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Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? in:

Andreas Heyer

Risse im Fundament – Die Logik der Veränderung, page 3 - 116

Essays und Aufsätze zur Geschichte der Utopie

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4243-4, ISBN online: 978-3-8288-7330-8, https://doi.org/10.5771/9783828873308-3

Tectum, Baden-Baden
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3 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? 1. Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters Die Gegenwart verstehen, die eigene. Früher oder später muss man sich dem Gegenstand zuwenden, der jenen Erfahrungsschatz offenbart, durch den dieses Unterfangen erst möglich wird. Jede Generation entdeckt ihn neu und anders: die Geschichte. In ihr kann man wie in einem großen, prächtigen Buch lesen – ihre wunderbaren oder grausamen Illustrationen, bunt koloriert oder in das traurige Grau der Hegelschen Abenddämmerung gehüllt, schildern das Glück und Unglück der Individuen, der Klassen, zeigen Frieden und mörderische Schlachten, die Wünsche und Hoffnungen der großen und der kleinen Menschen. Alles Vergängliche wird aufbewahrt (so muss wünschenderweise vermutet werden), festgehalten und dergestalt Teil des Inventars der sich permanent erneuernden Moderne. Vor allem konservative Denker erkannten früh die Macht der Geschichte, beraubten sie aber ihrer entscheidenden Dimension. Denn für sie war Geschichte immer nur das Vorurteil, das dogmatisiert werden sollte, eingefroren, als Marterpfahl und Gerichtshof der eigenen Jahre. Doch Geschichte, das viel zu oft beschworene Lernen aus ihr, kann und muss mehr umfassen als die – im konservativen Sinn quasi autoritäre – Bestätigung der eigenen Meinung. Gerade in ihrem unendlichen Reichtum, in ihren Divergenzen und Irrwegen, hält sie ein Wissen bereit, das dazu dienen kann, die Krisen der eigenen Zeit eben nicht, wie Konservative fordern, als naturgegebene Ereignisse hinzunehmen und bestenfalls auszunutzen, sondern zu Gunsten einer besseren Zukunft zu überwinden. 4 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Hier geht es jedoch nicht um die Diagnose der Probleme der Gegenwart, auch nicht um die Imagination einer anderen Zukunft. Wer solches erwartet, muss enttäuscht werden. Es wird der Versuch unternommen, auf einer spezifischen Ebene zu untersuchen, in welchen Denkprozessen die Entstehung unserer Moderne erahnt wurde. Thomas Morus und Niccolò Machiavelli erarbeiteten ihre politischen Theorien zeitgleich und die Rekonstruktion ihres Denkens soll jenen Ausgangspunkt greifbar machen, durch dessen Kenntnis gewusst werden kann, wo und wie unsere derzeitige Moderne ihren Anfang nahm. Es geht darum, die beiden Politikmodelle gegeneinander abzuwägen und in ihrer antagonistischen Stellung zu verstehen. Vor einem halben Jahrtausend, um 1500, geriet die damals bekannte Welt, ihr europäischer Mittelpunkt, aus den Fugen. Die in diesem so genannten Mittelalter wirkenden Kräfte waren nicht mehr in der Lage, weiterhin jenen normativen Rahmen bereitzustellen und durchzusetzen, der das Leben der Menschen über mehrere Jahrhunderte hinweg fest in dumpfer Einsilbigkeit organisiert hatte. Eingebunden in starre und dogmatische Regeln war das Leben der Individuen zuvorderst durch ihre Geburt bestimmt, verlief in klaren und zumeist harten Bahnen, hielt als Überraschungen nur die Pest oder den frühzeitigen Tod bereit. Kaum einer wagte es, an diesem System zu rütteln, es zu hinterfragen oder gar zu kritisieren. Ergänzt sei: Es konnte auch fast niemand. Die Welt war in diesem Sinne völlig geschlossen – zeitlich, räumlich, inhaltlich, hierarchisch. Der mittelalterliche Kosmos imaginierte eine Einheit, in der für ein spezifisches individuelles „Ich“ kein Platz war, ja, ein solches noch nicht einmal gedacht werden konnte. Die diesseitige Welt war nicht selbständig, sondern Raum, Durchgangsort und Prüfanstalt für ein zukünftiges Leben im Himmel oder anderswo, etwas tiefer angesiedelt. Der Einzelne zählte nichts, entscheidend war ausschließlich sein Funktionieren an jenem Platz, an den ihn seine Geburt (alternativ: die Kirche) gestellt hatte. Räume für Selbstentfaltung oder zur Freisetzung neuer Bedürfnisse existierten nicht. Der Ausbruch aus dem Mittelalter ist auf das Engste mit der Individualisierung verbunden, diese Feststellung kann nicht überraschen. Die Entdeckung des Menschen durch sich selbst, der Akt seiner Bewusstwerdung, gleichsam sein Erwachen – das ist die Geburtsstunde der Neuzeit. Als der Mensch sein 5 Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters eigenes Ich erkannt hatte, war ihm der Weg zurück für immer versperrt. Wer diese banale Einsicht nicht ernst nahm, der musste scheitern und zahlte dafür einen hohen Preis: Thomas Münzer beispielsweise den Tod, die Romantiker 300 Jahre später den der ästhetischen Verirrung und damit der Entpolitisierung des Menschen. Es ging nun nur noch nach vorn – oder in ausweglose Sackgassen, in tödliche Umklammerungen des tiefen Schlummers. Das mittelalterliche Ordo-Denken konnte keine glaubhaften Angebote mehr unterbreiten und hatte keine Kraft, ihre alte organisierende und ordnende Macht überall und zu jeder Zeit und um einen geringen Preis aufrechtzuerhalten. Hierfür brauchte es (d. h. die es produzierenden, tragenden Kräfte) immer mehr Gewalt. Gleichzeitig war aber die bürgerliche Gesellschaft erst in Ansätzen greifbar, Stück für Stück ersetzte sie, vor allem in den Städten, ihren Vorläufer, wobei natürlich ganze Landstriche mit der Entwicklung nicht Schritt hielten. Insofern kann durchaus davon gesprochen werden, dass an vielen Orten ein Vakuum existierte, welches zum Beispiel in den italienischen Staaten durch die neue Kunst in Beschlag genommen wurde. Oftmals aber blieb es auch einfach leer, reine Latenz, potenzlos sogar, und wartete darauf, gefüllt zu werden. Und überall spürbar war die Determinierung durch die permanenten Spannungen zwischen der alten und der neuen Zeit, zwischen der untergehenden und der sich entwickelnden neuen Ordnung – zu bezeichnen unter dem Namen der Krise des Mittelalters. Das eben meint den allmählichen, aber permanent voranschreiten Verfall des mittelalterlichen Kosmos. Bezeichnet ist, wie der Titel dieser Abhandlung sagt: Der Zerfall der alten Welt. Ferdinand Seibt hat dies in seinem auch heute noch lesbaren Werk Glanz und Elend des Mittelalters. Eine endliche Geschichte so verstanden, dass er annahm, dass sich die mittelalterliche Welt im zwölften Jahrhundert zuerst konsolidiert hatte, um anschließend an eben diesem Prozess zu scheitern: „Der Expansion folgte die Krise. Eine schöpferische Krise, ähnlich wie die vereinfachend so genannte schöpferische Intensivierung des 12. Jahrhunderts, nur mit einem bedeutenden Unterschied: Die Schöpfungskraft des 14. und 15. Jahrhunderts wurde zur spätmittelalterlichen Krise, weil sie zugleich die in vielen Jahrhunderten gewachsene politische Ordnung des Mittelalters sprengte, die Monarchie gefährdete, Stadtrepubliken zum Machtkampf mit Fürsten reizte und Fürsten zu Parve- 6 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? nüs unter Königen werden ließ. Zugleich ging die Pest durch Europa, und das Papsttum verlor die Führung über die reformbegehrende Christenheit.“1 Ein weiterer Aspekt trat Seibt zu Folge hinzu, ergänzte das Szenario des Zerfalls der alten Welt. Ihr räumlicher Zusammenhang wurde brüchig. Neue Mächte betraten die Bühne der politischen Aktion, andere verlie- ßen sie oder änderten ihre Prämissen und Ziele. Die europäische Landkarte veränderte ihr Gesicht: „Ich meine den Einbruch der Türken nach Südosteuropa, die Eroberung Konstantinopels 1453, den Rückzug Englands vom Kontinent 1475, auf dem es jahrhundertelang in engster, meist kriegerischer Verbindung zu Frankreich gewirkt hatte, die Vereinigung der spanischen Königreiche und die endgültige Verdrängung des Islam von der Pyrenäenhalbinsel wenig später. Ich meine den Aufstieg Russlands nach der ‚Befreiung vom Tartarenjoch‘ 1480, den Niedergang des Mittelmeerhandels, noch nicht durch Kolumbus, sondern durch die portugiesischen Schifffahrtswege von Westafrika nach Westeuropa, und den endgültigen Zusammenschluss des später so genannten Donauraums seit 1472 unter polnischer, von 1526 an unter habsburgischer Ägide. Das alles schuf ein neues Europa.“2 Aus diesen Faktoren hat Seibt sein Plädoyer für eine politische Geschichte abgeleitet. Politisch, weil sie versuchen sollte, eben die politischen Beziehungen zwischen den Menschen, den Regionen, den Ländern zu erkennen. Hier sah er den Schlüssel für ein Verständnis der Geschichte, das die großen Zusammenhänge ebenso freizulegen vermag wie die grundsätzlichen Differenzen. „Mir scheint jedoch, dass sich die vielfältigen Beziehungen zwischen Menschen anhand ihrer politischen Gestaltung am leichtesten erkennen und am besten definieren lassen. Welche Vorstellungen sie dabei von der rechten Ordnung untereinander entwickelten, welche Möglichkeiten sie erkannten, ihr Dasein vorsorglich zu planen oder zu verändern, welche Hoffnungen sie mit der Frage nach dem Sinn ihrer Existenz überhaupt verbanden: das alles schlug sich im Mittelalter wie zu jeder Zeit unmittelbar in politischen Gestaltungen nie- 1 Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters, S. 15. 2 Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters, S. 15. 7 Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters der. Und es rechtfertigte den Gebrauch von Macht, Macht der einen über die anderen.“3 Geschichte ist immer politische Angelegenheit, muss als solche erfahren, begriffen werden und wird dadurch selbst zum Politikum, zum Teil ideologischer Debatten, Stütze oder Krücke, je nachdem, im tagesaktuellen Geschäft. Vor gut 100 Jahren richtete schon einmal eine Generation aus genau diesem Grund ihren Blick zurück, intensiver und sehnsüchtiger als die ihr vorangegangenen und die ihr nachfolgenden. Angesichts der Verwerfungen und Probleme ihrer Zeit – der Manchester-Kapitalismus ging via Imperialismus in den Ersten Weltkrieg über – sahen zahlreiche Autoren, Dichter und Künstler, Revolutionäre um 1900 ausgerechnet im Mittelalter ein Bild, das sie als gut, sicher und friedlich in poetischer Verklärung dem Zusammenleben ihrer Gegenwart konfrontierten. Der russische Fürst Peter Kropotkin, die englischen Künstler und Philosophen Oscar Wilde und William Morris oder etwa der deutsche Anarchist bzw. genossenschaftliche Sozialist Gustav Landauer beschworen geradezu die mystisch verzerrte Einheit von Mensch und Natur. Angesichts der rauchenden und alles zerstörenden – auch der Menschen, die sie befeuerten – Fabrikschlote, der sich abzeichnenden Militarisierung des gesamten Lebens und der Kulturvernichtung sowie der Technisierung des Alltags erschien ihnen das Mittelalter als die letzte glückliche, in sich ruhende Epoche. Damit verbunden war implizit auch die Aussage, dass die Konflikte der Moderne in dieser selbst wurzeln. Nimmt man Morris’ Lob der Handarbeit oder Kropotkins Konzeption gegenseitiger Hilfe in ihren Intentionen ernst, dann erkennt man die Strahlkraft ihres Mittelalterbildes – ein urwüchsiger, quasi natürlicher Reiz. Es dauerte nicht mehr lange, ja, diese Entwicklung fand eigentlich parallel statt, da übernahmen die weitaus realistischeren und in sich schöneren Lockungen des Kommunismus diese Funktion. Allerdings in völlig konträrer Funktions- und Motivationslage. Dass tief dringende Intellektuelle wie Morris oder Kropotkin das „Gute“ wollten, sich bei ihrem Zugriff auf die Geschichte aus der heutigen Sichtweise aber so sehr irrten, ist kein Einzelfall. Seit dem 18. Jahrhundert waren die möglichen Ideen des Mittelalters, also dessen nachholende Re- 3 Seibt: Glanz und Elend des Mittelalters, S. 13 f. 8 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Konstruktion, hart umkämpft: Es ging immer auch um das Selbstverständnis des Interpreten, seine Stellung zu Geschichte und Gegenwart, manchmal sogar zur Zukunft. So war für die Vertreter der französischen Spielart der Aufklärung im 18. Jahrhundert das Mittelalter eine dunkle und finstere, barbarische und unzivilisierte Epoche. Ihr eigenes Zeitalter als das der Vernunft und Rationalität, später auch als das der Leidenschaften und des „ganzen Menschen“, konnten sie sich nicht als Entwicklungsergebnis vorstellen, sondern nur als Bruch. Etwas überspitzt formuliert bestand das eigene Verständnis der französischen Aufklärer darin, sich selbst als den gleichsam vernünftigen Höhepunkt der bisherigen Geschichte zu verstehen und die mittelalterliche Epoche als Kontrapunkt gegenüberzustellen. In diesem Sinne kann die Aufwertung des Mittelalters, die vor allem in der deutschen Romantik stattfand bzw. in dieser ihren Ausgang nahm, als dezidierte Aufklärungs-Kritik interpretiert werden. Als Beispiel mag Novalis’ Die Christenheit in Europa genannt werden, in dem dieser alle jene Prozesse bejahte, die die Aufklärung radikal abgelehnt hatte. Vor diesem Hintergrund ist zu erklären und zu verstehen, dass das positive Mittelalter-Bild, welches die Romantik prägte, nicht nur in seiner mystischen Überhöhung zu lesen ist, als Element oder Ursprung der Verklärung des selbstbewussten Menschen, sondern zuvorderst als Beitrag zum spezifisch deutschen Weg in die Moderne. Politische, ökonomische, religiöse und kulturelle Elemente wurden von den Romantikern zusammengeschweißt im Sinnbild der Nation, das sich sofort verselbständigte. Hierfür stehen die Germania (der im Französischen die Marianne entspricht), die Barbarossa-Sage, Harz, Rhein und Kyffhäuser, einige Jahre später dann Felix Dahn, die Gebrüder Grimm oder Gustav Freitag. Die Romantik legte in ihrer deutschen Variante die Grundlage für die zuletzt genannten Künstler. Sie begann, das ist einer ihrer zentralen Züge, wie Theodor Ziolkowski in seiner beeindruckenden Schrift Das Amt der Poeten nachgewiesen hat, im Museum die Spuren der Vergangenheit zusammenzutragen – und eben nicht nur auszustellen, sondern auch zu glorifizieren, was immer den Untergang der Wahrheit markiert. Und ein anderes Sinnbild der Romantik, auch dies zeigt Zielkowski, war das Bergwerk, die Höhle, das Wühlen im Schmutz, Dreck und im tiefen Loch. Nirgends leuchtete die Sonne der Aufklärung. 9 Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters Diese verschiedenen Annäherungsversuche an das Mittelalter sind Teil jenes Panoptikums, welches heute die kaum zu messende Faszination bei der Durchdringung des Vergangenen ausmacht. Nicht zuletzt, da sich das Mittelalter-Bild insofern demokratisiert hat, als es nicht mehr Teil einer Elite ist, sondern an seiner Verklärung nunmehr alle Schichten mitarbeiten. Gemeint sind damit nicht die zahlreichen Hebammen und Wanderhuren, die die zweit-, besser: drittklassige deutsche Literatur durchstreifen, sondern auch solch absurde Erscheinungen wie Mittelalter-Märkte und Mittelalter-Feste, auf denen sich irgendwelche Leute verkleiden und etwa mit „alten“ und längst zu Recht überholten Methoden ein Brot backen, das noch nicht einmal schmeckt, aber ziemlich teuer ist und dem zivilisatorischen Fortschritt, der dieser Treiben erst als Dekadenzerscheinung ermöglicht, Hohn spottet. Natürlich ist bei solchen Veranstaltungen jeder ein Ritter oder ein glücklicher Schmied. Auspeitschungen, Hunger, Folter, mangelnde Hygiene, Kindersterblichkeit, Lepra, Pest und Geißlerzüge, die primitive, christlich gemachte Jenseitsfurcht sind im Eintrittsgeld nicht inbegriffen. Aber die Tür ist geöffnet. Es soll doch schön und echt sein. Wenn also die Teilnehmer jener Mittelalter-Feste mit dem Zug oder dem Auto an jene Orte fahren, wo sie dann im vermeintlichen Einklang mit der Natur Geschichte erlebbar zu machen glauben, so mag dies auf den ersten Blick a-politische Kinderei sein. Es ist aber mehr, eben weil der gesamte Diskurs ideologisch aufgeladen ist, es mag dem einzelnen bewusst sein oder nicht. So war es der bereits erwähnte Gustav Landauer, der 1907 in seinem Klassiker Die Revolution mit aller Emphase forderte, die Einteilung Antike, Mittelalter, Neuzeit fallen zu lassen – mit dem Endzweck der Bildung von ideengeschichtlich bedeutsameren Traditionslinien. Und es sollte nicht verschwiegen werden, dass natürlich die europäischen Faschisten und die deutschen Nationalsozialisten nicht an die Aufklärung anknüpften, sondern an das Mittelalter und dessen Mystifizierungen. Vom „deutschen Wesen“ lässt sich aufzeigen, dass es in der Romantik wurzelte und eine Entwicklung durchlief, zu der als Zwischenstation die Idee der nationalen Identität auf rassischer und imperialistischer Grundlage – etwa bei Houston Stewart Chamberlain oder Paul Lagarde – ebenso gehört wie die vermeintliche Philosophie Friedrich Nietzsches. Der deutsche Nationalsozialismus war die brutalste Konse- 10 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? quenz – und mit ihm ist es nicht vorbei. (Ernst Jüngers Lachen vernimmt man nicht nur in den Stahlgewittern.) Im universitären Bereich brachte das 20. Jahrhundert in seiner zweiten Hälfte dann die Auseinandersetzung um die inhaltliche Füllung eines Konzepts des Mittelalters durch – so banal es klingt – endlich wissenschaftliche Kriterien. Worum handelt es sich? Das war die zentrale Frage. Eine Zeit, die grundsätzlich verschieden ist von ihrer Vorläuferepoche (der Antike) und dem, was danach kam – am einfachsten zusammengefasst unter dem Namen Neuzeit? Oder existieren trotz aller Andersartigkeit Traditionslinien, Kontinuitäten, die sich in unterschiedlichen Formen, über- und unterirdisch, durch den Lauf der Jahrhunderte ziehen? Es ist, diese Antwort liegt auf der Hand, schwer, den Streit zu entscheiden, lassen sich doch für beide Ansichten gewichtige Argumente ins Feld führen. Also eine „sowohl-als-auch“ Notlösung? Nein, das nicht. Es kann durchaus davon gesprochen werden, unabhängig von zeitlicher Datierung, dass sich die Neuzeit, wie sie sich gerade in der Epoche der Aufklärung erstmals in aller Mächtigkeit und, es sei hinzugefügt, auch philosophischen Schönheit zeigte, vom Mittelalter unterscheidet. Und dabei sind echte Brüche, Einschnitte, Zäsuren zu sehen. Der heutige Mensch ist nun einmal ein Individuum, während den mittelalterlichen Ordnungsmächten jedwede Individualisierung mühevoll und blutig abgerungen werden musste. Die christlichen Kirchen, jener offensichtliche Anachronismus, sind die leider nicht stummen, sondern nur allzu lauten Zeugen. Noch heute versuchen sie ja als Platzhalter der feudalistischen Unterdrückung, ihre Form der Sklaverei, d. i. jegliche Selbstentfaltung des Menschen mit allen Mitteln zu verhindern, umzusetzen. Die Kenntnisnahme solcher Polarisierung zeigt das Mittelalter als Gegenbild unserer Welt, was aber (vor allem in der subjektiven Wahrnehmung) auf die Antike ebenso zutrifft wie auf fremde Kulturen. Von hier begründet sich der Reiz der Exotik des Mittelalters. Daneben aber steht die Beobachtung, die auch diesen Ausführungen zu Grunde liegt, dass es durchaus Kontinuitäten gibt. Damit muss nicht gemeint sein, dass sich ganz bestimmte Ideen, Verhaltensmuster, Normen usw. auch heute nachweisen lassen. (Dies ist Aufgabe der je zuständigen Spezialwissenschaften.) Es ist aber signifikant, dass die Prozesse, die im Folgenden zur Debatte stehen, im Mittelalter ihren Ausgangspunkt haben bzw. mit dessen 11 Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters Zerfall eng verbunden sind. Zumindest insofern, als Morus und Machiavelli die Krisen ihrer Zeit verarbeiteten. Sie stießen bei der intellektuellen Emanzipation in neue Räume und Denkmodelle vor, die als neuzeitlich – im Sinne eines zu-uns-gehörig – bezeichnet werden können. Aber der Ansatz zu ihren Diagnosen, dergestalt auch die Lösung determinierend, das entworfene Gegenmodell, entstammten dem Vergangenen, speisten sich aus diesem. Damit ist ein weiterer Punkt des hier vertretenen Mittelalter-Verständnisses benannt: Der Blick zurück zeigt Brüche. Vielleicht können sogar Epochenwechsel wissenschaftlich dingfest gemacht werden. Aber, das ist entscheidend, das Mittelalter „zerfiel“ – Stück für Stück, Ort für Ort. Die allumfassende normative Bindekraft der herrschenden Mächte ging verloren, neue Elemente traten immer zahlreicher auf, sukzessive, schleichend, einander ergänzend oder bekämpfend. Die Kunstgeschichte sieht heute zum Beispiel, wie sich in den Städten das Kirchengebäude „drehte“ und neue sakrale sowie gleichzeitig weltliche Dimensionen erschloss. Der Politikwissenschaftler, so er nicht, wie leider in den meisten Fällen, ein historischer Ignorant ist, erkennt die Ausbildung des modernen Staates, Ansätze zur Bürokratie usw. Der Literaturwissenschaftler thematisiert die Entstehung von Gattungen, Nationalliteraturen oder Sprachmodellen. Eines der Schlagworte, unter denen all diese Teilentwicklungen zusammengefasst werden können, ist das der Vermessung der Welt (auch wenn dieser Ansatz in anderen Kontexten besser am Platz zu sein scheint). Morus und Machiavelli entwarfen Systeme zur Vermessung der antiken Erfahrungen sowie zur Darstellung des modernen Wissens. Der Fürst archivierte und ordnete seine Kunst- und Wunderkammern, Bau- und Polizeyordnungen wurden verabschiedet, die Stadt bekam Strukturen, Erlasse regelten das menschliche Miteinander. Die ganz Mutigen und Kühnen zeichneten sogar Karten von der Welt, ohne sie je gesehen zu haben (wie Dürer sein Nashorn), in Italien begann die Wissenschaft der politischen Statistik. All dies ist zuvorderst, auch wenn die positiven Momente herausgestrichen zu sein scheinen, Teil der gewaltigen, das Ende des Mittelalters bestimmenden Krise. Ohne Krise sind Lösungen nicht notwendig – würde der Volksmund dies formulieren, hätte er recht. So ist es jedoch nicht so einfach, zu sagen, dass die Krise tatsächlich ins Bewusstsein rückte. Ja, sie wurde erfahren, aber dass sie durch den Anbruch 12 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? der bürgerlichen Gesellschaft hervorgerufen wurde, erkannten, begriffen, mit den möglichen Konsequenzen, nur einige wenige. Zwei wesentliche Denkrichtungen erhielten in dieser Zeit, um 1500, ihr spezifisch neuzeitliches Profil. Die eine wurde von Niccolò Machiavelli in Florenz erarbeitet, die andere von Thomas Morus in London: Gemeint sind der Kontraktualismus und die Utopie. Der Kontraktualismus, auch als Vertragstheorie bezeichnet, unternimmt in seiner neuzeitlichen Variante den Versuch, die entstehende moderne, also die bürgerliche Staatlichkeit zu definieren und, wichtiger noch, zu legitimieren. Dies ist Realität, eine freilich, die auf einer ausgedachten, erfundenen Vision, Lüge basiert. Denn der Vertragstheorie liegt immer eine Idee der Entstehung des Menschengeschlechts zu Grunde, die – in geschichtsphilosophischer Perspektive – mit Prämissen arbeitet, die ihrem Ziel entnommen sind. Sie muss sich erst jenen Zustand ausdenken, wie sich die Menschen ohne Gesellschaft und Staat verhalten würden, um dann ihr jeweiliges Modell der Organisation legitimierend vorzustellen. Gedacht als autarkes System ist der starke Staat, wie Thomas Hobbes 1651 formulierte: der Leviathan. Er ist niemandem rechenschaftspflichtig, steht vor der Kirche und über den Bürgern. Dafür bekämpft er, um in der von Hobbes entliehenen und säkularisierten Bibelsprache zu bleiben, den Behemot. Seine Macht und damit seine potentiellen Siege verbürgen den Frieden. Doch nicht nur das: Den Individuen garantiert er die freie Marktwirtschaft, in der sie ungehindert, allein durch staatliche Gesetze beschränkt, agieren können. Die behauptete egoistische Triebstruktur des Menschen kann dergestalt sich wieder gegen andere Menschen richten. Freilich muss man diese nicht mehr erschlagen, man kann sie ausbeuten, erniedrigen, verhungern lassen. Machiavelli, Hobbes und viele andere meinten, dies sei ein positiver Effekt, der sich langfristig auf alle beglückend ausdehnen werde. Der Kontraktualismus setzt auf das Individuum, das nicht durch Moral gebunden wird, sondern ausschließlich durch positive Gesetze des Staates. Er wurde damit, vor und nach Hobbes oder Locke, zum wichtigsten Ideologieproduzenten der bürgerlichen Gesellschaft. Eine These, die erhärtet wird, wenn hier zumindest die Namen von Spinoza oder Des cartes genannt werden. Für Deutschland die das 18. Jahrhundert prä- 13 Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters gende, jedwede Freiheit hemmende Schulmetaphysik Christian Wolffs, zu der Georg Lukács alles Notwendige gesagt hat. In der Mitte des 18. Jahrhunderts öffnete sich der Kontraktualismus dann thematisch (nicht in Deutschland, aber in Frankreich, in England), so dass auch neue Thesen in seinem Rahmen vertreten werden konnten, etwas banal seien sie als „links-stehende“ bezeichnet. Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot, auch ein amerikanischer Revolutionär wie Thomas Paine, später dann ebenso, in der Französischen Revolution, die Girondisten (Brissot, vor allem Condorcet) und die Jakobiner um Maximilien Robespierre und Saint-Just waren Kontraktualisten. Ihnen allen ging es um die Generierung bzw. Begründung eines Staates, der auf bestimmte Zwecke (Gemeinwohl) verpflichtet ist, die – analog zur Utopie, aber im Unterschied zu dieser als echter Teil der Realität – nicht diskutiert werden. Alle anderen Felder menschlicher Existenzen sind jedoch der gestalterischen Kraft des Menschen unterworfen. Als Staatsbürger (Ci toyen) ist der Mensch Herr seiner selbst. Da freilich immer noch Kapitalismus an der Tagesordnung war und dieser sich zu wirkmächtig entfalten begann, muss das Ende aller dieser Ansätze nur erwähnt, nicht aber begründet werden. Genauer besehen scheiterten die Kontraktualisten als Revolutionäre daran, dass sie ihren Staatszweck (eigentlich die freie Marktwirtschaft) nur mit Gewalt gegen die feindliche Umwelt (teilweise das eigene Volk, die europäischen Tyrannen, die Priester) durchsetzen konnten. Und das wiederum, so sagt man falscherweise, ist ein Signum der Utopie. Denn diese unternimmt das völlige Gegenteil des Kontraktualismus. Sie entwirft eine Gesellschaft, in der alle Konflikte (oder zumindest das geortete Hauptproblem) für immer abgestellt sind. Dies betrifft auch die anthropologisch fundierten, aus der menschlichen Konfliktstruktur sich ergebenden Krisen gesellschaftlichen Seins. Die Utopie geht von einer radikalen Kritik an der Gegenwart aus (die der Kontraktualismus ja reformerisch bearbeiten möchte) und imaginiert eine bessere und glücklichere Alternative, die freilich weder existiert noch verwirklicht werden kann. Gedacht als intellektuelles Experiment wird ein normativer Zielpunkt erwiesen, der nie zu erreichen ist. So ist es keine Überraschung, dass das Phantasiewort Utopia, zusammengesetzt aus ou und topos, soviel heißt wie Nirgendort, Nichtort. Oder, wie Aristophanes als erster 14 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? utopiekritisch formulierte: Wolkenkuckucksheim. (Es war Ernst Bloch, der diesen Topos in der Mitte des 20 Jahrhunderts wieder aufgriff.) Beide ideengeschichtlichen Stränge wurden mehr als nur bedeutsam, sie prägen bis heute unsere Denkhorizonte. Morus und Machiavelli waren in unserer „Neuzeit“ jeweils die ersten Theoretiker, die in ihrer Strömung wirkten und die grundlegenden Texte produzierten, wobei zu berücksichtigen ist, dass Morus auf die Tradition der antiken Utopie zurückgreifen konnte, mit dieser allerdings ebenso radikal brach wie mit seiner Gegenwart. Zwischen beiden Traditionslinien, zwischen Kontraktualismus und Utopie oszilliert die europäische Geistesgeschichte. Viele der zu sehenden kulturellen und ideengeschichtlichen Streitigkeiten, Problem auf risse, Herausforderungen können diesem permanenten Spannungsgefüge zugeschrieben werden. Grundsätzlich und ohne den folgenden Ausführungen voraus zu greifen, kann hier festgehalten werden, dass der Kontraktualismus die bürgerliche Gesellschaft bejahte und legitimierte (Ausnahmen wie einzelne französische Aufklärer bestätigen die Regel, nicht zuletzt dann, wenn ihre Theorien keine Revolutionsperspektive enthalten und dadurch in letzter Konsequenz ebenfalls reformierend wirken), während die Utopie diese radikal kritisierte und Emanzipationsprozesse der Geschichte, des Menschen und des Menschengeschlechts imaginierte. Neben Morus und Machiavelli sind hier in exemplarischer und charakteristischer Auswahl zumindest drei weitere Personen kurz anzusprechen, die entweder auf die beschriebene spätmittelalterliche Krise reagierten oder diese gar mit auslösten. Ihr Werk und Wirken ist immer mitzudenken, auch wenn sie im nachfolgenden Abriss nicht weiter analysiert werden. 1) Zuerst ist Christoph Kolumbus zu nennen, der 1492 Richtung Indien in See stach und in Amerika landete. Es geht nicht darum, ob er dort der erste Europäer war, oder ob er bei seiner ersten Fahrt überhaupt den Kontinent erreichte, ob Zufall, Ahnung, falsche Berechnungen oder Wissen ihn dorthin verschlugen, ob er Pech hatte oder das Glück erzwang. Entscheidend ist, dass er die kirchliche Lehre anzweifelte, ausschließlich auf der Basis seines eigenen Verstandes und des Studiums der antiken Quellen davon überzeugt war, nicht von der Scheibe herunterzufallen. 15 Einleitung: Die Ohnmacht des Mittelalters Er fuhr mit erhobenem Kopf in die Hölle, die nicht existierte. Das ist der Punkt, der ihn mit Morus und Machiavelli verbindet. Zugleich ist dergestalt illustriert, dass er als handelnder und der eigenen Vernunft verpflichteter Mensch ein Wegbereiter der anbrechenden Moderne bzw. deren vielleicht wichtigster Ausdruck war. Im Prinzip ließe sich vielleicht sogar sagen, dass er noch wagemutiger als Morus und Machiavelli war, da sein Bruch mit den kirchlichen Dogmen ihn in sofortige, mit seinem Vorhaben direkt zusammenhängende Gefahren trieb. Vorausgesetzt die Wahrhaftigkeit der katholischen Schauermärchen, die durchaus so manchen im festen Griff hatten: Erinnert sei nur an das Verhalten der Schiffsmannschaft bei der ersten Fahrt, die eben nicht nur Hunger, sondern auch Höllen-Ängste hatte. 2) An zweiter Stelle ist Martin Luther zu erwähnen, der, maßgeblich von Philipp Melanchthon unterstützt, die Einheit der katholischen Kirche zerstörte und durch die Begründung der protestantischen Glaubensrichtung die Grundlage für zahlreiche Bürgerkriege und unendliches Blutvergießen in der Neuzeit legte. Auch bei ihm ist es egal, ob er anfangs aus tatsächlicher Überzeugung handelte oder später sich einfach nur von Macht und Geld korrumpieren ließ, ob sein Judenhass mit dem heutigen verglichen werden darf oder, wie 1933, dem Zeitgeist entsprach, entsprang und diesen prägte. Wichtig ist, dass er den Versuch unternahm, vom christlichen Glauben zu retten, was zu retten war. Auch dies setzt eine Ahnung der sich verändernden Zeiten voraus. Luther und vor allem Melanchthon gaben den weltlichen Bereich der weltlichen Herrschaft frei und sicherten so dem Protestantismus die Macht über den kirchlichen. Der Grund für die Ausbreitung der Reformation war die mitgelieferte Legitimationsgrundlage absolutistischer Herrschaft. Unter dem Stichwort der Zwei-Regimenten-Lehre wird diese Entwicklung zusammengefasst. Dabei versäumte Luther allerdings aus persönlichem Ehrgeiz eine entscheidende Chance. So erkannte er zwar den Anbruch der bürgerlichen Gesellschaft und reagierte früh. Aber nicht im Sinn der freien Marktgesellschaft, sondern des Feudalismus. Denn der von ihm freigegebene säkulare Bereich wurde nicht als Entfaltungsraum ursprünglich gleicher und freier Individuen gesehen. Vielmehr legitimierte der Protestantismus alle überlieferten Unterschiede, ließ Herrscher und Knechte, Unterdrückte und Unterdrücker ohne weiteres zu. Eben deshalb waren die Fürsten, Herzöge und Könige bereit, sich dem Protestan- 16 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? tismus anzuschließen. Immerhin bekamen sie dafür den physischen Leib der Menschen zur grenzenlosen Ausbeutung, während sich die Kirche nun mit deren Innenleben „begnügte“. Im Kirchenraum sind, zumindest der Theorie nach, alle gleich (auch wenn kein Fall überliefert ist, wo der absolutistische Herrscher stand, damit seine armen ausgebeuteten Bauern sitzen konnten), außerhalb ist jegliche Differenzierung mit allen Mitteln erlaubt. Die perfekte Arbeitsteilung zwischen den Ungeheuern und Verderbern der Menschheit. Von diesem Punkt nahm ein Großteil des sich im 20. Jahrhundert brutal artikulierenden deutschen Verhängnisses seinen Ausgang. Der späte Thomas Mann hatte dazu Wesentliches gesagt, sein Bruder Heinrich hat es literarisch umgesetzt. 3) Als drittes darf der Name Thomas Münzer nicht fehlen. Anders als Machiavelli und Kolumbus war er wie Morus eng mit der kirchlichen Lehre verbunden. Anders als Luther und Melanchthon war er nicht bereit, seine Moral zu verkaufen und die Armen zu verraten. Er war das theoretische und auch praktische Haupt der Bauernkriege, organisierte den sich ausbildenden Aufstand der Bauern gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen. Signifikant ist aber, dass er als einziger der bisher Genannten keine „neuen“ Strategien zur Verarbeitung der Krise entwickelte. Vielmehr zeigen die Forderungen der Bauern und ihres Sprechers Münzer ganz eindeutig, dass diese zurück wollten in die ursprüngliche Einheit des Mittelalters, die jedoch für immer verloren war. Es kann Karl Kautsky zugestimmt werden, der in seiner auch heute noch beeindruckenden Studie zu Morus und Münzer schrieb: „Der Gegensatz zwischen More und Münzer enthält den Keim des großen Gegensatzes, der sich durch die ganze Geschichte des Sozialismus zieht und der erst durch das Kommunistische Manifest überwunden worden ist, des Gegensatzes zwischen dem Utopismus und der Arbeiterbewegung. Der Gegensatz zwischen More und Münzer, dem Theoretiker und dem Agitator, ist im Wesentlichen derselbe wie der zwischen Owenismus und Chartismus, zwischen dem Fourierismus und dem Gleichheitskommunismus in Frankreich.“4 Die bisher angesprochenen Namen und Ereignisse weisen darauf hin, dass es in den verschiedenen Regionen Europas unterschiedliche Ent- 4 Kautsky: Thomas More und seine Utopie, S. 248 f. 17 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt wicklungen und Probleme und daraus resultierend auch unterschiedliche Lösungsstrategien gab, womit der Aufbruch in die Moderne ebenso gemeint ist wie die brutale Unterdrückung im Rahmen eines katholisch oder protestantisch fundierten Konservatismus. Begründet ist dies vor allem dadurch, dass sich die bürgerliche Gesellschaft verschieden stark ankündigte, in ganzen Landstrichen auch überhaupt nicht, die normativ wirkenden Institutionen und Instanzen des Mittelalters in der einen Region widerstandsfähiger waren als in der anderen. Das zeigt sich bereits im nächsten Kapitel deutlicher, wenn mit Florenz und London die beiden Städte beleuchtet werden, in denen Machiavelli und Morus geboren wurden und mit denen weite Teile ihrer Biographie untrennbar verbunden sind. 2. Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt Es bleibt nunmehr festzuhalten, dass sich im 14. bis 15. Jahrhunderts die Individualisierung bemerkbar machte, stärker wirkte, spürbarer wurde, kurz: Das Mittelalter in einem schleichenden Prozess die normative Deutungshoheit verlor. Der Mensch – bzw. besser, genauer: immer mehr einzelne Menschen, kleine Grüppchen, regional begrenzte Milieus – erkannte seine Fähigkeiten und, dies war die unausbleibliche Konsequenz, nahm auch die Möglichkeiten wahr, diese weiterzuentwickeln. Er trieb Handel, produzierte und konsumierte, entdeckte die Ränder der Welt und das Reich der Bildung, schaffte sich Muße-Zeiten und füllte diese mit künstlerischen Werken. Die Städte der Hanse oder Familien wie die Fugger und die Medici sind allgemein bekannte Chiffren für den wirtschaftlichen Fortschritt, der im Mittelalter begann und sich von hier ausdehnte. In diesem Sinne also zur Zerstörung eben der Ordnung beitrug, die ihn zumindest in den Geburtswehen, letztlich durch Tötung der eigenen Mutter, hervorgebracht hatte. Das Sinnbild für den künstlerischen Aufschwung der damaligen Zeit war allerdings nicht Deutschland oder Frankreich, sondern Italien: Eine Entwicklung, die unter dem Schlagwort Renaissance allgemein gebräuchlich (allerdings nicht besonders treffend) zusammengefasst wird. Jacob Burckhardt hat in seinem Klassiker Die Kultur der Renaissance in Italien die These vertreten, dass die Dynamik der Entwicklung des Lan- 18 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? des von den Städten ausging, die sich im Mittelalter sukzessive ihrer eigenen Kraft bewusst wurden. Das Problem dieses Prozesses müsse darin gesehen werden, dass es den italienischen Städten und Zentren nie gelang, dauerhaft einigende Bündnisse einzugehen. Vielmehr hemmten die gegenseitigen Konflikte und Kriege das Land bei seiner Entfaltung.5 In der Tat: Auf italienischem Boden tummelten sich um 1500 Vertreter fast aller Mächte und Gruppen, die in Europa um die Vorherrschaft kämpften: Die französische und die spanische Krone, der deutsche Kaiser, die Schweizer Söldner, diverse italienische Abordnungen und mittendrin die ausschließlich machtpolitisch denkenden Päpste. Zwischen den einzelnen italienischen Staatsgebilden bestand ein äußerst labiles Gleichgewicht, das mehr oder weniger vom jeweiligen Erfolg der ausländischen Verbündeten abhing und dessen Pendel immer wieder in andere Richtungen ausschlug bzw. neue Konstellationen hervorbrachte. Viele Teile Italiens versanken in der Fremdherrschaft oder mindestens halbtyrannischen Strukturen. Nur zwei Städte konnten sich über 1500 hinaus ihre Unabhängigkeit bewahren und blieben (zumindest teilweise) Republiken: Venedig und Florenz, wobei allerdings Florenz seine demokratischen Einrichtungen ebenso schnell gewann wie verlor. Auch wenn Venedig gegenüber den anderen italienischen Staaten in der Entwicklung ein Stück weit zurückgeblieben war, so zählte es doch um 1500 knapp 200 000 Einwohner, hatte sich – vielleicht um den Preis seiner Verschlafenheit – die Unabhängigkeit bewahrt und ging nun voll in der, gemeinsam mit der Kultur der Renaissance auf. Burckhardt war daher auf der richtigen Spur, wenn er die Frage anschnitt, worin Venedigs „Unerschütterlichkeit“ begründet lag: „Unangreifbar als Stadt, hatte es sich von jeher der auswärtigen Verhältnisse nur mit der kühlsten Überlegung angenommen, das Parteiwesen des übrigen Italiens fast ignoriert, seine Allianzen nur für vorübergehende Zwecke und um möglichst hohen Preis geschlossen. Der Grundton des venezianischen Gemüts war daher der einer stolzen, ja verachtungsvollen Isolierung und folgerichtig einer stärkeren Solidarität im Innern, wozu der Hass des ganzen übrigen Italiens das Seine tat. In der Stadt selbst hatten dann alle Einwohner die stärksten gemeinschaftlichen Interessen gegenüber den Kolonien und den Besitzungen der Terraferma, indem die Bevölkerung der letzteren nur in 5 Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien, S. 47. 19 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt Venedig kaufen und verkaufen durfte. Ein so künstlicher Vorteil konnte nur durch Ruhe und Eintracht im Innern aufrecht erhalten werden – das fühlte gewiss die übergroße Mehrzahl, und für Verschwörer war schon deshalb hier ein schlechter Boden.“6 Wenn Venedig innerhalb Italiens ein in gewisser Weise solitäres Eigenleben führte, so kann von Florenz, der Geburtsstadt und Wirkungsstätte Machiavellis, gesagt werden, dass sich hier die neue Zeit mit aller Macht ankündigte: „Die höchste politische Bewusstheit, den großen Reichtum an Entwicklungsformen, findet man vereinigt in der Geschichte von Florenz, welches in diesem Sinne wohl den Namen des ersten modernen Staates der Welt verdient. Hier treibt ein ganzes Volk das, was in den Fürstenstaaten die Sache einer Familie ist. Der wunderbare florentinische Geist, scharf räsonierend und künstlerisch zugleich, gestaltet den politischen und sozialen Zustand unaufhörlich um und beschreibt und richtet ihn ebenso unaufhörlich. So wurde Florenz die Heimat der politischen Doktrinen und Theorien, der Experimente und Sprünge, aber auch mit Venedig die Heimat der Statistik und allein und vor allen Staaten der Welt die Heimat der geschichtlichen Darstellung im neueren Sinne.“7 Damit hat Burckhardt zwei der wichtigsten Punkte angesprochen. In der Tat stand in Florenz die Wiege der modernen Geschichtsschreibung und neuzeitlichen politischen Theorie sowie Philosophie und Literatur, wobei natürlich zuvorderst Dante erwähnt werden muss. In die Entstehung der modernen Geschichtsschreibung ist schließlich auch Machiavelli mit seiner Geschichte von Florenz einzuordnen. Und Florenz unterlag einer permanenten – inneren ebenso wie äußeren – Dynamik. Rudolf Zorn, der sich um die Werke Machiavellis in Deutschland verdient gemacht hat, führte aus: „Überall zeigten sich Auflösungstendenzen. Venedig und Florenz waren nur dem Namen nach Republiken. In jenem herrschte ein oligarchisches Regiment, in diesem lag die Macht in den Händen des hochgekommenen Bankiergeschlechts der Medici. Räte und Ausschüsse verwirrten und verdeckten die Verantwortung. Die rivalisierenden 6 Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien, S. 47. 7 Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien, S. 57. 20 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Adelsgeschlechter lieferten sich blutige Familienfehden, oder es kämpften einzelne Parteien mit wildem Gezänk um die Macht.“8 Freilich ist auch das ein moderner Zug in der Geschichte von Florenz. Wann immer es zu handeln galt, das wird bei der Betrachtung der Biographie Machiavellis noch deutlich werden, wurde erst einmal ein Ausschuss gebildet und die Sache diskutiert (oder alternativ zügig revolutionär gehandelt). Das ist ein tiefer Bruch mit dem Mittelalter. Weder entschied ein Einzelner, noch stand das Ergebnis stand im Einklang mit der Religion schon vorher fest, sondern es war vielmehr Folge von Diskussionen und Expertenanhörungen, Gutachten und Wahlen. Das von Zorn beschriebene Bild des permanenten und alles in seinen Bann ziehenden Durcheinanders lässt sich also auch positivieren, wie es Burckhardt in dem zweiten zutreffenden Aspekt seiner Ausführungen auch tat: „Florenz durchlebt nicht nur mehr politische Formen und Schattierungen, sondern es gibt auch unverhältnismäßig mehr Rechenschaft davon als andere freie Staaten Italiens und des Abendlandes überhaupt. Es ist der vollständigste Spiegel des Verhältnisses von Menschenklassen und einzelnen Menschen zu einem wandelbaren Allgemeinen.“9 Stürmische Zeiten beschleunigen die Zeit. Dies ist nicht im Sinne Ernst Blochs gemeint, sondern will einfach sagen, dass in der Geschichte Prozesse ausgelöst werden können und stattfinden, die dazu führen, dass sich in kurzen Abschnitten Entwicklungen abspielen, die normalerweise weitaus größere Zeiträume umfassen. Zu sehen ist dies beispielsweise in der Französischen Revolution, wo gleichsam die damals bekannte und auch Teile der zukünftigen europäischen Geschichte im Zeitraffer einiger Jahre durch- und vorexerziert wurden. Der monarchischen Verfassung von 1791 folgte nur zwei Jahre später der radikaldemokratische Ansatz der Jakobiner, der wiederum zwei Jahre darauf von der Direktorialverfassung, welche die bürgerlichen Grundlagen des 19. Jahrhunderts (als überaus reaktionäre Antwort auf die direkte Demokratie der Jakobiner) legte, abgelöst wurde. 8 Zorn: Einleitung 1977, S. XX. 9 Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien, S. 60. 21 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt Ähnliches lässt sich auch von der politischen Geschichte Florenz’ sagen. Dem Namen nach zu Lebzeiten Machiavellis eine Republik, erlebte der Stadtstaat mehrmals die Herrschaft der Medici, verschiedene bürgerliche Volksregierungen, den theokratisch-demokratischen Ansatz der kurzen Herrschaft Savonarolas. Immer wieder generierten einzelne Menschen – Abenteurer oder Gewählte, Selbsternannte und Erkorene – neue Mischformen der politischen Verfasstheit, orientierten sich aber auch an gewissen demokratischen Grundstandards, die nur selten hintergangen wurden. Aufstände unter Berufung auf die Demokratie gab es ebenso wie innerbürgerliche Zwistigkeiten oder vereinte Aktionen aller gegen den Adel. Daneben existierte freilich eine aggressive Außenpolitik: Der wichtigste politische Erfolg Machiavellis war seine Federführung bei der Belagerung und Einnahme des aufständischen Pisa. Gleichzeitig war Florenz zu einem großen Teil der Mittelpunkt der italienischen Kultur. Seine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung der Wissenschaften, vor allem der Historiographie, ist in der Forschung unumstritten. Die enge Verbindung von Kultur und Politik ermöglichte es, dass zum Beispiel ein Rhetorik-Professor die Geschäfte der Stadt leitete. Auf der anderen Seite sind aber die permanenten inneren Machtkämpfe zu sehen, wie sie etwa Dante zu spüren bekam. Geprägt wurde Florenz in politischer und kultureller Hinsicht vor allem durch die Medici, unter denen Cosimo und sein Enkel Lorenzo herausragten. „Sie waren die Bannerträger der neuen Ideen und die anerkannten Führer in allen geistigen und künstlerischen Dingen. Die bedeutendsten Künstler und Gelehrten des Jahrhunderts zogen sie nach Florenz und waren deren freigiebige Mäzene. Besonders Lorenzo, selbst begabter Poet, war der geistige Mittelpunkt eines Künstler- und Gelehrtenkreises, wie er sich kaum ein zweites Mal in der Geschichte der Menschheit gleichzeitig in einer Stadt zusammenfand. Die Maler Leonardo da Vinci, Benozzo Gozzoli, Pollajuolo, Ghirlandajo, Botticelli, Perugino Luca Signorelli, der Bildhauer Verrocchio, der auch malte, der junge Michelangelo – sie alle wurden mittelbar oder unmittelbar von Lorenzo beschäftigt oder begünstigt. Zu seinem nächsten Freundeskreis gehörten Dichter wie Angelo Poliziano und Gelehrte wie Pico della Mirandola und Marsilio Ficino, deren Namen damals Weltruf genossen.“10 10 Zorn: Einleitung 1977, S. XXII. 22 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Machiavelli hat in seiner Geschichte von Florenz den Grund benannt, warum die Stadt immer auch ein Zentrum der Kultur war: Diese wurde schlichtweg von den Mächtigen gefördert, ob es sich nun um Tyrannen oder Republikaner handelte. Über Lorenzo de Medici, der bereits angesprochen wurde, schrieb er: „Erstaunlich liebte er jeden, der in einer Kunst ausgezeichnet war. Er begünstigte die Gelehrten. (...) Der Graf Giovanni della Mirandola, ein fast göttlicher Mann, ließ daher alle anderen Teile Europas, das er durchwandert hatte, hinter sich und schlug, von Lorenzos Pracht bewogen, seinen Wohnsitz in Florenz auf. An der Baukunst, Musik und Poesie ergötzte er sich aufs höchste, und wir besitzen von ihm nicht nur viele eigene Gedichte, sondern auch Kommentare zu poetischen Werken der Alten. Damit die florentinische Jugend dem Studium der Wissenschaften obliegen könne, eröffnete er in der Stadt Pisa eine Universität, wohin er die ausgezeichnetsten Männer, die damals in Italien lebten, berief. Dem Bruder Mariano von Chinazzano vom Orden des heiligen Augustin, weil er einer der vorzüglichsten Prediger war, erbaute er ein Kloster in der Nähe von Florenz.“ (GF: 534 f.)11 Der literarische und künstlerische Ruhm war in Italien zu keinem Zeitpunkt zu verachten. Wahrscheinlich stand er an zweiter Stelle – nach dem militärischen Erfolg. Von hier bedingt es sich, dass weite Teile der Bevölkerung irgendwie für die Kultur arbeiteten oder an dieser partizipierten. Sie war ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Seins und tief in der Gesellschaft verwurzelt. Dadurch erklärt sich, dass Machiavelli selbst auf dem literarischen Feld aktiv war: Für seine Mitbürger war er nicht der Autor der Discorsi oder des Prinzipe, nicht ausschließlich der Techniker der Macht, sondern der Verfasser von Komödien. Diese einzelnen Faktoren zusammengenommen, kann Florenz als auf vielen Gebieten prosperierende Stadt modern-neuzeitlicher Prägung gelten. Auch wenn die Stadt „nur“ knapp 120 000 Einwohner zählte und damit um einiges kleiner war als zum Beispiel Venedig, so verfügte Florenz doch über ein reiches Umland. Und erinnert sei nur daran, dass viele der deutschen Städte zur damaligen Zeit ihre Einwohner nach Tausenden zählten, aber kaum in höhere fünfstellige Bereiche vordrangen. 11 Die Werke von Machiavelli und Morus werden im Folgenden mit Kürzeln im laufenden Text zitiert. 23 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt Daneben blühte nicht nur die Kultur, es wurde auch produziert und gehandelt, der „Dienstleistungssektor“ verzeichnete erhebliche Zugewinne. Kurz: Florenz hatte das Mittelalter endgültig hinter sich gelassen und die neuen Herausforderungen in sein Leben integriert. Eben daran scheiterte ja Savonarola, dessen chiliastische Konzeption trotz ihrer radikaldemokratischen Implikationen keine echte, vor allem keine zukunftsträchtige, zukunftsfähige Alternative darstellte. Egal wer die Geschicke der Stadt gerade leitete: Alle einte, dass sie die ablaufenden Modernisierungsprozesse zumindestens nicht anhielten bzw. anhalten konnten. Dies zeigt nicht zuletzt die kommunalpolitische und bauliche Planung von Florenz: „In bewusster Absicht hatte es sich städtebaulich zur Großstadt und kulturell zur Weltmacht entfaltet. Es entstanden die geräumigen Plätze, prunkvollen Kirchen, stolzen Regierungsgebäude, Bürgerpaläste und Loggien, die wir noch heute bewundern. Es gab hohe und niedere Schulen, öffentliche Bibliotheken, Krankenhäuser, Provianthäuser, eine Münze, sogar eine ständige Feuerwehr. Das gesellige Leben wurde in den Ateliers der Künstler, literarischen Zirkeln und politischen Klubs gepflegt. Ungeheure Reichtümer sammelten sich in der Stadt. Sie hatte zwar keinen unmittelbaren Anteil an den blühenden Transportreedereien von Genua, Pisa und Venedig, doch war es den Florentinern frühzeitig gelungen, den großen Geldverkehr der damaligen Zeit über die eigenen Banken zu leiten, und vor allem die Medici als erfolgreiche Bankiers hatten es verstanden, die weitverzweigten Finanzangelegenheiten der päpstlichen Kurie zu Rom in die Hand zu bekommen. Florentiner Geschäftsleute und Tuchfabrikanten hatten ihre Filialen und Agenturen in der ganzen damals bekannten Welt.“12 So auch in London, es ist genauer zu schauen. In den Canterbury Tales vermittelte der englische Dichter Geoffrey Chaucer um 1400 ein Bild Londons, das Einblicke in die damalige Stadtstruktur gewährt: „Das Gasthaus Tabard in Southwark, südlich der Themse, in einem der ältesten Stadtteile des noch ländlichen, aber etwa 35 000 Einwohner zählenden London; Chepe, heute Cheapside, Zentrum des Londoner Wirtschaftslebens nördlich der Themse; die Schwemme von Sankt Thomas am zweiten Meilenstein, wo man die Pferde tränkte; Dept- 12 Zorn: Einleitung 1977, S. XXII. 24 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? ford, Greenwich, Rochester und Sittingbourne, die Flecken und Städtchen an der großen Pilgerstraße.“13 Zumindest das kann mit Sicherheit gesagt werden: London war eine Stadt im Aufbau, die ihre Hochphasen noch vor sich hatte, in der eher gearbeitet denn gefeiert wurde, in der sich die neue Art des Wirtschaftens nur sehr langsam mit Kultur und Bildung verband und die ihre mittelalterlichen Wurzeln schwerer als die großen Städte des Kontinents verbergen konnte. Aber was heißt schon groß: Auf der berühmtesten Karte des Mittelalters, der Ebstorfer Weltkarte, die im 14. Jahrhundert entstand, fehlt London schlichtweg. Das ist um so entscheidender, als die Weltkarte eben nicht die exakte geographische Vermessung im Sinn hatte, sondern die Repräsentation und symbolische Überhöhung des Bekannten, Wichtigen und Herausragenden. Und dazu zählte London im 14. Jahrhundert noch nicht. England war, hundert Jahre später, zu Zeiten Morus’ immer noch ein Land, das seine Kultur importierte und den Weg zu einer eigenen kulturellen Betätigung erst beschritt, wenngleich mit Geoffrey Chaucer ein bekannter Vertreter der englischen spätmittelalterlichen Literatur benannt wurde. Das Bürgertum hatte für diese Dinge noch keinen Sinn und keine Zeit. Hierfür ist Morus das beste Beispiel. Zwar begann er in Oxford das Studium der Freien Wissenschaften und der Theologie, doch sein Vater machte seinen Einfluss geltend, so dass er schließlich Jurisprudenz, also etwas „nützliches“, studierte. Die führenden Intellektuellen des Landes hatten sich in Italien weitergebildet und brachten den dortigen Wissensstand nach England. Universitäten, Schulen und gelehrte Gesellschaften entstanden, geprägt durch die italienischen Vorbilder. In Morus’ engstem Bekanntenkreis hatten die meisten einige Zeit in Italien verbracht. „Gegen Ende des 15. Jahrhunderts entwickelte sich London zu einem Zentrum des englischen Humanismus. Gelehrte, die nach ihren Studien in Oxford oder Cambridge Italien bereist und von dort viele italienische Manuskripte oder Bücher mitgebracht hatten, kamen in diesen Jahren nach England zurück und befruchteten das geistige Leben vor allem in Oxford und London mit ihrem neu erworbenen Wissen. Neben vielen anderen seien hier nur einige der einflussreichsten Freunde und Lehrer Morus’ erwähnt: William Grocyn ließ sich 1496 als Pfarrer der Kirche St. Laurentius Jewry in London nieder; John Colet 13 Borst: Lebensformen im Mittelalter, S. 152. 25 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt kehrte aus Italien zurück und pendelte zwischen Oxford und London hin und her, bis er 1504 Dechant von St. Paul’s wurde und 1510 die berühmte St. Paul’s School gründete. Thomas Linacre kam 1499 heim, im gleichen Jahr, als Erasmus seinen ersten England-Besuch machte.“14 Linacre hatte sogar in Florenz und Padua studiert, auch Colet war in Florenz gewesen. Dass es unter der bürgerlichen Oberfläche tatsächlich zu einer geistigen Aufschwungbewegung kam, zeigt vor allem das Beispiel Erasmus’, der sich von 1499 bis zum Januar 1500 in England aufhielt und seine Kontakte zu den genannten Humanisten sowie zu Morus intensivierte. Erasmus schrieb: „Es ist wunderbar zu sagen, wie weit verbreitet und dicht hier die Saat der alten Wissenschaften aufgeht.“15 Dieses Urteil darf aber nicht überbewertet werden. Denn was Erasmus positiv hervorhob, war die kleine Schicht der humanistischen Intellektuellen, die alle zusammen auf einem Schiff auch zu ihm hätten fahren können. Der Charakter Londons war durch und durch besitzbürgerlich, um 1500 war es eine Handels- und keine Kulturstadt. Zu dieser sollte sie erst einige Jahrzehnte später aufsteigen, bis zu Shakespeare musste noch ein knappes Jahrhundert vergehen. Während Machiavelli in Florenz zu seinen Lebzeiten nur einer unter mehreren war, so kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass Morus als der bedeutendste englische Humanist seiner Epoche anzusehen ist. Freilich stand es auch um das Bürgertum im Allgemeinen nicht so gut, es erlebte innerhalb kurzer Abstände Blütezeiten und Verfallsprozesse. Vor allem die kleineren Handwerker und die lohnabhängig Beschäftigten besaßen fast keine politischen Rechte. Nach dem Tod Heinrichs VIII. konnte die Krone den Versuch starten, das Vermögen der Gilden zu konfiszieren. Eine Stadt war davon freilich ausgenommen: „Diese Konfiskation wurde allerdings nur in den Landstädten durchgeführt, nicht in London. Die Gilden dieser Stadt wagte man nicht anzutasten. Die Bürger Londons waren zu Morus’ Zeit eine Macht, vor der die englischen Könige mehr Respekt hatten, als vor Kirche, Adel, Bauern und Landstädten. Die zentralisierende Tendenz des Handels hatte sich nirgends in Europa so früh und so weit geltend gemacht, wie in Frankreich 14 Heinrich: Thomas Morus, S. 15. 15 Heinrich: Thomas Morus, S. 41. 26 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? und England, zwei Staaten, die auch am frühesten zu Nationalstaaten geworden sind. Paris und London sind die ersten Städte gewesen, die das ganze ökonomische Leben ihrer Länder dienstbar machten, deren Herren die tatsächlichen Herren des Landes waren.“16 Das Londoner Bürgertum war innerhalb Englands eine starke Kraft. So wie Paris noch heute eine Art eigenes Dasein inmitten von Frankreich führt, hier sah Karl Kautsky ganz richtig, war es stärker als der Rest des Landes. Daher ist es nicht verfehlt, die Schriften und das politische Handeln Morus’ bis zu seiner Kanzlerschaft an die Interessen des Bürgertums zurückzubinden. Sicherlich entstanden viele seiner Thesen und Aussagen vor eben diesem Hintergrund der steigenden Macht des Handels- und Wirtschaftskapitals von London. Allerdings kann die Utopia mit ihrer güterkommunistischen Grundstruktur kaum in diese Tradition gestellt werden. Der realpolitisch handelnde Morus und der Schriftsteller gleichen Namens sind voneinander zu unterscheiden, wie zu zeigen ist. Und Kautsky ist in einem weiteren Punkt zuzustimmen. Der beherrschende Trend um und nach 1500 war nicht die Reformation der englischen Kirche, die sich unter Heinrich VIII. wegen der noch heute bekannten Heiratsprobleme vollständig von Rom trennte und dazu führte, dass Morus, als Anhänger der katholischen Orthodoxie, diesen Schritt verweigerte und hingerichtet wurde. Es war vielmehr die Einhegungsbewegung, die auf dem Kontinent und in Teilen Europas (vor allem den Niederlanden) die Epoche des Kapitalismus und der unbeschränkten Akkumulation einläutete. Einer der Hauptexportartikel Englands war die Wolle. Um mehr von diesem „Rohstoff “ produzieren zu können, zäunten die englischen Adligen (die Gentry), aber auch reiche Bauern und Finanzleute aus den Städten das Pachtland der Kleinbauern ein und wandelten es in Weideflächen um. Hinzu trat, dass man an vielen Orten die Allmende ebenfalls usurpierte. Dadurch konnte zwar die Wollproduktion erheblich gesteigert werden, allerdings wurde eine hohe Anzahl von Bauern freigesetzt, die ihren Grund und Boden verloren hatten. Wo früher ein Stück Boden mehrere Familien durch die Landwirtschaft ernährte, weidete nun eine Schafherde. Von diesem Punkt aus setzte ja Morus in der Utopia mit seiner radika- 16 Kautsky: Thomas More und seine Utopie, S. 167. 27 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt len Gegenwartskritik an. Mit den vertriebenen Bauern entstand in Europa erstmals eine Vorform des Proletariats, sie wurden zu einer Verfügungsmasse des Finanzkapitals. Politisch rechtlos, irrten sie durch England, angetrieben allein vom nackten Überlebenskampf, der sie dazu zwang, ihr Leben auch durch Diebstähle und Gaunereien zu fristen. Die englische Gesetzgebung reagierte hart auf diese Entwicklung: Überall – so berichten die historischen Quellen – standen die Galgen, an denen man die Entrechteten hängen ließ. Der Aufstieg der Gentry, d. h. die wirtschaftliche Betätigung des kleinen und mittleren Landadels in der Schafzucht, bedeutete das Elend von zig tausenden Familien. Es entstanden gewaltige Finanzanballungen, die in einem weiteren Schritt dazu verwendet wurden, die Wolle nicht mehr unbearbeitet nach den Niederlanden zu exportieren, sondern selbst zu veredeln. Das Manufakturwesen blühte auf und vollzog entscheidende Schritte hin zum kapitalistischen Betrieb. Schon Ende des 16. Jahrhunderts, knapp fünfzig Jahre nach dem Tod von Morus, gab es Fabriken, in denen über eintausend Personen an zweihundert Webstühlen arbeiteten – zumeist Frauen und Kinder, deren Arbeitskraft preiswerter war. Das Bezeichnende dieser Entwicklung ist darin zu sehen, dass sich eine zusätzliche Kapitalakkumulation vollzog: Neben die anfänglich gewinnmachende Schicht der Londoner Kaufleute trat die Gentry. Hinzu kam eine Verquickung der Interessen beim Gelderwerb: Krone, Finanz- und Wirtschaftskapital arbeiteten engstens zusammen, der Staat unterstützte die ökonomischen Prozesse durch eine harte Gesetzgebung zu Gunsten der Reichen und auf Kosten der Bauern. Morus hatte, hier liegt eines seiner Hauptverdienste, diese symbiotischen Überlappungen erkannt und in seiner polemischen Sprache gegeißelt bzw. angeprangert. Freilich nur in der Utopia: Als Mandatsträger des Parlaments (Unterhaus), als Lordkanzler unter Heinrich VIII. und als Anwalt des Londoner Bürgertums gehörte er zu den Profiteuren dieser Entwicklung, zumindest hat er nie den Versuch unternommen, sie irgendwie sozial zu binden bzw. abzustellen. Die Vorbedingung für den Aufstieg der Gentry bildete einerseits die Bereitschaft des Adels, sich bürgerlichen Geschäften und Arbeiten zuzuwenden und andererseits die innere Befriedung des Landes sowie eine halbwegs gesicherte Rechtslage. 28 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Karl Kautsky, aus dessen Buch schon zitiert wurde, hat die Situation zu Lebzeiten Morus’ beschrieben: „Der Ausfuhrzoll auf Wolle bildete damals die ergiebigste Einnahmequelle der englischen Könige, eine der festesten Stützen des Absolutismus. Je mehr sich der Handel entwickelte, desto stärker wurde die Macht des Königs im Lande, desto mehr wurde aber auch dieser gezwungen, den Interessen des Handels zu dienen. Die Tudors, deren Herrschaft mit Heinrich VII. begann und mit Elisabeth endete, erkannten ganz gut, dass die Interessen des Handels auch die ihren waren und förderten ihn daher im allgemeinen, wo sie nur konnten. So tyrannisch sie auch regierten, die Londoner Bürger, die entscheidende Macht im Reiche neben dem Königtum, ließen sich ihre Herrschaft gefallen: die Bürgerschaft Londons lebte ja fast völlig vom Handel, die einen direkt, die anderen indirekt. Solange dieser blühte, hatten sie keine Ursache zur Empörung.“17 Organisiert war das englische Bürgertum nicht nur im ökonomischen Bereich. Da die englische Krone auf der Basis eines Zwei-Kammern-Systems regierte, musste und wollte es sich auch im politischen Bereich artikulieren. Während im Oberhaus der hohe Adel und die gehobene Geistlichkeit eher zum König standen, war im Unterhaus das Bürgertum vertreten, das eine Verbindung mit dem Landadel eingegangen war. Vor allem unter der Herrschaft Heinrichs VIII. wurde das Parlament so gut wie entmachtet und setzte alle königlichen Beschlüsse binnen kürzester Zeit in Gesetze um. Das zeigt gerade die Spaltung vom Papst in Rom, von der freilich alle Beteiligten durch die Einziehung der Ländereien der Kirche profitierten. Bei Kautsky heißt es: „Machtlos, persönlichen Einflüssen unterworfen, zum großen Teil aus adligen und geistlichen Kreaturen des Königs zusammengesetzt, waren die Parlamente der Tudorzeit wohl die servilsten der englischen Geschichte. Sie gaben die Gesetzgebung vollkommen dem Königtum preis und vollzogen willig die Henkerdienste, die es von ihnen verlangte. Nur in einem Punkt waren manchmal auch sie unerbittlich und zwangen die Könige zum Nachgeben, weil sie die Massen hinter sich hatten: in dem Punkte der Geldbewilligung.“18 An einer Stelle bewahrte sich das Unterhaus seinen Einfluss, hier ist Kauts- 17 Kautsky: Thomas More und seine Utopie, S. 169 f. 18 Kautsky: Thomas More und seine Utopie, S. 171. 29 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt ky zuzustimmen: Die Bestätigung außerordentlicher Steuern oder Abgaben ließ es sich teuer bezahlen. Genau das war ja das Feld, auf dem sich Morus unter Heinrich VII. zum ersten Mal politisch hervortat. „Aber man glaube nicht, dass das englische Bürgertum deswegen in Sklavensinn versunken war. Es war sich seiner Kraft wohl bewusst und scheute sich nicht, dem Königtum entgegenzutreten, wenn dieses sich in Widerspruch zu seinen Interessen setzte. Und die unumschränkte Herrschaft der Tudors hätte nicht über ein Jahrhundert lang gedauert, wenn sie nicht in ihrer Mehrzahl genau gewusst hätten, wie weit sie gehen durften, und wenn sie nicht jedesmal, so oft sie diese Grenze überschritten, rechtzeitig vor dem Volke wieder den Rückzug angetreten hätten.“19 So gesehen, war es eine relativ in teres san te Situation, die die Geschicke Englands und Londons prägte. Das Bürgertum war zwar eigentlich politisch entmachtet, wusste aber sehr wohl, wie es seine Interessen durchsetzen konnte. Die Könige ihrerseits wussten genau, wie weit sie gehen konnten und wo sie den Bogen potenziell überspannten. Irgendwie hatten sich alle mit der Situation arrangiert und nicht zuletzt wurden durch dieses diffizile Geflecht von Abhängigkeiten, Erpressungen, Bestechungen, Lob und Tadel Energien freigesetzt, die den weiteren ökonomischen Aufschwung beförderten. Der entscheidende Aspekt dabei war, dass die englische Krone gleich Morus erkannt hatte, dass das bürgerliche Zeitalter anbrach und die neue Art des Wirtschaftens nicht aufgehalten werden konnte. Der Weg zurück war abgeschnitten. Die gemeinsame Grundlage war die unendliche Bereicherungssucht einzelner auf kapitalistischer und damit ungehemmter Basis. Die Bereitschaft, den Preis für das eigene unbändige Mehr zu zahlen: Hunger und Tod für unzählige Arme und Entrechtete. Die Mehrzahl der bisher angesprochenen Veränderungen, diejenigen Kräfte, welche die alte und ursprünglich geschlossene Welt des Mittelalters gleichsam von innen aushöhlten, sind mit dem Aufschwung der Städte verbunden. Dort artikulierte sich der moderne Mensch, erlangte sein Selbstbewusstsein und die Kenntnis der Methoden zur Unterwerfung der Welt. In den Städten sammelte sich das wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Kapital ganzer Regionen und erzeugte in seiner Bal- 19 Kautsky: Thomas More und seine Utopie, S. 170. 30 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? lung, mit all seinen Reibungen, den zivilisatorischen (freilich auch unzivilisierten) Fortschritt, dem oft der kulturelle folgte. Dort zweifelte man an der Autorität der Kirche, stellte die bürgerlichen Interessen über das ruhige Gewissen, führte Krieg und wirtschaftete – beides als Mittel der Politik. In den Städten verwirklichte sich der neue, zum Individuum gewordene Mensch, trieb seine Selbstentfaltung (auch auf Kosten anderer) voran. Kurz: Der Kapitalismus (dies ja das nicht ganz so freundlich klingende Wort für bürgerliche Gesellschaft) begann, seine Kreise zu ziehen, die Menschen zu formen, die er zu seiner Existenz benötigte. Bildung und Wissen wurden zum Besitzgegenstand, erhöhten sie doch die Chancen im Wettbewerb. Der eigene Verstand wurde entdeckt und im täglichen Überlebenskampf zur Waffe. Die Dynamik der Städte entzog diese als erstes der mittelalterlichen Welt. So gesehen ist es eindeutig, dass dort die moderne Zeit anbrach und nicht auf dem „flachen“ Land, wo Kirche, Lehnsrechte, überlieferte Bindungen und Traditionen die alte Zeit künstlich und gewaltbehaftet verlängerten. Die englischen Bauern waren – von hier nimmt ja die Utopia ihren fulminanten zeitkritischen Ausgang – die ersten Verlierer der schleichenden Veränderungen. Die Städte waren also insofern frei, als sie sich so weit als möglich den mittelalterlichen Bindungen entzogen. Und Florenz und London wiederum verweigerten sich auch der Regelungs- und Ordnungswut der deutschen Städte, die zwar die Hanse und das Zunftwesen einmal groß gemacht, letztlich aber deren Scheitern mit verursacht hatten. Anders formuliert: In den Städten artikulierte sich der „Geist des Machens“. Beinahe alles, so schien es, geriet in den Handlungsbereich des Menschen, unterlag seiner formenden Gewalt. Dies nicht zuletzt, da sich sowohl Florenz als auch London von der katholischen Kirche abgegrenzt hatten. Für die Florentiner war der Papst wohl kaum das Oberhaupt der geeinten Christenheit, sondern vielmehr, wie sie täglich erlebten, ein knallharter Realpolitiker, mit dem um wirtschaftliche, militärische und politisch-gesellschaftliche Belange hart gekämpft bzw. zuvor verhandelt werden musste. London seinerseits emanzipierte sich gemeinsam mit Heinrich VIII. von Rom, für dessen Machtgier Morus noch starb. Das englische Bürgertum ließ die moralischen Hemmungen der katholischen Kirche (denen Max Weber den Topos der protestantischen Arbeitsethik konfrontierte) gern hinter sich. 31 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt Hinzu trat der sowohl in Florenz als auch in London vorhandene Einklang von Politik, Gesellschaft und wirtschaftlichen Interessen. Dies äu- ßerte sich gerade dadurch, dass das gehobene Bürgertum zumindestens teilweise an den politischen Entscheidungen beteiligt oder in diese eingebunden war. Und andererseits arbeitete der Adel, d. h. er hing nicht an seinen alten Vorrechten und Privilegien, sondern beteiligte sich am kapitalistischen Aufschwung. Welch hohen Stellenwert der zuletzt genannte Punkt hat, kann man im vorrevolutionären Frankreich sehen. Dort hatte sich, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, der Adel auf Grund eigener Vorurteile geweigert (bzw. es war ihm untersagt), an den bürgerlichen Prozessen des Wirtschaftens teilzunehmen und war schließlich in Versailles zur Belustigung des Königs und zur Beförderung seiner Macht sukzessive degeneriert: Ein Punkt, der durchaus mitverantwortlich für die Revolution war. Diese Dekadenzprozesse sind ja in zahlreichen Romanen der Aufklärung treffend charakterisiert. In Florenz hingegen, so berichtete Burckhardt, ließen manche Väter (Jahrhunderte vor der Französischen Revolution und dem Arbeitsethos der Sansculotten!) testamentarisch verfügen, dass ihre Söhne bestraft werden sollten, wenn sie keinem regelmäßigen Gewerbe nachgingen.20 Prägend für die Dynamik, die durch die Ablösung der Normen und Werte des Mittelalters durch die bürgerliche Gesellschaft ausgelöst wurde, war die Differenz zwischen Stadt und Land. Das Dorf war zumeist eine lokale Gruppierung, weitab aller zentralen Instanzen und Institutionen. Charakeristisch waren die harte tägliche Arbeit und eine ungewisse Zukunft, die Planungen unmöglich machte. Sogar der Markt, der nicht nur Handel, sondern auch Kommunikation ermöglichte, war weit entfernt und gleichsam ein Fremdkörper, den man besuchte, aber nicht mit bildete. Das heutige Bild vom Mittelalter ist daher eher durch die Städte geprägt. Die Bürgerlichen ließen sich porträtieren und ihre Bilder hängen in den Museen. Königs- und Heldengeschichten sind allemal interessanter als die Biographie eines Dorfpfarrers. Der Abenteurer, der mit seinem Schiff in See sticht, beflügelt die Phantasie weitaus mehr als der Bauer hinterm Pflug. Die Stadt ist viel stärker gekennzeichnet durch den Wandel und die sich permanent erneuernden Perspektiven und Chancen. In der Stadt wurde brüchig, was in den Dörfern jeden wie ein eher- 20 Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien, S. 61. 