2. Stand der Forschung in:

Pia Lütkebomert

Herbert Marcuse in der Theoriediskussion um die sexuelle Befreiung der Frau, page 9 - 14

Eine Spurensuche in heutigen feministisch-utopischen Theorien

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4362-2, ISBN online: 978-3-8288-7319-3, https://doi.org/10.5771/9783828873193-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 36

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Stand der Forschung Im Folgenden illustriere ich mit Catharine A. MacKinnon, Nancy Fraser und Naomi Wolf drei Theoretikerinnen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema der sexuellen Befreiung der Frau befasst haben und welche aus unterschiedlichen Gründen relevant sind, aber aus verschiedenen Gründen nicht berücksichtigt werden können. Der Grundtenor MacKinnons Texte ist, dass alle Männer misogyn sind und ein erfülltes Sexualleben aus weiblicher Sicht undenkbar ist, weil dies stets im Kontext von Macht steht. Dass es jemals auf institutioneller und intimer Ebene zu Gleichheit von Männern und Frauen kommt, ist für sie „more dream than fact“ (MacKinnon 1994; zitiert nach MacKinnon 2005: 44). Für sie symbolisiert Sex all das, was Männern Freude bereitet (vgl. MacKinnon 1990; zitiert nach MacKinnon 2005: 272) und profiliert sich als alle Bereiche des sozialen Lebens durchdringende Dimension, „along which gender pervasively occurs and through which gender is socially constructed […]. Dominance eroticized defines the imperatives of its masculinity, submission eroticized defines its femininity“ (MacKinnon 1989: 318). Der höhere Status des Mannes wird für sie mithilfe von Geschlechtszuordnungen aufrecht erhalten und findet ihren Ausdruck in der „sexualization of aggression“ (MacKinnon 1990; zitiert nach MacKinnon 2005: 273). Jene Zuordnung erhält eine Normalisierung, wodurch Frauen zu Objekten männlichen Vergnügens werden: „Women can have abortions so men can have sex“ (MacKinnon 1991; zitiert nach MacKinnon 2005: 129) und dass Frauen geboren werden, um von Männern degradiert zu werden und letztlich sterben (vgl. MacKinnon 1991; zitiert nach MacKinnon 2006: 76). Die alltägliche Sexualität gestaltet sich ihrer Meinung nach so, dass aus Männlichkeit und Weiblichkeit ein mit Aggressionen angereichertes Kontinuum entsteht. Diese Aggression schlägt in Gewalt gegen Frauen um und äußert sich weltweit in Vergewaltigung, sexueller Belästigung, Kindesmiss- 2. 9 brauch, Prostitution, Schlägen, Pornographie und sexualisiertem Mord (vgl. MacKinnon 1991; zitiert nach MacKinnon 2006: 109). In der Folge können Frauen ihrer Meinung nach keine eigene Sexualität entwickeln, weil sie sich selbst immer in Abhängigkeit von Männern definieren (vgl. MacKinnon 1989: 331). Diese Abhängigkeit führt dazu, dass es diese von Männern auferlegte Objektrolle ist, die überhaupt erst weibliche Wesen als Frauen definiert (vgl. MacKinnon 1983; zitiert nach MacKinnon 1987: 50). So wird Frauen glaubhaft gemacht, dass Sex etwas ist, das Männer mit Frauen machen: „Women at most approve that initiation or don‘t. At least, that is the dominant model, and it is built into the rape law“ (MacKinnon 1980; zitiert nach MacKinnon 2017: 13). Dass Frauen zunehmend Gefallen an sexueller Ohnmacht finden, sieht sie als Konsequenz der sexuellen Befreiung, die die Zweite Frauenbewegung versuchte zu bringen. Für MacKinnon bedeutet die befreite weibliche Sexualität einen ‚Freifahrtsschein‘ für sexuelle männliche Aggression: „During this period, it appears that the actual level of sexual abuse to which women are subjected may have escalated“ (MacKinnon 1990; zitiert nach MacKinnon 2005: 274). Es gibt ihr zufolge sehr wenige Gesetze, die Frauen schützen, vielmehr ist die Unterordnung von Frauen bereits institutionalisiert und eine Gleichheit aller ist nicht existent. Andernfalls wären die Gesetze zugunsten der Frauen, jedoch ist dies in patriarchalen Strukturen nicht vorgesehen: „The lack of laws against the harms women experience in society because we are women, such as most of the harms of pornography, also violates human rights. Women are human there, too“ (MacKinnon 1990; zitiert nach MacKinnon 2006: 27). Weiterhin deutet sie diese Einschätzung so, dass Frauen aus Sicht des Patriarchats keine Macht und keine Sexualität gemäß würdigen Standards verdienen, „no is women‘s belief in our own dignity given the dignity or power of being regarded as