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4. Durchführung des Rhythmusworkshops in:

Christian Reichinger

Musik als nonverbale Traumapädagogik, page 61 - 68

Gemeinsames Trommeln in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4333-2, ISBN online: 978-3-8288-7323-0, https://doi.org/10.5771/9783828873230-61

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
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61 4. Durchführung des Rhythmusworkshops 4.1 Planung, Vorbereitung und Durchführung Die Implementierung eines solchen Rhythmusworkshops erfordert Planung und Vorbereitung, da neben der inhaltlichen Aufbereitung sowohl infrastrukturelle als auch personelle Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Dies bedeutet zunächst, in der entsprechenden Einrichtung für das Projekt zu werben und zu versuchen, die Führungsebene (i. e. Erziehungs- oder Einrichtungsleitung) davon zu überzeugen. Wird, wie im Falle des Campus Christophorus Jugendwerk in Oberrimsingen umgehend und umfänglich geschehen, entsprechende Unterstützung zugesichert, ist nach passenden Räumlichkeiten zu suchen. Diese müssen die beschriebenen atmosphärischen Voraussetzungen erfüllen und es muss darüber hinaus möglich sein, in ihnen in den Abendstunden laut zu musizieren. Des Weiteren ist eine Bestandsaufnahme von in der Einrichtung möglicherweise bereits vorhandenen Musikinstrumenten durchzuführen. In der stationären Kinder- und Jugendhilfe wird man hier grundsätzlich sicher fündig, die spezifische Instrumentierung des Rhythmusworkshops mit einem klaren Fokus auf Naturfellinstrumenten ist aber ggf. so nicht vorhanden. Hier muss ergänzend oder von Grund auf ein Budget von ca. € 300,– bis € 500,– einkalkuliert werden, das ggf. erst durch Beantragung zu erwirken ist. Daneben gilt es, die Wohngruppen in das Projekt einzubinden und zu informieren. In der praktischen Umsetzung geschah dies zunächst mehrfach per Mail (s. Anhang), um allen Beteiligten den inhaltlichen Hintergrund der Intervention zu erläutern und etwaiges Feedback in die Konzeption einfließen zu lassen. Es empfiehlt sich weiterhin, den Rhythmusworkshop jeweils persönlich bspw. in Gruppengesprächen der einzelnen Wohngruppen vorzustellen, idealerweise mit einer kleinen Auswahl von Instrumenten. Das schafft Transparenz, macht im besten Fall Lust und ermöglicht gleichzeitig einen ersten persönlichen Zugang zu den Jugendlichen. Um das Angebot so niedrigschwellig wie möglich zu halten ist es wesentlich, den Rhythmusworkshop als für alle zugänglich zu kommunizieren. Es steht in der stationären Kinder- und Jugendhilfe zu erwarten, dass ein solches Angebot zunächst von diversen Jugendlichen ausprobiert wird und sich erst mit der Zeit eine stabile Gruppe etabliert, die ein fortwährendes Interesse zeigt. Vor jedem einzelnen Termin sind der Raum und die Instrumente fertig vorzubereiten, da im Alltag einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung realistischerweise nicht davon auszugehen ist, dass der Raum ausschließlich für den Rhythmusworkshop genutzt werden kann. Die atmosphärischen Aspekte (s. Sicherer Ort; Kap. 2.1.1/3.1.1) sollen bereits vorhanden sein, wenn die Jugendlichen den Raum betreten, vorheriges Umräumen und Vorbereiten durch die Jugendlichen selbst wäre in diesem Zusammenhang störend. Die eigentliche Durchführung des Rhythmusworkshops schließlich erfordert von der/dem BetreuerIn insbesondere die Gleichzeitigkeit von Musikalität, Musikdidaktik, lebensweltorientierter