32 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? nes Gesetz band: Es herrschte eine gewisse soziale Mobilität, man konnte aufsteigen und fallen, wie Morus, war freilich aber immer auch auf seinesgleichen angewiesen (und sei es zum Betrug). Privilegiert-feudale Bindungen hatten durchaus noch Bestand, wie Machiavelli mehrfach erfuhr. Und dennoch, der Typus des bürgerlichen Menschen war bereit, alle diese Bindungen zu zerstören – er belohnte das Risiko, lobte das Individualinteresse, heiligte den Gewinner. Der einzelne Städter wurde eben doch immer freier. Dafür allerdings musste er sich neue Lebenskreise schaffen: Der Humanist lebte von der Korrespondenz, der Händler an der Börse, der Politiker im Parlament. Gleichwohl verbanden verschiedene, eher mittelalterliche Aspekte, das Leben in Stadt und Land: Das Eigentum bestimmte den sozialen Status. (Ganz einfach formuliert: Wer viel hat, ist wer.) Und beide beruhten auf den zentralen Fundamenten des gemeinsamen Hauses und der Familie. Auch in der Stadt waren die Kinder die Sicherheit des Alters, bildete die Familie eine Gemeinschaft. Zusammen mit dem Personal lebte man in einem Haus, das auf dem Dorf noch weitaus stärker seine Kraft als die soziale Einheit neben der Familie bewahrte. Es war ein Symbol, trotzte den Naturgewalten, zeigte Wohlstand an, bewahrte die Tradition und gab Sicherheit. „Das Haus, das fest auf dem Boden steht, verspricht Dauer, weil es Vererbung des Früheren und Vorsorge für Späteres gestattet. Auf den Grundmauern, die der Vater legte, kann der Sohn weiterbauen, wenn der alte Dachstuhl einbrach; an die Burgmauer der Vorfahren kann der Hausherr einen Geschützturm anbauen, wenn neue Waffen drohen. Mittelalterliche Häuser werden eher umgebaut als abgerissen und neu errichtet. Dem Bauen steht das Sparen zur Seite. Das Haus bewahrt Hausrat und Vorräte auf, also die durch Arbeit geschaffenen Lebensmittel. Wer heute von Ökonomie und Wirtschaft redet, hat meist vergessen, woher diese Worte stammen; sie bezeichnen den Haushalt des Hauswirts, die Vorsorge dessen, der den ihm Anvertrauten Arbeit und Ertrag zuweist. Wer im Haus wohnt, hat an dieser Gemeinschaft von Produktion und Konsum teil, ob er mit dem Hausvater verwandt ist oder nicht.“21 So war das Haus oder das Gehöft, das ja teilweise aus zehn bis zwanzig Einzelgebäuden bestand, Mittelpunkt einer hierarchisch gegliederten, 21 Borst: Lebensformen im Mittelalter, S. 177. 33 Florenz und London: Manifestation in der bürgerlichen Welt aber trotzdem vereinten Kleingesellschaft. Im Haus und weitaus mehr noch in der übergeordneten Einheit, im Dorf, war die Gemeinschaft aufeinander angewiesen. Man unterstützte sich in Notlagen, litt und feierte, selten genug, gemeinsam. Hier war, wenn man so will, die Einheit des Mittelalters nicht nur im 11., sondern auch im 16. Jahrhunderts noch vorhanden – mit all ihren aus heutiger Sicht problematischen Konsequenzen: Völlige Starre, fehlende individuelle Selbstverwirklichung, Gebundensein an den Status der Vorfahren. Die Stadt markiert das Gegenteil. Vielleicht erklärt sich ja auch durch diesen antagonistischen Gegensatz, gleichsam die Spaltung des gesamten Gemeinwesens in Arme und Reiche, Verlierer und Gewinner, dass Morus in der Utopia die gesamte Insel mit einem ausgeklügelten System von Städten und landwirtschaftlichen Gebieten überzog. Und auch den permanenten Austausch der Bewohner schrieb er fest und kam auf diese Weise seinem Ziel, soziale oder kulturelle Differenzierungen zu verhindern, einen entscheidenden Schritt näher. Doch während in Utopia eine Stadt der anderen gleicht, sah die Realität der europäischen Landkarte anders aus. Was für unterschiedliche Kulissen: Nürnberg, Krakau, Prag, Florenz, London. Die Städte waren eben nicht identisch, erst die jeweilige Einzigartigkeit entschied über Gedeihen oder Verderben. Handwerk und Handel, Universitäten und Akademien, Könige und Parlamente, Theater und Künstlerateliers, Kirchen und Schifffahrtshäfen: Sie alle bestimmten das spezifische Profil einer jeden Stadt. Es steht daher sicherlich außer Frage, dass zwischen Florenz und London Welten lagen. Vor allem im übertragenen Sinne. Auf der einen Seite die italienische Kulturmetropole, in der sich die ästhetisch-künstlerische Dimension immer mit der bürgerlichen Welt arrangieren konnte, ja, sogar einer ihrer Ausdrucksformen wurde. Auf der anderen Seite London: Eine Stadt der Arbeit, die sich ihre Kultur von außen, aus Italien, exportierte. Dort studierten die Professoren und brachten ihre Sicht der Renaissance mit nach England, die sich zu Morus’ Lebzeiten langsam zu einer eigenen englischen Kultur umformte. Und dass etwas ganz eigenes entstehen musste, war klar: Die sprichwörtliche italienische Leichtigkeit, der helle Glanz der Sonne des Mittelmeeres konnte in den Nebeln der Themse nur vegetieren, nicht existieren. Dies ist letztlich unabdingbar. In Florenz sah man Komödien, Machiavelli feierte seine größten literarischen Erfolge mit seinen Stücken, in England hörte man Parlamentsreden, in jenem Haus, in dem 34 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? sich Morus schon unter Heinrich VII. betätigte und wo seine politische Karriere begann. Gleichwohl aber sind beide Städte zwei Seiten einer Medaille: Der Entstehung der bürgerlichen Welt, d. h. der Zerstörung der Mächte des Mittelalters. Und da müssen die einen nunmal arbeiten und hungern, während die anderen singen und tanzen. Das ist das eherne Gesetz des Kapitalismus. 3. Aufstieg und Fall: Zwei Biographien Können angesichts der kaum zu übersehenden Differenzen (denen selbstverständlich verschiedene Analogien und Überschneidungen entsprechen) zwischen Florenz und London Gemeinsamkeiten in den Biographien von Machiavelli und Morus ausgemacht werden? Zumindest auf einem Gebiet drängen sich Parallelen auf, die weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen. Beide stammten aus dem Bürgertum – wobei Morus’ sozialer Status über dem Machiavellis anzusiedeln ist –, begannen mit einer juristischen Grundausbildung und arbeiteten als Politiker für ihr Vaterland. Und ein Weiteres tritt hinzu. Beide stiegen innerhalb ihrer politischen Betätigung weit hinauf und fielen tief. Während Morus von Heinrich VIII. im Tower inhaftiert und schließlich hingerichtet wurde, erlebte Machiavelli „nur“ eine kurze Haftzeit, wurde allerdings gefoltert und aus Florenz für die Dauer eines Jahres verbannt. Danach begannen seine mühsamen Versuche, den Kontakt zur Macht wieder zu gewinnen, die in bescheidenem Rahmen sogar mittelfristig Erfolg hatten. Grund genug, einen kurzen Blick auf beider Lebensweg zu werfen, bevor die Analyse der jeweiligen Theoriemodelle an der Tagesordnung ist. Niccolò Machiavelli wurde am 3. Mai 1469 in Florenz geboren, der Stand seines Vaters wies ihm einem Platz zwischen dem Kleinbürgertum und dem gehobenen Bürgertum zu. Im selben Jahr übernahmen Lorenzo und Giuliano de Medici die Herrschaft in Florenz. Es war die Zeit des erneuten Aufstiegs der Stadt. Kunst und Kultur, aber auch Ökonomie und Handel kamen wieder zur Blüte – Florenz wurde zum Mittelpunkt der italienischen Renaissance. Neben seinen zwei älteren Schwestern hatte Machiavelli noch einen jüngeren Bruder, der die geistliche Laufbahn einschlug. Er genoss eine relativ gute Bildung, mit sieben Jahren begann er mit dem Erlernen der grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen und Schrei- 35 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien ben. Ab 1477 besuchte er eine öffentliche Schule, lernte Arithmetik, Latein und Grammatik. Außerhalb der Schule las er einige der griechischen und römischen Dichter, Philosophen und Geschichtsschreiber. Als Sohn eines Juristen genoss Machiavelli die typische bürgerliche Bildung seiner Epoche. Dem Studium der antiken Quellen korrespondierten logische Übungen, auf Grammatik und Mathematik wurde großer Wert gelegt. Daneben spielte der Nützlichkeitsaspekt der Bildung eine bedeutsame Rolle, der im Falle Machiavellis und auch später bei Morus die Beschäftigung mit der Jurisprudenz motivierte. Jenem Feld, auf dem ein Bürgerlicher Karriere machen konnte: Im privatwirtschaftlichen Sektor ebenso wie im staatlichen. Während über Machiavellis Jugend hinreichend Informationen greifbar sind – er selbst hat über diese Zeit in seinen Briefen zahlreiche Aussagen gemacht und die damals bereits perfekt funktionierende Verwaltung von Florenz ermöglicht heute die Re konstruk ti on – hüllt sich das Jahrzehnt zwischen 1487 und 1498 in den Schleier der Dunkelheit. Nur einige Jahre nach Machiavelli wurde Thomas More – lateinisiert lautet der (heute gebräuchlichere und daher verwendete) Name Morus – geboren. Als Datum wird heute in der Forschung der 6. Februar 1478 angenommen. Sein Vater gehörte dem hohen Bürgertum Londons an, das in seinen charakteristischen Zügen bereits geschildert wurde. Als Jurist war er bis zum Richter des obersten Königlichen Gerichtshofes aufgestiegen. Daneben war er als äußerst lebenslustiger Mensch bekannt und heiratete mit siebzig Jahren zum vierten Mal. Von ihm scheint Morus seine asketische Lebenseinstellung also nicht geerbt zu haben. Mit sechs Jahren kam Morus in die St. Anthony School, eine der führenden Lateinschulen Londons. In der Folge wurde er dann als Page in den Haushalt des Lordkanzlers und späteren Kardinals John Morton eingegliedert. Dieser schickte Morus mit 15 Jahren nach Oxford, wo er die Freien Wissenschaften und Theologie studierte. Es war wohl vor allem Morton, der hoffte, seinen Zögling für eine kirchliche Laufbahn zu gewinnen. Morus’ Vater intervenierte allerdings und holte seinen Sohn nach London – dieser sollte in seine Fußstapfen treten. Praktisch bedeutete dies die Aufnahme eines Jurastudiums, zuerst an der weniger bekannten Rechtsschule New Inn, am 12. Februar 1496 erhielt Morus die Zulassung für die berühmte Lincoln’s Inn. Es gelang ihm allerdings nicht sofort, mit der bei Morton genossenen Erziehung zu brechen. Zwischen 1499 und 1503 leb- 36 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? te er bei den Kartäusermönchen, deren strengen und vollständig geregelten Tagesablauf er teilte. Erst seine Heirat im Januar 1505 führte zum endgültigen Bruch mit dem klösterlichen Leben. 1501 schloss Morus sein Jurastudium ab und begann, als Anwalt zu arbeiten. Die bürgerliche Welt stand ihm offen. In Florenz endete zu dieser Zeit die kurze Herrschaft Girolamo Savonarolas, die der Stadt zwar einerseits die Loslösung von den Medici gebracht und damit den Weg für eine demokratische Periode freigemacht hatte, allerdings kaum ein adäquates Mittel war, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Denn Savonarola, seines Zeichens Dominikanermönch, errichtete eine theokratische Herrschaft, die trotz ihrer demokratischen Grundausrichtung asketische und moralisierende Tendenzen nicht verbergen konnte. Es kam zu öffentlichen Bücher- und Bilderverbrennungen, zur Diskreditierung der Mode und des Prunks. Als der Kirchenbann über Savonarola verhängt wurde, machte das Bürgertum kurzen Prozess: Am 23. Mai 1498 wurde Savonarola auf dem Marktplatz von Florenz öffentlich verbrannt. Zahlreiche Verwaltungs- und Beamtenstellen wurden neu besetzt und Machiavelli, inzwischen neunundzwanzig Jahre alt, war ein Gewinner dieses Umbruchs. Am 15. Juni 1498 wurde er zum Sekretär der zweiten Staatskanzlei gewählt, der so genannten Kanzlei der Zehn. Der Behörde oblagen das Kriegswesen und die auswärtigen Angelegenheiten. Machiavelli war der wichtigste Mann der Behörde, stand doch der Sekretär gegen die permanent per Wahl ersetzten Ratsmitglieder für die Kontinuität der Arbeit. Mit einem Schlag war Machiavelli im Zentrum der Macht angekommen. Dabei profitierte er gerade von den politischen Änderungen Savonarolas, der Florenz eine demokratische Verfassung gegeben hatte, den Großen Rat einrichten ließ (mit über 3 000 Mitgliedern) und jenes System der Ausschüsse, Räte und Expertenkommisionen schuf, das bis zum Ende der Republik (1512) bestand. Machiavellis politische Betätigung war wegen seiner Ämter äußerst vielfältig. Vor allem in zwei Bereichen erwarb er sich jene Kenntnisse, die seine späteren Schriften ermöglichten: Bei der Wiedereroberung der Stadt Pisa und auf seinen diplomatischen Missionen. Letztere waren um 1500 vor allem Tätigkeiten, die gute Ausdauer und Reisebereitschaft erforderten, funktionierten der Austausch und das weitschweifige Ver- 37 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien handlungssystem doch nur über persönliche Treffen und Audienzen. Insgesamt absolvierte Machiavelli allein dreiundzwanzig Reisen ins Ausland, die erste führte ihn im Juli 1500 als außerordentlichen Geschäftsträger nach Frankreich, an den Hof Ludwigs XII. Dabei galt es, den Bündnispartner Frankreich zur Bereitstellung der zugesicherten militärischen Hilfe zu bewegen und weitere Garantien für die Sicherheit Florenz’ zu erhalten. Im Januar 1501 nach Florenz zurückgekehrt, musste Machiavelli das Scheitern seiner Bemühungen konstatieren. Daneben standen zahlreiche Missionen in Italien, zu nennen sind an vorderster Stelle seine zweiundfünfzig Treffen mit Cesare Borgia. Gerade hier war besonderes diplomatisches Geschick notwendig, da Cesare Borgia eine beständige Bedrohung für Florenz darstellte, das sich wegen anderer außenpolitischer Verpflichtungen allerdings auch nicht direkt an ihn binden konnte. Machiavelli kam also stets mit leeren Händen und sollte mit Erfolgen nach Hause reisen. Ein Unterfangen des Taktierens, das ihm durchaus gelang. Neben der ersten Frankreich-Visite und den Kontakten zu Borgia hat eine weitere diplomatische Mission Machiavelli zentral geprägt. Am 20. Oktober 1503 wurde er nach Rom geschickt, wo die Wahl des neuen Papstes anstand: Julius II., der für zehn Jahre in die Geschicke Italiens eingriff. Für Florenz ging es darum, die neue politische Größe im italienischen Machtkampf kennen zu lernen. Im Januar 1504 reiste Machiavelli erneut nach Frankreich, da Florenz wegen der schweren Niederlagen der französischen Truppen in Italien um seine Sicherheit fürchtete. Seine beiden letzten Besuche, 1510 und 1511, dienten ebenfalls diesem Problemkreis. Gleichzeitig arbeitete er 1504 an seinen Dezennalen. Das Poem – sein erstes literarisches Werk – erschien zwei Jahre später im Druck. Ein zweiter, unvollendet gebliebener Teil wurde von ihm um 1509 bzw. 1510 angefertigt. Am 7. Dezember 1507 brach Machiavelli dann nach Bozen auf, wo er mit König Maximilian I. zusammentraf. Auch hier ging es darum, Florenz zu einem möglichst geringen Preis gegen den Habsburger zu sichern – ein Wunsch, der in Erfüllung ging. Nach seiner Rückkehr im Sommer 1508 trat der Krieg gegen Pisa in seine letzte und entscheidende Phase. Schon 1499 hatte Machiavelli in einer Denkschrift gefordert, dass die Stadt Pisa, die sich der Beherrschung durch Florenz widersetzte, nur mit militärischen Mitteln und nicht auf 38 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? friedlichem Wege in den eigenen Einflussbereich zurückgebracht werden sollte. Seit der Jahrhundertwende war der Krieg gegen Pisa ein permanentes Auf und Ab, so dass keiner der beiden Rivalen dauerhafte Erfolge verbuchen konnte. 1506 beschloss der Große Rat auf Empfehlung Machiavellis dann das Gesetz, welches den Umbruch bringen sollte. Entgegen dem damals üblichen Brauch, die Kriege durch gemietete Truppen und Berufssoldaten führen zu lassen, setzte sich Machiavelli mit seiner Idee der Schaffung einer Volksmiliz durch. Es wurde eine allgemeine Wehrpflicht eingeführt, die an das Haus gebunden war. Ein Heer von knapp fünftausend Mann stand zur Verfügung. Machiavelli leistete den Großteil der organisatorischen Arbeit, die Miliz konnte nach zwei Jahren bei der Belagerung von Pisa eingesetzt werden. Die Leitung dieser militärischen Aktion lag ebenfalls bei ihm. Die Mission war erfolgreich, am 21. Mai 1509 ergab sich Pisa ohne jede Bedingung. Machiavelli hatte den höchsten Punkt seiner Karriere erreicht. Es begann nun die Zeit, in der sich die außenpolitischen Ereignisse wie eine Schlinge um seinen Hals legten und nicht nur ihn selbst aus der Politik verdrängten, sondern das Ende der seit Savonarola bestehenden Demokratie in Florenz herbeiführten. 1511 eröffnete Papst Julius II. die neuen militärischen Konflikte in Italien. Nach einem Achtungserfolg über die französischen Truppen verlor er allerdings schnell an Boden. Der Papst und die europäischen Mächte schlossen sich in der Heiligen Liga zusammen, Frankreich war mehr oder weniger allein – an seiner Seite befand sich nur Florenz, das verzweifelt versuchte, irgendwie aus dem Bündnis heraus zu kommen und sich mit dem Papst auf friedlichem Wege zu einigen. Am 11. April 1512 kam es vor Ravenna zur entscheidenden Schlacht, die in der Geschichtsschreibung wegen des massiven Einsatzes der Artillerie als erster moderner militärischer Konflikt gilt. Zugleich war es einer der blutigsten und grausamsten Kämpfe der bis dahin noch relativ jungen europäischen Neuzeit. Die Franzosen siegten zwar, wurden allerdings durch den Verlust ihres Anführers (Gaston des Foix) und wegen des taktischen Geschicks des Papstes zum Rückzug gezwungen. Florenz war besiegt und allein – und wie schon bei Savonarola reagierte das Bürgertum sofort. Binnen kurzem wurden die politischen Führer und Beamten in die Verbannung geschickt oder inhaftiert. 39 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien Der Kardinal Giovanni de Medici zog in die Stadt ein. Da er durch seine Person die Sicherheit Florenz’ gegenüber dem Papst garantieren konnte, unterwarf sich das Bürgertum des Stadtstaates. An Machiavelli erging die Aufforderung zurückzutreten, da er dies nicht tat, wurde er am 7. November 1512 seiner Ämter enthoben. Nur kurze Zeit später fand man bei einem Gegner der Medici einen Zettel mit mehreren Namen von Personen, die allesamt der demokratische Zeit Florenz’ angehörten. Man vermutete eine Verschwörung. Machiavelli, der auf der Liste stand, wurde festgenommen und gefoltert, am 11. März 1513 dann aber auf der Basis einer allgemeinen Amnestie entlassen. Das Ende seiner politischen Karriere muss hier also konstatiert werden. Zeit, erneut nach London zu blicken. Als Machiavelli 1512/1513 vor den Trümmern seiner politischen Karriere stand, begann Morus in London gerade mit den Vorarbeiten zu seiner Geschichte König Richards III., die er 1518 unbeendet zur Seite legte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein fest etabliertes Mitglied sowohl des europäischen Humanistenkreises als auch des englischen Besitzbürgertums. Grund genug, beide Ebenen seines Lebens etwas genauer zu beleuchten. 1501 erhielt Morus die Zulassung als Anwalt und ließ sich mit einer eigenen Kanzlei in London nieder. Dabei spezialisierte er sich innerhalb des Zivilrechts und übernahm zahlreiche Aufträge des Handelsbürgertums der Hauptstadt. Seiner Arbeit auf diesem Gebiet ist es sicherlich auch zu verdanken, dass er 1504 als Mitglied in das Unterhaus einzog. Hier etablierte er sich als Kritiker der Finanzpolitik Heinrichs VII. Dabei ergriff er allerdings nicht für die unteren Bevölkerungsschichten das Wort, sondern vertrat eben die Interessen des gehobenen Bürgertums. So ging es maßgeblich auf ihn zurück, dass das Unterhaus eine Sonderzahlung an Heinrich VII. wegen der Heirat von dessen Tochter verhinderte. Daraufhin erlitt er mehrere Repressionen von Seiten der Krone, unter anderem wurde sein Vater für kurze Zeit inhaftiert. Erst mit dem Herrschaftsantritt von Heinrich VIII. kehrte das Gefühl der Sicherheit in sein Leben zurück, seine Karriere intensivierte sich. 1510 wurde er Mitglied im ersten Parlament Heinrichs VIII. Als Jurist vertrat er die Interessen von verschiedenen Händlerinnungen und Gilden und wirkte gleichzeitig an der Rechtsschule Lincoln’s Inn als Dozent. 1514 wurde er in das Advokatenkolleg Doctor’s Commons aufgenommen. Eines der angesehensten Ämter erhielt er am 3. Oktober 1510: Er wurde zu 40 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? einem der beiden Under-Sheriffs von London ernannt, d. h. er fungierte als ständiger juristischer Berater des Bürgermeisters. Diesem politisch-wirtschaftlichem Engagement korrespondierte gleichberechtigt, wie bereits betont, die humanistische Ausrichtung Morus’ und seine entsprechende Außendarstellung. Um 1504/1505 verabschiedete er sich nicht nur von den Kartäusermönchen. Gleichzeitig ersetzte er seine geistlichen Interessen durch intellektuelle. Hatte Morus bereits ein Jahr zuvor mehrere Gedichte in Englisch verfasst, begann er nun mit den Arbeiten an seiner Darstellung des Lebens von Pico della Mirandola. 1510 wurde das Buch unter dem Titel The Life of John Picus gedruckt. Schon 1506 waren die Lukian-Übersetzungen erschienen, die Morus gemeinsam mit Erasmus bei dessen zweiten Besuch in England angefertigt hatte. Neben der Politeia Platons bildeten Lukians Wahre Lügengeschichten den zweiten zentralen antiken Bezugspunkt im Denken Morus’. Und wenn ihn die Nachwelt vor allem als Autor der Utopia sieht, so darf nicht vergessen werden, dass seine Zeitgenossen in erster Linie die Lukian-Schrift kannten, erlebte sie doch allein bis zum Tod Morus’ dreizehn Auflagen. Daneben verfasste er zahlreiche Epigramme, die einen der wesentlichen Züge seines Denkens illustrieren: Die Ablehnung tyrannischer Herrschaft zu Gunsten der bürgerlichen Gesellschaft. Diese Einstellung prägte auch die unvollendete Geschichte König Richards III. Hier entwarf Morus das Bild des skrupellosen Tyrannen und überspitzte damit ganz eindeutig die Realität. Die Geschichtsforschung wurde dergestalt bei ihm zur Interpretation der Geschichte im Namen überzeitlicher Grundsätze. Ein Verfahren, das er bereits in seinem Werk über Pico della Mirandola angewandt hatte. Im Januar 1505 hatte Morus die siebzehnjährige Jane Colt geheiratet, die jedoch bereits 1511 verstarb. Nur einige Monate später heiratete er erneut: Die Witwe Alice Middleton übernahm nun die Führung des Haushalts, in dem nicht nur die eigenen Kinder, sondern auch mehrere Zöglinge ausgebildet wurden. Morus’ Haus wurde so zu einer der berühmtesten privaten Erziehungsanstalten Londons, an der auch mehrere Tutoren wirkten. Dabei ist besonders bedeutsam, dass er Jungen und Mädchen die gleiche humanistische Ausbildung zukommen ließ. Morus’ Tochter Margaret galt als eine der intelligentesten und gebildetsten Frauen Englands. Sogar Erasmus, der gegen die Aufwertung der Rolle der Frau ar- 41 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien gumentiert hatte, ließ sich von den Erfolgen Morus’ überzeugen, der sich übrigens immer bewusst war, dass er mit seinem Ansatz nicht nur mit den bürgerlichen, sondern auch mit den religiösen Traditionen seiner Zeit brach. Wie schon gesehen ist unzweifelhaft, dass Morus um 1515 einer der bedeutendsten Humanisten Englands und einer der einflussreichsten Vertreter des Londoner Bürgertums war. Der erste Punkt wird dadurch belegt, dass ihm Erasmus 1509 sein Lob der Torheit widmete, der zweite vor allem durch sein Amt als Under Sheriff. Anders als bei Machiavelli haben sich in Morus’ Biographie beide Teilbereiche menschlicher Existenz, das Schreiben und das Handeln, stets ergänzt. Das zeigt auch die Entstehungsgeschichte der Utopia, dem berühmtesten Buch Morus’, das im Fokus unseres Interesses steht. Entstanden ist der zweite Teil der Schrift, also die Schilderung des alternativen Idealstaates Utopia, auf einer Gesandtschaftsreise, die Morus und andere im Auftrag Heinrichs VIII. im Jahr 1515 nach Flandern unternahmen. Ziel waren Verhandlungen und Handelsverträge zwischen England und den Niederlanden. Im Laufe des folgenden Jahres ergänzte Morus dann den ersten Teil, so dass die Utopia im Dezember 1516 in Löwen gedruckt werden konnte. Zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen aus dem lateinischen Original folgten in kurzen Abständen. Morus stand erneut an einem Scheideweg, der über sein künftiges Schicksal bestimmen sollte. Nachdem Machiavelli Anfang 1513 aus der Haft entlassen wurde, verließ er mit seiner Frau und fünf Kindern Florenz und siedelte auf das geerbte Familiengut in San Andrea über, das freilich in der Nähe seiner Vaterstadt lag. Bereits kurze Zeit später begann er mit den Arbeiten an den Discorsi, die er im Sommer unterbrach, um bis zum Jahresende den Principe zu verfassen. Beide Bücher sind also aufs Engste mit seiner von au- ßen erzwungenen Muße verknüpft, wobei allerdings vermutet werden kann, dass Machiavelli bereits während seiner politischen Laufbahn erste Vorarbeiten anfertigte. Zudem sind verschiedene offizielle Gutachten und Reiseberichte in den Texten inhaltlich aufgegangen. Die intellektuell-schriftstellerische Arbeit, die Machiavelli schließlich in der Nachwelt berühmt machte, prägte das Jahrzehnt der Ruhe: 1519 waren die Discorsi fertiggestellt. Daneben entstanden in dieser Zeit mehrere literarische und literaturtheoretische Schriften, sein eigentlicher Durchbruch gelang 42 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? ihm als Komödienschreiber. Die beste und erfolgreichste war Mandragola. Neben den beiden bereits genannten politischen Hauptwerken erhielt Machiavelli 1520 vom späteren Papst Clemens VII. den Auftrag, eine Geschichte von Florenz zu verfassen – das Werk übergab er fünf Jahre später. Kurze Zeit zuvor war er bereits zu einem Gutachten über die florentinische Verfassung aufgefordert worden. Damit zeigt sich deutlich, dass die neuen Machthaber Machiavelli durchaus schätzten, von seinem Verstand profitieren und ihn wieder in das politische System einbinden wollten. Gleichzeitig ist aber auch offensichtlich, dass dies nicht über die Vergabe politische Ämter oder Mandate, sondern eher auf zweitrangigen Gebieten erfolgen sollte. Rudolf Zorn hat das Jahrzehnt der erzwungenen Politik-Abstinenz Machiavellis treffend charakterisiert: „Er war so klein geworden und so verzweifelt, dass er sogar den Gedanken erwog, Volksschullehrer in einer kleinen Gemeinde zu werden oder einen Sekretärsposten im Hause eines Adligen anzunehmen. Nun aber tritt er wieder aus dem Dunkel: Er wird Mitglied eines politisch-literarischen Klubs der Orti Oricellarii, wie der Park des jungen und reichen Cosimo Rucellai hieß. Hier traf sich die geistige Elite der Stadt. Dichter und Schriftsteller lasen aus ihren Werken vor. Auch Machiavelli trat hier zum erstenmal mit seinen Discorsi zu Livius und seinen Gedanken über die Kriegskunst vor ein breiteres Publikum. Durch Vermittlung des Freundeskreises der Familie Rucellai, die eifrige Medici-Anhänger waren, wird Machiavelli bei den Medici eingeführt.“22 Es gelang Machiavelli zwar nie, in den früheren Glanz seines Lebens zurückzukehren. Aber immerhin verdankte er seiner Annäherung an die Medici einige kleinere Aufträge. So reiste er 1520 in Handelsangelegenheiten nach Lucca. 1521 sollte er – der Atheist – für Florenz einen Prediger für die Fastenzeit suchen. Und er wurde wieder in die Bürgerliste der für Verwaltungsposten zulässigen Männer aufgenommen, mit anderen Worten: rehabilitiert. Mitte der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts unternahm er sogar einige größere Reisen, zum Beispiel nach Rom, und wurde wieder verstärkt um politischen Rat gebeten sowie in politische Entscheidungen eingebunden. Denn Italien ging einer schweren Krise 22 Zorn: Einleitung 1977, S. XXXIV. 43 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien entgegen. Der Papst hatte eine Liga zwischen Mailand, Venedig, Florenz und Frankreich organisiert, die sich dem Kaiser entgegenstellen sollte. Machiavelli entwickelte einen ausführlichen Plan zur Befestigung von Florenz. Die Stadt sollte als Bollwerk der italienischen Freiheit uneinnehmbar gemacht werden. Diese Versuche scheiterten zwar, aber Machiavelli konnte offiziell in die Politik zurückkehren. Auf Veranlassung des Papstes amtierte er als Kanzler der neu geschaffenen Behörde: Die fünf Beauftragten für den Festungsbau. Ende 1526 besuchte er als Sonderbeauftragter das Heer der päpstlichen Liga. 1527 wendete sich das Schicksal erneut – für Florenz und für Machiavelli. Florenz hatte Glück: Die kaiserlichen Truppen zogen an der Stadt vorbei und marschierten direkt auf Rom zu, das sie im Mai 1527 stürmten und plünderten. Machiavelli weilte in dieser Zeit erneut bei den päpstlichen Truppen. Über seine Zukunft wurde aber in Florenz entschieden. Denn das Bürgertum nutzte die Gunst der Stunde und wagte den Aufstand gegen die Herrschaft der Medici. Zum dritten Mal während Machiavellis Leben meldeten sich die Bürger massiv zu Wort. Sie riefen die Republik aus und setzten am 16. Mai 1527 die alte demokratische Verfassung wieder in Kraft. Machiavelli kehrte aus dem Krieg zurück. Nach der Neu kon stitu ie rung des Rats der Zehn, des Kriegsrats, bewarb er sich um die Sekretärsstelle. Am 10. Juni 1527 tagte der Große Rat, es ging um einen einzigen Punkt: „Wahl des Niccolò Machiavelli, Sohn des Bernardo Machiavelli, von Beruf Geschichtsschreiber, zum Sekretär der Republik Florenz.“ Nun zahlte Machiavelli den Preis dafür, dass er so schnell wieder in die Politik zurück wollte, dass er dafür sogar bereit gewesen war, mit den Medici zu paktieren. 555 der Mitglieder des Rates stimmten gegen, nur 12 für seine Wahl. Eindeutiger konnte das Ergebnis kaum sein. Nunmehr, mit 58 Jahren, sah er, dass ihn seine virtù verlassen hatte. Die harte Ablehnung durch die Republik und die Strapazen der Aufenthalte in den Militärlagern warfen ihn nieder. Zwölf Tage nach der Abstimmung starb er. Als 1516 die Utopia erschien, war Morus gleichermaßen ein exponierter Vertreter des englischen Bürgertums und des europäischen Humanismus. Daher ist es sicherlich überzogen, die Utopia als klassischen Begründungstext des englischen Imperialismus zu interpretieren, wie das Hermann Oncken und sein Schüler Gerhard Ritter getan haben. Zutref- 44 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? fender ist da schon Karl Kautskys Vermutung, dass die Utopia im Kontext des bürgerlichen Engagements Morus’ gelesen werden müsste. Freilich greift auch diese Einschätzung zu kurz, da sie vernachlässigt, dass Morus den von ihm erwünschten Rezipientenkreis eindeutig benannt hat: Die kleine Schicht der europäischen Humanisten. Während er von der Geschichte König Richards III. eine englische Version erarbeitete und auch sonst seine Muttersprache in seiner schriftstellerischen Existenz bevorzugte, verfasste er die Utopia in Latein. Gleichwohl aber war bereits zu sehen, dass Morus, der seinen sozialen Aufstieg der engen Anbindung an die politischen und wirtschaftlichen Interessen des hohen Bürgertums verdankte, trotz seines Tyrannenhasses auch vor einer Annäherung an Heinrich VIII. nicht zurückschreckte. Dem entsprach, dass er sich sukzessive vom Bürgertum zurückzog, um im August 1517 Mitglied des königlichen Rates, ein Jahr später königlicher Sekretär zu werden. In der darauffolgenden Zeit begleitete er Heinrich VIII. auf mehreren bedeutenden diplomatischen Missionen und legte sein Amt als Under Sheriff nieder. Statt dessen wirkte er nun als Master of Request und war zuständig für die Klagen der Armen, die diese an den König richteten. 