a political ideology“ (MacKinnon 1990; zitiert nach MacKinnon 2006: 22). Als einzige Chance für Frauen erachtet MacKinnon institutionelle Unterstützung „both because of and in spite of the fact that power in women‘s hands is different from power in men‘s hands“ (MacKinnon 1993; zitiert nach MacKinnon 2005: 42). Weiterhin kann ihrer Meinung nach das Rechtssystem ein Mittel sein „of legitimizing women‘s outrage and of 2. Stand der Forschung 10 promoting resistance to our status. If we are creative, it can be part of women‘s empowerment“ (MacKinnon 1980; zitiert nach MacKinnon 2017: 22). Sie ist wichtig für den Stand der Forschung, weil sie in der Stigmatisierung der Frau als Opfer verharrt und sinnbildlich für die damit verbundene Ohnmacht steht. In Anbetracht der vorliegenden Arbeit habe ich mich gegen MacKinnon entschieden, weil sie weibliche Sexualität per se verneint und ihre einzige Hoffnung auf eine Besserung einzig auf juristisch-institutionellen Wandel setzt. Nancy Frasers Ausgangspunkt ist der von staatlicher Seite organisierte Kapitalismus „a social formation in which states played an active role in steering their national economies“ (Fraser 2013a: 212). Hier werden soziale Fragen in verteilungspolitische Belange gefasst, „while social divisions were viewed primarily throgh the prism of class“ (Fraser 2013a: 213). Entscheidend ist im hiesigen Wohlfahrtssystem, dass Frauenbelange kein Gehör finden. Stattdessen entwickelt dieses System Verfahrenswege „of interpreting women‘s needs and positioning women as subjects“ (Fraser 1987: 108). Eine weitere Verstärkung der Exklusion der Frau entstand durch die Position der Hausfrau, da sie nicht Teil des Erwerbsarbeitslebens sein kann; aus Frasers Sicht wäre dies ein wichtiger Indikator für Unabhängigkeit (vgl. Fraser 2001: 192). Selbst wenn Frauen am Erwerbsleben teilhaben, werden sie schlechter bezahlt als Männer, weil diese im produzierenden und akademischen Gewerbe tätig sind: „The result is a gendered political economy, which institutionalises gender-specific forms of distributive injustice. In contrast, the recognition dimension of sexism is rooted in the status order“ (Fraser/Hrubec 2004: 883). Des Weiteren „verschmolz die traditionelle sozio-juridische und politische Abhängigkeit der Frau mit ihrer jüngeren ökonomischen Abhängigkeit im sozialen Gefüge der Industriegesellschaft. Aus der vorindustriellen Ordnung war der Brauch übernommen worden, daß Väter den Haushalten vorstehen und daß andere Haushaltsmitglieder durch ihn vertreten werden“ (Fraser 1987: 196; zitiert nach Fraser 2001). Das Ergebnis dessen war eine androzentrische Ordnung, welche gender-spezifische Ungerechtigkeiten in Hinblick auf „misrecognition, including sexual assault, sexual harassment, and myriad forms of discrimination“ (Fraser/ Hrubec 2004: 883) hervorruft. 2. Stand der Forschung 11 In ihrem 2013 erschienenen Buch Fortunes of Feminism stellt Fraser die These auf, dass die derzeitige Krise des Neoliberalismus eine Möglichkeit darstellt, dass emanzipatorische Versprechen der Zweiten Frauenbewegung zu reaktivieren (vgl. Fraser 2013a: 225). So war es diese Generation, die den ‚Ökonomismus‘ zurückwies und auf eine Politisierung des Privaten plädierte: „Das hätte zu einer Ausweitung des Kampfes um Gerechtigkeit führen sollen, so dass dieser sowohl Kultur als auch Ökonomie umfasst hätte“ (Fraser 2013b: 30). Hieraus zieht Fraser die Lehre, sowohl patriarchale Werte zu überwinden, als auch für die ökonomische Gerechtigkeit für Frauen zu kämpfen (vgl. Fraser 2013b: 31). Frasers 2001 dargelegte (und bereits 1994 begonnene) Utopie des Postsozialismus‘ beschreibt die Verteidigung „eines umfassenden integrativen, normativen und programmatischen Denkens“, deren Aufgabe darin besteht „den allgemeinen ‚postsozialistischen‘ Verzicht auf ein solches Denken in der neueren politischen Kultur [zu] diagnostizieren und das begriffliche Fundament für eine Erneuerung [zu] legen“ (Fraser 2001: 14). Charakteristisch für den ‚Postsozialismus‘ nach Fraser ist, dass dieser „die besten Einsichten des Sozialismus in sich vereint, anstatt sie zu verwerfen“ (Fraser 2001: 15). Das entscheidend Neue hieran ist die Integration der sozialen, der kulturellen, der wirtschaftlichen und der diskursiven Dimension: „Das bedeutet zunächst, die Beschränkungen der modischen neostrukturalistischen Modell der Diskursanalyse aufzuzeigen, in denen die ‚symbolische Ordnung‘ von der politischen Ökonomie getrennt wird“ (Fraser 2001: 17). Das Gesellschaftliche stellt für Fraser „ein Terrain der Auseinandersetzung“ dar. Hier können „die Konflikte zwischen rivalisierenden Interpretationen von Bedürfnissen ausgetragen werden“ (Fraser 1994: 241); dieser Raum kann auch dazu genutzt werden, „Forderungen nach staatlicher Versorgung“ zu artikulieren: „Hier werden rivalisierende Konzeptionen umgeformt, rivalisierende Bedürfnisse werden um rivalisierende politische Initiativen herum geschlossen, und ungleich ausgestattete Gruppen konkurrieren darin, die formelle politische Agenda zu gestalten“ (Fraser 1994: 263). Für Fraser definiert sich das Gesellschaftliche über die diskursiv angelegte Aushandlung der menschlichen Bedürfnisse besonders aus dem privaten, vormals unpolitischem, Bereich (vgl. Fraser 1994: 241). 2. Stand der Forschung 12 Sie ist wichtig für den Diskurs um die sexuelle Befreiung der Frau, weil sie mit Akzentuierung auf die ökonomische Dimension eine Komponente berücksichtigt, die besonders in Zeiten von Globalisierung und Neoliberalismus relevant ist. Für die vorliegende Arbeit habe ich mich gegen Fraser entschieden, weil in ihrer Idee des Post-Sozialismus die sexuell befreiende Komponente zu kurz kommt. Als Konsequenz aus dem Wiedererstarken des traditionellen Bildes des Mannes als Ernährers und konservativer Kräfte sieht Naomi Wolf mittels des Power-Feminismus‘ vor, männliche Dominanz zu überwinden. Konkret soll dieses Verständnis Frauen dazu animieren, die erlangte Macht zu behalten (vgl. Wolf 1994: 57). Deshalb kommt es jetzt darauf an, sich mit der Macht, samt der Verlockungen, Verantwortung, dem Demokratiebewusstsein (und den damit verbundenen Freuden und Risiken), zu arrangieren (vgl. Wolf 1994: 58): „Power feminism encourages us to identify with one another primarily through the shared pleasures and strengths of femaleness, rather than primarily through our shared vulnerability. It calls for alliances based on economic self-interests and economic giving back“ (Wolf 1994: 58). Wolf zufolge ist Power-Feminismus in der Lage, „adapt much of its wartime economy, based on the struggle for equal rights, into a peacetime economy centrd on money and work“ (Wolf 1994: 58). Daneben heißt der Power-Feminismus auch Männer willkommen und schätzt deren Platz im Leben der Frauen, Heterosexuellen und Homosexuellen wert und hat keine Probleme damit, den Unterschied von „hating sexism and hating men“ zu benennen (Wolf 1994: 58). Sie ist wichtig für aktuelle Debatten um die sexuelle Befreiung der Frau, weil ihren Überlegungen ein empowerndes Moment innewohnt und somit die Perspektive für eine echte Befreiung, auch der ganzen Gesellschaft, eröffnet und somit im klaren Gegensatz zu MacKinnon steht. Zwar spricht für Wolfs Überlegungen in Anbetracht der vorliegenden Arbeit, dass sie Frauen Macht zuspricht und sie in ihrem Selbst bestärken will. Jedoch spricht gegen eine tiefergehende Analyse Wolfs, dass sie am Status quo nicht rüttelt und es sich mit der Annahme zu einfach macht, dass Männer ihren Stand in der Gesellschaft zugunsten der Frauen aufgeben bzw. zu reduzieren. 2. Stand der Forschung 13

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Pia Lütkebomert bietet eine neue Sicht auf den weitgehend in Vergessenheit geratenen Philosophen, Politologen und Soziologen Herbert Marcuse (1898–1979). Seine Wertschätzung der Frauen stellt in den aktuell misogynen Zeiten einen Gegenpol dar, und gegenwärtige Theoriedebatten profitieren von seiner Sicht auf das gesellschaftliche Miteinander.

Die Arbeit zeichnet zuerst den Begriff der sexuellen Befreiung der Frauen nach Marcuse nach. Dies folgt der Trias bestehend aus Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft, der Phase des Übergangs und der Utopie, welche die Grundlage für die Analyse der herangezogenen zeitgenössischen Ansätze nach Preciado und Allen bildet.

Im Schlussteil gibt die Arbeit einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen zur Bedeutung von safe spaces aus heterosexueller Perspektive, dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Praktik des klitoralen Orgasmus, um gesellschaftliche Probleme zu lösen, sowie zu Polyamorie, welche die Individualität weiblicher Bedürfnisse widerspiegelt. Das übergeordnete Ziel der Arbeit ist es, die Leserschaft für feministische Utopie-Theorie zu sensibilisieren.