Sozialer Arbeit und, darin, Traumapädagogik. Der jeweilige Schwerpunkt jedoch kann sich dabei naturgemäß sehr schnell verändern (s. Kap. 3.2.4), sodass insbesondere eine professionelle traumapädagogische Urteils- und Handlungsfähigkeit gegeben sein muss. 62 Durchführung des Rhythmusworkshops 4.2 Praktische Erfahrungen mit dem Rhythmusworkshop Der Rhythmusworkshop fand über vier Monate hinweg wöchentlich unter meiner Anleitung im Campus Christophorus Jugendwerk statt. Anhand dieser Praxiserprobung lassen sich eine Reihe praktischer Erfahrungen zusammentragen, die für die grundsätzliche Implementierung und Durchführung einer solchen Intervention in der stationären Kinder- und Jugendhilfe als wesentlich erscheinen. Trotz sehr guter Planung, ausreichendem zeitlichen Vorlauf, mehrerer Mails, sehr guter Unterstützung von Seiten des Einrichtungsmanagements und der Wohngruppen sowie persönlichem Vorstellen des Rhythmusworkshops in den Gruppen selbst gestaltete es sich schwierig, vorab feste Anmeldungen für den Rhythmusworkshop zu erwirken. Es wurden von Seiten der Gruppen acht Jugendliche genannt, die grundsätzlich Interesse hätten. Diese Rückmeldungen kamen aus dem für den Rhythmusworkshop wünschenswerten Bereich der Anschlusshilfen, in denen unbegleitete minderjährige Geflüchtete und deutsche Jugendliche gemeinsam wohn(t)en, und bestanden ausschließlich aus unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Schwerpunktmäßig kamen diese Rückmeldungen dabei aus den Freiburger Anschlusshilfewohngruppen des Campus Christophorus Jugendwerk und nicht aus jenen im Hauptsitz in Oberrimsingen außerhalb Freiburgs. Dies war ausschlaggebend dafür, dass die Ortsentscheidung für den Rhythmusworkshop auf Freiburg fiel. Ein entsprechend geeigneter Raum war derweil aber nur im Gebäude zweier Inobhutnahmegruppen verfügbar. Von den gemeldeten Interessenten aus den Anschlusshilfen erschien letztendlich jedoch nur ein einziger Jugendlicher, und das auch nur zu den ersten beiden Terminen. Der Rhythmusworkshop rekrutierte sich stattdessen ausschließlich aus unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten aus den beiden Inohutnahmegruppen direkt im Gebäude. Dies widersprach zwar hinsichtlich der Zielgruppe grund- 63 Praktische Erfahrungen mit dem Rhythmusworkshop sätzlich der Konzeption des Rhythmusworkshops, dieser wurde aber natürlich trotzdem begonnen und durchgeführt. Für die letztendliche Teilnehmerstruktur des durchgeführten Rhythmusworkshops sind in meinen Augen zwei damals wirkende Aspekte verantwortlich: Einerseits war die Tatsache, dass sich der Rhythmusworkshop aus Sicht der Interessenten aus den Anschlusshilfegruppen nicht in unmittelbarer Umgebung dieser oder optimalerweise in der Wohngruppe oder deren Gebäude befand, vermutlich schlichtweg ein Hindernis. Im Alltag der Jugendlichen war dieses Angebot eines von vielen (s. Kap. 3.2.1) und außerdem durch die geographische Lage keines, bei dem man ohne viel Aufwand hingehen konnte um unverbindlich zu sehen, ob es einem zusagte. Es musste dafür, je nach Lage, eigenständig eine Strecke von mehreren Kilometern innerhalb Freiburgs zurückgelegt werden – und dies geschah offenkundig nicht. Andererseits ist die Beziehungsarbeit bzw. eine möglicherweise vor Beginn des Rhythmusworkshops bereits bestehende professionelle Beziehung zu den Jugendlichen von großer Bedeutung. Eine solche besteht, wenn man als MitarbeiterIn in einer Gruppe arbeitet und aus dieser Position und Konstellation heraus als vertraute