1521 wurde er geadelt und zum Unterschatzkanzler ernannt. Seine Sekretärstätigkeit entwickelte in dieser Zeit ein gewisses Eigenleben. So fungierte er nicht nur als wichtiger Berater des Königs, sondern koordinierte auch dessen Zusammenarbeit mit dem Lordkanzler Thomas Wolsey. Es entwickelte sich eine durchaus freundschaftliche Beziehung zwischen dem König und Morus, so dass letzterer als Sprecher des Unterhauses (gewählt am 18. April 1523) dort die Politik des Königs nicht mehr mit der ihm zuvor eigenen Direktheit analysierte. Gleichwohl aber wurde er zu einem Verteidiger der parlamentarischen Rede- und Diskussionsfreiheit. Neben zahlreichen weiteren Ämtern war vor allem seine 1526 erfolgte Ernennung zum Richter der Star Chamber von Bedeutung. Außerdem übte er verschiedene Funktionen in der Universitätslandschaft Englands aus, vor allem in der Verwaltung und Repräsentation. Morus’ Weg ins Zentrum der Macht, d. h. an den königlichen Hof, vollzog sich stetig, gleichsam einen Stein auf den nächsten setzend. Seinen endgültigen Aufstieg verdankte er dann paradoxerweise jenem Ereignis, das auch seine Hinrichtung nach sich zog. Heinrich VIII. machte den 45 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien Lordkanzler Wolsey dafür verantwortlich, dass es ihm nicht gelungen war, die Eheangelegenheiten des Königs zu regeln. Am 18. Oktober 1529 musste er das Staatssiegel abgeben, am 30. November wurde sein Vermögen beschlagnahmt. Im darauffolgenden Jahr wurde er am 4. November verhaftet und starb am 29. desselben Monats bei seiner Überführung in den Tower. Wolsey (selber Kardinal) hatte gegenüber dem Papst die Annulierung von Heinrichs VIII. Ehe mit Katharina von Aragón nicht durchsetzen können. Nach einem jahrelangen Streit, in dem auch Morus zu einem Gutachten aufgefordert wurde, waren die Fronten verhärtet. Der Papst sah die Verweigerung seiner Zustimmung als Machtmittel zur Stärkung seiner Position an. Heinrich VIII. wollte jedoch Anne Boleyn heiraten und war bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Das erste Opfer dieser Politik war Wolsey, die welthistorische Bedeutung des Ereignisses liegt in der Abspaltung der englischen Kirche von Rom. Der Papst wurde so zum eigentlichen Verlierer der Entwicklung. Nachdem sich in Mitteleuropa die Reformation ausbreitete, war die Entwicklung in England der zweite einschneidende Machtverlust innerhalb kürzester Zeit. Dass ausgerechnet Morus auf Wolsey als Lordkanzler folgte, kann eigentlich nur als Gemeinheit der Geschichte verstanden werden. Denn er hatte schon 1528 von Cuthbert Tunstall den Auftrag erhalten, den katholischen Glauben gegen reformatorisches Gedankengut zu verteidigen. Ja, in jenen Jahren wurde deutlich, dass Morus trotz der Utopia und seines Buches über Pico della Mirandola ein Dogmatiker der katholischen Kirche war (und sein wollte), den „einzigen Glauben“ und die damit verbundene weltliche Macht in all ihren Zügen rechtfertigte. Selbst notwendige Kritik stärke immer den Gegner und sei daher nicht in jeder Situation angemessen – so sein Credo. Als Morus am 25. Oktober 1529 das Staatssiegel erhielt und am folgenden Tag als Lordkanzler vereidigt wurde, glaubte er, Heinrichs Versprechen vertrauen zu können: Er sollte nicht zur Stellungnahme innerhalb der Heiratsangelegenheiten gezwungen werden. Einen Monat später berief Heinrich VIII. das so genannte Reform-Parlament ein, das für sieben Jahre zusammenblieb. Dabei kam ihm die anti-klerikale Stimmung im Unterhaus bei seinen Plänen entgegen. In den folgenden Jahren betrieb der König konsequent die Trennung der englischen Kirche von Rom: Die Kirchengüter wurden eingezogen und an die Gentry verkauft, zahlreiche Verfahren gegen Geistli- 46 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? che eröffnet, Klöster aufgelöst. Am 15. Mai 1532 kam es zur Unterwerfung der Kirche unter die Krone (submission of the clergy). Einen Tag darauf reichte Morus sein Rücktrittsgesuch als Lordkanzler ein, die Begründung war seine schlechte Gesundheit. Heinrich VIII. ließ sich am 25. Januar 1533 vom Erzbischof von Canterbury, Thomas Cranmer, mit Anne Boleyn vermählen, im Mai erfolgte ihre Krönung. War die Heiratsproblematik damit beendet? Nein. Und es trat die schlimmste Vermutung Morus’ ein: Dass ein Gesetz erlassen würde, das den einzelnen zur Bestätigung der Vorgänge zwingen könnte. „Im März 1534 verabschiedete das Parlament die Act of Succession, ein Gesetz, das die Thronfolge auf die Nachkommen Heinrichs mit Anne festlegte. Trotz der inzwischen aus Rom eingetroffenen Gültigkeitserklärung der Ehe Heinrichs mit Katharina war diesem Gesetz eine Präambel vorangestellt, welche die Annulierung dieser Ehe aussprach und gleichzeitig damit die Suprematie des Papstes über die Kirche von England verwarf. Heinrich selbst beanspruchte, Oberhaupt der Kirche von England zu sein. Jeder volljährige Bürger konnte verpflichtet werden, einen Eid zur Anerkennung dieses Gesetzes zu leisten. Wer den Eid verweigerte, machte sich des Hochverrats schuldig. Das Schisma war hiermit vollendet.“23 Nur einige Tage nach dem Parlamentsbeschluss, am 13. April, wurde Morus vor die königliche Kommission gebeten, um den Eid zu leisten. Da er sich weigerte, erfolgte am 17. April seine Inhaftierung im Tower. Neben ihm war es nur John Fisher, der den Eid nicht leistete, ansonsten unterwarf sich die komplette höhere Geistlichkeit dem Suprematieanspruch Heinrichs VIII. Zum katholischen Glauben bekannten sich aber jene Kartäusermönche, bei denen Morus einige Jahre gelebt hatte. Im Tower setzte Morus seine schriftstellerische Tätigkeit für den katholischen Glauben fort, die er im Juni 1529 mit der Veröffentlichung des Dialogue concerning Heresies begonnen hatte. Neben mehreren geistlichen Werken verfasste Morus auch Gebete und erbauliche Betrachtungen. Am 4. Mai 1535 kam es zur grausamen Hinrichtung der Kartäusermönche, deren Abtransport Morus mit ansehen musste. „Nachdem man sie unter den Galgen geschleift hatte, ließ man die Verurteilten einen nach dem anderen auf einen Karren steigen, der unter ihnen weggezo- 23 Heinrich: Thomas Morus, S. 107. 47 Aufstieg und Fall: Zwei Biographien gen wurde, so dass sie hingen; danach wurde sofort der Strick durchgeschnitten, und man richtete sie auf, um sie stehend zu erhalten und ihnen die Schamteile abzuschneiden, die ins Feuer geworfen wurden; man schnitt sie noch lebend auf und riss ihnen die Eingeweide heraus; hierauf wurde ihnen der Kopf abgeschlagen und ihr Körper gevierteilt. Zuvor hatte man ihnen das Herz ausgerissen und ihnen damit den Mund und das Gesicht eingerieben.“24 In der ersten Hälfte des Jahres 1535 wurde Morus mehrfach verhört, blieb jedoch standhaft und verweigerte den Suprematieeid. Am 22. Juni wurde John Fisher hingerichtet und am 1. Juli dann das Verfahren gegen Morus eröffnet. Nur einige Tage später, am 6. Juli, wurde er im Morgengrauen geköpft, was angesichts der soeben beschriebenen üblichen Hinrichtungsprozeduren tatsächlich als ein Akt der Gnade Heinrichs VIII. interpretiert werden muss. Es ist eigentlich überraschend, dass sich die Wege von Morus und Machiavelli nie kreuzten. Zwar lebten, diskutierten und handelten beide in unterschiedlichen Freundeskreisen. Morus in London, am Hofe Heinrichs VIII. sowie im kontinentaleuropäischen Humanismus, Machiavelli im Bürgertum der Republik Florenz sowie in verschiedenen anderen Machtzentren Italiens. Auch im Rahmen ihrer diplomatischen Missionen sind sie einander nie begegnet. Darüber hinaus finden sich in ihren Werken keinerlei Hinweise auf den jeweils anderen. Doch es gab Gemeinsamkeiten und Überlappungen, die geeignet gewesen wären, die beiden in Kontakt zueinander zu bringen (zumindest als Leser der Werke des jeweils anderen). Da sind die guten Verbindungen zu Papst Clemens VII., die Machiavelli ebenso wie Morus unterhielt. Einige der Lehrer und Freunde Morus’ hatten sich für längere Zeit in Italien oder gar in Florenz aufgehalten und dort teilweise sogar das Ende Savonarolas und den Eintritt Machiavellis in die Politik als Augenzeugen erlebt. Hat einer von ihnen von dem damals noch unbekannten neuen Sekretär erzählt? Oder drang Machiavellis Ruf später nach England? Und umgekehrt. Hat Machiavelli nie Nachrichten von den bekanntesten Humanisten seiner Epoche, von Erasmus und Morus, erhalten? Nie etwas von der Utopia gehört, einem der intellektuellen Bestseller der damaligen Zeit? All dies kann nur vermutet werden, es gibt keine Anhaltspunkte oder Verweise. Vielleicht war es wirklich ein großer Zufall, dass Machiavelli 24 Heinrich: Thomas Morus, S. 123 f. 48 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? in Italien die bürgerliche Gesellschaft in dem Augenblick theoretisch fundierte, als Morus jenes Modell vorstellte, mit dessen Hilfe diese überwunden werden könnte? Auf den ersten Blick scheint es so, als habe sich sowohl bei Morus als auch bei Machiavelli das Ideal des tätigen Humanisten, d. h. des Politikers und Schriftstellers verwirklicht. Schaut man etwas genauer, gilt es jedoch zu differenzieren: Machiavelli wollte immer als Politiker wirken, diesem Ziel galt sein ganzes Streben. Als diese Pläne scheiterten, versuchte er eine zweite Karriere als Literat. Seine politische Philosophie entstand in den Jahren der Isolation und Ausgrenzung aus den Regierungsgeschäften, gleichsam aus der Not heraus. Zwar zehrte sie ungemein von Machiavellis politischen Erfahrungen, gerade den diplomatischen Reisen und den Begegnungen mit den Mächtigen, aber sie ist mit diesen nicht in einem permanenten Wechselspiel verbunden. Das wiederum ist jedoch ein charakteristisches Merkmal für Leben und Wirken von Morus. Bei ihm ergänzten sich die politischen, juristischen und schriftstellerischen, die moralischen, pädagogischen und kulturellen Ambitionen, hielten einander die, freilich immer wieder neu ausschlagende und nachzujustierende Waage. Das gilt in letzter Konsequenz auch für sein Engagement für die katholische Religion, welches er ebenfalls in Einklang mit seinen humanistischen Idealen brachte. Es ist daher richtig und falsch zugleich, wenn von den drei Identitäten – Staatsmann, Humanist, Katholik – des Thomas Morus gesprochen wird. Richtig, weil Morus in der Tat auf allen drei Feldern aktiv war. Falsch, da diese eben nicht, wie bei Machiavelli, voneinander abgegrenzte Bereiche, sondern vielmehr miteinander verwoben waren. 4. Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte Mit Florenz wurde bereits die Stadt vorgestellt, in der Machiavellis Leben, wenn man derart pathetisch formulieren will, seine Bestimmung erhielt. Eine Biographie, in der das ganze Auf und Ab zu sehen ist, das einem einzelnen Menschen widerfahren kann. Er selbst knüpfte in seinen Theorien Schicksale dieser Art an die virtù ihres Trägers. Die Nachwelt freilich kann durchaus dankbar dafür sein, dass Machiavellis poli- 49 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte tische Karriere nicht so geradlinig und ausschließlich aufwärts verlief, wie er sich das selbst in seinen kühnsten Träumen ausgemalt haben mag. Denn seinem tiefen Fall ist es zu verdanken, dass er den Versuch unternahm, mit den Stützen von Philosophie und Literatur erneut das politische Feld zu betreten. Machiavelli hat ein Oeuvre hinterlassen, das äußerst facettenreich und in zahlreichen Gattungen beheimatet ist. (Diese Feststellung ist im nächsten Kapitel für Morus zu wiederholen.) Zu nennen sind zuerst die politischen Auftragsschriften, also Gutachten, diplomatische Berichte, offizielle Briefe und Ähnliches. Schon bei diesen, ihrem Wesen nach ja eher nüchternen und trockenen Äußerungen, zeigt sich, dass er in dem Moment, wo er zur Feder griff, meist über das von ihm eigentlich Geforderte hinausging. Seine Beschreibungen anderer Länder sind weitaus mehr als nur Berichte über seine Missionen. Es sind Betrachtungen über spezifische Charakteristika fremder Völker, sie entpuppen sich als Anleitungen, diese und ihr jeweiliges Handeln zu verstehen. Es sind, hier scheint Machiavelli seinen Arbeitsbereich gefunden zu haben, diplomatische Analysen im wahrsten Sinne des Wortes (literarisch, wie gesagt, über die rein rationale Diplomatie hinausgehend) – vermittelnd, abwägend, beobachtend und erkennend, schlussfolgernd und warnend, kühn hinausgreifend und doch zugleich nie die nötige Bodenhaftung verlierend. Die Poesie eroberte die Beamtenstube und vermochte es doch nicht, dieser die Realität auszutreiben. Machiavelli konnte nicht einfach nur eine Reise oder die Ausführung eines Auftrags beschreiben. Unter seiner bearbeitenden und erforschenden Hand wurden diese Texte zu Vorstudien (was ihm selber zu dieser Zeit natürlich nicht bewusst war) für seine politischen Schriften. Sie sind Auslotungen des Möglichen. Versuche, zu erkennen, was unter welchen Umständen und mit welcher Zweck-Nutzen-Korrelation erreicht bzw. realistisch gehofft, in Angriff genommen werden kann. Als Übungen in Methode, Inhalt und Stil des politischen Schreibens prägten sie sein philosophisches Werk. Der Versuch, sich Machiavelli zu nähern, ist freilich durch jene Barriere verstellt, die den Namen Machiavellismus trägt. Ein brutaler, a-moralischer, a-sozialer, a-gesellschaftlicher Egoist soll er gewesen sein bzw. zumindest die Theorie für das Handeln solcher Menschen entworfen haben. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert. Diese Volks- 50 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? weise findet hier keine Anwendung. Aber etwas von ihr schwingt nach, wenn beispielsweise einer der größten Kriegstreiber des 18. Jahrhunderts, Friedrich II., dem sein Titel „der Große“ hier wegen seiner politischen Taten verwehrt werden muss, wenn dieser heuchlerische Monarch einen Anti-Machiavelli verfasste, damit in den von ihm bezahlten Aufklärerkreisen (den französischen, nicht seinen eigenen deutschen) Furore machen wollte und gleichzeitig in seinen Tag- und Nachtstunden Krieg und Mord plante. Preußens Friedrich wendete sich gegen einen Machiavelli, den es gar nicht gibt, um zu handeln nach jenen Grundsätzen, die man diesem fälschlicher-, verzerrenderweise zuschrieb. So erscheint es fast unvorstellbar, dass der verruchte und verrufene Machiavelli poetische Liebesgedichte verfasste, den Frauen hinterher stieg und sich selbst bei dieser Tätigkeit ironisch beschrieb. Dass er sich an literarischen Zirkeln beteiligte und als Komödienschreiber Erfolge feierte. Das bekannteste Lustspiel aus seiner Feder, Mandragola, entstand 1517 und hatte drei Jahre später in Venedig umjubelte Premiere. Doch das Lachen sollte nicht um seiner selbst Willen geschehen, mit dieser Einstellung fand er in Jean Paul drei Jahrhunderte später seinen genialen Nachfolger – auch die Komödie wurde bei Machiavelli zur zumindest indirekten politischen Aussage. Im Vorwort war zu lesen: „Und will Euch der Gegenstand leichtfertig dünken, auch wohl unwürdig eines Mannes, der weise und ernst erscheinen möchte, so entschuldigt ihn damit: er bemüht sich mit solch eitlen Spielereien, seine traurigen Tage zu erheitern. Wohin sollte er sonst seine Blicke wenden? Es ist ihm nicht verstattet, zu zeigen, was er auf einer anderen Bühne leisten könnte.“25 Das literarische Werk von Machiavelli ist eine reichhaltige Schatzgrube. (In Deutschland hat sich vor allem Dirk Hoeges mit beeindruckenden Übersetzungen und Editionen um diesen Bereich verdient gemacht.) Da es Zeitgeist atmet und ausströmt, sind Teile davon heute mit einer gewissen Berechtigung aus dem Bewusstsein verschwunden. Doch die Achtung vor einer weiteren dieser umfassend gebildeten Persönlichkeiten der Renaissance sollte bleiben. Neben den erfolgreichen Komödien finden sich Gedichte, Stilübungen in der Nachahmung der Antike, Novellen und auch literaturtheoretische Abhandlungen: Beispielsweise der 25 Barincou: Niccolò Machiavelli, S. 83 f. 51 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte Aufsatz Ob die Sprache, in der Dante geschrieben, italienisch zu nennen sei. Darin thematisierte er das für ihn und seine Zeitgenossen wichtige Problem, ob man als Florentiner in italienischer Sprache oder im toskanischen Dialekt der Region zu schreiben habe. Auch hier also auf dem Gebiet der Literatur ein zutiefst philosophisches und politisches Thema. So erlaubt, kann man davon sprechen, dass Machiavelli eine fast schon innere Verpflichtung fühlte, sich mit Philosophie im weiteren und Politik im engeren Sinne zu beschäftigen. Zwischen 1513 und 1525 entstanden seine drei großen politiktheoretischen Hauptwerke. Als er mit der Arbeit an den Discorsi begann, legte er diese bereits nach kurzer Zeit wieder beiseite und verfertigte den berühmt-berüchtigten Principe, danach nahm er seine ursprüngliche Arbeit wieder auf. 1520 erhielt er dann von Kardinal Giulio de Medici, dem späteren Papst Clemens VII., den Auftrag, eine Geschichte von Florenz zu schreiben. Alle drei Bücher wurden zu Lebzeiten Machiavellis nicht gedruckt. Allerdings, und das überrascht angesichts der kirchenkritischen und atheistischen Tendenzen in den Schriften durchaus, genehmigte Clemens VII. am 23. August 1531 die Herausgabe durch die päpstliche Druckerei. Machiavelli, der die römische Kirche stets als politischen Gegner verstanden hatte, wurde genau durch diese als politischer Autor bekannt. Bereits mit dem Druck begann jedoch auch die Kritik an Machiavelli, die bis in die heutige Zeit hinein wirkt. Es war einer seiner Freunde, Francesco Guicciardini, der als hoher päpstlicher Beamter erste Argumente gegen ihn geltend machte, wobei er freilich vor allem seine Lebensführung fokussierte. Einflussreicher für die Diskreditierung Machiavellis war jedoch die Ablehnung seiner Schriften durch die Jesuiten. Sie hatten erkannt, dass Machiavellis politische Theorie den kirchlichen Ideen antagonistisch gegenüberstand. Die Jesuiten veranlassten die Indizierung seiner Schriften, Papst Paul IV. führte sie 1559 durch. Damit war die Lektüre der Schriften Machiavellis bei Strafe der Exkommunizierung verboten. Eines also lässt sich mit Sicherheit schon jetzt festhalten: Während Thomas Morus 1935 von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurde, haftet Machiavellis Büchern der Geist des Widerstandes gegen die katholische Orthodoxie an. Warum? Das wird zu zeigen sein. 52 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? In seiner Geschichte von Florenz hat Machiavelli explizit und in aller Deutlichkeit das Volk als politische Größe entscheidend aufgewertet – ein Schritt über das mittelalterliche Ordo-Denken hinaus, der heute in seiner bahnbrechenden Absicht und Wirkung wahrgenommen werden muss. Wer sich der Mühe unterzieht, das kompendiöse Werk durchzuarbeiten, der kann einen Machiavelli entdecken, den tiefe Schluchten von jenem Bild trennen, welches die gängigen populären Darstellungen in ihren eindimensionalen Thesenbildungen von ihm zeichnen. Dort finden sich jene Passagen, die erkennen lassen, dass sich Machiavelli zur Republik bekannte und zudem als demokratischer Denker einzuordnen ist. Gleichzeitig leuchtet eine der zu vertretenden Thesen vor: Dass der berüchtigte Principe eine, wenn man so will, Theorie des Ausnahmezustandes gibt, während die Discorsi den Normalfall, den Alltag politischen Geschehens beschreiben, umreißen. Die Discorsi und die Geschichte von Florenz gehören innerlich zusammen, bietet doch das letztere Geschichtswerk die politisch-gesellschaftliche Zielperspektive Machiavellis: Die geeinte italienische Republik, an der alle partizipieren – als Bürger, als Angehörige der Volksmiliz, als Wähler und Gewählte, als Teilnehmer der Marktgesellschaft. Es dauerte fast drei Jahrhunderte, bis diese Position von den Girondisten, von den Brissot und Condorcet in der Französischen Revolution wieder vorgetragen wurde und sich schließlich als extrem reaktionäre Antwort (inklusive Elitentheorie exklusive der Volksmassen) auf die Demokratie der Jakobiner mit der Verfassung von 1795 politisch durchsetzte. In die Geschichte von Florenz hat Machiavelli eine Rede des Volkes integriert, die er diesem immer dann in den Mund legt, wenn in den zahlreichen bürgerkriegsähnlichen Konflikten über das Schicksal der Stadt entschieden wurde. Am Anfang der Argumentation steht das strikte Eintreten für die Versammlungs-, Meinungs- und Redefreiheit. Das Volk habe Angst gehabt, sich zu versammeln. Doch, so Machiavelli programmatisch, schließlich erkannt, dass die Politik ein Gegenstand wie jeder andere und damit seiner Macht unterworfen sei. Wenn – so die fast schon zu banale, damals freilich den Horizont weit aufreißende These – die Bürger Theater besuchen würden, dann könnten sie ebenso gut auch über die Geschicke der Republik diskutieren. Das eine sei wie das andere. An diese Bemerkungen schloss sich Machiavellis Zeitdiagnose an, die er in seinem Werk in verschiedenen historischen Situationen in abge- 53 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte wandelten Formen wiederholte – freilich immer denselben Kern präsentierend: „Die allgemeine Verderbnis aller Städte Italiens, Erlauchte Herren, hat Eure Stadt verdorben und verdirbt sie immerfort. Seit das Land sich aus der Gewalt der Kaiser zog, haben die Städte, ohne mächtigen Zügel, der sie leitete, nicht als frei, sondern als in Sekten gespalten ihre Verfassungen und Regierungen geordnet. Hieraus sind alle anderen Übel, alle übrigen Unordnungen entstanden, die in ihnen erscheinen. Zuerst findet man unter ihren Bürgern weder Eintracht noch Freundschaft, au- ßer zwischen denen, die eines Verbrechens gegen das Vaterland oder gegen Private Mitschuldige sind. Religion und Gottesfurcht ist in allen erloschen, der Schwur und das gegebene Wort währt so lange als der Vorteil.“ (GF: 157) Italien habe seine einmalige historische Chance verpasst. Als die fremden Truppen das Land verlassen hatten, wäre es möglich gewesen, die Nation zu einen. Doch das genaue Gegenteil habe sich eingestellt. Die einzelnen Regionen und Städte zerstritten sich, die Familien un ter ei nander, die verschiedenen Parteien, die einzelnen Menschen. Machiavelli sah das Konfliktpotenzial in der menschlichen Natur und auch dessen Auswirkungen auf allen Ebenen des gemeinsamen gesellschaftlichen Seins. Den Endpunkt oder Tiefpunkt dieser zahlreichen Auseinandersetzungen erblickte er letztlich in etwas, das man heute als allgemeine Dekadenz bezeichnen könnte: „Und fürwahr, was nur verdorben sein kann und was verderben kann, trifft in Italiens Städten zusammen! Die Jünglinge sind müßig, die Greise ausschweifend, und jedes Geschlecht und jedes Alter beflecken schändliche Sitten. Zur Besserung reichen die guten Gesetze nicht hin, weil sie durch die schlechten Gebräuche verdorben werden. Hieraus entsteht jene Habsucht, die man bei den Bürgern sieht, und jene Begierde, nicht nach wahrem Ruhm, sondern nach schimpflichen Ehren, woraus Hass, Feindschaft, Streit, Faktionen entspringen, deren Folge Blut, Verbannung, Unterdrückung der Guten, Erhebung der Bösen ist.“ (GF: 157 f.) Aus diesen kurzen Bemerkungen leitete er weitreichende Konsequenzen ab, die seine politischen Zielvorstellungen gut umschreiben. Alle Einrichtungen des Staates, zuvorderst die Gesetze und die sie tragenden und umsetzenden Institutionen, müssten mit Blick auf den öffentlichen Nutzen, auf das Gemeinwohl aufgestellt werden. (An die analoge Rhetorik 54 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? der französischen Aufklärung und Revolution braucht nur erinnert zu werden.) Die Gesetze müssten für alle gleich sein, auf keinen Fall dürften sie ein Individuum oder eine Partei oder eine Familie bevorzugen. Dabei ging Machiavelli so weit, dass er in seiner Gleichheitsidee – die die Rechte ebenso umfasste wie die zu erfüllende Pflichten – auch ein Verdikt der Privilegien andachte. Eine Verfassung und Gesetze, die diese bürgerliche Gleichheit festschreiben, sollten daher aus der Mitte der Bürger selbst kommen. Gedacht als gemeinsames Werk des ganzen Volkes und nicht bestimmt von den egoistischen Interessen einer bestimmten Gruppierung oder Familie. Doch dies eben finde gerade nicht statt. Die Realität sehe anders aus. In ihr würden so konsequenzenreiche Beschlüsse wie über Krieg, Frieden oder Bündnispolitik nicht dem allgemeinen Nutzen und der fortschreitenden Aufwärtsbewegung aller dienen, sondern stets spezifischen Individualinteressen. Den Ausweg aus dieser verfahrenen realpolitischen Situation mit ihren permanenten bürgerkriegsähnlichen Zuständen und allen Unsicherheiten hat Machiavelli ebenfalls benannt: „Mag auch die Verderbnis in unserer Vaterstadt groß sein, hebt immer für jetzt das Übel auf, das sie krank macht, die Raserei, die sie verzehrt, das Gift, das sie tötet. Klagt der alten Unordnungen nicht die Natur des Menschen an, sondern die Zeiten, deren Änderung Eure Stadt durch bessere Einrichtungen ein besseres Los hoffen lässt. Die Tücke des Schicksals lässt sich durch Klugheit besiegen, wenn Ihr dem Ehrgeiz dieser Familien einen Zügel anlegt, wenn Ihr die Einrichtungen, welche die Nährer der Faktionen sind, abschafft und solche annehmt, welche einer wahren freien Verfassung entsprechen. Geruht es lieber jetzt durch die Milde der Gesetze zu tun, als dass es bei einem Aufschub die Bürger mit dem Beistand der Waffen selbst zu tun genötigt sind.“ (GF, 161) Wer hätte diese Sätze bei dem so verschrienen Bösewicht Machiavelli, dem angeblichen „Erfinder“ des brutalen zynischen Egoismus, vermutet? Im Namen des Volkes stellte er die Regierenden vor eine einfache Wahl: Entweder sie reformieren das Gemeinwesen oder die Bürger werden sich in letzter Konsequenz mit einer Revolution selbst ihr Recht nehmen. Diese Alternative – Reform oder Revolution – macht nur dann einen Sinn, wenn die Revolution legitimierbar ist, d. h. sich rechtfertigen lässt: Und genau das ist sie bei Machiavelli. Denn sie unternehme nichts 55 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte anderes, als die Gleichheit aller herzustellen, die damit als die einzige (zumindest als die herausgehobene) normative moralische Komponente des gesellschaftlichen Zusammenlebens anerkannt wird. Aber Machiavelli ging noch einen Schritt weiter. Die vorhandene Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Arm und Reich sei einzig durch Betrügereien, Listen, Gewalt und Ähnliches entstanden, so dass eine Neuverteilung der vorhandenen Güter nicht mehr und auch nicht weniger wäre als ein Akt fundamentaler menschlicher Gerechtigkeit: „Wer, wie wir, Hunger und Kerker zu fürchten hat, kann und darf der Furcht vor der Hölle nicht Raum geben. Betrachtet die Handlungsweise der Menschen. Ihr werdet sehen, dass alle, die zu großem Reichtum und zu großer Macht gelangen, durch Gewalt oder Betrug dazu gelangt sind. Was sie aber durch Hinterlist oder Gewalttat an sich gerissen, beschönigen sie, um die Verworfenheit des Erwerbs zu verbergen, durch die falschen Titel Eroberung und Gewinn. Wer aus Unklugheit oder Dummheit diese Mittel meidet, schleppt sich in ewiger Knechtschaft und Armut dahin. Treue Knechte bleiben immer Knechte und ehrliche Leute immer arm; nur die Verräter und Kühnen brechen die Ketten, nur Räuber und Betrüger machen sich von der Armut los. Gott und die Natur haben alle Glücksgüter mitten unter die Menschen geworfen, mehr dem Raub als dem Fleiß, mehr der Schlechtigkeit als der Redlichkeit werden sie zuteil. Daher kommt es, dass sich die Menschen gegenseitig aufzehren, und dass der Schwache immer Unrecht hat.“ (GF: 177) Die Konsequenzen dieser Thesen sind beeindruckend und Machiavelli hat sie gezogen. Denn wenn die Reichen und Mächtigen ihren Status allein dem Betrug und anderen ähnlichen Manövern verdanken, so folgt daraus durchaus, dass die Armen und Unterdrückten die eigentlichen Träger der Gerechtigkeit sein müssen. Denn letztlich büßen sie mit ihrem sozialen Status dafür, dass sie sich weigerten, a-moralisch, a-gesellschaftlich, a-sozial zu handeln. Am Ende des 18. Jahrhunderts schrieb Immanuel Kant seine bekannten Sätze: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. (...) Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“26 Doch nicht nur an Kant ist zu denken. Noch einmal ist darauf zu verweisen, dass diese Argumentation in 26 Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, S. 53. 56 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? der Französischen Revolution wirkmächtig und gewaltig wiederkehrte: Das von Rousseau herkommende Denken der Jakobiner, vor allem ihrer Führer Robespierre und Marat, stand, ohne es zu wissen, in dieser Tradition. (Wobei beispielsweise gerade Robespierre alle gängigen Vorurteile über Machiavelli teilte und die Operationen seiner Gegner und Feinde – der Adligen, Emigrierten, der europäischen Tyrannen und der eidverweigernden Priester – gelegentlich sogar als Machiavellismus bezeichnete.) Machiavelli war von den Aussagen und Formulierungen der europäischen Aufklärung, wie sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts auch die Realität tatsächlich durch ihr umstürzendes Werk zu gestalten begann, nur durch die Jahrhunderte entfernt, nicht aber inhaltlich, auch nicht der Intention nach. Weitere Beispiele der genannten Art ließen sich beibringen. So beispielsweise Machiavellis These, dass Gott und die Natur die Erde allen zur Nutzung übergeben hätten – eine Aussage, die sich im Kontraktualismus ebenso finden lässt wie in der Utopie. Und um eine weitere Analogie aufzuzeigen: In der Geschichte von Florenz findet sich eine Passage, die aus der Feder jedes radikalen französischen Aufklärers der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen könnte. In ihr führte Machiavelli aus, dass die Menschen, nackt wie Gott sie schuf, alle gleich seien und nur ihr Status in der Gegenwart – Kleidung, Reichtum, Haus und Hof – Unterschiede bedinge. Er lässt einen Vertreter des Volkes sagen: „Wir gehen, meines Erachtens, einem gewissen Siege entgegen, weil die, welche uns widerstehen könnten, uneinig und reich sind. Ihre Uneinigkeit wird uns den Sieg geben; ihre Reichtümer in unsern Händen werden ihn uns erhalten. Lasst euch durch das Alter ihres Blutes nicht abschrecken, das sie uns vorwerfen. Alle Menschen haben den gleichen Ursprung, ihre Geschlechter sind gleich alt, alle hat die Natur gleich geschaffen. Zieht sie nackt aus, ihr werdet sehen, dass sie uns gleich sind. Kleidet uns in ihre Kleider, sie in die unsrigen, und ohne allen Zweifel werden wir Adel, sie Pöbel erscheinen. Nur Armut und Reichtum machen zwischen uns den Unterschied.“ (GF: 176) Die eigentliche Pointe der soeben kurz angerissenen tragenden Elemente des demokratietheoretischen Denkens bei Machiavelli sollte darin gesehen werden, dass sie seine Zielperspektive formulieren. Er war, davon zeugen ebenfalls die Discorsi, ein Theoretiker der Republik bzw. des Frei- 57 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte staates. Die angedachte und eingeforderte Gleichheit meinte bei ihm nicht eine tatsächliche Gleichschaltung aller Lebensbereiche, wie sie etwa Morus in der Utopia oder verschiedene Vertreter der Französischen Revolution (Gracchus Babeuf, Anacharsis Cloots, Jacques Roux, L’Ange, Hébert, um einige, durchaus unterschiedliche Vertreter zu nennen) forderten und teilweise auch praktisch umzusetzen versuchten, sondern eher eine Gleichheit der Chancen und Möglichkeiten, der ursprünglichen und der gegenwärtigen, verbunden mit einer Politik, die dem permanenten Ausgleich von entstehenden Ungleichheiten verpflichtet ist. Banal formuliert: Auch der Arme müsse in einem gerechten Staat die Möglichkeit haben aufzusteigen, durch nichts gebremst als seine eigene Unfähigkeit oder Lustlosigkeit sowie die – teilweise, aber nicht vollständig beeinflussbaren, kontrollierbaren – Entscheidungen, Überraschungen, Herausforderungen des Schicksals. Auf dieser Basis war es Machiavelli möglich, seine Gleichheitsidee, seine Freistaatentheorie und die entstehende bürgerliche Gesellschaft, die er am Horizont erkannte, miteinander zu verbinden. So gesehen, das ist eine weitere Konsequenz, wären die angeprangerten Konflikte und Spaltungen, das Blutvergießen, die gesellschaftlichen Unruhen zwar noch allesamt Unglück, für den Einzelnen ebenso wie für die Gemeinschaften. Aber ihnen wäre gleichzeitig das Potenzial inhärent, als Motor des geschichtlichen Fortschritts zu wirken. Vorausgesetzt natürlich, sie würden im Rahmen einer freien Verfassung, von Bürgern mit gleichen Rechten ausgetragen. Machiavelli vertrat also insofern eine auf den ersten flüchtigen Blick negative Anthropologie, als er den Menschen als leidenschaftliches und bedürfnisorientiertes Wesen bestimmte. Er sah, das ist sein Verdienst, als wahrscheinlich erster Theoretiker der Neuzeit (wenn man von den kirchlichen Ausführungen, die nicht beanspruchen können, Philosophie zu sein, einmal absieht), die irrationale Seite der menschlichen Existenz: egoistisch, brutal, unbeherrscht, zügellos, ruhmsüchtig und was dergleichen mehr ist. Aber er hat diese nicht stigmatisiert, sondern seine negative Anthropologie sozusagen positiviert (was sein Denken, es sei vorausgeschickt, fundamental und unüberbrückbar von dem Ansatz Morus’ trennt). Man müsse, so seine These, der dunklen Seite des Menschen einfach die Möglichkeit geben, sich zu entfalten. Und zwar so, dass die negativen Effekte gering bleiben würden und das Streben nach individuellem Nutzen den anderen so wenig wie 58 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? möglich schade. Ziel sei dabei gleichzeitig, dass die Summe der individuellen Nutzenmaximierungsprozesse das Gemeinwohl aller hervorbringe, das mehr ist als diese reine Quantität. Zusätzlich flankiert von einem die Gleichheit als normatives Ziel vertretenden Staat mit seinen Institutionen, Gesetzen und moralischen Ansprüchen. Das ist zweifelsfrei die methodische und theoretische Grundlegung der bürgerlichen Gesellschaft, die auf dem Papier immer so wunderbar klingt. Der Kapitalismus, die Grundlage dieser bürgerlichen Gesellschaft, braucht für seine Existenz und sein Funktionieren keine solidarischen oder sozialen Wesen. Sie sind wie Geschwüre, die sich parasitär an seinem Fleisch festsetzen. Er benötigt brutale Krieger an allen Fronten des menschlichen Seins. In den Discorsi hat Machiavelli die anthropologischen Grundlagen seines Denkens explizit benannt. Es waren für ihn vor allem zwei Leidenschaften, die den Menschen determinieren würden: Not und Ehrgeiz. Egal, welchen Zustand der jeweils einzelne Mensch erreicht habe, welchen gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Status er (wie gesehen: je höher = je mehr Betrug und a-moralisches Handeln) besitze: Mit dem Erreichten, also dem Erschlichenen, sei er nie zufrieden, immer trauere er dem Verpassten nach. Hinzu trete, als Stimulanz, dass diese Grundkonstitution dadurch verschärft werde, dass die Menge der zu erringenden Güter begrenzt sei, es also zwangsläufig zu Auseinandersetzungen kommen müsse. „Die Ursache dieser Erscheinung liegt darin, dass die Natur die Menschen so geschaffen hat, dass sie zwar alles begehren, aber nicht alles erreichen können. Da nun das Verlangen, etwas zu erwerben, immer größer ist als die Fähigkeit hierzu, so entsteht daraus Unzufriedenheit mit dem, was man besitzt, und ferner die Erkenntnis, welch geringe Befriedigung der Besitz gewährt. Hierauf ist der Wechsel der menschlichen Schicksale zurückzuführen; denn da der eine Teil der Menschen mehr haben möchte, und der andere das, was er hat, zu verlieren fürchtet, so kommt es zu Feindseligkeiten und Krieg, der den Ruin des einen und die Erhöhung des anderen Landes zur Folge hat.“ (D: 101) Das Leben, eines jeden Einzelnen, ob er wolle oder nicht, ist in diesem Sinn ein ständiger Aufstieg und Fall, der permanente Kampf um Chancen, Greifbares, Hortbares, Versteck- oder nach Außen Darstellbares. Dieser Zustand ist – es sei beim Namen genannt: ewig. Eben da er in der Anthropologie wurzelt. Er kann nicht angehalten werden, der Mensch 59 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte könne nicht, wie die Utopie ja sich auf die Fahnen geschrieben hat, gewandelt oder gar veredelt werden: „Dass wir uns nicht ändern können, hat zwei Gründe: Erstens können wir uns unserer eigenen Natur nicht widersetzen, zweitens ist es unmöglich, einen Menschen, der bei einer bestimmten Art zu handeln viel Glück gehabt hat, zu überzeugen, dass es gut sein kann, auch einmal anders zu handeln. Daher kommt es, dass das Glück eines Menschen wechselt; denn die Zeiten ändern sich, er aber ändert seine Methoden nicht. Auch der Untergang der Staaten kommt daher, wenn sich ihre Einrichtungen nicht mit den Zeitnotwendigkeiten ändern.