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5. Fazit und Ausblick in:

Christian Reichinger

Musik als nonverbale Traumapädagogik, page 69 - 72

Gemeinsames Trommeln in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4333-2, ISBN online: 978-3-8288-7323-0, https://doi.org/10.5771/9783828873230-69

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
69 5. Fazit und Ausblick Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Integration der Themen Trauma, (lebensweltorientierte) Soziale Arbeit in der stationären Kinderund Jugendhilfe, (nonverbale) Traumapädagogik und Musik auf einer theoretischen Ebene zu ermutigenden Schnittmengen und Erkenntnissen führt, die die Erarbeitung und Konzeption einer Intervention wie dem Rhythmusworkshop nahelegen. Diese sind u. a. die sozial integrierende Wirkung von Musik, ihre starke Körperlichkeit speziell beim Trommeln, ihr neurophysiologischer Verarbeitungsschwerpunkt im Limbischen System sowie ihre Natur als nonverbale ‚Sprache‘, die in Form von Prosodie die Entwicklung und Anwendung verbaler Sprache erst ermöglicht. All dies resoniert im hier rezipierten traumatologischen und traumapädagogischen Kontext deutlich und bietet vielversprechende Anknüpfungspunkte an Wesen und Struktur von Gewalterfahrung, Traumatisierung und deren Heilung. Im Falle betroffener Jugendlicher ist dabei die stationäre Kinder- und Jugendhilfe, und damit die lebensweltorientierte Soziale Arbeit, der zentrale Ort des Ausagierens und (Co-)Regulierens sowie milieutherapeutischer Heilungsprozesse, die ggf. von einer Psychotherapie komplementär ergänzt werden. Die Konzeption und Durchführung der daraus resultierenden Intervention zeigt dabei in der Praxis, dass es Jugendlichen leicht gelingt, sich auf den Rhythmusworkshop einzulassen und, im Rahmen der beschriebenen Umstände zum Zeitpunkt der Praxiserprobung, stabil und aus eigenem Antrieb heraus daran teilzunehmen. Der Rhythmusworkshop bietet somit einen effektiven Zugang zu Jugendlichen – jedoch nur, sofern er im sozialen Nahraum der Alltagswelt stattfindet. Eine tatsächliche Qualität als professionelle nonverbale traumapädagogische Intervention indes lässt sich wohl anhand der wissenschaftlichen Herleitung, nicht jedoch anhand der beschriebenen, viermonatigen Umsetzung untermauern. Hierfür fehlt bisher einerseits eine Evaluation und Validierung des Rhythmusworkshops und seiner Konzeption mittels einer auf Basis dieses Buches vorzunehmenden Untersuchung, die sich im Wesentlichen entlang folgender grundsätzlicher Leitfragen bewegen müsste: a) Wie ist zur wissenschaftlichen Überprüfung der traumapädagogischen Zielsetzung des Rhythmusworkshops methodisch vorzugehen? b) Sind die konzeptionell zugrunde liegenden traumapädagogischen Ziele durch den Rhythmusworkshop nachweislich erreichbar? Andererseits ist für eine Validierung als professionelle traumapädagogische Intervention ein ‚Stresstest‘ notwendig, d. h. Konzept und Vorgehen müssen auch unter Realbedingungen traumaspezifischen Verhaltens funktionsfähig und wirkungsvoll sein. Diese waren während der beschriebenen praktischen Umsetzung nicht wahrnehmbar gegeben. Hierfür ist eine entsprechend stabile und adäquate Auswahl von Jugendlichen unerlässlich, für die der Rhythmusworkshop letztendlich konzipiert ist, und die sich vor allen anderen davon auch einen echten Nutzen erhoffen dürfen. Auch dies ist im Rahmen einer etwaigen anschließenden Untersuchung zu berücksichtigen. Abschließend ist die Erzeugung traumapädagogischer Wirkung mittels musikbasierter Methoden in der stationären Kinder- und Jugendhilfe in meinen Augen ein Instrument lebensweltorientierter Sozialer Arbeit, dessen Erforschung, Anwendung und Weiterentwicklung sich 70 Fazit und Ausblick vor dem Hintergrund der aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive vielversprechenden Vorzeichen nicht nur empfiehlt, sondern die notwendig ist, denn: Es steht nicht weniger als die Entwicklung und Etablierung eines sehr effektiven, umfassenden und niedrigschwelligen nonverbalen traumapädagogischen Interventionsinstrumentariums in der stationären Kinder- und Jugendhilfe zu erwarten. Das Ziel dieses Buches ist, genau hierzu wesentlich beizutragen. 71 Fazit und Ausblick

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Zusammenfassung

Mit Musik gemeinsam gegen das Trauma: Rhythmisches Musizieren in der Gruppe zielt als nonverbale traumapädagogische Intervention auf die Förderung und Steigerung der (Selbst-)Heilungsressourcen gewalterfahrener und traumatisierter Jugendlicher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

Auf Grundlage neuester Erkenntnisse aus Traumatologie, Neurophysiologie, Musikpsychologie und Wissenschaft Sozialer Arbeit empfiehlt der Autor den Rhythmusworkshop als gleichermaßen niedrigschwellige wie erfolgversprechende Maßnahme. Diese Art der Intervention operationalisiert die Ziele der Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe konsequent und in enger Verflechtung mit der Neurophysiologie der Traumatisierung und Musikverarbeitung. Sie tritt damit überaus komplexen und für Betroffene existentiellen Themen entgegen: der Gewalterfahrung und Traumatisierung als zentralen Belastungen im jungen Lebenslauf der AdressatInnen der stationären Kinder- und Jugendhilfe.