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Pia Lütkebomert

Herbert Marcuse in der Theoriediskussion um die sexuelle Befreiung der Frau, page I - X

Eine Spurensuche in heutigen feministisch-utopischen Theorien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4362-2, ISBN online: 978-3-8288-7319-3, https://doi.org/10.5771/9783828873193-I

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Philosophie Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Philosophie Band 36 Pia Lütkebomert Herbert Marcuse in der Theoriediskussion um die sexuelle Befreiung der Frau Eine Spurensuche in heutigen feministisch-utopischen Theorien Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Jan Slaby Tectum Verlag Pia Lütkebomert Herbert Marcuse in der Theoriediskussion um die sexuelle Befreiung der Frau. Eine Spurensuche in heutigen feministisch-utopischen Theorien Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Philosophie; Bd. 36 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 eBook 978-3-8288-7319-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4362-2 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1861-6844 Coverabbildung: © Herbert Marcuse Archiv, Frankfurt am Main Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Geleitwort In Zeiten von #MeToo wirkt das Thema „sexuelle Befreiung der Frau“ wie aus der Zeit gefallen, oder man könnte sagen, der Sinn des Slogans hat sich radikal verschoben: nicht länger Befreiung der Frau zur sexuellen Entfaltung, sondern Befreiung der Frau von ubiquitärer sexualisierter Gewalt. Doch gerade in einem veränderten gesellschaftlichen Klima kann es sinnvoll sein, eine unzeitgemäße Betrachtung anzustellen und sich jener Seite des Themas erneut zu näheren, welche die 1960er Jahre in Atem hielt. Pia Lütkebomert begibt sich auf den folgenden Seiten auf eine solche ungewöhnliche Spurensuche. Und als ob sie das Unzeitgemäße auf die Spitze zu treiben gedenkt, hat sie Herbert Marcuse als zentralen Bezugsautor gewählt. Der vorliegende Text befasst sich mit dem Einfluss der Arbeiten Marcuses auf die Frauenbewegung, wobei die Frage der „sexuellen Befreiung der Frau“ seit den 1960er Jahren im Zentrum der Betrachtung steht. Pia Lütkebomert bietet einerseits eine historisch situierende Rekonstruktion, andererseits einen aus gegenwärtiger Perspektive vorgenommenen Theorievergleich. Marcuses Denken – insbesondere seine freudo-marxistisch inspirierte Konzeption einer alternativen Gesellschaft (Great Society) – wird auf Potenziale für heutige und künftige feministische Theoriebildung befragt. Zu diesem Zweck situiert die Verfasserin ihr Material mehrfach: zeitgeschichtlich, theoriegeschichtlich sowie abgrenzend gegen einen gegenwärtigen Forschungsstand in bestimmten Feldern des Feminismus. Nach einer umsichtigen und erhellenden Rekonstruktion zentraler Gedanken Marcuses, erfolgt ein Vergleich der Position Marcuse mit zwei sehr unterschiedlichen, wie die Verfasserin es nennt, „utopischen Ansätzen der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive“: den Überlegungen des spanischen Queer-Theoretikers Paul B. (früher: Beatriz) Preciado einerseits, und denen der US-amerikanischen Vertreterin der Kritischen Theorie, Amy Allen, andererseits. V Selten wird heute überhaupt noch zu Marcuse gearbeitet, geschweige denn über seine Ausführungen zur Emanzipation der Frau. Die Fokussierung auf die sexuelle Befreiung ergibt auf dieser Grundlage allerdings guten Sinn, kann doch Marcuses kritisches utopisches Denken als eine Form des Hedonismus und insbesondere als eine Bewegung zur Befreiung beziehungsweise Freisetzung somatisch-sinnlicher Lüste gelesen werden. Aus feministischer Sicht stand und steht Marcuse dabei allerdings unter berechtigtem Verdacht, ein essentialistisch verkürztes und verklärendes Frauenbild zu zeichnen, das sich bestenfalls in Nuancen vom chauvinistischen Mainstream der 1968er- Bewegung unterscheidet. Dazu bietet Pia Lütkebomert passende kritische Überlegungen, flankiert von informativen zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Frauenbewegung im SDS. Ungewöhnlich an der vorliegenden Studie sind aber vor allem auch die zu Vergleichszwecken herangezogenen Positionen: Die Position Preciados mag unter Umständen ansatzweise zu Marcuse passen aufgrund der ungehemmten Ausformulierung „kontrasexueller“ Praktiken, ist aber im akademischen Mainstream bisher – vielleicht aufgrund ihrer expliziten Schilderungen und Kanonisierungsversuche in einem „hardcore“-Register – kaum diskutiert worden. Die unterstützend herangezogene Position Amy Allens mag im Vergleich zu Preciado zunächst wie ein akademistisches Konstrastiv wirken. Allerdings hilft der Abschnitt zu Amy Allen, Marcuse rückblickend in den verzweigten Theoriegefilden der kritischen Theorie zu verorten, zu deren heutigen