“ (D: 315) Schon an dieser Stelle, dieser Vorgriff kann nicht vermieden werden, ist einer der zentralen Unterschiede zum Denken von Morus zu erkennen. Denn die Utopie versucht eben jene Kämpfe, die Machiavelli schilderte und als Motor der Geschichte positivierte, von vornherein zu begrenzen, zu unterdrücken bzw. auf anthropologischer Ebene (dies sich in der Morus-Nachfolge intensivierend) unmöglich zu machen. Jedem Individuum weist sie seinen Anteil am Leben und an den gesellschaftlichen Bedürfnissen sowie den Mitteln zu ihrer Erfüllung zu. Das Individuum ist wenig bis nichts, das Ganze ist alles. Machiavelli konnte diesen Schritt nicht gehen. Die Konfliktstruktur wäre Teil des Menschseins, es gehe also nur darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem alle Einzelnen existieren könnten, ohne sich gegenseitig zu zerfleischen. Mit anderen Worten: Es bedarf eines politischen Systems, das die permanenten Konflikte auszuhalten vermag, ja, vielleicht sogar Potenziale besitzt, aus ihnen Nutzen zu ziehen – und erst dies stellt den Bezug zum großen Ganzen her. Ein System, in dem der Mensch sein kann, wie er ist. Unterworfen ausschließlich positiven – und zudem selbst gegebenen, geschaffenen – Gesetzen, die auf Grund von langfristigen Nützlichkeitserwägungen eingehalten werden, sonst aber frei zur vollständigen Selbstentfaltung. Dieses Versprechen wurde bis heute nie und nirgends erfüllt. Und auch als seine normative Vorgabe ist es völlig unbrauchbar. Ein Urteil auf der Basis historischer Erfahrungen, über die Machiavelli noch nicht verfügen konnte. Denn dieser war ganz klar der Meinung, dass es einen solchen Zustand sehr wohl gebe – die Republik. Der Kenner des Werkes von Machiavelli, Rudolf Zorn, schrieb: „Die politische Macht, die im Notfall die Macht 60 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? haben muss, sich über moralische Wertungen hinwegzusetzen, ist für ihn immer ein Prinzip der Ordnung und des Aufbaus. Darum lehnt Machiavelli den Tyrannenstaat ab, der von der Willkür eines einzelnen abhängt. Willkür bedeutet für ihn immer Chaos. Darum hasst und verwünscht er die Tyrannei. Seine politische Sehnsucht gilt dem Volksstaat, der durch eine gute Verfassung und durch gute Gesetze regiert wird und der sich auf ein Volksheer stützt. Er wird nicht müde, diesen Zweiklang in einem guten Staatswesen zu fordern: gute Gesetze und ein gutes Heer. Nach seiner Anschauung gedeiht das Gemeinwohl in Republiken am besten. Auch seinem Herrscher rät er, das Volk zufriedenzustellen und es zu überzeugen, dass seine Herrschaft für dessen Wohl von Vorteil ist.“27 Die Republik habe die Möglichkeiten, die permanenten Konflikte zwischen den Menschen produktiv zu verarbeiten. Sie gewährleiste dadurch, dass sie auf dem Diskussionsprinzip basiere, immer mehrere Stimmen höre, in ihren Entscheidungen abwäge und überlege, eine Dynamik, welche den geschichtlichen Wandel zuerst erfassen und dadurch in einem zweiten Schritt auf ihn reagieren bzw. sogar in ihm agieren, ihn vielleicht sogar nutzen oder gestalten könne. Mit Machiavellis Worten: „Das ist auch der Grund, warum eine Republik eine längere Lebensdauer und länger Glück hat als eine Alleinherrschaft. Die Republik kann sich bei der verschiedenen Veranlagung ihrer Bürger besser den verschiedenen Zeitverhältnissen anpassen als ein Alleinherrscher. Denn ein Mensch, der an eine bestimmte Art zu handeln gewöhnt ist, ändert sich, wie gesagt, nie und muss, wenn die veränderten Zeitverhältnisse zu seinen Methoden nicht mehr passen, notwendig scheitern.“ (D: 314 f.) Weitere Gründe treten hinzu. Machiavelli sah, dass die Republik (bzw. der Freistaat) zwei zentrale Bedingungen akzeptiere, welche ihm zu Folge die anbrechende Moderne prägten. Erstens sei es ihr möglich, sich demokratisch zu organisieren und damit die politische Gleichheit aller Bürger festzuschreiben. Zweitens könnte sie Freiräume für menschliche Aktionen und Interaktionen schaffen, indem sie eine vom Staat – und in einem weiteren Schritt auch von dem Machtfaktor Kirche – unabhängige, freie Marktgesellschaft garantiere. Die bürgerliche Gesellschaft, deren kapitalistische Struktur – dies sei jenes Feld, auf dem die anthropolo- 27 Zorn: Einleitung 1978, S. XVIII. 61 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte gisch bedingten Konflikte ausgetragen werden könnten, ohne dass das gesamtgesellschaftliche Gefüge in seiner Existenz bedroht wäre oder einer Unterminierung unterliegen würde. Als Staatsbürger sind alle gleich, als Wirtschaftssubjekte wäre ihre Ausdifferenzierung problemlos möglich. Darüber hinaus habe die Republik einen weiteren Vorteil: Sie sei in der Lage, das Gemeinwohl zu generieren, das in diesem Sinn verstanden wird als ein Mix aus der Zusammenführung der divergenten Einzelinteressen vorwiegend kapitalistischer Ausprägung und der Ausnutzung der durch die Konflikte entstehenden positive Synergieeffekte. Ein Staat glücklichster Kapitalisten? Nun ja, jeder mag darüber denken wie er will, für Machiavelli stand fest: „Die Ursache ist leicht einzusehen; denn nicht das Wohl des einzelnen, sondern das Gemeinwohl ist es, was die Größe der Staaten ausmacht. Ohne Zweifel wird das Gemeinwohl nur in Republiken beachtet; denn dort geschieht alles, was seiner Förderung dient, auch wenn es zum Schaden dieses oder jenen Privatmannes ausschlagen sollte. Es sind aber so viele, die daraus Nutzen ziehen, dass sie dieses auch gegen den Willen der wenigen, die darunter zu leiden haben, durchsetzen können.“ (GF: 169) Festzuhalten ist immerhin, dass das Gemeinwohl von Machiavelli dergestalt entscheidend aufgewertet wurde. Und es fungierte nun als autarke Größe außerhalb der mittelalterlichen und christlichen Traditionszusammenhänge. Damit hatte er für sich jenes Problem gelöst, das bis heute als das größte und aktuellste aller modernen bürgerlich-kapitalistischen Staaten angesehen werden kann: Wie ist es möglich, eine moralische Dimension zu generieren, die den Egoismus als Grundkonstante menschlicher Existenz akzeptiert? Ohne freilich holistisch oder geschlossen zu werden. Eine, es sei gesagt, ausweglose Situation. Bevor diese erste Betrachtung der politischen Überlegungen Machiavellis abgeschlossen werden kann, ist natürlich noch ein kurzer Blick auf den Principe zu werfen. Es klang bereits an, dass dieser in seinen Grundaussagen mit den Discorsi insofern vereinbar ist, als er die Ausnahmesituation beschreibt. D. h. jenen Zustand, in dem sich die Republiken (und auch andere Organisationsformen staatlicher Herrschaft) derartig tief in Krisensituationen befinden, also in den Perioden des Verfalls und der Auflösung, dass andere Mittel als die gewöhnlichen und optimalen notwendig sind. Der im Principe immer wieder aufscheinende a-moralische 62 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? argumentierende Machiavelli darf nicht solitär betrachtet oder gar als absolut gesetzt werden. Vielmehr dient dieser vollkommen durchrationalisierte Bereich seiner Theorie einem wichtigen Zweck: Der Ermöglichung demokratisch-republikanischer Strukturen, jedoch mit Mitteln, die diesen völlig entgegen zu stehen scheinen. Wenn Machiavelli die Herrschaft und Allmacht des Fürsten begründet, der auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen soll, der Verträge bricht und für seinen Erfolg mordet – dann hat er damit den Preis benannt, den er zu zahlen bereit war, um seine Ideale umzusetzen. Denn es lässt sich nicht bestreiten, dass der von ihm geforderte Tyrann in seinem Auftauchen und Wirken immer an ganz bestimmte historische Aufgaben und Herausforderungen gekoppelt wird. Das ist der Schlüssel zum Verständnis des Principe. Als Machiavelli die entsprechenden Passagen des Principe niederschrieb, stand ihm ein ganz konkretes Beispiel vor Augen. Das mit allen Mitteln zu lösende Problem war die Frage der Einheit Italiens. Und der Mann, der Principe, der dieses „Wunder“, diese unmöglich scheinende Aufgabe, durch seine Macht, auch durch seine Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, durch seine Härte vollbringen könnte, war Cesare Borgia. Machiavelli hatte diesen 1502 auf einer diplomatischen Mission kennen gelernt. Über fünfzig Mal hielt er sich an dessen Hof bzw. Heerlager auf, durchlebte Momente der Angst, dass sein Leben das nächste sein könnte, welches fallen würde, bewunderte aber auch die unglaublichen Energieleistungen, die der Herzog vollbrachte. Einmal schrieb Machiavelli nach Hause, dass er eine Ausgabe des Plutarch benötige. Er brauchte das Werk des antiken Schriftstellers, um sein Urteil über Cesare Borgia fällen zu können – seine eigenen Kategorien, diese Aussage ist damit explizit getätigt, reichten dafür nicht aus. Das war ein einzigartiger Vorgang, ein solitäres Ereignis. Nur dieses eine Mal hatte Machiavelli jemanden getroffen, der der Principe sein könnte. Daher formulierte er in seinem abschließenden Bild: „Fasse ich nun alle Maßnahmen des Herzogs zusammen, so könnte ich ihm keinen Vorwurf machen; es scheint mir im Gegenteil richtig, ihn, wie ich es getan habe, allen denen zur Nachahmung zu empfehlen, die durch Glück und mit fremder Waffenhilfe zur Herrschaft emporgestiegen sind, (…) Wer es für nötig hält, in einer neuerworbenen Herrschaft sich vor seinen Feinden zu sichern, Freunde zu gewinnen, sich mit Gewalt oder mit List 63 Cesare Borgia vor Augen: Machiavelli und die italienische Geschichte durchzusetzen, sich beliebt zu machen und gleichzeitig gefürchtet zu werden, die Soldaten in Zucht zu halten und von ihnen verehrt zu werden, wer es ferner für nötig hält, diejenigen zu beseitigen, die ihm schaden könnten und zwangsläufig schaden werden, sowie die alten Ordnungen durch neue zu ersetzen, wer es weiterhin für nötig hält, streng und liebenswürdig, großmütig und freigebig zu sein, wer es für nötig hält, untreue Truppen aufzulösen und eine neue Streitmacht aufzustellen, ferner sich die Freundschaft mit Königen und Herrschern zu erhalten, damit sie ihm gerne Hilfe leisten oder sich hüten, ihn anzugreifen, der kann keine näherliegenden Beispiele finden als die Taten dieses Mannes.“ (P: 32) Cesare Borgias Leben war also nach Machiavelli, dessen Intentionen ernst nehmend, keine Empfehlung für die Ellenbogengesellschaft, wie immer wieder erzählt wird. Es ist nicht mehr und nicht weniger als die nüchterne und kalte, fast schon zynische Würdigung eines Mannes, der mehr hätte erreichen können, der das, was er besaß und darstellte seiner Persönlichkeit und der damit zusammenhängenden virtù verdankte. Machiavelli gab Ratschläge für den, der sie, wie es mehrfach heißt, nötig hat. Damit schimmert an dieser Stelle auch die Ironie Machiavellis, die sich sonst vor allem in seinem literarischen Schaffen entlud, durch. Hans Freyer, der ein kluges Buch über Machiavelli geschrieben hat (außerdem, es sei erwähnt, ein weiteres über die Utopie), sah diesen Aspekt ganz richtig: „Vor allem aber wird hier ganz klar, dass Machiavellis Bewunderung keine sittliche, sondern eine theoretische gewesen ist, dass das Bild von Cesare, das er aus Sinigaglia heimgebracht hat, für ihn den Wert eines begrifflichen Schemas hat und dass die ganze Begegnung, von ihm aus gesehen, ein großes Experiment ist. Ein Experiment mit hochgespannten Strömen ist dazu da, Gesetze zu erkennen. Es kann, soll und wird aber nie jene heiligen Schauer erregen, die ein reales Gewitter erregt, das die Luft reinigt und das Land segnet.“28 Das gerade gezeichnete Bild Machiavellis, seines Denkens und Handelns, unterscheidet sich deutlich, dies wurde bereits gesagt, von den Primitiv- Interpretationen seiner Philosophie, die durch die Öffentlichkeit geistern, da sie sich nur so davor schützen können, eine Begründung zu liefern. Bedauerlicherweise bevölkern derartige Ansätze nicht nur das Feuil- 28 Freyer: Machiavelli, S. 27. 64 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? leton, sondern auch Teile des wissenschaftlichen Diskurses. Doch es steht zu ihnen quer eine der wichtigen Eigenschaften Machiavellis: Dieser konnte, anders als seine üblen Nachredner und Verdreher, über sich selbst lachen. 5. Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie Auf das, noch weitaus stärker als bei Machiavelli breit gefächerte und vielschichtige Werk Thomas Morus’ wurde bereits verwiesen. Seine Neubestimmung der englischen Geschichtsforschung ist dabei ebenso zu nennen wie seine Übersetzungen, die literarischen Schriften und Gedichte oder eben die Werke der Theologie. Letztere sind in ihrer kritischen Stoßrichtung und Stellung zur Reformation wahrzunehmen, als Texte der Gegenreformation, als Beiträge zur Einheit der Kirche sowie zur Verteidigung des „einen Glaubens“. Wie es möglich ist, dass man einerseits ein exponierter reaktionärer katholischer Denker sein kann und andererseits die Moderne tatsächlich begreift – das ist zuvorderst ein Fall für psychologische Deutungen, auf die hier verzichtet wird. Der Fakt ist konstatiert, nun gilt es, mit ihm zu arbeiten. Neben all den theoretischen und praktischen Äußerungen und Handlungen Morus’ steht als echter Einsiedler und Solitär die Utopia, das Buch von der besten Republik (diese verstanden in einem anderen Sinne als bei Machiavelli). Der genaue Titel lautet: Ein wahrhaft goldenes Büchlein von der besten Staatsverfassung und von der neuen Insel Utopia, nicht minder heilsam als kurzweilig zu lesen, verfasst von dem hochberühmten Thomas Morus usw. Es wäre in der Tat ein schwieriges Unterfangen, die in der Utopia vertretenen Thesen in ihrer Gesamtheit in Zusammenhang oder Übereinstimmung zu den anderen Schriften von Morus oder gar zu dessen Biographie zu bringen. Möglich ist es allerdings, Stück für Stück, Teil für Teil – gleich der Arbeit an einem Mosaik. So kann, um nur ein Beispiel zu nennen, die Stigmatisierung des Goldes in Utopia ebenso katholisch begründet werden wie etwa die Abschaffung der Todesstrafe auf der glücklichen Insel. (Wobei natürlich ein anderes Verständnis des Katholizismus angenommen werden muss als das offiziell in Rom propagierte und angewendete, dessen Kritiker Machiavelli war.) 65 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie Die Auseinandersetzung mit der Utopia verlangt zuvorderst, sich mit ihren Intentionen und Wirkungsabsichten zu beschäftigen. Sie war kein Buch für einfache Bürger, kein Versuch der tatsächlichen Begründung von Demokratie oder Gleichheit, wie bei Machiavelli. Nein, sie war Teil des gelehrten humanistischen Diskurses, ein Versuch der Auslotung des Denkbaren, vor allem Theorie, ein Durchspielen von Alternativen, das Überprüfen von Konsequenzen und Lehrsätzen. Die Praxis mag für sie wichtig sein, sekundär (eigentlich aber: überflüssig) ist sie dennoch. So gesehen ist die Utopia ein Laborexperiment, eine intellektuelle Herausforderung, gleichsam ein spielerisches Übungsfeld für die Durchexerzierung der politischen Theorien der Antike, die in ihr echte und schwergewichtige Aktualisierungsprozesse durchliefen. Im Blickpunkt des Interesses steht hier der Vergleich von Machiavellis Philosophie und der Utopie. Daher erscheint es als berechtigt, die weiteren Schriften Morus’ von der Betrachtung auszuschließen, und dafür um so intensiver die Utopia zu fokussieren. Ein methodisches Verfahren, das seine Legitimation aus der Bedeutung des utopischen Denkens für die europäische Geschichte und aus dem zu erhoffenden Erkenntnisgewinn zieht. Mit dieser Festsetzung sind zwei entschiedene Konsequenzen verbunden. Erstens kann und muss die Utopia als Prototyp der gesamten, sich an sie anschließenden späteren Gattung interpretiert werden. Morus begründete mit seiner kleinen Schrift die utopische Tradition der Neuzeit. In der Nachfolge der Utopia erschienen zahlreiche – man kann auch fast sagen: unzählige, unzählbare – weitere Texte, bis heute ist die Produktion, wenngleich verbunden mit einem deutlichen Niveauverfall, anhaltend. Weitaus gewichtiger ist die zweite Konsequenz. Die Utopia muss als spezifisch neuzeitliches Produkt wahrgenommen werden. Ihr dementsprechender harter Kern ist interpretatorisch in den Mittelpunkt zu stellen. Morus reagierte mit seinem Werk auf die beschriebene spätmittelalterliche Krise und schlug einen Lösungsweg vor, der sich moderner Strategien bediente und damit den Bruch mit der alten Zeit radikal vollzog. Dies gilt, so paradox es klingt, um so mehr, als Morus explizit auf Platon zurückgriff. Über sieben Mal wird dieser ausdrücklich genannt, kaum zählbar sind die direkten und indirekten Anspielungen auf die Politeia und andere Schriften des griechischen Philosophen und (gescheiterten) 66 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Reformers. Daneben lassen sich auch Verweise auf Aristoteles und Lukian problemlos ausmachen, weitere Verbindungslinien könnten eruiert werden. Und dennoch, dies ist eine Warnung, darf die Aufwertung der Antike nicht autark gesetzt werden. Das, was Morus übernahm, ging durch das Tor der Aktualisierung hindurch und wurde von ihm den neuen Gegebenheiten angepasst. Die Rezeption der Antike führte also kein Eigenleben, war kein Selbstzweck. Vielmehr erscheint deren Philosophie als eine Art Truhe mit Ideen, aus der sich Morus nach Bedarf bediente. Anders formuliert: Vom Alten bewahrte er das, was sich, entsprechend überarbeitet, in der Zukunft bewähren könnte. Im Prinzip war dies ein ähnliches Verfahren wie Machiavellis Versuch, die Person Cesare Borgias durch eine erneute Plutarch-Lektüre in ihrer modernen Gestalt zu erfassen. Die Überschneidungen zwischen den Ansätzen, den utopischen Entwürfen von Platon und Morus lassen sich in diesem Sinne vor allem auf Begriffe wie Gerechtigkeit, Tugend oder Moral zurückführen – und berühren damit keine tagesaktuellen Fragen, sondern eher überzeitliche und universelle Kontexte, allgemeine Fragen des Menschseins. Es ging beiden schlicht darum, wie den jeweiligen Krisen der eigenen Zeit ein Ideal konfrontiert werden könnte, in dem die zuvor georteten Mängel nicht mehr existent wären. Diese Anmerkung ist zugleich die hier zu Grunde gelegte Definition der Utopie. Auf der einen Seite steht die Kritik an der Gegenwart, der auf der anderen ein Bild alternativ konfrontiert wird, das eben utopisch, also nirgendwo, ist. Beide Teile bedingen einander, nur die Kritik motiviert die Alternative, die sich wiederum aus der zuerst genannten speist und legitimiert. Eine doppelte Abhängigkeit, die zum Wesen, zum Wesentlichen der Utopie gehört. Da nun allerdings, so einfach ist es tatsächlich, die empirisch messbaren Probleme zu Zeiten Platons andere waren als beim von Morus thematisierten Zerfall des Mittelalters, ist dergestalt auch gesagt, dass die imaginierten Utopien von beiden grundsätzlich verschieden sein müssen. Daraus folgt, dass jenen Elementen eine Priorität zuzuschreiben ist, mit denen Morus eindeutig über Platon hinausging, andere Imaginationen erzeugte oder auf Krisenphänomene reagierte, deren spezifisch modernes Profil evident ist. Auch wenn Platon und Morus über Dinge nachdachten, denen ihr über-historischer Bezug nicht abgestritten werden kann, so ist es doch – nachvollziehbar, 67 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie logischerweise – die jeweilige Zeitverhaftung, die den zentralen Unterschied auf inhaltlicher Ebene bedingt. Platon konstruierte (in der Politeia) ein ständisches und hierarchisches System, das zwar Aufstiegschancen bietet, aber nichtsdestotrotz statisch und privilegienorientiert ist. Permanente, systeminnerliche Dynamik war seine Sache nicht. Denn die imaginären positiven, utopischen Einrichtungen des Idealstaates betreffen bloß die Wächter und Philosophen, d. h. die elitäre Herrscherschicht. Der ganze Rest des Volkes soll weiterhin in seinen alten Bedingungen existieren, Sklaverei, Ausbeutung und anderes mehr inklusive. (Interessanterweise neigt die Utopie an sich dazu, ganze Bevölkerungsgruppen zu „vergessen“. So beispielsweise bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Frauen, von Ausnahmen, freilich herausragenden, abgesehen. Auch in Utopia steht die Frau am Herd bzw. ist Anhängsel des Mannes. Und jene Untergattung der Utopie, die so genannte Frauenutopie, die seit einigen Jahrzehnten versucht, dieses Dilemma zu beheben, macht es nur noch schlimmer, indem ihre philosophisch höchst ungebildeten Vertreterinnen die Vorzeichen oftmals einfach umkehren. Ob es ein Beitrag zur Emanzipation ist, wenn nun der Mann kocht und die Frau faul auf dem Sofa herumlümmelt? Die Frage inkludiert die Antwort. Doch davon soll hier nicht die Rede sein.) Platons Entwurf war für Morus angesichts der zerstörerischen Dimensionen der mittelalterlichen Krise und der von ihm geahnten noch grö- ßeren Zersetzungskraft der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr tragbar. Die Ausdifferenzierungen der Gesellschaft konnten unter keinen Umständen in das utopischen System integriert werden. Ganz im Gegenteil: Es ging darum, sie für immer unmöglich zu machen. So gelten die von Morus beschriebenen idealen Einrichtungen Utopias für alle Utopier ohne Unterschied. Kommunismus kennt und macht keine Ausnahmen. Die zentral von oben gesteuerte Veredelung des Menschen sowie die Verwaltung der so entstandenen Subjekte (ohne Subjektivität) ist allumfassend. Der Gleichheit wurde von Morus die radikale Aufwertung der körperlichen Arbeit beigestellt, eine Überlegung, die jeder Grieche als Zumutung – ja: als Dummheit – empfunden hätte. Es wurde bereits angesprochen, dass die wirtschaftliche Dynamik Englands (etwa im Vergleich zu Frankreich) daraus resultierte, dass sich der Landadel, die Gentry, nicht scheute, zur eigenen Bereicherung an den 68 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? entstehenden ökonomischen Prozessen teilzunehmen bzw. diese sogar zu okkupieren und voranzutreiben suchte. Damit hatte Morus eine ganz andere Situation vor Augen als Platon. Denn in der Politeia arbeitet ausschließlich das von den Segnungen Utopias ausgeschlossene Volk (und überwacht die Sklavenarbeit). Die abgekoppelte Elite ist, durchaus in diesem Punkt schmarotzend, von ihm abhängig. Die Wächter und Philosophen widmen sich ausschließlich militärischen und eben philosophischen Aufgaben. Morus hob diese, in der Moderne durch nichts zu begründende, Trennung in der Utopia auf. Wahrscheinlich nicht zuletzt, da sie Analogien in der alten mittelalterlichen Welt hatte. Es ist ein Signum der Utopia, dass in ihr alle körperlich arbeiten und alle an dem so geschaffenen Wohlstand ebenso partizipieren wie an den umfassenden kulturellen Strukturen. Die Idee der Gleichheit wurde von Morus auf dieser Ebene konsequent durchgehalten. Hinzuweisen ist schließlich auch noch auf die strikt anti-demokratische Grundhaltung der Politeia. Demokratie war für Platon Herrschaft des Pöbels, er sah sie ausschließlich negativ – das war der Zeitgeist der Antike. Morus seinerseits ging nicht so weit wie Machiavelli, d. h. er positivierte den Demokratiebegriff nicht im Sinne von permanenten Diskussionen und Konflikten, die erst durch ihre Austragung zum allgemeinen Besten führen. Nein, die utopische Insel ist durch ihre Geschlossenheit geprägt, demokratische Mitwirkung ist dadurch überflüssig, dass das Gemeinwohl a priori feststeht. Aber Morus gewährleistete immerhin die Partizipation aller an den politischen Strukturen und schaffte jedwede Privilegierung ab. Allen steht potenziell alles offen, ausschließlich Leistung und Können entscheiden. Damit kommt auch der utopischen Erziehung eine große Bedeutung zu. Während sie bei Morus dem Zweck dient, die gesamte utopische Gesellschaft und mit ihr jeden Einzelnen auf ein neues Niveau zu heben und permanent zu „verbessern“, sichert sie in der Politeia die Herrschaft der vom Volk getrennten Elite ab. Es kann also kaum bestritten werden, dass Morus aus heutiger Perspektive an zentralen Punkten über Platon hinausging. Der moderne Geist der Utopia ist offensichtlich und kann nicht verleugnet werden. Die Utopia besteht aus zwei Teilen, die formal durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden. Es wurde bereits erwähnt, dass sich 69 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie Morus 1515 auf einer Gesandtschaftsreise in Flandern aufhielt und dort den zweiten Teil seines Werks verfasste. In der Rahmenhandlung spielte er selber darauf an und schilderte mehrere Gespräche, die er dort geführt habe. Der Zweck dieses Unterfangens besteht darin, dass der erfundene und ausgedachte Inhalt, die Schilderung der utopischen Gesellschaft an eine wahre und nachprüfbare Ereigniskette zurückgebunden wird, wodurch der fiktive Charakter des Imaginierten entfallen soll. Utopia, so die zentrale Aussage, gibt es wirklich. Es ist keine fixe Idee, sondern Realität, diskutiert und kritisch überprüft von mehreren Humanisten ersten Ranges. Allerdings habe man, so Morus mit einem Augenzwinkern und leicht betrübtem Tonfall, in der Euphorie leider vergessen nachzufragen, wo die Insel sich eigentlich genau befinde. Dadurch sei sie, obwohl existent, bedauerlicherweise im Moment gerade unauffindbar. Der erste Teil der Utopia, den Morus später in London verfasste, enthält die auf mehreren Ebenen angelegte Kritik an den Verhältnissen seiner Zeit, wobei er ökonomische und soziale Prozesse ebenso geltend machte wie gesellschaftliche und kulturelle. Die Radikalität der entsprechenden Passagen ist bemerkenswert und innerhalb des 16. Jahrhunderts einmalig (wenn man von Beispielen wie Thomas Münzer oder den Wiedertäufern absieht, die ja nicht die anbrechende Moderne im Blick hatten). Die geleistete Kritik wurde dann von Morus im zweiten Teil mit einer idealen Alternative konfrontiert. Diese gewinnt ihre spezifische Qualität dadurch, dass sie die Kritik positiv verarbeitet und in eine grundlegend andere, dem Anspruch nach bessere Struktur überführt. Beide Teile sind, das ist der Kern der neuzeitlichen Utopie, wie sie von Morus begründet wurde, aufs Engste miteinander verbunden. Es wurde bereits deutlich, dass der zentrale ökonomische Prozess, der die verschiedenen Krisen der englischen Gesellschaft hervorrief, die Einhegungsbewegung war. Im realen Leben gehörte Morus zu denjenigen, die von dieser Entwicklung profitierten. In der Utopia vertrat er jedoch eine andere These. Denn dort machte er das Privateigentum für die georteten Fehler seiner Gegenwart verantwortlich. Im utopischen Gegenentwurf ist es daher konsequent abgeschafft und durch güterkommunistische Strukturen ersetzt. Mit dem Wegfall des Geldes, des freien Marktes, der ungehinderten Akkumulati- 70 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? on, des Luxus und der Moden (alles Faktoren, die Machiavelli ja, trotz seines Gleichheitspostulats, positiviert hatte) würden, so Morus, auch alle negativen Erscheinungen der beginnenden Moderne verschwinden. Der Abschaffung des Privateigentums korrespondieren zahlreiche Faktoren, die den Charakter Utopias prägen. Die Bandbreite reicht vom politischen System über die kulturelle und zivilisatorische Entwicklung bis hin zu den moralischen Konzeptionen und der Toleranz in religiösen Fragen. So gesehen prallen tatsächlich zwei Welten aufeinander, die völlig unterschiedlich sind und deren Antagonismus sich aus der Prämisse für oder gegen das Privateigentum ergibt. Die Auseinandersetzung Morus’ mit der Einhegungsbewegung gehört zu den klassischen Texten der Kapitalismuskritik. Schon zu Beginn der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft erkannte Morus deren Tendenzen – Individualisierung, Zersplitterung, Atomisierung, Ausgrenzung, Proletarisierung, Entfremdung, Entmenschlichung – und prangerte sie deutlich an. Zeitgleich zu Machiavellis Aufwertung der bürgerlichen Marktgesellschaft entstand in England der erste Ansatz der umfassenden Kritik eben dieses Prozesses. Wie gesehen war die Einhegungsbewegung dadurch charakterisiert, dass die englische Gentry dazu überging, große zusammenhängende Weideflächen für ihre Schafe einzuzäunen, um auf diese Weise den „Rohstoff “ Wolle produzieren zu können. Der Kapitalismus zeigte zum ersten Mal sein „wahres Gesicht“. Jenes, das Machiavelli nicht wahrhaben wollte. Denn um die großflächige Weidewirtschaft zu ermöglichen, vertrieb die Gentry die Bauern und Pächter von ihrem Land und eignete sich zudem die Allmende an. Der Boden, der über Generationen ganze Familien und Gemeinschaften ernährt und so die älteren Formen der Ausbeutung ermöglicht hatte, war nun nur noch dazu da, um die Luxusbedürfnisse einzelner Adliger zu stillen. In der Utopia schrieb er: „Eure Schafe! sagte ich. Eigentlich gelten sie als recht zahm und genügsam; jetzt aber haben sie, wie man hört, auf einmal angefangen, so gefräßig und wild zu werden, dass sie sogar Menschen fressen, Länder, Häuser, Städte verwüsten und entvölkern. Überall da nämlich, wo in eurem Reiche die besonders feine und darum teure Wolle gezüchtet wird, da lassen sich die Edelleute und Standespersonen und manchmal sogar Äbte, heilige Männer, nicht mehr genügen an den Erträgnissen und Renten, die ihren Vorgängern herkömmlich aus 71 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie ihren Besitzungen zuwuchsen; nicht genug damit, dass sie faul und üppig dahinleben, der Allgemeinheit nichts nützen, eher schaden, so nehmen sie auch das schöne Ackerland weg, zäunen alles als Weiden ein, rei- ßen die Häuser nieder, zerstören die Dörfer, lassen nur die Kirche als Schafstall stehen und – gerade als ob bei euch die Wildgehege und Parkanlagen nicht schon genug Schaden stifteten! – verwandeln diese trefflichen Leute alle Siedlungen und alles angebaute Land in Einöden. Damit also ein einziger Prasser, unersättlich und wie ein wahrer Fluch seines Landes, ein paar tausend Morgen zusammenhängendes Ackerland mit einem einzigen Zaun umgeben kann, werden Pächter von Haus und Hof vertrieben: durch listige Ränke und gewaltsame Unterdrückung macht man sie wehrlos oder bringt sie durch ermüdende Plackereien zum Verkauf.“ (U: 27 f.) Bereits die ökonomischen Prozesse für sich genommen waren katastrophal, ihre Konsequenzen weitreichend. Durch die Umwandlung von landwirtschaftlichen Flächen in Weideland stiegen die Preise für Lebensmittel, die auf diesem Boden ja nicht mehr produziert werden konnten. Die Massenschafzucht führte zur Verbreitung von Krankheiten und Seuchen. (U: 29) Auch der Preis für Wolle sank nicht, da es zur Bildung von Monopolen kam. Morus hatte bereits 1516 zentrale Schwachstellen des Kapitalismus antizipierend erkannt: „Aber die Zahl der Schafe mag noch so sehr wieder zunehmen, der Preis geht doch nicht herunter, weil der Handel damit, wenn er auch nicht im strengen Sinne ein Monopol hei- ßen kann (denn er liegt nicht in einer einzigen Hand), so doch jedenfalls ein Monopol weniger ist. Die Schafe sind ja fast sämtlich in die Hände weniger, und zwar eben der reichen Leute gefallen, die keine Notwendigkeit zwingt, früher zu verkaufen, als ihnen beliebt, und es beliebt ihnen nicht früher, als bis sie beliebig teuer verkaufen können.“ (U: 29) Nichts wäre übrigens falscher, als diese Kritik am Kapitalismus zu au tarki sie ren, d. h. aus ihrem Kontext herauszulösen. Sie ist ein Bestandteil, sicherlich der wichtigste, der Utopie – und damit von Kritik und Alternative. Es war Karl Marx, der im Kapital diesen entscheidenden Fehler machte und auch in seinen weiteren Werken Morus nie als Gesellschaftsdenker, sondern immer nur als Kapitalismuskritiker wahrnahm. Eine völlig verkürzende Perspektive. 72 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Denn Morus hat auch das politische System seiner Epoche kritisiert, da er es in der Verantwortung sah: Sowohl für die Begleitung bzw. Ermöglichung der wirtschaftlichen Fehlentwicklungen als auch für die nicht statthabende Abfederung ihrer Konsequenzen. Durch harte und rigide Strafen gegen das einfache und entrechtete Volk stütze und schütze es die wenigen Kapitalisten – ein Befund, dem so zuzustimmen ist und an dem sich Morus als überzeugter Christ in seinen hohen politischen Ämter Zeit seines Lebens selbst aktiv beteiligte. (Damit war übrigens eine historische Situation gegeben, in der Machiavelli zu Folge eine Revolution durchaus gerechtfertigt gewesen wäre. Doch anstatt eine solche zu begründen, schrieb Morus lieber auf Lateinisch die Utopia.) Gegen die vertriebenen Bauern und ihre Familien, die jeder Möglichkeit eines legalen Gelderwerbs durch Arbeit beraubt waren, und daher bettelten, stahlen usw., wurden rigide Strafen verhängt, bis hin zur Todesstrafe. Es ist aber klar, dass die Politik auf diese Weise der geschaffenen Situation keineswegs Herr werden konnte. Die Galgen waren so überfüllt, dass „manchmal zwanzig (Diebe) an einem Galgen“ (U: 24) baumelten. Gegen diese Todesstrafe wendete sich Morus. „Ei nun, sagte ich, wundere dich nur nicht: eine solche Strafe für Diebe geht denn doch über das gerechte Maß hinaus und liegt auch unmöglich im öffentlichen Interesse. Diebstahl zu sühnen ist sie zu scharf, ihn einzudämmen trotzdem unzureichend. Einfacher Diebstahl ist ja doch nicht so ein fürchterliches Verbrechen, dass es den Kopf kosten müsste, und andererseits ist keine Strafe hart genug, um solche Leute von der Räuberei abzuhalten, die sonst kein nährendes Gewerbe besitzen.“ (U: 24) Das Leben eines jeden Menschen sei ein so hohes Gut, dass es nicht durch Menschen beendet werden dürfte, schon gar nicht wegen eines aus reiner Not begangenen Diebstahls. Es sei nur darauf hingewiesen, dass auch diese Position in der Französischen Revolution wieder auftauchte und sich dabei aus analogen Überlegungen speiste, allerdings mit einem Unterschied. Gegen die Todesstrafe sprach sich Robespierre ebenso aus wie einer seiner größten Gegner, der Girondist Condorcet. Doch während die französischen Revolutionäre die Todesstrafe aus eher säkularen – und damit real-humanistischen – Motiven ablehnten, machte Morus geltend, dass die englische Justiz mit ihrer strafrechtlichen Praxis gegen die göttlichen Gebote und die christliche Morallehre verstoße: „Gottes Gebot ist, niemanden zu töten, und wir töten so mir nichts dir nichts um eines ge- 73 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie stohlenen Sümmchens wegen? Sollte aber jemand die Auslegung versuchen, jenes Gottesgebot verbiete den Mord, soweit als nicht menschliche Gesetze die Tötung gebieten, was hindert dann, dass die Menschen auf demselben Wege unter sich ausmachen, wieweit Notzucht, Ehebruch, Meineid zu gestatten sei?