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3. Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention in:

Christian Reichinger

Musik als nonverbale Traumapädagogik, page 39 - 60

Gemeinsames Trommeln in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4333-2, ISBN online: 978-3-8288-7323-0, https://doi.org/10.5771/9783828873230-39

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
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39 3. Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention Vor dem Hintergrund diesen Wissens stellt sich die Frage, wie traumapädagogische Ziele hinsichtlich der Steigerung und Freisetzung von (Selbst-)Heilungsressourcen gewalterfahrener und/oder traumatisierter Jugendlicher mittels einer nonverbalen traumapädagogischen sowie musikalisch-rhythmischen Intervention in der Alltagswelt der Gruppe im Rahmen einer stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung zu erreichen sind und wie konzeptionell entsprechend vorzugehen ist. Hierfür werden die Spezifika traumapädagogischen Arbeitens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe sowie der (Neuro-)Physiologie der Traumaentstehung und Musikverarbeitung und -wirkung zueinander in Bezug gesetzt und daraus Ziele und konzeptionelle Rahmenbedingungen für einen Rhythmusworkshop mit einer Gruppe Jugendlicher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe abgeleitet. Diese Konzeption, Implementierung und Durchführung des Rhythmusworkshops soll wesentlich beitragen zur Steigerung der (Selbst-) Heilungsressourcen denn: „Musik (…) kann (…) mit unterschiedlichen Methoden als Zugang für (…) Jugendliche genutzt werden, um sich mit eigener und fremder Gewalt auseinanderzusetzen (…) [und] um Probleme zu bearbeiten und Trost zu finden“ (Jank 2015, 481 f.). Damit richtet sich die Intervention gezielt an Jugendliche, die traumatologisch spezifisches Verhalten wie bspw. Aggressivität, Lethargie, Stressreaktionen, Intrusionen, Flashbacks oder auch Substanzmissbrauch zeigen – sofern nicht ohnehin eine relevante Diagnose vorliegt. Bei einer möglichen künftigen Evaluation des Rhythmusworkshops kommt diesen Auswahlkriterien eine wesentliche Bedeutung zu, deshalb sollte in diesem Fall auch mit den GruppenleiterInnen und/oder BezugsbetreuerInnen Kontakt aufgenommen werden um zu eruieren, für wen der Rhythmusworkshop möglicherweise gut geeignet wäre. Die auf diese Weise erarbeitete Intervention wurde zwischen Ende September 2017 und Januar 2018 in Form eines wöchentlich stattfindenden Rhythmusworkshops mit einer Gruppe stationär betreuter Jugendlicher des Campus Christophorus Jugendwerk fortlaufend durchgeführt. Sie verfolgt dezidiert intrapsychische und soziale traumapädagogische Ziele auf Basis von Erkenntnissen aus Sozialer Arbeit, Traumatologie und -pädagogik sowie Musikpsycho- und -physiologie, welche im Folgenden integriert hergeleitet werden. Der Workshop nutzt dabei rhythmisches Musizieren in der Gruppe als niedrigschwellige Methode zur Zielerreichung. Der hier verwendete Musikbegriff geht davon aus, „dass jeder Mensch in der Lage ist, Musik für sich zu erleben und sich auch musikalisch (…) ausdrücken kann (…) Die Ursprünglichkeit des Umgangs mit Musik (…) trotz unterschiedlicher Begabungen (…) ist ein entscheidender Unterschied [musikalischer Sozialen Arbeit] gegenüber der Schulmusik“ (Jank 2015, 483). Die Größe der Gruppe ist für die Erreichung der gesteckten Ziele von Relevanz und mit vier bis sechs Teilnehmenden optimal, da eine zu kleine Gruppe (ca. zwei bis drei Teilnehmende) den musikalischen Spielprozess und die Gruppendynamik nicht voll ausbilden können (vgl. Ding 2013, 209). Ein Gruppe von mehr als sechs Jugendlichen mit gewalterfahrungs- oder traumaspezifischem Verhalten wird wiederum nur schwer im Sinne der traumapädagogischen Ziele stabilisierbar sein. Das Angebot ist konzipiert für alle in der Anschlusshilfe (§ 34 SGB VIII) lebenden Jugendlichen, da insbesondere für die Bezie- 40 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention hungs- und Vertrauensarbeit sowie für das Entstehen einer tragfähigen Gruppendynamik eine Kontinuität der TeilnehmerInnen erforderlich ist. Der Bereich Inobhutnahme nach § 42(a) SGB VIII eignet sich insofern nur bedingt dafür, da er naturgemäß von einer unter diesen Gesichtspunkten zu hohen Fluktuation der BewohnerInnen geprägt ist. Sowohl konzeptionell als auch hinsichtlich der Anwerbung für die Teilnahme wird dabei innerhalb der Anschlusshilfe bewusst nicht zwischen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten (UMG) und deutschen Jugendlichen unterschieden. Der Rhythmusworkshop stellt konzeptionell einen nonverbalen traumapädagogischen Kommunikations-, Interaktions- und Beziehungsraum in der Alltagswelt dar und ist deshalb von etwaigen Sprachbarrieren unberührt, somit also für beide Gruppen gleichermaßen geeignet. Die Auswahl der Instrumente ist auf Naturfell- und Percussioninstrumente beschränkt, die alle mit bloßer Hand gespielt werden können, da ein niedrigschwelliger, natürlicher und intuitiver Zugang zu den Instrumenten gewährleistet werden soll (s. Kap. 2.3). Es ist wichtig, im musikalischen Selbstausdruck und in der musikalischen Interaktion ohne ‚Bindeglieder‘ zwischen Mensch und Instrument wie Sticks, Elektronik oder Vorwissen bzw. Einweisung auszukommen. Vielmehr soll eine intuitive, minimalistische und genau dadurch essentielle Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung gestellt werden. Die verwendeten Instrumente sind deshalb zwei Djemben und zwei aufgeständerte Congas mit jeweils unterschiedlichen Felldurchmessern, zwei Paar Bongos, eine Cajon, eine Darbuka, ein Tamburin und ein Guiro sowie jeweils ein Paar Klangstäbe, Maracas und White Shakers. Ergänzt wird das Set durch acht Boomwhackers und eine Klangschale. Um die Erreichung der traumapädagogischen Ziele des Musizierens in der Gruppe, wie u. a. nonverbale musikalische Kommunikation und (Co-)Regulierung zu ermöglichen, basiert der Rhythmusworkshop auf dem musikalischen Prinzip der Improvisation: „The greater part by far of musical improvisation is an explicitly social activity, 41 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention where performers creatively interact and [nonverbally] communicate with each other“ (Brattico/Tervaniemi 2006, 311). 