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Kapitel 1: Parapsychologie im Recht – eine Bestandsaufnahme in:

Monique Meyerer

Rechtsprobleme einer Leistungserbringung auf parapsychologischer Grundlage, page 5 - 13

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4341-7, ISBN online: 978-3-8288-7322-3, https://doi.org/10.5771/9783828873223-5

Tectum, Baden-Baden
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5 Kapitel 1: Parapsychologie im Recht – eine Bestandsaufnahme 1. Definition „Parapsychologie“ für die folgende Untersuchung Bei einer Recherche unter dem Begriff „Parapsychologie“, findet man diverse Definitionen. „Parapsychologie ist die Wissenschaft von den okkulten, außerhalb der normalen Wahrnehmungsfähigkeit liegenden, übersinnlichen Erscheinungen, wie Telepathie bzw. Tele- oder Psychokinese, Materialisation, Spuk o.Ä.“2 Erfasst sind also neben den sog. mentalen (außersinnlichen Wahrnehmungen) auch die sog. physischen paranormalen Phänomene.3 Es ist die „1889 von M. Dessoir geprägte Bezeichnung für jene Disziplin, die mit empirischen Methoden der Sozial- und Naturwissenschaften okkulte oder übersinnliche Erscheinungen kritisch auf ihren Tatsachengehalt hin untersucht und – sofern möglich – in den Rahmen geltender Erklärungsmodelle (Paradigmen) von Psyche und Natur einordnet.“4 Synonym finden sich Begriffe wie Paraphysik, Grenzwissenschaft, Metapsychologie, Metapsychik oder Metaphysik.5 Grundvoraussetzung für die Entwicklung dieser Wissenschaft ist der Glaube an Kräfte und Geschehnisse paranormaler Art – der Aberglaube6. Der Aberglaube ist seit jeher bei allen Völkern verbreitet und bezeichnet den in seinen Inhalten stark wechselnden Glauben an die Wirkung magischer, naturgesetzlich unerklärter Kräfte und die damit verbundenen Praktiken.7 Die Parapsychologie findet im Aberglauben eine vorwissenschaftliche Erklärung für die von ihr untersuchten Phänomene, sie will sich seiner in positiver Kritik annehmen.8 Da der Aberglaube fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte ist, ist auch die Parapsychologie – unabhängig von ihrer Akzeptanz als Wissenschaft – ein Bereich, der aus der Gesellschaft nicht mehr wegzuden- 2 Bedeutungsübersicht „Parapsychologie“ auf Duden online: https://www.duden.de/rechtschreibung/Parapsychologie, zuletzt abgerufen am 02. Januar 2019. 3 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 18, Stichwort Parapsychologie. 4 Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 21, Stichwort Parapsychologie. 5 Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 21, Stichwort Parapsychologie. 6 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 1, Stichwort Aberglaube. 7 Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 1, Stichwort Aberglaube. 8 Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. 1, Stichwort Aberglaube. 6 ken ist. Die ersten Versuche, übernatürliche Phänomene mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen, gehen auf das Gründungsjahr der „Society for Psychical Research“ (1882) zurück.9 In einer 1938 und 1952 durchgeführten Einstellungsuntersuchung bei Psychologen erhöhte sich die Zahl der an die Realität von parapsychologischen Phänomenen glaubenden Psychologen von 8,8 % auf fast das Doppelte (16,6 %).10 Eine repräsentative forsa-Studie im Auftrag der Gothaer Versicherung aus dem Jahr 2015 ohne Beschränkung auf einen bestimmten Gesellschafts-/Personenkreis ergab, dass sich knapp ein Drittel (31 %) der Befragten als sehr (2 %) oder etwas (29 %) abergläubisch einschätzen.11 Auffällig hierbei ist jedoch, dass die Frage nach der Beachtung gängiger abergläubischer Bräuche, wie z.B. „zum Schutz dreimal auf Holz