Vertreter*innen Amy Allen zählt. Neben dem Aktualisierungswert bezüglich Marcuses unabgegoltenen Gedanken zur Emanzipation in einem utopischen Register besticht die vorliegende Studie damit, dass die Rekonstruktionen des Primärmaterials von dichten und ausgreifenden Bezügen auf eine Menge gut recherchierter Sekundärliteratur flankiert sind. Dass der Text trotzdem nicht trocken-akademisch, sondern schwungvoll und anschaulich wirkt, ist ein großes Verdienst der Verfasserin. Dass sich Pia Lütkebomert mit ihren eigenen Deutungen und Argumentationen daneben bisweilen zurück hält, ist verständlich – soll doch zunächst das historische Material zum Sprechen gebracht werden. Der Verfasserin gelingen dabei eine Reihe einsichtsvoller Rekonstruktionen wesentlicher Gedankengänge, eingebettet in eine umfassende Situierung des Geleitwort VI Materials – zeit- und theoriegeschichtlich einerseits, in der Marcuse- Rezeption andererseits. Besonders überzeugend wird die vielleicht zentrale kritische Überlegung Marcuses herausgearbeitet: die fundamentale Verstricktheit des lustfähigen (Frauen-)Körpers in die kapitalistische Gesellschaftsmaschinerie und deren repressive Wirkungen, die sowohl gesellschaftliche Macht- und Dominanzverhältnisse betreffen als auch die Entwicklung und Entfaltung der Sinnlichkeit. Damit erhält das Thema „sexuelle Befreiung der Frau“ einen breiten historisch-theoretischen Kontext, der insbesondere in neueren akademischen Zugriffen oft nicht in dieser Schärfe herausgestellt wird. Durch diese Textpassagen weht ein frischer Wind, der noch einmal den Spirit der früheren kritischen Theorie in ihren für einen zeitgemäßen Feminismus wichtigsten Aspekten mobilisiert. Hier merkt man Pia Lütkebomert an, dass sie sich von Marcuse auch durch den gewachsenen historischen Abstand hindurch hat inspirieren lassen – das Text wirkt entsprechend kraftvoll und bisweilen mitreißend. Vielleicht hätte daneben die Frage nach dem historischen Index von Marcuses Thesen etwas mehr Gewicht verdient. Andererseits gelingt es der Verfasserin gerade mit ihrem rückhaltlos aktivierenden Zugriff, etwas von der einst befreienden Wirkung von Marcuses Denken in unsere theoretisch erschlaffte Gegenwart hinüber zu retten. Der Text setzt damit einen erfrischen Akzent gegen einen defensiven, aus der Opferrolle und im Anklagemodus sprechenden Feminismus, und plädiert für einen Feminismus, der aufs Ganze geht. An der Gegenwartsrelevanz – und sexualrevolutionären Sprengkraft – des Textes besteht in sofern kein Zweifel. Jan Slaby (FU Berlin) Geleitwort VII Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 1 Stand der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 9 Herbert Marcuse und die sexuelle Befreiung der Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 15 Studierendenproteste um 1968 in der BRD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1 15 Kulturrevolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2 17 Ursprünge des psychoanalytisch-marxistischen Denkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3 20 Herbert Marcuses Begriff der sexuellen Befreiung der Frau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4 25 Aktuelle utopische Theorien der sexuellen Befreiung der Frau aus feministischer Perspektive in analytischer Rückbindung an Marcuse . . . . . . . 4. 45 Beatriz Preciado . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1 45 Amy Allen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2 58 Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 65 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6. 75 IX

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Zusammenfassung

Pia Lütkebomert bietet eine neue Sicht auf den weitgehend in Vergessenheit geratenen Philosophen, Politologen und Soziologen Herbert Marcuse (1898–1979). Seine Wertschätzung der Frauen stellt in den aktuell misogynen Zeiten einen Gegenpol dar, und gegenwärtige Theoriedebatten profitieren von seiner Sicht auf das gesellschaftliche Miteinander.

Die Arbeit zeichnet zuerst den Begriff der sexuellen Befreiung der Frauen nach Marcuse nach. Dies folgt der Trias bestehend aus Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft, der Phase des Übergangs und der Utopie, welche die Grundlage für die Analyse der herangezogenen zeitgenössischen Ansätze nach Preciado und Allen bildet.

Im Schlussteil gibt die Arbeit einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen zur Bedeutung von safe spaces aus heterosexueller Perspektive, dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Praktik des klitoralen Orgasmus, um gesellschaftliche Probleme zu lösen, sowie zu Polyamorie, welche die Individualität weiblicher Bedürfnisse widerspiegelt. Das übergeordnete Ziel der Arbeit ist es, die Leserschaft für feministische Utopie-Theorie zu sensibilisieren.