3.1 Zielsetzung des Rhythmusworkshops Der Rhythmusworkshop ist grundsätzlich konzipiert, um die (Selbst-) Heilungs- sowie persönlichen Stabilisierungs- und Regulationsressourcen von Jugendlichen zu stärken bzw. wiederherzustellen, deren Biographien von Gewalterfahrungen und/oder Traumatisierungen geprägt sind. In der stationären Kinder- und Jugendhilfe leben besonders viele diesbezüglich bedürftige Jugendliche (vgl. Gstättner/Kohl 2015, 55; Gahleitner 2013, 47; Kap. 2.1), weshalb sich die Intervention zunächst grundsätzlich an alle in der stationären Kinder- und Jugendhilfe bzw. im konkreten Fall der Praxiserprobung im Campus Christophorus Jugendwerk lebenden Jugendlichen richtet(e). Die Verortung dieser im sozialen Nahraum der jeweiligen Einrichtung ist dabei unter Gesichtspunkten milieutherapeutischer, lebensweltlicher und traumapädagogischer Sozialer Arbeit (s. Kap. 2.1) sinnvoll. Das Vorhandensein einer einschlägigen Diagnose wie bspw. PTBS o. ä. stellt dabei in keiner Weise eine Zugangsvoraussetzung dar, es werden bewusst auch Jugendliche außerhalb einer psychiatrisch-diagnostischen Bewertung angesprochen und einbezogen. Die Ziele beziehen sich implizit auf die in Kap. 2.1.1 ff. formulierten wesentlichen Ressourcen traumapädagogischen Arbeitens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, operationalisieren diese jedoch unter Gesichtspunkten der Wirksamkeit von Musik und Musizieren, sodass eine im Vergleich zu Kap. 2.1.1 ff. abgewandelte Strukturierung der Zielsetzung erforderlich ist. Obwohl in der praktischen Umsetzung im Campus Christophorus Jugendwerk ausschließlich männliche Jugendliche teilnahmen, ist aufgrund der intendierten Universalisierbarkeit weiterhin von TeilnehmerInnen die Rede. 42 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention 3.1.1 Sicheren Ort schaffen Das Kreieren eines Sicheren Ortes ist eines der Ziele, die für traumapädagogisches Arbeiten grundsätzlich gelten und somit auch mit dem Rhythmusworkshop erreicht werden sollen. Als ein regelmäßig zur Verfügung stehender äußerer Sicherer Ort soll der Rhythmusworkshop dabei den Weg zu einem inneren Sicheren Ort erleichtern, sodass für die Jugendlichen eine dementsprechende inhaltliche, strukturelle und atmosphärische Ausgestaltung des Rhythmusworkshops wichtig ist (vgl. u. a. ‚entlasteter Raum‘; Thiersch/Grunwald 2011, 860). Sie suchen nach Zuständen und Situationen, die möglichst arm an agitierenden Reizen ist, da es für sie im Rahmen einer möglicherweise dysfunktionalen Neurozeption schwierig ist, sichere und unsichere Situationen klar voneinander abzugrenzen und adäquat darauf zu reagieren. Rhythmisches Musizieren ermöglicht es jedoch als körperbetonte musikalische Aktivität im Rahmen des Bottom-up-Ansatzes (s. Kap. 2.2) über einen körperlichen Zugang ein Gefühl der Sicherheit vermittelt zu bekommen, da „das Empfinden von Sicherheit vom autonomen Zustand abhängt und (…) Signale für Sicherheit helfen, das ANS [autonomes Nervensystem] zu beruhigen“ (Porges 2017, 27). Dazu gehört neben der Körperempfindung, dass Rhythmus und Metrik zentrale Bestandteile der Prosodie sind (s. Kap. 2.3) und Trommeln damit einerseits verbaler Kommunikation ähnlich ist, und andererseits trotzdem eine nonverbale soziale Kommunikationsform darstellt, die es den TeilnehmerInnen ermöglicht, sehr einfach miteinander in Kontakt zu treten. In entsprechenden Studien konnte bspw. beobachtet werden, wie traumatisierte Geflüchtete sehr unterschiedlicher Herkunft trotz vorhandener Sprachunterschiede innerhalb von Minuten gemeinsam musizieren konnten (vgl. Bensimon et al. 2008, 36). Somit ist Sicherheit durch das Wahrnehmen von Gemeinschaft in Form von sozialer Eingebundenheit und Gruppenzugehörigkeit vermittelbar. Im Rahmen der Co-Regulation innerhalb von Beziehungen haben 43 Zielsetzung des Rhythmusworkshops körperliche und vom autonomen Nervensystem verarbeitete Empfindungen eine vermittelnde Funktion, die die Reaktionen der Interaktionspartner wechselseitig beeinflusst. Denn es ist eine „biologische Notwendigkeit (…), mit anderen Menschen verbunden zu sein und gemeinsam mit ihnen die Fähigkeit zur Co-Regulation zu entwickeln. Wir erleben diese Notwendigkeit als eine uns inhärente Suche nach Sicherheit, die nur durch soziale Beziehungen, in denen wir Verhalten und Physiologie gemeinsam regulieren, zum Erfolg führen kann“ (Porges 2017, 28). Darüber hinaus ist das Ziel des Sicheren Ortes an Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit des Rhythmusworkshops gekoppelt. Es ist wichtig, dass der wöchentliche Termin eine feste und verlässliche Größe in der Alltags- und Wochenstruktur ist und die Jugendlichen fest damit rechnen können. In diesem Sinne ist der Rhythmusworkshop auch als eine Art Ritual zu denken, welches immer und in gleicher Form wiederkehrt und in dem alle Beteiligten ihren festen Platz haben. 