klopfen“, fast von der Hälfte (45 %) der Befragten positiv beantwortet wird.12 Dies zeigt, dass der Aberglaube und die Parapsychologie in unserer Gesellschaft nach wie vor stark verwurzelt sind. 2. Parapsychologische Dienstleistungen Die aktive Ausübung aberglaubensbedingter Handlungen vollzieht sich meist unter Beachtung bestimmter Regeln bzw. Bedingungen. Das Spektrum parapsychologischer Dienstleistungen ist denklogischerweise gleich umfassend wie der Bereich der Parapsychologie an sich und lässt sich schwer anhand eines Kataloges abschließend benennen. Gängige Beispiele parapsychologischer Betätigung sind das Wahrsagen (insbesondere in Verbindung mit der Astrologie), Karten-/Handlesen, Voodoo, Hexerei, aber auch esoterische Rituale und sog. Körper-/Geist- 9 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 18, Stichwort Parapsychologie. 10 Meyers Enzyklopädisches Lexikon, Bd. 18, Stichwort Parapsychologie. 11 Forsa (2015): Repräsentative Umfrage „Aberglaube“ (Datenbasis: 1.004 Befragte, Erhebungszeitraum: 5. Bis 7. Oktober 2015, statistische Fehlertoleranz: +/- 3 Prozentpunkte). 12 Forsa (2015): Repräsentative Umfrage „Aberglaube“. Weitere Beispiele des Instituts für Demoskopie Allensbach ergaben, dass 42 % der Deutschen daran glauben, dass das vierblättrige Kleeblatt Gutes bedeutet, 40 % denken, dass es irgendwie bedeutsam ist, am nächtlichen Himmel zufällig Sternschuppen zu sehen, 36 % halten die Begegnung mit einem Schornsteinfeger für ein Glück verheißendes Omen, 28 % wollen nicht ausschließen, dass Zahlenmagie tatsächlich bedeutsam sein könnte, 25 % sehen in schwarzen Katzen, die von links über den Weg laufen, ein ungutes Vorzeichen, Institut für Demoskopie Allensbach (2005): Allensbacher Berichte 2005 / Nr. 7, Gute und ungute Vorzeichen – Aberglaube existiert weiter. 7 und Seelenreinigung. Es ist dagegen nicht möglich alle in Betracht kommenden Praktiken und Handlungen aufzuzählen, da sie von Kulturkreis zu Kulturkreis in unterschiedlichster Ausprägung vorhanden sind.13 Um das Feld zu veranschaulichen, sind im Folgenden die bisher in der Rechtsprechung entschiedenen Fällen dargestellt: 3. Parapsychologie in der Rechtsprechung seit 1900 Die Rechtsprechung hat sich auf Grundlage des Bürgerlichen Gesetzbuches zum ersten Mal im Jahr 1900 mit der Frage auseinandergesetzt, wie parapsychologische Handlungen zu bewerten sind. Das Reichsgericht kam in einem strafrechtlichen Urteil zu dem Schluss, dass weder ein Mordversuch noch eine Anstiftung zum Mord vorliegt, wenn die angeklagte Ehefrau eine andere Person beauftragt, durch Teufelsbeschwörung und sog. Sympathiemittel den Tod ihres Ehemannes herbeizuführen.14 Das Reichsgericht stellte fest, dass die angeklagte Ehefrau von dem Gedanken beherrscht war, der Tod ihres Mannes könne auf diesem Wege herbeigeführt werden und es ihr fern lag, den beiden Mitangeklagten einen tätlichen Angriff auf das Leben ihres Ehemannes anzusinnen.15 Von der Beantwortung der Frage, ob dies überhaupt möglich ist, sah das Reichsgericht ab und stützte sich auf die Begründung, dass die Existenz der hier fraglichen Kräfte jedenfalls nicht beweisbar ist, sondern diese lediglich dem Glauben oder Aberglauben, der Vorstellung oder dem Wahne angehören: Die fraglichen Kräfte können als nicht in der wissenschaftlichen Erkenntnis und Erfahrung des Lebens begründet, vom Richter nicht als real wirksam anerkannt werden, sondern sind in rechtlicher Beziehung weder als taugliche, noch als relativ oder absolut untaugliche, d.h. überhaupt nicht als Mittel zur Herbeiführung irgendwelcher Veränderungen in der Welt des Tatsächlichen anzusehen; wie tatsächlich, so sind sie auch rechtlich indifferent, sie fallen 13 Beispielhaft: Die Befragung des Schildkröten- und Schafgarbenorakels in China (seit dem Altertum bis heute als beliebte Wahrsagekunst gesellschaftlich vollständig anerkannt); vorstaatliche (Lynch-) Justizpraktiken gegen „Hexen“ in Teilen Südamerikas, Indiens, Süd-, West- und Ostafrikas und Papuas sowie teilweise in Saudi-Arabien. 