, wenngleich die Bestimmung der Regierungsform und die Auswahl der Regierenden dem freien Willen der Staatsbürger überlassen bleiben“. Nach Meinung von Barbara Lukoschek (2013:19) drückte der Konzilstext „Nostra Aestate“ eine grundlegende Öffnung der katholischen Kirche gegenüber den anderen Religionen aus und bedeutete eine Abkehr vom bisher vertretenen Exklusivismus der Katholischen Kirche. Gleichzeitig habe sich damit die Kirche einer inklusivistischen Sicht ausserchristlicher Religionen zugewandt, im Sinne des Entwurfs von Karl Rahner und seinem Konzept des „anonymen Christen“. Im Anschluss an das Konzil hielt die Enzyklika „Populorum Progressio“ von Paul VI. die Bedeutung sozialer Gerechtigkeit für den Frieden klar und deutlich fest: „Denn der Friede ist keineswegs einfach auf ein Freisein von jeglichem Krieg einzuschränken … Der Friede wird Tag für Tag durch beharrliche Arbeit verwirklicht, sofern nur jene Ordnung der Dinge im Auge behalten wird, die, von Gott festgesetzt, auf eine vollkommene Form der Gerechtigkeit unter den Menschen dringt!“ (PP 76). 228 Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen Frieden Die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes hielt bereits am Zweiten Vatikanischen Konzil zum Wesen des Friedens fest: „Der Friede besteht nicht darin, dass kein Krieg ist; er lässt sich auch nicht bloss durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er entspringt ferner nicht dem Machtgebot eines Starken; er heisst vielmehr mit Recht und eigentlich ein ‚Werk der Gerechtigkeit‘ (Jes 32,17). Er ist die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher Gründer selbst in die menschliche Gesellschaft eingestiftet hat und die von den Menschen durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit verwirklicht werden muss“ (GS 78). Dabei „ist der Friede niemals endgültiger Besitz, sondern immer wieder neu zu erfüllende Aufgabe. Da zudem der menschliche Wille schwankend und von der Sünde verwundet ist, verlangt die Sorge um den Frieden, daß jeder dauernd seine Leidenschaft beherrscht und daß die rechtmä- ßige Obrigkeit wachsam ist. Dies alles genügt noch nicht. Dieser Friede kann auf Erden nicht erreicht werden ohne Sicherheit für das Wohl der Person und ohne daß die Menschen frei und vertrauensvoll die Reichtümer ihres Geistes und Herzens miteinander teilen. Der feste Wille, andere Menschen und Völker und ihre Würde zu achten, gepaart mit einsatzbereiter und tätiger Brüderlichkeit – das sind unerläßliche Voraussetzungen für den Aufbau des Friedens. So ist der Friede auch die Frucht der Liebe, die über das hinausgeht, was die Gerechtigkeit zu leisten vermag. Der irdische Friede, der seinen Ursprung in der Liebe zum Nächsten hat, ist aber auch Abbild und Wirkung des Friedens, den Christus gebracht hat und der von Gott dem Vater ausgeht“ (GS 78). In der Enzyklika Populorum Progressio verlangt Paul VI. bereits 1967 von allen Staatspräsidenten, einen Teil der für Rüstung ausgegebenen Beträge für die Schaffung eines Weltfonds einzusetzen, um notleidenden Völkern zu helfen (vgl. PP 51). Paul VI. ging in seinen Forderungen noch weiter: „Diese internationale Zusammenarbeit auf Weltebene braucht Institutionen, die sie vorbereiten, aufeinander abstimmen, leiten, bis eine Rechtsordnung geschaffen wird, die allgemein anerkannt ist. Von ganzem Herzen ermutigen Wir die Organisationen, die bisher schon das Werk der kulturellen Entwicklung der Völker in die Hand genommen haben, und Wir wünschen, daß ihre Autorität wachse. ‚Ihre Aufgabe ist es‘, so sagten Wir vor den Ver- 229 Frieden tretern der Vereinten Nationen in New York, ‚nicht einige, sondern alle Völker einander brüderlich näherzubringen.., Wer sieht nicht die Notwendigkeit ein, allmählich zur Errichtung einer die Welt umfassenden Autorität zu kommen, die imstande ist, auf der rechtlichen wie auf der politischen Ebene wirksam zu handeln?