3.1.2 Entspannung ermöglichen und fördern Ein weiteres, vor dem Hintergrund der Traumapädagogik definiertes Ziel ist die regelmäßige und wirksame Ermöglichung und Förderung von Entspannung im Rahmen des Rhythmusworkshops. Rhythmisches Musizieren in der Gruppe hat nachweislich eine entspannende Wirkung auf Körper und Psyche. Insbesondere soziale Rückbindung und Kohäsion innerhalb der Gruppe wirken beruhigend und entspannend, denn: „[R]esearchers argue that the benefits of musical activites include: mood improvement, self expression, catharsis, facilitating grieving, relaxation, reflection, socialization, community building, [and] stress reduction“ (Garrido et al. 2015, 2). Ebenfalls 44 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention argumentiert Kreutz (vgl. 2011, 562), dass die Verarbeitung musikalischer Stimuli entspannend wirkt. Daher ist eine derartige Wirkung durch das gemeinsame Musizieren im Rahmen des Rhythmusworkshops zu erwarten. Dies speziell beim gemeinsamen Trommeln auf Naturfellinstrumenten: „Die Trommel wirft den inneren Rhythmus (…) spiegelbildlich zurück, sowohl in akustischer Schwingung, als auch in spürbarer Schwingung des Fells. Je mehr die Hände ihr Gleichmaß finden, desto ausgeglichener wird der innere Rhythmus“ (Ding 2013, 208). Gleichzeitig verlagert konzentriertes Trommeln auch den gedanklichen Fokus. Trommeln „demands concentration and targeted exertion, and it hardly leaves room for other thoughts and anxiety (…) To play music together and to communicate intuitively is essential to experience contact with others“ (Orth 2005, 8). Ebenfalls ist eine mögliche ‚Trennung‘ vom eigenen Körper(-gefühl) infolge einer Traumatisierung durch körperbetonte Aktivitäten partiell auflösbar (vgl. Weiß 2013, 179), zu denen auch Trommeln zu zählen ist. Eine Rückbindung an den sowie Wiederentdeckung des eigenen Körper/s ist in diesem Zusammenhang eine große Entlastung (Bottom-Up-Ansatz, s. Kap. 2.2). Eingebunden in ein traumapädagogisches und milieutherapeutisches Gesamtkonzept, in dem Sicherheit und Stabilisierung fest verankert sind, lässt sich so das Potential des Rhythmusworkshops voll entfalten. Dabei geht es nicht nur um das Herstellen von Ausgeglichenheit durch Rhythmus, sondern auch um Spannungsabbau. Bensimon (et al. 2008) beforschte diesbezüglich gemeinsames Trommeln von unter PTBS leidenden Soldaten auf Naturfellinstrumenten und erhielt eindeutige Aussagen in Interviews: „Group drumming (…) releases tension. You beat the drum like crazy and discharge lots of energy. You make a noise and then you feel a sense of relief “ (ebd. 41). Hinzu kommt die in Kap. 2.3 ausgeführte soziale Bindungskomponente der Musik, sodass die Zielsetzung der Entspannung, ergänzt durch den nonverbalen Aufbau sozialer Beziehungen und Einbettung, gerechtfertigt ist. 45 Zielsetzung des Rhythmusworkshops 3.1.3 Selbstwirksamkeitsgefühl (wieder-)herstellen und steigern „Clients can express through music feelings otherwise not expressible. (…) An awareness of others and the relation to them are constantly required to feel at ease and supported in the process of achieving a musical expression“ (Orth 2005, 9). Der Verlust von Selbstwirksamkeit ist Wesenszug sowohl eines gewalthaltigen oder traumatisierenden Ereignisses als auch von dessen Folgen (s. Kap. 2.1/2.2). Insofern kommen Interventionen in Zusammenhang mit Trauma und Gewalterfahrung ohne den Aspekt der Selbstwirksamkeit und -bemächtigung nicht aus. Dies gilt auch für den Rhythmusworkshop, denn Musizieren, speziell Trommeln, bietet hier einen besonders effektiven Weg. Durch das einfache Schlagen, Berühren oder auch nur ‚Streicheln‘ des Fells bspw. einer Djembe mit den Fingern oder der ganzen Hand ist ein direkter und unmittelbarer akustischer bzw. musikalischer Effekt verbunden, der die Bewegung, die auf dem Schlagfell ausgeführt wurde, exakt wiedergibt. Bei einem guten, d. h. responsiven und fein ansprechenden Instrument gilt das nahezu für jede noch so kleine dynamische Berührung, die sofort und präzise in Klang und, bei entsprechender Lautstärke, nicht nur akustisch sondern auch körperlich wahrnehmbare Vibration umgewandelt wird. Der Kern von Selbstwirksamkeit wird also durch das Spielen eines Naturfellinstruments strukturell, symbolisch, aber eben auch ganz konkret spür- und erfahrbar auf eine Weise auf den Punkt gebracht, wie es nur wenige Methoden ermöglichen: „I mainly liked playing the drums with open palms and it was so empowering!!! (sic!) I was drumming like crazy while unloading loads of energy. I went out of here empowered“ (Bensimon et al. 2008, 41). Dieser Effekt verstärkt sich, wenn mehrere Menschen gemeinsam trommeln. Der/die Einzelne sendet nicht nur akustische Ergebnisse der eigenen Selbstwirksamkeit aus, sondern empfängt und verarbeitet auch jene der anderen. Dies wiederum führt zur wechselseitigen 46 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention Beeinflussung der jeweiligen musikalischen Phrasen (bspw. in Form von Gleichklang, Call-and-Response o. ä.) und damit unmittelbar zu nonverbaler Kommunikation durch Musik auf Basis individueller Eigenständigkeit und selbstbemächtigter musikalischer ‚Sprachfähigkeit‘. Im Ergebnis entsteht eine gemeinsame soziale Musikkreation – gemeinsames Musizieren ist somit Beziehungsarbeit. Im traumapädagogischen bzw. milieutherapeutischen Setting aktiviert gemeinsame „Improvisation (…) emotionales Erleben und