14 RG, RGSt 33, 321 (322). 15 RG, RGSt 33, 321 (322). 8 aus dem Kreise kausaler Veranstaltungen ganz hinaus.16 Diese Auffassung der Rechtsprechung des Reichgerichtes zieht sich bis heute durch die Entscheidungen der Gerichte: So beschrieb das OLG Düsseldorf 1953 die astrologische Zukunftsvorhersage als eine Leistung, die nach dem Stand der Wissenschaft sowohl in naturwissenschaftlichem als auch im Rechtssinne unmöglich sei.17 Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofes befand 1978, dass – zumindest im Bereich der Strafrechtswissenschaft – die Ergebnisse der Parapsychologie nicht als naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse anerkannt werden können und ein parapsychologisches Gutachten ein völlig ungeeignetes Beweismittel darstelle.18 Das Landgericht Kassel übertrug diesen Gedanken auf das Zivilrecht und begründete die objektive Unmöglichkeit der Leistung, Partnerschaftsprobleme auf parapsychologischer Grundlage zu lösen, damit, dass solche Kräfte nicht existierten und durch naturwissenschaftliche Forschung bislang auch nicht nachgewiesen werden konnten; die Unmöglichkeit der Leistung sei daher gemäß § 291 ZPO offenkundig und auch eine hierauf gestützte Beweisaufnahme sei überflüssig.19 Das LG Braunschweig sah die Sonderheit der Absprache zwischen den streitenden Parteien, die die Abschirmung gegen Erdstrahlen zum Gegenstand hatte, darin, dass sie nicht auf die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung ausgerichtet gewesen sei.20 Genauer sei die Auffassung des Klägers zum Abschirmen gegen Erdstrahlen naturwissenschaftlich nicht abgesichert, sie lasse sich mit den Grundlagen der exakten Naturwissenschaften – wie der Physik - nicht vereinbaren und liege außerhalb des Bereichs gesicherter physikalischer Erkenntnis. Hieraus folgert das Gericht die objektive Unmöglichkeit der Leistung. Wiederum das LG Kassel hatte sich mit einem Vertrag über magische Partnerzusammenführung zu befassen, wonach die Beklagte den Ehemann der Klägerin durch magische Kräfte nach deren Trennung zur Rückkehr veranlassen sollte.21 Auch hier entschied das LG, dass die geschuldete Leistung objektiv unmöglich sei, da solche mentalen Kräfte 16 RG, RGSt 33, 321 (322). 17 OLG Düsseldorf, NJW 1953, 1553. 18 BGH, NJW 1978, 1207. 19 LG Kassel, NJW 1985, 1642. 20 LG Braunschweig, NJW-RR 1986, 478 f. 21 LG Kassel, NJW-RR 1988, 1517 f. 9 nicht existierten und aufgrund der Offenkundigkeit dieser Tatsache gemäß § 291 ZPO deshalb auch die Einholung eines parapsychologischen Gutachtens kein geeignetes Beweismittel im Sinne der Zivilprozessordnung darstelle. Das LG Mannheim verurteilte die Angeklagte wegen versuchten Betruges und stützte sich bei seiner Argumentation darauf, dass ein Vertragsverhältnis nach § 306 BGB a.F. von vorneherein gar nicht zu Stande kommen konnte, weil die von der Angeklagten versprochene Leistung unmöglich sei.22 Es sei nämlich offenkundig, d.h. es werde von keinem verständigen Menschen bezweifelt, dass niemand den „Teufel austreiben“ kann und sich okkulte Behauptungen dieser Art außerhalb der allgemein geltenden Erfahrungssätze und wissenschaftlichen Erkenntnisse und damit auch außerhalb der auf den Naturgesetzen beruhenden Regeln menschlichen Zusammenlebens bewegen.23 Es deutete zugleich aber an, dass Kartenlesen und Handlesen gegen