‘“ (PP 78). Damit lag Paul VI. seiner Zeit – und der unsrigen! – weit voraus. In seiner Neujahresansprache an das Diplomatische Korps am 7.1.2019 betonte Franziskus unter anderem die „enge Beziehung zwischen guter Politik und dem friedlichen Zusammenleben unter den Völkern und Nationen“: „Der Frieden ist niemals ein Teilgut, sondern er umfasst das ganze Menschengeschlecht“ (Franziskus 2019:4). Ein wesentlicher Aspekt guter Politik sei die Verfolgung des Gemeinwohls aller Menschen und des gesamten Menschen, wozu auch die sozialen Voraussetzungen zu schaffen seien. Im Sendschreiben Evangelii Gaudium hat Franziskus den engen Zusammenhang von Armut und politischer Gewalt betont: „Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden, der früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen derer provoziert, die vom System ausgeschlossen sind, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jeden politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. Wenn jede Tat ihre Folgen hat, dann enthält ein in den Strukturen einer Gesellschaft eingenistetes Böses immer ein Potenzial der Auflösung und des Todes. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, 230 Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann. Wir befinden uns weit entfernt vom so genannten „Ende der Geschichte“, da die Bedingungen für eine vertretbare und friedliche Entwicklung noch nicht entsprechend in die Wege geleitet und verwirklicht sind“ (EG 59). Im Anschluss daran fordert Franziskus den Verzicht auf zügellosen Konsumismus auf der einen und auf soziale Ausgrenzung auf der anderen Seite, die beide zu Gewalt führen, die durch Waffen und Rüstung weder zu verhindern noch abzuschaffen ist (vgl. EG 60). Franziskus hielt ausserdem fest: „Die Botschaft des Friedens ist nicht die eines ausgehandelten Friedens, sondern erwächst aus der Überzeugung, dass die Einheit, die vom Heiligen Geist kommt, alle Unterschiede in Einklang bringen kann. Sie überwindet jeden Konflikt in einer neuen und verheißungsvollen Synthese. Die Verschiedenheit ist schön, wenn sie es annimmt, beständig in einen Prozess der Versöhnung einzutreten, und sogar eine Art Kulturvertrag zu schließen, der zu einer ‚versöhnten Verschiedenheit‘ führt, wie es die Bischöfe des Kongo formuliert haben: ‚Die Vielfalt der Ethnien ist unser Reichtum […] Nur in Einheit, durch die Umkehr der Herzen und durch die Versöhnung, können wir dazu beitragen, dass unser Land weiterkommt‘“ (EG 230). Menschenrechte Zentrale Texte des Zweiten Vatikanums nahmen die Anliegen der Menschenwürde (vgl. DH 1, 3 und 9 sowie NA 5) und der Menschenrechte (vgl. LG 32; GS 29 und NA 5) auf. So betonte die Konzilserklärung Dignitatis Humanae, dass die Wahrheit „auf eine Weise gesucht werden [muss], die der Würde der menschlichen Person und ihrer Sozialnatur eigen ist“ (DH 3). Dabei bezieht sich die Menschenwürde gleichermassen auf Männer und Frauen. Paul VI. betonte aus Sicht des christlichen Glaubens „die wahre Gleichheit zwischen Mann und Frau“, weil „beide, jeder auf seine eigene Art und Weise, mit der Würde der menschlichen Person ausgestattet und nach Gottes Bild geschaffen“ sind (Paul VI. 1975:317ff.; vgl. auch Raming 2006:30). Gaudium et Spes unterstreicht die Bedeutung der individuellen Freiheit des Menschen, die eng mit der Menschenwürde verbunden ist: „Aber 231 Menschenrechte nur frei kann der Mensch sich zum Guten hinwenden. Und diese Freiheit schätzen unsere Zeitgenossen hoch und erstreben sie leidenschaftlich. Mit Recht. Oft jedoch vertreten sie sie in verkehrter Weise, als Berechtigung, alles zu tun, wenn es nur gefällt, auch das Böse. Die wahre Freiheit aber ist ein erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen: Gott wollte nämlich den Menschen ‚in der Hand seines Entschlusses lassen‘, so daß er seinen Schöpfer aus eigenem Entscheid suche und frei zur vollen und seligen Vollendung in Einheit mit Gott gelange. Die Würde des Menschen verlangt daher, daß er in bewußter