ermöglicht ein Probehandeln auf musikalischer Ebene“ (Plahl 2011, 645). Probehandeln (vgl. van der Kolk 2014, 349; Kap. 2.1) bedeutet hier auch ein Herantasten an Eigenständigkeit, Selbstwert, Selbstwirksamkeit und -kontrolle: „(…) group members learned how to control their feelings by controlling rhythm, volume, tempo, and timbre of the drums. As they took control of the drums, they actually took control of themselves“ (Bensimon et al. 2008, 45). Daher stellt Trommeln eine traumapädagogische Methode auch zur Förderung von Selbstwirksamkeit dar, welche dem Rhythmusworkshop somit zum Ziel gesetzt wird. 3.1.4 Aggressivität und aggressives Verhalten verringern Aggression und Aggressivität sind Zeichen innerer Spannung (vgl. Ding 2013, 209) und gerade im traumapädagogischen Kontext relevant (s. Kap. 2.1). Die Gefahr einer Traumatisierung steigt mit dem Mangel an Möglichkeiten, die im Moment des Schreckens zum Zwecke der Verteidigung oder Flucht freigesetzte körperliche Energie währenddessen oder kurz nach dem Ereignis physisch abzuleiten und somit abzubauen (bspw. durch Zittern, Weinen o. ä.; vgl. Levine 2010, 32 ff.). Wie gezeigt wurde (s. Kap. 2.1), rühren u. a. Übererregung und Aggressivität als typische Traumafolgestörungen genau daher. Die Energie ist schlichtweg noch im Körper in Form einer gro- ßen inneren (An-)Spannung. 47 Zielsetzung des Rhythmusworkshops Ein weiteres Ziel des Rhythmusworkshops ist somit, Aggressionen bei den Jugendlichen zu vermindern durch ‚Ableitung‘ dieser inneren Anspannung mittels des körperbetonten Trommelns. Die Nutzung von Trommeln zu diesem Zweck steht in einer sehr langen Tradition. Bereits Heilrituale bspw. in Nordafrika oder Teilen Asiens nutzten insbesondere das Kraft- und Lautstärkepotential der Naturfellinstrumente zum Abbau von Aggressionen, wenn die Gruppe bis zu einem Forte-Fortissimo (fff) vordrang. Der/die Trommelnde „sublimates his or her aggression and experiences psychophysiological relief. Playing fff requires long and harsh arm movements. Thereby, it releases physical energy as a vent for anger enabling the client and enabling an continual ‚rage of sounds‘“ (Bensimon et al. 2008, 44). Gleichzeitig ist auch dies im Rahmen des Rhythmusworkshops kein ausschließlich individueller Prozess, denn „interindividual emotional states become more homogeneous (e. g. reducing anger in one individual and depression or anxiety in another), thus promoting interindividual understanding and decreasing conflicts“ (Koelsch 2010, 132). Ziel ist also, das Aggressionspotential Einzelner durch Angleichung des physiologischen und emotionalen Zustands an jenen der anderen Gruppenmitglieder zu senken (i. e. Co-Regulierung; vgl. Porges 2017, 28) – durch gleichen Rhythmus, gleichen Beat, gleichen (musikalischen) Puls – durch ‚Gleichklang‘. 3.1.5 Kooperations- und Partizipationsbereitschaft (wieder-)herstellen und steigern Schließlich soll regelmäßiges und gemeinsames Trommeln auch im Sinne der Kooperation und Partizipation zu jenem nonverbalen „Probehandeln“ (Plahl 2011, 645) werden, welches für das langsame Wieder- 48 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention Herantasten an das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit und Position, in die Gruppe und in andere Menschen generell erforderlich ist. Aus traumapädagogischer Sicht ist dies unerlässlich, da Jugendliche vor allem dann eine positive Motivation ausbilden, wenn sie im Rahmen partizipativer Prozesse „Erfahrungen auf folgenden drei Gebieten machen: Erleben von Autonomie (…) Kompetenz (…) [und] Zugehörigkeit“ (Lang et al. 2011, 6). Das aktive gemeinsame Erleben von Musik kann somit als ein „Laboratorium begriffen werden, in dem man unbeschadet soziale Fantasien begreifen, erlernen und neu gestalten kann“ (Jank 2015, 483). Das Trommeln in der Gruppe im Improvisationsmodus verlangt gleichzeitig Entstehung, Wahrnehmung und Umsetzung eigener musikalischer Ideen als Ausdruck des eigenen Empfindens sowie Zuhören, Verstehen und Eingehen auf jene anderer SpielerInnen. Im Ergebnis steht ein gemeinsamer, integrierter und nonverbal ‚abgestimmter‘ Klang, zu dem jede/r TeilnehmerIn genau das und genau so viel beiträgt, wie er/sie möchte. Hier findet ebenjene nonverbale soziale Probehandlung der Kommunikation und Partizipation statt, die im Kontext von Gewalterfahrung und Traumatisierung beeinträchtigt bzw. gehemmt wird (s. Kap. 2.1) und somit Ziel traumapädagogischer Interventionen ist: „People can learn to control and change their behaviour, but only if they feel safe enough to experiment with new solutions“ (van der Kolk 2014, 349). Vor dem Hintergrund etwaiger ähnlicher traumatischer Erfahrungen der TeilnehmerInnen und einem daraus potentiell folgenden wechselseitigen Grundverständnisses sowie im Rahmen der physischen und sozialen Sicherheit des Rhythmusworkshops ist dieses Ziel folglich sowohl sinnvoll als auch realistisch: Während Musikinterventionen mit jungen Überlebenden der „„Black Saturday“ fires in Victoria, (…) participants indicated that playing music with others who had been through similar experiences and who understood them, was important“ (Garrido et al. 2015, 2). Die sozial verbindende Wirkung 49 Zielsetzung des Rhythmusworkshops des Musizierens (s. Kap. 2.3) vor dem Hintergrund vergleichbarer Erfahrungen kann in diesem Setting seine volle Wirkung entfalten, denn „engaging in cooperative behaviour is an important potential source of pleasure (…) and (…) as an effect, music leads to increased social cohesion“ (Koelsch 2010, 132). Gerade das Empfinden von (Spiel-)Freude ist hier sehr wichtig, da sie eine zunächst ggf. ablehnende Haltung aufzuweichen vermag und sowohl eine höhere Bereitschaft, Vertrauen zu fassen, sich zu öffnen und nonverbal ‚mitzuteilen‘ als auch eine Identifikation mit der Gruppe begünstigt. Auch die PTBS-Studie von Bensimon (et al. 2008) bestätigte in diesem Zusammenhang den Rückgang entsprechender Symptome durch das Trommeln in Form von „increased sense of openness, togetherness, belonging, sharing, closeness connectedness and intimacy“ (ebd. 34) – eine Steigerung der Kooperations- und Partizipationsbereitschaft durch den Rhythmusworkshop ist somit zu erwarten und als Zielsetzung legitim. 