übliche und geringe Honorare nur jahrmarktähnliche Unterhaltung darstellten und nicht unter den Betrugstatbestand fielen. Dieser Gedanke stellte einen wichtigen Ansatzpunkt für die sich später entwickelnde oberste Rechtsprechung zur Einordnung parapsychologischer Verträge dar. 1997 entschied das AG Grevenbroich noch krasser: Die Beklagte, eine sich selbst als Medium bezeichnende „Hellseherin, die mit telefonischer und persönlicher Beratung, Partnerschaftszusammenführung und weißer Magie“ warb, bot nach Meinung der Richter im konkreten Fall sowohl eine objektiv unmögliche als auch eine sittenwidrige Leistung an. Unter Hinweis auf die Argumente des Reichsgerichts, des Landgerichts Kassel und Mannheim und des Oberlandesgerichts Düsseldorf verdeutlichte es in seiner Entscheidung, dass die Beklagte magische Kräfte nicht besitze und auch nicht besitzen könne.24 Darüber hinaus qualifizierte das Amtsgericht den Vertrag zwischen den Parteien als sittenwidrig i.S.d. § 138 Abs. 1 und 2 BGB, da die Beklagte „Lebenshilfe“ versprochen habe, ohne dafür über eine entsprechende, durch Ausbildung erworbene Fähigkeit zu verfügen. Das Landgericht Augsburg hatte im Jahr 2004 einen Fall zu entscheiden, in dem die beklagte Wahrsagerin dem Kläger versprochen hatte, wirksame Hilfe bei der magischen Partnerzusammenführung zu leisten und ihm in diesem Zusammenhang die Karten zu legen. Auch hier entschied das Gericht gegen die sogenannte Wahrsagerin, da die 22 LG Mannheim, NJW 1993, 1488 f. 23 LG Mannheim, NJW 1993, 1488 f. 24 AG Grevenbroich, NJW-RR 1999, 133. 10 von ihr angewendeten Maßnahmen nach dem maßgeblichen Stand der Wissenschaft und Technik ungeeignet seien, auch nur im Ansatz zur Lösung der Eheprobleme beizutragen, derentwegen sie in Anspruch genommen wurde.25 Auch hier stützte sich das Gericht auf die objektive Unmöglichkeit der Leistung. Unter Verweis auf die Andeutung des LG Mannheim zum Kartenlegen entschied das LG Ingolstadt dagegen 2005 zum ersten Mal im Sinne der Kartenlegerin: Hier hatte die Angeklagte unter Vorspiegelung ihrer Zahlungsfähigkeit Dienste bei der Kartenlegerin in Anspruch genommen und das Honorar in Höhe von 40 EUR nicht gezahlt. Das LG hob das erstinstanzliche Urteil des AG Pfaffenhofen/Ilm auf, welches den Betrug mangels Vermögensschadens ablehnte, da die Dienste einer Kartenlegerin nach herrschenden Vorstellungen von Vermögen keinen Wert hätten und das Versprechen und Erbringen solcher Leistungen auf einer Entsagung von Vernunft beruhe.26 Das LG entschied dagegen, dass die Voraussetzungen des Betruges erfüllt seien, da die Vereinbarung über die Erbringung der Dienste des telefonischen Kartenlegens gegen Entgelt in Höhe von 40 EUR unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt als unwirksam anzusehen sei, insbesondere, dass keine objektive Unmöglichkeit vorliege, da die Erbringung der Leistung des Kartenlegens sehr wohl möglich sei.27 Zum ersten Mal differenzierte ein Gericht hier zwischen Phänomenen wie Partnerzusammenführung auf Grund von Hexerei oder Geisterbeschwörung und Fällen, bei denen dem Leistungsempfänger aufgrund einer bestimmten Reihenfolge von Karten Deutungen über die Zukunft mitgeteilt werden.28 Es verglich diesen Fall mit dem Erstellen von Horoskopen und Handlesen gegen übliche, geringe Honorare, wobei die Kunden selbst davon ausgingen, dass sie keine echten Leistungen im Sinne einer Verifizierung des vorher Gesagten erwarteten, sondern vielmehr eine jahrmarktähnliche Unterhaltung kauften oder sich im Rahmen einer allgemeinen Lebensberatung Tipps und Anregungen holten. Ein solcher Vertrag sollte daher auch nicht gegen die guten Sitten verstoßen. Das Landgericht München I dagegen bestätigte nur wenig später das Urteil des Amtsgerichts München, wonach ein Liebeszauber einer selbsternannten Hexe, der darauf gerichtet war, den Ex-Partner zurück 25 LG Augsburg, NJW-RR 2004, 272. 