“ (U: 32) Wenn man die Todesstrafe akzeptiere, so Morus weiter, dann müsse diese in letzter Konsequenz auch auf andere Verbrechen angewendet werden – und zwar genau auf jene, die die reiche Oberschicht in England zur Akkumulation von Land und Kapital begehe. Ja, Morus ging noch einen Schritt weiter, sich nun selbst säkularen Problemen zuwendend. Wenn bereits auf einfache Verbrechen der Tod stehe, dann führe dies dazu, dass oftmals die kleinen Verbrechen durch größere abgesichert werden, d. h. die Brutalisierung des Menschen und seiner Beziehungen fortschreite. „Wie unsinnig, ja wie verderblich es außerdem für den Staat ist, den Dieb ebenso wie den Totschläger zu bestrafen, das ist, denke ich, allgemein bekannt. Denn wenn der Räuber sieht, dass ihm keine geringere Strafe droht, wenn er bloßen Diebstahls wegen verurteilt wird, als wenn man ihn außerdem noch des Totschlags überführt, wird er schon durch diese eine Überlegung zum Morde eines Menschen veranlasst, den er andernfalls nur beraubt hätte; ja, abgesehen davon, dass die Gefahr durchaus nicht größer ist, wenn er ertappt wird, bietet sogar der Mord größere Sicherheit und mehr Aussicht unentdeckt zu bleiben: der Zeuge des Verbrechens ist dann ja beseitigt.“ (U: 33) Dem Erhängen konfrontierte Morus in der Utopia eine Alternative: Die lebenslange Versklavung und Zwangsarbeit, die dem Tod vorzuziehen seien. Dies ist nun freilich ein, es wirkt anachronistisch, trotz aller Zivilisationsfreundlichkeit antikes Motiv, dem sogar die Fürsorgepflicht des utopischen Staates gegenüber den Sklaven zugeschrieben werden kann. Zudem wären die Sklaven aus der wirtschaftlichen Logik des kapitalistischen Hungertods herausgenommen, also zumindest ihres rein physischen Lebens sicher. Von allen anderen Segnungen Utopia sind sie aber konsequent ausgeschlossen. Doch es kann nicht geleugnet werden, dass die Sklaverei in Utopia einen eindeutigen moralischen Bruch markiert, der durch den Text geht. Morus konnte, anders als Machiavelli in seiner Demokratietheorie und mit seinem Setzen auf das Individuum, die Idee der individuellen Freiheit nicht denken. Hier, an diesem Punkt, steckte 74 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? er noch mit Haut und Haaren im Mittelalter, durchaus sehnsüchtig auf die Antike blickend. Er, der Katholik (!), war nicht in der Lage, das ist der Grundgedanke von Sklaverei, den Menschen eine sich über Jahre hinziehende moralische Besserung zuzutrauen, die eine Rückkehr in die Gesellschaft ermöglichen würde. Vom „freien Willen“, der das Menschsein erst ermöglicht, gar nicht zu reden. Das zentrale Charakteristikum Utopias mit Blick auf den Themenbereich Ökonomie ist hier noch einmal explizit zu benennen: Auf der imaginierten Insel herrscht Gemeineigentum. Alles gehört allen. Der beginnenden kapitalistischen Entwicklung seiner Zeit und den damit verbundenen Ausdifferenzierungsprozessen setzte Morus ein Ideal entgegen, das vehement die These vertritt, dass sich alle Missstände der von ihm beobachteten menschlichen Gesellschaft um 1500 aus der privaten Verfügung über Eigentum ergeben. Der Schritt über Platon hinaus war epochal, der in der Politeia noch auf den Stand der Wächter und der Philosophen beschränkte Güterkommunismus wurde von Morus auf alle Mitglieder des Staates ausgedehnt. So sei es möglich, jedem Bürger Utopias ein abgesichertes Leben zu ermöglichen. Und gleichzeitig erschien dergestalt die wirtschaftliche Autarkie des Gemeinwesens als logisch ableitbar. Mit ihrer neuen Produktionsweise und den kommunistischen Strukturen sei es der utopischen Insel möglich, sogar Überschüsse zu erwirtschaften, die von der Regierung in einen kontrollierten Außenhandel zu überführen sind: „Sobald sie aber sich selbst genügend mit Vorräten eingedeckt haben – und das gilt nicht früher als geschehen, ehe nicht für zwei Jahre vorgesorgt ist, mit Rücksicht auf die ungewisse Ernte des zweiten Jahres –, führen sie aus ihrem Überschuss große Warenmengen in fremde Gegenden ab: Getreide, Honig, Wolle, Leinen, Holz, Scharlach- und Purpurfarben, Felle, Wachs, Talg, Leder und endlich Vieh. Von alledem geben sie ein Siebentel den Armen des betreffenden Landes zum Geschenk, den Rest verkaufen sie zu mäßigem Preise.“ (U: 81) Die Insel Utopia ist ein agrarisch geprägter Staat, vergleichbar sicherlich mit England vor Beginn der Einhegungsbewegung, der trotz des gerade angesprochenen Exportes völlig auf Importe verzichtet. So soll die Unabhängigkeit von der die Insel umgebenden feindlichen Welt gesichert werden. Alle Bedürfnisse der Menschen müssen durch eigene Arbeit befriedigt werden. Dafür stehen der utopischen Wirtschaft menschliche 75 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie und tierische Muskelkraft zur Verfügung. Es ist mehr als nur ein Element, das die Dynamik Utopias ermöglichen soll, wenn Morus ausführt, dass es ebenfalls ein Ziel der Gemeinschaft sein müsse, die Belastung eines jeden Einzelnen durch die Arbeit permanent zu reduzieren. Auf diese Weise soll ein sich ständig vergrößernder Freiraum für kulturelle Betätigungen, Freizeit, für Momente der Muße, kurz: für die Weiterführung des europäischen Humanismus geschaffen werden. Der Unterschied zwischen dem realen Humanismus um 1500 und dem kulturellen Angebot Utopias liegt freilich auf der Hand: Auf der Insel organisiert der Staat die Freizeit der Individuen. Und zwar so, dass ein unaufhörlicher wirtschaftlicher, kultureller und moralisch-zivilisatorischer Fortschritt ermöglicht werden kann. „Da sie also sämtlich in nützlichen Gewerben tätig sind und in diesen wieder mit weniger Arbeit auskommen, ist es nicht zu verwundern, dass Überfluss an allen Erzeugnissen herrscht und sie von Zeit zu Zeit noch eine gewaltige Menge Arbeiter mit der Ausbesserung der öffentlichen Straßen beschäftigen können, wenn sich daran Beschädigungen zeigen, sehr oft aber auch, wenn keinerlei Arbeitsbedarf der Art vorliegt, von Staats wegen die Herabsetzung der Arbeitszeit verkünden. Denn die Behörden beschäftigen die Bürger nicht gegen ihren Willen mit überflüssiger Arbeit, da die Wirtschaftsverfassung dieses Staates vielmehr in erster Linie das Ziel vor Augen hat, soweit es die notwendigen Ansprüche des Staates erlauben, für alle Bürger möglichst viel Zeit frei zu machen von der Knechtschaft des Leibes für die freie Pflege geistiger Bedürfnisse. Denn darin, glauben sie, liege das wahre Glück des Lebens.“ (U: 72) Wie kühn war dieses Programm? Nach Morus überhaupt nicht – denn auf der utopischen Insel herrscht allgemeine Arbeitspflicht. Alles gehört allen und alle arbeiten dafür zu gleichen Anteilen – so ist die bereits gemachte Aussage nunmehr zu komplettieren. Somit entfallen alle „Faulen und Schmarotzer“ der kapitalistischen Gesellschaft – sicherlich nicht der wichtigste Bestandteil menschlicher Gesellschaften. Zudem beschränkt Utopia die Bedürfnisse auf physisch und psychisch Notwendiges, d. h. Luxuswünsche werden ebenso wenig zugelassen oder gar befriedigt wie Sonderwillen und Modeerscheinung. Ausschließlich natürliche Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt, diese werden aber entsprechend der Wirtschaftsleistung allen gleichberechtigt erfüllt. Doch die Agraridylle trägt durchaus auch moderne Züge: Denn sie setzt voll auf die neuesten tech- 76 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? nischen Möglichkeiten, immer dann, wenn diese eine Entlastung des Menschen versprechen. So schilderte beispielsweise Morus bereits eine Brutmaschine. Es überrascht nicht, dass gerade der technische Fortschritt auch in den vermeintlich naturnahen Utopien, die auf Morus folgten, eine wichtige Rolle spielte, da deren Autoren eben auf diese Weise vermeinten, den einzelnen Menschen zu sich selbst führen zu können. Morus argumentierte, daran kann kein Zweifel mehr bestehen, gegen die Ständegesellschaft beginnender kapitalistischer Prägung seiner Zeit. Und zwar nach vorn blickend. Seiner Gegenwart setzte Morus ein Ideal entgegen, das zwar nicht viel bietet, dafür aber ausreichend und gereicht verteilt für alle. Die Solidarität ersetzte den Egoismus, die Triebfeder des Kapitalismus, das Gemeinwohl wurde wichtiger als das Individualwohl, der Gesamtwille wichtiger als der Einzelwille. Dies alles zusammengenommen ermögliche es, so Morus euphorisch, in Utopia die Arbeitszeit auf täglich sechs Stunden zu reduzieren und trotzdem für alle die Möglichkeit zu eröffnen, besser und gerechter zu leben als in Europa. „Weil nämlich die Utopier nur sechs Stunden bei der Arbeit sind, könnte man vielleicht der Meinung sein, es müsse daraus ein Mangel an notwendigen Arbeitsprodukten bestehen. Weit gefehlt! Im Gegenteil genügt diese Arbeitszeit nicht nur zur Herstellung des nötigen Vorrats an allen Erzeugnissen, die zu den Bedürfnissen oder Annehmlichkeiten des Lebens gehören, sondern es bleibt sogar noch davon übrig. Auch ihr werdet das begreiflich finden, wenn ihr euch überlegt, ein wie großer Teil der Menschen bei anderen Völkern untätig dahinlebt; erstens fast alle Frauen, das macht die Hälfte des Ganzen, oder wo etwa die Frauen tätig sind, faulenzen statt dessen meistens die Männer; dazu dann die Priester und sogenannten ‚frommen‘ Ordensbrüder, was für eine gewaltige, was für eine faule Schar! Nimm hinzu alle die reiche Leute, insbesondere die Großgrundbesitzer, die man gewöhnlich ‚Standespersonen‘ und ‚Edelleute‘ nennt! Zähle weiter deren Dienerschaft dazu, diesen ganzen Kehricht bewaffneter Tagediebe! Endlich nimm dazu die kräftigen und gesunden Bettler, die alle möglichen Krankheiten zum Vorwand ihres Müßigganges nehmen: ganz gewiss wirst du dann viel weniger Leute finden, als du geglaubt hättest, auf deren Tätigkeit alles das beruht, was zum täglichen Gebrauch der Menschen gehört.“ (U: 69) 77 Raphael Hythlodeus erzählt: Morus und die Utopie Dem Staat kommt in den wirtschaftlichen Prozessen die zentrale Rolle zu. Er organisiert alles, stellt Pläne auf, unterstützt den technischen Fortschritt, kümmert sich um die gemeinschaftlichen Arbeiten und ist schließlich auch der große und einzige Verteiler der erzeugten Produkte. Über ein öffentliches Speichersystem werden diese der Bevölkerung zur Verfügung gestellt – sofern die einzelnen gearbeitet haben oder aus einem legitimen Grund fehlten, beispielsweise Krankheit oder Alter. Dass ein solches System einen enormen Verwaltungsaufwand erfordert, hat Morus nicht gesehen bzw. bewusst ausgeblendet. Geld wird in einem solchen System natürlich nicht benötigt, es ist abgeschafft. Genau wie alle anderen Insignien des europäischen Reichtums, zuvorderst Gold und Silber, die vor allem auf moralischer Ebene radikal diskreditiert werden. „Während sie nämlich aus tönernem und gläsernem Geschirr essen und trinken, das zwar sehr geschmackvoll aussieht, aber billig ist, lassen sie aus Gold und Silber für die öffentlichen Hallen wie für die Privathäuser allerorten Nachtgeschirre und lauter für niedere Zwecke bestimmte Gefäße anfertigen. Ferner werden die Ketten und dicken Fußschellen zur Fesselung der Sklaven aus denselben Metallen hergestellt. Endlich werden allen denen, die irgendein Verbrechen ehrlos macht, goldene Ringe an die Ohren gehängt, goldene Fingerringe angesteckt, ein goldenes Halsband umgetan und um den Kopf ein goldener Reif gelegt. So sorgen sie mit allen Mitteln dafür, in ihrem Lande Gold und Silber in Verruf zu bringen. Und auf diese Weise wird erreicht, dass diese Metalle, die andere Völker sich nur mit großen Schmerzen nehmen lassen, als sollten sie sich ein Stück vom Leibe reißen, bei den Utopiern nichts gelten. Würde es dort einmal notwendig, alles Edelmetall herauszugeben, so würde kein Mensch glauben, einen Heller daran zu verlieren.“ (U: 83) Abschließend ist hier noch einmal darauf hinzuweisen, dass Morus nicht wegen der Utopia hingerichtet wurde, sondern wegen der Verweigerung des Suprematieeides. So hart und kompromisslos Heinrich VIII. bei der Abspaltung der englischen Kirche von Rom auch durchgriff, an einer anderen Stelle hatte er die grundsätzliche Freiheit des Intellektuellen zur Kritik nicht verneint: Er holte Morus, nach dem Erscheinen der Utopia, in den königlichen Dienst. Das Buch erschien ihm und seinen Beratern also nicht anrüchig. Vielleicht sollte mit diesem Schachzug auch ein Kritiker potenziell mundtot gemacht oder dem Bürgertum einer seiner wichtigen Führer genommen werden. Allerdings, wären dies die ausschlag- 78 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? gebenden Gründe gewesen, so hätte Morus sicherlich nicht die höchste politische Gewalt im Staat erklommen. Denn der Utopist gewann an Einfluss auf die Politik und der König anerkannte dadurch, dass er ihn gewähren ließ, ein Stück weiter das freie Denken (natürlich innerhalb gewisser, nicht zu diskutierender Grenzen). Es ist sicherlich übertrieben, die Utopia als politische Programmschrift Morus’ zu interpretieren. Aber konstatiert werden muss, dass Heinrich VIII. die dort geäußerte radikale Kritik an dem von ihm regierten England nicht bestrafte. Offensichtlich wissend, dass es sich um ein intellektuelles Experiment handelte und dass Morus seinerseits als Politiker anders handeln würde. So gesehen war Heinrich VIII. vielleicht sogar einer der ersten Befürworter des utopischen Denkens. 6. Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen Es steht sicherlich außer Frage, dass zahlreiche kleinere und auch grö- ßere Gemeinsamkeiten die Arbeits- und Lebensfelder von Morus und Machiavelli verbinden. Im biographischen Raum reichen sie von der jeweiligen bürgerlichen Herkunft, dem angestrebten und wahrgenommenen politischen Engagement sowie der schriftstellerischen Karriere bis hin zum jeweils tragischen Tod. Auch die einzelnen Werke beider sind an verschiedenen Stellen miteinander verzahnt, insofern, als sie ähnliche Probleme ihrer Gegenwart sahen und auch auf gleiche Quellen rekurrierten. Sie hatten die bürgerliche Gesellschaft vor Augen, die sich zwar erst in ihren Anfängen offenbarte, die aber von Morus und Machiavelli, darin besteht jeweils eines ihrer bleibenden Verdienste, in ihrer Wirkmächtigkeit erkannt und in den zahlreichen Ausprägungen und potentiellen Folgen bereits antizipiert wurde. Das ist ein Aspekt, der sie von den meisten anderen Humanisten und Politikern um 1500 überaus deutlich unterscheidet. Die historische Gerechtigkeit verlangt, dass man ihnen eine Innovationskraft zubilligen muss, die sich zwar unterschiedlich äußerte, aber einen gemeinsamen Motivationskern besitzt: Nach vorne gerichtet, reicht sie in emanzipativer Absicht über die krisengeschüttelte Gegenwart hinaus. Gräbt nun der heutige Interpret etwas tiefer, es sei gehofft, dass dies hier bisher gelungen ist, so lassen sich vor allem anderen zwei zentrale Gemeinsamkeiten erkennen. 79 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen Deren erste ist ganz einfach als intellektueller Rückgriff auf die Antike zu bezeichnen. In einer Zeit, in der die Orientierung fehlte, Autoritäten brüchig wurden, ist ein solcher Rekurs mehr als nur zu verstehen. Nicht zuletzt, da die antiken Schriftsteller und Theoretiker ihren mittelalterlichen Nachfolgern weit überlegen waren. Morus und Machiavelli benötigten zur Absicherung ihrer Theorien die Antike und, wichtiger noch, die Schriftquellen der damaligen Epoche. Diese waren ihre jeweiligen Diskussionspartner auf Augenhöhe. An ihren Arbeitstischen studierten sie die antiken Texte, denen eine fundamentale Funktion im Denk- bzw. Schreibprozess zukam: Sie waren die einzige Stütze neben der eigenen Vernunft. Was Morus und Machiavelli an Neuem in ihrer Zeit ausmachten, konnten sie nicht mehr mit mittelalterlichen Kategorien und Begriffen erfassen, beschreiben oder gar erklären. Dergestalt allein in einer tobenden und tosenden, sich radikal verändernden Welt droht durchaus der Wahnsinn, das Beispiel Hölderlin sollte rückblickend gegenwärtig sein. Auch wenn Morus und Machiavelli – natürlicherweise, logischerweise – an verschiedenen Punkten ihrer Zeit verhaftet waren, so gelang es ihnen doch, das macht die Einzigartigkeit ihrer Texte aus, diese Determinationen, wo sie mehr waren als reine Kritik-Auslöser, zu überwinden: Mit den Füßen auf dem Boden der Vernunft stehend, mit den Händen nach den antiken Quellen greifend. Die zweite Gemeinsamkeit ist in diesem Sinn bereits angedeutet. Beide waren an der Entstehung der modernen Historiographie maßgeblich beteiligt. Bei Machiavelli ist der Fall eindeutig: Er schuf mit den Discorsi und natürlich noch weitaus mehr mit seiner Geschichte von Florenz Werke, die als Klassiker und Begründungstexte der modernen neuzeitlichen Geschichtsschreibung Anerkennung gefunden haben. „Trotz gewisser Gesinnungsopfer, die er bei der Schilderung der Medici-Herrschaft seinem päpstlichen Auftraggeber bringen musste, kommt diesem Werk doch besondere Bedeutung zu. Es bricht mit der üblichen Form der Geschichtsschreibung, die sich in der chronologischen Aneinanderreihung geschichtlicher Begebenheiten erschöpfte, und spürt den inneren Ursachen der Krisen und Unruhen nach, die immer von neuem den Staat umgestalten. Zum erstenmal wohl wird hier ein Geschichtsschreiber auch der Bedeutung der wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen im geschichtlichen Leben gerecht. So ist dieses Buch das erste moderne Geschichtswerk unserer Zeit. Selbstverständlich macht Machiavelli auch in 80 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? dieser Arbeit seine Auffassungen über Volk, Staat und Macht sowie seine moral-philosophischen Ideen zu tragenden Pfeilern des Ganzen. Aus der Geschichte von Florenz leitet er seine Grundsätze ab, damit seine Landsleute aus der eigenen Geschichte die notwendigen Lehren ziehen können.“29 Auch Morus erneuerte das historische Denken Englands in Methode, Art und Inhalt. Er blieb zwar auf diesem Gebiet dem Mittelalter weitaus stärker verhaftet als Machiavelli, dennoch war sein 1504 verfasstes und sechs Jahre später veröffentlichtes Buch Life of John Picus, d. h. seine Beschäftigung mit Pico della Mirandola, ein Meilenstein der englischen Geschichtsforschung, die durch Shakespeares Adaption die Jahrhunderte überlebte. Auch für Morus gilt, dass er die „normale“ chronologische Geschichtsschreibung hinter sich ließ und stattdessen Geschichte – sowie die Funktion von Geschichte – in moralischer Absicht zu einem Lehrstück menschlichen Verhaltens umarbeitete. Was beide an diesem Punkt trennt, ist der Kreis ihrer möglichen Rezipienten. Machiavelli schrieb ganz eindeutig für die Bürgerschaft von Florenz, diese sollte aus dem Werk Lehren und Anregungen für ihr tägliches Verhalten ziehen können, gleichsam in Stand gesetzt werden, in den täglichen individuellen, ökonomischen und politischen Handlungsabläufen „richtig“ und vor allem „aufgeklärt“, fundiert zu entscheiden. Morus dagegen hatte, wie auch mit der Utopia, die enge und begrenzte Gemeinschaft der europäischen Humanisten vor Augen, also eine intellektuelle und teilweise vom realen Leben abgekoppelte Elite. Er verzichtete auf die von Machiavelli intendierte Wirkungsabsicht in tagesaktueller Perspektive (und damit auf, so kann man es nennen: Volksaufklärung). Allerdings appellierte er, hier durchaus Machiavelli ähnelnd, an das Bürgertum seiner Heimatstadt – aber eben erst in zweiter Instanz, d. h., darauf hätte er am ehesten verzichten können. Es wäre nun einfach, zu einfach, die Konzeptionen von Morus und Machiavelli zu analogisieren. Doch solchen Versuchen steht die Tatsache gegenüber, dass erst – und gerade auch wegen der benannten Überschneidungen – die Trennung beider Ansätze in idealtypischer Perspektive die charakteristischen Merkmale der von Morus geschaffenen neuzeitlichen 29 Zorn: Einleitung 1977, S. XLV. 81 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen Utopie ebenso freizulegen vermag wie die sich aus der Klugheitslehre Machiavellis entwickelnde kontraktualistische Theorie. Die von den beiden Theoretikern geschaffenen Werke bilden jeweils den neuzeitlichen Auftakt eines entscheidenden Denkstrangs, der durch den Lauf der Jahrhunderte hindurch die Zeiten prägte und noch unsere Gegenwart durchaus beeinflusst. Utopie oder Kontraktualismus – zwei vollkommen gegensätzliche Denkmuster, Staatlichkeit zu beschreiben und wahrzunehmen, zu legitimieren. Als normatives Ideal zu präsentieren. Das Individuum und/oder die Gemeinschaft zum Gehorsam zu zwingen. Utopie oder Kontraktualismus – nur eine Wahl gibt es, keinen Ausgleich, keine Vermittlung, es geht das nackte und kalte Entweder-Oder, Schwarz-Weiß. Man muss sich entscheiden und bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Am prägnantesten offenbart das sicherlich der Antagonismus Revolution oder Reformismus. Während das utopische Denken seit Morus solidarische Strukturen imaginierte, das Gemeinwohl vor das Individualwohl stellte, setzte der Kontraktualismus in der Nachfolge Machiavellis auf die egoistische Triebstruktur des Menschen – ob sie diese dem Menschen erst anthropologisch unterschieben muss oder nicht (und auch, wenn ja, mit welchem Recht sie dies tut) ist zweitrangig. Mit den Denkmodellen von Morus und Machiavelli steht die Moderne (und zwar immer wieder aufs Neue, täglich sozusagen) am Scheideweg. Es erscheint daher als durchaus sinnvolles Unterfangen, beider Konzeptionen auf methodischer Ebene voneinander zu trennen und sie in ihrer antagonistischen Stoß- und Wirkungsrichtung zu erkennen und zu beschreiben. Im Folgenden soll anhand verschiedener Themenbereiche aufgezeigt werden, wo die politischen Theorien und Überlegungen von Morus und Machiavelli sich mehr oder weniger unversöhnbar gegen- überstehen, also streng und strikt voneinander zu unterscheiden sind. Eine idealtypische Unterscheidung, das sei noch einmal gesagt, die immer auf das Übergeordnete abzielt und bereit ist, kleinere Details – nicht zu vernachlässigen, sondern – bewusst auszugrenzen, um eben den grundlegenden Antagonismus greifen zu können. Max Weber hat diesem Verfahren zu seiner Durchschlagskraft verholfen, Dank sei ihm nachträglich abgestattet. Die grundlegende Richtung der nun folgenden Scheidung wurde bereits mehrfach angedeutet und in unterschiedlichen Chiffren umschrieben. 82 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Es geht dabei, dies sei noch angemerkt, nicht allzu sehr um untergeordnete Inhalte, also darum, ob der eine eine Insel und der andere einen Stadtstaat beschrieb, der eine Toilettentöpfe aus Gold schilderte mit dem Zweck der Stigmatisierung jenes Metalls, für dessen Inbesitznahme der andere im Namen der Republik Florenz so ziemlich vieles bis alles unternommen hätte. Sondern es geht um die Prämissen, Intentionen und Motivlagen, schlicht: Das große Ganze. 1) Morus verfasste mit der Utopia „den“ Prototyp der politischen Utopie der Neuzeit, darüber muss nicht diskutiert werden. Wie gesehen: Ausgehend von einer radikalen und alle Gebiete menschlichen Seins umfassenden Kritik der Gegenwart schuf Morus das Idealbild eines glücklichen und, das ist wichtig, besseren Staates. Ein utopisches und der Gegenwart alternativ gegenüberstehendes Gemeinwesen, das nicht zur Verwirklichung bestimmt war. Aber es hatte eine ganz klare, wenn man so will, moralische Botschaft: Es ginge auch anders. Die Utopia sollte nicht verwirklicht, gar in England umgesetzt werden. Das Gedankenkonstrukt sollte jedoch normativ wirken, der Gegenwart die Verfehlungen und Irrwege aufzeigen und dadurch sozusagen indirekt Abhilfe schaffen – durch die moralische Einkehr der handelnden Protagonisten. Dass dies nicht funktionieren kann, hätte Morus an sich selbst studieren können, denn als Bürgerlicher handelte er selten nach den Prämissen und Maximen Utopias. Die Frage, warum Utopia so anders ist als Europa, löste Morus mit einem Kniff – er nahm die Insel aus der europäischen Geschichte heraus, d. h. von ihren Ursprüngen an hätte sie eine andere Entwicklung durchlaufen, anderen Determinanten unterlegen, auf andere Herausforderungen reagiert usw. Machiavelli dagegen verzichtete konsequent auf eine solche Imaginierung eines überzeitlichen und überindividuellen Ideals, das man ja quasi mit sich herum tragen und überall als Maßstab anlegen kann. Er betonte vielmehr, und zwar regelmäßig, dass es in jeweils spezifischen historischen Konstellationen unterschiedliche Wege zur Verwirklichung dessen gebe, was man, nach ausführlichen Diskussionen, als das „Beste“ im Sinne des Gemeinwohls verstehen könne. Er schrieb keine Utopie und keine Theorie eines Idealstaats, schuf keinen Moralkodex (diese Komponente der Utopia hatte bei Morus sicherlich theologische Ursprünge), er wollte in der Geschichte handeln und nicht außerhalb dieser. So 83 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen kritisierte er seine Zeit zwar ebenfalls radikal und eindeutig (eine der zentralen inhaltlichen Übereinstimmungen mit Morus), doch er stigmatisierte dieses Chaos nicht. Vielmehr stellte er Regeln auf, wie sich Individuen, Gesellschaften und Staaten inmitten dieser Umstände zu verhalten haben, natürlich auch, um sie zu verbessern. Dabei präferierte Machiavelli gerade nicht „die eine“ Lösung oder Regierungsform, sondern machte die jeweils zu treffende Entscheidung von den erkennbaren Umständen und Herausforderungen abhängig. Er verfasste mit seinen verschiedenen Werken eine realpolitische Klugheitslehre, die im Ausnahmezustand – gekennzeichnet durch die Herrschaft eines starken Diktators – sogar die Lüge als politisches Mittel empfiehlt. Das betrifft aber nicht den Normalfall politischen Handelns: Denn hier setzte Machiavelli eindeutig auf moralische Komponenten, lehnte den Betrug ab. Aber nicht wegen einer imaginierten normativen Lehre oder überzeitlichen moralischen Geboten, sondern mit Blick auf die Folgen für die Glaubwürdigkeit der Handelnden und die damit verbundenen Chancen für die Selbstbehauptung im politischen Raum. Rudolf Zorn schrieb: „Jedenfalls ginge aus seinen Darlegungen und seiner Begeisterung für die Regierungsmethoden der Römer hervor, dass er auch grausame Maßnahmen billige, wenn sie nur zum Erfolg führten. Gerade in solchen Empfehlungen wollen manche Machiavellis Dämonie erkennen. Nun kann keine Rede davon sein, dass Machiavelli den Staatsführern vorbehaltlos die Anwendung grausamer Methoden empfohlen hätte; im Gegenteil, er lehnte sie grundsätzlich ab, wie aus dem Wortlaut vieler diesbezüglicher Texte hervorgeht, wobei er allerdings immer wieder die Einschränkung macht, dass sie in Notzeiten des Staats unter Umständen nötig sind, auch wenn sie gegen Moral und Religion verstoßen.“30 Und bei Machiavelli heißt es in den Discorsi kurz und prägnant: „Betrug ist überall schädlich, nur im Krieg ist er lobenswert und rühmlich.“ (D: 393) Zur Verwirklichung kurzfristiger Ziele ist Betrug also durchaus ein Mittel und in bestimmten Situationen sogar geboten. In mittelfristiger Perspektive jedoch, gar in Machiavellis eigentlicher Zielperspektive, der freien Republik, soll er keine Rolle spielen bzw. führt er zur Exklusion aus dem politischen Gebilde. Freier Männer lügen nicht: So in etwa ließe 30 Zorn: Einleitung 1977, S. LV. 84 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? sich Machiavellis Paradigma ausdrücken. Interessant ist nun wiederum, dass Morus’ Utopia ja mit einer Lüge begann (man habe vergessen zu fragen, wo die Insel sich befinde) und zudem alles getan wird, mit dem fiktiven Charakter der utopischen Insel irgendwie zu brechen und diese als realistisch erscheinen zu lassen. Das ist ein gängiges Beiwerk der Utopie, Morus hatte es direkt von Platon. Dieser wiederum bezeichnete den Betrug als „nützliche Lüge“ (die in dieser Begründung bei Machiavelli gerade nicht vorkommt). Und in der Politeia ist sie nicht nur ein Beiwerk oder ein Zusatzgeschäft, das eventuell auch durch andere Methoden bewerkstelligt werden könnte. Nein, sie hat konstitutive Funktion: Ermöglicht sie doch erst sie die eugenische Höherzüchtung der utopischen Menschheit. Die Philosophen und Wächter betrügen das Volk, das ist der notwendige Normalfall. 2) Sowohl Morus als auch Machiavelli waren in leitenden politischen Ämtern für die Geschicke ihres Vaterlandes tätig. Gerade für Machiavelli lässt sich feststellen, dass er seine Werke, seine theoretische und schriftstellerische Produktion, in diesem Sinne verstand. Sie sind Ausfluss seiner Erkenntnisse, der Aneignung der Geschichte der Antike sowie Ergebnis der Verarbeitung der gemachten Erfahrungen. Sie erscheinen als Folge des Kontakts zur Macht. Und, keinesfalls zu vergessen, sie entstanden während der Zeit seiner Verbannung – es ging ihrem Verfasser also auch darum, erneuten Zugang zu politischen Mandaten und Ämtern zu erlangen. Die Produkte der Feder sollten dabei helfen, die Türen zu öffnen, ihn wieder ins Gespräch zu bringen. Nicht zuletzt: An diesem Punkt folgte Machiavelli der antiken Tradition, waren seine Texte Versuche einer, modern formuliert, Politikberatung. Es ging ihnen also schlicht darum, auch fernab der Schaltzentrale der Politik, diese dennoch irgendwie zu beeinflussen oder gar zu prägen. Auch Morus verarbeitete mit der Utopia seine bis zu diesem Zeitpunkt gemachten politischen Erfahrungen, seine Beziehungen zur Macht. Es ist allerdings übertrieben, diese als Bewerbungsschreiben eines Londoner Juristen zu interpretieren, der damit seinen Anspruch auf politische Teilhabe geltend machte. Hermann Oncken hat diese These vertreten und damit den zulässigen Interpretationsspielraum des Wissenschaftlers eindeutig überschritten. Ebenfalls zurückzuweisen ist die Annahme Gerhard Ritters, dass es sich bei der Utopia um den Begründungstext des 85 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen englischen Imperialismus handle. Wobei zu erwähnen ist, dass Ritter mit dieser These im Nationalsozialismus Karriere machte, und, nachdem er das Buch, in dem sie sich findet, Staat und Utopie. Vom Streit um die Dämonie der Macht seit Machiavelli und Morus, mit flinker Feder den neuen Bonner Verhältnissen angepasst hatte, selbstverständlich auch in der Bundesrepublik seine unschuldige Laufbahn ungehindert fortsetzen durfte. Doch das Zweifeln an überlieferten, ideologisch determinierten Thesen darf nicht nur Oncken und Ritter umfassen. Auch Karl Kautskys – politisch wichtiger und wissenschaftlich beeindruckender – Versuch, die Utopia als Theorie des englischen Besitzbürgertums zu verorten, ist nicht vollständig schlüssig. (Allerdings durchaus beweisbarer als die erwähnten konservativ-reaktionären Überlegungen.) Mit Blick auf die Realität des 16. Jahrhunderts scheint ein anderer Punkt entscheidender zu sein, der gleichzeitig einen wesentlichen Unterschied zu Machiavelli begründet. Es wurde bereits gezeigt, dass Morus einerseits sich deutlich von der Antike abkoppelte (nicht brechend, verleugnend, sondern durch Aktualisierungsleistungen), andererseits diese aber durchaus rezipierte und beerbte, vor allem Platons Politeia. Wenn Morus sich nun auf Platons Höhlengleichnis berief, so hatte dieser Rekurs den Zweck, seine Ablehnung der Fürstenberatung auf zwei Ebenen abzusichern und damit den explizit normativen Anspruch des Werkes zu stärken. Erstens, so der Weltreisende und von Utopia berichtende Raphael Hythlodeus, sei es eines Philosophen nicht würdig, mit anderen Günstlingen um die Macht zu streiten. Dieses Argument zielte auf Morus’ eigene damalige Position innerhalb des englischen Herrschaftsgefüges und ist fast schon eine Vorahnung seiner späteren Rolle am Hof. Außerdem bekräftigte er noch einmal, mit Worten, die er einer erfundenen Figur unterschob, dass er selbst sich nicht nach Ämtern gedrängt habe, sondern ihm diese immer angetragen worden seien. (U: 21) Der zweite Grund wiegt freilich schwerer. Denn, so heißt es in der Utopia weiter, im Sinne des Gemeinwohls müsse sich der Philosoph solchen für ihn anrüchigen Prozeduren unterziehen – womit das Beraten und Helfen gemeint ist. Der Philosoph habe die Aufgabe, die höchsten Zwecke des Staates neu zu bestimmen, um auf diese Weise der „Öffentlichkeit von allergrößtem Nutzen“ zu sein. (U: 41) Doch das ist erneut nicht das letzte Wort. Ra- 86 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? phael Hythlodeus wird folgendem Argument ausgesetzt: „Man sieht deutlich, dass du, lieber Raphael, nicht nach Reichtum und Macht strebst; und wahrhaftig, ich verehre und achte einen Menschen von solcher Gesinnung nicht weniger als irgendeinen der Mächtigsten. Indessen scheint mir, du würdest durchaus deiner selbst und deiner edlen Gesinnung, ja eines wahren Philosophen würdig handeln, wenn du dich entschließen könntest, wenn auch mit einiger Aufopferung persönlichen Wohlbefindens, deine Begabung und deinen Eifer dem öffentlichen Wohl zu widmen. Und niemals könntest du das mit solchem Erfolge tun, als wenn du als Berater irgendeines großen Königs ihm – das würdest du ja unzweifelhaft tun – mit richtigen und trefflichen Ratschlägen beistündest.“ (U: 21) Nun ist dieser Hythlodeus mehr als ein Alter Ego Morus’, mehr als eine erfundene Schöpfung – nämlich durchaus ein in einer Person zusammen gezogenes ideales Sinnbild des europäischen Humanismus. Und so ist seine Antwort auf diese Herausforderung die Antwort des europäischen Humanismus, zu dem Morus an vorderster Stelle gehörte. Würde er, so Hythlodeus, seine Ratschläge nicht in der gerade stattfindenden Diskussionsrunde machen, sondern an den europäischen Höfen des 16. Jahrhunderts – man würde ihn verlachen und dem Besten wäre nicht gedient. „Auf diesem Wege, meinte er, käme nichts anderes zustande, als dass ich, während ich die Tollheit anderer Leute zu heilen versuchte, selber mit ihnen toll würde.“ (U: 50) Und an anderer Stelle heißt es: „Glaubst du etwa, wenn ich irgendeinem König vernünftige Maßnahmen vorschlüge und versuchte, die verderbliche Saat übler Ratgeber bei ihm auszureißen, dass ich dann nicht augenblicklich davongejagt und verspottet würde?