3.2 Aufbau und Struktur des Rhythmusworkshops 3.2.1 Zeitliche Struktur Für die TeilnehmerInnen ist wichtig, dass der wöchentliche Termin einerseits transparent kommuniziert und andererseits zuverlässig vom dem/r verantwortlichen BetreuerIn durchgeführt wird. Dem Rhythmusworkshop muss deshalb in der institutionellen Wochenund Tagesplanung eine entsprechende Priorität eingeräumt werden und wiederholtes und/oder kurzfristiges Absagen sowie das ‚Opfern‘ des Termins für vermeintlich wichtigere Aktionen ist zu vermeiden. Die Jugendlichen müssen sich auf das Stattfinden des Rhythmusworkshops verlassen können. 50 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention Als Zeitpunkt eignet sich der Abend eines Wochentages nach dem Abendessen. Wochenenden empfehlen sich aufgrund von Wochenendheimfahrten Einzelner sowie eines grundsätzlich tendenziell freizeitpädagogisch orientierten Programms nicht, da Ausflüge etc. die genannte Regelmäßigkeit des Rhythmusworkshops gefährden könnten. Wochentags haben Jugendliche in der stationären Kinder- und Jugendhilfe in aller Regel einen ausgefüllten Tagesplan mit ihrer jeweiligen Beschulungsform, praktischer Ausbildung, Hausaufgabenbetreuung, Sportkursen u. ä. Daher ist die Zeit nach dem Abendessen die Phase des Tages, in der langsam Ruhe einkehrt und jede/r Zeit zur freien Verfügung hat. Zur Erreichung der traumapädagogischen Ziele des Rhythmusworkshops ist Zeitdruck in Durchführung und Wirkung hinderlich, bspw. in Form etwaiger weiterer Veranstaltungen oder Terminen nach dem Rhythmusworkshop. Deshalb ist die Abendphase für den Rhythmusworkshop als letztem ‚Programmpunkt‘ des Tages die adäquate Zeit: 19:00 Uhr, nach allen Terminen, nach getaner Arbeit und ohne Verpflichtungen danach. Der Rhythmusworkshop ist dabei selbstverständlich nicht verpflichtend sondern stellt ein Angebot zur freiwilligen Teilnahme dar. Für die Dauer des Rhythmusworkshops sind ca. 60 Minuten angesetzt, da genügend Zeit vorhanden sein sollte für die Ankommens-, Auflockerungs- und Aufwärmphase, für die Phase des intensiven Musizierens sowie für Ausklang und Abschluss. Gleichzeitig ist es wichtig, Effekte der musikalischen, kreativen, emotionalen und sozialen Ermüdung durch zu langes Spielen zu vermeiden, was ab 60 bis 90 Minuten und länger zu erwarten ist. Eigene Erfahrungen mit musikalisch improvisierenden Jugendgruppen auch außerhalb des dezidiert traumapädagogischen Kontextes (bspw. Musikprojekttage im Campus Christophorus Jugendwerk) zeigen, dass nach 60 Minuten sowohl Gruppenenergie als auch Spieldynamik in aller Regel den Höhepunkt überschritten haben. Es ist dann besser, den Workshop zu beenden als ein möglicherweise gelangweiltes Weiterspielen zu 51 Aufbau und Struktur des Rhythmusworkshops riskieren, unter dessen Eindruck der Workshop dann enden würde. 60 Minuten sind ein gutes Maß, in Ausnahmefällen und bei entsprechender Dynamik kann, behutsam und die Spielenergie im Blick behaltend, verlängert werden. Die Frage, über welchen Zeitraum hinweg der Rhythmusworkshop grundsätzlich durchgeführt werden sollte, lässt sich aus zweierlei Blickwinkeln betrachten: Geht es im Kern um die Implementierung der traumapädagogischen Intervention in der Alltagswelt einer stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung, so ist es sinnvoll, den Rhythmusworkshop als festen Bestandteil des Lebens und Arbeitens in der entsprechenden Einrichtung zu etablieren. Soll darüber hinaus die Wirksamkeit des Rhythmusworkshops hinsichtlich der Erreichung der formulierten Ziele wissenschaftlich überprüft und evaluiert werden, so ist dafür zunächst eine Zeitspanne von etwa acht bis zehn Wochen zu wählen. 3.2.2 Gestaltung des (Sicheren) Orts Die Gestaltung des Raumes, in dem der Rhythmusworkshop stattfindet, trägt als atmosphärischer Aspekt wesentlich zu Entspannung, Beruhigung, Wohlbefinden und Kreativität bei (s. Kap. 2.1.1). Der Fachverband Traumapädagogik ist bzgl. einer traumapädagogischen Raumgestaltung sehr spezifisch und orientiert diese an der jeweils intendierten Wirkung (vgl. Lang et al. 2011, 16 f.). Somit soll auch der Raum des Rhythmusworkshops folgende Botschaften vermitteln: „Du bist wertvoll (…) Hier sollst Du Dich wohlfühlen. (…) Hier bist Du sicher. Hier wirst Du gestärkt, gefördert. (…) Hier ist ein heiler, heilsamer Platz.