26 LG Ingolstadt, NStZ-RR 2005, 313 f. 27 LG Ingolstadt, NStZ-RR 2005, 313 f. 28 LG Ingolstadt, NStZ-RR 2005, 313 f. 11 zu bringen, auf eine objektiv unmögliche Leistung gerichtet sei. Ein Liebesritual sei unter keinen Umständen geeignet, einen Menschen aus der Ferne zu beeinflussen.29 Im Jahr 2011 befasste sich dann der Bundesgerichtshof zum ersten Mal mit der Frage der rechtlichen Einordnung einer Vereinbarung über Lebensberatung in Verbindung mit Kartenlegen: Die Klägerin bot dem Kläger Lebensberatung in Verbindung mit Kartenlegen an, welche der Beklagte im Jahr 2008 auch in Anspruch nahm und hierfür insgesamt 35.000 EUR zahlte. Für im Januar 2009 erbrachte Leistungen verlangte die Klägerin weitere 6.723,50 EUR, die der Beklagte jedoch nicht mehr zahlte.30 Der BGH stufte die von der Klägerin versprochenen Leistungen als objektiv unmöglich ein, da sie nach den Naturgesetzen oder dem Stand der Erkenntnis von Wissenschaft und Technik schlechthin nicht erbracht werden könnten, denn es sei für den Bereich des Rechts allgemein anerkannt, dass die Existenz magischer oder parapsychologischer Kräfte und Fähigkeiten nicht beweisbar sei.31 Gleichzeitig grenzte der BGH den vorliegenden Sachverhalt von solchen ab, bei denen es alleine um die Erbringung allgemeiner Lebensberatung geht oder tatsächlich nicht die Existenz magischer Kräfte und Fähigkeiten, sondern nur eine jahrmarktähnliche Unterhaltung erwartet und geschuldet wird.32 Maßgeblich zur Beurteilung der objektiven Unmöglichkeit sei die Auslegung der Vereinbarung unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls, insbesondere auch die Höhe der verabredeten Vergütung und wie sich hiernach der jeweilige konkrete Inhalt der versprochenen Leistung darstelle.33 Offen ließ der BGH die Frage der Sittenwidrigkeit solcher Verträge. Gleichzeitig teilte er damit die in den Urteilen des LG Ingolstadt und des LG Mannheim angedeutete Differenzierung zwischen einer bloß auf Unterhaltung gerichteten und einer tatsächlich auf Magie gerichteten Leistung. Nur zwei Monate später hatte sich das Amtsgericht Mannheim mit einem ähnlichen Fall zu befassen, bei dem sich der Vertragspartner durch mediale Kräfte und göttliche Liebe dazu verpflichtete, beim Kunden negative Energie, Fluch, telepathische Angriffe und magische und okkulte Einflüsse zur Bewältigung einer Lebenskrise abzuwenden. Das 29 AG München, 10. Mai 2006 – Az. 212 C 25151/05 (juris Rn. 15); LG München I, 18. September 2006 – Az. 30 S 10495/06. 30 BGH, NJW 2011, 756 ff. 31 BGH, NJW 2011, 757. 32 BGH, NJW 2011, 757. 33 BGH, NJW 2011, 757. 12 Gericht entschied, dass der hierauf beruhende Vertrag sittenwidrig i.S.d. § 138 Abs. 1 BGB sei. Zwar bewege sich die Klägerin objektiv von wissenschaftlich gesicherten Erfahrungen weg und begebe sich auf die Ebene eines vernunftmäßig nicht mehr begründbaren und verifizierbaren Vertrauens in übersinnliche Erkenntnisse und Einflussmöglichkeiten, vertraue aber gleichzeitigt auch darauf, dass magische Kräfte existierten.34 Die Leichtgläubigkeit und den Aberglauben, der für die Klägerin zwar objektiv außerhalb des wissenschaftlich Beweisbaren lag, aber subjektiv wichtig und real war, tue der Beklagte einerseits als Blödsinn ab, andererseits nutze er genau diesen Aberglaube bzw. diese Leichtgläubigkeit als Geschäftsmittel bei der Klägerin aus.35 Ein solches Vorgehen verstößt nach Auffassung des Gerichtes gegen das Anstandsgefühl aller billig und gerecht Denkenden. Ebenso