und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem innerem Drang oder unter bloßem äußerem Zwang. Eine solche Würde erwirbt der Mensch, wenn er sich aus aller Knechtschaft der Leidenschaften befreit und sein Ziel in freier Wahl des Guten verfolgt sowie sich die geeigneten Hilfsmittel wirksam und in angestrengtem Bemühen verschafft. Die Freiheit des Menschen, die durch die Sünde verwundet ist, kann nur mit Hilfe der Gnade Gottes die Hinordnung auf Gott zur vollen Wirksamkeit bringen“ (GS 17). Die Konzilserklärung Dignitatis Humanae betonte insbesondere die individuelle (vgl. DH 3 + 10), die korporative und die kollektive Religionsfreiheit (DH 4). Auch die Gewissensfreiheit erhielt in den Konzilstexten einen hohen Stellenwert: „Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist. Im Gewissen erkennt man in wunderbarer Weise jenes Gesetz, das in der Liebe zu Gott und dem Nächsten seine Erfüllung hat. Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen. Je mehr also das rechte Gewissen sich durchsetzt, desto mehr lassen die Personen und Gruppen von der blinden Willkür ab 232 Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen und suchen sich nach den objektiven Normen der Sittlichkeit zu richten. Nicht selten jedoch geschieht es, daß das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne daß es dadurch seine Würde verliert“ (GS 16). Heute versteht die Katholische Kirche die Menschenrechte als ethischen Referenzrahmen (vgl. Loretan 2018a:12) – zumindest für den ausserkirchlichen Bereich. Denn – so Loretan 2018a:12 – hat es bis heute die Kirche versäumt, die Menschenrechte in den Codex Iuris Canonici (CIC 1983), also in das Kirchenrecht, aufzunehmen. Entsprechend gebe es heute einen Widerspruch zwischen der von der Kirche vertretenen Soziallehre und dem kirchlichen Recht. Wilfred (2018:15) fordert deshalb „theologische Klarheit darüber, was göttliches Recht (‚ius divinum‘) und was kirchliches Recht ist, wobei auch die Durchlässigkeit zwischen beiden Sphären zu beachten ist“. Deshalb sei ein „fortlaufender Dialog zwischen Theologie und Kirchenrecht … nötig, um den Gläubigen heute wirksam zu dienen“. Leider wurde der unter Paul VI. unternommene Anlauf, ein „Grundgesetz der Kirche“ („Lex Ecclesiae Fundamentalis“) zu schreiben, aufgegeben59 (vgl. Loretan 2018b:29). Dieser Grundrechtskatalog der Kirche hätte die „Unterscheidung der Kirche ad extra und ad intra“ (Loretan 2017:133) überwinden sollen. Diese Rücknahme war wohl kaum Zufall – und ebenso wenig ist es ein Zufall, dass der aktuelle Reformpapst Franziskus in Evangelii Gaudium 27 eine „Reform der Strukturen“ der Kirche gefordert hat (vgl. auch Loretan 2018b:29). Allerdings wartet man immer noch auf die entsprechenden Ergebnisse … Diese Entwicklung führte zum paradoxen Ergebnis, dass die Katholische Kirche zwar zu einem wichtigen Promotor von Menschenrechten in der Welt und in vielen Ländern wurde, aber selber im Inneren bis heute gravierende Menschenrechtsdefizite aufweist (vgl. Jäggi 2016:182ff.). Ein zentrales Menschenrechtsproblem in der katholischen Kirche stellt die Frage der innerkirchlichen Diskriminierung dar. Dabei verläuft laut Provost (1985:140f.; vgl. auch Loretan 2018b:35) das grösste Diskriminierungsproblem nicht einmal zwischen Männern und Frauen, sondern 59 Laut Loretan (2018:31) wurde die „Lex Ecclesia Fundamentalis“ nicht publiziert, weil „einige Bischöfe, Theologen und Kanoniker nicht dazu bereit waren“. 