und Vertrauensperson den Rhythmusworkshop ins Leben ruft. Optimalerweise geschieht dies mit den Jugendlichen ein und derselben Wohngruppe in einem Raum im selben Gebäude. Möglicherweise ist das Angebot erst dann wirklich niedrigschwellig, da es im sozialen Nahraum tatsächlicher Teil der Alltagswelt ist. Für die im Rahmen der Praxis erprobung teilnehmenden Jugendlichen aus der Inobhutnahme (durchschnittlich vier Jugendliche pro Termin) war derweil genau dies der Fall. Sie kamen jeden Donnerstagabend mit Hausschuhen oder auf Socken in den Raum und nahmen so regelmäßig Teil, wie es ihr Verbleib in der Inobhutnahme erlaubte. Aus Beziehungssicht war dabei meine Position als Mitarbeiter, der nicht auf einer der betreffenden Gruppen arbeitete und dadurch für die Jugendlichen zunächst einmal nur ein Name und ein neues Gesicht 64 Durchführung des Rhythmusworkshops war, anfänglich ebenfalls hinderlich, da dies die Hemmschwelle insbesondere während des Anwerbe- und Rückmeldeprozesses durchaus erhöhte. Unter diesen Rahmenbedingungen funktionierte der Rhythmusworkshop jedoch im Sinne eines musikalischen Gruppenangebots dennoch und wurde von den teilnehmenden Jugendlichen sehr gut angenommen. Allein die systemimmanente Fluktuation innerhalb der Inobhutnahme verhinderte in meinen Augen die Entfaltung wesentlicher struktureller Aspekte des Rhythmusworkshops (darunter bspw. die Beziehungsarbeit insbesondere innerhalb der Gruppe), die ihn erst zu jener traumapädagogischen Intervention gemacht hätte, als die er gedacht war und konzipiert wurde (vgl. Kap. 2.1.1/2.1.2; Bausum 2013, 196). Die Jugendlichen kannten sich zu Beginn der Inobhutnahme untereinander häufig überhaupt nicht, sprachen unterschiedliche Sprachen und wussten, dass sie nach ca. vier bis sechs Wochen umverteilt oder in Anschlusshilfegruppen umziehen würden. Ihnen war also klar, dass sie die Jugendlichen, mit denen sie zu diesem Zeitpunkt zusammenlebten und -spielten, sehr wahrscheinlich schon bald nicht mehr sehen würden. Es muss für sie demnach sehr schwierig gewesen sein, sich auf den damals für sie aktuellen Aufenthaltsort überhaupt einzulassen. Außerdem bedeutet Inobhutnahme im Falle der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten generell, dass die Jugendlichen erst ganz neu nach Deutschland gekommen sind und Themen wie Erstgespräch auf dem Jugendamt mit Zuteilung einer Vormundschaft, ärztliche Untersuchungen und ggf. Behandlungen sowie der Beginn des Asylverfahrens etc. ein eigentliches ‚Ankommen‘ in der neuen Situation durchaus verzögern können (vgl. Hehnke 2017, 51 ff.). Vor diesem Hintergrund ließen sich die Ziele des Rhythmusworkshops nur in eingeschränktem Maße anstreben oder realisieren: Eine stabile Gruppenzusammensetzung bspw. ist für tiefergehende Prozesse im Rhythmusworkshop essentiell. 65 Praktische Erfahrungen mit dem Rhythmusworkshop Gleichzeitig war der Rhythmusworkshop jedes einzelne Mal gut und von den einzelnen Jugendlichen auch regelmäßig besucht, dar- über hinaus war es während des Spielens offensichtlich, dass es ihnen Freude bereitete. Möglicherweise war dieses Angebot im Bereich der Inobhutnahme auf seine eigene Weise wertvoll, in dem es zumindest temporär nonverbale Kommunikations-, Entspannungs- sowie musikalische Ausdrucksmöglichkeiten in einer Situation bot, die für die Jugendlichen besonders stark von Unsicherheit, sprachlichen und kulturellen Barrieren sowie einem großen Bedürfnis nach Stabilität geprägt war. Bei der Ankunft in einem sicheren Zielstaat