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1. Einleitung und Forschungsfrage in:

Christian Reichinger

Musik als nonverbale Traumapädagogik, page 1 - 4

Gemeinsames Trommeln in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4333-2, ISBN online: 978-3-8288-7323-0, https://doi.org/10.5771/9783828873230-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1. Einleitung und Forschungsfrage Das Ansinnen, die mögliche Wirkung von Musik auf Menschen mit Gewalterfahrung und/oder Traumatisierung auf wissenschaftlicher Ebene theoretisch und praktisch zu untersuchen, steht zunächst im Zusammenhang eigener biographischer Erfahrungen. In über zwei Jahrzehnten praktischen Musizierens mit Klavier, Schlagzeug und Gesang in den unterschiedlichsten Settings des semi-professionellen Bereichs (Bands, Chöre, Improvisationssessions, Workshops mit Jugendgruppen etc.) sind mir wiederholt drei Phänomene begegnet. Diese waren und sind zunächst sicherlich nur Gegenstand meiner ganz persönlichen Wahrnehmung und subjektiven Bewertung. Durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung jedoch mit der Natur von Gewalterfahrung und Traumatisierung im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit erschienen mir diese Erfahrungen in einem völlig neuen Kontext ungewöhnlich schlüssig. Zum einen ist die sehr intensive Körpererfahrung beim Trommeln oder Schlagzeugspielen zu nennen, die insbesondere bei ausgedehnten Bandproben und Konzerten spürbar war, und die sich sogar als die vordringliche Empfindung beim Trommeln erwies. Der ganze Körper macht Musik – über einen langen Zeitraum, unter Beteiligung aller Gliedmaßen und integriert in einen von allen MitmusikerInnen geteilten Rhythmus. Kein Instrument – außer, auf ihre sehr eigene Weise, die Stimme – habe ich vergleichbar körperlich erlebt wie Schlagzeug und Trommeln. Zum anderen waren die Art und Weise und v. a. Präzision des musikalisch-kommunikativen Austauschs während gemeinsamer Improvisationssessions immer wieder auffällig. Eine Kommunikation allein mittels Instrumenten und musikalischer Phrasen, ohne Sprache und häufig mit verblüffenden und nicht antizipierbaren, gemeinsam erzeugten Ergebnissen. In diesem Zusammenhang steht letztlich auch die dritte relevante Erfahrung, nämlich das sich während und nach jenen Sessions einstellende Gefühl von Verbundenheit und Gemeinschaft – völlig unabhängig davon, ob die MitmusikerInnen altbekannte (Band-)Freunde waren oder Menschen, die man vorher nicht kannte. All dies könnten positive persönliche Erfahrungen sein und bleiben, wenn nicht das Traumaverständnis insbesondere in den Werken van der Kolks (2014) und Porges’ (2010/2017) im Zusammenhang mit Sozialer Arbeit geradezu dazu auffordern würde, ebenjene Erfahrungen professionell zu reflektieren. Dieser Traumabegriff betont u. a. den Körper als ‚Ort‘ der Traumatisierung und Körpererfahrung somit als einen der wesentlichen Zugänge zur Traumaheilung. Er relativiert die diesbezügliche Wirksamkeit von Sprache und verbaler Kommunikation und schreibt dem Erzeugen und Wahrnehmen von Gemeinschaft und sozialer Eingebundenheit grundlegende Bedeutung zu. Dies korreliert mit den Wirkungsebenen eigener Musikerfahrungen und, wie zu zeigen sein wird, auch mit Aspekten der neurophysiologischen Verarbeitung sowie der sozialen Wirksamkeit von Musik. Der Fachverband Traumapädagogik (vormals: Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik) operationalisiert dabei die Erkenntnisse der Traumatologie für Soziale Arbeit in der stationären Kinderund Jugendhilfe in Form traumapädagogischer Standardsetzungen (Lang et al. 2011). Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe hat hierfür großen Bedarf. Sie ist ein Bereich, in dem außergewöhnlich viele AdressatInnen mit Gewalt- und/oder traumatisierenden Erfahrungen leben (vgl. Gahleitner 2013, 47) und der für sie von einer großen lebensweltlichen Relevanz ist. Vor diesem Hintergrund lohnt sich die 2 Einleitung und Forschungsfrage Fragestellung, wie sich Ziele nonverbaler Traumapädagogik durch Musik, speziell gemeinsames rhythmisches Musizieren, im Bereich lebensweltorientierter Sozialer Arbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe erreichen lassen bzw. wie hierfür konzeptionell vorzugehen ist. Das vorliegende Buch hat somit das grundlegende Ziel, die potentiell positive Wirksamkeit einer nonverbalen traumapädagogischen, rhythmisch-musikalischen Intervention auf (Selbst-)Heilungsressourcen von gewalterfahrenen Jugendlichen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe wissenschaftlich zu analysieren, herzuleiten und die entsprechende Intervention darauf aufbauend zu konzipieren und anhand eines Praxisprojekts zu reflektieren. Die wissenschaftliche Analyse und Evaluation der letztendlichen Wirksamkeit dieser Intervention erfordert indes eine eigenständige Untersuchung, für welche diese theoretische Herleitung gleichermaßen Grundlage wie Anknüpfungspunkt sein soll. In Kap. 2 wird zunächst eine theoretische Grundlegung aus Perspektive der Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, der (Neuro-)Physiologie des Traumas sowie jener der Musik erarbeitet. Darauf aufbauend wird in Kap. 3 ein Rhythmusworkshop in der stationären Kinder- und Jugendhilfe inhaltlich und strukturell sowie unter Berücksichtigung der sich aus Kap. 2 ergebenden Anforderungen an professionelle Soziale Arbeit konzipiert. Die Durchführung dessen wird in Kap. 4 insbesondere unter Gesichtspunkten der viermonatigen praktischen Umsetzung des Rhythmusworkshops betrachtet, die in und mit intensiver Unterstützung der (stationären) Jugendhilfeeinrichtung Campus Christophorus Jugendwerk in Oberrimsingen/Freiburg im Breisgau stattfand. Kap. 5 schließlich beinhaltet Schlussbetrachtungen, Fazit sowie die Überleitung zu einer möglichen Wirksamkeitsanalyse und -evaluation. Der Nutzen dieses Buches liegt dabei u. a. darin, dass es Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen als wissenschaftliche Herleitung, theoretisch und interdisziplinär fundiertes Konzept sowie praktischer Leit- 3 Einleitung und Forschungsfrage faden zur Implementierung und Durchführung eines traumapädagogischen Rhythmusworkshops im eigenen Einrichtungsalltag dienen kann. Aufgrund der für den praktischen Teil dieser Arbeit relevanten Adressatengruppe des Campus Christophorus Jugendwerk (i. e. männliche Jugendliche ab 12 Jahren) fokussiert das Konzept dabei schwerpunktmäßig auf Jugendliche denn auf Kinder. 4 Einleitung und Forschungsfrage

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Zusammenfassung

Mit Musik gemeinsam gegen das Trauma: Rhythmisches Musizieren in der Gruppe zielt als nonverbale traumapädagogische Intervention auf die Förderung und Steigerung der (Selbst-)Heilungsressourcen gewalterfahrener und traumatisierter Jugendlicher in der stationären Kinder- und Jugendhilfe.

Auf Grundlage neuester Erkenntnisse aus Traumatologie, Neurophysiologie, Musikpsychologie und Wissenschaft Sozialer Arbeit empfiehlt der Autor den Rhythmusworkshop als gleichermaßen niedrigschwellige wie erfolgversprechende Maßnahme. Diese Art der Intervention operationalisiert die Ziele der Traumapädagogik in der stationären Kinder- und Jugendhilfe konsequent und in enger Verflechtung mit der Neurophysiologie der Traumatisierung und Musikverarbeitung. Sie tritt damit überaus komplexen und für Betroffene existentiellen Themen entgegen: der Gewalterfahrung und Traumatisierung als zentralen Belastungen im jungen Lebenslauf der AdressatInnen der stationären Kinder- und Jugendhilfe.