entschied das LG Trier ein Jahr später, dass eine „professionelle Lebensberatung“ aus übernatürlichen Erkenntnisquellen sittenwidrig i.S.d. § 138 Abs. 1 BGB sei.36 Die Klägerin verlangte von der Beklagten ca. 7.000 EUR für ihre esoterischen und astrologischen telefonischen Beratungen. Das Gericht war allerdings der Auffassung, dass die Klägerin die gutachterlich festgestellte Willensschwäche der Beklagten für sich ausgebeutet hatte und es in der Natur der von der Klägerin angebotenen und intensiv beworbenen Dienstleistungen liege, dass davon gerade solche Menschen angesprochen würden, die – wie die Beklagte – unter Persönlichkeitsstörungen litten.37 Dann aber könne sich die Dienstleisterin nicht in grob fahrlässiger Weise der Erkenntnis verschließen, dass es ihren Klienten an Urteilsvermögen und Willensstärke mangele, die sich ihr bei der Auswertung der bekannten Tatsachen aber geradezu hätte aufdrängen müssen.38 Das aktuellste Urteil in diesem Feld stammt vom Amtsgericht Bad Segeberg, welches entgegen der vorherigen Rechtsprechungstendenz 2015 entschied, dass eine esoterische Dienstleistung generell weder schlechthin unmöglich noch sittenwidrig sei.39 Sittenwidrig i.S.d. § 138 Abs. 1 BGB sei ein solcher Vertrag über esoterische Dienstleistungen nicht schon dann, wenn der Dienstverpflichtete keine hinreichende Ausbildung zur Erbringung der Dienste vorweise, sondern erst, wenn 34 AG Mannheim, 04. März 2011 – Az. 3 C 32/11 (juris Rn. 8). 35 AG Mannheim, 04. März 2011 – Az. 3 C 32/11 (juris Rn. 10). 36 LG Trier, MMR-Aktuell 2012, 339745. 37 LG Trier, MMR-Aktuell 2012, 339745. 38 LG Trier, MMR-Aktuell 2012, 339745. 39 AG Bad Segeberg, 05. März 2015 – Az. 17a C 87/14 (juris Rn. 79 ff.). 13 der Vertrag unter Ausnutzung der Leichtgläubigkeit des Dienstberechtigten im Anschluss an eine Überrumpelungssituation aufgrund eines an sich nicht zu missbilligenden Gewinnstrebens zustande komme.40 Die Klägerin konnte ihren Zahlungsanspruch im konkreten Fall nicht durchsetzen, da sie die Beklagte vor einem größeren Publikum unter Druck setzte und dies noch bei Abschluss des Dienstvertrages über die parapsychologische Leistung kurze Zeit später nachwirkte. Die Klägerin nutzte in dieser Situation die Leichtgläubigkeit der Beklagten aus, um Gewinn zu generieren. Ohne eine solche Ausnutzungssituation wäre der Vertrag für sich alleine allerdings nicht zu missbilligen gewesen. 40 AG Bad Segeberg, 05. März 2015 – Az. 17a C 87/14 (juris Rn. 94).

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Zusammenfassung

Die wachsende Popularität als parapsychologisch einzustufender Dienstleistungen stellt auch die Rechtsprechung vor neue Herausforderungen. Monique Meyerer untersucht umfassend die rechtliche Einordnung von Verträgen auf parapsychologischer Grundlage sowie deren Rechtsfolgen.

In der Rechtsprechung und Literatur hat sich hierzu noch kein einheitliches und in sich stimmiges Lösungskonzept herausgebildet. Zwar existieren mittlerweile eine höchstrichterliche Entscheidung des BGH aus dem Jahr 2011 und daneben eine Reihe instanzgerichtlicher Urteile, die zur Beurteilung solcher Verträge immer wieder auf Sittenwidrigkeit nach § 138 BGB oder Unmöglichkeit nach § 275 Abs. 1 BGB abstellen; sie folgen hierbei jedoch keinem einheitlichen Beurteilungsmaßstab.

Die Verfasserin stellt in ihrer Lösung dagegen konsequent auf den Vertragstyp und -inhalt ab und rückt die subjektiven Erwartungen der Parteien bei Vertragsabschluss in den Vordergrund. Dadurch gelingt es ihr, ein verallgemeinerungsfähiges Konzept zu entwickeln, nach dem Verträge auf parapsychologischer Grundlage gerade nicht grundsätzlich sittenwidrig oder unmöglich sind.