“ (U: 42) Dies ist exakt die Position Platons. Nicht des selber politisch handelnden und dabei ja bis zum Verlust der eigenen Menschlichkeit (da er nach dem Versuch seiner Politikberatung in die Sklaverei verkauft wurde) gescheiterten Platons, sondern die Position des Höhlengleichnisses. Denn der Philosoph musste nach seiner Ansicht gezwungen werden, in die Höhle zurückzukehren, um dort den anderen zu helfen, sie über Schatten und Licht aufzuklären. Aber auch er würde, obwohl eindeutig die Wahrheit gegen absolute Irrationalität und Absurditäten ohne gleichen vertretend, mit Hohn und Spott aus der Höhle heraus gejagt werden. Der 87 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen Abstand dieser Überlegungen zu Machiavellis permanenten Bestrebungen, nach seiner Entmachtung in politische Ämter zurückzukehren und seinem Vaterland, natürlich auch seinem eigenen Ego zu dienen, kann kaum größer sein. Egal wie man den Principe und die Discorsi (auch die Geschichte von Florenz und viele weitere seiner politischen Schriften, Depeschen und Gutachten) wertet, sie waren zuvorderst eins: Diese gerade von Hythlodeus, Platon und Morus zurückgewiesenen Versuche, den Herrschenden Ratschläge zu erteilen. Er war an diesem Punkt Aristoteliker, während Morus hier als Platoniker reinster Prägung zu gelten hat. 3) Mit den bisherigen Ausführungen ist bereits auf den dritten Unterschied hingewiesen. Vor allem in den Discorsi und in der Geschichte von Florenz (selbstverständlich aber auch im Principe, nämlich dadurch, dass eine solche Theorie bzw. Anleitung überhaupt nötig sei) profilierte sich Machiavelli als Kritiker seiner Gegenwart. Insoweit natürlich völlig mit Morus übereinstimmend. Dabei zielte er allerdings nicht zuvorderst auf die sozialen, politischen oder kulturellen Missstände, sondern fast ausschließlich auf die Ausdifferenzierung durch Privilegien sowie die sich daraus ergebenden politischen Folgen. Der Adel wurde von ihm als überflüssiger Stand stigmatisiert, die Kirche nicht als Glaubensfabrikant, sondern als Machtfaktor gegeißelt. Machiavelli setzte, vom Individuum und seiner freien Entfaltung im Rahmen einer autarken Marktgesellschaft aus denkend, voll auf die ausschließliche Bevorzugung auf Grund von individuellen Leistungen. (Auch dies analog zu Morus.) Wer sich aus der Masse des Volkes heraushebe, durch besondere Taten, seine Tugenden, ausgeübte Gerechtigkeit und Ähnliches, dem allein würden die Auszeichnungen zustehen. Aber, das war Machiavelli wichtig, keine vererbbaren Titel oder Privilegien, sondern politische Ämter, Positionen und Verantwortung im Hier und Jetzt. Der Ausgezeichnete wird also weiter gefordert, in die Pflicht genommen und in das Gedeihen der Freistaaten, der Republiken eingebunden. Ist dergestalt eine Gleichheit aller hergestellt, als Gleichheit der Chancen, ist das grundlegende Fundament nach Machiavelli gelegt – die Ausdifferenzierung der Gesellschaft kann nun positiviert werden (natürlich inklusive und vorausgesetzt die staatlichen Regulationsmechanismen als permanenter Kampf gegen die Folgen dieser Ausdifferenzierung). 88 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Arme und Reiche, Gebildete und Ungebildete stehen einander gegen- über – und ziehen der Theorie nach doch am selben Strang, sind allesamt der Republik verpflichtet. Erst der Unterschied zwischen den Individuen bedingt, was Machiavelli zu Folge grundlegend für das Aufblühen eines jeden Staates ist: Die ewig-unausweichlichen Debatten, Reibereien, Divergenzen, und damit der permanente Aufschwung und Fortschritt im Inneren und nach Außen, eben, das ist zentral, verstanden als Ergebnis der ständig neu beginnenden Verarbeitung der Differenzen. In der Geschichte von Florenz thematisierte er die Brüche, die immer wieder die Stadt spalteten und in bürgerkriegsähnliche Konflikte stürzten. Aber er wollte und konnte auch zeigen, dass dadurch gleichzeitig die stets weitergehende Entwicklung stimuliert wurde, so dass Florenz am Ende jedesmal stärker war als zuvor. Noch die ungerechteste und verwerflicheste Tyrannei, dies formulierte Machiavelli gleichsam vor dem Panoptikum der Menschheitsgeschichte stehend und diese in ihren einzelnen Facetten überblickend, habe einen entscheidenden Vorteil: Sie werde ihr Gegenteil nach sich ziehen. Wann dies geschehen werde, wo und warum und wie, dies wären sekundäre Fragen, die dem Schicksal bzw. der virtù eines jeden Einzelnen und einer jeden Gesellschaft zu stellen wären. Deren Beantwortung auch, so kann Machiavelli durchaus interpretiert werden, für das Glück wichtig sein mag, das Ideal der Republik als Zielvorstellung jedoch nicht tangiert: „Die Länder pflegen zumeist bei ihren Veränderungen von der Ordnung zur Unordnung zu kommen und dann von neuem von der Unordnung zur Ordnung überzugehen. Es ist von der Natur den menschlichen Dingen nicht gestattet, stille zu stehen. Wie sie daher ihre höchste Vollkommenheit erreicht haben und nicht mehr steigen können, müssen sie sinken. Ebenso, wenn sie gesunken sind, durch die Unordnungen zur tiefsten Niedrigkeit herabgekommen, und also nicht mehr sinken können, müssen sie notwendig steigen. So sinkt man stets vom Guten zum Übel und steigt vom Übel zum Guten. Denn die Tapferkeit gebiert Ruhe, die Ruhe Müßiggang, der Müßiggang Unordnung, die Unordnung Verfall. Ebenso entsteht aus dem Verfall Ordnung, aus der Ordnung Tapferkeit, hieraus Ruhm und Glück.“ (GF: 268) Morus ging, trotz der oberflächlich dermaßen aufdringlichen Überschneidungen, von denen man, wie von einer schönen Blume, den Blick wen- 89 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen den muss, um die ganze Wiese zu erkennen, einen völlig anderen Weg. Den Zerfallsprozessen seiner Zeit – denen, etwas überspitzt formuliert, Machiavelli den „rechten Weg“ weisen wollte – setzte er mit der Utopia die Idee eines in sich geschlossenen, abgeschotteten, völlig autarken und aus der Geschichte herausgenommenen alternativen utopischen Staates entgegen. Nicht das Hier und Jetzt interessierte den Utopisten und Katholiken, sondern das Jenseits, das freilich als normatives Ziel- und Idealbild zumindest auf der Erde angesiedelt wurde. Wie gesehen, ging Morus davon aus, dass die Probleme seiner Epoche und Gegenwart ökonomisch bedingt, d. h. Ausfluss und Ergebnis des bestehenden Privateigentums seien. Er entwarf in seiner Utopie daher einen diesem Zustand völlig konträren Staat, in dem die individuelle Verfügung über Eigentum abgeschafft und durch güterkommunistische Strukturen ersetzt ist. Die Insignien der Moderne, auch unserer heutigen, Gold und Geld und Luxus, sind derartig stigmatisiert, dass die Utopier aus Gold die Ketten für ihre Sklaven und ihre Bettpfannen herstellen. Das Verdikt des individuellen Eigentums zieht sich bis in die letzte Nische der Privatheit hinein. Daneben herrscht in Utopia zum Beispiel eine harte Arbeitspflicht, die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, die ständig zu erweiternden Mußezeiten dienen natürlich nicht zuvorderst der Muße, sondern werden „nützlich“ sowie im Sinne der Gesamtheit und des Gemeinwohls verbracht. Der beginnenden Heterogenität seiner Zeit, den auf allen Ebenen wirkenden Ausdifferenzierungsprozessen als Ergebnis des Zerfalls der mittelalterlichen Welt setzte Morus die Idee der totalen Homogenität gegen- über. Alles, wirklich alles, ist gleich oder soll gleichgeschaltet werden. Man kann dies durchaus als Entmenschlichung des Menschen verstehen, wenn man voraussetzt, dass der Egoismus (und nicht altruistisches, solidarisches Verhalten) überzeitlich in der anthropologischen Struktur des Menschen verankert ist. Machiavelli, dies ist nun so deutlich, dass es nicht mehr abgestritten werden kann, wertete also genau jene Prozesse auf, die Morus erst zu seiner radikalen Kritik veranlassten. Der Zerfall der mittelalterlichen Welt: Für Morus führte er in die Katastrophe der Menschheit, der man nur entrinnen könne, indem man den Horizont der sich gerade erst herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft mit einem Schritt, heraus aus der europäischen Zivilisations- und Kulturge- 90 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? schichte, hinter sich lasse. Für Machiavelli war der Zerfall zuvorderst die Bereitstellung jenes Raumes, in dem der Einzelne seine Chancen individuell nutzen konnte (und musste). Ihm ging es nur darum, dass die nun stattfindenden Auseinandersetzungen „fair“ ablaufen würden. Jene gesellschaftliche Schicht, die englische Gentry, deren grenzenlose Habsucht samt ihren a-moralischen Voraussetzungen und Auswirkungen Morus anprangerte, wäre zwar auch in Machiavellis Konzeption einer tugendhaften Republik gewissen, und gar nicht mal so geringen, Repressionen ausgesetzt bzw. von der revolutionären Kraft der Volksmassen in ihrer Existenz bedroht und so zur Selbstdrosselung gezwungen. Aber eigentlich, liest man Machiavelli etwas zynischer, dann ist die Gentry der Gewinner der Geschichte – zumindest (was das Schlechteste ja nicht ist im Kapitalismus) für den kurzen Moment. Machiavelli ging davon aus, dass die Geschichte ein ewiges Auf und Ab sei und nie zur Ruhe kommen werde. Morus dagegen setzte – wohlgemerkt: in der Utopia – voll auf das Hintersichlassen dieser Geschichte. Er wollte das Rad des Weltlaufs anhalten, vielleicht sogar, in der Theorie, für immer zerstören. Die Antriebsräder der Maschine sollen keinerlei Energie mehr zugeführt bekommen– erscheinen damit als überflüssig, demontierbar. Der Sprung ins Reich der Vernunft (getarnt als Schifffahrt zur utopischen Insel) wurde bei ihm zum Bruch mit der bekannten europäischen Entwicklung. Und er verlegte die ideale Insel nicht nur geographisch an einen anderen Ort. Auch „zeitlich“ bestehen trotz der parallelen Existenz gravierende Unterschiede, da eben Utopia die europäische Entwicklung bereits weit hinter sich gelassen habe – für immer. Machiavellis Konzeption ist offen, in steter Veränderung, sie will genau diese. Morus beschrieb eine geschlossene Gesellschaft, die die Konflikte gegen Null führt und, um dieses Ziel zu erreichen, auch vor der Anthropologie nicht halt macht. (Das ist ein zentraler Wesenszug der Utopie und zieht immer die Frage nach sich: Wie die Utopie, die den Utopier zu ihrer Gründung eigentlich voraussetzt, entstehen soll, da doch erst die existente und funktionierende Utopie den gewünschten und gebrauchten Utopier hervorzubringen vermag?) 4) Die antagonistische Stellung beider Konzeptionen verdeutlicht sich auch bei der Betrachtung des Weges, der jeweils zur Generierung des Gemeinwohls führen soll. In der Utopia sind die höchsten und letzten 91 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen Zwecke starr und dogmatisch gesetzt, d. h. sie stehen bereits mit der Gründung des Staates durch den Fürsten Utopos fest. Einer hat für alle anderen die Grundlagen des individuellen und, mehr noch, an vorderster Stelle stehend, des gesellschaftlichen Seins festgelegt. Eine elitäre Theorie, dies muss hier nur gesagt, nicht weiter begründet werden. Die Verwirklichung des Gemeinwohls erbringe – so die These – als Folge das Wohl jener Individuen, die eigentlich als solche nicht mehr erkennbar sind und dies auch nicht sein sollen. Machiavelli verfuhr genau andersherum. Wenn alle Bürger in Freiheit ihrem Egoismus und ihren individuellen Bedürfnissen sowie Leidenschaften nachgehen, natürlich innerhalb gewisser, selbst gewählter, gesetzter und verteidigter Regeln, dann entstehe dadurch ein Aufschwung, der das allgemeine Beste zwangsläufig und quasi nebenbei hervorbringe. Für Morus ist das Gemeinwohl a priori gegeben, bei Machiavelli stellt es sich a posteriori von selbst ein. Mit diesen Konzeptionen sind – was kaum zu überraschen vermag – jeweils weitreichende Konsequenzen verbunden. Morus dachte sein gesamtes – und das meint hier wirklich alles: vom Gemüsegarten bis zum Außenministerium – ideales Staatswesen gleichsam von „oben“. In dem extrem zentralistisch ausgerichteten Staat ist das Individuum – so überhaupt als solches existent – kaum mehr als eine Verfügungsmacht, aus dem der optimale gesamtgesellschaftliche Nutzen gezogen wird. Der Einzelne spielt keine Rolle, ist vielmehr den übergeordneten und für alle Zeiten feststehenden Zwecken nachgesetzt, untergeordnet, dient ausschließlich ihrer Verwirklichung und Erhaltung. Bis in seine Privatsphäre hinein ist er austauschbar, so wie er selber sogar in regelmäßigen Abständen seine Wohnung wechseln muss, damit er nirgends eine eigenständige Identität entwickeln kann. Machiavelli dagegen betonte immer das individuelle Moment, jedes Individuum war für ihn ein Wert an sich. Erst das Insistieren auf den jeweils einzigartigen Menschen macht seine Theorie der freien und republikanisch ausgerichteten Staaten nachvollziehbar. Abseits jeglicher Rang- und Standesunterschiede durch Privilegien, Erbrechte, Gruppenzugehörigkeit oder gar Adel zählt im demokratisch verfassten Gemeinwesen allein die Leistung. Die letztgenannte Idee findet sich zwar auch in der Utopia, allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang. Denn dort geht es nicht um die freie Entfaltung des Individuums, sondern darum, dem Staat die besten 92 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Vertreter so zuzuführen, dass ihre Talente zuvorderst dem Gemeinwohl dienen und nicht der Ausbildung der eigenen Persönlichkeit. Gemeinsam ist Morus und Machiavelli an diesem Punkt erneut die Kritik an ihrer Herkunftsgesellschaft. Aber auch hier völlig gegensätzlich motiviert. So ist es innertheoretisch nur allzu konsequent und nachvollziehbar, wenn Morus für seine Utopie das Diskussionsprinzip, die Presse- sowie Redefreiheit, um von Versammlungsfreiheit, Streikrecht oder gar einer revolutionären Erhebung des Volkes gegen die Herrscher ganz zu schweigen, in aller Deutlichkeit zurückwies bzw. zum Staatsverbrechen Nummer eins erklärte. Da der höchste Staatszweck bereits feststeht, und zwar nicht nur für heute, sondern auch für morgen und übermorgen, erübrigt sich jegliche private oder öffentliche Diskussion über Anordnungen und Befehle der Obrigkeit. Die bürgerliche Theorie steht auf dem Kopf. Denn die Öffentlichkeit fungiert als Kontrollorgan gegenüber dem Individuum, dessen Privatheit wie gesehen vollständig aufgehoben ist, und unterliegt selbst keinerlei kontrollierenden Instanzen, den übergeordneten moralischen Zweck der Utopia vorausgesetzt. Bei Morus, wie gesehen, kontrolliert – ja: absorbiert – der Staat die Gemeinschaft und damit die in ihrer Individualität eigentlich nicht mehr existenten Individuen. Alle Möglichkeiten zur sozialen Interaktion sind in der Idealgesellschaft Morus’ außerhalb der vom Staat vorgeschriebenen Bahnen mit Verweis auf höhere moralische Zwecke nicht nur verboten, sondern sogar unmöglich gemacht. Es heißt: „Ihr seht schon, es gibt dort nirgends eine Möglichkeit zum Müßiggang, keinen Vorwand zum Faulenzen. Keine Weinschenke, kein Bierhaus, nirgends ein Bordell, keine Gelegenheit zur Verführung, keine Spelunken, kein heimliches Zusammenhocken, sondern überall sieht die Öffentlichkeit dem einzelnen zu und zwingt ihn zu der gewohnten Arbeit und zur Ehrbarkeit beim Vergnügen.“ (U: 80) Bei Machiavelli ist es genau andersherum, eben bürgerlich. Er ahnte die Macht der bürgerlichen Öffentlichkeit, hatte sie selber auch in seinem eigenen Leben kennen gelernt, und machte darum das Individuum als Teil dieser Öffentlichkeit stark, der ihrerseits das Recht bzw., besser formuliert, sogar die Pflicht zukommt, die übergeordneten Strukturen, die staatlichen Institutionen usw. zu kontrollieren und, wenn Handlungsbedarf besteht, zu reformieren. Letzteres sogar mit den Mitteln der Revolution. Das Individuum überwacht die Gemeinschaft und den Staat. Ma- 93 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen chiavelli sah in den bei Morus von vornherein unmöglich gemachten Auseinandersetzungen, Meinungsunterschieden und Konfliktpotenzialen die Ursache für den Aufstieg und Fall der Staaten, den Motor der Geschichte. Erst durch Diskussionen und Kontroversen könne die vernünftigste Entscheidung gefällt werden, so sein Credo. Eben in dieser Parteinahme wurzelt ja seine Anschauung, dass die demokratische Machtaus- übung der Alleinherrschaft vorzuziehen sei. So gehe das Volk zwar teilweise in die Irre, folge falschen Ratschlägen oder weise „große Männer“ zurück. Aber dies ist sein gutes Recht. (Eine Überlegung, die 250 Jahre später bei Jean-Jacques Rousseau wieder auftaucht, der eben genau das formulierte: Dass das Volk das Recht habe, Fehler zu machen. Dazu später.) Das diskutierende und beratschlagende Volk verkörperte für Machiavelli durch die Zusammenführung der divergierenden Egoismen den herzustellenden Aufschwung: „Was die richtige Beurteilung der Dinge betrifft, so wird man äußerst selten beobachten, dass das Volk, das zwei gleich gute Redner von unterschiedlichen Parteien hört, nicht dem besseren Vorschlag folgt und die Wahrheit nicht zu erfassen versteht. Und irrt es auch, wenn ihm, wie oben erwähnt, kühne und nützlich erscheinende Projekte vorgeschlagen werden, so irrt ein Alleinherrscher, der in seine Leidenschaften verstrickt ist, erst recht; denn er hat deren viel mehr als das Volk. Ferner sieht man, dass das Volk bei der Besetzung von Ämtern eine viel bessere Auswahl trifft als ein Alleinherrscher. Nie wird man das Volk überzeugen können, dass es von Vorteil sei, einen minderwertigen, verderbten Menschen mit einer hohen Würde zu bekleiden, während man einen Alleinherrscher leicht und mit tausend Mitteln dazu überreden kann. Das Volk empfindet noch Abscheu vor etwas und bewahrt viele Jahrhunderte hindurch die gleiche Gesinnung. Bei einem Alleinherrscher kommt das nicht vor.“ (D: 151) Diese Maximen, die Machiavelli aus der Geschichte ableitete, prägen auch sein Plädoyer für das Diskussionsprinzip. Die Volksgesellschaft erscheine seinen Zeitgenossen auch gerade deshalb und fälschlicherweise als negativ besetzt, weil sie auf Vielfalt und Ausgleich basiere und eben nicht einfach von „oben herab“ anordne. Dies wäre eine mehr als deutliche Ablehnung der Utopia, wenn Machiavelli diese gekannt hätte. So ist es „nur“ die Gegenposition. Was der Demokratie als Negativum zugeschrieben werde, sei Machiavelli zu Folge ihr eigentlicher Vorteil gegenüber allen anderen Organisationsformen von Gesellschaft und Staat: 94 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? „Die ungünstige Meinung über das Volk entsteht daraus, dass jeder dem Volk, auch dann, wenn es regiert, frei und ohne Scheu Übles nachreden kann, während man über einen Gewalthaber immer nur unter tausend Ängsten und mit tausend Rücksichten sprechen darf.“ (D: 153) 5) Das Gemeinwesen Utopia ist manifester Ausdruck der Potenziale menschlicher Planung. Alles gehorcht geometrischen und mathematischen Prinzipien, wird statistisch erfasst und so vollständig berechenbar gemacht. Dies geschieht mit Blick auf die politische und sozial-ökonomische Ausrichtung der Insel. Deren eherner Grundsatz ist: Einförmigkeit und Homogenität. Der Mensch triumphiert über die Natur, die Tiere, über sich selbst und seine Individualität – mit Hilfe des mächtigsten Werkzeugs, das ihm zur Verfügung steht: der vorausplanenden Rationalität. Dies ist erneut ein gewaltiger Schritt über das Mittelalter hinaus, wo das ganze germanische oder russische Dorf schreiend und betend in die Kirche rannte, wenn ein Komet, das böse Omen, den Himmel ver- änderte. Der Utopier hat keine Angst vor den Naturgewalten. Sie mögen ihn zu Umwegen zwingen, doch er weiß, dass er sie beherrschen kann, dass sie ihm Untertan sind. Wo die Natur im Weg ist, wird sie verändert oder neu geordnet. Über die praktischen landwirtschaftlichen Fähigkeiten der Utopier heißt es ganz pragmatisch: „Ganze Wälder werden von Menschenhand ausgerodet und anderswo angepflanzt! Dabei sind nicht Rücksicht auf die Fruchtbarkeit, sondern auf die Transportverhältnisse maßgebend: man wünscht das Holz in größerer Nähe des Meeres oder der Flüsse oder der Städte selbst zu haben, weil man auf den Landwegen mit geringerer Mühe Getreide als Holz von weither verfrachten kann.“ (U: 32) In Utopia hat der Mensch den Sieg über die Natur in die Wege geleitet, auch sie wurde ihres eigentlichen Charakters entkleidet, da man ihr die menschliche Ordnung, orientiert an den Bedürfnissen des Gemeinwesens, mit aller Macht und Gewalt aufgezwungen hat. So ist es konstitutiv für Utopia und Teil des Gründungsmythos der Gemeinschaft, dass die ersten Utopier aus der Halbinsel eine Insel machten, indem sie einfach den Weg zum Land abgruben. Was für eine Idee: Es ist das Jahr 1516! Durch menschliche Kraft und einen festgesetzten Willen, dem alles untergeordnet ist, entstand das uneinnehmbare und komplett von Wasser umgebene Eiland – als Konsequenz eines Aktes der totalen Umstruktu- 95 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen rierung der Natur. Dies ist das signifikanteste Beispiel, so manch anderes wäre ihm zur Seite zu stellen, um zu illustrieren, dass Utopia den Sieg der geometrisch-mathematischen Methoden über die unberechenbaren, irrationalen Naturgewalten darstellen soll: Die ganze Insel ist von einem Städtesystem überzogen, das sich nicht an der geographischen Lage, sondern nur an Nützlichkeitserwägungen orientiert. Jede Stadt, jedes Haus, jeder Garten – alles sieht gleich aus und ist es, hat die gleiche Form und identische Grundlagen. Die graue Uniform wäre das perfekte Sinnbild dieser Gemeinschaft. Die Landwirtschaft ist rationalisiert und die schon existenten Chancen sowie die zu erwartende Potenziale der entstehenden Technik sind in ihren Dienst gestellt. Das gigantische Inselprojekt, bei Morus ein rein fiktiver Akt, war freilich nicht allein eine fantastische Idee. Auch in – ausgerechnet, natürlich – Italien gab es Denker, die sich damit beschäftigten, der Natur in groß angelegten Projekten ein für den Menschen nützlicheres Gesicht zu verleihen. Schon um 1490 hatte Leonardo da Vinci damit begonnen, seine Pläne auszuarbeiten, Florenz in einer Hafenstadt zu verwandeln. Hierzu wollte er den Arno umleiten, seine Teilgebiete mit Wasser für die Landwirtschaft versorgen und den Fluss für die Schifffahrt nutzbar machen. Im Herbst 1502 begegnete er dann am Hof Cesare Borgias jenem Mann, der ihm bei der Umsetzung seiner Ideen helfen konnte und dem nichts so wichtig war wie der menschliche Verstand: Machiavelli. Ein Jahr später trafen sich beide in Florenz. Machiavelli war von da Vincis Plan sofort begeistert, weil er ihn, allen übergeordneten Überlegungen zum Trotz, zur Ergänzung, auch mit einem zentralen Problem der aktuellen Tagespolitik verbinden konnte (dies ist ja eins der charakteristischen Merkmale seines politischen Handelns): Wenn die Umleitung des Arno gelänge, dann könnte auf diese Weise die abtrünnige Stadt Pisa vom Wasser getrennt und erneut der florentinischen Herrschaft unterworfen werden. Pisa fiel erst 1509, dies war, wie gesehen, Machiavellis größter politischer Erfolg. Der Plan, an dem er gemeinsam mit Leonardo da Vinci gearbeitet hatte, scheiterte in der Realität zwar in vollem Umfang. Aber er ist bis heute Sinnbild einer Einsicht in die Gestaltungskraft des Menschen, die in der damaligen Zeit ihresgleichen suchte und den in diesem Punkt Geistesverwandten in England, Morus, nicht finden konnte. Welch weitgreifen- 96 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? de Dimensionen Machiavellis und da Vincis Vision hatte, die sich ja, anders als Morus’ fiktives Inselprojekt in der Realität bewähren wollte, wird in dem Moment ersichtlich, wo die Äußerungen ihrer Zeitgenossen berücksichtigt werden: Als lächerliche Zeit- und Energieverschwendung tituliert, hatte sie zu diesem Zeitpunkt keinerlei Chance auf Durchführung. „In der ersten Regierungsdebatte über das Projekt wurde der Vorschlag als ‚reine Phantasterei‘ abgetan. Sowohl der florentinische Feldkommandant wie der für die Belagerung Pisas zuständige Kommissar versuchten, das Projekt mit allen Mitteln zu stoppen.“31 Heute ist bekannt, welche politische Bedeutung das Wasser hat. Staudämme sind längst keine reinen ingenieurstechnischen Leistungen mehr, sondern politische Entscheidungen par Excellence. Der Mensch als Herrscher über die Natur ist auch Herrscher über seinesgleichen. (Die Atombombe ist der tragischste Fall dieser im Prinzip äußerst verantwortungslosen Maxime.) Wie ist nun die offensichtliche Übereinstimmung zwischen dem Insel- Projekt aus Morus’ Utopia und dem Arno-Projekt von Machiavelli und Leonardo da Vinci in dieser ja auf die grundlegenden Differenzen abzielenden Abhandlung zu verorten? Die zentrale Gemeinsamkeit scheint klar: Es handelt sich jeweils um eine echte Bejahung des tätigen, im Hier und Jetzt tätigen Menschen. Dieser kann, soll, ja: muss sich die Natur unterwerfen – um zu leben, um zu herrschen, um sein wie auch immer geartetes und zu definierendes Glück zu finden. Aber hinter dieser Fassade schimmert schon lockend der wichtigste Unterschied. Denn Machiavelli betonte den die Natur unterwerfenden Menschen nicht – wie Morus – auf Grund der aus der Geometrie und Systematik aller Lebensbereiche resultierenden kompletten Statik der Gesellschaft, diese gar zusätzlich absichernd. Vielmehr ging es ihm erneut um die vielfältigen Möglichkeiten permanenter Dynamik aller individuellen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und staatlichen Prozesse. In Machiavellis Traum eines geeinten Italien gleicht nicht eine Stadt der andern, sondern erst die Vielfalt italienischen Lebens, die Abweichungen, das Trennende sollen eine facettenreiche Nationalkultur hervorbringen. Die Einheit der Differenz. Das Detail, das Besondere soll sich artikulieren, für Gleichschaltung ist kein Platz in seinen Wünschen. Die Umleitungsversuche des Arno waren harte Tagespolitik und Machiavelli sowie 31 Masters: Fortuna ist ein reißender Fluss, S. 34 f. 97 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen Leonardo da Vinci wussten natürlich, dass sie einen Gegenschlag hervorrufen würden. Auch hier steckt also tief und fest Machiavellis „Ja“ zur Dynamik. Dieser entwarf sein Projekt für die Macht seiner ständig zwischen den Extremen changierenden Vaterstadt Florenz, Morus imaginierte seinen Plan als Gründungsakt des utopischen Staats. Ausgesöhnt wurden beide Versionen letztlich knapp zwei Jahrhunderte später in einem weiteren Entwurf: Gemeint ist die Planung und Errichtung von Versailles. Auf Befehl von Ludwig XIV. an einer Stelle errichtet, die denkbar ungeeignet war, setzte es auf Abgrenzung von Frankreich und vor allem von Paris. Es entwarf einen eigenen kleinen Mikrokosmos der absolutistischen Monarchie und war so ein Spiegelbild der Verwerfungen und der Leistungen der Epoche gleichermaßen. In Versailles haben die Architektur und die totale Geometrisierung der Natur einen bestimmten Zweck: Sie symbolisieren die Herrschaft des Sonnenkönigs über Mensch und Natur, über Adel und Bauern, wobei die Natur radikal überwunden und künstlich neu geschaffen und das Volk in Gestalt der Bauern vollständig ausgeschlossen wird. Der Herrschaftsanspruch Ludwigs XIV. war göttlichen Ursprungs, Versailles war sein Werk, mit dem er sich der Intention nach als Schöpfer neben Gott stellen wollte. Gleichzeitig aber war die königliche Anlage auch Teil der Tagespolitik und erhielt als solche ihr ganz spezifisches Profil. In Louis-Sébastien Merciers 1771 erschienenen Roman Das Jahr 2440 schließlich sitzt der Monarch weinend vor den Trümmern seines Schlosses – bis zur Revolution waren es keine 20 Jahre mehr. 6) Nach dem bisher Gesagten kann kein Zweifel daran bestehen, dass Machiavelli das Heterogene in allen seinen Erscheinungsformen und Facetten betonte, während Morus in der Utopia politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle usw. Ideale vertrat, deren Grundlage die Homogenität ist. Daraus müssen weitreichende Konsequenzen abgeleitet werden: Machiavelli hat dem Volk eine Mündigkeit zugesprochen, die Morus in allen Teilen verneinte. Um dies zu ermöglichen, setzte Morus auf die Macht harter Institutionen, auf die Erziehung, auf die das Individuum in allen Regungen und Bewegungen kontrollierende Öffentlichkeit sowie als deren Ausfluss auf strenge und konsequent angewendete Gesetze. Machiavelli dagegen ging es darum, die Meinungen der Individuen zu achten und vor allem zu akzeptieren. Oder, wie Jean-Jacques 98 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Rousseau – der in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu denen gehörte, die Machiavellis Philosophie aufwerteten – formulierte: Das Volk, und damit jedes einzelne Individuum, hat das Recht, gegen sich selbst schlecht zu sein, es darf auch gute und nützliche Gesetze abschaffen, kurz – es darf Fehler machen und sich selbst schaden. Wer soll es hindern, wer will die Hybris dazu annehmen, immerhin ist es doch der alleinige Souverän. Morus schaltete die Menschen gleich, er versuchte, ihnen alle individuellen Züge zu nehmen und sie von ihren Leidenschaften zu befreien. Die Utopier haben quasi keine eigenen Bedürfnisse mehr, sondern nur noch die der Gemeinschaft. Sie sind letztlich gläserne Menschen, in die der Staat hineinschaut. Eine Privatheit gibt es nicht, ebenso nicht das Recht, das festgesetzte Beste zu hinterfragen. Jeder ist austauschbar und ausschließlich auf sein Funktionieren in einem starren Geflecht aus Regeln, Werten und Institutionen, als Rad der großen Maschine festgelegt. Und nur so hat er überhaupt einen „Wert“, nicht für sich, sondern für das gro- ße Ganze. Gleich einer Zwiebel schälte Morus vom europäischen Menschen seiner Zeit alles ab, was dessen Profil bestimmte. Übrig blieb das nackte Gerippe, mit nichts bekleidet, das er mit einem neuen Körper und einem neuen Geist versah: Dies sei der „veredelte Mensch“ als Träger der Utopie, so der Anspruch. Das so entstandene Wesen, ist das ein Mensch, ein Individuum? Oder doch das erste Experiment eines Vorläufers von Doktor Frankenstein? Machiavelli wäre bei einem Besuch auf Utopia entsetzt gewesen, denn er positivierte die Marktgesellschaft und damit die spezifischen Ausprägungen eines jeden Individuums. Für ihn war die menschliche Natur einem gewichtigen Faktor unterworfen und ausgesetzt: Der Determination durch die Leidenschaften. Diese sollten und könnten gerade nicht ausgeschaltet werden, seien sie doch die Triebkraft der Geschichte. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entdeckte die französische Aufklärung diese Theorie für sich erneut. Und begann damit, es sei kurz angemerkt, gleichzeitig ihren finalen Kampf gegen die Mathematik als Leitwissenschaft des philosophischen und kulturellen Denkens. Hans Freyer schrieb angesichts dieses Szenarios: „Machiavelli ist zweifellos von der Konstanz der wesentlichen Triebe und Leidenschaften fest überzeugt, doch heißt das nicht, dass er dogmatisch Mensch gleich Mensch 99 Zwei unterschiedliche Politikkonzeptionen setzt und einen geschichtlichen Wandel, der in sehr tiefe Bezirke der menschlichen Natur eingreift, leugnet. Er kennt Zeiten und Völker, in denen die Tugend allgemein, die Frömmigkeit echt, die Vaterlandsliebe selbstverständlich ist; andere, in denen diese Kräfte und Strukturen vollständig und unwiederherstellbar von der Verderbnis weggefressen sind.“32 Hinzu tritt, dass Triebe wie Ruhmsucht, Gier (die Morus zur Formulierung seiner utopischen Alternative motivierten), aber auch die Sehnsucht nach Liebe und Frieden, der Streit zweier um eine Sache nach Machiavelli vielleicht kurzfristig zu Auseinandersetzungen führen, mittelund langfristig aber den Weg ins Morgen ermöglichen. Und dieses kann besser sein, wenn die Individuen es wollen. Machiavelli, hier steht er voll in der Begründungstradition des Kontraktualismus, hat die Nachtseite der menschlichen Existenz gesehen. Mit der Konsequenz, dass er sie nicht wie Morus zu stigmatisieren und vernichten versuchte, sondern innerhalb gewisser Regeln ihre Entfesselung empfahl. Die kapitalistische Wirtschaftsstruktur und die demokratische Organisationen aller re publi ka nischen Freistaaten stellen hierfür den Rahmen bereit. Ob der Kapitalismus wirklich einen moralischen Rahmen produzieren kann, um sich selbst zu trotzen, ist äußerst zweifelhaft. An dieser Stelle hat Machiavelli die Probleme der Moderne nicht sehen oder antizipieren können. Die Ebene der Anthropologie zieht in diesem Sinn einen tiefen Graben zwischen beiden Theoriemodellen. Sie gingen von komplett anderen Grundlagen aus und entwickelten Strukturen, die antagonistische Ergebnisse zur Folge hatten. Und der Befund überrascht durchaus. Denn in letzter Konsequenz läuft die hier gegebene Darstellung darauf hinaus, dass Machiavelli den Menschen so nahm, wie er ist. Er hatte damit ein positives Menschenbild – auf der Basis seiner Annahme, dass der Egoismus und die anderen Leidenschaften in vernünftige Bahnen überführt werden könnten und solcher Art den permanenten menschlichen Fortschritt ermöglichen würden. Morus hingegen, der Stammvater der neuzeitlichen Utopie, hatte ein negatives Menschenbild. Er wollte den Menschen ändern: Durch Erziehung, so der beste Fall, durch Gesetze, Institutionen und Strafen, wenn diese Möglichkeit versage (bis hin zur Sklaverei, als Alternative zum Galgen). Er misstraute in diesem Sinne noch 32 Freyer: Machiavelli, S. 52. 100 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? seinen „veredelten“ Utopiern, die Folge und Grundlage des Idealstaates sind. Denn er ging davon aus, dass auch sie in der Utopie mit einem ausgeklügelten und umfassenden Bespitzelungssystem zu umgeben seien. Mehr Misstrauen gegenüber dem Menschen, gar dem selbstgeschaffenen, „veredelten“, hat man selten gesehen. Es ist sicherlich möglich, dies als den zentralen Eingriff des christlichen Glaubens von Morus in die Utopie zu werten. Eine traurig stimmende Diagnose. Und damit auch ein Aufruf zur Säkularisierung, für die sich Machiavelli stark machte. 7) Die antagonistische Stellung der Theorien von Morus und Machiavelli wurde auf den zurückliegenden Seiten klar beleuchtet. Ein letzter Aspekt ist hier noch zu erwähnen, gleichsam die Vorbedingung der bisher entwickelten Überlegungen. Machiavellis Theorie kann als politische Klugheitslehre interpretiert werden. Er studierte die antike sowie die neuzeitliche Geschichte und kam auf der Basis seiner dabei gewonnenen Erkenntnisse zu Schlussfolgerungen, d. h. zu Aussagen darüber, wie man sich, alle Umstände bedenkend, in jeweils ganz spezifischen historisch-zeitlichen Situationen zu verhalten habe, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Allgemeine, überzeitliche oder universelle Lösungen lehnte er ab. Jede Herausforderung, jede Krise, jede Frage habe einen sie von den anderen unterscheidenden Charakter. Die Methode von Machiavelli kann daher als soziologische bezeichnet werden. Ähnlich verfahrend wie beispielsweise Montaigne, wie, um nur einige der entsprechenden Aufklärer zu nennen, Raynal, Diderot oder Ferguson, ging er davon aus, dass erst die Sammlung aller Fakten und deren Selektion durch die jeweils erkenntnisleitende Fragestellung eine Aussage über das kontextabhängige „Beste“ ermögliche. Dem korrespondiert vor allem seine nachgewiesene positive Stellung zum Diskussionsprinzip in der Demokratie. Morus dagegen beschrieb in der Utopia, mit der Utopia die Idee des Ausbruchs aus der erlebten und erlebbaren Geschichte. Nicht deren Analyse war ihm wichtig (obgleich sie natürlich den Ausgangspunkt seines Denkens bildete). Vielmehr versuchte er, die Ideen des Humanismus als allumfassenden Plan zu projizieren. Das Bild, welches dabei erscheint, ist die reibungslos funktionierende Maschine Utopie, die sich gerade nicht in der Realität beweisen muss. Dadurch entfällt auch jegliche Diskussion über sie, ausgenommen natürlich die Beratschlagungen der Humanistenkreise. Morus unternahm die Ordnung und illustrierende Dar- 101 Im Hier und Jetzt: Machiavelli als Kritiker der Utopie stellung der Überlegungen des Humanismus. Dafür musste er, dies zieht sich durch sein ganzes Leben, gleichsam seine eigene Existenz aufspalten. Denn nur so kann erklärt werden, warum in der Utopia so vieles möglich und nötig und positiv besetzt ist, was Morus als bürgerlicher Anwalt und später als Lordkanzler Englands ebenso ablehnte und bekämpfte wie als exponierter Vertreter der reaktionären katholischen Gegenreformation. 