“ (ebd. 16). Ideal sind also freundliche Farben in der Raumgestaltung, große Fensterflächen für natürliche Lichtverhältnisse und eine ausreichende Größe des Raumes, um ein Gefühl der Beengung zu vermeiden. Grundsätzlich sind 52 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention „Größe der Räumlichkeiten, Farbgestaltung, Beleuchtung (…) entsprechend ihrer Wirkungen auf die Bedarfe der BewohnerInnen (…) abzustimmen. Dabei ist besonders auf (…) Möglichkeiten der Anregung und Motivation ebenso wie Entspannung und Ausagieren zu achten“ (ebd. 17). Eine minimalistische Möblierung ist empfehlenswert, da lediglich Sitzgelegenheiten und ggf. ein kleiner Tisch wirklich notwendig sind. Die Stühle/Sessel/Zweiersitzguppen werden kreisförmig um den Tisch platziert, auf dem die verschiedenen kleineren Schlag- und Percussioninstrumente liegen. Darüber hinaus stehen die beiden Djemben neben dem Tisch auf dem Boden, während die beiden Congas aufgeständert zwischen zwei Stühlen stehen, da diese stehend zu spielen sind. Es bildet sich also ein einladender Kreis aus bequemen Sitzgelegenheiten und größeren Instrumenten mit einem Fundus kleinerer Instrumente in dessen Zentrum, denn es ist auch der „äußere Aufbau für das Entstehen einer positiven Atmosphäre, das Setting, (…) entscheidend. (…) Die kreisförmige Anordnung der Instrumente begünstigt den gruppendynamischen Prozess“ (Ding 2013, 210). Nachdem es – abhängig von der Jahreszeit – um 19:00 Uhr ggf. dämmert oder schon dunkel ist und durch die großen Fenster auch der Raum dunkler wird, lässt sich durch entsprechende Beleuchtung eine beruhigende und kreative Atmosphäre schaffen. Erfahrungsgemäß erzeugen Lavalampen inmitten der Instrumente auf dem zentralen Tisch oder indirekt beleuchtende Stehlampen mit Dimmfunktion ein angenehmes Licht. Es geht darum, den natürlichen Lichtverhältnissen dieser Tageszeit und damit auch der Stimmung des zu Ende gehenden Tages zu folgen und dieser kein grelles oder kaltes künstliches Licht entgegenzusetzen. Vielmehr soll mittels behutsamer Beleuchtung der Abend als solcher wirken können und ein einladender, ‚warmer‘, gemütlicher und entspannter Ort entstehen, an dem man sich leicht wohlfühlen kann. 53 Aufbau und Struktur des Rhythmusworkshops Darüber hinaus ist sicherzustellen, dass Ort und Umfeld des Rhythmusworkshops auch tatsächlich als sicher wahrgenommen werden, d. h. Störungen durch nicht teilnehmende Personen sollten nach Möglichkeit ausgeschlossen werden können. Insofern ist der Rhythmusworkshop auch mit anderen diensthabenden KollegInnen und möglichen parallelen Gruppenaktivitäten abzustimmen. Auf diese Weise kann der Rhythmusworkshop als Sicherer Ort auch von außen geschützt werden. Weiterhin ist es wichtig, dass innerhalb der Gruppe der TeilnehmerInnen alltägliche Konflikte aus dem regulären Gruppenleben so gut es geht vermieden werden, damit die gemeinsame musikalische Zeit nicht als stressig, sondern als wohltuend empfunden wird. 3.2.3 Ablauf und Agenda des Rhythmusworkshops Es ist darauf zu achten, dass die einzelnen Rhythmusworkshop einer gleichbleibenden Agenda folgen und damit einschätzbar und vorhersehbar sind, was aus traumapädagogischer Sicht im Sinne haltgebender Strukturen und in den Alltag eingebetteter Rituale von Bedeutung ist (vgl. Lang et al. 2011, 12). Daher sollten alle Termine des Rhythmusworkshops grundsätzlich folgenden Ablauf haben: I. Ankommen, Auflockern, Aufwärmen: Die Jugendlichen kommen in den vorbereiteten Raum und alle Instrumente liegen oder stehen einladend da. Jede/r kann sich das Instrument nehmen, welches ihn/ sie in dem Moment am meisten anspricht, sei es eine relativ tief klingende Conga oder Djembe (Grundbeat) oder eines der höher klingenden Instrumente wie Darbuka, Bongo, Tambourin o. ä. (höherfrequentes Anreichern des Beats). Gibt man entsprechenden Raum, so beginnen die TeilnehmerInnen sehr wahrscheinlich unvermittelt, die Instrumente in die Hände zu nehmen, auszuprobieren und zu 54 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention spielen. Nicht selten beginnen damit die ersten Improvisationen ‚von selbst‘. Der musikalische Kommunikationsprozess findet in diesem Falle direkt statt und es ist durchaus möglich, dass sich die Gruppe bereits musikalisch findet und der erste gemeinsame Rhythmus entsteht. Wenn dies geschieht, ist dem durch den/die BetreuerIn unbedingt Raum zu geben, man spielt einfach mit. Bleibt die Gruppe eher zurückhaltend, kann der/die BetreuerIn einen einfachen und zugänglichen Grundbeat vorgeben. Auf diesen können die Jugendlichen ‚einsteigen‘ und die Gruppe kann sich anhand dessen gut auflockern und aufwärmen. „Nicht nur der äußere Aufbau trägt zu einer angstfreien Atmosphäre bei. Auch die von uns Erwachsenen gespielten einfachen klaren Rhythmen sind ein wichtiger, Struktur und Halt gebender Aspekt“ (Ding 2013, 217). Grundsätzlich empfiehlt sich zu Beginn also eher ein langsamer und entspannter Rhythmus, damit die Gruppe sich ‚finden‘ kann. II. Intensives Musizieren: Ab einem gewissen Zeitpunkt, der nicht festlegbar ist sondern dynamisch erspürt werden muss, kommt die Gruppe regelmäßig in einen stabilen rhythmischen Zustand, der sich über eine längere Zeit hält. Das bedeutet, dass die Jugendlichen und der/die BetreuerIn einen gemeinsamen Groove spielen und diesen teilweise über 15 Minuten halten – mit leichten Abwandlungen und Improvisationen, je nach dem, wie sehr sich jemand selbstwirksam vom Fundament des Grundbeats zu lösen traut. In dieser Phase, in der alle in der Situation angekommen und warm gespielt sind, geht es darum, den Groove möglichst lange lebendig, gemeinsam und intensiv zu halten. Insbesondere hier kommen die Körperlichkeit, die Gemeinschaft, die nonverbale kommunikative Verbundenheit sowie die mentale und emotionale Fokussierung auf das Körperempfinden traumapädagogisch zur Wirkung. Aus musikalischer Sicht ist diese Phase sehr variabel, es kann langsam, schnell, unisono, polyphon, mono- oder polyrhythmisch, laut oder leise und alles 55 Aufbau und Struktur des Rhythmusworkshops dazwischen