handelt es sich nämlich „keineswegs um den Abschluss des Fluchtprozesses, denn nach der Ankunft machen sich psychische, körperliche und rechtliche Auswirkungen bemerkbar. (…) Kinder und Jugendliche zählen hierbei zu den besonders betroffenen Flüchtlingen“ (Hehnke 2017, 34). Durch den nonverbalen Charakter der Intervention in einer von Sprachbarrieren geprägten Umgebung bspw. ist es dennoch durchaus denkbar, dass durch den Rhythmusworkshop in dieser Phase und unter den Rahmenbedingungen, die zur Zeit seiner Durchführung herrschten, zumindest ein Teil seiner Ziele für die Jugendlichen erreichbar waren. Die musikalische Durchführung fand derweil durchgängig wie geplant statt (s. Kap. 3.2.3/3.2.4). Der Fokus lag klar auf gemeinsamer Improvisation und diese funktionierte von Beginn an gut. Über den gesamten Verlauf der einzelnen Termine fielen nur sehr wenige Worte, meist nur Begrüßungs- und Abschiedsformeln in unterschiedlichsten Sprachen. Dazwischen fand unvermitteltes, intuitives, gemeinsames, stabiles und intensives Trommeln statt. Währenddessen kam es mehrmals vor, dass auch vielschichtige, komplexe und polyrhythmische Grooves unter Beteiligung aller Anwesenden absolut im Takt und teilweise über mehr als 15 Minuten stabil blieben. Hauptinstrumente waren dabei die beiden Djemben, die beiden Congas, die Cajón, eines der beiden Bongo-Paare sowie die White Shakers und die Klang- 66 Durchführung des Rhythmusworkshops schale. Am Ende jedes Rhythmusworkshops wirkten die Teilnehmer auf mich fröhlich und entspannt, zu für mich wahrnehmbaren Dissoziationen bzw. Intrusionen ist es bei den Jugendlichen im Rahmen des Rhythmusworkshops nicht gekommen. Ob dem wirklich so war, lässt sich ohne entsprechende Datenerhebung und Evaluation nicht sagen. Diese Eindrücke und Erfahrungen sind singulär, subjektiv und können maximal einer von vielen Bestandteilen einer Evaluation des Rhythmusworkshops sein. Im Geiste sowohl der grundsätzlichen Konzeption als auch der Zielerreichung und Evaluierbarkeit des Rhythmusworkshops jedoch empfiehlt es sich nach viermonatiger Erfahrung in der Durchführung, die Intervention wie geplant im Rahmen der Anschlusshilfen in gewohnter, naher und alltagsweltlicher Umgebung sowie auf Basis von vor Beginn der Intervention existierenden professionellen Beziehungen zu implementieren. Nur unter diesen Umständen ist eine Zielerreichung auch überprüfbar. 67 Praktische Erfahrungen mit dem Rhythmusworkshop

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Zusammenfassung

Mit Musik gemeinsam gegen das Trauma: Rhythmisches Musizieren in der Gruppe zielt als nonverbale traumapädagogische Intervention auf die Förderung und Steigerung der (Selbst-)Heilungsressourcen gewalterfahrener und traumatisierter Jugendlicher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

Auf Grundlage neuester Erkenntnisse aus Traumatologie, Neurophysiologie, Musikpsychologie und Wissenschaft Sozialer Arbeit empfiehlt der Autor den Rhythmusworkshop als gleichermaßen niedrigschwellige wie erfolgversprechende Maßnahme. Diese Art der Intervention operationalisiert die Ziele der Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe konsequent und in enger Verflechtung mit der Neurophysiologie der Traumatisierung und Musikverarbeitung. Sie tritt damit überaus komplexen und für Betroffene existentiellen Themen entgegen: der Gewalterfahrung und Traumatisierung als zentralen Belastungen im jungen Lebenslauf der AdressatInnen der stationären Kinder- und Jugendhilfe.