233 Menschenrechte zwischen Klerikern und Laien, bzw. zwischen nicht geweihten Frauen und geweihten Männern60. Wie Köck (2018:109) sehr zu Recht betont hat, können die Menschenrechte in der Kirche, die von der natürlichen Würde des Menschen abgeleitet werden, nicht durch irgend ein durch die Kirche festgelegtes „positives Recht“ eingeschränkt werden, und auch nicht durch institutionelle Ordnungen oder durch die Sakramentenlehre. Das gilt insbesondere auch für die Diskriminierungsfrage. Seit dem Aufbruch unmittelbar vor und am Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich der Enthusiasmus der kirchlichen Hierarchie für die Menschenrechte deutlich abgekühlt (vgl. Köck 2018:110). Gründe dafür sind nach Ansicht von Köck (2018:111) unter anderem, dass – erstens – das Menschenrechtsengagement in der Katholischen Kirche immer stark von Einzelpersonen abhing, etwa von Johannes XXIII. oder von Paul VI., und von der konservativen vatikanischen Hierarchie nie geteilt wurde. Zweitens hat die Kirchenführung unterdessen erkannt, dass die Menschenrechte unteilbar sind, also nur als Ganzes angenommen oder abgelehnt werden können, was sich etwa in der Diskriminierungsfrage in Bezug auf die sexuelle Orientierung zeigt. Drittens haben die mit der Menschenrechtsfrage konfrontierten Länder mit der Rückfrage gekontert: Wie steht es mit den Menschenrechten in eurer eigener Sphäre – und im Inneren der Kirche. Nach Ansicht von Pree (2018:92) erfordert die Menschenrechtssituation in der Kirche eine doppelte Balance: So müssten laut Pree auf der einen Seite Rechte und Pflichten des Individuums gut ausbalanciert sein. Auf der anderen Seite brauche es ein Gleichgewicht („Synthese“, Pree 2018:92) zwischen Wahrheit und Freiheit, also einen Ausgleich zwischen „unleugbarer Kompetenz kirchlicher Autorität soweit möglich“ („inalienable competencies of the authority as much as possible“) und individueller Autonomie. Diese etwas ängstliche Sicht übersieht jedoch zweierlei: Erstens beinhalten individuelle Rechte für alle – egal ob Menschenrechte oder als Grundrechte formuliert – untrennbar immer auch Pflichten, weil ja die Einhaltung der individuellen Rechte für alle Menschen gilt, also auch für das zwischenmenschliche Verhalten der Menschen untereinander. Zweitens setzt Prees Formulierung voraus, dass die kirchliche Autorität – also das Lehramt – prinzipiell immer Recht hat, was nach- 60 Vgl. CIC 1983: Can 129; Can 1024 sowie Can 274 § 1. 234 Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen weisbar historisch nicht zutrifft, vgl. etwa die Stellungnahmen des 1. Vatikanums oder andere lehramtliche Äusserungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Autorität der Amtskirche auch die jeweils verkündete Glaubenswahrheit umfasst – denn wie etwa Schmidinger (2018:61ff.) gezeigt hat, unterlag gerade auch die lehramtliche Verkündigung im Laufe der Zeit erheblichen „paradigmatischen Änderungen“. Zur Gewaltfrage Paul VI. schrieb in seiner Enzyklika Populorum Progressio 1967: „Es gibt ganz sicher Situationen, deren Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Wenn ganze Völker, die am Mangel des Notwendigsten leiden, unter fremder Herrschaft gehindert werden, irgend etwas aus eigener Initiative zu unternehmen, zu höherer Bildung aufzusteigen, am sozialen und politischen Leben teilzunehmen, dann ist die Versuchung groß, solches gegen die menschliche Würde verstoßende Unrecht mit Gewalt zu beseitigen. Trotzdem: Jede Revolution – ausgenommen im Fall der eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes ernsten Schaden zufügt – zeugt neues Unrecht, bringt neue Störungen des Gleichgewichts mit sich, ruft neue Zerrüttung hervor. Man kann das Übel, das existiert, nicht mit einem noch größeren Übel vertreiben“ (PP 30f.). Allerdings betonte Paul VI. unmittelbar darauf, dass drängende Reformen unverzüglich in Angriff zu nehmen seien (vgl. PP 32). Macht und Technologie Mit dem Zweiten Vatikanum und in der Folgezeit hat sich auch die Wahrnehmung der Medien von Grund auf verändert. Nicht zufällig verabschiedete das Zweite Vatikanische Konzil am 4. Dezember 1963, also bereits in der ersten Phase des Konzils das Dekret Inter Mirifica (IM) über die sozialen Medien. Darin rief das Konzil die Christinnen und Christen auf, „die sozialen Kommunikationsmittel mit echt humanem und christlichem Geist zu beseelen, um so den grossen Erwartungen der Menschheit und 