werden. Wichtig ist, die Führung, wann auch immer es geht, der Gruppe zu überlassen. Für den/die BetreuerIn kann diese Phase also sowohl sich einordnen und einfach mitspielen bedeuten als auch, im Bedarfsfall, führen und rhythmisch stabilisieren. Diese Phase ist insgesamt mit ca. 30–40 Minuten anzusetzen. III. Ausklang und Abschluss: Nach dem ausführlichen Musizieren sinkt erwartungsgemäß das Energieniveau der Gruppe, die Jugendlichen sind kreativ und körperlich erschöpft oder der Fokus der Jugendlichen verändert sich. Wenn dem so ist, dann sollte das Spielen nicht unnötig in die Länge gezogen werden, allerdings sollte man es auch nicht abrupt abbrechen. Deshalb wird der gemeinsame Groove unter Anleitung des/der BetreuerIn im Rahmen von weiteren ca. 5–10 Minuten in ein Ritardando überführt und klingt schließlich aus – der lang anhaltende und den Raum erfüllende Ton einer zwei- bis dreimal und mit recht großem zeitlichen Abstand angeschlagenen Klangschale eignet sich gut als alle nochmals fokussierender Schlusspunkt. Zusammenfassend findet also nur in der Anfangs- und der Endphase wirkliche musikalische Anleitung statt bzw. während des improvisierten Mittelteils nur dann, wenn der Groove auseinanderzufallen droht. Dies gilt prinzipiell auch für den unwahrscheinlichen Fall, dass alle Jugendlichen komplette Neulinge im Musizieren sind. Auf Basis musikalisch-didaktischer Kompetenz der betreuenden Person lassen sich immer Rhythmen finden, die einfach genug strukturiert sind, um allen einen Zugang zu ermöglichen. Außerdem kann man bei Bedarf Einzelnen sehr einfache Schläge zeigen, die dennoch gut zu einem komplexeren Gesamtgroove passen. 56 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention 3.2.4 Professionelle Haltung im Rhythmusworkshop Für den/die BetreuerIn ergeben sich im Rahmen des Rhythmusworkshops mit gewalterfahrenen und/oder traumatisierten Jugendlichen besondere fachliche Anforderungen, die zu erfüllen sind. Neben der bereits beschriebenen zugewandten, empathischen und verstehenden inneren Haltung (s. Kap. 2.1) sind auch (krisen-)interventive Fertigkeiten erforderlich, denn: In der musikbasierten traumapädagogischen Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe können Über- oder Untererregung, Dissoziation, Aggression oder andere Symptome plötzlich auftreten. Musik ist Bestandteil der Neurozeption sowohl der Sicherheit als auch der Gefahr und kann bei entsprechend negativer emotionaler Bewertung oder Erinnerungsqualität gewisser Klänge durchaus dissoziativ als Trigger wirken und Aggressionen, Wutausbrüche und Intrusionen etc. auslösen (s. Kap. 2.3). Bzgl. derartiger Reaktionen untersuchte Cloitre (et al. 2010) die Wirksamkeit einer Therapieform zur Steigerung der emotionalen Selbstregulationsfähigkeiten (i. e. Skills Training in Affect and Interpersonal Regulation; STAIRS) auf den Verlauf von PTBS-Symptomen bei im Kindesalter durch sexuelle und/oder emotionale Gewalt chronisch traumatisierten erwachsenen Frauen (vgl. ebd. 915 ff.). Als ‚Skills‘ werden in diesem Zusammenhang Aktivitäten bezeichnet, mithilfe derer sich „extreme und unangenehme Gefühle besser ertragen und umleiten“ (Scherwath/Friedrich 2012, 150) lassen. Im Rahmen der Studie geschah dies vor dem Hintergrund, dass „Individuals with PTSD (…) typically experience substantial emotion regulation and interpersonal difficulties (…) Among the most functionally significant of emotion regulation problems are difficulties with anger management“ (Cloitre et al. 2010, 915 f.). Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass gestärkte Selbstregulationsfähigkeiten die Auswirkungen trauma- bzw. PTBS-induzierter Symptome wie bspw. Aggressivität langfristig verringern. 57 Aufbau und Struktur des Rhythmusworkshops Die Ergebnisse wiederum der PTBS-Studie von Bensimon (et al. 2008) belegen u. a., dass gemeinsames Trommeln traumatische Assoziationen auslösen kann, einen ‚outlet of rage‘ ermöglicht und dadurch Erleichterung, Befriedigung und Selbstermächtigung erzeugt – zusätzlich zur Förderung der Rückgewinnung von Selbstkontrolle und Selbstvertrauen (ebd. 46). Die Synthese beider Studienergebnisse begründet in Bezug auf den Rhythmusworkshop auch bei gewalterfahrenen oder traumatisierten Jugendlichen ohne explizite PTBS-Diagnose die Annahme, dass es im Rahmen gemeinsamen Trommelns zum Ausagieren von Spannung, Wut und Aggressionen – in kontrolliertem Rahmen und an den Instrumenten – kommen kann. Dadurch werden Selbstbemächtigung, Kontrolle und Selbstregulation in einem sicheren Rahmen funktional erfahr- und trainierbar (s. ‚Probehandeln‘) und können somit eine Grundlage bilden für ressourcenorientierte Selbstregulation in der Alltagswelt auch außerhalb des Rhythmusworkshops. Vor diesem Hintergrund geht es in der „Arbeit mit Gruppen von Menschen, die Traumareaktionen ausgebildet haben (…) darum, den Bezug zum Hier und Jetzt durchgehend aufrechtzuerhalten bzw. zu ermöglichen“ (Hantke/Görges 2012, 200). Der/die BetreuerIn trägt dabei zunächst durch eine ruhige, freundliche, annehmende und ermunternde Art und Ausstrahlung zur Entstehung des Sicheren Ortes maßgeblich und von Beginn an bei. Diese Haltung sollte über die gesamte Dauer des Rhythmusworkshops erhalten bleiben. Zu ergänzen ist diese um ein musikpädagogisches Fundament, das vergleichbar ist mit der „Annahme des guten Grundes“ (Lang et al. 2011, 5) aus der Traumapädagogik und der sich daraus ergebenden Verhaltensperspektive. Jeder Mensch kann Musik erleben, ist musikalisch, kann musizieren und sich mittels