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Vorbemerkung in:

Andreas Heyer

Risse im Fundament – Die Logik der Veränderung, page 1 - 2

Essays und Aufsätze zur Geschichte der Utopie

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4243-4, ISBN online: 978-3-8288-7330-8, https://doi.org/10.5771/9783828873308-1

Tectum, Baden-Baden
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1 Vorbemerkung Vorbemerkung Der Utopie wohnt eine, man kann und darf es nicht versteckt formulieren, beeindruckende Idee inne: Die Vorstellung, dass es auch anders sein könne. Gar besser. Wie Kühne meinen: Viel besser. Damit ist nicht das ewige Leben eines jeden Einzelnen gemeint, von dem zuerst der Marquis de Condorcet in der Französischen Revolution und nach ihm die russischen Utopisten im Umfeld ihrer Oktoberrevolution träumten. Schon eher das Beste der Gesellschaft: Ernst Bloch nannte es die Möglichkeit der Erringung von Heimat. Alles hat einen Preis, zuvorderst das gute Leben. Auch dann, wenn es nicht – käuflicher – Teil wie auch immer gearteter Bereicherungsregime ist, sondern für alle gelten soll. Die Utopie war stets bereit, ihn zu benennen. Manchmal glaubhaft, manchmal nicht. Auf den folgenden Seiten steht die Utopie im Mittelpunkt, so dass hier jeder Hinweis auf ihre Definition, ihre Struktur, ihre Inhalte entfallen kann. Nur ein kleiner Hinweis sei bereits jetzt gegeben: Es ist durchaus ein Paradox, vielleicht sogar ein gutes und nützliches, dass die Geschichte der neuzeitlichen Utopie eng mit der Individualisierung verbunden ist. Erst die Entdeckung des Menschen, als einzelnem Wesen mit allen Rechten zur freien Entfaltung, machte den Weg frei, sich alternative Welten vorzustellen, in denen jedwede Entfremdung aufgehoben sein könnte. Und eben diese anderen, in der Utopie ja besseren Welten, haben häufig den Verlust an Individualität zur Voraussetzung oder Konsequenz – die Bandbreite reicht von der Uniformierung partieller oder aller Lebensbereiche, von der Bevorzugung des Glücks der Gemeinschaft vor dem des Individuums, bis hin zur Unterordnung unter eine gemeinsame, sinnstiftende Idee, die – das ist dann schon fast ein Paradox im Paradox – durchaus quasireligiöse Züge annehmen kann, obwohl die Geschichte der Utopie, wenn man sie als Geschichte der Emanzipation des Menschengeschlechts liest, die Religion durchaus zum Hauptfeind hatte. Der Glaube an die Utopie ist manchmal zu blindlings. Sie sei wichtig, sie sei notwendig, sie sei zu verteidigen. Dabei sollte es doch durchaus möglich sein, den Inhalt und die Folgeerscheinungen der jeweils einzelnen Utopie zuvor zu prüfen. Denn, wie gerade erwähnt, jede hat ihren Preis. 2 Vorbemerkung Die in diesem Band vereinten Texte untersuchen die Utopie, ihre Inhalte und das, was sie notwendig machte. Orientiert an Schlüsseldaten der europäischen Geschichte und damit vor einem jeweils spezifischen, ganz eigenen und eigenständigen Hintergrund. Gespannt wird ein Bogen, der die letzten 500 Jahre umfasst bzw. abzubilden vermag. Aus diesem Grund ist hier auch keine Einleitung zu schreiben, die noch einmal wiederholt, was sowieso zu sagen sein wird. Der zuerst abgedruckte Essay Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli? kann problemlos die Funktion einer Einführung in die Thematik mit übernehmen. Verfasst wurde er 2009/2010, aber für den hier erfolgenden Abdruck vollständig überarbeitet. Der zweite Essay, Freiheit im Nirgendwo. Das linke Ding der Utopie, erschien erstmals 2006 unter dem Titel Die Utopie steht links. Auch diese ursprüngliche Version wurde vollständig umgearbeitet. Um die inhaltliche Lücke zwischen den beiden in den Essays durchleuchteten Zeitabschnitten zu füllen, war es notwendig, entweder die Utopieproduktion des 18. oder die des 19. Jahrhunderts zumindest vorzustellen. Die Entscheidung fiel leicht, da die Epoche der Aufklärung unser Leben doch weitaus stärker prägt als das Jahrhundert der Industrialisierung und beginnenden Klassenkämpfe. Diese Einschätzung mag nicht jedermann teilen, aber im französischen 18. Jahrhundert betrat der Mensch als Individuum und leidenschaftliches Wesen die Schaubühne der Geschichte – und ohne diesen Prozess gäbe es unser heutiges Sein nicht. Daher wurden vier, in den letzten zehn Jahren verfasste, Aufsätze zur Rolle der Utopie in der französischen Aufklärung und Revolution eingefügt, die aber teilweise über die Beschränkung dann hinausreichen, wenn sie bestimmte historische Ereignisse fokussieren, beispielsweise das Erdbeben von Lissabon oder die Entdeckung Tahitis. Braunschweig, im Mai 2020

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Abstract

Utopias can realize mankind's aspiration for a home, as Ernst Bloch programmatically claimed. After all, they are attempts to look beyond the horizon of the existing social order. This search for another, better world, beginning with Thomas More, is addressed in this volume in two essays, “Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli” and “Freiheit im Nirgendwo. Das linke Ding der Utopie”. They are thematically linked by four papers on the connection between Utopia and revolution in the age of the French Enlightenment.

Zusammenfassung

Utopien können den Anspruch der Menschheit auf Heimat verwirklichen, so Ernst Bloch programmatisch. Sind sie doch Versuche, über den Horizont der jeweils bestehenden Gesellschaftsordnung hinauszublicken. Diese Suche nach einer anderen, besseren Welt seit Thomas Morus thematisieren die Essays „Der Zerfall der alten Welt. Morus oder Machiavelli“ und „Freiheit im Nirgendwo. Das linke Ding der Utopie“ des vorliegenden Bandes. Thematisch verbunden sind sie durch vier Aufsätze zum Zusammenhang von Utopie und Revolution im Zeitalter der französischen Aufklärung.