235 Macht und Technologie dem Plane Gottes voll zu entsprechen“ (IM 3). Ausserdem forderte die Erklärung auf, in den Medien stets wahrheitsgetreu zu informieren und dabei die Würde der Menschen nicht zu verletzen (IM 5). Diese Aufforderung ist auch im Zeitalter der Fake News äusserst aktuell – und wahrscheinlich notwendiger denn je. In der Haltung zu den Medien kamen sowohl Fortschrittsglaube als auch eine gewisse Skepsis zum Ausdruck. So hat etwa jüngst Papst Franziskus auf die beiden Seiten der neuen Medien hingewiesen: „Die sozialen Netze sind imstande, Beziehungen zu begünstigen und das Wohl der Gesellschaft zu fördern, aber sie können auch zu einer weiteren Polarisierung und Spaltung unter Menschen und Gruppen führen. Der digitale Bereich ist ein Platz, ein Ort der Begegnung, wo man liebkosen oder verletzen, eine fruchtbare Diskussion führen oder Rufmord begehen kann“ (Franziskus 2016; vgl. auch Büsch 2017:201). Papst Franziskus hat in der Enzyklika „Laudato Si“ einen ganzen Abschnitt dem Thema „Macht“ gewidmet. Nie habe der Mensch über so gewaltige Macht und solche Fähigkeiten verfügt wie heute: „… Sie geben denen, welche die Kenntnis und vor allem die wirtschaftliche Macht besitzen, sie einzusetzen, eine beeindruckende Gewalt über die gesamte Menschheit und die ganze Welt. Nie hatte die Menschheit soviel Macht über sich selbst, und nichts kann garantieren, dass sie diese gut gebrauchen wird, vor allem wenn man bedenkt, in welcher Weise sie sich gerade jetzt ihrer bedient“ (LS 104). Franziskus warnt davor, dass die Menschheit den Ernst der Herausforderungen nicht erkenne und die Macht falsch gebrauche. Im Weiteren verweist Franziskus auf die „Globalisierung des technokratischen Paradigmas“. Dieser Hinweis ist umso ernster zu nehmen, wenn man bedenkt, wie unkritisch die meisten Menschen die digitalen Medien nutzen und einsetzen, ohne die damit verbundenen ethischen Herausforderungen auch nur in Betracht zu ziehen, geschweige denn ethische Standards festzulegen und zu befolgen. Franziskus hielt in LS 107 fest: „Wir können daher sagen, dass am Beginn vieler Schwierigkeiten der gegenwärtigen Welt vor allem die – nicht immer bewusste – Neigung besteht, die Methodologie und die Zielsetzungen der Techno-Wissenschaft in ein Verständnismuster zu fassen, welches das Leben der Menschen und das Funktionieren der Gesellschaft bedingt. Die Auswirkungen der Anwendung dieses Modells auf die 236 Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen gesamte menschliche und soziale Wirklichkeit können in der Umweltschädigung festgestellt werden, die allerdings nur ein Zeichen des Reduktionismus ist, der das Leben des Menschen und die Gesellschaft in allen ihren Dimensionen in Mitleidenschaft zieht. Man muss anerkennen, dass die von der Technik erzeugten Produkte nicht neutral sind, denn sie schaffen ein Netz, das schliesslich alle Lebensstile konditioniert, und lenken die sozialen Möglichkeiten in die Richtung der Interessen bestimmter Machtgruppen“. Dabei tendiere die Technik dazu, zu erreichen, „dass nichts ausserhalb ihrer harten Logik bleibt“ (LS 108). Interkulturalität und Universalität der christlichen Botschaft Das Zweite Vatikanum betonte die Universalität der christlichen Botschaft: „Zum neuen Gottesvolk werden alle Menschen gerufen. Darum muß dieses Volk eines und ein einziges bleiben und sich über die ganze Welt und durch alle Zeiten hin ausbreiten. So soll sich das Ziel des Willens Gottes erfüllen, der das Menschengeschlecht am Anfang als eines gegründet und beschlossen hat, seine Kinder aus der Zerstreuung wieder zur Einheit zu versammeln (vgl. Joh 11,52). Dazu sandte nämlich Gott seinen Sohn, den er zum Erben des Alls gemacht hat (vgl. Hebr 1,2), daß er Lehrer, König und Priester aller sei, das Haupt des neuen und allumfassenden Volkes der Söhne Gottes. Dazu sandte Gott schließlich den Geist seines Sohnes, den Herrn und Lebensspender, der für die ganze Kirche und