Musik auszudrücken lernen (vgl. Jank 2015, 483). Insofern sind keine fachlich-musikalischen Anforderungen zu stellen, sondern es ist wichtig, zu hören und wahrzunehmen, was die Jugendlichen selbst spielen oder ausprobieren – darauf 58 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention sollte der/die BetreuerIn mit eigener musikalischer Fachlichkeit und Fähigkeit reagieren. Dabei ist im Zweifelsfall Unterstützung zu geben durch das Zeigen von Schlägen, die einfach und trotzdem für den Gesamtklang wichtig, interessant und bereichernd sind. Auf diese Weise ist jede/r eingebunden und gleichwertige/r InteraktionspartnerIn. Kommt es durch oder im Rahmen des Trommelns zu Spannungsentladungen, Aggression, Triggern, Intrusionen bzw. Dissoziationen, so ist es auf Seiten der Professionellen wichtig, dies zu erwarten und davon nicht überrascht zu werden. Es kann im traumapädagogischen Kontext durchaus ein schmaler Grat sein zwischen Stabilität und einem plötzlichen ‚Ausbruch‘. „Ausgangslage hierfür ist zunächst einmal die Erkenntnis, dass Affekt- und Impulsdurchbrüche eine normale Traumafolgereaktion sein können“ (Scherwath/Friedrich 2012, 144). Es sind in einem solchen Fall eine entsprechende Reorientierung sowie Dissoziationsstopps in Form von das Social Engagement System aktivierender Ansprache, Atem- und Körperübungen, starken Sinnesreize etc. einzusetzen (vgl. ebd. 145 ff./157 ff.; Hantke/Görges 2012, 209 ff.). Konkret sollte der/die BetreuerIn während des Rhythmusworkshops die Jugendlichen grundsätzlich gut beobachten hinsichtlich Gestik, Mimik, Körperhaltung und -sprache sowie des Umgangs der Jugendlichen miteinander. Auch auf die Augen der Jugendlichen ist dabei zu achten, da sie möglicherweise in eine bestimmte Richtung wandern, defokussieren, starren oder rollen – dissoziative Zustände können sich auf diese Art ankündigen (vgl. Hantke/Görges 2012, 216). In Situationen, in denen Jugendliche stark dissoziiert wirken und bspw. erstarren, um sich schlagen, hysterisch schreien oder sich zu verstecken versuchen, sind Reorientierungsmaßnahmen etwa entlang des Stufenplans Kontaktaufnahme, Orientierung, Aktivierung und weitere Aktivierung, Selbst-Reorientierung, Aufklärung und Kontakt halten (vgl. Scherwath/Friedrich 2012, 157 f.) durchzuführen. Für die Gruppe ist in diesem Zusammenhang Transparenz darüber wichtig, wie derartige Reaktionen einzuordnen sind und was die- 59 Aufbau und Struktur des Rhythmusworkshops se „für die Verarbeitung und die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu bleiben, bedeuten“ (Hantke/Görges 2012, 201) können. Diese Transparenz wirkt traumapädagogisch psychoedukativ (vgl. Lang et al. 2011, 6 f.) und ist der Gruppenkohäsion zuträglich, weil Beteiligten u. a. dadurch sehr deutlich werden kann, dass es anderen ähnlich geht wie ihnen selbst. Gleichzeitig können solche Vorkommnisse bei nicht direkt beteiligten Jugendlichen Angst und Verunsicherung auslösen. Auch hier sind Einfühlsamkeit, Transparenz und Psychoedukation von Seiten der/des Betreuer(s)In gefragt. Bewegt sich der Spannungsabbau jedoch in einem stabilen und noch auf die Instrumente ableitbaren Rahmen, so sollte das Spiel grundsätzlich fortgesetzt werden. Jedoch ist die Situation genau zu beobachten und es besteht auch die Möglichkeit, musikalisch-kommunikativ einzugreifen und zu versuchen, den Energielevel des Spiels musikalisch wieder zu senken. Zusammenfassend sind die Kompetenzanforderungen an den/die BetreuerIn zur Durchführung des Rhythmusworkshops vergleichsweise hoch. Neben musikalischen und musikdidaktischen Fähigkeiten sowie intensiver professioneller Beziehungsarbeit ist parallel dazu eine genaue und einfühlsame Beobachtung und Wahrnehmung der Einzel- und Gruppendynamik aus traumapädagogischer Perspektive erforderlich. Darüber hinaus muss ein hohes Maß an Traumakompetenz vorhanden sein, um bei entsprechender Notwendigkeit umgehend professionell intervenieren zu können. Es ist diese Natur der psychosozialen Arbeit mit Traumatisierten in der stationären Kinderund Jugendhilfe, die der Fachverband Traumapädagogik als ‚Tanz auf dem Vulkan‘ bezeichnet und die namensgebend war für jene Fachtagung des Fachverbands im November 2011, auf der die allgemeingültigen traumapädagogischen Standards für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe erstmals vorgestellt wurden (vgl. Katholische Fachhochschule Mainz 2011). 60 Ein Rhythmusworkshop als nonverbale traumapädagogische Intervention

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References

Zusammenfassung

Mit Musik gemeinsam gegen das Trauma: Rhythmisches Musizieren in der Gruppe zielt als nonverbale traumapädagogische Intervention auf die Förderung und Steigerung der (Selbst-)Heilungsressourcen gewalterfahrener und traumatisierter Jugendlicher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

Auf Grundlage neuester Erkenntnisse aus Traumatologie, Neurophysiologie, Musikpsychologie und Wissenschaft Sozialer Arbeit empfiehlt der Autor den Rhythmusworkshop als gleichermaßen niedrigschwellige wie erfolgversprechende Maßnahme. Diese Art der Intervention operationalisiert die Ziele der Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe konsequent und in enger Verflechtung mit der Neurophysiologie der Traumatisierung und Musikverarbeitung. Sie tritt damit überaus komplexen und für Betroffene existentiellen Themen entgegen: der Gewalterfahrung und Traumatisierung als zentralen Belastungen im jungen Lebenslauf der AdressatInnen der stationären Kinder- und Jugendhilfe.