7. Im Hier und Jetzt: Machiavelli als Kritiker der Utopie Bestritten werden kann es nicht mehr: Die Konzeptionen von Morus und Machiavelli sind durch tiefe Gräben voneinander getrennt, die sich weder zuschütten noch überbrücken lassen. Zwar gingen beide von einer Kritik ihrer Zeit und ihrer Gegenwart aus, entwickelten aber völlig unterschiedliche Strategien der Problematisierung, die zudem spezifische Problemlösungen nach sich zogen. Machiavelli setzte auf das Individuum, das Spezifische und die Reform (inklusive Revolutionsdrohung), Morus auf die Utopie, das Ganze und das universelle Ideal (exklusive Diskussion). Mit seinem Text revitalisierte Morus das utopische Denken der Antike, wie es sich bis heute am deutlichsten in Platons Politeia bewahrt hat. Er begründete so, sein Vorbild entscheidend modifizierend und aktualisierend, die neuzeitliche Gattung der Utopie, die bis auf den heutigen Tag die Geschichte mit ihrer Dialektik von Kritik und Alternative begleitet, intellektuell freilich – seit dem revolutionären Ausgang des 18. Jahrhunderts – von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schwächer und dünner werdend. Darüber hinaus nutzte er auch die Mittel der Satire (Lukian stand Pate), wobei er diese allerdings in den Dienst der utopischen Methode stellte und nicht – wie in den Literaturwissenschaften gern und ohne Nachweis behauptet wird – als autarkes Ausdrucksmittel begriff. Deren Existenz ist daher eng mit der Entstehung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verbunden, mindestens aber ein europäischerabendländischer Denkprozess. Damit ist ein letzter einschlägiger Punkt der Differenzierung zwischen Morus und Machiavelli hier nachholend benannt. Auch wenn Machiavelli den sich im Anschluss an Morus entwickelnden utopischen Diskurs nicht kannte, so lässt sich doch belegen, dass er selbst dezidiert utopie- 102 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? kritisch argumentierte, was eine weitere Antizipationsleistung von ihm ebenso wäre wie die damit auch bei ihm zu messende Aktualisierung des antiken utopischen Denkens als Teil des Ideenbestandes seiner Gegenwart. Machiavelli als Kritiker der Utopie: Dies meint, wie bereits deutlich wurde, dass er den Ausbruch aus der Geschichte und das Imaginieren von Alternativen ablehnte und stattdessen auf ein aktives Wirken in der eigenen Gesellschaft und eigenen Zeit setzte. (Was Morus ja, wie gesehen, auch tat, nur eben so gar nicht im Sinne der idealen Normen seiner Utopie.) Die Realpolitik hat bei Machiavelli eindeutig den Vorrang gegenüber der Darstellung alternativer Gesellschaften, ja, sein ganzes Handeln und Denken und Schreiben war immer genau dieser Realität vermittelt. Seine Position war, dass es sinnvoller sei, einige Punkte im Jetzt zu ändern und mit gewissen Missständen zu leben, als gar nichts zu reformieren und sich wegzuträumen. Auch wenn dies fast nach einem sozialdemokratischen Programm klingt, der Interpretation sollten Grenzen gesetzt sein und den Diffamierungen Machiavellis hier keine neue hinzugefügt werden. Ein Sozialdemokrat war Machiavelli ganz bestimmt nicht. Zur Stützung dieser Überlegungen lassen sich verschiedene Passagen seiner Werke heranziehen. Ein Unterfangen, dem sich die folgenden Ausführungen in der gebotenen Prägnanz unterziehen. Im Principe bekannte sich Machiavelli nicht nur zur Realität, die er abseits moralischer Setzungen als Handlungsraum beschrieb. Darüber hinaus sah er die Menschen anthropologisch auf eben diese Realität verpflichtet. Weder Mensch noch Realität könnten radikal, in einem Schritt, mit einem Schnitt, verändert werden. Die Gegenwart bestimme und determiniere sie zuvorderst, nicht die Vergangenheit oder die Zukunft. Ihr Streben, ihre Leidenschaften würden daher dem diesseitigen und gegenwärtigen Erfolg dienen – sie agieren im Jetzt. Der handelnde, aktive Mensch ist die Grundlage des politischen Denkens Machiavellis, dem ist nichts abzuhandeln. (vgl. P: 100 f.) Aus dieser Konstellation leitete Machiavelli für sich den Anspruch ab, seiner Zeit und den in dieser agierenden Personen Ratschläge zu erteilen. Die Geschichte war zwar der Fundus, aus dem er schöpfte, aber er selbst bewachte das Tor der Aktualisierung, dessen Durchquerung erst den neuwertigen Nutzen erbringe. Vor allem im XV. Kapitel des Principe wird deutlich, dass bei Machiavelli die Erfassung der Realität zu Argumentationsketten führte, die sich eindeutig in ihrer anti-utopischen Stoßrichtung erkennen lassen. Zu le- 103 Im Hier und Jetzt: Machiavelli als Kritiker der Utopie sen ist dort: „Da es aber meine Absicht ist, etwas Brauchbares für den zu schreiben, der Interesse dafür hat, scheint es mir zweckmäßiger, dem wirklichen Wesen der Dinge nachzugehen als deren Phantasiebild. Viele haben sich Vorstellungen von Freistaaten und Alleinherrschaften gemacht, von denen man in Wirklichkeit weder etwas gesehen noch gehört hat; denn zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte, ist ein so gewaltiger Unterschied, dass derjenige, der nur darauf sieht, was geschehen sollte, und nicht darauf, was in Wirklichkeit geschieht, seine Existenz viel eher ruiniert als erhält. Daher muss sich ein Herrscher, wenn er sich behaupten will, zu der Fähigkeit erziehen, nicht allein nach moralischen Gesetzen zu handeln sowie von diesen Gebrauch oder nicht Gebrauch zu machen, je nachdem es die Notwendigkeit erfordert. Ich lasse also alles beiseite, was über Herrscher zusammenphantasiert wurde, und spreche nur von der Wirklichkeit.“ (P: 63) Diese Passage ist direkt gegen den Utopisten Platon gerichtet. Jedweder universalistischen, überindividuellen und dogmatisch feststehenden, der Diskussion entzogenen Ausrichtung Utopias ist mit diesen Sätzen Machiavellis der Boden unter den Füßen weggezogen. Als ewig ausgegebene Maßstäbe oder normative Regeln sind seiner Ansicht nach null und nichtig. (Eine Feststellung, die sich zudem doppelt auf Morus beziehen lässt, denn sie richtet sich der Intention Machiavellis nach nicht nur gegen die Utopie, sondern auch gegen die Papstkirche.) Nicht die Moral bestimmt oder macht die Geschichte, unterwirft diese, sondern die Geschichte und der Erfolg machen den Menschen und damit die Moral. Das ist ein Plädoyer für die bürgerliche Gesellschaft, die aus dem Mittelalter heraustrat, das herrschende Ordo-Denken zerstörte und gleichzeitig echte Schübe der Säkularisierung durchlebte. Es ist zugleich eine Aufwertung der Gegenwart. Rudolf Zorn schrieb zutreffend über Machiavelli: „Er verwirft jeden Illusionismus und Utopismus. In seinem ganzen Werk spürt man seinen nüchternen, sich auf Erfahrung gründenden Realismus. Aus diesem Grund fragt er auch nie, ob eine Handlung in der Politik mit den Gesetzen der Moral und der Religion übereinstimmt, so sehr er sonst die moralischen Werte im privaten Bereich anerkennt und Gut und Böse auch für ihn unabdingbare Begriffe sind. (…) Diese Haltung Machiavellis ist nichts anderes als die Bejahung der Staatsräson.“33 33 Zorn: Einleitung 1978, S. XIX. 104 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? Nicht nur im Principe, auch in den Discorsi ist der anti-utopische Impetus Machiavellis präsent und mit Händen greifbar. Bereits in den einleitenden Bemerkungen formulierte er: „Neue Einrichtungen zu treffen oder neue Staatsordnungen zu schaffen, ist bei der neidischen Natur des Menschen immer ebenso gefährlich gewesen wie die Entdeckung unbekannter Meere und Länder; denn die Menschen neigen mehr dazu, die Handlungen anderer zu tadeln, als zu loben.“ (D: 4) Dem korrespondiert, dass Machiavelli davon ausging, dass ein Staat, der seine Freiheit verloren habe, diese nur schwer zurückgewinnen könne. Noch schlimmer sei die Situation in allen jenen politischen Gebilden, die nicht in Freiheit, sondern als Tyranneien (im weiteren Sinn) überhaupt erst begründet wurden. „Wenn es selbst schon für die Staaten, die von Anfang an frei waren und sich selbst regierten wie Rom, schwer ist, gute Gesetze zur Erhaltung ihrer Freiheit zu finden, so darf man sich nicht wundern, dass es für jene Staaten, die von ihren Anfängen an unfrei waren, nicht nur schwer, sondern unmöglich ist, sich jemals so einzurichten, dass sie in Freiheit und Ruhe leben können.“ (D: 129) Auch an diesem Punkt war Jean-Jacques Rousseau knapp 250 Jahre später sein Schüler, finden sich doch analoge Ausführungen beispielsweise in tragender Funktion im Contrat social (1762) und in weiteren Schriften des – die Formulierung sei verwendet, auch wenn sie durchaus windschief ist – proletarischsten aller Aufklärer. Ebenfalls kann kaum mehr bezweifelt werden, dass Machiavelli die Gegenposition zu dem von Morus in der Utopia entfalteten politischen Ideal bezog. Dies herauszustreichen, ist der Sinn der vorliegenden Ausführungen. Denn es ist der Diskussion entzogen, dass er jedwede Homogenisierung des Lebens ablehnte und stattdessen die brodelnde und tosende bürgerliche Gesellschaft mit ihren Konflikten, Ausdifferenzierungen und Entwicklungspotenzialen vollumfänglich aufwertete. Es gibt Gewinn und Hilfsbereitschaft, Armut und Reichtum, Wohlergehen und Aufschwung, aber auch Tragik und Scheitern, Verlust und Untergang. Anders formuliert: Machiavelli glaubte daran, dass es möglich sei, die entstehende bürgerliche Gesellschaft aus sich selbst heraus moralisch zu binden und durch Maßstäbe, Regeln zu bändigen, die sie hervorbringen würde. Sein Ideal eines guten Staates steht dem Bild des besten Staates von Morus in allen Elementen frontal gegenüber: „Wenn ein Staat gut regiert wird, wird er immer auch sehen, dass der Herrscher sicher inmit- 105 Im Hier und Jetzt: Machiavelli als Kritiker der Utopie ten seiner zuverlässigen Bürger und die Welt in Frieden und Gerechtigkeit lebt; er wird den Senat geachtet und die Behörden mit den ihnen gebührenden Ehren bedacht sehen. Die Reichen genießen ihren Reichtum; Adel und Verdienst werden herausgehoben; überall herrschen Ruhe und Wohlstand. Es gibt keinen Streit, keine Zügellosigkeit, keine Bestechung und keinen Ehrgeiz. Es ist das goldene Zeitalter, wo jeder seine eigene Meinung haben und vertreten kann. Kurz, er wird den Triumph der Welt erleben, den Herrscher verehrt und ruhmgekrönt und die Völker von Liebe und Vertrauen durchdrungen sehen.“ (D: 41 f.) Es war Hans Freyer, der diese Elemente der politischen Theorie Machiavellis bis heute gültig erkannte. Daneben sah er, dass die Konsequenzen, die Machiavelli aus seinen Beobachtungen zog, die Positivierung der bürgerlichen Gesellschaft zur direkten Folge (und ein gutes Stück weit auch zum Anlass) hatten: „Die römische Republik war jahrhundertelang von inneren Kämpfen erfüllt. Die Frage drängt sich auf, ob es nicht möglich gewesen wäre, Rom eine Verfassung zu geben, die diese Zwistigkeiten beigelegt hätte. Gewiss wäre dies möglich gewesen, sagt Machiavelli, Sparta und Venedig lehren, dass es möglich ist und wie. Aber sie lehren auch, um welchen Preis es möglich ist. Ein Staatswesen, das seine inneren Spannungen restlos systematisiert, seine inneren Kämpfe völlig stilllegt und ihre Quellen verstopft, muss klein bleiben und kann nicht auf Eroberung ausgehen. Sein inneres Gleichgewicht ist vom äu- ßeren Gleichgewicht der Mächte abhängig; auf dessen Aufrechterhaltung wird sich also die Außenpolitik eines solchen Staates beschränken müssen. Rom dagegen hat sich dadurch, dass es die Fortdauer seiner inneren Kämpfe riskierte, nicht nur die Möglichkeit, sondern geradezu den Zwang zu einer weitausgreifenden Weltpolitik geschaffen. Nur Staaten, die den Druck des Volkswachstums in sich haben und ertragen, sind im großen Sinne politisch aktiv – sie müssen dann freilich die Unruhen auf sich nehmen, die dieser Druck notwendig mit sich bringt.“34 Machiavelli bestritt in allen seinen Schriften aufs Heftigste, dass Statik oder Homogenität den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft erbringen bzw. diesen ersetzen könnten. Erst die individuelle Freiheit schaffe einen Status, der auf den Ebenen der Politik, der Gesellschaft, der Kul- 34 Freyer: Machiavelli, S. 66. 106 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? tur und auch der Anthropologie das Wohlergehen eines Staates ermögliche. Ganz einfach formuliert: Ohne individuelle Freiheit keine Entwicklung, kein Glück, kein Aufschwung, kein Fortschritt – kein Menschsein. „In der Tat machen alle Städte und Länder, die in innerer und äußerer Freiheit leben, wie ich oben gesagt habe, die größten Fortschritte. Sie sind dichter bevölkert, weil die Ehen freier und den Männern begehrenswerter sind. Jeder zeugt gerne Kinder, wenn er glaubt, sie ernähren zu können und nicht fürchten muss, dass ihm sein Vermögen genommen wird, und wenn er ferner weiß, dass sie als freie Menschen und nicht als Sklaven geboren werden, ja, dass sie durch Tüchtigkeit zu den höchsten Stellen im Staat emporsteigen können. Unter solchen Umständen vermehrt sich der Reichtum in größerem Maß; es blühen Ackerbau und Gewerbe. Jeder vermehrt gerne seinen Besitz und sucht Güter zu erwerben, wenn er seinen Erwerb genießen zu können glaubt. Daher kommt es dann auch, dass die Bürger um die Wette darauf bedacht sind, ihr Privatvermögen wie das Staatsvermögen zu mehren, und beides in erstaunlichem Maße wächst. Das Gegenteil von all dem tritt in denjenigen Ländern ein, die in Knechtschaft leben.“ (D: 173) Machiavellis Plädoyer für die ja überhaupt erst entstehende, nur für einige wenige erkennbare bürgerliche Gesellschaft umfasst Elemente, die erst im 19. Jahrhundert oder gar noch später wieder thematisiert wurden: Die heute so genannten altliberalen Rechte wie Meinungs- und Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, das Recht auf ungestörtes Agieren in der Marktgesellschaft im ausschließlichen Rahmen positiv gesetzter Regeln, Gewerbe- und Handelsfreiheit, die unbeschränkte politische Beteiligung aller Staatsbürger, Vorformen sexueller Libertinage als Konsequenz der Aufhebung des christlichen Moralkatalogs. Das alles ist in Machiavellis Schriften zu finden, natürlich immer in ersten Ansätzen, teilweise auch mit einer gewissen Naivität formuliert. Den utopischen „Sprung vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“ (Friedrich Engels) lehnte Machiavelli ab und setzte stattdessen auf die verschlungenen Wege der chaotischen Realität. Zurückzuweisen sind auch Überlegungen, die in die Richtung weisen, dass er ein Konstrukt geschaffen habe, welches die ursprüngliche Einheit des Mittelalters beschworen hätte oder gar die Regeln der katholischen Kirche bzw. der sich entwickelnden protestantischen Gegenbewe- 107 Im Hier und Jetzt: Machiavelli als Kritiker der Utopie gung utopisch auflud. Für die Verbindung von Katholizismus und Utopie steht (mit Abstrichen) das Werk von Tommaso Campanella, vor allem der Sonnenstaat. Die protestantischen Antworten, ungenießbar, unlesbar und trocken wie die ganze Lehre, lieferten Johann Valentin Andre ae mit seiner Christianopolis oder beispielsweise auch Johann Gottfried Schnabel zu Beginn des 18. Jahrhunderts in seiner Insel Felsenburg. Sie alle argumentierten im utopischen Metier und erniedrigten dieses dadurch, dass sie die ihnen sinnvoll erscheinenden Teile ihrer jeweiligen Glaubensrichtung in den utopischen Raum transformierten und dort für das allgemeine Glück verantwortlich machten. Bei Machiavelli lässt sich ein solches Verfahren nicht entdecken, ganz im Gegenteil: „In dem Chaos, das die Auflösung der mittelalterlichen Welt mit sich gebracht hat, erkennt er, dass die christliche Metaphysik für den Erfolg in der Politik unwesentlich ist und dass das Ideal einer christlichen Gesellschaft ein Traumbild ist.“35 Der Geschichte von Florenz, dem dritten Hauptwerk Machiavellis, liegt schließlich ein einzigartiges und in seiner Komplexität kaum zu überblickendes Engagement für die bürgerliche Gesellschaft zu Grunde. Als erster Theoretiker der Neuzeit knüpfte Machiavelli an die positive Tradition der antiken Demokratietheorie an, die er von ihrem negativen Beiwerk – gemeint ist beispielsweise die im Altertum so gut wie nie hinterfragte Sklaverei als Grundlage der politischen Systeme – radikal säuberte. Dieser Aspekt seines Werkes wird oft übersehen oder bewusst ignoriert. Strikt republikanisch argumentierend ging es ihm um die Beschreibung der permanenten Krisen in Florenz, die in letzter Konsequenz dennoch, aller individuellen Tragik zum Trotz, zur Größe der Stadt beigetragen hätten, in ökonomischer, politischer und auch kultureller Hinsicht. „Durch diese Spaltungen entstand so großes Blutvergießen, erfolgten so viele Verbannungen. So viele Familien gingen unter, als nie in irgend einer Republik, von der man Nachrichten hat. Und fürwahr, nach meinem Urteil scheint mir kein anderer Beweis so sehr die Macht unserer Stadt darzutun, als der, welcher in diesen Spaltungen selbst liegt. Denn während sie Kraft genug gehabt haben würden, die größte und mächtigste Republik zu vernichten, schien die unsrige immer größer zu werden. So groß waren jene Bürger, solche Macht lag in ihrem Geiste und 35 Zorn: Einleitung 1977, S. LV. 108 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? so fest war ihr Wille, sich und ihr Vaterland zu erheben, dass immer die, welche von so großen Übeln frei blieben, Florenz mehr durch ihre Tüchtigkeit erhöhen konnten, als es die Verderblichkeit der Ereignisse, die es geschwächt hatten, hätte herabdrücken können.“ (GF: 6 f.) Die Geschichte von Florenz wird so, durch die Feder Machiavellis, zu einem Panoptikum der Menschheitsgeschichte selbst. Alle Höhen und Tiefen, dass Auf und Ab, das hellste Licht der Demokratie und das tiefste Schwarz der Tyrannei könnten studiert und zu politischen Lehren verarbeitet werden – mit dem Ziel, Staat, Gesellschaft und jeden Einzelnen besser zu machen. Die Darstellung von Florenz machte Machiavelli bewusst, dass die Geschichte der Stadt mit der Geschichte der menschlichen Gesellschaft identisch sei. Natürlich nicht im Sinne inhaltlicher Analogien, sondern bezogen auf den Verlauf und die jeweiligen Ausprägungen und Auswirkungen des Geschichtsprozesses. Florenz war für ihn ein paradigmatisches Beispiel der anbrechenden Zeit, des Weges in die bürgerliche Gesellschaft und zu deren Vollendung. Und die Stadt ist nichts ohne ihre Bürger im engeren und das Volk im weiteren Sinne. Denn ihre Dynamik schöpfe die Geschichte aus den Potenzen und Äu- ßerungen „von unten“, aus der Triebstruktur der Individuen herkommend. Mit Machiavellis politischen Überlegungen betrat die Idee des im Hier und Jetzt für die Gegenwart und die Zukunft handelnden Menschen die Bühne der Neuzeit. Machiavelli wertete das Individuum radikal auf und unterwarf seinem Willen die Welt. Fast schon gottgleich (am ehesten: Gott ersetzend) ist seinem Tun keine Grenze gesetzt. Es anerkennt keine Autorität außer seinem eigenen Verstand, und der wiederum verweist es auf die bürgerliche Kategorie des Nutzens sowie auf eine sich aus dieser ergebenden, den Egoismus drosselnden Moral. Der Mensch ist in diesem spezifischen Sinn durch Machiavelli frei geworden. Die Richtschnur seines Verhaltens und Handelns sind nicht mehr metaphysische Vorschriften, kirchliche Dogmen, die Angst vor der Natur usw., sondern ausschließlich die Erkenntnisse der Erfahrung. An dieser zentralen Stelle setzte Machiavelli Aristoteles gegen Platon. Ein Aspekt, den konservative Denker seit Edmund Burke (Reflections on the Revolution in France) immer betont oder zumindest gesehen haben und 109 Schlussbemerkungen der auch für die heutigen Konservativen wichtig sein könnte, wenn sie ihn kennen oder verstehen würden. Obwohl die Aristoteles-Rezeption in eine „linke“ und eine „rechte“ Traditionslinie zerfällt, steht doch au- ßer Frage, dass die Betonung des Wertes der Erfahrung durch Aristoteles nicht nur explizit gegen Platons utopische Methode gerichtet war, sondern zudem auch eine der konservativen Schlüsselkategorien bildet. Stützen kann sich diese These darauf, dass Aristoteles selbst in der Politik das utopische Denken seiner Zeit radikal kritisierte – vor allem Hippodamus von Milet und Platon werden explizit von ihm analysiert – und von der Wirklichkeit, der Realität deutlich abgrenzte. Fast genau so, wie es Machiavelli nach 1500 erneut unternahm. Mit diesen Anmerkungen kann die Hypothese, dass die politischen Theorien von Morus und Machiavelli einander antagonistisch gegenüberstehen, also zwei völlig unterschiedliche Wege zur Wahrnehmung und Gestaltung der entstehenden Moderne und bürgerlichen Gesellschaft begründeten, als erwiesen angesehen werden. 8. Schlussbemerkungen Klaus Heinisch sah in der „Achtung des Intellekts“ einen der wesentlichen Züge des europäischen Humanismus. Ja, er sprach sogar von einer „Überschätzung der Macht des Wissens“.36 Er ging also davon aus, dass sich die Vertreter der humanistischen Philosophie zu viel vornahmen und an eben diesem Umstand scheiterten. Der immerwährende Konflikt von Wissen und Macht. Morus hätte ebenso wie beispielsweise Tommaso Campanella oder Machiavelli die Verwerfungen seiner Zeit gesehen, sie alle reagierten mit theoretischen Modellen, d. h. Heinisch zu Folge mit intellektuellen Programmen, und wären den Versuchen einer praktischen Lösung aus dem Weg gegangen. Diese Einschätzung ist richtig und falsch zugleich. Zutreffend ist die Anmerkung, dass die genannten Autoren die Krisen ihrer Zeit in maßgeblicher Art und Weise wahrnahmen, auf theoretischer und methodischer Ebene überhaupt erst verarbeiteten. Angewiesen auf nichts außer den Besitz der antiken Geschichte und den eigenen Verstand. Falsch, weil 36 Heinisch: Nachwort, 222. 110 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? eben dieser Akt einzigartig war. Gerade Morus und Machiavelli waren auch als Politiker auf einflussreichen Posten tätig, wobei allerdings gerade mit Blick auf Morus danach zu fragen ist, inwieweit die theoretischen Diagnosen sein politisches Handeln beeinflussten. Die von ihm betriebene Praxis war den alten Gesetzmäßigkeiten und Wertmaßstäben, den Traditionen und ungeschriebene Normen weitaus stärker verhaftet als der kühne Ausflug seines Geistes. Ein Stück weit trifft dies auch auf Machiavelli zu, aber eben nur ein kleines Stück. Denn dieser griff auch als Politiker mit mehr als nur einer Hand nach der Moderne. Um ihre Rolle wirklich zu verstehen und einzuordnen muss klar werden: Sie waren Pioniere, alles was sie sahen, sahen sie zuerst, es war neu und wurde zum ersten Mal erfahren. (Erinnert sei an Nicolai Hartmanns Bestimmung von Meistern und Epigonen.) Allein das Zusammensetzen dieser einzelnen Puzzleteile zu einem großen und in sich stringenten sowie schlüssigen Gesamtbild ist eine kaum zu überschätzende Leistung. In diesem Sinne können die Konstruktionen von Morus und Machiavelli als Versuche interpretiert werden, das Wissen ihrer Zeit zu ordnen – und, wichtiger noch, zu bereichern sowie zur weiteren Verwendung, Anreicherung zur Verfügung zu stellen. Von ihren Überlegungen führt ein ideengeschichtlicher Weg zu Francis Bacon, der ja mit seinem Wissensstammbaum ein Modell entwickelte, in dem er die einzelnen menschlichen Wissenschaftsdisziplinen aus ihren Anfangsgründen ableitete und in ihrer gegenseitigen Verzahnung zu begreifen versuchte. Er schuf damit den ersten Ansatz jener Versuche, die dann in der Mitte des 18. Jahrhunderts zu Ende gedacht werden konnten. Denis Diderot und Jean le Rond d’Alembert begannen um 1750 (aus dem Schatten ihres wichtigen Vorläufers Pierre Bayle heraustretend) mit ihren Planungen für die auch heute noch berühmte Encyclopédie, die trotz zahlreicher Schwierigkeiten und Verbote innerhalb von knapp 20 Jahren erschien. Zusammen mit ihren ca. 160 Mitarbeitern legten sie ein Werk vor, das sich erneut dem gerade beschriebenen Versuch stellte: Die Ordnung des kompletten menschlichen Wissens und der Erfahrungen aus Vergangenheit, Gegenwart und, soweit potenziell vorstellbar, Zukunft. Dabei beriefen sie sich explizit auf Bacon, erkannten trotz ihres extrem negativen Mittelalterbildes die Schlüsselfunktion des Humanismus bei der Inventarisierung der Moderne an. 111 Schlussbemerkungen Die erfahrbare Historie, die Menschheits- und Kulturgeschichte, die Potenziale und Möglichkeiten des Menschseins – sie liegen in Einzelteilen in einer Art Baukasten bereit und können unter zuvor aufgestellten Prämissen zusammengesetzt werden. Das Wissen erscheint ebenso wie das Leben, die Politik oder die Kultur als großer Plan, in dem alles seinen Platz hat: Als ein Plan, den der Mensch selbst macht. Machiavelli kann als der Begründer dieses Teilgebiets der Moderne verstanden werden. Entdeckte er doch den breiten Erfahrungsschatz der Antike erneut und transformierte ihn in aktualisierender Perspektive in seine Gegenwart. Morus seinerseits zog aus demselben Material die Konsequenzen. Er ging einen Schritt über die reine Systematisierung hinaus und unterstellte sie nicht nur einem Erkenntnisinteresse, wie Machiavelli, sondern einem als gerecht ausgegebenen überzeitlichen Ideal: Die Geburtsstunde der neuzeitlichen Utopie. Wenn dies akzeptiert und vorausgesetzt wird, dann sind auch die Thesen zurückzuweisen, mit denen Eric Voegelin seinen Aufsatz über Thomas Morus beendete. Bei ihm ist zu lesen: „Utopia zeigt das Problem der geistigen Desintegration sogar in einem weitaus fortgeschritteneren Stadium als irgendein Werk von Machiavelli oder Erasmus, da hier die pleonexia von den Fürsten auf das Gemeinwesen als solches überging. Das Werk von Morus ist somit die erste Äußerung eines Volkes, das sich selbst als Standard für die Menschheit setzt. Noch einmal: Morus ist nicht die Ursache für das, was in der tatsächlichen Geschichte auf ihn folgte – aber hier finden wir zum ersten Mal einen Schimmer des internationalen und interzivilisatorischen Feldes der Politik, auf dem jeder ein Ideal wie die Utopia hat und sich in Folge dessen berechtigt fühlt, die Prinzipien der Gerechtigkeit für jeden anderen festzulegen – mit der daraus folgenden Kriegsführung im Dienste des Ideals.“37 Sicherlich ist Voegelin in dem Punkt zuzustimmen, dass der universalistische und überzeitliche Anspruch der Utopia tiefe, zuvorderst moralische Probleme aufwirft. Seine Kritik freilich, die er aus diesem Umstand ableitet, schießt eindeutig übers Ziel hinaus: Zwar sei Morus nicht für die Geschichte verantwortlich zu machen, genauer gesagt für die düsteren dunklen Teile der Geschichte, als da sind die Kriege im Namen ei- 37 Voegelin: Studien zu Niccolò Machiavelli und Thomas Morus, S. 120. 112 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? ner angeblich gerechten Sache, die Revolutionen, die Eruptionen der unterdrückten Volksmassen. Aber er habe als erster theoretisch gerechtfertigt, wie ein einmal gefundenes Ideal absolut gesetzt werden könne und zudem die Folgen seines Aktes nicht gesehen. Was Voegelin jedoch unter den Tisch fallen ließ, und zwar sehr bewusst, ist der Fakt, dass Morus in der Neuzeit auch der erste war, der für die unterdrückte Masse des Volkes mit starker Stimme Partei ergriff. Zwar nicht als Politiker, aber als Autor, als Humanist im wahrsten Sinn des Wortes. Und dies ist nun einmal nicht wenig. Die Entrechteten hatten und haben nur selten eine Stimme – und das Ziel jeder bürgerlichen Kultur und Ideologie ist es, diese in Person und Werk zu diskreditieren: Ob Robespierre oder Marx und Engels. Die Diskrepanz zwischen intellektueller Einsicht und tatsächlichem Handeln könnte Morus aus heutiger Perspektive vorgeworfen werden (was allerdings ebenfalls bereits unhistorisch und unredlich wäre), nicht aber, dass er einen angeblich totalitären Staat zur gewaltvollen Umsetzung erdachte und schuf. Noch einmal Voegelin: „Also sehen wir die historische Bedeutung von Morus in der Tatsache, dass wir in seiner Utopia die Bildung eines Komplexes von Gefühlen und Ideen beobachten können, der in den folgenden Jahrhunderten ein entscheidender Faktor der westlichen Geschichte werden wird. Die tatsächlich begangenen Grausamkeiten des westlichen Kolonialimperialismus, des Nationalsozialismus und Kommunismus bezeichnen den Endpunkt einer Entwicklung, deren Beginn gekennzeichnet ist von der spielerischen Grausamkeit des humanistischen Intellektuellen.“38 Was Voegelin mit dieser „spielerischen Grausamkeit“ meint, liegt auf der Hand. Unbekümmert an seinem Schreibtisch sitzend, fernab aller Realität, habe Morus etwas Ähnliches unternommen wie dann die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts. Eine solche Verleumdung der Utopie ist in vollem Umfang absurd (eigentlich bösartig) und kann sich kaum mehr als auf primitive Vorurteile stützen. Sie sagt etwas über denjenigen der sie vertritt, nicht aber über die Utopie – und ist zu allererst pure Ideologie. Das Bürgertum zeigt mit diesen Sätzen, aus Angst, die eigene Stellung zu verlieren, aus dem Verlangen, die eigenen Untaten zu verschlei- 38 Voegelin: Studien zu Niccolò Machiavelli und Thomas Morus, S. 120 f. 113 Schlussbemerkungen ern, seine hässlichstes Antlitz. Die Alternative zu Morus (und Machiavelli) war das Mittelalter, das den Einzelnen überflüssig machte, jeden qua Geburt an einen Platz stellte und seiner freien Selbstentfaltung, damit seiner Menschlichkeit beraubte. Zudem ist es schlichtweg wissenschaftlicher Unfug (bzw. ein intellektuelles Verbrechen), Morus auf eine derartige Weise in eine totalitaristische Tradition zu stellen, an Machiavelli aber so gut wie keine Kritik zu üben. Denn man kann es auch von der umgekehrten Weise aus sehen. Machiavelli ist einer der Begründer der bürgerlichen Gesellschaft und damit des kapitalistischen Systems. Nach Voegelin wäre er also verantwortlich für jeden Hungertoten des Manchester-Kapitalismus und alle anderen Verbrechen – auch der Faschismus war zutiefst und vollumfänglich kapitalistisch basiert. Machiavelli ging es um die Freisetzung der irrationalen Seiten der menschlichen Natur und ihrer Konfliktpotenziale zur Stimulation der Geschichte und des Fortschritts. Auch er entwarf, wie Morus, einen (besser: unendlich viele, da jeweils der konkreten spezifischen Situation entsprechend) Gegenentwurf zur mittelalterlichen Welt. Max Horkheimer hat ihn daher zu Recht in die Reihe der Denker gestellt, die er als Ideologieproduzenten der bürgerlichen Gesellschaft ausmachte. Morus dagegen suchte den Ausbruch aus eben diesem Prozess, konfrontierte den Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Repressionsmechanismen des Kapitalismus das Ideal eines harmonischen Miteinanders aller. Vielleicht ist der Preis zu hoch, aber Hunger, Elend, Not, Dummheit, Unterdrückung gibt es in Utopia dem moralischen Anspruch nach (trotz der Sklaverei als Strafe für Kapitalverbrechen) nicht. Utopia sollte nicht verwirklicht werden, es war ein normatives Korrektiv, ein Ideal. Von Morus führt kein Weg zu Hitler oder Stalin. Denn der Gang der Utopie durch die Geschichte bis in unsere Gegenwart ist verbunden mit den Revolutionen der unterdrückten Schichten, mit dem Emanzipationskampf der Menschheit, mit den Idealen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Es ist der Kampf um Solidarität und ein soziales und kulturelles Besser für alle und jeden. Das Traurigste ist, dies konnte und wollte Voegelin nicht sehen, dass man gegen ihn und seinesgleichen um solche zutiefst menschlichen Dinge kämpfen muss. Es ging den zurückliegenden Ausführungen darum, zu zeigen, dass Morus und Machiavelli zwei völlig unterschiedliche Wege entwarfen, um 114 Teil I: Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? mit der beginnenden Moderne fertig zu werden, diese zu prägen oder zu überwinden. Zwischen den beiden von ihnen begründeten Denksträngen oszilliert bis auf den heutigen Tag die europäische Geschichte, sich immer wieder dem einen oder dem anderen Pol annähernd. Die Menschen, die von ihnen gebildeten Gesellschaften, mussten sich ständig aufs Neue entscheiden: Zentralismus oder kleine Einheiten, das Ganze oder das Individuum, allumfassende Herrschaft oder Selbstentfaltung. Gleichwohl zwei Arten, Freiheit zu denken. Viele Geschichten und noch mehr Geschichte kann ausgehend von dieser Beobachtung erzählt werden, die hier gestellte Aufgabe ist erfüllt. 9. Literatur Barincou, Edmund: Niccolò Machiavelli in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg, 1958. Borst, Arno: Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt am Main u. a., 1980. Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, 11. Aufl., hrsg. von Konrad Hoffmann, Stuttgart, 1988. 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References

Abstract

Utopias can realize mankind's aspiration for a home, as Ernst Bloch programmatically claimed. After all, they are attempts to look beyond the horizon of the existing social order. This search for another, better world, beginning with Thomas More, is addressed in this volume in two essays, “Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli” and “Freiheit im Nirgendwo. Das linke Ding der Utopie”. They are thematically linked by four papers on the connection between Utopia and revolution in the age of the French Enlightenment.

Zusammenfassung

Utopien können den Anspruch der Menschheit auf Heimat verwirklichen, so Ernst Bloch programmatisch. Sind sie doch Versuche, über den Horizont der jeweils bestehenden Gesellschaftsordnung hinauszublicken. Diese Suche nach einer anderen, besseren Welt seit Thomas Morus thematisieren die Essays „Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli“ und „Freiheit im Nirgendwo. Das linke Ding der Utopie“ des vorliegenden Bandes. Thematisch verbunden sind sie durch vier Aufsätze zum Zusammenhang von Utopie und Revolution im Zeitalter der französischen Aufklärung.