die Gläubigen einzeln und insgesamt der Urgrund der Vereinigung und Einheit in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet ist (vgl. Apg 2,42). In allen Völkern der Erde wohnt also dieses eine Gottesvolk, da es aus ihnen allen seine Bürger nimmt, Bürger eines Reiches freilich nicht irdischer, sondern himmlischer Natur. Alle über den Erdkreis hin verstreuten Gläubigen stehen mit den übrigen im Heiligen Geiste in Gemeinschaft, und so weiß ‚der, welcher zu Rom wohnt, daß die Inder seine Glieder sind‘. Da aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und hebt es sie aber auch“ (LG 13). 237 Interkulturalität und Universalität der christlichen Botschaft Dabei – so Lumen Gentium 16 – sind all „diejenigen …, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, … auf das Gottesvolk auf verschiedene Weise hingeordnet“. Weiter geht Gaudium et Spes. Der Text spricht sich ausdrücklich gegen jede Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder kultureller Zugehörigkeit aus: „Gewiß, was die verschiedenen physischen Fähigkeiten und die unterschiedlichen geistigen und sittlichen Kräfte angeht, stehen nicht alle Menschen auf gleicher Stufe. Doch jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts oder der Rasse, der Farbe, der gesellschaftlichen Stellung, der Sprache oder der Religion, muß überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht. Es ist eine beklagenswerte Tatsache, daß jene Grundrechte der Person noch immer nicht überall unverletzlich gelten; wenn man etwa der Frau das Recht der freien Wahl des Gatten und des Lebensstandes oder die gleiche Stufe der Bildungsmöglichkeit und Kultur, wie sie dem Mann zuerkannt wird, verweigert. Obschon zwischen den Menschen berechtigte Unterschiede bestehen, fordert ferner die Gleichheit der Personwürde doch, daß wir zu humaneren und der Billigkeit entsprechenden Lebensbedingungen kommen“ (GS 29). Und die Konzilserklärung Nostra Aestate endet sogar mit einem Aufruf gegen jede Diskriminierung in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit, Stand oder Religion: „Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht. Und dementsprechend ruft die Heilige Synode, den Spuren der heiligen Apostel Petrus und Paulus folgend, die Gläubigen mit leidenschaftlichem Ernst dazu auf, daß sie ‚einen guten Wandel unter den Völkern führen‘ (1 Petr 2,12) und womöglich, soviel an ihnen liegt, mit allen Menschen Frieden halten, so daß sie in Wahrheit Söhne des Vaters sind, der im Himmel ist“ (NA 5). 238 Zweites Vatikanum und spätere lehramtliche Stellungnahmen

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References

Zusammenfassung

Neben einer ganzen Reihe alter, ungelöster politischer Konflikte wie dem Palästinakonflikt, dem Afghanistankrieg, dem Bürgerkrieg in Syrien, dem Jemenkonflikt oder dem gespaltenen Korea gibt es eine Vielzahl bewaffneter Auseinandersetzungen, eingefrorener Kriege oder drohender Konfliktherde wie die Ukraine, den Konflikt um den Iran, die Krisenherde im Sahelgebiet oder die Auseinandersetzungen im südchinesischen Meer, für die bis heute keine Lösung abzusehen ist. Nicht selten sind darin auch religiöse oder weltanschauliche Akteure verwickelt. Religionen können sowohl gewaltfördernd als auch friedensstiftend sein. Deshalb sollten insbesondere Friedensvisionen und gewaltlose Ansätze der Religionen Raum in der internationalen Politik erhalten. Der vorliegende Band trägt Friedensvisionen und politische Vorstellungen des biblischen Christentums zusammen und analysiert, diskutiert und hinterfragt neuere und neueste Texte der christlichen Kirchen sowie christlicher Theologinnen und Theologen zur Friedensthematik und zur politischen Ethik. Dieser Band ist Bestandteil einer fünfbändigen Reihe. Bereits erschienen sind Frieden, politische Ordnung und Ethik. FragestellungenErklärungsmodelleLösungsstrategien (2018) und Bausteine einer politischen Friedensordnung im Judentum (2019).